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UNIVERSUM OF IOWA
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Medizinische Klinik
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Wochenschrift 7 /*^""
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für praktische Aerzte
herausgegeben von
E. Abderhalden W. Anschiitz Th. Axenfeld St. Bernheimer A. Bier E. Bumm O. de la Camp
Halle a. S. Kiel Freiburg i. Br. Innsbruck Berlin Berlin Freiburg i. Br.
P.Ehrlich H.Eichhorst A.EIschnig E. Enderlen O.v.Franqu^ P.Friedrich R. Gottlieb H.v.Haberer
Zürich Prag Wiirzburg Bonn Königsberg Heidelberg Innsbruck
C v.Hess K. Hirsch W. His A. Hoche R. v.Jaksch Ph.Jung W. Kolle Fr. Kraus B. Kroenig
Göttingen Berlin Freiburg i.B. Prag Güttingen Bern Berlin Freiburgi.B.
H.Küttner E. Lexer F.Marchand F. Martius M.Matthes O. Minkowski A. Neisser M. Nonne
Jena Leipzig Rostock Marburg Breslau Breslau Hamburg
;* v . Norden E. Opitz N. Ortner A. Passow E. Payr P. Römer F. Sauerbruch H. Schloffer
-fwniaurta.il. Gallon Wien Berlin I Y Cretfswald Zürich Prag
Ad,Schmidt R.ScnmiHt W.Stoeckel A.v.Strümpe* 1 M.TAf*m«ch P. Lihlenhuth M. Wilms G. Winter
^Halle a. S. Prag Ki e I Leipzig Leipzig Straßburg i. E. Heidelberg Königsberg
> Redigiert von
Professor Dr. Kurt Brandenburg
XI. Jahrgang 1915
WIEN
Verlag von Urban & Sch \v a r z e n h e r c;. M a x i m i 1 i a n s t r a ß c Nr. 4.
Drüi k von OotÜieh C.istol 4( ie., Wien, HI- MUn*go-w 6.
INHALTSVERZEICHNIS.
»SACH-REGISTER.
Die fettgedruckten Zahlen bezeichnen Originalartikel.
Abderhaldens Dialvsierverfahren, : Klinische Sta¬
dien mit — 570. Wirkung des — Krehsserama
110. Bemerkungen zur — Reaktion in der
Psychiatrie 545. Specificität bei der — Reak¬
tion 1139.
Abdomens. Wirkung der mechanischen Beein-
flussong des — auf die C'irculation 403.
Abdominalisbehandlnng mit Ichawaacher Vakzine
232.
Alidoininaltyphus, Anatomische und bakteriolo¬
gische Bemerkungen zur Vakzinetherapie des
- 1429. Aphorismatisches zum — 733. Be¬
handlung des— mit intravenösen Injektionen
von Albumosen 344. Behandlung des — mit
nicht sensibilisierter Vakzine 843. Bemerkens¬
werter Fall von — 405. Eigentümlichkeiten
des — im Kriege 1141. Ueber einige Schwie¬
rigkeiten bei der Frühdiagnose des — bei
Schutzgeimpften 954. ITeterovakzinetherapie
des —843. Erfahrungen über die Heterovnk-
zinetherapie des — 791. — bei Schutzge-
impften 954. Therapie des — mit nicht sen¬
sibilisierter Vakzine 374. Verhütung und Be¬
handlung des — 492.
\bessynierbrunnen, Verwendung des — in Polen
1410.
Abtallstoffe. Die Beseitigung und Desinfektion der
- im Felde 108.
Abkühlung von Geweben und Organen 280.
Abortfrage, Beitrag znm gegenwärtigen Stande
der — 38, 73.
Abortivbehandlung der Gonorrhöe 763, 844, 898.
- von Wund- und Gesichtsrotlauf 457. —
s. Wundstarrkrampf.
Ahscease des rechten Stirnlappcns 986.
Atatammungs- und Vererbungslehre im Lichte
der neueren Forschung 780.
Abstinenz, Sammelforschung über die Frage der
'••wellen — 1139.
t a-'tfasser. Einige Gesichtspunkte für die hygieni-
^he Beurteilung industrieller — 435. Dibdin-
*’he Schiefertafelkörper zur Reinigung von —
493.
Atawierfrage, Bedeutung der Fäulnieprobc in
der - 982.
Aimehrfermente, Fahndung auf — bei gleich¬
artiger Anwendung verschiedener Methoden
HO Die „interferometrische Methode“ zum
Nuduirn der — 110. l.ntorsuchungen über
^ le AAirkung von — mittels der van S fyke -
k 'bcn Mikromethode der AminösfßSslonbu-
Kimmung 110. Weitere experimentelle Unter-
■ gehangen. über die Speeifität der — mit Hilfe
der optischen Methode 571. Wirkung von —
Enteiweißung mittels Hitzekoagulation
J““ Mikrostickstoffbestimmung im Filtrat
A untbosis nigricans und Magenkarzinom 791.
^'ig'äare, Reaktion auf — nach Gerhardt
o2Q.
A<>tonal-\aginalkagcln bei der Behandlung chro-
msch-entzündlicher Adnexerkrankungen 1058.
«ouat-Hämorrhoidalzäpfchen s. Hämorrhoidal-
beechwerdeu.
nach Frommer 570.
AüiTllodpiie 892.
Acne teleangiectodes Kaposi 261.
Acne varioliformis 437.
Acne vulgaris. Die Röntgenstrahlenbehandlnm:
der 1112.
Adalin, Erfahrungen mit — 815. Feber längeren
Gebrauch von — 40. Ein Beitrag zur In¬
giftigkeit des 1086. Vergiftungsversuche
mit — 110.
Adams-Stokesseher Symptomenkomplex, Klinische
und anatomisch-biologische Untersuchungen
über einen Fall mit - 374.
Adaption, Einfacher Apparat zur Messung der
1411.
Addisonsche Krankheit 1433.
Adenoidoperationen, Erfolglose — 1087.
Adnexerkrankungen, Zur Frage der Aetiologie
der — 511. Konservierende und operative Be¬
handlung chronischer 575.
Adrenalin, Behandlung der hacillären Dysenterie
mit — 462. Ueber extrakardiale Kreislauftrieh-
kräfte und ihre Bedc*ot»»>:g zum — 343.
Adrenalinmvdriasis hei G-. .aieskranken lind Ge¬
sunden 1194.
Aerzte, Der Krieg und die — 106. — im Kriege
466. Zahl der — in Deutschland 1146.
Aerztekammer, Die niederüsterreichisehe — 176.
Aerztemangol in Frankreich und Rußland 632.
Aerztestand, Geschichte des — in Rußland 1218.
Aerztetarif, Erhöhung des — in Prag 932.
Aerzte-Vereinsverband, österreichischer — 58.
Aerzteverluste, Deutsche — im Kriege 1014.
Aerztlicher Beirat der Gesterreicbischen Gesell¬
schaft vom Roten Kreuz 1436.
Aether-Kochsalzinfusionen s. Tetanus.
Aethylhydrocuprein, Klinische Erfahrungen mit —
hei Scharlach und Malern 1109.
Aethylhydrocuprein (Optoehin) Morgenroth s. Pneu-
mokokkeni n fekt innen.
Affektionen, Behandlung von chronisch-rheuma¬
tischen — mit Perrheunal 1058.
Afterfissuren, Nicht-chirurgische Behandlung der
— 1086.
Agglutination s. Bacillen. — der Spirochaete
pallida 372.
Agglntinationsbatterie, Die — 343.
Agglutinationsprohe, Wert der — bei Typlms-
ge impften 1110.
Agglutinine s. Blut.
Ajtay A. v. (Budapest) 500.
Akademie, K. — der Wissenschaften 686b.
-Akfüxnegalie, Beitrag zur Klinik und Therapie
der — 1347. — und starke Behaarung 260.
Familiäre — 1266.
Aktiuotherapie, Mehrjährige Erfolge der kombi¬
nierten — bei Carei nom des Uterus und der
Mamma 490, 1222.
Aknstikus, Operiertes Fibrosarkom des linken
— mit Kleinhirnerscheinungen der rechten
Seite 984.
Albertol als Ersatz für Mastisol 652.
Albumin im Sputum als diagnostische Hüte 6.i3.
Albuminurie, Extra renale — 55. Künstliche —•
nach Anwendung der Magensonde .>5.
Albmnose s. Abdominaltyphus.
Aleukämien und Therapie leukämischer Erkran¬
kungen 246, 274,- 369.
Aleukia haemorrhagica 1083, 1192.
Alkali .Solution s. Hypertonie Salt.
Alkalien, Anwendung von — und Salzen bei ge¬
wissen klinischen Zuständen mit |<‘heinh;tf
dunklem Ursprung 1113. — s. Linse.
Alkohol, Verfahren zur mechanischen Reinigung
von benutztem — durch einen Paraffin tropfen
1329. The Reflex Effects of Aleohol on the Cir-
culation (Wirkung des — auf die Circulation)
735. — s. Tabak.
Alkoliolfreies Getränk, Bereitung eines apfelwein-
ähnlichen, kolden.säurehaltigen 981.
Alkoholinjektionen, Einige Erfahrungen mit — bei
Trigeminus- und andern Neuralgien 199.
Alkoholisuius. Zur Psychologie des - Von
V. Strassev-Eppelbaum 546. Veränderungen an
den inneren Organen, besonders an den Ver-
dauungs- and Cireulationsorganen infolge von
chronischem — und ihr Einfluß auf die
Felddienstfähigkeit 719.
Alkoholkriminalität, Die — in Bayern im Jaluv
1913 198.
Skoliolpsychosen, Therapi» der — 1113.
Allevi G. { Neapel) 500.
Allgemeininfektion, Zur Behandlung der septi¬
schen — 545.
Allium sutivum s. Dannkrankheiten, infektiöse.
Alopecia areata, Besondere Abheilnngsform der
- 312.
Aluminium s, Experimente.
Aluminiumgebiß 1414.
Aluminiumzahnersatz 1414.
Alveolarpyorrhöe des Unterkiefers. Ein Fall von
tödlich \eilaufenor — 1009.
Amboceptorablenkung. Versuche zur praktischen
Verwertung der — 1271.
Amenorrhoe, Organotherapie der — 1142.
Amnesie, Retrograde — nach Gehirn Verletzung
1361.
Amöbenruhr, Aetiologie der — 1384.
Amphotropin als Desintiziens der Harnwege 899.
Amputation s. Prothese. Indikationen der — im
Kriege 1330. Welche Gesichtspunkte sind bei
der — und Exartikulation in bezug auf die
spätere Prothese zu berücksichtigen V 793,
1412. Blutsparung bei — 1411. Zehn Regeln
für — an den unteren Gliedmaßen 1270.
Amputations-Refraktor, Verbesserter — 374.
Ampututionsst umpf. K riegsschirurgisches über
den — 1300. Die Tragfähigkeit des — 435.
Verbesserung des Grittisclien — 1245.
Amputationsstümpfe uudlmmediatprothesen 1246.
Nachbehandlung der — 546.
Amputationstechnik bei Kriegsverletzten 787,
1111 .
i Amputieren, Wie soll man — ? 601.
Amputierte, Interimprophesen für — 572.
Anämie, Apiastische Form der perniziösen —
1278a. Osteosklerose und — ,842. Sofortiger
Erfolg der Splenektomie bei perniziöser
1113.
Anämien, Ueber —. Drei Vorträge aus dem Jahre
1890. Von E. v. Neusser. 1. Chlorose und Ver¬
dauungstrakt. II. Herz und Chlorose. III. Per¬
niziöse — Wien und Leipzig 1914, 173.
1 An aeroben sepsis 1193.
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M
IV
INHALTS-VERZEICHNIS.
I
Anaerobier, Die Wirkung von Wasserstoffsuperoxyd
und von Zucker auf die — 490.
Anästhesie, Spinale — (552.
Anaphylaxie gegen Fliegenstiche, Ein eigentüm¬
licher Fall von — 197. — und intracutane
Injektion 254.
Anastomosis, Die arterio-venöse — an der Pfort¬
ader als Mittel zur Verhütung der Leberne¬
krose nach Unterbindung der Arteria hepatica
82.
Anatomische Veränderungen bei erblichen Krank¬
heiten, besonders beim Diabetes 1009.
Aneurysma 901. Ueber einen mit günstigem Er¬
folg operierten Fall von geplatztem - arterio-
venosum der Carotis communis und Vena
jugularis interna, sowie Bemerkungen zur
Technik der Operation 732. Ein bemerkens¬
wertes Reflexphänomen bei einem — der Ar¬
teria femoralis 732. — der Arteria femoralis
dextra nach Schußverletzung 1303. — der
A. glutaea sup. nach Schußverletzung 495.
— der A. subclavia nach Schußverletzung 113.
Traumatisches — arteriovenös um der rechten
Subklavia 1196. — der Art. tib. post. 172.
Symptomatologie des — der Hirnarterien 926.
— der Carotis interna 1413. Klinische Er¬
scheinungen und die Operation des -- 1033.
— des Sinus valsalvae 657. Traumatisches — '
rerum der Sehlüsselbeinschlagader 571. Spät-
verblntungstod nach früher bestandenem —
981. Chirurgie des — spurium 1273. Ein
nach Schußverletzung entstandenes — spurium
der A. vertebralis operativ behandelt 22. -
traumaticam (spurium) 1117. — traumatiens
arteriae occipitalis externae (583. — trauma-
ticum arterio-venosum 820. Traumatisches -
630. — s. Carotis communis. — s. Ohrensausen.
Aneurysmen 146. Behandlung der unechten —
1141. Chirurgische Behandlung der — 2o.>.
Operative Behandlung traumatischer — 2;>6. |
Operierte — nach Sclilußverletzung 711. Ueber
traumatische — 599. — und deren Therapie
1414. — s. Capillardrainage. Chirurgie der
Gefäße und — 686. Haematose und — 17J..
Angina pectoris 626. Erklärung des plötzlichen
Todes bei —- 1272. - und Raynaudsehe
Krankheit 870.
Anginen, ln Vergessenheit geratene interne Be¬
handlung der — 1273.
Angiom des Nasenflügels 601.
Anguillulasis intestinalis, Sporadischer Fall von
— 805.
Anilinfarbstoffe, Die Wirkung einiger — (Malachit¬
grün und Krystall violett) auf experimentell
erzeugte Septikämie bei Tieren 13S6.
Anisol, ein neues Entlausungsmittel 34(5.
Ankylose 574.
Ansteckung, Bedeutung der Vorgeschichte, des
Befundes und der Wassermannschen Beaktion
für die Erkennung der syphilitischen — in
den breiteren Volksschichten 1140. Gefährdung
von Kindern durch tuberkulöse — 1271. Straf¬
würdigkeit der — in den Vorarbeiten zur Straf-
gesetzreform 1034.
Ansteckungskrankheiten s. Ulcus molle gangraeno¬
sum.
Antiformin zur Untersuchung der Gewebe und
Organe 678.
Anthropomorphen, Psychologie der — 619.
Antikörpertiter, Einige Fälle mit relativ hohem
— 924.
Antisepsis und Asepsis im Hinblick auf die kriegs¬
chirurgische Tätigkeit 577. i
Antistreptokkensernm s. Arthritis chron.
Antithvreoidin und Hypophysin in der Kriegs-
medizin (Begriff der Dyshormonie) 108(5.
Antrum Highmori, Aus dem —■ entferntes Projek¬
til 549. Bedeutung der Funktion des - pylori
für die Magenchirurgie. Ein Beitrag zur Be¬
handlung des peptischen Geschwürs 138(5.
Aorta, Ruptur der — 410.
Aortenaneurysma, Perforation des - in die Tra¬
chea 1083.
Aortenklappen nach Schußverletzung. Insuffizienz
der - 22.
Aortotomie bei Embolie der Aorta abdominalis
1218.
Aphasie 464, 765. Spraehärztliche Behandlung der
— nach Hirnabsceß 22 .
Aphasielehre, Ueber den gegenwärtigen Stand
unserer Kenntnis der — 789.
Aphonie, Spastische —, hysterische Atmung und
Schlingbeschwerden 845.
Apolant H. (Frankfurt a. M.) f 412.
Apomorphininjektion s. Gebiß.
Apotheken, Sonntagsruhe der Wiener — 958.
Appendektomie, Technik der — 257.
Appendieitis in der allgemeinen ärztlichen Praxis
1218. und Typhus 979. Trauma und —
687.
Appendicitissymptom s. Ischias.
Appendicostornic 1218.
Aplasia renis und venae cardinales resistentes,
Ueber — 598.
Arbeitsleistung und Organentwicklung, Weitere
Beiträge zur Frage: — 1245.
Arbeitsprothesen für die obere Extremität 711.
Argobol, ein neues Silberboluspräparat 18.
Arhythmie, Seltener Fall von — 1250.
Arm, Vorschlag zur Herstellung eines künstlichen
— 1010 .
Arm- und Beinschußbrüche, Gelenkschiisse, Ge¬
lenkeiterungen 686.
Anneegcpäekmarsoli, Aerztliche Beobachtungen an
Teilnehmern eines -- 1384.
Armengesetz und Trunksuchtsbekämpfung 1246.
Armprothesen, Zur Frage der — 1010.
Armregion s. Pyramiden bahn.
Arrhenalbehandlung, Mißerfolge der — bei Bück-
fallfieber 651.
Arsenerythem 231.
Arsenikvergiftung 802.
Arsenkeratose nach Salvarsaninjektion 1084.
Arsenmelanose 1276.
Arteria fossae Svlvii, Erweichung im Irrigations-
gebiet der linksseitigen — 52.
Arteria formalis s. Aneurysma.
Arteria ternporalis anterior, Transplantation der —
574.
Arterien, Rigide —, Tropfenherz und Kriegsdienst
1365,
Arteriennaht, Zirkuläre — 80.
Arteriosklerose des kleinen Kreislaufs, Die —. Un¬
tersuchungen von M. Ljungdahl 1035. — s.
Pupillenreaktion.
Arteriotomie bei Embolie 229. — wegen eines
Embolus in der Arteria bracbialis 789.
Arthritiden, Die chronischen — 18.
Arthritis chronica, Der Gebrauch von Antistrepto-
kokkenserum bei — 315.
Arthritis, Uber ankylosierende, traumatische — 433.
Arthroplastik, Erfahrungen über — 1431.
Arthropoden, Kleiderläuse und die Uebertrugung
von Krankheiten durch - 787.
Arzneimittel, Chemische — der letzten 113 Jahre,
von P. Siedler 576. Die Nebenwirkungen der
modernen — 682. Die neueren und die
pharmakologischen Grundlagen ihrer Anwen¬
dung in der ärztlichen Praxis, von A. Sku-
tetzky und E. Starkenstein. 2. Aufl., Berlin 1914
112.
Arzneimittelnot in Rußland 98(5 b.
Arzneitaxe, Erhöhung der — 103H,
Arzneitaxen, Die neuen — 176.
| Arzt, Der deutsche — und die Heilquellen des
feindlichen Auslandes 545 . Der - beim Er¬
satzbataillon 1110. Der — untersteht nicht der
disziplinären Gewalt der IJezirkshauptmaim-^
schaff 1146.
Arztwahl, Der ärztliche Verein für freie — 20(5.
Asepsis 142. — und Amputation im Kriege 108,
Astasie-Abasie, Hysterische —- durch Hypnose be¬
seitigt 346.
Astereognosie nach Sc.hiidel Verletzung 1116.
Asthma bronchiale. Wirkung des Hypophysen¬
extrakts bei — und zur Asthmatheorie 869.
Therapeutische Erfahrungen mit Glanduitrin-
Tonogen, mit besonderer Berücksichtigung
bei — 1301.
Asthmolysin, Lokale Anwendung des — 1384.
Ataxie der Extremitäten 145. Spastische — 25.
Atherosklerose der Kombattanten 257. Jugendliche
und beginnende — 1218.
Atmung, Zur Frage der künstlichen — 226. Trau¬
matische Grundlage einer Störung der —, Pho¬
nation und des Schluckens 548. Vikariierende
stärkere — der gleichnamigen Thoraxhälfte als
Zeichen der einseitigen Zwerchfellsliihnmng
288.
Atmungscentrum, Lähmung des — im Anschluß
an eine endolumbale Neosalvarsaninjektion 313.
Atmungsorgane, Die Erkrankungen der — 13(5.
Atmungstherapie s. Thoraxverletzungen.
Atmungsversuch 1088.
Atresie der Nase s. SchrapneRverletzung.
Atrioventrikularbündel s. Blutungen. Subendo¬
kardiale Blutungen im Bereiche des — 28(5.
Atrophischer Hautbezirk 261.
Atropin und Scopolamin, über die Wirksamkeit
des — am Katzenauge 1057.
Aufforderung all die galizischen Aerzte zur Rück¬
kehr 932. — an die galizischen Amtsärzte 550.
Aufruf an die Aerzte Wiens 1172.
Augapfel, völlige Ausreißung (avnlsiv) des — mit
allen Muskeln durch Gewehrschuß 434. Ersatz
des — durch lebende Knochen 763.
Auge, Ueber die Ernährung des —. Von C. Ham¬
burger 927. Granulation oder eine Zyste um
einen Fremdkörper im — 603. Kriegssehädi-
gungen des — 1003. Kriegsverletzungen des
— 142, 285, 553, 1195. Umfrage über die sym¬
pathische Ophthalmie im Zusammenhänge mit
den Kriegsverletzungen des — 360 , 387,
423. Sehr wichtige Kriegsverletzung der —
314. Vestibuläre Zwangsstellung der — 928.
— s. Enukleation.
Augenärztliche Kriegserfahrungen 1037. Tätig¬
keit im Kriege 1409.
Augenerkrankungen im Felde 709.
Augengegend, Schußverletzungen der — 262, 285,
Augenheilkunde, Aus dem Gebiete der — (neueste
Literatur) 1007, 1408. Handbuch der gesamten
—. Von Graefe-Saemisch-Heü 873.
Augenhintergrundsveränderungen nach Schädel¬
verwundungen, Zur Kenntnis der — 1009.
Augenkammer, Neuer Weg in die vordere — bei
Operationen 577.
Augenkrankheiten. Ambulante Behandlung äuße¬
rer — 141.
Augenlidhalter aus Glas 954.
Augenliteratur, Aus der neuesten — 459.
Augenverbandkissen, Elastisches — 18-
Augenverletzungen, Augenkrankheiten und Erblin¬
dungen im Kriege 1859. Behandlungen von —
im Kriege und Erkrankungen 986a. — im
Kriege und ihre Behandlung 32. 60. Rat¬
schläge für die erste Wundbehandlung bei
im Kriege 628.
Augenzerstörung, Prothesen nach — 407.
Aurocantan, Ueber die Wirkung von — und
strahlender Energie auf den tuberkulös erkrank¬
ten Organismus 520.
Ausbildung der Einjahrig-Freiwilligen Mediziner
686 a.
Ausfallserscheinungen, Behandlung der — 1299.
Ausmahlung s. Volksernährung.
Auszeichnung 1390 b.
Avitaminose als Ursache der Nachtblindheit im
Felde 1429.
Babinskisches Phänomen, Pathognomische Bedeu¬
tung des — bei Epilepsie 1249.
Bätftliämie s, Tuberkelbacillen 1328.
Bacillen s. Agglutination. — der Typhus-, Para¬
typhus- nsw. Gruppe mittels der Agglutination,
Ueber die Differentialdiagnostik bei einigen
— 258.
Bacillenemulsion (Höchst) s. Typhusbehandlung.
Bacillengehalt, Eine einfache ziffernmäßige Be¬
stimmung des — des Sputums 1424.
Bacillenruhr, Klinik der — 1300. Vorschlag zur
Schutzimpfung gegen — 843.
Bacillenträger s. Stuhlentnahme.
Bacterium, Befunde von — dysenteriae \ im Blut
und ihre Bedeutung 762.
Badeanstalten, Transportable — 626.
Badebehandlung, Resultate der — von Kriegsver-
wundeten und -erkrankten 626.
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UNIVERSITY OF IOWA
I
I
ißereTrappenmengen 571,
fclde 3358.
Öappensanitäts-Krat’tvvagenab-
rug einer Armee 1059.
», l'eberfragnng von — durch Läuse 1141.
•gefärbter Nährboden zur scharfen Un-
ieidnn" säurebildender — von anderen,
»ndere des Colibacillns vom Tvphusba-
i 17.
_ mpfetoffherstellung 1167.
femiäbrböden in Büchsen, Konservierte —
t den Feldgebranch 343. Prüfung der —
in Konservenbüchsen nach Uhlenhuth und
Messerschmidt 598.
Bakteriologie s. Typhus.
Bakteriologisches Arbeiten in der Front 491.
Bakteriologische Beobachtungen, Einige auffällige
- 1034. — Diagnostik im Feldlaboratorium
982.
Bakteriotherapie 1330. — akuter Infektionskrank¬
heiten. Heterobakteriotherapie 172. — der
puerperalen Infektionen 1139. — der Ozaena
(152. - s. Typhns abdominalis.
Balneotherapie als lleilfaktor bei Kriegsverletzun¬
gen and -erkrankungen 739. 1217.
Rananenmelil s. Säuglingsernährung.
Bandwurmkuren 1217.
Rantische Krankheit 872.
.Bardeila“-Binde bei Granatschußwunden 1379.
Basalzellenkrebs 231.
Basedow 439. Frau mit — 2G1. Theorie des —
816. Schwerer als Schwangerschaftskom¬
plikation 7t)6.
Basedowsche Krankheit 388. Pathologisch-anato¬
mische Untersuchungen über die — Krankheit
575.
Ranch, Verletzungen des - und seiner Organe 685.
- s. Kotphlegmone.
Bauchfell, Nachbehandlung von Kriegserkran-
kangen des Magenkanals and des — 710.
Bauchhöhle, Resistenz der — gegen septische In¬
fektion 142.
Baachmnskellähtnungen bei Heine-Medinscber
Krankheit (Poliomyelitis anterior acuta) 1051.
Bauchschuß. Krankengeschichte 1032. Operative
Heilung eines — durch freie Netztransplan¬
tation 1032. Seltener Verlauf eines — 285.
Bauchschüsse 1, 169, 599, 679, 685, 980. 1141.
Behandlung der — 439. Behandlung der —
mittels komprimierenden Verbandes 546, 763.
Kasuistischer Beitrag zur operativen Behand¬
lung der — im Kriege 1085. Prognose und
Behandlung der — im Kriege 434. 463. Kurze
Bemerkung zur Statistik der — 698. Richt¬
linien für die Notwendigkeit dos Eingriffs bei
- 227. Zwei — mit extraperitonealer Darm¬
verletzung 709.
Bauclischußverletzungen im Felde, Behandlung der
1010, 1032. — Kriegschirurgiacher Brief
1140 Pathologie und operative Behandlung
der - 1141.
Baachtyphns, Bedeutung der ersten Krankheits¬
tage für den Verlauf des - 1083. Spezifische
Therapie des — 289. Yaccinetherapie des —
Hauchrerletzungen. Kasuistik der stumpfen —
1217 Nachbehandlung der - im Kriege 1034.
Recken s. Subinfektion.
ttkengegend, Extensionsverband bei Verletzungen
telorderungsart Kranker und Verwundeter mittels
Seilbahn 948.
'fruchtung. Beitrag zu den Versuchen künst-
“eher - heim Menschen 374.
aarung, Ein hall von allgemeiner — mit hetero-
toger Pubertas praecox bei dreijährigem Mäd-
dieu (Hirgutismus?) 227. Starke - und Akro-
megalie 260.
Herstellung einer einfachen —
/ehelfstnge für den Schützengraben 871.
*’?: Erfahrungen über die Benutzung des künst-
Khcn — 40o. Sitz des künstlichen — 734.
■ utzpunkt. des künstlichen — am Becken
— s. Thermanalgesie.
Uln * s. .Streckt,ehandlung.
INHALTS-VERZEICHNIS.
Beinprothesen 287.
Beischlaf, Wann ist der — befruchtend? 1216.
Benedikt, Moritz 728.
Benegran, Neue JWundbehandlung mit -- 1058.
Beniform s. Vaginalkatarrhe.
Benzin, Vollkommener Ersatz des — durch Car-
bonum tetrachloratum in der Chirurgie 166.
Benzol, Experimentelles zur Wirkung des — 461.
Benzoldampf, Akute Vergiftung durch — 254.
Benzolvergiftung. Chemische Diagnose der akuten
- 1216.
Berichtigung 1195.
Berlin, Ans 27, 58, 85, 146, 290, 348, 378. 466,
526, 606, 658, 686 b. 848, 876, 1118, 1172,
1224, 1416 b. Arbeiten aus dem Pharmazeuti¬
schen Institut der Universität —, herausge¬
geben von Prof. Dr. H. Thoms 1088. Kaiser
Wilhelm-Gesellschaft in — 206. Das neue
Langenbeck-Virchow-IIaus in — 931.
Berliner Kriegsärztliche Abende 24, 53, 465. 793,
875 , 956, 1036, 1062, 1364, 1390, 1432. - ,
Medizinische Gesellschaft 203, 232|, 262, 760,
.846, 929, 985, 1091, 1143, 1278.
Berufspflicht und militärischer Gehorsam 958.
Besredkasclie Vakzine, Tvphusheilung mit der —
289.
Bessau (Breslau) 500.
Bettlagerstellen, Herrichten von — und Heizungs-
anlage im Feldlazarett 462.
Bevölkerung, Bewegung der — in Oesterreich
von 1871—1913 1278 b.
Bewegungsapparat für aktive und passive Sprei¬
zung und Annäherung der Finger 1429. Nach¬
behandlung der Verletzungen des — 409.
Bewußtsein, Pathologie des — vom eigenen
Körper. Ein Beitrag aus der Kriegsmedizin
655. Wechselseitige Beziehungen zwischen den
Vorgängen des — und der Innervation des
Gefäßsystems 960.
Bewußtseinsproblem vom psychologischen, positi¬
vistischen , erkenntnistheoretisch - logischen,
metaphysischen und biologischen Standpunkte.
Von Bernhard Schulz 1247.
Beckentnmoren, Heilung entzündlicher — mittels
galvanischer Schwachströme 20.
Biererzeugung s. Ernährungswesen.
Bindehautdecknng im Kriege, Wert der — 1033.
Bindehaut- und Tränensackentzündung, Eitrige
— durch Mikrococcuä catarrhalis 1416 a.
Bindegewebsveränderungen, Die — in Plasma-
kulturen 169.
Bindegewebe, Ueber Stoffe, die das — zum Wachs¬
tum anregen 761.
Biologischer Unterricht an den bayerischen
Gymnasien und die neue Schulordnung 81.
„Biozyme-Bolns“. Erfolge des — in der gynäko¬
logischen Praxis 20.
Birnbacher A. (Prag) f 412.
Blase, Neues direktes optisches Meßverfahren zur
Messung von Fremdkörpern und Neubildungen
in der — 981.
Blasenektopie, Operative Behandlung und Heilung
der totalen — 312.
Blasenkrebs, Ein Wort für die ausgedehntere
Operation bei — 315.
Blasen- und Nierenkrebs 1011.
Blasenmole, Retinierte — mit subchorialen Häma¬
tomen 1115.
Blasen papillom 146.
Blasenruptur, Extraperitoneale — und deren
chirurgische Behandlung 315.
Blasenschuß, Ein bemerkenswerter Fall von —
198.
„Blasenschwäche“, Sogenannte — bei Soldaten
(nach Beobachtungen in der Festung Przemysl)
1085.
Blasenspülung, Chininlösung zur — 600.
Blasenstein durch Inkrustation einer eingewan¬
derten Seidenligatur. Bemerkungen zur Frage
„Seide oder Katgut?* 900.^
Blasensteine bei einer Frau 1359.
Blasen- und Mastdarmverletzung, Schw ere — mit
sehr günstigem Ausgange 1189.
Blasenverletzang, Bemerkenswerter Fall von —
mit gleichzeitiger Harnröhrenzerreißung durch
Granatsplitter 1033.
Blastomycosis america Gilchrist, Gelungene Ueber-
tragungsversuche der — auf Kaninchen und
Affen 437.
Blattern, Statistischer Beitrag zu den Erfolgen
der Schutzimpfung gegen - 245. Wesen und
Wert der Schutzimpfung gegen die — 374.
Blatternbehandlang, Neue Methode der — 844.
Blatternepidemie, Beobachtungen bei der 1360.
Blatternerkrankungen in Wien 526.
Blatternimpfung, Beobachtungen hei der - 1411.
Bleikranke, Behandlung — im galvanischen Zwei¬
zellenbad 788.
Bleiobstipation, Hormonalbehandlung der — 573.
Bleivergiftung, chronische, unter dem Bilde des
erworbenen hämolytischen Ikterus 791.
Blendungserscheinungen im Felde 1272.
Blepharochalasis 1302.
Blinddarmentzündung im Felde 491.
Blinddarmoperationen, 100 Fälle von — 1116.
Blinde Soldaten als Masseure 1059.
Blinden massage 1167.
Blut, Einfluß der Ernährung auf das -- 1034.
Gehalt an Aminosäure im — und der Spinal¬
flüssigkeit bei syphilitischen und nichtsyphili¬
tischen Personen 494. Gerinnungsfaktoren des
Hämophilen — 20. — s. Granulation. — s.
Harnsäure. Ueber den extrakardialen Kreislauf
des — vom Standpunkte der Physiologie, Patho¬
logie und Therapie. Von K. Hasebroek 764.
— als Nahrungsmittel 707, 959. — s. Reststiek-
stoft'. Untersuchung des — gegen Typhus ge¬
impfter Personen auf Agglntinine bei Typhus¬
verdacht 570.
Blutalkaleszenz. Klinische Methode zur Bestim¬
mung der — 219.
Blutbild, Beeinflussung des weißen — durch Jod
(Bemerkungen zur Arbeit von Hans Frey) 1386.
Blutdruck, hoher, und seine Behandlung durch
Muskelerschlaffurig 1331. — in der allgemeinen
Praxis 1113. — in der Schwangerschaft 574.
Blutdrucksteigerung als Objekt der Therapie
1035.
Blutersatz 547.
Blutgefäßdefekte, Ersatz von — durch Fettgewebe¬
läppchen 574.
Blutgefüßgesehwulst. Seltene — des „Sol um
Unguis“ 601.
Blutgefäßsystem, Frühzeitige Verhärtung des arte¬
riellen — (Atlieroskleroais praecox) 1135.
Blutinfektion, Behandlung der — 1300.
üiutknötchenkrankheit 945.
Blutkörper, Zahl und Formen der weißen — beim
Fleckfieber 1166.
ßlütkörperzählapparat, Neuer — 841.
Blutkörperchenzidihing uud Differentialkammer-
färbung 1166.
Blutkrankheiten. Funktionelle Diagnostik der — 10.
Blutkreislauf, Beziehungen zwischen endokrinen
Drüsen und — 1412. Erprobung der Wirk¬
samkeit des kollatcralen — vor Verschluß einer
der großen Arterien 172.
Blutleere, Neue Methode der künstlichen — 651.
Blutlymphocytose als Zeichen konstitutioneller
Störung bei chronischen Magenkrankheiten 574.
Blutproben bei Kaninchen, Sehr schnelle Methode
zur Entnahme von — 980.
Blutserum, Cholesteringehalt des menschlichen —
681. Vorkommen und Nachweis von Pepsin
im - 374.
Blutstillung durch thrombokinetische Muskelwir¬
kung 1102. Die — auf dem Schlachtfelde 402.
Bluttransfusion, Nene, sehr einfache Methode der
— 651. Einfache Technik der arteriovenösen
- 1300.
Blutung s. Kleinhirnhemisphäre,
Blutungen, Seruminjektionen bei septischen — 81.
Subendokardiale— im Bereiche des Atrioventri¬
kularbündels 286. Intrakranielle — des Neu¬
geborenen 1331.
Blutuntersuchnngen, Klinische — bei der gynäko¬
logischen Tiefentherapie 760-
Blut Veränderungen unter dem Einflüsse von
KTämpfen 53. — bei Tumormäusen 646.
Blutzellen, Antigene Wirkung sensibilisierter und
nichtsensihitisierter — und Tvphushaktericn
979.
Blutzucker s. Muskelarbeit.
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Original fro-m
UMIVERSITY OF IOWA
VI
INHALTS-VERZEICHNIS.
Blulzuckerbestimmungen in kleinsten Blutmengen
80. — (Ivar Bangs Mikromethode) bei Diabe¬
tikern und ihre klinische Bedeutung 109, 405. I
Bodenbakteriologie, Neuere Untersuchungen über
— und die den Luftstickstoff assimilierenden
Bakterien 894.
Boecksches Sarkoid mit Beteiligung innerer Or¬
gane 1168.
Böhmen, Wissenschaftliche Gesellschaft deutscher
Aerzte in — 24. 52.
Bogengangapparat, Anatomie des —. Lieber einen
Fall von Angiom des Nasenflügels 601.
Bolus-alba-Blut-Tierkohlen-Behandiung, Kombi¬
nierte — diarrhoischer Prozesse 405.
Bolustherapie bei infektiösen Darincrkrankungen
und Cholera asiatica im Licht experimenteller
Forschungen 375.
Bonn, Nicderrheinsche Gesellschaft für Natur-
und Heilkunde in — 233, 377, 410, 821, 1116.
1251. Kriegsärztliche Abende in — 410.
Boroformiat, Einfluß von — auf pathogene Bak¬
terien 650.
Bouillonprobefrühstück, Leber das Mintzsche -
1004.
Boykottierung der österreichischen und deutschen
Kur- und Badeorte durch die Küssen 206.
Brassd, Kriegsärztliche Abende in — 630.
Brechdurchfall, Behandlung des — und der ruhr¬
artigen Erkrankungen im Säuglingsalter 1112.
— der Säuglinge und seine Behandlung 955.
Breslau, Schlesische Gesellschaft für vaterländische
Kultur in — 4505, 1145, 1251.
Brieger 0. (Breslau) f 412.
Broadbentsches Zeichen, Falsches — 791.
Bromodermaherde 438.
Bronchialsteine, Lungengangrän bei -- 872.
Bronchien s. Trachea.
Broncholithiasis, Fall von — 763.
Brot und seine Eigenschaften 626. Farbenana¬
lyse des — 283, 767. — in Kriegszeiten 982.
Mikroskopische Untersuchung des — 1037.
Brotbeutelträger als Verbandmittel 709.
Brotersatz, Zur Frage des - 816.
Brown-Sequardsche Lähmung mit Lähmung des
Ilalssympathicus n h Schußverletzung 602.
— vorübergehende Lähmung nach Schuß Ver¬
letzung 83. Beitrag zum Symptomenkomplex
der — 48.
Bruch, eingeklemmter s. Wurmfortsatz.
Brachbehandlung, Operationslose — als mittelbare
Todesursache 613-
Bruchenden, Apparat zur Geraderiohtung stark
verschobener — 875.
Brüche, Neuer Verband bei — der unteren Extre¬
mität 896. — des Ober- und Unterschenkels
s. Streckapparat.
Brücke s. Herderkrankungen.
Brünn, Aerztlicher Verein in — 901, 984.
Brüssel, Der deutsche Chirurgenkongreß in -- 500.
Bericht über den Kriegschirurgeutag in — 524.
Brunnen im Kriege, Schnelluntersuchungen und
provisorische Verbesserungen von - 283.
Brustdrüse, Uarcinom der männlichen — 1300.
Brustdrüsenentzündung, Verhütung der -- 681.
Brustdrüsensekretion, Pathologie der — 1070.
Brustfelleiterung, Behandlung der — mit Spül¬
drainage 649.
Brustkind s. Laktasurie, chronische.
BrustkorV>, Behandlung der Verletzungen des —
und seiner Organe in den Heimatlazaretten982.
Verletzungen des — 685.
Brustkrebsoperation nach Rodmann 50.
Brust-Lungenschüsse und ihre Komplikationen 521.
P>rastmark s. Thermanalgesie.
Brustschuß, Eigenartige Krankheitsentwicklung
nach verheiltem — 1216.
Brustschüsse 94, 440, 604. Beurteilung und Be¬
handlung der — 1299.
Brustverletzungen, Uhirurgische Behandlung be¬
stimmter Formen von — im Felde 749. —
s. Hämothorax.
Brustwirbelsäule, Fremdkörper vor der — TU.
Bruyores, Kriegschirurgischer Abend der .Sanitäts¬
offiziere des VII. deutschen Res.-Korps zu —
(Frankreich) 204, 440.
Bubonen, Behandlung dev venerischen mit
Röntgenstrahlen 1216.
Budapest, Aus — 58, 263, 348, 412, 466. 550
986a. 1092, 1118, 1146, 1172, 1278b, 1390b.
1436. Königliche Gesellschaft der Aerzte in
^32, 289, 1222, 1277, 1363. Kriegschirurgi¬
scher Abend im k. k. Garnisonspitale Nr. 16
in 145, 203. Kriegschirargische Abende in
84, 317, 376, 464, 548, 712, 1013.
Bulbärparalvse, apoplektiforme 1220. Traumatisch
entstandene - im fünften Lebensjahre 258.
Bülbus, Fremdkörper im <103.
Bursa! 788.
I'alcaneus, Kompressiunsfraktur des als typische
Seekriegsverletzung 1287. Modifikation der
Klappschen Drahtschlingenextension am —
1360.
Calcariurie der Kinder 107.
Callusbildung naeh Knochenverletz angelt 254.
Uallusoperationen 1106 .
Calvc-Perthe^sche Krankheit, Fünf Fälle der -
284.
Campher. Anwendung des synthetischen
Untersuchungen über die Wirkung des künst¬
lichen 432.
Camphertherapie mit künstlichem Campher 405.
(Jampherwein in der Wundbehandlung 788.
( apillardrainage. Neue Beliandlungsmefliode von
Verletzungen größerer Gefäße und Aneurysmen
mittels und breitester Vereinigung der
Wundflächen 752.
Uapitulum ulnae s. Luxation.
Uarcinom der Bartholinschen Drüse 734. Amino-
lytisclies Ferment im Mageninhalt bei 872.
Zur familiären Häufung des 193. . Sy¬
philis und Tuberkulose 50.
Carcinoma flexurae lienalis 986.
< arcinoma vulvae, Pathologie des 1115.
Carcinomdiagnose mittels des Abderlialdenschen
IJialysjenerfalireus 20.
Can.inome of the Breast. Extension of tlie Limit
of operabiüty of rccurrent 872.
Uarcinome s. Tiefenbestrahlung. Verhütung von
Nebenbeseflidignngen bei der Behandlung tief¬
liegender und tiefgreifender mit Radium
und Mesothorium 1166.
Careinomoperation, Erweiterte vaginale 1218.
Uarnesarm, Ueber die dem Willen des Trägers
unterworfene Hand des 1432.
Carotis communis. Aneurysma arterio-venosum der
und V. jugnlaris 1*361. Naht einer Schnitt¬
wunde der 113. Unterbindung der nach
Schußverletzung 523.
Carotis interna, Aneurysma der 1413. — s.
Ohrensausen.
Carotis, §ehußverletzung der 762.
Cauda equina, Beitrag zur Lehre von den Erkran¬
kungen der — 710. Selmßverlctzung der —
256. Wirbelschuß mit Verletzung 4er 575.
„Zerrungssvmptom“ bei Erkrankungen der
- 1112 .
Caudatumoren unter dem Bilde der Neuralgin
ischiadica sive lurnbosacralis 818.
Cavetel 466. 740.
Celluloidfensterverbände, eine neue Verwendung
für Celluloidplatten 627. *
Cclluloidplatten s. Schädeldefekte.
Cenfralncrvensystem s. Wassermannsche Reaktion.
Kriegsbeschädigung des — und soziale Für¬
sorge 1059. — s. Syphilis.
Cephaloskopie, Methoden der — und Cephalo-
metrie bei Epileptikern 1273.
Ccrebellare Svmptomenkomplexe nach Kriegsver¬
letzungen 1194.
Cerebral Störungen, Ditferentialdiagnose zwischen
arteriosklerotischen und urämischen — 1112.
Cerebrospinalflüssigkeit und die Wirkung der
Lumbalpunktion beim Delirium potatorum 433.
Cheilitis glandularis apostematosa, Ein Fall von
734 ’
Chemie, Erfolge der pharmazeutischen - in neu¬
erer Zeit 573. Physikalische — der Zelle und
der Gewebe. Von R. Höher 316.
| Chineonnl als Wehonmittel Hin.
Chinin oder Optochin gegen Pneumonie 196.
Chininlösung zur Blasenspülung 600.
Chirurgengruppe, Erfahrungen einer — im öster¬
reichisch-russischen Feldzug 1914 45 435 463
492, 572.
Chirurgie. Handbuch der praktischen —, vierte
umgearbeitete Auflage von P. v. Bruns,
C. Harri*, H. Küttner 436. Der Kontrast zwi¬
schen der — im Bürgerkrieg und derjenigen
im jetzigen Kriege 763. — s. Indikationsstel¬
lung. Plastische — (korrigierender und pallia¬
tiver Ersatz) in der Behandlung maligner Neu¬
bildung 789. Praktikum der Von 0.
Nordmann 375. Verbindung von — und
Orthopädie als erste Trägerin sozialer Kriegs¬
verletzten fürsorge 816. Verwendung von Silber¬
plättchen in der — 546.
Chirurgische Erfahrungen, Einige neuere — 1299.
Interessante — Fälle 25. — Gesichtspunkte
für das Feldlazarett auf Grund bisheriger Er¬
fahrungen 939. Sterilisierung und sterile Auf¬
bewahrung — Instrumente im Kriege 214.
— Tätigkeit einer Infanterie-Divisions-Sani-
tätsanstalt 871. — Tätigkeit in der belagerten
Festung Przemvsl 1126. Ein — Kuriosum
227.
! Chlor s. Trinkwassersterilisierung,
i < hlordesinfektionsverfahren. Beschaffung von keim¬
freiem Oberflächenwasser im Felde mittels des
I - 462.
I Chlorkalk s Trinkwassersterilisation.
Chlornatriuin und Chlorcalcium als Antihvdrotika
1329.
; Chlorcalciumkompvetten 816.
j Chlorkalk-Bolus alba, Erfahrungen mit dem bil-
! ligen Wundstreupulver — 650.
; Chlorose. Zur Pathogenese und Symptomatologie
j der — 69.
| Chlortorfkissen als antiseptische Verbamlstott-
j spaicr 108.
i Choane s. Tnberkulom.
Cliolaskos nach Schuß durch die Leber 169.
Oholelithiasis, Behandlung der -- mit Aphloin
nebst einigen Bemerkungen über die Vorteile
der Leheruntcrsücliung beim stehenden Pati¬
enten 954.
Cholera 23. Behandlung der — mit Tierkolde
573. s. Dysenterie. Epidemiologie und Be¬
kämpfung der — 573. — s. Impfstoffe. Merk¬
blatt über die Schutzimpfung gegen die —
1224. Kombinierte Schutzimpfunggegen Typhus
und 1359. Zucker in fusionen bei — 1301.
Cholera asiatica 82, 83. 1318. — s. Bolustherapie.
Epidemiologie der — 761. Pathologie und The¬
rapie der 199. Therapie der — 1061.
Cholerabacillenträger und ihr epidemiologische
Bedeutung 871.
Choleradiagnose, bakteriologische 1166. Bakterio¬
logische — unter besonderer Berücksichtigung
der von Aronson und Lange neuerdings an¬
gegebenen Choleranährböden 1271. Eine neue
Methode der bakteriologischen ~ - 1032. 1083.
Neuer Nährboden für die — 1110.
Choleraelektivnährboden, Fleischnatronagar als -
709.
Cholerafrage 199. Beitrag zur - 650.
Choleraimpfphlegmonen 158.
Choleraimpfstoff, Vereinfachung und Verbilligung
der Herstellung von — 732.
Cholera- und Typhusimpfstoff. Keimgehalt von
— 897. Technik der Herstellung vo n — 1(X)9
Choleramassenuntersuchungen 1385.
Choleraschutzimpfung 314. — im Balkankrieg
(1913) 733. Wert der -- im Felde 373.
Cholecystitis typhosa. Nekrotisierende — 1358.
Cholestearin , Bedeutung des — für die Ent¬
stellung der Riesenzellengeschwülste der Sehnen
und Gelenke 226.
Cholesteatom. Einbruch eines — von oben her
ins Labyrinth. Abgrenzung durch Knochen-
ncubildunu. Kompensation. Radikaloperation
792.
Choleval, Erfahrungen mit dem Antigonorrhoicurn
— 1428. —- in fester, haltbarer Form 1140.
( 1 londrodystroph i e 1302.
Chylopncumothorax durch Schußverletzung nebst
Bemerkungen über Lnngensehüsse 1386.
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Original frn-m
UNIVERSUM OF IOWA
INHALTS-VERZEICHNIS.
ibekäropfnng mittels — 1240.
inparat, Erscheinungen am — in der
■ko.tvaleszenz 953, 989. Typhus und
S törungen. lieber die durch fl Shoek-
^fpeugten — 1009.
i (Merck», ein neues Röntgenkontrast-
7M().
9. Stützung.*»- und Extensionsapparat.
»Ampallen. Ersatz der — durch deutsche
■ l (MBKr 921.
Sstschrift znr Feier des zehnjährigen Be¬
ns der Akademie für praktische Medizin
1429.
ColHit snpporativa und Ulcus chronicum recti
1301. - ulcerosa 21 , 570.
i »den (tacendcns, Darmstenose im — 1278 a.
fi.lw?nuu. Ist — das unreife Sekret einer in-
snftkieüten Mamma ? 41.
«ombaslin ( Winter) 198.
i tunmoiio cerehelli et labyrinthii durch Fernwir-
kung 1183.
»...nception, Zeitpunkt der — und die Dauer der
Schwangerschaft 1273.
ibnceptionsbeförderung, Frage der — und der
Eheschließung bei Nerven- und Geisteskrank¬
heiten SO.
i.ondvlomata acuminata, Beitrag zu den — 1860.
i ^inlnsio ahdominis (Hufschiag), Ruptura intestini,
Peritonitis. Heilung 462.
' oolidge-Rohre der A. E. G. 760.
' "met (Berlin) t 412.
Ojrnu cataueum 437.
<orpns luteum, Pathologie des — 1115. Sym¬
ptomatologie der — -Cysten 763, 1115.
1 "rypinol. Schnupfen mittel 1056.
Cramerschienen zur Mobilisierung versteifter Ge¬
lenke 651. Verwendung der — zu Extensions-
rerbänden 651.
' ntis verticis gyrata 1334.
1 yclupie. Kasuistik der — mit Rtisselbildune
1110
* y'te der linken Großhirn hälfte, Operativer Ein¬
griff bei — 199.
1 )'ten, \ersclhedene kleine — der metacarpalen
Knochen nach einem Trauma und deren klini¬
sche Erkennung 315.
1 J^oid. Das perineale — hei Mensch und Tier 312.
Ifodpappe zur Fenstern« g von Verbänden 106(
Dammnaht 681.
Dampfdesinfektion großer Räume 1167.
Ihmpfdesinfektionsapparate und „Entlausungsan
staiten* im Felde, Improvisation 447.
\' m • ^ ef)er Kohlenstaubsblagerungen ini — 1032
'^Erkrankungen 497. Akute - im Feld um
ihre Behandlung, insbesondere mit Huprarenii
1. ~~ s - Bolastherapie. Behandlung rohr
wtpier - nut Papaverin und Jodtinktnr 336
Kahrähnliehe — 19“.
I-arminfektionen, Bakteriologische Erfahrungen be
Lntereachongen an — leidender Soldaten 637
armkatarrh, AUium sativum als Therapeuticun
hei chronischem und akut infektiösem — 926
Jr n»Tdnkheiten. Klinische und experimentelh
Untersuchungen über die Wirkung von Alliun
Mtivum und daraus dargestellten Präparater
'Mlpnent bei infektiösen — 114],
iriLhpome. Kasuistik der inneren — 1059.
1 ^Perforation, Diagnose der - mit Hilfe dei
t'Witgendu rchleuditung 1032.
^mruptor. Ein Fall von ausgedehnter — in folgt
Preßluft 344.
Trie ^ 8 ‘> 3 ^ rat ' Ve Behandlung der — im
'|arn»,teno äe { m c 0 ln„ descendens 1278 a.
rjüraktiLs. Irrigation, Transinsufflation und
»i’tta'isation des - vermittels des Duodenal-
rohn 1087.
^mverletzung. eigenartige 1329.
'Verletzungen, Ketroperitoneale — durch
■irnner>chluß. Klinik. Diagnose und Therapie
,,f • mesenterialen — im Kindesalter 642.
vu
Dauermarken. Individuelle - für die elektrische
Behandlung 953.
Daumen s. Prothesen.
Daumenersatz, Beitrag zur plastischen Operation
des — 1410.
Decubitus bei Anschluß an den Partus 1142. —
und Dauerbad 82.
Deformitäten. Prophylaxe der — 1359.
Delirium tremens. Eine morphologische und che-^
mische Studie über die doppelbrechenden Fette
in den Nebennieren bei — 315. Behandlung
des — mit Veronal 107. — s. Fette.
Dementia praecox, körperliche Frühsvmptome der
— 104, 134.
Demographie, Soziale Hygiene und — 430 , 840.
Dermatitis herpetiformis Düring 261, 1220.
Dermatologe, Kriegsaphorismen eines — 312, 402,
570, 598, 678, 731, 760, 815, 841, 951, 1008,
1165, 1192, 1215, 1244, 1271, 1298, 1328,
1383, 1409.
Dermatologie der Alten 1114. — Mittels des Ab-
derhaldenschen Dialysierverfahrens gewonnene
Ergebnisse auf dem Gebiete der — 462.
Dermatomykosen, Einige allgemein-pathologische
und therapeutische Probleme auf dem Gebiete
der — 709.
Dermatosen, radiologisch behandelt 1220.
Dermoidanlagen, echte Multipiizität der — 1012.
Dermoide, multiple — 1012. Multiple — der
Ovarien 1274.
Dermoidzyste, Vollkommen abgeschnürte — des
linken Ovariums 821.
Desinfektion, Ueber —, Narkose, Anästhesie und
Nachbehandlung bei chirurgischen Eingriffen.
Von 0. Klauber 819. — s. Gefangenenlager.
— der Eisenbahnpersonenwagen 141. — mit
nascierendem .Jod 18. — bei Kriegsscuchen 21.
— des Operationsfeldes mit Jodtinktur oder
anderen Arzneimitteln 284. — kleinerer Trink¬
wassermengen durch chemische Mittel 1259.
Desinfektionsapparat, Behelfsmäßiger — fürs
Feld 1384. Ein improvisierter - für den
Feldlazarettbetrieb 435.
Desinfektionskraft. Steigerung der — bei Ab¬
nahme der Giftigkeit in der Carbolreihe 1139.
Desinfektionsverfahren s. Formaldehyd.
Detonationslabyrinthosen 1085.
Detonationsschwerhörigkeit. Zwei Fälle von —
928.
Diabetes der Alternden 163. Diabetes, Beitrag
zur Kasnistik des renalen — 48. — und
Magenektasie 260. — nach Trauma 458. N or-
stufe des — 17. — s. Glykosurie.
Diabetes insipidus, Beziehungen des — zur Hy¬
pophyse und seine Behandlung mit Hypo-
physenextraxt 1384. Feber einen mit Hypo-
pkysin-Höchst erfolgreich behandelten Fall
von — 1083. Dystrophia adiposogenitalis und
— 1276. — mit Pituitrin behandelt 1332.
— nach Schädel Verletzung 915. — wahrschein¬
lich hypophysären Ursprungs 790.
Diabetes mellitus, Exanthem bei 437. Behandlung
des — im F'elde 491. Behandlung des - mit
Kulturen von Milchsäurebakterien 600. —
chronische myeloische Leukämie und mul¬
tiple leukämische Hautinfiltrate 287. —
im Anschluß an Yaccination 303. — «■ Ge¬
hörorgan, — und Impfung 490, 650.
Diabetiker s. Blutzuckerbestimmungen. Keramose
(Merck) für — und Kinder 254.
Diabetische Konstitution, Vererbung der — 681.
Diagnosenstellung bei Kriegsverletzungen 1429.
Dialysiermethodc, Abderhaldensche 733.
Dialvsierverfahren von E. Abderhalden 110. Mittels
des Abderhaidenschen — gewonnene Ergeb¬
nisse auf dem Gebiete der Dermatologie 462.
Bedeutung des — nach Abderhalden für die
Psychiatrie 1140.
Dialysierversuche mit der von Pregl vereinfachten
und modifizierten Methode von Abderhalden
und die klinischen Befunde 110.
Diarrhöen, Behandlung von gastrogenen — mit .Salz¬
säure-Tierkohle 1273. Behandlung der — 872.
Ueber irastrogene — bei Ruhrrekonvalcszenten
652.
Diät und Diätotherapie von C. A. Ewald 463.
Diathermie 845. Allgemeine — (Kondensatorbett)
845. Anwendung der — 564. Anwendung der
— bei der Behandlung der Kriegsverletzungen
und der Kriegskrankheiten 521. — in der
Chirurgie, bei Haut- und Geschlechtskrank¬
heiten 846. — in den Lazaretten 521. Lokale —
845. — und ihre Kombination mit Ultravio¬
lettbestrahlung und anderen Heilmitteln 228.
— s. Wundeiterungen.
Diathermieschädigungen und ihre Verwendung
durch den Pulsator unter gleichzeitiger Er¬
höhung der therapeutischen Wirkung 870.
Diazoreaktion, Urochromogenreaktion und — 1193.
Dickdarm, Bildungsfehler des — 24. — s. Lympho¬
sarkom.
Dieudonnö-Agar. Bereitung des - mit Hilfe eines
Blutalkali-Trockenpulver3 489.
Dienstfälligkeit und Rentenfrage bei nervenkranken
Soldaten 1428.
Differential kam merf ä rbun g, Blutkörperzähl un g
und — 1166.
Digifolin, Beitrag zur Therapie des — 972.
Digifolin-Ciba, Erfahrungen mit — 1058.
Digitalistherapie 316.
Delirium potatorum s. Cerebrospinalflüssigkeit.
Diogenal, Klinische Erfahrungen mit —, einem
neuen Beruhigungsmittel 952. Unsere Erfah¬
rungen mit — 679. —, neues Sedativum und
Hypnotikum 343.
Diphtherie, Behandlung der — 1059. Lokale Be¬
handlung der — mit Tribrom-j5-Naphthol
(Providoform) 1193. Scharlach und — in
ihren Beziehungen zur sozialen Lage 731.
Ueber Entgiftung von -- und Tetanotoxin
372. . . ,
Diphtheriebacillen, Nachweis von — im Origiual-
tupferausstrich 1158. Vorkommen von — in
Herpesbläschen bei Diphtherie 403. Vorkom¬
men und Verbreitung von — im menschlichen
Körper 403.
Diphtheriebacillenträger, Znr Frage der soge¬
nannten — 403.
Diphtheriediagnose. Bakteriologische — 870. Bei¬
träge zur — 570.
Diphtheriekranke. Antitoxinbestimmung bei —
vor und nach Heilseruminjektionen, mit be¬
sonderer Berücksichtigung einiger Fälle mit
relativ hohem Antikörpertiter 924.
Diphtherie- und Tetanustoxin. Entgiftung von —
372.
Diphtherietoxinhautreaktion 789.
Diphtherieuntersuchung, Ergebnisse der — mittels
des Galleseruinnährbodens (v, Drigalski und
Bierast) 1329.
„Dispargen“, ein neues Silberkolloid 761.
Distraktionsklammerverbände, Verwendung und
Nutzen der — 875.
Distorsionen 892.
Diurese, Beeinflussung der — durch Hypophysen¬
extrakte 1083.
Divertikel. Entzündung eines Meckelschen —
(offenen Dotterganges) als Unfallfolge nicht
anerkannt 621.
Divertikelbildung am Magen, insbesondere über
funktionelle Divertikel 872.
Drainage des Ellbogengelenks 462.
Drahtschienenverbände 1061.
Drahtschlingenextension, Klappsche s. ( alca-
[ neus.
„Drosithvm Bürger“ 1081.
Druckgipsabgüsse, Methode zum Abnehmen von
— und zum Bau der Prothese mit genauer
Orientierung zur Achse der unteren Extremität
UH.
Drüsen, Beziehungen zwischen endokrinen — und
Blutkreislauf 1412. Implantation generativer
— 82.
Drüsentumoren 261.
Ductus arteriosus post partum, Experimentelle
Studie über die Zirkulationsverhältnisse im
- 436.
Dumdumgeschoß 767. Angebliche Giftwirkung
eines — 562. Wirkung von — 578. — und
ihre Wirkungen 649.
Dumdumgeschoßverletzung 228.
Damdumschußverletzung 629.
Dumdum Verletzungen 115, 265, 847.
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Gck igle
Original frorn
UNIVERSUM OF IOWA
VIII
INHALTS-VERZEICHNIS.
Dnmdumwirkung englischer Infanteriegeschosse,
Röntgenologischer Nachweis der — 50.
Daodenalrohr s. Darmtractns.
Duodenalsonde zum Nachweis der Typhusbacillen
in der Galle von Typhusrekonvaleszenten 1410.
Duodenalulcus, Diagnose des — 626. Dnrchgebroche-
ner — 1248. Perforierter — und Typhus 1415.
Dünndarmkonvolut als großer, das ganze Abdomen
aus füllender Tumor mit glatter Oberfläche
1144.
Duraplastik bei Rinnenschoß am Schädel 1246.
Durchfälle, Behandlung der — im Felde 80. lieber
den Zusammenhang von gutartigen — mit dem
Genüsse schwerverdaulicher Nahrung und mit
Abkühlung des Bauches 207. — s. Uzaron.
Dymal 897. — s. Unterschenkelgeschwüre.
Dynes Siegm. (Sarajewo) f 412.
Dysenterie 901. Aetiologie und Therapie der ba-
ciHären — 546. Aufgaben des Bakteriologen
bei der bacillären — 681. Behandlung der
akuten und chronischen — mit Allphen 1011.
Behandlung der bacillären — mit Adrenalin
462. Diätetische Behandlung der — 463. Fall
von — aus unbekannter Ursache 1331. Beob¬
achtungen zur Klinik und Therapie der —,
insbesondere der postdysenterischen und post-
ulcerösen Polyneuritis 572. Gleichzeitiges Auf¬
treten von Typhus abdominalis und — 762. Kli¬
nik und Therapie der — 202, 260, 288, 407. —
als Kriegssenche 21. Serodiagnostik larvierter
Fälle von chronischer — 1058. Tetaniesym¬
ptome nach und bei — 818. Behandlung der
— und Cholera mit Natrium stilfuricum 1061.
— und Typhus 175.
Dysenteriebacillen, Vorkommen von — in einer
Pferdeschwemme 1141.
Dysenteriediagnose, bakteriologische 1217.
Dysenteriediagnostik, Fehlerquelle der bakteriolo¬
gischen — 1141.
Dysenterieepidemie, Erfahrungen aus der letzten —
227, 1141.
Dysenterieerkrankungen der Kriegsverwundeten
im Allgemeinen Krankenhaus Barmbeck 227.
Dysenterie, Immunisierungsversuche gegen — mit
Toxin-Antitoxingemischen 1D10.
Dysenterierekonvaleszenten, Behandlung der —
1035. Verhalten der Körpertemperatur bei —
435.
Dysenterische bzw. dysenterieverdächtige Fälle,
Sechs — 53.
Dysenterische Rheumatoide 286.
Dysenterieserum und dessen Anwendung zu pro¬
phylaktischen und therapeutischen Zwecken
1027.
Dysenteriestämme, Variabilität von — der gali-
zisch-russischen Epidemie (Herbst 1914) 762.
Dysmenorrhöe, Medikamentöse Behandlung der —
‘ 1086.
Dyspepsie, Therapie der — im Säuglingsalter 1086.
Dystrophia adiposogenitalis und Diabetes insipi-
dus 1276.
Eccema anale, Behandlung der Hämorrhoiden
und des — 433.
Eccema marginatum, Generalisierte Form des —
343.
Echinococcus als Geburtshindernis 1089.
Edinger Ludwig zur Vollendung seines 60. Lebens¬
jahres 654.
Ehe, Ist Tuberkulose ein Anfechtungsgrund für
die —V 1364 b.
Ehegatten, Gegenseitiges Alter der — und Kinder¬
zahl 1329.
Eheschließung s. Wassermannreaktion.
Ehrlich Paulf 986 a, 1085, 1141.
Eigenblutbehandlung, Zur Methode der — 38.
Eigenserum s. Typhus,
Eingriff, Operativer — bei Heeresangehörigen 979.
Ein offenes Wort an die Kollegen 1060.
Eisenchloridtinktur, Lokale Anwendung von —
bei dermatologischen Zuständen 764.
Eisen-Elar8intabletten, Beitrag zur Verwendung
von — 492.
Eisen-Elarson, Bewertung des — 344.
Eiterungen, Wirkung der Röntgenstrahlen auf
langdanernde — 847.
Eiweiß ans Luft. Die Bedeutung der Herstellung
der sogenannten Mineralhefe 924.
Eiweißbedarf, Deckung des — im Kriege 402.
Nochmals der — des Menschen 312, 344, 372.
Eiweißbestimmung, Diagnostische Bedeutung der
— nach Salomon 1385.
Eiweiß, Einfacher Apparat zur quantitativen Be¬
stimmung von — selbst in kleinen Mengen 897.
Schnellmethoden zur quantitativen Bestim¬
mung von — und Zucker im Harn 1245.
Eiweißkörper im Urin 1278 a.
Eiweißüberfütterung und Basenunterernährung.
Von C. Rose 736.
Ekehornsche Operation des Mastdarmvorfalls bei
Kindern 489.
Eklampsie, Aetiologie der — 760. Behandlung der
Schwangerschaftsniere und — 286, 575, 843.
Behandlung der — durch den praktischen
Arzt 1337. Therapeutische Beeinflussung der
— 1223.
Eklampsiebehandlung 982.
Ekthyma, eine Kriegsderrnatose 627.
Ekzem, Filtrierte Röntgenbehandlung des chroni¬
schen und subakuten — 544. — nach An¬
wendung von Pellidolsalbe 1085. Teerbehand¬
lung des chronischen — 521, 708. Teerbehand¬
lung chronischer nässender — 896.
Ekzem-Hausendemie nach Vaccination 112.
Elektrisation, Heißluftbehandlung, Diathermie, Bä¬
der 347.
Elektrische Behandlung 319.
Elektrizität für zahnärztliche Zwecke. Von G. Heber.
Leipzig 1914 200. Die — im Dienste des Arztes.
Mit zahlreichen Figuren im Text. Von Georg
Heber (Ingenieur). Leipzig 1914 21.
Elektrokardiogramme s. Herz.
Elektromedizin, Moderne — in der Kriegstherapie
495, 954, 981.
Elektrotherapie, Ergebnisse der — 1913/14 492.
Fortschritte der — im Jahre 1914 815. Was
— heilt 789.
Elektrotherapentische Improvisationen 1060.
Elephantiasis nach Lymphangitis postdvsenterica
199.
Elephantiasis nostras, Bemerkenswerter Fall von —
727.
Ellbogengelenk, Drainage des — 462. Kontrak¬
turen des — nach Schuß Verletzung, durch Per¬
saasion gebessert 346. Zertrümmerung des
rechten — durch ein Schrapnell 577.
„Ellbogenscheibe“, Ein Fall von —, Patella cubiti
1003.
Emanation in der Dunkelkammer sowie das Ver¬
halten gegen die Wünschelrute 1413.
Emanationen, Menschliche — und die Wünschel-
. rute 1413.
Emanationserscheinungen 230.
Emanationsphotographien 174.
Embarin, Behandlung der Syphilis mit — 457.
Embolie s. Aortotomie.
Emetinbehandlung bei Balantidiose 198.
Empyembehandlung mittels Kanüle 980.
Encephalolyse bei traumatischer Epilepsie und
Cephalalgie 1246.
Endoagar, Regenerierung des verbrauchten —
1009.
Endocarditis verrucosa, Aetiologie der — 49.
Endokarditis, Typen maligner — 764. — und
Polyneuritis bei Kriegsteilnehmern 54.
Endoskopie der Luft- und Speisewege, Direkte —.
Von W. Brünings und W. Albreeht 1219.
Energie, Leben und Tod. Von F. Tangl. Berlin
1914 82.
Energielehre der Blutgefäße von E. Hornberger 983.
Enge G. A. (Wien) f 580.
Englisch Josef (Wien) f 579.
Enteritis als Feldzugserkrankung 630. Letal ver¬
laufende paratyphöse — 1360.
Entlausung 573. — durch Heißluft 1329. — im
Felde 843. Mittel und Wege zur vollständigen
— 1410.
Entlausnngsaktionen, Schutzanzug für — 259.
Entlausungsanstalten, Anleitung zu Improvisation
und Betrieb von kleinen und mittleren —
I 776. Improvisation von Dampfinfektionsappa¬
raten und — im Felde 447. — s. Dampfdes¬
infektionsapparate.
Entlausungs- un.d Entseuchungsapparat am
Kranken- nnd Lazarettzage 680.
Entlausungsmittel, Bericht über die bactericide
Kraft des von Stabsarzt Dr. E. Eckert an¬
gegebenen — 600. Neues —, das Anisol 346.
Wirksamkeit verschiedener — 407.
Entlausungsofen, Untersuchungen an einem —
842.
Entlausungsverfahren durch Ammoniak 376.
Neues — 600, 1061. Ueber die Unzulänglich¬
keit der bisherigen — 599.
Entscheidung, interessante obergerichtliche 1336.
Enukleation und Exenteration verletzter Augen
im Felde 1246.
Enuresis und ähnliche Blasenstörungen im Felde
651.
Eosin, Physiologie nnd Toxikologie des — 994.
Eosinfärbung der Futtergerste 1403.
Epidemie, Eigenartige — 1330. Fieberhafte —
ungeklärten Ursprungs 930. Krankheitserreger
und Verlauf der — 441.
Epidemiespitäler, Drei mobile — 1224.
Epidemiologie, Kurze Uebersicht über die —,
die verschiedenen klinischen Formen (Cholera¬
diarrhöe, Choleragravis, Cholera siderans) 1273.
Epidemiologisches 236.
Epidemische Krankheiten, Kombinierte Infektionen
mit — 314.
Epididymis, Erkrankungen der — und des Hodens
735.
Epilepsie, Behandlung traumatischer — nach
Hirnschußverletzung 344. Karotiden kompres-
sion bei — nnd Hysterie 1330. Körperliche
Kennzeichen der — 629. Militärärztlicbe
Konstatierung der — 1141. — s. Babinski-
sches Phänomen. — s. Encephalolyse. Unter¬
scheidung der genuinen — 1413. — vor dem
Anfall Temperaturerhöhungen 1277. Wert der
Flechsigschen Opium-Brombehandlnng bei der
- 545.
Epileptiker bei der Musterung 762. — s. Cephalo-
skopie.
Epipharynx, Ballontamponade des — 114. Carcinom
des — bei einem 14jähr. Knaben 1332.
Epistrophens, Durch eine Kngel ein großer Teil
des — abgesprengt 548.
Epitheliombehandlung durch moderne Bestrahlung
1011.
Epitheliome, Vorstufen und Haftstätten primärer
multipler 96.
Epithelzyste in der vorderen Gehörgangswand 874.
Epitvphlitis, Leichte —- als Folge eines Streif¬
schusses 108.
Erdinfektion und Antiseptik 981.
Erfahrungen, Internistische — im ersten Kriegs¬
jahr 1416 a. — in der inneren Abteilung des
Reservelazaretts in Bonn 410.
Erfrierung 1362. Beitrag zur Pathologie der —
315. Bemerkungen über — 435. — der Füße
821. — der Füße nnd die Pathologie und
Therapie der Erfrierungsgangrän 22 . Kalksalze
gegen — 1428. — s. Kalksalze. Einiges über
— und deren Behandlung 229. Therapie aller¬
schwerster Formen der — 712.
Erfrierungen 201, 256. Behandlung der — 77,
404. Behandlung von — 820. Behandlung
schwerer — 404. Ichthyolvaselin bei — 1167.
Praktische Erfahrungen zur Verhütung und
Behandlung der — im Felde 170. Pathologie,
Prophylaxe und Behandlung der — 1384. Pro¬
phylaxe und Therapie der — 172. Spätkom¬
plikationen nach — 709. Behandlung der —
von Fingern und Zehen 404. W 7 asserdichte
Faßbekleidung und — 522.
Erfrierungefälle 201.
Erfrierungsgangrän, Pathologie und Therapie der
- 1194.
Ergotismus convulsivus nach Genuß von schlechtem
Brot 495. — und Tetanie 710.
Erkältung s. Harnentleerung.
Erkrankungen, Beziehungen zwischen körperlichen
— und Geistesstörungen 689, 722.
Erlebnisse in französischer Kriegsgefangenschaft
1063. — nnd Eindrücke eines Kriegsgefangenen
Schiffsarztes 1036.
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JNIVERSITV OF
IX
INHALTS-VERZEICHNIS.
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Erlebtes und Erstrebtes von K. H. Kisch. Stutt¬
gart 1914 £29.
Ermüd nngsherzen im Felde 293.
Krnälirun». Fleischamie —- auf dem Lande 899.
Problem ansreichender — bei geringen Geld¬
mitteln in der Jetztzeit 605. - großstädtischer
Arbeiter und der Eiweißbedarf des Menschen
312. — des Kindes während des Krieges
954. Duodenale — 1114. Einflnß der — auf
das Blut 1034. Winke für die — im Felde
-»72. Allgemeine Grundprinzipien der — im
Kriege 1060. Neuere für die Physiologie und
Pathologie der — wichtige Forschungsergeb¬
nisse und deren Bedeutung für die Praxis
573.
Ernlhrongsfragen 1142. Unsere — 1036.
Erniihrungsphvsiologie des Säuglings, Grundlagen
der — als Richtlinien für die praktische Diä¬
tetik 405.
trnährangsproblem für Kranke während der
Kriegszeit 1409.
Emährimgsu esen und Biererzeugung, Kriegsbereit¬
schaft des — 344.
Ernährungszustand. 281 erwachsene Menschen mit
.centralnormalem u — 544, 570.
Ernährung nnd Gesundheit des deutschen Volkes,
Einfluß des Kriegs auf — 1176, 1204. Natür¬
liche — nnd Gewichtsverhältnisse von 10Ö
Säuglingen der Osnabrücker Hebammenlehr-
anstalt 650. — und Stoffwechselkrankheiten.
Von F. Umber 1360. — von Verwundeten
mit ausgedehnten Kieferzertrüminerungen 628.
F.isatzgeiränke, Alkoholfreie — vom Standpunkte
der öffentlichen Gesundheitspflege 483.
Erschöpfung 525..' bei Kriegsteilnehmern 1330.
- uiid Ermüdung 462.
fcrsehöpfmigs- und Fieberzustände, Funktions-
prüfang des Kreislaufs (speziell bei —) 1358.
Erschöpfungszustände im Kriege, Polyneuritis als
Begleiterscheinung nervöser — 6u2.
Erratum 1252.
Erweichende Behandlung 1193.
Erysipel behandelt mit Diphtherieserum 926. Be¬
handlung des — mit Ichthyol 141. Beitrag
zur Therapie des — des Stammes und der
Extremitäten 926. Rezidivierendes — 1416.
Therapie des — mit Jod-Guajacolglvcerin
1032.
tmhma induratnm liazin 231, 437.
Erythema migrans 261.
Erythema multiformc 437.
Erythema nodosum in Verbindung mit Tuberku¬
lose oft.
Erythema vasculosum, bisher nicht beschriebene
Dermatose 1217.
Emhn.vyh-n, Befund von — und Erythrocyten-
t ylindern im Harne bei Keuchhusten vor Aus¬
bruch des spasmodischen Stadiums 1216.
Erythpidennia, Brocq vor — 438.
Erythrodermia exfoliativa 1220.
Ert'nromelalgie. Ein Fall von — mit spontaner
Gangrän 954.
Essigsäure s. Verätzung.
Ethik, Geschichte der medizinischen — 315.
Ethmoiditis. Behandlung der - 1113.
Eugenik 7K4.
Eventratio diaphragmatica dextra 1861.
Exanthem. akotes 901. — bei Diabetes mellitus
Exhibitionismus. Kenntnis des — 964.
Ixiistose, Eine freigewordene — im Bereiche
d« knöchernen GeUörganga mit häutigem Stiele
Uxperimente. um der Not an Kautschuk durch
Benützung von Aluminium abzuhelfen 1250.
\pkwonsgase von Geschossen, Vergiftung durch
kohlcnoxydhaltige — 462.
Exj'losivgfcschoßverietzong 630.
■xpiosivwirkutig des Mantelgeschosses 433.
tMtpiranon, Herzsystolisch-intermittierende - und
negativer Brustpuls 283.
i m Felde, Fixation und - 1085.
A “Apparat für Uberschenkelfrakturen und
i < n, 'kemnarksverlet zungen 121 1 .
< yiMonslieliandlnng mit Mastisol 546. Verein-
der - 898.
E^Mon^ipsverlKiml 570.
Extensionsschienen für Oberarmfrakturen 287.
Suspensionsbehandlrng komplizierter Verlet¬
zungen der oberen Extremität, besonders des
Humerus, mit — 1330
Extensionsverband bei Verletzungen der Becken¬
gegend 286. — mit dem Heusnersohen Wund¬
firnis 523. Ein Gestell zum — 981. — mit
elastischen Hülsen bei Frakturen des Mittel¬
fußes, der Mittelhand und der Phalangen 680.
Extensionsvorrichtung für den Oberarm 230. —
für Oberarmfrakturen 317.
Extensor digitorum communis s. Interossealmus-
kalatur.
Extraduralabszeß nach akuter Otitis. Doppelter
Durchbruch nach außen und Senkung in die
Parotisregion. Operation. Heilung 1090.
Extrauteringravidität, Eigenbluttransfasion bei
und Uterusruptur 1358.
Extremität s. »Schuß frakturen.
Extremitäten s. Schiene. Alle vier — amputiert
und trotzdem arbeitsfähig 524.
Extremitätenverletzungen mit besonderer Berück¬
sichtigung der Infektion 126, 205.
Extremitätenschußfrakturen, Lagerungs- und Ex¬
tensionsschiene für — 760.
Fadenpilzerkrankung, ln Krankenkäusern epide¬
misch auftretende — der Haut (Ekzema mar-
ginatum Hebrae) 1384.
Faeces s. Phenolphthaleinreaktion.
Fakultäten. Frequenz der österreichischen medi¬
zinischen — 442.
Familienmagenkrebs 402.
Faradopalpation; Arsofaradisation 762.
Farbenanalyse des Brotes 283.
Faacienlappen, Verhalten der auf operierte
schußverletzte Nerven überpflanzten — 492.
Fascienscheiden, Ersatz intermuskulärer — durch
drei transplantierte Fascien 982.
Fascilus centroparietalis s. Pyramidenbalm.
Fasciculus corporis callosi cruciatus 818.
Fasern, Neubildung der elastischen — in Haut¬
narben, ein Beitrag zur Altersbestimmung
von Narben 286.
Fazialislähmung 792. — s. »Syphilis.
Fazialparese, Doppelseitige — aus unbekannter
Ursache 1090.
Febris ephemera, Ueber das gehäufte Auftreten
einer ins Gebiet der sogenannten — gehörigen
Krankheit bei den Truppen des Ostheeres 733.
Federbänkchen, neue 1385.
Federstreckapparat für Hand und Finger bei
Radialislähmung 1273.
Fehlgeburt, Kasuistik der — mit besonderer Be¬
rücksichtigung langdauernder Plaeeutarreten-
tion 540.
Feindesland, Aus — 412.
Feindschaftsgefühle im Krieg 1112.
Feldaborte 314.
Feldarzt, Taschenbuch des —. 11. Teil. München
1914 200,
Feldbeleuchtung, Praktische — 651.
Feldbett 1829. Neues — für Verwundete 898.
Peldhettgestell, Neues, leicht zerlegbares — 898.
Feldbrief an .Seine Exzellenz Herrn Geheimrat
Professor Czerny 572.
Feldheer s. Zahnärztliche Hilfe.
Feldchirurgenkraftwagen, Neuer — 1306.
Felddienst, Acht Monate — 1196.
Felddienstfähigkeit. Fehldiagnose Lungentuberku¬
lose bei Beurteilung der — 884. —, Garnison¬
dienstfähigkeit und Dienstunbranehbarkeit 708.
Feldtrage 80.
Feldhygienisches 736.
Feldklosett, Transportables — 1034.
Feldlaboratorium, Bakteriologische Diagnostik im
- 982.
Feldlazarett, Aerztliche Tätigkeit und Erfahrungen
beim — 508. Erlebnisse und Erfahrungen aus
einem — 19. Erfahrungen allgemeiner Art aus
einem — des westlichen Kriegsschauplatzes
1104. Erfahrungen des 6 des VI. Armee¬
korps 461. 521. Erfnhrnngen im — 1194.
— s. Kriegsehiriirgisclic Erfahrungen. Opera¬
tive Tätigkeit im — 256. Unser — zu H. . ..
bei la B.. . . 600.
Feldlazarettätigkeit, Chirurgische Hanptgesichte*
punkte aus unserer bisherigen — 871.
Feld-Nothilfs-Merkblatt für Heer und Marine. Von
Otto Marcus 1302.
Feldoperationstisch, Unser — 285. Verbesserter
— nach Axhausen 843.
Feldpostbrief, Aus einem deutschen — 930. —
aus Polen 56.
E’eldprosektur. Mit einem Nachwort von A. Weichsel¬
baum 546.
Feldröntgenwagen 441.
Fermentreaktiou, Weitere Erfahrungen mit der
Abderlialdcnschen — 432.
Fersenbein, Verwendung des — und der Knie¬
scheibe zur sekundären Stumpfdeckung nach
Amputationen wegen Eiterung 817.
Festschrift, dem Eppendorfer Krankenhause zur
Feier seines 25jährigen Bestehens gewidmet
von den Oberärzten und leitenden Aerzten der
Anstalt 316.
Fette, Morphologische und chemische Studie über
die doppelbrechenden — in den Nebennieren
bei Delirium tremens 315.
E’ettembolie, Bedeutung der - für den Kriegs¬
chirurgen 996.
Fettgehalt s. Milz.
Fettgewebsläppchen, Ersatz von Blutgefäßdefekten
durch — 574.
Fettleibige, Diätetische Süßspeisenküche für — 734.
Fettleibigkeit, und ihre Behandlung 257.
Fettstoffwechsel der Zelle, geprüft an den Kett-
Partialantigenen des Tuberkelbacillus 979.
Fettsucht, Behandlung der- 1113. Bemerkungen
zur Frage der „konstitutionellen“ — 196.
E'etttrarsplantation s. Gesichtsplastik.
„Fibrillentheorie“ und andere Fragen der Toxiu-
und Antitoxinwanderung beim Tetanus 715.
744.
Fibro-adenoma fornicale 1144.
Fibrom, nußgroßes 845. Stieltorquiertcs -- des
Ligamentum latnm 1144. Papilläres des
Septum urethro-vaginale 1144.
Fibrome mit beginnender sarkornatöser Degene¬
ration 438.
Fibrosarkom des Rückenmarkes, Extradurales —
operativ entfernt 113. Operiertes — des linken
Acusticus mit Kleinhirnerscheinungen der
rechten Seite 984.
Fieber, Kryptogene — 870.
Fieberfall s. Gehirn.
Fieberkurven Typhuskranker 411.
Eieberreaktionen, hervorgerufen durch filtrierbares
Virus 256.
Eiebertherapie der Gonorrhoe 1272.
Fieberzustände, Kochsalz bei länger dauernden —
491.
Filariablutbefunde, Bisher unbekannte — bei ge¬
fangenen Russen 1029. Bemerkung zu dem
Artikel von Dr. M. Bockhon) . bei gefangenen
Russen“ 1212.
Finger s. Bewegungsapparat.
Finger- und Handinfektion bei Aerzten. Eine
dringende Warnung 1246.
Fingerpendel 762.
Fingerschüsse 1417.
Fingerstreckverband, Vereinfachter — 285.
Fische, Krankheitserscheinungen bei den — im
allgemeinen 1271.
Fistel, Plastik zum Verschluß einer retroauriku¬
lären — nach Radikaloperationen 683. — s.
Schneidezahn.
Fixation und Extension im Felde 1085.
Flechtwerkschienen für Stützverbände 926.
Fleckfieber 351, 601, 1117, 1239, 1261, 1285. -
s. Blutkörper. Aetiologie des — 923. Behand¬
lung des — 523. Behandlung des — mit Hexa¬
methylentetramin 404. Neuere Behandlungs¬
methoden des — 1351. Bekämpfung des —
365. Diagnose und Krankheitsbild des — auf
Grund eigener Erfahrungen 795. Diagnose und
Prophylaxe des — 228. Differentialdiagnose
des — 691. — und Rückfallfieber als Kriegs¬
seuchen 172. Künstliche Stauung als diagnosti¬
sches und differentialdiagnosrisches Hilfsmittel
beim 1059. Pathologisch-anatomischer Be-
b
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Original frorn
UNIVERSUM OF IOWA
X
INHALTS -VERZEICHN 18.
fand bei — 525. Serumreaktionen bei — 1310.
Ueber anatomische Befunde bei — 798. Ueber
den mutmaßlichen Erreger des — 1058. Um¬
frage über Uebertragung und Verhütung des
- 531, 586.
Fleckfieberdiagnose 732.
Fleckfieberepidemie, Beobachtungen bei einer —
1328. — im Görlitzer Kriegsgefangenenlazarett
1152.
Fleckfieberexanthem, Histologie des — nebst Mit¬
teilung eines ungewöhnlichen Falles von post¬
exanthematischen Hautveränderungen 1303,
1385.
Fleckfieberübertragungen, Vorbeugung von — auf
Aerzte und Pfleger 572.
Fleckfieberverdacht 1433.
Flecktyphus 317, 465, 631, 1167. Aetiologie des
— 843. — als Kriegsseuche 923, 952. — auf
dem galizi8chen Kriegsschauplätze 1217. Be¬
deutung der Widalschen Reaktion für die
Diagnose des — 314. Behandlung des — 643.
Behandlung und Ansteckungsverhütung des —
870. Behandlung des — mit normalem Pferde¬
serum 843. Beitrag zur Therapie des — 763.
Differentialdiagnostik und Prophylaxe des —
787. Epidemiologie des — 760. Epidemiologie
und Klinik des — 491. Die Erkennung und
Verhütung des — und Rückfalltiebers. Von
L. Brauer 873. — s. a. Genickstarre 187. Ge¬
schichte des — (Flecktyphus und Pediculosis)
491. Zur Kenntnis der Klinik des — nach
Beobachtungen an der Przemysler Epidemie im
Frühjahr 1915 1010. Prophylaxe des — 80.
Nachtrag zum Artikel der persönlichen Pro¬
phylaxe gegen den — 652. Schutvorrichtung
gegen —- 710. Verhalten des — bei direkter
Sonnenbestrahlung 843. Verhütung der In¬
fektion mit — 573. — s. Verkürzung der
Knochenleitung. Vorkommen von Influenza
bei — 404.
Flecktyphusepidemie im k. u. k. Kriegsgefangenen¬
lager in Marchtrenk (Oberösterreich) im .Jahro
1915 1061.
Flecktyphusepidemien in Truppen- und Gefan¬
genenlagern, Auftreten von — 1166.
Flecktyphusübertragung, Schutzkleidung gegen —
450.
Fleischlose Tage. Ein Mahnwort und ein Vor¬
schlag 130.
Fleischküche, Vegetarische Küche und — 316.
Fleischvergiftungsendemie an der Klinik 1278.
Flexur, Volvulus der — 1415.
Fliegengefahr, Beitrag zur Bekämpfung der —
1193-
Fliegenplage 891. Bekämpfung der — 762. — in
den Lazaretten 651.
Fliegerpfeilverletzung, Ueber eine — 228, 374.
Fliegerpfeilverletzungen, Ein Beitrag zu den —
im Kriege 284.
Fliegerbeschießung, Seltene Verwundung bei —
49.
Flimmerskotom 1219.
Flüssigkeiten s. Magen.
Foligan, ein neuartiges Sedativum 952.
Foligan-„Hennig“ 627, 1247, 1412.
Follikulitis nur am behaarten Kopfe 261.
Fonabisit, ein neues Gichtmittel 1424. — nebst
Bemerkungen über die Wirkung von Sugge-
Btivmitteln 107.
Foramina trigemini, Osteoplastischer Verschluß
der — 50.
Forensisch-psychiatrische Beobachtungen an Ange¬
hörigen des Feldheeres 760.
Formaldehyd, Bestimmung des — in Gegenwart
von Aceton beim Cliristianschen Desinfektions-
verfahren 1218. — s. Immunisierung.
Formaminttablette, Prüfung ihrer Wirkung 1087.
Forssner, Prof. Gunnar, Nachruf für den im ju¬
gendlichen Alter von 36 Jahren verstorbenen
— 790.
Frankensteinsches Quecksilber-Inhalierverfahren,
Erfahrungen mit dem — 650.
Fraktur des 2. Halswirbels mit Rückenmarkskom¬
pression 174. Beitrag zur Verwendung der
Fascia lata bei Eingriffen wegen — der Pa¬
tella 763.
FrakturbildeT, Diagnostische und therapeutische
Bedeutung der feineren Details der — 1329.
Frakturen und Luxationen, Atlas und Grundriß
der traumatischen —. Von H. Helferich 736.
Frakturen, Behandlung der — im Kriege 18. Be¬
handlung schwerer — und Gelenkverletzungen
im Feldlazarett 1167. Behandlung von infizier¬
ten — des Schenkelhalses 1303. Apparat zur
leichten und sicheren Reposition und Fixation
schwerer — der Extremitäten 404. Die drei
Kardinalzeichen der — in und nahe von Ge¬
lenken 315. — s. Gipsverbandtechnik. — Neue
Ideen und Instrumente 1302. Pseudarthrosen
und die Nachbehandlung von —• 319. Ueber
Pseudarthrosen und Nachbehandlung der —
601. — und Glykosurie 1386. Verwendung und
Nutzen der Distraktionsklammerbehandlung
der — 1412. I
Frakturenhehel 843.
Frankfurt a. M., Aerztlieher Verein in — 25, 631,
739, 930, 1304.
Franzensbad, Kriegsärztliche Abende in — 438,
495, 577, 629, 820. 1250, 1362.
Franzosen, Ueber den Nationalcharakter der —
und dessen krankhafte Auswüchse (die Psycho-
pathia gallica) in ihren Beziehungen zum Welt¬
krieg. Von L. Loewenfeld. Wiesbaden 173.
Frauenbehandlung, Anregungen durch 4 h 1219.
Frauenbrust s. Krebs.
Frauenkrankheiten, Aetiologie und Therapie von
— bei Irren 799, 828. Beziehungen von Geistes¬
krankheiten und — 1251.
Freiburg i. Br., Medizinische Gesellschaft in —
204, 1169, 1364a.
Fremdkörper, Aufsuchen des — durch den Arzt
nach der Lokalisation 1083. — aus dem La-
rynx entfernt 1220. Einfacher Apparat zur
Ortsbestimmung von — 1140. — des Larynx,
der Trachea und der Bronchien 1217. Lokali¬
sation der — nach Levy-Dorn 817. Lokalisation
von — in Auge und Orbita mit Röntgen¬
strahlen 1428. Granulom oder eine Zyste um
einen — im Auge 603. — im Bulbus 603.
Röntgenologische Ortsbestimmung bei — im
Knochen 106, 251. — im Magen 1276. Rejseks
neues, einfaches Verfahren zur genauen Be¬
stimmung von — (Projektilen) im Körper 1360.
Röntgenlokalisation von — besonders im Auge
und in der Orbita, nebst Bemerkungen über
Kriegsverletzungen des Auges durch — 1194.
Röntgenologische Tiefenbestimmung von —
981. — rücken häufig bei der Operation tiefer
627. — und Neubildungen in der Blase; neues
direktes optisches Meßverfahren zur Messung
von — 981. Vereinfachung zur Tiefenbestim¬
mung von — 1272.
Fremdkörperbestimmung, Einfacher Meßapparat
zur — 981. — mit besonderer Berücksichti¬
gung der Augenverletzungen 980. Radiologi¬
sche — ohne Apparat und Berechnung 1248.
Fremdkörperlokalisation 81, 649. Radiologische
— im Kriege 1416. — und Röntgenstereosko¬
pie 544. Röntgenologische — 1059. Neue Me¬
thode der — 1384. Methodik der — 1244.
Fremdkörpersomle, Elektrische — 628, 981.
Fremdkörpersuche, Röntgenologische — bei Kriegs¬
verwundeten 946.
Fremdkörpertelephon 1084.
Frequenz der österreichischen Universitäten 986a.
— s. Fakultäten.
Friedreichsche Ataxie, Myxödem und Zwerg¬
wuchs, Ueber familiäres Vorkommen von —
107.
Frommer-Engfeldtsche Acetonprobe, Anwendbar¬
keit der — für klinische Zwecke 896.
Fronto-pontine-cerebellare Bahn 792.
Fruchtabtreibung, Ueber kriminelle — 234.
Früheklampsie, Fall von — (Eklampsie nach
Totalexstirpation des myomatösen, vierwöchig
graviden Uterus im Zusammenhänge mit den
beiderseitigen Adnexen) 766.
Frühgeborene, Ernährung und Wachstum der —
731, 985.
Frühgeburten, Aufzucht von — in der offenen
Säuglingspflege 760. Verfahren bei künstlichen
— 1274.
Frühlues, Tuberkulinbehandlung der — 1333.
Frühmobilisierung im Zugverband 1193.
Frühoperation, Mechanik der Nervenverletzung
und Technik der Naht 1384.
Fürstenauscher Intensimeter 1410. Praktische Er¬
fahrungen mit dem — 1272.
Fürstenausche Lokalisationsmethode von Geschos¬
sen, Praktische Erfahrungen mit — 256.
Füße, Ursachen und Verhütung der kalten — 899.
— s. Heptadaktylie.
Funktionsprüfung s. Gefäßnerven. — s. Herz.
Funktionsstörung, hysterische s. Ohrapparat.
Furunkel, Behandlung der — und anderer eitriger
Hauterkrankungen mit Salicylsäure 1273.
Furunkelmetastasen, Erfahrungen über — 196.
Furunkulose, Impfbehandlung der — 1193,1272.
Fußamputation, Partielle — nach Sharp 1111.
Fußbekleidung, Wasserdichte — und Erfrierungen
522.
Fußbeschwerden und Felddienstuntüchtigkeit, Der
atavistische Spannungsfuß als Ursache von —
871.
Fußgeschwüre, Künstlich erzeugte — 1364.
Fußgeschwulst s. Plattfuß.
Fußläsionen, Beitrag zum Kapitel der seltenen —
842.
Fußpflege s. Stiefelabsatz. Vor- und Nachteile des
Stiefelabsatzes sowie die Aufgaben einer ver¬
nunftgemäßen — 842.
Fußstützmaschine für Peroneus-Tibialis-Lähmun-
gen 926.
Futtergerste s. Eosinfärbung.
öärtnersche Normalgewichtstabelle für Erwach¬
sene 1215.
Galalith zur Tubulisation der Nerven nach
Neurolysen und Nervennähten 1245.
Galle s. Gallensteine.
Gallenblasenkrebs, Die Schwierigkeiten der Er¬
kennung des — am Anfang und Ende dieser
Krankheit 1298.
Gallen farbstoffbildung, Anhepatische — 1215.
Gallenkrankheiten s. Leberkrankheiten.
Gallenpleuritis bei transpleuraler Leberverletzung
521.
Gallensteine 603. Bau der — 1117. Frühdiagnose
und Operation bei — 315. Der Kalkgehalt
der Galle und seine Bedeutung für die Bil¬
dung der — 1193.
Gallensteinkolik, Tetanie im Verlauf einer — 313.
Gallenuntersuchungen am Krankenbette 23, 815,
84L
Galleschrägagarröhrchen s. Tvphusbaiillenzüch-
tung.
Gamasehenschmerzen 1060, 1217.
Ganglienzellenschwellung, Zur genaueren histo¬
logischen Charakteristik der — 1112.
Gangrän des Meckelschen Divertikels durch Vol-
vulns desselben 1246. Ursachen der — 234.
Gangraena cutis und Erythema bullosum 84.
Gangraena penis 145.
Gasabsceß, Charakteristisches Symptom des sub¬
phrenischen — 1110.
Gasbacillensepsis 254.
Gasbrand durch anaerobe Streptokokken 897.
Rauschbrand und — 1385.
Gasembolie bei Sauerstoffinjektion 600, 680. —
s. Herz.
Gaserzeugende Mittel, Verwendung in Wund¬
kanälen und engen Körperhöhlen 898.
Gasgangrän s. Luftembolie.
Gasinfektion, Offene, austrocknende Wundbehand¬
lung bei —, insbesondere bei Gasgangrän 1385.
Gasphlegmone 145, 897, 901, 985, 1141. Aetio¬
logie der — 1166. Behandlung der — 733.
— bei Kriegsverwundeten 1022, 1046. Dia¬
gnose und Therapie der — 17. Frühzeitige
Erkennung der — durch das Röntgenbild 626.
— im Felde 313, 329. — im Kriege 108. Zum
Kapitel der — (.Gasphlegmone der Pia mater‘)
403. Erkennbarkeit der — im Röntgenbilde
229. — im Röntgenbilde 869, 1111. Vorsicht
bei der Sauerstoff behandlung der — 1141.
Weitere Erfahrungen über die — 1329. Zur
Frage der sogenannten — 1100. Nach einer
Schuß Verletzung — und Tetanus 113.
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UNIVERSUM OF IOWA
INHALTS-VERZEICHNIS.
XI
(jfctrwt'oloptose in radiologischer Betrachtung,
unter besonderer Berücksichtigung der neuesten
Publikation Rovsings 731.
fbüro-Coloptosis, Die —, ihre pathologische Be¬
ratung ihre Krankheitsbilder. Diagnose und
htli und hing. Von Thorkild Rovsing 406.
Owtnvuteritis paratyphosa, Beitrag zur Klinik
der -841.
iburo-inte.uinale Studien 315, 653, 1275.
Gastrointestinaltrakt s. Krebs.
diudafil in der IVund Versorgung 1384.
Gebärende e. Influenzainfektion.
(iebärmntterkrebs, Behandlung und Statistik des
- im Kleinbetriebe 1087. Therapie des —
1086
Gebiti. Zwei Fülle von verschlacktem —, geheilt
durch snbeatane Apomorphininjektion 1216.
Geburt s. Ovariotomie.
üeburten s. Novocainanästhesie.
Geburtenrückgang, Stellung der Aerzte zur Frage
des - 1209 Der — in Deutschland, seine
Bewertung und Bekämpfung. Von Borntraeger
491. — in Frankreich 876, 1092.
ötbortsliilfe s. Kongreß. Zirbeldrüsenextrakt in
der - 789.
Geburtshilfliche Hauspraxis, Technische Neue¬
rungen in der — 111.
'ieburts?törong nach Vaginofixation 1012.
Geburtsverlauf bei traumatischem Protrusions¬
becken 766.
Liebartszange, Nene Form und Einfährungsweise
der —, stets biparietal an <|en kindlichen
Schädel gelegt 1144.
Gefälligkeitsgutachten 249.
Gefäße s. Capillardrainage. Chirurgie der — und
Aneurysmen 686. Spätfolgen der Verletzungen
der großen — 1389.
beiäßerkranknngen, Beitrag zur Kenntnis der —
infolge von Lues 1298.
Maßnahl s. Kriegsaneorysmen.
< ietäßnerven, Diagnostisch-therapeutische Aus¬
nutzung meiner Methode zurFunktionsprüfung
der - 613. 991.
bifäflschüsse 201. Ueber infizierte — 113, 285.
Gefäßsystem s. Bewußtsein.
Gefeßunterbindong oder Gefäßn&ht 765.
Gefäßverändernngen, Seltene — nach Schuflvei
letznng 374.
Gefäßverschluß, Zur Klinik und Diagnose de
inesenteriellen — 227.
Gefangenenlager, Massenentlausung und Desinfeh
üou von — durch Lokomobile 837. — i
Oedemkrankheiten.
biefangenschaft, Mitteilungen aus französische
- and insbesondere aus einem französische
Kesmelazarett 345.
''tfechtssanitätsdienst im Winter 1218.
Geheimmittel des feindlichen Auslandes 1086.
Gehgvpähose, Eine ausziehbare — mit Extensio
be> Fraktur des Oberschenkels 488.
tohhiiiM, billige 487.
Mikroskopisch-pathologische Befunde ii
~ eines Fleckfieberfalls 1034. — s. Spät
ibscesse.
^birn and Rückenmark, Beobachtungen a
^iiQßvertetzungen des — 283.
‘«jmubiceß nach Zahnerkrankung 392.
«techiüterung, Behandlung der Folgezi
; tinde von - 474. b
'»eLnikrankheiten. Allgemeine Chirurgie der -
- teil von F. Krause 463.
-Gebinikrüppeb,Febungsschulen für - (Spracl
“ dere Dehirnverletzte) 709, 811
, mhpoid als Hämostaticum 1083.
SfPr, 2 " Behand,an S von - nac
r Reidel defekten 10.
s. Sensibilitätsstörungen.
"te- “« *»“«*• von 100 bei - au
.«oi rttn Operationen 172
«'«MUung s. Amnesie.
durch Granatsplitter 787.
"S 'S.*™* Projektion der - auf d
H*.,^l’* T 5 ache , 0,lne Kramouicter 761.
% " d ' m,ä ' K s - Epithelzvste.
*J';nnfci 1 8er ? neuer 1329.
''^UuT^i^ rUf ‘ Von Mautliner. War:
Gehörorgan, Klinische Untersuchungen über die
Erkrankungen des — bei Diabetes mellitus
mit besonderer Berücksichtigung der Erkran¬
kungen des inneren Obres 955 .
Gehörsverlust, Durch Granatexplosion vollständiger
Geisteskranke, Gibt es eine Zunahme der — 1114.
Geisteskranke und geistig Gesunde, Heredität and
psychische Entartung bei — 111 .
Geisteskrankheiten, Beziehungen von — und
Frauenkrankheiten 1251.
Geistesleben, Das Wesen des menschlichen — und
das Problem der Strafe. Von Lobedank 316.
Geistesstörungen, Beziehungen zwischen körper¬
lichen Erkrankungen und — 722.
Gelenke, Beitrag zur Aufnahme von ankylosierten
— 817. Ein Fall von symmetrischer Contract.ur
der — der oberen und unteren Extremitäten
172. Erfahrungen über die Behandlung infi¬
zierter — im Kriege 651. — s. Frakturen.
Mobilisation versteifter - 18. — s. Mobilisie¬
rung. Mobilisierung versteifter kleiner -- 1359.
Gelenkentzündung, deformierende 1357. — go¬
norrhoische 222 .
Gelenkerkrankungen, Diagnose und Therapie chro¬
nischer — 898.
Gelenkkrankheiten 498. — im Kriege 817.
Gelenkmobilisntiunsschienen nach Dr. Schede 492.
Gelenkmobilisiernng, Blutige — in der Kriegs-
Chirurgie 926. — in der Kriegschirurgic 681.
734.
Gelenkrheumatismus, Akuter — und seine Kompli¬
kationen im Kindesalter 1173. Behandlung des
akuten — mit reiner Snlirylsäure 898, 982.
Kann und soll der akute — mit reiner Sali-
eylsäure behandelt weiden ? 571. — s. Meln-
brin.
Gelenkschüsse, Nachbehandlung von — beson¬
ders des Schultergelenks 18.
Gelenkskontrakturen, Behandlung der — sowie
die Maßnahmen zu ihrer Verhütung irn Gips¬
verband 346.
Gelenk- und Knochenschns^e. Zur Behandlung
und Beurteilung infizierter — 179.
Gelenkverletzungen. Gelenkeiterungen und ihre
Behandlung 1140.
Gelenkversteifungen, Geber Verhütung von fibri¬
nösen — nach 8 chußVerletzungen 262.
Gelonida Aluminii snbacetici (Goedeckc) und Oxy¬
uriasis 753.
Gemeingefährlichkeit, Die —. Von M. H. Gering
1035.
Genfer Konvention, Ein krasser Verstoß gegen die
— 632. Gegner gegen die Bestimmungen der
— 175.
Genickstarre, epidemische 1319. Flecktyphusar¬
tiger Verlauf von — 187. — im Pustertal 652.
Vorbeugung der epidemischen — 1111 , 1272,
1385.
Genitalblutungen, Behandlung der — der Frau
1112 .
Genitalfunktionen der Frauen, Beziehungen der
inneren Sekretion zu den — 1304.
Genitaltraktus s. Tuberkulose.
Gerinnungsreaktion s. Lues.
Geruchsvermögen, Verlust des — keine Erwerhs-
beschränkung 893.
Gesamtcholesterin im Blut, Bestimmung des —
an geburtshilflichen und gynäkologischen Fäl¬
len 171.
Geschlechtliche Enthaltsamkeit, Rundfrage über
die Folgen der — 1246.
Geschlechtskranke, Behandlung — Soldaten im
Kriege 522.
Geschlechtskrankheiten, Ausbreitung der — im
Kriege 498. Behandlung von — bei den im
Felde stehenden Truppen 80. Bedeutung und Be¬
handlung der — im Felde 255. Bekämpfung
der — 936. Bekämpfung der ■— beider Truppe
1216. Bekämpfung der — im Felde. Zugleich
ein Beitrag zur Pathogenese des Ficus molle
171. Ein Erfolg im Kampf gogen die — 1217.
Einiges zur Verhütung und Behandlung der
— im Felde 664. — im Felde und deren Ver¬
hütung 21. Krieg und — 598, 626. Persön¬
liche Prophylaxe der — 1429. Prophylaxe der
— im Felde 170. Prophylaxe und Therapie
der — im Felde 80. Bammelforschung der
Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der
— über die Frage der sexuellen Abstinenz
1194, 1273, 13014 Verhütung und Bekämp¬
fung der — und von Ungeziefer im Felde 18.
Geschlechtsleben und Geschlechtskrankheiten in
den Heeren, im Kriege und Frieden 106, 107,
140. 169.
Geschlechtsleiden, Haut und — 498.
Geschlechtsverkehr, Strafbarkeit des — bei vene¬
rischer Krankheit 1411.
Geschosse. Aufsuchen und die Entfernung von —
1299. Ob inan — aus inneren Organen ent¬
fernen soll 847. Operative Entfernung von —
mittels einer neuen Eokalisationsmethode
(Orientienmgsmethude) 1329. — s. Tiefenbe-
stimnmng.
Geschoßfulhmgen s. Wunden.
Gesehoßbige. Bestimmung der - mittels der
Stereeskopie 971.
Geschoßlokalisation. Eine sichere röntgenologische
Methode, zur — 50. — durch Stereoskopie
1009.
Geschoßwirkung der kleinkalibrigen Mantelge¬
schosse und ihrer Dumdumkugelu 1332.
GesellwnlstÄtiologie s. Helminthen.
Geschwülste s. Aleiostagminreaktion.
Geschwüre. Tuberkulöse — der Oberlippe und
Mundseiileirnliaut 261.
Gesichtsfeldverwertung, Feber zweckmäßige
bei der kompletten homonymen Rechtshe¬
mianopsie 953.
Gesichtsplastik mittels freier autoplastischer Fett-
transplantation 763.
Gesichtsseliädel, Ouer^chnß durch den — 6()l.
Gesichtsschüsse. Bemerkungen zu den — mit
Beteiligung der Nasenhöhle 1034.
Gesundbeterinnen vor einem Berliner Gericht
1416 b.
Gesundheit, Die — des Kindes. Zur Belehrung
für junge Eltern. Von Max Kassowitz. Wien
1914 82. Vom Rhythmus der — und vom
Standorte des Menschen 1301.
Gesundheitsfürsorge, Krieg und — 1245.
Gesundheitskommissionen im Felde 582.
Getränk, Bereitung eines apfehveinähnlichen, sehr
billigen, kohlensäurehaltigen und alkoholfreien
- 981.
Gewächse. Trauma und — 741.
Gewebe, Abkühlung von — und Organen 286. —
s. .Chemie. Die funktionelle Brauchbarkeit ne¬
krotischer — 402.
Gewebeextrakt als blutstillendes Mittel 817.
Gewebekulturen. Von A. Oppel 628.
Gewehrkugel aus der Pars prordaticu urethrae
entfernt 143. Mit Phosphaten inkrustierte —
14i3.
Gicht t he rapl# und -diagnose 1211.
Giftwirkung, Feber angebliche — eines Dum¬
dumgeschosses 562.
Gipsattrappe, Technik der — 786.
Gipsklammer, Eine neue — 816.
Gipsschieue 922.
Gipstisch, Einfacher und zweckmäßiger 1085.
Gipsverband, Gefahren des — und ein Vorschlag
zu seinem zweckmäßigen Ersätze 313. Der
gefensterte — 198. Gefensterter — und Rein¬
haltung desselben 81. Technik des — 981.
Technik des — im Feldlazarett 1193. Technik
des — bei Scbußfrakturen des Oberschenkels
285.
Gipsverbände, Distrahierende - 598. Erhebungen
über die Brauchbarkeit der gefensterten —
für die erste Behandlung der Sehnßfrakturen
im Kriege 1131. Fensterung von — 1061.
Technik der gefensterten — 196. — und die
konservativen Bestrebungen inder Kriegschirur¬
gie 256.
Gipsverbandtechnik bei Frakturen mit ausge¬
dehnten Weichteilverletzungen 709.
Glaskörper s. Linse.
Glandula pinealis in Beziehung zur somatischen,
geschlechtlichen und gemütlichen Entwicklung
1114. — s. Hydroeephalns.
Glandula suprarenalis im Bhock 1114.
Glieder, Ueber den Ersatz amputierter — 1085.
Kautschukschaum zur Herstellung künstlicher
b *
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UNIVERSUM OF IOWA
XU
INHALTS - VERZEICHN IS.
— 1272. Die Konstruktion künstlicher —
mit besonderer Berücksichtigung der Stütz¬
punkte und dev Suspension, und die Pro¬
thesenfabrik des königlich ungarischen Amtes
für Kriegsinvalide 1245. Künstliche — 521.
Gliedmaßen, Kriegschirurgie der — 1059.
Gliom, Ein Fall von multiplem — 952.
Glottis, Aus der — eine Nadel entfernt 1413.
Glühventil nach Koch 786.
Glutiialklonus — ein Pyramidenzeichen 616.
Glykogengehalt der Utetusschleimhaut 257.
Glykosic, Frakturen und - 1386.
Glykosurie und Diabetes bei chirurgischen Er¬
krankungen 1386.
Geiler. Indications for operative interference in —
898.
Gono-Blennorrhoe, Die Behandlung der — der
Neugeborenen und Erwachsenen an der Berner
Universität*-Augenklinik 257.
Gonokokken, Degoncrutionsformen der — 1140.
Gonorrhöe, Abortivbehandlung der 763, 844. 898.
Behandlung der - mit Tierkohle 1432. Be¬
handlung der — mit Wasserstoffsuperoxyd 51)6
Fiehertherapie der — 1272. — s. Haut- und
Geschlechtskrankheiten. Kritisches zur Yaccine-
therapie der —, zugleich expcrimentel'er Bei¬
trag zur Begründung der ahieitenden Therapie
111. Moderne medikamentöse Therapie der
akuten — 897. intravenöse Yaccinationsthera-
pie bei Behandlung der — und deren Kom¬
plikationen 1335. Wie sollen wir erkennen,
wann eine — beim Manne gebeilt ist? 815.
Gonorrböebebanrllung mit Optocbin 1215.
Gonorrhoische Cystitis, Prinzipielles zur Behand¬
lung der — 679.
Granatexplosionen, Erkrankungen nach 285.
Granatexplosionssiörungen 963.
Granatschuß an der linken Schulter. Quersclmß
am Ilals mit Eindringen von Monturfetzen
und Granattei.en. Starke Beweglichkeitacin-
sebriinkung des linken Armes. Akute Kehl-
kopfperichondritis mit plötzlicher Stenose.
Tracheotomie, Heilung 71*3.
Gra» atSchußwunden, Bardeila - Binde bei —
1379.
Granatsplitter, Extraktion von — durch den
Elektromagneten 316. Verletzungen durch —
228 .
Granatsplitterverletzungen, Therapie der — im
Felde 563.
Granat Verletzung 631. Behandlung der — 678.
Granulation s. Auge. Basophile — irn Blute von
Schrapnellkugelträgern 285.
Granulöse, Suhcutane — 1217.
Gravidität, Relative Häufigkeit der extrauterinen
- 1360.
Grienauer, Dr. S. f 263.
Grippe, Feber die — 1351.
Großhirn, Die Lokalisation im — und der Abbau
der Funktion durch corticale Herde. Von (’. v.
Monakow 82.
Großhirnrinde, Extremitätenregion der — 111.
Großhirnphysiologie, Feber die Grundlagen und
Methoden der — und ihre Beziehungen zur
Psychologie. Von v. Brücke 736.
Gräber-Widalsche Reaktion, Farhmethode der —
434. Zur Tiieorie der — 1033. — und die
Beschränkung ihrer praktischen Verwertbarkeit
für die Typhusdiagnose 786.
Guberquelle. Erfahrungen über den therapeuti¬
schen Wert der — bei Kindern 1273.
Gumma scroti, Fall von hartnäckig rezidivierendem
- 261.
Gummen 261.
Gummizugverband, Anwendung eines — bei
großen Hautwunden 600.
Gutachten, Zur Benennung nervöser Zustande im
--- 1194. Gerichtlicher Schutz ärztlicher sfe
339.
Gutachtentätigkeit des Arztes hei Ersatztruppen¬
teilen 81.
Gymnastik, Vereinfachung und Verbesserung der
maschinellen — durch die Heermannschen
Apparate 403.
Gynäkologie, Heißlufttherapie in der -- 952.
«. Kongreß.
Gynäkologische Tiefentherapie s. Blatuntersuchun-
gen. Suhcutane Applikation von peristaltik¬
befördernden Mitteln in der Nachbehandlung
nach -- Laparotomie 17. — Strahlentherapie
493.
Haarverletzungen durch Ueberfahren 337.
Habilitierungen (506.
Hämagglutination, Spontane — bei Malaria 1167.
Hämatologie 1914, Arbeiten aus dem Gebiete der
— 899. 430.
Hämatometra und Hämatokolpos 1116.
llämatose und Aneurysmen 171.
llämatothorax und totale Querschnittläsion des
Rückenmarks. Schrapnell Verletzung zu doppel¬
seitigem — 204.
Hämaturie, Feber 131.Beitrag zur Kenntnis der —
ohne bekannte Ursache 1329. Einseitige renale
— infolge Kresolscbwetelsäureintoxikation, ge¬
heilt durch Dekapsulation 373.
Hämatotympanon] und Blutung in die Kleinhirn¬
brückenwinkelgegend 1062.
Hämoglobinurie, Feber paroxysmale — 1303.
Hämolysin, Feber die gleichzeitige Verwendung
des — und Hiimagglntinins als Indikatoren
bei der Komplementalnenkungsreaktion zur
Feststellung der Syphilis 403.
Hämorrhoidall eschwerden, Behandlung der — mit
Acotonal-Hämorrhoidalzäpfchen 891.
Hämorrhoiden, Behandlung der —- 169. Behand¬
lung der —- und des Eccema anale 433. Un¬
blutige Radikaloperation der — durch ein¬
fache Naht 1194. Radiumbehandlung der —
1035.
Hämothorax, Beiträge zur Pathologie und Thera¬
pie des — im Krieg 1013. — s. Lnngenver-
letznng. und Zwerchfellverwachsungen hei
penetrierenden Brustverletzungen 979.
Hände bei multipler Arthritis, Die operative Be¬
handlung contraeturierter und deformierter —
82. Fabriksheamter, welcher trotz Fehlens
beider — seinem Beruf vollständig selbständig
nach kommt 1303. Mann mit künstlichen — und
Füßen 926.
lländedesinfektion, Ein Beitrag zur — 255. Nene
Methode der - 924.
Hängemattenextensionsverband zur Behandlung
von Fnterschenkelbrüchen 6(.0.
Haftet der Militärarzt für den durch ärztliche
Behandlung einer Militärperson der letzteren
verursachten Schaden? 348.
Haftpflicht, Keine — des Arztes für Schäden bei
Anwendung eines neuen Mittels 740.
Halbmondfieber (Malaria tropica), erworben in
Nordpolen 1300.
Halluzinationen, Von den — 681.
Hals, Steckschuß am — 684. — s. Vaccine¬
therapie.
Hals- und Nasenerkrankungen 497.
Halspastille, kräftig wirkende 839.
Halsrippen, Entwicklung der — 815.
Halsseite, .Schußverletzungen der rechten - 1361.
llnlssympathicus s. Lähmung.
Halsverletzungen. Zwei interessante — 981.
Halswirbel s. Fraktur.
Hamburg, Aerztlicher Verein in — 114, 767, 847,
1169, 1335, 1433. Das Röntgenhaus des Allge¬
meinen Krankenhauses St. Georg in — 1142.
Hand, Erhaltung der verwundeten — 1411. Eine
künstliche mit automatischer Greifbewe¬
gung 572. Chirurgische Vorarbeit für eine will¬
kürlich bewegliche künstliche — 1125. — s.
Sehnennaht. Segmentale Sensibilitätsstörung
an der rechten - nach Kopfschuß 1276.
Hand- und Armersatz, Die Aufgaben und Wege
für den - der Kriegsbeschädigten 1272.
Hand- und Fingergelenke s. Mobilisation.
Handstützmaschine, einfache 1359.
Handwerkzeug, Unser —. The tools of nur trade
735.
Harn s. Eiweiß. Einfachste Methode zur Bestimmung
des Kochsalzes oder Stickstoffs und der Elek¬
trolyse im menschlichen — 49. Fortschritte auf
dem Gebiete der Physiologie und Pathologie
de- 1325. 1354. Froeli?‘omogenreaktion
Weiss im — bei Typhus abdominalis 1167.
— s. Stickstoffbestimmung. — s. Urochromo-
gen probe.
Harnblase 1413.
Harneiweiß, Die quantitative Bestimmung von —
1216.
Harnentleerung, Störung der — infolge Erkäl¬
tung 1061.
Harnorgane, Kriegserfahrungen über Erkältungs¬
krankheiten der — 1360.
Harn- und Gallensteine, Ueber die Bildung der
— . Von L. Lichtwitz 955.
Harn- und Geschlechtsorgane, Verletzungen der —
738.
Harnröhre, Erkrankungen der — 648, 704, 730,
783. Ersatz eines durch einen Schuß zer¬
störten Teils einer — durch den Wurmfort¬
satz 708. Schußverletzungen der — 1363.
Harnröhrensteine, Ueber einen Fall von — 732.
Harnröhrenverletzung, dreifache 198.
Harnrölirenzerreißungen, Behandlung und Prognose
ausgedehnter — 732.
Harnsäure im Blute, Methode zur quantitativen
Bestimmung der — 980. Thorium X und —
254.
Harnstoffbestimmung, Eine einfache Methode der
quantitativen in kleinen Blutmengen für
die Zwecke der Nierendiagnostik 197.
Harnzucker, Der einfachste Apparat zur quanti¬
tativen Bestimmung des — und Harnstoffs 925.
Harzlüsungen, Beitrag zur Beurteilung von — für
Verbände 107. — für Verbandzweckc 50.
Haudek Martin 60(5.
Hauptbronchien s. Trachea.
Hausarztkalender 1386.
Haustrinkkuren. Eine Antwort auf den Aufsatz in
Nr. 25, 1914. Haben die natürlichen Mineral¬
quellen eine spezifische Heilwirkung auf den
erkrankten Organismus? 76.
Haut s. Fadenpilzerkrankung. Krebs der — 1011.
Hautabschürfungen, Beitrag zur rationellen Be¬
handlung von — und Verbrennungen zweiten
Grades 314.
Hautatrophie, Idiopathische — 231, 261, 1416.
Hautdesinfektion und Wundbehandlung mit Jod-
dämpfen nach Jungengel 1329.
Hauterkrankungen, Die Komplementbindung bei
parasitären — 681."
Hautgangrän, Ueber einen Fall beginnender sym¬
metrischer -- im Endstadium ausgebreiteter
Tuberkulose 1010.
Hautgangrän, multiple neurotische 1334.
Hautgeschwüre, Tuberkulöse — 261.
Hautinfiltrate s. Diabet.s mellitus.
Hauthyperästhesie, Herzneurosen mit — 627.
Hautkrankheiten, Zur Anwendung der Lcvurinose
bei — 1329. Feber Behandlung der — mit
Kohlensäureschnee 652. Behandlung einiger —
mit Thorinm-X(Doramad)-Salben 1273. Der
Einfluß filtrierter Röntgenstrahlen auf — 1215.
— im Kriege 205, 315.
Haut- und Geschlechtsleiden 498.
Haut- und Geschlechtskrankheiten, Zur Behand¬
lung der — im Felde 522. — hei Kriegsteil¬
nehmern 482. — im Kriege 1217. Verbreitung,
Bekämpfung und Behandlung der — im Kriege.
Zugleich ein Beitrag zur Novinjektolbehand-
lung der Gonorrhöe 760.
Haut- und veneri«che Krankheiten, Die Therapie
der — mit besonderer Berücksichtigung der
Behandlungstechnik. Von J. Schäffler (Breslau)
1168.
Hautlappenplastik, Zur Technik der sekundären
— bei Kriegsamputierten 1290.
Hautnarben s. Fasern.
Hantplastik statt Nachamputation 601.
Hautpseudoreaktionen, Eine Bemerkung über das
Vorkommen von — unter besonderer Bezug¬
nahme auf Schicks Toxinreaktion 1088.
Hautreaktion, Diagnostische — bei Typhusrekon¬
valeszenten, Typhuskranken und Schutzge¬
impften mit „Typhin“ (Typhoidin) nach Gay
und Force 1330.
llautsehädigungen in Munitionsfabriken mit be¬
sonderer Berücksichtigung der Quecksilber¬
wirkung 1385.
Hautt uheris uloso 1333.
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Original frnm
UMIVERSITY OF IOWA
INHALTS-VERZEICHNIS.
XJIl
llantverdirknng. Sklerodermieartige - 261.
Ibnmunden sOüiminizngverband.
Hebammen. Die gegenseitige Zulassung von —
in Oesterreich und Ungarn 902,
Heizapparat für Hand und Finger bei Radins-
lübmnng 227.
HeVtephrenie s. Hysterie.
Ueberableitang. Zur Anwendung des Weilerschen
- 2S3.
Heeresangehörig»* s. Operative Eingriffe.
Hvfe. Einfluß der allgetöteten — auf die Yer-
danungsfermente 897.
HeiiMielfe. Einfachste orthopädische — 762. Zwei
einfache orthopädische 734.
Heilgeräte für Folgen nach Kriegsverletzungen
1273- 1330.
Hfllgymnastische Apparate 762.
Heilmittelahsorption dnrch die nasale Submucosa
beim Hund 1113.
Heilsera, Impfstoffe und — 257.
Heilstatiitik. Vorschläge zu einer geregelten —
1141.
Heilstättenarzt. Welche Aufgaben ergeben sich
für den — aus der Fürsorge für seine Pa¬
tienten auch nach ihrer Entlassung aus der
Anstalt? 1428.
Heimatslazarett, Kriegschirurgisch-therapeutische
Erfahrungen ans einem — 1080.
Heimstättengesetz für unsere Krieger 1033.
Heißdampflokomobile s. Massendesinfektion.
Heißlnttapparat. einfacher 708.
Heißluft Behandlung, Ueber schädliche Einflüsse
der — von Verwundungen auf das Nerven¬
system und ihre Verhütung 613.
Hdßiafttherapie in der Gynäkologie 952.
Heizungen läge s. Bettlagerstellen.
Helminthen und Protozoen, Beziehungen der —
zur Geschwulstätiologie 203.
Helmküliler s. HitzschJag.
Hemeralopie. Kurze Mitteilungen über die epide¬
mische — im Felde 313.
Hemianopsie durch Contrecoup nach Schuß Ver¬
letzung 1277.
Hemicranie, Anaphylaktische Erscheinungen im
Srmptomenbilde der —. Ein Fall von Hemi-
crania ophthalmica 862.
Hemiparese. Hemianopsie ond Facialisparese nach
Schaßverletzung 143. — neben hysterischen
Symptomen 13111.
Hemiplegie s. Muscali intercostales.
Hemiplegien. Ueber homolaterale — nach Kopf¬
verletzungen 546.
Hemmongserscheinungen, Erklärung gewisser —
Tft*.
Hepatitis, Ueber kardiopathische — 284.
HeptadaktyJie, Ueber einen Fall von symmetri¬
scher — beider Füße bei einem Soldaten
13)9
Herderknnkungen, Neue klinische Beiträge zur
topischen Diagnostik akuter — des verlänger¬
en Markes und der Brücke 654.
Herdreaktion, Symptom zar Feststellung der —
in der Lunge nach Taberkulinimpfung 953.
Herma diaphragmatica und Dilatation des Zwerch-
felis. Ein Beitrag zur Entstehung der — 48.
Htrnia epigastrica 203.
Hernien der Linea alba im Kriege 651. 926. Trau¬
ma und - 911.
Herpe? g. Mundschleimhaut.
Herpes tonsuraus infolge der Geburt 1334. The-
rapie des - 599.
»vrpes zoster 1334.
er f?u /JJSter * iaemorr hagicus gangraeno3iis
m bei akuten Infektionen 315. Franzos
o anteriegeschoß im — eines Kriegsvei
eten toi. Funktionsprüfung des —
'OMtionsprftfung des ~ nach einer zeh
2r ü ? schen Erfahrong 521. Tod an
u , j-J® des 7 nach Sauerstoffinjektion
•Uifikahon in der Aufnahme der Eie
l<Moh!°" ram T von pathologischen — zu
Tw-Uw 1 er klinischen Diagnose 1166
ant n J, +i der T bermalbadekuren beim funki
f" ~ m ~ s - Typhnsinfekti
md"e r n8p rt zang in das - w 1
r ^ er Lebensgefahr 1429. - unter
Einflüsse der Kriegsstrapazen 496. s. Mor¬
phium.
Herzaffektionen, Beobachtungen über — bei Kriegs¬
teilnehmern 627.
Herzarhythmie, Klinische Bedeutung der — 227.
Herzbefunde bei Verwundeten 171, 373.
Herzbeschwerden, Beurteilung von — an der
Front 733. Ueber — bei Kriegsteilnehmern
und über konstitutionelle Gesichtspunkte bei
der Beurteilung derselben 443.
Herzbeutel, Eine Kugel im —114. Schuß in den
- 68 .
Herzblock 1415.
Herzdämpfung, Verkleinerung der — bei Soldaten
203.
Herzdiagnostik, Kurze kritische l'ebersicht über
den augenblicklichen Stand der — unter be¬
sonderer Berücksichtigung der objektiven Me¬
thoden 600. 633,
Herzen, Eiweißfettfreie Kost zur Behandlung in¬
kompensierter — 199.
Herzerkrankungen, Die vier gewöhnlichen Typen
der — 172. — hei Feldzugsteilnehmern 1412.
— im Kriege 657. Diagnostik der — mittels
der in der Praxis üblichen Methoden 1032.
Herzerweiterung, Rechtsseitiger Ueberdrack mit
gelegentlicher als postoperative Komplika¬
tion 1274.
Herzfehler, Elektrokardiogramm bei angeborenen
— 652. — und Schwangerschaft 1219.
Herzflimmern, Entstehung und die Ursache des
— 19, 171.
Herzfragen. Feldärztliche — 257. Kriegsürztliehe —
356.
Herzgeräusche, Kenntnis der accidentellen — hei
Kriegsteilnehmern 1167. Klinik der acciden-
teilen —. Verschiedenes Verhalten des Mitral¬
und Tricuspidalostiums bei Herzschwäche 787.
Herzkammer. Schrapnellkugel in der rechten —
10.34.
Herzkomp resse b. Hitzschlag.
Herzkranke, Beurteilung der Kriegsverwendungs¬
fähigkeit unserer — 1246. Acht — Soldaten
53. Konstatierung hei — 1249, 1359.
Herzkrankheiten 52).
Herz- und Gefäßkrankheiten, Die Behandlung der
— mit oscillierenden Strömen. Von Th. Rumpf
1275. Beobachtungen über — während der
Kriegszeit 627. Neuere Arbeiten aus dem Ge¬
biete der — 677, 705.
Herzkrankheiten und Herzstörungen der Soldaten
im Felde 1217.
Herz- und Nierenkrankheiten, Zur Behandlung
chronischer — mit „Theacyton“ 980.
Herzleiden, Die Behandlung der —. bei Syphilis
172. Bemerkungen über nervöse und psychi¬
sche Erscheinungen bei — 653.
Herzmassage, Zur subdiaphragmatischen — 402.
Herznaht mit glücklichem Ausgange 81. Ueber
einen Fall vön — 1105.
Herzneurosen mit Hauthyperästhesie 627.
Herzschädigungen, Zur Kenntnis der — hei Kriegs-
I teiinehmern 627.
Herzschaß 845. Mann mit — 1358.
Herz-schwäche, Klinische Zeichen beginnender —
80.
Herzspitze, Projektil in der — 22.
Herzstörungen, Beurteilung leichter — bei Heeres¬
angehörigen 492. — bei Kriegsteilnehmern
626. Zur Würdigung der — der Kriegsteil¬
nehmer 924. — im Kriege 628. — im Kriegs¬
dienste. Das Uebermiidungsherz 981.
Herztätigkeit, Störungen der — 627.
Herzuntersuchung, Ueber eine wichtige Fehler¬
quelle bei der — der Soldaten 733.
Herzverftnderungen, Leichte — bei Kriegsteilneh¬
mern 107, 343, 891. — bei Soldaten 270.
Herzwandschuß 1246.
Herzwunden, Beitrag zur Frage der konservativen
oder operativen Behandlung von — 599.
Heterovaccinebehandlung des Typhus abdominalis
843.
Heterovaccinetherapie des Typhus 1430.
Heufieber, Die aktive Immunisierung bei — 315.
Natrium bicarbonicnm bei — 1113. Weitere
Mitteilungen über erfolgreiche Behandlungen
des — 108.
Heuschnupfen, Versuch, den — durch Röntgen¬
strahlen zn beeinflussen 709.
Hilfslazarettzug, 14.000km mit dem bayerischen
— Nr. 2 314, 710.
Hirnabseeß als Folge peripherischer Körpereite¬
rung nach einem Unfälle 111. Operativ ge¬
heilter orbitogener — 53. Therapie des —
1246.
Hirnahscesse, Drainage der — mit Guttapercha nebst
einigen statistischen Bemerkungen zur opera¬
tiven Behandlung der Hirn- und Ohrseliiisse
171.
Hirnlues bei einem Säugling, Irrtümliche Dia¬
gnose der - 598.
Hirnnerven, Schuß Verletzung der — 1246.
Hirnprolaps, Ein operatives Verfahren zur Ver¬
hütung des — nach Schädelschüssen 546.
Hirnrinde. Drüsige Bildungen (Sphaerotrichie) in
der - 111.
Hirnrindenliisionen s. Sensibilitiitsstörungen.
Hirnschußverletzung s. Epilepsie.
Hirnschwellnng, Intravitale und postmortale
Eine Berichtigung der letzten Ausführungen
Hosentals 576.
Hirnsyphilis. Kasuistik der hereditären — XlS.
Hirntumor, Einige Bemerkungen zur Diagnose
des — anläßlich eines operierten Falles 602.
Ueber die chirurgischen Resultate hei — 494.
Hirnwunde. Gestaltveründernngen einer —, durch
Kopfdrelmng hervorgerufen 761.
Hirsehsprunesche Krankheit 25, 7 7.
Hitzschlag, Folgezustände des — 761. Physiolo¬
gischer Schutz gegen — hei Weißen und
Negern 577. —.Sonnenstich 870. Vorbeugungs¬
maßnahmen genen —: Herzkompresse und
Helm kühler 778.
Hochfrequenzströme. Gedämpfte — als narben¬
erweichendes Mittel 925.
liochsehulnaclirichten 116, 176, 236, 264. 500,
658. 714, 794, 932, 1014, 1038, 1118, 1171.
1224, 1252, 1364 b, 1390 b.
Hodenschüsse 3l8.
Höhensonne, Künstliche -- bei Pemphigus vul¬
garis 1273, 1359.
Hühensonnenbehandliing des Lupus und anderer
tuberkulöser Erkrankungen der Haut 1251.
Hörstörungen, funktionelle 954.
Hörvermögen bei Labyrintheiterung 65t Gutes
— nach totaler Zertrümmerung des Warzen¬
fortsatzes durch Gewehrkugel 874.
Hohl fuß, Behandlung des - 668.
Holzstoftgewebe für die orthopädische Technik 651.
Hormonalbehandlung der B.eiobstipation 5i3.
„Hosengriff' 1429.
Hüftgelenk, Schaßverletzung des - 821.
Hüftgelenksschüsse 651.
Hüftverrenkung, Vorzüge der unblutigen Einren¬
kung hei der Behandlung der angeborenen —
598.'
Hühnerleukose, Untersuchungen über die über¬
tragbare 896.
Hülsenextension statt Heftpflasterextension 1060.
1385.
Ilungerempfindung 1271.
Hungerfieber, Entstehung lind Bedeutung des so¬
genannten — beim Neugeborenen 933.
Hungerkranklieit 854.
Husten, Entstehung des — und seine Bekämpfung
mit Thyangolpastillen 1295.
Hustenreiz s. Maionsäuretrichlorbutylester.
Hydroa vacciniformis 261.
Hydrocephalus, Herabsetzung der Wirksamkeit der
Glandula pinealis bei chronischem — 574.
Ilydronephrosis infolge bilateraler Steineinklem¬
mung. Nach siebenmonatlichem Felddienst
Pyelolithotomie, Pyelostomie. Heilung 1363.
Hygiene in den Deckungen im Stellungskriege 80.
im Felde 22b. Soziale — und Demographie
196, 430, 840.
Hygienische und ärztliche Beobachtungen im Belad
el Djerid (Südtunesien) 522. — Erfahrungen im
Felde 417, 476, 506, 556. — Erfahrungen hei
Kriegsgefangenen 109, 1246. — Unterweisung
und Jugendfürsorge an den Schulen. Von
F. Lorentz und F. Kemsies. Osterwieck (Harz)
1913 50. — Winke für Seuchenabteilungen 372.
Hygrom, Großes - am Oberschenkel 1300.
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UNIVERSITÄT OF IOWA
XIV
Hyperästhesie, Schnelle Heilung schwerer — an
erfrorenen Füßen 1167.
Hyperchlorhydrie s. Tetanie.
Hyperkeratosis, hereditäre 1220.
Hyperkeratosis lacunaris 1228.
Hyperol 108, 652.
Hyperthyreoidismus, Serumbehandlung bei — 574.
— vom Standpunkte der Kriegsmedizin 285.
Hypertonie Salt and Alkali Solution in Salvarsan
Anuria 898.
Hypertrophia congenita glandulartim sali vari tun
cum lymphomate colli congenito 402.
Hypertrophie der Prostata 1251. Angeborene und
erworbene symmetrische — der Speicheldrüsen
und des Lymphgefäßsystems des Halses 731.
Hypkomyeosis ventricnli 286.
Hypnose, Therapeutische Verwendung der — bei
Fällen von Kriegshysterie 1391. — s. Astasie-
Abasie.
Hypoglossuslähmung und Parese beider Arme, Bi¬
laterale nucleäre — durch Unfall 194.
Hypophysts. Chirurgische Erfahrungen bei Stö¬
rungen durch die — 172.
Hypophysenextrakt s. Asthma bronchiale.
Hypophysenextrakte s. Diurese.
Hypophysentumor, Operation wegen — 174.
Ilypophysentnmoren, Strahlentherapie bei — 924.
1170.
Hypophysin Höchst s. Diabetes insipidus.
Hypospadiebehandlung 1058.
Hypothyreose, Beitrüge zur Klinik infantiler —
858, 888.
Hysterie, Differentialdiagnose der — und psycho¬
pathischen Konstitution gegenüber der Hebe-
phrenie im Felde 877. Lokale traumatische
— 847. Karotidenkompression bei Epilepsie
und — 1330. — und Kriegsdienst 373.
Hysterische saltatorische Krämpfe nach Trauma
230. — Taubstummheit 1220.
Hysteroryse, Technik der — 1059.
Ichthyol s. Erysipel.
Ichthyolvaselin hei Erfrierungen 1167.
Ichthyosis, kongenitale 51. Neugeborenes Kind
mit deutlicher universeller — 766.
Icterus neonatorum und seine Beziehungen zur
paraportalen Resorption heim Neugeborenen
1274.
Ideen, lieber krankhafte Von Stransky 682.
Idiotie, Familäre amaurotische — 1387.
Ikterus, Chronischer hämolytischer — mit Milz¬
tumor 930.
Ikterus neonatorum, Neues zur Klinik des — 1324.
Ileumvolvulus infolge von Meckelscliem Divertikel
524.
Ileus, Ein Fall von intermittierendem — bei
Wanderniere 980.
Immunisierung mit durch Formaldehyd verän¬
dertem Tetanustoxin 1359. Zur weiteren Nutz¬
barmachung der percutancn — 197. — s. Ileu-
fieber. Die Erzeugung aktiver — bei Gesunden,
Die Erzeugung passiver — bei Verwundeten
262 .
Immunität, vaccinale 981, 1010.
Immunitätsforschung, Ergebnisse der —, experi¬
mentellen Therapie, Bakteriologie und Hygiene.
Unter Mitwirkung hervorragender Fachleute
herausgegeben von W. Weichardt. I. Band.
Berlin 1914 112.
Imrnunitätswissenschaft. Eine kurz gefaßte Ueber-
sieht über die biologische Therapie und Dia¬
gnostik für Aerzte und Studierende. Von
Hans Much, Würzburg 1914 200.
Impetigo contagiosa circinata 230.
Impfbehandlung der Furunkulose 1272.
Jmpfmilzschwellung und Typhusdiagnose 1166.
1299.
Impfstoffe, Erzeugung der — und Massen¬
impfungen in Krakau gegen Cholera und
Typhus in der Zeit des Krieges 1914 15 1421.
— und Heilsera 257.
lmpftechnik 374.
Impfung, Neueres zur — und zu den Impfungs¬
ergebnissen aus der jüngsten Wiener Not-
INHALTS-VERZEICHNIS.
impfungskampagne 572. Prophylaktische —
gegen epidemische Meningitis 315. — und
Impfzwang in Oesterreich 787. — s. Typhus.
Improvisationstechnik, Studien zur — 871.
Inanition infolge von Verweigerung der Nahrungs¬
aufnahme 1333.
Indikanämie 925.
Indikationssteilurig, Aenderung der — in der
Chirurgie, infolge Anwendung der Lokalanäs¬
thesie 1249.
Individual-Psychologie und Frauenfrage. Von Hed¬
wig Schulhof 655.
Infanterieexplosionsgeschoß, neuestes russisches
815.
Infanteriegeschoß, Konstruktion und Wirkung des
englischen — 897. -- s. Herz. — s. Magen.
Infanteriegeschosse, s. a. Dumdumwirkung eng¬
lischer —. Englische — und ihre Wirkungen
49, 767. Hydrodynamische Wirkung der —
1358. — mit Spreng- (Dumdum-) Wirkung
49. Wirkung der regelrechten — und der Dum¬
dumgeschosse auf den menschlichen Körper 49,
142, 228.
Infanteriemantelgeschoß, Explosiv Wirkung des
deutschen — 731.
Infektion, Begriff der ruhenden — in seiner Be¬
deutung für die Chirurgie 196. Prophylaxe der
endogenen puerperalen — 1012. Zur Frage
der rezidivierenden und „ruhenden“ — bei
Kriegsverletzungen 1010. Leber tuberkulöse
— und Reinfektion 34. s. Flecktyphus. —
s. Tetanie.
Infektionen, Die chronischen — im Bereiche der
Mundhöhle und der Krieg, insbesondere ihre
Bedeutung für die Wehrfähigkeit und für die
Beurteilung von Rentenansprüchen 1301,1330.
Kombinierte — mit. epidemischen Krankheiten
314. 374. Das Herz bei akuten — 315.
Infektiöse Krankheiten, Verhinderung der Ueber-
tragung — 24. Wesen und Vererbung gewisser
— und deren Einfluß auf den Wundverlauf
544.
Infektionskrankheiten 320. Auftreten unreifer
Leukocvten im Blute bei — 1271. Kriegser¬
fahrungen über — 1215, 1244, 1271. Neues
Prinzip der Serumtherapie bei —, mit beson¬
derer Berücksichtigung des Typhus abdomi¬
nalis 1364a. Prophylaxe der — 264. Unspeci-
fische Therapie von — 1299. — s. Serumthe¬
rapie. Trauma und chronische — 512.
Infiltrate, subkutane 261.
Influenza, Feber - . Nach Untersuchungen an der
Leiche 953.
Influenzainfektion, Eine genitale -- bei einer
Gebärenden als Ursache eines Puerperalfiebers
766.
Infraorbitalrand, Osteoplastischer Ersatz 'des —
nach Kriegsverletzungen 843.
Infusionsapparat, Gebrauchsfertiger — fürs Feld
und für die Landpraxis 1330.
Infekt ionsschutzschlüssel 701.
Infektionsspital, Besuch des Wiener — 290.
Injektionstherapie, Entwicklung der intravenösen
— 653.
Injektion, Epidurale — 979. —, Anaphylaxie und
intracutane 254. Infraspinale — von
Serum mit Neosalvarsan 1302. Intravenöse —
von immunisiertem Serum 817.
Innenschiene hei Oberarmbruch 1033.
Innere Erkrankungen s. Kollargolbehandlung. Bei
— - vorkommende Zahnkrankheiten und ihre
Behandlung 1194.
Innere Krankheiten, Behandlung von — im Felde
267.
Innere Medizin, Aufgaben und Probleme der —-
im Kriege 1271, 1278, 1298. Ergebnisse der
bisherigen Kriegserfahrungen auf dem Gebiete
der —. Erkrankungen der Kreislauforgane
1409. 24. Kongreß der Italienischen Gesell¬
schaft für — 26, 55. Neuere Arbeiten auf
dem Gebiete der — 223. Neuere klinische
und experimentelle Arbeiten aus dem Gebiete
der —- 45, 867. .Spezielle Pathologie und
Therapie —. Von Kraus-Brugsch 1331.
Insektenpulverbestimmung 652.
Insektenpulverwertbestimmung 344.
Insektensichere Schutzkleidung 924.
Insufflation, Phai’yngeale —, ein einfacher Apparat
für künstliche Atmung am Menschen; nebst
Bemerkungen über andere Methoden der künst¬
lichen Atmung.
Intensimeter, Fürstenausches 1410.
Intercostalneuralgien, Leber traumatische — und
deren Behandlung 1060.
Interimsprothesen 762, 1034. — für Amputierte
572.
Interossealmuskulatur der Hand, Der plastische
Ersatz der — durch den Extensor digitorum
communis 816.
Interossei s. Tetanie.
Interpositio vesico-vaginalis s. Schwangerschaft
und Gehurt.
Intoxikationen nach prophylaktischer Schwefel¬
anwendung und ihre Verhütung 1060.
Intralarvngeaie Operationen, Direkte Methode für
- 200 .
Invalide, Zweirad für — 871.
Invalidenfürsorge, Leber die technische —- 376.
763.
Irre s. Frauenkrankheiten.
Irrigation s. Darmtraktus.
Irrsinn, Der Einfluß der Zivilisation auf den —
1302.
Ischiadicusneuralgie, Behandlung der — nach
.Schußverletzung mit Nervendehnung 787.
Ischias als Appendicitissymptom 653.
Italienische Gesellschaft für innere Medizin,
24. Kongreß der — 55.
Jastram M. 658.
Jod. Einfluß von —, Jodkalium. Jodothyrin und
jodfreiem Strumapräparat anf den Stickstoff¬
wechsel, auf Temperatur, Pulsfrequenz und
auf das Blutbild von Myxödem 20. •— s. Blut¬
bild. Einfachster und schnellster Nachweis von
— im Urin, Speichel und in andern Körper¬
flüssigkeiten 255.
Jodanstrich, Die große Tiefenwirkung und lange
Dauer des — 708.
r Joddihydroxypropan“ (Alival), Neues, für jede
Applikationsart geeignetes Jodpräparat: —
679.
Jodostarin, Erfahrungen mit — 345.
Jodprobe, Eine weitere empfindliche — für den
praktischen Arzt 571.
Jodtinktur, Ein Ersatz der — 1410. Vorschlag
eines Ersatzes von — durch Bromchloroform
in der Chirurgie auf Grund experimenteller
Versuche 171. —, Perubalsam und Wasser¬
stoffsuperoxyd mittels Zerstäubers angewandt
170. — s. Darmerkrankungen.
Jugenderziehung, Militärische — 262.
Jugend- und Schul Sanatorien 1358.
Kaiserschnitt, Bericht über fünf Fälle von ertra-
peritonealem — 1219. Ueber extraperitonealen
— 954, 1145. Extraperitonealer und trans¬
peritonealer — 1278.
Kala-Azar, Splenektomie bei — 897.
Kalk-Lebertrantherapie s. Rachitis.
Kalksalze gegen Erfrierung 1428.
Kallusbeschwerden, Elektrische Behandlung von
- 319.
Kallusbildung nach Knochenverletzungen 254, 262.
Kälte, Therapeutische Verwendung der — mit
besonderer Berücksichtigung der klimatischen
Tuberkulosebehandlung 764.
Kammerwasser s. Linse.
Kaninchenfleisch, Der Wert des — für die Volks¬
ernährung 372, 732.
„Kankroin“, Unsere Erfahrungen mit — 761.
Karamose (Merck) für Diabetiker und Kinder
254.
Kardia, Transpleurale Resektion der -- und des
Oesophagus 789.
Kardiolyse, Rechtseitige — 257.
Kardiovasculäre Erkrankung 1113.
Karotis, Ligatur der — 842.
Kartoffel, Die — als Volksnahrungsmittel 196.
Karzinom s. Oesophagus.
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Original from
UMIVERSITY OF IOWA
INHALTS-VERZEICHNIS.
XV
Karzinom- und Sarkomentwicklung s. Uternskör-
Kar/ir.omoperation. Spätrezidive nach — 000.
Ka-nistirflie Mitteilung 787.
KatnriJtabletten 1009, 1216.
Katalysatoren. Beinflussung der — in der Schwan¬
gerschaft 1274.
Karimnieartige Ersrheinnng beim Gesunden 734.
Kstatonusversuche (Kohnstaumi), Zum — 1112.
K.iatichak s. Experimente.
Kaut&hakscbauni s. Glieder, künstliche.
Kehlkopf s. Schuß Verletzungen . Schußverletzungen
des -- 733.
Kehlkopf- and Lnftröhrenerkrankungen, Wert
der Röntgenuntersuchung bei Diagnose von
- 50.
Kehlkopfschüsse 203, 733.
Kehlkopfverletzung durch eine „gellende“ russi¬
sche Kugel 548.
Keilbeinhöhle, Projektil aus der — entfernt 495.
Keloidbehandiung, Radium bei der — 817.
Keratitis parenchvruatosa, Heilung von drei Füllen
von — durch Salvarsan respektive Ncosalvar-
san 953.
Kerato-lritis. Tuberkulöse — 261.
Keratosis follicularis spinulosa 1334.
Keratosis follicularis vegetans 1387.
Kernot E. (Neapel) 500.
Keuchhusten. (Jeher den — 1192.
Kiefer 8. Sclmßverletzungen.
Kieferbrüche. Behandlung der — 1141.
Kiefergegend, Messerstich in die rechte — 683.
Kieferhöhleneiterung, Sechs Fülle von — nach
Schnßverletzung 1362.
Kieferklemme, Apparat zur Dehnung der Kiefer-
muskeln und Bänder bei — 710.
Kiefermuskel und -bänder, Universalaparat zur
Dehnnng von — nach Schußverlctzugen 732.
Kieferschienenverbände bei Frakturen und Resek¬
tionen, L eber die erfolgreiche Verwendung von
- mit besonderer Berücksichtigung der Zinn-
sdiarnierschiene. Von Fr. Hauptmeyer. Mit
.11 Textabbildungen und 3 Tafeln. 2. Auflage,
betvwhe Zahnheilkunde. Herausgegeben von
Julius Witzei. Heft 3 173.
KicfersclmÜfraktnren, Geheilte — 143. Lippen- und
öesichtsplastik nach — 765.
Kieferschoßverletzangen, Therapie der — 1145.
Kieferstück. An Stelle eines fehlenden — ein
Stück Tibia 1414.
Kieferrerletztc, Notwendigkeit sofortiger und'aus¬
reichender Hilfe bei — 345.
Kieferverletzungen 685. — im Krieg und deren
Behandlung 1193. — im jetzigen Krieg und
deren Behandlung 1197.
Kiel. Medizinische Gesellschaft in — 1063.
Kienböck R. (Wien) 264.
Kind. Behandlung des zarten und zu früh ge¬
treuen — zu Hause 200. Neugeborenes —
mit deutlicher universeller Ichthyosis 766. Neu¬
geborenes — mit Peritonitis 24. 8. Volkser-
nährnng.
Kinder. Die erziehliche Beeinflussung und Be¬
schäftigung kranker —. Von Nelly Wolffheim
^ MS.
Kinderernährung! Milchknappheit und — 1203.
Kinderheilkunde, Therapeutische Vorschläge aus
dem Gebiete der - H95.
Kinderklinik (Anniestiftung) in Frankfurt a. M.
Klinische Beobachtungen und Erfahrungen aus
der - von H. v. Mettenheimer, F. Götzkv und
F-Weihe 82.
Kinderkrankheiten, Fortschritte in dermedikamen
f en Th «ap»e der - 573. Kurzes Lehrbucl
... J T ~- v on H. Lehndorff 406.
mderlähmung, Behandlung der — 926. Vor
^ommen der spinalen — in Oberößterreich in
den Jahren 1909 bis 1913 1217.
ln _ er jj^ X18 ’ Beobachtungen aus der Freiburger
KjndoMerblichkeit, Abnahme der — in Berlin
,, IJJS - ~ m London 768.
über die ~ v - Herffs 375.
K ippsche Drahtextension 81.
C1 and R a l 8 524 c Bemerkun gen über die Biologie
Q,,d Bekäm pfung der - 109. Neues, sehr wirk¬
sames Mittel gegen die — 491. Leber die —
tötende Mittel 1034.
Kleiderläuse, Befreiung der Truppen von — 374.
Behandlung und Prophylaxe der — 344.
Bekämpfung der — 817. Bekämpfung der —
durch trockene flitze 673, 1079. Entfernung
von — durch Schwefeldämpfe 456. Impro¬
visation eines Apparats zur Abtötung von —
807. — und die Uebertragung von Krankheiten
durch Arthropoden 787. Vertilgung der —
651.
Kleinhirn, Erscheinungen von Seite des — nach
Kontusion des Stirnhirns 230.
Kleinhirnliemispbäre, Blutung auf der rechten —
930.
Klima, Einiges über den Zusammenhang von —
und Tuberkulose 1271.
Kiimatotherapie als Ileilfaktor für die im Kriege
Verwundeten und Erkrankten, mit besonderer
Berücksichtigung des Höhenklimas 1195.
Klitorisrupturen, Symptomatologie der subcutanen
— 257.
Klumpkesche Lähmung 25.
Kniegelenke, Operative mobilisierte — bewähren
sich auch im Kriege 171.
Knieschlisse, Behandlung eiternder — 1119.
Knochen, Operationen an den — 1082. — s. Cy¬
sten. Nene Methode der Vereinigung fraktu-
rierter — 765.
Knochenatrophie, Akute nach Unfall 569.
Knochencyste, Ostitis tibrosa und — 1413.
Knochennenbildung, Eigenartige — nach Schuß-
verletzung 1084.
Knochenbruchbehandlung 1197, 1253.
Knochenbrüche, Erste Versorgung bei — 921,
949. 972, 1006, 1031, 1056, 1082, 1106, 1134.
Heilung von schweren — mittels Röntgenreiz¬
dosen 211. — s. SStreckbehandlung.
Knochenmark, Das — 10.
Knochenschnß Verletzungen s. Refrakturen.
Knocliensequester aus Fistelgängen, Unblutiges
Verfahren zur Entfernung von — 1220.
Knochensplitter und Sequester. Physiologische Ent¬
fernung von — bei Knochenschüssen 1411.
Knochensplitter und Fremdkörper, Schonende
Entfernung von — bei Schädelschüssen und
Himabscessen 1411.
Knochen- und Gelenkentzündungen, Trauma und
— 587.
Knochen- und Gelenkschüsse, Klinik und Thera¬
pie der infizierten — 346, 843.
Knochen-, Gelenks- und Nervenverletzungen und
Apparate. Technische Behelfe bei — 1389.
Knochenveränderungen nach Neuritis 377.
Knorpelstndien, A. Weiehselbaunis — nebst einem
Beitrage zur Kenntnis der sogenannten Pseudo¬
strukturen und der basophilen interfibrillären
Grundsubstanz im kindlichen Rippenknorpel
286.
Koagulen bei unstillbarer Lungenblutung 172.
Koblenz-Ehrenbreitstein. Kriegsärztliche Abende
| i n _ 713j 845. 986, 1143, 1433.
1 Kochlearis s. Spätaffektion.
Kochsalz s. Fieberzustände.
Kochsal/.behandlung, Weitere Mitteilungen über
— 1387.
Kochsalzinfusion. Einfacher Apparat für sterile
— 1300. — s. Typhus abdominalis.
Kochsalzlösung s. Typlmsfall.
Köln, Aerztlicher Verein in — 26,175. 793. Kriegs¬
ärztliche Abende zu — 957, 1037.
Königsberg i. Pr., Verein für wissenschaftliche
Heilkunde in — 1196, 1278 a.
Körperaussclieidnngen, Krebs und — 1011.
Körperemanationen vom physiologisch-klinischen
Standpunkt 1276.
Körpertemperatur, Verhalten der — bei Dys¬
enterierekonvaleszenten 435. Einseitige Steige¬
rung der — 1288
Kolkehydrat, Durch — zuckerfrei 346.
Kohlehydratgärung, Gibt es eine — im motorisch
intakten Magen ? 1246.
Kohlensäurebehandlung eiternder Wunden 816.
Kohlensäureschnec s. Hautkrankheiten. — als
Sensibilisator in der Radiumtherapie 1410.
Kokkenenteritis 1385.
Kolibaeillen, Neuer Kulturboden zur Unterschei¬
dung der — von Typhus- und anderen patho¬
genen Bakterien 1222.
Kolitiden, Unspezifische akut hämorrhagische — 19.
Kullargol, Leber den therapeutischen Wert des —
hei Sepsis und einigen anderen fieberhaften
Erkrankungen 1428.
KoUargolbeliandlung innerer Erkrankungen 1143.
Kolpeuryntermassage s. Pa raunet ritis,
Komaformen, Betrachtung über die relative Häu¬
figkeit der verschiedenen — 764.
Kompleraentablenkung als Reaktion zur Unter¬
scheidung zwischen den Seren Typhuserkrank¬
ter und gegen Tvplms Geimpfter 545.
Komplementbildung bei Variola 652.
Kompressenfrage 900.
Kompressionssyndrom s. Rückenmarkstumoren.
Kongorotnährboden, Die Brauchbarkeit des zur
bakteriologischen Typhusdiagnose 489.
Kongorotserum- und Drigalskiserumagar, Brauch¬
barkeit des — zur bakteriologischen Typhus¬
diagnose 1352.
Kongreß, Der VII. internationale für Geburts¬
hilfe und Gynäkologie 932.
Kongresse, Internationale — 1193.
Kontrakturen, 2 Fälle von - des Eil bogen gelen¬
kes nach Schußverletzung, durch Persuasion
gebessert 346.
Kontusionspneumonie, Ueber dyspnoische - 106.
Koordinationsübnngen s. Stöpselapparat*
Kopf, Schnßverletzung des — 845.
Kopfschmerz, Der syphilitische — 141.
Kopfschüsse 26, 793. Verschiedene Arten der —
175. Chirurgische Behandlung der — 114. Be¬
urteilung der — 1828.
Korrektur, Historische — 374.
Korrekturverband 1106.
Kost, Bemerkungen über die — der Arbeiter 402.
Kotphlegmone, Zwei Fälle von — und Kotabseeß
nach .Schußverletzung des Bauches durch
Scli rapnellfü 1 lkugeln 652.
Kraftwagen zur Nachtzeit für Aerzte 1198.
Krankendiät, Kriegsernährung und — 255.
Krankenernährung während des Krieges 787.
Krankengeschichten, Auszüge aus — 908. Zur
Schätzung der verflossenen Zeit und über ihre
Rulle bei der Aufnahme von — 172.
Krankenhaus. Ein Vergleich zwischen dem alten
und modernen — 199.
Krankenhausluft, Wichtigkeit des Studiums des
Zustandes der — 199.
Krankenhausventilation vom Standpunkte des In¬
genieurs 199. — vom Standpunkte des Klini¬
kers 199.
Krankenschwestern und Pflegerinnen, Ueber die
richtige Verwendungsstelle der — im Kriege 8.
Krankentransportwagen „System Bielefeld“ 679.
Krankenvorstellung 1143.
Krankheiten während des Krieges, Die Möglich¬
keit des Auftretens exotischer (besonders tro¬
pischer) — 108. Welche — oder sonstigen Ur¬
sachen führen bei Bewohnern des Deutschen
Reichs einerseits in der Jugend, anderseits im
mittleren und vorgeschrittenen Lebensalter am
häufigsten zum Tode? 492.
Krautner K. (St. Marein) f 378.
Krebs der Frauenbrust 1011. Die negative und
positive Diagnose von — des Gastrointestinal¬
traktes 1011. - der Haut 1011. — und Kör-
perausscheidangen 1011. — der oberen Luft¬
wege lüll. — s. Proteinabsorption.
Krebsbehandlung mit Radium 17.
Krebskranke. Problem der — 1011.
Krebskrankheit, Die Lehre von der — von den
ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Von San.-
Rat Prof. l)r. Jacob Wolff 790.
Krebsliteratur, Neuere — 1163.
Krebsserum, Einige Angaben über ein neues —
1011.
Krebsvaccine und Antikrebsglobuline als Hilfe bei
der chirurgischen Behandlung von malignen
Erkrankungen 50.
Kreislauftriebkräfte, Extrakardiale — und ihre
Beziehung zum Adrenalin 343.
Kresolpuder, ein Schutz- und Vertilgungspuder
des Ungeziefers im Felde 981.
Kretinismus s. Kropf.
Digitized b)
Google
Original from
UNIVERSITV OF IOWA
XVI
Kreuzfuge, Bei Schußverletzungen der -- ist das
Trendelenburgsche Zeichen vorhanden 841.
Krieg und die Aerzte, Der — 10(5. Mitteilungen
aus ärztlicher Tätigkeit im — 600. — s. Er¬
nährung. und Geschlechtskrankheiten 598,
626. — und Gesundheitsfürsorge 1245. und
Lungentuberkulose 1335. — und Nervensy¬
stem 110. Einige allgemeine Bemerkungen über
den — und unser Nervensystem 469. — und
Neurologie 19. — und die traumatischen Neu¬
rosen 372. -t--, Prostitution und Geschlechts¬
krankheiten 140. Psychiatrisches zum — 818.
— und Seelenleben 1167, 1194. und Tu¬
berkulose 18, 630. — und Verdauungskrank¬
heiten 1390.
Krieger, Fürsorge für ertaubte und schwerhörige
— 607. Unterbringung und Versorgung unserer
tuberkulösen 1085.
Kriegerheimstätten 1390 b.
Kriegsärztliche Erfahrungen in England und
Frankreich 374.
Kriegsnrztliehes aus Feld und Heimat 1364. —
Taschenbuch. Von Jankau 1011.
Kriegsanleihe 1306.
Kriegsaphorismen s. Dermatologe.
Kriegsarzt, Die gutachtliche Tätigkeit des - 17.
Kriegsauszeichnungen beim militäräizlliehen Offi¬
zierskorps 848.
Kriegsbeschädigte. Bis wann dürfen und sollen
— behandelt werden? 952. Nachbehandlung
von — 1336.
Kriegsblindenfürsorge 815.
Kriegsbriefe ans der Kriegslazarettabteilung des
1. bayerischen Armeekorps 81.
Kriegsbrote, Verdaulichkeit der — 651.
Kriegschirurgentag, Deutscher — 547, 578, 604,
685.
Kriegschirurgie, Aerztliche Fehler bei Ausübung
der — und ihre Vermeidung 733. Beobach¬
tungen über — in den ersten Wochen des
Krieges 315. Demonstrationen aus dem Ge¬
biete der — 1252. Erfahrungen in — 1114.
— früher und jetzt 285. Gelenkmobilisierung
in der — 734. Leitsätze der — 229. Leitsätze
der —. Von Wieting-Pascha 873. — der Glied¬
maßen 1059. — des Sehorgans 48.
Kriegschirurische Blutung, Zur Behandlung der
— 197. — Erfahrungen 725, 1060, 1427. -
Erfahrungen und Beobachtungen 926, 954. —
Erfahrungen im Feldlazarett 3, 29. — Er¬
fahrungen bei den gefangenen Franzosen auf
Lager Lechfeld 651. — Erfahrungen mit den
Mantelgeschossen. Ueber die Wirkung der
Dumdumkugeln 1313. Seltenere Fälle — 1013.
— Kasuistik 203.
KriegBchirurgischer Tritschtratsch 116, 146.
Kriegschirurgisches aus den ersten vier Monaten
des Krieges 272.
Kriegschronik 27, 57, 85, 115, 146, 175, 205, 235.
263, 319, 377, 411,442, 499, 579, 631, 686 a.
739, 768, 793, 847, 875, 902, 932, 957, 986 a,
1014, 1038, 1091. 1278 b, 1306, 1390a,
1435.
Kriegsdermatosen, Zur Behandlung der — 599.
— s. Ekthyma.
Kricgsdiätetik, Ein Beitrag zur —. Zur Feld rat ion
der Schweizer Soldaten 708.
Kriegsdienstleistung, Freiwillige — 658.
Kriegsdiensttauglichkeit ehemaliger Lungenheil-
stättenpfleglingc 373.
Kriegseindrücke. Ein Jahr ärztlicher — in Moskau
1359.
Kriegserkrankungen s. Magendarmkanal.
Kriegsernährung 227. — und Krankendiät 169,
255.
Kriegsfreiwillige, Erfahrungen hei der Untersu¬
chung von — 254.
Kriegsgebäcke, Bekömmlichkeit der — und die
Herstellung reinen Weizengebäcks für Kranke
267
Kriegsgefangenschaft, Erlebnisse in französischer
1063.
Kriesshämntothorax, Pathologie und Therapie des
- 954.
Kriegshygiene in der altjüdischen Literatur 494.
Kriegshysterie s. Hypnose.
Kviegskrankheiten der Zivilbevölkerung 1396.
INHALTS-VERZEICHNIS.
Kriegskrüppeltum. Prophylaxe des — vom chirur¬
gischen Standpunkte 319, 493. Prophylaxe des
— vom orthopädischen Standpunkte 319,
653.
Kriegs- und Landsturmersatzgeschäft. Eindrücke
vom — 981.
Kriegsmedizin. Historisches zur — in Frankfurt
a. M. 1192, 1244.
Kriegsmedizinische Erinnerungen 256.
Kriegsnephritiden, Aetiologie der — 1220.
Kriegsnenrologie, Krankendemonstration zur —
576. Kurze Mitteilungen zur Zwei Fälle
von einseitigen multiplen Hirnnervenverletzun¬
gen 1112.
Kriegsneurologische Beobachtungen und Betrach¬
tungen 575. — Erfahrungen 1017. Ergebnisse
der — Forschung 1298.
Kriegsneurosen, Seltene Fälle von — 1013.
Kriegsaneurysmen 196, 1086. — und deren Be¬
handlung 24. Technik der Operation der —
652. Weitere Erfahrungen über — , mit be¬
sonderer Berücksichtigung der Gefäßnaht
652.
Kriegsorthopädie, Apparate zur — 1034. 1217.
Kriegsorthopädisches 896.
Kriegsphlegmone. Behandlung der — mit Peru¬
balsam 256.
Kriegsprosektnren 286.
Kriegspsychiatrische Begutachtungen 1034. — Er¬
fahrungen aus der Front 1010.
Kriegspsvchoneurosen, Anamnese der sogenannten
- 1111 .
Kriegspsychosen 739, 852. Wesen und Bedeutung
der - 283.
Kriegsruhr, Behandlung der — 573. Klinik der
— 140.
Kriegssanitätsdienst in Berlin, Der — 48.
Kriegsschäd'gungen des Auges 285. — s. Ohren.
Kriegsschauplatz, Vom galizischen — 171. Erfah¬
rungen am österreichisch-russischen — 50.
Kriegsschiene, Neue — 611.
Kriegsseuchen, Das jahreszeitliche Anftreten der
— 626. Bakteriologische Erfahrungen bei —
1143. Bakteriologische Erfahrungen über —
1281, 1318. — und ihre Bekampfnng 403,
1278 a. Erfahrungen über die Behandlung
der — 731, 929. Einige Beobachtungen über
— im Balkankriege 1913 1320. Entstehung
und Ausbreitung der — 254, 283. — und
die Bedeutung der Kontaktinfektion 1383,
1409. — im ersten Kriegsjahr 1014. Die Be¬
kämpfung der — durch Schutzimpfung 678.
Kriegsteilnehmer s. Herzgeräusche. — s. Herz-
. infektionen. — s. Herzschädigungen. — s.
Herzstörungen. — s. Herzveränderungen.
Kriegstraumen s. Sprachstörungen.
Kriegstyphus 452, 479. Psychosen beim — 1167.
Kriegs verletzte, OrthopädischeNachbehandlung der
— 709.
Kriegsverletzung, Eine seltene — 234. Eine sehr
wichtige — der Augen 314.
Kriegsverletzungen 874. Zwei — 953. — des
Auges 553, 573. — s. a. Auge. — s. Balneo¬
therapie. — und -erkrankungen s. Balneothe¬
rapie. Die Thalassotherapie als Heilfaktor bei
— und -erkrankungen 1195. — s. Infektion.
— s. Lungen. — s. Nachbehandlung. — der
Nebenhöhlen des Gesichtes 318. Operative Be¬
handlung der — der peripherischen Nerven 237,
570. — des Nervensystems 232. — s. Nerven¬
system. — und -erkrankungen des Nervensy¬
stems 871. Behandlung von — des Oberarms
1193. — s. Ohr. — s. Sehorgan.
Kriegsverstümmelte s. Preisausschreiben.
Kriegsverstümmelten-Fürsorge 957.
Kriegsverwundete, Nachbehandlung der — 199.
Nachbehandlung der — mit einfachen Mitteln
1195. — und -erkrankte s. Badebehandlung.
Kriz Arpad 580.
Kropf, Kretinismus und die Krankheit von Oha¬
gas 1085.
Kropfätiologie, Versuche über die — 376.
Krüppeltum bei unseren Kriegsverwundeten, Zwölf
Gebote zur Verhütung des — 162, 197.
Krupp und Pseudokrupp, Das Auskultationsphä¬
nomen des Kehlkopfes beim — 197.
KruBtazcen, Erregung und Tonus bei den — 51.
Küchenabfälle für die Volksernährung. Die Nutz¬
barmachung der -- 227.
Hüttners Bericht über seine Tätigkeit als be¬
ratender Chirurg 1252.
Kufentrage, eine neue Verwundeten trage für den
Schützengraben 779.
Kugel aus dem Rückenmark entfernt 1248. Be¬
stimmung des Sitzes der — nach Fürstenau
847. ln den linken Hauptbronchus aus einer
Lungenschußwunde eingewanderte — broncho-
skopisch entfernt 1248.
Kugelsncherapparat 254, 628.
Kuhpockenimpfstoff, Die Brauchbarkeit des mit
Aether behandelten — 107.
Kupfer, Oligodynamische Wirkung des — 1359.
Kupferbehandlung. Die Wirkung der auf das
tuberkulöse Meerschwein 170.
Ijabetrains, Mobile — der freiwilligen Sanitäts¬
pflege 876.
Laboratoriumsinfektionen. Verhütung von —
1398.
Labyrinth, Demonstration eines Falles von funk¬
tioneller Zerstörung des — mit labyrinthären
Reizerscheinungen 984. — s. Spätaffektion.
Labyrintheiterung, Hörvermögen bei — 654.
Labyrinthgegend, Schrapnellstcckschuß in der —
874. " . ,
Labyrinthitis circumscripta. Klinische Studie über
die - 601.
Labyrinthprellnng infolge Detonation in einer
Entfernung von ca. 100 m 683.
Lactosurie, Chronische — bei einem darmge¬
sunden , ausgetragenen, aber konstitutionell
minderwertigen Brustkinde 734.
Lähmung, Schlaffe — des ganzen linken Armes
204. — des Atmungszentrums im Anschluß
an eine endolumbale Neosalvarsaninjektion 313.
Brown-Sequardsche — mit Lähmung des
Haissympathicus nach Schuß Verletzung 602.
— des linken Haissympathicus und mit Schnß-
verletzung des Larynx 144. Isolierte — des
Nervus glutaeus superior durch Schußver¬
letzung 1112. — a. Tetanie. — der Sohlen¬
muskulatur bei Schuß Verletzungen des Nervus
tibialis 681. — nach Typhus 1032.
Läuse, Vertilgung der — im Felde 897^ Über
Züchtungsversuche von — aus Nisse 734.
Läusebekämpfnng 573, 981, 1061, 1167. Zur
mittels Cinol 1240. durch Texan 346.
Läusefrage, Beitrag zur — 571, 843-
Läuseplage 239. Die Bekämpfung der — 226,
284, 403, 870. 1429. Bekämpfung der — im
Felde 373, 571. Bekämpfung der — insbe¬
sondere mit Behelfsdampfdesinfektionsappara¬
ten 403. Ein sehr altes und einfaches, aber sehr
wirksames Verfahren zur Bekämpfung der
im Felde 1085. Beseitigung der — 870. Er¬
fahrungen bei der Anwendung von Mitteln
zur Bekämpfung der — 650.
Lüusetötende Mittel, Weitere Mitteilungen über
— 573 -
Läusevertilgung 573. Methodik der — durch
Dämpfe chemischer Agentien 787. Neues Mittel
zur — 572.
Lagernngsbehandlungder Nervenverletzungen 760.
Lagerstätte, Ueber eine für das Feld, namentlich
für Schützengräben bestimmte, leicht impro¬
visierbare — 1272.
Laminektomie, Die Frage der — bei Schuß Ver¬
letzungen vom neurologischen Standpunkt 402.
Die Vorteile der Bauchlage Lei der Nachbe¬
handlung der 133J.
Landau Max 580.
Langlebigkeit s. Senilität.
Landpraxiseindrücke, Die — eines österreichischen
Gemeindearztes. Von Dr. K. H. Schirmer 1061.
Landsturmärzte, Materielle Lage der — 632, 714.
Zulagen der neuen — 958.
Laparotomie, Indikationen zur — im Felde 698.
s. Wasserstoffsuperoxyd.
Laryngoiogie, Rhinologie und ihre Grenzgebiete,
Jahresbericht über die Fortschritte der —.
Von F. Blumenfeld. I. Band, Würzburg 1914 173
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Original frnm
UMIVERSITY OF IOWA
INHALTSVERZEICHNIS.
3 Rönfgenverfahren in der —. Von M. Wein-
gacrtner 1114.
Uryngolo^iarlies vom Verbandsplatz 654.
birjnx s. Sclinßverletzungen.
l.irvTixschü-se 1220.
ljrynssrenosen. Posttypliöse — 956.
Ijobenheimer K. (Heidelberg) 658.
f.ingeovfrätznjig, Antethorakale Oesophagoplastik
wegen — 495.
Laasofan 645, 841.
Unsschutz, Persönlicher — 842.
Lazarettbeschäftigung und Militärnervenheilstätte
786.
I.aza rettbetrieb. Praktische Kleinigkeiten irn —
787.
Lutarehdisziplin als Heilfaktor 1207.
I.azarettontemcht 842.
Lazarettziisre, Reinigung der — bei der Linien
konunandaniur X, Stettin 1085.
Leben. Hie Umwelt des —. Von L. J. Henderson 927.
Lebensgefahr s. Herz.
Leberntrophie, Zur Klinik der akuten gelben
mit Berücksichtigung der Aetiologie 593, 809.
Die aknte gelbe — im Anschluß an die über¬
standene Uhloroformnarkose. Von A. v. Bracke
628. Akute gelbe — bei Syphilis 1009.
I.cberbefestignng bei Lebersenkung, Verfahren
zur — und eine Bezeichnung für die Größe
einer Magensenkung 521.
Leberechiuokokkus, Operierter Fall von — 145.
Leberfnnktion, Studien über die — 172. — s.
Phenoltetrachlorphtaleinprobe.
Leber-, Gallen- und Pankreaskrankbeiten. Fort¬
schritte in der Behandlung der — 1112.
Lefiertran s. Spasrriophilie.
Leberverletznng s. Gallenpleuritis.
Leeatyl behänd Iung der Tuberkulose 1192.
Loer.'diiene 1060.
Leilischmerzen, Behandlung von — 80.
Leichmräger s. Schutzmaske.
Leisttnhoden, Stieltorsion des — 650.
Leitangsamisthesic? Mißerfolg der — 392.
Lenket hei der Wundbehandlung 194.
Lenicet-Mondwasser in fester Form 1219.
Lepra anaesthetica 711.
Lepra der oberen Luftwege 1277. Kann uns die
- in den russischen Ostseepsovinzen gefähr¬
lich werden 708.
Leakaemia — eine Infektion 1302.
Leukämie s. Diabetes mellitus. Hämatologische
Diagnostik der — 1412. Beiderseitige Unerreg-
baikeit des kochlearen und vestibulären
Apparates bei — 928. Lineale — lind eine
tiefe venöse Blutung 1387. Ueher einen l 1 /* Jahre
lang mit Mesothorium X behandelten Fall von
lymphatischer — 1035.
Uukocyten- und Blutplättchenzahlen, Klinische
l'ntersuclmngen über das gegenseitige Ver¬
hältnis der -- 14.
Leukopenie s. Typhus abdominalis.
Lukozon, ein neues Wundstreupnlver 760.
Levarinose s. Hautkrankheiten.
Lichen planus 1333.
Lehen ruber planus 232. Isolierter — der Mund¬
schleimhaut 261. Universeller — 113.
Lichen ruber verrucosus 261.
Lieben scrophalosorum 261.
Lichen simplex Vidal 231.
Licht, Beziehungen des Lebens zum — 1140,
1385. —, Radium. Elektrorhythmik, Dia¬
thermie zur Nachbehandlung von Kriegsver¬
letzungen und Kriegskrankheiten des Be-
wegungsapparates 817. Die Wirkungen des —
auf die lebende Zelle 599.
Lichtbehandlung des Tetanus 313.
Lichtfilter 1384.
Wiigs Fleisdiextrakt, Der vollwertige Ersatz von
7, ^ Typbusnährboden nach v. Drigalski und
, H. Conradi 650.
Ligamenta rotnnda s. Parametritis.
tgamentum latum, Stieltorqniertes Fibrom des
~]144.
Kriegsarztliche Abende der Militärärzte von
.. U j Umgebung 85. Kriegschirargische
m 498 Q 657 iFrankrekh) 114 ’ 234 ’ ^ 62,
u »a ilkt i. Hernien.
Linse, Versuche mit —, Glaskörper, Kammer¬
wasser und Serum in bezug auf ihr Verhalten
zu einigen anorganischen Alkalien und alka-
lisch-reagierenden Salzlösungen 954, 981, 1060,
1141.
Lippen- und Gesichtsplastik nach Kiefersclmß-
frakturen 765.
Lippenherpes 630.
Lippmann 658.
Lipsehütz B. 606.
Liquor cerebrospinalis, Neue Reaktion zur Unter¬
suchung des — 896. - s. Rückenmarkstumor
652.
Liquordiagnostik, Über den heutigen Stand der
- 170:
Literatur 932, 1416 b.
Livido racemosa 1196.
Lodz, Kriegssanitätswissenschaftliche Versamm¬
lungen in — 439.
Löffler Friedrich f 466.
Loehl (Berlin) 658.
Löwenstein A. (Prag) 264.
Löwenstein E. (Wien) 058.
Lokalanästhesie, Verwendung der — 628.
Lokalisation s. Fremdkörper — der anatomi¬
schen Gebilde mit Röntgenstrahlen 1383. Rönt
genoiogische — von Projektilen 847.
Lokalisationskanüle 1271.
Lokalisationsmethode, Praktische Erfahrungen mit
der Fürstenanschen — von Geschossen 256.
Lokalisationsverfahren, Ein neues — mittels me
tallischer Koordinatensysteme 491.
Lorenz H. (Wien) 264.
Ludwig Ernst 1197, 1273.
Lüdin M., Bemerkungen zum Aufsatz von —.
Über den anakroten Puls in der Arteria ca
rotis und Arteria tubelaria bei Aorten Insuffi¬
zienz 601.
Lüftungs- und Heiznngshygiene, Fortschritte in
der — 1216.
Lues 1333. Maligne — 261. Infektions- und Im-
munitütsgesetze bei matemer und fötaler —
598. Fistelsymptom bei kongenitaler — beim
Aussprechen von m und n 874. Weitere Er¬
fahrungen mit der Gerinnungsreaktion bei
— 924. — s. Lymphosarkom. — s. Tar-
sitis. Wert der Wassermannreaktion für die
Diagnose und Therapie im Sekundär- und
späteren Stadium der — 1335.
Luesreaktion, Unter welchen Bedingungen hat die
Herman-Perutzsche — Anspruch auf Gleich¬
berechtigung und praktische Anwendung wie
die Wassermannsche Reaktion 1008.
Luft, Experimente im Laboratorium mit — 199.
Luftdruck bei Infanteriegeschossen 1084.
Luftembolie, Tödliche — durch Bolusinsufflation
mit Nassauers Siccator 1272. — nach subcu-
taner Sauerstoffapplikation bei Gasgangrän
60°.
Luftozonisierung, über die hygienische Bedeutung
der — 172.
Luftröhrenkatarrh, Behandlung des chronischen
— 598.
Luftverbranch beim Singen 492.
Luftwege, Krebs der oberen — 1011. Verletzun¬
gen der — und der Speiseröhre 685, 955.
Lumbalpunktion, Einige Daten über die diagno¬
stische und therapeutische Bedeutung der —
bei submeningealen Blutungen traumatischer
Ätiologie 1057. — s. Cerebrospinalflüssigkeit.
Luminal, Die Wirkung des — bei epileptischer
Demenz 110.
Lunge, Behandlung von Bajonettstichverlefzungen
der — 523. Gangrän der — nach Schußver¬
letzungen derselben 374. — 8. Herdreaktion.
— s. Nachblutungen.
Lungen, Pathologisch-anatomische Beobachtungen
an Kriegsverletzungen der — 841.
Lungenentzündung, Diagnose und Therapie der —
1433. — und Unfall 973.
Lungenerkranknngen 497.
Lungengangrän bei Bronchialsteinen 872. Heilung
eines Falles von — durch künstlichen Pneu¬
mothorax 842.
Lungenhypoplasie, Beiderseitige — 286.
Lungenleberschaß, Mit Darmverschluß kompli¬
zierter — 48.
XVII
Lungenpest, Maßregeln gegen — 80.
Lungenschuß ohne Lungenerscheinungen 523,
Lungenschüsse, Über — 141, 142, 186, 254, 523,
1434 Behandlung der - 733. — und deren
Behandlung durch Punktion und Einlassen
von Luft in die Brusthöhle 523. Diagnose und
Therapie der — 1057. Prognose und Therapie
der — 142. — und ihre Komplikationen 861.
— und Lungentuberkulose 1410.
Lungenschwimmprobe, Bewertung der — 649.
Lungenspitze, Ätiologie und Pathogenese der nicht
tuberkulösen Erkrankungen der — 55.
Lungenspitzentuberkulose, Bedeutung der Perkus¬
sion für die Diagnose der — mit besonderer
Berücksichtigung der Bestimmung der KrÖnig-
schen Spitzenfelder 952.
Lungentuberkulose 280. Behandlung der — mit
intensivem rotreichen Licht 1033. Die operative
Behandlung der —. Von F. Jessen 899. Früh¬
diagnose der — (mit Ausschluß der Röntgen¬
diagnose) 1218. Kavernöse — beim Säuglinge
169. Tod an — nicht. Folge eines sechs Jahre
zurückliegenden Unfalls 811. — durch Unfall
weder hervorgerufen noch verschlimmert 514.
Über extrapleurale Thorakoplastik bei — und
Bronchiektasien 140. — und Krieg 1335.
Lungenuntersuchung, Hauptpvinzipien der — 790.
Lungenverletzung durch Bajonettstich mit kom¬
plizierendem Hämatothorax 285.
Lungenverletzungen 54. — s. Pneumothorax.
Lupus erythematodes 231, 1250.
Lupus erythematosus 231.
Lupus, Isolierter — der Gingiva 261. Höhensonnen¬
behandlung des — und anderer tuberkulöser
Erkrankungen der Haut 1139. — s. Höhen¬
sonnenbestrahlung. Über intravenöse Behand¬
lung des — mit Kupfersalvarsan 197.
Lupus vulgaris 1333.
Lupusheilstätte, Verwundete in der — 1330.
Luxatio fibnlae, Isolierte — im Talocruralgelenk
816 .
Luxation des Capitulum ulnae mit Abriß des P.
styloideus ulnae 1248. — s. Zehe.
Luxationsfraktur, Isolierte — des Talus nach Gra¬
natkontusion 1428.
Lymphangioma circumscriptum cysticom 231.
Lymphdrüsen, Primäres, generalisiertes Spindel¬
zellsarkom der — 1357.
Lymphgefäßsystem 8. Hypertrophie.
Lymphödeme, Dauerresultate der chirurgischen
Behandlung der elephantiastischen — 522.
Lymphogranulomatose 1251. — (Hodgkinsche
Krankheit) mit pemphigusartigem Ex- und En-
anthem neben granulomatösen Hautknoten
1110. — Paltauf-Sternberg 232.
Lymphosarkom des Dickdarms 1415. — des Ma¬
gens und hereditäre Lues 656. Fall von —
des Rachens, von der Tonsille ausgehend 928.
Lytussin, ein endermatisches Heilmittel gegen
Lungentuberkulose 568.
Maculae coeruleae bei einem Falle von Typhus
exanthematicus 762.
Magen, Die Erkrankungen des — bei Lues 199,
229. Beitrag zur Radiologie der Bewegungs¬
vorgänge am kranken — 1386. Beiträge zur
Physiologie des . XXL Die den bitteren To-
nica zugeschriebene Wirkung auf die Magen¬
saftsekretion beim Menschen und Hund 375.
Untersuchungen des — mittels Sekretions¬
kurven 196. Vergleichende Untersuchungen
über röntgenologische und klinische Befunde
am — 1083. Wirkung verschiedener Maßnahmen
auf das Verlassen des — durch Flüssigkeiten
764. Fremdkörper im — 1276. Verletzungen
von — und Darm durch das Infanteriegeschoß
732. Zur Chirurgie des — und des Duode¬
nums 950, 976. — s. Divertikelbildung. — s.
Kohlehydratgärung. — s. Lymphosarkom.
Magenchirurgie s. Antrum pylori.
Magen- und Darmentleerang, Zur Frage der —
bei atouischen Zuständen 786.
Magen- and Darmkarzinome, Die Böntgenbestrah-
lang bei — 141.
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Gck igle
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UNiVERSUY OF IOWA
XVIII
INHALTS -VERZEICHNIS.
Magendarmkanal, Nachbehandlung von Kriegs¬
erkrankungen des — und des Bauchfells 710.
Pharmakndynamische Erregung und Hemmung
der Sekretionen im — 658.
Magen- und Darmkranke, Militärärztliche Kon¬
statierung hei — 1414.
Magendarmkrankheiten, Blutlymphocytoso als
Zeichen konstitutioneller Störimg bei chroni¬
schen — 574. Militärärztliche Beurteilung und
Behandlung der — im Kriege 1358.
Magendarmschüsse, Prognose der — ist ohne
Operation absolut schlecht 1233.
Magendrainage durch Gastrostomie 111)4, 1360.
Magenektasie, Diabetes und — 260.
Magenfistel mit Heberdrainage bei atonisclien
Zuständen des Magens und Darmes 1273.
Magengeschwür, Ein röntgenologisches Phänomen
hei perforiertem - 522.
Magenkrankheiten s. Blutlymphocytoso.
Magenkrebs bei jungen Menschen 50. — als Folge
des Magengeschwürs 1302.
Magenkrebskranke, Was bietet die Chirurgie den
— ? 1011 .
Magenneurosen 26. Differentialdiagnose der — 2(5.
Magensymptome, Syphilis und — 707.
Magenulkus, In das Pankreas penetriertes — 001.
Syphilitisches - 574.
Magnesium, Olycerinphosphorsaures — s. Tetanus.
Magnesium sulfuricum s. Tetanus.
Magnesiumsulfat, Cber die kombinierte Wirkung
des — mit Narkoticis. (Zur Behandlung des
Tetanus) 372, 1086.
Malaria, Ein Beitrag zur Chemotherapie der chro¬
nischen -- 788. Spontane Hämagglutination
hei — 1167. Mobilisierung einer latenten —
durch Typhusvakzination 287.
Malariainfektion in Köln 870.
Malariarezidiv nach Typhusschutzimpfung 1290.
Malonsäuretrichlorbutylester, Wirkung des — bei
Hustenreiz 079.
Mal um perforans pedis, Bemerkenswerter Fall von
— nach Prellschuß der Wirbelsäule 700.
Mann von fünfzig Jahren 652.
Mantelgeschoß, Explosivwirkung des — 433.
Marienbad, Erholungsheimi („Aerzteheim) in — 236.
Marinesaniiatswesen, Einiges aus dem — 141.
Organisation des — und die Verwundetenver¬
sorgung an Bord 286.
Mark s. Herderkrankungen.
Maresch K. (Wien) 264.
Marschfraktur 1411.
Martinelli A. (Bologna) 500.
Marx (Heidelberg) 500.
Massachusetts, Erfahrungen aus der medicomecha-
nischen Abteilung des allgemeinen Kranken¬
hauses zu — während sechs Jahren 199.
Massage und medicomechanische Behandlung 347.
Massendesinfektion im Felde mit Hilfe von Heiß-
darapflokomobilen 285.
Massenentlausung s. Gefangenenlager 61.
Mastdarm eines Mannes. Seltsamer Befund im —
1158.
Mastisol zum Abdichten und Befestigen schlecht-
sitzender Injektionsnadeln 1103.
Mastoiditis bei Variola 928.
Mattonis Moorsalz 348.
Maul- und Klauenseuche, Lieber die Epidemie der
— in der Frankfurter Milchkuranstalt 1915
397.
Mechanotherapeutischer Universalapparat 708.
Medicomechanik im Bett 1111.
Medico-mechanische Behandlung 1192. Ersatzappa¬
rate 786. Massage und — 347.
Medikamente, Vereinfachte Methode der intra¬
venösen Zufuhr von — 343.-Mangel 1063.
Medizin, Die gerichtliche — mit Einschluß der
gerichtlichen Psychiatrie und der gericht¬
lichen Beurteilung von Versicherung«- und
Unfallsachen. Von Erich Harnack 1011. Ge¬
schichte der —. Von P. Diepgen 790. Ein¬
führung in die Geschichte der — in 25 aka¬
demischen Vorlesungen. Von J. L. Pagel 682-
Lehrbuch der Grenzgebiete der — und
Zahnheilkunde für Studierende, Zahnärzte und
Aerzte. Von Dr. Julius Misch 576. Einfüh-
tung in die sociale — unter Berücksichtigung
der Versicherungsmedizin. Von P. Keckzeh 983.
Medizinische Wochenschrift, Prager — 606.
Megakolon als Geburtshindernis 1247.
Megalocolon congenitum 203. — i Ilirschsprnng)
24.
Mehlnährschaden 881.
Meiostagrninreaktion, Beiträge zur Beurteilung der
klinischen Verwertbarkeit der - 1159. —
bei bösartigen Geschwülsten 1100.
Mekonal ein Schlafmittel 807.
Melo- et Gheiloplastik 540.
Melubrin, ein neues Specificum gegen Gelenkrheu¬
matismus 1133.
Membranartige Bildungen im menschlichen Ge¬
webe, Darstellung - 1166.
Membranen, Trachealstenose durch — 1362.
Meningitis, Aetiologie der eitrigen — 1416. Bei¬
träge zur Klinik und Therapie der epidemischen
— 1385. Bekämpfung der — 580. Hämolysin¬
reaktion (Weil-Kafkasche Reaktion) der Cerebro-
spinalfUissigkeit hei — 1330. Zur Klinik, Ge¬
nese und Aetiologie der eitrigen — im Kriege
1093.
Meningitis cerebrospinalis. Abortive Formen der
- 1166.
Meningitis cerebrospinalis epidemica, Behandlung
der — mit großen Serummengen 1054.
Meningitis cerebrospinalis epidemica fulminans
1424
Meningitis cerebrospinalis siderans 1217.
Meningitis epidemica 713, 845. Bakteriologie und
Prophylaxe der — 025. Exanthem und Rezidiv
bei — 1328.
Meningitis levissima (epidemica) 1277.
Meningitis purulenta, Kasuistik der — 597.
Meningitis serosa acuta, Einfluß einer bei einem
Diabetiker in einer Typhusrekonvaleszenz ent¬
standenen - auf den Stoffwechsel 1109
Meningitis, Kasuistik der serösen — 1349. Zur
Pathogenese der — bei Schußverletzungen de«
Gehirns 546. Circumseripte seröse — nach
Trauma 764. Eine neue Behandlungsmethode
der tuberkulösen — 255. — s. Impfung. —
s. Otitis.
Meningitis typhosa serosa 733.
Meningitisbehandlung, Versuch einer neuen — mit.
Silberpräparaten 1428.
Meningocele, Ein Fall von mehrfacher — 052.
Meningocele spinalis traumatica 377.
Meningoenkephalitis bei einer Anthraxeikrankung
1222 .
Meningokokken, Einfaches Verfahren zur Erleich¬
terung des Nachweises von — in der Lumbal-
flüssigkeit 571. über den Nachweis von — in
der Lumbalflüssigkeit 1058.
Meningokokkeninfektion, Septische — 1083.
Menschenaffen s. Anthropomorpheu.
Menschenserum, Über die Einwirkung von mütter¬
lichem und fötalem — auf Trypanosomen 160.
Menstruationsverhältnisse nach gynäkologischen
Operationen 286, 316.
Merkblätter für Feldunterärzte 1428.
Mesothoriumbeliandhuig. Erfolgd der — bei
100 Utcruscarcinomen 1410.
Messung, Übersicht über die Resultate galvano¬
metrischer — bei Messung von Hand zu Hand
1411.
Metakontrast, Demonstration des — mit Hilfe
des Metakontrastapparates 52.
Metalle und Mörtelmetall angreifende Wässer
818.
Metatarsalgie 892. — s. Plattfuß.
Mictionsanomalien, Versuch einer Analyse der —
nach Erkältungen 1167.
Miedernaht 871. —, ein Beitrag zur unblutigen
Wundvereinigung 600.
Mikrophotographie, Praktische Winke für — 1010.
Mikuiiczsche Krankheit? Stillsche oder — 590.
Milch, Einfluß der — und ihrer Antikörper auf
die Wirkung hämolytischer Toxine 860. Die
— in der ärztlichen Praxis 164. Fail von Ver¬
seuchung der — durch Coccidium oviforme und
Bacterium coli varietas dysentericum 172.
Milchknappheit und Kinderernährung 1203.
Mineralwässer, Die Zusammensetzung der arsen¬
haltigen — 141.
Militärarzt, Zwei vielgebrauchte therapeutische
Erfordernisse für den — 787.
Militärärzte, Mai-Avancement der — 570, 500.
September-Avancement der — 986 b. November-
Beförderung der - 1278 c. Vorrückung der
- 116 .
Militärärztliehcs 28. 58, 86, 115, 146, 176, 206.
235, 264, 289, 320, 347, 378, 411, 442, 465,
500, 525, 549, 570. 631, 658, 686 a, 713, 740,
768. 794, 822, 847, 875, 902, 932, 957. 986 a,
1014, 1038, 1091, 1117, 1145, 1171, 1197,
1223, 1252, 1278 b, 1306, 1335. 1364 b, 1390 b,
1416 b, 1436.
Militärdienst, Einfluß des — auf tuberkulöse Er¬
krankung in Krieg und Frieden 1013.
Militärmedizin und ärztliche Kriegswissenschaft
955, 1061.
Militärnervenheilstätte. Lazarettbeschäftigung und
— 786.
Militär-psychiatrische Beobachtungen und Er¬
fahrungen. Von Weyert 1412.
Militär-Sanitätswesen, Römisches — 28.
Milz, Funktionen der — 846, 1084. Lehre vom
Fettgehalt der menschlichen — 842.
Milzbrandgefahr, Die Bekämpfung der — in ge¬
werblichen Betrieben. Von O. Bergmann und
11. Fischer. Berlin 1914 112.
Milzimpfung s. Tuberkulose.
Milzruptur beim Rodeln 897.
Milztumor s. Ikterus.
Mischinfektionen bei Typhus abdominalis 913.
Mißbildung 24, 766.
Mißbildungen, Die praktische Bedeutung der
der Niere, des Nierenbeckens und des Harn¬
leiters. Von C. Adrian 258.
Miteilabehandlung der Uberarmschußbrüche 786.
Mittelohreiterungen, Prognose und Therapie
schwerer — 734.
Mittelohrentzündung, Akute eitrige — nach der
Entfernung der Nasenrachentnmoren mittels
der galvanokaustischen (Schlinge 955.
Mittelohrräume, Konservative Radikaloperation
(Totalaufmeißelung der mit Erhaltung des
Trommelfells und der Gehörknöchelchen) mit
besonders günstigem funktionellen Resultat 984.
Mobilisation versteifter Finger- and Handgelenke
bei Kriegsverwundeten 786. — der Hand- und
Fingergelenke 875.
Mobilisationsmaschinen, Erfahrungen mit Sche-
daschen 1273.
Mobilisierung versteifter Gelenke 285, 762.
Mondorfer Wasser, Die praktischen Erfolge der
Verwendung von — bei der Behandlung von
Magen-, Darm- und Stoffwechselkrankheiten
217.
Morbus Basedowii 81. Gesichtspunkte zur Behand¬
lung des — 844. Erfolge der operativen Be¬
handlung des — 653. Indikationen zur Ope¬
ration des — und Operationserfolge 841.
Kasuistisches zur Frage therapeutischer Mi߬
erfolge bei -- 172.
Morbus Brigthii 1194.
Morphium, Die fördernde Wirkung des — auf die
heterotope Reizbilduug im Herzen 1139.
Morphium und Ileroinsucht, Die relative Häufigkeit
von -- 789.
Mumps, An der Front angestellte Beobachtungen
über das endemische Auftreten von — bei
älteren Soldaten 787.
München, Aerztlieher Verein in - 262. Gynäko¬
logische Gesellschaft in — 1222.
Mundchirurgie, Nachbehandlungen in der — 318.
Mundfäule, Epidemisches Auftreten der — im
Schloßbergkastell in L. 762.
Mundhöhle, Die chronischen Infektionen im Be¬
reiche der — (Tonsillen, Zähne. Nebenhöhlen)
und der Krieg, insbesondere ihre Bedeutung
für die Wehrfähigkeit und die Beurteilung
von Rentenansprüchen 1062.
Mundhöhlenkrebs mit Radium günstig behandelt
1166. 15 Fälle von mit Radium günstig
behandelt 1091.
Mnndhygiene 1113.
Mundinfektionen, ihre Ursache, Behandlung und
Wirkung auf den Körper 1113.
Mnndkrebs 1011.
Mundschleimhaut, Bemerkungen über einen Fall
von rezidivierendem Herpes (Aphthen) der —
1218. — s. Geschwüre. — s. Lichen ruber.
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UNIVERSUM OF IOWA
INHALTS-VERZEICHNIS.
XIX
.Vu/idschlrimhautentzündnngen 11).
Mundsperrt'. Chirurgische Behandlung der durch
SclmlRerletznng hervorgerufenen — 314.
\!urnh}>em*r nach Zahnarzt Alfred Kreis 18.
Musen!i infercostales, Bemerkung über Beteilig
zun" der - hei Hemiplegie, und zwar bei
Solcher a) kapsuJären, b) corticalen Charak¬
ters 1113.
Muskelarbeit, Einfluß der — auf den Blutzucker
llfö.
il'jskelhindegewebsgeschwülste der Vaginalwand
257.
Miiskelhypertrophien hyperkinetischen Ursprungs
bei toxischer Folvnenritis 1199.
Moskelraaschine. Neue Versuche zur Theorie der
- 284.
Muskelmecbanische Bemerkungen 710.
Maskelrheunjatismus, Behandlung des— 738, 1267.
Mu-kebpasmen 707.
Muskeltonas, Gemütsbewegung und cerebraler
Tnnosapparat 199.
Muskelverknöcherung. Kasuistik und Kritik der
umschriebenen — (Myositis ossificans circum¬
scripta) 403.
Matterbänder, I ber retrouterine Dopplung und
Hefestigung der runden — zur Heilung der
Kückwärtslagerung und Senkung 1194.
Mutterring. Schädigung darch einen — 598.
Myelitis. Traumatische — 599.
Myelome, Erkrankung an multiplen —, nicht
durch Unfall verursacht 1108.
Myelose, Beitrag zur Kenntnis der „aleukämi¬
schen — 1001.
Mymn und geplatzte Tubargravidität 1115. Rup¬
tur eines sarkomatös degenerierten — 821.
Vereiterung eines — auf dem Wege der Blut¬
hahn 821. Myome. Strahlenbehandlung der —
nach einer einmaligen Sitzung 141Ö.
Myoma uteri. Isochronisch heterotope Eiimplan¬
tation bei — und dadurch bedingter Retro-
deviation des Gebärorgans 492.
Myositis 50.
Myositis gonorrhoica 1415.
Myotonie, Objektives Symptom der — 317. I
Myotonoelonia trepidans 1279.
Xabelkoliken älterer Kinder, Untersuchungen
über die — 229. — und Ulcns duodeni 51.
NV I, Einnahme von ein Mittel zur Vermin¬
derung der Schweißbildung bei Phthisikern
»nd auf Märschen und zur Verhütung von
Minderungen bei Anstrengungen und Hitze
105’.).
Nachamputation, Einfache Art der — 1131.
Narhamputalionen, Vermeidung von — 816.
Nachbehandlung der Verletzungen des Bewegungs¬
apparates 319, 347, 409. — der im Kriege ver¬
wundeten Ileeresangeliörigen 345. Die Aufgaben
der niedico-mechanischen -- der Kriegsver¬
letzungen und ihre Durchführbarkeit 328.
l eber physikalisch-mechanische — im ortho¬
pädischen Institut der chirurgischen Klinik in
Innsbruck 710. — von Kriegsverletzungen mit
ihliznn 570. — der Verletzungen des zentralen
und peripheren Nervensystems 347, 653. —
v;n \ erkundeten und Unfallverletzten 1429.
~ ^ Banchvcrletzungen. — s. Frakturen. —
v Kriegsverwundete.
Narhhlutang, Späte — aus der Lunge nach Gra-
ratsplitterverletzung 953. Fall von tödlicher
»tonischer - post partum, hei dem sich eine
hochgradige Atrophie der Nebennieren fand
Vj'Ulutungcn in der Mundchirurgie 318.
Rotblindheit im Felde 980, 1034, 1300. - s.
Avitaininose 1429.
•' btsandeln. t eher — und Mondsucht. Von J.
. R'lgcr 1)H2,
N-ihrgetrank für Scliwerverw nndete im Feldlaza¬
rett 925.
Viiirbefe. l'fttersudmngen über — 841.
■ aiMnffe, Vitamine und accessorische — 1192.
R-xus Pringle 1250.
verrucosus pliusns 261.
•Wyuiptnin 1304.
Nahrungsbedürfnis 1301.
Nahrungseiweiße, Bemerkungen über Ersatzmittel
der gebräuchlichen —, insbesondere über Blut
1086.
Nahrungsmittel, Blut als — 959.
Nahrungsmittelchernie in Vorträgen. Von \V. Kerp
764.
Nahrungsmittelverbrauch dänischer Familien 842.
Naht der Art. und V. axillaris sowie des Plexus
brachialis 287. — der Art. brachialis nach
Schuß Verletzung 549. — durchtrenn ter Nerven
mittels Einhülsung in Eigengewebe 1273. Me¬
thodik der — an peripheren Nerven 490. —
der Vena femoralis nach Sehußverletznng 549.
— s. Plexus brachialis. — s. Schußwunde.
Namur, Deutsch-belgische Aerzteabende zu —
499. Deutsch-belgische Aerztevereinigung in —
(Belgien) 175.
Naphthalinentlausung und ihre Methode 1300.
Narben, Etwas über die Behandlung schmerzhaf¬
ter callöser — 599. Ueber die Radiumbehand¬
lung von — 570.
Narbengewebe, Behandlung von — mittels des
Salzsäure-Pepsingemisches 577.
Narbenschmerzen, Circumscripte — bei Durch¬
schüssen von Hand und Fuß 1085.
Narkolepsiefrage 735.
Narkophin als schmerzstillendes Mittel in der Ge¬
burtshilfe 110.
Narkose, Ueber die subcutane Methode der ~
durch Magnesi um salze (Sulfat und Glycerin¬
phosphat) 1083. Neue Versuche zur Theorie
der — 343.
Narkosenasphyxie. Post laparotomiam 48.
Nase und ihre Nebenhöhlen , Ueber Verletzungen
und Erkrankungen der — im Kriege und ihre
Behandlung 733. — s. Schrapnellverletzung.
— s. Sklerose. — s. Vaccinetherapie.
Nasenatmung, Einfluß behinderter — auf das Zu¬
standekommen der Inhalationstuherkulose 79.
Nasenerkrankungen, Hals- und — 497.
Nasenflügel s. Angiom.
Nasengerüst, Auftreibung des knöchernen — bei
einem Falle von Schleimhauttuberkulose 601.
Nasenhöhle s. Gesichtsschüsse.
Nasenhöhlonentzündung, Diagnose und Behand¬
lung der - 1218. “
Nasen-Rachen raum, Sarkom des — 1332.
Nasenrachentumor s. Mittelohrentzündung.
Neartlvrose 820.
Nebenagglutinine, Die Bildung von — 1059.
Nebenhöhlen der Nase s. Ozaena.
Nebenhöhleneiterungen, Chirurgische Behandlung
der — nach Kriegsverletzungen 732.
Nebenhodenentzündung, Speicheldrüsen und epi¬
demische — 535.
Nekrose an den Zehen und Erythromelalgie 23.
Neoplasmen s. Röntgentherapie.
Neosalvarsanbehandlung bei 15 Fällen von Mala¬
ria tertiana 1245.
Neosalvarsaninjektion, Ein Todesfall nach intra¬
lumbaler — 617.
Neosalvarsannebenwirkung 1300.
Neosalvarsantherapie 1428. — beim Typhus ab¬
dominalis 732.
Nephritis syphilitica 1301.
Nephrotyphus 1141.
Nerven, Chirurgie der peripheren — 228. Ueber
Kriegsverletzungen der peripheren — 501,
527. Einige Anregung für die Behandlung der
Schußverletzungen peripherer — 372, 1412.
UeberSehnßverletzungen am peripheren —490.
Ein Beitrag zur Verletzung peripherer — 491.
Lagerung nach Verletzung peripherer — 1007.
Beobachtungen an Verletzungen peripherer —
897. Ueber die Verletzungen der peripheren —
im Krieg und deren Behandlung 315. Weiteres
über das Verhalten frisch regenerierter — und
über die Methode, den Erfolg einer Nerven¬
naht frühzeitig zu beurteilen 856. Ungewöhn¬
lich frühe Wiederherstellung der Leistungs¬
fähigkeit im resezierten und genähten —
(lschiadicus) 490. Anatomische Befunde am
schuß verletzten — 1305. Behandlung verletzter
- im Kriege 227. • s. Galalith. - s. Sohnß-
verlctzungen.
Nervendehnung s. Ischiadicusneuralgie.
Nervenerkrankungen, Periphere — 605, 1218.
Nervenkrankheiten, Bedeutung des endogenen
Faktors für die Pathogenese der — 654. Sal-
varnisiertes Serum bei syphilitischen — 1274.
Das Problem der Therapie der sypliilogenen
— im Lichte der neueren Forschungsergebnisse
313.
Xervenmeehanik und ihre Bedeutung für die Be¬
handlung der Nervenverletzungen 786.
Nervennaht 142, 287. Ueber eine Methode, den
Erfolg einer — zu beurteilen 359. Prognose
der — bei Verletzungen des peripherischen Ner¬
vensystems, insbesondere bei Schußverletzun-
gen 490.
Nervenpfropfung 1411.
Nervenshock nach Granat- und Schrapncllexplo-
sionen 229, 318.
Nervenstörungen, Ueber Kombination organischer
mit funktionellen — 1036.
Nervensystem. Einige allgemeine Bemerkungen
I über den Krieg und unser — 469. Krieg und
— 110, 145. Durch den Krieg bedingte Folge*
zustände im — 490, 1169. Die Kriegsverlet¬
zungen des — 203. Ueber die Indikationen zu
den therapeutischen, speziell den chirurgischen
Maßnahmen bei den Kriegsverletzungen des —
und über die Prognose dieser Verletzungen an
sich und nach den verschiedenen Eingriffen
1109. Sonnenbäder und — 842. Vegetatives
— und abdominelle Erkrankungen 574. — s.
Heißluftbehandlung. — s. Kriegsverletzungen.
s. Nachbehandlung. — s. Syphilis.
Nerven- und Geisteskrankheiten im Feld und
im Lazarett. Von Friedländer 710.
Nerven- und psychisch-nervöse Erkrankungen,
Winke zur Beurteilung von — 816.
Nervenvereinigung, Neue Methode der — 1304.
Nervenverletzung s. Frühoperation.
Nervenverletzungen 25, 312, 318. Lagerungsbe¬
handlung der — 760. Operative Behandlung
von — 577.
Nervöse Symptome. Vorkommen — und vagoto-
nischcr Erscheinungen bei Gesunden 395.
Nervus glutaeus superior s. Lähmung.
Nervus medianus, Läsion des — 767.
Nervus pudendus (Neuralgie), Reizung des 14(>9.
Nervus recurrens. Verletzung des — 81.
Nervus tibialis s. Lähmungen.
Nervus vestibularis. Fall von isolierter Reizung
des — aus unbekannter Ursache 928,
Netzhautschädigung, Zur Kenntnis der — durch
erhöhten Luftdruck 1329.
Neubildungen, Röntgenbehandlung der tiefge¬
legenen malignen — 818.
Neugeborene s. Hungerfieber.
Neujahrsbetrachtung 27.
Neuralgie des N. phrenieus nach Schußverletzung
Neurastlienia cordis 678.
Neuritis als Felderkrankung 1217. — s. Plexus
brachialis. Yaccineurinbehandlung der -- 1086.
Isolierte — vestibularis nach Typhusschutz-
impfung 1009.
Neuroglia, Eine neue Methode zur Färbung der
- 601.
Neurologie, Die — des Auges. Von H. Wilbrand
und A. Saenger 1168. Krieg und — 19. Psy¬
chiatrie und — 735.
Neurologisches während des Feldzuges 1155.
Neurolyse. Die Technik der — 1215.
Neuropathisehes Kind, Abgrenzung und Begriff
des — 815.
Neurosen, Behandlung der nach Granatexplosionen
auftretenden — 897. Psychopathologie der
— 763. Demonstration einiger Fälle aus dem
Gebiete der traumatischen — 1432. Trauma¬
tische — im Krieg 1112. Das Romberg-Phä¬
nomen bei traumatischer — 792. Soll man
wieder „traumatische — J bei Kriegsverletzten
diagnostizieren? 849,948. Bemerkung zudem
Aufsatze Nonnes: „Soll man wieder .trauma¬
tische — 4 bei Kriegs verletzten diagnostizieren?"
920. Zum Streit über die traumatische —
1194. Die — und Psychosen des Puber¬
tätsalters. Von Pappenheini und Groß 1061.
Nicoladonische Piattfnßoperation. Bewertung der
— 18.
c *
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UNIVERSUM OF IOWA
XX
INHALTS-VERZEICHNIS.
Niere, Funktion gesunder und kranker — 20.
Die Innervation der — 1009. Kriegsverletzun¬
gen der — 1246. — s. Rückfallfieber.
Nierenbeckenentztindung, Ueber die— der Schwan¬
geren 190.
Nierenblutung, Continuierliche schmerzlose —
und deren Behandlung 315.
Nierenentzündung, Wirksamkeit des Natriumchlo¬
rids in der Therapie der - 200.
Nierenerkrankungen, Stoffwechsel und — 1330.
Nierenfanktion, Getrennte —. Beobachtungen, ge¬
wonnen durch Anwendung des Ureterenkathe-
ters und des Pbenolsulphonephthaleins 494.
Niereninfarkte, Symptomatologie der — 286.
Nierenkranke, Beiträge zur Behandlung der —
1328.
Nierennaht nach Schuß Verletzung der Niere
549.
Nierenreizung nach Novocainanästhesie 843.
Nieren tuberkulöse bei Feldzugssoldaten 1359. —
mit Ureterenverschluß 1113.
Nieren* und Harnwege, Die infektiösen Erkran¬
kungen der — (mit Ausnahme der Tuberku¬
lose). Von Ed. Scheidemandel 655.
Nilotan, Wundbehandlung mit — 1011.
Ninhydrinreaktion s. Punktionsflüssigkeit.
Nitralampe, eine neue Strahlenquelle für therapeu¬
tische Zwecke 1246.
Nobel Preis 1252.
Noguchis Luetinreaktion, Ueber — mit besonderer
Berücksichtigung der Spätlues des Centralner¬
vensystems 106.
Noktambulismus, Kasuistik des — 652.
Nosokomialgangrän, Ueber — 54.
Notprothese für die untere Extremität mit Exten-
sionsvorrichtong 1085.
Nottracheotomien 283.
Noventerol, ein neues Darmadstringens 808.
Noviform, Ueber — 786.
Novinjektolbehandlung s. Haut- und Geschlechts¬
krankheiten.
Novocainanästhesie, Klinische Erfahrungen über
— bei normalen Geburten 284. Nierenrei¬
zung nach — 843.
Nystagmus bei Verletzungen des Fußes der zwei¬
ten Stirnhirnwindung 1193. Stottern und —
654.
Oberarm, Projektil im Schußkanal des — 603.
Oberarmbruch, Innenschiene bei — 1033. Behand¬
lung der — mit Triangelextension 1236. Ein¬
facher Improvisationsverband für — 491.
Oberarmfraktur 175.
Oberarmfrakturen, Extensionsschienen für —
2*7. Extensionsvoirichtnng für — 317.
Oberarmschaftbrüche, Miteilabehandlung der —
7*6.
Oberarmschiene 973.
Obeiarmschußbrüche, Behandlung der — im Felde
925. Behandlung der — mittels Extensions¬
triangel 953.
Oberarm- und Oberschenkelbrüche s. Verband.
Oberflächenwasser, Beschaffung von keimfreiem
— im Felde mittels des Chlordesinfektions¬
verfahrens 462. — 8. Entkeimung.
Oberkieferzyste, Doppelseitige — 1250.
Oberlippe 8. Geschwüre.
Oberschenkel, Hochgradige Verkürzung eines
— nach Reinfraktion 577. Behandlung der
Krngsbrttche des — 404. Schußfraktur des
— 953.
Oberschenkelbrtiche, Beitrag zur Behandlung der
— im Felde 404, 1086.
Oberschenkeldeformitäten 630.
Oberschenkelfrakturen, Behandlongder — 404,627.
Behandlung von — mit Nagelextension 1415.
Behandlung von schwierigen — in der Sitz¬
lage, besonders mit Behelfen 733. — Versorgung
im Felde 404. Versorgung der — im Felde, zu¬
gleich eine Instruktion für den Feldarzt 1360.
— 8. Extensionsapparat.
Oberschenkelschußbrüche, Behandlung der — 600.
Versorgung der — im Felde 1385.
Oberschenkelschußfraktnren, Behandlung der —
610, 1167. Behandlung der — im Kriege 952.
Objektträger, Neuer Behälter zum Aufheben der
- 1359.
Obstipation, Behandlung der chronischen — 20.
Beitrag zur Lehre von der chronischen — und
ihrer chirurgischen Behandlung 872.
Oedem, Kenntnis des harten traumatischen —
des Handrückens 980, 1033.
Oedeme, Auftreten von — nach großen Gaben
von doppelkohlensaurem Natrium 494.
Oedemkrankheiten, Aetiologie der — in russischen
Gefangenenlagern 897.
Oelklistiere, Sparsamkeit mit — während des
Kriegs 373.
Oesophagoskopie, Lehrbuch der —. Von Hugo
Starck 736.
Oesophagoskopische Untersuchung, Neue Position
zur — 313.
Oesophagus, Dilatation und Verlängerung des —
1248. Karzinom des Brustteiles des — 711.
Einige Kriegsverletzungen des —- 196. — s.
Kardia
Oesophagussclmß 953, 1300.
Offiziersehrenzeichen für Verdienste um das Rote
Kreuz 876.
Ohr, Eigentümliche Läsion des inneren — oder
seiner Nerven durch Verschüttung 874. Tlastik
bei kongenitaler Deformation des — 984.
Kriegsschädjgu ngcn des inneren — 684.
Kriegsverletzungen des — 1359. Seltene Mi߬
bildung des rechten — 928. Nahschußver¬
letzung des — 1090. Radiumbehandlung des
äußeren und mittleren — 601. Schädigungen
des inneren — durch Geschoßwirkung 533.
- s. Vaccinetherapie.
Ohrapparat, Ueber hysterische (psychogene) Funk¬
tionsstörungen des nervösen — im Kriege 842.
Organische Schädigungen des nervösen — im
Kriege 953.
Ohrbeschädigungen im Felde 345.
Ohren, Kriegsschädigungen der — 1385. Ver¬
wundungen an den —, der Nase und dem
Kehlkopf in den letzten beiden Kriegen
Griechenlands 1912 bis 1913 1087.
Ohrenarzt, Als — bei einer Sanitätskompagnie
774.
Ohrensausen durch Schlingenbildung der Carotis
interna. Vortäuschung eines Aneurysmas dieser
Arterie 928.
Ohrenkopfschmerz und seine Feststellung durch
die ärztliche Untersuchung 110.
Ohrerschütterungen, Behandlung der — 1385.
Ohrgeräusche, Ueber die Behandlung subjektiver
- 257.
Ohrmuschel. Fall von Mißbildung der — und des
Felsenbeines 1090.
Okklusion s. Schußwunde.
Oleum Rusci zur Behandlung infizierter Weich¬
teilwunden 50.
Olsh.iusen, Robert von — wissenschaftliches Le¬
benswerk, dargestellt von seinem Schüler Georg
Winter 983.
Operation, Shockfreie — 735.
Operationen, Die schädigende Wirkung von — in
Narkose und Lokalanästhesie auf das Zentral¬
nervensystem und ihre Beseitigung 991. Er¬
fahrungen an den 22 ersten Fällen von vagi¬
nalen — in parametraner Leitungsanästhesie
18.
Operationsfeld, Zur Desinfektion des — mit Jod¬
tinktur oder andern Arzneimitteln 284. Wert
der Desinfektion des —, zugleich ein Beitrag
zur Behandlung von Verwundungen, insbeson¬
dere von Kriegsverwundungen 1111.
Operationslehre, Chirurgische — für Studierende
und Aerzte von F. Pels-Leusden, 2. Auflage.
375. Betrachtungen zur geburtshilflichen —
817.
Operationszwecke, Verwendung steriler Zeitungen
für “ 1359.
Operativer Eingriff bei Heeresangehörigen 979.
Das Recht und die Pflicht zu — an Heeres¬
pflichtigen in Kriegszeiten 545.
Operatives Handeln, Anzeigen für — in und hinter
der Front,; Blutstillung; Blutersatz 547.
Ophthalmia neonatorum, Einige Betrachtungen
über — 1302.
Ophthalmie, Umfrage über die sympathische —
im Zusammenhänge mit den Kriegsverletzun¬
gen des Auges 360. 387, 423.
Ophthalmoplegia externa 1251.
Opiumproblem 111.
Oppel (Halle a. d. S.) 500.
Oppenheim A. 606.
Oppenheim M. (Wien) 264.
Optische Aphasie und Alexie s. Seelenblindheit.
Opium und einige seiner Darstellungen und Al¬
kaloide, Die Geschichte des — 600.
Optochin s. (ionorrhöebehandlung. — bei Pneu¬
monie 109, 899. Dosierung des — und seine
Anwendung bei Pneumonie und anderen Pneu¬
mokokkeninfektionen 1328. — s. a. Pneu¬
monie.
Optochinbebandlung s. Pneumonie.
Organe mit Schuß Verletzungen, Anatomische Prä¬
parate von — 174.
Organerkrankungen, 3 Fälle von nervösen — nach
Salvarsunein Verleihung 1334.
Organisationsentwicklung s. Arbeitsleistung.
Organismus, Ueber die Bedeutung der anorgani¬
schen Bestandteile für den pflanzlichen und
tierischen — 172.
Organtherapie, Die Grenzen der — 79.
Orientbeule, Ueber einen Fall von — (Leishmaniosis
cutanea) 520.
Orthopädie und Feldlazarett 1428. Kriegsgemäße
— der Extremitäten 490. — im Hinterlande
1031. — im Kriege 713.
Orthopädische, Die neue — Abteilung der chirur¬
gischen Klinik in Innsbruck 573. — Behand¬
lung der alten Ilomiplegiker 708. — Behand¬
lung Kriegsverwundeter. Von Hans Spitzy und
Alexander Hartwich 1114. — Behandlung
Kriegsverwundeter 1038. Einfachste — Heil¬
behelfe 762. Zwei einfache — Heilhehelfe 734.
Improvisationen — Hilfsapparate 925. Der
Zwang zu — Nachbehandlung 1064. Holz¬
stoffgewebe für — Technik 651. — Kombi¬
nationsapparat 598.
Orthopädisches in der Yerwundetenbehandlung
124.
Ortizon, Znr Anwendung des — 732, 1193. s.
Nachbehandlung. — in der Wundbehandlung
397. ct t
Ortizonpulver in der Behandlung schwerer Schu߬
wunden 680.
I/Osteo-chondrite deformante de la hanche chez les
jeunes sujets 1330.
Osteochondritis deformans juvenilis im Röntgen¬
bilde 1330.
Osteomalacie. Puerperale — 492, 763. un “
Ostitis fibrosa, mit Veränderungen der Epi¬
thelkörperchen 1387.
Osteomyelitis, Die akute und chronische infektiöse
— des Kindesalters. Berlin 1914. S. Karger
494.
Osteosklerose und Anämie 842.
Ostitis fibrosa und Knochencyste 1413.
Ostpreußen, Der sanitäre Aufbau — 1364.
Otitis, Akute —. Ausheilung. Septische Endokar¬
ditis. Meningitis. Exitus. 929.
Ovarialinsuflizienz, Medikamentöse Behandlung
der innersekretorischen — 429.
Ovarialkarzinom, Metastatisches — 1117.
Ovarialtumoren, Prognose der — 1409.
Ovarian Transplantations 898.
Ovarien s. Multiple Dermoide.
Ovarienresektion, Kasuistik der erweiterten
nach Menge 652.
Ovariotomie, Gehurt nach konservativer —. Hilus-
cyste des Eierstocks 926. — in der Schwan¬
gerschaft 1032.
Ovarium, Defekt des rechten — 11L». — s. Der¬
moidcyste.
Oxalurie 197.
Oxychinolinderivate, Ueber die Einwirkung von
—■ auf den Purinstoffwechsel und ihre thera¬
peutische Verwendung 254.
Oxyproteinsäurebcstimmung, Diagnostische Ver¬
wertbarkeit der — 710.
Oxvuriasis-Gelonida Aluminii subacetici(Goedecke)
753.
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Original frnm
UNIVERSUM OF IOWA
INHALTS-VERZEICHNIS.
XXI
Ozaena, Bakieriotherapie der — 6o2. Zur t rage
der Beziehungen zwischen - und Erkrankun-
cen der Nebenhöhlen der Naso 1330.
Ozon Medizinische Verwendbarkeit des - 373.
Pachvmeningitis, Demonstration des anatomischen
Präparates eines ad esitum gekommenen b alles
von eitriger - externa und interna 984.
Pädiatrie, Aas dem Gebiete der — 368. Die Er¬
krankungen der Atmungsorgane 136.
Pankreas s. Magennlcus. Spulwurm im - 133o.
Pankreascyste infolge einer Sckußverletzung 713.
Pankreaskrankheiten s. Gallenkrankheiten.
Pankreasrnptur 603.
Pankreassekretion, Neue Stadien über - 9o3.
Pankreasverletz ungen , Isolierte subcutane 83.
Pankreatitis. Akute - 901. Zur Kenntnis der
chronischen — 1299.
Papaverin s. Darmerkrankungen. Die Wirkung des
- und Emetins auf Protozoen 762.
Papierlaubmatratzen und Papierbettdecken 1429.
Papillom im vierten Ventrikel mit Operationsver-
sucli und .Sektionsbefund 896.
Papphölsenschienen 198.
Paralvse, Neue operative Behandlung bei ausge-
wkhlten Fällen von cerebraler spastischer —
600. Familial syphilitic infection in General
Paiesis. (Familiensvphilitische Infektion bei
-) 735.
Paralysefälle mit Salvarsanbehandlung 50.
Paralvsie generale, Nature et traitement de la
- 19.
Paralysis agitans, Untersuchungen über die Pa¬
thogenese der — 1036.
Parametritis posterior chronica, Die Heilung der
- durch automatische Kolpeuryntermassage
nnd Fixation der Ligamenta rotnnda 843.
Paranoische Erkrankung auf manisch-depressiver
Grundlage 111.
Parasiten, Die tierischen — des Menschen, die
von ihnen hervorgernfenen Erkrankungen und
ihre Heilung. Von M. Braun nnd 0. Seifert
819.
Paratypbus s. Typhus abdominalis. Klinische Be¬
obachtungen öber — 1370. — B im Säug¬
lingsalter 1398. Intrauterine Uebertragung von
- 924.
Äaratyphusgruppe, Zu den Infektionen mit Bak¬
terien der — 199.
Parotitis typhosa 733.
Paschkis K. (Wien) 500.
Patellarfraktnr. Neues Symptom bei der —, zu¬
gleich ein Beitrag zu ihrer Behandlung 198.
Pathologie, Lehrbuch der allgemeinen — und
pathologischen Anatomie. Von Hugo Ribbert
1331.
l’eck, Generaloberstabsarzt Dr. Philipp f 205.
Pedikulosis, Bemerkungen zur Prophylaxe der —
286.
Peliidol 343. Kriegsehirurgiscbe Erfahrungen mit
~ 1059.
Pellidolsalhe als Ekzemheilmittel 1193. — zur
Epithelisienuig schwerer Kriegsverletzungen
650.
Pemphinoid, Neurotrophisches — nach Trauma
1196.
oder Impetigo circinata 143. L eber das
Angebliche Vorkommen einer positiven Wasser-
m&nnschen Reaktion beim — 1328.
J emphigus vulgaris 1333.
Penis, Erkrankungen des — 809. Haut des —
uud des Skrotums abgerissen 113.
Peuishautgangrän infolge Paraphimosis. Heilung
durch Plastik 1278,
Ptnsionsinstitut des Wiener medizinischen Dok-
torenkolleginms 686 a.
Pepsin. Vorkommen und Nachweis von — im
Blutserum 374.
Perhydrit-Stäbchen 494.
Periostitis 902.
Peristaltiii. das ncue Glykosid der Gort. Gase. Sa-
grada 899. "
Peritoneum &. Tuberkulose.
Peritonitis s. Contusio abdominis.
Peritonitis pneumococcica, lieber einen Fall von
— extragenitalen Ursprungs bei einer Puerpera
170.
Peri-Tonsillarabscesse, Prophylaxe und Therapie
der - 926.
Peroneuslähmung 1000. Beitrag zur Behandlung
der — 896. Korrektur einer — 203.
Peronens-Tibialis-Lähmungen, Fußstützmaschine
für — 926.
Perrheumal, Die Behandlung von chronisch-rheu¬
matischen Affektionen mit — 1058.
Personalien 28, 714, 902, 932, 1014, 1118, 1198,
1224, 1278 b, 1306.
Personalnachricht 986a. 1064, 1430.
Persuasion s. Kontrakturen,
Perubalsam s. Kriegsphlegmone.
Pest, Die — als Kriegsseuchc 172. Die Geschichte
der — zu Regensburg. Von Schöppler 873.
Petfivalsky J. (Prag) 204.
Petroläther s. Typhus-Coligruppe.
Pflanzensamen, Schleimhaltige — gegen Verstop¬
fung 982.
Pfortader s. AnastomosL.
Phantom der normalen Nase des Menschen. Von
II. Basch 258.
Phenolphthaleinreaktion, Eine Verbesserung der —
zum Nachweis okkulter Blutungen in den
Faeces 598.
Phenoltetrachlorphthaleinprobe bei der Leberfunk¬
tion 1114.
Phenoval, Klinische Erfahrungen mit — 788.
Phobrol, Grotan und Sagrotan 220, 521.
Phosphaturie, Kenntnis der — 980.
Phosphor Verbindungen, Therapeutischer Wert der
organischen — 053.
Physiologie und Pathologie, Experimenelle — 401.
Pick Franz 1335.
Pikrinsäure, Verwendung von — bei Verbrennun¬
gen und Erkrankungen der Haut 403.
Pilocarpin bei hohem Blutdruck 82.
Pilze, Verdaulichkeit der 707.
Pilz v. Wernhof Emil (Wien) f 680b.
Pilzerkrankung, Fall von — in den Füßen 201.
Pituitrin s. Uterusruptur.
Pityriasis lichenoides chronica 375, 1333. Leber
vier Fälle von — 198.
Pix liquida zur Behandlung infizierter Wunden
925.
Placenta praevia, Behandlung der — durch den
praktischen Arzt 700. Einiges zur Kritik der
von Zalewski empfohlenen „Steiötherapie“ der
~ H42. * • ,
Plagin“, Zusammensetzung des l ngeziefernnttels
— 650.
Plasma s. Trypanosoma brucei.
Plasmamedium s. Trypanosoma.
Plasmazellen, Ueber das Vorkommen von ui
den verschiedenen Organen bei Infektions¬
krankheiten 1218.
Plastik mit gestielten Hautlappen, insbesondere
bei nicht gedeckten Amputationsstümpfen 952.
Plattfuß, Behandlung des - 1217. —, Metatars-
algie, Fußgeschwulst 806, 892.
Plazenta, Vorzeitige Losung der rechtssitzenden
— Hl 7 -
Pleurapunktion, offene 780, 1110. Zur Frage der
— nach Adolf Schmidt 925. Einige Bemer¬
kungen zur-— nach Adolf Schmidt 1240- Zur
Verständigung über die — 1384.
Pleuritis nach Brustschüssen 1411.
Plexus brachial'»*, hurchtrennnng des —, durch
Naht geheilt 930. Ein Fall von symmetrischer
Neuritis (rheumatica) des — mit besonderem
Ergriflensein der Nervi suprascapulares 1141,
Schuß Verletzung des —. Naht. Heilung. 1330.
— s. Naht.
Plexus lumbalis s. Tetanus. Versuche, den — zu
anästhesieren 734. ..
Plexus venosus varicosus endometrn 1012.
Pneumatocele, Intracerebrale — nach Schuß Ver¬
letzungen 1087. Zur Kasuistik der mtracra-
niellen — 843. Zwei Fälle von intracranieller
— nach Schnßverletzung 540.
Pnenmokokkcnangina und ihre Behandlung 43.
Pneumokokkeninfektionen s. Thermopräcipitm-
; rcaktion. Behandlung der ~ . besonders des
Ulcus corneae serpens, mit Aethylhydrocuprun
(Optochin) Morgenroth 870. Behandlung der
- mit Aethvlhvdrocuprein (Optochin-) Morgen-
roth 1109. Üeber die Kombinationstherapie von
Aethylhydrocuprein (Optochin)^ und Camphcr
bei der experimentellen —- 81o.
Pnenmokokkenmeningitis, Eitrige — »m Getobe
von Pnenmokokkenappendicitis und len*
appendicitis 1015. ,
Pneumonie. Die - »87. Einiges über die Behand¬
lung der - 1273. Wirkung des Aetliylhydro-
cupreins (Optochins) bei croupÖser 435.
Spezifische Behandlung der — mit Optochin
520. Behandlung der — mit Optochin 81 o.
Ueber die chemotherapeutische Behandlung
der croupösen — mit Optochin 678. Behand¬
lung der — mit Optochinum hydrochloricum
(Aethylhydrocuprein) 734. Behandlung der
fibrinösen — im Frühstadium mit Optochin
844. Optochin bei — 899. Therapie der crou-
pösen — 313. Optocliinbehandlung der — 520,
079, 1244, 1278 b.
Pneumoniebehandlnng. Specifische — mit Opto¬
chin (Aethylhydrocnprein) 1139, 1300. Ein
Jahr — mit und ohne Optochin 1383.
Pneumonie, Pleuritis und Bronchitis, Behandlung
der — mit Menthol-Eukalvptol 17. Behand¬
lung der —, Pleuritis und Bronchitis mit
Supersan 492. .
„Pneumothorax artificial 4 , Noavelle aigutlle pour
la pratique du — 11L
Pneumothorax s. Lungengangrän. HeilnngsVor¬
gänge beim natürlichen — 284. Künstlicher
— 55. Report of thirtv-four cases of artificral
— (Bericht über 34 Fälle künstlichen ) *35.
Ideal lokalisierter — 1107. — im späteren
Verlaufe von im Krieg erlittenen Lungenver¬
letzungen 313.
Pnenmothoraxapparat, Neuer, transportabler -
mit Benutzung von Sauerstoff und Stickstoff
in statu nascendi 490.
Pocken, Zur Behandlung der — 573. Ein Bei¬
trag zum Blutbilde der — 919.
Pockenerkrankungen in Detmold im Frühjahr
1914 1328.
Pockenimpfschädigungen einst und jetzt 871.
Pockenschutzimpfung und Diphtherieheilserum
816.
Polarimetrische Untersuchungen, Eine selbsttätige
Registriervorrichtung für — optisch-aktiver
Substrate oder solcher, die irn Laufe der Um¬
wandlung optisch-aktive Eigenschaften an¬
nehmen 110.
Politzer, Zum 80. Geburtstage des Hofrats Prof.
Dr. Adam — 1167. Hofr.it — zum 81. Ge¬
burtstage 1194.
Politzerverfahren, Technik des — 1059.
Pollak Dr. L. (Graz) 263.
Pollutionen, Endoskopische Behandlung nächtli¬
cher — 375.
PolyaTthritis 1333. Rheumatische — 050.
Polyarthritis chronica, Ueber Schwellung der
Cubitaldrüsen bei — 193.
Polyarthritis syphilitica acuta 199.
Polyneuritis s. Dysenterie. — als Begleiterschei¬
nung nervöser Erschöpfungszustände im Kriege
602. Endkarditis und — bei Kriegsteil¬
nehmern 54, 383. — (toxica) hei Mutter und
Tochter 1141.
Polyneuritis alcoholica mit einseitiger Zwerchfell'
und Stimmbandlähmung 1271.
Polyneuritis syphilitica, Zur Kenntnis der — 081.
Polypeptiden. Synthese von —, Peptonen und_Pro¬
teinen mittels Fermenten 110.
Polyserositis mit Röntgen behandelt 232.
Posticusparalyse, Neue Behandlungsmethode der
doppelseitigen kompletten — 956.
Prag, Verein deutscher Aerzte in — 1303, 1389.
Gemeinsame ärztliche Vortragsabende in --
1416.
Prager medizinische Wochenschrift 000.
Preisausschreibung 822.
Preisausschreiben „Riberi“ 200. — zur Verbesse¬
rung der Ersatzglieder für Deutsche Kriegs-
verstümmelte 848.
Preßluft s. Dannruptnr.
Priapismus hei myelogener Leukämie 1270.
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Goy 'gle
Original frn-rri
UNiVERSUY OF IOWA
XXII
Primäraffekt an der Oberlippe 231.
Prioritätsrechte, Einige Anmerkungen über — G50.
Projektile, Klinik tind operative Entfernung von
— in Fällen von Steckschuß der Ohrgegend
und des Gesichtsschädels 1414. — ans der
Keilbeinhöhle entfernt 495. — im Schußkanal
des Oberarmes 603. Röntgenologische Lokali¬
sation von — 847.
Projektildiagnose 1427.
Projektillokalisation, Ein halbes Jahr röntgeno¬
logische — 560.
Prolapse, Heilung hochgradiger — und Prolaps-
rezidive 1061.
Prolapsoperation 766.
Prolapsus ani, Eckehornsehe Operation des — bei
einem Erwachsenen 1246.
Prostata, Hypertrophie der — 1251.
Prostatahypertrophie und Prostatatumoren 633.
Prostatatumoren, Prostatahvpertrophie und —
633.
Prostatektomie, Suprapubische — und deren
Nachbehandlung 1429. Die Rolle der Nieren-
funktionsprüfungen, sowie vor- und nachope¬
rative Behandlung zur Herabsetzung der Sterb¬
lichkeit nach der — 200. Resultate der trans-
vesicalen — 735.
Prostitution, Ist es wirklich ganz unmöglich, die
— gesundheitlich unschädlich zu machen
1358.
Proteinabsorption als ein Faktor in der Aetiologie
von Krebs 1113.
Prothesen s. Angenzerstörung. — für Amputation
nach Wladimiroff-Miknlicz. Bandage für Läh¬
mungsspitzfuß und Hackenfaß 1245. — für
Amputierte 1142. — bei Amputationen des
Armes, insbesondere des Oberarmes 1272.
Vorschlag zu kombinierten Bewegungen von
— mit Hilfe des gesunden Gliedes durch
Schnnrübertragung 842. — der Extremitäten
84. Neue — für die obere Extremität 1061.
Neue, aus Linoleum hergestellte provisorische
— für die untere Extremität 1330. — für
den Vorderarm und den Daumen sowie prak¬
tische 8ehienenmodelle 765. — ans Weißblech
1272.
Prothesenfrage 259, 287, 1193. Lösung der — 652.
Resolution über die — 317.
Protozoen s. Helminthen. — s. Papaverin.
Protrusionsbecken, Geburtsverlanf bei trauma¬
tischen — 766.
Prüfungsurlanbe für Einjahrig-Freiwillige Medi¬
ziner 500.
Pseudarthrosen 1106, 1250. — und die Nachbe¬
handlung von Frakturen 319. Ueber — und
Nachbehandlung der Frakturen 601. — des
Unterkiefers 1250. — s. Frakturen.
Pseudoappendicitis ultraformis an sich selbst
beobachtet 197.
Pseudodysenterie (Y-Rnhr), Untersuchungen über
— 1166.
Pseudofrakturen s. Knorpelstudien.
Psendohermaphroditismus, Ein Fall von — 1271.
Pseudologia phantastica, Fall von — 111.
Pseudoöklerose 19.
Psoriasis, Autoserum in der Behandlung der —
und anderer Hautkrankheiten 1088. Behand¬
lung der — mit ultaviolettem Licht 751. —
und verwandte Krankheiten 1065, 1096.
Psoriasis vulgaris 232.
Psyche des Verwundeten 343.
Psychiatrie s. Dialysierverfahren. Handbuch der
—. Von G. Aschaffenburg 844. Lehrbuch der
forensischen —. Von A. II. Hübner 1195. Einiges
zur - nnd zur Psychologie im Krieg 843.
- und Neurologie 735.
Psychiatrisches und Neurologisches ans dem Felde
575. — zum Kriege 172, 818.
Psychische und nervöse Krankheiten, Klinik für
—. Herausgelier Prof. I)r. Sommer (Gießen)
1386. - Störungen 605. Zur Pathogenese der
im Krieg auftretenden — Störungen 602.
Psvchoanalvse in gerichtsärztlicher Beziehung
firVlll.
Psychologische Beobachtungen im Felde 19.
Psychononrosen. Die Entstehungsursache bei BK)
Fällen von - 200.
Psychopathische Konstitution s. Hysterie.
INHALTS-VERZEICHNIS.
Psychopathologisehe Erfahrungen vom westlichen
Kriegsschauplatz 710, 817.
Psychose, Eine — von 17jähriger Dauer mit Aus¬
gang in Heilung 789. — s. Symptomenkom-
plex.
Psychosen, Juvenile - 50. — beim Kriegstyphus
1167. — und Neurosen in der Armee 17.
Psychotherapeutische Zeitfragen 1275.
Psychotherapie 1113. Wege und Ziele der — 1112.
Puerperalfieber, Chirurgisches zur Behandlung
des — 111. Zur Frage der Colivaccinbehand-
lung des — 1089.
Pulmonalisgeräusche 260.
Puls, Bemerkungen zum Aufsatz von M. Liidin,
. Ueber den anakroten — in der Arteria carotis
und Arteria tubelaria bei Aorteuinsuftizienz
601. Der unregelmäßige —. Bemerkungen zu
seiner kriegsärztlichen Beurteilung 1083.
Pulsus paradoxus respiratorius 1276.
Pulver, Ueber äußerliche Behandlung mit anhal¬
tend desodorierend und desinfizierend wirken¬
den - 521.
Pulvergase, Vergiftung durch 1116, 1390.
Punctio pericardii 549.
Punktionsflüssigkeit, Untersuchung tuberkulös me-
ningitischer — mit Hilfe der Ninhydrinreak-
tion 870, 1167.
Pupille, Ueber die physiologische Pupillenunruhc
und die Psyclioreflexe der — 789.
Pupillenreaktion bei Arteriosklerose mit erhöhtem
Blutdruck 1113.
Pupillenstarre, Ein weiterer Fall von alkoholo-
gener reflektorischer — 655. Doppelseitige re¬
flektorische -- nach Schädeltrauma durch Gra¬
natfernwirkung 1139.
Purpura annularis teleangiectodes 231.
Purpura, Konstitutionelle — (Pseudohämophilie)
nebst Bemerkungen über die neueren Mittel
zur Stillung innerer Blutungen 605.
Pyämie, Uebergang der Sepsis in — 874.
Pyelitis, Zur Pathologie und Therapie der — 140.
Pylorusstenoso und Magenverlagerung durch peri-
gastrische Verwachsungen als Folge eines
Schusses 169.
Pylorustumor, Wegen stenosierenden — die Gastro¬
enterostomie 683.
Pylorusverschluß, Zwei neue Methoden zum —
bei Geschwür am Pvlorus oder im Duodenum
172.
Pyocyanens, Bekämpfung des — 733.
Pyocyaneuseiter, Bekämpfung des — 372.
Pyocyaneuseiterung, Behandlung der — 544.
Pyocyaneusinfektion. Behandlung der — 897.
Pyopneumothorax 24.
Pyramide, Anatomischer Beitrag znr Frage der
cerebellaren — 655.
Pyramidenbahn, Anatomie und Physiologie der —
und der Armregion nebst Bemerkungen über
die sekundäre Degeneration des Fasciculus
centroparietalis 654.
Pyramidenzeichen s. Glutäalklonus.
Quartanarezidiv im Verlaufe einer antiluetischen
Kar 763.
Quarzlampe. Anleitung und Indikationen für Be¬
strahlungen mit der — .Künstliche Höhen¬
sonne“. Von H. Bach 1142. Therapeutische Er¬
folge mit der 1359
Qaersclmß durch den Gesicht.ssehädel 601.
Quecksilberinkorporation s. Syphilis.
Quecksilber-Salvarsanbehandlnng s. Salvursan-
natrinm.
Quecksilber- nnd Salvarsanexanthem, Verwechs¬
lung von - 1384.
Quecksilber im Urin, Ueber eine empfindliche kli¬
nische Methode zum Nachweis des — 1033.
Quecksilberpräparatc, Ueber Wirkung nnd Resorp¬
tion von --, insbesondere des Kontraluesins
14L
Quetsehnngsbriielie. Typische Bruchlinien bei
der großen Zehe und des zugehörigen Mittel¬
fußknochens, nachgewiesen an Friedensver-
letzungen und .Seekriegsunfällen der Marine
81.
liabiesvirus. Künstliche Kultivierung des — 82.
Rabitzbrücke bei gefensterten Gipsverbänden 679.
Rachen s. Lymphosarkom.
Rachen- und Mundentzündungen, Seltene Ver¬
laufsformen und Komplikationen der Plaut-
Vincentschen — 255.
Rachitis, Nachhaltigkeit der Kalk-Lebertranthera-
pie bei der — auf Grund weiterer Stoffwech¬
selversuche 258.
Radephor-Glas, ein neuer, billiger und seriöser Be¬
helf zur Radiumemanationstherapie 1172.
Radialislähmnng 733, 767. Apparat zur Besserung
der Funktionen der Hand bei der «#J83. — s.
Federstreckapparat.
Radioaktivität, Die — von Boden und Quellen.
Von A. Gockel 628.
Radium bei der Keloidbehandlang 817. — s.
Krebsbehandlnng. -- s. Mundhöhlenkrebs. —
s. Uternskrebs.
Radiumbehandlnng 1333. — der Hämorrhoiden
1035. Intrauterine — 1089. — s. Ohr.
Radiumemanation, Die biologische Wirkung der
kondensierten — 283.
Radiumexanthem 1274.
Radiumtherapie, Mitteilungen aus der k. k. Kur¬
anstalt für — in St. Joachimsthal. Von F. Daut-
witz 1219. — s. Kohlensäureschnee.
Radiusköpfchen, Ein Fall von angeborenem bei¬
derseitigen Fehlen des — mit knöcherner Ver¬
einigung des proximalen Endes des Radius
mit der Ulna 1059.
Radiuslähmung s. Hebeapparat.
Ragitnährböden 869.
Rassenpsvchiatrie, Beitrag zur vergleichenden —
789. '
Ratgeber. Aerztlicher — für die Soldaten im
Felde. Von Milner 463.
Kaumdosinfektion mit schwefliger Säure 650.
Raummessung, Neues Verfahren zur — au stereo¬
skopischen Aufnahmen, insbesondere an Rönt¬
genaufnahmen 314. Berichtigung zu meinem
Aufsatz über — an stereoskopischen Aufnah¬
men 491.
Kauschbrand und Gasbrand 1385.
Kaynaudsche Krankheit, Angina pectoris und —
870. — nicht als Unfallfolge anerkannt 757.
Reamputation, Einfache Methode der — 883.
Rechtsfragen, Aerztlichc — 432. 1058, 1139,
1244.
Rechtshemianopsie s. Gesichtsfeldverwertung,
Rectaltropfeneinlauf, Oie Improvisation des - im
Felde 816.
Rectum, Die Wichtigkeit der Untersuchung des —
1113.
Recurrenserkrankungen und ihre Behandlung mit
Salvarsan 1166.
ReHexnenrosen, Die nasalen — und ihre Behand¬
lung. Von A. Blau 1195.
Refrakturcn hei anscheinend ausgeheilten Kno-
chenschußverletzungen 923.
Reichsversicherung, Wegweiser durch die Deutsche
- einschließlich der Angestellten Versicherung.
Von R. Schmittmann 229.
Reindegeneration, Fortschreitende — 574.
Reinfectio syphilitica 1332.
Reinfektion 261.
Reit- und Exerzierknochen 893.
Reizablauf s. Trinkkur.
Reizung von Organen und Nerven. Leber eine
neue Methode der intermittierenden elektri¬
schen oder mechanischen — im chronischen
Versuche hei sonst normalem Versuchstiere
226. Fall von isolierter —■ des Nervus vesti-
bnlaris aus unbekannter Ursache 928.
Reservelazarett, Die Richtlinien chirurgischer Be¬
handlung im — 515. Pathologisch-anatomische
Beobachtungen aus’ — JOB. Physikalische
Heilmethoden im - - bei der Behandlung der
Kriegsverletzungen 492. Therapeutischer Brief
aus einem -- 574.
Resinelli Josef 58(J.
Resorption, Inwiefern läßt sieh die paraportale
heim Neugeborenen sogar zu seinem Vor¬
teil ausnutzen? 1274.
Respiratinnsorgane. Erkrankungen der — : Lunge
und Pleura 368. Therapie der Krankheiten der
- 788.
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Original ffum
UNIVERSUM OF (OWA
INHA LTS -VERZEICHNIS.
XXIII
Hi-stetickstoff de* Blut« unter physiologischen
Bedinynnt:en. sein Verhalten bei Nephritis,
Urämie und Eklampsie, sowie seine Bedeutung
für die Prüfung der Nierenfunktion 331. Be¬
stimm nns de* — im Blut als Methode zur
Prüfung der Nierenfunktion 574.
Kefentio nrinae, Nervöse — Hl 2.
liefropharvngealabsceß 929.
Ilettungsgesellsrhaft und Krieg 84.
Rheumatische Erkrankungen im Kriege 491. Be¬
handlung — mit intravenösen Salicyleinsprit-
iungen 1428.
Hherimatismns, Äußerliche Behandlung von —
and Gicht mit Perrheurnal 492. Ueber einen
brauchbaren objektiven Befund hei — 1141.
- im Kriege 1251.
Rheumatoide. Dysenterische — 286.
Rhinitis luetica neonatorum, Entstehung des
dritten Stadiums der — 258.
Khinolith. Extraktion und Heilung 114.
Khodalzid in der Augenheilkunde 53.
Ritwnzellensarkom 901.
Ringbraose 1428.
Ringffurm der Kopfhaut s. Vaccinebehandlung.
Riopan. Nenere Erfahrungen mit dem Jpecacuanha-
prSparat — 538.
Rippenbruche, Behandlung von — 403.
Rippenschußverletznng? Eine typische, kompli¬
zierte — 1085.
Rissmann, Bemerkungen zu den Ausführungen
\on Dr. — 709.
Rittchl-Kreihurg, Anmerkung zu den zwölf Ge¬
boten von Professor — 190. 255.
Rodenwaldt, Schlußwort zu den Bemerkungen von
- 1212 .
Rohrenspatel. Elliptische — zur Tracheo-Bron-
cboskopie der Kinder 845.
Roeiitgen W. K. 441.
Röntgenaufnahme. Kompendium der — und
Röntgendurchleuchtung. Von F. Dessauer und
B. Wiesner 1088.
Röntgenbehandlung der tiefgelegenen Neubildun¬
gen 818.
Röntgenbestrahlungen, Beobachtung bei — 897,
1033.
Röntgenbetrieb, Bemerkungen zum — in Ver¬
wandet enspitälern 762.
Röntgendiagnostik in der inneren Medizin. Grund¬
riß and Atlas der —. Von Franz M. Groedel.
2 Auflage. München 1914 200.
Rönrgenepilationsdose in ihrer praktischen Be¬
deutung 1130.
Röntgenogramme von Verletzungen der unteren
Extremität <13.
Röntgenologie im Kriege 228.
Röntgenplatten, Vorrichtung zur Aufstellung und
bemonstration einer großen Zahl von — 260.
R (, ntgenreizdosen s. Knochenbrüche.
Röntgenröhren, Gasfreie — nach J. E. Lilienfeld.
Erprobung und Anpassung ihres Betriebes an
die praktischen Zwecke 761. Neue — von
Lilienfeld, Coolidge und /,ehnder 896.
Rontizenstereoskopie, Zur — 1083. — in der
Medizin 1332.
R<intgenstraMen, Dosierung der — 1410. Fort¬
schritte auf dem Gebiete der — 78, 1296. — s.
Hautkrankheiten. — s. Heuschnupfen. Eine Me¬
thode zu quantitativen und qualitativen Mes¬
sungen von - 815. Die Schutzmittel für Aerzte
und Personal hei der Arbeit mit —- 372. Vade¬
mekum fiir die Verwendung der — und des
histractionsklainraerverfahrens in und nach
dem Kriege. Von Ilackenbruch und W. Berger
1142.
Röntgenstrahlung, Neuere Fortschritte in dei
Physik der - 1210.
•öntgentaschenbuch, begründet und herausgegeber
*"n Ernst Sommer 1061 .
'"r.i'jtnthtrapie maligner Neoplasmen nach der
Lnahrnngen der letzten Jahre 843.
ntgentli crapi e rr>hren, Kühlung der — mi
redendem Wasser 1009.
^•ntgentiefentherapie, Sekundärstrahlen in de>
~ als Ersatz radioaktiver Substanzen 284.
i,J Erfahrungen aus der letzter
Wiener - 763, 787.
Koinberg-PhUnomen $. Neurose,
Rosenberger J. (Würzburg) f Al2.
Rotes Kreuz, Organisation und 1 Leistungen des
- im jetzigen Kriege, besonders in Ostpreußen.
Vortrag 49(1.
Rothmann Max, Zürn Andenken an — 1194.
Rotz, Akuter Fall von — 731. Zur Malleindia¬
gnostik des menschlichen — 1061.
Rotzdiagnose 1139. — beim Menschen 731.
Rückenmark s. Hämothorax. Kugel aus dem --
entfernt 1248. Ueber einige eigentümliche
systematische postmortale Veränderungen der
Nervenfasern des — 602. Meningeale Schein¬
cysten am — 1139. Schuß Verletzung des —
656, 1248. Schußverletzungen dos — und der
Wirbelsäule 1246. Operative Therapie beiSehuß-
verletzungen der Wirbelsäule und des — 602.
— s. Steckschuß. Verletzungen des — 870.
Verletzungen des — im Kriege 816. Totale
transversale Verletzungen des — 1113.
Rückenmarksflüssigkeit, Zur mikroskopischen
Untersuchung der — 1384.
Kückenmarkskompression s. Fraktur.
Rückenmarksläsion, Schwere — nach leichtem
Trauma 43.
Rückenmarksoperationen wegen Schußverletzungen
1248.
Rückenmarksquerläsion, Operationshefund hei an¬
scheinend kompletter — 575.
Rückenmarksschädigungen. Zur Kasuistik der —
durch Wirhelschuß 600, 652
Rückenmarksschüsse 143, 256, 599, 816. Ueber —
und Behandlung der im Gefolge der Lamin-
ektomie auftretenden Meningitis 198.
Rückenmarksschußverletzungen, Ueber das nächste
und weitere Schicksal der — ; ein theoretischer
Vorschlag zur Beeinflussung derselben 981.
Bückenmarkstumoren, Operierte Fälle von - - 113.
Erfolgreich operierte — und s Kompressions¬
syndrom“ des Liquor cerebrospinalis 652.
Rückenmarksverletzung. Ueber einen Fall von —
48. Zwei bemerkenswerte Fälle von —- durch
Gewehrschüsse 598.
Rückenmarksverletzungen 143, 174. — mit günsti¬
gem Ausgang 145. Behandlung der — im beide
198, 374. Operative Behandlung der — im
Feldlazarett 80.
Rückenschmerz vom gynäkologischen Standpunkt
aus 1302. — vorn neurologischen Standpunkt
aus 1302.
Rückfallfieber 232. 710, 1049, 1075. Beobachtun¬
gen über -- 1084. Differentialdiagnosc des—
1167. Mißerfolge der Arrhenalbehandlung bei
— 651. Mitbeteiligung der Nieren bei — 600.
Neosulvarsanbehandlnng bei — 522.
Ruhr und ihre Behandlung im Felde 1166. —
im Krieg und Frieden 1058. Klinische Beob¬
achtungen über — 702. Pathologie und Therapie
der — 172. Leber die Serumbehandlung der
— 1157. Ueber periostale Späterkrankungen
nach — 672. Störungen der inneren Sekretion
bei — 140. Behandlung von —und i uhrähnlichen
Darmkatarrhen 1084. Neuere Erfahrungen in
der Behandlung der — und ähnlicher Dick¬
darmkatarrhe 1195. Die Agglutination bei —
und ruhrartigen Erkrankungen 1328. Mischin¬
fektion von — und Typhus 1244.
Ruhramöben 1384.
Ruhrbacillen de3 giftarmen Typus 1058.
Ruhrbehandlung, Beiträge zur — 1027, 1157,
1184. Ueber die Kriegsbrauchbarkeit einer
neuen Methode der — 572.
Ruhrepidemie, lieber die — 1914/15 aut Grund
des Spitalrnnterials 1184.
Ruhrerkrankungen des VH. Armeekorps 441.
Ruhrschutzimpfung 1246.
Rumination als angebliche Unfalltolge 17U.
Rumpfskelett, Verletzungen des — 1006.
Randzellentuberkeln, Epitheloid und — 261.
Ruptur der Aorta 410.
Ruptura iniestini s. Contusio abdominis.
Russischer [mpstoff s. Typhusschutzimpfung.
Nachverständigentätigkeit, Handbuch der ärzt¬
lichen —, herausgegeben von P. Dittrich.
2. Band: H. (’hiari, Leichenerscheiuungen,
Leichenbeschan, A. Ilaberda, Behördliche Ob¬
duktionen. A. Kolisko, Plötzlicher Tod aus
natürlicher Ursache 1168.
Säuglinge, Brcchdurclifa.ll der — und seine Be¬
handlung 955. Ruhrartige Erkrankungen der
und ihre Behandlung 1142. Die Gefähr¬
dung der — durch Hitze und Kriegszustand
und die entsprechenden Gegenmaßnahmen 1034.
Sommersterblichkeit der — 769. -- s. Sy¬
philis. — s. Wucherungen.
Säuglingsernährung, Bananenmehl in der — 653.
Die Grundsätze der künstlichen Merkbogen
für Mütter, Pflegerinnen und Hebammen von
Dr. Max Eberth 1114. Das individuelle Moment
in der — 1299. — und Säuglingsstoffwechsel.
Von L. Langstein und L. F. Meyer 112.
Säuglingsfraktnren, Behandlung der — 1428.
Säuglingskunde, Grundriß der — nebst einem
Grundriß der Säuglingsfürsorge. Von St. Engel
und M. Baum 710.
Säuglingspflegerin, Der Beruf der . Von L. Lang¬
stein und F. Bott 1088.
Säuglingspneumoirieu 1274.
Säuglingssterblichkeit, Bekämpfung der — eine
Frage der Massenbelehrung 709. Statistische
Beiträge für die Beurteilung der — in Preußen.
Von v. Behr-Pinnmv 1114. Entwicklung, Er¬
fahrungen und praktische Arbeit des Kaiserin-
Augusta-Viktoria-Hauses zur Bekämpfung der
— im Deutschen Reiche 626, 649.
Säureagglutination, Die praktische Verwertbarkeit
der - für die Erkennung der Tvphushucillen
312.
Salieylsäure. Behandlung des akuten Gelenkrheu¬
matismus mit 89(8. — s. Gelenkrheumatismus.
Salmiator 897.
Salowscher Tiefenmesser 870.
Salpingitis, Zur Pathologie der — 1115.
Salusil, Therapeutische Erfahrungen mit dem
Kolloidpräparat — in der Augenheilkunde 227.
Salvarsan, Ueber die Herabsetzung der Giftigkeit,
des — durcli Auflösung im Serum 728. —
Anuria s. Hypertonie Salt. — s. Keratitis
parenchymatosa. — s. Syphilisbehandlung. —
s. Recurrenserkrankungen. Todesfälle nach —
V80, 1410.
Salvarsanbehandlung s. Militärmedizin. — des
Tetanus 871.
Salvarsaninjektioii s. Arsenkeratose. Unerwünschte
Komplikationen nach intraduraler — 50. Die
Resultate von 100 — 50.
Salvarsannatrium, Ueber — 227, 402, 520. — und
seine Anwendung in der Praxis 227. — und
die kombinierte (^uecksilbcr-Salvarsanbehand-
lung 1271. Neues Salvarsanpräparat — 571.
Salvarsannatriumlösungen, Verabreichung von
konzentrierten — 1411.
Salvarsannekrose 232.
Salvarsantechnik 310.
Sandri 0. (Florenz) 500.
Sanduhrmagen infolge penetrierendem Ulcus ven-
triculi 1430.
Sanitäre Einrichtungen bei unseren Feinden 1118.
Sanitätskorps, Errichtung eines — des Roten
Kreuzes 822.
Sanitätspersonal, Der Austausch von — zwischen
Deutschland und Frankreich 958.
Sanitätswesen, Englisches — 1305. Französisches —
1170. Mängel des französischen — 146. Russi¬
sches — 1434. Verstaatlichung des — 1390 a.
Sarcoma vulvae, Ein Fall von — 1273.
Sarkoid, Subkutanes — 261.
Sarkom des Nasen-Rachen raumes 1332 .
Sattelnasenkorrekturen 924.
Sauerstoff s. Wundheilung.
Sanerstoffapplikation s. Luftembolie.
Sauerstoffinjektion s. Gasembolie.
Sauerstoffzehrung, Einfluß des Sonnenlichtes auf
die — 1304.'
Saviozzi V. (Pisa) 500.
Schädel s. Duraplastik.
Schädelchirurgie im Felde 48.
Schädeldach s. Wucherungen.
Schädeldefekte. Deckung von — aus dem Sternmn
763. Deckung von großen — mittels Celluloid¬
platten 575. — nach Operationen 1431.
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Gck igle
Original frorn
UNIVERSUM OF IOWA
XXIV
Schädelgrube, Projektil aus der rechten mittleren
— entfernt 201. — s. Tumoren.
Schädelhöhlen, Schußverletzungen der pneumati¬
schen — 733.
Schädelplastik 548.
Schädelschuß mit Kochlearerscheinungen und
Angenmuskellähmnngen 084. Thyreoiditis nach
— 603.
Schädelschüsse 490, 572, 578, 1141. Behandlung
der — 318,1034. Behandlung der — im Felde
5146. Erfolge und Mißerfolge bei der operativen
Behandlung der —, besonders der Durch¬
schüsse 1141. Erfahrungen über —. besonders
über die Bedeutung des Rüntgenbildes für die
Schädelchirurgie 1033. Chirurgische Frühbe- {
Handlung der — 650. Klinik der— nach den |
Erfahrungen im Heimatlazarett 1328, 1350. |
Operierte — 1112. Prognose der — 953. Pro- j
gnose und Behandlung der — 18. Therapie j
und Prognose der — 871. j
Schädel- und Gehirnschüsse, Zur Diagnose und j
Therapie der —. Unterscheidung der Tangen- |
tialschüsse 1167. |
Schädelschußverletzungen, Einige Beobachtungen i
über — im Feldlazarett 545. I
Schädeltangentialschüsse, Richtlinien in der Be- i
handlung der — 1216. i
Schädel Verletzung oder Trunkenheit? 667. ,
Schädelverletzungen aus Leichtkrankenzügen und
der Transport Schädel verletzter 952. Ophthal-
moskopische Veränderungen bei — 1169.
Schädelwunden, Bemerkungen zur Behandlung 1
von — 925.
Schanghai, Die deutsche Medizinschule für Chi¬
nesen in — 170.
Schanker, Weicher — und anerkannt gebliebene
Syphilis 72.
Scharlach, Weitere Beiträge zur Serumbehand¬
lung des — 1033. — und Diphtherie in ihren
Beziehungen zur sozialen Lage 731, 520.
Scharlachstatistik, Zehn Jahre — 80. |
Schedesche Mohilisationsschienen, Erfahrungen |
mit — 1273.
Scheidenbildung, Künstliche — 1011.
Scheidenkarzinom mit Zystokele 1117.
Scheidenmißbildung, Seltene — 1360.
Scheintod, Ueber die Behandlung des — bei
Neugeborenen 788.
Schenkelhals s. Frakturen.
Schenkelschußfrakturen, Behandlung der —
549.
Schicks Reaktion, Bemerkungen zu — 789. —.
Mit Bericht über 800 Fälle 789. Beobachtun¬
gen über intracutane — bei 455 Säuglingen
und Kindern 1274.
Schicks Toxinreaktion s. Hautpseudoreaktionen.
Schiene zur Behandlung von Verletzungen der
unteren Extremitäten 651. — für Schußfrak¬
turen in der Umgebnng des Kniegelenks 681.
— für Schußverletzungen und Empyem des
Kniegelenks 681. — oder Gipsverbände bei
den komplizierten Frakturen der Knochen
und Gelenke? 171.
Schienbeinende, Verrenkungsbruch des oberen
— mit Erhaltung des Wadenbeins — eine
typische Verletzung 142.
Schienenfrage 197.
Schienenmodelle s. Prothesen.
Schienen verbände, Anleitung zur Anfertigung
von —. Von H. Gocht 899. — im Felde 709.
Ueber schnell improvisierte — bei Schußbrü¬
chen des Oberarmes und Oberschenkels 1378.
Schiffsarzt, Erlebnisse und Eindrücke eines
k riegsgefangenen — 1036.
Schilddrüsenfunktion, Theorie der — und der
thyreogenen Erkrankungen 544.
Schilddrüsenhypertrophie, Ueber das Vorkommen
von verworrener Manie bei einer Kranken mit
—. Schnell erzielter Heilerfolg durch Thyreoi-
dektomie 81.
Schildknorpel, Plastik am — zur Behebung der
Folgen einseitiger Stimmbandlähmung 1244.
Schlacht, Ueber truppenärztliche Erfahrungen in
der — 106.
Schlachtblut, Verwendung von — zur menschli¬
chen Ernährung 1009.
Schläfen- und Parietallappenherde a. Worttaubheit.
INHALTSVERZEICHNIS.
Schläfelappenabszeß eröffnet 145. Traumatischer
—. Fraktur des Schläfebeins 1090.
Schlaf-Druckläbmungen, Atypische — 110.
Schlaflosigkeit, Die Psychotherapie der — 199.
Schlafmittel, Mekonal ein — 897.
Schleimhauttuberkulose s. Nasengerüst.
Sclilüsselbeinschlagader s. Anenrysma rerum.
Schneeblindheit 50.
Schneidezahn, Fistel des oberen seitlichen —
1250.
Schnell verbandschiene, Sterile — 18.
Schnurübertrngnng s. Prothesen.
Scholz Jos. 348.
Schrägagarröhrchen-Typhusdiagnose, Verwertbar¬
keit der 'ßM (nach H. Königsfeld) für die
Frühdiagnose des Typhus abdominalis 1139.
Schrapnellfüllkugel durch das rechte Auge hin¬
durch in die linke Nasenhälfte 928.
Schrapnellkugel in der rechten Herzkammer.
Operative Entfernung 1034. Retropharyngealer
Sitz einer —. Senkung derselben in den Brust¬
raum 874.
Schrapnell kugelträger, Ueber basophile Granu¬
lation im Blute von — 142.
Schrapnellsteckschuß in der Labyrinthgegend 874.
.Schrapnellverletzung, Ungewöhnliche cerebrale
Erkrankung nach — 1112. Schwere — der
Nase, die zu einer völligen narbigen Atresie
der Nase führte 956.
Schraubenstreekverband 924.
Schalgesundheitspflege. Jahrbuch der Von M.
Fürst 1302.
Schul- und Jngendsanatorien 1358.
Schulkinder, Der Einfluß von Krankheiten, insbe¬
sondere der Tuberkulose, auf das Wachstum
und den Ernährungszustand der — 1058.
Schultergegend s. Stützungs- und Extensions¬
apparat.
Schultergelenksprothese bei Schlottergelenk mit
großem Humerusdefekt 1330.
Schultergelenksversteifung, Zur Behandlung der
— nach Schußverletzungen 871.
Schulter-Oberarm verband, Einfacher — 898.
Schulz H. (Jena) 500.
Schuß in den Herzbeutel 68.
Schußaneurysmen, Behandlung der — durch
künstliche Wandverstärkung bei Aneurysmen
besonderen Sitzeä 575.
Schußfraktur 901. — des Oberschenkels s. Gips¬
verband.
Schußfrakturen, Behandlung von 924. Wichtige
Forderung für die Behandlung der — 679.
Einige technische Behelfe zur Behandlung von
— der unteren Extremität 314. Behandlung von
— mittels Gipsbrückenverbänden 421. Gipsver¬
bandstechnik hei — der oberen Extremität
1085. Vorschlag zur Behandlung der — im Felde
1109. Zur Behandlung der — des Oberschen¬
kels 172. — langer Röhrenknochen und Ge¬
lenkschüsse im Feld und in der Heimat 1181.
— langer Röhrenknochen und ihre Behand¬
lung in den Heimatlazaretten 198. — s.
Schiene.
Schußkanal, Projektil im — des Oberarmes 608.
Schußknochenbrüche, Erfahrungen über die Be¬
handlung von — mit Distractionsklammerver-
bänden 61.
Schußverletzung s. Carotis. — s. Hirnnerven. —
s. Kieferhöhleneiterung. — der Oauda equina
256. — des Hüftgelenks 821. — am Kopf
845. — des Kopfes 845. — des Kopfes mit
Labyrinthaffektion durch Erschütterung des¬
selben 792. — der Leber 25. Zur Kenntnis
der — des Nervus radialis 227. Infolge — des
linken Plexus bracliialis mit nachfolgender
totaler motorischer und sensibler Lähmung
spontane Abstoßung der Nägel im Ausbreitungs¬
gebiete des M. medianus 144. — des Rücken¬
markes 656.
Schußverletzungen s. Harnröhre. — s. Rücken¬
mark. — s. Schiene. — s. Thorax. — s. Wir¬
belsäule, — der Augengegend 285. — der
Blutgefäße 140. — der Brust 4. Beobachtun¬
gen bei — des Brustkorbs 142. Ueber — des
Darmes 228. Versorgung der — der Extremi¬
täten 678. Ueber — der großen Gefäße 48.
I Beobachtungen bei — des Gehirns 1058. —
der rechten Halsseite 1361. — der Harnwege
und Verlegung derselben darch das Geschoß
198. — des Kehlkopfs 733, 678. — der Kiefer
1141. — des Kiefers, besonders der Unterkie¬
fer 175. — des Larynx 845. — der oberen
Luftwege 544. Beitrag zu den perforierenden
— des Magens 48. — von Nerven 317. Bei¬
trag zur Behandlung der — peripherischer
Nerven 734. Behandlung der —■ peripherischer
Nerven 313. der peripheren Nerven 762,
1112. Ueber — peripherischer Nerven 708. Bei¬
träge zur Kenntnis der trophischen Störungen
bei — peripherer Nerven 981. — des Nerven¬
systems 1037. — der Niere, der Blase und des
Genitales 201. Ueber — des Pleuraraumes
und der Lunge 203. — durch zersplitterte
Projektile 1361. — des Rückenmarks. 233.
Ueber einige — des Rückenmarks und Gehirns
89. — der pneumatischen Schädelhöhlen 733.
Beobachtungen bei — im Umkreise der Wirbel¬
säule und des Rückenmarks 1112. — der Wirbel¬
säule 3.
Schußwunde, Zur Frage der primären Okklusion
der — durch Naht 733.
Schußwunden, Kein Tampon in eiternde — 81.
— s. Ortizonpulver.
Schützengrabentrage, Neue — 1141.
Schutzanzug für Entlausungsaktionen 259.
Schutzimpfung gegen Blattern 245.
Schutzimpfung s. Kriegsseuchen. Prophylaktische
— mit Tetanusserum 1252. Technik der —
gegen Typhus 314. — gegen Typhus 683.
Technik der — gegen Varicellen 106. — gegen
Typhus und die mit ihr in der amerikanischen
Armee erzielten Erfolge 374. Wesen und Wert
der — gegen die Blattern 374.
Schutzimpfungen, Ergebnisse der — an der Impf¬
stelle des Centralkomitees der Preußischen
Landesvereine vom Roten Kreuz in Berlin
!410.
Schutzkleidung, Inscktensichere — 924.
Schutzmaske, Eine billige und leicht herzustel-
lende — für Leichenträger im Felde 600.
Schutzringe, Imprägnierte — gegen Ungeziefer,
ein neues Mittel und Verfahren zur Bekämp¬
fung der Läuseplage 1034.
Schwachsichtigkeit, Behandlung einseitiger —
1245.
Schwangerschaft, Blutdruck in der — 574. —
s. Conception. Dauer der menschlichen — 762.
— und Gebui't nach Jnterpositio vesicovagi-
nalis 1012. Herzfehler und — 1219. — s. Ty-
phlitis.
Schwangerschaftsdauer, Diskussion über — 844.
Schwangerschaftsniere, Behandlung der — und
Eklampsie 198, 286, 575, 843.
Schwarz Julius f 1335.
Schwarz K. (Wien) 264.
Schwebemarkenlokalisator 18, 255.
Schwebeschiene 490.
Schweißbildung s. NaCl.
Schweißfüße, Behandlung der — 49.
Schwerkranke und Verwundete, Ueber einen
Handgriff zum Heben — 255.
Schwerverletzte, Auffindung von — 1008.
Schwindsucht, Die — und ihre Bekämpfung. Von
G. Liebe. Leipzig 1914 200.
Scopolamin-Morphin Treatment in Labor 872.
Sedobrol in der neurologischen Praxis 226.
Seelenleben, Krieg und — 1167.
Seelenblindheit, Partielle —, optische Aphasie und
Alexie — 598.
Sehnenbehandlung 319-
Sehnennaht, Sekundäre 'Üf und Sehnenplastik bei
Schußverletzungen der Hand 652.
Sehnenverlängerung 630.
Sehorgan, Beurteilung der Kriegsverletzungen
des—. Eine Anleitung für Lazarettärzte 1359.
Bemerkenswerte Fälle von Verwundung des
— 1166.
Sehstörungen im Kriege ohne objektiven Augen-
befund 49.
Sekretionen s. Magendarmkanal.
Sekretogen, Versuche mit — 109.
Sektionsberichte, F. Bezolds — über 73 letale
Fälle von Mittelohreiterung. Von A. Scheibe.
1219.
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UNIVERSUM OF IOWA
XXV
I NH AI IV S -V ERZ EICHM 8.
N-i'bstk'wnßtwin nud I J ersö n 1 ie I» k ei ts I >e\v u ß tsei n.
Von Schilder 399.
S-Iktiiifekti't«. 1 «'her 1011.
SolMmärd«-. 1 eher kindliche - . Von E. Redlich
nud E. Liizar 983.
Slhstuiordrersoch, Leber einen eigenartigen --
mit Tuberkulin 897.
Semon. Sir Felix — als Deutschenhasser 686 b,
Seniiität. Vorzeitige — und Langlebigkeit 1087.
vnrihilitätsstöning an der linken oberen Extre¬
mität von segmentalem Typus nach Schädel-
sclmß 202.
Sen*ibilitätsstörungen, Beiträge zur Frage der
corticalen - 735. — von segmentalem Typus
nach Gehirnschuß 656. — von spino-segmen-
talern Typus bei Hirnrindenläsionen nach Schä-
delichußverletzungen 843.
Sej.«si> >. Kollargol385.1 »ifferentialdiagnose zwischen
- und aknter Ijenkämie 106. Uehergang der
- in Prämie 874.
Septnm un’tliro-vaginale. Papilläres Fibrom des
- 1144.
Sewdiagnostik 8. Syphilis.
Serologie. Grundriß der —. Deutsche Ausgabe
von Pr. K. S. Hoffmann. Zweite verbesserte und
vermehrte Auflage. Von A. Ascoli 790.
Scrnm $. Linse.
Seromanaphylaxie beim Menschen und deren Ver¬
hütung 785.
Scrambehandlnng bei Hyperthyreoidismus 574.
- Scharlach.
Serumexanthem mit Orönsehen nach Einspritzung
von Tetanus-Antitoxin 752. — nach Tetanns-
antitoxininjektion 345, 1061.
,'vrnmtherapie s. Infektionskrankheiten. Ein neues
Prinzip der — bei Infektionskrankheiten mit
besonderer Berücksichtigung des Typhus ab¬
dominalis 284. 25 Jahre antitoxischer —
1409.
Hachen, ( ber die Verbreitung von - durch In¬
fekten in» Kriege 109. Fürsorge der Gemein¬
den gegen — im Kriege 601.
Seuchenbekämpfung. Oestcrr. Gesellschaft für —
175.
Seuchenlazarett, Erfahrungen im — 85.
Sexuelle Anomalien, ihre psychologische Wertung
und deren forensische Konsequenzen. Von L.
Frank 790.
Usuelle Insuffizienz, Zur Behandlung der — 215.
zitier. Weiterer Beitrag zur therapeutischen Ver¬
wendung des kolloidalen — 1359. Richtlinien
für die therapeutische Verwendung des kol¬
loidalen — 1084.
rilbernitratlösangen s. Wanden.
Mlberplättcheii, Verwendung von — in der Chi-
ruruie Hl 7.
•N::mlation des Fiebers 230.
Simalationsfall, Seltener — 763.
> ‘ fl ” er - Zuschrift von Prof. Dr. Gustav —, Wien
531.
rinustbrombüse, Operativ geheilter Fall von —
im Anschluß an eine unter dem Bild der
Mukosusotitis verlaufende Streptokokkenotitis
m\.
riin-- viscernm in versus totalis 1196.
Retropharyngealer ~ einer Schrapnellkugel
8(4.'
ifeio^e. Leber atypische multiple — und luetische
s pinalleiden bei Heeresangehörigen 925.
>kabies. Therapie der — 1141.
'Wett 1333. Leber die mechanische Behandlung
wirklicher Formahweichungen des — 198.
HWisdermie, pernieiöse Anämie und tabesähn-
1,c !' e Hinteretrangsaklerose 23. In Heilung be¬
griffener Fall von sogenannter diffuser — 524.
jrcumscripte — 1415. Zusammenhang von
bkorhnt mit — 261.
Hierose der Nase 261.
Hörhut 261.
Hörhuterkrankung 629.
^ofnlose. Wasen und Behandlung der - 1139.
^rrjfalosefrace 1272.
Hhienrrmäknlaüvr s. Lähmungen.
ein Volksnahrungsmittel 273.
■«"laten. Nervenkranke - s. Dienstfähigkeit. Wie
j ann nian schwachsichtig gewordenen — das
Lesen wieder ermöglichen? 842.
Soldatenhand, Große Bedeutung einer sorgfältigen
Behandlung der verletzten — 1433.
Sommerhantkrankheiten im Felde 773.
Sonnenbäder und Nervensystem 842.
Sonnenbehandlung irn Feld 1216.
Sonnen- und Freiluftbehandlung. Die — schwer
eiternder Wunden 49.
Sonnenlicht, Einfluß des — auf die Sauerstoff¬
zehrung 1304.
Sonnenburg Eduard f 658.
Sonnenstich, Hitzschlag 870. Pathogenese des —
735.
Spiitabscesse nach Scbußverletzungen des Gehirns
1112.
Spätaffektion des Labyrinthes b/.w. des Oochlcaxis
nach akustischem Trauma 874.
Spätblutungen nach Schuß Verletzungen 570.
Spätrezidive nach Carcinomoperation 90D.
Spättetanu3 nach frühzeitiger prophylaktischer
Antitoxininjektion 1409.
Spasmen nach Kopfschüssen, Orthopädische Be¬
handlung der — 171.
Spasmophilie, Behandlung der — mit Lebertran
und Tricalcimnphosphat258. Elektrischer Nach¬
weis der — bei den Fällen von sogenannten
Initialkrämpfen älterer Kinder 258.
Spasmus, Tic oder habitueller — 1113.
Speicheldrüsen- und Nebenhodenentzündung, Epi¬
demische — 535. Bemerkungen zum Artikel
Prof. Eichhorsts (Zürich) „Ueber epidemische
— u 754.
Speicheldrüsen s. Hypertrophie.
Speiseröhre, Röntgenologische Darstellung der
normalen und der pathologischen — 708. —
s. Luftwege.
Spekulation und Mystik in der Heilkunde. Ein
Ueberhlick über die leitenden Ideen der Me¬
dizin im letzten Jahrhundert. Von F. v. Müller
523.
Spezialitäten des feindlichen Auslands. Aktion
gegen die — 412. Ausländische s*nmd deutsche
Ersatzpräparate 574.
Sphygmobolometrie Sahlis und ihre Kontrolle 520.
Spina bifida, Behandlung der — 255.
Spinalflüssigkeit, Wann soll bei Syphilitikern die
— untersucht werden? 598.
Spinalleiden s. Sklerose.
Spirochaeta pallida, Zum 10jährigen Jubiläum
der Entdeckung der — 398.
Spirochaete Obermeieri s. Vitalfärbung.
Spitzfuß-Apparat, Portativer — 1361.
Spitzfußstellnng, Apparate zur Verhütung und
Behandlung der — und zur Exteusionsbe-
handlung der llnterschenkelfrakturen 1359.
Vermeidung der — 709.
Spitzfuß, Ueber den — nach Schuß Verletzung im
Bereiche des Unterschenkels 1085.
Spitzfuüstiefel 709.
Spitzgeschosse, Umdrehung der modernen — im
Wundkanal um ihre Querachse 869.
Splenektomie 789. — bei primärer pernieiöser
Anämie 681. — bei Kala-Azar 897.
Spondylitis typhosa (Quincke) 490.
Sprachärztliclie Kriegsabteilung 1377-
Sprache, Das Geheimnis der menschlichen
Von N. v. Mayendorf 1219.
Sprachführer für den Verkehr mit Verwundeten
und Gefangenen. Französisch-Deutsch-Englisch-
Russiseh. Von Haasmann und Seyffert 21.
Sprachheilkunde, Beziehungen der — zur übrigen
Medizin 1360.
Sprachlähmung, Funktionelle — im Felde 1423.
Sprachliches 1300.
Sprachstörung nach Schädelverletzung 145.
Sprachstörungen, Behandlung von — nach Kriegs¬
traumen 1276. Vorlesungen über —. \on
A. Liebmann 1088.
Sprengel 0, (Brannschweig) t 412.
Spulwurm im Pankreas 1335.
Staphylodermia vegetans 231.
Star, Neue Wege in der operativen Bekämpfung
des grünen — 811.
Statistik 58, 86, 116, 1 <6, 236, 290, 348, 412,
442 466, 526, 550, 580, 632. 658, 686 b, 714.
740, 794, 848, 876. 932, 958, 1014, 1038,1064,
1092, 1198, 1224, 1252, 1278 c, 1306, 1336,
1364 b, 1390 b, 1436.
Stanungsbehandlung .schwererGranat- undSrhrap*
nellverletznngen 1084.
Stechmücken, Schutzmittel gegen - 1193.
Steel»m ück en 1 k* kämpfung 952.
Steckschuß 1090. in der rechten Fossa pterygo-
palatina nach Durchschuß der Nase 792. —
am Hals 684. — im Bereiche der Kaumus¬
kulatur 1141. — über der linken Clavicula
766. — im hinteren Mediastinum mit Beziehung
zum Oesophagus 1362. Röntgenbild eines -
des rechten Oberkiefers 684. Typischer — des
Rückenmarks 896. — der rechten Schulter 629.
— des linken Warzenfortsatzes mit Eiterung und
Sequesterbildung in demselben. Spontaner Ab¬
gang des Geschosses. Sequestrotomie. Heilung.
Traumatische Erkrankung de3 linken inneren
Ohres. Besserung des Gehörs im Laufe der Be¬
handlung 793. Einfache Methode zur Bestim¬
mung des Projektils im Körper hei — 1217.
— der Vena cava inferior 344.
Steißtherapie s. Placenta praevia.
Stcllsonde-Verfaliren, Eine Methode der Operation
von Projektilen (Fremdkörpern) 1384.
Stenose, Hochgradige — s. Verätzung.
Stereophotogrammetrie, Anwendung der — des
Röntgenbildes in der feldärztlichen Tätigkeit
1272.
Stereoskopie s. Geschoßlage. Gesehoßlokalisatim»
durch — 1009.
Stereoskopische Aufnahmen s. Raumme.ssung.
Sterilisation s. Tierkohle.
Sterilität, Die Beseitigung der — durch Fermente.
Epididymostomie 200. Prognose der - - 13(50.
Sternum s. Schädeldefekte.
Stichverletzung der Carotis communis 629.
Stichverletzungen des Zwerch felis durch das Seiten¬
gewehr 1010.
Stickstoffbestimmung, Einfache Methode der
im Harn 953.
Stiefelabsatz, Vor- und Nachteile des — sowie
die Aufgaben einer vernunftgemäßen Fu߬
pflege 1364 a.
Stieltorsion des Leistenhodens 650.
Stiftung für sozialärztliche Leistungen 500.
Stillsche oder Mikuliczsche Krankheit 590.
Stimmbänder. Brückenförmige Synechien der —
1362.
Stimmhandlähmung, Beitrag zur funktionellen
— im Felde 373, 733, 926.
Stirnhim, Absceß im — 22.
Stirnhirnverletzung 1062.
Stirnhöhleneiterung mit Fistelbildung im late¬
ralen Innenwinkel des Stirnhöhlenbodens 928.
Stirnhöhlenschuß 1220.
Stirnlampe, Einfache, billige nnd praktische —
652.
Stirnlappen, Weiterer Bericht über den mit Klein-
hirnerscheinungen einhergehenden Fall von
Kompression des — 792.
Stöpselapparat mit verschiedenen Griffen, mit
welchen Koordinationsübungen der Finger
vorgenommen werden können 711.
Stoffwechsel, Der — bei exsudativer Diathese.
Von A. Niemann 682. — s. Meningitis serosa
acuta.
Stoffwechsel- nnd Konstitutionskrankheiten, Rolle
dos Nervensystems in der Genese der —
1112.
Stoffwechsel- und Nierenerkrankungen 497, 1330.
Stottern, Psychologie des — 1087. — und Ny¬
stagmus 654.
Strafwürdigkeit der Ansteckung in den Vor¬
arbeiten zur Strafgesetzreform 1034.
Strahlentherapie 310 , 340, 1404. — bei Hypo¬
physentumoren 924, 1170. — im Kriege 623.
— mittels Ultradur-Röntgenstrahlen 650.
Strahlentiefenwirkung 1358.
Stransky E. (Wien) 264.
Streck apparat bei einfachen und komplizierten
Brüchen des Ober- und Unterschenkels 981.
Streckbehandlung, Vereinfachte — der Knochen-
brüehe der Beine 786.
Streck verband, Der transportable — 107, 284.
Streckverbandapparat mit passiven Gelenkbewe-
gungen und — mit automatischen Gelenkbe¬
wegungen 1246.
Streifschüsse an der Schädelkapsel 284.
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Gck igle
Original frorn
UNIVERSUM OF IOWA
XXVI
INHALTS-VERZEICHNIS.
Streitfragen, Aerztlichrechtliche - im Krieg 875.
Streptokokken s. Gasbrand.
Streptokokkenempyeme, Gehäuftes Auftreten von
infektiösen parapneumonischen — 7(50.
Streptokokkenmeningitis, Heilung zweier Fälle
von — durch lumbare Laminektomie mit
Drainage 926.
Ströme, Weitere Mitteilungen über osciilierende
— und ihre strahlende Energie 312.
Strohmehl und seine Verwendung 95(5. — und
seine Verwendung für Backzwecke 1142.
Stützungs- und Extensionsapparat als Ersatz aller
kontentiven Verbände bei sämtlichen Ver¬
letzungen (speziell bei offenen Frakturen der
oberen Extremitäten, Clavicula und Schulter¬
gegend) 680.
Stützverbände in« Felde 1010.
Stuhlentnahme, Schnellere Methode der — bei
Massen Untersuchungen auf Bacillenträger 954.
Stumpfrettung unserer Amputierten 1429.
Subclavia s. Aneurysma. Unterbindung der linken
- 22 .
Snbinfektion durch Herde im Becken und Ab¬
domen 1247.
Suprareninlösung s. Wundlieilung.
Symphysiotomie. Subcutane — 731.
Symptomenkomplex, Behandlung des varicösen
— 896. Ungewöhnlicher bei einem Falle
von symptomatischer Psychose 735. l'eher den
cerebellaren — in seiner Bedeutung für die
Beurteilung von Schädelverletzten 1217. Kli¬
nische und anatomisch-histologische Unter¬
suchungen über einen Fall mit Adams-
Stokesschem — 374.
Svnechien, Brückenförmige — der Stimmbänder
1362.
Syphilid, Tubero-ulzero-serpiginöses — 1250. 1416.
Zoniformes lichenoides — 231.
Syphilis, Therapie der angeborenen — nebst
einigen klinischen Bemerkungen 1165. Chemo¬
therapie der — mittels anorganischer Kom¬
bination von Quecksilber, Arsen und Jod 493.
Congenitale — im Lichte der Wassermann¬
reaktion 1274. Behandlung der — mit Ein-
barin 457. Facialislähmung im Frühstadium
der — 1415. Fall von febriler tertiärer —
1277. Ueber Ergebnisse der Hermann-Perutz-
Reaktion bei — 539. Therapie der hereditären
— 109, 229. — e. Herzleiden. Behandlung der
— mit Kupfersalvarsan 197. — und Magen¬
symptome 707. Beitrag zur Lokalbehandlung
der meningealen — 1411. Intraspinale Be¬
handlung der -— des Centralnervensystems
1113. lntraspinale Behandlung der — des
Centralnervensystems mit Salvarsanserum von
bekannter Stärke 200. — des Nervensystems
1087. Miteinbeziehung des Nervensystems ]
während der primären — 764. Eine neue Me¬
thode der Quecksilberinkorporation zur Be¬
handlung der — 627. — s. a. Schanker,
weicher und —. Kenntnis der congenitalen
— der Säuglinge 490. — und Salvarsan. Von
A. Neisser 873. Landaus Färbprobe zur Serum¬
diagnose der — 817. A Further Note on the
Landau’s Color Test for Serodiagnosis of —
898. The Landau Iodins Serum Test for —
898. Ueber Serodiagnostik der — mit che¬
mischen Substanzen (Coagulationsreaktion)
1059. Die intradnrale Anwendung merkurali-
sierten Serums in der Behandlung der cerebro¬
spinalen — 315. Spätmanifestationen der er¬
erbten — mit besonderer Berücksichtigung
der Arterienerkrankung 173. — of the Stomach
898. Ueber das Vorkommen und die Vermei¬
dung von Fehlern bei Verwendung der mo¬
dernen Mittel der Diagnose und Therapie der
- 1334.
Syphilisbehandlung 981. — ausschließlich mit
Salvarsan 980. Betrachtungen der Erfahrungs¬
resultate während siebenmonatiger — mit
Salvarsan 315.
Syphilisfälle, Gelungene Sterilisation und durch
SalvarBsn-Merkur-Jodbehandlung günstig be¬
einflußte — 1008.
Syphilistherapie, Ueber Unklarheiten und Un¬
vollkommenheiten unserer —, zugleich ein
Beitrag zur Frage der Syphilisprophylaxe 1192.
Syphilitiker, Wann soll bei — die SpinalHüssig-
keit untersucht werden? 598.
Syringomyelie, Hereditäre — 711. — bei Vater
und Sohn 1344.
Syringocystadenom 231.
Tabak, Wirkungen von — und Alkohol auf das
kardiovasculäre System 1302.
Tabakherz 7(54.
Tabes. Alte und neue Uebungsbebandlung der —
1301.
Tabes dorsalis, Ein Fall von — mit akut ein¬
setzenden ungewöhnlichen Koordinationsstö¬
rungen am Rumpfe 1194.
Taboparalyse, welche 5 Jahre nach luetischer Er¬
krankung aufgetreten 1220.
Tarsitis im Frühstadium der Lues 261.
Talus s. Luxationsfraktur.
Tangentialschüsse des Schädels, Welche Erfolge
hat die operative Behandlung der — ? 570. —
des knöchernen Thorax und die durch sie er¬
zeugten Veränderungen innerer Organe 925.
Tannoforrn bei Tvplms und septischer Enteritis
492.
Tastsinn, Lokalisation des — 312.
Taubheit nach Durchschuß durch den Warzenfort¬
satz. Wiederkehr des Gehörs 792. Totale —.
Traumatische Trmnmelfellruptur. Komplette
Facialislähmung 874.
Taubstumme, Zur Sprache — 1062.
Taubstummheit, Hysterische — 1250.
Technische Neuheiten auf dem Gebiete der Medi¬
zin, öffentlichen Gesundheitspflege und Kran¬
kenpflege 953.
Temperaturinessung, Aerztliche — 841.
Terpacid 7(53.
Testikel, Transplantation eines — in die Bauch¬
muskulatur 1303.
Tetanie, Ergotismus und - 710. — als Frühsytn-
ptom einer Infektion 763. — im Verlaufe einer
Gallensteinkolik 313. —, Hyperchlorhydrie und
Lähmung der Interossei (556. Weiteres Material
zur Secaleätiologie der — 813. Alte und neue
Probleme der — des Sänglingsalters 1245.
Tetanus 115. Anwendung von intravenösen Aether-
Kochsalzinfusionen bei — 980. — and Anti-
tetanic Serum with Note on the Complications
and Late Death in Tetanus 872. Intraspinal
Administration of Antitoxin in — 898. Bedeu¬
tung der prophylaktischen Antitoxinbehand¬
lung bei — 1364 a. Die kombinierte Antitoxin-
überschwemmungs- und Narkosetherapie des
— 18. Die Behandlung des —. Von G. L. Drey-
fus 602. Beitrag zur Behandlung des — 48.
Klinische Beobachtungen über — im Felde
343, 372. Beobachtungen über — im Frieden
und im Felde 283. Einiges über — 318. — s. Fi-
brillentheorie. Geheilter — 495. Heilung von
— 1196. Klinische Beobachtungen über — und
praktische Gesichtspunkte bei seiner Behand¬
lung 492. Klinische Erfahrungen über — auf
dem westlichen Kriegsschauplätze 951. Klini¬
sche und therapeutische Erfahrungen über —
979, 1008, 1058. Ueber — bei Kriegs verwun¬
deten. Ergebnis einer Sammelforschung 49.
Lichtbehandlung des — 313. Lokaler — 629.
Die intraneurale Injektion von Tetanusanti¬
toxin bei lokalem — 1083. Behandlung des —
mit subcutanen Injektionen von Magnesium
sulfuricum 573. Bemerkungen zur Magnesium¬
sulfatbehandlung des — 171. Glycerinphosphor¬
saures Magnesium (Merck) als Ersatz für
Magnesiumsulfat bei der Behandlung des —
786. Magnesiumsulfattherapie des — 19. Pa¬
thologie und Therapie des — 573. Auf den
linken Plexus lumbalis lokalisierter Fall von
— 953. Praktische Gesichtspunkte bei der Be¬
handlung des — 254. Prophylaktische Impfung
gegen — 1141. Prophylaxe des — 226, 255.
Salvarsanbehandlung des — 871. Nach einer
Schußverletzung Gasphlegmone und — 113.
Therapie des — 170. Vorschlag für eine
Sammelforschung über — 48.
Tetanus-Antitoxin s. Serumexanthem.
Tetanusbehandlung 25, 31, 50, 81, 628, 1411.
Tetanusfall, Bericht übereinen — 681.
Tetanusfälle 631.
Tetanusfrage, Notizen zur — 491.
Tetanusgefahr. Verhütung der — durch intensive
Luftbeströmung 50.
Tetanusimmunisierung 263.
Tetanashmnunität des Menschen 1385.
Tetanusimmunserum, Mein — 226.
Tetanusinfektion s. Wundstarrkrampf.
Tetanuskranke, Untersuchungen über den Anti¬
toxingehalt irn Serum — 1329. Serologische
Untersuchungen bei — 1110.
Tetanus lateralis 521.
Tetanusrezidiv 1087.
Tetanusserum 8. Schutzimpfung.
Tetanustherapie mit Magnesiumsulfat, Experimen¬
telle Untersuchungen über Wesen und Aus¬
sicht der — 81, 228. —. Erfahrungen am te-
tanuskranken Menschen bei intervenöser Ein¬
führung des Magnesiumsulfats 344.
Tetanustoxin s. Immunisierung.
Texan. Läusebekämpfung durch — 346.
Theacyton s. Herz- und Nierenkrankheiten.
Therapeutischer Brief aus Ungarn 1035.
Therapie an den Berliner Universitätskliniken. Von
Dr. Wilhelm (Toner 927. Lexikon der gesam¬
ten —- des praktischen Arztes mit Einschluß
der therapeutischen Technik. Von Walter
Guttmann 173. Physikalische Therapie 1425.
Thermalwasser, Ueber die Wirkung des — bei
frischen Schußverletznngen im Vereinslazarett
Landesbad 244.
Thermanalgesie, Isolierte — eines Beines nach
Schußverletzung des obersten Brustmarks (502.
Thermoprücipitinroaktion als Diagnostikum bei
Pneumokokkeninfektionen 755.
Thermostat, Ueber einen mit Kalk heizbaren —
1273.
Thigan 284.
Thigasin s. Vulva.
Thorakoplastik 499. Ueber extrapleurale — bei
Lungentuberkulose und Bronchiektasien 169.
Thorax, Schuß Verletzungen des — 712. — s. Tan¬
gential schüs-e.
Thoraxverletzungen, Folgezustände von — durch
Atmungstherapie und Lagerung behandelt
1387.
Thoraxwand, Typhöse Ahsressc der — 1430.
Thorium als neues Agens für Pyelographie 927. —
X und Harnsäure 254.
Thrombopenie, Essentielle — 570, 598.
Thrombophlebitis 820.
Thrombose, Erfolgreich operierte fortschreitende
— der Vena subclavia 1059.
Thrombosen, Wie verhält sich die Wassermann-
Reaktion bei — 1379.
Thyreoiditis chronica, Operationstod bei — 20. —
nach Schädelschuß 603.
Thyreose, Bedeutung und Verbreitung der — im
'Heere 1009.
Tibia s. Ulna.
Tic oder habitueller Spasmus 1113.
Tiefenbestimmung, Einfacher Weg zur — von
Geschossen im Rumpfe 841.
Tiefenbestrahlung von Carcinomen mittels Röntgen¬
maschinen 599, (551.
Tierbau und Tierleben in ihrem Zusammenhang
betrachtet. Von R. Hesse und F. Doflein.
Band II. „Das Tier als Glied des Naturganzen“
von F. Doflein.
Tierblntkohle s. Typhus abdominalis.
Tiere, Das Rätsel der denkenden —. Von (>. Har¬
ter 375.
Tierkohle s. Cholera. — s. Gonorrhoe. — s.
Vaccineuntersuchungen. — als modernes Heil¬
mittel 1141.— zu internem Gebrauch 86. Ste¬
rilisation von Flüssigkeiten mittels — 1141.
Sterilisation des Trinkwassers mittels — 954.
Verwendung des-, Ton- und Chlorkalkpul¬
vers beim ersten Verband im Felde 678. The¬
rapeutische Verwendung der — 81. Die \er-
wendnng der — zmn Nachweis von Typhus¬
bacillen 1323. Wundbehandlung mit — 571.
Tierkohlebehandlung bei Truppen inder Front 1167.
Tierwelt. Einfluß des Krieges auf die — 1080.
Todesfälle 236, 412. 580, 680 b, 768, 822, 876,
958, 986 b, 1092, 1118. 1172, 1198, 1252,
130(5. 13(54, 1390 b.
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UNIVERSUM OF IOWA
XXVII
INHALTS -VERZEICHN! S.
Tollwat, Schnelle Verwandlung des Straßenvirus
d er _ in Virus fixe 761.
Tonsillen als Eingangspforte, Die — für Allge¬
meininlektionen 109.
T.-nsillitis keratosa punctata 346.
Mmoosverband in der Kriegschirurgie 372.
Totenstarre, Zar Kenntnis der — und der phy¬
siologischen Vorgänge im Muskel 816.
Toxine a. Milch. Cardiovascnläre — von Mikro¬
organismen herrührend 1331.
Trachea s. Aortenaneurysma. Abguß der —, der
Haaptbronchien und eines Teiles der Bron¬
chien zweiter Ordnung, welcher von einem
Pat. ausgehnstet wurde 711. Ueber die cir¬
culare Resektion und Naht der — und die
plastische Rekonstruktion größerer Defekte der
- 1087.
Trachealruptaren, Isolierte subcutane — 816.
Trachealstenose durch Membranen 1362.
Tracheitis sicca. Rezidivierende — 1362.
Tracheobronchitis necroticans, Ueber akute idio¬
pathische — 520.
Tracheo-Bronchoskopie der Kinder, Elliptische
Röhrenspatel zur — der Kinder 845.
Trachomhehandlung, Versuche über eine specifi-
sche — 1068.
Tragbahrengestell für die Verwundetenpflege 1132.
Trammer E. j 499.
Transinsufflation s. Darmtractns.
Transplantation derArteria temporalis anterior 574.
Transporte von Verwundeten, Anweisung an
Aerzte und Krankenpfleger bei — 198.
Transportschieuen, Zwei neue — 1385.
Transportverbände bei Schußfraktnren 109.
Tranra, Der — ein assoziativer Kurzschluß. Von
H. Henning 258.
Trauma und Appendicitis 687. — und Diabetes
458. — and Gewächse 741. — und Hernien
911. — and chronische Infektionskrankheiten
512. - und akute und chronische Knochen-
nud Gelenkentzündungen 687. — s, Menin-
idtis. - s. Spätaffektion. — und Wundinfek¬
tionskrankheiten 454, 455.
Trcndelenbnrgsches Zeichen s. Kreuzfuge.
Iricalciamphosphat s. Spasmophilie.
Trichinose 943. Beobachtungen über — 1084.
Trichophytie 231.
Triestina, Assoziazione Medica -- 24.
Trigeminusneuralgien, Die Heilung hartnäckiger
- durch Injektion von Alkohol ins Ganglion
_ Gassen 80. — Vaccineurin und — 1358.
Trinkkur. Einflaß der Marienbader — mit glau-
bersalzhaltigen Quellen (Marienbader Kreuz¬
rund Ferdinandsbrunnen) auf den Reizablauf
im Herzen 708, 952.
Trinkwasserbereitung mit Berkefeldfilter für den
r eidgebrauch 736.
Trink wasser, Entkeimung von — im Felde 1010.
Sterilisation des - mittels Tierkohle 954.
Innkwassermengen s. Desinfektion.
Trinkwasserreinigung im Feld, insbesondere mit
* vulkanischem Filtermaterial 1143.
Trinkwassersterilisation mit Chlorkalk im Felde
.818. \ ersuche über - 586. - mit Chlor 1110.
irinKwasserverhältnisse im westflandrischen Kü¬
stengebiete 761.
Tiockenmilchpräparate als Liebesgaben 1218 .
Inmimelfellraptnr s. Taubheit.
Tronimelschlägelfinger 51.
Trupfherz s. Arterien, rigide.
rophische Störungen b. Schnßverletzungen.
imppau, Bericht über die Tätigkeit der Prosektur
des Schlesischen Krankenhauses in — während
es ersten Kriegshalbjahrs mit besonderer
Berücksichtigung der Infektionskrankheiten
Trunkenheit, Schädelverletzung oder — 667.
iranksDchtbekSmpfung, Armengesetz und — 1246.
roppenärztlicher Dienst der Kavalleriedivision
Tnippenarzt. Beobachtungen und Erfahr nnge
emes — 1194. Erfahrungen eines — 121.
roppenepidemie, Eine eigenartige — 816.
Truppenverbandplatz. Vom ~ 373.
rypanosoma hrucei, Formänderungen von -
im Plasma 1143. Formänderungen von -
hrucei im Plaamamodium 924.
Tubargravidität, Myom und geplatzte — 1115.
Tubercula cutanea 261.
Tuberculosis cutis verrucosa 1333.
Tuberkelbacillen, Die diagnotische Bedeutung
des Nachweises der — in den Faeces 790.
The Significance of Tubercle Bacilli in the
Urine. (Die Bedeutung der — im Urin.) 735.
— im Blute. Tuberkulinwirkung und Bacill-
ämie 1328. Vorkommen von — im Blute 254.
Tuberkelbacillennachweis im Blute 141.
Tuberkulid, papulonekro tisch es 231.
Tuberkuliden, Papulonekrotische — an den Ex¬
tremitäten 261.
Tuberkulin „Rosenbach“ s. Tuberkulosen. Ueber
einen eigenartigen Selbstmordversuch mit —
897. — bei chirurgischer Tuberkulose 1088.
Tuberkalinbehandlung im Kindesalter 815. Ueber
die biologischen Vorgänge bei der — 344.
Tnberknlindiagnose, Wert und Technik der sub-
cutanen — 108.
Tuberkulinimpfnng s. Herdreaktion.
Tuberkulinreaktionen, Ueber den diagnostischen
und prognostischen Wert der lokalen — auf
Grundlage neuerer Forschungen. Von E. v.
Tovölgyi, Leipzig 1914 173.
Tuberkulöse Erkrankung 8. Militärdienst. Miliares
— Geschwür 262. Ueber — Infektion und
Reinfektion 34.
Tuberkulom der Choane 956.
Tuberkulose, ein Anfechtungsgrund für die Ehe
1364 h. — unter der chinesischen und nicht¬
chinesischen Bevölkerung Schanghais 1032.
Erfahrungen bei Behandlung chirurgischer —
mit Tuberkulin „Rosenbach“ 544. Frühstadium
der — 51. Handbuch der — von P. Siedler
576. Unsere gegenwärtige Kenntnis der — 1302.
Krieg und — 18, 373, 630. Lecutylbehand-
lung der — 1192. Lymphogene Ausbreitung
der — beim Menschen 286. — und Mutter¬
schaft. Von C. A. Crede-Hoerder 710. Be¬
schleunigter Nachweis der — im Tierversuch
durch Milzimpfung 627. Therapie der — des
Peritoneums und des Genitaltractus 954. Die
— als Ursache und Resultat der Armut 199.
Analyse der Wirkung nichtspezifischer Mittel
bei chirurgischer — 953.
Tuberkulosebehandlung, Neuere Methoden der
spezifischen — und ihre experimentellen Grund¬
lagen 1194.
Tuberkulosenfürsorge, Das Rote Kreuz im Dienst
der — 794.
Tuberkulosepartialantigene, Erste Erfahrungen
mit Deyke-Muchschen — im Hochgebirge
1193.
Tuberkulosesterblichkeit, Die — der Lehrer. Von
Friedrich Lorentz 764.
Tuboovarialzyste. Tuberkulöse — 1116.
Tubulisation s. Galalith.
Türk W. (Wien) 264.
Tumor auf tuberkulöser Basis 1415.
Tumor cerebri im Anfangsstadium 1090.
Tumoren, Einschnitt in — zum Zwecke der Dia¬
gnose 1011. Diagnose der — der mittleren
Schädelgrube 929. Therapie maligner — der
Tiere und der Menschen mit Seelenverbin-
dungen 1193.
Tumormäuse s. Blutveränderungen.
Turnapparat, Medieo-mechanischer — 1410.
Turnen als Heilmittel 241.
Thymusoperationen und deren Folgen für den
Organismus 256.
Typhlitis, Beitrag zur Kenntnis der echten —
(und Perityphlitis) in der Schwangerschaft
1087.
Typhotoxikose s. Typhusschutzimpfung.
Typhus, Zur Antigenbehandlung des — 100. Ap¬
pendicitis und — 979. Neuere Arbeiten über
— 492. Bakteriologie des — im Kriege 403.
Chirurgisches über — ; schwierigere Fälle 1385.
Kombinierte Schutzimpfung gegen — und
Cholera 1359. Simultanimpfungen gegen —
und Cholera 1215. Ueber einseitige Immuni¬
sierung mit — und Gholeraimpfstoff (Misch¬
impfstoff) 678. — und Circulationsapparat
1428. Perforierter Duodenalulcus und — 1415.
Dysenterie und — 175. Behandlung des —
mit Eigenserum 844. Intravenöse Einspritzun¬
gen nach Ichikawa beim -- 25. Ein bemer¬
kenswerter Fall von — 53. Erfahrungen und
Gedanken über — und Typhusbehandlung im
Felde 1039. Methoden zur frühzeitigen Er¬
kennung des — 712. Besonderheiten in Ver¬
lauf und Behandlung des - - im Felde 343.
Diagnose und Therapie des — im Felde 844.
Fieberloser — 1167. — und Heilserum 145.
— s. Heterovaccinetherapie. — s. Impfstoffe.
Impfung gegen — in der Armee der Ver¬
einigten Staaten 1114. — und Schutzimp¬
fung 924. Schutzimpfung gegen — 683.
Schutzimpfung gegen — und die Vaccine¬
therapie desselben 737. — und Typhusimpfung
377. Vaccinebehandlung des — 1273. Atypi¬
sche Verlaufsformen des — im Felde 896. —
8. Heterovaccinetherapie.
Typhusabscesse 570.
Typhus abdominalis 205, 1281. Gleichzeitiges Auf¬
treten von — und Dysenterie 762. Die Bakterio-
therapie des — 199. Erfahrungen über Bakterie-
therapie des — 668. Bakteriotherapie des —
434, 639. Behandlung des — 1248. Speciti-
sche Behandlung des — 650. Behandlung des
— mit Besredkas Vaccine 979. — mit hämor¬
rhagischer Diathese 323 , 361. Hauterschei-
nungen bei — 1060. Heterovaccinebehandlnng
des — 843. Impfstoffbehandlung des — auf
intravenösem Wege 571. Ueber intravenöse
Kochsalzinfusionen bei — 1359. — als Kriegs-
seuche 286. Verlauf der Leukopenie und
Ergebnisse der differentiellen Zählung bei
— 1141. Neosalvarsantherapie beim — 732.
Prognosestellung bei — 1078. — Prophylaxe
und Therapie des — mittels Impfstoffen 374.
— s. SchrUgagarröhrchen-Typhusdiagnose. —
s. Serumtherapie. Symptomatologie, Diagnostik
und Behandlung des —, nebst Bemerkungen
über die Typhusschutzimpfang 731. Beitrag
zur Therapie des — 1074. Zur Frage der
sogenannten Vaecine- oder Bakteriotherapie:
„Ergotrope“ Therapie des — 1140. Ueber Tier-
blntkohle und insbesondere ihre Verwendung
bei — und Paratyphus 1010. — mit Typhus-
immunserum resp. agglutinierendem Typhus-
sernm des Wiener k. k. serotherapeutischen
Institutes behandelt 1430. Behandlung des —
mit Typhusvaccine 314. — s. Urochrornogen-
reaktion Weiss. Vaccinebehandlung des — 229,
762. Die Behandlung des — mit nicht sensi¬
bilisierter Vaccine 871. Vaccinetherapie des —
573. Vaccinebehandlung des — 954. Vaccine¬
therapie des — 256. — 8. Heterovaccinetherapie.
Tvphus exanthematicus, Klinik und Therapie des
— 629.
Typhusbacillen s. Duodenalsonde. — s. Säureag-
glutination. Neues Verfahren zum Nachweis
von — im Blut 1222. — im Sputum 495.
im Warzenfortsatz bei Typhusmastoiditis 929.
Ueber eine Modifikation der Gallenvorkultur
zur Züchtung von — aus Blut 107.
Typhusbaeillennachweis, Eine neue einfache Me¬
thode zum beschleunigten — in kleinen Men¬
gen Blut 171.
TyphusbacilLenträger 713. Behandlung der — 581,
729.
Typhusbacillenträgerin, Infektion von 93 Personen
bei einem öffentlichen Essen durch eine — 173.
Typhusbacillenzüchtung mittels der Galleschräg¬
agarröhrchen 1358.
Typhusbacillus, Neue Methode des Nachweises des
— im Wasser 1141.
Typhusbakterien s. Blutzellen. — a. Typhusfieber.
Wirkung von sensibilisierten und nicht sensi¬
bilisierten — 1222.
Typhusbehandlung, Intravenöse — mit der sensi¬
bilisierten Bacillenemulsion (Höchst) 979. Spe-
cifische — 785.
Typhusbekämpfung im Felde durch ein einfaches
Verfahren zur Händedesinfektion 1358. im
VII. R. K. 205, 241. — im Felde, speziell heim
Stellungskampfe 649.
Typhus-Coligruppe, Die Wirkung des Petroläthers
auf die Bakterien der — 600.
Typhusdiagnose im Feld 302, 674, 680, 89J, 926.
— s. Gruber-\Yidal8che Reaktion. Impf-, Milz-
Bchwellung und — 1166. — s. Kongorotaerum-
Digitized by
Gck igle
Original frorn
UNIVERSUM OF IOWA
XXVUI
INH AL r l\S -V ERZ EI ('UN IS.
nud Drigalskisernmugar. - s. Un»clm>mogen-
probe.
Typhusepidemie, Bericht über eine — 871. Be¬
richt über eine — drei Monate nach der
prophylaktischen Impfung 054. Studie über
eine kürzliche — mit besonderer Berück¬
sichtigung der Typhusschntzimpfang 789.
Typhusernührung im Kriege 709.
Typhus exanthematicus 202, 1319, 1361. Klinik
deB — 603. Zur Frage der persönlichen Pro¬
phylaxe gegen — 491. — s. Maculae ooerulae.
Typhusfälle 499.
Typhusfall, Bei — durch intravenöse Infusion
von Kochsalzlösung ein kritischer Fieherabfall
737.
Typhusfieber, Sensibilisierte und niehtsensibilisierte
Typhusbakterien in der Prophylaxis und hei
der Behandlung des — 600.
Typhusfrage 762.
Typhusgastritis 1246.
Tvphusbeilung mit der Besredkasehen Vaccine
289.
Typhusimmunisierung. Erfahrungen der New
Yorker Abteilung für Gesundheitspflege über
— 375.
Typhusimmunität 785.
Typhusimpfstoffe, Immunkörperbildung verschie¬
denartiger — 1245.
Typhusinfektion, Schutz gegen — in Kriegs¬
hospitälern 712. Geber die Wirkung der —
auf das Herz bei unseren Feldtruppen 896.
Typhuskeimträger, Vorkehrungen gegen — 411.
Tvphuskranke a. Fieberkurven. Ueber den Nach¬
weis, das Vorkommen und die klinische Wer¬
tung von Urobilinogen und Diazo im Harne
— 1292. Vaccinebehandlung bei — 630. —
s. Vaccinebehandlung.
Typhuslazarett Ostpreußens, Klinische Erfahrun¬
gen aus einem — 786.
Typhusmastoiditis s. Typhusbacillen.
Typhusnährboden s. Liebigs Fleischextrakt.
Typhusprophylaxe 522.
Typhuspsychosen im Felde 734.
Typhusreäktion, Weißsche — 712. Widalsche - -
bei Y-Ruhrkranken 870.
Typhus recurrens 144.
Typhusrekonvaleszenz s. Zirkulationsapparat.
Typhusschutzgeimpfte, Beobachtungen bei 1140.
Einige reaktive Störungen bei — 1141.
Typhusschutzimpfung 986. Klinische und sero¬
logische Beobachtungen bei der — 583. Beob¬
achtungen bei der — mit dem Russelschen
Impfstoff 255. Einfluß der — auf den Nach¬
weis der Typhusbacillen im kreisenden Blute
522, 680. Erfolge der — 657. Zur Frage der
Bewertung der französischen — und der diagno¬
stischen Bedeutung der Grubcr-Widaischen Re¬
aktion bei Typhusgeimpften 373. Krankheitsbil¬
der nach —. Typhotoxikose 1060. Symptoma¬
tologie der — 728. —•. Tetanusbehandlung 50.
— und Typhusdiagnose 1299. — und Typhus¬
diagnose bei Geimpften 964.
Typhusschutzimpfungen, Einfluß der — auf die
Typhuserkrankungen bei der . . . Armee im
Herbst und Winter 1914/15 1058, 1083, 1109.
Komplikationen und Krankheitsbilder im An¬
schluß an — 791. Unschädlichkeit der —
1111. Ueber vergleichende — 841.
Typhusschwerhörigkeit 1225.
Typhusstenose 956.
Typhussterblichkeit der serbischen Aerzte 1 092.
Typhnstherapie 984. — mit Besredka - Vaccine
600.
Tvphusträger H. O., Spätere Geschichte des —
' 926.
Typhus- und Choleraimpfangen, Simultane —
* 1222 .
Typhus- und Choleraschntzimpfung, Blutbild bei
522. Experimentelle Untersuchungen über die
Wirksamkeit der — 1307.
Typhusvaccination, Therapeutische — 1110.
Typhnsvaccine mit milderer Reaktion 841, 1328.
Tvph ns Verbreitung und Typhusbekämpfung im
' Felde 149.
Typhusverdacht, Untersuchung des Blutes gegen
Typhus geimpfter Personen auf Agglntinine
bei — 570.
l'ebergangsprothesen 491.
Uebergewand, 1 jaussicheres 374.
Ueberwachung, Geistige und körperliche -- auch
anscheinend normaler Kinder 1247.
Ueberwertigkeit, Pathologische - und Wahnbil¬
dung 735.
Uehnngsabteilungen, Errichtung von — für Laza¬
rett rekonvaleszenten 571.
Ulcer, Gastric and Duodenal — 872.
Ulcus chronicum recti, Colitis suppurativa und
— 1301.
Ulcus corneae serpens, seine jetzige Behandlung
und zukünftige Verhütung 982. — s. Pneumo¬
kokkeninfektionen.
Ulcus cruris, Behandlung des — 1084.
I leus duodeni, Die Behandlung des — mit Dia¬
thermie 1188. Einiges aus der Praxis über
das - 899.
Ulcus molle gangraenosum, Behandlung des — und
anderer Ansteckungskrankheiten mit Eigen¬
stoff, Eigenserum oder Eigenblnt 913.
Ulcas venereum, Behandlung des — 1358.
Ulcus ventriculi (duodeni), Eine Mehlbuttersuppe
in der Diätbehandlung des — 1411.
Ulna, Stück der — durch einen Teil der Tibia
ersetzt 1387.
Ultraviolette Strahlen, Wirkung der — unter be¬
sonderer Berücksichtigung der Bedeutung der¬
selben für die Wassersterilisation 954.
Ultraviolettes Licht s. Wundeiterungen.
Unfall und Innere Medizin. Von Rahel Hirsch.
Mit einem Vorwort von Geh. Med.-Rat Prof.
Dr. Fr. Kraus. Berlin 1914 173.
Unfallkrankheiten, Taschenbuch zurUntersuchung
und Begutachtung von —. Von W. Cimbal.
Unfallneurosen, Entstehung der — 403.
Ungeziefer s. Schutzringe. — im Felde s. Kreosot¬
puder. Weiterer Beitrag zur Bekämpfung des
— im Felde 733. Zur Prophylaxe und Vertrei¬
bung des — im Felde 493. Bekämpfung des
— bei der Truppe 1111.
Ungezieferbekämpfung in einem Kriegsgefangenen¬
lager 523, 652.
Ungeziefermittel s. Plagin.
Universalschiene für den praktischen Arzt 197.
Universaluntersuehungoapparat für quantitative
Bestimmungen 197.
Unterkiefer s. Pseudoarthrose. Ueber Brüche und
Verletzungendes — 145. Fraktur des — 901.
Zertrümmerung des — 1250.
Unterkieferbruch, Schwerer — durch eine Explo¬
sivkugel verursacht 1277.
Unterkieferfraktur, Kreuzbiß bei schlecht ausge¬
heilter — 901.
Unterkieferresektionsprothese, Zur Indikation und
Technik der —. Von B. Möhring 286.
Unterleibstyphus, Bemerkenswerter Fall von —
1358. Bemerkungen zur Symptomatologie und
Therapie des — 1409.
Unterschenkelbrach, Behandlung des komplizier¬
ten — 1329.
Unterschenkelbrüche, Hängemattenextensionsver-
band zur Behandlung von — 600.
Unterschenkelgeschwüre, Zur Pathologie und
Therapie der —. Dymal in der Kriegschirurgie
1299.
Unterschenkelgipsverband 972.
U nterschenkelprothese 230.
Unterstützung der Familien einberufener Aerzte
1198.
Untersuchung, Aerztliche — der Mannschaften,
für den Krieg 18.
Urämie 520, 1110.
Ureterenverschluß s. Nierentuberkulo.se.
Ureterpapillom 765.
Urethralgonorrhöe, Diagnose der weiblichen — 981.
Urin, Eiweißkörper im — 1278a. — s. Jod.
— s. Tuberkelbacillen.
Urinuntersuchungen in der Diagnose und Be-
handlnng von Säuglings- und Kinderkrank¬
heiten 50.
Urobilinprobe im Harn und Stuhl für klinische
Zwecke 1141.
Urochromogenprobe, Bemerkungen zur im
Harne 897. Die Bedeutung der Weißschen —
und ihr Wert besonders für die Typhusdiagnose
833
Urochromogenreaktion Weiß im Harne bei Typhus
abdominalis 1167. und Diazoreaktion 1193.
llrogenitalapparat.'Ziir Kenntnis der Hemmungs¬
bildungen am - 1168.
Urologie, Neuere — 758.
Urologisc.be Erkrankungen im Kriege 905.
Urologischer Jahresbericht einschließlich der Er¬
krankungen des männlichen Genitalapparates.
Von A. Kollmann und S. Jacoby 523.
Urticaria chronica pigmentosa 1333. — xanthelas-
moidea 232.
Uterus, Geschichte der Totalexstirpation des —
900. Lageverändernngen des — nach der
Geburt 789.
Uterus bicomis unicollis, Perforation oler Ruptur
eines graviden 763.
UteruHcarcinome, Dürfen wir operable — aus¬
schließlich bestrahlen? 1061. Zur Frage der
ausschließlichen Strahlenbehandlung operier¬
barer — 109. Röntgen- und Radiumtherapie
des — 492.
Uterusinversion, Akute puerperale — 982.
Uteru-körper, Gleichzeitige Carcinom- und Karkom-
entwicklnng im — 1115.
Uteruskrebs, behandelt mit Radiam 1011.
Uterusruptur, Eigenbluttransfusion bei Extraute¬
ringravidität und — 1358. — bei Gebrauch
von Pituitrin. Austritt von Fötus und Plazenta
in die Bauchhöhle. Laparotomie. Porro. Heilung.
679.
Uterusschleimhaut, Zur Frage der inneren Sekre¬
tion der — 19. Glykogengehalt der — 257.
Uterusstumpf nach Bnpravaginaler Amputation
1012 .
l zaron bei Durchfällen im Kindesalter 1428.
Vaccine, Nicht erhitzte — 494.
Vaccinebehandlnng des Ringwurms der Kopfhaut
1113. — des Typhus abdominalis 762, 954.
— Typhuskranker 630, 952.
Vaccinetherapie s. Bauchtyphus 80. — s. Go¬
norrhoe. — bei Krankheiten der Nase, des
Halses und der Ohren 1087. Ratschläge für
die — 600. Bericht über — des Typhus 902.
— des Typhus abdominalis 256.
Vaccineuntersuchungen, Verwendung von Tierkohle
bei — 600.
Vaccineurin und Trigeminusneuralgie 1358.
Vaginalbildung, Ueber einen Fall von künstlicher
— mit letalem Ausgange 1360.
Vaginalkatarrhe, Behandlung der — mittels Beni-
form 1301.
Vaginalwand, Muskelbindegewebsgeschwülste der
— 257.
Vaginofixation s.' Geburtsstörung.
Vaginofixationsgeburten 1012.
Vagotonie 626. eine Kriegskrankheit 130t.
Valamin bei Herzkranken 170.
Varicen, Behandlung von — an den unteren Ex¬
tremitäten nach der Methode von Kuzmik-
Schede 708.
Variola, Komplementbindung bei — 80, 652.
Mastoiditis bei — 928. Tierexperimentelle
Stadien über — 711, 843.
Variolaepidemien und -virus. Einige weitere No¬
tizen über — 1412.
Variolaschutz durch Vaccineinjektionen 1010.
Variola-Vaccinevirus, Künstliche Kultivierung des
— 1008.
Varix aneurysmaticus, Ein Fall von — 256.
Vegetarische Küche und Fleischküche 316.
Vena subclavia s. Thrombose.
Venae cardinales resistentes, Aplasia renis und —
598.
Venerische Erkrankungen, Vorschläge betreffend
die Bekämpfung der — unmittelbar nach dem
Krieg 843. Kurze Notiz zu den Vorschlägen,
betreffend die Bekämpfung der — unmittelbar
nach dem Kriege 981, 1085.
Ventilalionssysteme, Untersuchungen über — 199.
Verätzung mit Essigsäure. Hochgradige Stenose.
Heilung 874.
Verbände, Elastische — 1385.
Verband, Erster — bei hochsitzenden, offenen
Oberarm- und Oberschenkelbrüchen 1429. Der
I
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Original from
UMIVERSITY OF IOWA
INHALTS-VERZEICHNIS.
XXIX
feuchte - 925. - s. Tierkohle-, Ton- and
Chlorblkpulver.
Verbaiidlehre, Atlas and Grandriß der —. Von
A. Hoffa 819. . „ w . ,
Verbandmittel. Betrachtangen über die Wirkung
unserer - in ihrer Beziehung zar Infektions-
beklimpfang 815.
Verbandpäckchen, Instruktion der Mannschaft über
den Gebrauch der — 550.
Verbandplatz, Laryngologisches vom — 654.
Verbands- und Operations-,, Bahrentisch 14 , Trans¬
portabler — 1085.
Verbandstoff s. Filtrierpapier.
Verbandstoffe. Ersatz der — durch Zellstoffe und
Papier 28! Sanitätspolizeiliche Kontrolle and
Vertriebsregelang der — 1364 b.
Verbandstoffvorrat 550.
Yerbandtechnik, Beitrag zur — 1300.
Verbandtisch nach Dr. Gärtner 491.
Verblödung, Zwei Fälle von — im späteren Säug¬
lingsalter mit vorübergehenden Halbseitener-
sebeinongen (Apraxie einer Hand) 258.
Verbot der Verwendung einiger für Heilzwecke
benötigter Stoffe 848.
Verbrecbcrtvpen, hcrausgegeben von H. W. Gruhle
und A. Wctzel 1035.
Verdauung, Unterschiede in der — der Erwach¬
senen und Säuglinge 1087.
Verdauungsbeschwerden 24.
Verdauungsfermente, Einfluß der abgetöteten Hefe
auf die — 897.
Verdauungskrankheiten, Krieg und — 1390.
Verdauungsstörungen, Diagnose und Therapie der
postdysentevischen — 712. Die wichtigsten —
des älteren Kindes und ihre Behandlung
493.
Vererbung erworbener Eigenschaften im Lichte
neuerer Forschungen 277.
Vergiftung. Akute — durch Benzoldampf 254.
— durch kohlenoxydhaltige Explosionsgase aas
Beschossen 462, 954. — durch Palvergase
1116, 1390.
Vergiftungen, Gewerbliche — durch Cellaloidlacke
in der Flugzeugindustrie 1329.
Verkürzung, Starke — der Knochenleitang trotz
guten Gehörs hei Flecktyphus 984.
Ycrkürcungsrefiexe 19.
Verlausung, Einfaches Vorbereitangsmittel gegen
- und ihre Folgen 345, 523.
Verletzungen, 3 Fälle von —- 548. — s. Gefäße.
Der Begriff der „schweren körperlichen — L
822. — durch Minenwerfer and Handgranaten
787 — und Samariterhilfe. Von Fritz Zollinger
4153. — der Schlagadern 499.
Verlustlisten. Aus den off. — 27, 57, 85, 146,
206, 235, 319, 371, 411, 499, 579, 631, 686a,
739. 768, 793, 847, 875, 902, 932, 957, 986 a,
1014,1038, 1091. — der Deutschen Armee 526.
\ernUan, ein Jodcampherphenolpräparat and seine
Resorption 1086.
\ernisanam purum als Antisepticum und zur
ä undbehandlnng 544. Weitere Erfolge bei der
Behandlung mit — 870.
\eronal s. Delirium tremens.
\erschlußapparat für den Anus praeternaturalis
inguinalis, Ein neuer — 227.
Wisicherungsärztliche Diagnose und Prognose 572.
iersicherungsmedizin, Neuere Arbeiten aas dem
Gebiete der — 167.
Ursicherungsrechtliche Medizin, Neuere Arbeiten
ans dem Gebiete der — 224.
Versicherungswesen, Die durch don Krieg auf dem
Gebiete des — geschaffenen Änderungen 18.
' erstopfung, Schleimhaltige Pflanzensamen gegen
1 erweilkatheter, Praktische Art der Befestigung
des ~ 546.
Verwundete, Erfahrungen an den — 25. Über
die Beförderung von — im Schützengraben
138i>. Wie bleibt der — trotz Operation und
Verbandwechsels auf derselben Trage vom Ge-
fechtafelde bis ins Hinterland? 652.
erwundetenbehandlang, Orthopädisches in der
124, 159, 204.
erwimdetenfiirsorge, Verbesserung der — 1145.
»erliesseriing der ~ in der Front 1058. — in
Serbien ,)8o. Physikalische Heilmethoden in
der — und Organisation dieses ärztlichen
Hilfsdienstes 374.
Verwundeten8pitäler s. Röntgenbetrieb.
Verwundetentransport, Vorschlag zum -- im
Gebirgskrieg 765.
Verwundungen s. Heißluftbehandlung. — durch
indirekte Projektile 7ü.
Vials tonischer Wein 1275.
Vibrionenträger im deutschen Heer 373.
Virulenz Steigerung, Neue Methode der - - und
Viru!enzpriifung 1273.
Viscosität des Haines 1244.
Visualisation s. Daimtraktus.
„Vitalfärbung“ zum raschen Nachweis der Spiro-
chaete Ofcermeieri 1360.
Vitalscharlach VIII, Weitere Erfahrungen über
- 655.
Vitamine und accessorische Nährstoffe 1192.’
Volksernährung, Die Anpassung der deutschen
— an die Kriegslage 106, 140. Deber die Frage
der Beibehaltung der hohen Ausmahlung in
Friedenszeiten und ihren Einfluß auf die —
1035. Institut für — 1416 b. — s. Kaninchen¬
fleisch. Kriegsbuch der —. Von Max Winckel
602. — s. Küchenabfälle.
Volksernfthrung im Kriege 255. Merkblatt für —
236. - in ihrer Bedeutung für die Diätetik
des Kindes 788.
Volkskraft und Frauenkraft 109.
Volksküchen 899.
Volksschulkinder, Das erste Kriegsjahr und die
großstädtischen — 1384-
Vorbereitung, Militärische — der Jagend 1062.
Vorderarm s. Prothesen.
Vorgeburtliche Fürsorge, Grenzen und Möglich¬
keiten der —. Studie auf Grund von 705 To¬
desfällen bei Föten in der geburtshilflichen
Abteilung des John Hopkins Hospitals in
Baltimore 494.
Vorhofflimmern, Anfälle von — 885. — und
Pulsus irregularis perpetuus unabhängig von¬
einander 24.
Vorlesungen, Sollen im Wintersemester 1915,16
klinische — abgehalten werden? 1360.
Vorrichtung zum Schreiben mit Hilfe des Gebisses
bei Verlust beziehungsweise Lähmung der Arme
544.
Vorsteherdrüsenkrebs, Ueber den — (insbesondere
das Frühstadium) 250.
Vulva, Behandlung der Erkrankungen der — mit
Thigasin 1301.
Vnlvacarcinom, Heilung eines — mit dem Zeller-
schen Verfahren 1359.
Vulvovaginitis, Prophylaxe und Therapie der kind¬
lichen — 1218.
Wachstumsstörnng und Deformalität 49.
Wässer, Metall und Mörtelmetall angreifende —
818.
Waffen, Eigenartige — aus Feindesland 493.
Wahnbildung, Pathologische Ueberwertigkeit und
- 735.
Wanderpraxis der Aerzte 290.
Wangenohren -.Melotus* 766.
Warzenfortsatz s. Hörvermögen. — s. Steckschuß.
— s. Taubheit. — s. Typhusbacillen.
Was wir erstreben 19.
Wasser im Munde, Wasserspeien, Wasserkolk 981.
— s. Typhusbacillus.
Wassermannreaktion im Hinblick auf die Ehe¬
schließung 817. Vergleichende Resultate bei
— 1274. Neues Besteck zur Ausführung der
— im Sprechzimmer des Arztes 1167. Bedeu¬
tung der im Blutserum und im Liquor
cerebrospinalis für die Diagnose und die The¬
rapie der syphilogenen Erkrankungen des Zen¬
tralnervensystems 1380. Beeinflussung der
durch Embarin und Merlusan 80. Positiver
Ausfall der — bei Pemphigus 199. — s. Throm¬
bosen.
Wassermann- und Lnerinreaktion, Ein Vergleich
der -- bei 744 Individuen 200.
Wasserreinigung und Wasserversorgung, Neueres
auf dem Gebiete der — 922.
Wusse rsterilisation s. Ultraviolette .Strahlen.
Wasserstoffsuperoxyd s. Gonorrhöe. Erfahrungen
mit — hei Laparotomien 925. Ueber die Ver¬
wendung des — bei der Wundbehandlung 141.
Wasserstoftsuperoxydsalbe zur Behandlung der
Kriegsverwandungen 373.
Wasserversorgung der Trnppeu im Felde (Ent¬
keimung des Wassers auf chemischem Wege)
679. Merkblatt über — im Felde, besonders
für Truppenärzte 926. Erfahrungen an der
— in Polen 761.
Watte, Haushalten mit — im Krankenhansbetriebe
1299.
Weichselbaum, Hofrat Prof. Dr. Anton, Wien 206.
Weichteilnarben 1057.
Weichteilverletzungen 1007. Behandlung großer
- 18.
Weiehteilwunde», Behandlung infizierter — 325.
661.
Weilsche Krankheit, Beiträge zur Autiologie der
— 1245. Experimentelle Untersuchungen über
die sogenannte — (ansteckende (leibsucht)
1292, 1264, 1296, 1375.
Weißsche Typhusreaktion 712.
Weizengebäck s. Kriegsgebäck.
Werlhofii, Morbus maculosus —- 631.
Widalsche Reaktion, Bedeutung der für die
Diagnose des Flecktyphus 314. Verwertbarkeit
der — bei Schutzgeimpften 785. Bedeutung
der - bei typhusgeimpften Soldaten 140.
Wien,Aerztekammer 290, 320.348, 714,1146, 1436.
Demonstrationsabende im k.u. k. Vereinsreser-
vespitale Nr. 1 in — 1249, 1414, 1431. —
Medizinisches Doktorenkollegium 348 . 378.
606, 1306, 1388. — Medizinische Fakultät 876,
1117, 1146, 1198. — Dermatologische Gesell¬
schaft 261, 437. K. k. Gesellschaft der Aerzte
in - 22, 83, 86, 113, 143, 174, 201, 230, 259,
287, 317, 346, 376, 407, 495, 524, 577, 603,
629, 683, 711, 737 , 765, 1196, 1220, 1248,
1276, 1303, 1832, 1361, 1364b, 1387, 1413.
Geburtshilflich-gynäkologische Gesellschaft in
— 766, 821, 900, 1012, 1089, 1115. Gesell¬
schaft für innere Medizin und Kinderheilkunde
in - 23, 51, 83, 144, 202, 260, 287, 407,
656, 791, 1276, 1332, 1430. — Laryngorhino-
logische Gesellschaft 114,548,845,956, 1362.
Morphologisch-physiologische Gesellschaft in —
51. —• Österreichische Otologische Gesellschaft
408. 683, 792, 874, 928, 984, 1062, 1090.
Krankenverein der Aerzte — 442. 1436. —
Medizinisches Professorenkollegium 848. Verein
der Kassenärzte — 768. Verein „Lucina* 4 in
— 500. Verein für Psychiatrie und Neurologie
in — 464, 1036.
Wiesel J. (Wien) 264.
Wilhelmshaven, Marineärztliche Gesellschaft, in
1116, 1390.
Winternitz Wilhelm 289.
Wirbelbrüche, Zur Diagnostik der — 675.
Wirbelerkrankungen in der Typhusrekonvaleszenz
1399.
Wirbelostoomyelitis nach Sehußverletzung 544.
Wirbelsäule, Operative Therapie der S< hußver-
letzungen der — und des Rückenmarks 602.
— s. Mahun perforans.
Wirbelschuß mit Verletzung der Gauda equina 575.
— s. Rückenmarksschädigungen.
Wirbeltuberkulose, Frühdiagnose der — mit einigen
therapeutischen Bemerkungen 1033.
Wirtschaftsleben, Psychologie des — 626.
Wochenschrift, Prager medizinische — 606.
Wolfsgruber Hans 580.
Worttaubheit, Doppelseitige symmetrische Schläfen-
und Parietallappenherde als Ursache vollstän¬
diger dauernder — bei erhaltener Tonskala,
verbunden mit taktiler und optischer Agnosie
682.
Wounds, The open treatment of infected 898.
Wucherungen. Eigentümliche am Schädeldach
schwer anämischer Säuglinge 985.
Wundantisepsis unmittelbar nach der Kriegsver¬
letzung 562.
Wundbehandlung, Ueber 4. 457. Neue mit Be¬
negran 1058. Experimentelle Studien verschie¬
dener antiseptischer Substanzen zum Gebrauche
bei der 927. -- s. Gasinfoktion. Kriegschi-
nirgiscbe 817. im Kriege 5 IS. . j M
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Gch igle
Original frnm
UNIVERSITÄT OF IOWA
XXX
den Krieg.sspitä lern 843. - mit Nilotan 1011.
Offene — 1166. — mit Tierkoble 571. — mit
ultraviolettem Lichte 899. Verwendung des
Wasserstoffsuperoxyd bei der — 141. — mit.
granulierendem Wundöl-Knoll 1031. — s. Wund-
öbKnoll. Offene — mit Zellstoffmullringen
Wundeiterungen, Kombinierte Behandlung lang¬
dauernder — mit ultraviolettem Licht und
allgemeiner Diathermie 870.
Wunden, Behandlung eiternder — mit künstlicher
Höhensonne 208. Behandlung eiternder — mit
Zucker 871. Offene und klimatische Behand¬
lung von eiternden — und Frostschäden 957.
Lichtbehandlung eitriger, jauchiger — 17.
Offene Behandlung eiternder — 345. Behand¬
lung eitriger und jauchender — mit schwachen
Silbernitratlösungen 1268. Die Epithelisierung
der — 8t. Eber die Behandlung gangränöser
— mit künstlichem Magensaft 22. Behandlung
gangränöser und phlegmonöser — mit dem
Magensaft nach Prof. Freund 298. Chemische
Einwirkung von Geschoßfüllungen auf — 600.
Ein kleiner Beitrag zur Behandlung infizierter
— 871. Einfache wirksame Behandlungs¬
methode bei infizierten — 787. Kohlensäure-
behandlung eiternder — 816. Die Behandlung
von — unter besonderer Berücksichtigung von
Kriegsverletzungen mit künstlichem Licht und
die hierfür in Betracht kommenden Apparate
188, 1238. — s. Pix liquida.
Wundenbehandlung mit Ultraviolettlicht 141.
Wundflächen, Behandlung großer — 787. — s.
Capillardrainage.
Wundheilung Beeinflussung der — durch Supra-
reninlösung 1359. Ueber auffallend beschleu¬
nigte — mit einem neuen Wundstreupolver
1060. Beschleunigung der — durch Sauer¬
stoff in statu nascendi 645
Wundhöhlen, Behandlung großer — 1323. Me¬
thode zur Dauerdrainage tiefer — 285.
Wundinfektion, insbesondere Wundstarrkrampf
und Gasbrand 547.
Wundinfektionskrankheiten. Trauma und —• 454, i
455. |
W undkanal s. Spitzgeschosse. j
INHALTS-VERZEICHNIS.
Wundöl-Knoll. Erfahrungen bei der Wundbehand¬
lung mit einem auf das Bindegewebe ein¬
wirkenden Oele mineralischen Unrprungs, dem
granulierenden — 761. Ueber granulierendes
— 1140. — s. a. Wundbehandlung.
Wundstarrkrampf 1190, 1213, 1241. Lehre vom
— 898. Behandlung des — 314. Beitrag zur
Prognose und Therapie des — 199. Tetanus¬
infektion und Abortivbehandlung des — 626.
Wündstreupulver „Leukozon“, Ein neues —- 760.
V T und- und Gesichtsrotlauf, Abortivbehandlung
von — 457.
Wundvereinigung s. Miedernaht.
W T undverlauf s. Infektiöse Krankheiten.
W T undVerstärkung s. Schußaneurysmen.
Wund Versorgung, Offene — 1111. — s. Gaudafil.
Wurmfortsatz als einziger Inhalt eines einge¬
klemmten Bruches 570. — 8. Harnröhre.
Xanthom, Uber das — 832.
Xanthomatosis 202.
Xanthome, Ueber multiple - bei Ikterus 231.
Xeroderma pigmentosum 1220.
Yerba Mate als Kaffee- wie Tee-Ersatz im Feld
und Lazarett 842.
Zähne, Berufsmerkmale an den -- 871. — und
ihre Beziehung zur Gesundheit 1113.
Zahnärztliche Hilfe, Die erste — im Felde, Von
Guido Fischer 1195. Die — im Felde. Von
F. Williger und H. Schröder 21. Versorgung
des Feldheeres mit — 301.
Zahnärztliche Tätigkeit im Kriege 315.
Zahnärztliche Therapie, Beiträge zur — und
Pathologie 572.
Zahnheilkunde, Lehrbuch der —. Von Port und
Euler 463.
Zander R. (Königsberg) 658.
Zappert I. (Wien) 264.
Zehe, Traumatische Luxation der ersten Phalanx
der rechten kleinen — im Metacarpopha-
langealgelenk 734.
Zehenreflex, Varietäten des Babinskischen — und
ihre diagnostische Bedeutung 1330.
Zehenverband, Fuß und — 1328.
Zeitungen s. Operationszwecke.
Zeitungspapier, Behelfsmäßige Verwendung von
— 1167.
Zelle s. Chemie.
Zellersches Verfahren s. Vulvacarcinom.
Zell- und Geweberegeneration. Ueber stimulierende
Einwirkungen auf — 1216.
Zellstoff als Ersatz für Mull und Watte, Die Vor¬
züge des — 170.
Zellstoffmullringe, Offene Wundbehandlung mit
— 1217.
Zellstoff walte als Ersatz 171.
Zentralkomitee für das ärztliche Fortbildungs-
wesen in Preußen. Vortragsreihe des — 347.
409, 497, 605, 738.
Zentralwindnng. Statische und akustische Er¬
scheinungen bei isolierter Verletzung der hin¬
teren — 928.
Zerebrospinalmeningitis 901.
Ziembicki Gregor R. v. (Lemberg) f 686 b.
Zirbeldrüsenextrakt in der Geburtshilfe 789.
Zucker, Behandlung eiternder Wunden mit — 871.
Zuckerkranke, 365 Speisezettel für — und Fett¬
leibige mit Rezepten über Zubereitung von
Aleuronatbrot, Mehlspeisen nnd Getränken.
Von F. v. Winckler 406.
Zuckerkrankheit, Harmlose Formen der — bei
jüngeren Menschen 19.
Zürich, Aus — 686 b; 1278c.
Zustandsbilder, Entstehung, Vorhersage und Be¬
handlung nervöser und depressiver — hei
Kriegsteilnehmern 607, 986.
Zweirad für Invalide 871.
Zwerchfell, Stichverletzungen des — durch das
Seitengewehr 1010.
Zwerchfellbrüche, Angeborene — 926.
Zwerchfellslähmung, Vikariierende stärkere At¬
mung der gleichnamigen Thoraxhälfte als
Zeichen der einseitigen — 288.
Zystokele, Scheidenkarzinom mit — 1117.
AUTOREN-REGISTER.
Die fettgedruckten Zahlen bezeichnen Originalartikel.
Abbe (New-York) 1011.
Abderhalden 110.
Abderhalden-Wildermuth 110.
Abel Karl (Berlin) 1058.'
Abels H. (Wien) 1324.
Aberle H. v. 287.
Adam C. (Berlin) 32, 67, 424,
459, 460, 811. 1007.
Adam (Berlin) 1408.
Adler (Berlin-Pankow) 48.
Adler E. (Salzergut beiOlmütz)
336.
Adler u. Amreicli 1274.
Adolph F. (Frankf. a. M.) 1246.
Adrian 0. 258.
Ahlfeld F. 1273.
Al bar ran s 759.
Albers-Schönberg 847, 1296,
1407.
Albers-Schönberg (Hamburg)
1427.
Albers-Schönberg und Lorenz
(Hamburg) 372.
Albers-Schönberg, Seeger u.
Lasser 1142.
Alberts 950.
Albrecht 1330.
Albrecht H. (München) 435.
Albu A. (Berlin) 21, 217, 576,
767.
Aldor L. v. (Budapest) 232,
289, 712.
Alexander 1167.
Alexander G. 1414, 1415.
Alexander G. (Wien) 683, 792,
874, 952.
Alexander K. 1359.
Alfoldi A. 1364.
Alkan (Königsberg) 1008.
Alleion N. und Brooks-Barney
574.
Allen H. R. 1302.
Allers 143.
Alter (Lindenhaus) 197, 1384.
Althoff H. (Attendorn i. W.)
49.
Altstaedt (Lübeck) 785.
Alzheimer 1252.
Amann 1223.
Amann J. A. 1144.
Am Ende, Dresden 601.
Amrein O. 1218.
Angerer A. 404, 762.
Angyän 705.
Anker (Berlin) 760.
Anschütz 686.
Ansinn 843, 1246.
Ansinn (Bromberg) 875.
Apolant (Berlin) 767.
Archibald 977.
Arena 55.
Armbruster (Schweinheim)
1219.
Armknecht W. (Worms) 434.
Arndt 1355.
Arneth 368.
Arnheim F. 257.
Arnheim G. 1058.
Arnstein A. 1196.
Aron (Berlin) 226.
Aronson H. 1032, 1083, 1143,
1281, 1311.
Arzt L. 261, 438.
Asch u. Adler 1140.
i Aschaffenburg G. 816, 844.
Aschenheim Erich (Düsseldorf)
627.
Aschheim 19, 257.
Aschoff 1135, 1364 a.
Aschoff L. (Freiburg) 286, 798.
AschoffL. (Freiburg i. B.) und
H. E. Ro bertson (Al i n neapol is,
Minnesota, Ver. Staaten) 715,
744
Ascoli A. 790.
Ascoli V. 55.
Aslier Leon (Bern) 1009.
Askanazy 1278 a.
Aubel E. und H. Colin 895.
Auerbach S. (Frankfurt a. M.)
313, 930, 1245, 1330,
1412.
Aufrecht (Magdeburg) 196.
Au sei i 0. 1246.
Anterieth W. u. F. Mink (Frei¬
burg i. B.) 1216.
Avenarius 736.
I Axenfeld 459, 813, 814, 1008,
1169, 1433.
Axenfeld Th. (Freiburg) 461.
Axenfeld Th. (Freiburg) und
R. Plocher 870.
Axhauscn (Berlin) 2*5, 678,
684, 1034, 1091, 1357.
Axter-Haberfeld R. 198.
□ igitized by
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Original frnm
UNIVERSUM OF IOWA
INHALTSVERZEICHNIS.
XXXI
Bah H. (München) 429.
piixelli 624
ß ich H. 1 !42. „
iüriit'niG (Bonn) 42», 808.
ßuc li ha mm er H.( M »neben )651.
Bacigalnpo Juan (Buenos-
Aires» 25».
Kicker (Riezlern) 49.
Rade P. 1010.
Räder 1408.
ßaecher8t. 1273.
Haer J. L 872.
Baetzner W. (Berlin) 20.
Biamler 1135.
BäamlerCh. (Freibarg i. Br.)
313, 79».
Baever H v. (München) 1167,
1272
BaeyerV. (München) 171.
Baginskv (Berlin) 109, 229,
493.
BahrC. 628.
Baindt 368.
Bail 172
Bainhridge W. S. (New-York)
789. 1011.
Baisch K. 1273, 1410.
Baker A. (Spalding) 1360.
Balban W. 437, 1334.
Balcarek A. (Wien) H59.
Bälins R. B18.
Baiint R. 232, 1278.
Ballner J. 435.
Baliowitz (Münster i. W.) 1359.
Bamberger E. 1329.
Bamberger J. (Bad Kissingen)
1428.
Bannes (Breslau) 392.
Barsch 172. 1
Barantschik 707.
Barany 733.
Baräny R. 171, ($0.
Barasch H. (Berlin) 80.
Barlocco (Genua) 55.
Basch v. 1137.
Basch E. 84.
Basch J. 1864.
Basl 1085.
Bass 1380.
Bass F. 144, 199.
Basten J. 491, 583.
Baudisch R. 629.
Bauer 145. 1387.
Bauer Ad. (früher in Arosa)
J272.
Baoer L 1332, 1333, 1386.
Bauer J. 464, 656, 1036.
Bauer R. 1430.
Bauer Rieh., R. Latzei und
E. Wessely 869.
Bauermeister W. (Braun-
sdjweig) 786.
Baum L. H. (München) 680.
Baombach (Langensalza) 81.
^ a ®5 arten v - (Tübingen)
Beck 145.
Beck C. 872.
B«kO. 230.409,656,684, 792,
928, 929 . 984, 1062.
1090, 1196.
B«ck 8. (Budapest.) 712
Becker Ferd. 925.
Becker J. 1246.
Becker (Hamburg) 1433,1434.
Becbnrth T. D. n. A. F.Voß
895.
j^be 8. P. 574.
B. 524, 573.
{«‘am A. (Jerusalem) 761.
«Jr-Pinnow v. 709, 1H4.
Winng v. 226.
Beitzke 841.
B*)ot 1406.
^ n <ja 233. 520, 525, 1034.
l. (Berlin) 575.
Bender 623.
Bendig (Stuttgart) 1009.
Bendix B. (Berlin) 1173.
Benedict u. Osterberg 1326.
Benedikt 762.
Benedikt M. 174, 175, 230,
317, 629, 1273, 1276, 1413.
Benestad 0. (Kristiania) 41.
Benthin W. 1011, 1168.
Bergell P. (Berlin) 17.
Bergengrün P. 1429.
Berger 205.
Berger W. 1300.
Bergh Van den u. Snapper
(Groningen) 1215.
Bergl K. (Prag) 1139.
Bergmann (Chemnitz) 169.
Bergmann E. (Upsala) 1271.
Bergstrand 790.
Berka F. 1061.
Berkeley W. N. (New-York)
1011 .
Berkenbusch (Altenwald) 1273.
Berlin H. (Hamburg) 870.
Berliner 492.
Berliner (Breslau) 17.
Berliner M. 1221,
Bernhardt 432, 461,
Bernhardt M. (Berlin) 48.
Bernoulli (Stuttgart) 141.
Bernstein 282.
Bernstein (Berlin - Cöpenick)
1219.
Bernstein A. 784.
Bersch 1359.
Bertlich 1033.
Besold G. (Badenweiler) 81.
Bessam G. (Breslau) 344.
Best 579.
Best F. (Dresden) 980.
Betcke 762.
Betke 1364 a.
Bettremieux 812, 814.
Beuttenmüller (Stuttgart)
1034.
Beveridge J. W. (New-York)
1113.
Beyer E. (Roderbiken bei
Leichlingen) 1428.
Biach M. 1333.
Bickart P. 1034.
Bickel A. 1165.
Bickel H. (Bonn) 602, 960.
Biedl, Eggerth, Paltauf 256.
Biehl 1061.
Bieling (Gaualgesheim) 734.
Bielschowsky A. (Marburg a. L.)
49, 361.
Bier 24, 579, 686.
Bier (Berlin) 319, 493.
Bier A. 196, 1086.
Biesalski (Berlin) 319, 982,
1272.
Biglieri R. 1167.
Bickeles 1194.
Bikeles G. 1141.
Bikeles G. u. K. Radonicic 954.
Bikello 1113.
Bing R. 1330.
Bingel (Hamburg) 768.
Bingold (Nürnberg) 254.
Biondi (Catania) 602.
Birch-Hirschfeld 1408.
Birch-llirschfeld (Königsberg
i. Pr.) 360.
Birnbaum 735.
Bisping 1189.
Biasöriö u. Mezerettc 340.
Bitter 1380.
Bittorf 1112.
Bittorf (Leipzig) 816.
Bittorf A. 761, 897, 1083.
Bixel, Wayne V. u. E. R. Se-
count 764.
Biach J. H. 315.
Blair V. P. 898.
Blake 978.
Blaschko 1217, 1382.
Blaschko A. (Berlin) 80, 284,
498, 708.
Blässig R. 733.
Blatt P. 546.
Blau A. 1195.
Blau P. 435.
Blecher 872.
Blegvad Rh. N. (Kopenhagen)
925.
Bles 1297.
Bleuler 405.
Blind (Straßburg i. E.) 816,
952, 1059.
Bloch 1143.
Bloch (Koblenz-Ehrenbreit-
stein) 713.
Bloch B. 111.
Bloch Br. (Basel) 709.
Bloch J. (Berlin) 215.
Bloch Iwan 429.
Blühdorn 370.
Blum F. (Frankfurt a. M.) 959.
Blum V. 1360.
Blümel (Halle a. S.) 884.
Blumberg (Berlin) 837.
Blumenfeld F. 173.
Blumenfeld und Putzig 706.
Blumenthal 254.
Blumenthal F. 1091.
Blumenthai W. 345.
Boas 1380, 1381, 1409.
Boas I. (Berlin) 598.
Boas J. (Berlin) 1396,
Boas K. 1325, 1354.
Bock J. 710.
Bockhom M. 1212.
Bockhorn M. (Langeoog) 861,
1029.
Böcker W. (Berlin) 329, 598,
1181.
Böhler 733, 1233.
Böhler L. 709.
Böhme A. (Kiel) 1320.
Böhme F. (Dresden) 651.
Boehncke 370.
Boenheim (Bensheim) 312.
Boeri 55.
Boerner (Erfurt) 546.
Boerner E. 843.
Boes J. und H. Weyland 1218.
Böttger K. (Kiel) 926, 1059.
Bötticher E. (Gießen) 1271.
Böttner A. (Marburg) 142.
Bogdanik J. (Krakau) 1313,
1332.
Boggs R. H. (Pittsbarg) 1011.
Bohlmann Rud. (Dortmund)
1034.
Boit H. (Königsberg i. Pr.) 732.
Bökay A. v. 377.
Boldt H. J. 652.
Bollag K. (Basel) 284, 925.
BollanA. u. E. Hegenbart 1273.
Bollinger und Bauer 1136.
Bomhard H. v. 651.
Bondv G. 683, 874. 984.
Bondy S. (Wien) 24.
Bonhoeffer 682, 734, 735, 818.
1139.
Bonhoeffer K. (Berlin) 172, 877.
Bonne 572, 600, 732, 733.
Boral 452, 479, 600, 787.
Borchard (Posen) 440, 605.
Borchardt 735.
Borchard t M. 1433.
Borchers E. (Tübingen) 953,
1141.
Bordier 342.
Borelius 789.
Borgmann 0. u. R. Fischer 112.
Borntraeger 494.
Borst 234, 410.
Boruttau H. (Berlin) 433. 924,
1192.
Bossart L. 112.
Böth 1035.
Bonden v. (Namur) 175.
Boveri Th. 1164.
Boy (Bamberg) 55.
Braatz 1196.
Braatz E. (Königsberg i. Pr.)
1253.
Brach Cel. u. Jos. Fröhlich 680,
762.
Brackei A. v. 628.
Brady W. (Elmira, N. Y.) 1087.
Brandt H. 1087.
Brandt Max (Zürich) 924.
Brandweiner 1273, 1333.
Brandweiner A. 231, 1432.
Brasch (Nürnberg) 627.
Brauer A. (Danzig) 599.
Brauer L. 316, 873.
Brauer L. u. F. Haenisch
1298.
Brauer L., G. Schröder und
F. Blumenfeld 576.
Braun L. 1221, 1249, 1276,
1359.
Braun M. u. 0. Seifert 819.
Brauneck 544.
Braunschweig 313.
Brav H. A. (Philadelphia)
1113.
Breccia 55.
Breiger (Berlin) 188, 1238.
Breiger E. (Zehlendorf) 194,
134.
Breitner 518.
Brettner (Berlin) 493.
Breunig v. 1357.
Brewer u. Cole 951.
Brewitt Fr. R. 545.
Brieger (Berlin) 738.
Brieger L. (Berlin) 1217.
Brill C. (Magdeburg) 17.
Brinitzer E. (Altona) 482.
Brix (Flensburg) 1429.
Brodfeld E. (Krakau) 457.
Brooks Harlow (New-York) 764.
Brooks Harlow u. Caroll John
172.
Brosch 572.
Brown Lawrason 735.
Bruck 262, 1380.
Bruck 0. (Altona) 171, 599.
Bruck F. (Berlin-Charlotten¬
burg) 45, 867.
Bruck F. J. 1240.
Brücke v. 736.
Brückner G. 462.
Brühl (Berlin) 492.
Brünger H. 20.
Brünings W. u. W. Albrecht
1219.
Brugsch 54, 525, 898.
Brugsch Th. (Berlin) 1330.
Brugsch u. Schittenhelm 1137.
Brugsch u. Schneider 707.
Brugsch u. Wolffenstein 1355.
Brugsch u. Wolffenstein (Ber¬
lin) 254.
Bruhns (Charlottenburg) 1192.
Brun 978.
Brunn W. v. 1032, 1059, 1299,
1328.
Brunner C. 981.
Bruns 1109.
Bruns L. (Hannover) 575.
Bruns 0. 788.
Bruns P. v., C. Garrö, II. Kütt-
ner 436.
Brunzel II. F. (Braunschweig)
Buchbinder 441.
Bachheim E. (Dresden) 1428.
Bucholz C. H. 199.
Bucky (Berlin) 521, 870, 1009.
Badge 758.
Badge, Gotz, Gianuzzi 758.
Budul 789.
Bürger L. (Berlin) 224, 996.
Bürgi E. 111,
Büttner 0. (Rostock) 576.
Bugbee H. G. (New-York) 253.
Bujwid 0. (Krakau) 532, 562,
1027, 1421.
Bujwid Ö. u. L. Arzt 314.
Bulkley L. D. (New-York) 1011.
Bulling A. (Bad Reichenhall)
1329.
Bum A. 1361.
Bandesen H. N. 789.
Bundschuh Ed. (Freiburg i. B.)
404.
Burck W. (Stuttgart) 227.
Burckhardt H. (Berlin) und
F. Landois (Breslau) 651,
925.
Burckhardt J. L. 1330.
Burger P. (Straßburg i. E.) 81.
Burgerstein Leo 785.
Burk W. 982, 1236, 1384.
Burk W, (Stuttgart) 325.
ßurkard 0. (Graz) 709.
Burkhard 579, 605.
Burkhardt 114.
Burnham A.C, 1088.
Bums E. 927.
Busalle 1378.
Busch (Krefeld) 17, 48.
Busch 204, 440.
Busch H. 258.
Buschan 1358.
Buschan (Stettin) 273.
Buschke A. 170.
Bussenius 1135.
Busson B. 843, 1010.
Buttermilch u. Stettiner 371.
Byrnes Ch. M. 315.
Cabot Richard C. 172.
Cadwalader Williams B. 574.
Cähänescu M. 733.
Cahen Fritz (Köln) 237.
Cahen-Brach E. (Frankfurt
a. M.) 397.
Calin 175.
Cahn-Bronner C. E. (Stra߬
burg i. Eis.) 964.
Cajal Ramon y (Madrid) 601.
Oallomon F. (Bromberg) 752.
Cal vary 115.
Cambiasio 55.
Campbell W. Fr. (Brooklyn)
735.
Camper E. 652.
Canestro 1297.
Cannata 371.
Canon (Berlin) 952.
Capelle 821.
CarboneU M. V. 1141.
Carl 1197.
CarlW. (Königsberg i. Pr.) 169.
Caro 1009.
Carpi 55.
Cartson A. J. 375.
Casper L. (Berlin) 633.
Cassel 946.
Cassel (Berlin) 760, 955.
Casselmann Art. J. 494.
Gassierer 605.
Cassirer (Berlin) 1218.
Cassirer R. 570.
Castellino 55.
Cattley 1405.
Cayet (Diedenhofen i. Lothr.)
1167.
Cazalis 1136.
Oernic M. 1141.
Chajes B. (Berlin-Sehönebem)
521.
Chalier Andri* 251.
Chapin H. I). 1274.
I Charcot 1136.
□ igitized
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Original frnm
UNIVERSUM OF IOWA
XXNll
INHALTS - VERZEICHNLS.
Chatillon F. 111.
(’herryTh.H. (New-York) 789.
Cbesney, A. M. Marshall. E. K.
Rowntree 172.
Chevalier S. 200.
Chiari 199.
Chiari H. 1168.
Chiari H. (Straßburg i. Eis.)
286, 546.
Chiari 0. 1248, 1362.
.('hiari 0. (Wien) 114,346,1087.
Chiari R. (Wien) 653.
Chlamsky 601.
Christen Th. (München) 1272.
Christensen H. R. 894.
Christian (Berlin-Schöneherg)
708.
Chute A. 1. 315.
Chvostek Fr. 1277.
Cimbal 1194.
Cimbal W. (Altona) 819.
Citron 1381.
Clanahan H. M. Mc. 200.
Clendon J. F. xMc. 1087.
Clemm W. N. (Rothenburg O.-
L.) 1009.
Clintock und Hutchings 624.
Coates G. M. (Philadelphia)
3087.
Coenen 841, 896.
CoeDen H. u. W. Schnlemann
1193.
Coglievina B. (Graz) 404,1351.
Cohen R. G. (Eppendorf) 628.
Cohn (Berlin) 312.
Cohn F. (Frankfurta. M.) 1304.
Cohn Jak. 601.
(lohn (Moabit-Berlin) 228,1085.
Cohn M. 1432.
Cohn T. 203, 233.
Cohn W. 198, 376.
ColeL. G. (New-York) 1011.
Colley F. (Insterburg) 108.
Collischonn (Mainz-Mombaeh)
839.
Como P. 1010.
Conn 895.
Constantinescu 813.
Cook G. W. 315.
Coopmann H. L. 575.
Corbett J. F. 1114.
Cord C. T.Mc. 1114.
Cords (Bonn) 1033.
Cot] ui 1360.
Cornwall E. E. (New-York)
1113.
Crämer 262.
Crämer E. 434.
Crämer F. 81.
Cramer 234, 813, 957.
Cramer E. (Kottbus) 982.
Credö-Hoerder C. A. 710.
Crinis De 110.
Cristina di G. (Palermo) n.
G. Caroina (Neapel) 461.
Croissant 733.
Croraback J. (Zabern) 981.
Croner F. (Berlin) 108.
Croner W. 927.
Cronquist 1356.
Csernel E. 289.
Csernel E. n. A. Märton 374,
871.
Cukor 439, 496, 630, 820, 821.
Camston Charles Greene 252.
Cursehniann 1136.
( urschmann F. 897.
Citrschmann H. (Mainz) 573,
925, 1199.
Cullagh S. Mc. (New-York)
1113.
Cushing, Harvey 172.
Cytronberg S. 20.
Czerny 369.
Czerny Y. 1165.
Czerny V. u. Caan 340.
C/aikor 1363.
Czyhlarz E. v. (Wien) 738.
Czyhlarz E v. u. R. Neustadl
1141.
Damask AI. 710.
Damask M. u. F. 8clnveinburg
(Wien) 627.
Danielsen W. (Beuthen, 0.-
Schl.) 404.
Danielsohu P. (Berlin) 972.
Daumann u. Pappenheim 401.
Dautwitz F. 1219.
Deaver J. B. (Philadelphia)
1011 .
Decastello A. v. 1430.
Decastello A. v. (Wien) 23, 24,
287, 288, 737, 791, 843.
Decker (München) 651. 1193.
Decker u. H. v. Bernhard
(München) 141.
Dedekind F. (Prag) 158.
Dedolph (Aachen) 170.
Degrais u. Pasteau 341.
Delbanco 340.
Demmer F. 435, 463, 492, 572.
Denislie M. 1217.
Denk W. 346,518,519,683,843.
Denker 579.
Denker (Tournai-Halle a. 8.)
732.
Depner 630.
Derby Gge. S. 1302.
Dercum F. H. 735.
Dessauer F. u. B. Wiesner 1088.
DütnSL. 1167.
Deutsch A. 1085.
Deutsch E. 377.
Deutsch F. 954, 1141.
Deutschländer C. (Hamburg)
1216, 1428.
Deutschmann R. (Hamburg)
1246. 1408. I
Dieballa G. (Budapest) 712.
Diebold F. 1218.
Diepgen P. 790.
Dieterich K. (Helfenberg) 50.
Dietrich W. 1246.
Dietsch C. 1059.
Dimitriadis D. S. 1087.
Dimmer F. 407, 680.
Disquö (Potsdam) 164.
D-tthorn F. (Berlin) 1110.
Ditthorn F. u. W. Loewenthal
(Berlin) 1009.
Ditthorn F. u. W. Schultz
(Berlin) 100.
Dittrich P. 1168.
Dobbertin (Berlin) 1384.
Doberauer G. 462.
Dobisch A. (Auscha) 198.
Dobrzyniecki A., H. v. 572.
Döderiein 406.
Doederlein 1223.
Döhles 1136.
Döhncrö. 1111.
Döhring(Königsberg i. Pr.) 141.
Döpfner K. (Düsseldorf) 490.
Dössecker 1112.
Dold H. (Shanghai) 1032.
Dollinger J. 84, 376, 377.
Dollinger Julius (Budapest)
1245.
Donald E. Mc. 600.
Donald G. 200.
Donath J. 377, 465. 871, 1013.
Dore 340.
Dosq net 957.
Downes 977, 978.
Downes W. u. D. T. Le Wald
898.
Dreesbach u. Alunford 706. j
Dreifuß 115.
Drenckhahn 1135.
Dreu neu \Y. E. 1114.
Divuvv 258.
! Dreuw (Berlin) 562.
I Dreyfus 25.
Dreyfus(Frankfurta. M.) 1273,
1381.
Dreyfus G. L. (Frankfurt a. M.)
227, 602.
Dreyfus G. L. und W. Unger
(Frankfurt a. M.) 18.
Drucker (Budapest) 899.
Drüneg 228.
Drüner 733.
Drüner (Quierschied) 971.
Drysdale II. H. 50.
Dubois (Bern) 199.
Dünner (Berlin) 140, 229. 492,
785.
Dünner L. 868.
Dünner L. (Berlin) 980, 1328.
Dufaux (Berlin) 1140.
Duken J. 980.
Duken John (München) 546.
Düngern v. (Hamburg-Eppen¬
dorf) 1059.
Dunlop 371.
Dünn A. D. (Omaha) 1113.
Dupuy-Dutemps 812.
Durlacher 624.
Darlacher (Ettlingen) 1110.
Duschkow-KessiakoffCh. 1167.
Duschkow-KessiakofF Christo
925.
Daval 977, 978.
Dyas Fr. 898.
Dziembowski S. v. (Posen)
1299, 1301.
Ebeler E. 286.
Ebeler F. (Köln a. Rh.) 316,1070.
Ebeler u. Löhnberg (Köln) 432.
Ebermayer (Leipzig) 545.
Eberth M. 1114.
Ebstein 84, 653.
Eckert E. 600, 1061.
Eckes 651.
Edel (Berlin-Wilmersdorf) 432.
Edel A. 53.
Edel M. 650.
Edelmann A. 408, 1141.
Edens E. 677, 705.
Edgar Th. 0. 955.
Edgeworth 370.
Edinger (Frankfurta. M.) 1304.
Egan E. u. 0. Porges 1411.
Eggebrecht 816.
Eggers 342.
Eggerth H. 314.
Egvedi H. und W. Kulka 1141.
Ehret (Straßburg i. E.) 1167.
Ehret H. (Straßburg) 523, 627.
Ehrhardt (München) 114.
Ehrlich P. u. H. Sachs (Frank¬
furt a. M.) 257.
Ehr mann S. 261, 1220.
Eichenwald P. 201.
Eichhorst H. (Zürich) 303, 436,
535, 754. 1015.
Eickc H. 664.
Einhorn (New-York) 952.
Einhorn M. (New-York) 1299.
Einthoven 705.
Eiseisberg A.. Frh. v. 230, 259,
287. 495. 524, 577, 579, 680,
686 .
Eiseisberg A. v. 1361, 1414,
1415.
Eisenreich 1145, 1223.
Eisenschitz J. 1276.
Eisler M. v. 1359.
Eisner (Rothau i. K.) 405.
Eitner 1380.
Eitner E, (Wien) 924.
Eksteiu .1. (Altstadt bei Neu¬
haus, Böhmen) 1390 a.
Eli scher .1. v. 232.
Ellermann V. (Kopenhagen)
193, 896.
Elliot 812, 813.
Elliott G. R. (New-York) 82.
Ellis Arth. W. M., Cullen, Gl.
E. Slyke, Donald 494.
Ellisworth E. Moody 789.
Elmanowitsch u. Zaleski 922.
Eimer P. W. 789.
Eis H. (Bonn) 198, 373.
Elßchnig (Prag) 1416 a.
Elschnig A. (Prag) 53, 387, 553.
Elster Alex. (Jena) 785.
Eivesser L. 574.
Emanuel (Charlottenburg) 896.
Emmerich R. u. 0. Loew 108.
EnderleW. (Berlin-Schöneberg)
979.
Enderlen 234, 579, 686.
Enderlen (W T ürzburg) 54, 411.
Enderlen n. Knauer 1411.
Enderlen u. Sauerbruch 823.
Endlicher E. 1250, 1414.
Enge J. (Strecknitz-Lübeck)
435, 689. 722.
Engel C. S. (Berlin) 108. 1272.
Engel E. 1299.
Engel Herrn. (Berlin) 249, 339,
514, 675, 757, 811.
Engel St. und M. Baum 710.
Engelhard Wilh. (München)
762.
Engelhardt 953.
Engelhardt L. 1033.
Engelhorn E. (Jena) 1299.
Engelmann (Brünn) 901.
Engelmann A. (Berlin) 897.
Engelmann G. 259. 314, 491,
765, 1061, 1389.
Engelmann V. (Hamburg) 403.
Engfeldt (Stockholm) 570, 896.
Engländer M. 1248, 1359, 1387.
Engländer M. (Wien) 144, 737.
Engwer 371.
Ephraim 369.
Eppenstein A. 1061.
Eppinger H. 657.
Epstein Heinrich 1247.
Erb 735. 1136.
Erb W. 19.
Erben S. 317.
Erbsen F. 258.
Erdheim S. 1413.
Erdraann 924.
Erd mann Ph. 1143.
Erhardt E. (München) 48.
Erlacher Ph. (Graz) 50. 898.
Erlen meyer 1137.
Ernst N. P. 1406.
Esch P. (Marburg) 709.
Eschweiler u. Cords 490.
Eulenburg A. (Berl.n) 1247.
Euler (Erlangen) 1194.
Eutin AI. 1297.
Eversmann 1. (Hamburg) 1085.
Ewald 53.
Ewald (Berlin) 109. 405, 767.
Ewald C. A. 130, 463.
Ewald K. 1361.
Ewing I. (New-York) 1011.
Exner A. 201.
ExnerS. 1361. 1413.
Exner W. 762.
Kyle.sK. 1411.
Eysell 523.
Eyselt 345.
Eaber 1135.
Fabian 1141.
Fahre J. (Dortmund) 197.
Fahre J. u. A. Gischcc (Dort¬
mund) 571.
Fahre .1. u. J. Selig (Dortmund)
197.
Faginoli 282.
Fahrenkarop 706.
Falk (Berlin) 815.
Falk F. (Fiume) 1158.
Falk J. (Fiume) 919.
Falta W. 1332, 1333.
Falta W. (Wien) 230, 260, 342.
346, 656, 657, 787.
Falta W. und Henriette Kohn
762.
Faragö C. 1013.
Farkas 1327.
Farr CI. B. (Philadelphia) 789.
Fasal H. 437.
Faulhaber M. 546.
Favarger M. (Salzburg) 1059.
Feer 368.
Fehling H. 285, 1011.
Fehsenfeid G. (Neuruppin)
337, 483.
Felir 0. (Berlin) 424.
Feilchenfeld H. 1409.
Feiler (Breslau) 301.
Feiler 869.
Fein A. (Tübingen) 305.
Fein J. 548, 956.
Feist K. u. F. Bonhoff 171.
Feistmantel C. v. 145, 289, 374.
Feistmantel C. u. Kentzler I.
1085.
Feldner J. 733.
Felix A. 787.
Felke 545.
Fellner 496, 578. 630.
Fellnersen. 1250, 1362, 1363.
Fellner sen. (Wien) 820, 821.
Fellner Bruno 1074.
Fellner L. 439.
Fenyvessy v.B. (Budapest) 1009.
Ferrannini (Camerino) 26, 55.
Ferrari 24.
Ferwers 1433.
Feßler 897, 1329.
Fibicli R. (Birkenberg) und A.
E. Zimprich (Stomfa) 871.
Fick R 710.
Fidler F. 48.
Fiebiger J. 524. 787.
Fiedler 1140.
Filbry 986.
Filcher J. D. 1113.
Finckh E. 345.
Finekh L. 626.
Finder 497.
FinderG. u.L.Kabinowitsch 79.
Finkelnburg 233, 377, 410.
Finnev 978.
Finsterer H. 1248, 1249, 1413,
1415.
Finsterer H. (Wien) 765.
Fischei K. 1085.
Fischer 895.
E’ischer (Berlin) 343.
Fischer (Heidelberg) 708.
Fischer A. (Darmstadt) 318,
433.
Fischer D. (Frankfurt a. M )
980.
Fischer C. (J.(Königsberg i. l'r.)
1384.
' Fischer U. 1195.
| Fischer H. (Stuttgart) 1386.
Fiseher II. 256.
Fischer J. 491, 900.
Fischer AL (Bingen) 171.
FischerS. (Duruvar) 288.
Fischer W. 170.
Fischer W. (Altona) 936.
Fischer W. (Berlin) 1384.
Fischer B., L. Bitter und G.
Wagner (Kiel) 732.
Fischl F. 1060.
Fisk E L. (New-York) 1113.
Fitch Cheney W. 1302.
Flatau G. (Berlin) 969.
Flat au S. 1061.
Flath 439.
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UNIVERSUM OF IOWA
INHALTS-VERZEICHNIS.
XXXIII
Heckseder K. 1248. ^
Fkckseder R. (Wien) <37. 792,
Fleischer B. (Tübingen 1 142.
Fleischhauer (Düsseldorf) 312,
fcW.
Fleniming 312, 630, 10;>9.
Flesch 85.
Flesch (Frankfurt a. M.) 498.
Ffech J. 1220, 1413.
Resch J. (Wien) 230, 572, 711
Reaster 0. (Bonn) 523.
Flor 113.
Flörcken H. (Paderborn) 204,
256. 410, 441.
FlüggeC.(Berlin) 21, 420, 532.
Flaser E- 1167.
Focke 707.
Fockenheira 871.
Fodor J. 317, 374.
Föderl 0. 287.
FoersterA. H. 50.
Foerster-Gulecke 759.
Funio A. (Bern) 20.
Forbrig 812.
Förster und Schlesinger 789.
Fowter Ch. C., M. E. Rehfaß
n. Ph. B. Hawk 1275.
Fox H. 1114, 1380.
Fraenkel Alex. 1388.
fraenkel F.. (Berlin) 141, 598.
Fraenkel Eugen (Hamborg-
Eppendorf) 732.
FraenkelL. (Breslau) 799, 828.
Fränkel 109, 1034, 1434.
Frankel A. (Wien) 765.
Fränkel E. (Heidelberg) 1058,
1166 .
Fränkel J, (Berlin) 1136,1193,
1273, 1381.
Fränkel L. 1251.
Fränkel M. (Charlottenbnrg)
211 .
Fränkel S. 346,407. 491,573,
1060.
Franca S. La 868.
France Joseph Irwin 653.
Francke W. (Leipzig) 462.
Francois-Frank 758.
Frangenheim Paul (Köln) 1246.
Frank 605.
Frank (Breslan)570,598,1083,
1109. 1192.
Frank E. 10.
Frank G. 145.
Frank L. 790.
Frank L. und E. Schloss 258.
Frank P. 952.
Franke F.(Braanschweig) 897,
952.
Frankenstein Jul. (Berlin-
Sehöneberg) 627.
Frankenstein K. (Berlin) 17.
Frankenthal L. 600.
Frankl 1274.
Frankl Hochwart 1136.
Frankl 0. 1115.
Frank] 0, (Wien) 821. 1012.
Franklin Newell S 574
Franqn« v. 1116. I
Franz 547. 686, 1326.
Franz R. (Graz) 190.
* ^ (Leipzig-Marienhöhe)
6/ i
Franz V. (Nürnberg) 842.
Franz u. Stich 234.
Freeinan R. G. 50.
F’reise 1116. 1390.
Preneh 1136.
Frendenthal W. (New-York)
Freand E. (Wien) 22,145,201,
1 491, <38.
F'reand H. (Berlin) 40.
Freand H. 926.
F\eand L. 22, 78, 174, 230,
°<7, 603.
Freand Leop. (Wien) 1296. i
Freund Rieh. (Berlin) u. C. As-
persohn (Altona) 1034.
Freund (Straßbarg) 1219,
1249, 1416.
Frey E. 145.
Frey H. (Bern) 20.
Frey J. 1431.
Frey P. (Berlin) 406.
Freyer P. L. (London) 251.
Frichtmayer 80.
Fricke 1036.
Frickhinger K. (Würzburg)
842.
Friedberger 263, 405, 411.
Friedenthal 956.
Friedenthal H. 24, 285.
Friedenthal (Nikolassee) 1139.
Friedjung J. (Wien) 51, 683.
Friedländer 710, 1433.
Friedländer R. 1247.
Friedländer (W T ien) 1298.
Friedländer Rosa (Berlin) 952
Friedmann H. M. (New-York)
1087.
Friedrich 547, 686.
Friedrich P. L. 170.
Friedrich W. u. B. Krönig
(Freibarg i. Br.) 1410.
Frisch J. 573.
Frisch 0. ?. 1220, 1248, 1303,
1387, 1413.
Frisch 0. v. (Wien) 22, 259,
495, 519, 577, 1085.
Frist J. 1105.
Fritsch K. 1429.
Fritz M. (Arolsen) 197.
Froehlich E. 48, 952.
Fröschels E. 1220, 1276, 1360,
1377.
Fröschels E. (Wien) 22, 408,
654, 765, 816, 1062.
Frohmann Jul. (Königsberg)
1278a, 1386.
Fromberg C, 374, 436.
Fromme 205, 241, 441.
Frühauf G. 955.
Frühwald V. 601, 845, 1220,
1362.
Frugoni (Florenz) 283.
Fuchs A. 143, 174, 175, 287,
495, 600, 710.
Fachs A. u. R. Wasicky 843.
Fuchs (Breslau) 1111, 1358,
1380, 1385.
Fuchs-Reich F. (Jägerndorf)
597.
Fürbringer (Berlin) 924.
Fürnwohl W. 1060.
Fürst 435.
Fürst M. 1302.
Fürst Th. 898
Fürstenau (Berlin) 1244.
Fürstenau R. (Berlin) 81.
Fürth 761.
Fürth C. (Wien) 1347.
Füth 1143.
Füth II. u. F. Ebeler 492.
Fuhrmann 386.
Faid 872.
Fuld E. (Berlin) 80, 576.
Füller E. 315.
Funke (Wien) 298, 575.
Funke v. (Prag) 983.
Oadini L. 145.
Gaehtgens W. (Hamburg) 786.
Gärtner A. (Jena) 532.
Gärtner G. 84. 199, 680.
Gagstatter K. 23.
Gaisböek F. u. L. Jurak 374.
Galambos A. 762.
Galewsky (Dresden) 344, 679.
Gail 24.
Galli Giov. (Bordighera) 490.
Gamper E. 256, 6ÖO.
Gara Siegm. fPistyan) 762.
Garbat L. A. 600.
Garrö 547.
Garretson W. P. (New-York)
1087
Gatscher 8. 1362.
Gaugele 1245.
Gaupp R. (Tübingen) 373.
Ganpp R. u. R. Wollenberg
1035.
Gaza v. 521.
Gebhardt H. 258.
Gehuchten van 758.
Gelinsky 815.
Gelinsky Ernst 81 6.
Gemünd 375.
Gennerieh 522, 1381, 1382.
1411.
Genouville 759.
Gerhard (Würzburg) 85.
Gerhardt D. 1411.
Gerhardt (Würzburg) 54, 657.
Gerhartz H. (Bonn a. Rh.) 186,
280, 1033.
Gerlöczy S. v. 317.
Germonig E. 787.
Gerönne 370.
Gerönne u. Lenz (Wiesbaden)
461.
Gerson K. (Sehlachtensee bei
Berlin) 214, 405, 488.
Gerstein 1216.
Gerstmann 145, 202, 1276,
1277.
Gerstmann J. 656. 710, 843.
Gerulanos (Athen) 519.
Gerwin 710.
Geßner 1274.
Geßner W. 198. 843.
Geyer Ernst 788.
Ghigoff B. 1061.
Ghon (Prag) 1416. 1416a.
ühon A. und 13. Roman 762.
Ghon A. u. B. Roman (Prag)
1093.
Gibson 977.
Gierlich (Wiesbaden) 896.
Gies (Diedenhofen-Beauregard)
732.
Giese 1085.
Giesecke A. 257.
Gieszczykiewiez M. 1184.
Gigon (Basel) 402.
Güdemeister E. u. K. Baerth-
lein 650.
Gildemeister und Jahn (Posen)
731.
Gins H. A. u. E. Seligmann 403.
Giuffre 55.
Givens 1326.
Glaessner K. 1361.
Glannan A. Mc. 172.
Glas Emil 654.
Glas E. (Wien) 1303, 1362.
Glaser E. 954.
Glaser F. n. K. Kaestle (Mün¬
chen) 651.
Glasewald 522.
Glass E. (Obarlottenhurg-West-
end) 461, 1032.
Glass J. (Budapest) 712.
Glax (Abbazia) 1195.
Glingar A. 374.
Glinski L. K. 286.
Glomset D. F. 1274.
Glück A. 981.
Gluck 685.
Gluck Th. (Berlin) 955.
Gocht H. 899.
Gockel A. 628.
Gobel 579.
Goebel 845, 1433.
Goebel (Breslau) 733, 925.
Goebel W r . 1143, 1359.
Goebel F. and 0. Hess (Köln)
1385.
Göbell R. (Kiel) 651.
Göppert 368, 369.
Gering M. H. 1035.
Goeppert 1195.
Goetjes 787.
Goldammer 624, 686.
Goldberg B. (Wildungen und
Köln) 434.
Goldberger E. 631.
Goldhaber 1087.
Goldmann F. (Berlin) 141.
Goldmann T. 683, 792, 928.
Goldmann J. 984.
Goldscheider 649, 1166, 1271,
1278, 1298.
Goldscheider (Lille) 343, 372.
Goldscheider u. Aust 432.
Goldscheider u. Kroner 1058,
1088.
Goldscheider u. K roner (Berlin)
1109.
Goldschmied K. 1248.
Goldstein 283, 930.
Goldstein K. 602.
Gold stein K. (Frankfurt a. M.)
1217, 1305.
Goltz u. Ewald 758.
Goldzieher W. 464.
Golm G. 815.
Goodrnann E. H. (Philadelphia)
1113.
Gordon A. 50.
Gotlie F. 923.
Gotschlich E. (Halle) 351.
Gotschlieh E., Schürmann W.
und Bloch (Halle) 1310.
Gottgetren (Berlin-Neukölln)
258.
Gottstein A. (Charlottenbnrg)
1245.
Graefe-Saemiseh-Hess 873.
Gräff und Reinhold 798.
Gränz R. 604.
Graf Ch. und G. Ginsberg 789.
Graft’ (Bonn) 821.
Grandjean-Hirter E. (Inter¬
laken) 708.
Grashey R. 819.
Graßberger R. 259.
Grasser 0. (Mühlbach) 421.
Grand 1405.
Graul G. (Neuenahr) 313, 678.
1083.
Grawitz P. (Greifswald) 169.
Greaves J. E. n. R. P. Anderson
895.
Grechen W. 1194.
Greeley Horaee 600.
Greens 950.
Greinert 1357.
Groag E. 203,
Groak F. 573.
Grober (Jena) 80, 343, 522.
Gröber A. 788.
Groedel F.M. (Frankfurt a. M.)
200, 953, 980, 1428.
Gröer F. v. (Wien) 462, 738,
1140.
Groß M. H. u. J. W. Held 1114.
Gross 50.
I Gross E. v. 1359.
[Gross H. 1273.
Gross H. (Bremen) 786.
Gross 8. 347.
Gross 8. u. Vesely 346.
Gross W. (Harburg-E.) 403.521.
Grosser (Berlin) 891.
Grossheim 13G4.
Grossmann G. 1297.
Grossmann M. (New-York)
1113, 1331.
Grosso 431.
Grosz v. 813.
Grosz E. v. 377.
Grosz 8. 438.
Groth A. 462.
Gruber (Rerlin - Schöneber")
1060.
Gruber G. B. (München) 403.
Gruber M. v. 344, 784.
Grünbaum Edgar 680.
Grünberg (Berlin) 544.
Grünwald L. (München) 733.
Grünwald L. P. (Kassel) 18.
Grüter 812.
Grützner 228, 374.
Gruenhagen A. u. E. Runge981.
Grüble H. W. u. A.Wetzel 1035.
Grüble II. W., K. Willmating
n. G. L. Dreyfus 1035.
Grund 440.
Grundier M. 681.
Grundmann 283, 1215, 1244.
1271.
Grüner 435.
Grunert E. (Dresden) 256.
Grzvwo-Dvbrovvski 110.
Gstettner'M. 954, 981, 1060,
1141.
G übler 1136.
Gudzent 342.
Guenau de Mussv 1135.
Günther H. und G. Vogel 1140.
Gaggisberg H. 436, 1360.
Gnisez 340.
Guleke 871.
Gulick 1356.
Garadze 785.
ünszmann J. 199.
Guthrie C. C. u. M. E. Lee 898.
Guthrie D. 50.
Gutmann Ad. (Berlin) 576.
Gutmann (Wiesbaden) 520.
Gutstein M. (Berlin) 1295.
Guttmann W. 173.
Cmye Georges A. 1330.
©werder (Arosa) 1167.
Haas Georg (Gießen) 925.
Haasmann 8. Th. u. Seyffert 21.
Haberda A. 1168.
Haberer H. v. 172. 179, 573,
652.
Haberland H. F. 0. 575.
Haberling 1433.
Hackenbrach (Wiesbaden) 61.
544, 875, 1412.
Hackenbruch und W. Berger
1142.
Haddäus (Heidelberg) 255.
Hadra (Saarburg i. L.) 896.
Haend 462.
Haehner 1194.
llaenich G. F. 1296.
Häniscli 341, 847.
Haenisch F. (Hamburg-Bann-
beck) 50.
Haeniein (Berlin) 697.
Härtel 1085, 1111.
Hage n. Korff-Petersen 1299.
Hagebroek K. (Hamburg) 871.
Hagen 1433.
Hagiwara R. 1218.
Hahn 235, 1357.
Hahn A. (Berlin) 197.
Hahn C. 871.
Hahn D. 203.
Hahn (Frankfurt a. M.) 739.
Hahn (Freiburg i. B.) 85, 263.
Haibe (Namur) 175.
i Haim E. 374.
Hajek M. 346, 1220. 1413.
Hake 841.
Halban I. 1115.
Halban J. (Wien) 763,821. 900,
1013.
Halberkann J. (Hamburg) 1193.
Htilberstädter 340.
Halberstaedter L. 1216, 1271
Halhev 593, 809.
Halbey K. 833, 1051.
Halber K. (Kiel-Wik) 1135
1139, 1380.
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Original from
UNIVERSITÄT OF IOWA
XXXIV
INHALTS-VERZEICHNIS.
F
Halle (Hannover) 734.
Halpern J. (Heidelberg) 872.
Hamburger 1137.
Hamburger C. 927.
Hamburger F. (Wien) 34, 4(53.
Hamburger W. W. u. J. F. Leach
872.
Hamm A. (.Straßburgi.E.) 1272.
Hamm (Braunschweig) 1385.
Hammer F. (Stuttgart) 4, 433.
Hammer U. 953.
Hammerl H. (Graz) 141.
Hammerschlag A. 201.
Hammerschmidt J. 600.
Hammesfahr 226.
Hanauer (Frankfurt a.M.) 1192.
1244.
Hanauer W. (Frankfurt a. M.)
227, 255.
Hanausek J. (Prag) 1411.
Hancken 18.
Handl Anton 600.
Handmann 1409.
Hannes W. 1142.
Hans H. 816, 898, 920. 1429.
Hans H. (Limburg a. d. Lahn)
981, 1273, 1290.
Hansemann (Berlin) 254.
Hansemann v. 233. 262, 846.
985.
Hanson S. 0. 200.
Hanszel F. 548, 956, 1362.
Hantz 631.
Happel 898.
Haret 341.
Harf A. 1111, 1428.
Harf (Buch) 521.
Harms 813.
Harnack E. 1011.
Harrass (Konstanz) 256.
Harris L. J. 375.
Harris W. 199.
Hart 1083.
Hart C. (Berlin - Schöneberg)
388. 520.
Harter G. 375.
Harter G. (Wien) 1193.
Hartert W. (Tübingen) 50.
Hartleib 816.
Hartmann 951.
Hartmann A. (Heidenheim i.
Br.) 870, 897.
Hartmann A. (Mähr.-Ostrau)
1079.
Hartmann F. (Graz) 709.
Hartmann M. (Berlin-Dahlem)
976, 977, 978, 1384.
Hartmann u. Lecene 951.
Harvey u. Cushing 494.
Has 441.
Hasebrock (Hamburg) 343.
Hasebroek K. 764.
Hasebroek K. (Hamburg) 1167.
Hass 230.
Hasse 374.
Hasse (Diedenhofen i. L.) 1300.
Hasselbach 342.
Hasselwander A. 1272.
Haue A. 1413.
Hauer A. v. 1196.
Hauff (Bardenberg bei Aachen)
344.
Haupt (Bautzen) 462.
Hauptmann 1381.
Hauptmeyer Fr. 173.
Havas A. 464, 1364.
Havas Jul. (Bad Pöstyön) 394.
Hayek M. 845.
Hayward(Frohnau) 1328,1358.
Hayward E. (Frohnau-Berlin)
883.
Head 758.
Heber G. 21. 200.
Hecht A. F. 1250. 1415.
Hecht V. 1194, 1387.
Hecht V. (Wien) 22. 23. 346.
Hecker H. 651.
Hecker V. u. C. Hirsch (Göt¬
tingen) 1039.
Heddaens 1167.
Hedinger E. 1164.
Ileffter A. (Berlin) 254.
Heiberg (Kopenhagen) 840.
Heide v. d. 707.
Heidenhain u. Colberg 758.
Heidenhain L. (Worms) 1246,
1411.
Heigel 199.
Heigl 1143.
Heigl u. Welty (Koblenz-Ehren¬
breitstein) 713.
Heilbronn 816.
Heile B. (Wiesbaden) 254. 257,
314.
Hei mann (Breslau) 1358.
Heimann W. F. 817.
Heindl A. 495, 845. 956, 1362.
Heine L. (Kiel) 360. 1245.
Heinicke 114, 234.
Heinrichsdorf (Zehlendorf-
West) 494.
Ileinrichsdorff P. (Breslau) 284.
lleinsius (Berlin-Schöneberg)
312.
Heisler A. (Königsfeld i. B.) 50.
Heitler M. 787.^
Helbing (Berlin > 319, 601.
Helferich F. 736.
Heller R. 981, 1326.
Hellpach W. 1207.
Helm 24.
Hempei C. 1131.
Henderson A. (’. 600.
llenderson L. J. 927.
Henke 85, 657.
Henneberg 25.
Hennemann Carl (Londorf)
255.
Henning H. 258.
Henrichsen Job. (Saeby, Höng
in Dänemark) 462.
Heppe (Guntershausen bei
Kand) 403.
Herbst Jul. (Nürnberg) 435.
Hercher F. (Ahlen in Westf.)
980.
Herff 0. v. (Basel) 434. 545,
1384.
Hering II.E.(Köln) 1139,1272.
Herrenschneider K. (Hamburg)
523.
Herrmann (Budapest) 1058.
Herrnheiser G. 1141.
Hertel (Straßburg i. Eis.) 361.
Hertz R. 401.
Herxheimev (Frankfurt a. M.)
1166.
Ilerxheimer K. u. F. Nathan
(Frankfurt a. M.'i 493, 733.
Herz 1138.
Herz A. 1430.
Herz M. (Sidney in Australien)
49.
Herzberg E. (Berlin) 981.
Herzfeld (Halle a. S.) 490.
Herzfeld E. (Berlin) 576.
Herzfeld E. (Zürich) 1139.
Herzfeld J. 25.
Herzog 598.
Herzog Th. (Basel) 1110.
Herzog W. (München) 227.
Hess 845, 1433.
Hess(Koblenz-Ehrenbreitstein)
713.
Hess A. F. 817.
Hess C. v. (München) 369.
Hess L. (Wien) 10.
Hess 0. (Köln) 986, 1300.
Hess V. F. 1217.
Hess u. Müller 707.
Hesse 199.
Hosse Erich (Berlin) 1328,1406.
Hesse E. (Düsseldorf) 226 .1060.
Hesse M. 80.
Hesse R. u. F. Doflein 818.
Heubner O. 256, 1203.
Heubner W. 954.
Heuer F. 401.
Heusner F. L. (Gießen) 50.
403, 521. 596. 627, 1084.
Heusner Hans L. (Gießen) 1246,
1272, 1359.
Heusner H. L. (Köln) 1429.
Hever K. u. F. Lucksch 1246.
Heymann 465.
Heymann A. 1034, 1217.
Heymann Bruno (Berlin) 817.
Heynemann (Halle a. S.) 493.
Heyrovsky H. 285.
Heyrovsky J. 1248.
Hevrovsky J. (Wien) 22, 113,
495.
Hilbert 1278a.
Hildebrandt 1194.
Hilfrich (Berlin) 194.
Hindhede 1195.
Hindhede M. (Kopenhagen )842.
Hinterstoisser II. 314. 1010.
Hirano 371.
Hirsch 110. 578, 821.
Hirsch (Göttingen) 896.
Hirsch C. (Göttingen) 1135,
1166, 1299.
Hirsch Cäsar (Stuttgart) 1009.
Hirsch Edwin E. 315.
Hirsch J. 496, 1363.
Hirsch Jul. (Wien) 820.
Hirsch K. (Berlin) 433.
Hirsch M. 1361.
Hirsch M. u. Th. Meißl 1060.
Hirsch R. 173.
Hirsch-Gereuth v. (Berlin) 110.
Hirschbruch A. 570.
Hirschbruch A. u. F. Diehl 650.
Hirschbruch A. und L. Levy
(Metz) 598.
Ilirschel G. (Heidelberg) 80.
Hirschfeld 1091.
Hirschfeld (Berlin) 372, 767,
1328.
Hirschfeld F. (Berlin) 312, 344.
Hirschfeld H. (Berlin)846,1058,
1084.
Hirschfeld u. Dünner (Berlin)
106.
Hirschfelder 1083.
Hirschfelder u. ScLIutz 1109.
Ilis W. 18. 293.
llitzrot 977.
Hnätek J. (Prag) 141.
Hochenegg J. v. 230. 259, 287.
317, 652, 1360.
Hochhaus H. (Köln) 987. 1112,
1166.
Höher R. (Kiel) 316, 343.
Iloeftmann 1197.
Höftmann (Königsberg) 410.
Ibilder H. (Tübingen) 18.
Hönck 433.
Hoepfl A. (Landshut) 227.
Hörhammer A. (Leipzig) 1411.
Hörhammer CI. (Leipzig) 816.
Höst H. F. 868.
Hofhauer L. 788, 1036, 1387.
Hofer G. (Wien) 1386.
Hofer lg. 601, 1359.
Hoffa A. 819.
Hoffa Th. (Barmen) 1299.
Hoffbauer und Siegel 783.
Hoffmann 141. 657.
Hoffmann Aug. (Düsseldorf)
980.
Hoffmann E. (Bonn) 1110
1251, 1271.
Hoffmann M. 171.
Hoffmann P. (Würzburg) 359,
856.
Hoffmann R. (München) 81.
1085.
Hoffmann R. S. 790.
Hofmann P. 431.
Hofmeier M. 109.
Hofmeister F. (Straßburg i. E.)
1009.
Hofstätter R. 926.
Hoguet J. P. 315.
Hohlweg (Duisburg) 522.
Hohlweg H. (Gießen) 331, 574.
Hohmann G. (München) 171.
Hoke (Komotau) 1086.
Holländer 923.
I Holler 24.
Holler G. (Prag) 639, 668. 868.
Holmgren Isr. 790.
Holste (Jena) 841.
Holz S. 843.
Holzapfel K. 817.
Holzbach E. (Tübingen) 373.
Holzknecht 311, 341, 1136,
1297.
Holzknecht G. (Wien) 786.
Holzknecht u. Wachtel (Wien)
1084.
Holzknecht. H. Wachtel. C.
Weißenberg und R. Mayer
(Wien) 761.
Holzmann 1380, 1381.
Holzwarth E. (Budapest) 713.
Hornberger E. 983.
Honigmann (Breslau) 140.
Hoppe-Seyler (Kiel) 719.
Hoppe-Sevler G. (Kiel) 1138,
1334.
Horn 1086.
Horn (München) 651.
Hornung R. (Rendsburg) 1059.
Horvath M. v. 377.
Ilorwitz H. (Berlin) 1060.
Hosemann (Rostock) 434, 650.
Hotz G. (Freiburg i. B.) 255.
Howard Burt 764.
Howard Rüssel 251.
Hryntschak Tb. 1217.
Hubert G. (München) 1140.
Huchard 1135.
Hudovernig 1113.
Hiibener (Berlin) u. Reiter
(Berlin) 1245.
Ilübler (München) 255.
Hübler F. 1010.
Hübner 822.
Hübner A. H. 1195.
Hübschmann (Leipzig) 953.
Hügelmann (Hohenmölsen)
980.
Hueppe (Dresden) 283.
Hueppem (Dresden) 254.
Hufnagel V. (Namur) 141
Hufnagel V. jun. 870.
Huismans L. (Köln) 490, 1037.
1086.
Hnnziker 1165.
Hüssy P. (Basel) 545.
Hutinel 369.
■glauer S. 50.
Indemans (Maastricht) 402,
731.
Irk V. K. 652.
Jrons 872.
Isakowicz 813.
Israel 1. 678, 1091.
Isschut 1086.
Jacob P. (München-Eben-
hausen) 732, 786.
Jacobj <’. (Tübingen) 462.
Jacobsohn (( harlottenburg)
110. 1301.
Jacobsohn L. 1433.
Jadnssohn ,1. (Bern) 1065, 1096
1273, 1406.
Jaffe R. H. 600.
Jaffe Hermann u. Pribram
Ernst (Wien) 571.
Jagiö N. v. (Wien) 69, 286, 435.
Jakesch 496. 578, 629, 630
1251.
Jakob (Würzburg) 85, 657.
Jaksch v. 1331.
Jaksch v. (Prag) 82, 245.
Jamison 1354.
Jankau 1011.
Jansen I). P. (Düsseldorf) 1300.
Janssen Th. (I)avos*Dorf) 897
1033.
Janus F. (München) 897.
Januschke H. 199.
Jarno L. 600.
Jaschke R. Th. 982,1087,1247.
Jastrow Martin (Königsberg
i. Pr.) 650.
Jaworski (Krakau) 1166.
Jaworski W. (Krakau) 1083.
Jeger (Breslau) 343.
Jehn W. (Zürich) 749.
Jellinek St. 1141. 1249.
Jenekel (Altona) 68, 114.
Jendrassik E. v. 289.
Jenison N. (New-York) 1302.
Jerusalem M. 83, 287, 317.734,
1361.
Jesconek A. (Gießen) 313.
Jesionek 342, 624.
Jessen F. 8t)9.
Jessen F. (Davos) 1300.
Joachim 875.
Joachimogiu (Berlin) 1057.
Joannovics G. 1085.
Jobling u. Petersen 281.
Jochmann 1322.
Jochmann (Berlin) 172, 370.
J öd icke P. (Stettin) 628.
Joettes K. W. (Berlin) 1358.
Johan B. (Budapest) 1328.
Johan B. jun. (Budapest) 841.
Johannessohn 706, 707.
John C. (Budapest) 712.
John M. K. (Budapest) 841.
Jolles 172. 1356.
Jolly Ph. (Halle a. S.) 1428.
Jonasz A. 680.
Jonese.o Th. 758.
Jores 1135.
Jores R. 436.
Joseph E. 1033.
Joslin 951.
Jottkowitz P. (Charlottenburg)
4(51.
Juckenack (Berlin) 1142.
Jüngling (). 404, 435.
Jürgens (Berlin) 465, 601.
Jürgens (l'ottbus) 760.
Jung C. G. 1275.
Juspa V. 431.
Kaess (Gießen) 194, 1108.
Kaestle (München) 1222.
Kaentle C. (München) 1033.
Kaestle K. (München) 946.
Kafemann R.( Königsbergi. Pr.)
544.
Kafka (Hamburg) 106.
Kafka V. (Friedrichsberg-Ham-
burg) 170, 1140, 1167.
Kagan A. 401.
Kahane M. 285, 762.
Kahane M. (Wien) 1151.
Kahler 1170.
Kahleyse (Dessau) 81, 404.
Kaiser Fr. J. (Zürich) 18.
Kaiser n. Flrici 281.
Kalberlah Fritz (Frankfurt a.
M.) 581.
Kalkhof 1112.
Kall K. (Freiburg i. B.) 1216.
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Kanromiriez L. 1034.
Kaplans u. Mc. Heilands 414.
Kaposi H. (Breslau) 572.
Kapp Josef 1330.
Käppis A. (Hagen i. Westf.) 48,
198.
Karl Friedr. (Berlin) 433.
Karpas M. J. (New-York) 1302.
Karplos J. P. (Wien) 285, 464,
711. 1030, 1112, 1344.
Kaspar 976.
Kassowitz M. 82.
Kastan Max (Königsberg i. Pr.)
700.
Kaslriner (Budapest) 899.
Käthe 344.
Katbolicky (Brünn) 901.
Katz 1 , (Berlin-Wilmersdorf)
1003.
Karz W. (Berlin ;462,870,1Q85.
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Katzenstein M. (Berlin )521.685,
982.
Kanffmann 1035.
Kaufmann E. 282.
Kaufmann J. (New-York) 574 .
Kantmann M. i Wiesbaden) 313.
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Kmp J. (München) 373.
KäupeW. (Bonn) 81.
Kay^r P. (Berlin) 461. 521.
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Kehrer E. (Bremen) 1211.
Keiner H. o. K. Lindner 733
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Kisch E. II. (Wien-Marienbad)
163, 229, 680.
Kiss J. (Budapest) 1222.
Kisskalt K. (Königsberg i Pr )
226, 283, 461, 532, 626.
Kisskalt K. und A. Friedmann
(Königsberg i. Pr.) 461.
Kiss^meyer A. (Kopenhagen)
Kiyono 430.
Klapp R. 198, 519.
Klapp R. (Berlin) 1411.
Klare (Elgershausen) 1428.
Klarfeld D. (Tulln) 1387.
Klaaber E. 1429.
Klauber O. 819.
Klaus O. 1141.
Klausner E. (Prag) 1428
Kleeblatt F. (Frankfurt a. M.)
915. /
Klein 707.
Klein A. 1221.
Klein A. (Wien) 22, 495
[Klein A. Pulay 1220.
Klein G. (Mönchen) 490 ]22 9
Klein S. (Wien) 388.
Klein W. 1360.
Kleinberger (Agram) ] 10.
Kleiner 1325, 1356.
K 769 SChmidt H ‘ (Berlin) 1 (17,
Kleisgel R. 199, 2?9
Kleist 579.
Klemm P. 494.
Kieniper F., W. Oettinger c
P. Rosenthal 844.
Klemperer 1136.
Klemperer u. Dünner 1301
Klemperer G. (Berlin-Rei-
mckendorf) 405, 767, 846
Klemperer u. Zinn 228.
Kl?sk A. (Krakau) 1157.
Klieneberger( Königsberg) 951
Klineberger 114.
Kling (Stockholm) 106.
Klinger J. (Budapest) 1277.
Klmger R. u . Fonrman F
(Zürich) 925.
Klink 229.
K 1 ?io ö - r H - (Frankfurt a. M.)
1385.
I Klopfer 1035.
Klose E. (Greifswald) 881.
Klose Erich (Greifswald) 1245.
Klose H. (Frankfurt a.M.) 256
K otz (Schwerin i. M.) 573.
Klut Hartwig 818.
K b«k) A 92i. (HambUrg - Barm -
Kn g ® E - (Wien) 407,
Knoblauch A. H . Quincke
(Frankfurt a. M.) 870
To P /o lmacher W ' (Wien) 51 >
Knöpfeimacher W. u. (i. Bien
(Wien) öl, 229.
Knopf S. A. 199.
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Koch F. J. 1297 .
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Köche W. (Berlin) 435
Kocher Th. 1411
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K ^ r P. (Bad Elster) 487,
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Köhler R. H 42 .
Kolliker u. Basl 228.
KoelschF.(München) 576 ,1329
Koemgsfeld H. (Freiburg i. Br. )
1163, 1364 a, 1358.
König 744.
König (Beirat in Syrien) 953 .
r- n ! g (Marburg a. L.) 197.
Komgsfeld H. (Freiburg i Br)
171, 284, 913. 7
Koenig.fcld Harry u. Kabierske
Fritz 646.
Königstein A. 231.
Königstein H. 260, 261, 1359.
Korber 939, 871.
Körbl H. 287.
Körte 439, 440, 685.
Kothner P. (Berlin) 650. 1009.
Koetzle 599.
KoflerK. 114, 54*. 854. 956,
1217, 1332.
Kohan 399.
Kohlhardt HO.
Kohn H. 233, 626.
Kohner John A. u. Moshagi
Emily L. 10*8.
Kohnstamm 0.(Königstein i T)
734, 1086.
Ko ^ nst ? mm u - Oppenheimer
(Königstein i. T.) 9 * 2 .
Kokons D. (Athen) 89~
Kolb 731.
Kolb K. 763.
| Kolb K. (München) 1033.
Kolb K. (Schwenningen a. N )
193, 761, 870.
Kolisch R. 144.
Kolisko A. 1168.
Kollaris J. 172.
Kolle (Bern) 262, 411 54 *
Koller II. 926.
Kollmann A. u. J. Jacoby 523
Kolmer John A. 817.
Kolmer John A. und Strickler
Albert 681 .
Kondoleun Emm. (Athen) 522
Konjetzny G. E. 121 *.
Konjetzny u. Weiland (Kiel)
1386.
Konschegg A. v. (Wien) 80, 652.
Konschegg Artur v. u. Schuster
Ernst (Wien) 10 * 3 .
Kopaczewski 1355.
Köper 228.
Kopits E. v. 377.
Korach S. (Hamburg) 372, 626
1057.
Koränyi A. v. (Budapest)
232, 289, 1083.
Korczynski L. R. v. 1360.
Korczynski L. R. v. (Sarajevo)
805, 858, 888, 1049, 1075.
Korff-Petersen A. (Berlin) 1216.
^ 899 Und B ^ mer (^ ’jcchocinek)
Kornmann Frank (Davos) 490
,1216. ’
I Kosmak G. W. (New-York)
1302.
Kossel H. (Heidelberg) 1409.
Kottraaier (Hannover) 343 .
Kottmaier J. 1142.
KovAcs A. v. 84.
Kowarschik (Wien) 492.
Krabbel M. (Bonn) 896.
Kraemer C. (Böblingen-Stutt¬
gart) 108.
Kraemer F. (Frankfurt a. M.)
18.
Krämer R. 603.
Kramer (Kiel) 600. 681.
Kraske 1140.
Kraske (Freiburg) 54, 679, 6*6
Kraus 525, 1250.
Kraus E. (Brünn) 871.
345.
Kraus Fritz (Prag) 564.
Krans M. 143, 765, 871
Kraus P.. 172, 491, 546, 652,
Kr ?“ ® B - B^barä (Bnenos-
Aires) 461, 680, 954.
Kraus R. und B. Barbara 1141.
Kraus R., Fr. Rosenbasch und
0 . Maggio 1085.
Kraus-Brugsch 1331
Kraus K. n. S. Mazza (Buenos-
Aires) 1139.
Krause F. 463.
Krause H. (Berlin) 1056
Krause P. 342.
Kranss H. (Ansbach) 80 ,
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Krecke 285.
Kredel L. 492, 10 * 7 .
Krefting R. (Christiania) 980
Krehl v. 1137.
Kreibich C. 762.
Kreibich L. 400.
Kremer G. M. und W. Niessen
(Köln) o44.
Kren 0. 231, 437, 926.
Krez (Bad Reichenhall) 523.
Krieg (Baden-Baden) 244
Krikortz 790.
Krjukow 400.
Kristeller 1357.
Kromaver (Berlin) 627.
Krön (Berlin) 233, 576
Kronfeld A. 374 .
Kronfeld H. 1217.
Kronheimer H. (Nürnberg) 81.
Kfönig (Freiburg) 55 .
Krönig B. (Freibürg i. B.)1166.
Kroon J. P. H. (Amsterdarn)840
Kruckmann (Berlin) H 95
Krückmann E. (Berlin) 815
Krüger 1405.
Kriiger (Plauen i. V.) 492.
Krüger-Franke (Kottbus) 106
Krug 1060.
Krüll J. (Rotterdam) 872
Krummacher (ibbenbüen) 1 ()(;
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Kühl H. 923, 1218.
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Külb- 1137, 1245.
Kümmel 1169.
Kümmel II. 250. 251, *>52
Kümmel R. (Erlangen) ~388
Kiimmell 547. 548.
Küpferle u. v. Szilv 1170
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hurg i. Br.) 924.
Küster u. Günzler 982 .
Küstner 0 . 406, 954 .
Küttner 1252.
Küttner (Breslau) 172.
Kuh Rudolf (Prag) 1059.
Kuhn 788.
Kuhn E. 456.
Kuhn Franz (Berlin - Schöne¬
berg) 679.
Kobn^Ph. (Straßbarg i. E.)l 111 ,
Kuhn Ph. und B. Möllers 417
478, 506, 556.
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Kulka (Graz) 572.
Kun R. (Wien) 765.
Kunz Karl 1329.
Kufak Marie (Wien) 1054.
Knskow 1135.
Kutscha E. v. 629.
Kutscha E. v. (Neunkirchen)
1196, 1303.
Kutscher Fr. 1034, 1059.
Kutschern v. (Nennkirehen)
113.
Kutschern A. R. v. 652.
XXXV
Kutzinski u. Marx m
Kuzmik P. v. 318, 377
Kuznitzky 1356.
Kuznit/.ky (Breslau) 254 , 3 p>
Kuznitzky E. und A. Bittorf
(Breslau) 1166.
K^nitzky M. (Köln a. Rh.)
709.
Kyrie J. 1387.
Ky 7 r n J -£J\il or r° u <" ien >
711 843, 1303, 1385.
Kyrie 0 . 231.
L, 285 mani1 (Landeck '• s<,| il.)
Läven (Leipzig) H 4 , 411.
Lüwen A. 545, 1141
Lagrange 811, 812, 813
Lafourcade 978.
Lampe (Brüssel) 499
Landau 1409, 1433
Landau L. (Berlin-Schöneberg)
r 2*>, 169, 652.
Landgraf 1137.
Landmann G. 733 .
Landsberger 0 . (Wien) 792,
10 /O.
Landsteiner K. 629 l‘»j
Lang J. 955.
LangeC. (Berlin-Dahlem) 11 io
, Lange F. 198.
1 Lange Joh. 375, 492.
Lange (Kopenhagen) 1192 .
Lange (München) 319, (553
Lange Sidney 342.
Langemak 763, 925, 1359
Langen, ( D. de 48.
Langstein 985, 1112 , 1140
Langstein Leo (Berlin) 626,
649, 731, 788, 1086.
Längstem L.u.L. F. Meyer 112.
Langstein L. n. Iiott F. 1088.
iJh L o 1 !' W Usener (Berlin)
1 ob, 368.
Lanz 286.
Lapersonne de 812.
Lapham Mary E. (Ilighlands
-N. C.) 1302.
Lapinski (Basel) 493.
Laqueur 233, 875.
Laqneur A. (Berlin) 347 . 436
786, 1425.
Laqueur E. (Groningen) 1111 .
Laqueur (Wiesbaden) 785 .
Lateiner-Maverhofer u. St liev
(Wien) 1273.
Latzer (Brünn) 901.
Latzko W. (Wien) 1303. 1413
Laube 1008.
Lauber H. u. K. Heuning 407
Laudenheimer (Alsbach) 1111 .
Lauenstein C. 817.
B^ritzen (Kopenhagen) 109,
Lawner 1061.
Lazarus P. 1091.
Lazarus-Barlow 1406.
Bedderhose G. (Straßburg)
Lederer 368.
Ledermann R. (Berlin) 576.
Lee R. J., Vinzent B. u. O. H
Robertson 1113 .
Lee 8 . F. 199.
Leguen 759.
Lehmann E. 680.
Lehmann W. (Würzburg) 344 .
Lehmann u. Trentlein 1326.
Lehndorff H. 406.
Leighton Will. 926 .
Leipen 0 . (Wien) 792, 845.
Leischner (Brünn) 901.
Lengnick IL (Tilsit) u. (). Weiß
(Königsberg i. Pr.) 1033.
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Original frn-m
UNiVERSUY OF (OWA
XXXVI
Lenhossek M. v. (Budapest) 169.
Lenk Emil (Darmstadt) 1245.
Lennhoff 0. (Berlin) 198, 576.
Lenz F. 1300.
Lenz ((ließen) 404.
Lenz (Lichterfelde) 21.
Lentz 0. (Berlin) 489.
Lenzmann 255.
Leo 657.
Leonbacher 114.
Lerch 0. (New-Orleans) 1113.
Leriche 950 979.
Leschke Erich (Berlin) 49. 373,
649, 731, 929, 1193. 1328.
Lespinasse V. D. 200.
Lesscr E. (Berlin) 21.
Lesser F. (Berlin) 18.
Lester .1. Mc. u. B. Frazier 1114.
Leubnscher P. 1060.
Leva J. (Straßburg) 1266.
Leven (Elberfeld) 1379.
Levy 869.
Levy (Cöln-Bayenthal) 1215.
Levy-Dorn (Berlin) 1383.
Levy-Dorn M. (Berlin) 896.
Levy-Dorn u. Baxmann 1297.
Levy F. 1216.
Levy Fritz 523. 1084.
Levy Ludw. 490. 980.
Levy Mar". (Berlin) 1193.
Levy W. 286. 843.
Levy S. (Köln-Baventhal) 870,
897.
Levy (Berlin) u. Wolff (Berlin-
Wilmersdorf) 405.
Levinson A. (Chicago) 197.
Levinson L. A. 494.
Lewa J. (Straßburg i. E.) 816.
Lewandowski A. 1062.
Lewandowsky M. 203.
Lewin L. (Berlin) 462.
Lewinsohn B. (Altheide in
Schlesien) 170.
Lewinsohn Jos. (Breslau) 313.
Lewis 1355.
Lewis Sayre Atace 735.
Lewis und Withe 705.
Lewis, Withe u. Meakins 705.
Lewisohn Richard (New-York)
651.
Lewitt (Dresden) 345.
Lewitus 763.
Lewy J. 1330, 1357.
Lewy J. (Freiburg i. B.) 871.
Lexor 115, 546, 547.
Lichtenstein (Leipzig) 1358.
Lichtenstein Stephanie (Berlin)
922.
Liehtenstern R. 201.
Lichtenstern R. (Wien) 1246,
1303.
Lichtwitz (Göttingen) 520.
1109, 1356.
Lichtwitz L. 955.
Lichtwitz L. u. Fr. Bock (Göt¬
tingen) 1193.
Lieb Charles 735.
Liebe G. (Waldhof - Elgers¬
hausen) 18, 200, 784.
Liebenthal 111.
Liebermann L. V. 435, 952.
Liebermann L. v. jun. (Buda¬
pest) 1194.
Liebermann L. v. n. D. Ac*'l
(Budapest) 979, 1215. 1222.
Liebermann L. v. und J. Acel
(Budapest) 17.
Lieber! (Ulm) 508.
Liebmann A. 1088.
Liebmann E. 763.
Liebold Hans 628.
Liefmann E. 788.
Licfinann H. (Dortmund) 374.
I.ierW. 231, 261.
Liesegang R. E. 492.
Lieske (Leipzig) 432, 1031,
1058, 1139. 1244.
Lihotzky G. 900.
Lilienfeld I. E. 1297.
Linck (Königsberg i. Pr.) 110,
405.
Lindbom 0. (Stockholm) 1349.
Linden v. (Bonn) 170.
Lindner E. (Linz a. D.) 491,
604, 813.
Linhart W. (Graz) 108.
Link R. (Pforzheim) 1059.
Linker F. 763.
Linser (Tübingen) 751, 832.
Lint van 812.
Linz i Koblenz-Ehrenbreitstein)
713.
Lipman C. B. nnd P. S. Burgess
895.
Lipowski 943.
Lipnwski (Bromberg) 1133.
Lip]> H. (Stuttgart) 142. 522.
I,ip3chütz B. 981. 1010. 1085.
1217.
Lißmann P. 784.
Litzner (Bad Rchburg) 953.
Ljungdahl M. 1055.
Lloyd J. FI. (Philadelphia) 1113.
Lobaczewski A. II. v. 573.
Lobedank 316.
Lohmeyer G. v. 318.
Lockwood 1135.
Lockwood Bruce 653.
Loeb FI. (Mannheim) 402.
Loeh (Wiesbaden) 1244.
Löhlowitz J. (Olmütz) 1268.
Löffler W. < Basel i 1271.
Löhe 650.
Löhn borg E. 652.
Löhnis F. u. J. Hanzawa 895.
Loele W. 432.
Lörcher 70*.), 1217, 1429.
Löscher 491.
Locvenburg B. A. 200.
Löw J. 733.
Loewo (Göttingen) und Lange
(Berlin) 574.
Loewenfeld L. 173.
Löwen leid L. 1273.
Löwenfeld W. (Wien) 434.
Löwenstein (Berlin) 1086.
Löwenstein E. (Berlin) 1141.
1194.
Löwenstein Ernst (Wien) 1058.
Loewenthal S. (Braunschweig)
u. J. Nienhold (Berlin) 981.
Löwy (Wien) 738, 818.
Löwy J. (Prag) 728.
Löwy .). 53, 652. 926.
Löwy M. 1141.
Löwv 0. (Wien) 729, 792, 1167,
1245, 1385.
Lommel 1137, 1326.
Longard 0. 570.
Lonicer(Königsberg i. d. N.-M.)
779.
Lorenz A. 259, 681, 734.
Lorentz Friedr. 764.
Lorentz F. u. F. Kemsies 50.
Lossen K. (Frankfurt a. M.)
314.
Lotheissen G. (Wien) 603, 711,
1196.
Lovelt W. R. 926.
Lubarseh 0. (Kiel) 1032.
Labe F. (Braunschweig) 1410.
Lublinski W. 626.
Lucas Val. 435.
Luck 1137.
Lucksch F. 843.
Luders R., Emmert I., Better
Otto (Berlin) 679.
Lüdke II. (Würzburg) 344.
Ludlof (Frankfurt a.M.) 1305.
Ltith W. (Thorn) 141.
Luit bien F. 680.
Lundmark 789.
Lutz (Berlin-Pankow) 432.
Lydston F. (Chicago) 82.
INHALTS-VERZEICHNIS.
Lyman Wilbur R. 1302.
Lyon E. (Spa. Belgien) 1399.
Lyster W. 1114.
JlaaseC. u. H./ondek (Berlin)
433, 868, 980.
Mach (Brünn) 902.
Machold B. (Gütlingen) 645.
Macht I. David 600.
Machwitz H. n. II. Rosenberg
(Charlottenburg-Westend)
1110 .
Macke 986. 987.
Madelung (Straßburg) 49. 196.
374.
Mager (Brünn) 901, 984.
Magnus Georg (Marburg) 615.
1287.
Magnus-Levy (Berlin) 107.
Mahn (Noisse) 1358.
Maillet u. Ai me 371.
Maixner E. und A. v. Decastello
(Wien) 14.
Malaien G. II. (Philadelphia)
1087.
Malartie 950, 978.
Manasse Paul 1246.
Mandel I). 232.
Mangold E. 436.
Mankiewicz Otto (Berlin) 250.
Mankiewicz 758.
Mann G. 1141.
Mann L. (Breslau) 602.
Mann L. (Mannheim) 897, 9G3.
Mansfeld G. (Pest) 228.
Maragliano E. 55.
Maragliano sen. 55.
Maragliano V. 55.
Marburg 0. 174. 287. 464. 577,
602, 735, 1036. 1220, 1248!
Marburg 0. u. E. Ranzi (Wien)
143. 256, 762.
Marchand 1135, 1137.
Marchand F. 286.
Marcovici E. 199, 926. 1011,
1141.
Marcovici E. n. E. Prihram
1141.
Marcovici E. und Schmitt M.
1061.
Marcus 0. 1302.
Marek R. 680.
Mareseh M. 404, 1141.
Maresch R. 1115, 13S7.
Mareseh R. (Wien) 737.
Marincsco (Bukarest) 19.
Markiewicz S. 871.
Markoe (New-York) 1219.
Marons (Berlin) 49.
Marsehalko Th. v. (Kolozsvar)
373.
Marshall E. R. 653.
Martens 985.
Martens (Berlin) 54. 869.
Martin 175.
Martin C, (Breslau) 568, 1424.
Martin G. (Rottvveila.N.j 1009.
Martin II. 1135, 1323.
Martini E. (Birkenhof 1>. Greif-
fenherg i. Schl.) 80.
Marwedel u. Wehrsig 897.
Marx 897.
Maskell R. 735.
Materim A. u. R. Penecke 573.
Mathews 951, 977.
Mathilde u. R. Graßberger 374.
Matko J. (Wien) 738, 791, 792.
1060.
Matthes M. 1166, 1300.
Matthes M. u. A. Kannenberg
434.
Matti II. (Bern) 761, 787, 926,
954, 1427.
Mattison 1356.
MatyiisM. (Klausenburg) 1141.
Mauthner J. 1273.
Mauthner 0. 21.
Mautner Hans und P. E. Pick
(Wien) 1009.
Mavendorf N. v. 1219.
Mayer A. 1239, 1331.
Mayer A. (Tübingen) 208, 282,
869, 933.
Mayer (Berlin) 226.
Mayer C. (Innsbruck) 1017.
Mayer L. (Berlin) 760, 786.
Mayer M. Hamburg) 108.
Maver (New-York) 708.
Mayer 0. 408. 654. 92S.
Mayer Theod. (Berlin) 310.
Maver Willi. (Tübingen) 545,
599.
Mayer und Möllenhauer 709.
Mayerhofer Ernst (Wien) 642,
787, 1398.
Mayo W. 951.
Mazza S. 199, 652.
Meakins 705.
Medak E. (Wien) 24.
Medak u. Prihram (Wien) 815,
841.
Meck und Eyster 705.
Mehliß (Magdeburg) 80, 462.
Meisel (Konstanz) 491.
Meißen und Salzmann 282.
Melchior 1086.
Melchior (Breslau) 196.
Melchior E. 79, 257.
Meller 813, 1007.
Meitzer 731.
Meitzer (New-York) 372, 544.
Meitzer0. (Freibergi.Sachsen)
571.
Mende v. 812.
Mendel (Essen) 228, 679, 816.
Mendel K. 170, 575.
Mendelsohn H. 285.
Mense 1231.
Menzer 1383, 14()9.
Menzer (Bochum) 55, 85, 411,
499, 657.
Merkel F. 628.
Merker 895.
Merkle 1111.
Merrit A. H. (New-York) 1113.
Mertens Y. E. (Hindenburg, 0.-
S.) 491.
Messersclmiidt Th. (Straßburg
i. Eis.) 521.
Mettenheimer H. v., F. Dötzky
und F. Weihe 82.
MetzC. (Wetzlar) 841.
Meyer 263, 285, 785. 1083.
Meyer Artur, Köln 621.
Meyer Bruno (Berlin) 785.
Meyer C. (Danzig) 733.
Meyer E. (Königsberg i.Pr.) 17.
80, 4t >2.
Mover Fritz M. 312. 544.
Meyer F.M. (Berlin) 979, 1130,
1139, 1167, 1215. 1272.
1410.
Meyer H. 1405.
Meyer H. und Ritter 311.
Meyer (Lübeck) 598, 1085.
Meyer, Lübken u. Brock 1297.
Meyer R. (Frankfurt a. M ) 844.
Meyer W. Arthur (Heidelberg)
1010.
Meyer v. u. F. Kraemer (Frank¬
furt a. M.) 49.
Meyerhoff 812.
Meyers Y. C. (New-York) 953.
Meyrich 0. 840.
Michael Max 809.
Michaelis Leonor (Berlin) 312.
Michaelis P. (Dnisburg a. Rh.)
802, 599.
Michaud 1322.
Michelsen K. (Refnes in Däne¬
mark) 284.
Miescher G. 1218.
Milko W. (Budapest) 712.
Miller J. A. 199.
Miller D. T. (Terre Haute.
Indiana) 1302.
Mills Ch. K. (Pennsylvania)
199.
Milner (Leipzig) 18, 463, 709.
Miloslavich E. 546.
Mingazzini 789.
Minor 758.
Mirtl C. (Graz) 373.
Misch J. (Berlin) 576.
Misch P. (Charlottenburg) 196,
430, 840.
Möglich 0. (Düsseldorf) 762.
Mühring B. 286.
Mohr 986, 987.
Molisch 1405.
Möllers (Straßburg) 85.
Moench W. S. (Berlin) 842.
Mönckeberg J. G. (Düsseldorf)
108, 257.
Mörchen (Wiesbaden) 921.
Moewes C. (Berlin-Lichterfelde)
1328.
Moffet R. D. (New-York) 1274,
1302.
Mohorcic Heinrich (Graz) 1009.
Mohr F. 175, 845, 607.
Moldovan Jul. 955.
Moll A. (Berlin) 710. 817.
Moll L. 683.
Mol low W. 763.
Molnär B. 203, 733.
Momberg 1 679.
Monakow C. v. 82, 654.
du Mont 1329.
du Mont (Eisenach) 1084.
Monti R. 524, 926, 1246.
Moraczewski v. (Karlsbad)
1165.
Morawetz G. 680, 1361.
Mordziol 1143-
Morelli 55.
Morgenroth 370.
Morgenstern II. (Magdeburg-
Sudenherg) 1328.
Morian R. 843.
Moritz (Köln a. Rh.) 80, 497,
733.
Moro N. 1217.
Mörtelli 678.
Morton II. H. (Brooklyn) 735.
Mosbacher Ed. 1193.
Mosbacher Ed. (Kassel) 732.
Moser II. und A. Arnstein 787.
Moser (Zittau) 1429.
Moskowitz lg. 926.
Messe 1091.
Most (Breslau) 1010.
Moszkowicz L. 1387, 1431.
Mouret u. Bourques 368.
Much 1380.
Much H. 200.
Much u. Eichelberg 1380.
Much 1L (Hamburg) und
W. Müller (Davos) 979.
Mucha V. (Wien) 1276.
Muck 0. (Essen) 761.
Mühlens, Hegeier und Canaan
651.
Mühlhaus R. 600.
Mühlmann Er. (Stettin) 760.
Mühsam H. (Berlin) 48. u76.
Mühsam R. 19.
Mühsam (Berlin-Moabit) 1358.
Mülhens (Eitorf) 302, 434 ; 891.
926.
Mueller A. (München) 18, 84.
171,198, 202. 288, 407, 408.
629.
Müller (Berlin-Kummelsburg)
1165.
Müller C. 816.
Müller Ch. 1165.
Müller H. v. 523.
Müller L.R. ( Würzburg) 1271.
Digitized by LjOuoie
Original fram
UNIVERSUM OF (0WA
INHALTS-VERZEICHNIS.
XXXV U
Malier 0. (Tübingen) 1230,
(M. 11365.
Müller Faul il'lni) 763.
Müller P. Tb- (6™^ 1385-
Malier P. (Wien) 1)7)3.
Müller K. 1-134. ^
Müller (Rostock) 7)47. 5/9.
Müller W.B. IBerlin) 981,1193.
Möller V. (Davos) 1)7)3.
Üuller-Dehwn A. v. 572.
tfacch L. (Krems) 113.
Münch W. (Frankfurt n. M.)
i;78. 787.
Männich 1300.
Munter 270.
Münzer A. (Berlin-Charlotten-
Ininri 7M. 343.
MünikerF. «Wien) 457.
Munk Fritz 267.
Murphy J. B. 7)0.
Mn-thold 440.
Maskat« L J. J. (Amsterdam)
|)7I>.
Mn-er J. H. und L B. Krumb-
haar 402.
Mutsfhenbaclier Th. v. 318.
Xidolecznv 733.
Nif H. 1218.
Nigeli 0. 871 -
N ihter 85, 657.
NTgeUehmidt (Berlin 1319. 817.
Norath A. 82.
Nathan (Frankfurt a. M.) 1328.
Nathan (Koblenz-Ehrenbreit¬
steinl 7l3.
Nehrniz 8M8.
Neisser A. (Breslau) 140, 404,
454. 511. 873. 598, 1139,
IM 1358.
Seil H. I, Mc. 574.
Nebrn Kent 315.
Xdaon Charles Hogh und
Samuel Lepsitz 704.
Neton>ek M. 401, 430, 432.
Neuer 1381.
Neuer E. 145. 250.
Nentert 25.
Neihurger 441.
Neufeld F. (Berlin) 172. 365.
Neoffer t&l.
Nenjebaaer F. 374.
-W^aner 0. 231, 201, 437.
X-nter H. 1330.
Neahof 8. (New-York) 316.
Seanann B. (Krems) 19, 82,
NI 191), 230, 084, 1090.
Neumann W. 1117, 1384.
Neomann \Y. (Gießen) 461.
Seumayer L. (München) 343.
Ntumayer V. L, (Kljur, Bos¬
nien) 842, 1193.
Neomeister 492.
Nenmeister K. 1273.
Neurath R. 1387.
Neurath R. (Wien) 51.
N-=mser E. v. 173.
N«ustadtl R. 1429.
Ncoätaedier M. (New-York)
1362.
^ostiner 1086.
^entra W. 174, 340.
Xearoment S. W. (Philadel¬
phia) 1011.
Hel 2,.15, 441.
Hhi (Berlin) 000, 653, 706.
Vögelmann 705.
HAI n. K. 315.
^ M. 898.
Memann A. «82.
^‘un A. (Berlin) 1299.
•^(Schwerin i.M.) 1246,
v. Mayendorf 818.
><ack Y. 430.
Nobel E. (Wien) 737, 870.
Nobel E. u. L. Neuwirth 954.
Nobl 0. (Wien) 96, 232, 261,
437.
Nocht B. u. Halberkann J.
(Hamburg) 571.
Nocht u. F. Halberkann 1167.
Noder A. 600.
Noeggerath C. F. u. E. Sehot-
telius (Freiburg i. Br.) 1110.
Noeggerath C. T. 343.
Noehte (Halle a. S.) 80, 284,
1193.
Nonne M. (Hamburg-Eppen¬
dorf) 313, 501, 527, 655, 767,
847, 849, 948, 1380. 1391,
1418.
Noorden C. v. (Frankfurt a. M.)
257, 267, 461, 930, 1034,
1086.
Noorden n. Caan 1035.
Nordmann 0. (Berlin) 3, 29,
77, 222, 375, 436.
Nothmann (Neukölln-Berlin)
653.
Notthafft v. 897.
Novak 1326.
Novak J. n. 0. Borges 763.
Novotny I. 652.
Nürnberger Ludw. (München)
760.
Nußbaum Ad. (Bonn) 762, 786.
Nyäry L. (Pozsony) 1110.
Nyström G. 1194, 1360.
Ob6 M. (Straßbarg) 571.
Obersteiner H. (Wien) 464,654.
Ochsenius K. (Chemnitz) 1428.
Oeconomakis (Athen) 602.
Oeder (Dresden) 196, 544, 570,
1215.
Oehlecker 1434.
Oehlecker F. 763, 817.
Oehler 341.
Oelhafen H. 400.
Öesterreicher 53.
Oettinger (Ciechocinek) 082.
Ohmes A. K. 199,
Ohm 460.
Oigaard A. 1301.
Okolitsänyi-Kuthy D. v. 1013.
Oldag (Meißen) 598.
Oliver 788.
Olivieri 1357.
Ollendorff K. 492.
Ollino Giov. (Genua) 520.
Oloff (Kiel) 285, 1063, 1166.
Olshausen K. v. 983.
Onodi A. (Budapest) 1277^
Opitz (Berlin-Lichtenberg)538.
Opiiz H. (Bremen) 924.
Oppel A. 628.
Oppenheim M. 1431.
Oppenheim M. u. M. Schlifka
1432.
Oppenheim 372, 818, 1136,
1194, 1298.
Oppenheim Franz (München)
680, 1060.
Oppenheim H. 19, 232, 405,
576, 725, 734, 920,1112,1279.
Oppenheim M. (Wien) 230,232,
261, 711, 1385.
Oppenheimer (Berlin - Grune-
wald) 106, 140.
Oppenheimer Rudolf (Frank¬
furt a. M.) 905.
Oppenheimer u. Gottlieb (New
York) 815.
Oppolzer 1194.
Orlowaki 1386.
Orszuy 0. (Budapest) 1277.
Ortenatt (Bad Reichenhall) 981.
Orth 0. (Forbach i. Lothringen)
10,610,734,981,1142,1358.
Ortner N. (Wien) 22, 81, 144,
288, 791, 1221, 1332.
User E. 1414.
Oswald A. (Zürich) 544, 816,
1112, 1412.
Ottiker F. 401.
Otto (Berlin) 1328.
PäßlerO, (Dresden) 1062.1301.
1330.
Pagel J. L. 682.
Pagenstecher A. H. (Wiesbaden)
1329.
Päl J. (Wien) 22, 683, 1137.
Palepki J. O. (New-York) 1087.
Paltauf R. (Wien) 23, 83, 404,
495. 577, 683,711,737, 738,
1196, 1303.
Pamperl R. (Prag) 1102, 1126.
Paneth L. 1398.
Pape H. (Nordhansen) 373.
Papendieck K. M. 522.
Pappenheim u. Groß 1061.
Pappenheim und Fukushi 431
Paquin 110.
Parassin J. (Budapest.) 712.
Parelstein M. und J. Abelin
(Bern) 1033.
Parhon C. 81.
Parkes Weber F. 399.
Parodi U. 55.
Partos Alexander 611, 1132.
1211 .
Partos (Genf) 283.
PatryG. 1218.
Patton J. M. (Chicago) 764
Paul G. 572.
Paul (Holle a. 8.) 1300.
Paulikovics E. 549.
Paunz M. 318, 368.
Pawlow 736.
PayrE. (Leipzig) 108, 171.579,
686 , 926, 1140. 1244.
Peck 977.
Pedersen C. Y. (New-York) 1011
PehamH. 900.
Peiper Erich (Greifswald) ßoü
Peiper (Stettin) 520.
Peiser A. (Posen) 709, 842.
Peiser H. (Blankenfelde) 140
193.
Pel (Amsterdam) 402.
Pels-Leusden P. 375.
Peltesohn S. (Berlin) 1193.
Peperliowe H. 1329.
Perlmann Anna 434.
Permin 623.
Pemet 623-
Perthes (Tübingen) 54, 55,228,
434, 439, 463, 679, 1411.
Perutz 233, 657, 1141, 1276.
Perntz A. u. Gerstmam» 1220
Petermann (Bielefeld) u.
Hancken 126, 205.
Peters 263, 981, 1296.
Petraschky (Danzig) 197,1111
1272, 1385.
Peyer W. 572, 92;>.
Pfahler Gge. E. 818.
Pfänner W. (Innsbruck) 1100.
Pfeiler (Bromberg) 1139.
Pfeiler\V. u. G. Scheyer (Brom
berg) 403.
Pfeilstücker W. 1131.
Pfister H. 616.
Pflaumer E. (Erlangen) 491.
Pfungen v. 843, 1411.
Philip Caesar (Hamburg) 1084
Philippsthal u. S. (Rummels
bürg) 313.
Photakis B. (Athen) 1271.
Pibram B. 0. 1141.
Pichler R. (Villach) 373.
Pick 788.
Pick A. 52, 346, 655.
Piek F. (Prag) 1389. 1416a.
Pick J. (Berlin) 891.
Pick Karl 1292.
Pick W. 232, 1217.
Pick E. P. u. R. Wasickj 762.
Pilcher P. M. (Brooklyn) 735.
Pilsbury L. B. 50.
Pincus’l Berlin) 924, 1037 _
Pincussohn L. (Berlin) 197.
Pinczower A. 681.
Pinkus Felix (Berlin) 239.
Pinsch Hayward 340.
Piorkowski M. (Berlin) 171,
255.
Pironneau 370.
Pirquet Frh. CI. v. (Wien) 51,
374, 407, 954.
Pisek W. 288.
Placzek 948.
Plange W. u. II. Schmitz
(Dresden) 403.
Plaschkes S. (Wien) 651, 1246.
Plate (Hamburg) 767.
Plaut 1381.
Plauth 923.
Piitek (Triest) 55.
Ploeger Aug. 599.
Podmanirzkv v. (Budapest)
1057. 1013, 1060.
Pöhlmann A. 1359.
Pöllhofer J. 114.
Pötzl 0. 464.
Pohl A. (Berlin) 1329.
Pollatschek E. 203.
Pollitzer S. (Xew-York) 1011.
Po Iva E. 549.
Pommer G. 286.
Pope Saxton 1088.
Popoff M. (Sofia) 1216.
Poppelreuter W\ (Köln) 462.
Popper H. (Wien) 261. 885.
1032.
Portes Max 626.
Porges O. 288, 289, 652.
Porges (Wien) 1273.
Porges <). u. A. Leimdörfer
(Wien) 219.
Porosz M. 464, 1304.
Port u. Euler 463.
Porten E. v. der (Hamburg)
107.
Porter L., A. Huffacker u.
A. Ritter 1247.
Portner E. (Berlin) 648, 704.
730, 783, 809.
Porzelt W. (Würzburg) 491.
Posner O. (Berlin) 140. 283.
738, 767, 1244.
Possek R. 573.
Potpcschnigg K. 171.
Powiton W. 1428.
Pozzi 977.
Praetorius A. 141(5.
Prantner V. 201. 404.
Prausnitz 923, 1272.
Pregl (Graz) i 10, 376.
PreisC. 1364.
Preisieh K. 232, 318.
Preüburger Rudolf 673.
Preysing (Köln) 26, 793.
Pribram Br. 23.
Prihram E. 172, 408, 407, 681,
1221 .
Prihram H. 681, 763.
Pribram E. 1430.
Pribram 0. 1193.
Pribram (Prag) 1303.
Pribram (Wien) 979, 1008,
1058.
Prieö 650.
Pringsheim H. (Berlin) 894.
Pringsheim J. (Breslau) 1190,
1213, 1242.
Prinzing Fr. (Ulm) 1329.
Prochownick L. 374, 1087.
Proescher F. (Pittsburgh) 82,
923, 1008.
Proust K. 253.
ProwazekS. v. (Hamburg) 109.
Pulay E, 1432.
Pulay E. (Wien) 897, 1330.
Pulvermacher (Berlin) .»20.
Pnpovac D. 229.
Pappel E. (Mainz) 18.
Purjesz (Klausenhnrg) 1301.
Purrucker W 7 . 1330.
Butter 1084.
4|uadri Giov. 402.
Qnanter Rudolf 785.
Quantz 922.
Quarella B. 601.
Quarelli G. u. F. Negro (Turin)
72.
Quenu 977.
Quervain F. de (Basel) 872,
951, 1163, 1331.
Quigley 3. 11. 789.
Quincke 631, 930.
Quinke (Frankfurt a. M.) 1304.
Raab (>. (München) 816.
Rabe F. (Sonderburg) 403.
Uadicke 1433.
Radon int- D. 23, 1430.
Radonieie K. 288.
Uaimann E. 1361.
llaiziss u. Dabin 1356.
Kall (Eppendorf) 403.
Randall A. 375.
Randolph M. 653.
Ranzi E. (W T ien) 22, 113. 174,
175, 259, 733, 1248, 1415.
Ranzi u. Marburg 1112.
Rapp H. (Heidelberg) 761.
llaths C, 492.
Ltatner 494.
Lauch Jauina (Wien) 672.
Rauch Rudolf 626.
Rnudnitz 1389, 1416 a.
Rautmann H. (Chemnitz) 575.
Heber 813.
Recklinghausen v. 250, 1135.
Reckzeh P. 17, 18, 167. 223,
983, 1083, 1409.
Redlich E. (Wien) 88,143,287.
469,577,602,735.1036,1220.
Redlich E. u. E. Lazar 983.
Redwitz E. v. (Würzburg) 18.
925, 1193.
Reed H. S. u. B. Williams 895.
Regaud u. Cremien 342.
Regehly 1355.
Reh 55.
Rehfisch 1383.
Rehfuß Martin 653.
Rehfuß M. E. u. Ph. B. Hawk
315.
RehnL. (Jena) 440,547, 686.
Reibmayr Hans (Wien) 571.
Reich Zdyislow 601.
Reichardt M. (Würzburg) 576.
Reiche F. (Hamburg-Barm-
beck) 255, 282, 731, 842,
867, 1166.
Reiche P. 142.
Reichel (Chemnitz) 578, 685.
1034.
Reichl 438, 496.
Reichmann Frieda (Königsberg
i. Pr.) 708.
Reichmann V. (Jena) 842,1428.
Reilty A. Robert u. Paelter E.
Jesse 927.
Reimann H. (Baden) 346, 577.
Reines S. 1196.
Reingruber (Göttingen) 573.
Heiß E. (Frankfurt a. M.) 1110.
Beiss E. u. Johanna Hertz
(Frankfurt a. M.) 1033.
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Original frn-m
UNiVERSUY OF IOWA
XXXVIII
INHALTS -VERZEICHNIS.
Reiter H. (Königsberg) 570,
1110 .
Reitsch (Hamburg) 953.
Reitter R. v. (Wien) 791.
Relly H. T. 681.
Rembold v. (Stuttgart) 897.
Remlinger 1185.
Remsen ( h. 199.
Rethi L. 492, 548, 1330, 1362.
Keusch W. (Stuttgart) 1359.
Keuss A. v. 370, 1273, 1370.
Kenss A. v. und M. Zarfl 734.
Reuter (Koblenz-Ehren breit¬
stein) 713.
Reuter M. (Nürnberg) 1084,
1358.
lteye E. (Hamburg) 49.
Revhers 342.
Reyn A. 1406.
Reynolds E. 1360.
Reinicek R. 315, 464, 1112.
Rhein M. (Straßburg i. Eis.)
434, 674, 680, 923.
Rhese 1225.
Rhoinberg B. 1273,1359,1360.
Ribbert H. (Bonn) 286, 402,
1009, 1117, 1251, 1331.
Richter 175, 978.
Richter A. (Kiel) 842.
Richter (Berlin) 196.
Richter J. (Wien) 766.
Richter (Königsberg i. Pr.)403.
Richter P. F. 497, 1330.
Richter (Schwelm) 778.
Ridder 340.
Riedel (Jena) 81, 196, 405.
734, 793, 815, 926. 1385,
1412.
Rieder 845, 987, 1143, 1297.
1433.
Rieder H. (München)284, 1410.
Rieder (Koblenz-Ehrenbreit¬
stein) 713.
Riedinger (Würzburg) 523.
Riedl F. 1193, 1273, 1330.
Riedl H. 142, 172.
Riegner 1145.
Riehl (Wien) 31, 113. 201,
231, 435, 437, 438.
Riese (Berlin-Groß-Lichter-
felde) 8.
Riese (Karlsruhe i. B.) 579,
869.
Rietschel H. (Dreden) 1034.
Rieux 400.
Riffel A. (Karlsruhe) 981.
Riggs C. E. 1274.
Riggs C. E. u. E. H. Hammer 50.
Rihmer B. v. 1278, 1363.
Rimann H. (Liegnitz) 284.
Rindfleisch W\ 871.
Ringel 847, 1300.
Ringer u. Frankel 1354.
Rings (M.-Gladbach) 458.
Rissmann P. (Osnabrück) 427,
700, 709.
Ritschl 1364 a.
Ritschl A. (Freibarg i. Br.)
124, 162, 197, 198, 204,
463, 600, 668. 709. 842,
1217, 1270, 1300.
Rittenhouse 1137.
Ritter 1405.
Ritter C. (Posen) 142, 226.
Ritter u. Tamm 312.
Rittershaus 1059.
Riva-Rocci 370, 1135.
Robinson B. (New-York) 1113.
Robinson D. (Philadelphia) 82.
Roblee W. W. 681.
Röchelt E. 1061.
Rochon, Duvigneaud und Dn-
camp 812.
Rodenwaldt E. 1212.
Rodler 1135.
Rodiinski 1360.
Rodman 977.
Römer C. (Hamburg) 735,842.
Roemheld L. 546.
Roepke 440, 579.
Roerdansz 402.
Rose C, 736.
Roesky (Berlin) 786.
Roesle E. (Berlin) 840.
Rössle 1116.
Röthig Paul (Berlin) 655.
Rohde 818.
Rohmer (Marburg) 709, 896.
Rohrcr F. (Tübingen) 862.
Roick W. (Jena) 728.
Rolmer J. A. 898.
Rolsen A. (Wiesbaden) 227.
Romberg Ernst (München) 627,
1137.
Rona n. W T ilenko 1326.
Rondke 1152.
Rosanoff A. J. 1114.
Roschke 953.
Rose E. (Berlin) 627, 1247.
Rosen bach 1138.
Rosenbaum N.( Friedrichshain)
1424.
Rosenberg L. (Bielefeld) 288,
1195.
Rosenbloom 1356.
Rosenbloom u. Gardner 1354.
Rosenfeld G. (Breslau) 20. 432,
605, 626.
Rosenheim Erich (Berlin) 1004.
Rosenheld L. 1358.
Rosenow (Königsberg i. Pr.)
520, 815, 1278 a, 1279.
Rosenstein P. 1032, 1059.
Rosenstrauß (Berlin) 842.
Rosenthal E. (Budapest) 1222.
Rosenthal F. (Breslau) 815,
844.
Rosenthal H. (Charlottenburg)
433.
Rosenthal Josef (München) 650.
Rosenthal W. (Göttingen) 373.
Rosenthal u. Kleemann (Bres¬
lau) 169.
Rosin H. (Berlin) 1032.
Rosner 630.
Roßberger S. 843.
liossie Jos. (Düsseldorf) 434.
Rosznowski (Berlin) 492.
Rost E. (Berlin) 994, 1404.
Rost G. A. (Bonn) 1139, 1404.
Rost (Heidelberg) 698, 761,
872, 1251.
Roth N. 630, 706.
Rothberger u. Winterberg 19,
171, 706.
Rothe A. v. u. K. Pollack (Ber¬
lin-Wilmersdorf) 626.
Roth fuchs (Hamburg) 871.
Rothmann M. (Berlin) 19,107,
111, 233, 347, 461,602, 653,
654, 766, 1112.
Rothschild Alfred (Berlin) 708.
Rothschild M. F. (Frankfurt
a. M.) 18.
Rottenbiller E. v. 318.
Rotter E. (München) 1428.
Rotter J. 1, 94, 440, 441.
Roubitscliek R. 843.
Roubitschek it. Laufberger
1035.
Roussy u. Rossi 758.
Roux u. Taillandier 1326.
Roosing Tborkild 406, 731.
Rozin H. (Berlin) 1412.
Roznowski J. v. 19, 869.
Rubens (Gelsenkirchen) 1188,
1424, 1428.
Rubner M. (Berlin I 313. 899.
626.
Rubz 441.
Rud M. 172.
Rudolph 870.
Rücker 1429.
Riidel O. 980.
Ruediger (Waldenburg i.Schl.)
491.
Rüdiger G. (Bad Sodenthal
im Spessart) 1359.
Rühl Artur (Nürnberg) 600.
liühl W. (Dillenburg) 732.
Rüge E. (Frankfurt a. 0.) 18.
Ruhemann J. (Berlin-Wilmers¬
dorf) 521.
Rulf 1116.
Rummel H. 1385.
Rumpel 1434.
Rumpel Th. 227.599,897.1275.
Rumpf 1335, 1429.
Rumpf E. (Hamburg) u.
J. Zeißler (Altona) 254.
Rumpf Th. (Bonn) 89,312,926.
Runck Th. (Iiheingönnheim)
1031
Rupp 227.
llupp (Chemnitz) 17.
Rupp O. (Breslau) 38, 73.
Rupprecht (München) 198,
1246.
Rusch P. 231, 438.
Ruttin E. (Wien) 408. 684, 792.
874, 928, 929, 984, 1090.
Ruys J. 923.
Rydygier von Ruediger L. R.
843.
Rysers 1356.
Saalfeld E. (Berlin) 284, 773.
Saar v. 517.
Sachs (Frankfurt a. M.) 8(59.
Sachs M. 577.
Sachs (). 261, 437. 843. 1085,
1250, 1415.
Sackur (Breslau) 1022, 1046.
Sadger J. (Wien) 682, 785.
Säender (Hamburg-St. Georg)
490. 1136. 1145, 1169.
Saelykow S. 1218.
Saevyer. Wilbur A. 173.
Siigi E. 843.
Salkowski (Berlin) 402, 707.
Salinger Alfred 599.
Salle u. v. DomaruB 342.
Salomon II. 172. 202. 288, 629,
656, 846, 1051, 1221.
Salomon 0. u. R. Weber 1410.
Salomonson (Amsterdam) 19.
Salow 1083, 1244.
Salus G. (Prag) 1217, 1330,
1416 a.
Salus R. (Prag) 1416a.
Salvini E. 954.
Salzer (München) 262. 285,
1428.
Salzmann F. (Bad Kissingen)
( 284.
Salzmann (Graz) 424.
Samoyloff 706.
Sarbo A. v. 229, 318.
Sarbos 1380.
Sattler (Leipzig) 423.
Sauer 570.
Sauerbruch 234, 604, 605, 686.
Sauerbruch (Greifswald) 1125,
, 13,J0 -
Sanerbruch (Zürich) 55, 411.
Saugmann 282.
Saul 203.
Sauter Rieb. 491.
Savariaud 371.
Sawicki A. (Wall.-Meseritsch)
701.
Sawyer A. Wilbnr 92(5.
Saxl A. 1273.
Saxl P. 374, 1246.
Sc irpa 55.
Schacherl M. 1334.
Schächter M. 146, 548, 1278.
Sehaedel 572, 787.
Schäfer Artur (Rathenow
a. H.) 599.
Schaefer (Bnch) 196.
Schaefer Fr. 1411.
Schäffer J. (Breslau) 1168.
Schäffer R. (Berlin) 1194.
Schaffer K. (Budapest) 655,
1112, 1361.
Schalit E. 754. j
Schall M. (Berlin-Grnnewald)
953.
Schallmeyer 785.
Schanz A. 601.
Schanz F. (Dresden) 599, 870,
1140, 1384, 1403.
Schapiro (Bern) 252.
Scharf 1135.
Scharfe (Göthen) 841.
ScharffP. (Stettin) 80.
Scharl P. 1013.
Schattauer 1058.
Schatz (Rostock) 197.
Schauer 198.
Schaumann 573.
Schauta F. 1089.
Schede (München) 18, 262,
285, 651, 1385.
Scheer van der (Meerenburg
i. Holland) 1194.
Scheffer 1037.
Scheibe A. 1219.
Scheible H. (Bremen) 1139.
Scheidemandel Ed. 655.
Scheier (Berlin) 678.
Schenderowitseh (Bern) 257.
Schepelmann E. (Bochum i. W.)
454, 512, 587. 087, 741,911.
Scherber G. 231, 261, 437,
1332.
Scheurlen v. 761, 1416.
Schick B. (Wien) 51, 737, 789.
Schick und Römer 789.
Schiemenz 1271.
Schierack G. 840.
Schiff A. 1221. 1276, 1333.
Schiftan 1086.
Schilder 899.
Schilling 499, 953.
Schilling (Düsseldorf) 441.
Schilling F. 981.
Schilling (Leipzig) 1086.
Schirmer H. K. 1061.
Schittenhelm (Königsberg) 55.
Schlagenhaufer Fr. 1387.
Schlagintweit 341.
Schlesinger 1329.
Schlesinger A. 734.
Schlesinger (Berlin) 1271.
Schlesinger Eng. (Nürnberg)
533.
Schlesinger E. (Straßbarg) 434,
1217.
Schlesinger H. (Wien) 113, 144,
202. 287, 288, 383. 464, 523,
652, 656. 1112, 1221, 1277,
1361.
Schlesinger Ing. 1433.
Schlesinger L. 652.
Schlesinger W. 202, 260.
Schlichting 499.
Schlifka M. 1432.
Schlößmann (Tübingen) 109.
1385.
Schloffer H. (Prag) 1119,1417.
Schloß E. 258.
Schloßmann A. (Düsseldorf)
405.
Schlotterhausen 1141.
Schmaus 1136.
Schmerz H. (Graz) 1410.
Schmev (Berlin) 312.
Sehmid H. H. 733.
Schmidt 785, 1084.
Schmidt Ad. (Halle a. S.) 207.
371,404,497, 710, 786,1110,
1298, 1384.
Schmidt Ad. (u. David) 788.
Schmidt (Berlin) 254.
Schmidt (Bielefeld) 897, 1216.
Schmidt H. E. (Berlin) 760.
311, 344, 1410.
Schmidt H. (Straßburg i. E.)20.
Schmidt Joh. E. (Würzburg)
628, 709.
Schmidt K. (Halberstadt) 709.
Schmidt L. 708.
Schmidt P. (Gießen) 107, 372,
924.
Schmidt R. (Prag) 443, 1416a.
Schmidt W. Th. (Stettin) 753.
Schmiedeberg 707.
Schmieden (Halle) 114, 686.
Schmiedicke 441.
Schmincke A. (München) 842.
Schmittmann B. 229.
Schmitz E. (Frankfurt a. M.)
1216.
Schmitz K. E. F. (Greifswald)
489, 678, 1329.
Schnaudigl 812.
Schneider A. (Bonn) 952.
Schneider C. (Bad-Brückenau-
Wiesbaden) 1359.
Schneider F. (Berlin) 461.
Schneider R. 81.
Schneidt u.Seitzinger3l4.710.
Schnek K. 1141.
Schitter (Olfenbach a. M.) 285,
788.
Schnitzler J. (Wien) 661, 1248.
Schönberg 649.
Schoenewald S. F. 601.
Schön feld 111.
Schönfeld u. Friedl 1297.
Schönwerth A. 200.
Schönwitz W.(Berlin)20,1301.
Schöppler H. 981, 873.
Scholomowitsch 111.
Scholz H. (Königsberg i. Pr.)
1409.
Scholz W. (Baden-Baden) 1423.
Scholz W. (Königsberg i. Pr.)
760.
Schott E. (Köln) 43.
Schott (Nauheim) 627, 870.
Schottelius E.(Freiburg i. Br.)
372, 732, 787, 1239, 1364 a.
Schottelius M. (Freiburg i. B.)
226, 841.
Schonte 460.
Schramek M. 231, 261, 438.
Schreiber L. (Heidelberg) 1359.
Schroeder 681.
Schröder (Rostock) 760.
Schroeder H. (Düsseldorf) 653.
Schroeder Heinrich (Kortau-
Allenstein) n. Umnus Otto
(Berlin) 637.
Schroth 686.
Schrumpf P. u. W. F. v. Oet-
tingen 404.
Schüller A. 1060, 127(5, 1297,
1361.
Schüller Hugo (Wien) 341.
Schürer v. Waldheim, Dr.
(Mauthausen, Ob.-O.) 604,
643, 945.
Schürmann W. (Halle) 755,
1352
Schürmann W. u. T. Fellnier
(Halle) 1166.
Schürmann W. u. E. G.Pring^-
heim (Halle a. S.) 1158.
Schütz 923.
Schütz (Berlin) 347.
Schütz J. (Klagenfurt) 171.
491.
Schütz Jul. (Marienbad) 952,
1358.
Schütze K. (Bad Kosen) 702.
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Simpson F. F. 817, 1274.
Singer A. 874.
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i. Pr.) 678.
Sippel A. 142.
Sittig H. 1390.
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Skillern P. 0. 315.
Skutetzky A. (Prag) 604,1061.
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Sladek .1. a. St. Kotlowski 573.
Smiethies F. 50.
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Smith Priestley 812.
Smith Gge. u. Gilbert 494.
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Sokolowskv Alex. (Hamburg)
619, 1080.
Solbrig (Königsberg i. Pr.) 490.
Soldin (Berlin-Wilmersdorf)
140, 573, 870, 1244.
Soldin M. u. F. Besser (Berlin)
490.
Solger B. (Briefkasten) 844.
Solger B. (Neiße) 7734.
Sommer 439, 496, 578, 11(57.
1194, 1386.
Sommer E. (Zürich) 10(51,1410.
Sommerfeld 1138.
Sommerfeld A. 121(5.
Sonntag E. (Leipzig) 1194.
Sorgo 1. 260.
Souligovix 977.
Spät W. 1217.
Spengler Imeins (Davos) 1246.
Sperling (Do uni) 85.
Spiegel B. f BerJin-Lichtenherg)
645.
Spieler Fr. 407, 763, 787.
Spielmever W. (Al uneben) 142.
344.
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Spiethoff B. (Jena) 38.
Spindler 1232.
Spiro K. (Straßburg i. Eis.)
490, 1359.
Spitta (Berlin) 1250.
Spitzer E. 143, 231, 315. 437.
Spitzer L. 1330.
Spitzv II. / Wien i 83, 199. 227.
259, 287, 577, 711, 1010,
1193. 1303.
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866,892,921,949. 972,1006.
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1134.
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Staehelin 1135. 1165, 1195.
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Stange 1010.
Starck U. 736, 841.
Stargardt K. (Hamburg) 49,
767, 768, 847.
Starkenstein E. (Prag) 81.
Stefanotviez L. 1217.
Steiger M. 28(5.
Stein 871, 1197. 1385.
Stein A. (Königsberg) 1193.
Stein A. E. (Wiesbaden) 463,
521. 544, 871.
Stein Benno (Wien) 246. 274,
309.
Stein R. 0. 232. 262. 437.
Steinbach 438, 439, 497. 577,
578. 630, 821, 1363.
Steinberg 1011.
Steinberg F. 981.
Steinbrück (Düsseldorf) 1385.
Steindorff K. (Berlin) 48
SteinebachK. (Dortmund) 433.
Steiner Herbert (Wien) 570.
Steinkamin Jul. 732.
Steinsberg 439, 495’ 496. 578,
629, 630, 820.
Steinsberger 578.
Steinschneider 821, 1363,
Steinthal 652.
Steinthal (Berlin) 650.
Steinthal /Stuttgart) 490.
Stekel W. 230.
Stellwag (Erlangen) 1385.
Stemmler (Koblenz-Ehren¬
breitstein l 713.
Stephenson 813.
Stepp 368.
Stepp {Nürnberg) 1351.
Stepp W. (Gießen) 925, 1410.
Stern 281, 405, 499, 1112.
Stern A. 1058.
Stern (Düsseldorf) 522.
Stern K. (Eschwege) 953.
Stern W. G. 315.
Sternherg (Berlin) 1301.
Sternberg C. 573.
Sternberg K. 985.
Sternberg M. 1248.
Sternberg W. 313, 316. 462.
734.
Sternheim (Hannover) 1412.
Steudeinann 11. 431.
Stevens v. 1136.
Stieb (Güttinuem 114.
Sticker (Berlin) 1091. 1166,
1278.
StiefferG. 1217.
Stietier G. u. Volk K. 1061.
Stier E. (Berlin) 815.
Stieve H. (München) -55.
Sti'jler H. (Wien) 52, 577. 76;'».
Stillians A W. 898.'
Stimnnl 14<*8.
Stock (Jena) 424. 812. 842.
Storker Alfred i Lu/.oni I 1329.
Stoeekel 405.
Stoeger (Planegiz) 816.
Stoekel AN. 5<o.
StocrkC. (Wien) 23, 1195.
Stoerk E. 84. 738. 1330.
Stoerk <). 629.
Stürzet* Arnold 1085.
Stoffel (Mannheim) 1433.
Stoffel A. (Mannheim)227. 786,
1215.
Stoklosinski Franz (Wien)586.
Stoll II. F. 173.
Stoppel 1296.
Stracker <). (Wien 953.
Stranskv 682.
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Stran.sk> M. (Berlin) o?l, 650.
Strassburger J. (Frankfurt a.
M.) 1147.
SirasserA. (Wien) 711, 1221.
Strasser Josef ( W’aidhofen u. d.
Thaya) 727.
Strasser-Eppclbauin V. 546.
Straßmann (Berlin) 66*.
Strassman P. 681.
Stratz 785.
St rau I) 624.
Straub AV. (Freiburg i. Br.)
81. 344.
Straus (Barmen) 1192.
Strauss 110, 1035, 1112.
Strauß (Berlin) 310, 340, 520,
623, 698, 739, 767, 854,
1301, 1404.
Strauss (Biebrich) 899.
* Strauss Alfred A. 172.
Strauss H. 19, 53. 255. 1390.
Strauss H. (Berlin) 169, 373,
590, 1058, 1217.
Strauss M. (Nürnberg) 170,563,
787.
Strauss G. (Berlin) 731.
Strausz H. (Halle a. S.) 536.
Streb low F. (Berlin-Lichter¬
felde) 343.
Strecker Edward 789.
Streißler Eduard (Graz) 1246.
Strell Martin 1010.
Stricker F. (Berlin) 48.
Strick ler A. 1113.
Stromeyer K. (Jena) 1033.
Strominger 759.
StromingerL. (Bukarest) 758.
Stroomann 707.
Strubell A. (Dresden) 708.
Strümpell 1135,
Stüber (Freiburg i. Br.) 1033.
Stühmer 1381.
Stiimpke G. (Hannover) 462;
539, 650, 1359.
Stürtz 282.
Stumpf P. (München) 954.
Stursberg u. Klose 373.
Suchanek E. 113, 172, 518,
546, 683, 928.
Suchier A. 734.
Sudeck 115.
Sudendorf F. (Bautzen) 228.
Sudhoff AV. 1329.
Suter A. 1412.
Sutherland u. Jnbh 368.
Hut ho veil P. H. 652.
Svestka V. 1167, 1357.
Swift H. F. 1113.
Swoboda X. 762, 981. 1061
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Sv ring (Neuruppin) 546. 571
" 1358.
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Szcrsy E. (Budapest) 289, 979.
Szenasy 1274.
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Tabora v. (Straßburgl 433,
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Tandler J. (Wien) 1303.
Tangl F. 82.
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Taussig (Boston. V. S.) 1218.
Taylor u. Hose 1326.
Tedeschi E. (Genua) 55.
Telekv H. 656.
Telekv L. 604.
Tendelov N. Ph. 286.
Tergast K. 258.
Teske H. 403.
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Thaler H. (Wien) 766. 1012,
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Thaler H. u. II. Zuckeimatm
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Thassen 369.
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708. 896. 1406.
Theilhaber A. 1164.
Thiele 657.
Thiele (Chemnitz) 1058, 1384.
Thiemann II. (Jena) 490. 572.
Thieme L. (Adorf i. Vogtl.)
373.
Tbierfeld R. 1360, 1411.
Thiersch 733.
Thies A. (Gießen) 574.
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Tobeitz A. (Graz) 603.
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Tölken R. (Zwickau i. S.)489.
Toenniessen E. (Erlangen) 141,
434, 1194.
Töpfer H. 107, 227. 284. 570.
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Tollöiann 987.
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Tonten (AVieshaden) 106, 107.
140, 169. 598, 626.
Tovey W. (Nesv-York) 763.
Tovölgyi E. v. 173.
Traeger F. (Prag) 844.
Trappe 1085.
Traube (Charlottenburg) 461.
Trebing 652, 1301,
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Trendelenburg F. (Nikolassee)
435.
Trendelenburg W. 314, 491.
Treupel G. (Frankfurt a. M.)
356.
Treupel W. (Jena) 913.
Trihoulet 370.
Trinche.se S. (Berlin) 598.
Tripold F. (Icici bei Abbazia)
397.
Tromp F. (Kaiserwerth a. Rh.)
1059.
Trowbrillge E. H. 654.
Triihsbach P. ((’hemnitz) 679,
923.
Tsakalotos Athan. E. (Athen)
733.
| Tschaschim 8. 431.
Tsiminakis C. 1330.
Tsurumi 1271.
Tuch Ludwig 679.
Tuchy 978.
Türk W. 172.
Tnffier 978.
Tugendreich G. (Berlin) 570.
Turner, Logan u. Fraser 368.
Tykociner (Berlin) 760.
rechtspringe A. 605.
Uhhe A. A. u. W. H. Macknuici
1274.
Uhlenhuth 205, 532.
Uhlenhuth und Fromme 1202,
1264, 1296, 1375.
Uhlenhuth und Messerschmidt
343.
Uhlenhuth u. Olbrich 447, 776.
Uhlenhuth, Olbrich u. Messer¬
schmidt 149.
Ubthoff 460, 812, 813.
Ullmann 263, 1355.
Ullmann E. (Wien) 711, 765,
1387.
Ullmann K. 232, 262, 437. 438.
787.
Umber 25.
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Original frnrri
UNIVERSITT OF IOWA
LX
INHALTS-VERZEICHNIS.
Umber F. (Charlottenburg-
Westend) 187, 254, 1300.
Ungar 410, 490.
Unger (Berlin) .*172,
Unger L. (Wien) 51, 981, 1010.
Unna (Hamburg) 312,402,461,
570. 598, 078, 731,700,815.
841, 899, 951, 1008, 1165,
1192, 1215,1244.1271,1298,
1328, 1383, 1409.
Unterberger jun. F. (Königs¬
berg i. Pr.) 254, 1032.
Unverricht \Y. (Davos) 523.
Urban K. 82, 1273.
Urbantschitsch Fi. 340, 408,
409. 874. 928, 929, 984.
1228, 1250.
Urbantschitsch V. 409. 001,
084, 874. 1002.
Valentin 049.
Van den Bergh und Snapper
(Groningen) 1215.
Vandenhoff (Elberfeld) 1245.
Van der Bent 199.
Vant Lint 812.
Vasen 980, 987.
Vaughan L. \V. 50.
Yaziirik 1320.
Vedder E. B. 200.
Veit (Halle) 982.
Velden R. van den 142. 257
Velhagen 314.
Yenema T. A. 258, 493. 980.
Verebelv S. v. (Budapest) 548.
Verse M. 1103.
Versen (Koblenz-Ehrenbreit-
stein) 713.
Versluvs J. 109.
Verth M. zur 81, 345, 1111.
Yerzar 1354.
Verzar u. Kraus 1354.
Virchow 1135.
Vögelmann 706.
Voeleker 623.
Vörner (Leipzig) 1329.
Vogel 1357.
Vogel M. 817.
Vogeler A. 540.
Vogt 308.
Vogt E. (Dresden) 345, 731.
Voigt I. 272, 1084.
Voigt L. (Hamburg) 107, 490.
Volk R. u. G. Sticfler 256.
Yolkmann Job. Stuttgart) 600.
762.
Volland 573, 788.
Vollmer 343, 733.
Yorberg 124(5.
de Yries Reilingh D. 808.
Vnlpins 0. (Heidelberg) 190.
255, 896.
Wachtel Heinr. 255, 560. <527.
1329.
Wächter 710.
Wacker L. (Düsseldorf) 816.
Waetzoldt (Berlin) 492, 899,
982.
Wagener H. (Großenbehringen.
Gotha) 601.
Wagner 1112, 1433.
Wagner G. A. 1115.
Wagner v. .lauregg J. 83. 175.
230.317,376,407,464,1036.
Wagner R (552, 762, 1217.
Waisser M. 40O.
Wall raum 0. 1061.
Waldschmidt Max (Wildungen)
253.
Walko K. 314. 323. 361,374.
546. 710.
Walkoff (München) 345.
Wallenberg A. (Danzig) 654.
Waller C. K. 790.
Wallis 812, 813.
Walsem G. U. van (Meerenberg
in Holland) 1166.
Walter ('. 285.
Walther (Gießen) 540.952.977.
Walton 950.
Walzel P. v. 404.
Wamsley 814.
Wange rin W. (Danzig) 780.
Wartield 1354.
Warnekros L. 1141.
: Warren Eimer P. 7.V.).
Wasicky R. (Wien) 052.
Wasielewski v. 572.
Wassermann v. (Berlin) 280.
Wassermann u. Plaut 1381.
i Wassermann A. v. u. Smnmer-
| feld P. 1307.
Weher 309, 1300.
Weber (Berlin) 286.
Weber (Kassel) 197.
Weber (Straßburg) 410.
Weber K.( Berlin) 474,613,001.
I Weber L. W. (Chemnitz) 403.
Weher 0. (Davos-Platz) 1329.
| Weehsberg F. 144.
I Weehsberg Kr. n. Edelmann
144.
Wechselmann (Berlin) 227.
Wechselmann\Y. (Berlin> 1384.
I Wechselmann u. Meier 1380.
| Wegner 807.
Wehhcrill H. (5. 1247.
Wehmer u. Kirchberg (Berlin)
; 493.
Weibel 1080.
I Weibel W. 700, 900, 1012.
| Weichardt W. (Erlangen) 112.
434, 1299.
j Weichselhaiun 280.
Weichselbau in A. 174.
| Weicksel Job. (Leipzig) 250.
Weiden feld 8t. 340.
Weidenfeld St. n. ß. Pulav
! 286, 315.
Weil 226, 342.
(Weil E. (Stuttgart) 1385.
| Weil E. u. W. Spät 314.
{Weil M. 346, 548, 601, 845.
‘ 956, 1302.
[Weiland W. (Kiel) 522, 844.
Weiler K. (München) 285.
I Weill n. Mouriquuml 370.
! Wein mann 979.
j Wein D. 54(5.
Weinberg K. (Bostock) 1001.
Weinberger 738, 1195.
j Weinberger M. 144, 288, 492.
! Weinbrenner (Koblenz) 679.
i Weingaertner M. 1114.
j Wei ntrand (Wiesbadeil) 107,
1 498, (524, 817.
i Weis 1434.
j Weisbach 1107.
j Weischer 817.
I Weiser 70(5.
Weishaupt T. (Berlin) (528.
I Weiss A. 1335.
Weiss H. 84, 1379.
! Weiss 0. (Königsberg i. Pr.)
| 1272.
Weiss R. (Freiburg i. Br.) 197,
1107.
Weiß Rieb. (Straßimrg i. K.)
| 897, 925.
J Weisser 24.
| Weissenberg H. (Ticbau, 0.-
i Schl.) 1100.
j Weissgerber F. 434.
Weisskopf A. u. H. Hersch-
mann (Mitrovica und Sid in
I Slavonien) 701.
i \Veissmanii(\Veißkirclilitz)496.
I Weitlaner F. 052.
1 Weitz M. (Bardenberg bei
i Aachen) 402, 1058.
j Weizsäcker V. (Heidelberg)
284.
i Weltmann O. 1300.
| Weltv 713. 845, 920.
Welzel Rieh. (Prag) 1288,1303.
Wenckehach 700.
[ Wenckehach Fr. 2b0, 003, 029,
056, 657. 1332.
Wenckehach K. F. 227, 652.
j Werl O. 437.
Werndorff K. R. 1360.
Werner 340, 371.
Werner P. (Wien) 737. 7(56.
1089.
Wernicke 735.
Wertheim 901.
Wertheim Jv (Wien) 766, 900,
1013.
Werthei m- Salomonson 1297.
Wertheimer 11. 843.
Wesen borg G. 818, 870.
Weske O. 256.
Weski (Berlin-Grunowahl)
1271.
Wessely K. (Würzhurg) 1411.
Westenhöfer (Berlin) 106.
Westphal 1136, 1251.
Wesiplud A. u. A. H. Hübner
(Bonn) 381, 413.
Wettstein A. (St. Gallen) 950,
970.
Wetzel E. (Straßburg) 170.
Weyert 1412.
Wey ga mit W . (Hamburg) 1084.
Whitridge J. 494.
Wiclierkieu icz 814.
Wickham Louis 342.
Wickham und Degrais 312.
Wickham, Degrais u. Belot 340.
Widmann E. (Breslaa) 1141.
W idmer (Zofingen) 1301.
Wieehowski (Prag) 982.
Wiener M. und II. L. Wolfner
H13.
Wienert (Münster i. W.j 170.
Wiesel 1135.
Wiesinger (Hamburg) 708.
| Wiesner R. v. (W ien) 737, 738,
I 1385.
Wiesner R. li. v. 1429.
Wiet fehlt 1429.
Wieting Pascha 873, 980, 1299.
Wiewiorowski 197, 402.
i Wigdorowitsch 732.
1 WilbrandH.u. A.Saenger 1108.
: Wilbur R. L. 1802.
| Wilcke (Könitz) 457, 598.
W ilde A. (Kiel) 569.
I Wildt A. 780, 898. 1359.
| Wile UdoJ.u. John Hinclimann
■ Stokes 7(54.
1 Williger 19.
I W illiger F. u. H. Schröder 21.
j William und Farrel Benj. P.
Sharpe 600.
| Williams A. (Washington) 764.
Williams Mc. 977.
i Williger 685, 1141.
I Willimezik (Bartenstein) 570.
Willock J. Scott 1088.
Willaon R. N. (Philadelphia)
1302, 1331.
Wilms 282, 1216, 1245, 1384.
Wilson N. L. 199.
Wilson R. N. 315.
Winckel M. 602.
Winckelmann (Görlitz) 241.
Winckler F. v. 406.
, W T inkel M. (München) 897.
I Winkler 1296.
Winogradow W. 432.
, Winslow 199.
Winter G. 983.
, Winter J. v. 347.
1 Winternitz W. 577.
Wintritz (Zehlendorf-Berlin)
841.
W'intz H. (Erlangen) 1329.
Wirgler Heinr. (Graz) 761.
; Wissing (Kopenhagen) 1109.
i W ittek A. 404.
Wittermann Ernst (Winnen¬
thal) 1010.
Witzei O. (Düsseldorf) 1246.
1272, 1411.
Witzenhausen 522. (527.
Woday A. 843.
Würner u. Reiß 1355.
Wöttkopf H. 734.
Wohlgemut h 1299.
Wohlgemuth Heins (Berlin)
700.
Wohrizek (Wien) 851, 1251.
Wojtkiewicz A. 895.
Wolf (Brüssel) 891.
Wolf (Posen) 731.
1 Wolf li. P. (Rüdersdorf) 570.
Wolf M. (Berlin-Schöneberg)
050.
Wolf W. 1104, 1141.
Wolfes 1410.
Wolff 107, 871.
' Wolff A. (Berlin) 372. 514.
, Wolff G. 1429.
! Wolff J. 790.
Wolff M. 282.
I Wolff W. (Neuenahr) 80.
Wolff-Eisner A. 255.
I Wolff u. Lehmann 371.
Wolffberg (Breslau) 18.
Wolfflieim Nellv 1088.
Wolfsohn 979. '
Wolharst L. (New-York) 315,
Wollenberg (Berlin) 409, 710.
Wollenberg R. (Straßburg) 170,
786.
Wolpe 399.
Wolter (Hamburg) 923, 952,
1160.
Woodyatt R. T. 898.
Wulker ü. 572.
Wullstein 234, 235.
Wunder K. (Wolfstein) 49.
1060.
| Wunsch (Berlin) 598.
: Wunschheim G. v. (Wien) 143.
! Ylppö A. 985.
1 Yotuig Hugh H. 251.
Zade (Heidelberg) 709, 1272.
Zadek J. (Neukölln) 571, 617,
767, 898, 982, 1008, 1032.
Zahradnicky 1141.
■ Zajicek O. 374.
I Zander P. (Berlin) 893, 973.
j Zange Joh. (Jena) 842, 953.
| Zanietowski J. (Krakau) 495,
954, 981.
; Zantl 651.
Zappelt 1. 683, 711, 1273.
Zeißl (Arloing) 758.
Zeißl v. (Wien) 544, 650, 981,
j 1008.
Zeller H. v. Zellenberg 1010.
Zeltner 368.
1 Zemann 1061.
I Zeuner W. (Berlin) 345.
j Ziegler A. (Winterthur) 1193,
1357, 1364 a.
' Zieglmallner F. 1385.
Zieler K. (Würzburg) 80.
i Ziemann H. 954, 981.
Zievsch P. (Freiburg i. Br.)
! 1140.
Ziffer A. (Olmütz) 650.
Zikmund E. 954.
| Zilz J. 315.
, Zinn u. Mühsam (Berlin) 140,
! 169.
Zoeppritz 1063, 1385.
( Zörnlaib A. 762.
Zollinger F. 463.
Zondek H. (Freiburg i. Br.)
598.
; Zubrzycki v. 1274.
! Zucker Alfred 650.
} Zucker (Königsbrück) 952.
Znckerkandl 0. (Wien) 143-
Züllig (Arosa) 679.
I Zuelzer 657, 786, 1409.
I Zuntz (Berlin) 1036, 1142,
i 1176, 1204.
| Zupnik L. (Wien) 573, 711,
I 734, 737.
I Zur Verth M. 1111.
I Zweig W. 1414, 1415.
! Zwicke 205.
! Zvbell 371.
I Zydek 1007.
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Original frnm
UNIVERSUM OF IOWA
Wien, 3. Januar 1915.
XI. Jahrgang.
Medizinische Klinik
Wochenschrift für praktische Ärzte
redigiert von
Proftner Dr. Kort Brandenburg
Berlin
Verlag von
Urban & Schwarzenberg
Wien
HALT: Die Fersorgong der Verwundeten und Erkrankten im Kriege: Prof. J. Rotter, Ueber Bauchschüsse. Dr. 0. Kordmann, Kriegs-
inmrische Erfahrungen im Feldlazarett. Dr. ined. F. Hammer, Ueber Wundbehandlung. Prof. Dr. Riese, Ueber die richtige Verwendungsstelle der
nkensi'hwesteni und Pflegerinnen im Kriege. Dr. Oscar Orth, Zur Behandlung von Gelurnprolaps nach Schädeldefekten. — Klinische Vorträge:
,Leo Hess. Funktionelle Diagnostik der Blutkrankheiten. — Berichte Über Krankheitsfälle und ßehandlnngSYerfahren : Emerieh Maixnerjun.
Dozent Alfred v. Decaste 11 o, Klinische Untersuchungen über das gegenseitige Verhältnis der Leukoeyten- und Blutplättchenzahlen. -- Refe-
rnteil: Ans den neuesten Zeitschriften. — Bücherbesprechungen. — Wissenschaftliche Verhandlungen, — Bernfs- und Standesfragen:
k.Gesdk'liaft der Aerzte in Wien. Gesellschaft für innere Medizin und Kinderheilkunde. Wissenschaftliche Gesellschaft deutscher Aerzte in Böhmen,
ociazinne Medica Triestina. Berliner Kriegsärztliche Abende. Aerztlicher Verein in Frankfurt a. M. Aerztlicher Verein in Köln. 24. Kongreß der
Italienischen Gesellschaft für innere Medizin. — Kleine Mitteilungen.
Dr VtrUf UUUt lieh das eumhUrßUche Reckt der Vervielfältigung %nd Verbreitung der in dieser Zeitschrift mm Erscheinen gelangenden Originalbeitr&ge vor.
Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege.
Aas den Feldlazaretten Nr. 33, 34, 35 und 36 des VII. Reserve-
Armeekorps.
lieber Bauchschüsse
von
Prof. Dr. J. Rotter,
Beratendem Chirurg des VII. Reservekorps.
Als Anfang Oktober der Krieg in ein ruhigeres Geleise
gelangt war und wir mehr Muße gewannen, habe ich die
Herren Kollegen der Feldlazarette ersucht, mir Excerpte aus
den Krankengeschichten des bis dahin behandelten Materials
zu überlassen, um uns einen Ueberblick über unsere kriegs-
chirurgiscben Frfahrungen zu verschaffen und vielleicht neue
Gesichtspunkte und Schlußfolgerungen für die Kriegspraxis
l[ } gewinnen. Ich danke noch an dieser Stelle den Herren
Kollegen für die bereitwilligst übernommene Mühewaltung.
Das Krankenmaterial wurde gewonnen während der
Belagerung von Maubeuge (28. August bis 7. September) und
der Schlacht an der Aisne (14. bis 18. September) und der
darauf folgenden Wochen bis Anfang Oktober.
In dieser Zeit sind in den vier Feldlazaretten im ganzen behandelt
Yordea: 1218 Fälle, davon waren:
L Schüsse des Schädels.
.. 105
2.
,i „ Gesichts und Halses .
. 74
3.
H der Brust.
. 225
4.
i, des Bauches.
. 59
5.
H der großen Gefäße . . .
8
6.
« „ Wirbelsäule ....
. 14
7.
ii „ Extremitäten ....
. 733
, ° 6Q te will ich das Kapitol über Darmschüsse eingehen-
5 frechen, das mich besonders deshalb interessiert, weil
* Heilresüitate der Friedenspraxis von denjenigen, welche
der Literatur über Kriegschirurgie niedergelegt sind, so
iffmero verschieden sind. Während in der Friedenspraxis
A er Da ffflschuß für eine Verletzung mit überaus schlechter
Jpose betrachtet wird, wird ihm in den Büchern über
Wirorgic eine Mortalität von etwa 40 bis 50% und
zugeschrieben.
ui! 1 ^ eit bk Anfang Oktober sind in den vier Feld-
Seit w d ^ ^ e8erve ^ or P 9 ^ Fälle 1 ) von Bauchschüssen
handelte es sich um nicht perforierende Schüsse der
Piese Statistik ist auch in der Münch, med. Wochenschrift in ab-
8 Form besprochen.
Bauchwand, von welchen 14 Fälle, die durch kleinkalibrige Geschosse
erzeugt waren, glatt heilten, während fünf durch großkalibrige Ge¬
schosse erzeugte Verletzungen zwei Todesfälle zur Folge hatten.
B. Bei acht Fällen lagen Schußverletzungen der inneren
Organe des Bauches vor, und zwar viermal der Leber. Zwei
Fälle heilten unter Entstehung von Gallenflsteln, von welchen die
eine nach einem Bauchscbnitt und Tamponade des Einschusses in
die Leber entstand, die andere sich spontan im Schußkanale
entwickelte. Beim dritten Fall erfolgte glatte Heilung. Der vierte
Fall endlich starb an einer inneren Blutung.
Dreimal war, wie die Schußrichtung annehmen ließ, die
Milz durchschossen. Von diesen Fällen heilten zwei ohne Kom¬
plikation aus, der dritte wurde (wegen innerer Blutung) mit Mittel¬
schnitt operiert, wobei die Milz tamponiert wurde; er starb am
fünften Tag an diffuser Peritonitis.
Der achte Fall, der von den Schußverletzungen der
inneren Organe anscheinend an innerer Blutung starb, ist ohne
nähere Notizen.
Demnach zeigten die Schüsse der inneren Organe des Bauches
30% Mortalität.
C. An Darmschüssen wurden 32 Fälle mit 25 Todes¬
fällen = 80°/o Mortalität beobachtet. Dio Diagnose wurde zu¬
meist aus den peritonitischen Symptomen (Bauchdeckenspannung)
und aus der Schußrichtung gestellt.
Von den 25 Gestorbenen sind 18 Fälle bereits in den ersten
zwölf Stunden nach der Einlieferung in das Feldlazarett zugrunde
gegangen, und zwar zum Teil infolge schwerer Nebenverletzungen,
zum andern Teil an diffuser Peritonitis. — Zwei Fälle lebten
läDger, nämlich einer starb erst am fünften Tag an diffuser Peri¬
tonitis, der andere Fall starb am elften Tage nach der Verletzung
und zeigte einen bemerkenswerten Verlauf: In den ersten fünf
Tagen bestanden peritonitische Symptome, welche dann zurück¬
gingen. Es erfolgte regelmäßig Stuhl, das Allgemeinbefinden war
gut. Am elften Tage stand der Patient gegen das Verbot des
Arztes auf und es erfolgte eine furibunde Darmblutung per anum,
der er nach einigen Stunden erlag. Ihre Entstehung ist nicht
leicht zu deuten. Man kann wohl kaum annehmen, daß sie mit
dem Schußkanal in Verbindung steht, ich möchte mich vielmehr
der Auffassung von Stabsarzt Petermann (Bielefeld), welcher
den Fall behandelte, anschließen und annehmen, daß eine Eiseis¬
berg sehe DuodeDalbSutung Vorgelegen hat, welche bekanntlich
nicht selten nach Operationen an der Leber und dem Darme beob¬
achtet werden. (Es erscheint im übrigen sehr wahrscheinlich, daß
in diesem Falle nicht eine Darm-, sondern eine Leberverletzung
Vorgelegen hat.)
Unter den 25 Gestorbenen befinden sich endlich noch fünf
Fälle, welche operiert worden und im Anschluß an die Ope-
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Original from
UNIVERS1TY OF IOWA
2
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1.
3. Januar.
ration gestorben sind. leb möchte hier nicht bloß diese fünf
Fälle, welche in die Zeit dieser Statistik fallen, sondern auch noch
vier weitere operierte Darmschüsse mit besprechen, welche nach der
Zeit dieser Statistik, das heißt nach Anfang Oktober, operiert worden
sind, also zusammen neun Fälle, von welchen ein Fall geheilt wurde.
Von diesen neun Fällen waren drei Fälle für eine Ope-
ration ungeeignet, denn bei der Laparotomie wurden so schwere
Zerreißungen der Gedärme und anderer Teile festgestellt, daß der
Bauch unverrichteter Sache wieder geschlossen werden mußte. —
Die übrigen sechs Fälle aber waren einer operativen Radikal-
behandluDg zugänglich. Der erste Fall wurde unter sehr ungünstigen
äußeren Bedingungen (Licht, Instrumentarium, Verbandstoffe usw.)
operiert und starb am fünften Tag an Peritonitis, von den übrigen
starben zwei Fälle im Kollaps wenige Stunden post operationem,
ein Fall in der Narkose (oder vielleicht auch an Kollaps), der eine
Fall an Peritonitis, Der sechste Fall endlich machte eine glatte
Heilung durch. Es wurden bei demselben acht Stunden post Trauma
sieben Perforationen des Dünndarms zugenäht (Dr. Fraune), von
denen die eine den Darm fast circulair durchtrennt hatte. — In
allen neun operierten Fällen wurden zwei und mehr Perforationen
gefunden. Sie waren in allen Fällen für den Zeigefinger oder
Daumen durchgängig oder nahmen gar die halbe bis ganze Circum-
ferenz des Darmes ein.
Von den 32 Darmschüssen sind nunmehr die 25 Fälle
mit letalem Ausgange besprochen. Der Rest, nämlich sieben
Fälle, ist in Heilung übergegangen, und zwar alle kon¬
servativer Behandlung, das heißt 20% Heilungen. Bei vier
von diesen sieben geheilten Fällen läßt sich der Beweis, daß Darm¬
schüsse Vorgelegen haben, nicht sicher führen, im Gegenteil habe
ich den Eindruck gewonnen, daß Schüsse der Bauchwand und der
inneren Organe Vorgelegen haben.
Beim ersten Falle war der Schuß in die rechte Bauchseite
hinein und unterhalb der Crista ilei dextra herausgegangen — die
Schußrichtung spricht für Bauch wand schuß — und es bestanden
keine peritonitischen Symptome. Deshalb glaube ich, daß hier ein
Bauohwandschuß Vorgelegen.
Bei den übrigen drei Fällen waren peritonitische Symptome
vorhanden —, aber bei zwei derselben saß der Einschuß unter dem
Rippenbogen, der Ausschuß neben der Wirbelsäule rechts, beim
andern Falle lag Steckschuß vor. Ich glaube, daß bei diesen
beiden Fällen höchstwahrscheinlich ein Leberschuß Vorgelegen hat.
Beim vierten Falle handelte es sich um einen Steckschuß,
welcher handbreit unter dem Nabel eingedrungen war. Weil Steck¬
schuß, muß auch in diesem Fall es als fraglich gelten, ob die
Kugel das Darmconvolut durchquert hat.
Unter diesen sieben geheilten Fällen befinden sich ferner
drei Fälle, bei welchen eine Darmverletzung mit Sicherheit Vor¬
gelegen hat, weil sich Darmfisteln gebildet haben, und zwar hat
sich bei einem Fall eine Kotfistel im Colon ascendens, wo die
Kugel offenbar den Darm in dem extraperitonealen Teil getroffen
hat, gebildet, beim zweiten Falle, wo der Schuß in die linke
Weichengegend eingedrungen war (Steckschuß), hat sich im Ver¬
lauf ein Douglasabsceß der vom Rectum aus geöffnet wurde, und
später ein Absceß auf der rechten Becken schaufei gebildet. Nach
Incision desselben ist eine Kotflstel entstanden. — Beim dritten
Falle hat ein merkwürdiger Zufall die perforierte Stelle des Dünn¬
darms mit etwas Netz durch den Schußkanal der Bauch wand pro-
labieren und eine Kotfistel entstehen lassen.
Zusammenfassung:
Ich habe die Gruppierung der Fälle absichtlich nach
Maßgabe der Diagnosen vorgenommen, welche in denKranken-
gcschichten eingetragen waren. Ich möchte nun nach dem
Studium des Materials glauben, daß von den sieben geheilten
„Darm schössen“ höchstwahrscheinlich drei keine Darmschüsse
gewesen sind, sondern daß es sich einmal um einen Bauch¬
wand- und zweimal um Leberschtisse gehandelt hat.
Wenn ich diese Annahme gelten lasse, ist die Mortalität
der Darmschüsse noch höher als 80°/ 0 , wie oben berechnet
worden ist (32 25 = 81) % Mortalität). Es würden dann
auf 32 Fälle nur vier Heilungen entfallen. Wenn wir vom Feld¬
lazarett noch weiter nach vorn, nach der Gefechtslinie zu — bis
auf den Hauptverbandplatz gehen, dann erweist sich die Morta¬
lität noch erheblich schlechter. Denn bei der Einsichtnahme
in die Totenbücher der Sanitätskompagnien haben wir noch
56 Fälle gefunden, welche unter der Diagnose „Bauchschuß“
gestorben sind. Rechnen wir diese noch zu dem Material
der Feldlazarette hinzu, so ergibt sich eine Mortalität der
Bauchschüsse von über 90o/ 0 . —
In den Büchern über Kriegschirurgie der letzten Zeit
aber ist überall die Ansicht vertreten, daß die Bauchschüsse
eine überraschend gute Prognose darbieten und daß die kon¬
servative Methode der Behandlung Triumpfe feiere —, die
Durchschnittsmortalität etwa 50 % betrage, bei Kranken
im Reseivelazarett in München sogar 0 %.
Wir fragen, woher diese gewaltige Differenz kommt?
Sie ist leicht zu erklären.
1. In erster Linie kommt sie daher, daß das Material
der Literatur zum allergrößten Teil nicht aus der vorderen,
sondern weit hinten aus den Etappenlazaretten stammt,
nachdem die schweren Fälle bereits zum größten Teil ab¬
gestorben sind, — Die Mortalität beträgt:
auf dem Hauptverbandplatz über . 90%
im Feldlazarett.80 %
im Etappenlazarett. 50—40%
im Reservelazarett der Heimat . . 0%.
2. Für die Feststellung der Prognose, Dairaschüsse im
besonderen, kommen noch andere Momente in Betracht. Um
das festzustellen, habe ich die große Statistik, welche Wie-
ting in seiner eben erschienenen Kriegschirurgie veröffent¬
licht hat, mit meiner Statistik verglichen.
Während in unserer Statistik die nichtperforierenden
(i. e. Bauchwand-)Schüsse zu den perforierenden Bauch¬
schüssen im Verhältnisse von (19:40) 1:2 stehen, fällt bei
Wieting 1 ) ein nichtperforierender auf fünf perforierende.
Da Wieting so wenig Bauchwandschüsse den perforierenden
gegenüber zu stellen hat, muß man vermuten, daß so mancher
Bauchwandschuß den perforierenden Bauchwandschüssen zu¬
gezählt worden ist. Betrachten wir nunmehr in der Gruppe
der „perforierenden Bauchschüsse“ mit 102 Fällen die ge¬
heilten Fälle, nämlich 61 an Zahl.
Unter den 61 geheilten Fällen finden sich 23 Fälle,
welche so gut wie gar keine peritonitischen Symptome ge¬
zeigt haben. Da ich der Ansicht bin, daß jeder Darmschuß,
ja jeder Leberachuß — infolge des Blutergusses in die Bauch¬
höhle — peritonitische Symptome erzeugt, so möchte ich
glauben, daß diese 23 Fälle znm allergrößten Teil Bauch¬
wandschüsse gewesen sind. Wie oben mitgeteilt, befindet
sich in meiner Statistik unter den spontan geheilten Dann¬
schüssen auch ein solcher Fall, aber nur einer, der als Darm¬
schuß registriert war, den ich aber für einen Bauchwand-
schuß halte.
Des weiteren enthält die Wietingsche Statistik 37
Fälle, bei welchen peritonitische Symptome vorhanden
waren. Wir müssen nun bedenken, daß Wieting in seine
Gruppe „perforierende Bauchschüsse 41 auch die Schüsse in die
Organe der Bauchhöhle, welche wohl immer peritonitische
Symptome machen, hineingezählt hat, welche bei mir eine
Mortalität von nur 30% haben —, ferner, daß Wieting
angibt, daß „bei fast allen geheilten“ Bauchschüssen der
Einschuß im Oberbauch, also der Lebergegend, gelegen hat.
Dann müssen wir doch vermuten, daß unter diesen 31 sehr
viele Leberschüsse respektive Blutungen im Bauchraume, wie
z. B. Enderlein einen Fall operiert hat, wo nur ein Gefäß
im Mesenterium, aber nicht der Darm verletzt war, ent¬
halten sind —, gerade so, wie ich für meine Statistik das wahr¬
scheinlich machen konnte —, denn ich bin zur Ueberzeugung
gelangt, daß von den vier spontan „ohne Operation“ geheilten
Fällen zwei Leberschüsse und keine Darmschüsse gewesen sind.
Wenn wir uns nun fragen — können Darmschüs9o
überhaupt und unter welchen Voraussetzungen spontan
heilen — theoretisch, so möchte ich folgendes antworten:
9 Wieting hat die Bauchwandschüsse nicht getrennt behandelt,
sondern gemeinsam mit den Brustschüsseu im Kapitel „Rumpfschüssen.“
Ich habe die Hälfte der letzteren für den Banch angenommen. Ob das
genau an trifft, muff ich freilich dahin gestellt sein lassen.
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3 . Januar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1.
3
Vorausschicken will ich, daß Wieting es für sicher erachtet,
daß eine Kugel durch das Darmconvolut gehen kann, ohne
daß der Darin perforiert wird. Es mag einmal Vorkommen,
aber ich glaube ungemein selten.
Unter weichen Verhältnisen kann nun eine
Darmperforation spontan heilen?
Ich glaube, 1 . wenn die Perforation sehr klein und
die Mucosa nicht prolabiert ist, dann können an dem kontra¬
hierten Dünndarme die Serosaränder um die Perforation
so nahe Zusammenkommen, daß eine Prima reunio erfolgt.
$ Wenn die Perforation etwas größer und die Mucosa pro¬
labiert ist, dann kann die Heilung, da Mucosa nicht mit
Mucosa verwachsen kann, nur in der Weise zustande
kommen, daß sich an die der Perforation benachbarte Serosa
Darmschlingen respektive Peritoneum parietale anlegen und
an wachsen und so die Perforation verschließen. Der weitere
Verlauf kann unter diesen Verhältnissen dann ein ver¬
schiedener sein:
a) Es kann ein glatter Verschluß der Perforation statt-
tioden, wobei das Wundsekret innerhalb der Verwachsung
in den Darm sich entleert.
b) Es kann sich ein Absceß innerhalb der Verwach¬
sungen bilden, welcher sich
a) durch einen glücklichen Zufall in den Darm ent¬
leeren oder
ß) resorbiert werden (wie bei kleinen appendicitiscben
Abscessen) oder
f) in den Schußkanal und dann nach außen per¬
forieren kann oder
<?) es kann sich ein großer Absceß an der Bauch¬
wand bilden, der nach außen perforiert oder vom
Chirurgen incidiert wird.
Die letzten beiden Möglichkeiten liefern uns die Kot¬
fisteln, welche bei mir in drei, bei Wieting in acht Fällen
vorhanden sind.
Für die Möglichkeit einer Spontanheilung von einer
Darm Perforation ohne Fistel bleiben also nur die beiden
Möglichkeiten übrig:
1 . eine Per-primam-Heilung der Perforation ohne
Mucosa-Prolaps,
2. Heilung durch Verklebungen um die Perforation,
durch welche die Mucosa prolabiert ist.
Eine andere Möglichkeit kann ich mir nicht vorstellen.
Diese Möglichkeiten können zumeist nur dann eintreten, wenn
1* das Loch klein ist. Ein großes Loch kann nur
schwer von Darmselilingen verklebt werden, zumal der
gleich nach der Verletzung austretende Darminhalt infolge
seiner stark reizenden Beschaffenheit die Darmserosa beizt
?. Dann in der Nachbarschaft zu lebhafter Contraction
bringt Dann wird reichlicher Darminhalt entleert und
eine Verklebung mit den benachbarten Darmschlingen ver¬
hindert werden.
2. Das Loch muß solitär sein. Denn bei mehrfachen
wiehern kann sich der glückliche Zufall der Verklebung
der Perforation wohl kaum ereignen.
^ er Darm nicht gefüllt sein, sonst strömen zu
große Mengen von Darminhalt in die Bauchhöhle.
p ; .u üle Erfahrung hier im Feldzuge hat uns aber an eli
daß solche Möglichkeiten sich nur äußersi
»nd 7 Rieten. Denn unter den elf Fällen (neun operiert!
bud zwei secierte) war
n ™ clQma * kleines Loch vorhanden oder, ge
, zwei kleine Löcher. Der Fall wurde kon
gehandelt Uü( j an diffuser Peritonitis. Di
Wion lieferte dieses Präparat.
Fall ik nroltiple Löcher vorhanden bis auf eine
’ ■v ™'Jejunum fast circular durch-geschlagen wai
Bedmon* naC ^ Erfahrungen nur äußerst selten solch
wJL u . fite F eine Spontanheilung einer Darn
on zustande kommen kann, vorfinden, glaube ich, da
1. die Prognose der Darmschtisse in der Tat so un¬
günstig ist, wie unsere Statistik gezeigt hat, und
2. daß wir, weil die Prognose bei konservativer Be¬
handlung so schlecht ist, nicht die konservative, sondern
die operative Methode der Behandlung anwenden sollen.
Nach meiner Ansicht sollen wir operativ ein greifen,
1. wenn der Fall uns rechtzeitig zugeht, etwa bis zur
12. Stunde nach der Verletzung. Denn nach der Statistik
von Seydel beträgt die Mortalität der operierten Fälle
von der ^ big 4. Stunde . . . . 15%
■ 8 . „ .... 44 %
9. „ 12. „ .... 63%
später
70%
Nach der zwölften Stunde nähert sich die Mortalität
derjenigen der konservativ behandelten Fälle.
2. Wenn keine schweren Nebenverletzungen usw. vor¬
handen sind. Der Kollaps allein braucht uns nicht abzu¬
halten, denn oft geht er während der Narkose zurück
3. Wenn die Asepsis, das Instrumentarium, Assistenz
so vollkommen sind, daß man ähnlich wie unter Friedens-
Verhältnissen operieren kann — was ich für unsere Feld¬
lazarette, ja sogar für die Sanitätskompagnien, behaupten
zu dürfen glaube.
Wir haben bisher nur einen Fall geheilt, aber einen
Fall, der mit seinen sieben großen Perforationen absolut
sicher ohne Operation zugrunde gegangen wäre; allenthalben
kört man aber von glücklichen operativen Erfolgen bei
Darmschüssen, z. B. von Enderle, von Rumpel je zwei
Fälle. Wir haben allen Grund, zu hoffen, daß wir jetzt im
Feld annähernd dieselben Erfolge wie in Friedenszeiten er¬
zielen werden.
Kriegschirurgische Erfahraugcn im
Feldlazarett 1 )
von
Dr. 0. Nordmann,
Oberarzt im 12. Reserve-Feldlazarett des I. Reservearmeekorpg.
Scbußverletzungen der Wirbelsäule.
Am Halse haben wir in erster Linie Schußverletzun¬
gen der Wirbelsäule beobachtet. Diejenigen Fälle, die
eine Querschnittsverletzung des Rückenmarks zeigten , 5 sind
sämtlich gestorben. Bei einem Patienten befand sich der
Einschuß links neben dem sechsten Halswirbel, der Aus¬
schuß medial vom linken Kopfuickorrande. Es bestand eine
echte Halbseitenlähmung nach Brown-S<5quard. Merk¬
würdigerweise war kein anderes Halsorgan verletzt und die
äußere Blutung war sehr unerheblich gewesen. Der Kranke
genas bei einer konservativen Therapie und die Ausfaller¬
scheinungen gingen völlig zurück.
Außerdem haben wir eine große Anzahl von Scliuß-
verletzungcn der übrigen Wirbelsäule gesehen, die fast
immer mit schweren Zeichen der Rückenmarkverletzungen
verliefen und zu einer kompletten Paraplegie, Blasen-
und Mastdarmstörungen, andere Male nur zu einer
Hypästhesie oder einer Lähmung beziehungsweise
, Schwäche des einen Beins geführt hatten. Die Schu߬
wunden lagen zuweilen im Bereiche des Brustkorbs und
hatten gleichzeitig einen Hämatothorax verursacht oder
hatten die Bauchhöhle durchdrungen. Ich habe niemals
einen operativen Eingriff an der Wirbelsäule vorgenommen,
betone jedoch, daß alle unsere Rückenmarkschüsse nicht
infiziert waren. Diejenigen Patienten, die wegen einer be¬
stehenden Biascnlähmung unter ungünstigen Verhältnissen
vor der Einlieferung hatten katheterisiert werden müssen,
bekamen sämtlich eine mehr oder minder starke Cystitis
und dürften sämtlich der später entstandenen Pyelitis und
D Vergleiche den Aufsatz Nordmann in Nr. 61 nnd 52, 1014.
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1.
3. Januar.
dem Decubitus allmählich erlegen sein. Bei vier Kücken¬
markverletzungen haben wir eine langsame spontane
Wiederkehr der Motilität und der Sensibilität gesehen.
Ich zweifle auf Grund unseres Entlassungsbefundes nicht,
daß sie genesen sind.
Entsprechend den Lehren der Friedenschirurgie rate
ich, bei den Schußwunden der Wirbelsäule und des Rücken¬
marks jeden operativen Eingriff zu unterlassen, den
Kranken gut zu lagern, den etwa notwendigen Katheterismus
unter allen aseptischen Vorsichtsmaßregeln auszuführen und
prophylaktisch Urotropin (dreimal täglich 1,0) zu verordnen.
Es muß in erster Linie dafür gesorgt werden, daß der Ver¬
letzte möglichst bald ohne jede Umbettung auf seiner
Matratze oder seinen Strohsack liegend in ein Re¬
servelazarett transportiert wird. Der den Lazarettzug be¬
gleitende Arzt muß einen Hinweis darauf erhalten, daß ein
Katheterismus notwendig werden kann. Das Feldlazarett
ist nicht der Ort zu einer Laminektomie; ein derarti¬
ger Eingriff kommt nur dann in Frage, wenn die Erschei¬
nungen der Rückenmarkverletzungen im Verlaufe der
nächsten sechs bis acht Wochen nicht zurückgehen oder
sogar zunehmen. Dann ist es Sache des Chirurgen, im
wohleingerichteten Reservelazarett den Versuch zu machen,
den Zustand des beklagenswerten Kranken durch eine Ope¬
ration zu bessern. Eine Laminektomie ist im Feldlazarett
nur dann indiziert, wenn die Schußwunde an der Wirbel¬
säule infiziert ist; in aseptischen Fällen kann sie
nur schaden. Diejenigen Verletzten, die nach einer so¬
fortigen Operation dahinsiechen, wären unter Umständen
ohne dieselbe geheilt.
Schußverletzungen der Brust.
Die Schuß Verletzungen des Thorax bieten eine sehr
gute Prognose, vorausgesetzt, daß der behandelnde Arzt
so zurückhaltend wie möglich ist. Ich habe eine sehr große
Anzahl davon gesehen; das eine Mal bestand eine kleine,
reaktionslose Ein- und Ausschußöffnung, der Kranke hatte
etwas Blut ausgehustet, aber ein größerer Hämatothorax
war nicht entstanden — nach kurzer Zeit waren alle diese
Kranken wieder genesen. In andern Fällen war die ganze
verletzte Seite gedämpft und es bestand starke Atemnot, zu
deren Bekämpfungen hohe Morphiumgaben notwendig waren.
Regelmäßig besserte sich das Allgemeinbefinden in den
folgenden Tagen und das Allgemeinbefinden wurde erträglich.
In vielen Fällen waren eine oder mehrere große
Schußwunden vorhanden, sodaß die Luft bei jedem Atem¬
zug unter hörbaren Geräuschen in die Pleurahöhle
hineinstrich und bei jedem Hustenstoße luftgemischtes
Blut aus der Wunde herausgeschleudert wurde. Auch bei
diesem bedrohlichen Zustande haben wir uns völlig abwar¬
tend verhalten und nichts weiter getan, als einen Bausch
Jodoformgaze auf die Wunde gelegt und einen großen
Wickelverband angelegt; in der Nachbehandlung wurde
nicht mit Morphium gespart. Die zur Bedeckung der Wun¬
den benutzte Jodoformgaze ging so feste Verklebungen ein,
daß sie wie eine Pelotte wirkte, und wir haben sie deshalb
stets fünf bis sieben Tage unberührt liegen gelassen und
nur die oberflächlichen Verbandstoffe so oft gewechselt,
wie sie durchtränkt waren.
Alle diese Verletzten sind genesen und niemals
ist der geringste operative Eingriff notwendig gewesen.
Zweimal war ich gezwungen, eine Rippe zu rese¬
zieren, da ein infizierter Hämatothorax bestand. Bei
dem einen Kranken war zwecks Nachweises des Bluts in
der Brusthöhle eine überflüssige Probepunktion vorgenommen
und bei dem andern hatte man „wegen der Atemnot“ ver¬
sucht, mit Hilfe einer Punktionsspritze das Blut abzusaugen.
Der Erfolg dieser unzweckmäßigen Maßnahmen war die In¬
fektion des Hämatothorax. Die Patienten wurden geheilt,
nachdem eine Rippe reseziert und die Pleura drainiert war!
Eine Probepunktion ist nur in den Fällen ange¬
bracht, in denen Temperaturerhöhungen über 38,5° auf-
treten, das Allgemeinbefinden erheblich beeinträchtigt
ist und wegen des Gesamteindrucks, den der Kranke
bietet, der Verdacht entsteht, daß der Bluterguß auf dem
Blutweg infiziert ist. Geringes Fieber ist auch beim
aseptischen Hämatothorax die Regel und gibt für sich
allein keine Indikation zu einer Probepunktion ab.
Häufig ist es makroskopisch schwer zu beurteilen,
ob der Bluterguß infiziert ist, unter Umständen gibt erst
die bakterielle Untersuchung des Punktats ein einwandfreies
Resultat. Die Rippenresektion soll in lokaler Anästhesie
erfolgen; ist das Blut sehr eingedickt und fließt es schwer
ab, so kann es praktisch sein, zwei übereinander liegende
Rippen zu resezieren.
Wie außerordentlich segensreich eine konservative
chirurgische Therapie für den Verletzten ist, sieht man nicht
nur bei den Verletzungen der Lunge, sondern auch
bei denen des Herzens.
Ich habe zwei Verletzte gesehen, bei denen unzweifel¬
haft das Cor oder das Perikard getroffen sein mußte. Bei
dem einen Patienten saß der Einschuß genau in der Hori¬
zontalen zwischen der linken Brustwarze und dem linken
Brustbeinrande zirka zweiquerfingerbreit von letzterem ent¬
fernt, der Ausschuß in derselben Höbe im Rücken. Es han¬
delte sich nicht etwa um einen Haarseilschuß, sondern der
Verletzte hustete Blut aus und hatte einen linksseitigen
Hämatothorax. Die Herzdämpfung war nach beiden Seiten
etwas verbreitert, die Töne waren leise und dumpf, der Puls
klein, aber langsam und regelmäßig. Richtete sich der Patient
ohne Unterstützung auf, so hatte er Ohnmachtsanwandlungen.
Wir verordneten größere Morphium gaben und strenge Bett¬
ruhe und der Kranke wurde geheilt. Eine Dextrokardie war
mit Sicherheit auszuschließen.
Bei dem andern Kranken lag der Einschuß zweiquer¬
fingerbreit seitlich von der linken Brustwarze, der Ausschuß
in der rechten mittleren Axillarlinie in derselben Höhe. Der
Patient war bei der Einlieferung außerordentlich elend, der
Puls klein und sehr beschleunigt. In beiden Pleurahöhlen
war ein je handbreiter Bluterguß nachzuweisen. Die Herz¬
dämpfung war verbreitert, die Töne waren sehr leise und
dumpf. Bei einer konservativen Therapie ging der Fall in
Heilung aus.
Wenn man viele Schußverletzungen zu beobachten
Gelegenheit hat, so ist man immer wieder erstaunt, was
alles heilen kann, ohne das geringste ärztliche Zutun.
Der Versuch, in einem Feldlazarett eine Herznaht vornehmen
zu wollen, würde meines Erachtens die abfälligste Kritik
verdienen.
Aus dem Reservelazarett III (Kathariuenhospital) Stuttgart.
Ucber Wundbehandlung 1 )
von
Dr. med. F. Hammer.
M. H.l Wie im ganzen europäischen Dasein und noch
weit darüber hinaus gegenwärtig der Soldat der Herrschende
und Maßgebende ist, so auf ärztlichem Gebiete jetzt der
Chirurg. Auch die Frage nach der Wundbehandlung hat
eigentlich er zu beantworten. Aber doch ist auch der Der¬
matologe, der gewöhnt ist, Pathologie und Therapie sich
unter seinen Augen abspielen zu sehen, nicht durchaus un¬
geeignet zur Erledigung dieser Aufgabe, zumal Zeit, Ge¬
danken und Hände der Chirurgen jetzt mit operativer Tätig¬
keit vollauf besetzt sind, und wir andern auch keinen Kopf
haben, uns mit andern Dingen als solchen, die mit dem
Kriege Zusammenhängen, zu beschäftigen. Auch wird ja
Vorgetragen im Stuttgarter Aerztl. Verein am 3. Dezember 1914
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3. Januar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1.
5
gerade jetzt die Wundbehandlung notgedrungen zum größten
Teil von Nichtfachcbinirgen ausgeübt.
Ich halte es nicht für meine Aufgabe, eine geordnete
Uebersicht über diese Frage zu geben, sondern nur einige
allgemeine Fragen zu besprechen und zu schildern, wie wir
au/ der Hautabteilung uns unserer Aufgabe an den zuge¬
teilten Verwundeten entledigt haben, um dadurch berufene
Kritik bcrvorzurufen, die uns zeigen soll, wo wir etwa auf
falschem Wege gewesen sind.
Gerade wenn, wie jetzt, gleiche und ähnliche Aufgaben
von so vielen verschiedenen Seiten in Angriff genommen
werden, ist die Gelegenheit günstig, zu bewährten allgemeinen
Gesichtspunkten zu kommen. Man kann das gleiche Ziel
auf verschiedenen Wegen erreichen. Aber wenn schon im
allgemeinen der kürzeste Weg der beste zu sein pflegt, so
muß ja ganz besonders in der Kriegschirurgie, der so oft
fast kaum zu bewältigende Massentätigkeit zufällt, jede
kleinste Vereinfachung und Verbesserung ihrer Verfahren
von der allergrößten Tragweite sein. Und nicht nur die
Richtpunkte, die den Einzelnen bei der Wundbehandlung
leiten, sondern auch jene kleinen Vorteile und Kunstgriffe,
auf die man überall in der Wundbehandlung kommt, und
die vielleicht bescheidentlich der Veröffentlichung nicht für
wert gehalten werden, sollten heute bei der Erörterung preis¬
gegeben werden.
So ganz einfach, wie es nach dem Leitfaden der
Kriegschirurgie scheinen möchte, ist denn doch die Wund¬
behandlung nicht und gerade wir in den Reservelaza¬
retten der Heimat stehen eigentlich vor recht viel mannig¬
faltigeren und vielfach verantwortungsreicheren Aufgaben
als der Feldarzt, der in meist überstürzter Tätigkeit, die
nur das allernotwendigste zu tun gestattet, die Verwundeten
zur Weiterbringung in geeignete Verfassung bringen muß.
Dort muß nach allgemein gültigen möglichst einfachen Grund¬
sätzen gehandelt werden.
Daß daselbst in aufreibender Tätigkeit das Menschen¬
möglichste geleistet wird, können wir alle mit größter Be¬
geisterung anerkennen.
Schon die erste Versorgung der Wunden mit einem
Xotverband ist ja durch das aseptische Verbandpäckchen in
großartiger Weise ermöglicht, und es scheint auch, daß
doch heutzutage die Bergung der Verwundeten viel rascher
erfolgt, als dies früher möglich war, wo noch keine Autos
zur Verfügung standen und überhaupt alle Einrichtungen
zur Versorgung der Verwundeten noch nicht so planmäßig
vorbereitet waren, wie dies jetzt, wenigstens im deutschen
Heere, wir dürfen wohl sagen in vorbildlicher Weise ver¬
wirklicht ist
Je früher eine Wunde zum Verbände kommt, um so
eher kann man sie ohne Gefahr als nicht infiziert ansehen
und entsprechend mit einem einfachem abschließenden Ver¬
bände behandeln. Und je schneller der Verwundete zur
Hube kommt, desto eher dürfen wir auch hoffen, daß die
Wunde reaktionsios bleibt. Ich sehe als die Hauptauf-
gabeeines Wundverbandes an, äußere Reize von der
^unde fernzuhalten und Ruhigstellung zu sichern,
viel weniger das Eindringen weiterer Infektions¬
seime zu verhindern. Denn diese sind sicher schon beim
Durchschlagen der wochenlang nicht abgelegten durch und
durch verschmutzten Kleidung und der noch länger nicht
gereinigten Haut vom Geschosse mit in die Wunde hinein¬
gerissen worden und warten nur auf die Gelegenheit zur
Vermehrung und Ausbreitung. Diese Möglichkeit ist zu¬
nächst gering. Alle pflanzlichen Gebilde müssen sich
zunächst an ihren Standort gewöhnen. Schon das Versetzen
jmer Pflanze aus ungünstigen in ihr besser angepaßte
bebensbedirgungen bedingt zunächst eine gewisse Abände-
ihrer Lebensgewohnheiten und damit einen kürzeren
oder längeren Stillstand ihres Wachstums. Anderseits
*ommt den frisch abgestorbenen Geweben und auch dem
Blute noch eine Zeitlang, nachdem es den Kreislauf ver¬
lassen hat, ein Teil jener Abwehrkräfte zu, mit denen der
gesunde Körper so reich ausgestattet ist.
Wie oft sehen wir nach Abnahme des ersten fest¬
geklebten Verbandes die Wunde so reaktionslos, daß wir uns
Vorwürfe machen, denselben abgenommen zu haben. Es
kommt aber früher oder später der Augenblick, da die ab¬
gestorbenen Körperteile ihre antizymotischen Eigenschaften
verloren haben und sich das Gleichgewicht nun erst langsam,
dann aber schneller und schneller zugunsten der einge¬
drungenen Keime verschiebt. Und nun kann die geringste
weitere Verschiebung der Verhältnisse den Erregern vollends
das Heft in die Hand geben. Durch die abgestorbenen Ge¬
webe werden nun die Schutzkräfte (Komplemente) des Körpers
zum großen Teil festgelegt und aufgebraucht. Jeder Heiz,
der die Wunde trifft, kann unter den gespannten Verhält¬
nissen die nötige Quellung und Durchfeuchtung sowie die
übrigen zur Wucherung der Eitererreger nötigen Bedingungen
liefern, während man anderseits den Eindruck hat, daß der
an getrocknete Erstverband durch den Druck, den er aus¬
übt, eine zeitlang sehr günstig entwicklungshemmend auf
die eingedrungenen wenigen Erreger wirkt. Dafür, daß eine
Entzündung sich in chronischer Weise in einem gewissen
Gleichgewichtszustände mit dem Organismus erhält bis sich
eine weitere Schädlichkeit hinzuaddiert, haben wir in der
Entstehung der Stomatitis raercurialis ein schönes Beispiel:
Bei schlecht gepflegtem Zahnfleische häufen sich in den
Winkeln zwischen den Zähnen und den Spalten des Zahn¬
fleischs zersetzungsfähige Stoffe an, die das Zahnfleisch in
einem gewissen Reizzustand erhalten, ohne daß gerade er¬
hebliche Beschwerden vorhanden sind. Kommt nun das
Quecksilber noch dazu und verursacht eine der weiteren
Ausbreitung dieses Reizzustandes günstige Quellung des
Zahnfleischs, so kann eine rasch zunehmende Entzündung
entstehen, die sich bis zur Gangrän steigern kann.
Auch bei den Eiterkrankheiten der Haut können
wir solche Dinge reichlich beobachten. Hier ist es viel weniger
die Anwesenheit der Eitererreger, als die Schaffung
der für sie nötigen Wachstumsbedingungen, die die
Entzündung zum Ausbruche bringt. Der von außen ein¬
gedrungene Eitercoccus kann wohl jahrelang eingeschlossen
in die Epidermis, in einem Haarbalg oder Drüsengang ein
durchaus harmloses Dasein fristen. Erst die Reizung der
Haut durch Schwitzen, Kratzen oder durch Reibung z. B.
des Kragenrandes liefert die nötige Durchfeuchtung, die sein
Wachstum ermöglicht. Freilich müssen dazu noch eine ganze
Anzahl begünstigender Umstände von seiten des Körpers
kommen. Denn immer nur das Zusammentreffen einer ganzen
Anzahl von im einzelnen nicht übersehbaren Bedingungen
bringt die Krankheit zum Ausbruche. Dies Zusammen¬
treffen ist dann, wie Otfried Müller sich bei dem ähnlich
lauernden Tuberkelbacillus treffend ausdrückte, die schwache
Stunde des Organismus, in der der eigentliche Vorstoß der
Krankheit in den Körper erfolgt.
Aus Beobachtungen an der Haut ergibt sich weiter
recht deutlich, wie die Stämme der Eitererreger sich an
einzelne Gewebe anpassen und sich allmählich eine für ganz
bestimmte Gewebe in kaum glaublich feiner Weise abge¬
stimmte Ansteckungskraft aneignen. Dies geht so¬
weit, daß sie, wie wir z. B. bei den Pustulosen der Haut
sehen, unter Umständen nur für bestimmte Hautschichten
und nur für denselben Körper ansteckend sind.
So sind auch die auf andersartigen Nährböden ge¬
züchteten Pyokokken für den Menschen nicht krankheits¬
erregend, sie müssen erst angezüchtet werden. Viel viru¬
lenter sind aber schon Pyokokken, die von menschlichen
Eiterungen stammen. Dies gilt besonders für die Strepto¬
kokken und ist ja besonders gut bekannt vom Erysipel.
Man weiß, daß die Geneigtheit für Erysipelinfektionen mit
der Zahl der überstandenen Erysipele immer zunimmt. Ich
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1.
3. Januar.
glaube, daß dann das Erysipel meist nicht durch Neu¬
ansteckung von außen erworben wird, sondern von Keimen
ausgeht, die untätig in der Haut zurückgeblieben sind und
bei entsprechendem Zusammentreffen von günstigen Bedin¬
gungen wieder zum Auskeimen kommen.
Aehnlich verhält es sich bei Balanitis und Intertrigo.
Es kann die unglaublichste Unreinlichkeit nicht zur Ent¬
zündung führen. Die Ansteckung von außen muß noch bin-
zukommen. Und wenn eine solche Entzündung einmal da¬
gewesen ist, so tritt sie auch immer wieder leicht unter
denselben begünstigenden Verhältnissen auf, und wir haben
keine andere Wahl, als diese letzteren nicht aufkommen zu
lassen. Denn es ist außerordentlich schwer, die Pyokokken
von einem Platz, an dem sie an gepaßt sind, gründlich zu
entfernen. Das sehen wir auch an den rezidivierenden An¬
ginen usw.
Es wird nun einerseits die große Menge von Krank¬
heitsbildern verständlich, die von den äußerlich nicht untor-
scheidbaren Pyokokken hervorgerufen werden können. An¬
derseits ist aber diese fein abgestimmte Anpassungs¬
fähigkeit an eine solche Summe von äußeren Bedingungen
gebunden, daß wir schwer versuchsmäßig diese Krankheiten
hervorbringen können. Jedenfalls war es recht unbefrie¬
digend, wenn wir hörten, daß man bei den verschieden¬
artigsten Krankheiten äußerlich nicht unterscheidbare Eiter¬
erreger gefunden hat, daß aber auch anderseits äußerlich
gleiche Krankheitsbilder unter den Blasen- und Pustelkrank¬
heiten bald durch Streptokokken, bald durch Staphylokokken
verursacht waren.
Es kommt also darauf hinaus, daß es das Wichtigste
ist, den in der Wunde schon vorhandenen Infektions¬
keimen die Entwicklungsmöglichkeit abzuschnei¬
den, das heißt dem Körper die ihm zu Gebote ste¬
henden Schlitzkräfte zu erhalten und ihn in der Ent¬
faltung derselben nicht zu verhindern.
Deshalb bat sich mit vollem Rechte seit Bergmann
in der Kriegschirurgie mehr und mehr der Grundsatz der
konservativen Behandlung befestigt.
Man soll, wie das immer und immer wieder eindring¬
lich gesagt wird, die Wunden soviel wie möglich in Ruhe
lassen. Alles Untersuchen, Sondieren, Befühlen der frischen
Wunden ist mit Recht verpönt. Geschoßentfernung, Fremd¬
körperentfernung ist nur in dringenden Fällen erlaubt. Keine
Reinigungsmaßnahmen mit wäßrigen Lösungen, die die Ge¬
webe zum Quellen bringen, besonders nicht mit antiseptischen
Lösungen, die eine chemische Reizung der Gewebe hervor-
rufen und sie dadurch für den Angriff der Erreger weniger
widerstandsfähig machen. Um die Wunden nicht mit don
Fingern berühren zu müssen, benutzen wir sterilisierte mit
Watte umwickelte Holzstäbchen als Taster und Tupfer.
Man kann sie auch leicht durch Absengen an der Flamme
nochmals sterilisieren, wodurch sie auch die feinen Fasern
verlieren.
Man kann unter den günstigen Verhältnissen des wohl¬
eingerichteten Reservelazaretts, wo sich entsprechende Lage¬
rung und Ruhigstellung des verletzten Körperteils leicht
durchführen läßt’ die konservative Behandlung bei den klei¬
neren reaktionslosenEin- und Ausschußwunden soweit treiben,
daß man im Vertrauen auf die Natur auch den Verband
wegläßt, denn auch der Verband hat deutliche, die Eiterung
begünstigende Eigenschaften, wie jeder aus der Beobachtung
bestätigen wird.
Jedenfalls ist die Heilung unter dem trocknen Schorf
etwas ungemein lehrreiches, da man sie immer unter Augen
hat. Man kann dann auch sehen, wie in den zunächst an¬
scheinend reaktionslosen Wunden dennoch von den darin
enthaltenen Erregern einzelne Vorstöße mit leichter Rötung
und Schwellung der Umgebung erfolgen. Vermehrtes Sekret
dringt da und dort aus dem Schorfe hervor und trocknet
dann wieder ein. Man sieht das hin- und herwogende Spiel
der augreifenden und ab wehrenden Kräfte, in das die neuere
Bakteriologie und Immunitätslehre so manches Licht ge¬
bracht hat. Zum Schutze der Wundstelle gegen Berührung
der Kleidung und des Bettes haben wir Filzringe mit Mastix
aufgeklebt. Diese Behandlung läßt sich natürlich nur in geeig¬
neten Fällen durchführen. Aber auch hier stößt sie auf ge¬
wisse Schwierigkeiten. Dio Kranken selbst sind offenbar
häufig mit dieser Behandlung gar nicht einverstanden. Sie
erscheint ihnen als eine gewisse Vernachlässigung, denn
nach ihrem Gefühle gehören Wunde und Verband zusammen
wie Dose und Deckel. Das getäuschte Vertrauen kommt
dann leicht zum Ausdrucke, wenn eine nachträgliche Eite¬
rung oder dergleichen in der Tiefe des Schußkanals auftritt,
denn dann ist selbstverständlich der unterlassene Verband
daran schuld gewesen. Besonders schmerzlich ist es mir
gewesen, daß der schwerste von drei auf meiner Abteilung
vorgekommenen Tetanusfälle mit Üblem Ausgange, dessen
Wunden auf diesem Wege behandelt und fast geheilt waren
als der Tetanus ausbrach, auch ähnliche Vorstellungen hatte.
Er litt nach Aussage des Pflegepersonals eine zeitlang unter
dem Gedanken, daß das nach seiner Ansicht begangene Ver¬
säumnis daran schuld sei, daß er sterben müsse.
Jedenfalls dürfen wir uns aber das Vorgehen der Natur
bei der Schorfheilung zum Muster nehmen. Wir müssen
suchen, ihm einigermaßen nahezukommen. Wir müssen mit
aller Kunsthilfe zurückhalten, solange von selbst schon
günstige Heilungsbedingungen und Heilvorgänge vorhan¬
den sind. Ueberall in der Heilkunst erreichen wir am
besten das Ziel, wenn wir die Kunsthilfe gerade da, und
nur gerade soviel ein setzen, als der Natur unter den ge¬
gebenen Umständen fehlt, um von sich aus fertig zu werden.
Wenn wir einmal mit der Kunsthilfe begonnen haben,
verändern wir auch so die ganze Lage, daß wir damit auch
weiter machen müssen. Wir können dann nicht etwa plötz¬
lich wieder auf Naturheilung zurückgreifen, da wir mit jedem
Eingriff und auch mit jedem Verband eine gewisse Schädi¬
gung der Gewebe erzielen, deren Wirkung wir auszugleichen
genötigt sind. — Es kann wohl als Auszug der ganzen
Wundbehandlung gelten, daß wir der Wunde gewisse
Feuchtigkeitsgrade verschaffen müssen, die der
Entwicklung der Entzündungs- und Eitererreger
ungünstig und der freien Entfaltung der natürlichen
Heilkräfte günstig sind.
In der Hauptsache wirken unsere Verbandstoffe da¬
durch, daß sie die Wunde abschließen und ruhigstellen, die
Absonderung aufsaugen und durch einen gewissen gleich¬
mäßigen Druck allzu starke Quellung und Durchfeuchtung
der Wundgew r ebe verhindern.
Ich kann und will natürlich nicht aufzählen, was man
zu diesem Zweck alles verwenden kann. Tatsache ist, daß
man sehr verschiedene Wege beschreiten kann. Die Heil¬
kraft der meist in der Vollkraft des Lebens stehenden Sol¬
daten überwindet, wie wir täglich sehen, ja auch die un¬
günstigsten äußeren Bedingungen, und jeder wird sein Vor¬
gehen mit ganz vorzüglichen Erfolgen belegen können.
Als durchaus für die einfach gelagerten Fälle bewährt
können wir wohl den Verband mit Gazebausch ansehen,
wie er im Verbandpäckchen der Feldsoldaten gegeben ist.
Aber natürlich hat der Gazeverband auch gewisse. Nachteüe.
Bei bestimmten Sekretmengen bildet sich etwas über der
Wunde im Verband eine trockene Schicht, unter der sich
die Wundsekrete anhäufen. Häufig wirkt dies ungünstig,
aber nicht immer. Es tritt unter dem Drucke des Sekrets
manchmal ganz schön Reinigung und Ueberhäutung ein.
Meist ist es aber doch nötig, diesem Uebelstande zu be¬
gegnen. Wir schneiden deshalb oft in die dicke Mullschicht
unmittelbar über der Wunde ein entsprechendes Loch, wo¬
durch die Aufsaugung sehr gefördert wird, oder wir legen
Vaselinezinkpaste derart auf, daß noch mehrere Lagen Gaze
zwischen ihr und der Wunde vorhanden sind. Wir nennen
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diese in Vorrat gehaltenen Päckchen eingeschlagene Zink¬
salbe. Auch ein kleines Stück Wachsbatist, der Größe der
Wunde entsprechend auf den Gazebausch aufgelegt, wirkt
in diesem Sinne. Bei einer Wunde, bei der wir Eiterung
befürchten müssen, soll der Verband weder austrocknen
noch so feucht werden, daß er erweichend wirkt.
Zur unverrückbaren Befestigung des Verbandes auf
der Wunde haben wir Mastixlösung gern verwendet. Wir
sehen in ihr in der Hauptsache ein gutes Befestigungsmittel
für den Verband, das von der Haut meist besser ertragen
wird als Heftpflaster, das die Verbände kleiner zu halten
ermöglicht und auch einem Bindenverbande den erwünschten
Halt gibt. Die vielfach primär angewendete Pinselung mit
Jodtinktur hat öfter unerwünschte Reizung der Haut unter
dem Verbände zur Folge gehabt. Nach ähnlichen Erfah¬
rungen verwirft Herzog 1 ) die Anwendung der Jodtinktur
vor dem Verbände.
Sehr schwer sind allgemeine Regeln dafür zu gewinnen,
wielange man einen Verband liegen lassen soll.
Das zu frühe Abnehmen wie das zu häufige Wechseln
können schädlich sein. Weder Schmerzgefühl noch Tem¬
peratursteigerung können als ganz sichere Anhaltspunkte
verwertet werden. Man muß sich immer wieder darüber
wundern, wie wenig manchmal infizierte und eiternde
Wunden Schmerzen verursachen. Man muß es eigentlich
bei jeder einzelnen Wunde herausfinden, ob man sie zwei-
oder einmal täglich oder nur alle paar Tage verbinden soll.
Wunden mit stark zermalmten und zerfetzten
Geweben, besonders wenn gleichzeitig auch Knochenzer-
trBmmerung besteht, gehen fast immer in Eiterung über,
ln Erwartung dieser letzteren ist es nötig, schon frühzeitig
dafür zu sorgen, daß die Wunden weit offen sind, daß ihre
Spalten, Winkel und Gänge nicht durch den Verband zu¬
sammengedrückt werden. Hier hat mir die von Payr
(Dortmund), bei Kraft (Dortmund) und jetzt auch bei
Geisselmann hier erhältliche Spreizfeder häufig gute
Dienste getan. Ihr Verweilen macht unerwartet wenig
Schmerz und bringt häufig sehr schnell eine günstige Um¬
stimmung im Wundverlaufe zustande. Auch einseitiger Zug
mit Aluminiumhaken, die sich besonders gut auf dem Rande
des Gipsfensters mit Heftpflaster befestigen lassen, hat
öfter recht gut gewirkt.
liecht gut und mit gleichmäßigem Drucke wird auch
die Wunde durch Scobitost 2 ) (geröstetes Sägemehl) aus¬
einandergespreizt. Dieses saugt auch die Wundsekrete
gut auf.
An einem der ersten kriegsärztlichen Abende ist hier
das Einlegen von Gazestreifen in Wundspalten ganz all¬
gemein mit Bann belegt worden. Man wird sie aber trotz¬
dem nicht vollständig entbehren können. Jedenfalls müssen
w,r * mmer in* Auge behalten, daß sie nie eine Verstopfung
von Gewebsspalten verursachen dürfen. Durch den Reiz,
den sie auf das Gewebe ausüben, wird häufig das Zustande¬
kommen einer Eiterung begünstigt und diese dann gewisser¬
maßen vor dem Stöpsel hergetrieben. Aber bei schon vor¬
handener Eiterung wird man dann, wenn der Sekretabfluß
gesichert ist, häufig solche Gazestreifen zum Auseinander-
alten der Ränder und Wände der Wundhöhle mit Vorteil
benutzen.
Bei den infizierten, eiternden, nekrotisierenden
• jauchenden Wunden hört überhaupt mehr und mehr
m ) 6 äiig ? eine au ^ Hier hstöt e8 > Erfahrung sam-
. , ua “ sic h Hebung aneignen, um mit einigermaßen
rr r. erer Hand alle die Klippen zu umgehen, die nun dem
eaunpverl^fe drohen, von der harmlosen örtlich um¬
gebenen Reaktion bis zur Jauchung und fortschreitenden
D M. m. W. Nr. 48, S.23I9.
i M. mtä. W. 1914, Nr. 36, S. 1925.
Phlegmone und Allgemeininfektion, nicht zu reden von
specifischen Krankheiten, wie Erysipel, Tetanus usw.
Was mich anfänglich in Erstaunen versetzt hat, war,
daß das Bild der Friedensphlegmone mit starker Rötung,
Schwellung und Schmerzhaftigkeit und akut bedrohlichen
Erscheinungen eigentlich recht selten ist, daß sich diese
Wundinfektion vielmehr mit rasch fortschreitender Nekrose
der Gewebe, enormer Eiterung aber vielfach ohne die ge¬
wohnten Entzündungserscheinungen abspielt. Dies mag da¬
her kommen, daß die Phlegmonen des Friedens meist von
kleinen unscheinbaren Verletzungen ihren Ausgang nehmen
und dadurch eine große Gewebsspannung erzielt wird, die
bei den großen weit offenen Kriegsverletzungen in Wegfall
kommt. In Wegfall kommt aber dadurch auch der um¬
schriebene Verlauf und der sich in der Hyperämie und
Entzündung ausdrückende Gegenstoß des Organismus, durch
dessen Abwehrraaßregeln in den meisten Fällen eine Sterili¬
sierung des Krankheitsherdes erzielt wird, sodaß derselbe
nun als Fremdkörper behandelt und vom Gesunden ge¬
schieden werden kann. Als Schulbeispiel dieses Vorgangs
müssen wir immer den Furunkel vor Augen behalten.
Auch daß Lymphangitis selten vorkommt, ist mir
äufgefallen. Der bei den großen Kriegswunden so aus¬
gedehnt auftretende nekrotische Zerfall des Bindegewebes,
der Sehnen, Fascien, Muskelteile ist vielleicht außer durch
die Zerstörung der ernährenden Blutgefäße, zum Teil auch
durch den starken Blutverlust bedingt, durch den die Meüge
der Schutzstoffe herabgesetzt wird. Es ist nicht an der Zeit,
sich hier über diese lehrreichen Vorgänge näher zu ver¬
breiten. Nachdem einmal ein Erysipel auf der Abteilung
aufgetreten war, haben wir noch einige weitere Infektionen
erlebt. Der Verlauf war leicht und die Heilung der Wunden
wurde dadurch nicht verzögert. Spiritusumschläge wirkten
günstig.
Obwohl es für Kriegsverletzungen kaum in Betracht
kommt, will ich aber doch einschalten, daß wir bei der Be¬
handlung solcher akuter Entzündungsherde der Erwägung
Raum gegeben haben, daß die Anwesenheit von freien Blu¬
tungen hier häufig einen für die SterilisieruDg günstigen
Einfluß zu haben scheint. Wir haben z. B. in noch nicht
oder schon fluktuierende Bubonen — in letzterem Falle nach
Ansaugung des Eiters — Eigenblut des betreffenden Pa¬
tienten eingespritzt und in vielen Fällen nicht nur sofortigen
Nachlaß der Schmerzen und des Fiebers, sondern auch voll¬
kommene Rückbildung beobachten können. Wir sind ganz
selten noch in der Lage, einen Bubo breit eröffnen zu
müssen.
Den Herd der Eiterung aufzufinden und die Wunde so
zu gestalten, daß der Eiter freien Abfluß hat, ist häufig
keine leichte Aufgabe. Wir müssen uns auch stets daran
erinnern, daß die dazu nötige Untersuchung der Wunden
mit Sonden usw. eine neue Schädigung derselben bedeuten
kann, besonders wenn danach der Zweck vollständiger Ent¬
lastung nicht erreicht wird. Schwer und verantwortungs¬
voll ist es auch, den Zeitpunkt zu bestimmen, wo aus¬
giebige operative Hilfe wie Resektion und Amputation ein¬
zutreten hat.
Bei erklärter nekrotisierender und eitriger Ent¬
zündung können antiseptische Mittel, vor allem Jodoform
und seine Ersatzmittel, wohl kaum entbehrt werden. Emp¬
fehlen kann ich Scobitost mit 10°/ 0 Jodoformzusatz.
Antiseptische Umschläge haben sich bei solchen Wunden
so oft bewährt, daß man immer wieder auf sie zurückkommt.
Wir machen dieselbe mit der beliebten essigsauren Tonerde*
müssen aber dringend raten, um die erweichende Wirkung
der wäßrigen Umschläge zu umgehen, immer 25 bis 75 %
Spiritus zuzusetzen. Dieser Zusatz bekämpft auch am
sichersten und schnellsten die sich in entsetzlichem Gestank
äußernde Zersetzung der Wundsekrete sowie den Pyocyaneus.
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Wir empfehlen, die Umschläge nicht größer, als der Wunde
entspricht, dafür aber ziemlich dick zu machen und gut aus¬
zudrücken, damit sie noch aufnahmefähig sind. Auch soll
der bedeckende undurchlässige Stoff nicht weit überstehen,
da dadurch die Epidermis erweicht wird. Die aufgeweichte
Epidermis ist einer der besten Nährböden der Eitererreger
und durch die Quellung der Hornschicht werden sie auch
sehr rasch der Einwirkung der gleichzeitig vorhandenen
Antiseptica entzogen. Umschläge und Überhaupt Verbände
bei stark absondernden Wunden müssen häufig genug
gewechselt werden. Wir wechseln feuchte Verbände
trotz des Spirituszusatzes zweimal täglich. Denn die eitrige
Entzündung ist, wie ihre so glückliche Benennung nahelegt,
einem Feuer zu vergleichen, das zunächst vielleicht mühsam
angeht und nur langsam weiterglimmt. Dann bekommt es
aber Zug und überwindet jeden Widerstand, und sogar die
Mittel, mit denen wir es bekämpfen, fachen es noch mehr
an. So schafft auch die Entzündung sich selbst die gün¬
stigen Bedingungen für die Ausbreitung, und manchmal
schlägt alles, was wir tun, zugunsten der in der Uebermacht
befindlichen Entzündungserreger aus.
Wenn wir die Entzündung in gewissen Grenzen halten,
dann gewinnt auch der Organismus allmählich wieder die
Oberhand. Und es ist merkwürdig, welch ausgedehnte Ge-
websspalten nach der Abstoßung der nekrotischen Massen
durch Eiterung rasch verkleben und ausheilen können. Des¬
halb ist auch das gewaltsame Vorgehen mit ausgiebigen
Spaltungen häufig nicht nötig, es genügt, wenn durch Drai-
nierung der Eiterabfluß gesichert und Entspannung der Ge¬
webe, in denen der Prozeß fortschreitet, erreicht ist. Dann
geht auch die Temperatur pünktlich zurück. Die Drainage¬
röhren haben wir beim Verbandwechsel, wenn sie nicht
herausgenommen wurden, mit Borlösung durchgespült. Von
H 2 0 2 haben wir besondere Vorteile nicht gesehen und über¬
haupt Spülungen soviel wie möglich vermieden.
Wir lassen die Drainageröhren möglichst lange liegen,
bis die Eiterung so gut wie versiegt ist und Infiltrationen
in der Nähe des Wundkanals ganz verschwunden sind. Bei
den meisten Verwundeten geht ja die eigentliche Wund¬
heilung, wenn nicht besondere Komplikationen vorhanden
sind, glatt und regelmäßig vor sich. Es ist aber doch merk¬
würdig, wie sich bei einzelnen die Heilung hinausziehen kann.
Ganz unerwartet treten manchmal wieder neue infiltrative
Schwellungen auf, die Fiebersteigeningen hervorrufen,
manchmal erweichen, aber auch so zurückgehen. Lange
kann es auch dauern, bis sich der letzte Knochensplitter
abgestoßen hat. Trotzdem ist es wohl empfehlenswert, die
große Belästigung der Wunde zu vermeiden, die zur aus¬
giebigen Entfernung der Knochensplitter und Fremdkörper
notwendig ist, auch wenn schon Eiterung besteht. Die
Knochensplitter jedoch, die sich der Kornzange anbieten,
entfernen natürlich auch wir. Ihr übler Geruch zeigt oft
an, welchen ungünstigen Heiz sie für die Wunde bedeuten.
Sehr mit Recht hat Steinthal hervorgehoben, daß auch
geringfügige Verletzungen der Kopfschwarte mit großer
Aufmerksamkeit behandelt werden müssen. Man hält sie
am besten von Anfang an weit offen, da sich sonst leicht
immer wieder unterhöhlende Eiterungen büden, die die
Heilung sehr verzögern und bei der Nähe des Gehirns ja
nie ganz unbedenklich sind.
Bei Steckschuß muß ganz nach Maßgabe der durch
Entzündung und Eiterung gegebenen Verhältnisse gehandelt
werden.
Alle diese Bestrebungen gehen in der Hauptsache
darauf aus, den Wundsekreten und mit ihnen den Infek¬
tionsstoffen besseren Abfluß und damit dem Körper für seine
Heilbestrebungen freie Bahn zu schaffen.
Man kann aber auch diese Heilbestrebungen des Kör¬
pers, die sich in Hyperämie und Exsudation mit ihrer aus¬
schwemmenden Wirkung äußert, zu unterstützen und zu
steigern suchen. Von derartigen Mitteln haben wir die
Biersche Stauung nur wenig verwendet. Ich konnte mich
nicht entschließen, sie bei schweren phlegmonösen Prozessen
anzuwenden, bei denen doch fraglos eine gewisse Gefahr da¬
mit verbunden ist. Wir sind da meist bei der alten Hoch-
lagerung der entzündeten Teile geblieben. Wo ich die
Biersche Stauung angewendet habe, habe ich den Eindruck
gehabt, daß es auch ohne sie gegangen wäre, doch wäre es
recht erwünscht, wenn jemand, dem ausgedehntere Erfah¬
rung über die Biersche Stauung bei Kriegsverletzungen zu
Gebote steht, die Anzeigen dafür festlegen wollte.
Die aktiv hyperämisierenden Mittel, die eine
örtliche Vermehrung der Schutzstoffe anstreben, haben wir
schon häufiger verwendet. Die Hitze, meist in Form von
Glühlampenbestrahlung, die äußerst reinlich und be¬
quem ist und zugleich eine kräftig austrocknende Wirkung
auf die Wunde ausübt.
Beetartig gewucherte Granulationen lassen sich durch
Austrocknung gut abflachen. Wir benutzen dazu gern den
Heißluftstrom des allbekannten Föhn. Auch unsere Sonnen¬
bäder haben wir, wenn die Gelegenheit günstig war, aus¬
giebig benutzt. Sie dienen natürlich auch zur Kräftigung
des übrigen Körpers. Es liegt nahe, bei zögernder Heilung
auch die künstliche Höhensonne zu verwenden.
Bei zögernder Ueberhäutung haben wir auch mit Vor¬
teil direkte Bedeckung mit Zinkpflaster, das wir dann
durchlöchert anwenden, gebraucht, eine Behandlung, die ja
vom Ulcus cruris her bekannt ist. Zu beachten ist dabei,
daß das Pflaster von Anfang an fest anklebt und unter
einem gewissen sekretbeschränkenden Drucke, z. B. durch
Flanellbindenumwicklung, gehalten wird.
Daß zur Wiedergebrauchsfähigkeit der verletzten Glied¬
maßen eine entsprechende Uebung derselben notwendig ist,
muß vielen Kranken erst eindringlich beigebracht werden.
Bei meinen Ausführungen konnte ich auf Einzelfälle
unmöglich eingehen und fühle lebhaft, daß sie auch sonst
unvollständig sind, hoffe aber, daß von anderer Seite die
notwendigen Ergänzungen gebracht werden.
Ueber die richtige Vcrwendnngsstelle der
Krankenschwestern und Pflegerinnen im Kriege
von
Prof. Dr. Riese, Groß-Lichterfelde-Berlin,
beratender Chirurg des XX. Armeekorps.
Immer wieder hören wir im Felde Notschreie aus der Heimat
über die mangelhafte Einsetzung der Schwestern bei der Ver¬
wundetenpflege; wir hören ferner, daß für die Frischverwundeten
besser gesorgt sein würde, wenn sie gleich in Schwesternpflege
kämen. So manche vortreffliche Schwester wird hinausgeschickt
aus ihrem Wirkungskreis in der Heimat, in der sie vollauf be¬
schäftigt war, sie hofft, sich im Dienste unserer Verwundeten recht
tätig erweisen zu können und gelangt schließlich dazu, in einem
Gefangenenlazarett im Westen Dienste zu tun, die sie so gerno
ihren Landsleuten widmen möchte. Oder zwei Berufsschwestern
werden einem Armeekorps im Osten zur möglichsten Betätigung
direkt hinter der Front zugewiesen. Nachdem sie sich bei dem
zuständigen Sanitätsamt in Ostpreußen gemeldet haben, werden sie
der marschierenden Truppe mit der Eisenbahn nachgesandt und
erreichen nach längerer Wagenfahrt und nach vielen Tagen das in
der Nähe der Weichsel stehende Generalkommando. Da sich die
ganze Armee auf dem Marsche befindet, um auf einen andern
Kriegsschauplatz überzugehen, da keine größeren Gefechte statt¬
finden, da bei dem betreffenden Korps nur einmal ein Feldlazarett
auf einen Tag in größerer Entfernung vom Sitzo des General¬
kommandos aufgeschlagen wird, können die Schwestern ihren Beruf
nicht ausuben, und erst vier Wochen nach ihrer Abreise aus der
Heimat gelingt es, sie in einem Feldlazarett einzusetzen, in dem
sie sich unter meiner persönlichen Leitung vorzüglich bewährten
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und auch später bewährt haben. Daß erste der Beispiele betrifft
eine der Schwestern meines eignen heimatlichen Krankenhauses,
und gewiß ist sie nicht die einzige, die derartige Erfahrungen
machte; das zweite bezieht sich auf zwei Schwestern des Kranken¬
hauses in Weißensee.
Den Laien und auch den Schwestern in der Heimat ist es
nicht möglich, sich ein zutreffendes Erteil über die Schwestern-
Terwendung im Felde zu bilden, weil ihnen die Organisation der
Verwundetenpflege daselbst nicht genügend bekannt ist.
In der Schlacht werden die Verwundeten von den bei der
Truppe beflndlichen Aerzten und Sanitätsmannschaften, teilweise
auch ron den eignen Kameraden oder durch sich selbst — jeder
Mann hat zwei Verbandpäckchen in der Tasche — im Schützen¬
graben selbst oder auf dem dicht hinter demselben liegenden
Truppenverbandplätze versorgt. Dann kommen sie auf den Haupt¬
verbandplatz, der hinter der Front liegt, dem feindlichen Feuer
aber riebt selten nock ausgesetzt ist, und auf dom nur die
allerdringlichsten Operationen ausgeführt werden sollen. Das
fleranbriDgen der Verwundeten zum Hauptverbandplatz und
ihre Versorgung daselbst ist die Aufgabe der Sanitätskompagnien.
Diese verfügen über Krankenwagen und Krankentragen, eine
Anzahl von Aerzten und rund 200 militärisch ausgebildete
Krankenträger resp. Krankenpfleger, die ebenso wie die Aerzte in
ärztlicher Beziehung unter der Leitung eines aktiven Oberstabsarztes
stehen. Ist nun eine größere Zahl von Verwundeten, namentlich
schwer Verwundeten vorhanden, so bekommen ein oder unter Um¬
ständen auch mehrere Feldlazarette den Befehl, sich möglichst
nahe am Hauptverbandplatz oder auch auf diesem selbst ein-
zurichten. Ein Feldlazarett Bteht ebenfalls unter dem Befehl eines
aktiven Oberstabsarztes, dem vier bis fünf Aerzte — Stabsärzte,
Ober- und Assistenzärzte oder Unterärzte —, der Inspektor, ein
Apotheker, Sanitätsunteroffiziere und einige vierzig Sanitätsmann-
schaften und Fahrer beigegeben sind. Im ganzen beträgt das
Personal eines Feldlazaretts 60 Köpfe. Das Material: Verbandstoffe,
Medikamente, Operationseinrichtungen, Krankentragen, Strohsäcke
und Decken, wird auf Wagen mitgeführt, dazu kommen mehrere
Krankenwagen und ein Beamtenwagen. Die Aerzte sind beritten,
während sich 'die Mannschaften auf die Wagen verteilen oder
marschieren. Soll das Feldlazarett neu eingerichtet werden, so muß
ein möglichst geräumiges Haus ausgesucht werden, dasselbe muß
gereinigt, von unnützen Möbeln befreit werden, die Strohsäcke
müssen gestopft, vorhandene Betten aufgestellt, Operationsräume
und Apotheke eingerichtet werden. Dann erst kann dio ärztliche
Tätigkeit beginnen, nachdem die Wagen der Sanitätskompagnie,
die der Feldlazarette selbst und schnell requirierte Leiterwagen die
Verwundeten herangeschafft haben.
Meinen weiteren Ausführungen schicke ich nun voraus, daß
ich aus eigner Erfahrung nur von unserm östlichen Kriegs¬
schauplätze sprechen kann und meine Ausführungen nur für diesen
Gültigkeit haben, und daß zwischen dem Kriegsschauplatz in Ost¬
preußen und dem in Polen recht wesentliche Unterschiede be¬
züglich der Unterbringungsmöglichkeit der Verwundeten, der Straßen
und der Verpflegung bestehen. In Ostpreußen konnten die Feld¬
lazarette meist in größeren passenden Häusern untergebracht
werden, bei sehr starker Belegung konnten dicht danebenliegende
ochwinen mitbenutzt werden. In Russisch-Polen konnten nur
zuweilen größere Gutshäuser gefunden werden, meist stand nur
eine kleine Dorfschule, ein kleines Gutshaus mit danebenliegender
öcheune zur Verfügung. In Dombrowice mußten die Verwundeten
wi zirka 60 Häuser verteilt werden, die höchstens zwei bis drei
äiutne, von Schmutz starrend, enthielten. In Ostpreußen kam es
nur einmal vor, daß die Räume beschränkt waren. In Rosengarten
waren außer Pastorswohnung und Kirche alle Häuser von den
nssen verbrannt worden, und so mußten die Verwundeten in be-
t f* r "°^ DUJ, g und Kirche untergebracht werden, diese Unter¬
amt war aber immer noch glänzend gegen die in Polen. In
ri? US ?ni ° nntpD me hrfach schöne Krankenhäuser zur Einrichtung
I “Jjhlwzaretts benutzt werden, in Polen sah man bessor davon
x ft a dle ^ raD ^enbäuser, die ich dort fand, so unbygienisch waren,
u man sie lieber nicht benutzte.
waren * n Ostpreußen Überall vorzüglich, die
70 t ® der Feldlazarette gingen rasch und ohne Schwierigkeiten
Schwer n i, • j z anderg in Polen. Ein Deutscher kann sich die
nar ninM Clt „ ^ e £ e UI *d der meisten sogenannten Chausseen
den orfifu , Der Vormarsch der Feldlazarette ging mit
weise im 6 ß rV^wierigkeiten vor sich, die Wagen blieben stellen-
cnl&min und Löchern tatsächlich stecken. Einen an¬
schaulichen Begriff von der Mühsamkeit des Vorrückens gibt die
Tatsache, daß eine Proviantkolonne zu einem Wege von zirka
40 Kilometern 24 Stunden brauchte, weil erst Bäume gefällt werden
mußten, um die auf viele Meter ganz ungangbare Straße damit
zu belegen und fahrbar zu machen.
Auf verschiedenen Straßen marschieren die Feldlazarette —
12 bei meinem Korps — den Divisionen und Brigaden nach, und es
ist ganz von der Kriegslage abhängig, wann einmal ein Feldlazarett
zur Einrichtung kommt. Bisweilen ist ein bestimmtes Feldlazarett
erst nach vierwöchentlichem Marsch aufgeschlagen worden, das
eine ist nur ganz selten, ein anderes in verhältnismäßig kurzer
Zeit wieder häufiger in Tätigkeit getreten. Auf den Märschen
muß natürlich häufiger biwakiert werden, wenn nicht, so ist die
Unterkunft in den polnischen Häusern oft schwierig, die Räume
starren von Schmutz und Ungeziefer; die Verpflegung ist un¬
zureichend. Ist nun das Lazarett aufgeschlagen, so ist es bei dem
sehr raschen Vorgehen oder den noch rascheren Verschiebungen
der Korps einer Armee aus einer strategischen Operationsphase
in die andere mit geringen Ausnahmen nur einige Tage tätig ge¬
wesen, um dann aufgelöst zu werden oder in die Hände des Kriegs¬
lazarettpersonals überzugehen.
Sollen nun ein oder mehrere Schwestern einem Feld¬
lazarett überwiesen werden, dann müßten sie allen Unbilden des
Marsches ausgesetzt werden, um günstigenfalls alle paar Wochen
einmal für einige Tage beruflich tätig sein zu können. Ich meine,
das ist eine Vergeudung besonders wichtiger Kräfte, die an anderer
Stelle viel intensiver wirken können, ganz abgesehen davon,
daß die meisten Frauen die Strapazen gar nicht aushalten
können, die mit fortwährenden Märschen von 30 bis 50 Kilo¬
metern am Tage verbunden sind. Sehr häufig sind die Feld¬
lazarette auch dem Granatfeuer ausgesetzt gewesen; soll man
die Schwestern auch diosem preisgeben, um sie einige Tage tätig
sein zu lassen?
Wie schon erwähnt, werden die Feldlazarette, wenn sie nicht
ganz aufgelöst werden müssen, vom Kriegslazarettpersona! über¬
nommen, das unter dem Befehle der Etappeninspektion und des
Etappenarztes steht. Sehr häufig aber mußten die Feldlazarette
aus taktischen Gründen früher aufgelöst werden, häufig aber auch
deshalb, weil die Etappe noch nicht nahe genug an die Operations¬
basis der Armee herangekommen war, und so mußten die Ver¬
wundeten von den Feldlazaretten selbst abtransportiert werden; die
Schwesterntätigkeit hatte also wiederum aufgehört.
In den Kriegslazarotten ist die Pflege der Schwestern sichor
dringend erwünscht, und von ihnen aus können dieselben zuweilen
unbedenklich in günstig davorgelegene Feldlazarette, denen man
wahrscheinlicherweise eine längere Tätigkeit Voraussagen kann,
vorgesehickt werden. So konnten die zw r oi schon erwähnten
Schwestern nach ihrer Tätigkeit in dem einen Feldlazarett noch
in ein zweites übergeführt werden, da beide weit hinter der Front
längere Zeit bestehen blieben. Für die meisten Feldlazarette wären
im Osten in den letzten Kriegswochen mit den für diese Lazarette
häufig äußerst schwierigen Lagen Schwestern unmöglich gewesen.
Man kann wohl sagen, in der Front und dicht hinter derselben ist kein
geeigneter Platz für die Schwestern, sicher nicht auf dom östlichen
Kriegsschauplatz, und, wie ich glauben möchte, auch nicht auf dem
westlichen.
in allen Kriegs- und Etappenlazaretten und vor allem auch
in den heimatlichen Krankenhäusern, in die ja unsere Verwundeten
durch dio Lazarettzüge, die ihrerseits auch der Schwestern be¬
dürfen, in diesem Krieg auf das schnellste befördert worden sind
und befördert werden, wird die Arbeit der Schwestern immer den
größten Segen stiften. An allen diesen Punkten verwende man in
allererster Linie Berufsschwostern und lasse die Helferinnen vom
Roten Kreuz und den Vaterländischen Frauen vereinen im allge¬
meinen an andern Punkten ihre Liebestätigkeit entfalten Aus¬
nahmen natürlich Vorbehalten. 1
• Nach meinem Dafürhalten ist also die Tätigkeit der
Schwestern auf dem Kampfplatze, so hoch ich dieselbe auch oer-
sonheh schätze und so sehr ich mich dae-einemal über die ausge¬
zeichnete Hilfe der Schwestern in einem Feldlazarette gefreut habe
nur ausnahmsweise möglich und zweckmäßig. Funktioniert die
Etappe gut sind womöglich Etappenlinien zu den einzelnen Korps
eingerichtet so können die Schwestern von ihnen aus auch einmal
in Feldlazaretten ausgezeichnete Dienste leisten.
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1.
3. Januar.
Aus der chirurgischen Abteilung des Reservelazaretts
Forbach i. Lothringen.
Zur Behandlung von Gehirnprolaps nach
Schädeldefekten
von
Dr. Oscar Orth, Chirurg am Reservelazarett.
Die Tatsache, daß umfangreiche Schädeldefekte zu den aller-
schwersten körperlichen und geistigen Störungen führen, hat uns
in der Friedenspraxis zu den verschiedensten chirurgischen Ma߬
nahmen geführt. Haben wir es mit einer Hernie zu tun, wie sie
sich nach Eröffnung der Dura und bei größerer Ausdehnung und
beträchtlicherem Verlust dieses elastischen Hirnschutzes ausbilden
kann, so suchen wir durch Verwendung fester Pelotten oder durch
Ausführung von plastischen Operationen Abschlüsse zu erzielen.
Gerade durch die jetzigen Kriegsschädelverletzungen kommt es
sehr häufig zu großknöchernen Schädeldefekten. Verschiedene so
aufgenommene Patienten legten mir die Frage nahe, ob es nicht
angängig sei, solchen Hernien dadurch zuvorzukommen, daß man
sie unmittelbar nach der Verletzung deckte.
Gehe ich zuerst auf unsere Fälle ein, so waren es vier
Schädel verletzte mit großen Defekten, die nach Zerreißung der Dura
zustande gekommen waren. Die Patienten waren mit Ausnahme
eines in einem Feldlazarett verbunden und ab transportiert worden.
Nach Abnahme des bereits schmierig-eitrigen Verbandes zeigte
sich darunter das Gehirn mißfarbig verändert.
Die Patienten hatten Fieber bis zu 39°, zwei delirierten und
rissen sich im Delirium den Verband herunter; zwei bohrten in
Klinische
Funktionelle Diagnostik der Blutkrankheiten 1 )
von
Dr. Leo Hess,
Assistenten der UI. medizinischen Klinik in Wien.
M. H.! Die Bildung der geformten Elemente des Blutes
erfolgt im postembryonalen Leben normalerweise in der Milz,
den Lymphdrüsen und dem Knochenmarke. Was die Pro¬
duktion der Erytbrocyten und der Granula führenden farb¬
losen Blutzellen betrifft, so beschränkt sie sich etwa vom
zehnten Lebensjahr an auf das Mark der Wirbel, Rippen
und platten Schädelknochen. Und auch die Lymphocyten-
bildung, die im embryonalen und kindlichen Organismus eine
lebhafte ist, erfährt mit vollendetem Wachstum und an¬
scheinend mit zunehmendem Alter eine allmähliche Ein¬
schränkung. Die intakte Funktion der genannten Organe
ist die Vorbedingung dafür, daß im erwachsenen, ge¬
sunden Körper der Bedarf an Blutzellen jederzeit gedeckt ist.
Unter pathologischen Bedingungen können sämtliche
Organe des Körpers außer ihrer Anteilnahme an der chemi¬
schen Bereitung des Bluts, die ihnen natürlich immer zu¬
kommt, auch im morphologischen Sinne zu Blutbildnern
werden, indem überall im perivasculären Bindegewebe, ähn¬
lich wie im frühen Embryonalleben vor Ausbildung des
Knochenmarks, Blutbildungsherde für rote und weiße Zellen
auftreten können.
Außer dieser adventitiellen gibt es noch eine andere
Form der extramedullären Hämatopoese, nämlich die durch
Metaplasie von Capillarendothelzellen, die nicht nur in sämt¬
lichen Capillaren der physiologischen Körpergewebe, sondern,
wenn auch selten, in Angiomen und Angioendotheliomen zur
Beobachtung gelangt. Diese heterotope Hämatopoese ist
immer der anatomische Ausdruck der hüehstgradigen me¬
dullären Insuffizienz und kommt nur dann vor, wenn bei
gesteigerten Anforderungen an die Knochenmarktätigkeit eine
Erschöpfung des Organs erfolgt ist. In leichteren Fällen
wird durch kompensatorische Mehrbildung, sei es der hämo-
gloninführenden Vorstufen der Erythrocyten, sei es der un-
l ) Vortrag, gehalten im ärztlichen Fortbildungskurse.
einem unbewachten Augenblicke mit den Nägeln in der Gehirn¬
masse, sodaß bei dem einen eine profuse Blutung aus einem Sinus
eintrat. Da die letztere durch das Auflegen von Jodoformgaze,
die in keine Verklebung mit der Wunde eintrat, nicht zu stillen
war, legte ich in einem leichten Aetherrausch einen subcutanen
und subfascialen Periostknochenlappen auf den Defekt, fixierte den¬
selben durch mehrere Seidennähte, komprimierte ihn durch zwei
Heftpflaster streifen fest auf die Unterlage und machte einen
fixierenden Bindenverband. An einer Stelle führte ich zur Ab¬
leitung des Wundsekrets einen kleinen Drain ein.
So konnte ich den schwer infizierten Patienten noch vier
Tage am Leben erhalten, bis er schließlich wie die andern der
Meningitis erlag.
Es ergibt sich hieraus die Frage, ob diese kleine und in
wenigen Minuten auszuführende Operation im Aetherrausche nicht
immer auch im Feldlazarett ausgeführt werden sollte. Was wir
verhüten, wäre doch zum mindesten die frühzeitige Infektion, die ja
bei den ungünstigen Wund Verhältnissen um so eher droht, wenn
das Gehirn offen zutage liegt. Der operierte Patient fühlte sich
nach dem Eingriffe besser, er starb, weil die Infektion schon zu
weit fortgeschritten war. Jedenfalls brauchten wir bei ihm nicht
mehr auf das prolabierte Hirn zu achten, wie dies bei jedem Ver¬
bandwechsel der andern von neuem notwendig war.
Mein Vorschlag geht dahin:
„Alle Patienten mit schweren Schädeldefekten, die zu Ge¬
hirnprolapsen geführt, sofort prophylaktisch zu decken, um eine
Blutung und Iofektion nach Möglichkeit vorzubeugen. Sollte der
Lappen sich später abstoßen, so kann in einem gut eingerichteten
Krankenhaus eine weitere plastische Operation in Frage kommen.“
Vorträge.
gefärbten granulierten oder granulalosen Zellen des Markes
die Regulation erreicht (erythroblastischer beziehungsweise
myeloblastischer Typus des Zellmarks). In ähnlicher Weise
können, wenn der Bedarf an lymphoiden Zollen steigt, einer¬
seits die Milz, die Lymphdrüsen und die im ganzen Körper
vorgehildeten Ribbertschen Lymphome, anderseits dieLymph-
follikel des Darmes und der Schleimhäute, sowie die peri¬
vasculären Lymphocytenlager zur Lymphopoese heran¬
gezogen werden. Ob auch, wie manche Autoren vermuten,
im strömenden Blut eine Vermehrung der roten oder farb¬
losen Zellen erfolgt, ist zweifelhaft. Auf jeden Fall spielt
sie eine untergeordnete Rolle. Somit darf das morphologische
Blutbild in der Regel wenigstens zum Maßstabe für die
Funktion der blutbildenden Organe gemacht werden. Auf
die Ausnahmen von diesem Prinzip werden wir an späterer
Stelle noch einzugehen haben.
A. Das Knochenmark, L Medulläre Suffizienz.
33. Medulläre Insuffizienz.
a) Die Erythropoese. Die Reservekraft, die bei der
Funktion des Herzens eine so große Rolle spielt (0. Rosen-
bach), kommt wohl nicht nur diesem allein zu; man darf
vielmehr annehmen, daß auch die sämtlichen übrigen
Organe normalerweise nicht mit dem maximalen Auf-
wande der ihnen innewohnenden Kräfte arbeiten, sondern
über Reserven verfügen. A priori ist einzusehen, daß
der Ausgleich zwischen Anforderung und Leistung, das
ist Kompensation im weitesten Sinne des Wortes in
doppelter Weise erfolgen kann: durch Reduktion der An¬
forderungen oder durch Erhöhung der Leistungen. Eine
Reduktion der Anforderungen ist theoretisch nur in dem
Falle denkbar, wenn etwa durch Verminderung der Muskel¬
tätigkeit und weitgehende Beschränkung anderer Organ¬
funktionen, ferner durch Inanition oder konsumptive Krank¬
heiten eine Einschmelzung des Körperparenchyms und somit
eine Abnahme der Sauerstoffzehrung eintritt (innere Selbst¬
steuerung des Stoffwechsels). Das Knochenmark prä¬
sentiert sich in solchen Fällen als atrophisches Fettmark
oder als Gallertmark. Als Ausdruck dieser letztgenannten
Aufgabe ist die erythroblastische beziehungsweise myelo-
cytäre (myeloblastische) Reaktion des Knochenmarks anzu-
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sehen, während die megaloblastische Hypertrophie insofern
eine eigenartige Stellung einnimmt, als sie nicht so sehr
durch numerische Mehrproduktion als durch Bildung bio¬
logisch höherwertiger Riesenzellen den Bedarf an Sanerstoff-
trägern deckt.
Wie bei gesteigerten mechanischen Anforderungen an
das Herz durch dessen Reservekraft Störungen der Circula-
tion innerhalb weiter Grenzen hintangehalten werden, so
werden durch Inanspruchnahme der Reserven des suffizienten
Knochenmarks Blutverluste mäßigen Grads in kurzer Zeit
wieder wettgemacht. Das Mißverhältnis hingegen zwischen
Knochenmarkleistung und Blut-, das ist Sauerstoffbedarf, do¬
kumentiert sich in jedem Falle klinisch als Anämie, gleich¬
gültig ob ein erhöhter traumatischer oder toxischer Blut-
untergang oder eine primäre Myelopathie die letzte Ursache
der i digocythämie oder Oligochromämie bildet. Wiederholte,
wenn auch kleine Blutverluste führen erfahrungsgemäß viel
leichter zur Erschöpfung des Knochenmarks und zur Anämie
als einmalige profuse Hämorrhagien.
Eine Ausnahme von dieser Regel macht allem An¬
scheine nach der reife weibliche Organismus, dessen Knochen¬
mark die monatlichen Blutverluste in völlig suffizienter
Weise wieder zu ersetzen imstande ist. Vielleicht läßt sich
daraus die Berechtigung ableiten, in dem Auftreten von
Anämie beim Weib im allgemeinen einen schwereren Grad
der Markschädigung zu erblicken als beim Manne. Anders
liegen die Verhältnisse beim Kinde, bei dem schon Noxen,
die das Mark der Erwachsenen vollkommen ausgleicht oder
höchstens mit leichter Insuffizienz beantwortet, zu schweren
Reaktionserscheinungen führen. Die Suffizienz des Knochen¬
marks erschließen wir aus dem dauernd normalen Verhalten
der roten Blutkörperchen in morphologischer, numerischer
und tinktoreller Hinsicht. Daß es sich bloß um funktionelle
Mehrleistung und jedenfalls nicht um weitgehende anato¬
mische Veränderungen im Sinne von Hypertrophie des Marks
(Umwandlung in rotes Mark) handelt, beweist der Umstand,
daß abnorme Zellformen im strömenden Blute nicht auftreten.
Kommt es dagegen zu einmaligem schwerem oder dauern¬
den kleinen Blutverlusten oder zu toxischen Alterationen des
Bluts oder der blutbildenden Organe, sei es durch Toxine in¬
folge von Infektionskrankheiten, sei es durch intramedulläre
Krankheitsprozesse (Myelom, Tumoren, medulläre Leukämie),
zu deren Kompensierung die Reservekräfte nicht ausreichen, so
machen sich, sofern überhaupt der Status quo wieder erreicht
wird, fürs erste verschiedene Insuffizienzerscheinungen im Blute
bemerkbar: Im Anfang erscheinen in wechselnder Menge
hämoglobinarme, mitunter gequollene Erythrocyten mit mehr
oiler weniger ausgesprochener Basophilie des Protoplasmas.
Bei andauernder Noxe steigt die Zahl der chlorotischen
Zellen. Es werden weiterhin hämoglobinhaltige oder poly-
chromatische Erythroblasten ausgeschwemmt. Schließlich
linden wir beinahe sämtliche Erythrocyten in hohem Grade
haiuoglobinarm, blaß, die Delle groß, die Konturen unregel¬
mäßig, bizarr, ihre Größe sehr different, ihren Leib von
i usophilen Körnchen erfüllt. Erst viel später treten Megalo¬
hlasten, meist nur in spärlicher Zahl, und Megalocyten auf.
Die erwähnten morphologischen Zeichen des insuffizienten,
•fl lebhafter Regeneration begriffenen Knochenmarks können
entweder allmählich normalen Verhältnissen Platz machen,
oder bei Erlahmung des Knochenmarks dauernd bestehen
bleiben. Die Geschwindigkeit und Akkuratesse, mit der sich
^ckkehr ^ zur Norm vollzieht, ferner der Grad der
Schädigung, die überwunden wird, geben uns einen unge¬
fähren Anhaltspunkt für die Beurteilung der konstitutionellen
Veranlagung des hämatopoetischen Organs.
Mmmt man mit Friedrich Kraus zum Maße der
konstitutionellen Energetik eines Organs jenen Bruchteil
derselben, der als Nutzeffekt von der innerhalb bestimmter
^ maximal produzierten Kraft als physiologische Leistung
zutage tritt, so ist in dem einfachsten Falle des traumatischen
Blutverlusts, aber auch sonst bei Mehrleistungen über das
Normale hinaus, im Falle der Hyperglobulie die in der Zeit¬
einheit regenerierte oder neugebildete Hämoglobinmenge und
Blutkörperchenzahl ein Maß der Knochenmarkkonstitution
beziehungweise seiner Suffizienz. Die beginnende Erschöpfung
des Organs gibt sich aber nicht nur in der quantitativ herab¬
gesetzten Funktion zu erkennen, sondern auch in der Bildung
qualitativ abnormer unreifer Produkte, und es ist ein¬
leuchtend, daß das Auftreten der letzteren ein um so ernsteres
Symptom repräsentiert, je früher es im Verlaufe der chro¬
nischen Krankheit in Erscheinung tritt.
Zu diesen abnormen Produkten gehören, wie schon er¬
wähnt wurde, Blutkörperchen von abnorm niedrigem Hämo¬
globingehalte (niedrigem Färbeindex) oder ungleicher Ver¬
teilung des Hämoglobin im Protoplasma, ferner polychro¬
matische und basophil gekörnte Erythrocyten, endlich in den
höchsten Graden Normo- und Megaloblasten. Zunehmende
Erniedrigung des Färbeindex ist immer als Zeichen drohender
Erlahmung der Erythropoese zu bewerten.
Ein wie feines Reagens auf die Suffizienz der Leistung
die morphologischen Daten darbieten, beweisen beispielsweise
für das Auftreten der basophilen Körner die Versuche von
Sabrazös: Während bei Anwendung kleiner Mengen des
Blutgiftes (Bleisalze) die Granula der roten Blutkörperchen
immer zahlreicher werden, können sie bei höheren Graden
der Intoxikation und insbesondere präagonal vollkommen aus
dem Blute verschwinden. Es beweist also die basophile
Granulation ein zwar geschädigtes, aber noch immer reaktions¬
fähiges Mark. Im prognostischen Sinne darf dieseB Symptom
aber deshalb nur mit Vorsicht verwertet werden, weil aus
einem bisher unaufgeklärten Grunde nur innere Blutungen
und toxische Blutschädigungen, dagegen nicht Blutungen
nach außen die Basophilie des Erythrocytenplasmas herbei¬
führen.
Ueberall, wo im Körper pathologische Zustände eine
Funktionssteigerung auslösen, liegen reaktionsfähige Organe
vor, die entweder mit Hilfe ihrer Reserveenergie oder durch
anatomische Hypertrophie den Reiz beantworten. In der
Reaktionsfähigkeit ist somit immer der Beweis eines ge¬
wissen Grades von Suffizienz gegeben, während das Aus¬
bleiben der Reaktion von vornherein oder ihr Erlahmen mit
Insuffizienz gleichbedeutend ist. In der Regel pflegen die
von pathologischen Reizen abhängigen Vorgänge zunächst
zur Ueberfunktion zu führen, und nur bei Einführung
schwerster Noxen kommt es schon frühzeitig zu morpho¬
logischen Aenderungen der betroffenen Parenchyme. Finden
wir also im circulierenden Blute, bald nachdem eine Schäd¬
lichkeit eingesetzt hat, wieder normale Zahlenverhältnisse
und normale Beschaffenheit der Erythrocyten, so erkennen
wir darin den Effekt der Mehrleistung eines vollwertigen
Organs. Der Nachweis pathologischer Erythrocytenformen
hingegen deutet immer auf eine anatomische Reaktion des
Knochenmarks, die vermutlich eine um so ausgedehntere ist,
je zahlreicher die pathologischen roten Zellen auftreten
(„Blutkrise“).
Die prognostisch schwerste Form der Knochenmark¬
reaktion beim Erwachsenen ist die megaloblastische, als
deren Produkt der hyperchrome Megaloblast als un¬
differenzierte Embryonalzelle erscheint, welche die von der Norm
am weitesten abstehende Erythrocytenart darstellt. In beiden
Fällen, bei der normo- und bei der megaloblastischen Re¬
aktion, handelt es sich um die Wirkung formativer Reize.
Während aber bei der ersteren die Proliferation im Vorder¬
gründe stebt und die Hämoglobinbildung relativ zurücktritt
(niedriger Färbeindex), sind bei der megaloblastischen Re¬
aktion, deren Wesen im Auftreten des abnorm großen und
hämoglobinreiehen Megaloblasten gelegen ist, die plastischen
Kräfte des Markes bereits im Erlahmen begriffen.
Ohne Zweifel stellt der Uebergang von Fettmark in
rotes Mark einen hypertrophischen Vorgang dar, während
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die Deutung des megaloblastischen Markes vom allgemein
pathologischen Gesichtspunkte großen Schwierigkeiten be¬
gegnet. Der Vergleich mit den andern Organen wird hier
immer deshalb ein gezwungener sein, weil bei keinem andern
Organ so wie bei dem hämatopoetisehen die Produkte der
Organtätigkeit Zellen sind. Gemeiniglich spricht man von
„Rückschlag“ oder „megaloblasfcischer Metaplasie“ in
dem Sinne, daß die Produkte des megaloblastischen Markes die
morphologischen Charaktere des embryonalen tragen. Da¬
gegen muß jedoch eingewendet werden, daß die patholo¬
gischen Megaloblasten sich von den embryonalen durch den
Mangel an Entwicklungsfähigkeit unterscheiden, genau so
wie die normalen Erythrocyten nicht weiter entwicklungs¬
fähig sind. Es handelt sich also um eine qualitative Ab¬
artung der Funktion eines hyperplastischen Organs.
b) Hyperglobulie. Nach den bisherigen Ausführungen
wäre die Erythropoese dann als suffizient anzunehmen, wenn
das numerische und tinktorelle Verhalten der roten Blut¬
körperchen der Norm entspricht. Es kann aber unter ge¬
wissen pathologischen Bedingungen sich nicht um Regene¬
ration verloren gegangener Elemente und WieVe herstellung
des Status quo handeln, sondern es kann an das Organ die
Notwendigkeit herantreten, Leistungen über das normale
hinaus aufzubringen, die kompensatorischen, jedoch nicht
regenerativen Charakter tragen. Klarer als bei den bisher be¬
sprochenen Reaktionen des Knochenmarks, bei denen min¬
destens theoretisch auch primäre Markschädigungen als zu¬
grundeliegend gedacht werden könnten, ist bei der hyperglo-
bulischen Reaktion der extramedulläre Ursprung. Wenn der
normale Organismus seinen Sauerstoffbedarf mit der normalen
Erythrocytenzahl befriedigt, so ist uns die Vermehrung der
roten Zellen im Blut ein Gradmesser einerseits für die aus
irgendeiner Ursache gesteigerte Gewebsatmung, anderseits
für die Suffizienz des Markes.
In das Gebiet der physiologischen Mehrleistung gehört
wohl die prämenstruelle Polycythämie, deren Kenntnis
wir den schönen Untersuchungen von A. Pölzl verdanken. Es
war schon lange bekannt, daß in der prämenstruellen Phase
Störungen der verschiedensten Organe Vorkommen. Diesen
reiht sich als eine neue und, wie es scheint, gesetzmäßige
periodische Schwankung die Vermehrung der roten Blut¬
körperchen einige Tage vor Eintritt der menstruellen Blu¬
tung an. Der Hämoglobingehalt des Bluts zeigt dabei Dur
geringe Aenderungen und diese scheinen den Aenderungen
der Blutkörperchenzabl durchaus nicht parallel zu laufen,
im Gegenteil, oft tritt mit dem Tiefstände der Erythrocyten¬
zahl ein relatives Maximum des Hämoglobin geh alts in Er¬
scheinung. Dieser Umstand dürfte, wenngleich im Blutbilde
die morphologischen Zeichen gesteigerter Regeneration fehlen,
für eine Vermehrung durch Neubildung und nicht durch
verminderten Blutuntergang sprechen. In dem gleichen
Sinn als gesteigerte Knochenmarkfruktion läßt sich die
von Blumenthal entdeckte Eosinophilie des Bluts ante
menses deuten. Da um die Zeit der Eireifung aller Wahr¬
scheinlichkeit nach die Oxydationen im Körper erhöht sind,
präsentiert sich die prämenstruelle Hyperglobulie als eine
Teilerscheinung der allgemeinen periodischen Ueberfunktion
der Organe. Darauf deutet auch der Umstand, daß schon
vor Eintritt des Blutabgangs die Polycythämie ihren Höhe¬
punkt erreicht.
Weiterhin haben uns Beobachtungen an geisteskranken
Frauen gezeigt [Hess und 0. Pötzl 1 )], daß die Hyper¬
globulie, die bei periodischen Psychosen oft exorbitante
Zahlen werte der Erythrocyten ergibt, auch bei Ausbleiben
der Menstruation gleichsam als deren Aeq ui valent auftritt.
Die gesetzmäßige Steigerung der Knochenmarkstätigkeit um
die Zeit der Ovulation kann uns folglich als ein feines Rea-
‘) Unveröffentlichte Untorsur.ii-mg.
gens für die Beurteilung sowohl der Leistungen des Knochen¬
marks als auch der des Ovariums dienen.
Ein weiteres Beispiel der physiologischen Einstellung des
Organismus auf relativen Sauerstoffmangel ist die Höhen-
hyperglobulie. Wir verstehen darunter die dauernde Ery-
throcytose bei längerem Aufenthalt im Hochgebirge. Die sofort
nach dem Aufstieg einsetzende Hyperglobulie dürfte zum
Teil mit Aenderungen der Blutverteilung, zum Teil mit ver¬
mehrter Ausschwemmung bereits vorgebildeter Blutkörperchen
Zusammenhängen. Einwandfreie, unter allen Kautelen vor¬
genommene Zählungen vonBürker und dessen Mitarbeitern
haben ergeben, daß beim Gesunden das Höhenklima einen
deutlichen, wenn auch nicht sehr hochgradigen Einfluß auf
die Blutbildung nimmt. Bei einer Erhebung um ungefähr
1600 m betrug die Zunahme der Blutkörperchen im Mittel
5°/ 0 , die des Hämoglobins 7°/o. Ein Einfluß der elektrischen
Leitfähigkeit und des Potentialgefälles der Luft sowie der
Qualität und Quantität der Strahlung war in den Bürker-
schen Versuchen nicht zu erkennen. Es kommen somit für
die Erklärung nur zwei Faktoren in Betracht: 1. Die Luft¬
verdünnung und die damit Hand in Hand gehende Sauer¬
stoff Verminderung der Atmosphäre, und 2. die Erniedrigung
der Temperatur. Da bei sinkender Temperatur eine Steige¬
rung der Verbrennungsprozesse erfolgt (Rubner), ist eine
erhöhte Sauerstoffaufnahme vonnöten. Es stellt sich also
die Höhenhyperglobulie in doppeltem Sinn als regulato¬
rischer Vorgang dar: Als eine Anpassung an den vermin¬
derten Partialdruck des Sauerstoffs und zugleich an die ge¬
steigerten Oxydationen.
Vom Standpunkte der funktionellen Diagnostik ver¬
dient hier hervorgehoben zu werden, daß die individuelle
Reaktion auf den gleichen Höhenreiz sehr verschieden aus¬
fällt: Bei älteren Personen sind die Schwankungen nie sehr
bedeutend und erreichen erst nach Verlauf mehrerer Wochen
jene Höhe, die der jugendliche Körper in viel kürzerer Zeit
aufbringt. Anämische Menschen, von denen Höhenluft oft
recht schlecht vertragen wird, zeigen dagegen manchmal
ganz gewaltige Hyperglobulien. Unter Umständen kommen
selbst paradoxe Reaktionen vor (Sinclair): vielleicht handelt
es sich hier um Lähmung des Knochenmarks nach voraus¬
gegangener Ueberfunktion. Daß bei der Höhenhyperglobulie
eine tatsächliche Vermehrung des gesamten Blut- und
Hämoglobinbestandes vorliegt, beweisen eingehende Unter¬
suchungen der Zuntzschen Schule. Und trotzdem können
die Verbrennungen gelegentlich mangelhaft sein, wie das
Auftreten von Aminosäuren im Harne beweist.
In die gleiche Kategorie der regeneratorischen Mehr¬
leistung gehört nach unserer Auffassung die Polyglobulie
nach Arsenmedikation. Einen Einblick in ihren Mechanis¬
mus gewähren Versuche von Onaka, der exakt nachweisen
konnte, daß arsenigo Säure schon in starken Verdünnungen
ebenso wie Blausäure die Oxydationen der Zellen herab¬
setzt. Die kompensatorische Mehrleistung des Knochen¬
marks, wie sie beim Menschen nach medikamentöser Ein¬
verleibung vor Arsen beobachtet wird, könnte somit, was das
zeitliche Auftreten und die Größe der Reaktion betrifft, zur
Funktionsprüfung des Knochenmarks dieneD. Diese Ueber-
legungen müssen jedoch insofern restringiert werden, als,
wie wir noch später sehen werden, neben der vermehrten
Bildung ein verminderter Untergang der roten Blutzellen in
Rücksicht gezogen werden muß, sei es durch Erhöhung der
Blutkörperchenresistenz, sei es dadurch, daß die der Blut-
zerstöruDg dienenden Organe, in erster Linie die Leber unter
der Giftwirkung ihre Tätigkeit einstellen (Hess und Saxl).
Auch die Hyperglobulien bei kardialen Stauungs¬
zuständen, namentlich congenitaler Herzfehler, sind repara-
torische Vorgänge. Es scheint besonders bei jugendlichen
Menschen im Gefolge von Kreislaufstörungen das Knochen¬
mark relativ leicht mit einer Mehrproduktion von Erythro-
cyten zu reagieren. Offenbar stehen dem Organismus für
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die Regulation der Sauerstoffzufuhr drei Wege offen: 1. die
vermehrte Produktion von Sauerstoffträgern, 2. die Ver¬
größerung des Schlagvolumens und 3. die Erhöhung der
Atemgröße. Ist das Schlagvolumen des Herzens aus irgend¬
einem Grunde reduziert, so kann der Organismus bei suffi¬
zientem Knochenmarke seinen Bedarf an Sauerstoff durch
Polyglobulie decken. Das gleiche ist der Fall, wenn die
alveoläre Tension wesentlich kleiner ist als in der Norm
and infolge des geringen Atemvolumens eine ungenügende
Sauerstoffaufnahme ins Blut stattfindet. Auch hier hat die
Termehrung der roten Zellen offensichtlich kompensatorischen
Charakter und ist gleichbedeutend mit Schonung der Herz¬
kraft, während umgekehrt bei anämischen Zuständen eine
Erhöhung des Schlagvolumens, das ist eine Mehranstrengung
des Herzens erforderlich ist, um den Sauerstoffhunger der
Parenchyme zu sättigen. Vielleicht wäre es im Sinne dieser
Ausführungen möglich, die Reaktionsfähigkeit des Knochen¬
marks bei Herzfehlerkranken für die Prognose zu verwerten.
Versuche mit der Kuhn sehen Saugmaske veranschaulichen
die besprochenen Verhältnisse sehr deutlich. Länger dauernde
Stauung führt klinisch und im Experiment zur Hyperglobulie,
vorausgesetzt, daß das Knochenmark suffizient ist. Wird bei
künstlicher Stauung Sauerstoff inspiriert, bleibt also jede
Sauerstoffverarmung aus, dann fällt auch die Stauungs-
hyperglobulio weg. Ebenso vermissen wir die kompensa¬
torische Vermehrung der Erythrocyten dann, wenn, wie bei
schweren Anämien und Kachexien, das Knochenmark insuf¬
fizient ist.
Wie erst kürzlich Bergmann und Plesch nachge¬
wiesen haben, gibt es ferner Hyperglobulien, denen der
Charakter der Kompensation fehlt. Die großen Atem¬
volumina und die große Sauerstoffkapazität des Bluts lehren,
daß es sich in solchen Fällen nicht um Schonung des
Herzens oder der Lunge handeln kann, sie legen vielmehr
den Gedanken nahe, die Polyglobulien als echte Hyperplasie
des Blutes infolge primärer Mehrleistung des Knochenmarks
den oben erwähnten extramedullär bedingten Formen gegen-
öberzustellen.
Die Vermehrung der Sauerstoffträger ist aber nicht
notwendige Folge einer Mehrleistung des Knochenmarks,
sondern es kann, wie schon erwähnt wurde, auch ein ver¬
minderter Erytbrocytenuntergang und schließlich ein Zu¬
sammenwirken beider Faktoren den gleichen Effekt herbei-
föhren. Bezüglich der Strophantus- und Coffeinpräparate
konnten vor kurzem Hess und Saxl den Nachweis liefern,
daß wenige Tage nach ihrer Einverleibung eine oft ziemlich
bedeutende und nachhaltige Polyglobulie einsetzt. Wenn
auch manches für die Annahme spricht, daß infolge Einwir¬
kung der genannten Pharmaka die verminderte Hämoglobin-
zerstörung in der Leber schuld an der Polyglobulie sei, so
ist doch eine gleichzeitige funktionelle Mehrleistung des
Knochenmarks, die im histologischen Blutbild keineswegs
nachweisbar sein muß, nicht auszuschließen. Es dürften
diese Beobachtungen auf den Wirkungsmechanismus der
Kardiaca und die Wechselbeziehungen der Teile des Orga¬
nismus ein neues und Überraschendes Licht werfen.
Nothnagels berühmte Ausführungen über Anpassung
und Ausgleichung sind für die Beurteilung plastischer Vor¬
gänge im kranken Körper richtunggebend geworden. Da
uns ein tieferer Einblick in ihren Mechanismus fehlt, ist es
vorläufig am einfachsten, sie dem allgemeinen Begriffe der
Anpassung oder Regulation (Driesch) unterzuordnen. Nur
dürfen wir nicht vergessen, daß diese teleologische Denk¬
weise uns in der Erkenntnis der feineren Vorgänge der An¬
lagerung specifischer Stoffe und des pathologischen Organ-
'^chstums nicht weiterführt. Rieker hat in seinem Ent¬
wurf einer Relationspathologie diesen Gedankengang des
weiteren entwickelt und in einer specitischen Aenderung der
ülutdurebströmung das allen pathologischen Organverände-
rougea zugrundeliegende Moment erblickt.
Durch welche Faktoren der Untergang und der Ersatz
der roten Blutkörperchen im gesunden Organismus geregelt
wird, ist einstweilen nicht aufgeklärt. Auf Grund neuerer
Untersuchungen scheinen die beim toxischen Erythrocyten-
zerfall freiwerdenden Stoffe die Resistenz der Blutkörper¬
chen zu steigern. Es wäre daher bei den Hyperglobulien
auch die Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, daß unter
dem Einfluß unbekannter Gifte eine Resistenz Vermehrung
der Erythrocyten zustande kommt und, ohne daß eine Er¬
höhung der Knochenmarkstätigkeit besteht, eine vermehrte
Zahl der Erythrocyten resultiert. Wir müssen diesem Ge¬
dankengange um so mehr eine gewisse Berechtigung zu¬
erkennen, als bei manchen Formen der Polyglobulie, z. B.
bei der Kohlenoxydvergiftung zwar eine Vermehrung der
zelligen Elemente zu beobachten ist, die Hämoglobinbildung
jedoch nicht immer gleichen Schritt damit hält. Die auf solche
Art resultierende Oligochromämie legt es viel näher, eine In¬
suffizienz des blutbereitenden Organs als eine Ueberfunktion zu
supponieren und die vermehrte Erythrocytenzahl auf erhöhte
Resistenz der Zellen zu beziehen. Daß aber die letztere
nicht medullären Ursprungs ist, sondern auf Beeinflussung
der Erythrocyten durch toxische Stoffe beruht, wird durch
Beobachtungen von Morawitz und Pratt wahrscheinlich
gemacht. Bei dem von Vaquez zum ersten Male genauer
beschriebenen Symptomenkomplex pflegen, wie wir auf Grund
eigner Erfahrungen bestätigen können, zwar zumeist die
Hämoglobinwerte der Erythrocytenzahl ebenfalls wesentlich
nachzustehen, da sich aber die neutrophilen und eosinophilen
Leukocyten oftmals vermehrt zeigen und auch Myelocyten
gelegentlich auftreten, werden wir dazu gedrängt, in solchen
Fällen eine erhöhte Knochenmarksaktivität zu vermuten.
Es erübrigt, hier noch die Frage zu erörtern, inwieweit
die biologische Dignität der produzierten zelligen Elemente
für die Funktionsprüfung des hämapoetischen Organs ver¬
wertet werden kann.
In sehr interessanten Versuchsreihen haben Mora¬
wetz und seine Mitarbeiter, ferner Warburg und Masing
den Nachweis erbracht, daß im Blute von Tieren, die an
subchronischen Anämien litten, in vitro ein lebhafter Sauer¬
stoffverbrauch und eine vermehrte Kohlensäureproduktion
stattfindet, während das normale Blut des erwachsenen
Menschen in kaum meßbarer Menge Sauerstoff zehrt. Dieser
Sauerstoffkonsum findet in erster Linie in den jugendlichen
kernhaltigen und den polychromatischen kernlosen Erythro¬
cyten statt. Beim gesunden Menschen ist schon nach einem
größeren Aderlaß, ohne daß im Blutpräparat Zeichen von
Regeneration zu erkennen wären, also in Stadien der funk¬
tioneilen Mehrleistung, ohne anatomische Aenderung des
Markes eine meßbare Sauerstoffzehrung vorhanden. In
schweren Fällen von Anämie, namentlich um die Zeit einer
Blutkrise, erreicht der Sauerstoffverbrauch im Experiment
ganz erhebliche Grade, während er bei apiastischen An¬
ämien und bei gewissen Anämien im Gefolge von Genital¬
blutungen bei Frauen nur unwesentlich über die Norm er¬
höht ist. Es wäre daher möglich, daß neben dem Studium
des morphologischen Blutbildes auch die Messung der Sauer¬
stoffzehrung im Blut anämischer Menschen ein Kriterium
für die Intensität der regenerativen Knochenmarktätigkeit
abgeben könnte. Dabei muß aber in Betracht gezogen
werden, daß unter Umständen ein kleiner Sauerstoff ko nsum
und folglich schlechte Regeneration vorgetäuscht sein kann,
dann nämlich, wenn die Gesamtzahl der roten Blutkörperchen’
der jungen wie der reifen, in der Raumoinheit erheblich
reduziert ist.
Soweit die bisherigen Studien ein Urteil gestatten,
scheint, die gleiche Hämoglobinverarmung vorausgesetzt, die
Sauerstoffzehrung, somit auch die Geschwindigkeit der Rege¬
neration, bei hämolytischen Anämien wesentlich größer zu
seiu als bei posthämorrhagischen. Dies steht in schönem
Einklänge mit der klinischen Erfahrung, daß Blutungen im
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Körperinnern, z. B. bei Extrauteringravidität, selbst wenn
sie abundant sind, viel rascher ausgeglichen werden als
Blutungen nach außen. Die Regeneration der Erythrocyten
geht eben verhältnismäßig leicht vor sich, wenn, wie es bei
Blutungen im Körperinnern und vielleicht auch bei manchen
lytischen Anämien zu trifft, das nötige Rohmaterial vorhanden
ist, während die Bildung neuen Hämoglobins bei Blutungen
nach außen eine komplizierte synthetische Leistung und des¬
halb eine wesentliche Erschwerung der Kompensation darstellt.
Ein Korrelat zu den besprochenen biologischen Tat¬
sachen bilden Untersuchungen Masings über die chemische
Zusammensetzung des Serums und der regenerierten jungen
Blutkörperchen bei experimentellen Anämien. Es ergab sich
im Serum eine Vermehrung des mit Alkoholäther extra¬
hierbaren Phosphors und des Gesamtphosphors, während der
Nucleinphosphor nicht vermehrt war. In den roten Blut¬
zellen waren sämtliche drei Phosphorfraktionen bedeutend
vermehrt. Diese Veränderungen waren bei hämorrhagischen
und hämolytischen Anämien in gleicher Weise ausgeprägt
und können daher ganz allgemein als Maßstab für die Blut¬
regeneration angesehen werden.
Es sei uns hier gestattet, eine Einschränkung hervor¬
zuheben, die bei den beiden zuletzt erwähnten Methoden
Berücksichtigung verdient. Regeneriert das Knochenmark
vollwertige normale Zellen, die nicht atmen, dann kann die
Messung des Sauerstoffkonsums und ebenso die Bestimmung
des Phosphatidgehalts unmöglich ein richtiges Urteil Über
die Funktion des Knochenmarks ergeben. Werden hin¬
wiederum unreife minderwertige Zellen ausgeschwemmt, die
relativ große Sauerstoff mengen aufnehmen und einen großen
Phosphatidgehalt besitzen, so braucht darum die vollständige
Kompensation, das ist der Ausgleich zwischen Sauerstoff¬
bedarf und Knochenmarkleistung noch lange nicht er¬
reicht sein.
Berichte über Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren.
Aus der II. medizinischen Universitätsklinik (Hofrat Ortner)
in Wien.
Klinische Untersuchungen über das gegenseitige
Verhältnis der Leukocyten- und Blutplättchen¬
zahlen 1 )
von
Emerich Maixner jun., Aspirant der Klinik
nnd
Dozent Alfred v. Deeastello, Assistent der Klinik.
Ueber die Entstehung und Herkunft der Blutplättchen ist
bis jetzt keine Einigung erzielt worden. Der Standpunkt Hayems,
der dieselben als eine Vorstufe der roten Blutkörperchen deutete und
sie demnach „Hämatoblasten“ benannte, ist gegenwärtig als un¬
haltbar erkannt worden. Ebenso wenig betrachtet man die Blut¬
plättchen mehr als einfache Gerinnungsprodukte des Blutplasmas.
In neuerer Zeit sind es hauptsächlich drei Theorien, die
sich mit der Entstehung der Blutplättchen beschäftigen.
Wohl die Mehrzahl der Autoren hält die Blutplättchen für
Abkömmlinge der Erythrocyten; doch gehen auch hier die Mei¬
nungen im Detail auseinander.
Arnold und seine Schüler, sowie Schwalbe und Andere
betrachten sie als Derivate der Erythrocytenleiber, aus ihnen her-
vorgegangon durch Plasmorrhexis bzw. Plasmoschisis. Weiden -
reich bringt sie in Beziehung mit der Membran, dagegen fassen
Pappenheim, Hirschfeld, Maximow, Grawitz, Preisich
und Heim, Helber, Schilling-Torgau und Andere die Blut¬
plättchen als ausgestoßene Reste des Kernes der Erythrocyten auf.
Eine andere Gruppe von Untersuchern leitet die Blut¬
plättchen von den Leukocyten ab: soLöwit, Schmied, Affa-
nasieff, Riss, Schulze, Howell, Hauser, Dominici, Lilien¬
feld, Schleip, Politzer, v. Deeastello und Krjukoff. Letz¬
tere wiesen darauf hin, daß die feinere Struktur der Blutplättchen
bei sehr starker Vergrößerung sich als übereinstimmend erweist
mit der Struktur des Protoplasmas der verschiedenen Leukocyten-
arten, daß also Blutplättchen aus sämtlichen Leukocytenarten ent¬
stehen könnten, doch zeigt die weitaus überwiegende Mehrzahl
der Plättchen Uebereinstimmung mit dem Baue des Cytoplasmas
der neutrophilen Leukocyten, sodaß diese als die Hauptquelle der
Blutplättchen zu betrachten seien. Sie entstehen aus ihnen durch
Abschnürung, und entsprechende Bilder mit direktem Zusammen¬
hänge der Fasern des Zelleibs und des sich abtrennenden Plätt¬
chens sind in den gefärbten Präparaten zu sehen.
Im Gegensätze zu diesen Anschauungen nimmt aber eine
Anzahl von Forschern den Standpunkt ein, daß die Blutplättchen
selbständige, von Erythrocyten und Leukocyten genetisch unab¬
hängige zellige Elemente des Bluls seien. So Bizzozero,
Achard und Aynaud, Nägeli, Morawitz und Wright.
Morawitz weist speziell auf ihren Reichtum an Thrombogen
hin, der sie in Gegensatz zu allen andern Blutzellen stelle. !
i) Eingang de« Manuskripts am 27. Juli 1914. !
Wright vertritt in einer Reihe von neueren Arbeiten die An¬
schauung, daß die Blutplättchen abgeschnürte Teile des Cyto¬
plasmas der Knochenmarkriesenzellen seien. Dieses weise eine
mehr central gelagerte Granulation und eine hyaline basophile
Randzone auf, welche mit den Centralkörnchen und der peripheren
Randzone der Blutplättchen vollkommen übereinstimmen. Die
Megakaryocyten schieben nach Wright pseudopodienartige Fort¬
sätze in das Innere der Blutsinus des Knochenmarks, wo die¬
selben durch Fragmentation zu typischen Blutplättchen zerfallen.
Die Beobachtungen von Wright sind von Bunting, Downey,
Ogata naebgeprüft und bestätigt worden.
Da, wie aus diesen widersprechenden Anschauungen hervor¬
geht, die morphologischen Kriterien bisher offenbar keine allge¬
mein überzeugende Kraft besitzen, erscheint es wünschenswert,
das biologische Verhalten der Blutplättchen, qnter andern ihre
numerischen Schwankungen in der Norm und in Krankheits¬
zuständen, eingehend zu studieren. In dieser Hinsicht haben
schon seit längerer Zeit ihre Beziehung zu der Zahl der Leuko-
cytec die Aufmerksamkeit auf sich gezogen und drei Tatsachen
erscheinen im allgemeinen anerkannt:
1. Vermehrung der Plättchen bei der myeloischen Leukämie
2. Vermehrung bei den protrahierten Leukocytosen.
3. Verminderung bei Zuständen, die mit Leukopenie einher¬
zugehen pflegen, wie: Abdominaltyphus, perniziöse Anämie, sowie
bei hämorrhagischen Diathesen.
Während also diese Beobachtungen auf einen Parallelismus
der Leukocyten- und Plftttchenzahl hin weisen und auch als wich¬
tige Argumente für die Entstehung der Plättchen aus den Leuko¬
cyten verwendet werden, liegen anderseits Angaben über nume¬
rische Unabhängigkeit beider und entgegengesetzte Zahlenschwan¬
kungen, speziell bei ganz akuten Leukocytosen, wiePneumonie, Erysipel
und andere, vor (Helber, Port und Akyama und Andere).
Im folgenden soll über eine Reihe von gleichzeitigen Be¬
stimmungen der Leukocyten und Blutplättchen berichtet werden,
die in den letzten Monaten an Patienten der II. medizinischen
Klinik in Wien vorgenommen wurden.
Bei einem Teil derselben wurde das Verhalten beider Form¬
elemente während experimentell hervorgerufener Hyperleukocytose
studiert.
Methode der Zählung.
Sahli empfiehlt zu diesem Zweck eine indirekte Methode:
Nämlich die Bestimmung des Verhältnisses der Blutplättchenzahl
zur Zahl der Erythrocyten im Strichpräparat und eine nachträg¬
liche Berechnung der Erythrocyten in der Zählkammer. Dieser
Vorgang erschien uns, abgesehen von der Umständlichkeit, nicht
ganz einwandfrei, da die Erythrocyten oft dicht aneinander liegen
und so die Blutplättchen verdecken. Auch läßt sich die Zahl der
Erythrocyten in Häufchen zuweilen nicht sicher feststellen. Um
diesem Fehler zu entgehen, wählten wir die direkte Zählung in
der von Helber angegebenen Ausführung. Die Zählung wird in
einer von der Firma Leitz in Wetzlar hergestellten Zählkammer
von nur 0,02 mm Höhe vorgenommen. Diese niedrigere Zähl¬
kammer bietet den Vorteil, daß die specifisch leichten Blut¬
plättchen nicht wie bei der gewöhnlichen Zählkammer in so ver-
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Gougle
Original ffom
UNIVERSUM OF IOWA
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1.
15
3 . /war.
schiedenen Querschnitten des Gesichtsfelds verteilt sind, und daß
außerdem eine stärkere Vergrößerung (Wasserimmersion D*1 an-
gewendet werden kann. Als Verdünnungsflüssigkeit dient 10°/ 0 ige
Natriummetaphosphatlösung. Aus der mit Alkohol und Aether
gereinigten Fingerbeere aspirierten wir das Blut bis zur Marke 0,3
bn Leukocytenmelangeur und verdünnten rasch mit der obenge¬
nannten Verdünnungsflüssigkeit.
Das Schütteln des Melangeurs wurde aus sogleich zu er¬
wähnenden Gründen genau durch drei Minuten vorgenommen. Es
wurde stets der ganze Quadratmillimeter durchgezählt und ent¬
sprechend der Verdünnung von 0,8 auf 10,0 und der Höhe 0,02 mm
durch Multiplikation der gefundenen Zahlen mit 1665 die Gesamt¬
menge der Plättchen im Kubikmillimeter bestimmt.
Die Resultate unserer Zählungen an normalen Individuen
stimmen gut mit jenen anderer Autoren überein. Wir erhielten
als Durchschnittszahl 251 000 Plättchen im Kubik¬
millimeter. Zum Vergleiche die Befunde anderer Autoren:
Bizozero. 250 000
Affanassiew .... 200000—300000
Helber. 192 000-262 000
pratt. 266 000
Achard und Aynaud . 216 000
Wir glauben daher, daß die direkte Zählung den komplizier¬
ten indirekten Bestimmungsmethoden von Sahli, Achard und
Aynaud, Port und Akyama und Andern vorzuziehen ist.
Es erscheint aber notwendig, auf unsere Beobachtung hin-
zuweisen, daß bei der direkten Bestimmungsmethode ein Versuchs¬
felder dadurch eintreten kann, daß das Schütteln des Melangeurs
zu lange ausgedehnt wird. Die Zahl der Blutplättchen kann dann
auffallend zunehmen; allerdings stellen sie sich dann in einer
ungewöhnlichen Form dar, wesentlich kleiner, deformiert und auf¬
gefranst.
Einige Beispiele:
1. F. K. nach 2 Min. 146000, nach 10 Min. 174000
2. H.V. „ 2 „ 313000, * 15 „ 417000
8. A. F. „ 2 * 173000, „ 20 „ 302 000
Offenbar handelt es sich um Partikel, die aus den Leukocyten,
vielleicht auch aus den Erythrocyten durch das lange Schütteln
abgesprengt werden.
Durch zahlreiche Vergleichs versuche überzeugten wir uns,
daß bei genau drei Minuten langem Schütteln hinreichend kon¬
stante und mit andern Autoren Übereinstimmende Zahlen resul¬
tierten.
Drei Beispiele von unmittelbar aufeinanderfolgenden Kontroll-
zähhmgen an den gleichen Personen:
1. P.T. a) 189700 2. T. R. a) 233000 3. P. a) 548 000
b) 200600 b) 229 000 b) 562000
c) 193000
Die Zahlen differieren nur um einige Tausende, was nicht
wundernehmen kann, wenn man bedenkt, mit wie großen Zahlen
multipliziert wird.
I Fälle mit Vermehrung der Leukocyten.
Name and Diagnose
1. K. (Parametritia, 39°) . . .
2. Sch. (Endoeard. ulcer.) . . .
3. E. R. (Endoeard. diplococ.)
4. Juli
8 . *
4. N. R (Pyaemie).
A Web. (Pyelit, itaphyl.) . . .
6. Wal. (Cholangitis) . 6. Juli
l P. (Malaria tertiana)
3. Juli . . .
5 .
6 .
früh .
abends.
mittags
K J. (Lymphogranulomatosis)
N, P. ( n j
10. ün. (Chron. myel. Leukämie)
11. W. (Subakut. „ „ )
11. Februar
24. ff
19. März .
24. „ .
Leukocyten
87 600
15 300
15 800
7 560
14400
10 200
8400
11000
9200
6900
10 800
6 550
7220
14 900
13 600
268 000
240 000
148 000
76000
137000
Blut¬
plättchen
507000
402000
366000
283 000
740 000
859000
314000
445000
/548000
\562000
272 000
505000
313000
363 000
528000
616 000
316 000
416 000
456 000
1046 0001
630 000
Bemerkung
15 Std. nach
d. Anfälle.
Abends 1 g
Chinin.
Schließlich erwähnen wir noch Zählungen bei einem splen-
ektomierten Hunde, bei dem schon vor der Operation am 8. Ja¬
nuar 1914 beträchtliche Leukocytose bestand:
Datum
Leukocyten
25000
Blntplättchen
8. Januar . .
564000
10.
16. » ...
21000
572000
520 000
9. März . . »
15 000
261 000
24. ff . . ’
14000
272 000
Ein Ueberbliok über diese Zahlen zeigt, daß ohne Ausnahme
sämtliche Fälle mit Hyperleukocytose gleichzeitig eine deutliche,
oft sehr hochgradige Vermehrung der Plättchen aufwiesen. Es
zeigt sich ferner, daß dort, wo mehrere Zählungen an demselben
Falle vorgenommen wurden, ein Parallelismus in der Bewegung
beider Zahlenreihen unverkennbar ist. Am charakteristischsten
tritt dies bei den sprunghaften Schwankungen des Malariafalls
hervor; ebenso bei der abklingenden Leukocytose des Hundes.
Eine Ausnahme macht nur die subakute Myelose, bei welcher
während des Leukocytenabfalls die Blutplättchen die ungewöhn¬
liche Höhe von über einer Million erreichten, was sich auch in
den gefärbten Präparaten aufs deutlichste zeigte. Die Beurteilung
dieses überhaupt atypischen Falles ist deshalb schwierig, weil der
Leukocytensturz hier anscheinend spontan, ohne einen therapeuti¬
schen Eingriff, erfolgte, während die leukämischen Infiltrate in der
Haut und den Lymphdrüsen dabei eher Zunahmen.
H. Fälle mit verminderten Leukocytenzahlen.
A. Perniziöse Anämie vor therapeutischer Beeinflussung.
Fall
1. Str. . .
2. Ans.
3. Gie. . .
4. Pi. . .
5. Ho. . .
6. Vis. . .
B. In den folgenden Fällen von perniziöser Anämie war durch
Therapie (teils Splenektomie, teils Arsen-Salzsäure-Therapie) der Blutbe-
faud geändert worden.
Erythrocyten
. . 1214000
Leukocyten
4420
Plättchen
113000
. . 1200000
3 220
148000
. . 577 000
3 800
134000
. . 1200000
4 500
93000
. . 1880000
3 500
208 000
. . 1320000
4100
164000
Fall Erythrocyten Leukocyten
Plättchen
Bemerkung
7. Gl. 24. April .
1280000
3 600
160000
Arsentherapie
11. Mai . .
1 736 000
4000
192 000
27. „ . .
3 008 000
4000
192000
12. Juni. .
8 604000
?
165000
8. Wo. 9. Juni .
1888000
4 800
130000
Artentherapie
7. Jnli. .
2 640 000
6 600
152 000
9. Wa. 17.Okt.1913
2 000 000
4 500
135 000
Splenektomie
14. Febr.1914
3000 000
5100
155 000
25. Sept. 1913
10. Wag. 10. April
1316 000
5 980
157000
Splenektomie
25. „
1792000
7 200
178000
4. April 1914
20. Mai.
2882000
7 000
158000
5. Juni
3 360 000
6 500
214000
2. Jnli.
3 600 000
6 600
198 000
14. * .
3 968000
5 520
273 000
11. Ra. 10. Mai 1914
2882 000
9 600
147000
Splenektomie
11. Juli .
3 020 000
6 500
279 000
23. März 1913
12. Rö. 18.0kt. 1913
1500 000
3 500
89 000
Splenektomie
15. Juli 1914
1100000
6 420
178000
28. Aug. 1913
Aus diesen Zahlen ergibt sich, daß, wie ja schon seit langem
bekannt, eine Verminderung der Blutplättchen auf der Höhe der
perniziösen Anämie stets vorhanden ist.
Grenzwerte sind 89 000 bis 208 000. Bei unbehandelten
Fällen bewegen sich die Zahlen meist um 150000. Im Stadium
der Besserung ist im allgemeinen sowohl seitens der Leukocyten
als auch der Blutplättchen die Tendenz zum Anstieg erkennbar.
Der eine von uns hat darauf hingewiesen, daß nach Splenektomie
die Blutplättchen bei perniziöser Anämie vorübergehend sogar über
die Norm vermehrt sein können, doch sinken sie bald wieder zu
normalen und selbst subnormalen Werten ab. Es ist hier auch
ein strikter Parallelismus zwischen Leukocyten- und Blutplättchen¬
zahl nicht so deutlich wie bei den Leukocytosen und die Blut¬
plättchen können hier bei andauernd normalen und selbst erhöhten
Leukocyten werten unter die Norm sinken (z. B. Fall 10 und 11),
wodurch die hochgradige Schädigung ihrer Produktion bei per¬
niziöser Anämie aufs deutlichste dokumentiert wird.
Im Anschluß an diese Beobachtungen erwähnen wir einen
Fall von Staphylokokkensepsis bei einem 12jährigen Knaben, der
mit dem Blutbilde der perniziösen Anämie einherging.
Fall Erythrocyten Leukocyten Plättchen
7. Mai. . . 1084 000 6 000 91000
24. ff ... 784000 8 300 64000
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Gck igle
Original frn-m
UNIVERSUM OF IOWA
16
1915 — MEpIZINISCHE KLINIK — Nr. 1.
3. Januar.
Des weiteren einen Fall von posthämorrhagischer Anämie
bei Ulcus ventriculi mit vorübergehender Leukopenie.
Fall Leukocyten Plättchen
(6 der Tabelle Nr. 1). 16. Januar. 4 500 114 000
22. , 7 900 246000
9. Februar 8 900 272000
Ferner hatten wir Gelegenheit, drei Fälle von hämorrhagi¬
scher Diathese zu untersuchen.
Fall 1, ein 17jähriger Patient, dessen Großvater wahrschein¬
lich hämophil war, litt seit Jahren an rezidivierenden Blutungen
im Augeninnern. Fall 2 und 3 waren Purpuraerkrankungen nach
chronischer Unterernährung durch vegetarische Diät.
Fall Leukocyten Plättchen
1- R- .4000 6 000 {‘3*00®
2. V. A. ... 2800 92 500
3. K. S. 4 380 187 000
In allen drei Fällen ging also die Verminderung der Leuko¬
cyten mit ausgesprochenem Plättchenmangel einher.
In den folgenden Experimenten wurde das Verhalten der
Plättchen bei künstlich hervorgerufener Leukocytose geprüft.
Zu diesem Zwecke bedienten wir uns einerseits der Gelatine
in Dosen von 40 ccm 10%igen Merckschen Präparats, subcutan
I. Gruppe. Gelatineinjektion.
Kammer
Name
Datum
Stunde
Leuko¬
cyten
Blut-
platt-
Bemerkungen
Diagnose
eben
1. F. V. Chron.
2. Dez.
6 Uhr abends
7410
270000
vor der Injektion.
Bleivergiftg.
Nephritis
3.
9 Uhr vorm.
10200
560 000
15 Stunden nach Injektion
8.
6 Uhr abends
11000
420 000
24
4.
10 Uhr vorm.
8 000
306 üOO
40
3. Tag
6.
i*
10 Uhr vorm.
7 020
275000
2. H. R. Poly-
B. Dez.
6 Uhr abends
8 800
296 000
vor der Injekt'on
9erosit chro-
6.
9 Uhr vorm.
14 050
608 000
16 Stunden nach Injektion
nlca adh.
6.
6 Uhr abends
13 300
407 500
24
7-
VjlOUbr vorm.
10 700
320 000
40.
8.
10 Uhr vorm.
8 300
238 000
3. Tag
8. W. K. Colitis
10. Dez.
6 Uhr abends
6 960
282 000
! vor der Injektion
ulcorosa
11.
9 Uhr vorm.
14500
469 000
15 Stunden nach Injektion
11.
6 Uhr abends
9 820
407 500
j 24 .
12.
10 Uhr vorm.
9 020
281 000
f 40
13.
..
10 Uhr vorm.
7 900
239 000
3. Tag
4. N. J. Icterus
8. Jan.
6 Uhr abends
7 500
270 000
vor der Injektion
catarrhal.
9.
10 Uhr vorm.
10 200
368 000
16 Stunden nach Injektion
9.
..
6 Uhr abends
7 900
324 000
21
5. J. K. Ulcus
13. Jan.
1 6 Uhr abends
6 700
187 000
vor der Injektion
ventriculi
14.
10 Uhr vorm.
11 800
380 000
16 Stunden nach Injektion
14.
' 6 Uhr abends
9 700
210 000
21 „ „ ' „
15.
] 10 Uhr vorm.
7 500
192 000
46
16.
| 10 Uhr vorm.
6 200
120000
3. Tag
19.
**
10 Uhr vorm.
4 800
96 000
6. Tag
6, 8.W. Sekun-!l6. Jan.
j 6 Ubr abends
' 4 500
114 000
vor der Injektion
d&re Anämie
j 10 Uhr vorm.
| 6 200
139coo 15 Stunden nach Injektion
naoh Ulcus
17.
! 6 Uhr abends
9620
188 000
21
ventriculi
18.
5 10 Uhr vorm.
6 000
164 000
40
19.
10 Uhr vorm.
1 6 300
168 00(1
|
22 .
31.
”
10 Uhr vorm.
10 Uhr vorm.
7 900
9 200
216 000
220 900
! Kisentherapie
1
9. Mürz
11 Uhr vorm.
8 900
272 000
)
7. K.R Ca ven-
19. Jan.
6 Uhr abends
5 700
195 000
vor der Infektion
triculi
20.
io i hr vorm. ,
7 700 I
232 000
16 Stunden nach infektion
20.
6 Uhr abends
8 100 1
2 M 000
21
1
21.
"
11 Uhr vorm.
8 080
212000
42
& P.8. Cirrhos.22. Jan.
6 Uhr abends i
8 200
211O00
vor der Infektion
hepatis. j
23.
10 Uhr vorm.
11 020
260 (K)0
15 Stunden nach Injektion
23.
6 Uhr abends
12010
405 000
21 .
i
24.
10 Uhr vorm, j
9TfK)
266 000
40
,27.
* |
10 Uhr vorm. ,
9 100
254 000
5- Tag
9, P. R. Stenos.|27, Jan. 6 Uhr abends 10 200 408 000 vor der Injektion
oesopbag. '27. „ 10 Uhr vorm. 0700 312000 Sinken derLeukocvte,,- und
oarcmoma- 28. „ t 6 Uhr abends J 9 000 263 000 Blutplättchenzah'l
tosa 29. „ | 10 Uhr vorm. ! 8 200 175000
II. Gruppe. Pbylakogeninjektionen.
Tabelle VII. Patient F. Gr. (Chronischer Rheumatismus)
Datum
Stunde
Leukocyten
Blut¬
plättchen
Bemerkungen
6. Mftrz
11 Uhr vorm.
1 8000
280 600
Injeklion 0,3 ccm Phviakogen
6. n
6 * abends
13 200
866 000
V s 12 Uhr vormittags intravenös.
6. . |
| fl , vorm.
1 6900 |
222 700
7. März
9 Uhr vorm.
! 8600 |
266000 |
i Injektion 0,5 ccm Ph 3 *Iakogeu
7. •
«• •
5 „ nachm.
9 „ vorm.
12600 |
9600 |
383 000 1
288 000 |
10 Uhr vormittags.
injiziert; anderseits der Injektionen von „Shafers Rheumatismus-
Phylakogen“, eines von der Firma Parke, Dawis & Comp, erzeug¬
ten sterilen Filtrats von verschiedenen Bakterienkulturen, das an
der Klinik gegenwärtig zu therapeutischen Zwecken erprobt wird.
Auch bei diesen zehn Experimenten sehen wir ohne Aus¬
nahme gleichmäßige Bewegung der Leukocyten- und Plättchen¬
zahlen, wobei auch die Gipfelpunkte der beiden Kurven genau zu¬
sammenfallen.
Im Fall 9 mit leichter präexistenter Leukocytose trat keine
Steigung, sondern parallele Senkung beider Zahlenreihen ein.
Hervorzuheben ist ferner die geringfügige und verlangsamte
Reaktion sowohl der Leukocyten als der Plättchen bei dem leuko¬
penischen Patienten (Sv. Fall Nr. 6, Tabelle ), sowie bei dem¬
selben Falle die im Laufe der Genesung allmählich vor sich gehende
Rückkehr der Blutplättchen zu normalen Zahlen.
Auch boi Fall 7, einem kachektischen Magencarcinom, war
sowohl die Leukocytose als die Plättchenvermehrung nach der
Gelatineinjektion sehr geringfügig.
Ebenso ist bei drei Tierexperimenten (intravenöse Kollargol-
injektion bei Kaninchen) dieselbe Uebereinstimmung in den Be¬
wegungen der Leukocyten und der Plättchen zu erkennen.
Kollargolinjektionen.
Tabelle VIIL
Nr. des
Tiers
Datum
Stunde
! Leukocyten
Blut¬
plättchen
Bemerkungen
1
26 Februar
11 Uhr vorm.
20000
!
633000 i
um 12 Uhr mittags
0,6 ccm l°/,.ige Kollargol-
lösung.
27. «
10 „
29500
696000
2
2. März
11 Uhr vorm.
12 600
454000 I
um 12 Uhr mittags
0,6 ccm l°/oige Kollargol-
lösung intravenös.
2. ft
6 „ abends
13 800
640 OCO
3 «
10 , vorm.
8 600
488000
am 8 März ging das
! i
Tier zugrunde.
3
13. März
9 Uhr vorm.
12 000
402 000
um IX Uhr vormittags
0,5 ccm l%ige Kollargol-
lösung intravenös.
14. «
11 «
16 900
750 000 1
!
18. ,
10 ft ft ;
16 000
550000 |
Auf Grund der mitgeteilten Untersuchungen ist es wohl ge¬
rechtfertigt, es als Regel hinzustellen, daß die Zahlenschwankungen
der Leukocyten von parallelen Bewegungen der Plättchenzahlen
begleitet werden. Die Erhebungen beider Kurven pflegen gleich¬
zeitig einzusetzen, ihre Gipfelpunkte koinzidieren, der Abfall erfolgt
ebenfalls synchron und der Grad des Ausschlags erscheint im all¬
gemeinen beiderseits proportional.
Dieses Vorhalten beobachteten wir sowohl bei den protra¬
hierten, selbst über Monate sich erstreckenden Leukocytenvermeh-
rungen, z. B. Granulomatose von mehrjähriger Dauer, Leukämie,
als auch bei ganz akuten Hyperleukocytosen mit nur stundenlangen
Oscillationen, wie bei dem Malariafall und den experimentell pro¬
vozierten Leukocytosen.
Anderseits fanden wir sowohl bei kurz vorübergehenden
(posthämorrhagische Anämie) als bei langdauernden Leukopenien
(perniziöse Anämie, hämorrhagische Diathesen) stets ausgesprochene
Verminderung der Blutplättchen. Auch hier kehren im allgemeinen
die Plättchen gleichzeitig mit den Leukocyten zur Norm zurück.
Doch haben wir in dieser Beziehung bei der perniziösen
Anämie insofern mitunter Abweichungen gefunden, als die Be¬
wegung beider Reihen nicht immer streng gleichmäßig zu erfolgen
scheint, sondern boi bereits wieder normalen Leukocytenwerten
die Zahlen der Plättchen noch hinter der Norm zurückstehen
oder gelegentlich auch vorübergehend über die Norm erhöht
sein können.
Auf der andern Seite habon wir als einzige Ausnahme unter
den hy perleukocy torischen Zuständen boi einer myeloischen Leu¬
kämie während eines spontanen Leukocyiensturzes eine ganz un¬
gewöhnlich hochgradige Plättchonvormehrung eintreten sehen.
Aehnliches wurde von Stern im Verlauf rascher Leukocyten-
abnahme boi Leukämie infolge von Benzoltherapie beobachtet.
Es wurde auch bereits darauf hingowiesen, daß Port und
Akyama, ebenso Helber bei Pneumonie und Erysipel Diver¬
genz beider Formelemeüte (Verminderung der Plättchen vor der
Krise) festgestellt und daraus die genetische Unabhängigkeit der
Plättchen von den Leukocyten gefolgert haben.
Diese Schlußfolgerung erscheint uns aber zu verallgemeinert
und verfrüht. Denn man kann doch nicht übersehen, daß die
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UNIVERSUM OF IOWA
3. Januar.
1915 — MEDIZINISCH !• KLINIK — Nr. 1.
17
üebereinstimmung im Verhalten beider Elemente die Regel bildet
und daß somit gelegentliche Divergenzen durch sekundäre Momente
bedingte Ausnahmen darstellen können.
So konnte man vom Standpunkte der leukocytären Plättchen¬
genese aus verstehen, daß bei raschem Zugrundegehen zahlreicher
Leukocyten (Remission einer Leukämie) die Plättchen zunächst
rasch zunehmen. Es könnten bei der perniziösen Anämie die
Leukocyten als Abkömmlinge eines pathologischen Knochenmarks
gleich den Leukocyten protoplasmatische Schädigungen aufweisen,
«eiche der Plättchenabschnürung entgegenwirken. Es ist ferner
sowohl im Sinne der Leukocyten- als der Riesenzellentheorie durch¬
aus denkbar, daß erst eine Steigerung des toxischen Reizes über
eine gewisse Intensität die Divergenz der beiden Kurven bewirkt.
So bat Duke gezeigt, daß Diphtherietoxin im Tieroxperiment bis
zu einer gewissen Dosis Plättchenvermehrung, darüber hinaus
aber Verminderung hervorruft. Daß gerade bei so akuten inten¬
siven Hyperleukocytosen wie bei Pneumonie diese Abweichung von
der Regel gefunden wurde, würde mit dieser Anschauung gut
übereiustimmen.
Es ist übrigens darauf hinzuweisen, daß Türk, allerdings
nicht auf Grund von Zählungen, sondern nach den Blutpräparaten,
die Plättchen bei Pneumonie regelmäßig schon von Beginn der
Krankheit an als reichlich, nach der Krise als bedeutend vermehrt
bezeichnet. Auch wäre zu überprüfen, ob die Bestimmung der
Plättchenzahlen durch Feststellung ihres Verhältnisses zu den
Erythrocyten nicht durch die großen Zahlen schwank ungen der letz¬
teren gerade bei ganz akuten Fieberzuständen (Schweiße, vasomo¬
torische Einflüsse) zu Irrtümern führen kann.
Es können daher nach unserer Meinung gelegentliche Un¬
stimmigkeiten zwischen den Leukocyten- und Plättchenzahlen nicht
ohne weiteres als Beweis einer selbständigen Genese der Plättchen
and ihrer Unabhängigkeit von den Leukocyten verwendet werden.
Die Resultate unserer Untersuchungsrrihe sprechen in dem
Sinne, daß die Leukocyten und die Blutplättchen denselben ver¬
mehrenden respektive vermindernden Einflüssen zu gehorchen pflegen,
während eine Beziehung zur Anzahl der Erytrocyton nicht zu-
tago trat.
Es liegt nahe, dieses Verhalten als direkten Beweis für die
Abstammung der Plättchen aus den Leukocyten hinzustellen. Allein
ebenso wie für ihre Genese aus den Knochenmarkriesenzellen
eben dieselben Argumente; Üebereinstimmung der Struktur und
direkt zu beobachtende Abschnürung ins Treffen geführt werden
wie für ihre Entstehung aus den neutrophilen Leukocyten, könnte
ein Anhänger der Megakaryocytentheorie unsero Befunde in dem
Sinne deuten, daß die Riesenzellen als typische Bestandteile des
myeloischen Gewebes denselben Reizen im positiven oder negativen
Sinne unterliegen, wie die Myelocyten und Myeloblasten, und daß
daher der Parallelismus aut der gleichzeitigen Beeinflussung der
beiderseitigen Stimm zellen beruht.
Wir wollen daher unsere Resultate nicht als in dem einen
oder andern Sinn entscheidend hinstellen, um so mehr, als vielleicht
beide Anschauungen zu Recht bestehen.
Literatur: 1. Achard und Aynaud (Cpt. r. d. Riol. 1907, Rd. 2,
S. 590, Cr.4; 1908, Rd. 1, S. 041, 714, 898; Rd. 2, S. 57, 382, 4 )2, 551. 724). —
2. A ffanas'sicw (D. Aich. f. k 1 in .Med.. Rd 35). — 3. Arnold i Virch. Arch.,
Rd. 50 und 55). — 4. Auherti» (Cpt. r. de Riol 1905. Rd. 1, S. 39) — 5. Bi-
zozero (Virch Arrli.. Rd. 90). — 6. Riirker eM.m.W. 1904, Nr. 27). — 7.Rern-
hard (ZioHers Reitr. Rd. 55). — 8. Rrockhank. Cljnical not.es oh blond plutos.
(Lancet 182.) — 9. v. I) e ca^tol 1 o u. Krjukolf, Untersuchungen filier die Struk¬
tur der Rlutzell'*]). (Wien 1911.) — 10 Duke, O.usos nf Variation in tim Flu-
tolets couut (Scj»ar. oti.se. of Arch. of intern. Med., Januar 1913.) — 11. Dow-
Ney, The origino of hlood-jdntelets. (Fol. haeniat, Rd, 15, S 1.) — 12. Deetien
(Vireh. Arch.. Rd. 104). — 13 F.tninet (Arch. f. Kindhlk., Rd. 57). - 14 Fo-
nio (D. Zschr. f. Chir, Rd. 117) — 15 Reiber (D. Arch f. klin. Med., Rd. 81
und 82). — 16. llirschfeld (Virch Arch, Rd. 106). —17. Lo Sourd «0 Pa¬
nier (Soc. de Riol. 1906. 21. Juli. 8. Dezember: 1507, 25. Mai; 1912. S. 611). —
18. Moravitz (ü. Arch f. klin. Med., Rd 79, S. 209). 19. Nuyeli, Blut-
kranklieiten und Rlutdiaenostik. 2. Auflage (Leipzig 1912). — 20. Nathan-
Larie (Soc. de BiM. 1907, Bd. 2. S. 771). -- 21. Papo.nhoim (M. ra. W. 1001,
Nr. 21; ß. kl. W. 1902. Nr. 47). — 22. Ogata, Zieglers BeTr., Rd. 52). - 23. Port
u. Akiyama (D. Arch, f. klin. Med.. Rd. 106). — 24 Preis ich u. Heim (Virch.
Arch., RI. 17s; D. m. W. 1913, Nr. 38— 25. Schwalbe (M. in. W. 1501,
Nr. 10; 1904, S. 725). — 26. Marino (Soc. de Riol 19u5, Rd. 1, S. 194). — 27.
AVright (Virch. Arch., Bd. 186, S. 55). — 2s. Türk, Klinische Untersuchungen
über das Verhalten des Bluts usw r . (Wien 1898.)
Ans den neuesten Zeitschriften.
•Deutsche medizinische Wochenschrift 1914 , Nr. 51,
E. Meyer (Königsberg i. Pr.): Psychosen und Neorosen In der
imee während des Kriegs. Vortrag, gehalten am 23. November 1914
im Verein für wissenschaftliche Heilkunde in Königsberg i. Pr. *
Bosch (Krefeld): Zur Diagnose und Therapie der Gasphlegmone.
Fährt man mit dem Rasiermesser über das betroffene Glied, so wird der
heim Schaben des Messers entstehende Ton ganz auffallend hohl, bell¬
tönend, schschtelartig, sobald das Messer an eine auch nur die geringste
Menge Lnft am Unterhautzellgewebe enthaltende Stelle der Haut gelangt.
In einem Falle konnte dadurch die Diagnose ganz am Beginne gestellt
werden, sodal es gelang, durch Excision der ganzen Wunde weit im ge¬
sunden Gewebe der Infektion Herr zu werden. Durch das eben beschrie¬
be einfache Phänomen kann man sich auch genau vergewissern, ob
die eventuelle Amputationastelle genügend hoch gewählt ist.
Reckzeb: Die gutachtliche Tätigkeit des Kriegsarztes. Schluß.
Hingewiejen wird unter anderm auf die Kriegssanit&tsordnang mit ihren
Anlagen (z. B. Anlage 6 mit den dazu gehörigen Mastern), ferner auf
die Diemtanweisung zur Beurteilung der Militärdienstfahigkeit (enthaltend
Anweisungen zur Untersuchung und Ausstellung militärärztlicher Zeug-
Düse bei Mannschaften, Offizieren, Sanitätsoffizieren und Beamten). Für
1* Beurteilung der Garnison- und Felddienstfähigkeit ist eine genaue
Kenntnis der Beilage 1 der Dienstanweisung unerläßlich. Empfohlen
*Kd. zum Studium die bei den Truppenteilen vorhandenen Sammlungen
nuicher Gutachten einer Durchsicht zu unterziehen. Betont wird ferner;
oteine oder gespaltene Herztöne kommen sowohl bei post mortem
ge»und befundenem Herzen vor wie auch bei Veränderungen der Klappen
0 w der Klappenmuskulatur. Accidentelle oder fnnktionelle Geräusche
vechaeln im allgemeinen stark in bezug auf ihre Intensität. Sie sind am
eu ifhiten am Ostium pulmonale zu hören, da sie im Anfangsteil der
gw eu Gefäße entstehen. Auch ist hierbei der zweite Pnlmonalton nicht
^ ernor braucht die Extr&systolie — eine Form von unregel-
® ig p r Herztätigkeit — kein Zeichen von schwerer Herzerkrankung zu
p 1 ?’ Die Extrasystolen sind die häufigsten Ursachen deB unregelmäßigen
a es, wobei am Pulse scheinbar ein Schlag ausfällt, weil die Extra-
A* 0 , 1 f °- k 80 ^ 8 * e &m Pu* 80 aicht fühlbar ist. Bei der
weutauon hört man dann einen oder zwei Herztöne unmittelbar nach
i fn au Du, normalen Herztönen; dann folgt darauf eine Pause, die gleich
Urt Jingö ZW0 * er normaler Pulse ist. Die Extr&systolie kann sehr leicht
bei vasomotorischen Neurasthenikern auegelöat werden, lührt also nicht
ohne weiteres zur Dienstuubrauchbarkoit
L. v. Liebermann nnd J. Acel (Budapest); Neuer gefärbter
Nährboden zur scliarfen Unterscheidung siinrebildondor Bakterien
von andern, insbesondere des Collbaclllus vom Typliusbaclllus.
Empfohlen werden mit Kongorot gefärbte Müchzuckeragarplatten.
Peter Bergell (Berliu): Vorstufe dos Diabetes. Das Lösungs¬
vermögen des menschlichen Harns für Kupforoxydhydrat beruht nicht auf
Traubenzucker, die Koduktionskraft normaler Urine nicht auf Glykose.
Ist das Kupferlösungsvermögen besonders stark gesteigert, so besteht
eine Vorstufe des Diabetes. Diese Reaktion verschwindet auf Kohle¬
hydratentziehung, sie wird stärker bei vermehrter Kohlehydrat- und Gly-
kosezufahr, und es treten bei dieser Vorstufe Spuren von Glucose mit
auf. Hereditär Belastete mit starker Kupferlösungsreaktion müssen be¬
züglich ihreB Kohlehydratstoffwechsels wie leichte Diabetiker behandelt
werden und es ist anzustroben, daß die Reaktion bei ihnen stets negativ
oder nur schwach positiv bleibt.
Kurt Frankenstein (Köln-Kalk): Subcutane Applikation von
peristaltikbefördernden Mitteln in der Nachbehandlung nach gynä¬
kologischer Laparotomie. Durch subentauo Injektion von Peristaltin
unmittelbar nach der Operation läßt sich die postoperative Darmparese
vermeiden. Man darf das Mittel aber nicht erst anwenden, wenn sich
Blähungsbeschwerden einstellen. JetU Patientin erhält daher unmittel¬
bar, nachdem sie vom Operationssaal ins Bett gebracht ist, subcutau eine
Ampulle (0,5) Peristaltin injiziert. Die gleiche Dosis wird am Abend
des Operationstags und in den folgenden Tagen früh und abends verab¬
reicht, bis der Zustand des Magens es gestattet, das Mittel per os zu
geben (täglich zweimal 0,05 als Tablette, bis, eventuell unter Zuhilfenahme
eines Einlaufs, die normale Stuhlentleerung in Gang gekommen ist).
Rupp (Chemnitz): Krebsbehandlnng mit Radium. Opernbio
Fälle operiere man und bestrahle sie nachher. Sind die Fälle aber schon
weit fortgeschritten, daß Tumorreste zurflckgelassen werden müssen, so
können diese dnreh folgende Bestrahlung noch völlig entfernt werden.
Berliner (Breslau): Behandlung der Pneumonie, Pleuritis und
Bronchitis mit Menthol-Eukalyptol. Das Mittel wird in Form der
glutfialen Injektion empfohlen.
Carl Brill (Magdeburg): Zur Lichtbehandlung von eitrigen,
jauchigen Wunden. Empfohlen werden die vom Verfasser angegebenen
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1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1.
3. Januar.
Lichtapparate, und zwar besonders der kegelförmige Strahlkörper (zu be¬
ziehen für 10 M vom Strahlkörperversand, Körbelitz, Bez. Magdeburg),
der stundenlang fest auf die Wundränder aufgesetzt wird; bei größeren
Wandflächen kann bequem eine Fernbestrahlung stattfinden.
M. F. Rothschild (Frankfurt a. M.): Zar Bewertung der Nicola-
donischen Plattfußoperation« Empfehlung der Operation, die von dem
Gedanken ausgeht, durch temporäre Ausschaltung der Triceps snrae,
dessen Antagonisten, den kurzen Muskeln der Fußsohle, Gelegenheit zu
geben, durch ihre Contraction das Fußgewölbe wieder herzustellen.
J. Schumacher (Berlin): Znr Desinfektion mit nascierendem
Jod. Mit Hilfe von Jodicumtabletten gelingt es, in der Wunde nascierendes
Jod zu erzeugen, dessen Wirkung infolge seiner langsamen Abscheidung
in statu nascendi besonders stark ist F. Brnck.
Münchner medizinische Wochenschrift 1914 , Nr. 51.
Ernst Rüge (Frankfurt a. 0.): Erfahrungen an den 22 ersten
Fällen von vaginalen Operationen in parametraner Leltangsanästhesle.
Injiziert wird eine genügend große Menge 1 bis 2%igen Novocains, den
auf 100 ccm fünf Tropfen l%oige Suprareninlösung zugesetzt werden, in
das parametrane Gewebe. Das geschieht mit einer genügend langen
Rekordnadel, die rechts und links vom Uterus am höchsten Punkte des
Scheidengewölbes in einer etwas nach außen von der Uterusachse ab¬
weichenden Richtung eingestochen wird. Das Anästheticum soll aber
nicht direkt in die Blutbahn eingespritzfc werden. Die Methode erlaube
Exstirpationen des Uterus, vaginale Myomotomien usw. auszuführen.
Ernst Puppel (Mainz): Argobol, elu neues Silberboluspräparat.
Das Präparat wird für die Behandlung der akuten und chronischen weib¬
lichen Gonorrhöe empfohlen. Man schüttet im Speculum zhka 4 bis 6 g
des Pulvers ein und fixiert es darch einen Wattetampon. Die Urethra
muß besonders behandelt werden. Der frische Cervixkatarrh ist ein Noli
me tangere. Er heilt nnter vaginaler Anwendung von Argobol in kurzer
Zeit aus.
L. P. Grünwald (Kassel): Ein neuer verstellbarer, federnder J
Mundsperrer nach Zahnarzt Alfred Kreis. Der genau beschriebene,
durch Abbildungen erläuterte Apparat wird angelegentlichst empfohlen.
Er ist so klein und schmal, daß er das Arbeiten an der Gegenseite in
keiner Weise stört. Auch die Einführung der Watterollen und des
Speichelsaugers zu gleicher Zeit stößt auf keine Hindernisse.
Wilhelm His: Die chronischen Arthritiden. Ursachen, Ein¬
teilung and Beurteilung (Schluß). Ausführlicher Fortbildungsvortrag,
worin unter anderm betont wird, daß von 17 Fällen chronischer Arthritis,
bei denen Eiterpfropfe in und hinter den Tonsillen nachgewiesen,
wo dieTonsillen völlig entfernt wurden, 14 ungeheilt blieben und
ein Rückgang der Gelenkerscheinungen nur bei drei eintrafc, von denen
das Dauerresultat noch nicht angegeben werden kann, da keiner um mehr
als sechs Monate znrückliegt.
Feldürztliche Beilage Nr, 20.
Georg L. Dreyfus und Waldemar Unger (Frankfurt a. M.): i
Die kombinierte Antitoxlnüberschwemmungs- und Narkosetherapie
des Tetanus. Die Behandlung besteht im wesentlichen in folgendem:
Intralumbale Injektion von 100, intravenöse Injektion von 100 bis
300 und schließlich endoneurale Einspritzung von 100 Antitoxinein¬
heiten (die meist in Frage kommenden Stellen sind: Plexus brachialis
unterhalb der Clavicula, N. ischiadicus in der Gefäßfallo und N. femoralis
in der Leistenbeuge). Dazu kommt die narkotische Therapie: Morphium,
Chloralhydrat, Luminal (1 bis 2 ccm einer 20%igen wäßrigen Luroinal-
natriumlösung subcutan = 0,2 bis 0,4 Luminalnatrium). Ferner: Magne¬
sium sulfuricum, in der Regel intramuskulär (5,0 und 25%ige Lösung
ein bis zwei-, höchstens dreimal täglich).
Hanckon: Zar Prognose and Behandlung der Schädel schlisse.
Bei tangentialen Knochenschüssen des Schädels mit und ohne Verletzung
des Gehirns bietet die Frühoperation die besten Heilungsaussichten. Bei
Steckschüssen muß man sich von Fall zu Fall entscheiden. Durchschüsse
des Gehirns haben wie die Steckschüsse im ganzen eine schlechte Pro¬
gnose, es kommen aber bei zuwartender Behandlung einzelne Fälle zur
Heilung.
Schede (München): MohlÜBation versteifter Gelenke. Es kommt
auf eine ganz langsame und schonende Dehnung sowie auf eine Fixation
des Glieds in der erreichten Stellung an. Um dios zi. ermöglichen, hat
der Verfasser eine Schiene konstruiert, die gleichzeitig für jeden paßt
und von einer unbeschränkten Zahl von Patienten benutzt werden kann,
die außerdem billig und von jedem und überall leicht zu handhabon
ist. Eine einfache Umdrehung des ganzen Apparats um dio Achse des
Armes kehrt seine Wirkung in ihr Gegentoil um. Man kann also mit
dem gleichen Apparat die Beugung und Streckung forcieren.
Fr. J. Kaiser (Zürich): Nachbehandlung von Gelenkschttssen
besonders des Schnltergelenbs. Bei diesem muß man den aktiven
BewegungsübuDgen durch passive nachhelfen. In welcher Art diese
aasgeführt werden, wird genau beschrieben. Man beginnt diese passiven
Bewegungen etwa 10 bis 14 Tage nach der Verletzung, um bis dahin
der Muskulatur und dem Gelenke Zeit zu lassen, den ersten entzündlichen
Reiz und eine eventuelle leichte Infektion zu überwinden. Zunächst
schonend unter Kontrolle der Temperatur und der nachfolgenden Schmerzen.
Gegebenenfalls stellt man nachher wieder für einige Zeit das Gelenk vor¬
übergehend ruhig.
Arthur Mueller (München): Zar Behandlung großer Weich-
tellverletzungen. Um die Wundränder von Anfang an möglichst ein¬
ander zu nähern, verwendet mau den elastischen Zug. Man läßt Haken¬
oder Haftenbänder, wie man sie fertig kauft, auf zirka 5 cm breites Leuko¬
plast aufnähen. An diesen Bändern sind in etwa 2 cm Entfernung
Haken und Oesen abwechselnd befestigt. Diese Bänder klebt man am
Rande der Wunde in deren Läugsausdehnung auf. Durch die Oasen
werden dünne Gummiringe geschlungen, wie sie zum Verschnüren von
Paketen benutzt werden. Nachdem die Wunde mit Gaze bedeckt ist,
werden die Gummiringe über die Haken an der entgegengesetzten Seite
mit beliebig starkem Zuge befestigt.
Fritz Lesser (Berlin): Praktische Winke zar Verhütung und
Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten und von Ungeziefer Im
Felde. Empfohlen wird zur Verhütung des Trippers die starke Protargol-
einträuflung (Rp. Argent. proteinic. 5,0 Solve in Aq. frigid., Glycerin ad
25,0. S. Zwei Tropfen in die Harnröhre und ein Tropfen in den Vorhaut-
Back einzuträufeln. Aus der Tropfpipette). Diese Lösung sollte in die
Sanitätstasche des Feldarztes aufgenommon werden. Bedenklich aber ist
es, dem unteren Sanitätspersonal die uneingeschränkte Verabfolgung von
Schutztropfen zu überlassen. Nach den feldärztlichen Erfahrungen des
Verfassers ist das Ulcus moIle viel häufiger als der Primäraffekt anzu¬
treffen. Um dem Entstehen neuer Ulcora durch Ueberimpfung vorzubeugen,
empfiehlt sich die Aetzung mit Acid. carbolic. liquefact. (zunächst vor¬
sichtiges Betupfen, um eine Anästhesie herbeizuführen, dann nach l /a Minute
nimmt man durch Druck auf den Geschwürgrund die eigentliche Aug-
ätzuug vor). Der Verfasser bespricht dann die Abortbehandlung der
Syphilis und stellt die Hauptunterschiede ganz frischen Ulcus durum
und molle gegenüber. Er erwähnt, daß durch Aetzung mit Karbolsäure
bei jedem Geschwür eine positive Verhäutung ein treten könne. Dem
Standpunkte Lessers, jeden mit einer venerischen ulcerösen oder erosiven
Affoktion Behafteten geradeso zu behandeln, wie einen mit frischer
Syphilis Infizierten, kann der Verfasser nicht beipdichten. Was die
Diagnose der Skabies anbetrifft, so kann man diese fast immer aus¬
schließen, wenn die Achselfalten (die Ausläufer der Achselhöhle nach
vorn) frei sind. Bei der Behandlung der Phthiriasis mit Ungueut. einer,
soll ein Einreiben der Salbe in die Haut unterbleiben. Es genügt, die
graue Salbe in den Haaren der Genitalien mit den Fingern zu verfilzen.
Abrasieren der Schamhaare ist zu unterlassen, da das Nachwachsen der
Haare oft sehr heftiges Jacken auslöst.
Mi ln er (Leipzig): Aerztllche Untersuchung der Mannschaften
für den Krieg« Ihre Notwendigkeit beim Eintritt und beim Ausrücken
der Soldaten wird betont. Zugleich werden Ratschläge für die Aus¬
stattung der ins Feld Ziehenden gegeben.
Helene Hölder (Tübingen): Iler Schwebemarkenlokalisator«
Die von Wachtel veröffentlichte Methode wird empfohlen.
Felix Kraemer (Frankfurt a. M.): Sterile Schnellverband-
schiene. Sie besteht aus dem festen Material (z. B. Pappschiene) und
der Verbaudkompresse, die durch die Schiene hindurch au diese durch
Haltebänder festgeknotet ist.
Wolffberg (Breslau): Elastisches Augen verbandkissen« Es
kommt da in Betracht, wo an die Elastizität des Verbandes erhöhte
Anforderungen gestellt werden müssen (bei subkonjunktivalen undVorder-
kammerblutungen, bei Hornhauterosionen und ganz besonders bei Nefcz-
hautablösung). Zu diesem Zwecke bedient sich der Verfasser elastischer,
mit Kapok, d. i. Pflanzenfaser, gefüllter Leinewandkissen vonovoider Form
(erhältlich bei der Firma Rudolf Reiß-Charlottenburg).
Erich v. Redwitz (Würzburg): Znr Behandlung der Frakturen
im Kriege. Ein altes, aber vorzügliches Improvisationsmittel zur
Schienung der Frakturen der untern Extremitäten ist die Transportlatte.
Bei deren Anwendung wird auch oine gewisse Extonsioö erzielt, die sich
noch durch eine Einschaltung von Gummidrains zwischen Fuß und
distalem Ende der Latte verstärken läßt.
Rockzeh: Die durch den Krieg auf dem Gebiete des Ver¬
sicherungswesens geschaffenen Aenderungen. Die eingehende Ueber-
sicht bezieht sich sowohl auf das staatliche wie auf das private Ver¬
sicherungswesen.
Georg Liebe (Waldhof-Elgershausen): Krieg und Tuberkulose.
Der Verfasser wirft die Frage auf, wie die durch den Krieg erhöhte Zahl
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19
1 Januar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1.
der w Tuberkulose erkrankten Soldaten unterznbringen sei. Er bekämpft
den Vorschlag, dafür leerstehende Sommerfrischen — offene Quartiere —
heruznsiebeo. Denn die psychische Behandlung, der gelinde Zwang des
Sanatoriums, der Heilstätte, ist für diese Art von Kranken unbedingt
notig. Schon jetzt sollte mau tuberkulös erkrankte Soldaten in Heil-
,litten schicken, deren viele leer stehen und bisher noch vergeblich auf
Verwundete warten. F. Brnck.
Zentralblatt für Gynäkologie 19 J 4 , Nr, 51.
Aschheim, Zar Frage der Inneren Sekretion der Uterns-
seklefaslisot. Im Epithel der Schleimhautdrüsen des prftmenstnialen
and menstrnaJen Uterus und in den Deciduazellen des in den ersten
Monaten schwangeren Uterus finden sich nach Aschheim reichlich
lipoide Tröpfchen. Das reichliche Vorkommen von Lipoiden und auch
tob Glykogen in den pr&menstrualen und Schwangerschaftsdrüsen läßt
sich nur als „äußere Sekretion“ auffassen. Ein Nachweis für eine
.innere Sekretion“ der Decidua darf nicht, wie Gentili undSfameni
es beanspruchen, aus morphologischen Analogieschlüssen mit Luteinzellen
und aus der blutdruckändernden Wirkung der Ge websextrakte mit ihrem
Gehalt an Eiweißspaltprodukten erschlossen werden. £. Bg.
Zentralblütt für Herz - und Cefäßkrankheiten 1914 , Nr. 23.
Rothberger und Winterberg: Heber die Entstehung und die
Ursache des Herzfllmiuerns. Das feinschlägige „Flimmern* und das
grobschlägige „Flattern“ des Herzens hat eine klinische Bedeutung. Es
ist anzunehmen, daß der jedem Arzt bekannte regellos unregelmäßige
Pnls bei schweren Zuständen von Herzschwäche mit flimmernden
oder flatternden Vorhöfen vergesellschaftet ist. Rothberger und
Winterberg besprechen ihre neueren experimentellen Befunde Uber Ent¬
stehung des Flimmern». Die Oscillationen am Seitengalvanometer be¬
tragen von 3000 bis 3500 in der Minute bis zu 400 bis 500. Neben un¬
regelmäßigen begegnet mau zuweilen ganz regelmäßigen Erhebungen.
Von 800 bis 900 ab sind sie auch in gleicher Zahl mechanisch zu
schreiben. Rothberger and Winterberg nehmen nun an, daß hier
„geordnete Gesamtcontractionen* der Vorkammern verzeichnet werden,
die von einem abnorm gelegenen Reiznrsprung erzeugt werden können,
aber auch nacheinander und auch gleichzeitig im Wettbewerbe von
mehreren Ursprungsstellen. Besonders beim gleichmäßigen elektrischen
Flattern und gleichzahligen mechanischen Ausschlägen der Wand wäre
nur ein einziger Ursprungsort anzunehmen. Dos Wesentliche des Flirn-
merns wäre demnach eine sehr erhebliche „Verkürzung der Refraktär¬
periode“. Rothberger und Winterberg gehen sogar soweit, dio un¬
geheure Zahl von 3000 bis 3500 elektrisch registrierbaren Oscillationen
all monotop ausgelöste Tachysystolien der Vorkammern anzu-
sprechen. (Schluß folgt.) K. Bg.
Neurologisches Zentralblatt 1914 . Nr. 21—23.
Wilhelm Erb: Was irir erstreben. Gedanken Aber die Weiter¬
entwickelung der deutschenNervenpathoiogie. Erb tritt für die Errichtung
'fon Spezialkliniken und Lehrstühlen für Neurologie ein. Deutschland
stände in dieser Hinsicht hinter dem Auslande zurück.
Salomonson (Amsterdam): VerkUrzungsreflexe. Einer passiven
Verkürzung paßt sich ein Muskel durch dauernde Erhöhung seines Tonus,
du heißt durch Verdickung des Muskelbauchs an (Tonusreflex). Oft
rird der Tonusreflex von einer echten Muskelzuckung eingeleitet (Ver-
kflmmgsreflex). Am deutlichsten tritt dieser Reflex am Tibialia anticus
(hei schneller Dorsalflexion des Fnßes) und am Semimembranosus und
Semitendinosus (bei schneller Beugung im Knie) in Erscheinung. Genaue
graphische Registrierungen zeigen, daß der VerkürzungBreflex aus einer
einzigen Maskelzuckung besteht, welche nach einer Latenzzeit von zirka
0.03 Sekunden eintritt und unmittelbar in den Tonusreflex übergeht. Der
Verkurzungsreflex hat seinen Reflexbogen im Rückenmarke. Selten ist
fine Dwercontraction (von Westphal schon früher als paradoxe Contraction
beschrieben) oder eine zweite Contraction, welche der ersten zirka
0.1 Sekunde nachfolgt Für diese zweite Zuckung muß man wegen der
Lbige der Latenzzeit ein medulläreB Zentrum annehmen.
Die klinische Bedeutung des Verkürzungsreflexeg ist noch nicht
genügend geklärt. Er findet sich beim Gesunden nur in 25 — 30 %. Sehr
häufig ist er bei diffusen organischen Erkrankungen des Centralnerven-
systems. Er fehlt bei Hemiplegie auf der gelähmten Seite, ferner fehlt
® r ^ rilen peripheren Nervenkrankheiten im Bereiche des Reflexbogens
der unteren Extremitäten und bei Tabes dorsalis.
H. Oppenheim: Zur Paendosklerose. Kasuistische Mitteilung
von drei Fällen dieser seltenen Affektion, als deren pathologisch - ana¬
tomisches Substrat degenerative Prozesse in den Stammganglien angesehen
werden. Das Hanptsymptom ist ein grober, langsamschliigiger, durch
kräftige Muskelaktion zu unterdrückender Tremor. Ferner gehören zum
auBgebildeten Krankheitsbilde VerlangBamnng der Sprache, Erhöhung der
Sehnenreflexe mit meist wenig ausgeprägten Spasmen, abnorme Pigmen¬
tierung des peripheren Saums der Cornea. Verkleinerung der Leber, Ver¬
größerung der Milz; häufig findet man psychische Störungen, sowohl
Stimmungsanomalien als auch Zwangsausdrncksbewegungen. Die Pseudo¬
sklerose gehört mit der Wilaonschen Krankheit in eine Gruppe. Welche
Stellung die Dystonia musculornm deformans und die Paralysis agitans
zu dieser Grappe einnimmt, ist noch unklar. Die bilaterale Athetose mit
Pseudobulbärparalyse ist ein besonderes in sich abgeschlossenes Krank¬
heitsbild.
Marinesco (Bukarest): Nature et Trattenient de la paralysle
generale. Theoretische Ueborlegungen und klinische Erfahrungen lassen
es empfehlenswert erscheinen, bei progressiver Paralyse salvarsanisiertes
Serum subaracbiodal in unmittelbare Berührung mit der erkrankten Gro߬
hirnrinde zu bringen.
Neumann: Psychologische Beobachtungen Im Felde. Geringe
unscheinbare psychische Momente können im Felde für den ganzen Geist
der Trappe von ausschlaggebender Bedeutung sein.
Roth mann: Der Krieg und die Neurologie: Hinweis aut die
große Bedeutung der Neurologie in Kriegszeiten, insbesondere in thera¬
peutisch-chirurgischer Hinsicht. J. P.
Die Therapie der Gegenwart 1914 , H. 11 u. 12.
H. Strauß: Uebor nnspeciflsche ahnt hämorrhagische Kolitiden.
Verfasser beobachtete sechs Fülle von unspecifischer, akut hämorrhagischer
Kolitis bei krank aus dem Felde heimgekehrten Soldaten. Die klinischen
Symptome entsprachen denen der Dysenterie. Dysentoriebacillen wurden
dagegen nicht gefunden. Aber wenn auch typische Dysenterieerregor
fehlen, so dürfte die Erkrankung doch als infektiös anzusehen sein
(es wird hier an die durch „maligne“ Colistämme hervorgerufenen Colitiden
erinnert) und dementsprechend sind Maßnahmen gegen dio VVeiter-
verbreitung der Krankheit zum mindesten auf ihrem Höhe4:idium zu
treffen. Die Therapie besteht im Anfänge der Erkrankung in Verab¬
reichung von Kalomel in großen Dosen (0,2 — 0.5 mehrmals täglich). Zur
Beseitigung der Tenesmon sind kleine reizmildernde Klystiere empfehlens¬
wert (Opium-Dermatolklystiere, letztere mit Anaesthesin oder Opium
kombiniert in späteren Stadien). Nach Schluß der Kalomelwirkung ist
die Anwendung von Bolus alba, Toxodesmin usw. anzuraten.
J. v. Roznowski: Zur Mague.siamsulfiittlurapie dos Tetanus.
Verfasser berichtet von einem Tetanusfalle mit v'f rtägiger Inkubation, der
insofern von besonderm Interesse ist, als dio nach erfolglos eingeleiteter
Antitoxinbehandlucg durchgoführte Magnesiumgulfattherapie zur Heilung
lührte. — Die subcutane MaguesiumsuK'atappiikation ist der intralumbalen
vorzuziehen, weil nach den bisherigen Erfahrungen die Gefahr des Atem-
stilLtandes geringer ist als bei intralumbaler Injektion. Um etwa plötzlich
eintretenden Atemstiilstand zu beseitigen, empfiehlt sich: Bereitstellung
von Physostigmin und Vorbereitung zu schneller Ausführung der
Meltzerschen Iusufllatiou.
E. Frank: Ueber harmlose Formen der Zuckerkrankheit bei
jüngeren Menschen. Es gibt Formen von Diabetes, die dadurch cha¬
rakterisiert sind, daß hei einer Zuckerausscheidung bis zu 1,5% dor
Blutzuckergehalt völlig normal ist. Dieser „Diabetes ohne Hyperglykämie“
oder „renale Diabetes“ beruht auf einer Funktionsstörung beziehungs¬
weise Ueberfunktion der Nierenepithelien und bietet eine durchaus gute
Prognose. Von jeder diätetischen Beschränkung darf abgesehen werden.
Renaler Diabetes sollte keinen Hinderungsgrund für die Aufnahme in die
Lebensversicherung bilden.
R. Mühsam: Erlebnisse and chirurgische Erfahrungen aus
einem deutschen Feldlazarett« Für Referat nicht geeignet.
Williger: Mundschleimhautentzündungen. Die Stomatitis
catarrhalis, die sich häufig auf der Basis anderer, namentlich In¬
fektionskrankheiten, entwickelt, wird durch Mundreinigung mit dem
„Wattefinger“, der mit einem geeigneten Waschwasser befenchtot
wird, behandelt. Das Waschwasser muß die Beläge und den anhaftenden
Schleim lösen. Diese Forderung wird am besten erfüllt durch stark al¬
kalische, körperwarme Lösungen, z. B. doppeltkohlensaures Natron (ein
gehäufter Teelöffel auf ein Glas warmes Wasser). Als schwaches Des-
inficiens eignet sich am besten Wasserstoffsuperoxyd. Befördert wird die
Selbstreinigung des Mundes durch Kaubewegungen; empfehlenswert siud
hierfür Sahirkautabletten, Stomantatabletten, Pergenolmundpastillen und
anderes. Die Stomatitis ulcerosa entwickelt sich namentlich dann,
wenn das Zahnfleisch in der Umgebung angestockter Wurzeln oder in¬
folge von Zahnsteinansatz chronisch entzündet ist. Nach vorheriger
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UNIVERSUM OF IOWA
20
3. Januar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1.
Reinigung der Mundhohle mit Wasserstoffsuperoxyd, bis der Foetor ver¬
schwunden ist, wird eventuell in mehreren Sitzungen der Zahnstein ent¬
fernt; es folgt dann noch Abreibung der Geschwürflächeu mit 8 °/n iger
Chlorzinklösung. Angestockte Wurzeln müssen ungesäumt entfernt
werden. Bei der Stomatitis aphthosa ist Wasserstoffsuperoxydlösung
zu vermeiden. Die Auswaschungen des Mundes sind hier mit Natrium
bicarbonicum und warmer Boraxlösung, eventuell 3% iger Boraxglycerin-
lösung vorzunehmen.
G. Rosenfeld (Breslau): Die Behandlung der chronischen
Obstipation Ausgehend von der Beobachtung, daß Patienten, die an
chronischer Obstipation litten und dann eine Diarrhöe Requirierten, durch
eine antidiarrhoische Diät nicht nur von ihrer Diarrhöe, sondern auch
von der chronischen Opstipation geheilt wurden, hat Verfasser bei einer
großen Reihe von Patienten die chronische Obstipation durch antidiar-
rhoischo Diät, die im Original genau angegeben ist, beseitigt.
H. Schmidt (Straßburg i. E.): Leber Heilung entzündlicher
Beckentumoren mittels galvanischer Schwachströme. Nachdem Ver¬
fasser Neuralgien des Ovariums und des Uterus durch galvanischen
Schwachstrom günstig beeinflußt hatte, behandelte er damit auch ent¬
zündliche akute, subakute und chronische Schwellungen und Tumoren
der weiblichen Beckenorgane. Auch hier schwanden die Schmerzen rasch
und es ließ sich selbst eine Abnahme der Schwellnng feststellen. Auch
bei Myomen konnte nach galvanischer Behandlung ein teilweiser Schwund
der Neubildung beobachtet werden. Wahrscheinlich wirkt der galvanische
Schwachstrom im menschlichen Körper, indem er das Oedem beseitigt,
einen großen Teil der Leukocyten zerstört und die Resorption des jungen,
neugebildeten Bindegewebes anregt.
W. Schönwitz: Ueber die Erfolge des „Biozyme-Bolns“ ln
der gyn&kologiscben Praxis. „Biozyme-Bolus“ eine Kombination der
medizinischen Kulturhefe mit wasserfreier, kieselartiger Tonerde, wurde
boi allen Arten von Fluor albus, bei akuter und chronischer Gonorrhöe,
Erosionen verschiedenartiger Natur und allen Formen von Kolpitis und
Vulvitis mit sehr gutem Erfolg angewandt. Besonders gut hat sich
Biozyme-Bolus bei akuter vaginaler Gonorrhöe, Vulvovaginitis und Fluor
albus bewährt. Meist verschwanden der Ausfluß uud die Empfindlichkeit
dor Vagina sehr rasch. Die Technik der Behandlung ist folgende: Nach
Säuberung und Aastrocknung der Vagina durch Wattetampons werden
5 bis 10 g „Biozyme-Bolus“ unter Leitung des Speculums in die Vagina
eingebracht. Schädliche oder belästigende Folgen der Behandlung wur¬
den nicht beobachtet. Der Preis des Originalglases beträgt 2 M, der
Kassenpackung 1,30 M. M. Neuhaus.
Mitteilungen aus den Grenzgebieten der Medizin und Chirurgie
Bd. 28 H. 2.
H. Brünger: Ueber Operationstod bei Thyreoiditis chronica.
(Gleichzeitig ein Beitrag zu den Beziehungen zwischen Basedowscher
Erkrankung und Thyreoiditis.)
In zwei Fällen von abgeheiltem Morbus Basedowii, wo einmal
wegen einer Hernie, das andere Mal wegen der Struma operiert wurde,
starben die Patientinnen während oder ganz kurz nach der Operation.
Die mikroskopische Untersuchung der Thyreoidea zeigte beide
Male eine chronisch entzündliche Veränderung des Organs mit stellen¬
weile fast völligem Schwunde des Drüsengewebes, wie es bei der eisen¬
harten Thyreoiditis beobachtet wird, an andern Stellen aber wieder
Hypertrophie der Läppchen mit Zellteilung und Zellvergrößerung.
Außerdem wurden kleine Bläschen gesehen, die nach Art des Baues den
Schwangerschaftszellen der vorderen Hypophyse glichen und als aut
embryonaler Stufe stehende Zellkomplexe gedeutet werden. Brünger
ist deshalb geneigt, die Basedowsche Erkrankung als eine chronische
Entzündung der Schilddrüse anzusehen, wobei Hypertrophie mit Degene¬
ration wechsele, sodaß man den Morbus Basedowii dem in seinen Er¬
scheinungen auch sehr wechselvoüen Morbus Brightii an die Seite
stellen könne.
Sacher Cytronberg: Zur Carcinomdfagnose mittels des
Abderlialdensohen DlalyslerTerfahrens. Bei 35 klinisch als sicher
zn betrachtenden Carcinomen, von denen 15 histologisch bestätigt worden
sind, bauten 33 Sera mindestens ein Garcinomsubstrat ab, während eine
Kontrolle mit Placenta, Milz oder Pankreasgewebe nicht angegriffen
wurde. Die von differenten Carcinomen stammenden Substrate wurden
nicht von allen Seris gleichmäßig abgebaut, sondern häufiger baute ein
Serum nur Mammacarcinomgewebe ab, während Rectumcarcinom nicht
abgebaut wurde, ohne daß es sich dabei gerade um ein Serum von einer
an Mammacarcinom Leidenden gehandelt hätte. Jedenfalls sollte man
deshalb polyvalente Carcinomsubstrate verwenden, wie es von Abder¬
halden vorgesehen sei.
Von 17 klinisch als Carcinom nicht in Betracht kommenden Fällen
bauten vier Sera Carcinomgewebe gleichfalls ab, ebenso bauten zwei
männliche Sera Placenta ab. Bei Erkrankungen des hlmatopoetischen
Systems fand Cytronberg Abbau von Milzgewebe.
Das Ergebnis seiner Untersuchungen faßt er dahin zusammen:
Die Carcinomreaktion erwies sich alB in hohem Maße specifisch, wenn
auch einige Fehiresultate Vorkommen, für die sich keine Erklärung findet.
Die Richtigkeit des Prinzips der Reaktion sei aber nach seinen Erfah¬
rungen nicht anznzweifeln.
Wilhelm Baetzner (Berlin): Experimentelle Studien Aber die
Funktion gesunder und kranker Nieren. Baetzner injizierte ge¬
sunden Kaninchen Jodkalilösung und untersuchte die quantitative Aus¬
scheidung des Jods innerhalb der ersten drei Standen nach der Injektion
sowie den Einfluß des Medikaments auf die Phosphors&ure- und Wasser-
ansscheidnng. Er fand erstens eine beschleunigte Wasseransscheidong
innerhalb der ersten drei Stunden, ebenso eine enorme Steigerung der
Phosphatausscheidung, bisweilen auf das drei- bis vierfache der Vorperiode.
Das Jodsalz selbst wird relativ frühzeitig ausgeschieden, schon
nach einer halben Stunde, und nach Injektion von 50 mg werden 2,2 bis
2,8 mg pro Stunde im Harn eliminiert.
In Versuchen mit Erzeugung von Diurese durch Wasserzufuhr
konnte er jedesmal eine erhöhte Phosphorausscheidung durch die Diurese
im Gegensatz zu andern Autoren feststellen, womit auch die Hypothese,
daß die Phosphorsäure in kolloidaler Lösung im Blut enthalten sei und
durch echte Sekretion eliminiert werde, hinfällig ist
Baetzner vergiftete dann die Kaninchen mit C&nth&ridin, Chrom
und Aloin und untersuchte die Ausscheidang in derselben Weise wie bei
den gesunden Tieren.
Chantharidiu verursachte nach anfänglicher geringer Diuresesteige-
rung eine schnelle Abnahme der Diuresefähigkeifc, die Jodelimination war
erheblich verringert, wogegen die PaOä-Ausscheidung, durch das Gift
allein schon gesteigert, auf Jodinjektion noch bedeutend erhöht wurde.
Bei Chromnieren fand er anfangs auch gesteigerte Diurese, die auf
Jodkali noch erhöht wurde, doch nahm die Polyurie bald ab oder schlug
in Anurie um. Die Phosphorsäureausscheidung war sowohl absolut wie
relativ herabgesetzt, Jod wurde dagegen gut ausgeschieden.
Bei Aloin Vergiftung zeigten sich ganz ähnliche Ansscheidnngs-
veränderungen wie bei der Chromnephritis.
Aus diesen Ergebnissen schließt Baetzner, daß das Wasser und
die Phosphorsäure an verschiedenen Stellen des harnbereitenden Apparats
ausgeschieden werden müßten, daß außerdem das Jod und auch das
Wasser einen besonderen Reiz auf alle Zellen des Nierenapparats aus¬
üben. Lieber die Ansscheidungsstellen im speziellen könnten nur Wahr-
scheinlichkeitsschlüsse gezogen werden; so sei es sehr wahrscheinlich,
daß den Glomerulis die Wasserausscheidung allein zukomme. Auf Grund
seiner Experimente glaubt er, daß die Lehre von der Filtration und
Rückresorption in der Niere nicht haltbar sei, daß vielmehr in der Niere
sichere Sekretionsvorgänge stattfinden, die auf aktiver sekretorischer
Zelltätigkeit beruhen.
A. Fonio (Bern): Ueber die Gerlnnungsfaktoren des hlmo«
philen Bluts. Versuche, im hämophilen Blute die Blutplättchen zu iso¬
lieren, gelangen ebenso wie im normalen Blute. Es stellte sich dabei
heraus, daß die Ursache für die Gerinnungsverzögerung beim hämophilen
Blut allein iu der PliUtchenschicht gelegen ist.
Zählungen von Blutplättchen ergaben eine leichte Vermehrung
dieser Elemente bei Blutern.
Zusatz von durch Zentrifugieren gewonnenen Blntpl&ttchen zn
einerseits normalem, anderseits hämopbilem Blut ergab folgendes:
Bei Zusatz von hämophilen Plättchen zu hämophilem Blut ist die
Gerinnungsbeschleunigung viel geringer als bei Zusatz von Normalblut¬
plättchen.
Noch deutlicher wird der Unterschied bei Zusatz von Plättchen-
extrakten. Somit seien beim Hämophilen die Blutplättchen insuffizient.
Bei andern Blutkrankheiten, wie z. B. Morbus macnloBus Werlhofii,
ergab sich im Gegensatz dazu geringe Plättchenzahl mit normaler Ge-
rinnungsbeschleunigung.
Hans Frey (Bern): Ueber den Einflnfi von Jod, Jodkalinm,
Jodothyrin und jodfreiem Stramapräparat auf den Stlckstoffwechsel,
anf Temperatur, Pulsfrequenz and anf das Blutbild von Myxödem.
Bei zwei Myxödemkranken, die 12 beziehungsweise 24 Jahre krank waren,
wurden genaue Stoffwechselversuche angestellt, und wenn sie im Stick-
stoffgleichgewicht waren, der Einfluß von Jod und Schilddrüsenpräpa¬
raten auf die Stickstoffbilanz geprüft. Das Jod als solches übte auf den
Stickstoff Wechsel keinen Einfluß aus, ebenso blieben Pulsfrequenz, Tempe¬
ratur, Körpergewicht und Diurese vollständig gleich. Auch Jodkali
zeigte keino Beeinflussung, nur wirkte es in geringem Grade dinretisch.
Jodothyrin dagegen in Dosis von 1 g hob die Stickatoffansschei-
dung sehr beträchtlich, wirkte diuretisch and steigerte Pulsfrequenz und
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UNIVERSUM OF IOWA
i t* #
& Januar. 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1.
Temperatur. Die Wirkung dauert aufierdem recht lauge, bis au zwölf
Tagen ul
Verabreichung von kleineren, häufig wiederholten Dosen batte
keine so intensiTe Wirkung, weil der Körper sich anscheinend schnell
u Jodothyrm gewöhnte. Nach Aassetzen des Medikaments tritt spater
eise Stickatoffiretention im Körper ein, um das verlorene Eiweiß wieder
sa ersetien.
Die Wirkung ?oa Jod and Jodothyrm auf das Blutbild bestand
in Eroragung einer polynudeiren Leukocytose, wahrend eine erhebliche
Verringerung der Lymphocyten eintrat, und zwar wirkte Jodothyrm be¬
deutend stärker noch auf die Verschiebung des Blutbildes als Jod, wäh-
read ein jodfreiee Schilddrüsenpräp&rat gar keinen Effekt erzielte.
A. Alba (Berlin): Zar Kenntnis der Colitis ulcerosa. Albu
kat von dieser seltenen Erkrankung bisher 22 Fälle gesehen, und zwar
mi akute und 20 chronische Fälle, von denen zehn weibliche Personen
waren. Das Alter schwankte von 6 bis 58 Jahren.
Drei von den chronischen Fällen starben, durch interne Behandlung
worden 23 °/o geheilt, die übrigen sind als ungeheilt zu betrachten.
Von dem klinischen Bilde der Colitis ulcerosa sind die Fälle aus-
inscheiden, bei denen Gonorrhöe, Dysentherie, Tuberkulose und Lues
Torgelegen hat
Die echte Colitis ulcerosa ist nach Albu eine selbständige in¬
fektiöse Darmerkrankung sui generis, deren Urheber aber nicht bekannt
ist Wichtig sei die eosinophile Leukocytose in den abgegangenen Schleim-
fetzen. Klinisch wichtig ist der dauernde Abgang von Blut und Schleim
oad rectoskopisch lassen sich fast stets leichte, oberflächliche, teilweise
itecknadelkopfgrofie Ulcerationen der Schleimhaut erkennen, ohne daß
die tieferen Schichten der Dannwand wie bei der Dysenterie mitbetroffen
zu lein brauchen. Die Geschwüre sind herdförmig verteilt und immer
sur an einigen Stellen sind kleine Eiterklümpchen festhaftend, strecken¬
weise kann die Schleimhaut auch stark granuliert sein.
Der häufigste Sitz ist die Flexura sigmoidea, und zwar 10 bis
25 ccm vom Anus entfernt. Meistens besteht Durchfall mit blutig-
schleimig-eitrigen Entleerungen, aber auch Verstopfung ist nicht selten,
wobei sich dann blntig-eitriger Schleim neben festen Kotb&llen findet.
Die Differentialdiagnose gegen Carcinom der Ampulla recti und
der Flexura sigmoidea ist nur durch das Rectoskop möglich, da bei
beiden Erkrankungen der Beginn schleichend ist, sich langsam Anämie
emstellt, Abmagerung, Entkräftung, anhaltender Stuhldrang usw. Die
röntgenologische Untersuchung ergibt keine eindeutigen Resultate. Die
Therapie besteht in Bettruhe, Dauerspttlungen, Einblasungen von Pulvern
durch das hdctoskop nach sehr sorgfältiger Reinigung der erkrankten
Partien; Bestreuen mit Kohle oder Aetzen mit Argentum nitricom-
löwng. Von operativen Eingriffen kommt Colostomie und Appendicostomie
in Betracht, doch muß man sich nicht zu viel davon versprechen.
G. Dorner.
Zeitschrift für ärztliche Fortbildung 1914, Nr. 23 .
C. Flügge (Berlin): Desinfektion bei Krlegssenchen. Flügge
empfiehlt als leistungsfähigste Apparate solche, die 50 o heiße Luft und
Pormaldehyd circulieren lassen, ohne Vakunm. Apparate mit Vakuum
lind nur bei ganz großen Betrieben am Platze.
War ein Cholerakranker in einem Zimmer, dann ist alles mit Areno-
lörasg abzowaschen oder darin einzntanchen, was mit ihm in Berüh¬
rung gekommen ist; Wasser ist abzukocben; Gemüse und Speisen, die
min ungekocht genießt, sind in dieser Zeit entweder zu vermeiden oder
durch kurzes Erhitzen, dem der wenig widerstandsfähige Vibrio erliegt,
onachädlich zu machen.
Bei Flecktyphus muß man daran denken, daß Kopf- und Kleider¬
linie die hauptsächlichsten Ueberträger sind. Der Schwefelverbrennungs-
ippvat „Hyx“ tot hier gute Dienste. Aerzte und Pflegepersonal müssen
Deberirmel tragen und deren Ränder mit Campheröl einreiben.
E. Lass er (Berlin): Ueber Geschlechtskrankheiten Im Felde
*nd deren Verhütung.
Die im Jahre 1870/71 gemachten Erfahrungen zeigen, daß die
reuerischeu Krankheiten einen verhältnismäßig großen Prozentsatz für
eimge Zeit kampfunfähig machen und dadarch die Stoßkraft einer Armee
. Ichen können. AIb Prophylaktikum empfiehlt, er, gleich zu Beginn
tnrÜt Maßregeln gegen Animierkneipen und Prosti-
hh iv er ^ re ^ 6D ’ w * e 68 * Q Berlin, nur leider etwas verspätet, ge-
.Empfehlung des Condoms scheint ein recht zweifelhaftes
ttel zu sein, da es manche geradezu den Prostituierten in die Hände
ecrn würde. L meint, daß man im Kriege dag gute Recht habe,
über ethische Bedenken wegzusetzen,
n ii* (Lichterfelde): Ueber Dysenterie als Kriegsseuche. Gute
hikkJi • ^ Weg Krankheitsbildea unter Berücksichtigung der neueren
alogischen Differenzierungsmethoden. Gisler.
Bücherbesprechungen.
F. Williger und H. Schröder. Die zahnärztliche Hilfe im Felde.
Heft I der Sammlung Meusser. Abhandlungen aus dem Gebiete der
klinischen Zahnheilkuude. Berlin 1914. 3,60 M.
Williger und Schröder, die bedeutendsten Vertreter der
Zahnheilkunde, haben daa vorliegende erste Heft der * Sammlung
Meusser“ herausgegeben. Diese neu begründete Sammlung boII Ab¬
handlungen aus dem Gebiete der klinischen Zahnheilkunde bringen und
vorzugsweise den wissenschaftlichen Unterbau der zahnärztlichen Therapie
pflegen.
Im ersten Teile schildert Williger die zahnärztliche Tätigkeit im
Felde und die Versorgung der Verwundeten im Felde und in der Heimat.
Er erläutert in anschaulicher Weise die Kriegssanitätsordnung vom
27. Januar 1907, durch die dieses alles geregelt wird. Zahnärzte sind
jedem mobilen Armeekorps zugeteilfc und befinden sich als höhere Feld¬
beamte bei der Kriegslazarettabteilung. Sie sollen Zahnkraokheiten selb¬
ständig behandeln und bei Kieferverletzungen die Sanitätsoffiziere unter¬
stützen. Zahnärztliche Behandlung ist bei Kieferschüssen nicht nur in
der vordersten Linie wünschenswert, sie ist in den Reserve- und Vereins-
lazaretten, in denen ausschließlich die protbetische Nachbehandlung statt-
zufinden hat, unentbehrlich.
Welche vollkommenen Resultate die zahnärztliche Hilfe bei Kiefer¬
verletzungen zu erzielen vermag, zeigt Schröder in klarer, übersicht¬
licher Weise in dem zweiten Teile der vorliegenden Abhandlung. Nach,
einer kurzen Einleitung beschreibt er 1. die Schußfrakturen des Unter¬
kiefers und ihre Behandlung, 2. die Schußfr&kturen des Oberkiefers und
ihre Behandlung.
Schröder ist es gelungen, mit fabrikmäßig hergestellten Klammer¬
bändern und Drahtbügeln für jede Schußfraktur des bezahnten Kiefers
einen, wohl in jeder Hinsicht als ideal zu bezeichnenden Fixations&pparat
zu schaffen. Die Technik ist leicht zu erlernen. In seinen glänzenden
Ausführungen gibt Schröder dann einen Ueberblick über das, was die
moderne zahnärztliche Prothese während des Kriegs za leisten vermag.
Der klare Vortrag ist durch zahlreiche instruktive Abbildungen reich
illustriert.
Das erste Heft „Die zahnärztliche Hilfe im Felde“ ist nicht nur
hochinteressant zu lesen, es enthält auch so viele neue Vorschriften bei
der Behandlung von Schnßverletznngen der Kiefer, daß sein Studium für
jeden, der Verwundete zu behandeln bat, unerläßlich erscheint.
HoffendahL
„Sprachführer für den Verkehr mit Verwundeten und Gefangenen.«
Französisch-Deutsch-Englisch-Russisch. Von Hauptmann S. T h. H a a s -
m&nn und Stabsarzt Dr. Seyffert In einem Bändchen. Preis
30 Pf. (bei Bezug von 50 Exemplaren an 25 Pf., von 200 Exemplaren
an 20 Pf.) Leipzig 1914. Verlag Hachmeister & Thal.
Auf 48 Seiten klein Oktav werden alle wesentlichen beim Verkehr
mit Verwundeten und Gefangenen notwendigen Sätze in den vier Sprachen
nebeneinander gestellt nnd das Russische dabei nur als Aussprache deutsch
geschrieben. Das handliche und zweckmäßige Bändchen wird in den
Gefangenenlazaretten gute Dienste leisten. K. Bg.
Georg Heber (Ingenieur), Die Elektrizität im Dienste des Arztes.
Mit zahlreichen Figuren im Text. Leipzig 1914, Schulze & Co. 38 S.
40 Pfg. (Elektrobibliothek 6. Heft)
Bei der zunehmenden Bedeutung, welche die elektrotherapeutischen
Anwendungen allenthalben gewinnen, wird diese kurz und flott geschrie¬
bene Darstellung der Prinzipien und Anwendunggformen der modernen
elektromedizinischen Apparate dem praktischen Arzt und auch dem ge¬
bildeten Laien zur kurzen Orientierung sehr willkommen sein. Neben
der eigentlichen Elektrotherapie (einschließlich =. hydroelektrische 'Bftfier,
Hochfrequenz, Diathermie) iiufi. qdqh dfe ’<$arph EleHriz^äfc gespeisten
Heißluftapparate, Licht- ^hd^Bnitrahlhcgsappakaie* anhangsweise erwähnt
; \’ ;; Ä> &aq an u r (Berlin).
0. Mauthner, Gehörorgan und Beruf. IVürzBurg 1914, Curt Ka-
bitzsch. 19 S. 85 Pfg. . » -
Der Vortrag behandelt Anatomie, AifgaVu ibh Ohres vor und wäh¬
rend der Schalzeit, weist auf die Wichtigkeit eines gesunden Ohres für
gewisse Berufe hin. Bei den Schädigungen des Ohre« durch Beruf
werden die mechanischen, mechanisch - akustischen und rein akustischen
Einwirkungen, ferner chemische und thermische Einflüsse und solche
durch Elektrizität anfgeführt. Zu den mittelbaren Schädigungen sind zn
rechnen: AUe von den Nachbarorganen des Ohres fortgeleitete Erkran¬
kungen, alle aus Allgemeinerkrankungen (besonders Vergiftungen) ent¬
stehende Obrschädigungen. Die Publikation dürfte auch Sozialhygieniker
interessieren. Haenlein.
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22
1915 MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1.
3. Januar.
Wissenschaftliche Verhandlungen, — Berufs- und Standesfragen.
Neue Folge der „ Wiener Medizinischen fYesse*
K. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien.
Sitzung vom 18. Dezember 1914.
L. Freund stellt aus der Abteilung Salzer des Garnisons¬
spitals Nr. II einen Mann mit einem Projektil in der Herzspitze
vor. Pat. bekam einen Schuß in die rechte Schulter und hatte
nach 3 Tagen ein wenig blutigen Auswurf, er fühlte sich aber
sonst wohl. Die Röntgenuntersuchung ergab einen Hämatothorax
auf der rechten Seite bis zur zweiten Rippe und ein Projektil in
der Herzspitze, welches die respiratorischen und pulsatorischen
Bewegungen des Herzens mitmacht. Pat. hat Tachykardie bis zu
94 Pulsschlägen, sonst aber keine Beschwerden. Das Herz ist nicht
verlagert.
N. Orfcner fragt, ob Pat. nicht früher eine Mediastinitis oder
Pleuritis durchgemacht hat, da diese eine Erklärung dafür bieten würden,
daß das Herz nicht verschoben ist.
A.Klein hat einen Mann mit einem im Mediastinum sitzenden
Projektil beobachtet.
J. P&l stellt einen 35jährigen Soldaten mit Insuffizienz
der Aortenklappen nach Schuß Verletzung vor, bei welchem
die Unterbindung der linken Subklavia vorgenommen werden
mußte. Pat. bekam einen Schuß in die linke Achselhöhle und ging
selbst auf den Verbandplatz, wo er verbunden wurde. Am nächsten
Tag bekam er Schmerzen in der Herzgegend und im Rücken
sowie Atemnot. Es entwickelte sich eine große Geschwulst unter
der linken Klavikula, über dem erweiterten Herzen waren systo¬
lische und diastolische Geräusche hörbar. Der Tumor zeigte ein
Schwirren und Pulsieren. Als aus der Wunde eine mächtige Blutung
auftrat, wurde die linke Subklavia unterbunden, sie war durch¬
schossen und lag in dem Tumor, einem Hämatom, unter dem
Pectoralis major. Der Radialpuls ist links nicht tastbar, das
Schwirren ist geschwunden, das systolische Geräusch am Herzen
ist stärker als das diastolische. Es ist noch eine Elongation der
Aorta vorhanden. Bemerkenswert ist das Entstehen der Aorten¬
insuffizienz im Anschluß an die Schußverletzung bei einem früher
gesunden Menschen.
E. Fröschels führt aus der Klinik v. Eiseisberg mehrere
Soldaten vor, bei welchen er die sprachärztliche Behandlung
der Aphasie nach Uirnabszeß vorgenommen hat. Die Pat. be¬
kamen einen Hirnabszeß in der Scheitel- oder Schläfengegend im
Anschluß an eine Schußverletzung. Es stellte sich bei ihnen in
verschieden hohem Grade Aphasie ein, meist auch Alexie und
Agraphie. Besonders war die Störung des Lesens bei Silben aus¬
gesprochen, während Worte viel leichter gesprochen wurden. Es
wurden auch Buchstaben verwechselt, am häufigsten L und R;
diese Buchstaben sind in manchen Sprachen nicht von einander
getrennt, sondern durch einen Mittellaut ersetzt. Die Therapie be¬
stand in dem Nachsprechen sinnloser Silben, der Hauptwort wurde
auf das Lesen gelegt, damit die Pat. selbst weiter üben können.
Der Wortreichtum hat unter dieser Behandlung zugenommen. Bei
zwei Pat., darunter bei einem Arzt, ist die Sprache von selbst
wieder gekommen, aber es blieb ein Stottern zurück, welches da¬
durch entstand, daß dem Pat. mitten in der Rede ein Wort fehlte.
Durch Sprachübungen wurde Besserung erreicht. Die Prognose
der Aphasie läßt sich während der Behandlung stellen.
E. Ranzi bemerkt, daß bei dem einen Fall der Abszeß erst spät
nach einer frühzeitig vorgenommenen Operation auftrat, Pat. hatte einen
Tajigxmtialschuß erlitten. Er bekam eine Parese der rechten oberen Ex-
tre^tlA'und;^b2n«\d?nJr;<lie.P.ui}kt\on ergab einen großen Abszeß, welcher
entteoii ‘ ‘: ' / • . .* ‘ ' . - ; ’ • • '
E. Ranzi' derhon^riert eia• Kiffd,*. Reiches einen Abszeß im
Stimhirn na<& «iAeth? Aufschlag; bekommen hat. Es traten Fazialis-
und Abduzen&p&flfcsp *.asf und .däs Kind wurde somnolent, Fieber
war nicht vorhanden. Der. kolossale Abszeß wurde entleert, oin
hierauf entstaTjd^r Alirüprblaps ist zurückgegangen.
J. Heyrowsky* stellt' ans der Klinik Hochenegg einen
Offizier vor, bei welchem ein nach Schußver letz trag entstandenes
Aneurysma spurium der A. vertebralis operativ behandelt
wurde. Pat. bekam einen Gewehrschuß zwischen beiden Augen¬
brauen, die Austrittsstelle des Projektils war rückwärts am Halse,
woselbst eine pulsierende und schwirrende Geschwulst entstand.
Die linke Hälfte der Zunge und des Gaumens, das linke Stimm¬
band, der linke Sternokleidomastoideus und der linke Kukullaris
waren gelähmt, es waren der Glossopharyngeus, Vagus und Akzes-
f . Redigiert von Priv.-Dot. Dr. Anton Bum, Wien.
sorius betroffen. Wegen der Gefahr einer Blutung in den Pharynx
wurde die Carotis communis freigelegt und provisorisch abge¬
klemmt, hierauf wurde die pulsierende Geschwulst am Nacken
eröffnet. Aus dieser erfolgte eine große Blutung, in der Tiefe lag
die durchtrennte A. vertebralis, sie wurde unterbunden. Die Heilung
erfolgte glatt, die früher vorhandenen Lähmungen bestehen noch
heute. Pat. hat auch eine Schußfraktur des Unterschenkels.
V. Hecht führt einen Mann vor, bei welchem er eine Er¬
frierung der Füße behandelt hat, und bespricht die Pathologie
und Therapie der Erfrierungsgangrün. Beim Zustandekommen
der Erfrierung bei mäßigen Kältegraden muß eiue gewisse Dis¬
position angenommen werden, welche auf einem Schwächezustand
der Gefäße und der Nerven basiert. Eine Schädigung der Gefäße im
anatomischen Sinn, eine schlechte Füllung derselben und eine
abnorme Reizbarkeit der Gefäßnerven spielen hier eine Rolle. Nach
Cholera und Typhus kommen leicht Erfrierungen zustande, es
handelt sich dabei wahrscheinlich um marastische Veränderungen
an den Arterien. Weitere disponierende Momente sind lokale und
allgemeine Zirkulationsstörungen; zu den lokalen Momenten gehören
Einschnürung der Gefäße durch enge Kleidung oder durch schrump¬
fendes nasses Schuhwerk; zu den allgemeinen Zirkulationsstörungen,
welche zu Erfrierungen eine Disposition schaffen, z. B. gehört das
Dekompensationsstadium der Aorteninsuffizienz. Bei angiospasti-
schen und angioneurotisehen Zuständen kommt es ebenfalls leicht
zu Erfrierungen, 2 / 3 der vom Vortr. beobachteten Fälle litten an
kalten Füßen und Schweißfüßen. Durch tiefe Kältegrade können
auch bei vollkommen gesunden Menschen Erfrierungen hervor¬
gerufen werden, bei disponierten Individuen können solche auch
bei einer Temperatur über 0° eintreten. Die Arterien in dem er¬
frorenen Gebiete zeigen hochgradige Veränderungen, welche sich
auch bis in die gesunde Umgebung hinein fortsetzen. Die Therapie
ist eine physikalische oder eine chirurgische. Erstere kommt dort
in Betracht, wo das erfrorene Gewebe noch einer Besserung fähig
ist; es muß getrachtet werden, die Zirkulation wieder herzustellen
und sie anzuregen, und zwar durch trockeue Wärme, Heißluft¬
apparate und wechselwarme Bäder. Die chirurgische Therapie hat
die gangränösen Teile zu entfernen, die feuchte Gangrän wird
durch Wärme- und Pulverbehandlung zuerst in die trockene Gan¬
grän übergelührt.
0. v. Frisch bemerkt, daß sich in der Tiefe an der Grenze des
Gesunden und Gangränösen leicht Phlegmonen entwickeln, welche sich
durch Schüttelfröste verraten. Man muß im Gesunden operieren.
E. Freund: lieber die Behandlung gangränöser Wunden
mit künstlichem Magensaft. Diese Behandlung hat den Zweck,
die abgestorbenen Gewebspartien von den gangränösen Wunden
rasch zu entfernen und so die Wunde zu reinigen. Das gesunde
Gewebe wird dabei nicht geschädigt; der Grund hiervon ist die
physikalische Spannung der Zelle, die Sukkulenz des gesunden
Gewebes. Einen gleichen Effekt kann man erzielen, wenn man das
Gewebe oder ein Eiweißstückchen, welches vor der Verdauung im
Experimente geschützt werden soll, in ein Leinwandstückchen ein¬
hüllt, welches auch einen Schutz vor dem Eindringen von Bak¬
terien gewährt. Durch Hebung der Zirkulation wird die Sukkulenz
der Gewebe und damit auch ihre Widerstandskraft erhöht. Soll
im gangränösen Herd ein Teil, z. B. ein Nerv, besonders geschützt
werden, so wird er von Gaze umgeben. Als Verdauungsflüssigkeit
wurde 0,1—0,2°/ 0 ige Salzsäure mit 1—5% Pepsin verwendet, und
zwar in Form eines Bades oder zur Durchtränkung von Gaze,
welche aufgelegt wurde. Bei stark sezernierenden Wunden wird
die Salzsäure bald neutralisiert; in solchen Fällen nimmt man
daher zuerst Spülungen mit verdünnter Salzsäure vor. In einigen
Fällen, welche schon zur Amputation bestimmt waren, wurde durch
dieses Verfahren die Extremität gerettet. Unter dem Einflüsse der
Verdauungsflüssigkeit reinigt sich die Wunde sehr rasch.
A. Klein berichtet über Versuche, welche er zu gleichen Zwecken
auf einem anderen Wege anges teilt. hat, und zwar hat er die Verdauung
des abgestorbenen Gewebes durch Pankreatin in alkalischer Lösung vor-
genommen. Die Resultate waren sehr befriedigend. Wunden, aus welchen
die Abstoßung der nekrotischen Fetzen nach dem Ausspruche von Chirurgen
erst in ca. 14 Tagen zu erwarten war, wurden unter Anwendung der
Verdauungsflüssigkeit in 4—48 Stunden gereinigt. Knochen und dicke
Faszien, Sehnenstiicke und Aponeurosen werden nicht verdaut, wogegen
das tote Gewebe sich leicht auflöst. Die Verdauungsflüssigkeit besteht
aus einer 2—5°/ 0 igcn Lösung von Pankreatin unter Zusatz von 0,4 / 0
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3. Januar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINTK - Nr. 1
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Natrium oarbonicum und 0,75% Fluornatrium. Die Lösung, welche stets
(risch bereitet wird, wurde in Höhlenwunden eingegossen oder es wurden
mit ihr stark imprägnierte Tupfer aufgelegt-. Einen Schaden hat Redner
v^n diesem Verfahren nicht gesehen. Ein Vorzug der Methode ist, daß
übelriechende Wunden nach 12—24 Stunden geruchlos sind. Vortr. hat
ca. 16 Fälle beobachtet, bei welchen eine Verkürzung der Heilungszeit
mindestens um 14 Tage eintrat. Die Pankreatinlösung wird auch mit
Vorteil zur Inhalation bei Bronchitis mit schwer löslichem Schleim ver¬
wendet, bei wiederholter Inhalation von Pankreatinlösung wird er rasch
verflüssigt.
K. Gagstatter hebt die Vorteile der Wundbehandlung nach der
Methode von Freund hervor; dieses eignet sich jedoch nicht für tiefe
Phlegmonen. Bisher wurden ca. 80 Fälle auf diese Weise behandelt, das
hauptsächlichste Anwendungsgebiet der Verdauungsflüssigkeit sind ober¬
flächliche Verletzungen, bei denen früher Wasserstoffsuperoxyd oder
Perubalsam angewendet wurden, die manchmal versagen.
Diskussion zum Vortrage von C. Stoerk: Feber
Cholera. *)
R. Paltauf demonstriert anatomische Präparate zweier Fälle von
Cholera. Im ersten Fall war der Dünndarm leer, seine Schleimhaut von
einem dicklichen Schleim überzogen, stellenweise blutend. Blutungen
fanden sich iu der Magtmschleimhaut und im Dickdarm. In der Schleim¬
haut des Magens saßen zahlreiche kleine Zysten, die Wand des Dünn¬
darms war verdickt. Pat. hatte Infusionen von hypertonischer Kochsalz¬
lösung erhalten. Ira zweiten Fall lag eine Kombination mit Dysenterie
vor. Im Dünndarm wechselten rote und blasse Stellen mit einander ab,
er war leer: außerdem saßen in ihm rundliche unregelmäßige Geschwüre.
Pat. hatte auch rechtsseitige Pneumonie. — Redner verweist darauf,
daß es in den Quarantänestationen notwendig wäre, alle eingelieferten
Falle bakteriologisch zu untersuchen. Er läßt in der Krankenanstalt
Rudolfsiiftnng alle neu angekommenen Kranken bakteriologisch unter¬
suchen; diese große Arbeit lohnt sich dadurch, daß man die Anstalt
rascher evakuieren kann. Auf diese Weise entdeckt man auch sehr leichte
Fälle und Bazillenträger. Vom 1. September bis zum 16. Dezember wurden
3600 irtuhluntersuehungen vorgenommen. Cholerabazillen wurden auch
bei Personen mit festem und breiigem Stuhl naebgewiesen, so daß man
aus der Stuhlbeschaffenheit nicht aussagen kann, ob das Individuum
choleraverdächtig ist. Es wurden 70 Fälle mit Cholerabazillen vorge-
funden, von diesen hatten 12 Krankheitserscheinungen, bei 3 von den
übrigen trat die Erkrankung erst später auf, und zwar in einer sc hweren
Form, ln einem anderen Fall war der Stuhlbefund negativ, er wurde
aber positiv nach Eintritt von Diarrhöen. 20 Fälle waren Bazillenträger.
RedDer nimmt als cholerakrank solche Fälle an, welche außer breiigen
Stühlen noch andere Erscheinungen hatten. Verwechslung von Cholera
mit Dysenterie kann ohne bakteriologische Untersuchung erfolgen lind
ist zweifellos öfter vorgekommen. Im allgemeinen kann man nicht sagen,
daß die Bazillenträger ihre Bazillen bald verlieren; sie können sogar
noch später erkranken. Die Inkubation der Cholera kann länger dauern
ab 5 Tage. In Krakau ist die Cholera um einen Monat später aufge¬
treten als in Wien, wo sie über Ungarn durch Auswanderer eingeschleppt
wurde. Die Cholerabazillenträger können Erkrankungen hervorrufen, die
befahr der Uebertragung ist aber bei guten hygienischen Verhältnissen
geringer als bei schlechten. Man sollt« den Quarantänestationen bakterio¬
logische Laboratorien beigeben und alle dort eingelieferten Fälle unter¬
suchen. H.
Gesellschaft für innere Medizin nnd Kinderheilkunde in
Wien.
Sitzung vom 3. Dezember 1914.
A. v. Decastello demonstriert einen 36jährigen Mann mit
Sklerodermie, perniziöser Anämie nnd einer tabesähnlichen
HjBterstrangsskJerose, bei welchem die Splenektomie ausge-
führt worden ist. Pat. begann vor einem Jahr über ein Gefühl
ron Todsein und Gefühllosigkeit in den Unterschenkeln za klagen;
letztere wurden anästhetisch. Nach einer vorübergehenden Besse-
nuig trat ein Rückfall ein. Die Untersuchung ergab perniziöse
Anämie mit einer Erythrozytenzalil von 1,8 Millionen, Ataxie,
jurtelgefühl und lanzinierende Schmerzen, Parästhesien und Hyp-
algesie an den unteren Extremitäten. Manchmal waren auch Blasen-
storungen vorhanden. An den Augen waren keine Veränderungen.
ratellarreflexe fehlten. Es wurde die Milz exstirpiert: wegen
Fn?Kii euraeini) ^ ems wur de e i Qe Rippenresektion notwendig. Das
™d besserte sich nach der Splenektomie, die Zahl der Erythro-
J en stieg bis auf 5,7 Millionen, der nervöse Zustand verschlech-
l*&och vorübergehend, Pat. konnte nicht gehen und die
sibihtätsstörungen wurden stärker. Seit 5 Wochen ist eine
am tf 11 ^[^getreten. Pat. schwankt beim Augenscbluß. Die Haut
C )K aUChe ’ an beiden Oberschenkeln, an der Streckseite der
an an * en ist trocken und fühlt sich hart
j__^daß ein Oedem vorliegen würde (Sklerodermie im Infil-
» Med * Klinik“, 1914, Nr. 50.
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trationsstadium). Die Anämie und die Rückenraarkserkrankung
(funikuläre Myelitis, ausgehend von kleinen Herden in der weißen
und grauen Substanz) sind koordiniert und vielleicht auf eine
gemeinsame Ursache zuriickzuführeD, die Sklerodermie steht viel¬
leicht mit der Rückenmarksaffektion in Zusammenhang.
D. RadoniöiÖ stellt einen 22jährigen Manu mit Nekrose
an den Zehen nnd Erythromelalgie. vor. Vor mehr als einem
Jahr bekam Pat. in der Nacht Schmerzen in den unteren Ex¬
tremitäten, welche von den Zehen bis in den Oberschenkel zogen
und durch Kälte gebessert wurden. Unter faradischer Behandlung
und Gebrauch von Schlafmitteln trat Besserung ein. Unter dem
Einfluß von psychischen Erregungen und körperlichen Strapazen
traten die Schmerzen von neuem auf, und zwar besonders im linken
Fuß. Die Haut desselben ist gerötet, hyperästhetisch und ge¬
schwellt, sie fühlt sich warm an. An den ersten 3 Zehen bildeten
sich bohnengroße Verdickungen der Haut aus, woselbst nach Ab¬
stoßung der Epidermis Geschwüre entstanden. Pat. zeigt Tremor
der Augenlider, Herabsetzung des Gaumenreflexes und Steigerung
der Sehnenreflexe. Beim Gehen werden die Schmerzen stärker. In
den letzten Tagen sind an Stelle der Hyperästhesie Hypästhesie
und Analgesie an den distalen Partien der 1. bis 3. Zehe aufge¬
treten. Pat. hat früher eine Erfrierung am linken Fuß durchgemacht.
Es handelt sich um Erythromelalgie mit Uebergang in die Ray¬
naud sehe Krankheit.
V. Hecht hat in einigen Fällen beobachtet, daß die Spongiosa
erfrorener Zehen rarefiziert ist.
Br. Pribram: Klinisch-pathologische Bewertung von
Gallennntersuchnngen am Krankenbette. Vortr. hat mit
Medak die Galle bei Gesunden und Kranken durch Duodenal-
sondierung mittelst einer dünnen Sonde gewonnen. Die Galle ge¬
langt ins Duodenum intermittierend, durch die Duodenalsonde
fließt daher bald klarer, alkalischer Saft, bald wieder Galle ab.
Die Untersuchungen betrafen die Menge des Gallenfarbstoffes und
des Cholestearins in der Galle. Erstorer entstammt dem Blutfarb¬
stoff, in seiner Menge spiegelt sich die Größe des Blutkörperchen¬
zerfalles ab. Das Hämoglobin zerfällt in Bilirubin und Biliverdin,
von letzterem werden im Tag ungefähr 0,2 g produziert. Bei den
sogenannten Hämophthisen (hämolytischer Anämie, hämolytischem
Ikterus, Bantischer Krankheit, splenomegaler Zirrhose) ist der
Zerfall größer. Die Anämie bei Hämophthisen zeigt an, daß die
Bildung von Blutkörperchen dem Zerfall derselben nicht zu folgen
vermag. Der vermehrte Erythrozytenzerfall kann lange bestehen,
bevor er sich deutlich sichtbar macht. Durch die Duodenalsonde
kann man die Diagnose frühzeitig stellen, da die sonst goldgelbe
Galle einen sehr dunklen Farbenton zeigt. Mit dem Blutzerfall
hat die Milz sicher etwas zu tun. Ueber ihre Aktion dabei sind
die Ansichten geteilt: Eppinger meint, daß in der Milz Blut¬
körperchen zerstört w r erden, Klemporer und Hirschfeld wider¬
sprechen dem. Nach den Untersuchungen des Vortr. ist nach
Splenektomien der Zerfall der roten Blutkörperchen auf Vio der
früheren Größe heruntergegangen. Vortr. stellt einen Mann vor,
bei welchem die Splenektomie wegen perniziöser Anämie ausge¬
führt worden ist. Er hatte D/a Millionen rote Blutkörperchen, der
Hämoglobingehalt w r ar 42% nach Sahli; 4 Wochen nach der
Splenektomie war die Zahl der roten Blutkörperchen 2,8 Millionen,
der Färbeindex höher als 1, zuletzt hatte Pat. 3,2 Millionen Erythro¬
zyten. In der durch die Duodenalsonde gewonnenen Galle w'urden
0,5 g Gallenfarbstoff, später 0,13 g gefunden. Pat. fühlt sich wohl.
Ueber die Art der Zerstörung der roten Blutkörperchen sind die
Ansichten nicht geklärt. Wenn rote Blutkörperchen auf endo¬
theliales Gewebe kommen, so werden sie von großen Zellen
(Makrophagen) aufgenommen und transportiert. Die Makrophagen
nehmen überhaupt alles fremde Material auf, sie sind in allen
Organen verteilt, in der Milz sind es die retikulären Endothelien;
diese besitzen eine besonders hohe resorbierende Kraft. Die Blut>
körperchen werden hierauf in die Leber gebracht, die eisenhaltigen
Anteile derselben gelangen in die Blutbahn zurück und werden
wieder zur Blutbildung verwendet. Da durch die Splenektomie mit
der Milz Makrophagen erster Ordnung entfernt werden, kommt es
zum Abfall des Gallenfarbstoffes. Die Untersuchung mit der Duo¬
denalsonde ergab in einem Fall von angeborenem Septumdefekt
eine Einschränkung der Erythrozytenzerstörung. Bei zwei Frauen
stieg während der Menstruation die Farbstoffproduktion an, was
auf einen gesteigerten ,’rythrozytenzerfall hin weist. Frau Dr. Pöl 2 l
hat bei ihren Unterstellungen vor den Menses einen Anstieg der
Zahl der roten Blutkörperchen, nach den Menses ein Abfallen der¬
selben festgestellt. Ueber das Cholesterin der Galle haben Asch off
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1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1.
3. Januar.
und Anischkoff grundlegende Arbeiten durchgeführt. Ersterer
hat nachgewiesen, daß die Cholesterinbildung vom Stoffwechsel
abhängig ist, letzterer konnte durch Cholesterinfütterung Chole-
sterinämie und Gefäßveränderungen erzeugen, welche der mensch¬
lichen Arteriosklerose nahestehen. Durch die Duodenalsondierung
kann man Vergleiche zwischen der Menge des Cholesterins im
Blut und in der Galle anstellen. Normalerweise ist in der Galle
kein Urobilin vorhanden, das Vorkommen desselben deutet auf
eine enterogene Infektion hin. Bei Gravidität und bei Gallenstein¬
bildung ist eine Hypercholesterinämie vorhanden.
A. v. Decastello bezeichnet die Methode des Vortr. als sehr
interessant, glaubt jedoch, daß durch die Untersuchung der Urobilin¬
reaktion in den Fäzes gleiche Resultate gewonnen werden könnten. Nach
der Splenektomie sinkt die Ausscheidung des Gallenfarbstoffes; damit ist
jedoch noch nicht der Beweis erbracht, daß auch die Hämolyse sinkt.
Nach der Splenektomie bei perniziöser Anämie schwindet der Ikterus
sehr rasch; trotzdem kann man nachweisen, daß das Blutbild sich erst
viel später bessert. Durch die Splenektomie wird die Hämolyse wohl
gestört, aber nicht aufgehoben.
S. Bondy erinnert an seine Untersuchungen mit der Duodenal¬
sonde, welche eine erfreuliche Uebereinstimmung mit den Experimenten
der Vortr. zeigen. Schon die Farbe der Galle ist wichtig, bei perniziöser
Anämie z. B. ist sie schwarzbraun. Die Untersuchungen über Urobilin
in der Galle haben gezeigt, daß in manchen Fällen bei starker Häroo-
phthise das Hämobiliriogen eine bedeutende Vermehrung erfährt.
E. Medak weist darauf hin, daß die Milz eine wichtige Rolle
bei der Erythrozytenzerstörung spielt; vor der Splenektomie findet man
im Blute weniger Erythrozyten und einen kleineren Färbeindex der roten
Blutkörperchen als nach derselben. Die endgültige Zerstörung der roten
Blutkörperchen geht in der Leber vor sich. Vortr. wollten eine Basis
für weitere Untersuchungen in der Frage der Anämie und der Choie-
sterinämie schaffen. H.
Wissenschaftliche Gesellschaft deutscher Aerzte in Böhmen.
Sitzung vom 13. November 1914.
Helm bespricht einen Fall mit Verdaunngsbeschwerden.
Diese treten periodisch in Zyklen auf mit Pausen von mehreren
Monaten bis zu einem Jahr. Ein solcher Zyklus bietet folgendes
Bild. Pat. fühlt sieb wohl, kann alles essen (zerkleinert), mittel-
breiiger Stuhl. Dieser wird plötzlich fester und fester, die Entlee¬
rungen werden eingeschränkt, schließlich werden nur noch Skykala
entleert. Während dieser Zeit ist der Bauch stark angeschwollen
und kissenartig aufgetrieben. Der Appetit und Schlaf werden
schlecht, Seitenstechen. Dann setzten Diarrhöen ein, und zwar
dann, wenn die Beschwerden am höchsten sind — bis zu zehn
wässerigen Stühlen. Allmählich nehmen diese ab, der Stuhl wird
wieder dickbreiig und die Beschwerden gehen zurück. Rasche
Besserung in einigen Tagen, daun folgt wieder so ein Zyklus; auf
der Höhe der Störung Erbrechen. Dieses Leiden besteht seit
20 Jahren ohne bestimmten Anfang. Vortr. zeigt nun eine große
Reihe von Röntgenbildern, durch welche Serienaufnahme der ganze
Verdauungsakt durch mehrere Tage hindurch demonstriert wird.
Aus diesen Aufnahmen ergibt sich die Klärung des Falles: Es
handelt sich um eine Erweiterung der untersten Partie des Oeso¬
phagus, um eine Erweiterung, die jedoch ohne Stenose zustande
gekommen ist (Sondierung erfolgte ohne Schwierigkeit). Magen
und Dünndarm sind normal, der Magen zeigt bloß eine Lagever¬
änderung. Der Dickdarm ist verlängert, sehr erweitert, namentlich
im Zökum und beiden Flexuren, während das Colon transversum
und Colon descendens weniger erweitert sind. Das S Romanura
und die Ampulle sind normal. Als wesentlich sei noch erwähnt,
daß der Stuhl zur Zeit seines Festseins ein vollkommen normales
Bild hinsichtlich Flora und Zusammensetzung zeigt (gute Aus¬
nützung der Nahrung), daß er aber zur Zeit der bestehenden
Diarrhöen eine grampositive Flora, nämlich grampositive Stäbchen
in großen Mengen aufweist.
Holler demonstriert einen Fall von Pyopneumothorax,
zeigt auch die zugehörigen Röntgenbilder und bespricht das
zytologische Verhalten des Exsudates, das sich folgendermaßen
verhält: Polynukleäre Neutrophile 69,3%, polynukleäre Eosinophile
9,9<>/ 0 , Mastzellen 0,4%, Myeloblasten und Makrophagen 2,3o/ 0 ,
Lymphozyten 17,9%, Erythrozyten 0,7%, bei insgesamt 2610 Zellen
in 1 cram des Exsudates. Man sieht also, daß gleichzeitig mit den
Eosinophilen auch Myeloblasten vorhanden^!nd, daß neutrophile
Zellen vorhanden sind und daß die Lymphozyten in den Hintergrund
treten. Dieser Befund spricht demnach nicht zugunsten der An¬
nahme der lokalen Entstehung der eosinophilen Zellen.
Weisser zeigt an der Hand von Elektrokardiogrammen
zweier Fälle, daß Vorhofflimmern und Pnlsns irregnlaris
perpetnns unabhängig voneinander Vorkommen können. Im ersten
Fall bestand durch mehrere Tage Vorhofflimmern bei vollkommen
regelmäßiger Kammertätigkeit. Durch Atropin, Digitalis und Be¬
wegungen konnte dieser Rhythmus in seiner Frequenz sehr gut
beeinflußt werden. Es scheint also der Sinusknoten bei Blockierung
der Leitung zum Vorhof seine regelmäßigen Reize dem Ventrikel
zugesendet zu haben. Später ging der regelmäßige Rhythmus in
echten Pulsus irregularis perpetuus über; offenbar versagte die
Sinustätigkeit und machte der arhythmischen Reizbildung der
flimmernden Vorhöfe Platz. Im zweiten Fall entstand zeitweüig
sowohl spontan als auch durch Verabreichung von Digitalis und
Eserin eine vollkommen unregelmäßige Kammertätigkeit bei absolut
regelmäßiger und unbeeinflußbarer Tachysystolie der Vorhöfe, was
bereits von A. Hoffmann und Rotberger gezeigt werden konnte.
R.
Associazione Medica Triestina.
Sitzung vom 16. November 1914.
Gail demonstriert eine äußerst selten auftretende angeborene
Mißbildung, bestehend in einem doppelt angelegten Darm (vom
Jejunum abwärts) und doppeltem Geschlechtsapparat. Röntgen¬
platte.
Ferrari demonstriert; a) einen Fall von Megacolon con-
genitnm (Hirschsprung) bei einem 3% Monate alten Kind;
b) einen seltenen Bildnngsfehler des Dickdarms (bei einem Neu¬
geborenen), bestehend in vollkommenem Mangel des Colon trans¬
versum. Das Zökum und Colon ascendens stark wurstförmig auf¬
getrieben und prall mit Mekonium gefüllt, unter der Leber blind
endend. Das Colon descendens und die Flexura sigmoidea zu Blei¬
stiftdicke reduziert, mit sehr engem Lumen. Analöffnung und
Rektum vorhanden, jedoch mit Atresia recti; c) ein neugeborenes
Rind mit Peritonitis, hervorgerufen durch ein offenes, kurzes
Divertikel am unteren Abschnitt des Ileums (offenes Meckel-
sches Divertikel ?). P—k.
Berliner Kriegsörztliche Abende.
Sitzungen vom 1. und 8. Dezember 1914.
H. Friedenthal: Einige Vorrichtungen znr Verhinde¬
rung der Uebertragung infektiöser Krankheiten. Durch ein
taucherartiges Leinengewand, das Kopf, Arme und Beine wie den
ganzen Rumpf von der Luft abschließt und nur eine kleine Oeff-
nung für die Atmung freihält, wird der infizierte Körper voll¬
kommen von der Umgebung abgeschlossen, so daß nicht einmal
das Bett von der Ansteckung betroffen wird. Auf diese Weise
kann der Transport von Kranken ohne Gefahr bewerkstelligt
werden. Will man noch durch Gummihandschuhe die Hände
schützen bei der Befriedigung der täglichen Bedürfnisse und außer¬
dem eine gründliche antiseptische Reinigung des Körpers, z. B.
nach der Defäkation bei Ruhr, vornehmen, so würde eine voll¬
kommene Sicherheit gegenüber der Uebertragung erzielt.
Bier: lieber Rriegsaneurysmen und deren Behandlung*
In 2 Monaten wurden 44 Aneurysmen behandelt, solche der Art.
iliaca, femoral., poplit., prof. fern., tib. ant. subclavia, axillaris, bra-
chialis, radialis, earot., intern., carot. ext., occipitalis. Die meisten
Aneurysmen sind arterielle. Ein Loch in der Gefäßwand führt zu
einer großen Höhle, die sich mit Häuten anfüllt nach Organisie¬
rung der Gerinnsel. Beim Aneurysma arterio-venosum besteht eine
Verbindung zwischen Arterie und Vene. Während beim arteriellen
Aneurysma die Pulsation der Geschwulst wahrgeuommen wird,
auch oft ein starkes Rauschen, ist ein systolisch verstärktes
Schwirren für den Zusammenhang mit der Vene charakterisiert.
Die Diagnose ist häufig erschwert durch entzündliche Erschei¬
nungen, die den Eindruck eines Abszesses hervorrufen. Die frische¬
sten Aneurysmen kamen 8 Tage nach der Verwundung zur Be¬
handlung, die ältesten nach 3 Monaten. Die hauptsächlichsten
Symptome bestanden in Kontraktionsstellung der benachbarten
Gelenke, in Oedemen der peripheren Teile und Schwirren im Kopf.
— Die Behandlung bestand 14mal in der einfachen Unterbin¬
dung, die für kleine Gefäße durchaus zureichend ist. Aber auch
bei infizierten Wunden wurden Aneurysmen größerer Gefäße mit
der Unterbindung behandelt, ebenso bei sehr erheblicher Blutung.
Ein Fall von intrathorakalem Aneurysma der Subklavia wird näher
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Januar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1.
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beschrieben. Der Exitus trat infolge von Thrombose der Karotis
ein. Die Naht wurde in 15 Fällen vorgenommen und in weiteren
1,') Fällen mit der Resektion der verletzten Stelle verbunden und
demnach ringförmig angelegt. Dreimal wurde eine Venentransplan¬
tation gemacht, die aber schwierig ist. Die Naht ist leicht für
den geübten Chirurgen, der das nötige Instrumentarium besitzt.
Man näht mit einfachen Knopfnähten erst die Intima und dann
die Seitenwände. Beim arteriovenösen Aneurysma ist breites
Operieren und genaue Präparation nötig. Bei der seitlichen Naht
schadet die Verengerung des Lumens nichts. Sie gleicht sich bald
aus und die Zirkulation stellt sich schnell wieder her. Bei Trans¬
plantationen, die für größere Defekte in Betracht kommen, macht
man die Beobachtung, daß die Vene der jugendlichen Soldaten zu
plastisch ist und sich daher schnell in ihrem Lumen verengt und
somit leicht zu Thrombosen Veranlassung gibt. Man muß sie daher
vor der Einpflanzung mit derPinzette etwas dehnen. Stets soll man
die Nebenäste der Arterie herauspräparieren und sorgfältig schonen.
- Was den Zeitpunkt der Operation anbetrifft, so empfiehlt.
Yortr., zunächst die Wunden heilen zu lassen, um dio Infektion
zu vermeiden. Sind Steckschüsse vorhanden, muß man sie vorher
entfernen. Allgemeine Narkose, am besten mit Aether, ist der
lokalen Anästhesie vorzuziehen, besonders da bei den blutarmen
Kranken wenige Tropfen genügen. Zumeist ist es ratsam, bei
künstlicher Blutleere zu operieren.
L. Landau: Fall von Schuß Verletzung der Leber. Der
^jährige Soldat wurde am 16. September 1914 verwundet, kam
am 17. September in das Kriegslazarett und gelangte am 8. Ok¬
tober in das Reservelazarett in Schöneberg. Hier wurde bei dem
sehr abgemagerten, aber fieberfreien Kranken ein starker Meteo-
rismns festgestellt. Der Einschuß war vorn neben dem Manubrium
steroi und unter dem Rippenbogen, hinten in der rechten Axillar¬
linie an der XII. Rippe über der Krista. Am 26. Oktober konnte
man in den abhängigen Teilen rechts in der Flanke Fluktuation
und Dämpfung feststellen. Da der Pat. mehr und mehr verfiel,
wurde die Laparotomie gemacht, nachdem eine Punktion kein
rechtes Resultat ergeben hatte. Bei der Operation entleerte sich
2'/» 1 reiner Galle, die aber aus der Leber selbst stammte, nicht
aus der ganz intakten Gallenblase. Das Peritoneum war gesund ge¬
blieben. Auf der Leber und den Dünndärmen befanden sich gela¬
tinöse Beschläge. Der Pat. genas bald nach der Operation. Der
Zustand erklärt sich als eine Intoxikation, wahrscheinlich durch
die gallensauren Salze hervorgerufen. Die Krankheit benennt der
Vortr. nach analoger Wortbildung Cholaskon, Gallenabsonderung.
Man sollte in solchen Fällen niemals die Punktion vornehmen,
sondern stets die Laparotomie. Im Fall des Gallenergusses aus
einer Leberschußwunde soll man nie versuchen, die Wunde vor¬
zeitig zur Heilung zu bringen. Drainage der Operationswunde ist
nur bei zu reichlicher Sekretion nötig.
Neubert berichtet über mehrere interessante chirurgische
Fälle, einen Fall von Blutung aus der Art. carotis und vertebralis,
ans der Art. femoralis und axillaris. Bei den vorgestellten Kranken
war die sehr erhebliche Blutung durch Thrombose der Gefäße ent¬
standen und führte einmal zur Nekrose des Unterschenkels. In
einem Fall von Leberabszeß gelang es nach Entfernung des
Lebersequesters Heilung zu erzielen. Bei einer schweren Genital-
'ßrletzung konnten die Gefahren der Urininfiltration glücklich be¬
lügt werden.
Umber stellt einen Kranken mit sp&stischcr Ataxie vor,
J* 1 dem die in Heilung begriffenen Beschwerden durch völlige
Beseitigung der durch einen Tangentialschuß am Schädel bewirkten
Knochendepression noch weiter gebessert werden dürften, ferner
einen Fall von Klumpkescher Lähmung infolge von Zertrümme-
n *8 des fünften Halswirbels, einen Fall von Verletzung der Cauda
fpßa, bei dem Blasen- und Sphinkterschwäche besteht, und einen
all von Mirschsprungscher Krankheit.
Schulz zeigt, an Temperaturkurven den günstigen Einfluß
er intravenösen Einspritzungen nach Ichikawa beim Typhus,
wodurch gewöhnlich ein krisisartiger Abfall des Fiebers unter
‘^bweißausbruch bewirkt wird.
He f zfeld schildert seine Erfahrungen an den Ver-
Müelen im allgemeinen, spricht über die Auswahl der zum
ansport geeigneten Kranken und die ersten Verbände. Auch
jj' a , w ® .wrichteilverletzüDgen machen oft große Schwierigkeiten
Vnr* ^ eD noc k spät Kompilationen. im speziellen gibt der
_ r ' . ere Empfehlungen bei Amputationen, für die Behandlung
infizierten Gelenken, bei Brust- und Rückenmarkschüssen. Die
Zahl der Nachoperationen, wie hei Aneurysmen und Nervenver¬
letzungen, wird mit der längeren Dauer des Krieges größer werden.
Henneberg demonstriert eine Anzahl interessanter Ner¬
venverletzungen (zerebrale, spinale und periphere), Hennig
zwei Kopfschüsse und einige Verletzungen, die offenbar durch
Geschosse mit Explosivwirkung (Dum-Dum) zustande gekommen
waren. Unter weiteren bemerkenswerten Fällen befand sich auch
ein Landwehrmann, bei dem außer der Verwundung am Ober¬
schenkel, von einem Russen durch einen mit großer Gewalt ge¬
führten Säbelhieb von hinten her der Hals bis zur Wirbelsäule
durchschlagen war, wie bei einer nicht völlig gelungenen Ent¬
hauptung. ___ ______
Aerztlicher Verein in Frankfurt a. M.
Sitzung vom 21. September 1914.
Dreyfus: Referat über Tetanusbehandlung. Die Tetanus¬
erkrankung wird nicht durch den Bazillus, sondern durch dessen
Toxin erzeugt. Der Bazillus ist sehr häufig, die Krankheit aber
verhältnismäßig selten; das hängt damit zusammen, daß zu ihrer
Erzeugung noch gewisse Vorbedingungen erforderlich sind, wie
stärkere Gewebsschädigung, wahrscheinlich auch Symbiose mit
anderen Bazillen. Das Tetanustoxin wird durch Nervenendplatte
und den Achsenzylinder zu den Zellen des Vorderhorns des Rücken¬
marks geleitet. Das Antitoxin wird gleichzeitig gebildet, es findet
sich aber nur in dem Blut und der Gewebsflüssigkeit und kann
nicht an den Nerven verankert werden. Für den Verlauf spielt die
Inkubationsdauer eine große Rolle. Die Prognose ist um so un¬
günstiger, je kürzer die Inkubationszeit war, und bei Katzen
braucht man zur Neutralisierung des Toxins um so mehr Anti¬
toxin, je später nach der Infektion es angewandt wird. Die An¬
fangssymptome sind Trismus, der aber auch fehlen kann, ziehende
Schmerzen im Verlauf der Wunde, Nackenschmerzen, Schluck¬
beschwerden, die oft im Vordergründe stehen; Kaubeschwerden
lassen so gut wie sicher auf drohenden Tetanus schließen. Die
Therapie erfordert unbedingt lokale Behandlung, weil sich die Ba¬
zillen in der Nähe der Wunde aufhalten und nicht ins Blut über¬
gehen. Von der Amputation kann man im allgemeinen absehen,
man muß aber die Wunde breit spalten und durch Ausspülen mit
Perubalsam offen halten. — Die ätiologische Therapie geschieht
mit Serum von Pferden, die mit steigenden Dosen von Tetanus
infiziert wurden. Die größten Triumphe feiert die Serumtherapie
bei der Prophylaxe, zu der etwa acht Einspritzungen innerhalb
8—10 Tagen erforderlich sind. Zur Behandlung wird die lokale
Anwendung empfohlen, indem man entweder trockenes Serum auf
die Wunde aufpulvert oder mit Serum getränkte Tampons ein-
legt. Die subkutane oder intramuskuläre Anwendung scheint
sehr wenig zu leisten. Zu empfehlen ist die endoneurale Ein¬
spritzung, um das Toxin auf seinem Weg durch die Nerven zu
neutralisieren. Zweckmäßig ist auch die intravenöse Methode,
doch kann mit ihr nur im Blut kreisendes Toxin abgefangen
werden, auf das im Zentralnervensystem bereits verankerte bleibt
es ohne Wirkung. Daher ist jetzt die gegebene Methode die intra¬
lumbale Injektion. Da aber nach 24 Stunden das Antitoxin aus
dem Liquor verschwindet und ins Blut übergeht, so ist dann die
Einspritzung zu wiederholen und es müssen große Dosen ange¬
wandt werden. Daneben muß auch die intraneurale und intravenöse
Serumanwendung stattfinden. Nach der Einspritzung geht die
Temperatur herunter, anaphylaktische Erscheinungen treten nicht
auf, die Krämpfe lassen nach. D. berichtet über den günstigen
Verlauf zweier nach dieser Methode behandelter schwerer Fälle.
Die intralumbale Anwendung ist nicht angenehm, da wegen des
Opisthotonus immer Narkose notwendig ist. Tetanische vertragen aber
sehr viel Narkotika, und die Gefahr der Narkose erscheint immer¬
hin geringer als die der Krankheit selbst. Je früher die Serum¬
behandlung einsetzt, um so besser ist ihr Erfolg. Die Nichtein¬
leitung der Antitoxinbehandlung ist heutzutage wohl als ein
Fehler zu betrachten. — Die symptomatische Behandlung besteht
in der Verabreichung großer Dosen von Narkotika (Chloral, Mor¬
phium, Chloroform usw.), und viele glauben damit mehr zu er¬
reichen als durch die Serumbehandlung. Die große Gefahr des
Tetanus liegt vor allem in der außerordentlich großen Konsump-
tion der Kräfte und des Herzens infolge der Krämpfe. Neuerdings
hat man das Magnesiumsulfat in der Tetanustherapie verwandt
Dieses Mittel erzeugt, in den Körper eingeführt, Narkose der
motorischen und sensorischen Sphäre, in großen Dosen auch der
Großhirnrinde. Im Tierexperiment kann man diese Narkose durch
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UNIVERSUM OF IOWA
26
1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1.
3. Januar.
Einspritzung von Calcium chloratum sofort wieder zum Verschwin¬
den bringen. Die Gefahr seiner Anwendung besteht hauptsächlich
in seinem Einfluß auf die Atmung, wogegen Physostigmin an¬
zuwenden ist. Außerdem erzeugt es Bradykardie, deren Antidot
Atropin ist. Das Magnesiumsulfat ist von Kocher zuerst intra¬
lumbal angewandt worden, der davon ganz überraschende Erfolge
sah. Es verschont das Herz, wirkt aber lähmend auf das Atem¬
zentrum. Außerdem ruft diese Anwendung komplette Lähmung
der Unterextremitäten und Harnverhaltung horvor, die sich aller¬
dings nach 24 Stunden lösen. Die Gefahr der Atemlähmung kann
durch Hochlagerung des Kopfes vermindert werden, droht sie
aber, dann ist nach vorheriger Tracheotomie Luft oder Sauerstoff
unter Druck in die Lungen einzuleiten. Kocher hat 5ccm einer
20%igen Lösung angewandt. Wegen der Gefahr für das Atem¬
zentrum verabreicht man die Einspritzung jetzt meist nicht mehr
intralumbal, sondern intramuskulär und gibt 20—25 g pro die. Das
letzte Wort über die Magnesiumsulfatbehandlung ist noch nicht
gesprochen, sie bietet aber unter Umständen bei richtiger Anwen¬
dung gute Aussichten. In erster Linie muß aber die Antitoxin-
therapie stehen, die auch Kocher daneben angewandt hat. End¬
lich sind von Bacelli subkutane Einspritzungen von 2—3%iger
Karbolsäure empfohlen worden. Er verabreichte am ersten Tag
hiervon 3—5 ccm, und wenn das vertragen wurde, täglich bis zu
1,5 g Acid. carbolic. Dieses wirkt antithermisch und antitoxisch,
und Bacelli hat dabei bis zu ‘.HP/o Heilungen gesehen. Doch ist
zu bedenken, daß der Tetanus in Italien überhaupt milder auftritt
als bei uns. Gefahr soll bei Anwendung dieser großen Dosen nicht
bestehen. — D. empfiehlt zum Schlüsse, bei jedem Tetanus neben
der lokalen Behandlung in allererster Linie die gleichzeitige endo-
neurale, endo venöse und endolumbale Behandlung mit Antitoxin
in großen Dosen (100I.-E.) fortzusetzen, bis Besserung eintritt.
Daneben ist in schweren Fällen die Anwendung von Narkotizis,
von Magnesiumsulfat oder ein Versuch mit Karbolsäureeinspritzun¬
gen zu machen. _ H.
Aerztlicher Verein in Köln.
Sitzung vom 27. November 1914.
Krieysärztlicher Abend,
Preysing: lieber Kopfschüsse. Aus seinem großen Material
hat er eine Reihe von Fällen ausgewählt, die er im Bild und in
Wirklichkeit vorführt. Zunächst werden eine große Zahl sehr in¬
struktiver Röntgendiapositive und Photographien gezeigt. Großes
Gewicht legt P. auf die sogenannten „unschuldigen Streifschüsse“.
Man sollte nie versäumen, in einem solchen Fall eine Röntgen¬
aufnahme anfertigen zu lassen. Man wird oft überrascht sein über
den röntgenographischen Befund. An einschlägigen Bildern sieht
man nur eine ganz kleine Hautwunde, während das Röntgenbild
eine erhebliche Impression und Zersplitterung der Tabula vitrea
zeigt. Oft findet man bei diesen Tangentialschüssen Knochensplitter
tief in die Gehirnmasse versprengt. Die Mechanik dieser Tangen¬
tialschüsse vergleicht P. mit einem Auto, welches durch eine
Wasserpfütze fährt und die Spritzer nach allen Seiten schleudert.
In den ersten Wochen der Kriegszeit wurde diesen unschuldigen
Streifschüssen zu wenig Bedeutung beigelegt. Die Pat. wurden
nur mit Bettruhe und aseptischen Verbänden behandelt. Spät, oft
erst nach der Entlassung, traten dann Beschwerden, wie Kopf¬
schmerzen, auf. Hielt man vielleicht auch den Pat, für einen Simu¬
lanten, so überzeugte einen doch das spätere Röntgenogramm, daß
hier infolge ärztlicher Schuld ein Fehler begangen worden war.
Die dann vorgenommene Operation befreite den Mann von seinen
Beschwerden. Ueber mehrere derartige zu spät operierte Fälle
konnte P. berichten. Wenn auch der Erfolg dieser Operationen
quoad restitutionera ein guter war, so traten doch technische
Schwierigkeiten in diesen Fällen auf. Zur Freilegung der Wunden
benutzt P. einen Kreuzschnitt. Die Knochen- oder Geschoßsplitter
waren oft schon in feste Narben eingebettet und schwer zu ent¬
fernen. In früh operierten Fällen sitzen diese Fremdkörper lose
und lassen sich leicht herausholen. Zur Operation wird in allen
Fällen kein Trepan, sondern irgend eine Knapperzange benutzt.
Ist der Fremdkörper nicht sofort zu finden, so soll man nicht lange
im Zerebruin herumsuchen, sondern ab warten. Im weiteren Verlauf
der Heilung stoßen sich die Splitter ab. Ein vorhandener Gehirn¬
prolaps soll nach Möglichkeit nicht abgetragen werden. War die
Schußrichtung eine derartige, daß die Stirnhöhle mit verletzt war,
so muß diese weit geöffnet werden. Hierbei muß unbedingt darauf
geachtet werden, daß keine Verbindung von Stirn- und Nasenhöhle
bestehen bleibt. Auch in der späteren Nachbehandlung, die bei
solchen Trepanierten in der Regel mehr Aufmerksamkeit und Arbeit
erfordert als die Operation selbst, ist hierauf das größte Gewicht
zu legen. Denn nur allzu leicht können durch die Nase Infektionen
entstehen, die einen sonst schönen operativen Erfolg illusorisch
machen. Die meisten Fälle von Kopfschüssen mit Gehirnver-
letzung gehen an Meningitis zugrunde. P. hat 72 Fälle von Kopf¬
schüssen beobachtet. Hiervon wurden 31 operiert. Sieben von
diesen starben. _ D.
24. Kongreß der Italienischen Gesellschaft für innere
Medizin.
Genua, 11.—14. Oktober 1914.
II.
Ferrannini (Camerino): Magennenrosen. Die Ursachen der
Magenneurosen können im Bereiche des Nervensystems liegen:
kongenitale Störungen, Reizung des Pneumogastrikus oder Sym¬
pathikus längs des Weges durch die Thorax- oder Bauchhöhle;
ferner Kreislaufstörungen, Arthritismus. Als intraorganische Intoxi¬
kationen können die gastroneurotischen Erscheinungen, bedingt durch
alimentäre Anaphylaxie, angesehen werden 1 , wenn sie hauptsäch¬
lich durch vervollkoramte Spaltung der N-Substanzen infolge In¬
suffizienz der intraorganischen Fermente auftreten. Zu einer
intraorganischen Intoxikation führen auch die Anomalien der
endokrinen Organe sowohl durch Vertreter der Hormonen, die
— sympathikotrop — zu einer Reizung des Magensympathikus
führen, als auch jener, die den Magenvagus reizen, weil im
allgemeinen vagotrop, und aus der Geschlechtsdrüse, dem Pankreas,
der Parathyreoidea und Thymus sezerniert werden. Die Magen¬
wände wie der übrige Verdauungsapparat besitzen eine innere
Sekretion. Der Unterschied zwischen sympathikotropen und vago-
tropen Erscheinungen muß, um klinisch ausgenützt zu werden,
die individuelle Diathese (Prädisposition) nicht außer acht lassen;
da ein identischer Symptomenkoinplex ebenso gut von einer Vagus-
wie Sympathikusreizung je nach der Vorherrschaft des Vagus¬
systems und der vagotropen Hormone oder umgekehrt des Sympa-
thikussystemes mit den sympathikotropen Hormonen hervorgerufen
werden kann. Durch die Probe von As ebner vermag man diese
Differenzen klarzulegen. Eine andere Quelle für Magenneurosen ist
bedingt durch die Enteroptose (Antrum pyloricum, Regio pyloro-
duodenalis) und durch die außerordentliche Länge und Schmalheit
des Antrum pyloricum. Die ganze Pylorusgegend kann man sich so
denken, daß sie parallel und nahe verläuft der zweiten Portion des
Duodenums oder es erscheint der mediane Teil des Magenkorpus
in die Länge gezerrt und kanalförmig verzogen (Biloculisraus
gastricus). Verschiedene gastralgische oder gastrohypersekretorische
Erscheinungen (mit oder ohne Erbrechen) werden vorgetäuscht
durch ein Ulcus duodeni, eine Pericholezystitis, Lithiasis, eine
rechtsseitige Hydronephrose, Enterocolitis, chronische Appen¬
dizitis, Lithiasis intestinalis, Pankreaserkrankungen. Die Regio
pyloroduodenalis mit der Gallenblase der rechten Kolonflexur und
der rechten Niere stellen ein anatomisch-klinisches Sonnengeflecht
dar, das, dem anatomischen Plexus solaris zugesellt, als Zentrum
gleichzeitiger konvergenter wie divergenter Reflexerscheinungen
anzusehen ist. Unter diesen prädominiert der Pyloruskrampf. Wenn
umgekehrt der Pylorus mehr infolge permanenter Läsionen des
Orifiziums als durch Spasmus verengt ist, so schließt er nicht in
dem Augenblick, in dem er in gesundem Zustand den Durch¬
tritt des Chymus aus dem Magen in das Duodenum verhindern
oder verzögern sollte: der scheinbare Widerspruch zwischen einer
Pylorusstenose und einer Pylorusinsuffizienz. Das schließt die
Möglichkeit nicht aus, daß der Pyloruskrampf manchmal von
Hyperchlorhydrie oder Gastrosuccorrhoe abhängig sein kann. Auch
die Kardia kann einen Spasmus aufweisen reflektorischer Natur
(Ulcus rotundum, Erosionen derMagenschleimhautusw.). Der Pylorus¬
krampf kann bei Hyperchlorhydrie als eine Abwehrvorrichtung an¬
gesehen werden, wenn es ihm gelingt, den Durchtritt des über¬
sauren Chymus in das Duodenum zu verzögern resp. zu verhindern.
Die Magenneurosen können den Boden für entzündliche, geschwü-
rige, degenerative oder neoplastische Prozesse bereiten und können
besondere Modalitäten der Nosographie und der Evolution der
sogenannten organischen Magenkrankheiten ausdrücken.
Schupfer (Florenz): Differentialdiagnose der Magen-
neurosen. Organische Magenerkrankungen, extragastrische Krank¬
heiten, die sekundär zu Magenkrankheiten führen, können eine
Magenneurose Vortäuschen. Was die organischen Magenkrankheiten
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3. Januar.
1915 MEDIZINISCH!*’, KLINIK — Nr. 1.
27
anbelangl, ist die Diagnose schwierig, wenn davon neuropathische
Individuen getroffen werden, da man streng die Gastropathie von
der Stenopathie trennen muß. Mit großer Vorsicht werden wir an
eine Neurose denken bei einem in vorgerückten Jahren stehenden
Pat., und während den Schmerzen für die Differentialdiagnose ein
besonderer Wert zukommt, muß man sich hüten, einen wehleidigen
Magenkranken oder einen Pat, der Erscheinungen bietet, die wir
gewöhnlich bei der Neurose zu beobachten haben, rundweg als
Magenneurotiker aufzufassen. Magenneurosen können mit Blut¬
brechen einhergehen; die Blutquelle ist nicht der Magen. Wenn
man mit Sicherheit eine organische Magenerkrankung ausschließen
kann, wird man, bevor man eine Magenneurose annimmt, an die
Möglichkeit sekundärer Magenbeschwerden infolge extragastrischer
Krankheiten denken müssen (Krankheiten des vierten Ventrikels
mit lange dauernder Gastrosuccorrhöe usw.). Aus seinen klinischen
Beobachtungen resultiert, daß Krankheiten der Spinal wurzeln —
zwischen dem vierten und neunten Dorsalsegmente — bei Tieren
zn Veränderungen des Magenchemismus führen. Viele Tatsachen
sprechen dafür, daß auch beim Menschen die Erscheinungen so
ablaufen (Crises gastriques). Schwierig wird die Differentialdiagnose
zwischen Magenneurose und einigen dyspeptischen Erscheinungen
sein (Krämpfe, Magenmeteorismus, Schmerzen), die im Früh-
stadium der Tabes auftreten. Beim Morbus Basedowii noch bevor
die klassischen Symptome klar hervortreten, können Verdauun gs-
beschwerden auftreten, die in Verbindung mit den nervösen
basedowianischen Beschwerden die Diagnose einer Magenneurose
aullegen: eine gründliche Untersuchung wird objektive und sub¬
jektive — Herz-! — Symptome aufdecken, wodurch die Diagnose,
noch bevor die klassische Trias vortritt, sichergestellt wird. Krank¬
heiten der Parathyreoidea, der Nebennieren gehen ebenfalls mit
Verdauungsstörungen einher. P—k.
Kleine Mitteilungen.
Neqjahrsbetrachtung.
Wien, Sylvester 1914.
Der Jahreswechsel vollzieht sich im Sternbikle des
Mars. Viel Elend, Unheil und Not hat der Kriegsgott in
den letzten Monaten des sterbenden Jahres gezeitigt. Er und
sein Halbbruder Thanatos. Die Blüte der Nationen steht in
blutigem Kriege. Die Aerzteschaft ist mobil, seine Schäden
zu heilen, seine Opfer zu verringern. Auch sie, die „Nicht-
koinbattanten“, zählen zu diesen Opfern. Gar Mancher aus
unseren Reihen hat in der des Völkerrechts, der Genfer
Konvention spottenden Kriegführung von Kulturstaaten sein
Leben, seine Freiheit verloren; manch Einer schmachtet in
würdeloser Gefangenschaft, die des Koten Kreuzes auf weißem
Grunde nicht achtet; so Mancher ist den Seuchen zum Opfer
gefallen, die zu bekämpfen er ausgezogen. Tod und Not
auch im ärztlichen Korps. Doch auch Schönes, Großes. Die
Aerzteschaft Oesterreich-Ungarns und des verbrüderten
Deutschen Reiches hat die Feuerprobe glanzvoll bestanden,
die dieser Krieg ihr aufgenötigt. Und der Sieg, den wir für
die untrennbar Verbündeten erflehen, er heftet sich an die
Fahnen der Aerztebrigade, deren Mitglieder hochaufgerichtet,
zeriistet mit den Waffen der Wissenschaft und jener Kunst,
die volles Können, unermüdliche Arbeit, selbstlose Hin¬
gebung voraussetzt, eintreten für die Wohlfahrt der Helden
dieses Schlachtens, selbst Helden, die ausnahmslos das
Ehrenzeichen verdienen, das so Vielen von ihnen die Brust
schmückt.
So gehen wir denn hoffnungsvoll dem neuen Jahre
entgegen. Möge es Europa das Ende des sinn- und maßlosen
Jürgens bringen, das seinem Vorgänger für alle Zeiten das
hiutig Mal aufgedrückt; möge der Frieden unserem Erdteil
werden, bevor die Schneeglöckchen ihre zarten Blüten öffnen;
moo-en Mord und Feuerbrand des Krieges aufhören, auf daß
ans seinen Ruinen auferstehe Ruhe, Eintracht, Kultur und
Jienschengliick!
Die Aerzte aber, die diese heißen Wünsche hegen,
werden, wie es auch kommen mag, selbstlos und unbeirrt
durch Gefahr und persönliches Leid ihre schöne, wenn auch
schwere Pflicht erfüllen; nach wie vor werden sie ihr Wissen
und Können, ihre Sorge und Liebe den Verwundeten, den
Kranken weihen, die ihrer noch lange bedürfen werden, und
damit in ihrer Weise beitragen zum Heil des Einzelnen wie
der Gesamtheit im Dienste des geliebten Vaterlandes.
Quod felix, faust-um fortunatuimjue sit!
Kriegschronik.
Aus den off» Verlustlisten,
1. Tot:
A.-A.-St. Dr. Anton Hei gl, T.-E. Nr. 27 (Liste vom 12. Dezemlvr).
A.-A. Dr. Alexander üjvarosi, gestorben an Herzfehler Res.-Sp.
Ungvar (Liste vom 27. Dezember).
2. Verwundet:
A.-A.-Dr. Viktor Hentz, I.-R. Nr. 70, Sehulterschuß, liegt (Jnrn.-Sp.
Nr. 16 Budapest (Liste vom 12. Dezember).
R.-A. Dr. Mate Jelaca, 13. Geb.-Brig. (Liste vom 15. Dezember).
R.-A. Dr. Moritz Franz, L.-I.-R. Nr. 15, Schußwunde, liegt Land-
wehr-Sp. Krem sie r (Liste vom 16. Dezember).
O.-A. d. Res. Dr. Siegfried Kolicb, F.-K.-R. Nr. 9, Kopfschuß, liegt
Allg. Krankenhaus Wien (Liste vom 23. Dezember).
Arzt Dr. Alfred Soppelsa, F.-I.-R. Nr. 1, Obersclienkelschnß,
liegt klin. Res.-Sp. Innsbruck (Liste vom 23. Dezember).
R.-A. Dr. Rudolf Srb, I.-R. Nr. 17, Hamlschuß, liegt Res.-Sp.
Hohenmauth (Liste vom 23. Dezember).
O.-A. Dr. Josef Weinstein, Div.-San.-A. Nr. 21, Handschuß, liegt
mobil.Res.-Sp. Grk. (Liste vom 24. Dezember).
O.-A. Dr. Friedrich Deutsch, L.-I.-R. Nr. 6, Armbruch, liegt
Res.-Sp. Ujvidek (Liste vom 17. Dezember).
A.-A. Dr. E. Hirschtritt, I.-R. Nr. 20, Schenkelschliß, liegt
Res.-Sp. Szabadka (Liste vom 17. Dezember).
3. Kriegsgefangen:
O.-A. d. Ev. Dr. Heinrich Pruska, Div.-San.-A. Nr. 9, Niseh (Liste
vom 12. Dezember).
* *
*
Der deutsche Bundesrat hat mit Bekanntmachung vom
26. November 1914 eine Verordnung erlassen, wonach die auf
Militärdienstzeiten bezüglichen Vorschriften der deutschen Reichs¬
versicherungsordnung entsprechend auch für Militärdienst¬
zeiten gelten sollen, die während des gegenwärtigen Krieges in
österreichisch-ungarischen Diensten zurückgelegt worden
sind oder noch werden. Diese Verfügung, durch welche im Ver¬
hältnisse zur Invaliden- und Hinterbliebenen-Versicherung die
Dienstleistung im österreichisch-ungarischen Militärdienste der
Dienstleistung im deutschen Heere gleichgestellt wird, ist für die
zahlreichen österreichischen Staatsangehörigen, die vor Ausbruch
des Krieges im Deutschen Reich als Arbeiter oder Angestellte
beschäftigt waren und hierlands zur Militärdienstleistung einberufen
wurden, von der größten Bedeutung. Sie verhindert für diese
Personen nicht nur den Verlust der Anwartschaft aus der Ver¬
sicherung wegen länger dauernder Unterbrechung der Beitrags¬
leistung, die auf die österreichisch-ungarische Militärdienstleistung
entfallenden Zeiträume werden sogar als Beitragszeiten (der zweiten
Lohnklasse) angerechnet, bewirken also ein Steigen der Anwart¬
schaften aus der deutschen Invaliden- und Hinterbliebenen-Ver¬
sicherung. Die während der Militärdienstleistung invalid Gewordenen
und die Hinterbliebenen der Gestorbenen erlangen den Anspruch
auf den Bezug der Invaliden- oder Hinterbliebenenrente, soweit
nicht gesetzliche Beschränkungen des Bezugsrechtes bei Aufent¬
halt außerhalb der Grenze des Deutschen Reiches eintreten.
* *
*
Aus Berlin wird uns geschrieben: Das Eiserne Kreuz, das
seit den ruhmreichen Tagen von 1870/71 etwas in Vergessenheit
geraten schien, hat in dem gegenwärtigen Kriege eine glanzvolle
Auferstehung gefeiert. Außerordentlich groß — wie alles in diesem
Weltkriege — ist die Zahl der mit dem Kreuz Ausgezeichneten,
und die Aerze stellen zu den Dekorierten erfreulicherweise einen
hohen Prozentsatz. Bis jetzt haben mehr als 1500 Aerzte das
Eiserne Kreuz erhalten, ganz gewiß ein glänzendes Zeugnis für
den Mut und die Hingabe, mit der unsere Kollegen im Felde ihres
verantwortungsvollen Amtes walten. Verschiedenen Aerzten ist
sogar das Eiserne Kreuz I. Klasse verliehen, sei es „für hervor¬
ragende ärztliche Tätigkeit im Granat- und Schrapnellfeuer“ oder
„für mutiges Ausharren bei der Versorgung Verwundeter in mehr-
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UNIVERSUM OF IOWA
28
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1.
3. Januar.
stündigem ärgsten Gewehrfeuer“ oder „für besonders tapferes Ver¬
halten und aufopfernde Tätigkeit in der Schlacht“. Einer der so
Ausgezeichneten war 18mal im Feuer und wurde zweimal ver¬
wundet. Bei solcher Bravour wird man sich über die Verlust¬
ziffern, die das Sanitätskorps betreffen, nicht wundern dürfen.
In einem Bericht, der bis Mitte November reicht, finden sich
folgende Angaben: Gefallen90, gestorben oder tödlich verunglückt34,
verwundet 161, vermißt und gefangen 133. Demnach belief sich
der Gesamtausfall zu der angegebenen Zeit, also bereits vor mehr
als einem Monat, auf 418 Militärärzte. — Was übrigens unsere
Aerzte leisten, zeigt in recht anschaulicher Weise die eben er-
öffnete Ausstellung für Verwundeten- und Kranken-Für-
sorge. An einer Unsumme von Modellen, Apparaten, Instrumenten,
Bildern und statistischem Material wird dem großen Publikum in
eindringlichster Form vorgeführt, wie vorzüglich Heeresverwaltung,
Marine und freiwillige Krankenpflege für die leider nicht unbe¬
trächtliche Zahl von Verwundeten Sorge tragen.
(Militärärztliches.) Ernannt wurden zu Landsturm-Regi-
mentsärzten die DDr.: K. Gerus, A. Hampl, A. Pressfreund,
K. Rössler; zu Landsturm-Oberärzten die DDr.: H. Barbay,
H. Bezdck, M. Casper, W. Denk, G. Hassl, E. Herrmann,
M. Jedlißka, 0. Kafka, J. Klepl, Pb. Lazareviö, L. Lebisch,
O. Lenhart, A. Maciag, A. Mandl, W. Mestäk, A. Mikoläsek,
E.Romanowszky,B. Schweinburg, V.Vranjican, J. Wagner,
R. Werner; zu Landsturm-Assistenzärzten 148 Aerzte. — In An¬
erkennung tapferen und aufopferungsvollen Verhaltens vor dem
Feinde ist dem O.-St.-A. II.Kl.Dr.A. Heiss des 44.L.-I.-Div.-Kmdo.,
St.-A. Dr. H. Berger, Sanitätschef der 110. Lst.-l.-Brigade, R.-A.
Dr. D. Jurkowicz des L.-I.-R. Nr. 15, O.-St.-A. II. Kl. Doktor
L. Glück, Sanitätschef der 26. L.-I.-Div., St.-A. Dr. A. Ober¬
länder der 13. L.-I.-Div., R.-A. d. Ev. Dr. G. Geber, Komman¬
danten des Reservespitals in Usora, das Ritterkreuz des Franz
Josef-Ordens am Bande des Militärverdienstkreuzes, dem A.-A.-St.
d. Res. Dr. J. Gangl des L.-I.-R. Nr. 4, O.-A. d. Ev. Dr. L. Elznic,
Lst.-O.-A. Dr. J. Klepl und Lst.-A.-A. Dr. J. Syrovy des Lst.-I.-R.
Nr. 38, O.-A. d. Ev. Dr. A. Steiner der Div.-San.-A. Nr. 30,
Lst.-Arzt Dr. D. Karamann beim Festungs-Sp. Nr. 1 Risano,
A.-A. d. Ev. Dr. A. Silbermann das Goldene Verdienstkreuz mit
der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille verliehen, dem R.-A.
Dr. V. Kroboth des Ldsch.-R. Nr. III. R.-A. Dr. J. Zavrel, des
Garn.-Sp. Nr. 2 Wien, R.-A. Dr. F. Kodera der 110. Lst.-I.-Bri-
gade, R.-A. d. Ev. Dr. L. Lenk des L.-I.-R. Nr. 10, R.-A. Doktor
K. Sternbach des L.-I.-R. Nr. 16, R.-A. Dr. J. Konta und O.-A.
d. Ev. Dr. K. Fischer des Lst.-I.-R. Nr. 38, O.-A. d. Ev. Doktor
E. Steiner des Ldsch.-R. Nr. II, O.-A. d. Res. Dr. J. Zügner des
L. -I.-R. Nr. 1, St.-A. Dr. G. Stein der 22. L.-I.-Div. die a. h. be¬
lobende Anerkennung ausgesprochen worden. — In Anerkennung
hervorragender und aufopferungsvoller Dienstleistung vor dem
Feinde ist dem Landsturmarzt Dr. L. Kirchmayer das Ritter¬
kreuz des Franz Josef-Ordens am Bande des MititärVerdienstkreuzes
verliehen worden. — Im nichtaktiven Stande des marineärztlichen
Offizierskorps wurden ernannt zu Linienschiffsärzten d. Res. die
Fregattenärzte d. Res. DDr.: F. Ertl, F. Groyer, R. Pils,
R.Goldmann, R.Kovanid, E. Fügner, A. v. Posch, K. v. Braun,
W. Mestak, K. Müller; zu Fregattenärzten d. Res. die Marine-
Assistenzärzte d. Res. DDr. H. Pleschner, W. Neumann,
E. Färber, J. Fügner, J. Müller, M. Mahoritsch; zum Linien¬
schiffsarzt der Seewehr Fregattenarzt der Seewehr Dr. F. Chour;
zu Fregattenärzten der Seewehr die Marine-Assistenzärzte der
Seewehr DDr. St. v. Gothard, E. v. Mihalkovics, E. Sieber.
— Im Landwehrärztlichen Offizierskorps wurden ernannt zu Ober¬
ärzten d. Res. die A.-Ae. d. Res. DDr. 0. Haller des L.-I.-R.
Nr. 3, 0. Silberknopf der Reitenden Ldsch.-Div.; zum Stabsarzt
d. Ev. des Reg.-A. d. Ev. Dr. H. Matzke, zum Regimentsarzt
d. Ev. der O.-A. d. Ev. Dr. A. Moravek, zu Oberärzten d. Ev.
die A.-A. d. Ev. DDr.: H. Guth, M. Neuwirth, J. Krist, S. Da¬
nielski, S. Hopfen, V. Verdross, E. Strasser, V. Blum,
G. Jurgev, A. Motyka, S. Teufel, K. -Wirth, 0. Zimmer¬
mann, M. Kessler, E. Jellinek, V. Mährer, 0. Bencsi;
zu Regimentsärzten außer Dienst die O.-Ae. a. D. DDr. J. Selzer,
R. Pressburger, zu Oberärzten außer Dienst die A.-Ae. a. D.
DDr.: E. Clodi, S. Russ, A. Schwarz, S. Steuermark, K. Je¬
linek, W. Scheichl, F. Bauer, J. Grandi, A. Reinert, L. Fi-
lipkiewicz.
(Personalien.) Dem praktischen Arzt Dr. W. Li er in
Przemysl ist in Anerkennung tapferen und aufopferungsvollen
HM-nureber Eigentümer und -Verleger: Urban & Schwarzenberg, Wien und Ber
Herwege , * Druck tou Gottlieb Gistel & Cie
Verhaltens vor dem Feind das Goldene Verdienstkreuz mit der
Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille verliehen worden. — Die
Bezirkfcärzte DDr. E. Horak, M. Horn und A. Lederer in
Bosnien sind zu Oberbezirksärzten ernannt worden.
(Römisches Militär-Sanitätswesen.) Dem römischen
Denkmalbestand Oesterreichs ist — wie der „Wr. Abdp.“ geschrie¬
ben wird — zu entnehmen, daß die weitaus meisten darin vorkom¬
menden Aerzte dem Militärverband angehören. Behandelt wurden
die verwundeten oder kranken Soldaten teils in ihren Zelten, teils
in dem Lazarett, dem Valetudinarium. In der Lagerfestung stand
das Valetudinarium unter dem Kommando des Lagerpräfekten und
batte eigene Beamt« und Krankenwärter, ln dem rechts von der
Reichsstraße Wien — Hainburg gelegenen und etwa zwei Drittel
der ganzen, im Altertum rund 18 Hektar groß gewesenen Carnun-
tiner Lagerfläche umfassenden Teile wurde im Jahre 1904 süd¬
westlich vom sogenannten Quästorium ein viereckiger Gebäude¬
komplex ausgegraben, der eine Gesamtfläche von nahezu 6000 Qua¬
dratmeter bedeckt und dessen Mitte ein großer Hof einnimmt. An
der analogen Stelle liegt in dem bereits völlig ausgegrabenen rö¬
mischen Lager Novaesium bei Neuß am unteren Rhein ein vor
dem Jahre 1904 gefundener, mit großen Zimmern ausgestatteter
Bau ähnlichen Grundrisses, der besonders nach den in einem seiner
Räume entdeckten ärztlichen Instrumenten — sieben Sonden und
Salbreiber, die Bruchstücke eines gläsernen Töpfchens, wie ein
solches mit Salbresten bedeckt in dem Grabe eines römischen
Arztes in Köln gefunden wurde, eine Feld-Salbenbüchse usw. —
und einer uns aus dem Altertum überkommenen Marschlagerbe¬
schreibung als Lagerspital und Sitz der ganzen Sanitätskolonne
der Legion erklärt wurde. Durch die Bezeichnung medicus Ordi¬
narius oder, wie es in der Inschrift von Nieder-Bieber heißt, „hor-
dinarius“, unterscheidet sich der römische Militärarzt von den
Zivilpersonen gleichen Standes. Wie in der Zeit der Republik für
die Verwundeten und Kranken des Heeres gesorgt wurde, dar¬
über lassen uns die historischen Quellen ganz im Stiche. Sicher
ist, daß es in den ersten sechs Jahrhunderten Rom9 keine Aerzte
von Profession gab und daß, wie der Geschichtschreiber Titus
Livius gelegentlich der Erwähnung der Schlacht von Sutrium im
Jahre 311 v. Chr. im letzten Buche seines GeschichtsWerkes sagt,
zuweilen nach der Schlacht mehr Soldaten an ihren Wunden star¬
ben, als in der Schlacht selbst gefallen waren. Militärärzte in
voller Tätigkeit sieht man zum Beispiel auf der Trajans-Säule in
Rom. Da sind zwei Aerzte mit dem Verbinden von Wunden und
Ausziehen von Pfeilen beschäftigt, und bewaffnet sind sie wie an¬
dere Soldaten. Wichtig ist, daß mit der frühen Kaiserzeit die Or¬
ganisation des Sanitätswesens in der Armee begann und daß nun¬
mehr alle Truppenteile mit Aerzten versehen waren. In diesem
Zusammenhänge seien zwei Aerzte-Inschriften aus Carnuntum er¬
wähnt, die freilich mit dem Militär kaum in Verbindung zu brin¬
gen sind. Die eine ist eine griechische Inschrift, deren Original
verschollen ist, und betrifft einen Arzt, der im Gefolge des Kaisers
Hadrianus im Jahre 121 n. Chr. nach Carnuntum kam und dort
starb. Sie gehört zu den wenigen bis jetzt in Niederösterreich ge¬
fundenen, in griechischer Sprache abgefaßten Inschriften. Noch un¬
veröffentlicht ist ferner der vom Petroneller Burgfelde herrührende
Grabstein des Arztes Eucratus, eines Sklaven des Arztes Lucius
Julius Euthemus.
(Ersatz der Verbandstoffe durch Zellstoff und Pa¬
pier.) Das Ministerium des Innern verlautbart folgendes: Der ge¬
steigerte Bedarf an den gebräuchlichen Baumwollverbandstoffen
läßt die allgemeine Einführung von Ersatzmitteln wünschenswert
erscheinen. Insbesondere kommen Zellstoffwatte (als Auf sauge-
und Polstermittel) sowie Papierbinden (Ersatz für Kalikotbinden)
in Betracht. Diese Ersatzmittel wurden bisher nur in geringem
Maße verwendet und meist aus dem Auslande bezogen, ln letzter
Zeit haben nach einer Mitteilung des Vereines der österreichisch¬
ungarischen Papierfabrikanten, Wien, I., Schwangasse 1, auch
inländische Papierfabriken die Herstellung von schmiegsamen Pa¬
pierbinden der gebräuchlichsten Breiten sowie von Zellstoffwatte
aufgenommen. Der Verein hat ferner auf die Verwendung von
Papiertaschentüchern und Papierservietten für Infektionsspitäler
sowie auf die Verwendung von Pappe für die Verkleidung von
Krankenbaracken und anderen Barackenbauten aufmerksam gemacht.
Sitzungs-Kalendarium.
Freitag, 8. Januar, 7 Uhr. K. k. Gesellschaft der Aerzte. (IX., Fra,lk "
gasse 8.) _______
a. — Verantwortlicher Redakteur für Österreich-Ungarn: Karl Urban, Wien.
, Wien, EU., Münsgaeee 0.
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Original frnm
UNIVERSUM OF IOWA
XI. Jahrgang.
Nr. 2. _Wien, 10. Jannar 1915.
Wochenschrift für praktische Ärzte
redigiert von ljj Verlag von
Professor Dr. Kort Brandenburg | Urban d Schwarzenberg
Berlin | Wien
der Verwundeten und Erkrankten im Kriege: Dr. 0. Nordmann, Kriegschirargisehe Erfahrungen im Feldlazarett.
Prot.Dr.Riehl, Zur Tetanushehandlimg. Prof. Dr. 0. Adam, Augenverletzungen im Kriege und ihre Behandlung. (Mit 2 Abbildungen.) — Abhand-
Prof. Dr. tranz Hamburger, Ueber tuberkulöse Infektion und Reinfektion. — Berichte Uber Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren:
Prüf. Dr, B. S p 1 e t n°fi. Zur Methode der Eigenblutbehandlung. Otto Rupp, Beitrag zum gegenwärtigen Stand der Abortfrage. Sanitätsrat
Dr.H.Freund, Leber längeren Gebrauch vonAdalin. — Forschungsergebnisse ans Medizin und Naturwissenschaft: Georg Benesta d, Ist Colostrum
^ unreife Dekret einer insuffizienten Mamma? Aerztliche Gutachten ans dem Gebiete des Versicherungswesens: Dr. Eduard Schott, Schwere
Rückenmarkläsion nach einem leichten Trauma. Referatenteil: Sammelreferat: Sanitätsrat Dr.Franz Bruck, Neuere klinische und experimentelle
Arbeiten aus dem Gebiete der inneren Medizin. — Ans den neuesten Zeitschriften. — Bücherbesprechungen. — Wissenschaftliche Verhand-
Iwgen. - Berufs- und Standesfragen : Gesellschaft für innere Medizin und Kinderheilkunde. Morphologisch-physiologische Gesellschaft in Wien.
\\ lssenschaftucne Gesellschaft deutscher Aerzte in Böhmen. Berliner Kriegsärztliche Abende. Kriegschirurgischer Abend in Lille (Frankreich). 24. Kon¬
greß der Italienischen Gesellschaft für innere Medizin. Feldpostbrief aus Polen. — Kleine Mitteilungen.
_P» VirU >9 tusm&HtßHdu RscM der VtrvUlfättigunf und Vtrbrvitung d$r in diotmr mm Mnchetem ftlangmdon Ortynalbritrdgt vor.
Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege.
Kriegschlrarglsche Erfahrungen iui
Feldlazarett 1 )
von
Dr. 0. Nordmann,
Stabiant im 12. Reserve-Feldlazarett des I. Reservearmeekorps.
Die Sohussverletzungen des Bauohes.
Die Schußverletzungen des Abdomens haben wir
in sehr großer Anzahl gesehen; sie müssen zu den aller-
ungünstigsten Verletzungen gerechnet werden. Der
Glaube, daß sie bei einer abwartenden Therapie in
einem nennenswerten Prozentsätze geheilt würden,
maß in das Reich der Fabel verwiesen werden. Die
meisten derartig Verletzten sterben auf dem
Schlachtfelde. Bei Dorothowo sah ich 71 Tote auf dem
Schlachtfeld, unter denen ich 20 Bauchschußwunden zählte.
Von denen, die ins Lazarett eingeliefert werden, stirbt
auch noch die größte Mehrzahl. Die Patienten können sich
tagelang bei absoluter Nahrangsentziehung und unter hohen
Morphiumgaben wohl fühlen und man kann schon hoffen,
daß alles gut geht —, plötzlich kollabiert der Kranke, der
Bauch ist bretthart gespannt, Erbrechen und Aufstoßen treten
auf und in wenigen Stunden ist der Verwundete seinen
Wen erlegen.
Ich habe sieben Bauchschüsse hellen sehen, die ich
Der Wochen lang in den Augen behalten habe und zum
feil einen weiteren Monat später wiedergesehen habe — im
ergieich zu der Gesamtzahl der mit einem Bauchschuß
^gelieferten Patient ein sehr unbefriedigendes Resultat,
m Frage liegt nahe, ob es möglich wäre, es zu bessern,
iof'tt a j ,80 ^ u * 1 verneint werden. An eine Laparotomie
ni-fr'u ^ zare tt kaum zu denken, da die Verwundeten
P otzüeh in großer Anzahl einzutreffen pflegen und alle
«ZV ebraucht werden * Wollte man einen Bauchschnitt
ersucüen, so würde viele kostbare Zeit verschwendet, die
d»Pf i ? ndern Verletzten zugute kommen muß. Und
Mojg einer Laparotomie würde in der größten Mehr-
dp«An j < * Drc * 1 äu ß6ven Verhältnisse, unter
tftostig Fe ^ azaretfc zu arbeiten gezwungen ist, un-
daß k. ann so ß ar noch weiter gehen und behaupten,
eina e n Wm ^ d * e vom Bauchschüsse genesen 1 , durch
Operation geschädigt würden. Die Verhältnisse
l^rglden Aufsatz Norduafann in Nr. I,il915.
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liegen so: Entweder kommt der Verletzte in einem guten All¬
gemeinzustand ins Lazarett, der Puls ist langsam und regel¬
mäßig, Erbrechen und Aufstoßen haben bereits nachgelassen;
von dieser Gruppe von Patienten hat eine Anzahl Aussicht, ge¬
heilt zu werden. Würde man sie einer Laparotomie unter¬
werfen, so würde man Gefahr laufen, die entstandenen
schützenden Verwachsungen wieder zu lösen. Andere Ver¬
letzte, und das ist die Mehrzahl, kommen bereits mit den
klinischen Zeichen der allgemeinen Bauchfellentzündung
ins Feldlazarett; der Bauch ist aufgetrieben und gespannt,
der Puls klein und beschleunigt, die Zunge trocken. Da
ist alle Hilfe aussichtslos; aus den Erfahrungen der Friedens¬
praxis weiß man, daß der Bauchschnitt das Ende nur be¬
schleunigt.
Nach diesen Erwägungen haben wir nichts weiter getan,
als dem Kranken jede Nahrungsaufnahme verboten
und ihm fortgesetzt hohe Morphiumgaben verabreicht. Eine
längere Darreichung von Opium halte ich nicht für ratsam,
da der Meteorismus unerträglich für den Kranken wird; wir
haben den Darm dadurch ruhig gestellt, daß wir zwei Tage
hindurch dreimal 20 Tropfen Tct. opü verordneten. Der
Patient wird gut gelagert. Jedes Aufrichten und Umbetten
wird verboten. Der Bauch wird täglich vorsichtig abgetastet
und auf entstehende Resistenzen geachtet, damit ein Absceß
bei Zeiten erkannt wird. Aus dem gleichen Grunde sind
häufige rectale Untersuchungen vom Ende der ersten Krank¬
heitswoche ab notwendig.
Fünf von unsern geheilten Patienten gaben an, sieben
bis zwölf Stunden vor der Verletzung kein Getränk und
keine Speisen zu sich genommen zu haben und morgens in
der Frühe verletzt zu sein. Vielleicht war das ihr Glück
Alle unsere Patienten hatten zunächst nach der Verwundung
leichte peritonitische Reizerscheinungen gehabt die
allmählich wieder abklangen. Bei zweien entwickelte* sich
m der rechten beziehungsweise linken Unterbauchgegend eine
Resistenz von ungefähr Faustgröße, die hart und schmerz¬
haft war. Die Temperatur blieb jedoch normal und das
Exsudat wurde spontan resorbiert. Ein Patient bekam einen
Douglas absceß, der sich in das Rectum hinein öffnete.
Bei den übrigen vier Kranken heilten die Schußwunden ohne
jeden Zwischenfall.
Die ersten sechs bis acht Tage erhielten die Kranken
keinerlei Nahrung, das Durstgefühl wurde durch Wasser¬
einläufe in das Rectum bekämpft. In der zweiten Krank¬
heitswoche bekamen sie kleine Dosen schwarzen Tees
dünnen Haferschleim, Rotwein mit Wasser usw. Elf bis
UNIVERSITY OF IOWA
30
10. Januar.
1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2.
zwölf Tag© nach der Verwundung wurde ein kleines Oel-
klistier gegeben und erst in der dritten Krankheitswoche
das erste Laxans verordnet.
Ich brauche nicht ausdrücklich betonen, daß ich unter
den geheilten Bauchschußwunden nur diejenigen Fälle
aufzähle, bei denen es auf Grund der klinischen Erschei¬
nungen unzweifelhaft feststand, daß die Kugel die Bauch¬
höhle im Bereiche der Darmschlingen durchbohrt hatte.
Nicht mitgerechnet habe ich diejenigen Kranken, bei denen
die Schußwunden im Epigastrium lagen und die Leber
oder die Milz verletzt war, ausgesprochene peritonitische
Erscheinungen aber fehlten. Ich habe ferner noch eine
ganze Reihe von Schußwunden gesehen, bei denen die Kugel
zu einer Ein- und Ausschußöffnung in den Bauchdecken ge¬
führt hatte, eine Verletzung des Peritoneum aber mit Sicher¬
heit auszuschließen war.
Wir bekamen sieben Patienten in unsere Behandlung,
bei denen eine oder mehrere fistulae stercorales be¬
standen. Fünf von ihnen gingen allmählich an EntkraftuDg
zugrunde. Bei zwei Patienten bestand eine ausgedehnte
Phlegmone der Bauchdecken, die lange Einschnitte er¬
forderlich machte. Die Fisteln mündeten bei beiden in den
Dickdarm. Diese Kranken wurden geheilt.
Verletzungen der Harnorgane.
Verletzungen der Blase, der Ureteren und der
Urethra haben wir in größerer Anzahl gesehen.
Zweimalentleerte sich der Urin aus einer Schußwunde
oberhalb der Symphyse; andere Symptome einer peritonealen
Verletzung fehlten. Beide Kranke zeigten bei der Einlieferung
bereits die Symptome der septischen Urininfiltration; die
Gegend der Leistenbeugen war infiltriert und sehr empfindlich,
der Allgemeinzustand der Kranken schlecht. Ich machte aus¬
gedehnte Einschnitte und eröffnet© die Blase durch einen
Schnitt im Cavum Retzii und führte ein dickes Drain
in sie ein. Der eine Kranke starb unmittelbar nach der
Operation, der andere Fall ging in Heilung aus, nachdem
noch mehrere Einschnitte notwendig geworden waren.
Das Wichtigste ist in diesen Fällen, daß durch die
Sectio alta für einen ungestörten Abfluß des Urins
gesorgt wird und die Urininfiltration bis ins Gesunde hinein
durch große Einschnitte eröffnet wird. Die Freilegung der
Blase kann technisch schwierig sein, da sie durch den kon¬
tinuierlichen Abfluß des Urins aus der Schußwunde kolla¬
biert ist. Man muß sich hüten, das Bauchfell zu verletzen,
indem man vorsichtig in die Tiefe dringt und das Peri¬
toneum nach oben abschiebt. Man kann sich die Blase da¬
durch entgegendrängen und kenntlich machen, daß man
einen dicken Metallkatheter in sie hineinführt.
Sichere Verletzungen des Harnleiters habe ich zwei¬
mal gesehen. Beide Fälle waren durch anderweitige intra¬
peritoneale Verletzungen kompliziert. Bei einem Kranken floß
der Urin aus einer in der Höhe des rechten Darmbeinstachels
befindlichen Einschußöffnung ab. Bei dem andern entleerte
er sich aus einer Schußwunde am linken Trochanter major;
bei letzteren Patienten lag der Einschuß neben dem Nabel.
Ich habe bei beiden Patienten die Urininfiltration durch
einen langen extraperitonialen Schnitt am Darmbein¬
kamme gespalten, bin auf den Ureter eingedrungen, habe
ihn aber in dem schwerveränderten Gewebe nicht isolieren
können. Die Wunde wurde breit tamponiert. Der eine
Kranke starb unter den Zeichen der Sepsis, der andere er¬
lag einer Bauchfellentzündung, die ohne Zweifel durch eine
gleichzeitige Darmverletzung hervorgerufen war.
Zerreißungen der Urethrahabe ich achtmal gesehen;
sechsmal, bestand eine gleichzeitige Verletzung der Becken¬
knochen. Alle diese Kranken hatten eine vorgeschrittene
periurethrale Phlegmone, die auf das Scrotum und die
Leistenbeugen übergegangen war. In erster Linie habe ich
stets durch einen Einschnitt am Damme die centrale
Urethralmündung aufgesucht, einen Katheter in die Blase
eingeführt, mit einer Naht an der Haut fixiert und die
Phlegmone ausgiebig gespalten. Fünf Patienten gingen trotz
aller Mühe septisch zugrunde, drei wurden geheilt.
Auch in diesen Fällen muß in erster Linie durch
Einlegung eines Verweilkatheters oder durch die Sectio
alta, wenn die Auffindung des centralen HarnrÖhreneades
mißlingt, für einen ungehinderten Abfluß des Urins
Sorge getragen werden. Niemals soll man sich ver¬
leiten lassen, auch unter scheinbar günstigen Verhältnissen
bei einer frischen Schußverletzung der Urethra eine
Resektion und Naht derselben auszuführen. Denn eine sorg¬
fältige Nachbehandlung ist im Feldlazarett unmöglich
und der Kranke kann bei einem Mißlingen der Operation
in die größte Gefahr kommen, wenn die Naht während des
Transports insuffizient wird. Stets beschränke man sich
darauf, eine typische Urethrotomia externa oder eine
Sectio alta zu machen.
Sohussverletzungen des Rectums.
Schußverletzungen des Rectums haben wir sel¬
tener gesehen. Sie waren sämtlich infiziert. Der Schu߬
kanal verlief mehrere Male durch einen oder beide Ober¬
schenkel und hatte den Darm in der Höhe des Anus oder
weiter proximal durchbohrt. In der Regel entleerte sich
Eiter aus den Wunden, der nach Bacterium coli roch. Man
fühlteinderUmgebungderWunden beziehungsweise bei der Ab¬
tastung des Rectums von innen schmerzhafte Infiltrate,
welche durch infizierte Blutergüsse hervorgerufen waren.
Bei diesen Kranken habe ich durch einen radiären
Einschnitt den Eiter entleert und die Höhle drainiert.
Die Schußkanäle wurden ausgiebig gespalten. Wiederholt
mußte derSphincter ani geopfert werden, um dem hoch
im periproktitischen Gewebe sitzenden Eiter Abfluß zu ver¬
schaffen. Alle diese Kranken wurden geheilt.
Einige Male verlief die Richtung des Schußkanals sagit-
tal und es war gleichzeitig das Scrotum beziehungsweise
der Testikel mitverletzt. Die Weichteile waren stark sug-
giliert und zuweilen lag der Testikel vollkommen frei. Die
Wunden wurden mit Jodoformgaze bedeckt und auf jede
Naht verzichtet. In der Regel stießen sich hinterher Teile
des Scrotums und der Testikel ab.
Der Leser, der mir bis hierher gefolgt ist, wird wahr¬
scheinlich erstaunt sagen: Die Kriegschirurgie des Feldlaza¬
retts ist eigentlich ein sehr einfaches Gebiet, denn wich¬
tige chirurgische Eingriffe kommen ja eigentlich gar nicht
in ihm vor. Das ist richtig! Die wenigen Operationen,
die ich ausgeführt habe, wurden in den Reservelazaretten
erledigt, in die unser Feldlazarett vorübergehend eingesetzt
worden war.
Dem ins Feldlazarett eingelieferten Verwundeten droht
in erster Linie eine Gefahr, nämlich der Polypragma-
tiker. Derjenige Chirurg, der seinen Beruf darin erblickt,
über ein möglichst großes operatives „Material“ zu verfügen,
richtet in der Kriegschirurgie das größte Unheil an. Der
Arzt, der eine gewisse chirurgische Vorbildung genossen
hat, keinen unnötigen Verbandwechsel vornimmt,
gute immobilisierende Verbände machen kann, be¬
sonders die Technik des Gipsverbandes beherrscht,
die Indikation zum geringsten operativen Eingriffe
gewissenhaft abwägt und den Verwundeten schnell
und gut transportfähig macht, der ist im Feld¬
lazarett am richtigen Platze.
Das Schicksal der Verletzten entscheidet sich im
modernen Krieg im Etappen- oder Reservelazarett
Dort können die Chirurgen von Fach entsprechend den
Regeln der Friedenschirurgie am besten wirken.
Nebenher sei noch einer in der Tagespresse des Aus¬
landes verbreiteten Ansicht cd tgegengetreten I Es ist be-
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UNIVERSUM OF IOWA
10. Januar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2.
Bl
hauptet worden, es herrsche in den mobilen Formationen
des deutschen Heeres ein Aerztemangel. Dieser Glaube
ist irrig. Auch in bezug auf die ärztliche Versorgung der
Verwundeten ist von der deutschen Heeresverwaltung über¬
reichlich vorgesorgt worden.
Desgleichen haben die zahlreichen Lazarett- und
Krankenzüge den schnellen Abtransport der Verwundeten
in die Heimat auf das Trefflichste bewältigt.
Zur Tetaniisbehandlnng
von
Prof. Dr. Riehl, Wien.
Die Therapie des Tetanus hat leider noch keine befriedigen¬
den Resultate gezeitigt, doch das vielseitige Bestreben, diese
schreckliche Wundkrankheit mit neuen Mitteln und Methoden er¬
folgreich zu bekämpfen, ist begründet genug. In gewissem Sinne
soll auch die von mir in Vorschlag gebrachte Chlorbehandlung des
Tetanus curatBe Erfolge zeitigen, in der Hauptsache aber prophy¬
laktisch wirken.
Am besten verständlich werden die Aufgaben der Tetanus-
bek&ndlung an der Hand der Pathologie, wie dies jüngst Professor
Paltauf in der Diskussion über den Vortrag Dr. Wiesels 1 ) in
mustergültiger Weise gezeigt hat.
Das Auftreten der ersten klinischen Symptome des Tetanus
ist, wie aus allen Befunden und Experimenten hervorgeht, bereits
durch eine schwere anatomische Schädigung der centralen Gan¬
glien des Hirnes bedingt, welche durch Resorption der Tetanus¬
toxine vom Infektionsherde hervorgerufen ist.
Bei der descendierenden Form des Tetanus, die beim mensch¬
lichen Wundstarrkrämpfe fast ausschließlich beobachtet wird, hängt
demnach der Erfolg unserer Therapie, wenn einmal Krampf er sch ei¬
nigen eingetreten sind, davon ab, ob es gelingt, die Läsionen der
Xerrencentren noch zu beeinflussen oder nicht.
Wenn wir von den symptomatischen Erfolgen, die durch
Xarkotica, Magnesium usw. erzielt werden können, abseheD, hat in
dieser Richtung die Therapie bisher fast keinen Erfolg aufzuweisen.
Die Hoffnung, welche man auf das Tetanusserum gesetzt hat, ist,
soweit sich das heute überblicken läßt, nicht erfüllt worden; die
durch das Tetanustoxin im Nervensystem gesetzten anatomischen
Veränderungen sind auch durch die größten Serumdosen nicht
mehr zu beseitigen, wenn die ersten Krampfsymptome in einzelnen
Muskelgruppen bereits aufgetreton sind. In diesem Stadium hat sich
auch die operative Entfernung des Infektionsherds als erfolglos gezeigt.
Die ätiologische Therapie, welche den Erreger bekämpfen
oder die durch ihn erzeugten Toxine unschädlich machen will,
maß also in einem früheren Stadium einsetzen, in dem es noch
nicht zur Resorption größerer Toxinmengen und zur schweren
Schädigung der Ganglienzellen gekommen ist, das heißt zu einer
Zeit, in welcher von Tetanussymptomen noch keinerlei An¬
leichen vorliegt.
Die Schwankungen in der Inkubationszeit des Tetanus be¬
ruhen bekanntlich auf der Schwere der Infektion; größere Gift¬
mengen wirken rascher deletär. Da die Tetanusinfektion bei den
Kriegsverletzungen durch Eindringen von Erde, beschmutzten Klei¬
dern usw. in die Wunde gleichzeitig mit der Verletzung oder
durch Kriechen der Verwundeten auf der Erde, beim Transport usw.
wstendekommt, bildet die Wund Versorgung beim ersten Verband
einen der wichtigsten Faktoren bezüglich der Tetanusprophylaxe.
Solche von vornherein infizierte Wunden, die, meistens durch
Artilleriegeschosse entstanden, ausgedehnte Quetschungen und Zer-
Jrümmerungen des Gewebes und unregelmäßig buchtige, zerrissene
formen auf weisen, sind durch einen aseptischen Verband durchaus
nicht ausreichend versorgt. Man muß vielmehr verlangen, daß sie
tunlichst von Fremdkörpern gereinigt und desinfiziert werden,
damit Tetanusbacillen womöglich nicht zur Entwicklung gelangen
kOnnen.
Diese Ueberzeugung hat sich vielfältig bereits aufgedrängt
nnd zu mannigfaltigen Vorschlägen geführt, die zum Teil sehr
radikale Eingriffe vorstellen: so die Verätzung der ganzen Wunde
®jt konzentrierter Carbolsäure, Verschorfung mit dem Pacquelin,
oder selbst die primäre Amputation.
Ich möchte auf ein weniger eingreifendes Desinfektionsmittel
J) [?■ Protokoll der k. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien. Sitzung
T oo 21. November 1914. (W. kl. W. 1914, Nr. 49.)
kinweisen, welches energisch fäulniswidrig wirkt und schon in
vorantiseptischer Zeit sich als gutes desodorisierendes und die
Abstoßung nekrotischer Massen förderndes Verbandmittel erwiesen
hat. Es ist dies Chlor, welches in geeigneter Form verwendet,
ungefährlich ist. Früher als Wundverbandmittel häufig verwendet,
wird es noch heute zu Desinfektionszwecken gebraucht.
Chlor ist eine Substanz, die Bakterien verschiedener Art
rasch zerstört und viele organische Verbindungen intensiv abzu¬
bauen imstande ist. Speziell über die Einwirkung des Chlors auf
ein schweres organisches Gift, das Schlangengift, besitzen wir
genauere Kenntnisse, welche dazu führten, daß Calmette und
Paltauf das Chlor als Gegenmittel gegen Schlangengift empfehlen
konnten. Es ist Paltauf gelungen, mit tödlichen Mengen von Kobra¬
gift injizierte Tiere durch Chlorbehandlung am Leben zu erhalten.
Auf Grund dieser Erkenntnis habe ich vor einigen Jahren versucht,
| die Chlorbehandlung nach Schlangenbiß auch Laien zugänglich zu machon.
indem ich ein kleines Besteck anfertigen ließ, das in Forsthäusern, Jagd¬
hütten usw. deponiert, oder im Rucksacke mitgetragen. die Möglichkeit
bietet, im Gebirge, weit entfernt von Arzt und Apotheke, rasch ein Heil¬
mittel gegen Schlangengift zur Verfügung zu haben. Das Besteck ent¬
hält eine Injektionsspritze, zwei sterilisierte Nadeln, ein kleines Meßglas
und ein mit Paraffin geschlossenes Röhrchen mit in Pastillenform ge¬
preßtem Chlorkalk. Im Gobrauchsfalle wird das Meßgefäß bis zur Marke
(15 g) mit Wasser gefüllt und darin eine Pastille (0,2o g Chlorkalk) zur
Lösung gebracht. Man erhält dadurch Chlorwasser vom Titre 850 ccm
Chlorgas auf 1000 g Wasser, eine Konzentration, welche vom lebenden
Gewebe noch vertragen wird. In der dem Bestecke beigegebonen Ge¬
brauchsanweisung wird in gemeinverständlicher Form die Art der An¬
wendung dieser Lösung beschrieben. Unmittelbar nach der Verletzung
durch den Schlangenbiß wird oberhalb desselben eine abschnürende Binde
angelegt und dann rings um die Bißstelle die Chlorlösung in die Sub¬
cutis, eventuell Muskulatur injiziert. Nach mir zugekommenen Berichten
von Aerzten und Laien hat sich diese Einrichtung bereits vielfältig als
heilbringend erwiesen 1 ).
Chlor zerstört Kobragift und die variablen, von andern
Schlangenarten stammenden Gifte nicht bloß in vitro, sondern
auch im lebenden Gewebe und ist daher in gewissem Sinne der
Calmettesehen Serumbehandlung überlegen, da seine Wirkung
nicht auf das specifische Schlangengift beschränkt ist, welches zur
Herstellung des Serums gedient hat.
Das Chlor soll demnach theoretisch bei der Tetanusbehand-
lung eine zweifache Wirkung erzielen: erstens die eines energischen
Antiseptikums, und zweitens dasTetanustoxin unschädlich zu machen.
Bezüglich des ersten Punktes erfüllt das Chlor, in geeigneter
Form gebraucht, seine Aufgabe.
Wir haben bei unsern in den letzten Monaten vorgenom¬
menen Proben das Aqua chlori, das früher viel gebraucht wurde,
aufgegeben und benützen Chlorkalk (Calc. bypochlorosum) als Ver¬
bandmittel. Chlorwasser verliert sehr bald an Wirksamkeit und
ist im Feldo kaum in genügender Menge zu beschallen, während
Chlorkalk mit Wasser, feuchter Luft oder Wundsekret in Berüh¬
rung gebracht Chlor in Gasform langsam abgibt und auf diesem
Weg ähnlich wirkt wie Chlorwasser.
Als beste Gebrauchsform hat sich uns ein Gemenge von einem
Teil Chlorkalk mit neun Teilen Bolus alba erwiesen. Dieses Pulver
kann direkt in größeren Mengen in die Wunden geschüttet oder
durch einen Bläser auf die ganze Wundfläche aufgetragen werden.
Dabei ist zu beachten, daß auch sinuöse Anteile der Wunden
nicht Übersehen werden und ist eventuell durch Abtragung zer¬
quetschter Weiehteile, Entfernung von Knochensplittern, Kleider¬
fetzen und andern Verunreinigungen die Wunde möglichst zu
reinigen und zugänglich zu machen.
Die Erfolge solcher Chlorverbönde sind sehr befriedigend. Es
erfolgt nach kurzer Zeit Abstoßung eventuell nekrotischer Ge-
websteile, Desodorisierung und Granulationsbildung bei Verringe¬
rung der Sekretion. Die Verbände verursachen keinen Schmerz,
sodaß wir die Cblorkalk-Bolus-Verbände in jeder Richtung, auch
für die erste Wundversorgung empfehlen können.
Bezüglich der zweiten Aufgabe der Chlortherapie ist zunächst
die Fähigkeit des Chlors, auf Tetanustoxin ähnlich wie auf
Schlangengifte zerstörend einzuwirken, noch einer genaueren Kon¬
trolle zu unterziehen, welche nicht bloß Calmettes Angaben
nachzuprüfen hat, sondern über Dosierung, Einwlrkungszeit usw. auf
experimentellem Wege Klarheit verschaffen soll. Solche Versuche
sind derzeit im Gange und werden unter Prof. Paltaufs Leitung
von meinem Assistenten Dr. Pr an t er ausgeführt, worüber später¬
hin berichtet werden wird. Von besonderer Wichtigkeit ist auch
hier der Zeitpunkt, in welchem die Zerstörung der Toxine ein-
~ l ) Siehe W. kl. W. 1907, No. 30.
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Original frnm
UMIVERSITY OF IOWA
32
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2.
10. Januar.
geleitet wird, da ja nur eine vor Schädigung der Ganglien er¬
folgte Therapie Nutzen stiften respektive Heilung bringen kann.
Auch in dieser Beziehung müßte also auf eine möglichst frühe
Anwendung des Chlors das größte Gewicht gelegt werden.
Die Tendenz, den Tetanus prophylaktisch zu bekämpfen, ist
auch schon bezüglich des Serums versucht worden — wie es
scheint, mit gutem Erfolge (Exner in der obenerwähnten Dis¬
kussion).
Wie bei allen prophylaktischen Maßnahmen kann nur eine
vergleichende größere Statistik Aufklärung über die Erfolge geben
und es wäre deshalb erwünscht, wenn die Chlor verbände in den
ersten Verbandplätzen regelmäßig gebraucht würden.
Die prophylaktische Chlorkalktherapie würde also vor andern
antiseptischen Verbandmitteln die toxinzersetzende Wirkung voraus
haben und sich gegenüber den Aetzverfahren, Amputationen usw.
als konservatives und schmerzersparendes Verfahren empfehlen.
Da sie aber auch für Lokalbehandlung der Wunden allen
Anforderungen entspricht und speziell im Felde leicht als erstes
Verbandmittel gebraucht worden kann, schlage ich vor — ab¬
gesehen von den andern therapeutischen Maßnahmen —, alle
verunreinigten und namentlich durch Artilleriegeschosse
hervorgerufenen Wunden möglichst rasch mit Chlorkalk-
Bolus-Pulver zu verbinden, in der Absicht, dem Wachstum der
etwa eingeführten Tetanusbaciilen hindernd entgegenzutreten und
der Entstehung der Toxine vorzubeugen.
Augenyerletznn gen im Kriege und ihre
Behandlung*)
von
Prof. Dr. C. Adam, Berlin.
TJntersuchungsmethoden und Diagnostik.
Bei schweren Verletzungen der Augengegend hängt
natürlich alles davon ab, ob der Bulbus und das Gehirn mit-
verletzt sind oder nicht. Da diese Frage bei der häufig außer¬
ordentlichen Schmerzhaftigkeit der Augenverletzungen und
dem dadurch bedingten krampfartigen Schluß der Lider nicht
immer leicht zu entscheiden ist, so muß man, um sicli den Aug¬
apfel deutlich zu Gesicht zu bringen, in der bestimmten metho¬
dischen Weise Vorgehen. Man läßt den Patienten am besten
Kückenlage einnehmen und träufelt auf das abgezogene Unter¬
lid einen Tropfen 5 bis 10°/ 0 ige Cocainlösung; hierbei hält
man das Lid einige Zeit abgezogen, damit das Cocain nicht
zu stark brennt und den Patienten veranlaßt, das Auge zu¬
zukneifen. Auch dann, wenn man das Unterlid wieder zu¬
rückgleiten läßt, ermahnt man den Patienten, gar nicht zu
pressen, und hält sich bereit, durch Emporziehen der Augen¬
braue dies zu verhindern. Denn bei penetrierenden Ver¬
letzungen kann durch das Kneifen der Glaskörper und sogar
die Linse aus dem Auge herausgepreßt werden. Nachdem man
in dieser Weise etwa fünf Tropfen in Abständen von je zwei
Minuten verabfolgt hat, wäscht man mit sauberen Händen
die Lider und die äußere Um¬
gebung des Auges mit Seife
und desinfiziert sie mit einer
antiseptischen Flüssigkeit. Erst
jetzt wird ganz vorsichtig das
Auge geöffnet und eventuell unter
Benutzung eines Desmarres-
schen Lidhalters (Fig. 1) nach¬
gesehen, welcher Art die V er-
Fetzung ist. Können wir keine
direkte Verletzung sehen, ist also
die Form des Bulbus erhalten,
so lassen wir den Patienten aufsitzen und kontrollieren, ob die
Sehschärfe gesunken ist oder nicht. Dann folgt die Unter-
VVergl. die Nr. 47, 48, 49, 50, 51 dieser Wochenschrift.
ng. 2 .
Buchung bei seitlicher Beleuchtung, um sich über die Be¬
schaffenheit der Hornhaut, der Iris und Linse Rechenschaft
zu geben. Dann folgt die Untersuchung mittels der Durch¬
leuchtung, um sich über den Zustand der brechenden Medien,
speziell der Linse und des Glaskörpers zu orientieren und
schließlich die Untersuchung mit dem Augenspiegel. Finden
wir aber eine penetrierende Verletzung, so werden wir in
ähnlicher Weise Vorgehen; wir müssen uns aber im Streben
nach Genauigkeit davor hüten, zu weit zu gehen und dem
Auge durch die Untersuchung einen Schaden zuzufügen.
Vielfach wird man bei schweren Kriegsverletzungen nur
Reste des Bulbus noch vorfinden, eventuell fehlt der Bulbus
überhaupt, die Augenhöhle sieht aus, als ob eine regelrechte
Enukleation vorgenommen wäre. In anderen Fällen ist der
Bulbus wie ein Handschuhfinger umgestülpt und die Netzhaut
als ein graues, oder die Aderhaut als ein braunes Häutchen
liegen vor den Augen des Beobachters.
Die erste Frage, die wir uns vorzulegen haben, ist die:
Ist die Verletzung eine penetrierende oder nicht?
Sieht man, wie eben erwähnt, Aderhaut und Netzhaut
vor sich liegen, so ist die Frage natürlich leicht entschieden;
schwieriger ist sie, wenn etwa durch kleine Granat- oder
Steinsplitter die Penetrationsöffnung nur eine geringfügige ist
oder wenn ein größerer Granatsplitter die Augengegend ge¬
troffen hat und nun zu entscheiden ist, ob dabei eine Er¬
öffnung des Bulbus eingetreten ist oder nicht. Einen Anhalt
zur Beantwortung der Frage geben folgende Punkte:
1. die Art der Verwundung und des verwundenden
Gegenstandes;
2. das Aussehen der Wunde, in die eventuell Iris,
Aderhaut, Glaskörper usw. eingelagert sind;
3. das Verhalten des intraokularen Druckes 1 ). Ist
dieser stark herabgesetzt, so kann man eine Per¬
foration als sicher annehmen. Geringe Herabsetzung
findet sich auch bei Kontusion ohne Eröffnung
(vorsichtig prüfen!).
4. Die Beschaffenheit der Vorderkammer. Liegt eine
penetrierende Verletzung im Bereich der Yorder-
kammer, so ist das Kammerwasser abgeflossen und
die Vorderkammer aufgehoben. Eventuell liegen
Teile der Iris in der Wunde. War die Perforations¬
öffnung sehr klein, wie z. B. durch abgesprengte
Steinsplitter, so kann die Kammer schon wieder
hergestellt sein und nur die Iriseinklemmung oder
eine Cataracta traumatica lassen die Verletzung als
eine penetrierende erkennen. Lag die Penetrations-
Öffnung in der Sclera, so wird durch Verlust von
Glaskörpers die Vorderkammer im Gegenteil ver¬
tieft sein. -
5. Beschaffenheit der Linse. Ist diese kataraktos g
trübt, so ist eine penetrierende Verletzung als sicne
anzunehmen. _ , . Dn
G. Prüfung der Projektion 2 ). Ist diese nach der eine
oder anderen Seite aufgehoben, so spricht dies
Annalimp einer penetrierenden vex-
<) Die Prüfung wird in folgender Weise TOrgeno^en^Man
t den Patienten stark nach unten bheken (nicht das ff Spitzen
l setzt die beiden Zeigefinger hart am ^rbitalrand au f Fluk-
das Oberlid und bewegt sie abwechselnd, als ob man ^
tion prüft. Zum Vergleich prüft man denn d an Man se tzt den
r ) Man nimmt dieselbe m folgender Weisei vor. dcr Hand
ienten auf einen Stuhl, läßt ihn das eme Auge^^ ^
ließen und den Blick des andern g Flamme nicht
in führt man von seinem Rucken her(so daß eir de ]ektrisc h e n
her sieht) eine Kerzenflamme oder den Schein eine^ ^ de s
chenlampe für kurze Zeit nach o anzugeben, auf
ienten. Ohne daß er nach der Flamme sieht, bat-er ^ Man ö V er
eher Seite dieselbe sichtbar ^ e ^n ,.nd unten. W der Patient
derholt man von links her, von oben und unten go . gfc anzu-
»mal die Stellung der F, P?“ e „ n nc Ä a " e 1n?r Netzhaut ncht#
men, daß auch die peripheren teile stmu
Pionieren.
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UMIVERSITY OF IOWA
10. Januar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2.
33
letzimg, weil es dadurch wahrscheinlich wird, daß
eine Verletzung der inneren Häute, speziell der
Netzhaut, eingetreten ist.
Anmerkung: Blutungen in die Vorderkammer und in
den Glaskörper, sowie Einrisse und Abrisse der Iris und Iris-
M’hlottem kommen häufig auch bei nicht perforierenden Ver¬
letzungen, i. B. bei Streifschüssen, vor.
Hat man unter Benutzung dieser Angaben die Diagnose
auf eine penetrierende Verletzung gestellt, so hat man sich
al? zweite Frage darüber klaT zu werden: Welche Teile ver¬
letzt sind und wo die Verletzung liegt.
Wir sprechen zunächst von denjenigen Fällen, wo eine
fast völlige Zerstörung des Augapfels eingetreten ist. Sei
p? nun, daß der Bulbus mittelbar oder unmittelbar getroffen
worden ist, dann pflegt der Augapfel weit offen dazuliegen,
man erkennt, noch die Sklera an ihrer weißen, harten Be¬
schaffenheit. die Hornhaut an ihrer Durchsichtigkeit und die
Iris und Aderhaut an ihrer Braunfärbung die Netzhaut als
.Kinnes graues Häutchen, den Glaskörper an seiner galler¬
tigen Beschaffenheit und die Linse an ihrer besonderen Form.
Ist der Bulbus nicht vollkommen zerstört, sondern ist die
Form noch einigermaßen erhalten, so achten wir zunächst
darauf, wo die Perforatiousstelie liegt. Außerordentlich häu¬
tig. besonders bei Streifschüssen, sieht man die Eröffnungs¬
stelle am Hornhautrande. Es ist dies die schwächste Stelle
des Augapfels und platzt infolgedessen am leichtesten.
Wir sprechen von einer direkten Ruptur, wenn die Er¬
öffnung an der Stelle liegt, an der die verletzende Kraft an¬
greift. von einer Kontraruptur, wenn der Bulbus an der gegen¬
überliegenden Seite geplatzt ist. Beides kommt bei den
Kriegsverletzungen, speziell bei Streifschüssen,' vor. Dabei
kann die verletzende Kraft durch das Lid hindurch wirken,
ohne dieses in erheblichem Maße mit zu verletzen. Man
achtet dann darauf, welche Teile des Augeninnern in der
Wunde liegen, denn davon hängt sehr wesentlich die Prognose
siehe vom) ab. Man erkennt Regenbogenhaut und Aderhaut
ebenfalls an ihrer braunen Färbung, Netzhaut an ihrer grauen
Farbe und Glaskörper an seiner gallertigen Beschaffenheit.
Sind wir zu der Ansicht gekommen, daß es sich nicht
um eine Eröffnung des Augapfels, d. h. um eine nicht pene¬
trierende Verletzung handelt, so legen wir uns die dritte
Frage vor: Welche Teile des inneren Auges ver¬
letzt sind.
Wir haben oben im speziellen Teil schon darauf hin¬
gewiesen, daß Trübungen der Hornhaut Vorkommen,
Blutungen in die Vorderkammer, Zerreißungen und Ab-
reißungen der Iris, Verlagerung der Linse, und was besonders
bäulig bei den Kriegsverletzungen einzutreten pflegt, mehr
oder weniger starke Blutungen in den Glaskörper*). Ist
die Glaskörperblutung nicht zu stark und ein Einblick in
das Innere des Auges unmöglich, so kann man im Äugen¬
dem Aderhaut- und Netzhautzerreißung, Aderhaut- und
Netzhautblutiing, zuweilen auch Netzhautabhebungen sehen.
'Näheres siehe im speziellen Teil unter Aderhaut — Netzhaut.)
hie vierte Frage ist: Ist der Sehnerv betroffen
°der nicht.
Biese Frage wird dann besonders in Betracht kommen,
*) Glaskörperblutungen kann man diagnostizieren, ohne in der
*ir i flphthalmoskopmrens geübt zu sein: Man stellt, eine Lampe
hinter den Patienten, sodaß das zu untersuchende Auge im
.Ir S^i ( * ann nimmt der Untersucher einen Augenspiegel,
’r U | 'hfl so gegen seinen Orbitalrand, daß er bequem durch das
, ts • S pi<’gc*k bindurchsehen kann, und schließt, das andere Auge.
p‘ or nvn eine Entfernung von 30 cm zwischen sich und dem
< inten wahrt, fängt er durch eine geeignete Drehung das Licht der
au \ r un< i dirigiert den Reflex in das Auge des Patienten. Unter
Mut, D ; f ' r k*ltiiissen leuchtet die Pupille hell auf, bei Glaskörper-
Mütui m bleibt sie dunkel.
wenn es sich um Orbitalverletzungen handelt. Die Frage
wird zu entscheiden sein nach dem Grade des noch Testieren¬
den Sehvermögens. Ist das Sehvermögen vollkommen er¬
loschen, ist auch mit den stärksten Lichtquellen eine Licht¬
empfindung oder eine Pupillarreaktion auf dem verletzten
Auge nicht mehr auszulösen — so kann man bei entsprechen¬
der Lage des Schußkanals eine Verletzung des Sehnerven bei
sonst erhaltener Form des Bulbus als sicher annehmen. Denn
Glaskörperblutungen, so dicht sie auch sein mögen, setzen
die Sehschärfe nie so weit herab, daß nicht mit stärkeren
Lichtquellen noch eine Lichtempfindung oder eine Pupillar¬
reaktion auszulösen sei. Auch die schweren Verletzungen
des Augapfels an seinem hinteren Pol durch Orbitalschüsse
lassen in der Peripherie des Gesichtsfeldes noch immer einen
Rest von Sehvermögen bestehen. Hierzu sei noch, gewisser¬
maßen in Parenthese, ein Zweifaches bemerkt:
1. Benutzbar für die Frage: Sehnervenverletzung oder
nicht, ist nur der positive Ausfall der Pupillarreaktion (dieser
spricht für Funktion» fähigkeit des Sehnerven), weil bei
Orbitalverletzungen, und um die handelt es sich
ja meist, auch die Innervationsfasem der Pupille mit zerstört
sein können, wodurch natürlich eine Pupillenstarre hervor¬
gerufen wird.
2. Bei Schädelverletzungen, die Erblindung hervor¬
gerufen haben, kann trotz der Amaurose prompte Pupillar¬
reaktion bestehen, nämlich dann, wenn die Verletzungsstelle
jenseits des Abganges der Pupillarfasem liegt, z. B. im Hinter¬
haupt (Cuneus). (Siehe unten.)
Die fünfte Frage ist: L i e g t b e i Schädelverletzungen
eine Zerreißung des Sehnerven (durch Basis¬
fissur) oder eine Beteiligung der höheren
Sehbahnen vor?
Diese Frage haben wir unter folgenden Gesichtspunkten
zu entscheiden:
Eine einseitige Erblindung spricht für eine Zer¬
reißung des Sehnerven vor dem Chiasma und nicht für eine
solche der Sehbahnen jenseits des Chiasma, denn bei Ver¬
letzungen jenseits des Chiasma haben wir regelmäßig eine
Hemianopsie als Folgezustand. Das gleiche gilt auch für
Verletzungen des Sehzentrums am Occipitalpol (Cuneus) des
Gehirns.
Eine doppelseitige Erblindung kann aber sowohl durch
Zerreißung beider Sehnerven, als auch durch Beeinflussung
beider Seilbahnen (doppelseitige Hemianopsie) Vorkommen.
Da aber nur wohl ganz ausnahmsweise ein Gehirnschuß beide
Seh bahnen zerstört, da andererseits aber Zerreißungen
beider Seh nerven und Blutungen in die Occipitalpole bei¬
der Gehirnhälften Vorkommen, so wird praktisch bei doppel¬
seitiger Erblindung die Differentialdiagnose zu stellen sein
zwischen doppelseitiger Sehnervenzerreißung oder Cuneus-
verletzung. Diese Frage kann entschieden werden durch
Beobachtung der Pupillarreaktion. Ist die Pupillarreaktion
beiderseits erloschen, so spricht dies für doppelseitige Zer¬
reißung des Sehnerven, ist die Pupillarreaktion aber prompt
vorhanden, so spricht dies für eine Verletzung des Cuneus
(weil die Pupillenfasem sich eine Strecke weit vor dem
Cuneus von den Sehbahnen trennen).
Bei äußeren Streifschüssen haben wir uns die Frage
vorzulegen, ob die Knochen, speziell der Orbital¬
rand, mit zerstört sind und uns davon zu überzeugen, ob
beim Betasten des Orbitalrandes an einer Stelle stärkere
Schmerzhaftigkeit geäußert wird. Auch liegt die Möglichkeit
vor, daß durch die Zerstörung der Knochen die Gehirnkapsel
mit eröffnet ist.
Störungen der Muskulatur erkennen wir, außer an der
mangelhaften Beweglichkeit der Augen, an dem Auftreten
von Doppelbildern (letzteres aber nur, w r enn das verletzte
Auge noch Sehvermögen besitzt).
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34
10. Januar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2.
Ein Exophthalmos kann bedingt sein
1. durch Blutungen in die Orbita,
2. durch Zersplitterungen des Orbital¬
daches mit Herabsinken des Gehirns,
Hierbei hängt gewöhnlich gleichzeitig das Oberlid
herab und die Bindehaut zeigt starkes Oedem
(Chemosis). Außerdem beobachten wir auf dem
anderen Auge das Auftreten einer Stauungspapille.
3. (selten) durch Emphysem der Orbita;
4. durch Fremdkörper der Orbita;
5. im Verein mit entzündlichen Erscheinungen bei
Panophthalmie und Orbitaphlegmone.
Eine wichtige Frage ist auch die: Befindet sich
e i n Fremdkörper im Auge oder nicht?
Einen Anhalt zur Beurteilung dieser Frage, sofern nicht
der Fremdkörper direkt sichtbar ist, gibt:
1. die Art der Verletzung unter Berücksichtigung des
verletzenden Gegenstandes;
2. die Prüfung auf Projektion, besonders die Aufhebung
der Projektion nach oben, die einer Verletzung der
Netzhaut in ihrem unteren Teil entsprechen würde,
ist sehr verdächtig;
3. die Sondierung der unmittelbaren Nähe der
Wunde. Diese soll mit einer desinfizierten Sonde
oder Pinzette vorgenommen werden und hat sich
nur auf die allerunmittelbarste Umgebung der Wunde
zu beschränken. Ein tieferes Eingreifen in den Bul¬
bus ist durchaus unstatthaft;
4. Sideroskop, Magnet und Röntgenaufnahme.
Alle Fälle, bei denen das Verweilen eines Fremdkörpers
im Auge nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden kann,
gehören, sofern nicht eine vollkommene Zerstörung des Aug¬
apfels vorliegt, in spezialistische Behandlung.
Abhandlungen.
Ueber tuberkulöse Infektion und Reinfektion
von
Prof. Dr. Franz Hamburger, Wien.
Man hat bei der Tuberkulose streng zu unterscheiden
zwischen Erstinfektion und wiederholter Infektion, auch
Super- oder Reinfektion genannt. Wir wissen heute mit
Bestimmtheit, daß ein einmal infiziertes Individuum gegen
weitere Infektionen einen gewissen Grad von Immunität be¬
sitzt. Man hat die wiederholten Infektionen unterschieden
in Superinfektionen und Reinfektionen. Man verstand unter
Superinfektion eine neuerliche Infektion zu einer Zeit, da
die Folgen der Erstinfektion noch nicht abgeheilt sind, unter
Reinfektion eine abermalige Infektion, nachdem eine völlige
Heilung nach der ersten Ansteckung eingetreten war. Da
wir mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen dürfen, daß
bei der Tuberkulose fast nie eine völlige Heilung im streng
wissenschaftlichen Sinne statthat, so sind alle wiederholten
Infektionen bei der Tuberkulose eigentlich als Superinfek¬
tionen zu bezeichnen. Trotzdem soll aber im folgenden nur
das Wort Reinfektion gebraucht werden, weil dies dem
allgemeinen Usus in der heutigen Literatur entspricht.
Wir haben streng zwischen Erstinfektion und Reinfek¬
tion zu unterscheiden, 1. weil Reinfektionen ungeheuer häufig
Vorkommen, und 2. weil die Erstinfektion ganz andere Kon¬
sequenzen nach sich zieht als die Reinfektion.
I. Erstinfektion.
Wie genauere Tierversuche l ) gezeigt haben, sind die ersten Folgen
der Primärinfektion die, daß ein Teil der Bacillen zwar an der Eintritts¬
pforte liegen bleibt, ein anderer aber gleich in den ersten Standen durch
den Lvmnhstrom in die regionären Drüsen gebracht und dort deponiert
wird und endlich ein dritter Teü, der eben zufällig in die Blatbahn ge¬
langt. irgendwo in den Organen znrückgehalten wird. Es ist also wohl
immer zugleich mit der lokalen Infektion eine lymphogene und häma¬
togene Infektion verbunden. Auf diese Weise erklärt es sich, warum die
regionäre Lymphdrüsentuberkulose immer gleichzeitig, oft sogar schon
vor der Tuberkulose der Infektionsstelle nachweisbar ist. Die klinische
oder makroskopische Reaktion braucht zur Entwicklung eine bestimmte
Zeit (Inkubation). Es verläuft nämlich nach der Theorie von Pirquet
und Schick eine bestimmte Zeit, biB Antikörper gebildet sind, welche
die Reaktion zwischen Tuberkulosebacillus und tienscher Zelle vermitteln.
BiB sie gebildet Bind — nnd das dauert Tage, ja Wochen — können sich
die Bacillen reichlich vermehren und so erklärt sich der noch zu be¬
sprechende Unterschied zwischen Erstinfektion und Reinfektion. Davon
weiter unten. .
Außer diesen auszugsweise mitgeteilten, rem wissen-
schaftlioh wichtigen Tatsachen kennen wir aber durch die
letztiährieen Untersuchungen verschiedener Autoren eine
„anze Reihe weiterer, absolut feststehender Tatsachen, mit
deren Hilfe wir uns sehr genaue Vorstellungen über die
näheren Umstände bei der Tuberkuloseinfektion machen
ifÖrOner n. Hamburger, Beitr. *. Klio. d. Tbc. Bd. 17.
können und wir sind zu gewissen Leitsätzen gelangt, die
wir ungefähr folgendermaßen formulieren können: 1. Die In¬
fektion geschieht von Mensch zu Mensch, 2. sie findet ge¬
wöhnlich durch Inhalation statt, 3. die Infektion geschieht
außerordentlich leicht, 4. die Infektion findet gewöhnlich
schon im Kindesalter statt.
Ad 1. Die Infektion findet gewöhnlich von
Mensch zu Mensch statt, und zwar ist der Infizierende
so gut wie ausnahmslos ein Lungenschwindsüchtiger, das
heißt ein Individuum, welches Bacillen aushustet. Der In¬
fizierte ist gewöhnlich ein Kind (siehe Punkt 4). Diese Vor¬
stellung ist dadurch begründet, daß man einerseits findet,
daß Kinder, die mit Phthisikern zusammen leben, fast aus¬
nahmslos auf Tuberkulin reagieren (Pollak), ferner dadurch
bewiesen, daß man in fast allen Fällen, wo Kinder unter
zwei Jahren an Tuberkulose erkranken, imstande ist, nach¬
zuweisen, daß sie mit einem Bacillenhuster zusammen waren.
Bei älteren Kindern sind wir sehr häufig nicht mehr in der
Lage, dies nachzuweisen, weil da die Kontrolle^ aller in Be¬
tracht kommenden Personen nicht mehr so leicht möglich
ist, wie bei Kindern unter zwei Jahren, welche wegen der
notwendigen Beaufsichtigung nur mit wenigen Menschen in
Berührung kommen, von denen man überdies gewöhnlich in
Erfahrung bringen kann, ob sie anateckungsfähig sind
)der nicht. . . ..
Wichtig erscheint die übrigens schon zimlich allgemein
bekannte Tatsache, daß andere Formen der Tuberkulose
nicht ansteckend sind. Praktisch ist nur die offene
Lungentuberkulose, nicht aber andere offene luoer-
fculoseformen ansteckend. ... . M
Die auch heute teilweise noch verbreitete Meinung,
laß die Infektion gelegentlich vom Rind auf den Menschen
übertragen werde, kann keine ähnliche steigende
führung für sich in Anspruch nehmen und es
begreiflich, daß man nirgends in der Literatur dem Versucn
3 iner direkten Beweisführung in dem Sinne begegnet, aan
nan den Weg von der Eutertuberkulose der Kuh w*
nilehtrinkenden Säugling verfolgt hätte. ® rs Annahme
las gelungen wäre, könnte der Beweis fürdieseriUM ^
i\8 erbracht angesehen werden.Deru^berkiBören Kin«
lern Nachweise von Perlsuchtbacillen bd tuberk 10^^
lern kann keineswegs als genügend ange« 36 w öhn-
Ad 2. Die Tuberkuloseinfektion finde g . ch
ich durch Inhalation statt DieserSif Baumgarten)
erstens auf das Gesetz vom * (Cornet) und
and der regionären Lymphdrüsentube Forschung
anderseits auf die pathologisch- w Ät Ghon). Wir
Tarrot, Ruß, E. Alb recht, H. .. .i. * ang dem Tier-
wissen nämlich mit absoluter Bestimmtheit aus
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10. Januar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2.
85
experiment, daß jede Tuberkuloseinfektion zu einer ungefähr
gleichzeitigen Erkrankung der Infektionsstelle und der be¬
nachbarten Lymphdrüsen führt und zwar lehrt das Tier¬
experiment weiter, daß bei noch nicht vorgeschrittener
Tuberkulose die Veränderungen an und um den Infektionsort
im Verhältnisse zu dea sekundär entstandenen Herden deut¬
lich schwerere und vorgeschrittenere sind. Nun findet man,
wie die anatomische Forschung der letzten Jahre gezeigt
hat, daß bei vorgeschrittener Tuberkulose sich die deut¬
lichsten id est ältesten Veränderungen in der Lunge und in
den bronchialen Lymphdrüsen befinden. Man findet ebenso
gut wie immer einen oder zwei Herde in den Lungen mit
einer Tuberkulose der regionären Lymphdrüsen. Einen ähn¬
lichen anatomischen Befund kann man beim Tiere nur da¬
durch erzeugen, daß man Tuberkelbacillen 1 ) inhalieren läßt.
Wir schließen daraus: Die Infektion findet durch Inhalation
statt, was sehr gut übereinstimmt mit dem ersten Satz, aus
dem hervorgeht, daß die Infektionsquelle gewöhnlich ein
Bacillenliuster ist. Damit stimmt endlich sehr gut übereiu
die von Flügge entdeckte Tröpfcheninfektion, die dadurch
zustaudekommt, daß kleinste Tröpfchen, die bacillenhaltig
sind, in die Luit gehustet, gesprochen, geniest und nun von
andern in die Lunge eingeatmet werden.
Ad 3. Die Infektion findet außerordentlich
leicht statt. Dieser Satz erscheint mit Rücksicht auf die
später zu besprechende Prophylaxe von großer Wichtigkeit.
Wie so viel anderes in der Tuberkulosepathologie wurde
auch diese Lehre von Wolf (Reiboldsgrün) zuerst aufge-
gtellt. Es genügt unter Umständen, wie wir mit Bestimmt¬
heit wissen, ein ganz kurzes Zusammensein mit einem Ba-
ciüenhuster, um eine wirksame Infektion zustande zu brin¬
gen. So verfügen wir über eine Beobachtung, wo ein Kind
ungefähr nur eine halbe Stunde mit einem Phthisiker in
einem Zimmer zusammen war und wenige Wochen später
an Tuberkulose erkrankte und starb. Ich verweise dies¬
bezüglich auch auf eine von meinem Assistenten Dietl und
drei von mir gemachte Beobachtungen. Es ist wichtig, zu
wissen, daß ein inniger Kontakt zur Infektion nicht
notwendig ist.
Die Infektion findet gewöhnlich mit relativ kleinen
Bacillenmengen statt. Das wird ja ohne weiteres klar,
wenn wir bedenken, daß die Infektion durch Inhalation
stattfindet und daß der Primäraffekt gewöhnlich in einem
ganz kleinen Bronchus sitzt. Bis dorthin, das heißt bis in
die kleinsten Bronchien können eben nur sehr kleine cor-
po8culäre Elemente (Tröpfchen) kommen, an denen die Ba¬
cillen haften. Es kann sich da höchstwahrscheinlich nur
um Tausendstel von Milligrammen und noch weniger in
Form von eigentlicher Bacillensubstanz handeln und es
kommen also so große Dosen, wie man sie auch heute noch
vielfach beim Meerschweinchenversuch verwendet, bei der
spontanen Menscheninfektion überhaupt nicht in Betracht.
Ad L Die Infektion findet gewöhnlich in der Kindheit
statt. Dieser Satz wurde gewonnen durch genaue Unter¬
suchungen mit Tuberkulin. Die Untersuchungen von Monti
and mir haben gezeigt, daß von 100 anscheinend gesunden
Kindern der armen Wiener Bevölkerung auf Tuberkulin re¬
agieren.
Im 1. Lebensjahre
* 2.
. 8 .- 4 .
, 5 .— 6 .
. 7 .- 10 .
, 11 .- 14 . .
zirka 2%')
* io „
* 25 „
* 50 „
* 75 .
* 95 „
, ^ an hat gegen diese Untersuchungen zuerst angeführt,
daß die Zahlen zu hoch seien und hat auch weiterhin noch
. . *) Und swar in geringen Mengen, weil sonst zu viele Lungenherde
«ootl entstehen.
rfmw ^ n Diese ZeJil ist erst nachträglich gewonnen und entspricht der
Beobachtung Sperks (private Mitteilung).
oft auf abweichende Resultate an der Kinderbevölkerung
anderer Großstädte hingewiesen. Der Hauptfehler, der bei
der Nachuntersuchung der Ergebnisse von Monti und mir ge¬
macht wurde, war der, daß man vielfach nur die Pirquet-
sche Reaktion anwendote. Ich habe nun schon oft darauf
hinge wiesen, daß dies ein großer Fehler ist und daß die
Pirquetsche Methode allein zur Feststellung der Tuberku¬
losehäufigkeit unbrauchbar ist, da sie viel zu viel Fälle in¬
aktiver Tuberkulose nicht anzeigt. Es muß daher jede
Arbeit, die die Häufigkeit der Tuberkulose mit Hilfe des
Tuberkulins feststellen will und dabei nur die Pirquetsche
Reaktion verwendet, als gänzlich unbrauchbar zu¬
rückgewiesen werden.
Ich verweise hier nur darauf, daß Pirquet selbst für
Wien ein Jahr vor meinen Untersuchungen viel niedrigere
Häufigkeitswerte gefunden hatte, weil er eben nur mit der
Cutanreaktion gearbeitet batte.
Obwohl bisher niemand meine Ansicht, daß die Cotanreaktion zum
genannten Zweck ungenügend ist, bestreiten konnte, findet man immer
wieder die Meinung als selbstverständlich, daß eine negative Pirquetsche
Reaktion gleichbedeutend sei mit Freisein von Tuberkulose und liest
allenthalben, die Feststellung, daß die Tuberkuloseinfektion im Kindesalter
schon erfolge, verdanke man der Cotanreaktion. Es muß dies als ein
trauriges Zeichen für die Oberflächlichkeit, mit der heute vielfach ge¬
arbeitet und publiziert wird, bezeichnet werden.
Hier soll auch betont werden, daß die eben mitgeteilten
Zahlen sich auf die Kreise der Armen und des unteren
Mittelstandes beziehen. Für die Minorität, das heißt für
den oberen Mittelstand und die Reichen sind die Zahlen
gewiß kleiner. Für die Überwiegende Majorität der Stadt¬
bevölkerung gelten jedoch die Zahlen wohl in allen Kultur¬
ländern. Für die Landbevölkerung sind die Zahlen schwan¬
kend, auf jeden Fall aber viel niedriger.
Fassen wir alles bisher Gesagte zusammen, so ergibt
sich, daß die Infektion gewöhnlich durch einen Phthisiker
erfolgt und zwar durch Inhalation von expektorierten bacillen¬
haltigen Tröpfchen. Die Staubinfektion durch Aufwirblung
aufgetrockneten Bacillensputums dürfte wohl eine geringere
praktische Bedeutung haben. Die Tröpfcheninfektion findet,
wie dies Flügges Untersuchungen wahrscheinlich gemacht
und einige exakte Beobachtungen in der Praxis bewiesen
haben, schon auf Distanz statt und es genügt das Zusammen¬
sein mit einem Bacillenhuster in einem Wohnraume zur
wirkungsvollen Infektion. Dadurch, daß die Infektion so
außerordentlich leicht geschieht, erklärt es sich ohne weiteres,
daß in den Städten die meisten Menschen sich schon in der
Kindheit infizieren.
Von großer Bedeutung ist die bisher noch nicht be¬
sprochene Tatsache, daß die Tuborkuloseerstinfektion im
ersten Lebensjahr außerordentlich gefährlich ist; die Gefähr¬
lichkeit der Erstinfektion nimmt dann mit zunehmendem
Alter immer mehr und mehr ab und es scheint, daß in der
großen Mehrzahl der Fälle die Erstinfektion jenseits des
sechsten Lebensjahrs ein fast völlig ungefährlicher Vorgang
ist. Man kann dies mit Engel so bezeichnen, daß man
sagt: Die Tuberkulosefestigkeit nimmt von Jahr zu Jahr zu.
Diese Lehre ergibt sich nicht nur durch statistische Ver¬
gleiche, sondern, wie Pollak in so überzeugender Weise
dargetan hat, auch durch direkte ärztliche Familienbeob¬
achtung.
II. Die tuberkulöse Reinfektion.
Für die äußeren Umstände bei der Reinfektion bestehen
ganz dieselben Gesetze wie für die Erstinfektion, das heißt,
auch die Reinfektion findet gewöhnlich von Mensch zu
Mensch statt und zwar durch Inhalation. Auch die Re¬
infektion kommt sehr leicht zustande und auch bei ihr
müssen wir annehmen, daß gewöhnlich nur relativ kleine
Bacillenmengen haften bleiben. Wenigstens gilt dies für die
hier hauptsächlich in Betracht kommende exogene Reinfektion.
Die Tuberkulosereinfektion hat immer eine so¬
fort einsetzende Reaktion des Organismus zur Folge,
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36
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2.
10. Januar.
die wir mit v. Pirquet als allergisch bezeichnen können.
Diese Reaktion tötet viele, oft auch alle eingebrachten Ba¬
cillen ab und man sieht dementsprechend im Tierexperiment,
daß, wenn die Bacillenmenge klein genug gewählt wird,
eine Immunität gegen solche Reinfektionen besteht. Diese
schon von Koch gefundene Tatsache wurde seinerzeit nur
von wenigen, besonders von Wolf (Reiboldsgrün), später von
v. Behring in ihrer Bedeutung für die Tuberkulosepatho¬
logie erfaßt, blieb aber sonst so ziemlich unbeachtet. Erst
Römer und ich haben dann unabhängig von einander an
Hand von Tierversuchen die Bedeutung dieses Immunitäts¬
phänomens für das Verständnis der Tuberkulose dargetan.
Die Reinfektion können wir einteilen in eine endogene
(autogene) und in eine exogene Reinfektion. Die endogene
Reinfektion findet statt entweder bronchogen oder hämatogen
oder lymphogen.
A. Die bronchogene Reinfektion können wir uns
folgendermaßen vorstellen: Der Primäraffekt, der nach
H. Albrecht gewöhnlich in einen Bronchus mündet, ent¬
läßt beim Husten bacillenhaltiges Sekret in den Bronchial¬
baum und nun kann es zu einer sekundären Infektion eines
andern Lungenabschnitts, ferner der Bronchial-, Laryngeal-
sehleimhaut sowie der des Nasenrachenraums, der Pauken¬
höhle, durch Verschlucken des Sputums endlich zu einer
Infektion des Darmtraktes kommen.
B. Die hämatogene Reinfektion. Durch Durchbruch
eines tuberkulösen Herdes in ein Blutgefäß kann eB zur In¬
fektion anderer Organe kommen.
C. Die lymphogene Reinfektion findet auf ähnliche Weise
statt, d. b. durch Eröffnung eines Lymphgefäßes kommt es
zur Infektion der eingeschalteten Lymphdrüsen.
Mann kann sich den Mechanismus bei der Reinfektion
in Anlehnung an die Theorie von Pirquet und Schick in
folgender Weise vorstellen: Bazillen gelangen in das Gewebe
eines schon infizierten Individiums. Infolge spezifischer Anti¬
körper kommt es wahrscheinlich schon nach wenigen Minuten,
ja vielleicht Sekunden zu einer allergischen Reaktion und so
werden wohl die meisten Bazillen am Reinfektionsorte gleich
abgofangen. Waren überhaupt Bazillen in die Blutbahn oder
in die regionären Drüsen gebracht worden, so kommt es auch
da zu dieser sofortigen Reaktion. Ist diese Reaktion eine sehr
energische und rasche, so werden alle Bazillen abgetötet:
oft aber mag es auch nur zu einer teilweisen Abtötung
und Entwicklungshemmung der übrig bleibenden Bazillen
kommen und es kann dann Monate und Jahre nach einer
solchen Reinfektion zu einer Exacerbation an den betreffenden
Stellen kommen, wie ich wohl auf Grund bestimmter ander¬
weitig publizierter Tierversuche annehmen darf. Bei dieser
Exazerbation muß es als charakteristisch gelten, daß sehr
oft die den Reinfektionsstellen regionären Lymph¬
drüsen Wochen, ja Monate früher tuberkulös er¬
kranken als die Rcinfektionsstellen selbst.
Aus alledem geht hervor, daß der Tuberkulose-
Reinfektion eine ganz andere Bedeutung zugoschrie-
ben werden muß als der Erstinfektion. Auch beim
Menschen dürfen wir mit Bestimmtheit eine relative Immu¬
nität gegen Reinfektion annehmen.
Di© folgende, wohl zwingende Ueberlegung spricht dafür; Halten
wir uns vor Augen, daß die Infektion außerordentlich leicht geschieht,
daon muß es als selbstverständlich erscheinen, daß Individuen, die lange
Zeit mit Phtisikem zusammen leben, sich Dicht nur einmal, sondern sicher
sehr oft inhalatorisch infizieren. Wenn solche Individuen, gleichgültig ob
an Tuberkulose oder an einer anderen Krankheit, sterben, so findet man
bei der Autopsie trotzdem nur einen oder zwei Herde, die wir als Infekte
von außen betrachten dürfen, und nicht hunderte solcher Herde. Das
müßte aber der Fall soin, wenn die der Erstinfektion folgenden weiteren
Infektionen immer wieder dieselben Veränderungen hervorrufen würden.
Es besteht also gewiß auch beim Measchen eine
Immunität gegen Reinfektionen und wir dürfen wohl mit
Sicherheit annehmen, daß diese Immunität in der großen
Mehrzahl der Fälle praktisch genommen vollständig ausreicht, I
und so erklärt es sich daß, eine große Anzahl von Menschen
trotz fortwährender Reinfektionen vollständig gesund bleiben
und nicht weiter tuberkulös erkranken.
Wir dürfen aber auch nicht die Möglichkeit von der
Hand weisen, daß bei manchen Individuen nicht alle Rein¬
fektionen abheilen, sondern daß an manchen Reinfektions¬
stellen lebende Bazillen, wenn auch geschwächt, Zurückbleiben,
die dann Monate oder Jahre später zu einer tuberkulösen
Exacerbation mit oder ohne vorausgehender Drüsenschwellung
führen können.
Die endogene Reinfektion kann nicht Gegenstand
unserer Besprechung sein, sie ist vielmehr das Hauptkapitel
der Tuberkulosepatliologie überhaupt.
Dagegen gehört die Besprechung der exogenen Re¬
infektion zu unserer Hauptaufgabe. Nach dem bisher Mit¬
geteilten ist es klar, daß die exogene Reinfektion auch fast
ausnahmslos eine Inhalationsinfektion ist, daß sie außer¬
ordentlich leicht geschieht und daß wir also annehmen
müssen, daß viele Menschen, das heißt solche, die mit Ba-
cillenhustern Zusammenleben, sehr oft infiziert werden.
Aus dem Gesagten erhellt auch, daß gegen diese Reinfek¬
tionen eine gewisse Immunität besteht. Aber trotzdem dürfen
wir die Möglichkeit der Exacerbation nicht außer acht lassen;
ich verweise diesbezüglich auf die von mir aufgestellte
Theorie von der Phthiseentstehung durch Exacerbation nicht
ganz ausgeheilter Reinfektionen. Ich betone aber, daß es
sich da um nichts anderes als um eine reine Hypothese
handelt.
Können wir also schon aus Gründen dieser Ueber¬
legung die Reinfektion nicht als etwas ganz Gleichgültiges
und Harmloses mit Sicherheit betrachten, so haben wir
außerdem aber auch noch an die Möglichkeit zu denken,
daß Menschen, die unendlich vielen Reinfektionen durch das
Zusammenleben mit Bacillenhustern ausgesetzt sind, sozu¬
sagen einer specifischen Erschöpfung durch langsames Auf¬
brauchen ihrer Antikörper unterliegen mögen. Doch ist auch
das reine Hypothese.
Bedenken wir anderseits, daß Phthise bei Ehegatten
relativ selten ist, so müssen wir sagen, daß die Frage, ob
die Reinfektion wegen der bestehenden Immunität eine ab¬
solut ungefährliche oder wegen der Exacerbationsmöglich-
keit und wegen der Erschöpfungsmöglichkeit eine sehr ge¬
fährliche Sache ist, vorderhand nicht beantwortet werden
kann.
Sicher aber ist, daß für viele Menschen die häufige
Reinfektion ein harmloser Vorgang ist. Ob in den Fällen
von Phthise bei Ehegatten ein zufälliges Zusammentreffen,
eine Exacerbation oder eine specifische Erschöpfung vor¬
liegt, können wir heute nicht wissen.
Ich schließe dieses Kapitel mit dem Satze: Die Re¬
infektionen sind gewöhnlich inhalatorisch und
finden bei vielen Menschen außerordentlich häufig
statt. Sie sind für viele Menschen gänzlich harm¬
los, können vielleicht aber für manche verhängnis¬
voll sein.
Die Prophylaxe der Tuberkuloseinfektion können wir
einteilen in eine solche der Erstinfektion und in eine solche
der Reinfektion.
Die Primärinfektion läßt sich wohl überhaupt nicht
für das ganze Leben vermeiden, denn es gibt so un¬
endlich viele Menschen, welche an einer offenen Tuberku¬
lose leiden, also Tuberkelbacillen aushusten, und die In¬
fektion geschieht, wie wir früher gesehen haben, so außer¬
ordentlich leicht, daß es wohl jedermann verständlich er¬
scheinen muß, wenn man sagt, daß wohl kein Mensch der
Tuberkuloseinfektion entgeht. Da nun eben jeder Mensch
einigemal in seinem Leben mit einem Bacillenhuster zu¬
sammentrifft, so wird wohl auch jeder Mensch wenigstens
einmal in seinem Leben Tuberkelbacillen in seine Lunge
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10. Januar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2.
37
aufnehmen und dann weiterhin in der mehrfach beschriebenen
Weise einen tuberkulösen Prozeß durchmachen.
Da wir aber weiter gesehen haben, daß es ein großer
Unterschied ist, ob Bich ein Mensch im ersten oder siebenten
Lebensjahre der tuberkulösen Primärinfektion aussetzt, so
werden wir in unserm Bestreben, die Primärinfektion zu ver¬
hüten, bei verschiedenaltrigen Kindern verschieden sorgsam
sein. Wir werden also bei Kindern in den ersten B bis 4
Lebensjahren, ganz besonders aber im ersten Lebensjahre,
auf das ängstlichste bestrebt sein, die Primärinfektion zu
verhüten. In diesem Bestreben werden wir, beziehungsweise
die Eltern, ja ohnehin schon durch die natürlichen Verhält¬
nisse unterstützt dadurch, daß gerade Kinder in den ersten Le¬
bensjahren eine sehr beschränkte Bewegungsfähigkeit besitzen
und dadurch ohnehin mit viel weniger Menschen in Berührung
kommen als ältere Kinder. Da die Eltern meistens alle
Menschen, die zu ihnen ins Haus kommen, bezüglich ihrer
Gesundheitsverhältnisse kennen, so sind sie sehr wohl im¬
stande, von ihren kleinen Kindern alle tuberkuloseverdäch¬
tigen Individuen fernzuhalten. Freilich wird die Verhütung
der Infektion in allen jenen Fällen, wo eines der Familien¬
mitglieder oder der Wohnungsgenossen eine offene Tuber¬
kulose hat, sehr schwierig, ja oft unmöglich sein. Man
vergesse nie, daß die Infektion so außerordentlich leicht
stattfindet. Es genügt daher zur Verhütung der Infektion
bestimmt nicht, daß der Phthisiker eine Spuckflasche bei
sich trägt und nicht auf den Boden spuckt. Ein Bacillen-
buster soll einem kleinen Kinde nie auch nur in die Nähe
kommen. Allein schon das Ansprechen, vielleicht sogar das
Sprechen nur in der Nähe des Kindes kann auf leicht an-
lustellende Weise zur Infektion führen. Leidet also ein
Wobnungsgenosse eines ein- bis zweijährigen Kindes an
einer offenen Tuberkulose, so ist seine Entfernung aus dem
entsprechenden Hausstande unbedingt durchzufübren oder
man muß eben das Kind aus der Wohnung entfernen. Was
von beiden man im Einzelfalle tun wird, hängt von don
eventuellen Verhältnissen ab. Am schwierigsten liegt wohl
die Frage, was hat man zu tun, wenn die Mutter eines
Säuglings eine offene Tuberkulose hat? In allen diesen
Fällen ist der eben beschriebene Grundsatz der strengen
Separation zu vertreten. Freilich stößt die praktische Durch-
fuhrunj? oft auf unüberwindliche Hindernisse, weil sich ja
die Mutter in den meisten Fällen nicht leicht von ihrem
Kinde wird trennen lassen. Die Idealforderung aber lautet,
man separiere das Kind in irgendeiner Weise von der Mutter
vollständig durch Vj 2 Jahre.
Es erscheint mir, wenn ich von der Prophylaxe der
Primärinfektion in den ersten Lebensjahren spreche, am
allerwichtigsten, zu betonen, daß die heute üblichen Schutz¬
maßregeln zur Verhütung der Tuberkuloseinfektion bei An¬
wesenheit eines Bacillenhusters in der Wohnung völlig un¬
zureichend sind. Ich betone nochmals, die Infektion ge¬
schieht ungeheuer leicht, fast so leicht wie bei irgendeinem
Schnupfen oder einer Bronchitis. Man kann daher bei allen
Wern, wo man die Primärinfektion verhüten will, kaum
vorsichtig genug sein. Vor allem ist es Pflicht des Arztes,
wr Mutter vorzustellen, wie wichtig es ist, alle Dienstboten
des Hauses vor ihrer Aufnahme einer ärztlichen Unter¬
suchung zu unterwerfen und bei jedem auch noch so gering-
mg^en Husten oder bei schlechtem Aussehen irgendeines
wohnungsgeno8sen sofort den Arzt zu rufen. Das bezieht
™ auf Kinder in den ersten zwei bis drei Lebens¬
jahren.
Später, wenn die Kinder zur Schule gehen und nun
in nf n? ^ urzer mit vielen Hunderten von Menschen
Berührung kommen, ist natürlich die Kontrolle darüber,
je ä]f em ve . r ^ e ^ ren » fest unmöglich. Mit andern Wor ten,
dia n ^?^ er w ©rden, desto aussichtsloser wird es,
wir ftml rkü * 8eillf ? ktion zu verllüteQ Zum Glück brauchen
wie wir aus den Untersuchungen von Pollak
wissen, bei Kindern jenseits des vierten bis fünften Lebens¬
jahrs nicht mehr so ängstlich zu sein; denn in diesem Alter
und später heilt die Tuberkulose in kurzer Zeit und ohne
Manifestation aus. Man wird gewiß nicht die Tuberkulose¬
infektion aufsuchen, aber man wird sie auch nicht so über¬
trieben ängstlich vermeiden wie in den ersten Lebensjahren.
Eine besondere Besprechung verdient meiner Ansicht
nach die „extrafamiliäre“ Primärinfektion, und zwar aus
folgenden Gründen: In der Mehrzahl der Fälle von
Kindertuberkulose ist die Infektion intrafamiliär, das heißt
sie erfolgt durch ein phthisisches Familienmitglied. Je näher
dieses mit dem Kinde verwandt ist, desto schwieriger ist,
wie ja selbstverständlich, die Verhütung der Infektion. Die
extrafamiliäre Primärinfektion findet gewiß nicht sehr häufig
statt, dürfte aber doch wohl 20% aller Fälle betragen. Die
Verhütung der intrafamiliären Erstinfektion ist gewöhnlich
unmöglich, da die Kinder längst infiziert sind, wenn das
Familien- (beziehungsweise Wohnungs-) mitglied als an¬
steckungsfähig erkannt ist. Dagegen wäre die Verhütung
der extrafamiliären Erstinfektion gewiß sehr oft möglich.
Freilich ist es notwendig, daß einerseits der Phthisiker weiß,
wie gefährlich er für kleine Kinder ist, und anderseits die
Eltern wissen, daß der Mensch, den sie zu sich ins Haus
nehmen wollen, ein ßacillenhuster ist und zu ermessen
wissen, von welcher Bedeutung es für ihre kleinen Kinder
ist, wenn sie mit einem solchen Menschen Zusammenleben.
Hier hat die Volksbelehrung einzusetzen. Ich halte
es für erstrebenswert, daß die Kenntnis dieser Verhältnisse
in der Bevölkerung so allgemein wird, daß jedermann straf¬
bar wird, der wissentlich an offener Tuberkulose leidend als
Wohnungsgenosse (Bettgeher) in einer Familie, wo sich
kleine Kinder befinden, Unterkunft nimmt. Sowie man heute
einen Tripperkranken zur Verantwortung ziehen kann, wenn
er wissentlich ein Mädchen infiziert, so müßte man das eben
auch mit einem Phthisiker tun können, wenn er wissentlich
kleine Kinder infiziert. Freilich setzt dies eben voraus, daß
sich die Menschen der furchtbaren Folgen bewußt sind, die
eine Tuberkuloseinfektion bei kleinen Kindern gewöhnlich
nach sich zieht.
Gar nicht so selten kommt es vor, daß Phthisiker in
vorgeschrittenem Stadium geradezu gezwungen werden,
Pflege in Familien zu suchen, wenn sie nicht in ent¬
sprechende Anstalten aufgenommen werden. Ich halte es
für wichtig, daß man in allen den Fällen, wo alleinstehende
Phthisiker in Anstalten nicht aufgenommen werden können,
dafür sorgt, daß sie nicht in tuberkulosefreie Familien, wo
sich kleine Kinder befinden, „einbrechen“. Die öffentliche
Fürsorge hätte sich also genau nach den Familienverhält¬
nissen zu erkundigen und hätte alle alleinstehenden inva¬
liden Phthisiker entweder in Spitälern unterzubringen oder,
wo dies untunlich ist, dafür zu sorgen, daß sie in Familien
Unterkunft finden, wo keine Kinder unter fünf Jahren sich
befinden.
Unter sonst gleichen Bedingungen haben diejenigen
invaliden Phthisiker den Vorzug bei der Aufnahme in eine
Anstalt, welche allein stehen. Diejenigen Phthisiker, die
früher in einer Familie mit kleinen Kindern gelebt haben,
können ja selbstverständlich auch in eine Anstalt aufge¬
nommen werden; man vergesse aber nicht, daß diese die
betreffenden Kinder schon infiziert haben und daher lange
nicht soviel Schaden stiften können als solche, die im Falle
der Nichtaufnahme ins Spital gezwungen wären, in einer
tuberkulosefreien Familie Unterkunft zu suchen.
Was nun die Frage der Verhütung der Reinfek¬
tion anlangt, so müssen wir offen gestehen —- das gebt ja
aus dem über den Mechanismus und die Folgen der Reinfek¬
tion oben Gesagten deutlich hervor —, daß wir heute noch
nicht imstande sind, die praktische Bedeutung einer oder oft
wiederholter Reinfektionen zu beurteilen. Nur das eine
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können wir sicher sagen, daß in den ersten drei bis vier
Lebensjahren die Reinfektion auch nicht annähernd so ge¬
fährlich ist wie die Primärinfektion. Da ergibt sich schon
der praktische Grundsatz, daß man in allen den Fällen, wo
ein Kind auf Tuberkulose reagiert, also schon tuberkulös
infiziert ist, nicht mehr so intensiv bestrebt sein wird, die
Separation durchzuführen.
Immerhin aber darf man die Reinfektion in ihrer prak¬
tischen Bedeutung nicht gänzlich vernachlässigen und es
wird sich, solange diese Frage nicht gänzlich geklärt ist,
empfehlen, sowohl Kinder als Erwachsene allzu häufigen
Reinfektionen womöglich zu entziehen. Massige Reinfek¬
tionen, das heißt solche, bei denen gleich große Mengen von
Bacillen auf einmal von außen in den Organismus gelangen,
kommen ja im gewöhnlichen Leben bestimmt nicht vor, wie
schon aus den früheren Auseinandersetzungen hervorgeht..
Berichte über Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren,
Aus der Hautklinik, Jena.
Zur Methode der Eigenblutbehandlung
von
Prof. Dr. B. Spiethoff.
Der Erfolg mit arteignem Blut in einem Falle von
Pemphigus vulg., über den Prätorius berichten konnte, veranlaßte
mich, meine Methode der Eigenstoffver Wertung dahin zu er¬
weitern, daß ich neben dem Eigenserum auch Eigenblut gebrauchte.
Die Wiedereinspritzung geschah von mir auf intravenösem Wege.
Nachdem ich günstige Erfahrungen auch mit dieser Art von
Eigenstoffbehandlung hatte sammeln können, veröfientlichte Rav aut
im Anschluß an meine Empfehlung des Eigenserums seine Methode
der Eigenblutbehandlung auf subcutanem Wege. Dies veranlaßte
mich, gleich darauf über meine schon länger geübte Art der Eigen¬
blutbehandlung zu berichten. Ich teilte dann später noch weitere
Modifikationen und Verbindungen der Eigenstoffbehandlung mit
andern Eingriffen, z. B. Aderlässen, mit, weil ich die Beobachtung
gemacht hatte, daß ein gelegentlicher Wechsel in der Methode
therapeutische Vorteile haben kann.
Neuerdings bestätigt L u x die Erfolge mit Eigenblut bei juckenden
Dermatosen. Lux spritzt das Blut intraglutäal ein, weil er Bedenken
hegt, technisch mir zu folgen. Die Gefahr der Thrombenbildung
und die technische Erschwerung durch das Einschieben einer dünnen
zweiten Kanüle in die erste vor der Wiedereinspritzung des Bluts
waren seine Gründe, den andern Weg zu gehen. Nachdem^ ich
nun schon längere Zeit ausgedehnt größere Blutmengen wieder
eingespritzt habe, kann ich sagen, daß ich nie irgendeine Er¬
scheinung beobachtet habe, die mich zum Aufgeben dieses Wegs
hätto veranlassen können. Nur selten tritt bei schwächlichen,
erothisehen Mädchen und Frauen nach wiederholtem Einspritzen
größerer Mengen (s. u.) eine kurze Blutwallung und leichtes
Schwindelgefühl auf, Erscheinungen, die, wie gesagt, ganz flüchtiger
Nttur und von keiner Berufsstörung gefolgt sind. Der
intravenöse Weg ist für den Kranken zweifelsohne der angenehmere
und einfachere (Technik s. u.), selbst wenn es sich nur um die
Wiedereinspritzung kleiner Mengen handelt, wie Ravaut und Lux
es tun. Spritzt man aber größere Mengen und in kurzen Pausen
ein, bo ist er der einzig gangbare.
Im weiteren Ausbau meiner Eigenblutbehandlung
bin ich jetzt so weit gekommen, daß ich in gewissen Fällen täglich,
oft sogar täglich zweimal (morgens und abends) die Behandlung
vornehme, wenn nötig wochenlang, und dabei jedesmal 100 oder
200 ccm. Eigenblut wieder einspritze. Den einen Punkt, an dem
Lux Anstoß nahm, die zweite dünnere Kanüle, habe ich schon
lange fallen lassen. In der Tat erschwert sie die Technik, überdies
ist sie aber auch ganz überflüssig, ja nicht einmal vorteilhaft.
Das Einfließen und Wiederausströmen des Bluts geht um so
glatter vor sieh, je weiter die Kanüle ist. Deshalb verwendeich
nur noch der Größe der Vene sich anpassende weite Kanülen mit
Handgriff der Strausschen Blutnadeln. Als Spritze gebraucheich
in der Hitze oder in Formalindämpfen sterilisierte Glasrekord¬
spritzen, die bequem 40 ccm fassen. Fließt das Blut schnell, so
kann man mit einer Spritze 120 ccm einspritzen, fließt das Blut
langsamer, so sind für 200 ccm Blut 3 bis 4 Spritzen nötig, aber
nur eine stets liegenbleibende Kanüle. Da Beschwerden fehlen,
kann die Behandlung selbstverständlich ambulant durchgeführt
werden.
Literatur: Lux, Derm. W. 1914, Nr. 46 , 46. — Prätorius, M. m.
W 1913, Nr. 16. — Ravaut, Ann. de derm. Paris. Mai 1913. — Spiet¬
hoff, Zur therapeutischen Verwendung des Eigenserums. (M. m. W. 1913,
Nr. 10.) — Derselbe, Zur Behandlung mit Eigenserum und Eigenblut. (M.
Kl. 1913, Nr. 24.) — Derselbe, Die Herabsetzung der Empfindlichkeit der Haut
und des Qesamtorganismos durch Injektionen von Eigensernm, Eigenblut und
Natrium nucleinicum. (Derm. W. 1913.) — Derselbe, Methode und Wirkung
der Eigenserum- und Eigenblutbehandlung nebst Bemerkungen zur Umstimmung
der Hautreaktion durch Eigenste JI- und Natrium nucleinicum-Injektionen. (M. Kl.
1913, Nr. 45.) _
Beitrag zum gegenwärtigen Stande der
Abort frage
von
Dr. Otto Rupp, Breslau.
Aetiologie. Hinsichtlich der Aetiologie dos Aborts kann
man drei große Gruppen unterscheiden. Bei der ersten Gruppe
werden durch hochfieberhafte Prozesse, durch Entzündungen, Lage¬
veränderungen und Geschwülste des Uterus und seiner Adnexe
vorzeitige Wehen und Blutungen verursacht, die dann die Aus¬
stoßung des Eies, das an und für sich gar nicht geschädigt zu sein
braucht, bewirken. Ganz anders ist der Vorgang, wenn eine
Schwangere an einer Infektionskrankheit, und vor allen Dingen an
einer Lues leidet. Hier sind nicht die Blutungen und die Wehen
das Primäre, sondern das Absterben der Frucht. Diese wirkt alB-
bald als Fremdkörper, erregt somit Wehen und wird aus dem
Uterus herausbefördert. Wieder eine Gruppe für sich bilden die
Schwangerschaftsunterbrechungen, die durch traumatische Ein¬
wirkungen bedingt sind, also z. B. durch starke Erschütterung, Stoß
oder Schlag auf den Unterleib, es ist aber auch erwiesen, daß bei
empfindlichen Personen eine starke seelische Erregung genügt, um
einen Abort einzuleiten. Zu dieser letzten Gruppe gehören auch
die kriminellen Aborte, wenigstens soweit zur Abtreibung der
Frucht äußere Mittel und nicht innerliche, wie z. B. Zimtsflure,
Safran, Chinin, Senna, Secale cornutum usw., angewandt werdep,
die übrigens alle keine specifische Wirkung haben, sondern, wie
Bumm meint, „den beabsichtigten Erfolg erst durch schwere
Vergiftung des mütterlichen Körpers erzielen“.
Der kriminelle Abort lenkt nicht nur durch seine zunehmende
Häufigkeit die Aufmerksamkeit der Gynäkologen und praktischen
Aerzte auf sich, sondern auch dadurch, daß man erkennt, daß
gerade die Fälle von Abort häufig besonders schwer verlaufen, bei
denen von Laienhand unter groben Verstößen gegen die allgemeinen
Regeln der Asepsis in verbrecherischer Absicht irgendein Eingriff
vorgenommen wurde. Es wäre ein Fehler, wenn man annehmen
wollte, daß der kriminelle Abort erst eine Erscheinung unsere
modernen sozialen Lebens sei. Bereits den Kulturvölkern des
Altertums, den Persern, Griechen und Römern waren Abortivmittel
bekannt und es werden solche zur Zeit des Hippokrates genannt.
Und in der Tat wurde die kriminelle Fruchtabtreibung schon zu
jener Zeit trotz der zum Teil recht schweren Strafen, die darauf
gesetzt waren, betrieben. Seitdem ist sie nicht wieder ver¬
schwunden, und alle Mittel, die dagegen bis jetzt angewandt
wurden, konnten dieses Uebel nicht aus der Welt schaßen; im
Gegenteil, es scheint festzustehen, daß die Zahl der kriminellen
Aborte nicht nur in Deutschland, sondern in allen Kulturländern,
und ganz besonders in Paris, wo Bertillon die Zahl der krimi¬
nellen Aborte für diese Stadt allein auf 50 000 im Jahre berechnet,
im Wachstume begriffen Ist. Grant gibt an, daß in Amerika, wo
das Abtreiben beinahe öffentlich betrieben wird, 85 % aller gra¬
viden Frauen die Schwangerschaft unterbrechen lassen. Für
Rußland gelten ähnliche Verhältnisse. So berechnet Kalmjikow
die Zahl der kriminellen Aborte für Rostow auf 75 °/o- Ols-
hausen gibt an, daß 80 % aller Aborte, die in seiner Klinik zur
Behandlung kamen, auf eine kriminelle Ursache zurückzuführen
seien. Fleischhauer fand für die Kieler Klinik, daß 90% der
septischen Aborte kriminell sind. Mögen diese Zahlen zum Teil
auch zu hoch gegriffen sein, feststeht, daß der kriminelle Abort
in erschreckender Weise zunimmt. Auch bei unserm Material
kann man eine Zunahme der Aborte konstatieren, wenigstens
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soweit man ans der Zahl der Aborte zu den überhaupt gynäkolo¬
gisch behandelten Patientinnen diesen Schluß ziehen darf.
Die Gesamtzahl der gynäkologischen Kranken betrag bei uns;
lm Jahre 1904 581, darunter 37 Aborte» 6,4%
, . 1905 548, * 38 „ = 6,9%
„ , 1906 595, „ 89 „ = 6,6%
_ ,, 1907 702, „ 40 , = 5,7 %
, n 1908 743, „ 63 „ = 8,5%
* „ 1909 728, „ 79 „ =10,9%
„ 1910 901, „ 92 „ =10.2%
„ „ 1911 1118, „ 101 „ = 9,0%
, „ 1912 1263, „ 186 „ =14,7%
Es läßt sich schwerlich für die Zunahme der Aborte, die
auch in fielen andern Kliniken konstatiert wird, eine andere Er¬
klärung als das Weiterumsichgreifen der Unsitte der Abtreiburg
speziell auch in den ärmeren Volksschichten finden. Das größte
Interesse an einer vorzeitigen Schwangerschaftsunterbrechung haben
natürlich die ledigen Personen und von den Verheirateten die, die
bereits eine größere Zahl lebender Kinder haben und für die unter
den jetzigen schwierigen sozialen Verhältnissen und der allgemeinen
Teuerung ein weiteres Zunehmen der Familienzahl oft den peku¬
niären Ruin bedeutet. Und so fand ich auch in der Tat, daß von
den 305 verheirateten Patientinnen vor dem ersten Abort nur
sechs keine, und nur elf ein Kind hatten, während von den ledigen
die allermeisten noch keine und nur ganz wenige ein oder zwei
Kinder hatten. Die Zahl der vorausgegangenen Geburten kann
also für die Aetioiogie des Aborts hier nicht ausschlaggebend
sein, sondern dieser auffallende Gegensatz läßt sich nur durch das
verschiedene Interesse erklären, das die Patientinnen an einer vor¬
zeitigen Schwangerschaftsunterbrechung hatten. Im allgemeinen
werden fünf Kinder in den einfacheren Familien den Eltern Opfer
genug auferlegen, daß sie 6ich nach einem weiteren Kindersegen
nicht gerade sehnen, und wo die Mutter sich schließlich entschließt,
die Frucht selbst abzutreiben oder abtreiben zu lassen, um so
mehr, als die Frauen von der eventuellen großen Lebensgefahr,
in die sie die kriminelle Fruchtabtreibung bringen kann, in der
Kegel keine Ahnung haben; dazu kommt das stetige Zunehmen
der berufsmäßigen Abtreiberinnen, die sich in vielen Tageszeitungen
ziemlich unzweideutig zu erkennen geben. Von unsern 305 Pa¬
tientinnen hatten 128 — 41,9% sechs und mehr Kinder. Rechnen
wir zu diesen noch die 370 ledigen Patientinnen, so finden wir,
daß wir bei nicht weniger als 498, also 73,9% aller boi uns
wegen Abort behandelter Patientinnen, mehr oder weniger sicher
einen gewollten Abort annehmen können. Es liegt ja auf der
Rand, daß sich eine wirklich genaue Zahl für die kriminelle Frucht-
abtreibung nicht finden läßt, da die Patientinnen aus naheliegenden
Gründen in dieser Hinsicht nur in den allerseltensten Fällen zu¬
treffende Angaben machen. Mag auch unter den 498 Fällen hier
und da der Abort durch eine Retroflexio, eine Lues, die, nebenbei j
bemerkt, bei Mehrgebärenden wahrscheinlich ist, eine Gonorrhöe¬
behandlung oder irgendeine andere Erkrankung bedingt gewesen
sein, so glaube ich doch, daß es nicht zu hoch gegriffen ist, wenn
ich annehme, daß auch bei unserm Material mindestens 50%
aller Aborte kriminell sind. Und dieses Ergebnis stimmt auch
mit dem der meisten Autoren überein, die sich mit dieser Frage
beschäftigt haben, v. Lingen gibt eine Reihe von Typen von
solchen Fällen an, in welchen der Verdacht eines kriminellen
Aborts vorliegt und aus dem man gleichfalls einen annähernden
Geberblick bekommt. Nach seinen Erfahrungen sind unter dem
Hospitalmaterial zu der jetzigen Zeit einhalb bis ein Drittel aller
Aborte kriminellen Ursprungs.
Die Gründe für das immer weitere Umsichgreifen dieses Ver¬
brechens sind wenigstens zum Teil in der zunehmenden Bequem¬
lichkeit der wohlhabenderen Frauen und der Einführung des Zwei-
bndersystems, den schwierigen sozialen Verhältnissen der ärmeren
Klassen und der Furcht vor der Schande bei den ledigen Schwan¬
geren zu suchen. Dazu kommt als weiteres Moment, daß die
meisten Frauen recht leichtfertig über die Fruchtabtreibung denken
wd vielfach keine Ahnung haben, wie teuer ihnen ein solcher
betritt in gesundheitlicher Hinsicht unter Umständen zu stehen
kommen kann. v. Lingen und H. Smith erwähnen zwei Fälle,
wo sich Patientinnen 20 und 35 mal den Abort von Hebammen
haben machen lassen. Diese Beispiele zeigen anderseits auch deut-
lc h, daß es den Frauen doch verhältnismäßig leicht wird, Per¬
sonen ausfindig zu machen, die ihnen für Entgelt die Leibesfrucht
abtreiben, und in der Tat ist das Heer der berufsmäßigen Ab-
. nnnen ^ großen Städten recht stattlich. So habe ich in
euier Kummer einer Breslauer Tageszeitung rieht weniger als
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21 Annoncen gefunden, in denen von Hebammen und andern „er¬
fahrenen Personen“, wie Drogisten, den Leserinnen Rat und Mittel
bei „Periodenstörung“ angepriesen wurden. Was unter dieser
Periodenstörung zu verstehen ist, liegt ja auf der Hand, und so
haben auch drei unserer Patientinnen zugegeben, ^uf eine solche
Zeitungsannonce hin Frauen aufgesucht zu haben, die ihnen dann
auch tatsächlich etwas in die Gebärmutter einspritzten, in dem
einen Falle Seifenwasser, und ihnen außerdem Bäder und heiße
Umschläge verordneten.
Zwei Patientinnen bekamen bald darauf Schüttelfröste und längeres
Fieber, alle drei abortierten. Einer andern schwangeren Patientin, die
eine ihr bekannte Hebamme aufsuchte, wurde von dieser gleichfalls der
Abort gemacht. Sie giüg in die Gebärmutter ein und spritzte ihr dann
mit einer Mutterspritze etwas in den Uterus. Schon in der folgenden
Nacht bekam Patientin Fiebergefühl, Kopf- und Leibschmerzen. Vier Tage
darauf wurde sie ins Hospital eingeliefert. 27 Tage fieberte sie ununter¬
brochen bei Temperaturen um 38,5° und wurde nach dieser Zeit auf
eignen Wunsch angeheilt ohne za abortieren entlassen.
Häufig geben auch die Frauen als Grund für den Abort ein
Dampfbad an, das sie genommen hätten. Ich glaube, daß das
Dampfbad an und für sich wohl nur in recht seltenen Fällen den
Abort einleiten wird. In vielen Fällen aber wird es die Frau
Bademeisterin sein, die dies durch unterstützende Eingriffe zu¬
stande bringt.
Diese Annahme bestätigt uns wiederum eine Patientin, die am
2. November vergebens das Eintreffen der Periode erwartete. Sie ging
darauf am 4. November ein Dampfbad nehmen und die Bademcisterin,
der sie ihr Leid klagte, machte ihr dann am 7. November, als sin wieder
ein Dampfbad nahm, in die Gebärmutter eine Einspritzung. Da diese
Prozedur ohne den gewünschten Erfolg blieb, wurde sie „doppelt so
stark“ am 10. November wiederholt. Am 11. November traten dann
starke Schmerzen im Leib und Kreuz auf, ebenso Blutungen. Am 16. No¬
vember wurde dann auf Anraten der Frau noch ein Dampfbad genommen,
worauf die Schmerzen Zunahmen. Am 18. November erfolgte dann die
Aufnahme ins Krankenhaus. Auch diese Patientin hat längere Zeit
gefiebert.
In einem andern Fall, auf den ich wegen seines Verlaufs
und der Tragik näher eingehen möchte, war es die eigne Mutter,
die ihrer 16jährigen Tochter die Frucht abtreiben wollte und sie
dabei tödlich verletzte.
Fall I. 1912. Nr. 358.
Elfriede H., Plätterin, 16 Jahre, im zweiten Monat schwanger.
Am 6. November fing Patientin an zu bluten, nachdem sie vorher
„mit großem Packet ausgeglitten und gefallen war“. Am 7. hörte die
Blutung auf. Am Abend dieses Tages machte ihr die Mutter lauwarme
Ausspülungen mit einem geliehenen Irrigator, der auch zu Klistieren be¬
nutzt wurde. Darauf sofort Schmerzen im Leib und heftiges Erbrechen,
bis zur Einlieferung am 8. November über 15 mal.
Status: Mittelgroße, kräftig gebaute Patientin, gut genährt. Ver¬
fallenes Aussehen, ängstliche Gesichtszüge: Zunge stark belegt, Atmung
sehr beschleunigt. Puls sehr schlecht, klein, 140 bis 150. Manchmal
kaum palpabel. Temperatur 37,2, Kollapitemperatur. Extremitäten kalt,
Abdomen stark aufgetrieben; sehr schmerzhaft bei leisester Berührung.
Keine Resistenz, tympant. Schall. Vulva geschlossen. Portia blaurot,
Muttermund offen, mißfarben; aus ihm hängt ein stinkender, übelaus-
sehender Placentarfetzen. Uterus usw. nicht zu tasten.
Diagnose: Abortus incompletus sept. crim. Peritonitis diffusa
putrid a.
Therapie: Laparotomie, seitliche Incisionen. Drainage.
Nach der Operation bessert sich der Puls, um aber bald wieder
schlechter zu werden. Subcutane Injektion von NaCl mit 20 gtt. Adre¬
nalin. Darauf Coffein plus Campher. Nach Erwachen aus der Narkose
große Unruhe. Eine Spritze Morphium. Nach Verschlechterung des
Pulses trotz aller Analeptica tritt unter Herzschwäche am 9. November
Exitus ein.
Sektionsbefund: Nach Eröffnung des Bauches zeigt sich freier,
flüssiger, flockiger Eiter auf und zwischen den Darmschlingen, die gar
keine Neigung zur Verklebung untereinander darbieten. Die aus der
Bauchhöhle herausgeleiteten Gazestücke führen in die Tiefe dos kleinen
Beckens und lassen nach ihrer Entfernung ein schmierig graues Gebilde
im Becken erkennen, das der stark veränderte Uterus ist. Der Fundus
des etwas vergrößerten und weichen morschen Organs ist zundig zer¬
fallen. In seiner ganzen Ausdehnung ist die Wand hier völlig brandig
umgewandelt, und man kann mittels eines in den äußeren Muttermund
eingefflhrten Katheters durch den perforierten Uterus direkt in die
Bauchhöhle gelangen. In der Umgebung dieser Oeffnung sind einzelne
Wandbestandteile noch erhalten, die sich wie eine dünne Membrane, die
aber auch 6chon völlig nekrotisch ist, zwischen Sonde und Bauchhöhle
befindet. Großes Corpus luteum im rechten Eierstocke, die andern Organe
ohne Befund.
Dieser Fall, der keineswegs etwa vereinzelt ist, zeigt so
recht deutlich die große Gefahr der kriminellen Fruchtabtreibung,
auf die ich später noch eingehender zu sprechen kommen werde,
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2.
10. Januar.
und er ist um so tragischer, da hier die Mutter zur Mörderin
ihrer eignen Tochter wurde. Es liegt nach den zum Teil un¬
sicheren Angaben die Vermutung nahe, daß bei dieser Patientin
nicht nur einmal am 7. November, sondern auch schon vorher in
die Gebärmutter eingegangen wurde.
Zwei andere Patientinnen, die gleichfalls Zugaben, mit einer
Mutterspritze Seifeneinspritzuugen gemacht zu haben, kamen am
zweiten und neunten Tag ad exitum. Außer diesen Fällen hatten
noch 15 andere Patientinnen zugegeben, teils mit dem Irrigator,
teils mit einer Mutterspritze in die Gebärmutter zwecks einer
Einspritzung eingegangen zu sein, das eine Mal wurde hierzu
Glycerin verwandt. Diese Patientin, ein Dienstmädchen, wurde
nach dem Eingriffe bewußtlos aufgefunden, neben ihr lag die
Mutterspritze mit blutigem Ansatzrohre. Bei der Aufnahme im
Hospital war sie noch benommen und hat fünf Tage gefiebert.
Wir sehen aus diesen Zahlen, wie häufig dieses Verfahren zur
kriminellen Fruchtabtreibung angewandt wird, das gewiß nicht,
wie wir ja gesehen haben, gerade zu den harmlosesten gehört; und
wie viele Patientinnen mögen uns aus naheliegenden Gründen einen
solchen Eingriff verheimlicht haben! Am häufigsten erhält man
auf Befragen der Patientinnen nach der vermeintlichen Ursache
ihrer Fehlgeburt die Antwort, daß sie gefallen seien, schwer ge¬
hoben, viel getanzt haben und ähnliches mehr (bei uns wurden
solche Angaben 81 mal gemacht), aber man kann sich durch Wider¬
sprüche der Kranken, den lokalen Befund usw., doch oft über¬
zeugen, daß diese Angaben nicht ganz stimmen und daß auch in
diesen Fällen meist ein Crimen vorliegt Nur verhältnismäßig
selten war für den Abort eine Lues, eine Ketroflexio und ein
Myom verantwortlich zu machen, und zwar wurde Lues in 14,
Retroflexio in 20 und Myom in 5 Fällen festgestellt. Zweimal
bestand eine fieberhafte Erkrankung.
Zum Schlüsse möchte ich noch einen in ätiologischer Hinsicht
interessanten Fall erwähnen. Die Patientin wurde am 1. Mai 1909 von
12 bis 15 Aerzten tonchiert; darauf stellte sich geringe Blutung ein, am
5. Juli traten Wehen auf und bald darauf Fieber. Auch die Blutung nahm
zu. Nach der Einlieferung in das Krankenhaus stieg das Fieber bald
über 40° und es wurden vier Schüttelfröste beobachtet Darauf entschloß
man sich znr Operation und fand im linken Parametrium infiltrierte
Thromben. Vier Tage nach dem Eingriff erfolgte Exitus. Es liegt nahe,
den Abort mit der oben erwähnten Untersuchung in Zusammenhang zu
bringen, zum mindesten ist aber dieser äußerst schwere Verlauf dafür
verantwortlich zu machen.
Bondy berichtet von zwei Fällen, die letal endeten und wo
die Möglichkeit einer Außeninfektion in hohem Maße vorlag, da
auch diese Patientinnen von mehreren Studenten vorher, wenn auch
mit sterilen Gummihandschuhen, untersucht worden waren. Auch
Häberle erwähnt aus der Würzburger Universitäts-Frauenklinik
einen ähnlichen Fall, hei dem eine Untersuchung durch elf Herren
vorausging, und der gleichfalls letal endete. Und so lehren diese
Fälle, daß man bei der Untersuchung geburtshilflicher Fälle nicht
vorsichtig genug sein kann, ja, dsä selbst die Beachtung aller
aseptischen Maßnahmen nicht genügt.
Aus der großen Mannigfaltigkeit der Gründe für das Bestehen
und Zunehmen des kriminellen Aborts ergibt sich auch die
Schwierigkeit, erfolgreich dagegen anzukämpfen. Daß hohe Strafen,
einschließlich der Todesstrafe, nicht allein im Stande sind, diesem
Uebel zu steuern, hat, wie wir gesehen haben, die Geschichte des
kriminellen Aborts erwiesen; ein Universalmittel gibt es eben in
diesem Falle nicht. Ich glaube auch nicht, daß von ärztlicher
Seite allein hier viel auszurichten ist; vielmehr müssen sich in
diesem Punkte Aerzte, Juristen und Polizei zur gemeinsamen Arbeit
zusammenfinden. Zunächst müßte einmal den berufsmäßigen
Abtreiberinnen ihr verbrecherisches Handwerk mehr als es bis
jetzt der Fall war gelegt werden. Leicht ist ja dies natürlich
nicht, da ihre Klientinnen sich selbstverständlich in der über¬
wiegenden Mehrzahl der Fälle hüten werden, irgendwelche positiven
Angaben zu machen, da sie sich ja damit selber mit dem Straf¬
gesetzbuch in Konflikt bringen; aber es lassen sich vielleicht doch
Mittel und Wege finden. Es wäre auch schon ein Vorteil, wenn
die vielen Annoncen, die diese berufsmäßigen Abtreiberinnen und
gewisse Drogisten in allen möglichen Formen einsetzen, von den
Tageszeitungen nicht angenommen würden. Es wäre ihnen dann un¬
möglich, sich selber und ihre Mittel auf einfache und verhältnismäßig
billige Art und Weise einem größeren Kreise von Interessenten
anzupreisen, und solange dies noch nicht durchführbar ist, müßte
häufigere Anklage wegen Vergehens gegen § 49a des StGB, er¬
folgen. Daß dies nicht ganz zwecklos ist, beweist folgender Fall:
Ein Drogist in Berlin annoncierte in verschiedenen Zeitungen
„Kokostropfen** als sofort wirkendes letztes Mittel bei „Perioden¬
störungen“. Jeder Flasche ä 10 M war eine Ausweiskarte bei¬
gegeben, auf Grund deren bei nichteintretendem Erfolg eine zweite
Flasche bezogen werden konnte. Es wurde nun Anklage gegen
ihn wegen Vergehens gegen den oben angeführten Paragraphen
erhoben, da er durch diese Ankündigungen zur Begehung des Ver¬
brechens der Abtreibung aufgefordert habe. Trotzdem der Ange¬
klagte behauptete, die Tropfen hätten keine Abortivmittel ent¬
halten, wurde ihm doch nachgewiesen, daß er in der fraglichen
Zeit zweimal je 50 g Mutterkorn bezogen hatte. Das Gericht
nahm an, daß zwischen den Ankündigungen und dem Bezüge des
Mutterkorns zweifellos ein Zusammenhang bestehe, daß der An¬
geklagte sich in seinen Annoncen an schwangere Frauen wenden
und den Glauben erwecken wollte, daß er Abortivmittel ver¬
schaffen könne. Der Angeklagte habe die Absicht gehabt, Ab¬
treibungsmittel zu vertreiben. Er wurde deshalb zu drei Mo¬
naten Gefängnis verurteilt. Das Reichsgericht verwarf die ein¬
gelegte Revision als unbegründet. Eine häufigere schwere Be¬
strafung würde gewiß abschreckend wirken.
Hinweisen möchte ich auch noch auf die große Gefährlich¬
keit der Mutterspritzen mit den ganz dünnen, spitz zulaufenden
und gebogenen Ansatzrohren, wie sie auch ein Teil unserer Pa¬
tientinnen verwendet hat, und die ja zu gar nichts anderm als
zu intrauterinen Einspritzungen gebraucht werden können. Ein
Verbot des öffentlichen Verkaufs dieser Spritzen wäre ganz am
Platze. Der Arzt aber kann meines Erachtens nur dadurch in
dieser Frage günstig mitwirken, daß er durch umfangreiche Auf¬
klärung des Publikums dieses auf die außerordentlichen Gefahren
des kriminellen Aborts in gesundheitlicher Hinsicht immer und
immer wieder aufmerksam macht und daß er das Vertrauen der
Frauen auch in diesem Punkte voll und ganz besitzt, damit er
sie rechtzeitig in Behandlung bekommt; denn das ist ausschlag¬
gebend für eine erfolgreich durchzufübrende Therapie. Darum ist
es auch ganz verfehlt, wenn von verschiedener Seite, so auch von
Winckel, vorgeschlagen wird, den Arzt zu verpflichten, jeden Fall
von Abort den Behörden zu melden. Damit wäre das Vertrauen
zum Arzt mit einem Schlage vernichtet und die sichere Folge
wäre, daß die Zahl der Todesfälle nach Abort durch die ver¬
schleppten Fälle rapid ansteigen würde, v. Lin gen bemerkt zu
dieser Frage treffend: „Wollte der Arzt in dem idealen Streben,
gegen das Unrecht anzukämpfen, Fall für Fall zur öffentlichen
Anzeige bringen, so müßte er auf eine Zeitlang das Feld seiner
Tätigkeit statt in das Krankenhaus in den Gerichtssaal verlegen,
er müßte täglich als Zeuge fungieren und liefe noch Gefahr, aus
der Rolle des Anklägers in die des Angeklagten zu fallen.“ Es
steht jedenfalls fest, daß auf diesem Gebiete noch viele Erfahrungen
gesammelt und viele Arbeit geleistet werden muß, ehe ein posi¬
tiver Erfolg zu verzeichnen sein wird. (Schluß folgt)
lieber längeren Gebrauch von Adalin
von
San.-Rat Dr. H. Freund, Berlin.
Im Begriffe, einen Bericht über einen Patienten zu erstatten, der
seit 1V* Jahren Adalin täglich nimmt, lese ich in Nr. 47 den Aufs&t*
von Dierling über „AdalinVergiftung“. Ich möchte ihn allerdings lieber
überschreiben „Ueber die Unschädlichkeit des Adalins selbst in großen
Dosen“. Denn welches von uns täglich angewandte Mittel würde in der
Dosis von 13 g so geringe Nebenwirkungen hervorrufen? Man denke an
die käuflichen Salicylpräparate, an die in vielen Abführmitteln vor¬
handenen Drastica, an Phenolphtalein im „Purgen“, an die Burrongh-
Welcome „Tabloids“ mit ihren verschiedenen „Kompositionen“ und
andere.
Der Dierling sehe Fall ist in der Tat ein Beweis für die Un¬
schädlichkeit des Adalins. Ein Mittel, das schon in der Dosis von 0,5
deutliche beruhigende Wirkung ausübt, wird in der 26 fachen Dosis noch
vertragen! Denn die drei Stunden nach dem Einnehmen einsetzenden
therapeutischen Bemühungen hatten jedenfalls dem Mittel Zeit gelassen,
seine volle Wirkung zu entfalten. Außerdem ist die Patientin eine
Hysterica, durch Krankheiten und Morphiamabusus geschwächt.
Der Fall, über den ich berichten will, betrifft einen Herrn von
62 Jahren. Patient, der an deutlichen Arterienveränderungen leidet, die
im März 1913 zu einem leichten apoplektischen Insult geführt hatten,
lernte Adalin kennen, als er einen schweren Familienkummer dnreh-
zumachen hatte. Die tragischen Nebennmstände, die bei dem sehr in¬
telligenten und erregbaren Herrn außerordentliche Aufregungen hervor¬
riefen, führten zu einer vollständigen Umkehr in seiner Lebensanschau-
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aog. Immer und immer wieder wurden an der Hand des sehr traurigen
ud erschütternden Falles von dem darüber grübelnden Patienten soziale
Dod kulturelle Einrichtungen mitverantwortlich gemacht und eine endlose
Sette neuer Vorstellungen daran geknüpft. Patient, der ein sehr arbeits¬
reiches Leben unter starkem Qemütsdrucke hinter sich hat, war nie ein
guter Schläfer. Auf meinen Kat nahm er in der bewegten Zeit Adalin
nent in Dosen von 1 g, abwechselnd mit halben Gramm-Dosen.
Ich hatte den Patienten viele Wochen nicht gesehen. Gelegent¬
lich einer Begegnung erfuhr ich von ihm, daß er immer noch Adalin
täglich nehme. Dabei hatte er die Beobachtung gemacht, daß Beine sehr
intensive Berufsarbeit — er ist Leiter eines großen industriellen Werkes
— ihm leichter fiel, wenn er am Abend vorher Adalin genommen hatte,
iwar nicht mehr in den großen Dosen, da meist schon 0,25 genügte.
Wiederholte Versuche, es fortzulassen, hatte er mit einer scM»flosen
Nacht und am folgenden Tage mit Unlust bei der Arbeit zu büßen. So
geht es seit Oktober 1913. Der August und September 1914 sollte zu
einer klimatischen Radikalkur benutzt werden und dabei auch die Ab¬
gewöhnung vom Adalin stattfinden. Da der Krieg das unmöglich machte,
nimmt Patient in kleinen Dosen von 0,2.5 bis 0,5 das Mittel water. Auch
die Ehefrau des Patienten, die sich im Beginne des Klimakteriums be¬
findet, hat vor einigen Monaten angefangen, kleine Dosen des Mittels in
Höhe von 0,25 zu nehmen.
Bei beiden Personen ist keinerlei Nebenwirkung za konstatieren.
Sie befinden sich wohl nnd sind voll tätig. Sie haben auch keine
Störungen, die bei dem lange fortgesetzten Gebrauche von Bromsalzen
aufzutreten pflegen.
Forschungsergebnisse ans Medizin und Naturwissenschaft.
kt Colostrum das unreife Sekret einer insuffi¬
zienten Mamma'
von
Georg Benestad,
Frauenarzt in Kristiania (Norwegen).
Es finden sich in der älteren Literatur einzelne Verfasser,
die Versuche gemacht haben, physiologische Prozesse bei den
Neugeborenen mit ähnlichen bei den Gebärenden zu parallelisieren.
So bat L. Faye 1 ) das Sekret der Brustdrüsen Neugeborener mit
dem Colostrum der Frau verglichen und gemeint, daß die Hexen-
milch&bsonderung als eine physiologische Erscheinung aufzufassen
sei. Im übrigen schließt er sich der schon von Bouchut 2 ) ver¬
tretenen Ansicht an, daß die Milchabsonderung bei Mutter sowohl
vie Kind das Ergebnis einer gemeinsamen Diatesis puerperalis
i, ciseosa sei. In der jüngeren Literatur ist dieser Gedanke
in erneuter Gestalt von Knöpfelmacher 3 ) vorgebracht worden.
Von einer ähnlichen Vergleichsanstellung zwischen dem Neu¬
geborenen und der Gebärenden ausgehend, werde ich im weiteren
versuchen, klarzulegen, warum die Brustdrüsen der Frau ihre
Sekretion stets mit dem Bilden von Colostrum beginnen und
schließen.
ln früheren Arbeiten 4 ) habe ich naebgewiesen, daß man die
für das Neugeborene charakteristischen Erscheinungen, nämlich den
physiologischen Gewichtsverlust, Icterus neonatorum und Albu-
minuria neonatorum, unter demselben Gesichtswinkel betrachten
und sie als das Ergebnis einer Insuffizienz erklären muß, die bei
den Organen als Folge der fehlenden Uebung vorhanden ist, die
nenen, ihnen nach Aufhören des intrauterinen Lebens auferlegten
Funktionen anszufflhren. Derselbe Mangel an Uebung ist auch
vorhanden, wenn die Brustdrüsen der Frau nach der Geburt ihre
Milchseferetion beginnen, und es würde daher in Analogie mit den
Verhältnissen bei Neugeborenen berechtigt sein, anzunehmen, daß
rieh eine ähnliche Insuffizienz bei der Bildung der ersten Milch
geltend mache.
Die meisten Verfasser, die sich mit der ColostrumforschuDg be-
achtftigt haben, haben ihre besondere Aufmerksamkeit den morphologi¬
schen Bestandteilen der MiJch gewidmet. Auf diesem Gebiete bat sich
Czerny 4 ) großes Verdienst erworben durch den Erweis, daß die Colo-
rtnuakörper Leukocyten sind, die in die Drüsenräume einwandern und
vermittels Phagocytose die Fettkugeln der Milch in sich aufnehmen. Da¬
gegen ist seine noch jetzt allgemein anerkannte Hypothese, daß die Ein¬
wanderung der Leukocyten und die Colostrumbildung eine Folge der
mechanischen Wirkung von Milchstauungen sei, kaum ganz unan¬
fechtbar.
, Schon Cohn 8 ) hat darauf aufmerksam gemacht, daß man bei milch¬
reichen Frauen während der Lactation langwierige Milchstauungen im
binne Czernys mit erheblicher Ausspannung der Drüse beobachten
ktas, ohne daß die Milch Colostrumkörper enthält. Es erscheint anch
^ y> i gesuc ht, von einer mechanisch wirkenden MilchBtanung während
*) L. Faye, Untersuchungen über die Ernährungsverhältnisse Neu¬
geborener. (Kristiania 1874.) — Derselbe, Die Milchabsonderung Neu-
tftoraner. (Nordiskt med. Arch. 1876, Bd. 8.)
*) Bouchut, Traitd pratique des maladies des nouveua-nds et de
•econde enfiance, (Paris 1867, zit. nach Faye.)
v.jlJ * n0 P f 8lmacher. (Pfaundler und Schlossmanns Handb. der
Mblk. 1910.)
•u i ^ ® ene 8 had, Wo liegt die Ursache zur physiologischen Gewichts-
wjMme Neugeborener? (Jb. f. Kindhlk. 1914, Bd. 80.) — Derselbe,
«e Emährnng8verhältnisse Neugeborener. (Mschr. f.Geburtsh. 1914.)
2 S*? PÖ ^ Ueber <)&* Colostrum. (Prag. m. Wschr. 1890, S. 897.)
v Cohn, Zur Morphologie der Mücb. (Virch. Arch. 1900, Bd. 162.)
der Schwangerschaft und in den ersten Tagen nach der Gebart zu reden,
wenn man selbst mit der besten Milchpampe nicht mehr als einige
wenige Gramm Milch gewinnen kann. Das am zweiten bis vierten Tag
eintretende Anschwellen der Brustdrüse wird auch nicht ausschließlich
durch die reichlichere Sekretion bedingt, sondern ist wobl im wesent¬
lichen eine Folge von Bl itzuflnß und Exsndation im interstitiellen Ge¬
webe. Das mechanische Moment kann daher für das Auitreten der Coio-
8tromkörper nicht entscheidend sein. Selbst wenn man nach der Geburt
vermittels einer Milchpumpe die Brüste sehr häufig entleert, so ist doch
die coloatrale Sekretionsphase nicht zu vermeiden.
Cohn macht deshalb geltend, daß es die chemotaktischo Wirkung
des stagnierenden Sekrets sei, wodurch die E.iwaaderang der Leukoryten
in die Drüsenräume bedingt werde. Er meint, das stagnierende Sekret
unterläge einer Veränderung, welche die Bildung chemotaktisch wiikender
Stoffe zur Folge hätte. Wie ich im weiteren zeigen werde, kommt es
mir wahrscheinlicher vor, anzunehmon, daß diese Stoffe von den Epithel-
zellen selbst während ihrer insuffizienten Funktion gebildet werden.
Die colostrale Milch wird oft als unreif bezeichnet — ein
Ausdruck, der den Gedanken auf ein gewisses Reif werden der
Milch hinlenkt. Dies besteht jedoch nicht darin, daß sich die
Milch, nachdem sie von den Epithelzellen in den BrustdriDen-
räumen secerniert wurde, verändert. Dies Reifwerden betrifft
die sekretorische Funktion selbst. Die Fähigkeit der
Epithelzellen, fertige Milch zu erzeugen ist es, die sich
im Lauf einiger Tage nach der Geburt solcherweise ent¬
wickelt, daß das Sekret derselben schließlich die
quantitative und qualitative Zusammensetzung wie sie
die reife Milch kennzeichnet, erhält.
Man könnte sich versucht fühlen, zu fragen, ob die
Colostrumbildung unter diesen Umständen als ein physiologisches
Phänomen zu betrachten sei. Die Frage ist um so mehr be¬
rechtigt, als man sagen muß, daß auch die entsprechenden Pro¬
zesse bei den Neugeborenen, z. B. der Gewichtsverlust, auf der
Grenze des Physiologischen stehen. Macht sich nämlich ein Ge¬
wichtsverlust von ähnlicher Höhe (etwa 200 g) später im Säug¬
lingsalter bemerkbar, erblicken wir hierin eine pathologische Er¬
scheinung. Ebenso wird es von allen als pathologisch bezeichnet,
wenn die Milch trotz des Entleerens der Brüste während der Lac¬
tation, z. B. bei Mastitis, colostralen Charakter annimmt (Sassen¬
hagen 1 ), Bauer und Engel 2 ). Das richtigste ist wohl, zu sagen,
daß beide Zustände, die Colostrumbildung bei den Müttern sowohl
wie der Gewichtsverlust bei den Neugeborenen, als physiologisch
zu betrachten sind, da sie bei jeder Mutter beziehungsweise jedem
Kind als eine Folge der fehlenden Uebung eintreten, welche die
Organe die Ausführung der neuen, ihnen nach der Geburt ob¬
liegenden Funktionen nicht sofort bewältigen läßt. Wiederholen
sie sich aber später, wenn die Funktionen der Organe eingeübt
und geregelt sind, dann sind sie das Zeichen für eine Störung der
physiologischen Prozesse und deshalb als pathologisch zu be¬
trachten.
Die Insuffizienz der Zellen bei beginnender Lactation macht
sich sicherlich in bezug auf alle die mannigfaltigen Prozesse geltend,
die zusammen die sekretorische Funktion darstellen. Was sich
jedoch am besten nachweisen läßt, ist ihre versagende Fähigkeit,
dem Sekret die quantitative Zusammensetzung, wie Bie die reife
Milch kennzeichnet, zu verleihen. Das Colostrum zeigt nämlich
die einzelnen Gruppen der Nahrungsstoffe — Wasser, Eiweißstoffe,
f ) Sassenhagon, Ueber die biologischen Eigenschaften der
Coloitral- and Mastitismilch. (Diss. Stuttgart 1910.)
*) Bauer nnd Engel, Ueber die chemische und biologische Dif¬
ferenzierung der drei Eiweißkörper in der Kuh- und Frauenmilch. (Biocheni.
Zschr. 1911, Bd. 31.)
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Fettarten, Zucker, Salze — in einem ganz andern gegenseitigen
Massenverhälfcnis als die fertige Milch, und sogar innerhalb jeder
einzelnen Gruppe, z. B. derjenigen der Eiweißstoffe, ist die relative
Menge jedes einzelnen Stoffes — Casein, Albumin, Globulin — ganz
verschieden von den während der vollentwickelten Sekretion be¬
stehenden Verhältnissen.
Recht interessant ist, daß durch die Untersuchungen
Engels 1 ) und Eichelbergs 2 ) über die Eigenschaften des Fettes
im Colostrum und der reifen Milch Beweise dafür geliefert zu sein
scheinen, daß bei Beginn der Lactation seitens der Zellen auch
die Bearbeitung des vom Blute her aufgenommenen Materials eine
mangelhafte ist. Sie haben z. B. erwiesen, daß das Fett im
Frauencolostrum eine so hohe Jodziffer hat, daß sie derjenigen
des Körperfetts entspricht, während die Jodziffer des Milchfetts
erheblich niedriger ist. Die Zellen erlangen also erst nach einiger
Uebungszeit die Fähigkeit, dem 6ecernierten Fette die das Milch¬
fett kennzeichnenden Eigenschaften mitzuteilen. Aehnliches ist
bezüglich der Eiweißstoffe noch nicht erwiesen worden. Man kann
nämlich selbst durch biologische Reaktionen nicht Lactalbumin
und Lactoglobulin von den entsprechenden Blutserumstoffen
scheiden [Bauer 8 ), Bauereisen 4 ), Engel 5 ), Kleinschmidt 6 ),
Graetz 7 ), Heuner 8 )]. Doch sei erwähnt, daß z. B. in der Kuh¬
milch der Eiweißstoff, den wir als ein speciflsches Erzeugnis der
Drösenzellen betrachten, nämlich das Casein, im Colostrum nur
etwa 30°/o der Proteinmenge ausmacht, in reifer Milch aber
90 %. Die Fähigkeit der Epithelzellen, Casein herzustellen,
scheint bei der Kuh während der ganzen Lactation zuzunehmen.
Auf Grundlage der hier vorgeführten Anschauungsweise ist
es auch nicht schwierig, zu erklären, warum die Milch auch beim
Aufhören der Lactation normalerweise colostralen Charakter an¬
nimmt. Man muß nämlich bedenken, daß die Mamma unter den
Drüsen mit äußerer Sekretion eine Sonderstellung deshalb ein¬
nimmt, weil ihre milchbildende Funktion einen intermittierenden
Verlauf hat. Ende der Schwangerschaft findet man meist ein
spärliches colostrales Sekret in den Brüsten, das nach der Geburt
an Menge zunimmt, um von der reifen Milch abgelöst zu werden.
Wenn die Sekretion aufhört, wiederholt sich dasselbe, nur in um¬
gekehrter Weise, so daß vor dem Stillstände stets eine colosirale
Periode zu durchlaufen ist. Die Brustdrüse kann ihre milch¬
bildende Funktion nicht mit der sofortigen Abgebung
reifer Milch beginnen und ebenso kann sie auch nicht
plötzlich damit schließen. Dasselbe Stadium, das die
Drüsenzellen zur Erlangung ihrer vollkommenen Funk¬
tion durchmachen müssen, haben sie auch zu durch¬
laufen, bevor sie ihre Milchproduktion einstellen, einerlei
ob dies sua sponta geschieht oder als eine Folge dessen, daß die
Forderungen an die Leistungsfähigkeit des Organs unter ein ge¬
wisses Minimum sinken.
Bekannt ist, daß die Brustdrüsen in bestimmten Perioden
des menschlichen Lebens, von der Schwangerschaft unabhängig,
etwas anschwellen und eine spärliche Flüssigkeit secernieren
können; dies ist z. B. bei Neugeborenen der Fall, bei Knaben im
Fubertätsalter und bei Frauen beim Eintreten des Klimakteriums.
Aber in allen diesen Fällen kommt es nur zu einem Bilden von
Colostrum oder einer colostrumähnlichen Flüssigkeit, selbst wenn
das Sekret regelmäßig entleert wird [Bab 9 )] — ein Beweis dafür,
daß nicht die Milchstauung die colostrale Sekretion
i) Engel, Zur Methodik der Fettbestimmung in der Frauenmilch.
(Arch. f. Kindhlkd. 1906, Bd. 43.) — Derselbe, Die Biochemie des
Colostrums. (Erg. d. Physiol. 1911, Bd. 11.) — Derselbe nnd Bode,
Zur Kenntnis des Costralfettes. (Zschr. f. physiol. Chem. 1911, Bd. 74)
*) Eichelberg, Ueber das Costralfett des Menschen. (Arch. f.
Kindhlkd. 1906, Bd. 43.)
8 ) Bauer, Zur Biologie des Colostrums. (D. m. W. 1909, S. 1657.) —
Derselbe, Die Biochemie des Colostrums. (Erg. d. Physiol. 1911, Bd. 11.)
4 ) Bauereisen, Die Beziehungen zwischen dem Eiweiß der Frauen¬
milch und dem Serumeiweiß von Mutter und Kind. (Berlin 1910.) —
Derselbe, Zur Frage der biologischen Differenzierung der Milcheiwei߬
körper. (Zschr. f. Immun.Forsch. 1911, Bd. 10.)
6 ) Engel und Bauer, L. c.
8 ) Kleinschmidt, Die biologische Differenzierung der Milch-
tiweißkörper. (Mschr. f. Kindhlk. 1911, Bd. 10.)
7 ) Graetz, Experimentelle Studien über die Beziehungen zwischen
Milch, Colostrum und Blutserum des Kindes. (Zschr. f. Immun. Forsch.
1911, ®.^^ nner ^ Untersuchungen zur Biologie der Milch mittels der
anaphylaktischen Methode. (Arch. f. Kindhlk. 1911, Bd. 56.)
9 ) Bab, Die Colostrumbildung als physiologisches Analogon in
EntzttnduDgsrorgängen. (Berlin 1904.)
bedingt, sondern der insuffiziente Funktionszustand, in
dem sich die Drüsenzellen befinden. Ich will übrigens die
Frage, warum der sekretorische Prozeß der Brustdrüse niemals
ohne vor&usgehende Schwangerschaft reift, nicht näher berühren,
sondern nur erwähnen, daß Hildebrandt 1 ) durch regelmäßiges
Entleeren der Brüste bei einer II-Gebärenden in den letzten
Wochen vor der Geburt nichts anderes erreichte als eine Ver¬
mehrung des wäßrigen ooloströsen Sekrets Erst am dritten Tage
nach der Geburt zeigte sich die charakteristische weiße Milch.
Das Auftreten von Milch in den Brüsten während der Gravidität soll
Halban 8 ) zufolge ein altbekanntes Anzeichen dafür sein, daß die Frucht ab¬
gestorben ist. Doch haben besonders Gessner 3 ) und Mandl 4 ) darauf auf¬
merksam gemacht, daß sich die Sekretion nach Absterben der Frucht im
Lauf einiger Tage derartig verändert, daß das Sekret schließlich, und
zwar trotz der Stauung, das Aussehen und die Eigenschaften der
reifen Milch annimmt. Im übrigen hat Buchholz 3 ) schon 1877 gefunden,
daß die Colostrumkörper in der Milch von Müttern, die nicht stillten,
von der Geburt an bis zum fünften Tag abnahmen. Dasselbe ist von
Hohlfeld 6 ) bei Meerschweinchen erwiesen.
Dieser Umstand, daß die sekretorische Funktion der Drüsen-
zellen bei Unterbrechung der Schwangerschaft stets einem ge¬
wissen Reifungsprozeß unterliegt, selbst dann, wenn die Milch nicht
entfernt wird, zeigt besser als alles andere die Unhaltbarkeit der
Czerny sehen Hypothese. Die wichtige Rolle, die das Säugen oder
die Entleerung der Brüste [Helbich] 7 ) für die weitere Sekretion
spielt, liegt auch nicht darin, daß die mechanische Wirkung der
Milchsfcauung aufgehoben wird, sondern darin, daß die Epithelzellen
während eines colostralen Stadiums ihre Funktion wieder ein-
stellen, falls die an ihre Leistungsfähigkeit gestellten Forderungen
nicht hoch genug sind.
In seiner meisterhaften Arbeit über „Die innere Sekretion von
Ovarium und Placen^“ gelangte Halb an 8 ) zu dem Ergebnisse, daß das
Eintreten der Milchsekretion nach der Geburt der puerperalen Involution
der Genitalorgane zur Seite gestellt werden müsse. Gegen diese Auf¬
fassung hat sich schon Mandl 8 ) ausgesprochen, und wie es mir scheinen
will, mit Recht. Es besteht zwischen der Uteriinvolution und dem Ein¬
treten der Milchsokretion der große Unterschied, daß die Genit&lapparate
ihre Arbeit getan haben and nach beendigter Gebart zum Ruhestände
zurückkehren, während die Brustdrüsen dann erst znm Ausüben ihrer
höchsten Funktion schreiten. Die beiden Prozesse können daher kaum
derselben Natnr sein, obwohl ihnen gemeinsam ist. daß sie erst beginnen,
wenn die Placenta ihre Tätigkeit einstellt. — Die Theorie Engels 8 ) Über
die Phy?ioiogie der Milchsekretion baut sich auf der Grundlage von
Hai bans Hypothese auf und wird daher mit dieser stehen nnd fallen.
Bab 9 ) hat erwiesen, daß sich die Leukocytenwftbrend der Colo¬
strumbildung in ähnlicher Weise wie bei einer Entzündung verhalten.
E r st wandern die polynucle&ren, danach die mononucleären ein. Er moint
daher, die Colostrumbildung sei ein physiologisches Analogon zu Ent¬
zünd ungsVorgängen, ohne sich jedoch erklären zu können, wie dies der
Fall sein könne. Er glaubt nämlich durch seine Untersuchungen die von
Wolff 10 ) aufgestollte Hypothese widerlegt zu haben, wonach die Leuko-
cyten erst dann auf der Arena erscheinen, wenn durch im Serum befind¬
liche Körper eine Auflösung von Körperzellen oder Bakterien erfolgt ist
nnd die aufgelösten Substanzen auf die Leukocyten eine Irritation aus¬
üben. Mir erscheint es, als habe Bab durch den Nachweis von dem Ver¬
halten der Leukocyten während der Colostrumbildung eher die Hypo¬
these Wolffs wahrscheinlich gemacht.
Es muß als sicher angesehen werden, daß die weißen
Blutkörper in die Drüsenlumina nicht auf Grund der Stauung und
der daraus erfolgenden Ausspannung einwandern, sondern daß sie
von gewissen chemotaktisch wirkenden Stoffen angezogen werden.
Die Schwierigkeit liegt in der Erklärung — von woher rühren diese
Stoffe?
Cohn ist der Ansicht, daß sie durch eine Veränderung des
stagnierenden Sekrets gebildet werden. Gegen diese Hypothese läßt sich
derselbe Einwand erheben, wie ihn Cohn selbst gegenüber der Theorie
f ) Hildebrandt, Zit. nach Halban. ,
*) Halban, Die innere Sekretion von Ovarium nnd Placenta unfl
ihre Bedeutung für die Fnnktion der Milchdrüse. (Arch. f. Gynäk. 1995,
Bd. 76.)
3 ) Gessner, Zschr. f. Geburtsh., Bd. 85. . .
*) Mandl, Die klinische Bedeutung der Milchsekretion bei Da¬
stehender Schwangerschaft. (W. kl. W. 1905, S. 73.)
*) Buchholz, Das Verhalten der Colostrumkörper bei unterlassener
Säugung. (Diss. Göttingen 1877.)
6 ) Ho hl fei d, Ueber die Bedeutung des Colostrums.
(Arch. I
Kindhlkd 1907, Bd. 46.) , , _. „ llr
*) Helbich, Zur Physiologie der Milchsekretion. (Mschr. f. Kindnia.
1911, Bd. 10.)
8 ) L. c.
NJ^olff, Beiträge zur Kenntnis der morphologischen Vorgänge
bei der Infektion und Immunität. (B. kl. W. 1908.)
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Ciernys Aber die Bedeatnng der Stauung angewandt hat. Wenn sich
dieie chemotaktisch wirkenden Stoffe auf Grund von Stauung in der
lldch bildeten, io müßten sie auch bei Frauen zu finden sein, deren
Milchsekretion so reichlich ist, daß sie wÄhrend der Lactation an lang¬
wierigen Milchstauungen unter Ausspannung der Drüsen leiden. Aber
bei diesen befallt die Milch ihre normale Zusammensetzung und es kommt
Bicbt za einem Einwandern von Leukocyten.
In gleicher Weise, wie das Colostrum seine von der gewöhn¬
lichen Milch abweichenden Eigenschaften nicht erwirbt, nachdem
es von den Drösenzellen secerniert worden ist, ebenso muß man
wohl voraussetzen, daß diese chemotaktisch wirkenden Stoffe eben¬
falls nicht außerhalb der Epithelzellen gebildet werden, sondern
ein Produkt sind, das die Zellen nur so lange secernieren, als sie
nicht die Fähigkeit, reife Milch zu liefern, erlangt haben. Die
Aehnlichkeit zwischen einer Entzündung und der Colostrumbildung
besteht demnach darin, daß in beiden Fällen Stoffe gebildet
werden, die positiv chemotaktisch auf die Leukocyten wirken. Im
ersteren Falle werden sie Wolff zufolge durch die Auflösung von
Zellen oder Bakterien gebildet, im andern Falle durch die
Epithelzelten der Brustdrüse während ihrer insuffizienten Funktion.
Damit jedoch diese Stoffe ihre chemotaktische Wirkung auf
die Leukocyten ansüben können, ist es notwendig, daß sie von den
interstitiellen Lymphgefäßen aufgenommen werden. Während der
Insuffizienz, die sich hei der colostralen Sekretion geltend macht,
vermögen die Zellen wohl nicht alle Milchbestandteile den rich¬
tigen Weg, nämlich in die Drüsenräume, zu entsenden; etwas geht
auch in die umgebende Lymphe über und wird in die Blutbahnen
aufgenommen. Wir wissen wenigstens, daß Lactosurie während
der Colostrumbildung eine sehr allgemeine Erscheinung ist und in
sehr analoger Weise verhält es sich mit Ikterus bei den Neuge¬
borenen [YlppÖ 1 ), Hirsch 2 )]. Die Insuffizienz der Zellen
während der Colostrumbildung offenbart sich nicht nur
in ihrer versagenden Fähigkeit, reife Milch abzugeben,
sondern auch in dem Umstand, daß sie Stoffe, die
eigentlich dem äußeren Sekret angehören sollten, nach
innen in Blut und Lymphe entsenden.
Zusammenfassung: Die Aufgabe der Brustdrüse besteht
darin, reife Milch abzugeben. Die Fähigkeit, dieser Funktion otw
zuliegen, erreicht sie nur nach vorausgehender Schwangerschaft
und erst nach Verlauf einer Uebungszeit, während welcher sie ein
weniger specifisches Produkt, nämlich Colostrum, secerniert. Nach
Aufhören der Lactation sua sponte oder infolge Entwöhnung des
Kindes machen die Drüsenzellen wiederum ein Stadium durch, in
dem die Bearbeitung der Milchbestandteile weniger vollkommen ist.
Die Einwanderung der Leukocyten in das colostrale Sekret
geschieht nicht nur auf Grund der Stauung, sondern weil sie von
gewissen chemotaktisch wirkenden und während der colostralen
Periode von den Epithelzellen secernierten Stoffen angezogen
werden.
Aerztliche Gutachten aus dem Gebiete des Versicherungswesens (Staatliche und Privat-Yersicherung).
Redigiert von Dr, Hermann. Engel. Berlin W 30.
Au der ILmediz. Klinik der Kölner Akademie (Direktor: Prof. Moritz).
Schwere Rückenmarkläsion nach leichtem Trauma
von
Dr. Eduard Schott, Sekundärarzt an der Klinik.
Der 47 Jahre alte Anstreichenneister Josef E. wurde am 26. Ok¬
tober 1913 io die Klinik aufgenommen. Der sehr intelligente Mann gab
oni io, daß er bisher nie bettlägerig krank gewesen sei; im besonderen
habe er in den letzten Monaten keinen Unfall, keine Erkältung, Halsent-
iflnduag oder ähnliches gehabt. Im Berufe hat er mit Bleifarben nicht
direkt zu tun gehabt, hat regelmäßig nur seine Arbeiter beaufsichtigt,
leine Kundschaft besucht und ist stets, so auch am Vormittag des
20. Oktober, größere Strecken zu Fuß gegangen; er fühlte sich dabei an
dem betreffenden Tage so wohl wie immer. Schwerere Lasten zu tragen
war er nicht gewohnt.
Am Nachmittage des 20. Oktober beschäftigte er sich in seiner
Hiuifaaltung. Er trug unter anderm einen Sack Kartoffeln von einem
Ende des Kellers zum andern; er nahm den Sack nicht auf die Schul¬
tere, sondern umfaßte ihn etwa in der Mitte mit beiden Oberarmen und
trag ihn, ohne ihn auf dem Boden zu schleifen, in einer nach vorn über-
jebeagten Stellung. Der Sack mit Kartoffeln war etwa 1 Zentner schwer,
die Entfernung von einem Ende des Kellers zum andern beträgt 4 bis 5 m.
Unmittelbar hinterher spürte er nichts Abnormes. Etwa um ViÄ Uhr
**gt* er seiner Frau: «Ich habe es im Rücken“; er batte geringes Stechen
un Rücken, oberhalb des Gesäßes, nach den Seiten zu. Er setzte sich
Mi einen Stuhl und blieb wegen der Beschwerden im Kreuz ruhig sitzen,
bm /|5 Uhr. drei Stunden nach dor Anstrengung, wollte er einem seiner
Kinder die Tür auf dem Flur öffnen. Er ging zu der Türe hin, ohne
Jtwu besonderes zn verspüren, öffnete die Tür and ging etwa zwei
ochntte mrück. Da bekam er plötzlich das Gefühl, daß die Beine steif
jwlen; er konnte sich nur mit Mühe noch bis zum Stuhle, der etwa
am entfernt war, hinscbleifen, stützte sich dabei auf die Türklinke und
m einen Schrank. Er hatte wieder Stechen im Rücken, keine heftigeren
ochmerten. Von dem Moment an, in dem er wieder auf dem Stuhle saß,
öunte er nicht die geringste Bewegung mit den Beinen mehr ausführen.
trag ihn ins Bett und holte den Arzt; dieser erhob einen Befund,
. oc r n l i a ^ 6m * e8ent lichen schon dem Zustand entsprach, in dem er
J® «>. Oktober den Mann der Klinik überwies. In den ersten Tagen
onnte Patient noch spontan Urin lassen, seit dem 24. Oktober ist es
wn nicht mehr möglich, er muß täglich zweimal katheterisiert werden;
öuuugMg kann er nur schwer zurückhalten.
•p Jage <3er Ei&iieferung hat der Mann, abgesehen von der Läh-
wg der Beine und dem Druck in der Blasengegend, der eintritt, wenn
«ngere Zeit nicht katheterisiert worden ist, keine Beschwerden, meint:
" eüB Aie Beine nicht gelähmt wären, wäre ich so gesund wie immer.“
. p ^ er Aufnahme: Kräftig gebauter Mann in sehr
Keine Narben, keine Drüsenschwellungen,
in AnT ^ ^ er 5u ^ eren Haut. Ganz leichter beginnender Decubitus
Haut über dem Steißbein, leichtes Oedem über dem Fußrücken.
g |tw ^ e8 P ,rÄ ^ 01i, hrektus : Leichtes Emphysem ohne erheblicheren
Circulation: Herzmaße . Reine, leise Töne, regelmäßige
Aktion. Unwesentliche periphere Arteriosklerose. Riva-Rocci 130/85.
Digestionstrakt ohne Besonderheit.
Nervensystem: Im Bereich der Hirnnerven, der oberen Extremi¬
täten, der Brust, des Bauches und deß Rückens keinerlei Störung.
Beide Beine liegen in vollkommen passiver Lage. Mit der linken
großen Zehe kann der Mann Dorsal- nnd Plantarflexionen von ganz ge¬
ringer Exkursionsweite ausführen, im übrigen ist es ihm unmöglich,
irgendwelche aktive Bewegungen mit den Beinen vorzunehmen, ebenso¬
wenig ist er imstande, Stellungen, die man passiv den nntoren Extremi¬
täten gibt, festzuhalten.
Feinste Berührungen mit der Fingerkuppe werden überall prompt
angegeben. Spitz und stumpf zu unterscheiden ist dem Mann in einem
Bezirk unmöglich, welcher der sensiblen Versorgung der unteren Ex¬
tremitäten vom 2. Lumbalsegment an nach abwärts entspricht. Kalt und
warm wird vom 3. Lumbalsegment an nicht mehr unterschieden, vorn
also bis über die Knie heraufreichend. In einer Höhe, die etwa in der
Mitte zwischen den angegebenen Zonen liegt, gibt der Mann an, daß er
das Streichen mit einer Nadel im oberen Bezirk besser fühlen könne.
Alle Reflexe an den Augen und den oberen Extremitäten sind vorhanden,
ebenso sind die Bauchdeckenreflexe sämtlich auslösbar. Creraaster-, Pa-
tellar- und Achillessehnenreflexe fehlen; kein Babinski, keine Spasmen.
Augenhintergrund ohne Besonderheit. Rectalnntersuchung ergibt keinen
pathologischen Befand.
Die Wirbelsäule hat, abgesehen von einer geringen Kyphose im
oberen Teile der Brustwirbelsäule, durchaus normale Konfiguration. Die
einzelnen Wirbel sind wegen des Fettpolsters nicht mit Deutlichkeit ab-
zuzählen. In einer Gegend, die wohl schon der Lendenwirbel¬
säule angehört, bestoht eine palpatorisch sicher nachweis¬
bare Einsenkung in dem Profil der Dornfortsätze; man kann
hier zwei FiDger bedeutend tiefer eindrücken wie über den übrigen Teilen
der Wirbelsäule. Das Eindrücken ist dem Manne hier ebensowenig wie
Druck oder Schlag auf die übrigen Wirbel, den Kopf, die Fußsohlen
schmerzhaft.
Der Befund am Nervensystem blieb bis zum Tode deB Mannes voll¬
kommen unverändert.
Wassermannsche Reaktion im Blnte negativ. Abgesehen von
der Applikation einer Eisblase in die Lumbalgegend wai die Therapie
rein symptomatisch.
Die Veränderung an der Wirbelsäule war in den folgenden Tagen
nicht mehr mit gleicher Deutlichkeit nachweisbar wie bei der Aufnahme.
Röntgenaufnahme am 29. Oktober ließ im Bereich der Len den Wirbelsäule
Veränderungen nicht erkennen.
Es war nötig, den Mann wegen der Urinretention täglich zweimal
zn katheterisieren; trotz Spülungen, Darreichang von Urotropin, Decoct
fol. uv. urs. usw. stellte sich Cystitis ein, die Temperatur Btieg bis
abends auf 87,9; die Pnlslage bewegte sich zwischen 90 und 100. Die
Oedeme über dem Faßrücken wurden etwas stärker, ohne daß Herz-
insuffizienzerscheinnngen anftraton oder Veränderungen an den peripheren
Venen sich nachweisen ließen.
Am 3. November nach Stuhlentleerung akut bedrohlicher Zustand:
rascher, flatternder Puls, etwas Dyspnöe, Oppressionsgefühl an der Brust!
blaß cyanotisches Aassehen. Campbor, Erholung nach etwa 15'.
*) Ylppö: Icterus neonatoram und Gallenfarbstoffsekretion beim
Foetus und Neugeborenen. (M. m. W. 1913, S. 2161.)
a ) Hirsch: Die physiologische Ikterusbereitschaft der Nengeborenen.
(Vereinsboricht D. m. W. 1913, S. 2072.)
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2.
10. Januar.
Am 4. November trotz sorgfältiger Ruhelage ein gleicher Zustand,
der letal endigte.
Das Ergebnis der Autopsie und der histologischsn Unter¬
suchung führe ich nach dem von Herrn Prof. Dr. Dietrich zur
Verfügung gestellten Bericht an. Ich gebe zunächst nur das Re¬
sultat der makroskopischen Untersuchung im Auszuge wieder:
Halsorgane ohne pathologischen Befund.
An den Lungen leichte emphysematose Veränderungen. In dem
Hanptstamme der Arterie pulmonalis rechts und links ein Convolut von
grauroten Thromben, an denen man Gefäß Verästelungen sehen kann. Ein¬
zelne Thromben von gleicher Beschaffenheit stecken in den kleineren
Aesten der Unterlappen beiderseits.
Perikard und Epikard zeigen ganz leichte Trübung; einzelne kleine
.Blutungen; Inhalt nicht vermehrt, aber milchig getrübt.
Herz normal groß, Wände nicht verdickt, Klappen zart, keinerlei
endokarditüche Veränderungen, keine Thromben im Herzinnern; Coronar-
arterien zart. Intima der Aorta zeigt bis in die Ili&cae und ebenso bis
in die Aeste hinein eine feine Höckerung nnd gelbliche Streifen, aber
keine Verkalkung und Ulcerationen. Die peripheren Arterien sind nicht
sklerotisch verändert. Bauchorgane ohne Besonderheit. Nieren von nor¬
maler Größe, blutreich, scharfe Zeichnung. Die Schleimhaut des Nieren¬
beckens ist trübe, zeigt kleine Blutungen.
Blase mittel weit Schleimhaut ausgesprochen trübe mit weißlich
fetzigen Belägen. Dazwischen sammetartige Defekte mit konfluiereuden
kleinen Blutungen.
Im Gehirn normale Verhältnisse, keine Blutungen, keine Er¬
weich ungBh erde.
Bei Eröffnung des Rückenmarkkanals läßt Bich ein pathologischer
Befund an den Dornfortsätzen nicht erheben, ebensowenig am Boden der
Rackenmarkhöhle nnd bei Betrachtung der Wirbelkörper von der Brust-
uud Bauchhöhle aus.
Im Daralsack klare Flüssigkeit, Rückenm&rkhäute spiegelnd, glatt.
Kleiner Dnraknochen im Bereich der Lendenwirbelsäule. Die Rücken-
marksubstanz zeigt im unteren Lendenmark auf Durchschnitten eine Er¬
weichung der vorderen Hälfte des Querschnitts mit Verlust der Zeichnung.
Bei genauer Besichtigung sieht man an der Vorderseite des Lendenmarks
von der Cauda equina an ein stecknadeldickes, drehrundes, starres Gefäß
mit hellrot durchschimmemdem Inhalte; beim Uebergang in das Dorsal¬
mark ist das Getäß zusammengefallen, dünn und leer (Arteria spinalis
anterior). Auf Querschnitten beginnt bereits im obersten Teile des
Lendenmarks die erwähnte Erweichung der Vordersten ge, welche von
da auf einer 7 cm langen Strecke die ganze Breite zwischen den Vorder-
hörnern emnimmt, in der Mitte des Lendenmarks sogar nahezu die vor¬
dere Hälfte des Querschnitts erreicht. Am oberen Ende, gegen das Dor¬
salmark, reicht die Erweichung im rechten Vorderstrang etwa 1 Segment
weiter als links. Nach unten geht die Erweichung bis ins Filum termi¬
nale hinein.
Zusammengefaßt stellt sich der Verlauf des Falles folgender¬
maßen dar: Ein bis dahin völlig gesunder Mann trägt in einer
nach vorwärts übergebeugten Stellung einen 1 Zentner schweren
Sack wenige Meter weit; er verspürt zunächst nur Schmerzen im
Kreuz, kann noch gehen. 2 l j> Stunden später haben sich die
Symptome einer schweren Läsion des Rückenmarks entwickelt:
vollständige motorische und teilweise dissoziierte sensible Para¬
plegie der unteren Extremitäten; es tritt eine Blasenlähmung
hinzu, Cystitis, Thrombosen in den Beinvenen, Lungenembolie,
Exitus 16 Tage nach Beginn der Erkrankung. Die klinische Dia¬
gnose wurde mit einem hohen Grad von Wahrscheinlichkeit auf
Hämatomyelie infolge von Trauma, im Sinn einer das Maß des ge¬
wohnten übersteigenden Anstrengung, gestellt. Die Autopsie er¬
gibt keinerlei Anzeichen für eine Blutung, aber einen großen Er-
weichung8hord im Lendenmark.
Zur Frage des Zusammenhangs mit dem Trauma ist noch
zu bemerken: der sehr intelligente Patient machte seine Angaben
mit absoluter Präzision, er hatte seinen Zustand sehr genau beob¬
achtet und wußte über alle Einzelheiten genau Bescheid. Er war in
keiner Kasse und in keiner sonstigen Versicherung — auch nach
seinem Tode wurden keinerlei Rentenansprüche gestellt —, sodaß
das leidige und doch nur zu oft berechtigte Mißtrauen, das sich
Unfallkranken gegenüber einzustellen pflegt, in diesem Falle durch¬
aus unangebracht gewesen wäre. Außerdem ist der zeitliche Zu¬
sammenhang zwischen Trauma und Erkrankung so prägnant, daß
neben allen andern Gründen, die dafür sprechen, an der ursäch¬
lichen Beziehung nicht gez weifelt zu werden braucht.
Wenn ein Mann einen schweren Sack trägt und im An¬
schluß daran eine Krankheit mit tödlichem Ausgange sich zuzieht,
so ist man gezwungen, nach einer besonderen Veranlassung für
ein derartiges Ereignis zu suchen. Die Literatur über den Gegen¬
stand ist im ganzen gering.
Bemerkungen über isolierte Röckenmarkläsionen finden sich bei
Kaufmann (1) und bei Thiem (2). Ersterer nimmt als sicher an, daß
durch einmaliges schweres Heben RUckenm&rkläsionen entstehen können
„Wahrscheinlich handelt es sich meist um Blutungen und ihre Folgen“
Ebenso sagt Thiem, „auch ist erwiesen, daß durch einmaliges schweres
Heben eine Rückenmarkschädigung eintreten kann“. Bei beiden Autoren
finden sich als Beleg 1. ein Fall, den Wagner (3) beschreibt: ein Schichter
will einen schweren Block rackweise in die Höhe bringen, es erfolgen
Schmerzen im Kreuz, Paraplegie der Beine. Die oberen Lendenwirbel
waren sehr druckempfindlich, doch fehlte jede Stellunganomalie. Aus¬
gang in Heilung. 2. Fall von P. auf der Maner (4): ein Maurer be¬
kommt beim Heben eines schweren Steins in gebückter Körperstellung
heftige Krenzschmerzen, es stellt sich neben andern nervösen Erschei¬
nungen Inkontinenz ein, Heilung nach einem Jahre. Thiem fahndet bei
allen schweren GewalteindrückeD, die die Wirbelsäule erfährt, sorgfältig
auf Störungen von seiten des Rückenmarks nnd fiodet dabei sehr häufig
Erscheinungen, die „nur durch Verletzungen des Rückenmarks (Blutungen
in dasselbe) zu erklären waren.“
Sehr ausgedehnt ist die Literatur über Veränderungen am Rücken¬
mark, welche sich nach Erschütterung des Rückenmarks einstellen können.
Es ist experimentell [Schmaus (5), Kirchgässer (6), Jakob (7),
Fickler (8)] als erwiesen anzusehen, daß ohne gleichzeitige Verletzung
der Wirbelsäule und ohne erheblichere Blutung durch reine Commotion
tiefgreifende Schädigungen der Rückenmarksabstanz mit schweren ner¬
vösen Folgeerscheinungen entstehen können. Eine Anzahl klinisch beob¬
achteter Fälle [Jochmann und Winkler (9), Westphal (10),
Schäffer (11) und Andere] spricht im gleichen Sinne.
Von einer Erschütterungserkrankung kann aber in unserm
Falle nicht die Rede sein. Das Trauma, das E. erlitten hat, er¬
scheint auch verhältnismäßig nicht so schwer wie die den meisten
in der Literatur beschriebenen Erkrankungen zugrunde liegenden
Unfälle. Das Moment, welches die Anstrengung über das Maß
dessen hinausführt, was man im allgemeinen beim Tragen eines
Sackes an Kraft aufwendet, erscheint mir in der Art zu liegen,
wie E. die Last getragen hat. Ich machte deshalb Erhebungen
in folgender Art: Ich stellte eine Anzahl Leute, im ganzen 15,
Laboratoriumsdiener, Krankenwärter und Patienten verschiedener
Borufsarten, Sackträger, Schlosser auf der einen, solche, die nur
leichte Arbeit zu verrichten gewohnt sind, auf der andern Seite,
vor die Aufgabe, einen Sack mit einem Zentner Kartoffeln 5 m
weit zu tragen. Von sich aus stellten das fast alle verschieden
an; die einen nahmen den Sack auf die Schultern, andere legten
ihn quer auf den Boden und hoben ihn entweder in Höhe der
Oberschenkel oder des Nabels, keiner aber faßte ihn so, wie E. es
mir charakteristisch geschildert hatte: derart, daß er den Sack im
oberen Drittel mit den Armen umschlang und ihn zwischen den
Beinen schwebend mit kleinen Schritten vorwärts trug. Als
Gegenprobe verlangte ich dann von den Versuchspersonen, den
Sack nun auch noch einmal auf die von E. angegebene Art zu
befördern. Jeder — und ich selbst überzeugte mich auch davon
— empfand das als die schwerste Art, auf die man den Saok
überhaupt tragen könne. Einer meinte, und diese Empfindung hat
man bei dem Versuch in der Tat, „so ist er 50 Pfund schwerer.*
„So wird man (das heißt der geübte Arbeiter) nie einen Saok
tragen“.
Der prinzipielle Unterschied bei dem Tragen der Last auf
die von E. angegebene Art gegenüber allen übrigen ist der, daß
dabei der Schwerpunkt sehr weit nach vorne verlegt wird und die
Wirbelsäule stark nach vorn abgeknickt festgehalten werden muß.
Ist somit auch erwiesen, daß die Art der Anstrengung eine
ganz ungewöhnliche war, so ist damit der Mechanismus und der
Zusammenhang der Erkrankung mit dem Unfälle doch noch nicht
absolut geklärt. Es war zu erwarten, daß die mikroskopische
Untersuchung des Rückenmarks, besonders der oben geschilderte
Befund eines offenbar obturierten Gefäßes noch weitere Anhalts¬
punkte nach dieser Richtung geben würde. Mikroskopisch fand
sich folgendes (Prof. Dietrich):
Ein Querschnitt durch das Lendenmark zeigt bei Markscheiden-
färbnng zwischen beiden Vorderhörnern eine blasse Fläche, umrandot von
einer Zone mit prallgefüllten Capillaren. Die ganze Fläche wird gebildet
von wabigen Räumen mit scholligen Zerfallsresten, die vereinzelt noch
Myelinfärbung annehmen. Dazwischen verlaufen faserige Glianetze mit
erhaltenen Kernen. In dem gefäßreichen Rand und entlang dem Längs-
spalte liegen breite Reihen von polygonalen, wabigen Zellen mit dichtem
Kerue, dazwischen einzelne Rieseuzellen. Bei Marchibehandlung zeigen
sich diese Zellen mit Fett angeföllt (Köruchenzellen). Das linke Vorder¬
horn ist in der Mitte des Lendenmarks ganz in dieser Randschicht auf-
gegangen, das rechte ist noch in der Form erhalten, aber mit Untergang
der Ganglienzellen. Hinterhörner sind erhalten, ebenso die übrigen
Fasersystemo. An höheren Abschnitten des Rückenmarks ist keine
Degeneration nachweisbar. Die Arteria spin. ant ist entsprechend
der makroskopischen Verdicknng ausgefüllt mit scholligen
Massen, unter denen man noch deutlich Nervenmarkquer-
schnitte, auch Myelinfiguren erkennen kann, und Gebilde,
die wie aasgelaugte Ganglienzellen aassehen. Um diese herum
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UNIVERSUM OF IOWA
10. J&naar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2.
45
iiqpo Plattchenhiafen, kein Fibrin, keine Leukocyten. In LQcken zwischen
deo Zellen rote Blutkörperchen. Markscheidenferbnng geben die Schollen
nicht, auch keine Marchischw&rzong.
Eine derartige Verstopfung eines Gefäßes mit Rückenmark-
Abglanz kann man sich nur durch eine direkte schwere Gewalt¬
einwirkung entstanden denken. Beim Fehlen von äußeren ein-
wirkenden Momenten ist am naheliegendsten der Gedanke, daß eine
vieder ausgeglichene Luxation der Wirbelsäule die Veranlassung
für die Schädigung gab.
Die Möglichkeit einer Diatorsion der Wirbelsäule ist häufig dis¬
kutiert nnd verschieden bewertet worden.
v. Tbaden (12) rechnet noch mit dem Begriff einer „Verstauchung
im Bereiche der unteren Brost- und LendenwirbelBäule“ als mit etwas
SeibitTerst&ndlichem and beschreibt Fälle nach schweren Traumen, deren
Folgeerscheinungen er als durch Distorsion bedingte ansieht und die
nun Teil mit nervösen Symptomen verliefen, zum Teil ohne solche. Nach
Kocher (13) kommen Distorsionen im unteren Teil der Brust- und
Lendenwirbel vor als Einleitung oder Begleiterscheinung einer stärkeren
Verleitung. Sie erhalten aber an diesen Abschnitten — im Gegensatz
nr Halswirbelaäule — selten eine selbständige Bedeutung.
ln dem reichen Material von Wagner und Stolper (3) findet sich
neben mehreren Fällen von Distorsion der HalswirbelBäule nur ein einziger
Fall mit nervösen Begleiterscheinungen, der eventuell als Distorsion im
Bereiche der Brust- beziehungsweise Lendenwirbelsäule gedeutet werden
kum and von den Autoren als Kontusion bezeichnet wird: ein Häuer
wird von herabstürzenden Kohlen im Röcken getroffen, es findet sich
Drackempfiodlichkeit am zweiten bis fünften Lendenwirbel, Parese der
Beine, Harnverhaltung. Rasch weitgehende Besserung.
Für das Vorhandensein einer Distorsion sprach in unserm
Falle die palpatorisch in den ersten Tagen des Krankenhausaufent¬
halts nachweisbare Einsenkung im Profil der Dornfortgätze, und
der ganze Hergang des Unfalls legt die Vorstellung nahe, daß die
Qev<einwirkung, die der Mann selbst durch seine Haltung auf
seine Wirbelsäule ausgeübt hat, zu einer Distorsion führen konnte.
Zwar haben wir im Röntgenbild und autoptisch nichts finden
können, was nach dieser Richtung hin zu verwerten wäre, aber
auch Kocher gibt an, daß unter Umständen bis zum Tode die
Veränderungen an der Wirbelsäule so weit sich restaurieren,
daß ein sicherer Befund post mortem nicht mehr zu erheben ißt.
Die Entstehung der Erkrankung läßt sich demnach mit
größter Wahrscheinlichkeit folgendermaßen erklären: durch die un¬
gewöhnliche und unzweckmäßige Körperhaltung hat der Mann seine
Wirbelsäule in einer Art belastet, die zu einer Distorsion im Be¬
reiche der Lendenwirbelsäule führte. Durch die Distorsion ist
eines der Arterienästchen gerissen, die als Rami dorsales von der
Arteria lumbalis durch die Intervertebrallöoher treten und die seg¬
mentären Zuflüsse der Arteria spinalis bilden. Hierbei wird gleioh-
»itig ein Intervertebralganglion verletzt und dessen zerstörte Ele¬
mente in die arterielle Bahn hineingespült worden sein. Nur auf
diese Weise ist unseres Erachtens die merkwürdige Embolie von
nervösen Gewebselementen in die Arteria vertebralis anterior vor¬
stellbar. Leider war wegen gebotener Schonung der Leiche die
Herausnahme der Wirbelsäule nicht ausführbar gewesen, um diese
Vorstellung, an die man im Augenblicke der Obduktion noch nicht
Wen konnte, noch durch besondere Untersuchung besser be¬
gründen zu können. Die Ernährungsstörung in dem von der Ar¬
terie versorgten Gebiete hat zu einer Erweichung der Rücken¬
marksubstanz an circumscripter Stelle geführt, und dadurch sind
die schweren Folgeerscheinungen bedingt.
Was von sonstigen auslösenden Momenten für das Auftreten
einer circumscripten Myelitis im weiteren Sinne des Wortes in der
Literatur sich noch findet (Ueberstreckung im Gebiete der Hals¬
wirbelsäule [Thor burn (14)], infektiöse oder refrigeratorische Ein¬
flösse [Dinckler (15) und Andere]), kann bei dem vollkommenen
Fehlen von anamnestischen und somatischen Daten nicht in unserm
Falle herangezogen werden. Wenn wir also unsere Anschauung
über die Genese der Erkrankung durch Distorsion mit folgender
Gefäßverstopfung und Erweichung aufrecht erhalten, so ist damit
natürlich die Vermutung nahegelegt, daß auch manche der in
der Literatur niedergelegten Fälle von Erkrankung des Rücken¬
marks ohne nachweisbare Läsion der Wirbelsäule und ohne gröbere
Blutung, besonders also als Erschütterungserkrankung bezeichnete,
ähnlich gelagert waren. Es war ja eine sehr seltene Aufeinander¬
folge der Ereignisse, die den Mann so bald nach dem Unfälle zum
Tode geführt hat. Fast in keinem der in der Literatur be¬
schriebenen Fälle von Rückenmarkläsion ohne Erkrankung der
Wirbelsäule liegt zwischen dem Trauma und der Autopsie ein so
kurzer Zwischenraum. Wenn aber der Tod erst monatelang nach
dem Unfall erfolgt, so können sich die Veränderungen an den Ge¬
fäßen natürlich nicht mehr mit gleicher Deutlichkeit zeigen. Die
Markmassen in dom Gefäße wären bei längerer Krankheitsdauer
wohl nicht mehr erkennbar gewesen, und wir wären für die Er¬
klärung des Zustandekommens der Schädigung lediglich auf Ver¬
mutungen angewiesen gewesen.
Wenn man sich vorstellt, wie die Erkrankung wohl ver¬
laufen wäre, wenn sich nicht Cystitis und Thrombosen der Bein¬
venen eingestellt hätten, so wäre ein günstigerer Ausgang sehr
wohl denkbar gewesen. Es wird durch die Beobachtung des Falles
nahegelegt, sich eine Vorstellung davon zu bilden, wie Distorsionen
mit Verstopfungen sehr viel kleinerer Gefäße, wie es die Arteria
spinalis anterior ist, auf das Rückenmark wirken müssen und
welche Folgeerscheinungen sie zeitigen können. Es ist denkbar,
daß sich dann Symptomenbilder ergeben, die zunächst den Ein¬
druck eines psychogenen Ursprungs erwecken. Die Beobachtung
an E. mahnt nach dieser Richtung hin zur Vorsicht. Ich kann
mich also nur der wiederholt von verschiedenen Seiten [Fried¬
mann (16), Jakob (B)] ausgesprochenen Auffassung anschließen,
daß die Zahl der Fälle von Rückenmarkerkrankungen, denen ein
anatomisches Substrat zugrunde liegt, auch nach leichtem Trauma
größer ist, wie man gemeinhin anzunehmen geneigt ist, und daß
in sehr vielen Fällen die psychische Komponente nicht die Rolle
spielt, die man ihr oft zuschiebt.
Literatur: 1. Kaufmann, Handb. d. Unfallmedizin. — 2. Thiem,
Handb. d. Unfallkr. — 3. Wagner u. Stolper, D. Zschr. f. Chir. Bd. 40. —
4. P. auf der Mauer, Inaug.-Diss., Zürich 1904. — 5. Schmaus, Lubarsch-
Ostorfag Bd. 4. — 6. Kircbgäsaer, D ZschT. f. Nervhlk. Bd. 11. — 7. Jakob
Niesl-Alzheimers Hist. Bd. 5. — 8. Fischer, D. Zschr. f. Nervhlk. Bd. 29. —
9. Jochmann u. Winkler, Ebenda Bd. 35. — 10. Westphal, Arch. f. Psych
Bd. 28. — 11. Schäffer, Vrtljschr. f. gerichtl. M. Bd. 27. — 12. v. Thaden-
Arch. f. klin. Chir. Bd. 18. — 13. Kocher, Mitt. Orenzgeb. Bd. 1. — 14. Thor-
burn, ßrain 1887. — 15. Dinkler, D. Zschr. t Nervhlk. Bd26. — 16. Fried¬
mann, D. m. W. 1910, Nr. 15, 16.
Referatenteil.
Redigiert von Oberarzt Dr. Walter Wolff« Berlin.
Sammelreferat.
Neuere kiinisohe und experimentelle Arbeiten aus dem Gebiete
der inneren Medizin
▼on Sanitfttsrat Dr. Franz Bruck, Berlin.
Harnapparat.
Untersuchungen über den Mechanismus der Harn¬
monderung in der Niere hat Leschke (1) angestellfc. Der
größte Teil der Farbstoffe wird durch die Harnkanälchen aus-
geschieden; strittig ist noch, ob sich daran auch die Glomeruli
beteiligen. Körperfremde Salze werden nur durch die Harn¬
kanälchen ausgeschieden. Die Ausscheidung der normalen Harn-
toatandteile (der Chloride, Phosphate, des Harnstoffs, der Harn¬
säure und der Purine) erfolgt im wesentlichen nur durch das
™ secernierende Epithel der gewundenen Harnkanälchen
Ü« an! Uebergangsteile zu den absteigenden Schenkeln der geraden
jjualchen. Die Glomeruli sondern das Wasser in physiologischer
*b| also auch die geringen Mengen von Salz und andern
Harn bestand teilen, die einer physiologischen Lösung entsprechen.
Die Fähigkeit der Konzentration und der Verdünnung des Urins
kommt ausschließlich den specifisch secernierenden Epithelzellen
der Harnkanälchen zu; die Ludwigsche Annahme einer Rück¬
resorption von Wasser im Nierenmark ist zur Erklärung der Urin¬
konzentration nicht erforderlich.
Ueber die Ausscheidung anisotropen Fettes mit dem
Harn im Zusammenhänge mit seiner Ablagerung in den
Organen berichtet Lawrynowicz (2). Die anisotrope Ver¬
fettung der Niere mit Ablagerungen von anisotropem Fett in ihren
specifischen funktionellen Elementen muß als eine Aeußerung der
Ablagerung von Cholesterinverbindungen in den parenchymatösen
Organen betrachtet werden, wenn die Cholesterinverbindungen die
Gestalt von anisotropen Fetten annehmen. Es handelt sich um
eine der Aeußerungen der allgemeinen Neigung des Organismus
zu CholesterinesterVerfettungen, die als Folge einer Störung des
Cholesterin Umsatzes im Organismus erscheinen. Wird anisotropes
Fett im Niederschlage des Harns festgestellt, so handelt es sich
wahrscheinlich um eine chronische, parenchymatöse Nierenentzün-
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UNIVERSUM OF IOWA
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2.
10. Januar.
46
düng. Die Ablagerung von anisotropem Fett in der Niere führt
zur Vernichtung des Parenchyms, die Zelle wird nur mit Mühe
mit dem sich in ihr ablagernden anisotropen Fette fertig und zer¬
fällt gewöhnlich, indem sich dieses befreit. Dadurch verschlechtert
sich die Prognose. Da die Quelle des Cholesterins im Organismus
hauptsächlich die Nahrung ist, kann die Vermehrung des bei
chronischen Nierenentzündungen der Regel nach gesteigerten
Cholesteringehalts im Blute verhütet werden. Aus der Nahrung
sind daher in diesem Falle Eier, richtiger das Eigelb, Hirn, Sahne
und überhaupt Fette vollkommen auszuschließen.
Aus der anscheinend unförmigen Masse der urämischen
Symptome lassen sich, wie Reiss(3 und 4) ausführt, eine An¬
zahl wohh harakterisierter Krankheitsbilder herausschälen. Zu der
asthenischen Urämie und der Krampfurämie oder epileptiformen
Urämie, die der Verfasser früher eingehend beschrieben hat, fügt
er in vorliegenden Arbeiten neu hinzu: die psychotische Urämie
und die Mischformen. Die Symptome der psychotischen Urämie
werden wahrscheinlich begünstigt durch eine cerebrale Arterio¬
sklerose. Die Misch formen stellen die Mehrzahl aller Urämien
dar, dareine Fälle der übrigen drei Gruppen relativ selten sind. Bei
der asthenischen Urämie ist die Ausscheidung von Kochsalz,
Stickstoff usw. durch den Urin gestört, es findet sich daher im
Blut eine Erhöhung des Reststickstoffs. In reinen Fällen von
Krampfurämie und psychotischer Urämie dagegen wird die Erhöhung
des Reststickstoffs im Blute stets vermißt. Die Stoffe, die diese
Urämieformen hervorrufen, sind also nicht durch mangelhaftes
Ausscheidungsvermögen der Nieren zurückgehalten. Mit der Re¬
tention gelöster harnfähiger Substanzen geht aber keine adäquate
Retention von Wasser einher. Durch diese mangelhafte Verdün¬
nung des Bluts wird eben das Auftreten der Urämie begünstigt.
Denn der urämische Organismus hat die Fähigkeit verloren, die
durch die Substanzretention erzeugte Schädlichkeit durch eine
gleichzeitige Retention größerer Wassermengen wettzumachen.
Gerade die Formen von Nephritis, die nicht zur Oedembildung
neigen, führen sehr häufig zur Urämie, und umgekehrt sind
urämische Erscheinungen beim Vorhandensein ausgebildeter Oedeme
selten. Bekanntlich tritt mit dem Verschwinden der Oedeme und
dem Einsetzen einer großen Harnflut zuweilen die Urämie ein.
Bei der Urämie sind die normalen Beziehungen zwischen der Kon¬
zentration des Wassers und der gelösten Substanzen im Körper
verloren gegangen. Hierdurch wird die Konzentration der toxi¬
schen Stoffe erhöht. Fehlt nämlich die Fähigkeit einer zweck¬
entsprechenden Verdünnung der Körpersäfte, so löst diese Störung
die urämischen Erscheinungen aus.
Stoffwechseluntersuchungen.
Kolorimetrische Harnsäurebestimmungen im Harne
hat Höst (5) vorgenommen, und zwar indem er das Rieglersche
Verfahren dadurch modifizierte, daß er die Harnsäure als Am-
moniumurat ausfällte und den kolorimetrischen Wert hiervon direkt
bestimmte. Dabei bediente er sich derselben Reagentien wie
Ri egler selbst, doch gab er bei der Herstellung von Harnsäure¬
lösung der Fol in sehen Methode den Vorzug.
Versuche über die Beeinflussung des Purinstoff¬
wechsels durch die Sekrete der Drüsen mit inneror Se¬
kretion haben Fleischmann und Salecker (6) angestellt. Sie
benutzten zur Verfütterung von Purinkörpern das hefenucleinsaure
Natrium (Boehringer Söhne). Verfütterte Nueleinsäure wird vom
Hunde annähernd quantitativ im Harn ausgeschieden. Dies Ver¬
halten ändert sich aber bei gleichzeitiger Pituitrinzufuhr, wo¬
durch eine Verminderung und Verzögerung der Allantoinaus-
scheidung hervorgerufen wird. Adrenalin bewirkt aber eine er¬
hebliche Steigerung der Allantoinausscheidung ohne Steigerung
der Gesamtstickstoffausscheidung. Bei Tieren ohne Schilddrüse
wird verfütterte Nueleinsäure in verminderter Menge ausge¬
schieden. Jodothy rinzufuhr bewirkt merkwürdigerweise auch eine
Verminderung der Allantoinausscheidung, und zwar im Stadium
des starken Eiweißzerfalls. Beim Hungertiere wurden zugeführte
Purinbasen in wesentlich verminderter Menge ausgeschieden (wahr¬
scheinlich Retention).
Lamport (7) hat die Kreatin- und Kreatininausschei¬
dung bei Diabetikern und Nephritikern studiert. Die
Untersuchungen wurden bei fleischfreier Diät ausgeführt. Dabei
wurde eine neuerdings von Autenrieth und Müller beschrie¬
bene Methode benutzt Bei Diabetikern waren die Werte für
Kreatinin meist erniedrigt. Bei Diabetes gravis mit stärkeren
Graden von Acetonurie fand sich stets Kreatin im Urin. Auch bei
Nephritikern ließ sich ©ine Verminderung des Kreatinins nachweisen,
und zwar auch bei guter Diurese und bei auch sonst nur wenig ver¬
ringerter Nierenleistung. Kreatin war nur in einem Falle bei starker
Niereninsuffizienz, und zwar nur in geringen Mengen zu beobachten.
Galambos und Tausz (8) teilen ihre‘Untersuchungen über
den Eiweißstoffwechsel beim experimentellen Pankreas¬
diabetes mit. Die Insuffizienz der inneren Sekretion des Pan¬
kreas erzeugt eine Hyperaminosurie. Die Pankreashyperaminos-
urie und die Pankreasglykosurie sind analoge Erscheinungen.
Lebererkrankungen und infektiöse Erkrankungen können von einer
Aminosurie ebenso begleitet sein wie von einer alimentären
Hyperglykämie oder alimentären Glykosurie. Es ist wahrschein¬
lich, daß beiden Stoffwechselstörungen in diesen Fällen eine ge¬
meinsame Ursache zugrunde liegt.
Nervensystem.
Den Einfluß des Nervensystems auf den Pigment¬
gehalt der Haut erörtert Nehl (9). Die Mitteilungen über
„plötzliches“ Ergrauen der Haupthaare nach schweren seelischen
Erregungen müssen mit großer Kritik beurteilt werden. Nach den
Untersuchungen von Landois scheint es sich dabei nicht um
Pigmentschwund, sondern um das Auftreten zahlloser Luftbläschen
im Haare zu handeln. Die Tatsache, daß nach länger dauerndem
tiefen Grame das Haar vorzeitig ergrauen kann, ist vielleicht mit
Störungen des Allgemeinbefindens zu erklären. Kommt es doch
hierbei auch zur Abmagerung, zur Herabsetzung des Hämoglobin¬
gehalts und zum Nachlasse des Tonus der Haut und der Musku¬
latur. Es dürfte aber auch unter nervösen Einflüssen zu
Pigmentverschiebungen kommen, und zwar sind es vermut,
lieh die sympathischen Fasern in den peripherischen Nerven-
die dies vermitteln. So scheint es möglich, daß langdauernde
schwere Sorgen auf dem Wege über das vegetative Nerven¬
system zum Schwinden des Haarpigments, also zum vorzeitigen
Ergrauen führen. (Bekanntlich wird das vegetative Nervensystem
in seinem Tonus durch seelische Vorgänge im erregenden oder
hemmenden Sinne beeinflußt. Die Erweiterung der Pupillen bei
der Angst, die Sekretion der Tränendrüsen, die Erregung der
Herztätigkeit, Erbrechen, Durchfälle bei psychischen Vorgängen
sprechen dafür, daß die im Großhirn zustande kommenden Stim¬
mungen das vegetative Nervensystem beeinflussen. Hier handelt
es sich aber immer nur um ganz vorübergehende Störungen).
Lehmann (10) wirft die Frage auf: Was leistet die pliai-
makologische Prüfung in der Diagnostik der Störungen
im vegetativen Nervensystem? Es handelt sich um die
Frage der Vagotonie und Sympathicotonie. Um eine Störung
im vegetativen Nervensystem nachzuweisen, suchen wir nach
Stigmata (Glanzauge, abnormer Schweiß, spastische Obstipation
und anderes) oder geben Pharmaca, die eine Lähmung oder Reizung
des Vagus oder Sympathicus herbeiführen. Auf diese Weise
können bei Vagotonie verdächtige latente Symptome temporär
manifest werden. Als Vagusreizer kommt Pilocarpin, als
Vaguslähmer Atropin, als Sympathicusreizer Adrenalin
in Betracht. Der Verfasser konnte feststellen, daß ein Anta¬
gonismus zwischen Vagotonie (Pilocarpinempfindlichkeit) und Sym¬
pathicotonie (Adrenalinempfindlichkeit) nicht existiert. Adrenalin¬
empfindliche zeigten fast stets eine sehr starke Pilocarpinempfind-
lichkeit und anderseits reagierten auf Pilocarpin völlig unempfind¬
liche Individuen sehr selten auf Adrenalin. Es handelt sich also
um eine gesteigerte Reizbarkeit im gesamten vegetativen Nerven¬
system, indem dieses auf Pilocarpin und Adrenalin reagiert. Bei
verschiedener Dosierung der Gifte ist auch die Reaktion different,
bald positiv, bald negativ; vorläufig ist man aber noch nicht im¬
stande, die rechte Dosis anzugoben für die diagnostischen Schlüsse.
Zu beachten ist, daß die pharmakologische Prüfung nicht
immer die physiologischen Erfahrungen bestätigt. Nach diesen
fallen die Schweißdrüsen in das Bereich des Sympathicus, während
die pharmakologische Prüfung nur eine autonome Innervation an¬
zeigt. Gerade die Schweißsekretion aber stellt eins der Kardinal¬
symptome der Pilocarpinreaktion dar. Daraus folgt, daß das
anatomisch-physiologische Sympathicussystem etwas ganz anderes
ist als das pharmakologische. In den Wechselbeziehungen zwischen
Sympathicus und Vagus greifen auch noch die Drüsen mit innerer
Sekretion ein. Diese werden nicht nur von einem dieser Nerven
versorgt, sondern das innere Sekret Übt wieder auf den Erregungs¬
zustand des betreffenden vegetativen Nerven seine Wirkung aus.
Der Verfasser betont zum Schlüsse, daß das Atropin kein All¬
heilmittel gegen Vagotonie sei. ,
Ueber kranielle Geräusche (Schädel geräusche) bei Ge-
birnleiden berichtet Köster (11). Sie sind hierbei relativ selten
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UNIVERSITÄT OF IOWA
10. Januar.
Nr. 2.
47
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK —
zu hören. Auch lassen sie keine Lokaldiagnose stellen, da sie bei
den verschiedenartigsten Prozessen innerhalb des Schädels auf-
toten können. Weit häufiger aber sind Schädelgeräusche bei
anämischen Zuständen (hier sind sie am stärksten in den
Schläfen- und Ohrgegenden). Diese entstehen innerhalb des Schä¬
dels, am wahrscheinlichsten in der Karotis, und haben eine ernste
Bedeutung. Ein intrakranielles Leiden als Ursache eines
Schädelgeränsches darf man erst annehmen, wenn man das Vor¬
handensein einer gleichzeitigen Anämie ausgeschlossen hat.
Ciroulationsapparat.
Ueber den Blut- und Pulsdruck bei Arteriosklerose
und Nephritis berichtet Janowski (12). Untersucht wurden:
1. Fälle von Arteriosklerose ohne Nierenleiden. 2. Fälle
ron Arteriosklerose mit Nephritis und 3. Fälle von Ne¬
phritis ohne Arteriosklerose. 25 bis 30°/o aller an Arterio¬
sklerose Leidenden weisen einen normalen systolischen Blutdruck
auf, der hierbei meist auf einer weit fortgeschrittenen Ernährungs¬
störung des Herzmuskels beruht. Die arteriosklerotisch affizierten
Gefäße (große Stämme, kleinste periphere und Eingeweidegofäße)
verraten nämlich ihr Leiden deshalb nicht durch Steigerung des
systolischen Blutdrucks an der Arteria brachialis, weil das Herz
seine Pumpwirkung schwächer ausführt. Der Verfasser bringt
auch die zu wenig beachtete Tatsache in Erinnerung, daß der Puls
der Arteriosklerotiker, trotz seiner für den ungeübten Finger
scheinbaren Tardität, bei genauer sphygmographischer und mano¬
metrischer Untersuchung doch in der Regel viel mehr celer ist als
ein normaler Puls. Bei der zweiten Gruppe waren der systolische
Blutdruck und der Pulsdruck viel mehr gesteigert als bei der
ersten Gruppe. Kranke mit Arteriosklerose und Nephritis weisen
nämlich die höchsten Werte für Blut- und auch för Pulsdruck auf.
Deshalb darf man bei Arteriosklerose nie vergessen, wenn, der Blut¬
druck höher ist als 180 mm Hg und dabei der Pulsdruck höher
als 70 mm Hg, längere Zeit hindurch den Zustand der Niere
zu beobachten und darf eine Affektion dieses Organs erst nach
mehrmals wiederholten negativen Untersuchungen ausschließen.
Dean keineswegs immer beruhen hohe Werte für Blutdruck bei
Arteriosklerose auf gleichzeitiger Nephritis. Bei der dritten Gruppe
gehört die BlutdruckBteigerung zu den konstantesten Symptomen
des Leidens.
Das Serum von Kaninchen, die mit Diphtherietoxin akut
vergiftet worden sind, setzt bei Uebertragung auf gesunde Ka¬
ninchen, wie Zondek (13) auseinandersetzt, den Blutdruck
dieser akut herunter. Normales Serum ist bei gleicher Versuchs-
anordnuDg wirkungslos. Gleichzeitig hat Verfasser untersucht,
welche Wirkung das Serum von Tieren hat, die mit Uran oder
Chrom nephritisch gemacht wurden. Wird solches Serum auf
Tiere Übertragen, bei denen durch Diphtberietoxin der Blutdruck
gesunken ist, so wird dieser nun deutlich gesteigert. Die blut-
druckherabsetzende Kraft des diphtherischen Serums erreicht ihren
Höhepunkt, wenn das Entnahmetier zehn Minuten unter der Wir¬
kling des Toxins gestanden hat. Dann nimmt sie allmählich ab.
Mit der Dauer der Einwirkung des Toxins wird aber auch bei dem
Mtnahmetiere die durch das Gift erzeugte Nierenschfidigung
stärker, und zwar auch dann, wenn schon der Blutdruck wieder
steigt. Möglicherweise stellt daher die Nephritis einen der Blut¬
drucksenkung entgegenwirkenden, gleichsam kompensierenden
raktor dar. Jedenfalls scheint aber die Diphtherienephritis als
solche von sich aus den Blutdruck nicht herabzusetzen.
Lüdin (14) beschreibt den anakroten Puls an der Ar-
teria carotis und subclavia bei Aorteninsuffizienz. Der
systolische Doppelschlag war besonders ausgeprägt an der Sub-
c ,*• ™ der Palpation der beiden Arterien fühlte man deutlich
rasc h aufeinanderfolgende Erhebungen, die sich auch gra¬
phisch gut d&rstellen ließen. Bei ihrer Auskultation war bei
folgen dieser Patienten ein dumpfer Doppelton zu hören. Uebrigens
halte man beide Wellen so rasch aufeinander folgen, daß sie beide
s nerzsystolisch imponierten. Der Verfasser glaubt, daß die Er¬
scheinung auf eine gleichnamige Reflexion zurückzuführen sei; die
. Erhebung werde erzeugt durch die Ventrikelsystole, die
weite durch eine superponierte Reflexwelle. Bei der Aorten-
p Su . Z!eilz treibt nämlich der dilatierte und stark hypertrophierte
likk e ' De 8 r ^ ere Blutmenge mit größerer Macht in die diasto-
scü abnorm entleerte Arterie und ferner erleiden gerade bei
orteninsuffizienz die dem Herzen zunächst gelegenen großen Ar-
nenstämme vorwiegend Störungen ihrer Elastizität. An den
UQDgßstellen solcher veränderten Gefäße muß auch leichter eine
woexioB zustande kommen können«
Beobachtungen über den Capillarpuls hat Jürgensen (15)
angestellt. Er empfiehlt, dem Capillarpulse größere Beobachtung
zu schenken. Denn der deutlich erkennbare Capillarpuls ist der
Ausdruck einer erhöhten Inanspruchnahme des linken Vontrikels und
des arteriellen Gefäßgebicts und weist auf Störungen hin, die eine
sorgfältige Kontrolle aller für den regelrechten Ablauf der Blut¬
bewegung und Blutverteilung in Betracht kommenden Faktoren
nötig machen.
Nebengeräusche über der Aorta erwähnt Külbs (16).
Bei älteren herzgesunden Leuten kommen lokalisierte systolische
Geräusche im rechten zweiten Intercostalraume, das heißt also
über der normalen Auskultationsstelle der Aorta, nicht selten vor,
wie Verfasser auf Grund von 31 Beobachtungen behauptet, die er
unter 805 Herzgeräuschen auf organischer Basis zusammenstellen
konnte. Aetiologisch kommt in erster Linie die Arteriosklerose
in Frage, dann Syphilis oder auch Polyarthritis.
Blut unter suchungen.
Die Ungerinnbarkeit des Bluts bei der Hämoptoe
der Phthisiker erörtert Magnus-Aisleben (17). Zusatz von
frischen Preßsäften aus pathologisch veränderten Organen sowie
besonders von autolytisch gewonnenen Gewebssäften aus nor¬
malen Organen zum Blute wirkt gerinnungsverzögernd. Man
könnte daher auch bei dem Flüssigbleiben des Hämoptöebluts
daran denken, daß bei der Tuberkulose ähnliche gerinnungver¬
zögernde Stoffe entstehen könnten, wie bei der experimentellen
Autolyse. Aber Morawitz hat darauf hingewiesen, daß das Blut
ungerinnbar wird, wenn es in der Pleurahöhle geweilt hat.
Dieses dauernde Flüssigble;ben ist von der Verzögerung des
schließlich doch noch vollständig erfolgenden Gerinnungsvorgangs
zu unterscheiden. Das Flüssigbleiben des Hämoptöebluts dürfte
daher weniger in den Gerinnungsstörungen zu suchen sein, die
bei Zusatz von Organsäften auftreten, als vielmehr in der durch Kon¬
takt mit dem Pleuraendothel bewirkten Aufhebung der Gerinnung.
Holler (18) teilt einige Versuehsresultate mit zum Ver¬
ständnis physikalisch-chemischer Vorgänge im Blute des
lebenden Organismus unter normalen und pathologischen Ver¬
hältnissen und betont ihren diagnostischen Wert. Er bedient
sich dabei der „FunktionspriifuDg“, das heißt der Untersuchung in
Doppelreihen mit gewaschenen und ungewaschenen Blutkörperchen.
Sie gibt Aufschluß unter andern über das Wesen der hypoplasti¬
schen Blutkörperchen. Diese sind gleichzeitig gegen hypisotoni-
sche Salzlösungen sehr resistent. Mit Hilfe dieser Funktions¬
prüfung ist die Symptomatologie des Status hypoplasticus um ein
neues, wichtiges Merkzeichen bereichert worden. Auch in die Ver¬
hältnisse bei Chlorose, Blutungsanämien, Ikterus, Fieberzuständen
usw. geben derartige Versuche einigen Einblick.
Vergleichende Blutzuckerbestiminungen durch Polari¬
sation und durch Reduktionsmethoden (von Bertrand uud
Tachau) haben Maase und Tachau (19) ausgeführt. Sie fanden
bei normalem und erhöhtem Blutzuckergehalte, mit Ausnahme
eines Falles, gut übereinstimmende Werte. Nach der Aufnahme
von 100 g Lävulose ergab die Reduktion erheblich höhere Werte
als die Polarisation, am größten war die Differenz in einem Falle
von Ikterus.
Varia.
Bei der eingehenden Besprechung eines Falles von Oeso-
phagusdiphtherie wirft Ceelen(20) wegen der enormen Seltenheit
dieses Leidens die Frage auf, warum der Oesophagus davon fast
immer verschont bleibt, und zwar auch dann, wenn bei bestehen¬
der Pharynxdiphtherie der Magen von Diphtherie ergriffen wird.
Der Grund dürfte sein: 1. Das Wachstum der Diphtheriebacillen
bedarf der Sauerstoffzufuhr. Der Magen enthält nun Luft, die
ihm namentlich bei der Aufnahme von Speisen zugeführt wird.
Des Oesophagus Lumen ist aber leer, denn seine Wandungen sind
kollabiert, und zwar auch sofort nach der Passage der Speisen; also
fehlt in der Speiseröhre die Luft. 2. Die geringe Möglichkeit
eines längeren Verweilens der Diphtheriebacillen auf der Oeso-
pbagusschleimhaut. 3. Die neutrale Reaktion daselbst. In dem
beschriebenen Falle handelte es sich Übrigens nicht um eine von
der Rachenschleimhaut kontinuierlich auf den oberen Oesophagus-
teil fortgesetzte Diphtherie, sondern um eine entfernt von der pri¬
mären Infektionsquelle metastatisch entstandene pseudomembranöse
OesophagitiB.
Einen Beitrag zum Myelom liefert von Bomhard (21).
Er beschreibt ausführlich den Fall einer 51jährigen Frau, der je¬
doch die vollkommen dunkle Aetiologie des Myeloms auch nicht
aufzuhellen vermag. Der Sektionsbefund zeigt, wie schwierig die
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UNIVERSUM OF IOWA
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2.
10. Januar.
Diagnose zu stellen war. Die relativ fortgeschrittene Markerkran¬
kung der Wirbel ließ sich röntgenologisch nicht nach weisen, offen¬
bar, weil die Veränderungen lediglich auf das Knochenmark be¬
schränkt waren, dagegen die eigentliche Knochenschale intakt ge¬
blieben war. Auf Grund der mikroskopischen Untersuchung
charakterisiert sich die Geschwulst als ein Myelom, aus Zellen vom
histologischen Charakter der Myeloblasten aufgebaut.
lieber klinische Beobachtungen zur Kenntnis des Status
lymphatieus und über dessen Beziehungen zur pluriglandu¬
lären Erkrankung berichtet Pribram (22). Jedes einzelne der
im allgemeinen als wichtig für den Status lymphatieus angesehenen
Symptomeist isoliert für diesen nicht charakteristisch. Wohl
aber sind die großen Zungengrundfollikel, das Verhalten der Epiglot-
tis (infantil oder omegaförmig) von großer Wichtigkeit. Im Blute
war oft Lymphocytose, manchmal, und besonders bei Genital-
bypoplasie, Eosinophilie und Basophilie nachweisbar. Ein Fall von
pluriglandulärer Erkrankung kombiniert mit Status lymphatieus
und hypoplasticus wird genauer besprochen.
Eine giftarme, nicht durch die Shiga-Kruseschen Er¬
reger erzeugte Dysenteriebacilleninfektion wurde in Däne¬
mark von April 1911 bis April 1918, wie Sonne (23) erwähnt,
so häufig wie sonst niemals früher anderswo in Europa konstatiert.
Sie trat aber immer nur sporadisch auf. Aus den Umständen,
unter denen der Verfasser die Bacillen gefunden bat, schließt er,
daß kein Grund zu der Annahme vorliege, die Infektion sei nur
in diesen 24 Monaten so häufig gewesen. Er glaubt vielmehr,
weil in Europa früher kaum Untersuchungen unter den gleichen
Bedingungen vorgenommen worden sind, daß die Dysenteriebacillen¬
infektion, in Gestalt sporadischer Fälle, auch außerhalb Dänemarks
ein viel häufiger vorkommendes Phänomen sei.
Literatur: 1. Erich Leachke, Untersuchungen über den Mechanismus der
Harnabsondeuing in der Niere. tZsohr. f. klin. M, Bd. 81, H. 1 u, 2, 8.14.) —
2. A. Lawrynowicx, Uebor die Ausscheidung anisotropen Fettes mit dem Harn
im ZuMimuientiang mit dessen Ablagerung in den Organen. (Ibid. Bd. 80, H. 5
u. G, S. 889) — 8. und 4. Emil Reiss, Zur Klinik und Einteilung der Urämie.
(Ibid. Bd. 80. H. 5 u. 6, S 424 u. 452.) — 5. H. F. HSst, Kolorimetrische Ham*
Säurebestimmungen im Harn. (Ibid. Bd. 81, H. 1 u. 2, S. 113.)— 6. Fleischmann
und Saiecker, Versuche über die Beeinflussung des Purinstoffwechsels durch die
Sekrete der Drüsen mit innerer Sekretion. (Ibid. Bd. 80, H. 6 u. 6, S. 456.) —
7. D. Lampert, Ueber Kreatin* und Kreatininausschoidung bei Diabetikern und
Nephritiaern. (Ibid. Bd. 80, H. 5 u. 6, S. 498.) — 8. A Galambo» und B. Tau»,
Untersuchungen über den Eiweißstoffwechsol beim experimentellen Pankreas¬
diabetes. (Ibid. Bd. 80, H. 5 u. 6, S. 381.) — 9. Fritx Nehl, Ueber den Einfluß
des Nervensystems auf den Pigmentgebalt der Haut. (Ibid. Bd. 81, H. 1 u. 2,
S. 182.) — 10. Gerhard Lehmann, Was leistet die pharmakologische Prüfung in
der Diagnostik der Störungen im vegetativen Nervensystem? (Ibid. Bd. 81, H. 1
u. 2, S. 52.) — 11. H. Köster, Kranielle Geräusche. (Ibid. Bd. 80, H. B u. 6,
8. 515) — 12. W. Janowskl, Der Blut- und Pulsdruck bei Arteriosklerose und
Nephritis. (Ibid. Bd. 80, H. B u. 6, S. 401.) — 13. H. Zondek, Die Wirkung des
Serums mit Diphtherietoxin vorbehandelter Kaninchen auf den Blutdruck normaler.
(Ibid. Bd. 81, H. 1 u. 2, S. 156.) — 14. M. Lidin, Ueber den anakroteu Puls an
der Arteria carotis und Arteria subclavia bei Aorteninsuffizienz. (Ibid. Bd. 80,
H 5 u. 6, S. 488) — 15. E. Jirgensen, Beobachtungen über Capiilarpuls. (Ibid.
Bd. 81, H. 1 u. 2, 8. 36) — 16. Külbs, Nebengeräusche über der Aorta. (Ibid.
Bd. 80, H. 5 u. 8, S. 476.) — 17. E. Magnns-Alsleben, Ueber Ungerinnbarkeit
des Bluts bei der Humoptöe der Phthisiker. (Ibid. Bd. 81, H. 1 u. 2, S. 9.) —
18. Gottfried Holler, Einige Versuchsresultate zum Verständnisse physikalisch¬
chemischer Vorgänge im Blut unter normalen und pathologischen Verhältnissen
und ihr diagnostischer Wert. (Ibid. Bd. 81, H. 1 a. 2, S. 129) — 19. Carl Maate
und Hermann Tachan, Vergleichende Blutzuckerbestimmungen durch Polari¬
sation und Reduktionsmethoden. (Ibid. Bd. 81, H. 1 u. 2, S. 1.) — 20. W. Ceelen,
Zur Kenntnis der Oesophagusdiphtherie. (Ibid. Bd. 80, H. 5 u. 6, S. 481.) —
21. Hans von Bomhard, Ein Beitrag zum Myelom. (Ibid. Bd. 80, H. 5 u. 6,
S. 506.) — 22. Hugo Pribram, Klinische Beobachtungen zur Kenntnis des Status
lymphatieus und Beziehungen desselben zur pluriglandulären Erkrankung. (Ibid.
Bd 81, H. 1 u. 2, S. 120.) — 23. Carl Senne, Beobachtungen über Klinik und
Epidemiologie der giftarmen Dysenteriebacilleninfektion In Dänemark. (Ibid.
Bd. 81, H. 1 u. 2, 8. 73.)
Ans den neuesten Zeitschriften.
Berliner klinische Wochenschrift 1914 , Nr. 45.
Adler (Berlin-Pankow): Beitrag za den perforierenden SchuB-
verletznngen des Magens* Abgekürzt vorgetragen in der Sitzung der
»Kriegsärztlichen Abende“ vom 22. September 1914.
H. Mühsam (Berlin): Beitrag zur Behandlung des Tetanus*
Um eine Wirkung des Tetanusantitoxins nach ausgebrochener Krankheit
zu erzielen, ist die fortdauernde Giftprodnktion der Bacillen zu ver¬
hindern, indem man letztere unschädlich macht. Dies wird erreicht dnreh
Beseitigung reduzierenden Materials (z. B. der Eitererreger, die durch
Sauerstoffabsorption die Entwicklung der Tetannsb&cillen ermöglichen),
durch Abtragung aller mit der Circulation nicht mehr in aasreichendem
Maße zusammenhängenden Gewebe und endlich durch Sauerstoffzofahr
(Wasserstoffsuperoxydverbände).
Der Kriegssanitätsdienst In Berlin* VII. E. Froehlich. Ueber
einen Fall von Bfickeninarksverletznng. Kasuistische Mitteilang.
K. Steindorff (Berlin): Die Kriegsehlrnrgie des Sehorgans.
Bemerkenswert ist die in den letzten Kriegen zunehmende Zahl der
Schußwanden des Auges; diese Zunahme beruht darauf, daß im modernen
Kriege viel mehr in liegender Stellung gekämpft wird. Hervorzuheben
ist ferner, daß anch dann das Auge verletzt werden kann, wenn es dnreh
das Geschoß nicht direkt getroffen wird; denn das Kleinkaliber-Mantel¬
langgeschoß ruft infolge seiner großen lebendigen Kraft eine erhebliche
Fern Wirkung und Verdrängung der dem Schußkanale benachbarten Teile
hervor. Auf dem Truppen- und Hauptverbandplätze beschränkt sich die
Behandlung auf Reinigung der Augenwunden, Abtragung zertrümmerter
Gewebsteile, Entfernung oberflächlicher Fremdkörper, eventuell Atropin-
eiuträufeluDg und aseptischen Verband. Die notwendigen Operationen bleiben
den Lazaretten Vorbehalten. Die Enncleation ist in allen Fällen, wo Form und
Funktion des Auges nicht zu erhalten ist, zur Verhütung der sympathischen
Erkrankung des andern Auges so früh wie möglich vorzunehmen.
M. Bernhardt (Berlin): Beitrag zum Symptomenkomplex der
Brown-S6quardschen Lähmung. Kasuistische Mitteilung.
C. D. de Langen: Beitrag zur Kasuistik des renalen Diabetes.
Mitteilang eines Falles von Diabetes; die Znckerausscheidnng war in
hohem Grade unabhängig von der Kohlehydratzufuhr. Außerdem konnte
eine Hypoglykämie festgestellt werden. Es handelt sich demnach wohl
hier um einen renalen Diabetes.
F. Fidler: Ein Beitrag zur Entstehung der Hernla diaphrag-
matlea und Dilatation des Zwerchfells. Kasuistische Mitteilung.
Dr. Neuhaus.
Deutsche medizinische Wochenschrift 1914 , Nr . 52.
F. Stricker (Berlin): Vorschlag für eine Sammelforschung
Ober Tetanns. Unter Benutzung militärärztlicher Erfahrungen aus dem
Feldzage 1870/71 fordext der Verfasser ein gemeinsames, schematisches
Vorgehen. Aus allen Krankenzetteln, Berichten, Mitteilungen, Frage¬
bogen, Zählkarten müsse horvorgehen: 1. Name, Truppenteil, Dienst¬
stellung des Tetanuskranken. (Nach günstigem Ablaufe kommen nämlich,
wonn auch selten, nervöse Nachkrankheiten vor, die bei Unter¬
suchung auf Versorgungsansprflche berücksichtigt werden müssen.)
2. Ott und Tag der Verwundung. 3. Art und Stelle der Verwundung.
(Ueberaus schädigend wirkt das englische Infanteriegeschoß, das zufolge
seiner Konstruktion ein Ueberschlagen beim Auftreffen auf ein Hindernis
erleichtert und dann zerrissene Wunden verarsacht. Wird die Spitze
der englischen Patrone in üblicher Weise von den Soldaten beim Laden
des Gewehrs abgebrochen, so sind Zertrümmerungen der weichen
Bedeckungen and ausgedehnte Knochensplitterungen die Folgen.
Noch verheerender wirkt das HohUpitzengeschoß der Engländer.)
4. Tag und Ort der Erkrankung. 5. Behandlung.
A. Käppis (Haaren, Westf.): Ueber Schufiverletsungen der
großen Gefäße* Im jetzigen Kriege sind die Gefäßverletzungen und be¬
sonders ihre Folgen, die Aneurysmen, verhältnismäßig viel häufiger als
früher, aber trotzdem noch seltenere Affektionen. Kommen diese Ver¬
letzungen noch ohne Gangrängefahr in die Hand des Arztes, so ist die
Möglichkeit der Blutstillung durch Druckverband in vielen Fallen vor¬
handen. Unter diesem Kompressionsverbande kann man auch warten, bis
sich bei einem Aneurysma der zur Erhaltung eines Glieds genügende
Kollateralkreislauf ausgebildet hat.
Busch (Krefeld): Mit Darmversehlnfi komplizierter Lungen*
leberschuß. Ein Schrapnellgeschoß drang durch Pleurahöhle, Lunge
und Zwerchfell in die Leber ein und verletzte hier einen großen Gallen-
gang. Dnreh Ansammlung einer größeren Gallenmenge dehnte sieb der
Ueberzug der Leber und es kam zu einer sehr großen und prallen
cystenartigen Geschwulst, die zu einer Abknickung des Kolons und da¬
mit zu einem vollkommenen Darmverschlusse führte. Durch Operation
gelang es, die Leberverletzung fast ganz auszuheilen. Durch eine nachträg¬
liche Vereiterung des rechten Hämatothorax, also durch einen Pyopneumo-
thorax, versagte aber das dadurch überangestrengte rechte Herz schließlich.
Erwin Erhardt (München): Schädelchlrurgie im Felde* Schluß.
Von 23 trepanierten Fällen sind 9 gestorben, 2 etwas gebessert, 12 in
Heilung begriffen und geheilt. Auch bei schweren, aussichtslos erschei¬
nenden Schädel Verletzungen darf die Operation nicht unterlassen werden.
Man wird dadurch die Statistik verschlechtern, aber vielleicht ein Menschen¬
leben retten. Wer größere Hämatome, die Herderscheinungen machen, nicht
operiert, läßt die gedrückten Rindencentren durch Inaktivität atrophieren.
F. Kirstein (Marburg a. d. Lahn): Narkosenasphyxie post lapa-
rotomlam. Der Verfasser betont zunächst seine Sta dien ein teilung der
Narkose: 1. Der Patient spannt noch, Coraeal- und Pupillenreflex erhalten,
Excitationsstadinm bereits überwunden. 2. Cornealreflex erloschen, Po-
pillenreaktion besteht noch, Bauchdecken noch gespannt. 8 . Pupillen
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10. Januar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2.
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eog and resktionslos, Baachdecken schlaff; regelmäßige, langsame, tiefe
Atmung. 4. Papillen sehr weit and reaktionslos, Stadium periculi.
Sr weist ferner auf die Narkosenbreite hin, die sich aas der Summe
der einseinen „Stadiumbreiten“ zusammensetzt. Die Narkosenbreite ist
gering, wenn man ans dem zweiten Stadium ganz überraschend schnell
trots weiterer vorsichtiger Darreichung des Narkoticums in das vierte
Siadiam hineinger&t Der Verfasser ersieht aus dem Schnellerwerden
des Paliei nur ein Abnehmen in der Narkosentiefe (Wiederhineingeraten
ins mite Stadium), ans dem Langsamerwerden der HerzBchlagfolge nur
eine Vertiefung des Betftubungszustandes (aber nicht, ob man sich in
der Mitte oder am Ende deB dritten Stadiums befindet). Er berichtet
düs Ober einen Fall, wo bei einer im dritten Stadium narkotisierten
Kranken durch einen starken Peritonealreis eine Reaktion ansgelöst wurde.
Dieser recht erhebliche Reiz genügte jedoch nicht, die Kranke bis
mm (weiten Stadium »aufzuwecken“. Als er aber schwächer wurde
- bei fortlaufender Narkose —, führte er mm vierten Stadium.
Duck sofort vorgenommene Königsche Herzmassage (kurze, kräftige,
schnelle Stoß« mit der geballten Faust gegen die Herzgegend) allein ohne
jede kümtliche Atmung gelang es, in ganz kurzer Zeit — es mag keine
Misste gedauert haben —, den recht bedrohlichen Zustand zu beseitigen.
Marcus (Berlin): Seltene Verwundung bei Fliegerbeschleßnng.
Eis Soldat wurde von einem feindlichen Infanteriegeschoß tödlich ge¬
troffen, daa aber nicht für ihn bestimmt war, sondern für einen deutschen
Flieger, beim Herabfallen jedoch ans der Höhe in den untenstehenden
Mum eingodrungen war.
E Althoff (Attendorn i. W.): Behandlung der Schweißfüfte.
Empfohlen wird angelegentlichst Einpinselnng mit Formaldehyd 35 %, Aq-
dest ü ad 100,0. Man soll bei Soldaten, die zu Schweißfüßen neigen,
diese Eispinaelung prophylaktisch vor größeren Märschen vornehmen.
Bäcker (Riedern in Vorarlberg): Die Sonnen- und Frelluft-
behaidlong schwer eiternder Wunden* Hingewiesen wird auch be-
Nsden auf die auatrocknende Wirkung der Luft. Im Hinblick anf
die von der strahlenden Wärme erzeugte tiefe aktive Hyperämie emp¬
fiehlt sich, bei Besonnung von Gipsfensterverbfinden zur rascheren Heilung
die Gipahülle mit luftdurchlässigen schwarzen Wasserfarben anzustreichen
(Lackfarben sind wegen Aufhebung der Hantansdünstnng za vermeiden).
Du gleiche gilt von Streckverbänden, die daher aach mit schwarzem
Flanell auufertigen sind. Der durch die trockne Luft und besonders
durch die Sonnenwirkung entstehende, bald sehr dicke Fibrinschorf maß
rechtseitig gelüftet werden, und zwar durch Berieselung mit Wasserstoff*
ssperoxyd. F. Bruek.
Münchner medizinische Wochenschrift 19J4 , Nr. 52.
Erich Leschke (Berlin): Ueber Pnenmokokkenaiiglna and ihre
BehaiHong. Unter den Mandelentzündungen spielen die durch Pneumo¬
kokken hervorgerufenen eine besondere Rolle. Sie zeichnen sich klinisch
durch ihren meist hartnäckigem Verlauf und die erhebliche influenzaartige
Allgemeinitörung bei geringfügigem lokalen Befand ans. Bakteriologisch
«isd sie gekennzeichnet durch das Vorhandensein des Diplococcus lanceo-
litu als des überwiegenden pathogenen Keims anf den Mandeln. Das
klinische Krankheitsbiid ist entweder das der follikulären Angina oder
du der Pneumokokkeninfluenza oder das der sepsisartigen Pneumokokken-
ugina. Therapeutisch empfiehlt sich das gegen die Pneumokokken selbst
gerichtete Optochin (dreimal täglich 0,4 in Oblaten nach dem Essen).
Mai Herz (Sydney in Australien): Wachstumsstörung and De-
feraitit. Bei einem 15jährigen Jungen hatte die linke Hand die Stel¬
lung einer Manua valga, Bie stand schief zum Vorderarm. Wie die
Eöatgenphotographie ergab, war die laterale (radiale) Hälfte der radialen
Epiphyseuzon© vorzeitig ossificiert. Es handelte sich um eine Verletzung
dar Epiphyienlinie durch einen zehn Jahre vorher erlittenen Fall anf die
hake Hand. Unbemerkt hatte sich die Deformität entwickelt, bis sie erst
uch zehn Jahren deutlich wurde.
E. Wunder (Wolfstein in der Pfalz): Einfachste Methode znr
BestlauDiog des Kochsalzes des Stickstoff^ and der Elektrolyte im
BfeueMJehen Harn* Besprochen werden die Kochsalzbestimmnng
^ Slraui8, die Kochsalzbes.immung nach Weise, die Stickstoff-
bestimmang nach Bergei 1 nnd die galvanometrische Harnuntersuchung.
EdgardReye (Hamburg): Zar Aetlologle der Endocardltis Terra-
(Schluß.) Es handelt sich stets um eine bakterielle Erkrankung, in
allererster Linie dabei um den aeroben Streptococcus mitiors. viridans. Auch
die Endokarditis lenta «ei als schwerster Grad einer verrukösen Endokar-
wii ttfiufuien, also auch auf den Streptococcus viridans zurückzufahren.
Feldärztliche Beilage Nr, 21,
Madelung: lieber Tetanus bei Kriegsverwundeten. Ergebnis
Mw SaaaelfonchiDg. Ein Fragebogen kam an 80 Festungs-,
«*wre*, Hilf* und Vereinslazarette in Straßburg und seiner Umgebung
Vaneoding. Von 152 mit Antitoxin behandelten Fällen sind 47
genesen, 105 gestorben. In 3 Fällen wurde außer Antitoxin, Morphium,
Chloral noch Magnesiumsulfat subcutan verabreicht (in einem von diesen
wurden im ganzen 75 g, im andern 90 g in 15%iger Lösung injiziert).
Alle 3 Fälle kamen zur Genesung.
A. Bielschowsky (Marburg): Ueber Sehstörnngen im Kriege
ohne objektiven Augenbefund. Nach einem am 19. November 1914 ün
ärztlichen Verein zu Marburg gehaltenen Vortrage.
M. Kirschner (Königsberg i. Pr.): Bemerkungen über die
Wirkung der regelrechten InfanterlegeBChosse nnd der Dumdum¬
geschosse anf den menschlichen Körper. Bei den Infanteriegescbossen
unterscheidet man Mantel- and Vollgeschosse. Die Mantelgeschosse
haben einen Ueberzng ans Stahlblech, der nur in der Mitte seiner Basis
eine große Oeffnnng hat. Der Hohlraum des Mantels ist mit Hartblei
ausgegossen. Die Vollgeschosse sind aus einem einheitlichen Material,
z. B. Kupfer, hergestellte massive Körper (z. B. das etatsmäßige franzö¬
sische Infanteriegeschoß). Dumdumgeschosse sind Mantelgeschosse,
deren Stahlmantel auch an dem vorderen, spitzen Ende nicht voll¬
kommen geschlossen ist, was man an jedem regulären Mantelgeschoß in
wenigen Augenblicken erreichen kann. Es liegt also am vorderen Ende
eines solchen Geschosses ein weicher Metallkern in einem harten
Stahlmantel zutage, was das Charakteristikum eines Dumdum¬
geschosses ist. Unmöglich also ist es, ein Vollgeschoß in ein
Dumdumgeschoß umzuformen. Der einzige Beweis dafür, daß eine
Wunde durch ein Dumdumgeschoß herbeigeführt wurde, ist die
Auffindung des Projektils in einem so wenig deformierten
Zustande, daß sich noch absolut sicher feststellen läßt: an
seinem vorderen, spitzen Ende war die Geschlossenheit des Stahl,
mantels bereits vor dem Abfenern der Patrone absichtlich unter¬
brochen. Aber das Vorhandensein eines deformierten Stahlmantels
i in der Wunde oder der Ans tritt von Blei aus dem Stahlmantel er¬
bringt an sich nicht den Beweis für ein Dumdnmgeschoß, da auch die
regulären Mantelgeschosse sowohl vor dem Eintritt in den menschlichen
| Körper durch Ricochettieren als auch im menschlichen Körper (bei nicht
vorausgehender Spitze) durch Aufprallen auf einen kräftigen Knochen der¬
artig veranstaltet werden können. Triflt ein Dumdnmgeschoß nur Weich-
teile, so wirkt es wie ein reguläres Projektil. Specifiscb, zerstörend
kann es nur beim Anftreffen anf einen Knochen wirken (hierbei wird
die offene, nicht widerstandsfähige Kuppel eingedrückt. Der Bleikern
kann sich von derMantelwand losreißen and w eiterfliegen. Da er relativ
weich ist, kann er anch am Knochen zerschmettert werden). Bei Nah¬
schüssen aber (bis etwa 400 m) kann anch das reguläre Infanterie¬
geschoß zu einer richtigen Explosion des Knochens führen. Denn die
Zertrümmerung des Knochens ist um so größer, je größer die leben¬
dige Kraft des Projektils, je größer alBo dessen Geschwindigkeit, das
heißt je kürzer die Schußweite ist. Eine explosionsartige Gescho߬
wirkung kommt auch im Innern des Körpers zustande, wenn in der Nah¬
zone Organe getroffen werden, die sich wie eine mit Flüssigkeit gefüllte,
geschlossene Kapsel verhalten. Die Flüssigkeit überträgt die durch das
Eindringen des Projektils im Innern eintretende Drucksteigerung plötzlich
auf die Wandung, die hierdurch mit ihrem Inhalt aaseinandergerissen
wird. Auch dadarch, daß reguläre Geschosse mit vorangehendem
stumpfen Ende oder quergestellt den Körper treffen oder sich, mit der
Spitze eindringend, während des Durchgangs durch die Weichteile um¬
kehren, können ausgedehnte Zerstörungen zustande kommen (da das
reguläre Geschoß an seinem Boden nicht geschlossen ist, so kann der
hier frei zutage liegende Bleikern heransgeschlendert werden, wenn [da»
Geschoß mit vorausgehendem Boden anf einen Knochen anfschlägt).
K. Stargardt (Hamburg): Ueber die englischen Infanterie*
gescho9S6 und Ihre Wirkungen. Während das deutsche Geschoß nur
einen einzigen Bleikern zeigt, finden sich in dem offiziell eingeführten
englischen zwei Kerne von verschiedenem specifischen Gewichte. Da¬
durch muß dag Geschoß beim Anstoß an einen Knochen auseinander¬
springen. Die Spitze mit dem einen Kern muß abbrechen, der Mantel
eingerissen werden und der zweite Kern herausfliegen. Es kommt bei
dieser Konstruktion zu einer Explosivwirkung. Die Anbringung
zweier Kerne von verschiedenem specifischen Gewichte kann nicht ans
ballistischen Gründen erfolgt sein, sondern nur, am möglichst schwere
Verletzungen hervorzurafen. Die englischen Iofanteriegeschosse machen
also nicht nur kampfunfähig, sondern sie verstümmeln anch für immer.
v. Meyer und Felix Kraemer (Frankfurt a. M.): Ein Beitrag
ca „Infanteriegeschosse mit Spreng- (Dom-Dom-) Wirkung“. Die
Verletzungen in zwei Fällen sind durch Teile eines englischen Infan¬
teriegeschosses entstanden, nnd zwar in dem einen Falle durch eine
Geschoßspilze mit Aluminiumkegel und anhängendem Teil des zersprengten
Metallmantels, in dem andern durch einen deformierten Bleikem, wie er
in den mit einer Alnminiomkegelapitze versehenen englischen Infanterie¬
geschossen enthalten ist.
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2.
10. Januar.
F. Haenisch (Hamburg-Barmbeck): Röntgenologischer Nachweis
der Dnmdumwlrknng englischer InfanterlegeschoBse. Demonstriert
im Aerztlichen Verein in Hamburg am 2. Dezember 1914.
Wilhelm Hartert (Tübingen): Eine sichere röntgenologische
Methode zur Geschoß) okallsation. Wenn in den Weich teilen markante
Punkte fehlen, so schafft sich Verfasser solche dadurch, daß er nach un¬
gefährer L&gebestimmung des Geschosses (vor dem Leuchtschirm oder
durch einfache Aufnahme) in lokaler Anästhesie die in Frage kommende
Körperstelle gewissermaßen in ein Nadelkissen verwandelt.
Philipp Erlacher: Erfahrungen am österreichisch-rassischen
Kriegsschauplätze. Die Verletzungen durch das russische Infanterie¬
geschoß waren in der letzten Zeit-ungleich schwerer als zuerst. Während
die Russen nämlich früher das spitze S-Geschoß (10 g schwer) benutzten,
verwandten sie Bpäter das 0-Geschoß (14 g schwer), das ist ein Cylinder-
geschoß mit abgerundeter Spitze.
August Heisler (Königsfeld in Baden): Vorschlag zur Ver¬
hütung der Tetanusgefahr durch intensive LuftbestrÖmung. Man
führt heiße Luft mittels eines besonderen Apparates (Heißluftdusche) zu
oder auch kalte Luft mittels eines Ventilators, eines Blasebalgs oder der¬
gleichen. (Die Beströmung mit kalter Luft verursacht leichte Schmerzen.)
Indem die Luft auch in alle Buchten zerfetzten Gewebes eindringt,
hemmt sie die Entwicklung der nur anaerob wachsenden Totanuserreger.
Kellermann: Typhusschutzlmpfnng. Tetanusbehandlang. Die
nachgewiesene Agglutination bei vorher schutzgeimpften Personen ist
keia Beweis für Typhuserkrankung. Wie lange die Agglutination an¬
hält, also wie lange wahrscheinlich eine Immunität gegen Typhus be¬
steht, ist noch zu erweisen. Bei Tetanus spritzt der Verfasser täglich
10 ccm der offizmellen 3%igen Wasserstoffsuperoxydlösung in den teil¬
weise zugeheilten oder verklebten (!) Schußkanal genau in der Schußrich'
tung ein. (Da diese Einspritzungen sehr schmerzen, wird eine Viertel¬
stunde vorher eine Morphiuminjektion gegeben.)
Hans L. Heusner (Gießen): Oleam Raset zar Behandlung in¬
fizierter Weichteilwanden. An Stelle des ausgezeichneten, aber teueren
Perubalsams empfiehlt Verfasser das wesentlich billigere Oleum Rusci.
Es wird unverdünnt in dicker Schicht aufgetragen.
Gross: Schneeblindheit. Das Charakteristische der Schnee¬
blindheit ist eine Entzündung des äußeren Auges (auch Ciliarinjektion
mit Irisreizung und Druckempfindlichkeit des Corpus ciliare können vor¬
handen sein). Prophylaktisch empfiehlt sich sehr die von Schanz be¬
schriebene Euphosbrille.
Karl Dieterich (Helfenberg): Harzlösungen für Verbandzwecke«
Das von Fiessler und Bossert vorgeschlagene Lösungsmittal „Aether“
verwirft Verfasser. Denn Aether verdunstet zu schnell, was unerwünscht
ist, da bei großen Verbänden das Lösungsmittel längere Zeit die Kleb¬
lösung vor dem Eintrocknen schützen soll. Benzol dagegen steht in der
Verdunstung, die sich bei ihm immer noch rasch genug vollzieht, dem
Benzin nabe. Es ist auch für Verbandzwecke genügend vorhanden und
kostet nur 35 Pf. pro Kilogramm. (Aether dagegen kostet augenblicklich
pro Kilogramm 3 Mark 40 Pf.I) F. Bruck.
Journal ofthe American medical association J914, Bd. 63, Nr. 15.
Allen B. Kanavel, Osteoplastischer Verschloß der Foramina
trlgeminl. Verfasser hat Versuche unternommen, in Fällen von Trige¬
minusneuralgie die Austrittslöcher des Nerven nach teil weiser Entfernung
desselben mit Knochen zu verschließen, um seine Wiederausbreitung zu
verhindern. Er gibt mit reichlichen Abbildungen die Geschichte eines
diesbezüglichen Falles, betont aber, daß es sich nur um einen experi¬
mentellen Versuch handelt. Die praktische Ausführung wünscht er wei¬
teren Versuchen vorzubehalten.
John B. Murphy: MyoBitis. Die Arbeit behandelt die nach Ver-
letznngen des Handgelenks, Ellbogens usw. auftretende sogenannte Volk-
mannsche Contractur. Verfasser spricht sie als ischämische Myositis¬
folge an and bespricht eingehend Entstehung, Prophylaxis und Beseitigung.
Die Arbeit bringt gute Abbildungen und ist mit mehreren Fällen belegt.
Donald Guthrie: Die Brustkrebsoperation nach Rodmann.
Rodmann empfiehlt 1908 eine Operationsmethode für Brustkrebs, die
nach Meinung des Verfassers die Vorzüge der bekannten Methoden ver¬
einigt. Die Arbeit gibt mit guten Abbildungen die Methoden and die
Erfahrangen des Verfassers.
L. Walter Vaughan: Krebsvaccine and Antikrebsglobaline
als Hilfe bei der chirurgischen Behandlung von malignen Erkran¬
kungen. Die Arbeit gibt die Erfahrangen an 100 diesbezüglichen Fällen.
A. H. Foerster: Erythema nodosum in Verbindung mit Tuber,
knlose. Verfasser gibt zwei Fälle und ist der Ansicht, daß das Zu¬
sammentreffen beider Erkrankungen mehr als zufällig ist, wenngleich
Erythema nodosum als Infektionskrankheit wie andere derartige Krank¬
heiten den Boden für Tuberkulose vorbereiten könne. Bei Kindern mit
familiär vorkommender Tuberkulose müsse indeB Erythema nodosum auf eine
vom Latenten zum Fortschreiten^übergehende Tuberkulose schließen lassen.
L. B. Pilsbury: Paralysefillle mit Salvarsanbehandlnmr. Kurze
Uebersicht über Erfolge und Behandlung mit Fällen. Die Erfolge sind
keine hesonders guten.
G. Eugene Riggs und E. H. Hammer: Die Resultate von 100
SalvarsanInjektionen. Verfasser sieht in der Salvarsauinjektion einen
bemerkenswerten Fortschritt in der Therapie der syphilitischen Affek¬
tionen des Centralnervensystems, betont aber, daß die Anwendung nur
von in der Technik erfahrenen und geschulten Aerzten Erfolg garantiere
Die behandelten Patienten zeigten mit Ausnahme eines Falles nach der
vierten Injektion negativen Wassermann. Die Resultate waren im allge¬
meinen bei Tabes besser als bei Paralyse.
H. H. Drysdale: Juvenile Psychosen. Geisteskrankheiten sind
im Kindesalter nach dem Verfasser häufiger als dorchnittlich angenommen
wird. Auch findet man bei Untersuchung erwachsener Geisteskranker
häufig eine der späteren Krankheit entsprechende Attacke in der Jugend.
Verfasser meint, da wir mehr und mehr zur Prophylaxis neigen, es köonte
durch genaue frühzeitige Feststellung und Behandlung jugendlicher Psy¬
chosen etwas getan werden, am vorznbengen. Seine Ausführungen sind
begleitet von der Krankheitsgeschichte eines elfjährigen Jungen.
The Journal ofthe American Medical Association , Bd. 63, H. 21.
Rowland Godfrey Froeman, Urinuntersuchungen in der
Diagnose und Behandlung von Säuglings- und Kinderkrankheiten,
betont, daß In allen Erkrankuugsfällen eine genaue Untersuchung des
Urins hinsichtlich Säuregehalts, Darmfäulnis gemacht werden müsse,
ferner auch eine genaue Zählung der vorhandenen Leukocyten. Wenn
diese in irgend größerer Menge vorhanden sind, müsse eine Untersuchung
auf Bakterien und, wenn vorhanden, eine Kulturanlegung folgen. Diese
Untersuchungen würden nach Ansicht des Verfassers häufig eine gründ¬
liche Diagnose und therapeutischen Erfolg sichern.
Ellis Kellert, Carcinom, Syphilis und Tuberkulose bei dem¬
selben Patienten. Fallgeschichte mit Abbildungen.
Samnel Iglauer, Wert der Röntgenuntersuchung bei Dia¬
gnose von Kehlkopf- und Luftröhre» erk ran hangen, betont unter Zu¬
hilfenahme von zahlreichen guten Abbildungen den Wert der Röntgen-
untersuchung und gibt dieser besonders bei Kindern und Nervösen vor
andern Methoden den Vorzug.
Frank Smiethies, Magenkrebs bol jungen Menschen. Bemer¬
kungen über 16 Fälle von Magenkrebs, dessen Träger unter 31 Jahren waren.
Alfred Gordon, Unerwünschte Komplikationen nach intra-
duraler Salvarsanlnjektlon. Verfasser sah bei einem an Tabes dorsalis
leidenden Kranken eine plötzliche heftige Verschlimmerung nach der
nach Ravaut verabreichten Salvarsaninjektion, speziell Urinretention im
Gegensatz zu der vorher bestehenden Incontizenz, starke Schmerzen
usw. Es trat Erbrechen auf und Patient kam bald darauf zum Exitus.
Bücherb esprechungen.
F. Lorentz und F. Kemsies, Hygienische Unterweisung und
Jugendfürsorge an den Schalen. Osterwieck (Harz) 1913,
A. W. Zickfeldt. 130 S. M 2,—.
Die gesammelten Aufsätze, überwiegend von Schulmännern und
zwar in größerer Zahl von den Herausgebern selbst verfaßt, geben ein
erfreuliches Bild von der Wirksamkeit des Zusammenarbeiten von Lehrer
und Arzt in der Schule. Die glänzendsten durch Versuch und Beob¬
achtung gewonnenen Entdeckungen der Gesundheitswissenschaft bleiben
unfruchtbar, wenn sie nicht durch den Unterricht znm dauernden Besitz
der heran wachsenden Jugend gemacht werden. Es kann Behr strittig
sein, ob man gut tut, unser Wissen von den Krankheiten und ihrer Be¬
handlung in der Schule zu lehren. Aber die Verbreitung feststehen¬
der Lehren der Gesundheitswissenschaft und der wichtigsten Sätze der
Vorbeugung gehört zum Unterrichte der heranwachsenden Jugend. Hier
haben sich erfahrene Erzieher zusammengetan, die durch eingehendes
Studium sich reiche Kenntnisse der Hygiene erworben haben und die
uns Aerzten auf ihrem eignen Gebiete zeigen, wie dieser Unterricht aus¬
zugestalten ist. In einer Reihe von Aufsätzen werden die Methoden des
Anschauungsunterrichts beleuchtet und der Lehrgang für besonders
wichtige Fragen, wie z. B. die Körperhaltung, die Pflege der Zähne, die
sexuelle Aufklärung, die Behandlung der Gewerbehygiene in den Fort¬
bildungsschulen, die Tuberkulose dargestellt Da es sich hier um eine
neue Seite der Schulhygiene handelt, in deren Durchführung der erfahrene
und dem gleichen Ziele nachgehende Lehrer dem Arzt etwas zu geben
hat, verdient die mit eingehenden Literaturnachweisen versehene Samm¬
lung die Aufmerksamkeit der Schulärzte. Im eignen Interesse handeln
sie anch, wenn sie außerdem für Verbreitung in Lehrerkreisen sorgen.
A. Gottstein (Charlottenburg).
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10 Januar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2.
51
Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen.
Neue Folge der „ Wiener Medizinischen Presse“.
Gesellschaft für innere Medizin and Kinderheilkunde in
Wien.
Sitzung der pädiatrischen Sektion vom 10. Dezember 1914.
L. Unger demonstriert einen Säugling mit kongenitaler
lchthyosis. Das Kind war bei der Geburt ausgetragen und reif.
Es zeigt am ganzen Körper eine diffuse Keratose, nur die Gelenk¬
beugen sind frei, die ganze Haut ist rot. Die Hautduplikaturen
sind erhalten, nur die Augenlider sind ektropioniert. Das Kind
kann saugen und nimmt an Körpergewicht zu, darum ist die Pro¬
gnose besser als sonst bei dieser Affektion. Die Mutter war eine
gesunde Frau, zwei früher geborene Kinder leben, eines ist an
Lebensschwäche gestorben. Hereditäre Momente sind nicht vor¬
handen. Die kleine Fontanelle ist bei dem Kind ungewöhnlich
groß. Die kongenitale lchthyosis ist eine seltene Krankheit. Die
Therapie besteht in Bädern mit Soda, Schwefelsalben oder Borax
und in Einfettung der Haut. Eine vollständige Heilung ist wohl
kaum zu erwarten.
R. Neurath bemerkt, daß die Vererbungsregeln der lchthyosis
nicht immer dieselben sind, wie die immerhin spärliche Literatur zeigt.
Oft handelt es sich um eine direkte Vererbung von Generation zu Gene¬
ration. Anders verhielt es sich in einer von Neurath beobachteten
Familie. Von den Kindern eines Ehepaares hatten 3 lchthyosis, die
Schwester der Mutter hatte 2 Kinder, von denen eines die Krankheit
zeigte. In der weiteren Aszendenz ließ sich anamnestisch kein Fall eruieren.
Der geschilderte Vererbungstypus entspricht voll dem Men de Ischen
Gesetze.
L. Unger weist darauf hin, daß kongenitale lchthyosis auch
endemisch vorkommt, und zwar nicht nur in exotischen Ländern (auf
den Molukken); bei manchen albanischen Stämmen wurde die Krankheit
beobachtet, und zwar nur bei der männlichen Bevölkerung.
H. Koch zeigt ein Kind mit dem Frühstadium der Tuber¬
kulose. Unter Frühstadium der Tuberkulose ist jene Periode ge¬
meint, welche zwischen der erfolgten Infektion und dem Auftreten
der Pirquetschen Reaktion liegt. Diese Periode ist nur durch
systematische Untersuchung der Tuberkulinfähigkeit eines Indi¬
viduums genau zu umgrenzen. Vortr. berichtet über 3 Fälle: 1. Ein
neugeborenes Kind wird nach dreistündigem Beisammensein mit
der phthisischen Mutter auf die Klinik gebracht. Bis zur 7. Lebens¬
woche normale Entwicklung, dann tritt eine Fieberperiode auf, die
bis zum Exitus im 3. Monat anh<. Die Pirquet sehe Reaktion
wurde in der 9. Woche positiv gefunden. 2. 3 Wochen altes Kind,
normale Entwicklung bis zur 7. Woche. Dann Auftreten einer eine
Woche dauernden Fieberperiode. Die Pirquet sehe Reaktion wird
in der 8. Woche positiv. 3. Der vorgestellte 4 1 /2jährige Knabe
wurde wegen multipler Abszesse aufgenommen. Nach 12wöchent¬
lichem Fieber traten eine Besserung und normale Temperatur auf.
8 Wochen später bekam das Kind Fieber und die früher wöchent¬
lich untersuchte Pirquetsche Reaktion wurde positiv. Röntgeno-
logisch konnte das Auftreten eines Schattens am linken Lungen-
hilus nachgewiesen werden. Es geht daraus hervor, daß das Auf¬
treten der Pirquetschen Reaktion ca. 7 Wochen nach der Infektion
xu erwarten ist. Gleichzeitig bildet eine Temperaturerhöhung die
Regel; diese wird als Initialfieber der Tuberkulose bezeichnet und
dauert wenige Tage an. Die Zeit bis zum Auftreten der Kutan-
reaktion verläuft vollkommen symptomlos.
Frh. Ql. v. Pirquet bemerkt, daß der Befund des Vortr. sehr
wichtig ist, weü er die erste genaue klinische Beobachtung einer im
mittleren Kindesalter erfolgten Infektion darsfcellfc. Die erste Erkrankung
& so geringfügig, daß sie nur bei häufiger Temperaturmessung und
wöchentlicher Tuberkulinprobe überhaupt bestimmt werden kann.
. W. Knöpfeimacherhat bei einem Säugling, weicher in den ersten
hebenstagen eine negative Pirquetsche Reaktion auf wies, das Auftreten
« positiven Reaktion im 2. Lebensmonat konstatiert. Es waren die-
kleinen Fieberbewegungen wie in dem demonstrierten Fall vor-
. Schick demonstriert ein 4 1 /«jiähriges Kind mit Trommel-
wMIgelflngern. Das Kind hat im 2. Lebensjahre eine Lungen¬
entzündung durchgemacht und kann sich seither nicht erholen,
«ach der Krankheit bildeten sich Trommelschlägelfinger aus,
welche im Winter stärker ausgesprochen sind. Im Bereiche des
^ten Ünterlappens der Lunge ist Dämpfung, im Sputum finden
? lc " Tuberkelbazillen, im Abdomen ist eine Flüssigkeitsansamm-
J^weisbar. Die Röntgenuntersuchung ergibt nur Weichteil-
w&naerungon an den Fingern, außerdem finden sich periostale
Mugerungen auf den Vorderarmknochen.
Redigiert von JPriv.-Doz. Dr. Anton Bum, Wien.
W. Knöpfelmacher und G. Bien: Nabelkoliken und
Ulcus duodeni. Eine Reihe von Beobachtungen typischer und
atypischer Fälle von Nabelkoliken im Kindesalter gibt Veran¬
lassung zur Besprechung der für die Differentialdiagnose ma߬
gebenden Momente. Die sich wiederholenden, plötzlich auftretenden
Schmerzattacken geben zu Verwechslungen mit ähnlicher Krank¬
heitsbildung Veranlassung, welche durch klinische Beispiele belegt
werden. Die wesentlich in Betracht kommenden Krankheitsbilder
sind Koliken infolge abnormer Gärung des Darrainhaltes oder
Obstipation, eventuell auch infolge von Würmern, Bleikolik, akute
und chronische Appendizitis, Aura bei Epilepsie, Tuberkulose des
Abdomens (Tuberkulose des Peritoneums oder der Mesenterial¬
drüsen), Colitis mucosa, Gallensteinkoliken, kongenitale Anomalien
anatomischer Natur (Persistenz des Me ekel sehen Divertikels),
eventuell auch Tumoren oder Volvulus. Die Beobachtung eines
Falles von Ulcus duodeni bei einem Kind infolge von Laugen¬
verätzung, über welche berichtet wird, lehrt, daß auch Ulcus ven-
trieuli und Ulcus duodeni zur Differentialdiagnose herangezogen
werden müssen, um so mehr, als die genauesten Kenner dieses
Krankheitsbildes den Beginn in das Kindesalter zurückdatieren
möchten. Selbst durch genaue klinische Untersuchung ist eine
scharfe Abgrenzung der beiden Krankheitsbilder von einander nicht
immer möglich; die Prüfung der Vortr. bestand in jedem Falle
außer der genauen Anamnese in der Prüfung des Mageninhaltes,
im Nachweis von Blut in den Fäzes nach 3tägiger Milchdiät,
Aufsuchen der typischen Druckpunkte und in der Röntgendurch¬
leuchtung des Magendarmtraktes. Sichere IJIkussymptome konnten
in den Fällen typischer Nabelkoliken (7) ebensowenig beobachtet
werden wie in der größeren Reihe der Beobachtungen von atypi¬
schen, mehr diffusen Magenbeschwerden au 14 Kindern, obwohl in
einzelnen Fällen Hyperazidität und abnormer Verlauf der Magen¬
peristaltik einen gewissen Verdacht auf Ulkus zu rechtfertigen
scheinen.
J. Fried] ung gibt seiner Freude Ausdruck, daß seine vor 10 Jahren
erschienene Arbeit von den Untersuchern bestätigt wird. Das Krankheits¬
bild des Ulcus duodeni war ihm damals m»eh völlig unbekannt und kam
bei der von ihm geforderten Diagnose der „Nnbclkoliken* per exclusionem
noch nicht in Frage. Es sei sehr erfreulich, daß Vortr. in den beob¬
achteten 7 Fällen von Nahelkoliken auch das Duodenalgeschwür aus-
schließen konnten und daß sie gleich Friedjung den Symptomen-
komplex als einen neuropathischen auffassen. Er habe diesen Standpunkt
gegen Küttner verteidigt, der alle Fälle von rezidivierenden Nabel¬
koliken als appendixkrank aufgefaßt und operiert sehen will. Daß die
Schmerzen nach der Laparotomie schwinden, ist kein Beweis für die
Richtigkeit der Deutung Köttners, man kann denselben Heilerfolg mit
einer viel harmloseren Suggestivtherapie erreichen und schon sein jahre¬
langer Bestand schließt eine anatomische Erkrankung aus.
Frh. CI. v. Pirquet erwähnt, daß Nobel an der Kinderklinik eine
größere Anzahl von Kindern mit Ulkushesehwerden genau untersucht
hat, ohne einen sicheren Anhaltspunkt Dir Ulkus zu finden.
W. Knöpfelmacher hat hei einem 6jährigen Knaben mit An¬
fällen von Koliksehmerzen die allmähliche Entstehung der Symptome
eines tuberkulösen Darmulkus mit reichlichen Blutungen beobachtet. In
der Privatpraxis sehen die Kinderärzte weit mehr Fälle von Nabelkoliken
als bei Kindern irn Spitale. Das stimmt damit überein, daß man in der
Privatpraxis überhaupt häufiger Neurosen beobachtet als in den Ambu¬
latorien. Auffallend ist dabei, daß die Mehrzahl der von ihm beobach¬
teten Kiuder Knaben waren, was bei Hysterie nicht die Regel ist. Der
Spitalsaufenthalt wirkte in jedem Fall heilend. Das muß noch nicht
gegen Ulcus duodeni sprechen, erst eine langjährige Beobachtung kann
die Entscheidung bringen.
J. Friedjung bemerkt, daß unter den 37 Kindern, auf welche
sich seine Arbeit stützte, in den jüngeren Jahrgängen (3—10 Jahre)
Knaben und Mädchen gleich stark vertreten waren; unter den älteren
Kindern (10—14 Jahre) überwogen die Mädchen bedeutend, ein Verhalten,
das auch sonst der Kinderhysterie eigentümlich ist. H.
Morphologisch-physiologische Gesellschaft in Wien.
L. Tirala: Erregung und Tonus bei den Krustazeen.
Bei den gemeinsam mit Uexküli ausgeführten Untersuchungen
(an Langusten und Krabben) wurde zunächst die Anatomie des
Langustenbeins erforscht. Im wesentlichen setzt sich das Hein aus
gelegentlich verbundenen chitinigen Röhren zusammen, welche
durch je zwei Muskeln gegeneinander bewegt werden (Beuger und
Strecker, Vorzieher und Rückzieher). Diese Muskeln werden durch
ein motorisches Nervensystem beherrscht, welches durch einge-
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streute Ganglienzellen und Nervennetze den Charakter eines
Zentralnervensystems bildet. Der zentrale Charakter dieses rein
motorischen Systems äußert sich in den komplizierten Beziehungen
der einzelnen Muskeln zueinander. Der Rückziehermuskel im
dritten Glied wird vom Zentrum und der Peripherie innerviert.
Von der Peripherie aus erfolgt als sogenannte rückläufige Erre¬
gung immer nur Erregung im Muskel, vom Zentrum hingegen
wird der Muskel nur bei schwachen Reizen erregt, bei stärkeren
Reizen wird die Erregung nicht nur abgeblendet, sondern sogar
der Tonus im Muskel vernichtet. Im Streckermuskel des ersten
Gliedes gelang es, eine klare Trennung von Tonus und Erregung
durchzuführen. Wenn der antagonistische Beugemuskel durch¬
schnitten ist und der Streckermuskel auf die Reizung seines zu¬
gehörigen Nerven sich kontrahiert, so ist man nicht imstande, durch
gleichzeitige Reizung des antagonistischen Nerven diese Erregung
abzusaugen. Gerät dagegen der Streckermuskel in Tonus, so ge¬
lingt es immer durch Reizung des antagonistischen Nerven den
Tonus aus dem Muskel heraus zu saugen. Der Tonus des Muskels
ist eine Erregungsform, welche mit einer analogen Erregung des
Nervensystems Hand in Hand geht und sich in Verkürzung und
Sperrung des Muskels äußert, welche die Reizung überdauert. Ein
bisher vollständig unbekanntes Phänomen wurde an dem einen
Streckmuskel aufgezeigt, nämlich eine refraktäre Lücke in der Art,
daß schwache Reizung des zugehörigen Nerven Kontraktion des
Muskels, mittelstarke Reizung Erschlaffung und starke Reizung
abermals Kontraktion ergab. Schließlich wurde die doppelte Inner¬
vation der Muskelfasern aufgeklärt. Jede Muskelfaser wird von
zwei Geweihfasern innerviert, die sich färberisch verschieden ver¬
halten; die eine (dicke) Geweihfaser wird bei Metbylenblaufärbung
hell, die andere (dünne) tiefdunkel. Es konnte durch weitere Ver¬
suche festgestellt werden, daß die dicke Paserart nur der Er¬
regungsleitung, die dünne hingegen dazu dient, um den Tonus aus
dem Muskel herauszusaugen. Je nachdem nun die eine oder die
andere Faserart erregt wird, wird der Tonus des Muskels gesteigert
oder herabgesetzt. Auf diese Weise wurden nun die komplizierten
Beziehungen der einzelnen Muskelgruppen zu einander in ein neues
Licht gesetzt.
R. Stigler: Demonstration des Metakontrastes mit Hilfe
des Metakontrastapparates. Der Metakontrastapparat des Vortr.
ermöglicht es, zwei voneinander getrennte, gleich große Halbkreise
so an die Tafel zu projizieren, daß sie sich ohne jede Trennungs¬
linie genau zu einem Kreise ergänzen. Die beiden Halbkreise sind
aus einer Eisenplatte ausgestanzt und von einander durch eine un¬
gefähr 4 mm breite Metallscheidewand getrennt. Zwischen Halb¬
kreisen und Projektionslampe rotieren Scheiben mit verstell¬
baren Sektoren, welche es gestatten, jeden Halbkreis beliebig
lange und in beliebigen Momenten zu projizieren. Hinter den
beiden Halbkreisen ist rechts und links je ein achromatisches ver¬
stellbares Prisma angebracht. Mit Hilfe dieser Prismen werden
die beiden Halbkreise einander so genähert, daß sie sich eben zu
einem Kreis ergänzen. Der Apparat ermöglicht es, die beiden
Hälften eines Kreises zu gleichen oder verschiedenen Zeiten ganz
und unabhängig von einander beliebig lange Zeit zu projizieren
und so Demonstrationsversuche über die zeitlichen Verhältnisse der
Lichtempfindungen anzustellen. In das Zentrum des zu projizieren¬
den Kreises wird während der Versuche ein roter Punkt mit Hilfe
einer vom Vortr. angegebenen kleinen Projektionsvorrichtung ge¬
worfen, welcher vom Auditorium zu fixieren ist. Wie es Exner
zuerst eingehend untersucht hat, wird der Anstieg einer Licht¬
empfindungskurve durch eine Kurve versinnbildlicht, welche sich
der Abszissenachse bis zum Höhepunkt der Empfindung mehr und
mehr nähert und dann im umgekehrten Verhältnis zum Nullpunkt
absinkt. Vortr. nennt denjenigen Teil einer Lichtempfindung, welche
besteht, so lange der objektive Lichtreiz währt, d. h. so lange das
Bild auf der Netzhaut liegt, homophotisehes Bild, denjenigen
Teil der Licbtempfindung, welcher den objektiven Lichtreiz über¬
dauert, metaphotisches Bild. Der Metakontrastapparat eignet
sich zur Untersuchung der Wechselbeziehungen zwischen dem
homophotischen und metaphorischen Bild zu dem benachbarten
Teil des Gesichtsfeldes, sei die Nachbarschaft erregt oder unerregt.
Die Wechselbeziehungen zwischen einem metaphorischen Bild und
seiner belichteten oder nicht belichteten Nachbarschaft bezeichnet
Vortr. als metaphotischen Kontrast oder Metakontrast.
Dieser wird in folgender Weise demonstriert: Der linke Halb¬
kreis (I) wird während einer untermaximalen Zeit (abhängig von
der Intensität des Lichtes) z. B. 0,01 Sekunde projiziert. Unmittelbar
nach seiner Verdunklung erscheint der rechte Halbkreis (II) und
wird während einer gleichen Zeit projiziert. Von vornherein würde
man vielleicht erwarten, daß die beiden Halbkreise hintereinander
als zwei gleich helle Halbkreise erschienen. Statt dessen zeigt
sich mit außerordentlicher Deutlichkeit folgendes Phänomen: Von
dem zuerst exponierten Halbkreis (I) erscheint nur ein äußerer
sichelförmiger Saum in der ihm zukommenden Helligkeit, die Mitte
aber ist dunkel. — Der darauf folgende Halbkreis (II) erscheint
homogen, nahezu gleichmäßig hell, jedoch nicht so hell, wie er
erschiene, wenn er ohne Halbkreis I für sieb allein während der
gleichen Zeit projiziert würde. Schaltet man zwischen I und II
eine zeitliche Pause ein, projiziert man z. B. den Halbkreis II
0,1 Sekunden nach dem Halbkreis I, so erscheint der Halbkreis I
für einen Augenblick homogen hell, verdunkelt sich aber plötzlich
von der Mitte her gegen die Peripherie, so daß am deutlichsten
wiederum eine helle Sichel an der Peripherie auftritt. Mit Hilfe
des Metakontrastapparates läßt sich die Pause ermitteln, welche
zwischen dem Auftauchen der beiden Halbkreise bestehen muß,
damit Feld I in allen Teilen gleich hell erscheine. Diese Zeit ent¬
spricht der Maxi malz eit. Das Phänomen erklärt sich in folgen¬
der Weise: Nehmen wir an, der zuerst projizierte Halbkreis I
bildet sich während 0,01 Sekunden auf der Netzhaut ab. Die Er¬
regung wandert durch die verschiedenen GaDglienschichten der
Netzhaut und erleidet in jeder derselben eine Verzögerung der
Fortleitung zum Gehirn (analog den bereits längst bekannten Tat¬
sachen bezüglich der Ganglienzellen im Rückenmark und der
Reflexzeit). Es bedarf, wie ohneweiters vorauszusetzen ist, einer
meßbaren Zeit, ehe die einzelnen Reizzuwüchse ihren Weg bis zur
zentralen Sehsphäre nehmen und bis es demnach in der letzteren
zu jener Summation der Reize kommt, welche uns die der Reiz¬
stärke und Licht intensität entsprechende maximale Empfindung
liefert. Die hierzu gehörigen Reizanteile treffen in der zentralen
Sehsphäre ein, nachdem das Netzhautbild bereits verschwunden ist,
und schon aus dieser Betrachtung ergibt sich, daß die Hellig¬
keit des metaphotischen Bildes ansteigen muß, wenn
der Lichtreiz bloß eine untermaximale Zeit währte. Dies
läßt sich mit dem oben geschilderten Versuch am Metakontrast¬
apparat ohneweiters dartun, indem eben zur Erzeugung einer
maximalen Helligkeit des erst belichteten Halbkreises eine Pause
zwischen dem Auftreten von I und II eingeschaltet werden muß.
Wenn unmittelbar nach dem Verschwinden des Netzhautbildes I
dessen Nachbarschaft belichtet wird (Halbkreis II), wird das meta¬
phorische Bild von I durch die Belichtung der Nachbarschaft —
also durch Metakontrast ausgelöst. Darum erscheint von dem
Bild I nur dessen Peripherie sichelförmig erhellt. Die Helligkeit
dieser Sichel ist wiederum bestimmt durch den Kontrast mit der
dunklen äußeren Nachbarschaft, d. h. mit dem dunklen Hinter¬
grund. Feld II erscheint auch nicht so bell, als es für sich allein
exponiert erschiene. Es wirkt also das metaphorische Bild von I
auch hemmend auf die Erregbarkeit seiner Nachbarschaft und ver¬
mindert dadurch die Helligkeit des Feldes II. Mit Hilfe des Meta¬
kontrast Versuches läßt sich feststellen, daß das metaphorische Büd
an Helligkeit oft während einer die Dauer des Netzhautbildes um
das Vielfache übersteigenden Zeit ansteigen kann. Ein Fall aus
dem praktischen Leben mag dies ohneweiters dartun: Wenn es
blitzt, so sieht man die von Blitz beleuchtete Gegend erst lange
nach dem Verschwinden des Blitzes, also erst lange nach dem Er¬
löschen des Netzhautbildes. Die Einschaltung eines räumlichen
Intervalles (eines schwarzen Trennungsstreifens) zwischen I und II
verhindert das Auftreten des Metakontrastes erst dann, wenn die
Breite des Zwischenraumes eine gewisse Größe, die St. räumliche
Kontrastbreite nennt, übersteigt. Auch dies läßt sich mit dem
Metakontrastapparat ohneweiters demonstrieren. Wenn der Halb¬
kreis I dem linken, der Halbkreis II dem rechten Auge so dar¬
geboten wird, daß sich beide Halbkreise im binokularen Gesichts¬
feld zu einem Kreis ergänzen, so erscheint das Metakontrast¬
phänomen nicht. Daraus geht hervor, daß der Ort des Metakon¬
trastes nicht im binokularen zentralen Anteil des Sehapparates,
sondern peripher davon liegt, wahrscheinlich in den Ganglien¬
schichten der Netzhaut.
Wissenschaftliche Gesellschaft deutscher Aernte in B5hmen«
Sitzung vom 4. Dezember 1914.
A. Pick stellt einen Fall von Erweichung im Irrigations¬
gebiet der linksseitigen Arteria fossae Sylvii vor, mit rechts¬
seitiger Hemiplegie, mit Totalaphasie und jetzt schon riiekgegan-
gener rechtsseitiger Hemianopsie. Bei diesem Fall fehlten von
Anbeginn beiderseits die Patellar- und Achillessehnenreflexe. D ft
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eia schwerer apoplektischer Insult mit Koma fehlt und eine Tabes
serologisch und zytologisch auszuschließen war, muß diese Er¬
scheinung als Folge einer alkoholischen Neuritis — Pat. ist nach¬
gewiesenermaßen Potator strenuus — aufgefaßt werden. Nun stellte
sich nach etwa 3 Wochen auf der gelähmten Seite der Patellar¬
und Achillessehnenreflex wieder ein, was P. dahin deutet, daß die
durch Anstaltsaufentbalt bedingte Abstinenz einen Rückgang der
Neuritis soweit zur Folge hatte, daß die durch die Gehirnläsion
gesetzte Reizsteigerung auf der betroffenen Seite bereits zur Aus¬
lösung der Reflexe genügt, während diese auf der anderen Seite
noch fehlen. Diese Beobachtung der Wiederkehr der Reflexe, die
bei Tabes mit Hemiplegie bekannt ist, stellt sich in diesem Mecha¬
nismus als ungewöhnlich dar, zumal ein ähnlicher, von Marinesco
beschriebener Fall die Feststellung nicht enthält, ob auf der die
Reflexe zeigenden gelähmten Seite diese vorher fehlten.
A. Elschnig stellt ein lljähriges Mädchen mit operativ ge¬
heiltem orbitogenem Hirnabszeß vor. (Nach Karies des oberen
Orbitalrandes.) E. hatte in der von ihm angegebenen Art nach
Resektion des vorderen Endes des Orbitaldaches den Stirnhirn¬
abszeß eröffnet, die Heilung war durch Nachschübe von Lungen¬
tuberkulose verzögert: der überfaustgroße Hirnprolaps hat sich in
den letzten Wochen (Operation am 6. Juni 1914) fast vollkommen
zurückgebildet. Es ist der vorgestellte Fall der vierte, von E. be¬
obachtete, der zweite durch Operation geheilte Fall von orbito¬
genem Hirnabszeß.
Frau Dr. Oesterreicher (deutsche Augenklinik) berichtet
über Verwendung von Rhodalzid in der Augenheilkunde und
findet, daß die ekzematösen Augenerkrankungen sehr gut unter
dieser Therapie abheilen, doch wären bezüglich näherer Auf¬
schlüsse über den Wert der Rhodalzidtherapie bei ekzematösen
Augenerkrankungen Beobachtungen an einem Material anzustellen,
das unter denselben Lebensbedingungen bleibt, also an einem
ambulatorischen Material, weil, wenn die Kinder unter gute Er-
nähmngS' und Wohnnngsverhältnisse kommen, dies allein ein
mächtiger Heilfaktor ist, der mit in Betracht gezogen werden muß.
J. Löwj: Blutveränderungen unter dem Einflüsse von
Krimpten. Die vom Vortr. refraktomefcrisch und durch Bestimmung
des Serum Wassergehaltes festgestellten Veränderungen des Blutes
im epileptischen Anfall, bestehend in Wasseraustritt aus der
Blutbahn, Zunahme der Serumkonzentration und des Trocken¬
gehaltes des Serums sowie einer deutlichen Leukozytose sind dem
epileptischen Anfall nicht subordiniert, sondern koordiniert. R.
Berliner kriegsärztliche Abende.
Sitzungen vom 8. und 15. Dezember 1914.
Al. Edel stellt acht herzkranke Soldaten vor. Bei sieben
hegt eine Insuffizienz der Mitralis, zum Teil vergesellschaftet mit
Stenose, vor, der achte hat ein Kropfherz. Die Fälle zeigen an
»ich in ihren Symptomen nichts besonderes. Aber es ist doch inter¬
essant, eine solche Zahl von Klappenfehlern nebeneinander zu
sehen. Keiner gleicht dem anderen: Geräusche, Pulsation der Herz¬
gegend sind verschieden, es sind graduelle Unterschiede in den
nnktionsstöruDgen des Klappenapparats. Sie kennen die Aetiologie
er Herzklappenfehler. Zumeist sind es Infektionskrankheiten, in
erster Linie Gelenkrheumatismus, die den Staphylococcus ins Blut
senden und dessen Ansiedlung und verderbliche Arbeit an den
appen, vorwiegend der Mitralis, bewirken. Sodann Chorea, An-
i k ' ^,ephrritis, seltener Typhus und Diphtherie, ln späterem
e ensalter kommen hinzu Verkalkung und Lues, beide zumeist
n J? u ar J en ^ a PP® °der in der Aorta. Wenn man nun die Vor-
fmm 1 • Krankheit der Herzkranken durchforscht, so bleiben
er eiae Reihe von Fällen übrig, in (denen man von den ge-
frwm a ^ rsac ^ en keine findet; die Pat. geben an, daß sie stets
LA ^ ewese ? un( * daß sie nach tagelangen anstrengenden
Hm. V °? km plötzlich Herzklopfen, Stiche in der
i »frihi*°Viw* 0 ° erel1 B a uchgegend oder zwischen den Schulterblättern
L .,, ™ Uü( l e iaes Tags während des Marsches oder Stürmens
tot dflih n* S0len ’- muß diesen Soldaten, die alle mehrfach
denken rjf’Jfkintritt untersucht waren, an eine andere Ursache
llilitawr ♦ i? e ’ sow ®ft ^ Gelegenheit hatte, viele eben vom
Entern j ii? 886 ® 6 zu untersuchen, auch an eine mechanische
daß Ha- D u k K1 W eriieh ler an der Mitralis gedacht. Wir wissen,
Klan mm. i ■ ei ? er sc hweren Last, daß ein starker Stoß ein
Sdftinnan^ entreißen oder abreißen kann, wir wissen, daß bei
ganz kleine, stecknadelkopfgroße Verdünnungen, Aneu¬
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rysmen auf den Klappendeckel gefunden werden; und so können
wir auch annehmen, daß eine lang fortgesetzte Ueberanstrengung
des Herzens, eine Ueberdehnung des Herzmuskels und der ver¬
stärkte Blutstrom kleine Verletzungen des Klappensegels hervor-
rufen kann. Der Heeresdienst stellt schon in Friedenszeiten so
große Ansprüche an die Leistungsfähigkeit des Herzens, daß
mancher Herzmuskel vorübergehend oder für längere Zeit versagt.
Ich habe Gelegenheit gehabt, eine große Reihe von eben vom
Militärdienst entlassenen Männern für einen Berliner Betrieb zu
untersuchen. Das Resultat ist in der Nr. bl des Jahrgangs 1903
der „Berliner klin. Wochenschr.“ veröffentlicht. Von 425 Leuten
sind 23 mit Klappenfehlern behaftet gewesen und 11 hatten eine
unregelmäßige oder beschleunigte Herzaktion. Also SVaVo der
Untersuchten hatten einen ausgesprochenen Klappenfehler. Wenn
der Dienst im Frieden solche Anforderungen stellt, daß mancher
Herzmuskel versagt, so sind die Verhältnisse,im Kriege noch
ganz andere. Die Anstrengungen sind noch erheblich größer. Dazu
kommen die unregelmäßige, manchmal mangelhafte Ernährung und
die psychische Erregung — drei Momente, die geeignet sind, die
Herztätigkeit zu beschleunigen und die Widerstandskraft des
Herzmuskels und der Klappe herabzusetzen. Die Ueberlegung, daß
es rein mechanische Ursachen sein können, welche einen Klappen¬
fehler verursachen, hat sich bei mir befestigt aus der Beobachtung
von Kranken, die nach starkem Sportbetrieb einen Klappenfehler
bekamen, vorher nie krank gewesen waren, auch während ihrer
jetzigen Erkrankung nie Schmerzen in den Gelenken hatten und
bei ruhiger Lebensweise nach längerer Zeit das Geräusch verloren,
aber wieder an Herzbeschwerden erkrankten, wenn sie sich nach
Jahren größeren Anstrengungen unterzogen. Einen solchen Fall
kann ich Ihnen heute zeigen. (Krankengeschichte.) Wenn wir dieses
mechanische Moment als einen wichtigen Faktor bei der Ent¬
stehung von Herzklappenfehiern in Rechnung stellen, dann ergeben
sich einige Gesichtspunkte für die Prüfung der Herzmuskelkraft
und für die Vorbeugung solcher Verluste im Kriege. — Wie er¬
kennt man bei einem zu Untersuchenden die Leistungsfähig¬
keit des Herzmuskels? Wenn man den Pat., der außer Bett ist,
fünf bis zehn Kniebeugen machen läßt, wächst die Herzaktionszahl
bedeutend an, wobei ein in der Ruhe nicht hörbares Geräusch zum
Vorscheine kommt. Geht die beschleunigte Herzaktion nach kurzer
Zeit, 1 —3 Minuten, auf die frühere Zahl in der Ruhe zurück, so
ist der Herzmuskel noch für leistungsfähig zu halten und die
Prognose ist günstig. Hierbei ist zu beachten, daß die vermehrte
Herzaktion der Nervösen nicht so schnell zurückgeht, außer, wenn
der Pat. auf der Höhe einer tiefen Inspiration den Atem anhält.
Diese Prüfung der Herzmuskelkraft kann man in erhöhtem Maße
bei der Aushebung von Mannschaften anwenden. In der Schweiz
läßt man die jungen Leute eine bestimmte Strecke laufen und
untersucht hierauf ihr Herz. Man muß aber dann die Zeit be¬
stimmen, wann der Puls wieder die normale Schlagzahl zeigt
Diese Prüfungsmethode, an einem großen Rekrutenmaterial durch¬
geführt, wird nach einiger Zeit eine gesicherte Handhabe für die
Beurteilung der Leistungsfähigkeit des Herzens ergeben. Für die
Vorbeugung der Verluste bei Eingezogenen ergibt sich dabei: Bis
zum 45. Lebensjahr müssen sich die gedienten Mannschaften jahraus
jahrein gewissen vorgeschriebenen Uebungen unterziehen, und da
man die Leute nicht jedes Jahr einziehen kann, wird es richtig
sein,.sie wie die Jugendlichen in Vereinen zu erfassen, welche die
Aufgabe haben, durch Märsche uud Uebungen im Gelände ihre Mit¬
glieder elastisch und widerstandsfähig zu erhalten. Hier eröffnet
sich für die Kriegervereine ein weites, fruchtbares Feld ihrer
Tätigkeit.
H. Strauss bespricht das Ergebnis der bakteriologischen
und serologischen Untersuchung bei sechs dysenterischen bzw
bei dysenterieverdäebtigen Fällen. Nur einmal fanden sich im
Stuhl Bazillen (Flexner). Das Serum agglutinierte viermal auf
Kruse, Flexner und Y, einmal nur auf Y, einmal auf Para
typhus. Negativer Fäzesbefund läßt also Dysenterie nicht aus¬
schließen, und es verdient die klinische Diagnostik für die Frage
der Isolierung der Pat. den Vorzug vor der bakteriologischen Ob
Fälle mit negativem Fäzesbefund, aber mit positiver Agglutina¬
tionsprobe meldepflichtig sind, untersteht der Diskussion. Gründ¬
liche Behandlung in der Rekonvaleszenz vor Uebertritt in den
Felddienst ist wegen der Möglichkeit eines Rezidivs durch grobe
Nahrung notwendig.
Ewald: Ein bemerkenswerter Fall von Typhus. Bisher
haben wir im Heere keine größeren Epidemien gehabt, unsere
Seuchenhäuser stehen leer. Der vorgetragene Fall ist bemerkens-
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1915 - MEDIZINISCHE KLTNIK — Nr. 2.
10. Jaimar.
wert, weil es sich offenbar um einen leicht verlaufenden Typhus
bei einem Verwundeten handelte, bei dem am Tage der wegen einer
Knochennekrose nötig gewordenen Operation das Fieber plötzlich
enorm anstieg und alle Zeichen des Typhus abdominalis sehr
deutlich auftraten. Die Obduktion des am 0. Tage nach der Ope¬
ration gestorbenen Kranken ergab pathologisch-anatomisch das
Bild des echten Typhus und bakteriologisch die besondere Lokali¬
sation der Typhusbazillen im Schußkanal. Man muß hier also
annehmen, daß die Bazillen durch die Operation mobil gemacht
wurden und so die Steigerung des Prozesses verursachten.
Trendelenburg: lieber Nosokomialgangrän. Der Ho¬
spitalbrand gehört der Geschichte an und wird in diesem Krieg
kaum zur Beobachtung kommen. Aber noch 1870 sah man viele
Fälle und in der vorantiseptischen Zeit trat er in allen großen
Kriegen auf von den Zeiten des Hippokrates an und kam beson¬
ders in den großen Hospitälern vor, so im Hötel de Dieu in Paris
und in der Berliner Charite. Man unterschied die ulzeröse, gut¬
artigere und die pulpöse schwere Form. Bei der ulzerösen Form
bildete sich mitten in den Granulationen ein schmerzhaftes Ge¬
schwür, das eine dünne Flüssigkeit absonderte und bei energischem
Eingreifen beseitigt werden konnte. Die pulpöse Form zeigte eine
purpurne Rötung, die bald in livide Färbung überging. Fibrinöse
Exsudate bildeten sich, die zur Verwechslung mit Diphtherie Ver¬
anlassung gaben. Es stießen sich Pilze von üblem Geruch aus der
Wunde ab und es kam durch Thrombosierung der Gefäße zu er¬
heblichen Blähungen. Schließlich trat Fäulnis und rapide Gangrän
in der Umgebung der Wunde auf, in der Tiefe der Wunde wurden
breiige Massen abgeschieden, die Nervenstämme freigelegt, Lymph¬
gefäßentzündungen verursacht, bis unter septischen Erscheinungen
der Tod eintrat. Oder es verbanden sich mit dem Prozeß Pyämie
und Erysipel. Uebrigens hat man diese bösartige Wunderkrankung
nicht nur bei größeren Wunden gesehen, sondern nicht selten bei
Insektenstichen und einfachen Kratz wunden. Die Behandlung be¬
steht in der Hauptsache in der gründlichen Zerstörung der nekroti¬
schen Wunden mittelst des Glüheisens, dem alten Ferrum candens,
das dem Paquelin vorzuziehen ist. Man sollte dieses vorzügliche
Instrument, das nicht so leicht in dem Gewebe erkaltet, auch bei
der Behandlung von Karbunkeln mehr anwenden. Die chemischen
Aetzpasten sind weniger zweckmäßig. Nur mit der Chlorzinkpaste
kann man gute Wirkungen erzielen. Vortr. zeigt schöne Dia¬
positive von phagedänischem Schanker und Noma, die mit der
Nosokomialgangrän große Aehnlichkeit haben, vielleicht mit ihr
bakteriologisch identisch sind.
Brugsch: Ueber Endokarditis und Polynenritis bei
Kriegsteilnehmern. Vortr. beobachtete auf der inneren Abteilung
der Charite unter 100 Kranken 12 Fälle mit dem einheitlichen
Krankheitsbild der Polyneuritis. Wenn auch einige Fälle mit einem
Ikterus oder einer Dysenterie (Bakterium Y) begannen, so muß
doch eine rheumatische Ursache bei diesen Kranken angenommen
werden. Allerdings spielt die Erschöpfung des Nervensystems eine
große Rolle dabei. Die Neuralgien betrafen besonders die Inter¬
kostalnerven, den Radialis, Ulnaris und Ischiadikus. Sowohl die
sensiblen wie die motorischen Gebiete waren betroffen, die cutane
Empfindung gestört, der Muskeltonus, die Reflexe herabgesetzt,
Parästhesien vorhanden und besonders die Gegend der Gelenke
beteiligt. Aber das wesentlichste ist das gleichzeitige Ergriffensein
des Herzens. Die vorhandene Endokarditis hat das Bild der rheu¬
matischen Polyneuritis vervollständigt. Die Behandlung, die sonst
stets mit der völligen Herausnahme der Tonsillen als Strepto¬
kokkenträger zu beginnen hat, bestand hier in der Darreichung
von Salizylsäure, anfangs in großen Dosen, 5—6 g täglich, später
auf 2—3 g herabgehend. Daneben Hitze, Kataplasma, zur Nach¬
behandlung als geradezu spezifisch wirksam Arsen in Form der
Einspritzungen des Natr. kakodyl. (0,05 g pro die). L. F.
Kriegschirurgischer Abend in Lille (Frankreich).
Sitzung vom 25. November 1914.
Lnngenverletznngen.
Kraske (Freiburg), Referent: Im allgemeinen sind Statistiken
Überschußverletzungen mit großer Vorsicht aufzunehmen; die der
Lungenschüsse ist weniger skeptisch zu betrachten. Bei den pene¬
trierenden Brustverletzungen sieht Vortr. ab von Verletzungen
des Herzens und der Gefäße. Schußverletzungen der Brust kommen
zustande: 1. durch Projektile der Handfeuerwaffen, 2. durch
Schrapnells, 3. durch Sprengstücke von Granaten. K. verfügt
über ein Material von 320 penetrierenden Brustverletzungen, davon
waren 267 durch Infanteriegeschosse, 30 durch Schrapnells, 28 durch
Granatsplitter hervorgerufen. Die Prognose und der Verlauf richten
sich nach der Art der Verletzung und der Art der Geschosse.
Nicht selten sind die Verletzungen der Lunge mit andern kompli¬
ziert. So sah K. dreimal gleichzeitig Leberverletzung, dreimal Nieren¬
verletzung und sehr häufig Schußfrakturen der Arme. Das traurige
Bild gleichzeitiger Rückenmarksverletzung sah er sechsmal. Die Dia¬
gnose der Lungenverletzungen ist leicht zu stellen. Ihre Symptome
sind: Hämoptoe, Bluterguß in denThorax(Hämothorax) sowie Pneumo¬
thorax. Die Prognose richtet sich, abgesehen von den Kompli¬
kationen und Nebenverletzungen, nach der Größe des Ein- und
Ausschusses; von ihr hängt die Infektionsgefahr ab. An sekundären
Infektionen starben denn auch viele Pat. Die Behandlung soll
konservativ sein bis zum äußersten. Die Oeffnungen sind am besten
durch kleinen Verband zu schließen. Später werden operative Ein¬
griffe erforderlich durch Empyembildung (Inzisionen, Rippenresek¬
tion, Erweiterung der Ein- und Ausschußöffnung). Von 320 pene¬
trierenden Lungen Verletzungen starben 33 = 10,2%. Von 277 Ge¬
wehrschußverletzungen kamen 21 zum Exitus = 7,9%. Von
30 Schrapnellverletzungen starben 7 = 23%, von 23 Granatsplitter¬
verletzungen 5 = 21%. Die meisten Todesfälle sind auf sekundäre
Entzündungen und Eiterungen zurückzuführen. Es waren 115 Fälle
glatter Heilung zu verzeichnen, das heißt, bei denen Ein- und
Ausschuß unter dem Schorfe heilten und bei denen Bluterguß und
die Hämoptoe allmählich zurückgingen. Heilung vollzog sich öfter
unter Temperaturen von über 39°. Zusammenfassung: Konservative
Behandlung bis zum äußersten. Operationen nur bei Entzündungen
und Eiterungen. Von größter Bedeutung ist absolute Ruhe. Keine
Transporte!
Gerhardt (Wiirzburg), Korreferent, hat im Anfänge viele
Fälle glatter Heilung beobachtet, wohingegen in letzter Zeit mehr
Komplikationen sich zeigten. Auffallend selten kam es zu ausge¬
dehnten Lungenerscheinungen, zu sekundären Veränderungen und
Nachkrankheiten von seiten der Pleura. Der Bluterguß wird teils
resorbiert, teils vereitert er. Diagnostische Schwierigkeit machte
mehrfach die Frage, ob ein Pneumothorax vorhanden ist. Dieser
ist auskultatorisch und perkutorisch oft schwer nachzuweisen. Die
klinischen Erscheinungen sind ja geläufig, sie sind aber nicht
schematisierend verwertbar. Es kann ein Pneumothorax vorhanden
sein ohne klassische Symptome. Die Behandlung beschränkt sich
späterhin auf die Nachkrankheiten: Pleuraexsudat, Vereiterung
derselben, allgemeine Sepsis. Wo der weitere Verlauf unklar bleibt,
ist die Punktion zeitig vorzunehmen. Wo Eiter ist, soll operiert
werden. Empyeme haben trotzdem eine schlechte Prognose. Der
Grund hierfür liegt einmal in der Lungenverletzung an und für
sich, dann aber auch in sekundären Bronchitiden. In diesen Fallen
ist mit der Operation abzuwarten und erst einmal eine Entleerungs¬
punktion zu machen, bis die betreffenden Pat. sich erholt haben.
Bei großen, eitrigen Exsudaten besteht die Gefahr des Kollapses
während der Operation. In solchen Fällen ist erst nach mehrmaliger
Punktion eine Rippenresektion vorzunehmen. Seröse Exsudationen
kommen selten vor; bei ihnen ist das Fieber gering, aber die
Atemstörungen'sind bedeutend. Pleuritiden im Anschluß an Pneumo¬
thorax sind wie sonst zu behandeln, vor allem zu punktieren.
Besonders wichtig ist die Beseitigung starker Verdrängungs¬
erscheinungen durch die Punktion. Man soll nicht zu wenig ent¬
leeren. Oft ist es allerdings auffallend, wie schon bei Entleerung
von 60—80 ccm eine Erleichterung eintritt und sogar die Re¬
sorption des Testierenden hämorrhagisch-serösen Exsudats dadurch
befördert wird.
Martens (Berlin): Man soll nicht lange mit der Punktion warten
Von vorsichtigen Probepirnktionen hat Redner nie Ungünstiges gesehen.
Besonders hat er niemals dadurch bedingte Infektionen beobachtet. Er
erwähnt einen Fall von doppelseitigem Empyem, das durch Operation
geheilt wurde.
Perthes (Tübingen): Die Behandlung der Empyeme soll auch
nach seiner Meinung konservativ sein. Bei ausgedehntem Hautemphysem
empfiehlt er die Punktion, um dadurch die Dämpfung eines Hämothorax
deutlicher werden zu lassen. Es ist zu betonen, daß Hämoptoe manchmal
vermißt wird oder sich erst einige Tage später einstellt. Größere Oeff¬
nungen in der Pleura sind zu schließen durch einfachen Verband oder
durch Naht. Die Naht schließt am besten ein Drain luftdicht ein, über
das Mosetig-Batist als Luftventilklappe angebracht wird. Als Kuriosum
erwähnt Redner einen Fall, bei dem der Pat. das Geschoß, welches
offenbar in den Hauptbronchus eingedrungen war, aushustete.
Enderlen (Wiirzburg) empfiehlt bei weit offenem Pneumothorax
unbedingt die Naht und hat gute Erfolge davon gesehen. Im Gegensa z
zu Gerhardt empfiehlt er die Rippenresektion frühzeitig an Stelle der
Punktion.
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10. Januar.
1915 - 51KDIZINISCM K KLINIK — Nr. 2.
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Sauerbruch (Zürich): Indikation zu operativem Vorgehen bei
LuD^'iiverletzungen geben Spannungspneumothorax und schwere Blutungen.
Auf eine chirurgische Behandlung der schweren Blutungen, wie wir sie
im Frieden mit gutem Erfolg ausführen, muß im Felde verzichtet werden.
Auch die Behandlung des Spannungspneumothorax kann unter den
schwierigen Verhältnissen in einem Feldlazarett nur einfach sein. Am
besten ist die Punktion, die man nötigenfalls wiederholt. Auf diese Weise
kann man wenigstens eine Erleichterung für die Kranken schaffen. Der
Schluß breiter Brustwandwunden mit Eröffnung der Pleura ist auch nach
meiner Meinung von Vorteil. Der offene Pneumothorax wird in einen ge¬
schlossenen verwandelt. Die Atmungsbedingungen werden günstiger und
die Infektiosität der Pleura wird geringer. Granatverletzungen mit breiter
Eröffnung der Pleura führen nach seinen Beobachtungen alle zum Tode.
In einem einzigen Fall hat er durch radikales Vorgehen Heilung
erzielt. Durch einen Granatsplitter war die ganze rechte Brustwand ein¬
schließlich der Rippen aufgerissen. Schweres klinisches Bild: Hochgradige
Dyspnoe, Zyanose, kleiner Puls. Vier Stunden nach der Verletzung wurde
in .Varkose die ganze Wunde exzidiert. die Rippen reseziert und in den
Defekt die Lunge eingenftht. Glatter Verlauf wie nach einer aseptischen
Bmstwandplnstik. S. schneidet dann noch die Frage des Zusammenhangs
von Lungenverletzung und des Auftretens einer akuten Tuberkulose an.
Schittenhelm (Königsberg) glaubt, daß eine Tuberkulose im
Anschluß an Verletzungen der Lunge nicht selten ist. Zur Frage der
Punktion des Empyems rät er zu aktiverem Vorgehen. Man sei noch zu
vorsichtig: nie habe man geschadet, immer genützt. Es sind ausgiebige
Punktionen anzuraten, nicht nur Probepunktionen; 60—80 ccm erleichtern
dem Pat. wesentlich die Resorption.
Krönig (Freiburg) berichtet über 24 Fälle penetrierender
Lnngenschüsse: von ihnen kamen 7 zum Exitus und 12 waren mit
Komplikationen verknüpft. Die Komplikationen setzten meist mit dem
14 .- 20 . Tag ein. Todesursache war Lungengangrän, wie die Sektion
zeigte. Zum großen Nutzen der Pat. sollte man mit Punktionen aktiver
Vorgehen. Sehr pessimistisch steht Redner der Rippenresektion bei Em¬
pyem gegenüber. Nach seiner Meinung wird der Zustand des Kranken
häufig nach der Rippenresektion schlechter.
Boy (Bambetg) hat nicht so günstige Resultate wie Kraske zu
verzeichnen. 60° 0 Heilungen, 25°/«Todesfälle. Schrapnellverletzungen 25° / 0 .
Granat Verletzungen 85°/ 0 . Nach Punktion des Hämopneumothor&x hat der
Redner gute Erfolge gesehen.
Menzer (Bochum) ist für unbedingte Operation der Empyeme,
hauptsächlich um die Toxinwirkung zu beseitigen.
Sauerbruch (Zürich) weist darauf hin, daß ein großer Unter¬
schied zwischen den verschiedenen Formen des Empyems besteht. Er
rät dringend, jauchige Empyeme, wie sie z. B. nach Granatverletzungen
innerhalb der ersten 8 Tage auftreten oder wie sie bei Lungengangrän
m häufig angetroffen werden, so früh und breit wie möglich zu eröffnen.
>p itempyeme, die sich aus einem Blutergusse heraus entwickelten, haben
eine bessere Prognose und können sehr wohl durch Punktion zur Heilung
gebracht werden.
Perthes (Tübingen) spricht gleichfalls für die Frühoperation des
Empyems, schon um die Wiederausdehnung der Lunge zu beschleunigen.
Reh <Obergeneralarzt) weist auf die Wichtigkeit der Ruhe für
die Lungen verletzten hin. Man soll alles Aufrichten, Aufsetzen und All¬
ongen vermeiden. Speziell die Defäkation hält er für bedenklich. Aus
diesem Grund empfiehlt er eine Trage, welche die Defäkation im Liegen
ermöglicht und außerdem auch gleichzeitig einen schonenden Transport
erlaubt. B.
24. Kongreß der Italienischen Gesellschaft für innere
Medisin.
Genua, 11.—14. Oktober 1914.
hl
Breccia: Künstlicher Pneumothorax. Auf Grund von
Experimentell weist er auf die Möglichkeit hin, den tuberkulösen
Prozeß in der Lunge zur Heilung zu bringen, wenn sie einem
kompletten Kollaps unterworfen wird; mögliche Besserungen
können auch eintreten, wenn die Kollapstherapie nicht in ihrer
Gänze ausführbar ist. Besprechung der Gefahren und der Schwierig¬
keit der Ausführung.
Knragliano hebt die Wichtigkeit der Röngenuntersuchung her-
211 Stimmen, ob man einen Pneumothorax anzulegen hat oder
ferner um die damit erzielten Heilresultate zu verfolgen.
Arena: An der Hand einer zahlreichen Serie von mikroskopischen
spanten wird der unmittelbare Effekt der N-Einblasungen klargelegt.
Lambmio: In 85 schweren Fällen hatte er in $8°/o Heilung,
ci einer Frau, die während der Pneumotherapie geschwängert wurde,
onnte er die Schwangerschaft zu Ende führen. Geburt eines gesunden
‘Mutter befindet sich weiter gesund.
.. - ir U'- Besprechung der Bildung des Pneumothorax bei beider-
•'„'w TAffektion, wodurch Rückbildung oder Verschlimmerung des
ül ™, Prozesses auftreten kann (Hirnembolie).
„.j , Ber Wert der Methode beruht eher auf der^Kompression
ij ™>bilitiit der erkrankten Lunge als auf einer gewissen Wirkung
*' Ber plenritiBche Erguß nach dem Pneumothorax ist von einem
großen Vorteil für den Kranken, da dadurch das Septum pleuricnm
mediastini verdickt und so die Kompression der Lunge der anderen Seite
verhindert wird. Bei Dyspnoe Entleerung des Ergusses.
Scarpa: Die Erkrankung der Lunge, die allein in Funktion ver¬
bleibt, darf weder schwer noch ausgedehnt sein. Die pleuritischen
Schwarten können leicht umgangen werden bei Gebrauch seines Apparates.
Castellino: Tachykardie als Frühsymptom der Tuberkulose.
Befürwortung der methodischen Prüfung der Herztätigkeit.
Giuffre: Neben dieser Behandlungsmethode dürfen die anderen
Behelfe, allen voran die diätetische Tuberkulinbehandlung usw., nicht ver¬
gessen werden, die mit der ersteren Zusammenwirken müssen. Bei der
Nützlichkeit der Behandlung muß man nicht bloß mit dem mechanischen
Faktor rechnen, sondern auch mit jenem biologischen in dem Sinne, daß
der Krankheitsherd in der komprimierten Luuge Veränderungen unter¬
worfen wird, wodurch die Toxinbildung usw. eine Beeinträchtigung er¬
fährt. Der künstliche Pneumothorax mit der Röntgenuntersuchung kann
zur Diagnose von Pleura- oder Lungentumoren von Nutzen sein.
Maragliano sen.: Die Methode kann einen entscheidenden
Heilungseffekt haben durch Absorption der Toxine. Sie kann angewendet
werden, wenn der Krankheitsherd reduziert, mechanisch komprimiert
werden kann. Geringfügige Veränderungen der anderen Lunge müssen
uns nicht von der Applikation abhalten. Weder auf Herz mich auf seine
Funktion ist der Pneumothorax von Schaden; durch mechanische Aus¬
schaltung des Krankheitsherdes vermag der Organismus mit Hilfe seiner
Antikörper sich zu verteidigen.
Barlocco (Genua); Extrarenale Albuminurien.
1. Nervöse Albuminurie (Furcht, Gemütsbewegung).
2. Alimentäre Albuminurie (nach reichlichem Genüsse von
Eiweißkörpern auch bei scheinbar Gesunden).
3. Sogenannte prä- und paratuberkulöse Albuminurie bedingt
durch eine wirkliche latente tuberkulöse Infektion.
4. Albuminurie bedingt durch mäßige Herzinsuffizienz (streng
zu trennen von der starken Albuminurie nach Stauungsniere).
5. Orthostatische und lordotische Albuminurie.
6. Dyskrasische Albuminurie.
Plitek (Triest): Künstliche Albuminarie nach Anwen¬
dung der Magensonde. Nachprüfung der von A. Schiff („Med.
Klinik“ Nr. 14, 1914, pag. 610, Sitzungsbericht) gemachten Angabe.
In 198 Fällen wurde vor und nach der Expression des Magen¬
inhaltes der Urin auf Eiweiß untersucht; in 15 Fällen wurde Albu¬
minurie nachgewiesen (in der Mehrzahl Leukozyten, Schleim, 1—2mal
hyaline und granulierte Zylinder, lmal Kristalle nach Fürbringer).
— Alter zwischen 25—40 Jahren. — Nach einer i/ 2 Stunde kein
Eiweiß mehr nachweisbar.
E. Tedeschi (Genua): Aetiologie und Pathogenese der
nicht tuberkulösen Erkranknngen der Lungenspitze. 1. Kreis¬
laufstörungen (Kongestionsödem). 2. Entzündliche Prozesse (Lungen¬
spitzenkatarrhe). 8. Erkrankungen, bedingt durch Parasiten (Asper¬
gillus, „Pseudotuberkulose nach Aspergillus“), Aktinomykose: letz¬
tere Erkrankungsformen können mit Tuberkulose einhergehen und
die ätiologische Diagnose noch mehr erschweren. 4. Syphilis der
Lungenspitze. Vortr. konnte zw r ei typische Fälle beobachten, die
wegen ihrer Symptomatologie vollkommen einen tuberkulösen Prozeß
vortäuschten; durch spezifische Behandlung rasches Zuriickgehen
der Erscheinungen. 5. Neopiasraen der Lungenspitze (eher rechts
als links). 6. Atelektasen der Lungenspitze (durch Bronchial Ver¬
schluß, Lungenkompression und durch Einschränkung der Atmungs¬
fläche). 7. Spitzenzirrhose 8. Spitzenerkrankungen nach Staub¬
inhalationen.
V. Ascoli: Krebs der rechten Lungenspitze, der vom Beginn an
stets mit Fieber einhergehend, die Diagnose lange dubios gestaltete.
Bronchiektasie nach Morbilli bei einer jungen Frau, bei der die Sektion
kein Zeichen von Tuberkulose aufdeckte. Echinokokkus. Mitralstenose
mit Schallverkürzung eines Apex.
Boeri: Neigung der Influenza, sich im Apex zu lokalisieren.
Ferrannini: In s / 3 von Lungenspitzen, die bei der Sektion er¬
krankt, wo aber das übrige Lungengewebe gesund vorgefunden wurde,
wurde bei der histologischen Untersuchung die tuberkulöse Natur aufge¬
deckt; im anderen Drittel war letztere absolut auszuschließen.
E. Maragliano: Die Differentialdiagnose zwischen tuberkulöser
und nichttuberkulöser Lungenerkrankung ist durch den Nachweis der
Antigene und tuberkulöser Antikörper vereinfacht.
V. Maragliano: Da es in vivo praktisch unmöglich ist, zu ent¬
scheiden, ob eine radiologisch erkrankte Lungenspitzenerkrankung tuber¬
kulöser oder nicht tuberkulöser Natur sei. radiographierte Vortr. mehr
als 100 Leichen, bei denen eine leichte Spitzenerkrankung annehmbar
erschien; in sehr seltenen Fällen konnte der Pathologe die Möglichkeit
eines tuberkulösen Substrates ausschließen.
U Parodi: Bei einer Bindegewebssklerose des Apex kann man
nie histologisch die tuberkulöse Aetiologie ausschließen, auch bei Mangel
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1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2.
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von Riesenzelleu usw. oder anderer spezifischer Elemente des tuberku¬
lösen Granuloms.
Schupf er: Verschiedene, nicht tuberkulöse Spitzenerkrankungen
sind von akutem oder vorübergehendem Charakter oder sind vorwiegend,
jedoch nicht ausschließlich im Apex lokalisiert, wodurch sie von
den tuberkulösen Spitzenerkrankungen unterschieden werden können.
P—k.
Feldpostbrief aus Polen.
Dort, wo die Pilitza, ein Nebenfluß der Weichsel, zwischen
waldigen Ufern bald gemächlich, bald schneller dahinfließt, um
sich in der Feme mit dem Hauptstrome zu vereinigen, wurde der
eherne Mund der Kanonen nicht mehr still. Ueber die Waldhöhen,
die der Herbst gelbrot gefärbt hatte, durch das Flußtal, in dem
früh die Nebel brauten, bis sie der Kraft der Sonne wichen, hallte
Schuß auf Schuß. Hier standen unsere Truppen vereinigt mit den
Oesterreichern und drängten von Warschau bis weithin südlich
gegen die Weichsellinie an, um die russischen Festen zu nehmen
und damit den Gegner aus seinen wichtigsten östlichen Stütz¬
punkten zu vertreiben. In dem tagelangen heißen Ringen, in dem
versucht wurde, durch Einsetzen aller Kräfte der fast uneinnehm¬
baren feindlichen Stellungen mit dem natürlichen Schutze der
Sümpfe Herr zu werden, warfen uns die Befehle hin und her, vor¬
wärts und zurück. Nach kurzen Märschen zogen wir, des neuen
Winkes gewärtig, ins Quartier und führten, wenn auch bei dem
dauernden Kanonendonner in ständiger Spannung, irgendwo ge¬
braucht zu werden, ein verhältnismäßig bequemes Leben.
Solche Tage lassen wir allerdings nicht nutzlos verstreichen.
Die Sachen werden in Ordnung gebracht, die Pferde nach den
vielen Anstrengungen besonders gut gepflegt, unser Lazarett¬
material, die zum Teil sehr mitgenommenen Wagen ausgebessert,
von dem furchtbaren Schmutze gesäubert und für neuen Proviant
gesorgt. Dann bleibt immer noch Zeit genug, Korrespondenzen
zu erledigen und auf den Feldern behaglich herumzuschlendern
und zu reiten. Unser Weg führt uns durch die kleine Stadt zurück,
in der wir die Krankensammelstelle gehabt und einige Tage mit
den österreichischen Truppen zusammengelegen haben. Wir über¬
schreiten die Holzbrücke über die Pilitza, die in kurzer Zeit von
den Pionieren angelegt ist. Deutsche Infanterie, österreichische
Kavallerie begegnet uns. Sie sind auf Vorposten gewesen und
kehren zurück. Durch dichten Nadelwald gehen wir in südöstlicher
Richtung vor. Fern im Osten schwingt sich am Horizont ein bläu¬
licher Höhenzug. Dort liegt das Weichseltal, dort steht der Feind.
Mittags sind wir im Quartier, einem kleinen engen Bauern¬
stübchen, das gleichzeitig die Küche vorstellt. Auf einem freien
Platz am Waldrande bereitet der Koch das Mittagessen. Er wird
häufig mit seinem kleinen Proviant wagen vorausgeschickt, damit
er mit seiner Arbeit nicht erst anfängt, wenn die Kolonne ein¬
trifft, sondern das Essen schon vorbereiten kann. Ueber dem Koch¬
platze schwirren in kurzer Zeit drei Flieger. Daran sehen wir
immer, daß etwas Besonderes vorgeht, was erhöhte Aufmerksam¬
keit erfordert. Es werden einige neue Pferde von der polnischen
Bevölkerung requiriert; wir erhalten sie aber erst mit Hilfe von
Peitschendrohungen. Bis dahin behaupten die Leute, keine Pferde
zu haben. Dann bequemen sie sich plötzlich dazu, die Tiere aus
dem W r aldverstecke herauszuholen. Die hübsche Heidelandschaft
dieser Gegend könnte uns glauben machen, daheim in einer nörd¬
lichen Provinz unseres Vaterlandes zu sein, von dem uns so viele
Meilen trennen. Am nächsten Tag erledigen wir die zweite Cholera¬
impfung, zu der sich auch Munitionskolonnen aus dem Nachbardorf
einstellen. Einzelne von uns haben erhebliche Allgemeinsymptome
und lokale Schmerzen von der Impfung mit dem aktiven Serum.
Der Zufall will es, daß uns gerade an diesem Tag ein Alarm für
die Nacht und ein Nachtmarsch in Aussicht gestellt wird. V T ir
legen uns daher schon um 6Va Uhr schlafen. Um 1 Uhr werden
wir zum Aufbruche geweckt. In stockdunkler Nacht, die ein gleich¬
mäßiger Landregen nicht gerade sehr gemütlich auf dem Pferde
macht, rücken wir ab. Durch den Anschluß an verschiedene andere
Kolonnen gibt es unterwegs stundenlangen Aufenthalt.
Beim Morgengrauen ziehen wir auf den schlechten Wegen
weiter. Unterwegs erfahren wir, daß unter dem Schutze der Nacht
unsere Truppen ihre Stellungen wechseln und die ganzen Kolonnen
hinter die neuen Stellungen zurückgezogen werden sollen. Am
Morgen sind wir wieder an der Pilitza, das heißt, an einer anderen
Stelle des Flusses als vor zwei Tagen. Die beiden Kirchtürme des
kürzlich passierten Städtchens sieht man sich östlich am Horizont
abheben. Wir überschreiten die Pilitza auf einer Pontonbrücke,
auf der man die etwas scheu werdenden Pferde fest am Zügel
halten muß. Dann geht es auf bergiger Straße vorwärts bis zum
Mittag. Wiederum stehen wir an der Pilitza auf einer Chaussee,
die hier auf eine große Holzbrücke über den Fluß mündet. Pioniere
und Landsturm halten diesen wichtigen Punkt besetzt. Einzelne
klettern auf den Pappeln herum, an deren Stämmen Stiegen ange¬
bracht sind. Das Geäst wrird durch Tannenzweige und Buschwerk
ausgefüllt. Dort soll vermutlich ein Beobachtungsposten einge¬
richtet oder ein Maschinengewehr aufgestellt werden, welches das
östliche Ufer der Pilitza gegebenenfalls zu bestreichen vermag.
In der kleinen Stadt am westlichen Ufer, die wir vor ge¬
raumer Zeit auf unserem Vormarsch berührt haben, sind die Straßen
aus ihrer ländlichen Stille erwacht. Hier liegt unsere Etappe,
Soldaten der verschiedensten Formationen laufen durcheinander,
vor den Häusern bieten die Leute die mannigfachsten Waren zum
Verkauf. Große Freude bereitet uns der Anblick der Feldpost,
bei der ein Beutel mit Postsachen für uns lagert. Noch einige
Kilometer, dann fahren die Kolonnen zur Mittagsrast auf; der
Befehl zum Weitermarsch ist noch nicht da. Während die Erbs-
suppe kocht, werden die Postsachen verteilt. Dann geht es weiter.
Mit Einbruch der Dunkelheit sind wir nach dem langen Marsche
im Quartier. Wieder verbringen wir drei Tage damit, morgens am
Sammelplatz aufzufahren, bis zum Nachmittag auf einen Befehl
zum Abrücken zu warten und abends zu unseren freundlichen
Wirtsleuten zurückzukehren. Die Woche ist zu Ende. Es wäre
sonderbar, wenn der Sonntag, unser Dies ater, nicht wieder etwas
Besonderes für uns brächte. Er bleibt sich getreu und ruft uns
früh von unserem Lager. Wir werden in die Nähe der Schlacht¬
linie dirigiert, wo man uns offenbar heute noch gebrauchen wird.
Ohne Aufenthalt ziehen Munitions- und Lazarettwagen ihre Straße.
Ein Trupp russischer Gefangener wird vorübergeführt, vereinzelte
Kavalleriepatrouillen streifen umher. Ein Rehbock, der, von anderer
Seite aufgescheucht, in die Nähe unserer Staffel kommt, büßt sein
junges Leben unter einer Reihe von Karabinerschüssen ein und wird
von den Artilleristen triumphierend auf eine Protze geladen. Flücht¬
linge begegnen uns. Wir reiten durch das letzte Dorf hinter
unseren Gefechtsstellungen und nehmen die Häuser aufs Korn im
Hinblick darauf, ob sich eines zur Errichtung eines Lazaretts
eignen wird. Es sind alles kleine ärmliche Häuschen mit Stroh¬
dach; nur eines hebt sich modern gegen die Reihe seiner Nachbarn
ab. Das ist der neu errichtete Steinbau der Gemeindeverwaltung.
Wir behalten es für alle Fälle im Auge und rücken weiter vor,
mit Ausnahme eines Kollegen, der mit Hilfspersonal bleiben soll,
um die durchfahrenden Verwundeten zu versorgen. Er besetzt den
passenden Punkt am Ausgang des Dorfes, dort, wo zwei Land¬
straßen aus der Richtung der Schlachtlinien einmünden.
Je weiter wir uns von dem Dorfe entfernen, desto lauter
wird der Kanonendonner. Ein außerordentlich heftiges Artillerie¬
feuer ist hier im Gange. Wir halten einige hundert Meter hinter
dem Dorfe, in dem sich unsere Artillerie festgesetzt hat, nachdem
hier erst vor kurzer Zeit der Feind aus seinen Stellungen ver¬
trieben worden ist. Man kann das Feuer gut verfolgen, auch das
feindliche, entweder an den auf steigenden Rauch Wölkchen oder den
aufblitzenden Lichtern.
Die ersten Wagen mit Verwundeten fahren am Waldrand
an uns vorbei. Eine feindliche Granate ist mitten in einem Zuge
unserer Gardereserveinfanterie explodiert. Der Tod hat hier traurige
Ernte gehalten. Andere sind schwer verwundet. Einer der Schwer¬
verwundeten, der neben seinen Kameraden im Krankenwagen liegt,
ist eben verstorben. Es vergeht noch eine kurze Zeit. Dann kommt
für uns der Befehl zur Etablierung in dem letzten Dorfe, durch
das wir durch marschiert sind. Der neue Steinbau ergibt sich von
selbst als Lazarettgebäude. Während das Feldlazarett langsam
folgt, reitet der Chefarzt mit einem Kollegen und mir in scharfem
Trabe zurück, um alles vorzubereiten. Die beiden Herren besich¬
tigen noch das Pfarrhaus und Schulhaus an der Kirche. Inzwischen
stellte ich die polnische Bevölkerung mehr mit Gebärden als mit
Worten an, schleunigst die Möbel aus dem Hause herauszutragen,
die Zimmer zu säubern, zu heizen und die nötige Beleuchtung,
Wasser und Stroh herbeizuschaffen. Als unsere Wagen eintreffen,
ist alles soweit fertig, daß eingeräumt werden kann.
Viele Wochen sind vergangen, seit wir in Deutschland, m
den Kämpfen bei Tannenberg, zum erstenmal eingerichtet waren
in einer wunderhübschen Gutsvilla mit reichlichen, schönen Räumen,
mit einer großen Veranda an der Terrasse zum Park, auf der wir
unsere Mußestunden verbrachten. Hier in Feindesland sind wir
froh, genügend Raum für unsere Kranken zu haben. Für uns
Aerzte bleibt ein kleiner Küchenraum, in dem wir uns freuen,
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UMIVERSITY OF IOWA
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1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2.
uns, dicht aneinander gedrängt, auf Stroh eine kurze Zeit von den
großen Anstrengungen ausruhen zu können. Es war nicht viel
Zeit zum Schlafen. Die erste Nacht wurde bis 4 Uhr gearbeitet.
So lange dauerte die Versorgung der vielen Schwerverwundeten.
Es waren meistens Landwehrleute vom Gardereservekorps, große,
breitschultrige Westfalen, die hier im Feuer gewesen waren. Neben
ihnen Schulter an Schulter, betteten wir die verwundeten Oester¬
reicher. In einem anderen Raume lagen die Russen.
Die Verletzungen sind zum großen Teil immer dieselben:
Kopf-, Brust-, Bauch- und Extremitätenschüsse. Diesmal haben wir
es mit sehr vielen Schwerverletzten zu tun. Die Gehirnschüsse
verlaufen schnell letal. Unter den anderen erwähne ich als etwas
Besonderes eine schwere Zertrümmerung des Schultergelenks mit
beginnender Gangrän und Sepsis. Der Verwundete ist so unver¬
nünftig, nicht auf den Vorschlag der Amputation einzugehen. So
wird ihn sein Schicksal vermutlich bald ereilt haben. Ein ver¬
wundeter Russe kommt mit einem Esmarcbsehen Schlauch am
linken Arm, den er wegen arterieller Blutung etwa 24 Stunden
getragen hat! Die Gefäße werden gefaßt. Am nächsten Tage ist
der Arm noch blaurot verfärbt, die Haut mit großen Blasen be¬
deckt, Das periphere Ende ist aber warm, Sensibilität und Moti¬
lität sind nicht ganz aufgehoben. Die Amputation ist einstweilen
nicht notwendig. Den Lungenschüssen geht es verhältnismäßig
gut. Aus einer Baucbwunde ist verfärbtes Netz prolabiert. Es
wird abgetragen und die Wunde tamponiert. Ein anderer, mit Ein¬
schuß in den Oberschenkel, klagt über rasende Schmerzen in der
Baucbgegend. Er kann keinen Urin lassen, der Leib ist gespannt,
die Unterbaucbgegend ergibt starke Schalldämpfung. Der Katheris-
müs ist ohne Erfolg, obwohl der Katheter leicht in die Blase ein-
dringt. Nach dem schnell eintretenden Exitus gibt ein Probe-
sektioosschnitt über der Blase die Aufklärung. Das Geschoß ist
Fon unten her in die Blase eingedrungen und in der Blase liegen
geblieben. Aus dem Loch in der Harnblase hat sich der Urin in
die Bauchhöhle hinein entleert.
Daß neben der Kriegschirurgie die Friedenschirurgie nicht
vergessen werden darf, beweist ein Kranker ohne Verletzung, mit
Symptomen von diffuser Peritonitis. Die Eröffnung des Abdomens
durch den konsultierenden Chirurgen, erst in der Ileozökalgegend,
dann in der Medianlinie, deckt ein perforiertes Ulcus duodeni auf,
das übernäht wird.
Nach kurzem, tiefem Schlafe von 4—5Va Uhr sind wir am
ersten Morgen um 6 Uhr wieder an der Arbeit. Nachmittags
kommt die Meldung, daß wir uns noch auf eine große Zahl von
Verwundeten einrichten sollen. In der Nähe der Kirche etabliere
ich im Schulhaus ein Zweiglazarett. Kanm ist es fertig, alles zum
Belegen der Zimmer, Verbinden und Operieren bereit, kommt der
Befehl, es wieder aufzulösen. Inzwischen ist dem Hauptlazarett der
Befehl überbracht worden, am nächsten Morgen in aller Frühe
abzubrechen, die Verwundeten rückwärts zu transportieren. Um
4 Uhr früh beginnen wir in finsterer Nacht mit der Verladung der
Kranken auf den requirierten Wagen. Zum Glück bekommen wir
in einer leer durchziehenden Österreichischen Proviantkolonne un¬
erwartete Hilfe. Dadurch können wir alles schneU auf Wagen ab-
transportieren. Nach der Verladung wird eiligst das Lazarett-
material verpackt. 7V2 Uhr sollen wir marschbereit sein. In un¬
unterbrochener Arbeit, in jagendem Tempo haben wir unsere Auf¬
gabe erfüllt. Jetzt gebt es schnell wieder fort in der Richtung, in
der wir gekommen sind. Die Rückwärtsbewegung, die wir bis
dahin bei unseren siegreichen, unaufhaltsam vordringenden Truppen
rieht kennen gelernt haben, ist aus strategischen Gründen nötig
geworden. Wir sind auch hier siegreich geblieben; die Haupt¬
wirkung unseres Vormarsches nach Rußland, die Entlastung der
Oesterreicher, ist erreicht worden. Nun geht es wieder westwärts,
um nichts zu verlieren, um Neues zu gewinnen. Wenn auch die
Kolonnen noch neben einander marschieren, hier eine österreichische,
dort eine deutsche, hier eine Abteilung Kavallerie, dort, eine Kom-
Paguie Infanterie, es ist nach jeder Richtung eine wohlgeordnete
Bewegung von Truppen, die sich wohl schnell zurückziehen, aber
mcht nach einer Niederlage überhasten.
. to dem gewohnten Tempo marschieren wir den Tag hindurch
*ua erreichen abends nach langem Marsch in südwestlicher Rich-
j“g das Quartier. Morgens geht es weiter, die Richtung bleibt
gleiche. Die Marschroute zeigt zur deutschen Heimat hin.
fw spricht es |aus, bald wissen es alle. Die Freude darüber
ann durch nichts abgeschwächt werden. Wir haben das Vertrauen
vi*ir 6 u er Leitun £’ daß sie uns trotz der Rückwärtsbewegung,
eicht gerade durch dieselbe, zu neuen Erfolgen führen wird.
Q uu geht es erst mal heraus aus den schwierigen Sümpfen
des südlichen Polens, aus diesen armseligen, unzivilisierten Gegen¬
den an die heimatliche deutscho Grenze. Mit diesem freudigen
Gefühl erhoben wir uns, wenn in dunkler, nächtlicher Stunde zum
Aufbruch geweckt wurde. Mit ihm ritten wir von früh bis spät
durch Sturm und Regen. Mit ihm legten wir uns nieder znm Schlafe.
In schnellen Märschen ging es westwärts. Es war nicht
weiter verwunderlich, daß der polnischen Bevölkerung bald unsere
Marschrichtung auffiel und der Gedanke kam, wir seien viel¬
leicht geschlagen.’ Wenn auch vereinzelt, so erlaubten sie sich
dann und wann eine andere Tonart als bisher, die aber schnell
durch die richtige Entgegnung zum Schweigen gebracht wurde.
Andere waren, wahrscheinlich aus Klugheit, liebenswürdig und zu¬
vorkommend. In einem Gutshaus wurden wir nicht nur freundlich
aufgenommen, sondern bereitwilligst aus dem guten Weinkeller be¬
wirtet. Je mehr der einzelne von uns die französische oder gar die
polnische Sprache beherrschte, desto besser war für ihn die Ver¬
ständigung, desto größer die Gastlichkeit.
Wieder kamen wir durch die Stadt, die wir auf dem Vor¬
marsch nach dem schwersten Tage durch die schlammigen, sumpfi¬
gen Wege erreicht hatten, und nicht ohne einen gewissen unange¬
nehmen Beigeschmack dachten wir an die Schwierigkeiten, die
unserer harren würden. Es ging aber viel besser, als wir dachten.
Unser Marsch führte uns diesmal ganz andere Straßen, auf denen
wir trotz starken Sturmes gut vorwärts kamen. Im übrigen waren
unsere Wagen jetzt viel besser bespannt und die Pferde an die
Wege in Rußland gut gewöhnt. Wie ruhig und geordnet unsere
Rückwärtsbewegung vor sich ging, bewies die Tatsache, daß in
der genannten Stadt noch Landsturm und die Etappe lag, die
erst nach uns sich dem Zuge nach dem Westen anschloß. Das
Bewußtsein, über das Sumpfgebiet hinaus zu sein, erhöhte
unsere gute Stimmung. Die Märsche wurden wieder kürzer. In
einem Dorfe lagen wir 2 Tage. Am ersten Tage nachmittags ritt
ich in das 3 km entfernte, durch Wald von uns getrennte Nachbar¬
dorf, um den Kollegen von dort liegenden Munitionskolonnen bei
den Choleraimpfungen zu helfen.
Es war Abend geworden, als ich zurückritt. In der Dunkel¬
heit suchte ich einen kürzeren Weg, verfehlte ihn und verirrte mich am
Waldrand zwischen hohen Sanddünen, wie ich sie sonst nur von der
Nordsee her kenne. In einem abgelegenen Dorf ohne Einquartierung, in
dem die durch das Hundegebell aufmerksam gemachte Bevölkerung
mich mißtrauisch ansah, machte ich kehrt. Den Revolver hatte ich,
ohne es zu merken, in den Dünen verloren. Ich ritt zu dem Aus¬
gangspunkt zurück. Ein Begleiter mit Karabiner brachte mich auf
den richtigen Weg zu unserem Quartier.
Fast jeden Tag genossen wir bei dem frühen Aufbruch und
dem schönen, klaren Herbstwetter das herrliche Schauspiel des
Sonnenaufgangs vom ersten Streif der Morgendämmerung bis zum
glühenden Durchbruch des Sonneuballs. Zum Abschied zeigte sich
das Feindesland von der schönsten Seite. Die Ausläufer der Lyssa
gora begleiteten uns zu beiden Seite unserer Straße als hohe wei߬
graue Kalksteinfelsen. Wenn wir uns umsahen, verschwanden sie
in der Ferne in silbernem Glanze. Die beiden letzten kleinen Städte
vor der Grenze wurden passiert. Unwillkürlich wandte sich die
Erinnerung zurück, wie wir vor mehr als fünf Wochen als Neu¬
linge des Landes, unbekannt mit seinen unerhörten Schwierigkeiten,
hier eingedrungen waren. Jetzt hatten tagelang dauernde Spren¬
gungen, deren Knall wir vielfach wahrgenommen, die Brücken nach
diesem Teile Polens hier abgebrochen. Der Feind konnte uns nicht
mehr folgen. Nur wenige Kilometer trennten uns vom schlesischen
Boden. Welche Aufgabe unserer harrte, ob wir an der Grenze
stehen bleiben, ob wir an anderer Stelle ins russische Reich ein¬
marschieren würden, wir wußten es nicht. Übermütig sagten wir
beim Glase Sekt dem Feindesland „Lebewohl“. Denn morgen stan¬
den wir wieder auf deutscher Erde. O.-A. Dr. B.
Kleine Mitteilungen.
Kriegschronik.
Aus den off. Verlustlisten .
1. Tot:
R.-A. Dr. Georg Jak ab, I.-R. Nr. 64 (Liste vom 2. Januar).
2. Verwundet:
A.-A. Dr.Nenad Nendoovic, u. L 9 t.-I.-R. Nr. 28. Rippenbruch, liegt
Vereinß-Sp. des kath. Frauenvereines Ujvidek (Liste vom 29. Dezember).
A.-A. Dr. Erwin Dittrieb, Lst.-I.-R. Nr. 31, Niorenquetselumg,
liegt Rekonv.-A. Parlament Wien (Liste vom 30. Dezember).
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58
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 2.
10. Januar.
A.-A. Br. Rudolf Lach, I.-R. Nr. 90, Fußschuß, liegt Res.-Sp.
Mähr .-Weißkirchen (Liste vom 30. Dezember).
A.-A. Dr. Koloman Lapossy, I.-R. Nr. 32, Schußwunde, liegt
Res.-Sp. Nr. 1 Kolomea-Turka (Liste vom 30. Dezember).
A.-A. d.Res. Dr. Johann Luke§, I.-R. Nr. 74 (Liste vom 2. Januar).
A.-A.Dr. Jenö Ötvös, I.-R. Nr.83 (Liste vom 2. Januar).
A.-A.-St. Dr. Franz Schwab, I.-R. Nr. 40 (Liste vom 2. Januar).
* *
Aus Berlin schreibt man uns: Infolge der Einberufung I
zahlreicher Assistenten und der Angliederung von Kriegslazaretten
mit beträchtlicher Bettenzahl hat sich ein Mangel an Aerzten
in den Krankenanstalten der Stadt Berlin fühlbar gemacht,
der durch die Einstellung von Assistenten nicht beseitigt werden
kann. Die von der Berlin-Brandenburger Aerztekammer zu Beginn
des Krieges eingesetzte „Zentralstelle für Vertretung von einbe-
rufenen Aerzten“ beabsichtigt nun, die freien Stellen durch nieder¬
gelassene Aerzte des Kammerbezirks zu besetzen, mit der Ma߬
gabe, daß sie einen zusammen etwa sechsstündigen (Vormittags¬
und Abendstunden) Dienst im Krankenhause versehen, im übrigen
aber in der Ausübung ihrer Privatpraxis nicht beschränkt sind
und nachts in ihrer Behausung sich aufhalten, auch ihre Ver¬
pflegung selbst besorgen. Ueber die Verteilung der Dienststunden,
die etwaige Verletzung der Sprechstunden usw. soll eine Verein¬
barung mit den Abteilungsvorstehern der Krankenhäuser getroffen
werden. Als Tagesvergütung hat die Zentralstelle den Satz von
15 M für angemessen erachtet. Für das Kriegslazarett in Buch
gelten die gleichen Bedingungen, jedoch mit der Einschränkung,
daß der verpflichtete Arzt dort wohnen muß und auf den Tages¬
satz die Kosten für die daselbst gewährte Verpflegung verrechnet
werden. Wie wir hören, haben sich sofort weit über 300 Aerzte,
darunter auch eine große Zahl älterer Kollegen, auf das Rund¬
schreiben der Zentralstelle hin zur Verfügung gestellt.
(M il i t ä r ä r z 11 i ch e s.) In Anerkennung tapferen V erhaltens vor
dem Feinde ist dem Marine-A.-A. d. Seewehr Dr. St. v. Gothard des
Spitalschiffs Kulpa die a. h. belobende Anerkennung ausgesprochen
worden. In Anerkennung tapferen und aufopferungsvollen Ver¬
haltens vor dem Feinde ist dem A.-A. d. Res. Dr. A. Unger des
I.-R. Nr. 7, R.-A. Dr. R. Klinger des L.-I.-R. Nr. 14, A.-A. d. Res.
Dr. J. Wimberger des Ldsch.-R. Nr. I, O.-A. d. Ev. Dr. M. Löw^
des Lst.-I.-R. Nr. 6 die a. h. belobende Anerkennung bekannt-
gegeben worden. — Aus demselben Anlasse ist dem St.-A.
Dr. J. Jirovec des I.-R. Nr. 75, R.-A. Dr. E. Huber und
A.-A. Dr. J. Kermayer des I.-R. Nr. 7, St.-A. Dr. S. Bey-
kovsky des L.-l.-R. Nr. 8 das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens
am Bande des Militärverdienstkreuzes, in Anerkennung hervor¬
ragend pflichttreuen Verhaltens vor dem Feinde dem A.-A.-St.
Dr. J. Loeszl der Div.-San.-A. Nr. 31 das Goldene Verdienstkreuz
mit der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille, in Anerkennung
erfolgreicher Tätigkeit auf dem Gebiete der Verwundeten Versorgung
dem R.-A. a. D. Dr. J. Dobrodolac und R.-A. d. R. Dr. E. Roth,
Kommandanten von Reservespitälern in Brod, das Goldene Ver¬
dienstkreuz mit der Krone, in Anerkennung tapferen und aufopfe¬
rungsvollen Verhaltens vor dem Feinde dem R.-A. Dr. J. Vitek
des L.-I.-R. Nr. 8, R.-A. Dr. A. Lederer des L.-I.-R. Nr. 9, A.-A.
d. Res. Dr. K. Klein und ^A.-A.-St. d. Res. Dr. G. Hatzaf des
L.-I.-R. Nr. 6, den O.-Ae. d. Res. DDr. F. Schaffer des L.-I.-R.
Nr. 1, F. Beck des L.-I.-R. Nr. 24, dem O.-A. d. Ev. Dr. K. Neu¬
hauser und Ldst.-Arzt Dr. W. Wunderer des Feldspitals Nr. 7/14
das Goldene Verdienstkreuz mit der Krone am Bande der Tapfer¬
keitsmedaille verliehen worden. — O.-St-A. I. Kl. Dr. B. Dub,
Sanitätschef des Landwehrkommando Krakau, ist auf eigenes An¬
suchen in den Ruhestand versetzt und demselben aus diesem An¬
laß der Orden der Eisernen Krone III. KI. verliehen worden.
(Oesterreichischer Aerzte-Vereinsverband.) Die Ge-
sammtsumme der Unterstützungsquoten, die vom „Witwen- und
Waisen-Unterstützungsinstitute des Oesterr. Aerzte-Vereinsver¬
bandes“ den Landeskommissionen am Schlüsse des Jahres 1914
zur Verfügung gestellt wurden, welche von Aerztekammern, resp.
in zwei Ländern von Aerztevereinen gebildet werden, und welche
die Verteilung an die unterstützungsbedürftigen Witwen und Waisen
nach Aerzten in ihrem Wirkungsbereich durchführen, betrug
20 662 K. Sie bestand aus den ganzen Jahresbeiträgen der Aerzte¬
kammern (13 662 K) und aus einem Zuschüsse des Unterstützungs¬
institutes im Betrage von 7000 K. Außerdem wurden im Jahre 1914
vom Unterstützungsinstitute 300 K und aus den von ihm ver¬
walteten Fonds 1300 K (aus dem Rothschild-Fonds 900 K, aus
dem Dr. Baron Buschman-Fonds 400) zur Unterstützung von i
Arztenswitwen verwendet. Die Unterstützungen beliefen sich im
Jahre 1914 daher insgesamt auf 22 262 K. Dieses erfreuliche Re¬
sultat wurde durch die Subvention ermöglicht, welche dem Unter¬
stützungsinstitute im Jahre 1914 zugekommen sind, und zwar vom
Ministerium des Innern 5000 K, vom schlesischen Landesausscbusse
500 K, von Kurorteverwaltungen 480 K (Abbazia 50 K, Bilin 100 K,
Franzensbad 20 K, Karlsbad 250 K, Levieo-Vetriolo 50 K, Porto¬
rose 10 K), vom Krankenverein der Aerzte Wiens 100 K. — Bei
der in der Geschäftsausschußsitzung vom 7. Dezember vorge¬
nommenen Ergänzungswahl in den Geschäftsausschuß wurden ge¬
wählt: Zum Präsidenten: Kais. Rat Prim. Dr. Alexander L er ch,
zum Vizepräsidenten: Hofrat Dr. Adolf Ir tl, zum Ausschuß mitglied:
Prof. Dr. Viktor Hammerschlag, zu Ausschußmitglied-Stellver¬
tretern: Prim. Dr. Alois Gruber und Dr. Artur Pinsker.
(Aus Budapest) wird uns berichtet: Inter arma silent
musae. Tiefe Stille herrscht in unseren Vereinigungen, die Pforten der
angesehensten medizinischen Sozietät, der Königl. Gesellschaft der
Aerzte, aber auch des Vereines der Spitalsärzte, sind seit Kriegsaus¬
bruch geschlossen und nur an den chirurgischen Kliniken wird mitunter
ein bescheidener kriegschirurgischer Abend abgehalten. Die königl.
Aerztegesellschaft konnte jüngst mangels an Teilnehmern nicht
einmal ihre Jahresgeneralversammlung abhalten. Uns will es
scheinen, daß die Budapester Aerztegesellschaft nach
Muster der k. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien ihre wissen¬
schaftliche Tätigkeit ganz gut aufnehmen könnte, selbst
auf die Gefahr hin, daß die sich jetzt zersplitternden Demonstra¬
tionen sich vorwiegend in chirurgischem Fahrwasser bewegen
dürften, um ihrer alten Zugkraft auf uns Aerzte nicht verlustig
zu werden. Lehrt doch nebenbei die Erfahrung auch in Friedens¬
zeit, daß das Gros der Vorträge und Demonstrationen der Chi¬
rurgie entnommen ist. Eine Vorbedingung der günstigen Beendi¬
gung des Krieges ist es ja, wie dies von den Söhnen der großen
deutschen Nation, mit der wir in Krieg und Frieden geeinigt
sind, besonders hervorgehoben wurde, daß wir, des sicheren Sieges
unserer braven Soldaten gewärtig, unsere Kulturarbeit regelmäßig fort¬
setzen, in der jeder Stillstand gleichwertig ist einem Rückschritt. Hat
doch der derzeitige Dekan der medizinischen Fakultät in Buda¬
pest, Emil v. Grosz, der gleichzeitig ira Präsidium der königl.
Aerztegesellschaft sitzt, schon beim Semesterbeginn an die Fa¬
kultäten der reichsdeutschen und österreichischen Universitäten
in seinem Begrüßungsschreiben den Gefühlen der Kulturgemein¬
schaft Ausdruck gegeben, und wahrlich erhebend sind die Ant¬
worten der Schwesterfakultäten Altösterreichs und Deutschlands.
Es antworteten besonders warm die Professoren Tandler im
Namen der Wiener, Grosser der deutschen Carolo-Ferdinandea
in Prag, Loos der Innsbrucker, Orth der Berliner, Binswanger
der Jenenser, Nuß bäum der Bonner medizinischen Fakultät, des¬
gleichen die Universitäten Gießen, Erlangen, Halle, Kiel,
Tübingen, Leipzig, München, Breslau etc. —Prof. Orth in
Berlin schrieb wörtlich, daß gerade die Universitäten ein Beispiel
für treue Pflichterfüllung auch unter schwierigen Verhältnissen
geben müssen! S.
(Statistik.) Vom 20. bis inklusive 26. Dezember 1914 wurden
in den Zivilspitälern WienB 13.856 Personen behandelt. Hiervon wurden
1810 entlassen, 226 sind gestorben (ll'l°/o des Abganges). In diesem Zeit¬
räume wurden aus der Zivilbevölkerung Wiens in- und außerhalb der
Spitäler bei der k. k. n.-ö. Statthalterei als erkrankt gemeldet: An
Blattern 13, Scharlach —, Masern —, Röteln —, Varizellen —, Diph-
theritis —, Keuchhusten —, Mumps —, Influenza —, Abdominaltyphus lo,
Dysenterie —, Puerperalfieber —, Rotlauf —, Trachom —, Milzbrand
Wochenbettfieber —, Flecktyphus 2, Cholera asiatica —, epidemische Ge¬
nickstarre —. In der Woche vom 20. (bis 26. Dezember 1914 Bind m
Wien 891 Personen gestorben (— 107 gegen die Vorwoche).
Sitzungs-Kalendarium.
Dienstag, 12. Januar, 7 Uhr. Verein für Psychiatrie und Neurologie.
Hörsaal v. Wagner (IX., Lazarettgasse 14). 1. Demonstrationen
(Fries, Reznizek, Pötzl). 2. Karplus: Ueber Granatkontusionen.
Donnerstag, 14. Januar, 7 Ohr. Gesellschaft für innerelMedlzin nad
Klnderheilknnde. Hörsaal Ortncr (IX., Alserstraße4). 1. Deroon-
strationen (Doz. Wechsberg und Dr. Eschmann: a) Typbus recur-
rens-Fälle, b) Ein Fall von Morb. Recklinghausen; Dr. Bass; Doktor
Beck; Dr. Gerstmann; Prof. H. Schlesinger). 2. Diskussion über
Klinik und Therapie der Dysenterie. Einleitende Bemerkungen von
Doz. A. v. Müller (zur Diskussion gern.: Prof. Singer, Dozen
W. Schlesinger, Prof. H. Schlesinger).
Freitag, 15. Januar, 7 Uhr. K. k. Gesellschaft der Aerzte. (IX., Frank¬
gasse 8.) __
Herausgeber, Eigentümer and. Verleger; Urban £ Schwarzenberg, Wien and Berlin. — Verantwortlicher Redakteur lllr Österreich-Ungarn; Karl Urban, Wien.
Druck von Gottlieb Giatel ACie., Wien, HI., Mttnngaese 6.
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Original frnrri
UNIVERSUM OF IOWA
XI. Jahrgang.
Nr. 3.
/ /
Wien, 17. Januar#1915.
Medizinische Klinik
Wochenschrift für praktische Ärzte
redigiert von
ProffeMtr Dr. Kort Brtndeabiirg
Berlin
Verlag Ton
Urban A Sehvaraenberg
Wien
INHALT: Die Versorgung 1 der Verwundeten and Erkrankten im Kriege: Oberstabsarzt Prof. Dr. Hackenbruch, Erfahrungen über die
Beliindlang von Schußknochenbrüchen mit Distractioisklam-nerverbiiuieti. (Mit 18 Abbildungen.) Prof. Dr. C. Adam, Augenverlet-/.ungen im
Kriege und ihre Behandlung. Prof. Dr. Jenckel, Schuß in den Herzbeutel. (Mit 2 Abbildungen.) — Klinische Vorträge: Priv.-D >z. Dr. X. v. Jagic,
Zur Pathogenese und Symptomatologie der Chlorose. — Berichte Uber Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren: Priv.-D rz. Dr. Ointivn Qua-
rell" timl Dr. F. Negro, Weicher Schanker und unerkannt gebliebene Syphilis. Dr. Otto Rupp. Beitrag zum gegenwärtigen Staude der Alnrtfragc.
(Schluß aus Nr. 2.) Stadtbezirksarzt Dr. Schubart, Haustrinkkuren. Eine Antwort auf den Aufsatz in Nr. 25, 1914: Haben die natürlichen Mineral-
uaellea eine spezifische Heilwirkung auf den erkrankten Organismus? — Aus der Praxis für die Praxis: Oberarzt Dr. 0. Nord manu. Behandlung
der Erfrierungen. — Referatentell: Sammelraferat: Dozent Dr. Leopold Freund, Fortschritte auf dem Gebiete der Röntgönstrahlen. Ans den
■enerten Zeitschriften. — Bßcherbesprechnngen. — Wissenschaftliche Verhandlungen, — Berufs- und Standesfragen: K. k. Gesellschaft der
Aerzte in Wien. Gesellschaft für innere Medizin und Kinderheilkunde in Wien. Kriegschirargischer Abend in Budapest. Kriegsärztliche Ab Jude der
Militärärzte von Lille und Umgebung. — Kleine Mitteilungen.
Der Vtrkf UM Heh im» auseckUeßHck» HecM der Vervielfältigung und Verbreitung der in Meter Zeitschrift mm Erscheinen gelangenden OHginalbeiträg» vor.
•Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege.
Ans dem Kriegslazarett zu Florenville und Sedan.
Erfahrungen über die Behandlung
tob Schußknochenbrüchen mit Dlstractions-
klammerverbänden *)
(mit 10 Zeichnungen*) und 8 Photographien)
von
Oberstabsarzt Prof. Dr. Hackenbruch, Wiesbaden.
Die mir zur Verfügung stehende Erholungsfrist von den
Strapazen einer vierteljährigen Teilnahme am Feldzug in
Belgien und Frankreich will ich nicht unbenutzt lassen und
in kurzen Worten meine Erfahrungen über die Verwen¬
dender Distractionsklammerbehandlung der Schuß -
frakturen der Extremitäten zum Besten unserer
tapferen Verwundeten niederlegen.
Da mir anfänglich nur wenige Distractionsklammern
zur Verwendung standen und deren spätere Nachbeschaffung
begreiflicherweise nicht mit erwünschter Schnelligkeit er¬
folgen konnte, so kann ich zurzeit nur über 21 Knochen¬
brachfälle berichten, welche mitDistractionsklammerverbänden
behandelt wurden. Hiervon waren 16 komplizierte Schu߬
frakturen; bei den übrigen fünf Fällen handelt es sich um
nichtkomplizierte Brüche der Extremitäten.
Die Erfahrung hat gelehrt, daß auch bei sehr schweren
Schußfrakturen der Extremitäten, welche verbunden sind mit
ausgedehnten Zertrümmerungen der Knochen und großen
fetzigen Weichteil wunden, die angelegten Distractions-
klammerverbände Gutes geleistet haben. Selbst in einzelnen
fast trostlosen Fällen von schweren Granatschußverletzungen
Extremitäten, wobei die Amputation dieser Glieder in
direkte Frage kam, ist es mit Hilfe der Klammer verbände
gelungen, sowohl die in mehrere Stücke zerrissenen Knochen
in gute Stellungen zueinander zu bringen, als auch die Hei¬
lig der komplizierten Weichteilwunden sehr günstig zu be-
einflussen, sodaß die Amputation der durchschossenen frak-
tarierten Glieder vermieden wurde.
Da ich in Friedenszeiten nur eine verhältnismäßig ge-
nnge Anzahl von komplizierten Frakturen mit Distractions-
klammerverbänden behandelt habe, möchte ich jetzt beson-
5 kit Drackvenehmigung des FeldBanitfitschefs.
v Nich vorliegenden Röntgenaufnahmen genau mittels Storch-
wbmW «ugeführt von Herrn Lithograph Hch. Wirth in Wiesbaden.
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ders die Erfahrungen der Klammerbehandlung bei den kom¬
plizierten Schußfrakturen schildern. Es kamen diese Schu߬
frakturen der Extremitäten zumeist einige Tage oder Wochen
nach der Verletzung in mehr oder wenig gutliegenden Not¬
verbänden, fast alle mit eiternden Schußwunden in unsere
Behandlung und die Beobachtung hat gezeigt, daß
selbst dann noch eine gute Beeinflussung der
Knochenfragmente durch die Klammerbehandlung
erreicht wurde, wenn auch die Schußverletzun^
schon Wochen alt war.
Nachdem uns ein Röntgenapparat zur Verfügung stand
(in Sedan), wurden die Verwundeten mit Extromitätenschüssen
alsbald nach der Aufnahme röntgenographiert in den Ver¬
bänden, in welchen sie bei der Aufnahme ins Kriegslazarett
gelangten. Die Röntgenaufnahmen zeigten, selbst bei an¬
scheinend gutsitzenden Contentivverbänden, meistens schlechte
Stellungen der Knochenbruchstücke zueinander.
Vor Entfernung der Notverbände und in vielen Fällen
auch vor der Röntgenaufnahme der frakturierten Glied¬
maßen, wobei die auf den Wundtäfelchen bezeiebnete Dia¬
gnose des Sitzes und der Art des Knochenbruchs die zweck¬
entsprechende Lagerung der Röntgenplatte zur Aufnahme in
erfreulicher und dankenswerter Weise erleichterte, wurde
0,02 Morphium subcutan verabreicht. Die hierdurch erzielte
Herabsetzung der Schmerzempfindung genügte in den aller¬
meisten Fällen, um die Abnahme des Notverbandes und die
sofortige Anlage des Klammerverbandes in Ruhe vorzu¬
nehmen. Nur in einzelnen Ausnahmefällen war die Ein¬
leitung der allgemeinen Narkose notwendig. Bei schweren
Granat- oder Schrapnellschußverletzuogen an den oberen
Extremitäten wurde mehrmals die supraclaviculäre Plexus¬
anästhesie (Kulenkampff), kombiniert mit der subcutanen
Umspritzung am Oberarme, mit bestem Erfolg in bezug auf
die Erzeugung vollständiger Schmerzlosigkeit ausgeführt.
Von besonderer Wichtigkeit sind für die Anlage von
Di8tractionskIammerverbänden folgende vier Momente:
1. Dürfen die Verbände nur in Beugestellung der
benachbarten Gelenke im Sinne Zuppingers angelegt
werden, da in Beugestellung der Gelenke die Muskelspannung
den geringsten Grad aufweist.
2. Um mit Sicherheit Decubitus zu vermeiden,
müssen die mit pulverisiertem Gummi (Faktis) weich ge¬
füllten, manschettenförmigen Polsterkissen ganz in äicke
Original frorri
UNIVERSITV OF IOWA
62
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 3.
17. «Januar.
Walte eingeschlagen werden, damit sie später mit dem
Gipsverbande nicht verbacken können und so zu jeder
Zeit ein federndes, nachgiebiges Polster abgeben. (In Er¬
mangelung von solchen Faktiskissen habe ich mir mit im¬
provisierten Wattekissen geholfen, welche folgendermaßen
hergestellt werden: Handbreite Wattestreifen werden in der
Länge, welche der Ausdehnung des Gliedumfangs entspricht,
in mehreren Lagen in etwa 6 cm Dicke übereinander auf
einem Tische liegend geschichtet; dann werden diese ge¬
schichteten Wattestreifcn in eine breite Mullbinde eiuge-
schlagen, sodaß sie das Aussehen eines dicken Faktiskissens
bekommen. Diese in Mall eingowickelten Wattekisi-en werden
sodann wie die Faktiskissen wieder in Watte eiü gepackt,
um wie letztere zur Polsterung verwendet zu werden.)
Ferner ist es zur Vermeidung des Eintritts von De¬
cubitus nötig, möglichst frühzeitig aktive Bewe¬
gungen in den benachbarten Gelenken vornehmen
zu lassen.
3. Um diese aktiven Gelenkbewegungen zu er¬
möglichen, ist es nötig, die Fußplatten der Klammern
so einzugipsen, daß ein Paar der sieb diametral
gegenüberstehenden Kugelgelenke möglichst in die
Drehungsachse des zu bewegenden benachbarten
Gelenks zu liegen kommt.
4. Der weiter unten näher beschriebene Sicherungs¬
bügel soll nach ausgefülirter Distraction sofort in
dio Drehlöcher der Gewindestäbe eingesteckt werden.
^ r ach diesen allgemein gültigen Sätzen für die Behand¬
lung der Scbußknoehenbrüche mit Distractionsklamnn-rn soll
die spezielle Technik der Verbandanlage an dom Bei¬
spiel einzelner Knochenschußbrüche beschrieben und dieselbe
zuerst bei den unteren, dann bei den oberen Extre¬
mitätenschußfrakturen erläutert werden.
Beiden komplizierten Schußfrakturen der Unter¬
schenkolknochen — mögen dieselben nun in der Gegend
der Knöchel, des Fußgelenks oder oberhalb des letzteren,
im mittleren oder oberen Drittel des Unterschenkels oder
gleichzeitig an mehreren Stellen ihren Sitz haben — werden
die gebrochenen Knochen des auf dem Operationstische ge¬
lagerten Verwundeten in fast rechtwinkliger Beuge¬
stellung des Kniegelenks durch Zug am Fuße möglichst
reponiert, während der Oberschenkel bei Beugestellung
im Hüftgelenke von den beiden Händen eines Gehilfen
oder durch den Verwundeten selbst in der Art fixiert wird,
daß die Kniescheibe nach vorn oben schaut. Die Fußspitze
muß bei dieser Beugestellung des Beins in die gleiche Rich¬
tung nach oben sehen, wohin auch die Kniescheibe zeigt.
Unter Beibehaltung der Gelenkbeugestellungen werden die
vorher in Watte eingepackten Faktis- oder Wattekissen
oben an dem Tibiakopf und unten um die Knöchel, die Ferse
und den Fußrücken gelegt und durch Bindentouren (Mull-,
Cambrie- oder Fianellbinden) dort fixiert. Auf die Weichteil¬
wunden werdenbeibcstehenbleibendon Beugestellungen imHüft-
und Kniegelenke, sowie bei dauerndem Zug am Fuße dicke
sterile Gazetupfer aufgelegt und von Gehilfen fingern dort
festgehalten, worauf der ganze Unterschenkel von den Zehen
bis zur Kniescheibe leicht eingewickelt wird, sodaß die auf
die Wunden aufgelegten Tupferbäusche buckelförmig sich
markieren oder besser noch zwischen den Bindetouren frei
herausschauend erkennbar bleiben. Dann wird oberhalb der
Knöchel ein etwa 5 cm breiter Wattestreifen circulär um
den Unterschenkel gelegt. Dieser Wattestreifen dient dazu,
die Haut gegen ungewollte Verletzungen beim späteren circu¬
laren Durchschneiden des Gipsverbandes zu schützen. So¬
dann wird der Unterschenkel von den Zehen bis zum Knie
mit einigen (drei bis vier) Gipsbinden eingewickelt, wobei
die buckeJförmig vorspringenden Stellen der Tupfer, unter
welchen die Schußwunden liegen, möglichst von Gips frei¬
gehalten werden, damit dort an den Wundstellen die Fenster
im Verbände später leicht ausgeschnitten werden können.
Zweckmäßig ist es, zur Verstärkung des Gipsvorbandcs
zwei bis drei Schusterspäne eiDZulcgen, welche aber vom
Knie herab nur bis zu der späteren circuläron Trennungs-
Stelle des Gipsverbandes reichen dürfen. Ferner hat es sich
als praktisch erwiesen, den Gipsverband nur so hoch anzu¬
legen, daß der Watterand des angelegten Faktiskissens den
freien Gipsrand etwas überragt.
Sobald dor Verband zu ei härten beginnt (was bei gutem
Gips nur einige Minuten dauert), wird durch Zirkelschnitt
mit einem Mosser dicht oberhalb der Knöchel der Gips¬
verband über dem vorher eingelegten Wattestreifen in zwei
Teile getrennt und dann werden sofort innen wie außen in
Längsrichtung des Unterschenkels die Distractionsklammcrn
angedrückt, sodaß sich die Fußplatten der Klammern leiriit-
spurig in den Gips einpressen und durch Gehilfenhand so fest-
gehalten, daß die einander gegenübcrstchenden unteren
(dLtalen) Kugelgelenke ungefähr in die Drehungsachse dos
Fußgelenks zu liegen kommen. Letzteres Postulat anatomisch
genau auszuführen, ist nicht nötig, da dank der Größe der
Kugelgelenke und nach deren Lösung es später möglich ist,
aktive Bewegungen in den betreffenden Gelenken ausfiihrcn
zu können, wenn auch deren diametrale Achse in der Lage
etwas differiert von der Lago der eigentlichen Gelenkachso;
zuweilen zwingen auch dio Wund Verhältnisse eine Abscils-
lagerung der Achse der später zu lösenden distalen Kugel¬
gelenke von der eigentlichen Gelenkachso; selbst aber müssen
die zu lösenden Kugelgelenke stets möglichst diametral ein¬
ander gegenüber angelegt werden.
Die oberen am Uuterscho tkol in Längsrichtung fcst-
gehaltenen Fußplatton der Klammern werden darauf schnell
durch Gipsbinden fixiert, sodann dio unteren parallel zur
Fußachse gehaltenen Faßplatten in gleicher Weise aogegipst.
Sofort nach Erhärtung des Verbandes wird, während
der Unterschenkel in Beugestellung des II Ci ft- und
Kniegelenks in horizontaler Lage gehalten bleibt,
jedes der vier Kugelgelenke der Klammern mitdem
Schlüssel fest fixiert; dann wird dio Distraction dor
beiden Teile des Gipsverbandes durch Umdrehen
der Gowindestäbe der angegipsten Klammern — ab¬
wechselnd innen und außen — begonnen und diese
Drehung soweit fortgesetzt, daß ein deutliches,
mehrere Zentimeter weites Klaffen der Spaltränder
im Gipsverband auftritt.
Die Auslührung der Distraction ist für den Verletzten
erfahrungsgemäß sehmerzb s und durch dieselbe wird der
eigentliche Knochenbruchschmerz stets deutlich vermindert,
was alle Verletzten spontan und auf Befragen anzugeben
pflegen. Tritt aber bei weiterer Distraction schmerzhaftes
Druckgefühl am Knie sowie am Fußrückin und an den
Knöcheln auf, so muß vorläufig mit weiteren Umdrehungen
der Gewindestäbe im Sinne der Distraction aufgehört wenleD.
Gleichzeitig kann man durch Betasten des im Gipsspalte
fühlbaren Unterschenkelteils feststellen, daß eine mehr
oder weniger deutlich fühlbare Spannung der Haut-
und Weichteile daselbst eingetreten ist. Eröffnet
man jetzt die unteren, in dor Gelenkachse diametral sich
gegenüberstehenden Kugelgelenke, so kann der Ver¬
wundete aktiv und schmerzlos kleine Bewegungen
im Fußgelenk ausführen. Zweckmäßig ist es aber, die
unteren Kugelgelenke nach diesen Versuchen wieder fest ?»
schließen und für einige Tage fixiert zu halten; nur bei den
ärztlichen Visiten läßt man nach Lösung der unteren Kugel¬
gelenke in den ersten Tagen nach der Anlage des Klammer*
verbandes kleine aktive Bewegungen ausführen. . . ..
An dem noch feuchten Gipsverbande werden jetzt m
starker Schere die durch die aufgelegten Tupfer deutne
erkennbaren Stellen, unter welchen die Schußwunden liege ,
zu genügend weiten Fenstern ausgeschnitten, sodaß dies
Wunden ordentlich verbunden werden können. Eh®
Patient zu Bett gebracht wird, steckt man in
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UNIVERSUM OF IOWA
17. Januar.
1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8
63
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Drehlöcher der Distractionsgewindestäbe einen
federnden Drahtbügel (Sicher ungsbügel), über welchen
weiter unten näheres gesagt werden soll.
Einige Tage, spätestens eine Woche nach der
Anlage des Klammerverbandes können bei Unter-
sclienkelschußbriiehen die in der Gelenkachsc des Fu߬
gelenks eingegipsten Kugelgelenke der Klammern dau¬
erndgelöst bleiben, sodaß Patient jederzeit aktive
Bewegungen im Fußgelenk ausführen kann. Nötig
ist es aber dann, daß die Schraubengänge der beiden Ge¬
windestäbe fixiert werden; denn läßt man die unteren Kugel¬
gelenke zur aktiven Bewegung des Fußgelenks offen, so hat die
Beobachtung gelehrt, daß besonders durch die Erschütterung
beim Umhergehen die
Gewindestäbe sich zu-
riickzudrehen pflegen,
wodurch der Spannungs¬
grad der Distraktion
vermindert wird. Zur
Fixierung der Gewinde¬
stäbe hat sich seit l 1 /*
Jahren folgende einfache
Vorrichtung sehr be¬
währt: diese besteht aus
einem federnden, aber
noch etwas biegbarem
halbkreisförmigenDraht-
bügel (siehe die Abb. 2,
6. 14 und 17), dessen
freie Enden in einer
Länge von 1 cm nach
innen winklig abgebogen
sind. Steckt man das
eine abgebogene Ende
dieses Sicherungsbügels
in ein Drehloch des Ge¬
windestabs der äußeren
Klammer, so kann man
infolge der Federung des Bügels
das andere abgebogenc Ende in
ein Drehloch des Gewindestabs
der inneren Klammer
schnappen lassen.
Hierd u rch wirdein
spontanes Drehen
der Gewindestäbe
selbst unmöglich
gemacht: der Siche¬
rungsbügel sitzt so
fest und ist von hin¬
reichender Stärke,
daß man das Bein an
ihm in die Höhe heben
kann, was zuweilen
beim Verbandwechsel
oder zur Aenderung
der Lage der Ex¬
tremität von gutem
Vorteil für den Ver¬
wundeten ist. Zudem
verleiht der einge¬
steckte Sicherungs¬
bügel dem angegip¬
sten Klammerpaar
und zumal bei er-
öffneten Kugelgelen¬
ken auch dem ganzen
Klammerverbande
sinen höheren Grad
ler Stabilität.
Von beistehenden Abbildungen veranschaulicht Abb. 1 das Röntgen-
hild eines komplizierten Schußknochenbruchs beider Unterschenkel¬
knochen: Abb. 2 zeigt das Bild des Verwundeten selbst, welcher sofort
nach Anlage des Distractionsklammerverbandes so wenig Schmerzen ver¬
spürte, daß er sogleich stehend bei noch feuchtem Gipsverbande photo¬
graphiert werden konnte.
Handelt es sieb um eine Schußverletzung des Unter-
| Schenkels, welche außer der Zertrümmerung der Knochen
auch noch eine erhebliche Weichteilzerreißung mit hand-
j langer Wunde oder mehrere konfluierende Wunden verur¬
sacht hat, so können auch in solchen Fällen die Distractions-
klammern mit großem Vorteil verwendet werden.
Nach möglichster Einrichtung der zerschossenen Knochen
in der oben beschriebenen Beugestellung der Gelenke und
durch sanft anschwellendes Ziehen am Fuß wird zuerst
(nach Belegung der Wunden mit Tupfergaze) eine zarte Ein¬
wicklung der ausgedehnten Wunden mit einer Mullbinde vor¬
genommen, und zwar so, daß die äußersten Wundränder
nach oben am Knie und nach unten am Fuß eben mit-
bedeckt werden, während die übrige Haut am Unterschenkel
und Fuße sowie am Knie freibleibt. Dann nimmt man zur
Distanzabmessung der räumlich großen Wunden die längste
der Distractionsklammern und hält deren unteres Kugel¬
gelenk in der Gegend der Fußgelenksachse an den äußeren
Knöchel und dreht mit den Fingern den Gewindestab so
lange, bis daß der Fußpunkt des oberen Kugelgelenks ober¬
hall) der oberen Grenze der Hautwunde zu stehen kommt.
Sodann richtet man die andere zugehörige Klammer auf
einem Tisch zu gleicher Länge im Auseinanderstehen der
Fußpunkte der Kugelgelenke aus und stellt letztere leicht
lösbar fest.
Es ist nun nicht nötig, daß man um den ganzen
Unterschenkel einen Gipsverband anlegt, aus wel¬
chem man später der Wundversorgung wegen ein
großes, breites, manschettenförmiges Stück durch
oberen und unteren Zirkelschnitt aussehneiden
müßte, sondern es ist einfacher, in solchem Falle
von vornherein zwei Teile eines Gipsverbandes herzu¬
stellen. welche erst durch die später anzubringenden
Klammern zu einem Stütz verbände vereinigt werden.
Man legt demnach über in Watte gepackte Faktiskissen (oder
improvisierte Wattekissen) sowohl am Fuße bis dicht über die
Knöchel, als auch am Knie (von der Kniescheibe herab bis
Abb. 1. (Zu Abb. Ü gehörig.)
Kdo. Benedikt. 25 Jahre. Schußbruch beider Unter'
ttheakflknorben dicht unterhalb des Tibiakopfes.
Anbei de« bistractioui'kl&roTOerverbaudes 14 Tage
nvh der Wrletzung: gute Stellung des Fragments.
Abb. 2.
25 J.hro. Sei
k^PfsebenkeJknoc
SL«^b de, Tibiakop
U l?* 4 * *° fort Aul
” rWtl0n,k,Äm,nerVer,>ar
,j 4i ; C f d {' hot °|raphiert. Mau erke
und
«MWwktM Sichenmgibügel
liinein-
Abb. 3 (mit Abb. 4 zu vergleichen».
Kaspar, 27 Jahre. Splitterschußbruch bei-
Unterschenkelknocben durch Schrapnell
tfotverbaDd ; einige Bleistücke sind sicht-
Starko Dislokation der gesplitterten
gmente mit Verkürzung des Unterschen
(Eiuschuüwunde hinten, vorne hand-
Abb. 4.
H. Kaspar, 27 Jahre. Splitterschußbrach beidor Unter-
scheukelknochen durch Schrapnell im Distractiousklammer-
verbände: Die Bruchstücke stehen gut zu einander, die
Verkürzung ist ausgeglichen durch den dietrahierenden
Zug der Klammern. Einige Bleistürko sind sichtbar. (Hand¬
große vordere Ausschußwunde.)
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1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 3.
17. Januar.
zum oberen Ende der Wundränder) je einen Gipsverband
von "genügender Dicke an, braucht jedoch deren Erhärten
nicht erst abzuwarten, sondern befestigt sofort durch Gips¬
bindetouren die beiden vorher in nötiger Länge (der Wund¬
größe entsprechend) ausgerichteten Distractionsklammern —
innen und außen — als seitliche, bügelförinig abstehende
Schienen an die beiden, am Knie und Fuße gelegenen Gips¬
teile. Hierbei muß besonders darauf acht gegeben werden,
daß die beiden unteren distalen Kugelgelenke ungefähr in
die Achse des Fußgelenks zu liegen kommen.
Nach Erhärtung des Verbandes werden die sämtlichen
Kugelgelenke sehr fest zugeschraubt und die Distraction
wird begonnen und bis zu dem erforderlichen Grade durch¬
geführt.
Unter den henkelförmig abstehenden Klammergewinde¬
stäben kann jetzt in vorsichtiger Weise ohne Schmerzerre¬
gung der Wundverband erneuert werden. Bei großen secer-
nierenden Wunden war es zuweilen nötig, zwei- bis dreimal
am Tage die mit Wundsekret und Eiter angefeuchtete Ver¬
bandgaze zu erneuern, um den Gipsverband gegen die Nässe
des Sekrets zu schützen. In solchen Fällen (Abb. 5 und 6)
kann man tagsüber die
Wunden stundenweise
ganz ohne Verband
lassen und so, den mo¬
dernen Anschauungen
Rechnung tragend, den
Zugang von Licht und
Sonne oder künstlichem
Abb. 5 (au Abb. 6 geburig).
U. Kaspar, 27 Jahre, Splitterknochenschu߬
bruch beider CFnterschenkelknochen im Distrac-
tionsklammorverbande: man erkennt die band
grobe vordere Ausschußwunde, welche unter
den henkelfürmig abstehenden Klammern leicht
zu verbinden ist.
Licht als Heilfaktoren
benutzen, während die
Extremität liegend auf
den Rändern einer
Schüssel, in welche das
H. Kaspar. 27 Jahre, Schußfraktur
beider Unterschenkelknoehon mit großer
Ansschußwunde im Distractions-
klummerverbande, stehend photogra¬
phiert 12 Tage nach Anlage- des Ver¬
bandes ; man erkennt, daß das Knie
frei ist.
Sekret abtropfen kann, von
einem Draktgestell überdacht
ist, das zur Abwehr der Fliegen
einen Gazeschleier trägt.
Sollte die nach einigen
Tagen vorgenommene Röntgen¬
aufnahme ergeben, daß die Stel¬
lung der Bruchstücke noch nicht
exakt erfolgt ist, so steht nichts
im Wege, eine genaue Reposition
der Bruchenden mit Hilfe ver¬
stärkter Distraction oder nach
Lösung sämtlicher Kugelgelenke
unter Verschiebung der unteren
Bruchstücke gegen die oberen
schmerzlos vorzunehmen.
Audi bei den Schuß-
knochenbriiehen mit aus¬
gedehnten Weichteilwun¬
den, in deren Tiefe die ge¬
brochenen Knochenenden frei
zutage liegen, kann man
einige Tage nach Anlage
des Klammerverbandes die
unteren Kugelgelenke lö¬
sen, worauf Patient im¬
stande ist, da ja Fixation
und Distraction der Bruch¬
enden bestellen bleibt,
schmerzlos seinen Fuß aktiv
zu bewegen. Es berührt den
zuschauenden Arzt im ersten
Moment eigenartig, wenn er sieht, daß die Muskulatur
in der Wunde entsprechend den Willensimpulsen sich be¬
wegt, ohne daß der Patient Schmerzempfinden äußert.
Zuweilen kann man dabei beobachten, daß auch die blo߬
liegenden Knochenteile minimal an
der Bewegung teilnehmen. Stets ist
ferner die Möglichkeit vorhanden, bei
den gefensterten Klammerverbänden die
von unserm Meister Bier empfohlenen
Wundheilfaktoren in Nutzanwendung
zu bringen.
Für gewöhnlich ist es ein leichtes,
die mit Knochenschußbrüchen behafte¬
ten Verwundeten durch Zuspruch und
Aufklärung zu veranlassen, schon einige
Tage nach der Anlage des Distractions-
klammerverbandes aktive Bewegungen
mit der verletzten Extremität auszu¬
führen und eine bis zwei Wochen später
aufzustehen, um zuerst mit Hilfe von
Krücken, dann mit Stöcken zu gehen.
Nachdem ich die Technik der An¬
lage der Distractionsklammerverbände
bei Schußknochenbrüchen des Unter¬
schenkels eingehend beschrieben habe,
kann ich mich, um den gesteckten
Rahmen dieses Aufsatzes nicht zu über¬
schreiten, beziehentlich dergleichen
Verbände bei den Oberschenkelschu߬
brüchen kürzer fassen« da das Prinzip
der Verbände, wonach die diametrale
Achse der beiden sich gegenüberstehen¬
den Kugelgelenke immer ungefähr in
die Achse des zu bewegenden Gelenks
gebracht werden muß, stets das
gleiche bleibt.
Es geschieht die Anlage des Di-
stractionsklammerverbandes bei
einem 0 her schenk clschußbruch
ebenfalls i n leicli-
Abb. 7.
N. Johann, 27 Jahre, Sani¬
täter. Frischer Knöchd-
brueb, sofort nach Anlage
dos Distractiousklammer-
verbandes ohne Schmerzen
freistehend photographiert.
Kniescheibe froi oberhalb
des Verbandos sichtbar. Man
erkennt, daß das Watte
polster der Faktiskissen den
freien oberen Band des Gips
verbandes überragt.
ter Beuge- und
Ab ductionsstcl-
lung im zuge¬
hörigen Hült-
gelenke sowie
in leichter Beu¬
geste 1 lung des
Knies. Das Hü ft-
gelenk selbst
bleibt außer-
h alb des V e r-
bandes ganz
frei und es stützt
sich der Verband
oben gegen den
Sitzbeinknochen,
gegen die konisch
anschwellende,
Muskulatur des
Oberschenkels und
die äußere Becken¬
wandung, während
nach unten zu der
untere Abschnitt
des circular durch-
Abb. 8.
, 27 Jahre. Leutnant. Orot
tllckolbruch der linken Tibia
uude unterhalb des Knie im 1
idn. Nach Lösung der obe
id aktive Bewegungen im Kni<
schmerzlos möglich.
trennten Klammer-
gipsverbandes sich gegen die Condylen des Femur, den l ntei-
schenkcl sowie gegen die Knöchel und den Fußrücken anstemmt.
Nachdem der Verwundete auf die Borchardtsclic
Beckenstütze gelagert ist, wird ein Faktiskissen ringfönmi-
oben um den obersten Teil des Oberschenkels gegen den
Sitzbeinknorren, ein zweites um die Condylen des reine
und ein drittes um die Knöchel, die Ferse und den ’
rücken durch Bindetouren fixiert. Der Gipsklamniene
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1915 MEDIZINISCHE KLINIK — Nr.
band reicht bei Oberschenkelbriichcn also von den
Zehen bis ans Becken und läßt das Hüftgelenk zu
flewegungen frei, während der circuläre Spalt im
Gipsverbande dicht oberhalb der Femurcondylen und
das distale Kugelgelenkpaar sich in der Drehungs¬
achse des Kniegelenks oder deren Nähe befindet, wie
ps Abb. 9. 10 und 13 darstellen.
Leistenbeuge zu anzulegen und den Fuß und Unterschenkel
bis über die Femurcondylen unter Benutzung der geschil¬
derten Polsterung für sich einzugipsen und dann die schon
zur nötigen Verlängerung auseinander gedrehten Distractions-
klammern anzugipsen, aber immer so, daß die distalen
Kugelgelenke ungefähr in die Drehungsachse des Knie¬
gelenks gelagert werden. Hierzu gebraucht man in ein¬
zelnen Fällen extra lange Distractionsgewindestäbe.
Durch die Anwendung der Distractionsklammerver-
bände in Beugestellung der Gelenke erzielt man über¬
raschend schnell eine bessere Stellung der Fragmente,
wie diese die Abb. 9, 10 und 12 deutlich zeigen.
Die Technik der Anlage des Distractions-
k lamm er Verbundes für
die Schußfrakturen der ■
Gelenke ergibt sieh
nach dem bisher Ge¬
sagten von selbst.
Fiir die Behandlung I
derS c h u ß k n o c h e n 1) r ii c h e I
der oberen Gliedmaßen
mit Distractionsklammer- H
verbänden gilt allgc- k B
meinen das schon für die H
unteren Gliedmaßen aufge- 9
stellte Gesetz, wonach nur V
in Beugestellung der be- I
nachbarten Gelenke die
Distractionsklam mer-
verbände angelegt wer- \ I
den sollen. Doch dürfte es vfl
nötij
Abb. 9 (zu Abb. 10 gehörig).
Kni (Instar, 29 Jahre. Splitterschußbruch des linken
f»brr*cbpT>kel* handbreit oberhalb des Knies im Distrac-
tionsklamrnerTcrbande. Man erkennt, daß die zackigen
[iracltendt-a uiit den Splittern in guter Stellung ge¬
richtet sind.
wenige
ul kurze Bemerkungen beizu-
lügen.
cht Bei den Schußbrü-
1™' eben der Vorderarm¬
es; kn ochen muß bei der Ver-
bandanlage der Vorderarm
in Mittelstellung, die Hand
er - in grader Verlängerung des
Vorderarms und der Ell¬
bogen in spitzwinkliger Beuge¬
stellung gehalten werden. In
Watte gepackte Faktiskissen
kommen um das Handgelenk-
Die Fenster im Oberschenkelanteil des k ° n F b , e K r8c *i enke J? hai
n . . oberhalb des Knies,
uipsverbandes werden in derselben W eise stehend photographier
angelegt, wie wir es für die Unterschenkel- Äionskumm^terb!
briielie beschrieben haben. Bei jenen ist es T* frei 1
i . J lichcm Hüftgelenk am
besonders wichtig, den Oberschenkelanteil Lösung de.- unteren
des Gipsverbandes durch eingelegte Span- K ü ^e kö Do™ l breito W s?!
schienen za verstärken. Sind mehrere Schuß- (iipsverban k d 00 nb a ' r UJU,li
wunden daselbst vorhanden oder Einschnitte
zur besseren Drainage nötig, so ist es ebenso wie bei derartigen
l nterschenkelbriichen zweckmäßig, den Gipsverband primär
in zwei Teüen herzustellen, das heißt zuerst einen mehr oder
weniger breiten Faktiskissengipsring hoch oben nach der
Abb. 13 (zu Abb. 12 gehörig).
K., 22 Jahre. Schußbrnch des linken
Oberschenkels durch Schrapnell, vier
Tage nach Anlage des Distraotions-
klammer verbandes.
Abb. 14 .
A.. Wilhelm, 27 Jahre. Granat.««
let/ung des rechten Vorderarmes mi
dehnten Weicbteilwonden und /eri
ruug beider Vorderarmknochen und de
wurzel im Argooner Wald aru 6.
1914. Distractionsklammerverbaud am
tober 1914. Man erkenut, daß um
bügelförmig abstehenden Klammei
Wundvorsorgung bequem ausgeführt
kann.
Lbb. 12 zu vergleichen),
iruch des linken Oberschenkels
Jktober 19H bei Tahure im Not-
star k dislociert und Bein ver¬
eint einzelne Bleisttlcko.
Abb. 12.
K., 22 Jahre. Schußbruch des linken Oborschonkels
durch Schrapnell zwei Tage nach Anlage des Distrao-
tionsklamrnerverbandes. Man erkennt, daß die beideu
Bruchenden erheblich besser stehen.
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 3.
17. Januar.
und den Ellbogen zu liegen und besonders ist darauf
Bedacht zu nehmen, die ulnare Kante des Vorderarms mit
Watte gut zu polstern. Die circulare Durchtrennung des
Gipsverbandes geschieht dicht oberhalb (proximal) des Hand¬
gelenks und die in Längsstellung an der radialen und
ulnaren Kante des Vorderarms angegipsten Klammern werden
so befestigt, daß die distalen Kugelgelenke möglichst in die
Drehungsachse des Handgelenks zu liegen kommen.
Für das Zugänglichniachen der Schußwunden und die primiire
Anlage von zwei, durch die beiden Klammem zu vereinigenden Gips¬
verbänden gilt das für die Unterschenkelschußbrüche Gesagte und wird
durch Abb. 14 illustriert.
Zur Anlage derDistractionsklammerverbände bei Ober¬
arm schußbrüchen wird der Oberarm im Schultcrgelenk
in rechtwinklige Abduction gebracht, und zwar bei spitz¬
aktiver Bewegungen gelöst werden und auch gelöst
bleiben Patient, der vorher vielleicht sehr über Schmerzen
bei Bewegungen geklagt hat, wird fast stets sofort schmerz¬
frei und man ist überrascht, daß er sogleich aktive Beuge-
und Streckbewegungen im Ellbogengelenk ohne Schmerz¬
empfindung ausführen kann; das Sciniltergelenk selbst bleibt
frei beweglich (Siehe Abb. 15, 16. 17 und 18.)
Auch die Schußverletzungen am Hand-. Ellbogen- und
am Schultergelenke werden durch die Anlage des distrahieren-
den Klammerverbandes außerordentlich günstig beeinflußt
und nach unsern Erfahrungen meist sofort schmerzlos bei
freier aktiver Beweglichkeit.
Durch die im Krieg an den Schußknochenbrüchen
gemachten Erfahrungen werden somit unsere schon im
Frieden
Abb. 15 (mit Abb. 16 vergleichen).
M. .Johann. Splitterschußbmch dos rechten
Oberarms handbreit oberhalb des Ellbogens
mit starker Dislocation der Bruchenden.
Abb. 16.
M. Johann. Splitterschnßbruch des rechten
Oberarms handbreit oberhalb des Ellbogens
ein Tag nach Anlage des Distractions
klammerverb&ndes; man erkennt, daß die
BrochStUcko gut eingerichtet
gegenüberstehen.
aufgestellten Behauptungen, wonach unter Ver¬
wendung der Distrac-
tionsklam m erbe hau d-
lung der Frakturen
es in allen Fällen
gelingt. bald und
schmerzlos eine mög¬
lichst anatomisch ge¬
naue Einrichtung der
zerschossenen Kno¬
chen zu erzielen und
— unter gleichzei¬
tiger Fixation der
Knochenfragmente in
guter Stellung zuein¬
ander — den Verwun¬
deten die Möglichkeit
zu geben, die benach¬
barten Gelenke aktiv
und schmerzlos be¬
wegen zu können. Daß
PS f e r n P r p-l f» i P h 7 P i t i er ^Schultergelenk ist freigelassen.
Patient kann aktiv und ohne
Abb. 17 (zn Abb. 16 gehörig).
M. Johann. Splittorschußbruch
dos rechten Oberarms handbreit
oberhalb des Ellbogens im
Distractionsklammerverbande :
Schmerzen den Arm sofort im
Ellbogen- und Schultergelenke
bewegen.
einander
winkliger Beugung des Ellbogens, während der Vorder¬
arm in Mittelstellung gehalten wird. In die Achselhöhle
wird ein Wattepolster gelegt und über dieses das in Watte
gepackte breite Faktiskissen um das Schultergelenkende des
Oberarms geschlagen und mit einer Mullbinde befestigt. Die
Gegend der Schulterhöhe zu polstern, ist nicht nötig, da bei
der späteren Distraction dort der Gipsverband vom Knochen
abgeschoben wird. Um die Kondylen des Oberarms wird
bei spitzwinkliger Beugestellung des Ellbogens das Faktis¬
kissen so gelegt, daß die beiden sich kreuzenden Enden des¬
selben auf der Beugemuskulatur des Vorderarms dicht an
der Ellenbeuge aufliegen. Dicht oberhalb des Ellbogen¬
gelenks wird am Oberarme der Verband circular durch¬
trennt, worauf die Klammern innen und außen längs ge¬
stellt, am Oberarm und oberen Vorderarmende so angebracht
werden, daß die Achse der diametral sich gegenüberstellen¬
den Kugelgelenke möglichst in die Gelenkachse des Ell¬
bogens zu liegen kommt. Die oberen Fußplatten der Klam¬
mern stehen somit in Längsstellung, die beiden unteren in
winkliger Stellung zu den Gewindestäben im Gipsverbande,
parallel der Längsachse des winklig gebeugten Vorderarms
im Ellbogengelenke. Bei der Distraction stemmt sich der
obere Teil des Gipsverbandes gegen die axillaren Muskel¬
pfeiler und die seitliche Thoraxwand; der untere Teil drückt
gegen die Knochenvorsprünge an den Oberarmkondylen und
gegen das vordere Muskelpolster des Unterarms dicht an
der Ellenbeuge Nach der Distraction und nach Ein st ecken
des Sicherungshügels können dann die unteren
Kugelgelenke der Klammern sofort zur Vornahme
möglich ist, unter den
abstehenden Klam-
m e r h e nk ei n d i e W e i c h-
teilwunden in ordentlicher Weise lind ohne
Schmerzerzeugung verbinden und unter An¬
wendung der allbekannten Maßnahmen zur Heilung führen
zu können, macht das Verfahren der Distractions-
klam merbehan d-
1 u n g der S c h u ß-
brüche gerade für
die Kriegsverletz¬
ten sehr wertvoll.
Hierzu kommt, daß
auch die Verwunde¬
ten mit Scliuß-
knochenbrüchen
der unteren Ex¬
tremitäten schon
kurze Zeit nach der
erlittenen Verlet¬
zung imstande sind,
das Bett zu ver¬
lassen, ein überaus
großer Vorteil, dessen
Bedeutung klar zutage
liegt.
Aus der sicheren
Ueberzeugang, daß bei
unseren tapferen Ver¬
wundeten nach unserer
Erfahrung die in Kürze
beschriebene Distrac-
tionsklammerbehand-
lung derKnochensclmß
Abb. 18.
N. Johann, 37 Jahre. Sohußsplitterbrucb Je*
rechten Oberarmknootaens: mau erkennt, » ..
gesplitterten Knochenenden durch den i*
renden Zug der Klammern gut ausgeric ® ^
(Patient kann sein Ellbogen und Sohulterge
aktiv und schmerzlos bewegen.)
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17. Januar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 3.
67
brüche in allen Fällen Gutes geleistet hat, schließe
ich diesen kurzen Aufsatz mit dem herzlichen Wunsche, daß
recht viele FachgenoBsen im Interesse der Kriegsverletzten
die Distractionsbehandlung nutzbar machen mögen, damit
recht viele Verletzte wieder militärdienstfähig werden oder
wenigstens eine genügende Gebrauchsfähigkeit ihrer dem
Wohie des Vaterlandes zum Opfer gebrachten Glieder zurück¬
erhalten. Die Dankbarkeit seitens der Verwundeten sowie
die gezollte Anerkennung, welche die praktische Vorzeigung
der Technik der Anlage der Distractionsklammerverbände
bei Verwundeten mit Schußknochenbriichen an den ^ Ex¬
tremitäten bei einer Anzahl von Fachgenossen im Kriegs¬
lazarett Sedan mir zuteil wurde, -ermutigte mich zur
schnellen kurzen Veröffentlichung meiner bisherigen Er¬
fahrungen im jetzigen großen Kriege.
Angenyerletzungen Im Kriege und ihre
Behandlung*)
von
Prof. Dr. C. Adam, Berlin.
Sympathische Entzündung.
Nach dem Kriegssanitätsbericht 1870/71 scheint das
Auftreten von sympathischen Entzündungen besonders häufig
zu sein. In 56 % aller Verletzungen, die die Voraussetzungen
für eine sympathische Entzündung erfüllten, soll nach dem
Bericht tatsächlich eine sympathische Entzündung aufgetreten
P*in. Die Zahl ist so unglaublich hoch, daß wir sie wohl un¬
bedenklich als falsch bezeichnen können. Es kommt dies
wohl daher, daß vielen Aerzten der Begriff der sympathischen
Entzündung nicht ganz klar ist, daß sie jede Entzündung oder
Heizung auf dem zweiten Auge als sympathische Entzündung
ansprechen.
Unter sympathischer Entzündung ist aber ein ganz be¬
stimmtes Krankheitsbild zu verstehen. In der größten Zahl
der Fälle äußert sich die sympathische Entzündung als eine
langsam verlaufende, häufig rezidivierende I r i d o c y c 1 i -
t i s. die durch umfangreiche Verwachsungen des Pupillar-
randes mit der Linsenoberfläche (hintere Synechien) zu Druck¬
steigerung und allmählichem Verlust des Auges führen. In
selteneren Fällen äußert sich die sympathische Entzündung
als eine Erkrankung der Aderhaut in Form kleiner rundlicher
Herde oder als eine Entzündung des Sehnerven. Das sind
aber nur seltene Abweichungen von dem hauptsächlichsten
Bilde der Iridocyclitis.
Sehr wichtig ist aber die Frage: In welchen
Fällen haben wir an eine sympathische
Entzündung zu denken?
Notwendige Voraussetzungen für eine sympathische
Entzündung sind:
1. die Eröffnung des Augapfels (nicht penetrierende
Verletzungen können niemals zu einer sympathischen
Entzündung führen);
2. das Auftreten einer chronischen Entzündung an dem
verletzten Auge (Eiterungen des Augapfels in Form
einer Panophthalmie oder eines Glaskörperabscesses
führen ganz selten zur sympathischen Entzündung);
3. begünstigend für das Auftreten einer sympathischen
Entzündung ist die Lage der Verletzungsstelle in
der Nähe des Corpus ciSare, jugendliches Alter des
Patienten und die Anwesenheit eines Fremdkörpers
in dem verletzten Auge.
. ^ e ^ c ^ e8 sind die allerersten Zeichen
7 „j sympathischen Entzündung ? Die ersten
kpit a* SU1< * . ( * as Auftreten von Tränen und leichte Reizbar¬
es zweiten Auges. Das sind aber Erscheinungen, die
Xr.2 1 49 ’ 50 ’ 51 ■ 52 des Jahrgangs 1914 um
Jahrgangs 1915 dieser Wochenschrift.
außerordentlich häufig sind und die als sicheres Symptom
picht zu verwerten sind.
Wichtiger ist das Auftreten einer ciliaren oder, was das¬
selbe ist, einer pericomealen Infektion, d. h. eines schmalen,
blauroten Ringes um den Homhautrand herum.
Noch wichtiger aber sind Akkomodationsstörungen.
Diese äußern sich vor allem beim Sehen in die Nähe. Ein
Patient, bei dem der Ausbruch einer sympathischen Entzün¬
dung zu befürchten ist, äußert, daß er mit dem nicht ver¬
letzen Auge, mit dem er bisher gut hat lesen können, plötz¬
lich feine Druckschrift nicht mehr erkennen kann. Werden
solche Beschwerden auf dem nicht verletzten Auge ge¬
äußert, so muß das verletzte Auge unbedingt schleunigst
enukleiert werden. Es ist dann zu hoffen, daß der Ausbruch
einer sympathischen Entzündung durch die Enukleation noch
vermieden werden kann. Ist die sympathische Entzündung
einmal ausgebrochen, d. h. sind Verfärbung der Iris, hintere
Synechien, Präcipitate bereits vorhanden, so ist jede Therapie
machtlos.
Eine sympathische Entzündung pflegt nur ausnahms¬
weise in den ersten 14 Tagen nach der Verletzung auszu¬
brechen; die gefährlichste Zeit ist die 4. bis 12. Woche. Ist
diese Zeit überstanden, so ist die Gefahr zwar geringer, aber
die Möglichkeit eines Ausbruchs besteht selbst nach Jahren
noch.
Die Infektion.
Die Infektion kann ein Auge, das die Verletzungen
selbst wohl überstanden hätte, noch nachträglich zerstören,
ln seltenen Fällen macht sich die Infektion am gleichen oder
folgenden Tage nach der Verletzung geltend. Tritt sie wirk¬
lich in dieser frühen Zeit auf, so pflegt sie im allgemeinen
außerordentlich schwer zu verlaufen. Wir haben dies beson¬
ders dann beobachtet, wenn es sich um Verletzungen han¬
delte, die irgendwie mit Pferdehufen in Verbindung standen,
wenn also z. B. beim Beschlagen eines Pferdes dem Schmied
ein Splitter ins Auge flog oder wenn das Auge durch einen
Hufschlag verletzt wurde. Meist tritt sie erst in den nächsten
Tagen auf. Zunächst erscheint eine starke ciliare Infektion
und eine Schwellung der Skleralbindehaut, dann ist aber, je
nachdem der Infektionsträger sich an der Wunde selbst oder
im Innern lokalisiert, das Verhalten ein verschiedenes. Im
ersteren Falle quellen die Wundränder auf und färben sich
graugelblich bis gelb, wobei sich die Trübung auch bis über
die ganze Hornhaut erstrecken kann. Die Iris wird verfärbt,
am Boden der Vorderkammer sieht man Ansammlung von
Eiter (Hypopyon). Zuweilen ist damit die Kraft der Infek¬
tion erschöpft und der Bulbus kann sich eventuell wieder
erholen. In schwereren Fällen kann aber auch die Infektion
ihren Weg in das Auge hinein haben und diese durch eine
Panophthalmie vollkommen zerstören.
Tritt die Infektion zunächst im Augeninnem auf, wie
dies bei infizierten, in das Auge eingedrungenen Fremd¬
körpern zu sein pflegt, so ist von der Eiterbildung zunächst
wenig zu sehen, nur eine starke Schwellung der Bindehaut
(Chemosis) und der Lider deuten auf einen stärker entzünd¬
lichen Prozeß hin, dann aber verfärbt sich die Iris, Hypopyon
tritt auf und starke Schmerzhaftigkeit und Unbeweglichkeit
des Auges deuten auf eine Panophthalmie hin. Ist die Viru¬
lenz der Bakterien nicht groß, so kann sich ihre Tätigkeit
lediglich auf den Glaskörper beschränken; wir sehen dann,
wenn das Pupillargebiet frei bleibt, aus dem Innern kommend
einen gelblichen Reflex (Glaskörperabsceß). Frühzeitiges
Auftreten des Hypopyon bei derartigen Fällen deutet auf eine
besonders starke Infektion hin, solche Augen sind meist ver¬
loren. Das Auftreten nach dieser Zeit ist prognostisch gün¬
stiger.
Infektionen des retrobulbären Raumes führen gewöhn¬
lich zu Orbitalphlegmonen; hierbei ist der Bulbus,
sofern derselbe noch erhalten ist, unbeteiligt, er ist aber vor-
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68
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 3.
17. Januar.
getrieben und unbeweglich. Starke Schmerzhaftigkeit und
Oedem der Lider deuten auf die schwere Infektion hin.
Differentialdiagnostisch können wir sagen:
Besteht bei den gleichen Symptomen (Vortreibung,
Schmerzhaftigkeit, starkes Oedem und Unbeweglichkeit des
Auges) eine eitrige Iritis, so handelt es sich um eine Panoph-
thalmie, fehlt diese, so handelt es sich um eine Orbital¬
phlegmone. _
Schuß in den Herzbeutel
von
Prof. Dr. Jenckel, Altona.
Der Wehrmann Fr. B. aus Hamburg war am 17. September 1914
in Frankreich beim Vorstürmen in vornübergebeugter Haltung durch
eine französische Gewehrkugel vorn in den zweiten linken Intercostal-
raum getroffen und dadurch kampfunfähig gemacht worden. Er hatte
mehrere Tage Hämoptoe und fühlte sich anfangs schwerkrank.
Später wurde er in einer mitteldeutschen größeren Garnison weiter¬
behandelt. Die dort gemachte Röntgenuntersuchung soll ergeben
haben, daß die Kugel in der linken Lunge sich befand. B. wurde
dann als revierkrank in seine Heimat geschickt, und da er sich
nicht ordentlich erholte, zur Röntgenuntersuchung dem Städtischen
Krankenhause in Altona überwiesen. Bei der Durchleuchtung
(Prof. v. Bergmann) fiel der enorm große Mittelschatten auf.
Die Röntgenaufnahme zeigte das Geschoß scheinbar unterhalb des
Zwerchfells liegend; bei der Lagerung nach rechts und links
wechselte auch das Geschoß seine Lage, indem es sich sofort an
den tiefsten Punkt begab (s. Abb. 1). Es wurden drei Aufnahmen
gemacht, im Stehen, in rechter und linker Seitenlagerung. Die
;V *
Abb. l.
Form des Mittelschattens bewies den großen perikardialen Erguß. Von
Herzaktion kaum etwas fühlbar. Bei der Perkussion bis zum dritten
Intercostalraume herab schmale mittlere GefäßdämpfuDg, links an der
dritten Rippe scharf horizontaler Verlauf, nach außen steil abbiegend.
Perkutorisch keine besondere Herzvergrößerung. Links hinten
unten die Kompressionszeichen wie bei perikardialem Ergüsse. Probe¬
punktion vorn außen links ergibt ein hämorrhagisch-seröses Exsudat.
Fieberfreier Verlauf. Am 19. Oktober plötzlicher Temperaturanstieg
auf 40, gleichzeitig mit Rachenrötung. Angina.
Ära 20. Oktober 1914 Operation in Lokalanästhesie (Novocain¬
adrenalin 1 °/ 0 ) Querschnitt in Höhe der fünften Rippe. Resektion
eines 4 cm langen Stückes vom Rippenknorpel. Ansehungen des
Perikards und Eröffnung des Sackes. Entleerung einer großen Menge
hämorrhagisch-seröser Flüssigkeit, die sich bakteriologisch als steril
erwies. In Horizontallage konnte die Kugel durch den in den
Herzbeutel eingeführten Finger nicht gefunden werden, auch bei
Lagerung auf den Bauch gelang es nicht, das Projektil zu fühlen,
erst beim Aufrichten des Oberkörpers fiel dasselbe plötzlich von
oben herab; es hatte auf dem rechten Vorhofe gelegen und wurde
entfernt. Das viscerale Perikard zeigte deutliche Auflagerungen.
Ausspülung des Herzbeutels mittels physiologischer Kochsalzlösung.
Hiervon wird ein Teil im Herzbeutel zurückgelassen, um eine Ver¬
klebung der Perikardblätter zu vermeiden. Schluß der Wunde im
Herzbeutel durch Catgutnähte, Weich teilnaht, Verband.
Patient konnte sofort nach der Operation vom Operations¬
tische herabspringen, sich die Kleider anziehen und den Weg in
sein im ersten Stocke gelegenes Zimmer ohne Stütze zurücklegen.
DerWeiterverlauf war reaktionslos. Die Wunde verheilte glatt.
Die wiederholten Röntgenaufnahmen nach der Operation
zeigten Luft und Flüssigkeit im Herzbeutel; die Flüssigkeit stellte
sich bei aufrechter Stellung in horizontalem Niveau stets scharf
ein, darüber die Luft, sodaß das Perikaid sich seitlich als scharfe
Leiste deutlich abhebt (s. Abb. 2). Allmählich ging der perikardiale
Erguß zurück, auch die Luft verschwand vollkommen.
Abh. 2.
Die Schlußuntersuchung am 28. November d. J. ergab ein
im linken Ventrikel etwas hypertrophisches, stark schlagendes
Herz, der Spitzenstoß ist hebend, an der Basis des Herzens ein
deutliches systolisches Geräusch.
Der sicher pathologische Befund einer Hypertrophie mit
geringer Dilatation des Herzens ist daraus zu erklären, daß das
Herz lange gegen den Widerstand des perikardialen Ergusses mit
vermehrter Kräfteentfaltung hat arbeiten müssen, sodaß noch für
lange Zeit hinaus ein Herzschaden resultiert, der die Felddienst¬
unfähigkeit für vier Monate wahrscheinlich macht. Ein Beweis,
daß Verklebungen zwischen dem visceralen und perietalen Blatte des
Perikards eingetreten sind, ist nicht zu erheben. Bei dem Verweilen
von Luft im Herzbeutel während des Heilungsverlaufs ist es sehr wohl
möglich, daß die sonst so oft eintretende Synechie vermieden wurde.
Der Allgemeinzustand des Patienten hat sich sehr gehoben, der
Mann fühlt sich vollkommen gesund und möchte bald wieder ins Feld.
£ Uazembar 1914 zum Garnisondienst entlassen.
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UNIVERSUM OF IOWA
17. Januar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 3.
69
Klinische Vorträge.
Ans der Medizinischen Abteilung dea k. k. Sophienspitals in Wien.
Zar Pathogenese und Symptomatologie der
Chlorose
von
Priv.-Doz. Dr. N. ?. Jagte, k. k. Primararzt.
Die Anschauungen über die Pathogenese der Chlorose
wurden in letzter Zeit immer wieder nach bestimmten
Richtungen hin ausgearbeitet. Die große Bedeutung der
Konstitution für die klinischen Erscheinungsformen verschie¬
dener Erkrankungen erfährt immer mehr die verdiente
Würdigung. Schon vor zwei Jahren, als ich die Ehre hatte,
gemeinsam mit meinem Lehrer, Herrn Prof. v. Noorden,
die zweite Auflage der „Bleichsucht“ in Nothnagels
Handbuch der speziellen Pathologie und Therapie zu be¬
arbeiten, bot sich uns Gelegenheit, auf eine Reihe von
Momenten hinzu weisen, die im obenerwähnten Sinne ver¬
wertbar waren. Da aber gerade im Laufe der letzten Jahre
eine größere Zahl wichtiger Arbeiten auf dem Gebiete der
Konstitutionslehre und ihrer Anwendung auf die Klinik
veröffentlicht wurde, so liegt es nahe, diese Ergebnisse der
Forschung, soweit es geht, auch auf das Gebiet der Chlorose
zu übertragen. Für die Symptomatologie und Diagnostik
dieser Erkrankung sind eine Reihe von Befunden erwähnens¬
wert, die einerseits im klinischen Bilde der Chlorose eine
diagnostische Holle spielen, anderseits aber auch nach dem
gegenwärtigen Stand unserer Auffassung nicht für die
Chlorose als Krankheitsbild charakteristisch Bind, sondern
nur als Ausdruck einer konstitutionellen Anomalie, auf deren
Boden es zur Entwicklung der Krankheit Chlorose gekommen
ist, aufzufassen sind. Auch Türk hält daran fest, daß sich
die Chlorose ohne jeden Zwang jener Gruppe von Erkran¬
kungen anfügen läßt, welche auf Störungen der inneren
Sekretion zurückzufUhren sind und bei denen sich so häufig
Zeichen von Konstitutionsanomalien, wie Lymphatismus und
Status hypoplasticus, vorfinden. Falta kommt auf Grund
vergleichender Studien über die Wechselbeziehungen der
Drüsen mit innerer Sekretion zu der zwar noch hypotheti¬
schen, aber interessanten Annahme, daß neben den Störungen
der Ovarialtätigkeit auch eine Minderwertigkeit des
chromaffinen Gewebes bei der Chlorose vorliegen könnte,
die ja auch mit allgemeiner Gefäßhypoplasie einhergeht.
Von diesem Organsystem kann es besonders rasch zu einer
Erschöpfung der Vasomotoren kommen. Die Erscheinungen
au den Arterien (Tonus und Blutdruck) bei Chlorose wären
ein Zeichen dafür. Vielleicht kommen aber auch Einflüsse
auf die Blutbildung und auf die Blutveränderungen von dort
aus wenigstens indirekt in Frage. Ich verweise diesbezüg¬
lich auf die Monographie Faltas.
Einleitend ist es notwendig, über den Begriff der Er¬
krankung, die wir Chlorose nennen, einiges zu bemerken.
Im Spracbgebrauche der ärztlichen Praxis wird unter dem
Namen Chlorose nicht so selten eine Reihe von Er¬
krankungen mit inbegriffen, die nicht hierher gehören. Wir
hören auch immer wieder den Ausdruck „echte Chlorose“.
Man versteht darunter zumeist die typischen Schulfälle, zum
Lnterschied von krankhaften Zuständen, die mit dem klini¬
schen Symptomenkomplex der Chlorose viel Aehnlichkeit
haben, ätiologisch und pathogenetisch aber doch nach dem
Stand unserer Auffassung abzutrennen und andern
selbständigen Erkrankungen zuzurechnen sind. Immer wieder
Mden wir auch in der Literatur den Ausdruck „Pseudo-
cblorose“. Dies scheint mir für die Lößung der Frage
mcht der richtige Weg zu sein und meiner Meinung nach
sollte das "Wort „Pseudochlorose“ lieber gar nicht gebraucht
werden. Die große Mehrzahl dieser Pseudochlorosen gehört
sicherlich zur Gruppe der sekundären Anämien mit er¬
niedrigtem Färbeindex des Bluts. Wir müssen vielmehr
bestrebt sein, den Krankheitsbegriff Chlorose mit mög¬
lichster Schärfe zu präzisieren. Die Chlorose hat bei ober¬
flächlicher Betrachtung mit andern krankhaften Zuständen
viel Aehnlichkeit und auch eine Reihe klinischer Symptome
mit diesen gemeinsam, wie z. B. die Oligochromämie, die
Ermtidbarbeit und anderes. Sie ist aber doch ein wohl¬
charakterisiertes, scharf umschriebenes Krankheitsbild, das
in der Entstehung und im Verlaufe ganz prägnante Züge
aufweist. Hält man sich aber scharf an diese Abtrennung,
so kommt man zunächst zu dem Resultat, daß die Chlorose
eine nicht häufige Krankheit ist und daß viele Fälle,
die in der Praxis für Chlorose erklärt werden, nach Ueber-
legung einer präzisen Differentialdiagnose nicht mehr als
solche gelten können. Bezüglich der Definition des Krank¬
heitsbegriffs Chlorose muß ich im großen und ganzen von
der schon vor Jahren von v. Noorden vertretenen An¬
schauung ausgehen. Die Chlorose ist eine Erkrankung, die
so gut wie ausschließlich das weibliche Geschlecht in den
Entwicklungsjahren befällt, auf Störungen in der inneren
Sekretion der Genitalorgane zurückzuführen ist und im
weiteren Verlaufe die Zeichen gestörter Blut-, namentlich
Hämoglobinbildung aufweist. Der allgemeine Ernährungs¬
zustand erleidet keine Schädigung. Für die Richtigkeit
dieser zum Teil noch hypothetischen Definition spricht eine
Reihe neuerer Forschungsergebnisse. Auf eine Beschreibung
des typischen Krankheitsbildes gehe ich hier nicht weiter ein.
Ich verweise diesbezüglich auf die Werke von v. Noorden,
Türk, Naegeli und Anderen.
Wenn wir heute die Pathogenese der Chlorose in den
Kreis unserer Betrachtungen ziehen, so müssen wir die Stö¬
rungen in der Genitalsphäre an die erste Stelle setzen.
Schon vor Jahren haben v. Noorden und Chvostek mit
aller Schärfe darauf hingewiesen, daß die Störungen der
Blutbildung von den weiblichen Sexualorganen her in der
Entwicklungsperiode ausgelöst werden. Die zeitliche Bindung
des krankhaften Prozesses (Artabweichung mit zeitlicher
Bindung ihres Auftretens) ist auch nach Martius bei der
Chlorose ein typisches Beispiel für eine abnorme Anlage
des Organismus, die erst in der Pubertätsperiode als krank¬
hafte Erscheinung manifest wird. Alle neueren und neuesten
Forschungsergebnisse sprechen mit größter Wahrscheinlich¬
keit dafür, daß zwischen der inneren Sekretion der Ovarien und
der Blutbildung innige Beziehungen bestehen. Nach neueren
Forschungen ist der Ausgangspunkt der Wechselbeziehungen
von Ovarien und andern Organsystemen in das sogenannte
Zwiscbengewebe zu verlegen (vgl. Tandler). Den gleichen
Standpunkt vertritt Kottmann bezüglich der Beziehungen der
inneren Ovaralsekretion zur Hämoglobinbildung. Alle diese
Beziehungen werden aber erst verständlich, wenn wir die
Annahme einer besonderen Disposition, eines konstitu¬
tionellen Moments gelten lassen, ähnlich wie dies
Chvostek jüngst bezüglich des Basedowschen Symptomen-
komplexes auseinandergesetzt hat. Eine mangelhafte Ver¬
anlagung der hämatopoetischen Organe kommt hier vor
allem in Betracht, daneben vielleicht auch noch eine an¬
geborene Enge des Gefäßsystems und eine abnorme Anlage
der Geschlechtsorgane. Die letzteren Befunde können aller¬
dings bei der echten Chlorose nicht als obligate, kon¬
stant nachweisbare hingestellt werden. Nicht unerwähnt
möchte ich hier auch die Beobachtung Tandlers lassen,
der auf eine gewisse Frühreife in bezug auf die Entwick¬
lung der primären und sekundären Geschlechtscharaktere
und auf die für solche Fälle charakteristische Kurzbeinig¬
keit bei Chlorosen aufmerksam gemacht hat. Die Mit¬
beteiligung der Schilddrüse spricht auch dafür, daß die
Wechselbeziehungen der Drüsen mit innerer Sekretion auch
bei der Chlorose eine Rolle spielen. Von besonderer Wich-
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 3.
17 Januar.
tigkeit aber sind die Ergebnisse der Untersuchungen
Aschners, der nach der Methode von Abderhalden
Abbauprodukte von Ovarialsubstanz bei Chlorosen nach-
weisen konnte. In gleicher Weise kam A. Schmitt zu
dem Ergebnisse, daß in fast allen Fällen von Chlorose eine
Dysfunktion von Uterus und Ovarien insofern anzunehmen
ist, als eine Mobilisierung der entsprechenden Abwehr¬
fermente im Blute nachweisbar war. Gerade in diesen von
Schmitt in der erwähnten Weise untersuchten Fällen waren
Menstruationsstörungen fast ausnahmslos vorhanden,
als Ausdruck einer Störung der Genitaltätigkeit. Ich möchte
diesen Punkt als diagnostisch ganz besonders wichtig her¬
vorheben.
Der chlorotische Blutbefund allein berechtigt uns
noch lange nicht zur Diagnose Chlorose. Der gesamte
klinische Symptomenkomplex muß in seinen Hauptzügen
vorliegen. Dazu gehört als wesentliches Moment das Ver¬
halten der Genitalfunktionen. Das Wesen der Verände¬
rungen an den Genitalien bei Chlorose liegt aber nicht in
ihrem anatomischen Bau, sondern in Funktionsstörungen
der inneren Ovarialsekretion, für die wir heute allerdings
so gut wie kein anatomisches Substrat kennen. In klini¬
scher Beziehung haben wir in dem Verhalten der Men¬
struation bei Chlorosen einen wichtigen pathogenetischen
und auch diagnostischen Anhaltspunkt, der uns viel schwer¬
wiegender erscheint als der Nachweis eines hypoplastischen
Genitals. Von großem Interesse ist diesbezüglich das ver¬
gleichende Studium der Literatur über das Verhalten der
Menstruation bei Chlorose. In den neueren Werken und
Arbeiten finden wir die Menstruationsstörungen in einem
weit höheren Prozentsätze der Chlorosefälle angegeben.
Vielleicht spielt hier die Verfeinerung der Diagnostik und
die fortschreitende Differenzierung der Krankheitsbilder eine
Rolle. Nach v. Noorden ist in 77,2% der Fälle eine Ab¬
schwächung des menstruellen Prozesses vorhanden. Ich
möchte auch an dieser Stelle meiner persönlichen Meinung
in der Hinsicht Ausdruck geben, daß die Menstruations¬
störung ebenso wie der Blutbefund bei der Chlorose zu den
Hauptsymptomen gehören und daß bei regelmäßiger
Menstruation in normalem Ausmaße die Diagnose
Chlorose nur mit allergrößter Vorsicht und nach
Erwägung aller differentialdiagnostischen Momente gestellt
werden sollte. Dies sollte namentlich bei der Beurteilung
chloranämischer Blutbefunde bei initialer Lungentuberkulose
junger Mädchen berücksichtigt werden. In den Rahmen
dieser Erörterungen gehört auch die klinische Erfahrungs¬
tatsache, daß bei Chlorosen die Entwicklung der Brüste in
der Regel eine gute, ja häufig eine sehr volle ist. Ich ver¬
weise diesbezüglich auch hier nochmals auf die Darlegungen
von Fog es, der bei Funktionsstörungen der Ovarien eher
Zeichen einer Hyperfunktion der Mammae vorgefunden hat.
Bezüglich der Blutveränderungen bei der Chlorose
gilt nach wie vor der alte Satz, daß die Hämoglobinver¬
armung das hervorstechendste Merkmal ist. Die Menge der
Erythrocyten ist oft vermindert, sie kann aber auch normal
und sogar über die Norm erhöht sein. Der sogenannte
Färbeindex ist aber regelmäßig erniedrigt. Dieser Befund
ist jedoch, wie dies heute allgemein bekannt ist, in keiner
Weise für die Chlorose allein charakteristisch und für sich
allein diagnostisch verwertbar, da er auch bei andern
anämisierenden Prozessen in gleicher Weise und Form zur
Beobachtung kommt. Trotzdem ist die Bestimmung des
Färbeindex bei der Chlorose von größter diagnostischer Be¬
deutung. Wir wissen heute, daß dabei gar nicht so selten
eine sogenannte Erythrocytose, das heißt eine die Norm
übersteigende Erythrocytengesamtzahl vorkommt. Der Hä¬
moglobingehalt kann in solchen Fällen normale Werte auf¬
weisen, der Färbeindex ist aber doch erniedrigt. Diese über
die Norm erhöhten Erytbrocytenzahlen finden sich bei Chlo¬
rose namentlich zur Zeit der regenerativen Erythrocytose
im Verlaufe der Rekonvaleszenz nach Eisentherapie. Auch
eine vorübergehende Leukocytose kann damit Hand in Hand
gehen als Zeichen gesteigerter Zellproliferation im Knochen¬
marks (Pollitzer). Ausdrücklich möchte ich aber hier be¬
tonen, daß diese vorübergehende Erythrocytose nicht
bei Chlorose allein vorkommt. Sie kann auch bei der
Blutregeneration nach andern anämisierenden Prozessen auf-
treten. Auch hatte ich Gelegenheit, in einer Reihe von
Fällen von Lungentuberkulose bei jungen Mädchen aus¬
gesprochene Erythrocytosen (5,4 bis 6,7 Millionen) zu beob¬
achten, namentlich schon nach mehrmonatlichem Spital¬
aufenthalte (Liege- und Mastkur) eine Zunahme des Körper¬
gewichts und Besserung des Gesamtzustandes eingetreten
war. Der Färbeindex war in diesen Fällen erniedrigt, der
Hämoglobingchalt normal oder nur um weniges erniedrigt.
Die Diagnose Lungentuberkulose stand dabei außer Zweifel,
und auch sonst war das klinische Bild ein derartiges, daß
die Annahme einer Chlorose nach der jetzt von uns
vertretenen Auffassung keine Berechtigung gehabt
hätte. Anderseits müssen wir für die Diagnose Chlorose
unter allen Umständen die Erniedrigung des Färbeindex
fordern. Wenn klinisch sowohl die subjektiven Beschwerden
als auch die objektiven Erscheinungen für Chlorose sprechen,
so muß man demnach auf solche regenerative Erythro¬
cytosen die Aufmerksamkeit lenken, namentlich wenn nor¬
male Hämoglobin werte gefunden werden. Manche
scheinbare Widersprüche zwischen klinischen Erscheinungen
und Blutbefund werden sich auf diese Weise auf klären
lassen. Von größter Wichtigkeit ist in solchen Fällen, wie
insbesondere Türk hervorgehoben hat, das morphologische
Blutbild. Abnorme Größendifferenzen der Erythrocyten und
wenigstens angedeutete Poikilocytose wird man dabei kaum
vermissen.
Das morphologische Blutbild bei der Chlorose ist,
was die Erythrocyten anlangt, sonst hinlänglich bekannt.
Auf eventuelle Leukocytose habe ich schon oben hinge¬
wiesen. Einige Beachtung verdient das Verhalten der Lym-
phocyten. Neben einer relativen Vermehrung derselben,
bei Verminderung der polymorphkernigen neutrophilen Leuko-
cyten, kommt auch eine absolute Lymphocytose vor,
namentlich dann, wenn im Symptomenbilde der Chlorose
thyreogene Momente mit im Spiele sind. Wir wissen aber
heute, daß die Lymphocytose als thyreogenes Blutbüd
Kochers nicht als pathognomonisch für Erkrankungen und
Funktionsstörungen in der Schilddrüse angesehen werden
kann. Die absolute Lymphocytose ist bei Erkrankungen der
Blutdrtisen ein häufiger Befund und die diesbezüglichen
Untersuchungen H. Kahlers deuten darauf hin, daß die
Lymphocytose, beziehungsweise Mononucleose, als eine Teil¬
erscheinung einer abnormen Konstitution namentlich bei
Personen von hypoplastischem Typus aufzufassen ist. Dem¬
nach kann auch bei der Chlorose, die ja häufig mit Stigmen
allgemeiner Hypoplasie einhergeht, die Lymphocytose in
diesem Sinne gedeutet werden. Daß übrigens die Lympho-
cytenwerte auch normalerweise großen Schwankungen, ins¬
besondere in den oberen Grenzwerten, unterworfen sind, ist
jedem bekannt, der diesbezüglich systematische differentielle
Zählungen in größerem Maßstabe vorgenommen hat.
Bezüglich des Verhaltens des Circulations- und Re¬
spiration sapparats bei Chlorose ist der jeweilige Stand
des Zwerchfells der Berücksichtigung wert. Hand in
Hand mit einer bei Chlorotischen häufig während der Bett¬
ruhe zu beobachtenden oberflächlichen Atmung geht ein
Hochstand des Diaphragmas, der perkutorisch und röntgeno¬
logisch nachweisbar ist. Dieser Befund verschwindet häufig,
wenn man die Kranken auffordert, mehrere Male tief zu
atmen oder wenn man sie aufstehen und herumgehen läßt
(v. Noorden). Der Hochstand des Zwerchfells kann bei
Chlorotischen auch ein dauernder Zustand sein und ist nach
Byloff als ein degeneratives Stigma aufzufassen, bedingt
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durch eine infantile Stellung der Rippen. Wie die Beob¬
achtungen Byloffs zeigen, kommt diese abnorme Körper¬
anlage auch für die Chlorose in Betracht. Der abnorme
Tiefstand des Zwerchfells bei langem und schmal gebautem
Thorax, Splanchnoptose und Pendelstellung des Herzens,
scheint mir bei der Chlorose weit seltener vorzukommen.
Bei der Größenbestimmung des Herzens ist diesen Verhältnissen
auf jeden Fall Beachtung zu schenken, da hier die irrige An¬
nahme eines abnorm kleinen Herzens naheliegen könnte. Die
Röntgendurchleuchtung leistet hier besonders gute Dienste.
Die angeborene Enge des Gefäßsystems, die zu¬
erst von Rokitansky und Virchow bei Chlorosen festge¬
stellt wurde, können wir heute nicht mehr als ätiologisches
Moment ansprechen. Sie kommt bei Chlorosen als Zeichen
einer angeborenen mangelhaften Veranlagung, kombiniert
mit der mangelhaften Veranlagung der blutbildenden Organe,
immer wieder zur Beobachtung, spielt jedoch in diagnostischer
Hinsicht keine ausschlaggebende Rolle. Wenn bei einer
Chlorose röntgenologisch eine enge Aorta nachweisbar ist,
so ist dies nichts weiter, als mit ein Zeichen einer hypo¬
plastischen Konstitution, die wir bei Chlorose immer wieder
antreffen. Auch nach den neuesten diesbezüglichen Unter¬
suchungen kann von einer Konstanz dieser Gefäßbefunde
keine Rede sein. In einem gewissen Zusammenhänge mit
dieser Gefäßhypoplasie kann vielleicht auch ein zartes
vulnerables Endokard als konstitutionelles Moment bei
Chlorosen insofern eine Rolle spielen, als damit eine ge¬
steigerte Disposition für Endokarditis gegeben ist.
Dieser Gedankengang drängt sich uns immer wieder auf,
wenn sich, was nicht so selten der Fall ist, im Verlaufe
der Chlorose allmählich ein Herzbefund entwickelt, der uns
zwingt, organische Klappenveränderungen, insbeson¬
dere im Sinn einer Mitralstenose, anzunehmen. Besonders
auffallend sind diesbezüglich Beobachtungen von ausge¬
sprochenen Mitralfehlern bei Frauen, die keine Infektions¬
krankheiten mit folgender Endokarditis, hingegen eine
schwere Chlorose anamnestisch anzugeben wissen. Die von
mir beobachteten derartigen Fälle betrafen Frauen nach
dem 25. Lebensjahre mit den ausgesprochenen Zeichen eines
Mitralklappenfehlers mit Stenose «üeses Ostiums. Es ist wohl
sicher, daß diese Klappenveränderungen endokarditischer
Natur sind. Die Endokarditis ist hier schleichend verlaufen.
Eine Infektion hat einmal stattgefuuden, eine nur gering¬
fügige vielleicht von den Tonsillen ausgehend, aber sie hat
genügt, um endokarditische Veränderungen an der Klappe
zu setzen, deren anatomischer Bau die oben erwähnten Kon-
sütutionsanomalien aufwies. Vielleicht können wir mit Rück¬
sicht auf das Ueberwiegen der Stenosenerscheinungen an
solchen veränderten Klappen auch eine angeborene Enge
der venösen Ostien zur Enge des Gefäßsystems über¬
haupt in Parallele setzen.
Von den Organen, die bei der Chlorose in anatomischer
and funktioneller Hinsicht Abweichungen von der Norm auf-
seien hier noch die Milz und die Schilddrüse er¬
wähnt. Daß bei Chlorosen die Milz nicht selten vergrößert
^■gefunden wird, ist eine bekannte klinische Tatsache
'Chvostek, v. Noorden). Diese Milzvergrößerung kann
ja gewissen Fällen sicherlich auf einen gleichzeitig bestehen¬
den Status thymicolymphaticus bezogen werden und wäre
dann zur Lymphocytose im Blut in gewissem Sinn in
Parallele zu setzen. Bezüglich des relativ häufigen Zu¬
sammentreffens von Chlorose und Struma verweise ich auf
töe zusammenfassende Darstellung in der Monographie
!• Nordens. Wir finden hier wiederholt Angaben über
das Verhalten der Schilddrüse und die eventuellen Be¬
ziehungen derselben zur Ovarialfunktion. Erwähnenswert
sind hier auch solche Fälle, die Störungen im Gebiete der
* exualorgane kombiniert mit Allgemeinsymptomen und Zeichen
? on Hypothyreoidismus aufweisen (Kocher, Sehrt). Neben
subjektiven Allgemeinsymptomen, wie Mattigkeit und Müdig¬
keit, sowie den Menstruationsstörungen und dem Befund
eines infantilen Uterus, ist der Hämoglobingehalt des Bluts
in solchen Fällen nicht selten erniedrigt, sodaß bei ober¬
flächlicher Betrachtung die Annahme einer Chlorose als mög¬
lich hingestellt werden muß. Kocher erwähnt die Erfolg¬
losigkeit der Eisentherapie und die günstigen Resultate bei
Verabreichung von Jodothyrin in solchen Fällen. Die Er¬
kennung solcher Fälle ist auch in therapeutischer Beziehung
von Wichtigkeit. Anderseits könnte die Jodotliyrinanwen-
dung dabei auch einen diagnostischen Wert haben.
Die verschiedenen Formen des sogenannten Infan¬
tilismus, Habitus asthenicus und der hypoplasti¬
schen Konstitution bieten nicht selten im klinischen Bild
eine Anämie von hypochromem Typus. Zu den weiteren
häufig gemeinsam oder auch einzeln in verschiedener Grup¬
pierung nachweisbaren degenerativen Stigmen solcher hypo¬
plastischen Individuen gehört auch unregelmäßige Men¬
struation, Costa decima fluctuans, Struma, Hochstand des
Zwerchfells, Enge der Gefäße, Splanchnoptose, Corjuvenum,
orthostatische Albuminurie. Alle diese Einzelbefunde können
nun auch bei einer typischen Chlorose, jeder für sich allein
oder mehrere vereinigt zu einer Variation des Krankheits¬
bildes führen, wenn das erkrankte Individuum der Kon¬
stitution nach als hypoplastisch angesehen werden muß. Die
Diagnose Chlorose wird sich aber auch in solchen Fällen
auf den charakteristischen Symptomenkomplex und nicht auf
den chlorotischen Blutbefund allein zu stützen haben. Ich
brauche auch nicht noch einmal hervorzubeben, daß ja auch
voll entwickelte weibliche Individuen ohne Zeichen
einer Hypoplasie an Chlorose erkranken können. Es
kommen aber auch Grenzfälle vor, bei denen die Symptome
der Chlorose mit denen der hypoplastischen Konstitution
derart konfluieren, daß eine scharfe Trennung kaum mög¬
lich ist. Der Nachweis von Monstruationsstörungen und der
Blutbefund sind in solchen Fällen für die Diagnose Chlorose
in erster Linie ausschlaggebend, namentlich wenn bei voll¬
kommenem Ausbleiben der Menses oder auffallender Spär¬
lichkeit derselben eine höhergradige Hämoglobin Ver¬
armung nachweisbar ist. Im Gegensätze zu solchen Fällen
möchte ich folgenden erwähnen (eigne Beobachtung): 17 Jahre
altes Mädchen, ausgesprochen hypoplastisch, 4 2U0Q00 Ery-
throcyten, Hämoglobingehalt 75%, demnach etwas vermin¬
derter Färbeindex, seit sieben Monaten Amenorrhöe. Diesen
Fall dürften wir wohl am richtigsten als Amenorrhöe bei
hypoplastischer Konstitution mit leichter Anämie
bezeichnen. Wir müssen annehmen, daß bei bypoplastischen
Mädchen die blutbildenden Organe in verschiedenem Maße
mitbeteiligt sind und daß eine mäßige Hämoglobin Verarmung
dabei Vorkommen kann, ohne daß das klinische Bild der
Chlorose in den charakteristischen Zügen erkennbar ist. Ich
glaube nicht, daß wir das Recht haben, solche Fälle der
Chlorose zuzurechnen.
Ebenso sind von der Chlorose die sogenannten Er¬
müdungsanämien abzutrennen. Eine große Zahl junger
Mädchen, namentlich in der Großstadt, die in Fabriken und
Geschäftshäusern Tag für Tag ihrem Berufe nachgehen
müssen und dabei unter äußerst ungünstigen hygienischen
Verhältnissen ihr Dasein fristen, sehen blaß aus und klagen
über Mattigkeit und rasche Ermüdbarkeit. Die Blutunter-
snehung ergibt die Zeichen einer mäßigen Anämie mit Hämo¬
globinverarmung. In solchen Fällen fehlen aber immer
wieder einzelne charakteristische Züge der Chlo¬
rose. Ungünstige Wohnungs- und Ernährungsverhältniase
spielen bei der Entstehung der Chlorose sicherlich eine ge¬
wisse Rolle, doch scheinen diese Faktoren nicht allzuviel
ins Gewicht zu fallen. Immer wieder kommen Fälle
schwerer Chlorose bei Mädchen aus den wohlhabenden Fa¬
milien zur Beobachtung, wo alle Mittel angewendet werden,
die Kinder gesund zu erhalten. Anderseits ist, wenigstens
nach meiner Erfahrung, die typische Chlorose bei arbeiten-
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17. Januar.
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 3.
beschränkt bleiben. Dann haben wir es mit einem lokalen Prozeß
zu tun, z. B. einer einfachen Endometritis; in ungünstigeren
Fällen aber verbreitet sich die Infektion über die Eingangspforte
der Keime hinauß, und zwaT entweder auf dem Wege der Blutbahn,
dann haben wir es mit Thrombophlebitis und Pyämie zu tun, oder
auf dem Wege der Lymphbahnen, und es entstehen die bekannten
Krankheitsbilder einer Parametritis, Perimetritis oder gar Peri¬
tonitis. Da diese Bahnen aber am abortierenden Uterus noch nicht in
dem Maße entwickelt sind, wie beim puerperalen, so pflegen diese
Erkrankungen nach einem Abort in der Regel nicht so Bchwer zu
verlaufen wie nach einem Partus. Die häufigste der obenerwähn¬
ten Erkrankung im Anschluß an einen Abort ist wohl die Para¬
metritis, die bei unserem Material in 29 Fällen als Komplikation
hinzutrat, und zwar 9 mal noch mit einer andern Erkrankung
wie einer Peritonitis, Thrombophlebitis, Sepsis und Lungenaffektion
vergesellschaftet, was natürlich besonders ungünstig ist. Hierunter
fallen denn auch B letal endende Fälle, wobei allerdings die eigent¬
liche Todesursache nicht in der Parametritis zu suchen ist. Die
übrigen 26 Patientinnen konnten alle geheilt entlassen werden, B da¬
von hatten nur ganz geringes Fieber. In der Regel erfolgte nach 3
bis 8 Tagen mit der Abnahme des Entzündungsprozesses die Ent- |
fieberung. Nur in wenigen Fällen hielt das Fieber über diese Zeit
hinaus an, wie bei dem einschlägigen Falle, den ich als Beispiel
anführen möchte.
Fall II. 1911. Nr. 208.
Therese K., Tapezierersfrau, 27 Jahre. L. M. Anfang Mai. Zwei
fieberfreie Gebarten. Am 28. Juni wurde Patientin von einem Arzt in
der Sprechstunde wegen einer Fehlgehart chloroformiert and aasgekratzt,
daraaf wurde sie nach Hause geschickt. Noch am gleichen Tage
traten Schmerzen nnd Fieber auf, die bis zur Aufnahme am 4. Juli
anhielten.
Status: Vulva geschlossen, Vagina weich, aufgelockert, Portio
seitlich von der Mittellinie, Muttermund offen, Uterus anteflektiert, kaum
vergrößert, glatt, wenig beweglich, auf Druck schmerzhaft. Links neben
dem Uterus eine undeutliche Resistenz, sehr schmerzhaft. Rechte Adnexe
anscheinend frei. Rechter hinterer Douglas sehr resistent nnd äußerst
druckempfindlich, links bedeutend weniger. Ans der Vagina blutiger Ab¬
gang, nicht übelriechend.
4. Juli. Aufnahme. Nach Untersuchung eine Lysolspülung, Eis¬
blase, Opium.
6. Juli. Immer noch Temperaturen um 38°; etwas stärkere Blutung.
7. Juli. Schüttelfrost und Temperatur 89,8°.
11. Juli. Temperaturen seit zwei Tagen annähernd normal. Keine
Schmerzen. Dauernd geringer Blut&bg&ng, daher Spritze Secakornin,
Douglas resistent, derb, uneben, wenig schmerzhaft.
15. Juli. Temperaturen ganz normal. Blutung sistiert vollkommen.
Allgemeinbefinden ganz gnt.
21. Juli. Der hintere Douglas noch etwas derb, aber nicht mehr
druckempfindlich.
24. Juli. Patientin wird als geheilt entlassen. Befund wie zuletzt.
Einen spontanen Durchbruch des Eiters nach außen nach
dem Rectum der Scheide oder nach der Blase konnten wir in
keinem Falle konstatieren, dreimal aber wurde eine vagiuale Punktion
gemacht, wobei sich stets reichlich Eiter entleerte; danach stellte
sich baldige Entfieberung ein, und das subjektive Befinden der
Patientin ^besserte sich auffallend.
Gelangen die infektiösen Keime vom Endometrium aus auf
dem Lymphwege bis zum Bauchfelle, so entsteht, je nachdem die
Entzündung durch Serosaverklebung auf die Umgebung des kleinen
Beckens beschränkt bleibt oder nicht, die Pelveoperitonitis oder die
Peritonitis universalis puerperalis.
Wir haben sieben Fälle von Pelveoperitonitis und acht Fälle von
Peritonitis universalis zu verzeichnen. Während bei der ersteren die
Prognose qnoad vitam verhältnismäßig günstig ist und meist auch quoad
restitutionem wie auch unsere Fälle zeigen, ist die Peritonitis universalis
mit die gefährlichste Komplikation nach einem Aborte. Von unsern acht
Fällen endeten nicht weniger als sechs letal, meist schon in den ersten
zwei bis drei Tagen. Die beiden andern fieberten schwer, 17 nnd 28 Tage,
konnten aber später als geheilt entlassen werden. In sechs Fällen konnte
hier als Ursache der PeritonitiB sicher ein Krimen festgestellt werden,
während bei den andern beiden die Vermutung nur nahe lag, die Patien¬
tinnen einen kriminellen Eingriff aber nicht Zugaben.
Die Patientinnen wurden alle schon mit den Symptomen der
allgemeinen Peritonitis eingeliefert, und zwar hohe Temperatur
(respektive Kollapstemperatur), äußeret frequenten Puls, größte
Druckempfindlichkeit des Abdomens, meist auch schon mit ver¬
fallenen Gesichtszügen.
Ich will nun einen letal endenden Fall als Beispiel anführen.
Fall in. 1911. Nr. 206.
Anna S., Hutarbeitersfrau, verheiratet, IV para, im dritten Monate
schwanger.
Am 15. August Fehlgeburt, Curettement wegen starker Blutung,
dabei schon aufgetriebener Leib und Schmerzen, besonders rechts.
16. August. Leib höher, Aufstoßen, NaCl-Eingaß.
17. August Aufnahme. Vaginal nicht untersucht. Certe crimen
conceditur. Alsbald nach Einlieferung Operation. Eröffnung des Peri¬
toneums, Entfernung von Eiter, Vioformgazedrainage, steriler Verband,
bald Erwachen aus der Narkose. Puls leidlich.
17. August abends. Befinden mäßig» Puls ist schlechter geworden,
Kochsalzein gösse; Excitantien.
18. August. Während der Nacht deliriert Patientin ständig und
war nur schwer im Bette zu halten. 12 Uhr Verbandwechsel. Die Sekretion
war sehr stark. Puls schlecht. Excitantien werden dauernd verabreicht
Winde sollen abgegangen sein. Patientin läßt Urin unter sich. Dauernd
delirierend. Sechs Uhr p. m. stark delirierend, Pals sehr schlecht. Zunge
stark belegt. Atmung oberflächlich, sehr beschleunigt. Unter allmählicher
Zunahme des Verfalls gegen nenn Uhr ExitUB.
Sektionsprotokoll (Auszug): Die Bauchhöhle enthält zirka
800 ccm Eiter, in dem zahlreiche Fibrinflocken zu sehen sind, letztere
findet man auch an der Oberfläche der Darmschlingen, die miteinander
vielfach verklebt sind. Die so gebildeten Taschen enthalten massenhaft
Eiter. Die Darmserosa ist Btark injiziert. Milz um das Doppelte ver¬
größert, auffallend weich, ihre Pulpa deutlich vorquellend. Leber von
normaler Größe, Schnittfläche sehr blaß und trüb. Uterus etwas vergrößert,
sehr weich, seine Innenfläche von schmutziggranem Anssehen. Bei Auf¬
schneiden der breiten Seitenbänder quillt ans den Lymphgefäßen Eiter
hervor, Ovarien etwas vergrößert, hier nnd da eitrig infiltriert, aber ohne
deutliche Abscesse — Peritonitis puerperalis purulenta, Endometritis
septica post abortum.
Eine ebenso schlechte Prognose wie die Peritonitis universalis
hat die Sepsis post abortum. Von den zehn bei uns im Anschluß
an einen Abort mit Sepsis erkrankten Patientinnen kamen sechs
ad exitum, während die übrigen vier ein schwer febriles Kranken¬
lager durchmachten. In dem einen Fall erfolgte die Sepsis von
einem Decubitus aus.
Die Thrombophlebitis post abortum, die sich ja gleichfalls
auf dem Wege der Blutbahn von der Infektionsstelle aus verbreitet,
ist prognostisch quoad vitam viel günstiger; alle drei Patientinnen,
die bei uns daran erkrankten, konnten später als geheilt ent¬
lassen werden.
Eine relativ recht häufige Erkrankung nach einem Aborte
sind neben der Parametritis die Adnextumoren. Hier nehmen die
infektiösen Keime ihren Weg vom Endometrium aus durch das
Ostium uterinum der Tuben und rufen eine Salpingitis hervor.
Ein Weiterschreiten des Prozesses wird durch frühzeitige, weit¬
gehende Verwachsungen der abdominalen Tubenenden meist ver¬
hindert. Bei uns kamen 16 derartige Fälle zur Beobachtung, dar¬
unter ein großer Prozentsatz auf gonorrhoischer Basis.
Als weitere Komplikation wären die übermäßigen Blutungen
zu nennen; die leichteren sind ja geradezu eines der Symptome
des Abortus, aber man muß sich wundern, wie indolent manche
Frauen in dieser Hinsicht sind und wie lange es oft dauert, ehe
sie wegen einer Blutung zum Arzt gehen. Wiederholt haben uns
Patientinnen angegeben, daß sie schon drei, vier, fünf, ja sogar
acht und zehn Wochen bluten. Einige wurden uns unter den Er¬
scheinungen einer schweren akuten Anämie eingeliefert, zum Ver¬
blutungstode kam es aber auch bei unsern Fällen nie.
Zum Schlüsse möchte ich noch auf die Uterusperforationen
eingehen, wie sie im Anschluß an verbrecherische Manipulationen
und therapeutische Eingriffe post abortum gelegentlich Vorkommen.
Es kamen drei derartige Fälle bei uns zur Behandlung. Bei zwei
kam es im Anschluß an die Perforation, die durch zu tiefes Ein¬
führen eines Irrigatorrohrs entstanden war, zur Peritonitis, die
letal endete.
Den einen Fall habe ich bereits ausführlich bei Besprechung des
kriminellen Aborts angeführt, bei dem andern fand man bei der Sektion
gleichfalls im Uterus ein 1 */a cm weites, rundes Loch mit schmierigen,
fetzigen Wänden; es führte in eine weiche, mit dickem Eiter und jauchigen
Gewebsfetzen gefüllte Höhle. Den dritten Fall von Uternsperforation
| mit Darmprolaps, der nicht kriminell ist, will ich wegen des Interesses,
das er beansprucht, ausführlich schildern; er wurde seinerzeit von Her«
Primärarzt Asch in der medizinischen Sektion der Schlesischen Gesell¬
schaft für vaterländische Kultur zu Breslau vorgestellt f
Fall IV. 1911. Nr. 408.
Eli Be S., ledig, 20 Jahre 0 para, im fünften Monate schwanger.
Die Patientin wurde von ihrem Arzt in die Klinik gebracht der folgen
Angaben machte: Die Patientin sei im fünften Monat schwanger und dju
seit 3 Monaten; er habe versucht, den geschlossenen Muttermund
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17. Januar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 3.
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erwutftn und das Foetus herausznholen. Dabei Bei plötzlich Darm vor*
gefallen, den er nicht mehr reponieren konnte. Um für die Reposition
sehr Platz za gewinnen, habe er die Versuche, den Foetus zu entfernen,
nicht aafgegeben, der Kopf desselben sei wohl zertrümmert; schließlich
lube er. als er nicht mehr weiter konnte, die vorgefallenen Därme in
Jodoformgaze gepackt and die Fran ins Krankenhaus gebracht.
Die Patientin hatte bei der Einlieferung 35,7° Temperatur und
140 Puls, regelmäßig, aber sehr klein. Die vorgef&llenen Darmschlingen
iraren ztun großen Teil mit dem Hemd nnd der Kleidung in Berührung
gekommen, sie waren von ihrem Mesenterium abgelOst nnd hatten ein-
«ine obeiflichliche Serosaverietzungen. Die vaginale Untersuchung
ergab, daß die Darmschlingen durch den linksseitig aufgeriBsenen Mutter¬
mund hervortraten; außerdem fühlte man Rippenteile nnd Därme des
Foetai. Der Fundus uteri stand noch zwei Querfinger breit unter dem
Habel- Es wurde alsbald in Aethernarkose die Laparotomie gemacht.
In der Bauchhöhle fand man reichlich Blut und am Fundus nteri ein
Loch, aus dem das linke Bein des Foetas bis über das Knie in die Bauch¬
höhle hineiuragte. Durch dieses Loch war hinter dem Beine der Dünn¬
darm in die Uterushohle gezogen. Der prolabierte Darm wurde mit dem
Piqnelin durchtrennt, die beiden Dannenden getrennt blind vernäht and
eme seitliche Auastomose der beiden blind vernähten Dünndarm schlingen
angelegt Das resezierte Darmstück maß frisch 3,10 m. Der Schlnßteil
des abgerissenen Mesenteriums konnte durch Naht vereinigt werden, so-
d&fi der notierende Dünndarm in seiner Ernährung gesichert war. Der
stark zerstückelte Foetus wurde vorsichtig entfernt und der Uterus nach
einer Cornutininjektion von oben genäht. Vor Schluß der Bauchwunde
wurden einige Centimeter sterilen 10%igen Campheröls eingegossen.
Während der Narkose war der Pals kaum palpabel, die Patientin erhielt
daher einen halben Liter Kochsalzlösung unter die Mamma. In den
nächsten zwei Tagen stieg die Temperatur noch bis 39,8, fiel dann auf
37,8, um sich vom fünften Tage nach der Operation unter 88 zu halten.
Ent vom 16. Tag ab blieb sie bis zur Entlassung normal. Am Tage
DAch der Operation war das Abdomen aufgetrieben, es gingen keine Winde
ab, der Puls setzte zeitweilig ans, Delirien und Erbrechen ließen den
Zustand recht bedenklich erscheinen. Nach einer MagenausspQlnng, die
am nächsten Tage wiederholt wurde, besserte sich das Allgemeinbefinden
and am vierten Tage nach der Operation erfolgte auf eine Glycerinein-
»pritzung Stuhlgang. Der erste spontane Stuhl kam am fünften Tage.
Die Ernährung erfolgte aber noch weiter im wesentlichen per Klysma.
Am zweiten Tage kamen reichliche Durchfälle von der Konsistenz des
Dönndaun nbalts. Erst von da ab täglich ein bis zwei breiige Stühle.
Die Lsparotomiewunde heilte primär. In der vierten Woche nach der
Operation verließ die Frau völlig munter das Krankenhaus.
Von einem ganz ähnlichen Falle von Uterusperforation mit
Dtnnvorfall berichtet übrigens auch Zacharias; die Perforation
war mit der Eihautzange gesetzt worden. Es wurden 42 cm Darm
reseziert. Auch diese Patientin blieb am Leben. Die Gefahr für
die Entstehung einer Peritonitis war den Umständen nach in beiden
Fällen groß, es scheint nicht unmöglich, daß das Campheröl, das
beide Male verwendet wurde, einen günstigen Einfluß ausgeübt hat.
Therapie. Wie ich schon im Anfänge dieser Abhandlung aus-
ftjhrte, konnte bis auf den heutigen Tag bei der Abortbehandlung
hinsichtlich der Indikationsstellung und der Technik des Eingriffs
keine Einigkeit erzielt werden. Ich will darum im folgenden
onsern Standpunkt mitteilen und die Ergebnisse unserer Therapie
mit denen anderer Kliniken vergleichen. Ich beschränke mich
hierbei hauptsächlich auf den Abortus incompletus, nicht nur weil
er die überwiegende Mehrzahl aller zur Behandlung kommenden
Aborte darstellt, sondern auch deswegen, weil man sich hinsicht¬
lich der Therapie des drohenden und im Gange befindlichen Aborts
im allgemeinen bereits geeinigt hat, während dies bei dem Abortus
incompletus noch nicht der Fall ist.
Bei dem nicht durch Fieber komplizierten Abortus in¬
completus pflegen wir in der Regel aktiv vorzugehen, mit
dem Erfolge, daß die Blutung meist unmittelbar danach
«stiert Bei den fieberhaften Fällen machen wir von dem
konservativen Verfahren öfter Gebrauch, allerdings im Gegensatz
2 jj Winter und seinen Anhängern, ohne jede Rücksicht darauf,
f® * twa i® Cavum uteri hämolytische oder anhämolytische Strepto¬
kokken vorhanden sind oder nicht. Primärarzt Asch legt dagegen
J ?7 größeres Gewicht auf die Art der Entstehung der Infektion.
Bei den kriminellen Fällen werden die Infektionserreger, da ja
jede Asepsis außer acht gelassen wird, von außen direkt in
48 mütterliche Gewebe bei den Verletzungen, die fast regelmäßig
gesetzt werden, eingeimpft. Diese Aborte, das beweisen auch un¬
sere Fälle, verlaufen oft besonders schwer und lassen eine aktive
ijerapie nur im Notfälle zu. Anders ist es bei den spontanen
Aborten. Hier wandern die Keime an den Lochien hinauf ins
*riun nteri und gedeihen üppig auf den zurückgebliebenen Ei-
Di 080 Fälle müssen darum sofort aktiv behandelt werden,
? Patienten vor größerem Schaden zu bewahren, und in der
a P“®gt damit das Fieber in kürzester Zeit zu verschwinden.
Welche Bakterien das Fieber erzeugt haben, scheint von ganz
untergeordneter Bedeutung zu sein. Konservativ dagegen pflegen
wir auch noch die Fälle von Abort zu behandeln, bei denen gleich¬
zeitig eine Entzündung der Adnoxe und des Parametriums besteht,
es sei denn, daß eine besonders starke Blutung uns zum aktiven
Eingreifen zwingt. Bevor wir zum Eingriffe selbst schreiten, wird
das äußere Genitale und die Vagina der Patientin, die in eine ent¬
sprechende Lage gebracht worden ist, gründlich desinfiziert und mit
sterilen Tüchern versehen. Hierauf wird die Portio mittels eines
Speculums eingestellt und die vordere Muttermundlippe mit einer
Kugelzange gefaßt. Nachdem man sich vorher vorsichtig mit einer
Uterussonde über die Lage und Größe des Uterus orientiert und
alle größeren Gewebsfetzen mit dem Finger oder Zange entfernt
hat, wird das Cavum uteri mit einer möglichst großen, stumpfen
Curette ausgeräumt. Die Curette wird hierbei vorsichtig unter
Vermeidung jeglichen starken Druckes systematisch in bogenför¬
migen Zügen vom Fundus uteri zum Muttermunde geführt. Darauf
wird der Uterus mit konzentrierter Carbolsäure aus¬
gewischt und mit Vioformgaze austamponiert, die meist
nach zweimal 24 Stunden wieder gezogen wird.
Vor dem Eingriff erhält die Patientin noch meist eine Spritze
Secale. Dieses Vorgehen ist für die Patientin das denkbar *cho-
nendste und der digitalen Ausräumung entschieden vorzuziehen.
Eine Narkose einzuleiten, hatten wir in keinem einzigen Falle
nötig, und ich habe mich auch als Student in der Klinik davon
wiederholt persönlich überzeugen können, daß kaum je eine
Schmerzensäußerung von einer Patientin dabei getan wurde. Einen
guten Einfluß auf die Heilung scheint auch die Carbolsftureätzung
zu haben, die die noch vorhandenen Keime abtötet, dabei aber
weder resorbiert wird, noch in konzentrierter Form die zum Wieder¬
aufbau der Schleimhaut nötigen Drüsenelemente vernichtet, da sie
nur einen ganz oberflächlichen Schorf bildet. Hervorheben möchte
ich auch noch, daß wir keinen einzigen Fall von Uterusperforation
mit der Curette zu verzeichnen haben und daß auch Patek aus
dem großen Material des Krankenhauses Wieden in Wien dieselbe
Mitteilung macht. Es liegt also kein Grund vor, die Curette wegen
der Perforationsgefahr zu meiden, um so mehr noch, da, wie Patek
meint, „eine rechtzeitig erkannte und dann richtig behandelte Per¬
foration bei dem heutigen Stande der Operationstechnik kein allzu
tragisch aufzufassendes Ereignis ist, vorausgesetzt, daß es sich
nicht um septische Fälle handelt“.
Ich habe nun zunächst einmal die sämtlichen 675 Fälle nach
ihrem Verlauf in einer Tabelle nach denselben Gesichtspunkten
wie Bondy zusammengestellt, um daraus einen Schluß auf die Er¬
folge unserer Therapie ziehen zu können.
Tabelle I.
675 Aborte.
Verlauf
Gruppe I | Gruppe II
fieberfrei eingeliefert fiebernd eingeliefert
I. Afebril.
IL Reaktionsfebril ....
III. Leichtfebril.
IV. Schwerfebril.
V. Gestorben.
417 = 82,7%
47= 9,3%
38* 7,5%
0*
2 = 0,5%
76 = 44,4%
12= 7,0%
51 = 29,8%
17= 9,9%
15= 8,7%
Summe . . .
! 504 = 74,7 o/o
171 = 25,8%
Bei genauer Durchsicht der einzelnen Fälle ergibt sich nun,
daß zunächst einmal die beiden Todesfälle bei den afebril ein¬
gelieferten Fällen auf eine extragenitale Ursache zurückzu führen
sind (einmal Sepsis, ausgehend von Decubitusstellen infolge gleich¬
zeitiger multipler Sklerose, und einmal Phthisis pulm.), sodaß
hier die eigentliche Mortalität an behandelten afebrilen Aborten
gleich 0 ist. Von den 15 andern Todesfällen wurden vier mori¬
bund eingeliefert und galten von vornherein als hoffnungslos, und
eine Patientin starb infolge Myodegeneratio cordis. Betonen möchte
ich auch hier noch, daß unter den 17 Todesfällen sich nicht we¬
niger als 8 sicher festgestellte kriminelle Aborte befinden, in
manchem andern Falle lag diese Vermutung sehr nahe. Unter
den Fällen mit leichtfebrilem Verlaufe der Gruppe I war das
Fieber in 18 Fällen auf eine extragenitale Erkrankung zurückzu¬
führen, bei der Gruppe II mit leichtfebrilem Verruf in 6, mit
schwerfebrilem Verlauf in 5 Fällen. Auch hierbei kann* also
unsere Therapie nicht für den Verlauf verantwortlich gemacht
werden. Nach Abzug dieser Fälle läßt sich nun folgende Tabelle
zusammenstellen:
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 3.
17. Januar.
Tabelle II.
Verlauf
Gruppe I
afebril eingeliefert
Gruppe 11
febril eingeliefert
I. Afebril.
i 417 = 86,1 %
76 = 49,0%
II. ReaktionBfebril . . . . 1
47= 9,8 %
12= 7,8%
Hl. Leichtfebrü.
20= 4,1%
45 = 29,0%
IV. Schwerfebril.
0
12= 7,8%
V. Gestorben.
0
10= 6,4%
Summe . . .
| 484
| 155
Vergleichen wir nun einmal unsere Ergebnisse mit denen Winters.
Bei uns kamen 171 fieberhafte Aborte zur Behandlung. Da (wie wir ge¬
sehen haben) nach Winters bakteriologischen Untersuchungen in 26%
davon hämolytische Streptokokken im Spiele Bind, so hätte er bei einer
Mortalität von 36 %, die von ihm angenommen wird, 16 Todesfälle, wäh¬
rend wir im ganzen 14 zu beklagen haben, bei Abzug des einen Falles
von Myodegeneratio cordis, der ja von vornherein für diese Frage aus-
scheidet, und bei Berücksichtigung der vier moribund eingelieferten Fälle
sogar nur 10. Das Ergebnis anderer Autoren bei aktiver Therapie ist:
Krömer 7,3 % Schottmüller 10%, Stock 23%, Bondy 11,1%
und Patek 2,6% Mortaliät.
Bei Berücksichtigung des gerade hier in Breslau Äußerst
ungünstigen Materials mit dem hohen Prozentsätze durch krimi¬
nelle Eingriffe schwer geschädigter Fälle haben wir somit ganz
zufriedenstellende Resultate. Es ist auch selbstverständlich, daß
der Prozentsatz an Todesfällen nicht allein maßgebend sein kann
für die Beurteilung der Resultate einer bestimmten Therapie, da
hier auch viele Zufälligkeiten im Spiele sind. Wir hatten aber in
keinem einzigen Falle den Eindruck, als ob durch unsere Therapie
eine Verschlimmerung des Zustandes eingetreten wäre. Wir
kommen daher zu dem Schlüsse, daß zum mindesten vor der Hand
der bakteriologische Befund des Uterussekrets nicht ausschlag¬
gebend sein kann für die einzuschlagende Therapie, ja, daß im
Gegenteil dadurch unter Umständen kostbare Zeit verloren gehen
kann und der geeignete Zeitpunkt zum Eingriff verpaßt wird.
Auch liegt nach den bei uns gemachten Erfahrungen kein Grund
vor, die von uns geübte Technik zu verlassen.
Künstlich eingeleiteter Abort.
Zum Schlüsse möchte ich noch ganz kurz auf die bei uns
künstlich eingeleiteten Aborte, im ganzen 38, zu sprechen kommen.
Die Indikation zur künstlichen Einleitung eines Aborts lag zwei¬
mal in einem inkompensierten Vitium cordis, einmal in dem Be¬
stehen einer multiplen Sklerose, und in allen Übrigen Fällen in
der Verschlechterung eines bereits bestehenden Lungenleidens. In
31 Fällen hatten wir einen vollkommen glatten Verlauf ohne Auf¬
treten von Fieber, viermal trat nach dem Eingriff ganz leichtes
Fieber auf, wohl infolge des Lungenbefundes. Drei Patientinnen
kamen ad exitum. Die Sektion ergab als Todesursache: einmal
Tbc. miliar, pulm., einmal Anaemia gravis infolge Atonia
uteri und Myodegeneratio cordis. In diesem Falle konnten
die starken Blutungen, die im Anschluß an den Eingriff auftraten,
trotz Anwendung aller Mittel (heiße Spülung, Massage usw.) nicht
zum Stehen gebracht werden. Einmal Peritonitis, hier war beim
Einleiten des Aborts eine Sch eidenverletz ung gemacht worden.
In den meisten Fällen wurde der Muttermund mit Laminariastifton
dilatiert, worauf häufig der Foetus spontan geboren wurde,
Testierende Eiteile wurden mit der Curette entfernt und der Uterus
mit konzentrierter Carboisäure ausgewischt. Bei Graviditäten
höherer Monate wurden auch Bougies zur Erzeugung von Wehen
angewendet. Siebenmal entschloß man sich zur Colpohysterotomia
anterior mit daran anschließender Curettage und Tuben Sterilisation
nach dem von Asch zuerst angegebenen Verfahren. Die Einleitung
eines künstlichen Aborts mit Röntgenstrahlen wurde einmal ver¬
sucht bei einer Schwangerschaft im dritten Monat; allerdings
ohne den gewünschten Erfolg. Die Patientin wurde im ganzen
elfmal bestrahlt, aber die Schwangerschaft nahm trotz des Auf¬
tretens von ziehenden Schmerzen im Leib und ziemlich starken
Blutungen doch ihren Fortgang. Pituitrin wirkte bei im Gange
befindlichen Aborten in einzelnen Fällen ganz prompt, während es
zur Einleitung von Aborten aber gänzlich versagte, und da wir
es bis jetzt nur vereinzelt angewandt haben, so läßt sich nach
unserm Material über die Brauchbarkeit dieses Mittels beim künst¬
lich einzuleitenden Aborte kein maßgebendes Urteil bilden.
An dieser Stelle erlaube ich mir noch Herrn Primärarzt
Asch för die gütige Ueberlassung des Materials, sowie Herrn
Dr. Moos für die freundliche Unterstützung bei dieser Arbeit
meinen ergebensten Dank auszusprechen, ebenso Herrn Prof. Dr.
Doederlein für die Uebern&hme des Referats.
Literatur: 1. Asch, Darmprolaps bei inkomplettem Abort. (B kl. W.
1911.) — 2. Berliner, Uebor septischen Abort. (Inaug.-Diss., Breslau 1912.)
— 8. Björkenheim, Bakteriologie und Therapie des fieberhaften Aborts.
(Arch. f. Gynäk. Bd. 98.) — 4. Bondy, Klinische und bakteriologische Beiträge
zur Lehre vom Abort. (Zschr. f. Geburtsh. Bd. 70.) — 5. Bumm, Lehrbuch der
Geburtshilfe. — 6. Fleischhauer, Das kriminelle Abortmaterial der Kieler
Frauenklinik. (M. in. W. 1912.) — 7. Häberle, Zur Behandlung des infizierten
Abort«. (Ebenda 1912.) — 8. Hamm, Können wir bei der Behandlung des in¬
fizierten Aborts eine bakteriologische Indikation anerkennen? (Ebenda 1912.) —
9. Holzbach, Darf dem praktischen Arzt eine Behandlung des fiebernden
Aborts nach bakteriologischen Gesichtspunkten heute schon zugemutet werden?
(Ebenda 1912.) — 10. Lab and, Zur Frequenz, Aetiologie und Pathologie der
Fehlgeburten. (Inaug.-Diss., Breslau 1912.) — 11. v. Lingen, Der kriminelle
Abort. (B. kl. W. 1911.) — 12. Moos, lieber septischen Abort. (Inaug.-Diss.,
Freiburg i. Br. 1909) — 12a. Derselbe, Diskussion zum Vortrage Bondy:
Bakteriologio und Klinik des Aborts. — 13. Patek, Zur Behandlung der Fehl¬
geburten. (Arch. f. Gynäk. Bd. 98.) — 14. Schottmüller, Uebor bakterio¬
logische Untersuchungen und ihre Methoden bei Febris puerperalis. (M. m. W.
1911, Nr. 15.) — 15.^Traugott, Zur Technik und Bedeutung der bakteriologi¬
schen Untersuchung des Üterussekrets in der Praxis. (Ebenda 1912.) —
16. Warnekros, Zur Frage der Behandlung des fieberhaften Aborts. (Arch. f.
Gynäk. Bd. 98.) — 16a. Derselbe, Bakteriologische Untersuchungen bei Fieber
im Wochenbette, bei Aborten und während der Geburt. (Zbl. f. Gyn. 1911,
Nr. 28 ) - 17. Winter, Ueber Prophylaxe und Behandlung deB septischen
Aborts. (M. Kl. 1911, Nr. 16.) — 18. Zacharias, Ueber Uterusperforation mit
Darmvorfall. (M. m. W. 1912.)
Haustrinkkuren.
Eine Antwort &nf den Aufsatz in Nr. 25, 1914*).
Haben die natürlichen Mineralquellen eine specifische
Heilwirkung auf den erkrankten Organismus?
Von
Stadtbezirksarzt Dr. Schubart, Plauen i. V.
Geheimrat Dr. Lennä schreibt in Nr. 25,1914, dieser Zeitschrift mit
Bezug auf eine beanstandete Ankündigung von Haustrinkkuren mit
Neuen&hrer Sprudel: „Die Ankündigung eines anerkannten Beilbades
wurde mit denen des Kurpfuschertums in einen Topf geworfen, weil der
Sachverständige der Meinung war, die Angabe „bei einfachem Katarrh
und leicht entzündlichen Prozessen der Gallenwege bringt eine Trinkkur
mit Neuen&hrer Sprudel unbedingt Genesung“ sei wahrheitswidrig.
Diese Darstellung trifft die Sachlage durchaus nicht. Es könnte
so scheinen, als ob der Sachverständige, der ich in dieser Sache sowohl
dem Dresdner Wohlfahrtspolizeiamt als auch dem Kgl. Amtsgerichte
gegenüber war, dem Nenenahrer Sprudel bei Leberaffektionen jedwede
Heilwirkung abgesprochen hätte. Das ist durchaus unrichtig. Mein Gut¬
achten begann: „Der Neuenahrer Sprudel ist znm Kurgebrauche bei Leber¬
leiden und Zuckerkrankheiten gewiß ein anerkannt gutes Mineralwasser.“
Das Gutachten hatte aber die Fragen zu beantworten, ob in der
vorliegenden Ankündigung der Haustrinkkur mit Neuenahrer Sprudel
über ihren wahren Wert hinausgehende Wirkungen beigelegt werden
and die Ankündigung geeignet ist, das Publikum irre za führen.
Um das zu beurteilen, maß man die Ankündigung in ihren wesent-
ichen Zügen kennen.
Diese erschien in der scheinbaren Form einer redaktionellen Notiz
und lautete: „Leberleiden Schon im Altertume schrieb man traurige,
verdrießliche, leicht verärgerte Gemütsstimmung den Erkrankungen der
Leber zu, und bis auf den heutigen Tag heißt es von unzufriedenen,
stets nörgelnden Menschen gewissermaßen zu ihrer Entschuldigung: „Er
hat’s an der Leber!“ .... Das ist auch leicht erklärlich . . . „wirklich
schwarz könnte er sich ärgern“,.wenn er Beinen «Teint wie Milch and
Blut“ auf einmal in allen Schattierungen von „ zitronengelb * bis „kastanien¬
braun“ schillern sieht. Aber bei der vordorbenen Stimmung und Farbe
bleibt es nicht, bald machen sich auch schwere Nachteile der Gesundheit
fühlbar: Der Kranke merkt, „wie ihm das Fleisch vom Leibe fällt“, ob¬
gleich oft sein Appetit nicht einmal vermindert ist. Das ist aber nicht
wunderbar, wenn die Leber, eine HanptverdaunngBdrüse, nicht regelrecht
arbeitet. Dazu ein ständiges Mttdigkeits- und Mattigkeitsgefühl, die
Unfähigkeit zur geringsten regelrechten Körper- und Geistesarbeit; kurt,
der Mensch fühlt sich ganz elend and krank. Werden diese Erschei¬
nungen von Gelbsucht begleitet, kann man fast noch von Glück sagen,
denn man erkennt alsbald den Grund and geht mit allem Eifer daran,
das Uebel zu heben, schon des lieben äußeren Menschen wegen. Liegen
ein einfacher Katarrh oder leicht entzündliche Prozesse der Gallenwege
diesen Erscheinungen zugrunde, dann ist dem Leiden bald abgeholfen.
Der Gebrauch des Nenenahrer Sprudel wassere (Großer
und Willibrordns Sprudel) bringt in kürzerer oder l Än $ er ®J
Frist unbedingt Genesung 1 ). Aber die Gelbsucht kann auch auj
schweren entzündlichen Veränderungen im Lebergewebe zarflekzufünre
•) Anmerk, der Redaktion: Das Erscheinen dieser Antwort ist
durch die äußeren Verhältnisse verzögert worden.
’) Auch im Original gesperrt gedruckt.
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Original frnrri
UMIVERSITY OF IOWA
17. Januar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 3.
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leis, dann ist das Leiden natürlich hartnäckiger. Aber auch hier bringt
Neuenahrer Sprudel stets den erreichbaren Erfolg! Schlimmer
ist, daß es eine Reihe von Lebererkranknngen gibt, welche nicht oder
kaum mit Gelbsucht vergesellschaftet sind, und leider zählen hierzu die
Khlimmsten: Entsandung des Lebergewebes, Hepatitis, beginnende Leber*
verhkrtung, Cirrhose (Trinkerleber), bei welchen man nicht energisch
genug Einschreiten kann. Hier zeigt sich die Heilkraft der Nenenahrer
Quellen auf das augenfälligste, man kann rnhig sagen, wo za hoffen
ist, da hilft Neuenahr. Aber der Mensch achte auch auf sein Be¬
finden, and bei Öfterem Druck und Spannungsgefllhl in der rechten Seite
mit Mutigeren Verstimmungen des Verdanungsapparats ziehe man sofort
den Arit zu Rate, damit dem Uebel sobald als möglich entgegengetreten
«erden kann. Dann bleiben anch die einfachen Leberschwellungen,
Stannnnleher, ohne weitere üble Folgen, denn Neuenahrer Sprudel bringt
diese Zuttä de bald znm Schwinden. Bei allen diesen Leber-
iffektionen wird Neuenahr von keinem andern Mittel an Wirk¬
samkeit übertroffen. Selbstverständlich müssen in diesen Fällen
keine zu geringen Mengen getrunken werden, sondern eine bis zwei
Flaschen täglich, je nach Alter and Konstitution. Die Kordirektion
Bad Neaenabr, N. W. Rheinland, versendet gratis nnd franko eine
kleine Schrift * Hauskuren“, auf die Leberleidenae hiermit hingewiesen
werden.“
Geheimrat Dr. Lennd hat non, am die von ihm verfaßte An¬
kündigung zu rechtfertigen, in seinem Aufsätze nachzuweisen versucht,
dal Neuenahrer Sprudel bei leichten Katarrhen und entzündlichen Pro¬
zessen der Gallenwege ohne Diätvorschriften gelegentlich Genesang
bringen kann. Das ist nie bestritten worden. Er hat aber nicht nach¬
gewiesen, dafi der Sprudel unbedingt Genesung bringt. Das ist doch
etwas ganz anderes. Es fehlt weiter der Nachweis, daß Neuenahrer
Sprndel bei schweren entzündlichen Veränderungen stets den erreich¬
baren Erfolg bringt, daß sich bei den schlimmsten Lebererkrankungen,
Hepatitis, Cirrhose und anderes die Heilkraft auf das augenfälligste zeigt,
and endlich, dafi Nenenahrer Sprudel bei Leberaffektionen von keinem
andern Mittel an Wirksamkeit übertroffen wird.
Solange aber nicht nachgewiesen werden kann, daß der Nenenahrer
Sprudel „unbedingt“ Genesung oder „stets“ den erreichbaren Erfolg
bringt, and in allen Fällen, „wo noch zu hoffen ist, hilft“, solange wird
leider die Frage, ob dem Heilmittel über seinen wahren Wert hinaus-
gehende Wirkungen beigelegt worden sind, mit „ja“ beantwortet werden
mfluen.
Weit bedenklicher ist aber, daß die Ankündigung zunächst eine
kurze Anleitung gibt, wie man Leberkrankheiten erkennen kann, am dann
als alleiniges Mittel bei allen Leberkrankheiten den Nenenahrer
Sprudel zu empfehlen, und zwar als Hanstrinkknr. Darauf kommt es
an. Das beifit mit kurzen Worten: „Jeder Leberkranke kann sich selbst
zu H &086 mit Neuenahrer Sprndel behandeln, der Erfolg wird nicht aus-
bleiben, wenn nur „keine zn geringen Mengen getrunken werden!“ Nnr
io kann and maß der Zeitnngsleser, für den doch die Annonce bestimmt
ist, diese auffassen.
Wenn man nun schon mit einer Trinkbar im Hanse ohne andere
Maßnahmen bei Krankheiten der Leber und der Gallenwege, bei leichten
und schwereren, stets den nnr Überhaupt erreichbaren Erfolg erzielt, wie
küaaen as dann praktizierende Aerzte noch verantworten, ihre Kranken
zu einer Kur nach Bad Neuenahr zu schicken? Oder sollten doch gerade
in diesem Punkte die Ansichten der Neuenahrer Badeärzte den in der
Ankündigung vertretenen widersprechen?
Und weiter: Wozu werden von den Aerzten in Neuenahr noch
Diätvorschriften, Bäder, Massagen usw. verordnet, wenn man schon mit
einer einfachen Trinkkur im Hanse den größtmöglichen Erfolg erreicht?
Aber darüber, daß man im allgemeinen neben den Mineralwässern bei
Leberleiden noch andere therapeutische Maßnahmen je nach Lage des
Falles ergreifen muß, besteht doch nicht der geringste wissenschaftliche
Zweifel. Geheimr&t Dr. Lennd begnügt sich Bicher in der eignen Praxis
nicht mit der Verordnung einer bloßen Trinkkur, denn er kann ans seiner
langjährigen, reichen Erfahrung heraus nur über ganz „spärliche“ Fälle
berichten, wo ausschließlich Neuenahrer Sprndel angewandt worden ist,
und zwar geschah dies, weil die Anwendung anderer Methoden aus äußeren
Gründen nicht möglich war.
Es dreht sich also bei der Beurteilung der Ankündigung gar nicht
um die Frage, ob man die specifische Heilwirkung der natürlichen Mineral¬
quellen auf den erkrankten Organismus höher oder niedriger bewerten
will, sondern darum, ob es irgendeinen gewissenhaften Arzt gibt, der
nnterschiedlos bei allen Leber- nnd Gallenkrankheiten nur ein alkalisches
Mineralwasser zur Trinkkur im Hanse verordnen und auf andere Be¬
handlungsmethoden verzichten will. Das tat aber die Ankündigung sogar
Kranken gegenüber, die dem Anktlndiger natürlich gar nicht bekannt
sind, nnd noch dazu unter Verheißung des denkbar besten Erfolges. Es
ist danach gerade für Jeden Unbefangenen“ wohl ganz außer allem
Zweifel, daß die Ankündigung geeignet war, das Publikum irre zu führen.
Diese an sich recht unerquickliche Angelegenheit beansprucht leider
allgemeineres ärztliches Interesse. Denn eine immer größere Anzahl von
Ankündigungen der Mineralwässer in den T&geszeitnngen beschränkt sich
nicht mehr darauf, die Quellen als diätetische Getränke für den Haus¬
gebrauch zn empfehlen, sondern preist sie in mehr oder weniger über¬
triebener Weise &1b Heilmittel gegen bestimmte Krankheiten an. Das
muß dazu führen, daß die Quellen ohne richtige Diagnosen- nnd Indi*
kationssteUung, ohne nähere Anweisung und sachgemäße Kontrolle an¬
gewandt werden. Und es muß dazu führen, daß die Heilquellen zum
Massenartikel herabsinken, bei dem es gar nicht mehr auf die richtige
Anwendung, sondern nur noch auf den möglichst großen Umsatz an¬
kommt. Das ist tief bedauerlich gerade bei den Quellen, deren Heilkraft
ärztlicherseits allgemein anerkannt wird. Denn die auf diese Weise un¬
ausbleiblichen Mißerfolge werden nicht nnr den Kranken schadeD,
sondern auch das Vertrauen in das Wissen der Aerzte im Publikum
erschüttern.
Die Aerzte können dem vielleicht auf zweierlei Weise entgegen¬
treten; einmal indem sie Mineralwässer, für die derartige Reklame ge¬
macht wird, grundsätzlich nicht mehr verordnen; und zweitens, indem
sie diesen Pseudoanfklärungen des Publikams wirklich aufklärende Ar¬
tikel in den Tageszeitungen entgegenstellen. In diesen Artikeln müßte
immer wieder betont werden, daß der Schwerpunkt jeder wahren ärzt¬
lichen Behandlung im Individualisieren liegt and daß alle Heilmittel¬
reklamen in Tageszeitungen, von welcher Seite sie auch kommen mögen,
gegen diesen ehernen Grundsatz ärztlicher Kunst verstoßen.
Ans der Praxis für die Praxis.
Behandlung der Erfrierungen.
von
Oberarzt Dr. 0. Nord mann, Berlin.
Bei Menschen mit erfrorenen Gliedmaßen wird durch. Ein-
reiben mit Schnee oder durch Einhüllen in Decken für eine lang¬
same Erwärmung und für eine allmähliche Wiederkehr
«er Circulation Sorge getragen.
. Oberflächliche Erfrierungen werden ebenso behandelt
irie die Verbrennungen. Bei schwerer Schädigung tieferer Ge-
jebeßchichten, z. B. ganzer Finger oder Zehen, der Füße oder der
««wie, wird das ganze betroffene Gebiet schonend mit Benzin ab-
gemben und mit Jodoform eingepudert und ein dickgepolsterter
«band mit Watte angelegt, der nirgends absohnüren kann. Das
^ e Mittel zur Besserung der Blutzufuhr ist ein senkrechtes
"spendieren der verletzten Extremität, indem eine dick-
s polsterte Schiene angewickelt und an dieser ein Bindenzügel
"gebracht wird, der an einem eingeschl&genen Nagel oder einem
[nf!t!- 8l0ö f apparat au % eh ängt wird. In erster Linie muß eine
mit um? des Werbenden Gewebes verhindert werden, welches
tl ,n me l rockner Puderverbände niit antiseptischen Mitteln
m Demarkation gebracht wird.
Feuchte Verbände würden auch bei Erfrierungen stets
zum Auskeimen von Bakterien und zu einer Eiterung führen und
sind deshalb zu verwerfen.
Trotz aller Vorsicht können Fiebersteigerungen und
Symptome einer Wundinfektion auf treten, ohne daß an dem
schwarz verfärbten, eingetrockneten Gewebe Entzündungserschei¬
nungen nachweisbar sind. Dann wird die mumifizierte Haut
mit einer gekochten chirurgischen Pinzette und einer Schere an
einer Stelle abgelöst. Bemerkt man unter ihr einen eitrigen
Belag oder entleert sich Sekret, so wird die ganze abgestorbene
Haut abgetragen und die entstehende Wunde nach den früher ge¬
gebenen Regeln trocken weiter behandelt.
Eine Amputation eines erfrorenen Glieds soll erst dann
ausgeführt werden, wenn eine scharfe Grenze zwischen
lebensfähigem und abgestorbenem Gewebe sichtbar geworden
ist. Ich habe einige Fälle von Erfrierung der Füße gesehen,
in denen sich nach mehrtägigem Abwarten die Circulation
soweit wieder herstellte, daß man mit einer Amputation der
schwarzverfärbten Zehen auskam, während der Befund bei der
Aufnahme befürchten ließ, daß die Füße bis zu den Knöcheln
absterben würden.
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1015 — MEDIZINISCHE KLINIK
Nr. 3.
17. Januar,
Referatenteil.
Redigiert von Oberarzt
Sammelreferat.
Fortschritte auf dem Gebiete der Röntgenstrahlen
von Dozent Dr. Leopold Freund, Wien.
Bei zwei Fällen von congenitaler Fingercontractur fand
L. Freund radiologisch verschiedene Knochenveränderungen. In
dem einen Falle ist eine Abschrägung des Capitalums der zweiten
Phalanx, in dem zweiten Falle hingegen komplette knöcherne
Ankylose zwischen zweiten und Endphalanx, letztere verschmäch-
tigt und kondensiert (XXII, 8).
Bei einem Hirntumor der Hypophysisgegend konstatierte
Strubell radiologiseh eine beträchtliche Vertiefung der Selia
turcica. Die basale Schattenstufe zerfiel in zwei Teile, zwischen
welche sich die Keilbeinhöhle nach rückwärts drängte. Die Keil¬
beinhöhle erwies sich bei der Obduktion ihres Knochendaches be¬
raubt und nur durch die Dura vom Hypophysentumor getrennt
(XXII, 4).
Für ganz kleine Fremdkörper gibt Löffler die Regel, daß
man sie nicht im Gewebe suchen, sondern samt der Umgebung
exstirpieren solle. Die Wunde ist durch Naht erst dann zu
schließen, bis die Röntgenaufnahme in dem exstirpierten Stücke
den Fremdkörper sicher naohgewiesen hat (XXII, 3).
Ueber einen Fall von vielfachen osteogenetischen Knochen¬
auswüchsen berichtet P. A. Delfino (Genua).
Kienböck faßt das als Ellbogenscheibe oder als Patella
cubiti beschriebene, nicht selten zu beobachtende, Knochenstück
nicht als abnormes Sesambein, sondern als alte nicht geheilte Ole-
cranonfraktur auf (XXII, 1).
Fritz Weiler verfertigte von Knochen (Femur, Cuboideum
Wirbelkörper, in denen er künstlich erbsen- bis walnußgroße Höhlun¬
gen anlegte, Röntgenbilder und konstatierte die Tatsache, daß letztere
unter gewissen Bedingungen keine Spur jener Verletzungen zeigten.
Die Röntgendiagnose von Knochenerkrankungen wird erst auf
Grund der sekundären Veränderungen der Knochen (Atrophie,
Sklerose usw.) möglich (XXII, 2).
Otto Nieber liefert eine röntgenologische Studie über
einige Epiphysennebenkerne des Becken- und Schultergürtels
(XXH, 2).
Für Trichobezoar ist nach Burchard radiologisch cha¬
rakteristisch das langsame Eindringen der Kontrastmahlzeit; der
Brei macht erst an der Kardia halt, zeigt sich dann als dunkler
Streifen an der großen und der kleinen Kurvatur. Ein beweglicher
Tumor läßt sich während der Durchleuchtung verschieben. Der
helle, den Magen ausfüllende Tumor ist von dunklen Wismut¬
streifen begrenzt, eventuell sind auch Querstreifen sichtbar, wenn
der Tumor aus mehreren Ballen besteht. Außerdem zeigt der
ganze Magenschatten ein fleckiges, gesprenkeltes, wabenförmiges
Aussehen (XXII, 3).
Sorantin gelang es, durch Einführung sehr elastischer und
biegsamer Nickelspiralen in die Harnröhre und nachfolgende
Röntgenaufnahme ein Harnröhrendivertikel zur Darstellung zu
bringen, in welchem sich die Sonde aufrollte (XXII, 2).
Den Nutzen des Röntgen verfahrene für die Geburtshilfe illu¬
strieren die Befunde K. Kaysers bei abdomineller Gravidität,
Acephalus, abnormen Kindslagen und Mehrlingsschwangerschaften.
Nach Kays er gelingt es in den letzten Monaten der Schwanger¬
schaft stets, den Kopf sichtbar zu machen. Einer der mitgeteilten
Fälle beweist, daß die Früchte im letzten Monate der Schwanger¬
schaft noch ihre Lage zu ändern vermögen (XXn, 1).
Bei drei Fällen von Oesophaguscarcinom Weingärtners
fand sich Bariumsulfat respektive Wismut im Bronchialbaume.
Die genaueste Bronchoskopie und bei einem Fall auch die Ob¬
duktion konnten niemals eine Fistel nachweisen, doch bestand in
allen drei Fällen schwere Lähmung der Kehlkopfmuskeln. Hier¬
durch kam der beim Berühren der Larynxschleimhaut normaler¬
weise eintretende reflektorische LarynxVerschluß nicht zustande
(^Hßei einem serologisch und therapeutisch festgestellten Falle
von gummöser Lungensyphilis ergab das Röntgenbild eine starke
Infiltration des ganzen rechten Mittellappens mit intensiven, sich
bis zum Oberlappen hin erstreckenden Verdichtungen (XXII, 2).
Quiring, Lippmann und E. Müller betrachten die ver¬
mehrte Schattendichtigkeit und die zahlenmäßig nachweisbare
Verbreiterung der Aorta als pathognomonisch für die Aortitis
Dr. Walter Wolff, Berlin.
luetica. Die Verbreiterung ist mehr auf Kosten einer schwieligen
Verdickung der Gefäßwand als auf eine Erweiterung des Lumens
zu setzen (XXII, 3).
Die nach Aufblähung mit Kohlensäure und nach Einführung
der. Bariummahlzeit gewonnenen Magenformen zeigen große Ver¬
schiedenheiten. Die nach Einführung der Bariummahlzeit ge¬
wonnene Magenform entspricht den natürlichen Verhältnissen.
Die nach Aufblähung gewonnene Magenfora stellt ein Kunst¬
produkt dar. Die untere Grenze des aufgeblähten Magens steht im
Liegen und Stehen beträchtlich höher als die des mit Bariummahl¬
zeit gefüllten Magens (nach Schneider XXII, 3).
Bei der Prüfung der Magenmotilität, der Acidität und der
Pylorusfunktion kommt auch die Frage nach einem wirksamen
Neutralisationsmittel der Salzsäure in Betracht. Urano zeigt,
daß als solches die Magnesia usta dem Natriumbicarbonat vorzu¬
ziehen ist (XXH, 3).
Freud berichtet Über einen Fall von Gastrospasmus bei
Urämie. Es bestand hierbei Achlorhydrie (XXII, 4).
Aus der Röntgenuntersuchung von drei wegen Magencarcinom
gastrostomierten Fällen ergab sich M. Cohn, daß durch die An¬
legung einer Kanalfistel im Magen das radiologische Bild eines
Sanduhrmagens hervorgerufen wird. Der gastrostomierte weist peri¬
staltische Bewegungen nicht auf. Das schnelle Entweichen der In¬
gesten aus dem Magen läßt auf Offenstehen des Pylorus und auf
Herabsetzung der Säureabsonderung schließen. Cohn meint, da8
als Nahrung für solche Kranke nicht Milch, sondern eher Schleim¬
suppen mit den üblichen Zutaten zu empfehlen wären (XXII, 4).
Das Charakteristische aus Röntgenbildem von Erweiterungen
des Duodenums ist weniger die geringe Verengerung als die sekun¬
däre Erweiterung, die bei der vollen Füllung des Duodenums deut¬
lich zur Ansicht kommt. Bei Erweiterungen des Bulbus findet
sich im Scheitel desselben stets eine große Luftblase (XXH, 2).
Die Insuffizienz der Valvula Baubini, welche man bei Kon¬
trasteinlauf in den Dickd&rm auf dem Röntgenschirme nicht selten
sieht, ist nach P. Lohfeldt kein eindeutig zu verwertendes Sym¬
ptom von Darmerkrankung, sondern nur geeignet, in Verbindung
mit auftretender Schmerzhaftigkeit beim Füllen des Coecums mit
Kontrasteinlauf die klinische Diagnose „Perityphlitis chronica zu
stützen (XXII, 2).
Auf Grund dreier Beobachtungen meint Franz M. Groedel,
daß eine Darminvagination sehr verschiedene Röntgenerscheinungen
machen kann, unter denen die der Darmstenose wohl die wich¬
tigsten seien (XXII, 2).
J. Witte gelang bei einer sehr mageren Frau, die gleich¬
zeitig an abdomineller Ptosis ohne Senkung der Leber litt, der
deutliche Nachweis von Gallensteinen (XXII, 2).
Pagenstecher erzielte bei Bieben Fällen von Lupus vul¬
garis mit gefilterten harten Röntgenstrahlen Besserungen und Hei¬
lungen (XXII, 1).
Nach Hör der üben die Röntgenstrahlen auf den Organismus
der weißen Maus eine Wirkung aus, die Bich in einem eigenartigen
Verhalten der Haare (Gesträubtsein), Haarausfall, starkem Durch¬
fall, Gewichtsabnahme und schließlich sich einstellenden Exitus
äußert. Eine Erythemdosis wird von den Mäusen ohne nachweis¬
bare Störungen vertragen. Die Höhe der auf das Gramm Körper¬
gewicht bezogenen Dosis, die von der Maus vertragen wird, be¬
trägt ungefähr 1,4 X. Durch das Dazwischenhalten von Filtern
werden bestimmte den Organismus der Maus besonders schädigende
Strahlen zurückgehalten und hierdurch das Leben der Mäuse um
einige Tage verlängert. Unter Filtern gleicher Stärke gewährten
die Metalle Kupfer, Silber und Eisen einen größeren Schutz ata
das Aluminium. Durch die Verstärkung eines 0,5 mm Alumi¬
niumfilters um V* auf 0,75 mm werden im Vergleiche mehr
Strahlen zurückgehalten als durch die Verstärkung eines 0,75 mm
Aluminium Alters auf 1 mm, ungefähr im Verhältnisse 10:4
(XXH, 1). e ..
Kienböck beschäftigt sich in einer ausführlichen Studie
mit dem Früherythem, welches er als eine durch die Röntgen¬
strahlen selbst hervorgerufene harmlose initiale Reizwirkung aul¬
faßt, welche nur ganz oberflächlich ist, sich nie in die Time er¬
streckt und nie hohe Grade erreicht. Auf eine solche initiale
Reizwirkung ist auch der bisweilen beobachtete verstärkte Haar¬
wuchs nach Röntgenbestrahlung zurückzuführen: diesem folge aber
Hemmung desselben. Als tiefe Frühreaktionen sind Schwellung,
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UNIVERSUM OF IOWA
17. Januar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 3.
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Schmerzen und Funktionsstörungen an DrOsen und Tumoren bis¬
weilen zu beobachten. Hierher gehört auch die Leukocytose,
welche zu Beginn der Bestrahlung leukämischer Milztumoren auf-
tritt. Dieselbe ist blos ein Vorbote der LeukocytenVerminderung.
Der »Röntgenkater“, das Röntgenfieber Bind Erscheinungen der
Allgemeinintoxikation, welche eine Folge der Verstärkung der
inneren Sekretion der Tumoren ist (XXII, 1).
Ans den Versuchen Edens und Paulis geht hervor, daß
Blut, welches mit Röntgenstrahlen oder radioaktiven Substanzen
bestrahlt wurde, nicht etwa deswegen auf photographische Platten
wirkt, weil es selbst eine neue Art von Strahlen aussendet, sondern
infolge chemischer Einflüsse. Dies geht aus den elektrometrischen
Messungen der Autoren hervor (XXII, 4).
Nach den Untersuchungen Großmanns über Sekundär-
strahlen und Sekundärstrahlentherapie liefern Elemente, deren
Atomgewichte zwischen 50 bis 85 liegen, wie Kupfer, Zink, ferner
die schweren Elemente, deren Atomgewicht größer als 180 sind,
wie Wolfram, Iridium, Platin, Gold, Quecksilber, Blei und Wismut
sehr weiche Sekundärstrahlen. Eisen und Nickel geben so schwache
Wirkungen, daß sie für die Sekundärstrahlentherapie kaum in Be¬
tracht kommen. Größere Reichweiten und stärkere Wirkungen,
besonders bei harter Primärstrahlung, erzielt man bei Verwendung
mittelschwerer Elemente (Molybdän, Palladium, Silber, Cadmium,
Zinn, Antimon, Jod, Tellur, Barium und Ca) als Sekundärstrahlen-
sender. Strahlen der größten Reichweite erzielt man bei Verwen¬
dung der schweren Elemente Wolfram, Platin, Gold und harter
Primärstrahlung. Bei Verwendung der kolloidalen Stoffe besteht
lediglich in einer solchen der von ihnen ausgehenden Betastrahlung.
Nennenswerte Wirkungen lassen sich damit vermutlich nicht er¬
zielen. Will man mit Sekundärstrahlen in den Körper injizierter
Stoffe therapeutische Wirkungen hervorbringen, so muß man sie
in Form von Suspensionen anwenden, deren Teilchen einen Durch¬
messer tob ewigen n haben (XXII, 4).
Dieterich berichtet über 76 Fälle von Lymphdrüsentuber- i
kuiose, welche mit Röntgenstrahlen behandelt wurden. 44 wurden
geheilt, 22 gebessert, 8 sind noch in Behandlung und 2 blieben
unbeeinflußt (XXII, 2).
Bei einem myelogenen Sarkom des HumeruskopfeB erzielte
B. Rieder mit fraktionierter Dosierung kleiner Dosen und pro¬
phylaktischen Nachbestrahlungen nicht nur eine Zelleinschmelzung,
sondern auch eine deutlich nachweisbare Knochenregeneration.
Nach Aussetzen der Bestrahlung trat ein bösartiges progredientes
Rezidi? auf, welches auch durch intensive Tiefenbehandlung nicht
modifiziert werden konnte und bald zum Tode führte. Ein Fall von
Magencarcinom zeigte nach Applikation einer sehr großen Strahlen¬
dosis (1800 X) Heilungstendenz (XXU, 4).
R. Sielmann behandelte 32 Myome, 10 Metropathien, 9 Dys¬
menorrhöen, 16 maligne Affektionen der weiblichen Genitalien und
25 Fälle Ton Erkrankungen der Mamma mit Röntgenstrahlen. Die
Myome, Metropathien, klimakterischen Blutungen und Dysmenor¬
rhöen konnten zumeist schon durch kleine und mittlere Dosen
Röntgenlichts geheilt werden. Bei malignen Neoplasmen eignet
äch diese Therapie zur Nachbehandlung nach Operationen.
Znr Behandlung der Vulvaaffektionen mit Röntgenstrahlen
empfiehlt L. Freund eine Spreizzange, welche alle in Betracht körn¬
enden Teile freilegt (XXII, 3).
Winkler hat bei Vulvacarcinom von der Anwendung des
Mesothoriums bessere Erfolge gesehen als von jener der Röntgen-
•trahlen (XXII, 2).
Aub einer interessanten Berechnung kommt F. Locher zu
dem wichtigen Schlüsse, daß man bei Tiefenbestrahlungen die Blende I
| nie kleiner nehmen solle als den zu bestrahlenden Herd
(XXII, 1).
Für den Röhrenbetrieb in der Gynäkologie bewährten sich
I K. Kayser in der Heidelberger Frauenklinik hauptsächlich die
Müllerschen Wasserkühlröhren, speziell die Rapidröhren. Als
Durchschnittsalter ergab sich für die Rohre 109 Stunden 53 Minuten
(XXII, 1).
Der verschiedene Gehalt von Gasen in den Röntgenröhren
ist die Ursache der verschiedenen Leistungen, welche wir mit
diesen erzielen; er gibt auch die Grenzen, welche der Benutzung
der Röntgenröhren gezogen sind. Eine neue Gruppe von Röntgen¬
röhren arbeitet mit Röntgenröhren, welche ein viel höheres Va¬
kuum besitzen als die bisher verwendeten. In diesen hoch eva¬
kuierten, fast luftleeren Röntgenröhren werden von einer heißen
Wolframkathode dauernd Elektronen abgegeben, und zwar in
Mengen, die von der Temperatur der ersteren abhängen. Positive
Ionen sind in solchen Röhren nicht vorhanden. Ein interessanter
Typus dieser Konstruktionen, bei denen der Entladungsstrom rein
thermoioniscber Natur ist, ist die Röntgenröhre mit reiner Elek¬
tronenentladung von W. D. Coolidge. Bei derselben werden so¬
wohl Rohre als auch Elektroden gründlich von eingeschlossenem
Gase befreit. Als Kathode wird ein durch eine 8 bis 5 Ampere
liefernde Akkumulatorenbatterie elektrisch geheizter Wolfram- oder
Tantaldraht als Elektronenquelle verwendet; derselbe ist von einem
elektrisch leitenden Ring oder Cylinder aus Molybdän oder Wol¬
fram, der mit der Kathode oder einer äußeren Stromquelle, die
seine Spannung auf eine beliebige Höhe bringen kann, leitend ver¬
bunden und hat die Aufgabe, das elektrische Feld in der Nachbar¬
schaft der Kathode so zu gestalten, daß der gewünschte Fokus¬
grad des Kathodenstrahlenstroms in bezug auf die Antikathode
herauskommt. Außerdem besitzt die Röhre eine massige Antikathode
aus Wolfram, welche gleichzeitig als Anode dient. Sie ist an einem
Molybdänstreifen befestigt, welchem zur Ableitung der in der Anti¬
kathode erzeugten Wärme noch mehrere Molybdänflügelpaare ange¬
schmolzen sind. Der Penetrationsgrad der von dieser Röhre ge¬
lieferten Strahlen nimmt mit höheren Spannungen der Röhrenklemmeu
zu. Die Röhre hält die größten Belastungen stundenlang ohne Aende-
rung der Intensität oder des Penetrationsvermögens aus. Während
des Betriebs fluoresciert sie nicht, auch zeigt sie keine Erwärmung.
Hi da empfiehlt, zum Erreichen einer dauernden Röhrenhärte
das Gla9 während der Funktion mittels eines Ventilators abzu¬
kühlen (XXII, 3).
Christen wendet sich gegen die Konfusion, die bezüglich
der Angaben von Härtegraden der Röntgen strahlen nach den ver¬
schiedenen Härteskalen besteht, und empfiehlt die allgemeine Be¬
wertung dieser wichtigen Eigenschaft der Röntgenstrahlen nach
Halbwertschichten, welche allein Anspruch auf Zuverlässigkeit er¬
heben kann (XXII, 2).
Nach den Untersuchungen H. E. Schmidts gibt das Kien¬
böck sehe Quantimeter sehr ungenaue Angaben der Röntgenstrahlen¬
dosis. Zuverlässiger ist das Sabouraud-Noirösche Instrument
(XXH, 4).
In seinem Artikel „Grundprinzipien der Dosimetrie“ be¬
schreibt G. Großmann ein „Ionometer“ benanntes Instrument, bei
welchem die Röntgen Strahlenintensität nach der Ionisierungsstärke
beurteilt wird, welche die Strahlen auf die Luft und einen elek¬
trisch geladenen Körper in einer Gaskammer ausüben und sie da¬
durch mehr oder weniger leitend machen. Die Stärke des Stroms
in der Gaskammer und der in der Zeiteinheit eintretende Ladungs¬
verlust des Körpers geben ein Maß der von der Luft in der Kammer
pro Zeiteinheit aufgefangenen Röntgendosis (XXII, 1).
Ans den neuesten Zeitschriften.
Berliner klinische Wochenschrift 1914 , Nr. 46.
. Melchior: Zur Kasuistik der Verwundungen durch in-
Jürerte Projektile« Verfasser warnt davor, im Gefechte die Uhr am
mtn Handgelenke za tragen, da SchnßVerletzungen viel häufiger die
°^ere Extremität betreffen als die rechte, und die von einem Ge-
getroffene Uhr als indirektes Projektil wirkend außerordentlich
•cätere Verletznngen hervorruft.
G. Finder twd L. Rabinowitsch: Experimentelle Versuche
d*Ti Efrfittß behinderter Nasenatmnng anf das Zustandekommen
. ‘“ 4 ^ü°Mtttberknloge« Als Versuchstiere dienten Meerschwein-
> Bei einem Teile der Tiere wurde die Nasenatmung durch Watte-
wache and Collodiam ausgeschaltet, bei dem andern Teile blieb die
Nasenatmung unbehindert Nach Inhalation von Taberkelbacillen zeigte
sich, daß durch Ausschaltung der Nasenatmung das Zustandekommen
einer Inh&lationstuberkulose nicht erleichtert wird, im Gegenteil kam bei
den Versuchstieren eine Inhalationstuberkulose leichter zustande, wenn
die Nasenatmnng frei war.
A. Münzer (Berlin-Charlottenburg): Die Grenzen der Organ¬
therapie. Die Organtherapie kann nnr bei Quantitätverändernn-
gen der Blutdrösensekretion, das heißt bei Hyper- beziehungsweise
Hypofonktion (z. B. bei Myxödem) von Bedeutung sein. Bei Hypofonk-
tion handelt es sich um Ersatz des fehlenden Sekrets, bei Hyperfunktion
um Zufuhr des entsprechenden Antagonisten. Bei Dysfunktion einer
Blutdrflge wird die Zufuhr des betreffenden Organersatzprfiparats nur
dauu Nutzen bringen, wenn es sich um eine primäre Erkrankung der
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 3.
17. Januar.
Drüse handelt, nicht aber, wenn die Dysfunktion der Blutdrflse nur der
erste sichtbare Ausdruck einer Organismusstörung ist.
M. Hesse: Beeinflussung der Wassermannschen Reaktion
durch Embarin und Merlusan. Verfasser kommt zu dem Schlüsse,
daß Embarin und Merlusan imstande sind, die Wassermannsche Re¬
aktion in einer großen Anzahl von Fällen im günstigen Sinne zu be¬
einflussen.
P. Scharff (Stettin): Zur Prophylaxe und Therapie der Ge¬
schlechtskrankheiten im Felde. Die Abortivkur der Gonorrhoe soll
nur dann vorgenommen werden, wenn 1. der richtige Zeitpunkt abgepaßt
werden kann; 2. schleimiger gouokokkenhaltiger Ausfluß vorhanden ist;
3. Schmerzhaftigkeit der Prostata fehlt und endlich, wenn die erste
Harnportion klar ist. Für die Abortivkur und gewöhnliche Behandlung
der Gonorrhöe, des Ulcus molle und der Lues gibt Verfasser genaue
Vorschriften.
E. Fuld: Ueber die Behandlung der Durchfälle im Felde.
Eb gelingt ohne diätetische Einschränkungen (ausgenommen kalte Ge¬
tränke), Durchfälle durch Verabreichung von Cocain in fester Form zu
beseitigen. Es wird in einer Dosis von Vs cg dreimal täglich V* Stande
vor den Mahlzeiten gegeben (je drei Stück „Gelonida neurenterica“)*
Die Wirkung tritt oft schon nach der ersten Dosis ein. Sicherheits¬
halber soll man mit der Medikation drei bis vier Tage fortfahren.
M. Neuhaus.
Deut sche medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. f.
Grober (Jena): Ueber die Behandlung von Leibschmerzen.
Betont wird namentlich die ursächliche Behandlung der bei den mannig¬
fachsten Krankheiten auftretenden Leibschmerzen.
E. Meyer (Königsberg i. Pr.): Zur Frage der Conceptions-
beförderung und der EheschlieBung bei Nerven- und Geisteskrank¬
heiten. Sowohl im Interesse des kranken Individuums selbst wie der
Eugenik ist hierbei die größte Vorsicht geboten. Die von Laien aber,
auch noch von Aerzten oft geäußerte Ansicht, wenn nur Kinder vor¬
handen wären oder kämen, würde die Hysterie schwinden, ist ganz un¬
bewiesen. Natürlich darf man die Hysterie nicht verwechseln mit einer
gewissen physiologischen Depression kinderloser Frauen. Bei gesunden
Frauen werden die mit der Kinderlosigkeit verbundenen depressiven Vor¬
stellungen in nicht zu langer Zeit überwunden, und ob wird das psychi¬
sche Gleichgewicht wiedergewonnen. Anderseits kann bei psycho¬
pathischen Verheirateten auch die Generations tätigt eit recht ungünstig
wirken.
Hans Barasch (Berlin): Zehn Jahre Scharlachstattstlk. Die
in diesen zehn Jahren nachgeprüften Mittel wurden allo nach kurzer Zeit
wieder verlassen. Uebrig blieb nur eine Therapie, die in Bädern, Diät
und sorgsamster Pflege besteht Im allgemeinen wird der Patient am
42. Tage, das heißt also genau nach sechs Wochen, aus dem Kranken,
hause oDtlassen. Meist ist dann die Schuppung auch völlig beendet.
W. Wolff (Bad Neuenahr): Ueber Blutzuckerbestlmmuugen In
kleinsten Blutmengen. Die Bangsche Methode ist der Kowarsky-
schen vorzuziehen, weil sie mit geringeren Blutmengen arbeitet und weil
die Bestimmung dieser Blutmengen rascher und exakter erfolgt. Diese
Mikromethode kann aber nur in den Händen von Personen etwas leisten,
dio im chemischen Arbeiten gut geschult sind.
Karl Zieler (Würzburg): Zur Behandlung von Geschlechts¬
krankheiten hei den lm Felde stehenden Truppen. Im Gegensatz
zu Neisser bestreitet der Verfasser ganz entschieden, daß sich eine
Allgemeinbehandlung der Syphilis bei marschierenden und Felddienst
tuenden Soldaten durchführen lasse. Syphiliskranke mit anstcckungs-
fahigon Erscheinungen gehören unter allen Umständen ins Lazarett,
ebenso auch der weiche Schanker und der Tripper. Die Feldlazarette
müssen nun die Kranken bekanntlich gewöhnlich möglichst bald der
Etappe übergeben (Kriegslazarette usw.). Ist aber ein Feldlazarett
längere Zeit eingerichtet, so ist selbstverständlich auch die sachgemäße
Behandlung Geschlechtskranker möglich. Aber auch unter solchen
Umständen ist dio Uebemahme einer länger dauernden Behandlung nicht
zweckmäßig Daher sind Geschlechtskranke möglichst schnell der Etappe
zu überweisen und von hierin große Spezialabteilungen zu leiten.
A. Blaschko (Berlin): Zur Prophylaxe des Flecktyphus. Diese ist
identisch mit der Prophylaxe der Pediculoßis. Das gilt noch mehr für
die Kleiderläuse als für die Kopfläuse. Gegen Kleiderläuse ist außer¬
ordentlich wirksam das Naphthalin. Der Verfasser pflegt es bei
Pediculosis des Körpers als 6%iges Naphthalin-Vaselin einreiben zu
lassen, rät aber für den Feldzug, jedem Soldaten 30 bis 50 g Naphthalin,
pulver mitzugeben, von dem dieser, sobald er Juckreiz am Körper ver¬
spürt, etwa einen halben Teelöffel am Hals und Genick unter den Hemd¬
kragen schüttet. Auch könnte es, in ein paar Mullsäckchen eingenflht,
au einem Band um den Hals getragen werden. Beim Schlafengehen ge¬
nügen kleine Mengen des Pulvers, ins Bett oder unter das Hemd gestreut.
Die Armee Verwaltung sollte die vorhandenen Vorräte von Naphthalin für
sich mit Beschlag belegen. Zur Verhütung der Kopfläuse genügt es,
die Haare kurz zu scheeren, am besten mit der Maschine, eine Maßregel,
die in der Armee eingeführt werden sollte.
Erich Martini (Birkenhof b. Greiffenberg i. Schl.). Maßregeln
gegen Lungenpest. Die Ratten- und Flohbekämpfung bleibt hier die¬
selbe wie bei der Bekämpfung der Bubonenpest, da die Lungenpestkeime
auf dem Wege durch Floh und Nager auch die Lungenpest bewirken und
verbreiten können. Alle die mit den Kranken in Berührung kommen,
müssen zunächst passiv immunisiert werden durch möglichst hohe Dosen
Pestimmunsernm. Gleichzeitig empfiehlt sich für die Aerzte und Pfleger,
das heißt für alle, die längere Zeit mit den Kranken Zusammenkommen,
die aktive Schutzimpfung mit abgetöteter Pestagarkultur nach
R. Pfeiffer. Da ferner die UebertraguDg der Lungenpest im wesent¬
lichen durch die Luft auf dem Wege der Atemwerkzeuge ge¬
schieht (die Pestbakterien gelangen beim Husten oder Sprechen aus den
kranken Lungen in die Luft), so müssen Aerzte und Pfleger sich da¬
durch schützen, daß sie z. B. Verbandmull in vier- bis achtfacher Lage
mit einer Einlage von entfetteter Watte vor Mund und Nase legen und
im Nacken knüpfen. Man kann außerdem noch dem Kranken eine Mull-
maske vorbinden und seinen Kopf mit einem Mallnetz bedecken, oder bei
der Unterhaltung mit den LuDgeDpestkranken hinter sie treten. Wichtig
ist die Beseitigung oder Unschädlichmachung der sich anhäufenden Leichen
von Lungenpestkranken, zumal, da verhindert werden muß, daß Ratten
an sie herankommen. Sie müssen deshalb verbrannt werden. In der
Lnr genpestepidemie der Mandschurei verwandten dazu die Chinesen
empfehlenswerte Ziegelöfen, die Verfasser genauer beschreibt
Feichtmayer: Die Hygiene ln den Deckungen im Stellungs¬
kriege. Wichtig ist es, für die Wasserdichtigkeit der Unterkunft durch
Wellblech, Dachziegel und Regenrohre Sorge zu tragen. Sind genügend
Bretter vorhanden, lassen sich die Wände und Fußböden täfeln. Zur
Beseitigung von Feuchtigkeit dienen eiserne Oefen mit langen Abzugs¬
rohren, die über Dach geführt sind. Besprochen werden die Lager¬
stätten, die Beseitigung einer Ansammlung von Wasser infolge zu hohen
Grundwasserstandes, die Verhütung der Verunreinigung des Fußbodens,
die Anlegung von Latrinen, ferner die Fußbekleidung der Mannschaft,
die Zahnpflege, die richtige Kost. (Da die Verletzung des mit Kot ge¬
füllten Dickdarms gefährlicher ist als die des mehr oder weniger leeren,
so ist die Darmentleerung des Morgens und Verabreichnng des Mittag¬
essens am späten Nachmittage von Bedeutung für die Prognose der Ver¬
letzung). Erörtert wird ferner die Trinkwasserfrage, die körperliche
Reinigung, die Reinigung der Wäsche (wollene Sachen hüte man sich, in
heißem Wasser zu reinigen, da Wolle dann schrumpft). Häufige Ge-
sundheitBbesiehtigungen sind notwendig (auch wegen der Geschlechts¬
krankheiten).
Noehte (Halle a. S.): Ueber die operative Behandlung der
Rflckenmarkverletznngen im Feldlazarett. Von 20 Wirbel Verletzungen
besserten sich zwei ohne Operation, neun starben au verschiedenen Kom¬
plikationen ohne Operation und neun wurden operiert; davon besserten
sich vier. Der Verfasser tritt für die prinzipielle Frühoperation der
RückenmarkverletzuDgen ein und hält die Laminektomie für eine Ope-
1 ration, die am dritten Tage nach der Verletzung im Feldlazarett aus¬
geführt werden sollte.
H. Kraasa (Ansbach): Eine Feldtrage. Der Verfasser empfiehlt
eine von ihm veranlaßto Vereinfachung der Rehschen Trage, die von der
Firma Schmetzer & Co. horgestellt wird. Die ausführliche Beschreibung
wird durch Abbildungen erläutert. F. Bruck.
Münchener medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. L
Moritz (Köln a. Rh.): Ueber klinische Zeichen beginnender
Herzschwäche. Vortrag, gehalten im Allgemeinen ärztlichen Verein
zu Köln.
Artur v. Konschegg (Wien): Komplementbindong bei Variola#
Im Serum Variolakranker sind speciflsche Antikörper enthalten. Das
Variolaantigen (Borkenextrakt), in dem der Erreger der Variola wohl.mit
Sicherheit zu vermuten ist, wirkt komplementabienkend. beim Variola-
seram, aber nicht beim Varicellenserum, was differentialdiagnostisch von
Wichtigkeit ist. Bei einer letal endenden Variolaerkrankung J 1 ® 1
vor dem Tode ein deutliches Absinken des Antikörpergehalts im B‘ ute
DEchwoisoD
Georg Hirsch ei (Heidelberg): Die Heilung hartnäckiger
Trfgeminusneuralglen durch Injektion von Alkohol Ins Gangl* 011
Gasserl. Nach einem Vortrag auf dem Aerztetage der mittelrheinischen
Chirurgen zu Heidelberg am 25. Juni 1914.
| Mehl iss (Magdeburg): Ein Fall von cironlftror Arteriennah
I Bei Durchschneidung von Blutgefäßen soll man statt der Unterbindung
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1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 3.
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fenathds, durch Naht normale Verhältnisse an schaffen. Dabei braucht
m&a lieh nicht za acheueD, Nahte durch die ganze Dicke des Gefäßes zu
legen, dt in sonst gesunden Gefäßen diese Nähte keinen Schaden zu ver¬
arschen scheinen, also keinen Anlaß zur Thrombenbildung geben. Wichtig
ist natürlich, das Lumen der Gefäße nicht oder doch nnr gering zu ver¬
engern. Ausführlich beschrieben wird die Technik an der Hand eines
Falles, der die Naht der Arteria brachialis erforderte. Als Nahtmaterial
diente feinste Seide (Turnerseide Nr. 1).
Baumbach (Langensalza): Ein Fall von Heran aht mit glück¬
lichen Ausgange« Der operative Eingriff war erforderlich, da die Ge-
f<hr der Kompression des Gerzens durch die Tamponade des Bluts im
Herzbeutel bestand.
Fr. Crlmer: Der Mologisehe Unterricht an den bayerischen
Gjmitsien und die neue Schulordnung. Nach einem im ärztlichen
Verein München am 28. Jani 1914 gehaltenen Vorträge.
Feldärztliche Beilage 1 Vr. 1.
Walther Straub (Freiburg i. Br.): Experimentelle Untersuchun¬
gen Aber Wesen und Aussicht der Tetanustherapie mit Magneslum-
sulfit. Die subcutane oder intramuskuläre Injektion einer unvermeidlich
hochkonzentrierten Losung von Magnesiumsulfat ist die ansicherste Art
der Einverleibung dieser Substanz. Die intravenöse Infusion ermög¬
licht dagegen eine Dauerwirkung auf die motorischen Nervenenden in den
Muskeln. Dadmrch könnte der Patient vor dem Erschöpfangstode durch
die Krämpfe geschützt werden. (Damit wird Zeit gewonnen für den
natürlichen Heilaugsprozeß durch Gifibindung oder Antitoxinbildnng)
Denn es ist möglich, daß der Herztod des Tetanikers mit den ungehenren
MuskelleUtangen beim Krampf in Beziehung steht.
Emil Starkenatein (Prag): Ueber die therapeutische Ver¬
meidung der Tierkohle« Das beste bisher bekannte Adsorbens ist
die Tierkohle (ganz besonders die Mercksche). Sie wirkt ausgezeichnet
bei Darmkoliken mit Diarrhöen, bei Brechdurchfällen kleiner Kinder, bei
Botulismus, bei Cholera nnd Dysenterie. Pflanzenkohle (Carbo ligni)
und anch Bolus albu lind weit weniger wirksam als gute Tierkob Je. (Die
Tierkohle hat irreversible Adsorptionskraft, das heißt die daran gebun¬
denen Gifte können nicht wieder frei, also nicht resorbiert werden; das
in der Tierkohle adsorbierte Gift bleibt daran unlöslich gebunden. Durch
dieie Adsorption kommt ea zur Entgiftung im Darmkanale.) Da wir es
hier mit keiner chemischen, sondern mit einer physikalisch-chemischen
Wiiknng zn tun haben, so ist die Dosis möglichst groß zu wählen (einem
Cliolerakranken wurden 80 g pro die gegeben).
Hermann Kronheimer (Nürnberg): Serumlnjektlonen hei
septischen Blatangen. In zwei Fällen von wiederkehrenden abundanten,
l&renchymatösen Blutungen, besonders ans der Muskulatur, war die
Semmbehindlung von entscheidendem Erfolg begleitet. Man entnimmt
einem organisch ganz gesunden Menschen, der besonders keine Syphilis
(negativer Wassermann!) gehabt haben darf, mittels Venaesectio etwa
die vierfache Blutmenge des Serumquantams, das man einspritzen will.
In welcher Weise zur Injektion brauchbares Serum hierbei zu gewinnen
üt, wird vom Verfasser genau angegeben. Zur Einspritzung kam eine
Dosis von 2 Vs oder 5 ccm Sernm.
M. zur Verth: Typische Bruehllnlen hei Qaetschangsbrttchen
der großen Zelte and des zugehörigen Mlttelfoßknochens, nachge¬
wiesen an Frledensverletzongen and Seekriegsanfüllen der Marine.
Beim Qaetschangsbruche des vorderen Fußes bricht fast stets das Köpf¬
chen des ersten Mittelfußknochens oder das Köpfchen des Grundglied-
knochens der großen Zehe ab, and zwar in typischen Brachlinien, die
der Verfasser durch Abbildungen anschaulich macht. Es handelt sich in
der weitaus größten Anzahl der Fälle um Brüche durch direkte Gewalt.
Bei weitem die häufigste Veranlassung ist das Hinfallen von Granaten
eder Kartuschen beim Munitionstransport oder beim Geschützdienst. Die
zw&ite, weniger häufige, aber für die Seefahrt besonders charakteristische
Veranlassung ist die Quetschung des Fußes zwischen Boot and
Schifliwand.
Walther Kanpe (Bonn): Die Epithelisierung der Wunden. Aus¬
gezeichnet wirkt hierbei Pellidol (Kalle & Co. in Biebrich). Die Narben-
bildung setzt fast stets prompt von der Peripherie ans eiD, um rasch
htoteotrisch weiterzuwandern. Zu üppige Granulationen werden durch
w Ueberhäutung zurückgedrängt und es entstehen Narben, die fest und
trolzdem weich sind. Das Präparat wird benutzt als 2°/oiger Pellidol-
TOrijosilbe, als 2 % ige Pellidolzinkpaste oder als 5 % iger Pellidol-Bolus-
«»•Pader. Die Salbe oder Paate wird auf eine sterile MoJlplatte dünn
wfgetragen nnd so auf die Wunde gelegt. Der Puder muß in recht
®kker Schicht aufgetragen werden.
Paal Bürger (Straßburg i. E.): Zar Klappschen Drahtextension
a ® Caleaneos. Das Verfahren empfiehlt sich bei Scbußfrakluren der
unteren Extremitäten mit so großen oder bo stark secernierenden Weich¬
teilsverletzungen, daß weder Heftpflasterextension noch gefensterter Gips-
vorband möglich ist. Der Verfasser hat es in 14 Fällen mit großem Er¬
folg angewandt. Es ist, wie die ausführliche Beschreibung zeigt, einfach
nnd kann im Aetherrausch ausgeführt werden.
R. Schneider: Kriegsbriefe ans der Krlegslazarettabtellnng
dss I. bayerischen Armeekorps. Zur Frage der Tetannsbehandlong.
Betont wird namentlich die prophylaktische Tetanusserum an Wendung.
Seit ihrer Einführung ist dem Verfasser bei einem Gesamtzagange von
fast 500 Verwundeten bis jetzt kein neuer Fall von Wundstarrkrampf
vorgekommen. Auch die frühzeitige und konsequente intravenöse Anti-
toxinirjektion an Stelle der subentanen ist dringend anzue mp fehlen.
Rudolf Hoffmann (München): Verletzung des Nervus recur¬
rens.. Eine Schrapnellkugel hatte den rechten Jochbogen durchschlagen
und war, die Fossa pterygopalatina durcheilend, seitlich parrpharyngeal
an der Halswirbelsäule vorgedrungen and hatte den rechten Nervus
recurrens zerrissen. Es trat plötzlich Heiserkeit auf. Die rechte
Stimmlippe stand unbeweglich in der sogenannten Kadaverstellung. Der
Patient zeigte das Phänomen der Besserung der R- currensparalyse-
stimme durch gewisse Kopfstellung (Drehung des Kopfes über die linke
Schulter). Derselbe Effekt ließ sich konstatieren, wenn man die rechte
Thyreoidhftlffce hob. Es dürfte sich vielleicht das Tragen einer geeigneten
Pelotte empfehlen.
Kahieyss (Dessau): Zur Frage des gefensterten Glpsverbaudes
and der Reinhaltung desselben. Empfohlen wird die Befestigung eines
wasserdichten Beutels über der stark secernierenden Wunde. Um diesen
Beatei legt man dann den Gipsverband. Die Technik wird genau be¬
schrieben. Zum Verbandwechsel wird der Beutel aufgebunden, mit neuen
Verbandstoffen gefüllt nnd wieder zngeschnürt. Man kann dabei such
Verbandstoffe ersparen.
G. Besold (Badenweiler): Aas der Gutacht er tütlgkelt des Arztes
bei Ersatztruppenteilen* Hingewiesen wird auf die anscheinend ganz
leichten WeichteiUchnßverletzungeD, insbesondere am Ober- und Unter¬
arm. Häufig bandelt es sich dabei am eine Leitangsanterbrechang
in einem oder mehreren Nerven, sei es, daß der Nerv überhaupt durch¬
trennt ist, sei es, daß er in eine derbe Narbe eingewachaen ist Dann
kommt es zu einer auffälligen Schwäche und schnellen Abmagerung ge¬
wisser Muskelgruppen und einer stärkeren Herabsetzung des Empfindungs¬
vermögens innerhalb einzelner Nerv engebiete. Eine rechtzeitige chir¬
urgische Behandlung könnte hier wieder die Felddienstfähigkeit herbei¬
führen. Dann kommt der Verfasser auf die akuten Herzdilatationen zu
sprechen. Dabei dürften häufiger Herzmittel in Anwendung zu ziehen sein.
Robert Fürstenau (Berlin): Zur Methode der Fremdkörper-
lokalteation. Polemik gegen Wachtel. F. Bruck.
Wiener medizinische Wochenschrift 1915 Nr. /.
N. Ortner: Ueber Morbas Basedow!!. Aeußerst lesenswerter
klinischer Vortrag! Aus seinem reichen Inhalto nur einige Andeutungen:
Es kann jedes Augensymptom, auch dor Exophthalmus beim Basedow
fehlen, niemals das Glanzauge! 4% aller Basedowfälle lassen eine
tastbare Schilddrüsenschwellnng vermissen. Dislozierte Schilddrüsen!
Substernale Schilddrüse! Der Morbus Basedowii ist vielfach eine „poly-
glandnläre“ Affektion. Neben dem „Thymus-Basedow“ (besonders die
Basedowsche Myasthenie beruht auf Erkrankung der Thymus) sind auch
die Nebennieren und das Ovariura als endokrine Drüsen ursächlich
wirkend. — Herzklopfen und Tachykardie — oft aber anch Bradykardie!
— sind oft lange das einzige Symptom der Basedowschen Erkrankung,
können initial aber auch fehlen; diagnostisch von Bedeutung ist die
Labilität und Irritabilität der Herzaktion. Es gibt nicht nur
subfebrile Temperaturen beim Morbus Basedowii, wo dann oft die irrige
Diagnose einer initialen Lungentuberkulose gestellt wird, sondern anch
einen akuten respektive akut gewordenen Morbas Basedowii mit
kontinuierlichem hohen Fieber. Lungentuberkulose ist bei Base¬
dow äußerst selten; wenn sie vorkommt, bemerkenswert benigen. — Wo
immer einem das Bild einer kardialen Insuffizienz entgegentritt, vergesse
man nicht, daß sie die Endphase eines Morbas Basedowii Bein kann.
Riedel (Jena): Kein Tampon in eiternde Schaß wunden.
Tamponade bei infizierten Wunden ist nur nötig, wenn Blutung verhin¬
dert werden soll. Das Einführen nnd der Wechsel der Tampons ist über¬
dies sehr schmerzhaft. „Aber die Neigung, zu tamponieren, ist so groß,
daß man sogar friscbgespaltene Furunkel tamponiert nnd diese Tampons
dann nach einigen Tagen herauszerrt. Diese antiseptische Seiltänzerei
sollte endlich unterbleiben! Ein gespaltener Furunkel braucht Rahe unter
Salbenverband.“
C. Parhon: Ueber dos Vorkommen von verworrener Manie
bei einer Kranken mit Sebllddrflsenbypertropliie. Schnell erzielter
Heilerfolg durch Thyreoidektoinle. Das Vorkommen solcher Krank-
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heitsfälle stellt einen neuen Stützpunkt für die thyreogene Theorie der
affektiven Psychosen. Der bemerkenswerte therapeutische Einfluß der
Thyreoidektomie steht im Zusammenhänge mit der für die psychische
Konstitution überaus wichtigen Rolle der endokrinen Drüsen.
Karl Urban: Ueber isolierte snboutane P^nkreasverletsnngen*
Beim Fehlen eines sonstigen Meteorismus ist der Blähung des Quer-
kolons pathognomonische Bedeutung beizulegen. — Man denke in der
Bauchchirurgie immer an die Mahnung KOrtes, daß tief hinter dem
Magen verborgen eine Drüse sich befindet, deren Erkrankung viel
häufiger ist als mau bisher geglaubt hat.
Hugo Neumann: Ueber Cholera asiatlca, Erfahrungen an über
100 Kranken aus einem galizischen Reservespital. Die Cholera erschien
hier trotz ihrer fürchterlichen Schwere bedeutend milder, als man nach
den Literaturschilderungen erwarten mußte. a /s der Fälle waren der
Therapie zugäoglich, und auch an den Nichtgeretteten sah der Autor
nach den therapeutischen Eingriffen deutliches Aufflackem des glimmen¬
den Lebens und hatte wiederholt den Eindruck, daß nur ein weniges dem
Org&nismuB zur Ueberwindung des Anfalls gefehlt habe. Die Cholera
asiatica ist eine „stille“ Krankheit; das agonale Atmen ist fast der ein¬
zige Lärm, den der schwer Cholerakranke verursacht. Beginnt er sich
wieder bemerkbar zu machen, verlangt er spontan zu trinken, so schlägt
die infauste Prognose rapid in eine bona um, und äußert er Hunger, so
ist er gerettet. Was die Therapie betrifft, so wird neben den flblichen
Analepticis das heiße Senfbad ganz besonders empfohlen, von internen
Medikationen besonders die Bolus alba in großen Dosen. — Die Konta-
giosität der Cholera erscheint dem Autor so gering, daß er, die Des¬
infektion der Stühle vorausgesetzt, weitergehende Absperrung der Kranken
als z. B. beim Typhus für völlig überflüssig hält. Misch.
Zentralblatt für innere Medizin 1915, Nr. 1.
von Jaksch: Decubitus und Dauerbad. Jaksch macht auf
den Nutzen der Pflege im Dauerbade bei Querschnittverletzungen des
Rückenmarks und auch bei jauchenden Weichteil wunden aufmerksam.
Er empfiehlt die von ihm angegebene Anordnung, wobei der Kranke auf
ein Segeltuchgestell gelagert wird und das im Mischapparat auf die kon¬
stante Temperatur gebrachte Wasser gleichmäßig durchwärmt wird. Not¬
wendig ist eine Warmwasserleitung. Der Preis der ganzen Einrichtung
beträgt 850 M., die Vorrichtung läßt sich auch an vorhandenen Wannen
für billigeren Preis anbringen. (Firma Waldeck und Wagner, Prag.)
K. Bg.
Zentralblatt für Chirurgie 1915, Nr. 1.
Albert Narath: Die arterlo-venöse Anastomosls an der Pfort¬
ader als Mittel zur Verhütung der Lebernekrose nach Unterbindung
der Arterla hepatlca. Die Leber kann ohne arterielle Blutzufuhr nicht
bestehen. Der Gefahr der Lebernekrose ist besonders groß bei Unter¬
bindung der Arteria hepatica propria nach Abgang der Arteria gastrica
dextra, weil hier die Möglichkeit einer kollateralen Versorgung nicht
mehr besteht. Narath hatte daher den Gedanken, das arterielle Blut
auf dem Wege der Pfortader in die Leber zu schicken. Tierversuche
von Alfred Narath, dem Neffen, haben nun in der Tat gezeigt, daß
dadurch Lebernekrose trotz Ausfall der Arteria hepat ; ca verbötet werden
kann. Zur Blutzufuhr und Einpflanzung in die Pfortader oder eine ihrer
Wurzeln können dienen die Leber-, Magen-, Milz-, Netz- nsw. Arterien.
Anzeigen für die Anastomose sind: operative oder traumatische Ver¬
letzungen der Leberarterie oder des Aneurysma der Arteria hepatica.
K. Bg.
New York medical Journal , 24. Oktober , 7. u. 14. November 1914.
24. Okt. F. Lydston (Chicago): Implantation generativer Drüsen«
Aus dieser hochinteressanten, schon früher erwähnten Arbeit ist noch nach¬
zutragen, daß der Verfasser als Resultat der experimentellen Implantation
eines Hodens bei sich selbst beobachtete, daß ein jahrelang bestehendes,
aller äußerlichen Behandlung trotzendes Ekzem an den Fußsohlen ver¬
schwand, ebenso das abends erscheinende Oedem eines Beins. Die Heilung
einer Psoriasis bei einem andern Falle bestärkten Lyds ton in der Auffassung,
daß manche Hautkrankheiten auf einer Perversion der inneren Sekretion
der Keimdrfisen beruhen.
7. Nov. D. Robinson (Philadelphia): Pilocarpin bei hohem Blut¬
druck* In sorgfältig ausgewählten Fällen erzielte Robinson ansgeprägte
Linderung der Folgen des erhöhten Blutdrucks durch monatelang fort¬
gesetzte Verabreichung von ganz kleinen Dosen von Pilocarpin. Es ist
nötig, die richtige Dosis durch Probieren herauszubringen. In einem Falle,
wo 0,002 profuse Schweiße hervorgerufen hatten, fahr er weiter mit 0,0006,
dreimal täglich, und blieb mon&telaug dabei, mit gutem Erfolge.
14. Nov. F. Proescher (Pittsburgh): Künstliche KnlllvlernDg
des Rabies- Vlras. Auf Grund seiner Experimente an Hasen, Ratten and
Affen and Färbung mit Methylenaznr glaubt Proescher den Erreger der
Wulkrankheit sicher herausgefunden zu haben.
G. R. Elliott (New York): Die operative Behandlung contrac-
tnrlerter und deformierter HSnde bei multipler Arthritis. Elliott
hat schöne Erfolge erzielt durch forciertes Redressement allein oder
Redressement nach vorhergegangener blutiger DarchtrennuDg der Sehnen
und Bänder, natürlich in tiefer Narkose. Die ersten drei bis vier Tage
ist der Schmerz enorm, namentlich auch die Btraffen Verbände in Hyper¬
extension. Schwellung darf nicht anftreten, sonst ist das Resultat ver¬
eitelt. Drei Fälle mit Abbildungen vor und nach der Operation erläutern
den Text _________ Gisler.
Bücherbesprechungen.
€. v. Monakow» Die Lokalisation im Großhirn und der Abbau
der Funktion durch corticale Herde. Mit 268 Abbildungen im
Text und zwei Tafeln. Wiesbaden 1914, J. F. Bergmann. 1033 S.
M 48.-.
Das neueste Bach des am die Erforschung der Nervencentren so
hochverdienten Verfassers gibt eine Zusammenfassung der zahlreichen
Arbeiten, die er während des letzten Jahrzehnts dem Problem der Ge¬
hirnlokalisationen gewidmet hat Die corticale Repräsentation der
Motilität, der Sensibilitäten, des Gesichtssinns, der Agnosie, Apraxie
und Aphasie, auch die Frage nach der Lokalisation geistiger Vor¬
gänge werden in einer durchaus originellen und großenteils den herr¬
schenden Anschauungen widersprechenden Weise diskutiert. Zwei Theorien
sind es vor allem, welche den Ausführungen v. Monakows ihr persön¬
liches Gepräge verliehen: die Lehre von der „Diaschisis“ und das
„chronogeue Prinzip.“ Erstere besagt, daß bei Ausschaltung irgend¬
eines corticalen Territoriums nicht nor dieses selbst in seiner Funktion
sistiert, sondern auch auf andere mit ihm verbundene Rindeogebiete eine
shockartige Hemmung aasgeübt wird. Es handelt sich um eine ihrem
Wesen nach transitorische, passive Lahmlegung derjenigen Rindenteile,
die sich in ihrer Tätigkeit auf Erregungen aus der zerstörten Partie ein¬
gestellt hatten. Der Verfasser stellt sich nun überall die Aufgabe, zwischen
den echten Ausfallserscheinungen und den bloßen Diaschisispbänomenen
die Grenze zu ziehen, was ihn zu vielen neuen topisch-diagnostischen
Fragestellungen führt. Das „chronogene Prinzip“ besagt, daß phylo- und
ontogenetisch „alte“ Funktionen eine subcorticale, „neue“ Akquisitionen
aber eine corticale Lokalisation haben; auch diese Arbeitshypothese
bietet dem Verfasser die Gelegenheit zur Aufrollung einer Menge inter*
essanter Probleme. Kein an der Lokalisationsfrage interessierter Neuro¬
loge oder Physiologe wird das eingehende Studium des v. Monakow-
schen Werkes unterlassen dürfen, mag er nun dessen theoretische An¬
schauungen akzeptieren oder ablehnen; belebt vom Geiste einer gro߬
zügigen und weitblickenden Forschung, auf reiche persönliche Erfahrungen
gestützt, von stupender Literaturkenntnis zeugend, vorzüglich ausgestattet
und illustriert, wird das inhaltschwere Buch gewiß eine weite Verbrei¬
tung finden. Rob. Bing (Basel).
F. Tun gl, Energie, Loben und Tod. Berlin 1914, J. Springer. 68 S.
M 1,60.
Kurzgefaßtes Kompendium Ostwald scher Energien-Dogmatik in
ihren Beziehungen auf die Elementarvorgänge organischen Werdens und
Vergehens; nicht ohne strafende Seitonhiebe gegen Andersgläubige,
namentlich vitalistischer Ketzereien Verdächtige. Dagegen in der recht¬
gläubigen Lehre ist alles in schönster Ordnung; selbst von den hypotha-
tischen Notbehelfen der „Nervenenergie* und der „psychischen
Energie“ meint Verfasser, es gelte auch für Ost walds „Tat“ das Wort
Goethes: „Ein großer Vorsatz scheint im Anfang toll“ und es fehle
übrigens auch nicht an Stimmen, die dieseB Wagnis Ostwalds als „ko-
pernikanische Tat“ bezeichneten! A. Eulenburg (Berlin)*
Max Kassowltz, Die Gesundheit des Kindes. Zur Belehrung für
junge Eltern. Wien 1914, Moritz Perles. Preis 1,50 Kr.
Von dem verstorbenen Wiener Kinderarzt gehaltene Vorträge sind
in einem kleinen belehrenden Bflchlein zusammengefaßt. Das große
didaktische und dialektische Geschick des Verfassers kommt auch in
dieser kurz gefaßten Hygiene zum Ausdrucke, die unter den Müttern und
Pflegerinnen weiteste Verbreitung verdient Langsfcein.
H. v. Mettenhelmer, F. Götzky nnd F. Weihe, Klinische Beobach¬
tungen und Erfahrungen aus der Kinderklinik (Anniestif*
tung) in Frankfurt a. M. Mit 12 Abbildungen im Text und auf
einer Tafel. Berlin 1914, J. Springer. 120 Seiten. M 4,—.
Erweiterter Bericht über die Krankheitsfälle zweier Jahre; sie sind
stellenweise leider zu oberflächlich mitgeteilt, als daß der klinische
Forscher viel damit aufaugen könnte. Eine Beschränkung auf ein kleineres
Gebiet und dafür tieferes Eindringen hätte dem Büchlein einen größeren
Wert gegeben. Langstein.
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UNIVERSUM OF IOWA
IT. Januar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr.il
Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen.
Seue Fol 9 e <fer »Wiener Medizinischen Presse". Redigiert von Priv.-Dot. Dr. Anton Bum, Wim.
K. k. Gesellschaft der Aerste in Wien.
Sitzung vom 8. Januar 1915.
H. Spitzy demonstriert einen Apparat zur Besserung
der Funktionen der Hand bei der Badialislähtnung. Der
Kadialis ist infolge seiner exponierten Lage und seiner größeren
Vulnerabilität öfter Verletzungen ausgesetzt. Wenn die quanti¬
tative direkte Erregbarkeit der gelähmten Muskeln unter die Hälfte
des normalen Wertes sinkt, ist eine spontane Leitungswieder-
herstellung kaum zu erhoffen; wenn sie auf der Hälfte stehen
bleibt kann eine Operation unterlassen werden. In jedem Falle
verstreicht aber eine längere Zeit bis zur operativen Herstellung
der Muskelfunktion, besonders da man mit der Neurolysis oder
der Nerven naht solange warten muß, bis die Wunde vollständig
rein ist. Während dieser Zeit besteht das Symptom der hängenden
Hand, da die Strecker der Hand, der Finger und der Metakarpo-
phalangealgelenke, die Abduktoren und Strecker des Daumens ge¬
lähmt sind. Die Hand hat keine Kraft zum Fassen und der Faust-
schluß ist nicht möglich, weil die für ihn notwendige Streckung
im Handgelenk nicht ausgeführt werden kann. Während der langen
Dauer der Lähmung werden die Strecker überdehnt. S. hat einen
Apparat konstruiert, welcher die Funktion der gelähmten Hand
hochgradig verbessert. Er besteht aus einer Lederinanschotte, welche
an der Handwurzel angelegt wird und an der Innenseite der Hand
eine Feder trägt. Letztere hat an ihrem Ende eine querverlaufende
Feder, welche die Phalangen an der Fingerwurzel stützt. Es werden
dabei die vom Ulnaris versorgten Lumbrikales und lnterossei,
welche das erste Fingerglied beugen und dabei das zweite und
dritte strecken, zur Fingerstreckung benützt. Durch den Apparat
wird die Beugung der ersten Phalanx verhindert und dabei können
die 2. und 3. Phalanx gestreckt werden Vortr. stellt zwei Pat.
vor, bei welchen dieser Apparat zur Verwendung kam. Der eine
Pat. ist an der rechten Hand gelähmt; er kann mit diesem Apparat
alle Verrichtungen vornehmen und sogar sehr gut schreiben. Hei
der Ulnarislähmung wird auch der Daumen eingeschlagen gehalten,
da die Abduktoren desselben gelähmt sind. Zur Behebung dieser
Funktionsstörung des Daumens benützt Vortr. einen mit Leuko¬
plast umgebenen Draht, welcher um den Daumen spiralenförmig
gewunden wird und in eine Feder ausgeht, die wiederum an einer
Handwurzelmanscbette fixiert ist. Durch diesen Apparat wird der
Daumen in Abduktion gehalten. Ein großer Vorteil der Apparate
ist, daß sie fast gar nicht sichtbar sind.
M. Jerusalem bestätigt die gute Wirkung des Apparates
Jon Spitzy. Die Stützapparate sollen möglichst frühzeitig äugt-
i [f wer ^ n - Hie operative Herstellung der Nervenfunktion sollte eben-
MD möglichst frühzeitig vorgenommen werden; meist handelt es sich
wwi um Einwachsung des Nerven in einen Kallus. In 10 vom Redner
wuchteten Fällen war nur einmal eine Kontinnitätstrennung vor-
handen. J. macht die Neurolyais und bildet für den Nerven eine Scheide
m '^ r bascia lata; in einem Palle wurde für den Plexus brachial!#
ln, i^ e ^ e aus ^ enfl Heetoralis major verwendet. Als provisorischen
||ehelf >tatt des von Spitzy angegebenen Apparates kann man auch
nuijklmhe mit abgeklappten Fingern benützen, welche durch Bänder
1,111 Handrücken die Streckung der Finger ermöglichen.
E. Hedlich stellt einen 24jäbrigen Mann mit einer Brown«
wpwrdschen vorübergehenden Lähmung nach Schußver«
etzwg vor. Pat. bekam am 18. Dezember einen Gewehrschuß
unterhalb der Vertebra prominens, die Kugel kam beim Kehlkopf
^ e * ne Lähmung aller vier Extremitäten und
^blackbeschwerden, die linken Extremitäten sind wieder funktions-
aiug geworden, die rechten sind gebessert. Außerdem bestehen
ereogerung der rechten Lidspalte und der rechten Pupille,
geringer rechtsseitiger Enophthalmus, Pat. schwitzt nur auf der
'Men Gesichtshälfte. Rechts sind die Muskeln gelähmt, welche
is Handgelenk und die Finger bewegen, der Thenar ist atrophisch.
h . Bere, ^ e der Hand ist eine leichte Sensibilitätsstörung vor-
• 1gD ; ret hte Bein ist paretisch, seine Reflexe sind ge-
iin/ k 65 l* a kinskischer Reflex vorhanden, die Hautreflexo
Gan er ! osc Hco. Pat. hat einen leicht spastisch-paretischen
Se/ ■ q P. orsa l s egment nach abwärts ist auf der linken
Em ei .“ e . Seasib nitätsstörung vorhanden, die ganze rechte untere
alresLF ein k e £ re if en d, auf der rechten Seite besteht Hyper-
jL . I bestehen also Zeichen einer Brown-Sequardschen
2 , In “ er Böhe des ersten Dorsalsegmentes, welche zum Teil
gegangen sind. Das spricht dafür, daß das Rückenmark
selbst nicht verletzt ist, dagegen scheinen die 8. Zervikal- und
die 1. Dorsal wurzel rechts schwerer betroffen, vielleicht durch-
trennt zu sein. Es ist eine weitere Besserung zu erwarten.
It. Paltauf hat einen Fall seziert, welcher nach Schußveilefzung
eine tluerschnittsläsion des Rückenmarkes darbot, wobei die linke Seite
leichter lädiert war. An der Wirbelsäule und am Rückenmark fand sieh
jedoch keine Verletzung, keine Verwachsung und kein Extravasat im
Spinalkanal, makroskopisch war das Rückenmark unverändert. Vielleicht
wurde hier die Lähmung nur durch die Erschütterung hervorgerufen.
E. Redlich weist darauf hin, daß spinale Lähmungen nach Schu߬
verletzungen auch ohne Läsion des Rückenmarkes oder der Wirbelsäule
zustande kommen können, und zwar durch Erschütterung. Die Erschei¬
nungen gehen dabei zurück und bei der Obduktion findet mau höchstens
hämorrhagische Veränderungen, aber auch Erweichungen sind schon
konstatiert worden. Manchmal spielt eine durch die Schußverletzung
hervorgerufene Meningitis serosa-eircumscripta in der Nähe des Rücken¬
markes eine große Rolle, ln einem Fallt* mit kompletter Lähmung des
linken Beines fand Redner bei der Operation eine Meningitis serosa unter
starkem Drucke. Im Röntgeubildc war im vorgestellten Falle eine Ver¬
letzung der Wirbelsäule nicht zu konstatieren. Aus der Verlaufsrichtung
des Schußkanales ist zu schließen, daß der Rückgratskanal von der Kugel
passiert wurde, die isolierte Affektion der beiden Wurzeln scheint für
eine Verletzung derselben zu sprechen.
J. Wagner v. .lauregg hat mehrere Fälle von Rückenmarks¬
affektion nach Schußverletzung Imobachtet, wo sicher keine Verletzung
des Rückenmarkes vorhanden war. Derartige Affektionen sieht man in
Friedenszoiten äußerst selten, ln einem Falle sah er nach einer Schu߬
verletzung all i üblich einen der Pachymeningitis cervicalis ähnlichem
Symptomenkomplex entstehen. Diese Erscheinungen schlossen sich nicht
unmittelbar an die Schnßverletzung an. ln anderen Fällen bildete sich
dieser Symptomenkomplex nach einer oberflächlichen Verletzung eines
Dornfortsatzes aus. sie gingen in Genesung aus. In dem von Redlich
demonstrierten Falle könnte es sich auch um einen entzündlichen Prozeß
an den Rückenmarkshäuten mit Ansammlung von Liquor und Druck auf
das Rückenmark handeln. Einen solchen Befund konnte Redner in einem
Falle erheben, bei welchem wegen der Vermutung eines Rückenmarks 1
tumors operiert wurde. Auch durch hohen Luftdruck bei Explosionen
können spinale Lähmungen hervorgerufen werden, vielleicht handelt es
sich dabei um Blutergüsse. 11.
Gesellschaft für Innere Medizin and Kinderheilkunde
in Wien.
Sitzung vom 17. Dezember 1914.
H. Neu mann (Krems): Heber Cholera asiatica. Vortr. hat
Gelegenheit gehabt, in Krems a. D. einen Ausläufer der auf dem
nördlichen Kriegsschauplatz aufgetretenen Cholera asiatica zu beob¬
achten und BG Fälle im Stadium algidum zu sehen. Er beschreibt
das klinische Bild. Das Stadium algidum setzte bei allen mit dem
gleichen Gesamtbild ein, es ließen sich von vornherein prognostisch
günstige von den prognostisch ungünstigen Fällen kaum sondern.
Erst der Verlauf und der Effekt der Therapie ermöglichten eine
prognostische Vorhersage. Keineswegs konnte diese auf Grund der
bakteriologischen Untersuchung gestellt werden, da der bakterio¬
logische Befund nicht immer mit dem klinischen Bild parallel ging.
Ein negativ Befundener starb unter den schwersten Erscheinungen,
mehrere positiv Befundene genasen. Als Früh- und Vorsyraptom
treten Blutdrucksenkung und Schwankung der Pulszahl Stunden
und Tage vor Ausbruch des Stadium algidum auf. In diesem
Stadium treten Erbrechen und Diarrhöen zurück, Allgemeinintoxi¬
kation, sich unter anderem in der auffallenden Stille und Apathie
des Kranken äußernd, in den Vordergrund. Unter den Einzel¬
symptomen sind die relative Seltenheit typischer Reiswasserstühle,
die Häufigkeit blutig-schleimiger Diarrhöen erwähnenswert. In
B Fällen kamen Exantheme zur Beobachtung. Das Exanthem trat
in großer Ausbreitung auf, erinnerte an Morbillen, blieb B bis
4 Tage in Blüte und schuppte kleienförmig ab. Es entwickelte
sich aus hyperämischen Flecken um die Schweißdrüsen. Pro¬
gnostisch war sein Auftreten unverwertbar. Ein sicheres Zeichen
beginnender Rekonvaleszenz war das Auftreten von Hungergefühl
und gleichzeitig das Sinken der Pulszahl weit unter die Norm,
bis 42. Therapeutisch am wirksamsten war das heiße Senfbad,
ferner die Zufuhr von heißen, auch alkoholischen Flüssigkeiten!
In Anwendung kamen auch Bolus alba, welche sich vorteilhafter
erwies als Tierkohlo, Opium, intravenöse und subkutane Kochsalz-
in/usionen, Tanninklysmen, Kampferinjektionen und sonstige Herz¬
mittel. Die Rekonvaleszenz muß sorgfältig überwacht werden. Die
Kontagiosität der Cholera ist vom klinischen Standpunkt aus
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1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 3.
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gering, die Desinfektion der Stühle vorausgesetzt, ist weiter
gehende Absperrung der Kranken als beim Typhus überflüssig.
In Choleraspitälern müssen reichlich Aerzte und Pflegemannschaft
sein. Das als Vergiftungsanfall imponierende Stadium algidum
kann erfolgreich nur durch intensivste Beschäftigung mit dem
Einzelindividuum bekämpft werden.
G. Gärtner bemerkt, daß die Cholera im Hinterlande eine kleinere
Mortalität zu haben scheint als die Cholera am Orte der Entstehung,
da die ins Hinterland transportierten Fälle leichter sind, wogegen die
schweren schon meist durch den Tod ausgeschieden wurden. Die größte
Mortalität herrscht in den ersten Erkrankungstagen. Prasehek hat bei
der ersten Belagerung von Przemysl eine Choleramortalität von 55—60%
gesehen. Eines der wichtigsten Symptome der Cholera ist die Anurie,
welche Vortr. nach seiner Angabe selten gesehen hat: sie setzt mit dem
Stadium algidum ein und dauert ungefähr eine Woche, diese Fälle können
aber noch geheilt werden. Die Wirkung der Senfbäder beruht wohl auf
einer starken Hautreizung. Wintornifcz hat für diesen Zweck kalte
Bäder und Abreibungen empfohlen. Die intravenösen Injektionen von
Kochsalzlösungen wurden schon im Jahre 1832 ausgeführt. Die Injektion
von physiologischer Kochsalzlösung hat einen sichtbar belebenden Erfolg,
dieser geht aber bald vorüber, dagegen hält der Effekt der Injektion
einer hypertonischen (bis zu 10%) Kochsalzlösung längere Zeit an. Durch
letztere wird ein Flüssigkeitsstrom aus dem Darm in die Blutbahn ange¬
regt. Die Injektion von l%iger Lösung hat keinen dauernden Erfolg,
durch die Injektion von 5%iflrer Lösung hat Prnsehek die Mortalität
bei 50 schweren Fällen auf 18° herunterdrücken können.
Ebstein hat als Bakteriologe im Franz Joseph-Spital bei zirka
600 Fällen bakteriologische Untersuchungen vorgenommen, welche hei
der Hälfte der Fälle positiv waren. Die verdächtigen Fälle wurden durch¬
schnittlich zweimal untersucht. Die Mortalität betrug ungefähr 20%. In
einem Viertel der Fälle fiel die Heilung mit dem Negativwerden des
bakteriologischen Befundes zusammen, in der Hälfte der Fälle über¬
dauerte der positive bakteriologische Befund die klinische Genesung.
Die Beschaffenheit des Stuhles ließ keinen Schluß auf den Ausfall der
bakteriologischen Untersuchung zu. Bei der Diagnose und der Behand¬
lung der Cholera sind der bakteriologische und der klinische Befund
von gleicher Wichtigkeit.
A. v. Müller bemerkt, daß ein anderes Mortalitätsprozent
resultiert, je nachdem man nur die bakteriologisch sichergestellten Fälle
oder auch solche Fälle berücksichtigt, bei denen wohl die klinischen
Symptome auf Cholera verdächtig sind, der bakteriologische Befund aber
negativ ist. Er hat im Reservespital Nr. 7 18 schwere Fälle beobachtet,
bei diesen kam Anurie vor, diese hängt aber auch von der Therapie ab.
Im Mittelpunkte der Choleradiagnose stellt die Erniedrigung des Blut¬
druckes. Von seinen Fällen sind fast keine im akuten Kollaps zugrunde
gegangen, dagegen kamen Todesfälle nach einer vorübergehenden Besse¬
rung vor. Die Cholera kann sich mit anderen Infektionskrankheiten
kombinieren, darunter auch mit Typhus. Redner hatte keinen Fall mit
negativem bakteriologischem Befund bei einem ausgesprochen klini¬
schen Bilde. Eine besondere Neigung zu Eiterungen hat er nicht beob¬
achtet. Im Vordergründe der Therapie steht die Behandlung der Horz-
und Gefäßerscheinungen. Redner hat die Injektion von physiologischer
oder hypertonischer Kochsalzlösung auch mit Zusatz von Adrenalin
angewendet, ferner wurde auch manchmal Ring er sehe Lösung injiziert.
Er möchte nicht glauben, daß durch die Injektion von hypertonischer
Kochsalzlösung der Flüssigkeitsstrom aus dem Darm in die Blutbahn
gelenkt wird, da auch in diesem Falle die Diarrhöen fortdauern können.
Redner hat auch intravenös Digitalispräparate angewendet, besonders
Strophantin. Die Tierkohle steht an Wirksamkeit der Bolus alba nach.
E. Stoerk weist darauf hin, daß Cholerafälle, welche frühzeitig
und rationell gepflegt werden, ein anderes Bild darbieten als nicht be¬
handelte Fälle, da durch die Therapie sehr oft das Eintreten des Stadium
algidum verhütet wird. Zur Behandlung der Zirkulationserscheinungen
hat sich ihm Adrenalin bewährt. Er gab nicht so hohe Kochsalzdosen
wie Gärtner.
H. Weise bemerkt, daß Havem als erster die hypertonische
Kochsalzlösung injiziert hat; diese und die Senfbäder sind hautreizende
Mittel, welche auch sonst häufig angewendet werden, z. B. hei (Mndura
infantum; das Auftreten einer liotfärbung der Haut ist dabei ein pro¬
gnostisch günstiges Symptom. Die Kochsalzinfusionen sind ein wichtiges
Mittel der Therapie, besonders im Stadium algidum. In den vom Vortr.
besprochenen Fällen dürfte es sich um nicht besonders schwere Fälle
gehandelt haben.
H. Neuraann erwidert, daß die Fälle nach Krems als Diarrhoiker
gekommen sind; erst dort kam es zum Choleraanfall. Im allgemeinen
war aber der Charakter der Erkrankung sehr milde. Nach seiner Sta¬
tistik betrug die Mortalität 33%. Nach Kos war die Mortalität der
Cholera am nördlichen Kampfplatze auch nicht höher. Vielleicht hat
überhaupt die Epidemie einen leichten Charakter. Der schwerste Fall,
welchen er gesehen hat und welcher am raschesten zugrunde gegangen
ist bot bei wiederholter bakteriologischer Untersuchung einen negativen
Befund. Als Zeichen der Rekonvaleszenz ist die Herabsetzung der Puls¬
zahl anzusehen, auch in diesem Stadium können Fiehersteigerungen auf-
treten, so z. B. bei einer Diätänderung. Unter den vom Vortr. beob¬
achteten 36 schweren Fällen traten in zwei Fällen Nekrosen auf. Die
hypertonische Kochsalzlösung ist wortvoll in der Behandlung der Cholera;
Vortr. hat sie subkutan angewendet. Der Effekt war gut, hielt aber
weniger lang an als derjenige der heißen Senfbäder. Bei der Therapie
der Cholera ist es wichtig, Reize zu setzen. H.
Kriegschirurgischer Abend in Budapest.
Sitzung vom 12. November 1914.
A. v. Koväcs: Rettungsgesellschaft und Krieg. Er ent¬
wickelte in seinem instruktiven Vortrag, daß das Rettungswesen
mit den Vorkommnissen des Kriegsschauplatzes in engem Zu¬
sammenhang steht. Namentlich gilt dies für den Transport der
Verwundeten und Kranken. Das Rettungswesen im Frieden, ins¬
besondere bei Massen Unfällen, ist eine Vorschule für den Krieg.
In Budapest ereigneten sich während der Mobilisierung in 2 Wo¬
chen 954 Unfälle und 708 Transporte. Die Unfallsziffer nimmt hier¬
bei progressiv zu. Vortr. zeigt die von der Rettungsgesellschaft
benützten Verbandpäckchen, wobei je nach Bedarf Jodtinktur, Hy¬
drogensuperoxyd und Perubalsam benützt wird. Die schwierigste
Arbeit ist die Auswaggonierung der Verwundeten. Es existieren ver¬
schiedene Krankentransportzüge. Für das Heer verkehren Spi¬
talszüge, stationäre und improvisierte Krankentransportzüge. !
Beim Transport entsprechen besonders die gut geschulten Militär¬
züge, die, den Anforderungen des Verwundetentransportes angepaßt,
zweckmäßig eingerichtet sind. Aus den Schlafkabinen der Waggonlits
kann man die Blessierten nur sehr schwer auswaggonieren, oft über¬
haupt nur durch das Fenster. Zweckentsprechender sind die Last¬
wagen mit Seitentüren, in welchen 8 bis 10 liegende oder ca. 30 sitzende
Kranke bequem Platz haben. Eine Reihe von Tragen wird auf den
Boden des Waggons gelegt, die zweite Reihe wird über diesen
aufgehängt oder auf einem Gerüst placiert. Am besten ist
es, die obere Reihe der Tragbahren mittelst Gurten aufzu¬
hängen. Die W aggons sollen gut gefedert sein und sollen
die Verwundeten während des Transportes nicht über den Wagen¬
achsen liegen. Die Einführung einer Einheitstrage würde den
Krankentransport sehr erleichtern. Schiffe sind sehr gut für den
Krankentransport. In der jüngsten Zeit werden vom Kriegsmini¬
sterium auch Transportwagen für Infektionskranke eingerichtet.
Vortr. berichtet schließlich über die Auswaggonierung eines Ver¬
wundetenzuges.
J. Dollinger: lieber Prothesen der Extremitäten. Bei
der großen Menge der einander gegeniiberstebenden Heeresmassen
und der Vollkommenheit der Schußwaffen gibt es bereits mehr
Amputierte als jemals in der Welt, obwohl die Chirurgie heut¬
zutage sich von konservativen Prinzipien leiten läßt. Jahrelang
studierte I)., auf welche Weise je einfacher, leichter und billiger
Prothesen zusammenzustellen resp. konstruierbar wären; besonders
wichtig ist bei künstlichen Extremitäten ihre sichere Befestigung,
bei Prothesen der unteren Extremitäten ferner die Entlastung des
Amputationsstumpfes und die Befreiung desselben von der Last
des Körpers. Wohl ist es richtig, daß wir heutzutage einen solchen
Stumpf bilden können, welcher die Körperlast besser erträgt, als
die Stümpfe der alten Amputationsmethoden; doch kann das Gehen
noch mehr an Sicherheit gewinnen, wenn das Ende des Ampu-
tationsstumpfes von der größeren Schwere des Körpers und den
mit dem Gange verbundenen Erschütterungen verschont bleibt,
weil hierdurch die Haut des Stumpfes, selbst bei Mangel der
Empfindlichkeit des letzteren, nicht gereizt wird. Die von ihm
konstruierten Prothesen entsprechen diesem Zweck vollkommen.
Bei den Prothesen der oberen Extremitäten muß man Rücksicht
darauf nehmen, ob sie nur kosmetischen Zwecken dienen sollen
oder ob sie auch zur Vollbringung gewisser Arbeiten den Ampu¬
tierten befähigen müssen. Die Befestigung des künstlichen Armes
ist bei im oberen Drittel des Oberarmes Amputierten so umständ¬
lich, daß diese Prothese nur ungerne von den Pat. getragen wird.
Selbst intelligente Leute, denen aus kosmetischen Gründen em
solcher Kunstarm gute Dienste leisten würde, entraten lieber des¬
selben und ersetzen durch Steigerung der Fertigkeit der unverletzt
gebliebenen Hand dio in Verlust geratene Extremität, wie dies
das Beispiel der weltberühmten. Virtuosen Grafen Geyza Zichy zeigt,
der mit einer Hand nicht nur mit seltener Kunstfertigkeit Klavier
spielt, sondern sich selbst bedient, einen Apfel schälen, seine
Nägel schneiden kann, ein selten geschickter Nimrod und bravouröser
Reiter ist. Der Graf ist gerne bereit, die infolge ihrer Verletzung
im Kriege einer Amputation unterzogenen Soldaten zur Erlangung
dieser Fingerfertigkeit abzurichteu.
E. Basch: Fall yon Gangraena cutis und Erythema hu •
losum. Letzteres Leiden war das primär entstandene entweder
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UNIVERSUM OF IOWA
17. Januar.
1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 3.
85
als Teilerscheinung eines Erythema exsud. multiforme oder Symptom
einer Erfrierung. Die Gangrän ging vom Ellbogen aus, okkupierte
in einer Länge von 30 cm und Breite von 18 cm den linken Ober-
inn und den größten Teil des Unterarmes, demarkierte sich durch
antiseptische Behandlung; durch Anwendung von Mikulicz scher
Salbe verflachten sich die Granulationen, so daß durch Haut¬
transplantationen der Substanzverlust und die nach so großen
Vernarbungen rfickbleibende beschränkte Beweglichkeit geheilt
resp. behoben werden soll. Aus dem Sekrete der Gangrän konnte
man einen gramnegativen dünnen Bazillus, einen grampositiven
dicken Bazillus, ferner eine Diplokokkusabart und sehr spärlich
eine Spirochaeta refringens finden; doch war kein Bacillus fusi-
formis und keine andere Spirochätenab&rt zu konstatieren, weder
durch Giemsatinktion, noch mittelst anderer Färbemethode. S.
Kriegsirztliche Abende der MUlt&r&rzta von Lille und
Umgebung.
Sitzung vom 9. Dezember 1914.
Benz er (Bochum): Ueber Erfahrungen im Seuchen-
laurett. Während der Sommerfeldzug fast ohne Infektionskrank¬
heiten verlief, traten Anfang Oktober die ersten Darmerkrankungen
auf, die alsbald eine Zunahme erkennen ließen. Es wurde darum
die Einrichtung sogenannter Seuchenlazarette erforderlich. Das
Lazarett für Lille (500—600) war in einer Schale der Stadt unter¬
gebracht. Die erste Einrichtung dieses Lazaretts bot die größten
Schwierigkeiten. Das Gebäude hatte durch die Kanonade stark
gelitten, die Klosetts waren zerstört, Handwerker nicht aufzu-
treiben. Der Zugang von Pat., wuchs sehr rasch. Am 1, November
betrug die Anzahl 194, am 6. November 250, am 12. November 400.
Das Personal war anfangs französisch; erst später kamen deutsche
Schwestern. Die Darmkranken lagen mit Verwundeten zusammen.
Die Desinfektionsverhältnisse waren ebenfalls recht schwierig. Die
städtische Desinfektionsanstalt wurde von andern Lazaretten be¬
nutzt; für das Seuchenlazarett stand eine andere nicht zur Ver¬
fügung, deshalb wurde die Wäsche an Ort und Stelle in Lysol
desinfiziert. Aus allen diesen Schwierigkeiten ergibt sich die Not¬
wendigkeit, Seuchenlazarette möglichst in einem gut eingerichteten
Krankenhaus unterzubringen. Zur Behandlung kamen Ruhr und
Typhus. Vortr. besprach dann seine Ansichten über das Wesen
der Ruhrerkrankungen. Nach seiner Meinung spielt eine Infektion
mit Ruhrbazillen nur eine untergeordnete Rolle. Allgemeine Schäd¬
lichkeiten der Lebensweise und der Ernährung, wie sie bei den
heutigen Kämpfen im Schützengraben häufig Vorkommen, sind von
ursächlicher Bedeutung. Einen spezifischen Erreger der Ruhr gibt
^ nach seiner Meinung nicht, vielmehr glaubt M., daß es sich um
Streptokokkeninfektion handelt, bei der die Form und Funktion
der Bakterien sich im Körper verändert hat. Diese Auffassung
wird nach seiner Meinung gestützt durch die Beobachtung, daß
Dannkranke mit Fieber und Durchfällen in dem Augenblick ihre
Erscheinungen verlieren, wenn unter akuter Fiebersteigerung noch
eine Angina hinzukommt, die dann die Genesung einleitet. Ans
diesen Ansichten M.s über das Wesen der Ruhrerkrankungen würde
ohne weiteres folgen, daß die Ruhr keine übertragbare Krankheit
darstellt, ln der Tat warnt Vortr. vor der großen Bazillenfurcht;
alles komme vielmehr darauf an, für günstige allgemein-hygienische
Maßnahmen (Wärme, Decken, Kost, Alkohol in kleinen Mengen)
zu sorgen. Als therapeutische Maßnahmen empfiehlt er: Bolus
alba, heißen Tee, heiße Sitzbäder, indes keine Opiate. Ebenso
sind Kalomel und Rizinus im Anfang absolut zu verwerfen. —
Auch die Auffassung des Vortr. über die Typhuserkrankungen
weicht von der gewöhnlichen ab. Er glaubt zwar, daß gelegentlich
schlechtes Wasser die Infektion hervorruft, nimmt andrerseits aber
an, daß es sich meistens um eine Mischinfektion handelt, die sich
im Anschluß an Erkältungskrankheiten entwickelt. Allgemeine
hygienische Maßnahmen zur Verhinderung spielen eine größere
Rolle als die Isolierung der Bazillenträger. Von 497 Typhusfällen
starben ;>7 = ll f l°/ 0 . Die Behandlung des Typhus soll sich be¬
schränken auf Anregung und Verbesserung der Zirkulation. Kalomel
und Rizinus verwirft M. auch hier für die Anfangsstadien der
Krankheit. Meteorismen bekämpft er mit Einläufen. Herabsetzung
der hohen Temperaturen durch Salizylpräparate verwirft er voll¬
ständig. Von dem Nutzen der Typhusschutzimpfung ist er nicht
uberzeugt; es sollen bei der Vakzination im Anfänge Todesfälle
Torgekommen sein.
Hahn (Freiburg i. B.) schließt sich in bezug auf die Einrichtung
V0D ^uchenlazaretten im Kriege im wesentlichen den Ansichten Men-
zers an, dagegen kritisiert er scharf die allgemeinen Ausführungen über
das Wesen der Infektionen, speziell der Ruhr. Die Streptokokken als
Haupterreger der Ruhr anzusehen, lehnt Redner ab. Bei leichteren Ruhr¬
epidemien, wie im Anfänge des Krieges, ist eine Isolierung der Er¬
krankten unnötig. „Bazillenträger“ bei Bäckerei- und Fleischkolonnen
kann man dadurch unschädlich machen, daß man sie versetzt. H. ist
Anhänger der Typhusschutzimpfung.
Henke (Königsberg) macht auf Grund seiner Sektionsbefunde
darauf aufmerksam, daß das pathologisch-anatomische Bild der Typhus-
erkrankungen spezifisch und mit anderen Darmentzündungen nicht zu
verwechseln ist. Er hat im Felde Gelegenheit gehabt, die Schutzimpfung
praktisch kennen zu lernen und glaubt, daß sie zwar nicht immer eine
Erkrankung ausscbließe, aber doch sicherlich die Schwere der Erkran¬
kung herabmindert.
Sperling (Chefarzt des Typhuslazaretts Douai) hat trotz großer
Schwierigkeiten in bezug auf die Versorgung seiner Typhuskranken gute
Erfolge. Seine Mortalität betrug nur 11%. Auch er betont die Notwendig¬
keit, in möglichst gut eingerichteten Spitälern die Typhuskranken unter¬
zubringen.
Gerhard (Würzburg) glaubt auch, daß die Ruhrerkrankungen
unserer Soldaten meist sehr leichter Art waren, betont aber auch die
Spezifität der Erkrankungen. Sehr wichtig ist es, daß auch er auf Grund
seiner großen klinischen Erfahrungen die L'ebcrtragung des Typhus
von einem zum andern praktisch für ausgeschlossen hält. Die Feldlaza¬
rette sollten daher auch ruhig den Typhus behandeln, oder eins davon
sollte als solches eingerichtet werden. Dabei soll man aber nicht die
Bestrebung besserer Unterbringung vernachlässigen. Um so wichtiger ist
aber die Hygiene in den Schützengräben (Beseitigung der Fäkalien).
Nähter hat im Manöver ähnliche Ruhrerkrankungen beobachtet
wie jetzt im Felde. Auch er glaubt, daß Erkältung und schlechte Er¬
nährung ursächlich eine große Rolle spielen. An einem sehr charakte¬
ristischen Beispiel zeigt er, wohin unvorsichtige Behandlung der Typhus-
wfische führen kann.
Jakob (Würzburg) empfiehlt für die Behandlung des Fiebers hei
Typhus kleine Pyramidondosen.
Siegel warnt auch davor, die Zahl der „Bazillenträger“ zu groß
werden zu lassen.
Möllers (Straßburg) tritt sehr warm für die Spezifität der Ruhr¬
erkrankungen ein. Bei den zu Beginn des Feldzugs wiederholt beob¬
achteten Durchfallerkrankungen handelte es sich meistens um die Y-Ruhr,
die uns von den Friedensepidemien auf den Truppenübungsplätzen wohl-
bekannt ist. Die Erkrankung verlief durchweg sehr leicht; besondere
Isolierungsmaßuahmen waren nicht erforderlich. Nur die wenigen mit
Fieber und blutigem Stuhl erkrankten Mannschaften wurden in Darm¬
krankensammelstellen isoliert. Die von den Typhusbazilleuträgern aus¬
gehende Infektionsgefahr darf auch im Felde nicht vernachlässigt werden.
Eine möglichst vollständige Durch impf ung aller Mannschaften gegen
Typhus kann bei der großen Bedeutung dieser Seuche für. die Durch¬
führbarkeit der militärischen Operationen nur aufs wärmste empfohlen
werden.
FloBch betont, daß in diesem Feldzüge Typhus viel später als
im Feldzug 1870/71 auftrat, weil die Desinfektionsmöglichkeiten jetzt
bessere geworden sind. B.
Kleine Mitteilungen.
Kriegschronik.
Aus den off. Verlustlisten.
1. Tot:
A.-A. Dr. Josef Vangel, u. L.-I.-R. Nr. 30, Bnistscliuß, gestorben
im Truppenspital Avtovac (Liste vom 4. Januar).
2. Verwundet:
St.-A. Dr. Josef Bermann, I.-R. Nr. 65 (Liste vom 4. Januar).
O.-A. Dr. Neuwirth, I.-R. Nr. 65 (Liste vom 4. Januar).
A.-A. d. R. Dr. Maximilian Csillag, I.-R. Nr. 19, Fußschuß, liegt
Spital „Gondviseles“, Budapest (Liste vom 5. .Januar),
A.-A. Dr. Bernhard Hahn, I.-R. Nr. 10 (Liste vom 6. Januar).
3. Kriegsgefangen:
A.-A. d. Res. Dr. Guido Knapp, I.-R. Nr. 36 (Liste vom 4. Januar).
St.-A. Dr. Julius Vymyslicky, I.-R. Nr. 36 (Liste vom 4. Januar).
A.-A. d. Res. Dr. Johann Stockinger, l.-R. Nr. 44 (Liste vom
5. Januar).
« •
•
Aus Berlin wird uns geschrieben: Die Ausstellung für
Verwundeten- und Krankenfürsorge im Kriege, die seit
einiger Zeit in den Haupträumen des Reichstagsgebäudes zu sehen
ist, erfreut sich von Tag zu Tag steigenden Besuches und fesselt
auch die Aufmerksamkeit der Aeskulapjünger in höchstem Maße,
der Militärärzte wie der Zivilärzte. Gerade den Arzt, der immer
nur die Sorgen und Beschwerden, die Schmerzen und Leiden der
Zivilbevölkerung in Friedenszeiten kennt, muß es begreiflicher¬
weise interessieren, wie die Staatsbehörden — in diesem Falle die
Medizinalverwaltung des Kriegsministeriums und dasReichs-
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UNIVERSUM OF IOWA
1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 3.
17. Januar.
st;
marineamt — und die großen Vereinsorganisationen den
Sanitätsdienst im allgemeinen und im einzelnen besorgen. In zahl¬
reichen Ausrüstungsstücken, baulichen Einrichtungen und Beförde¬
rungsmitteln, in Apparaten und Instrumenten, in kartographischen
Uebersichten, in Photographien, Tabellen und Kurven ist der
riesige Mechanismus, der den verwundeten oder erkrankten Krieger
vom Schützengraben bis zum Genesungsheim begleitet, zur An¬
schauung gebracht — eine Fundgrube für den Wissensdurstigen,
anregend, belehrend, aufklärend und beruhigend. Auch das Kino
ist von der rührigen Ausstellungsleitung in den Dienst, der Be¬
lehrung gestellt worden; eine Reihe von „Sanitätsfilms“, der
nackten Wirklichkeit abgerungen, zeigt unsere Aerzte, unsere
Sanitäter an der West- und Ostfront, auf dem Truppenverband¬
platz und in den Lazaretten bei der Arbeit. Besonders instruktiv
sind die Abteilungen für Röntgentechnik im Kriege und für
Kriegskrüppelfürsorge. Gerade die letztere dürfte durch diesen
zahllose Wunden schlagenden Krieg in vielleicht vorher nicht ge¬
ahntem Umfange befruchtet und ausgebaut werden. Beratungen
über diese ungeheuer wichtige Frage haben an den zuständigen
Stellen in letzter Zeit mehrfach stattgefunden. — Auch der
Kampf gegen die Kriegsseuchen spielt gegenwärtig wiederum
eine wichtige Rolle. Anlaß zu Besorgnissen liegt nach den Ver¬
sicherungen von maßgebender Seite nicht vor. Bis jetzt haben
sich unsere Behörden wenigstens mit den finsteren Gespenstern,
die in früheren Kriegen verheerend genug wirkten, ganz vorzüg¬
lich abgefunden. Erst kürzlich betonte Ministerialdirektor Kirchner,
der Leiter unserer Medizinalabteilung im preußischen Ministerium
des Innern, anläßlich eines in der Ausstellung gehaltenen Vortrages,
daß wir dank unserer vorzüglichen sanitären Einrichtungen nicht mit
einer wirklichen Epidemie zu rechnen haben werden. Das ist um
so höher zu veranschlagen, weil wir bekanntlich bereits mehr als
eine halbe Million von Gefangenen in unseren Heimatslagern unter-
gebracht haben. _
(Militärärztliches.) In Anerkennung tapferen und auf¬
opferungsvollen Verhaltens vor dem Feinde ist dem O.-St.-A. II. Kl.
Dr. A. Lusenberger, Sanitätschef der 28. I.-Div., den St.-Ae.
DDr. J. Janaöek, Kommandanten der I.-Div.-San.-A. Nr. 82,
M. Feder, Kommandanten der I.-Div.-San.-A. Nr. 35, dem lt.-A.
Dr. G. Maly des I.-R. Nr. 78 und St.-A. Dr. A. Popper des
L.-I.-R. Nr. 8 das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens am Bande
des Militärverdienstkreuzes, dem R.-A. d. Res. Dr. F. Vanek und
O.-A. d. Res. Dr. G. Krön des F.-J.-B. Nr. 29, den A.-A.-St.
d. Res. DDr. K. Hoffmanu des I.-R. Nr. 85, G. Sinnesberger
des 4. Kaiserjäger-R., dem R.-A. Dr. H. Titus des F.-K.-R. Nr. 0,
O.-A. d. Res. Dr. J. Fabritius und A.-A. d. Res. Dr. G. Hofer
des I.-Div.-San.-A. Nr. 85, den A.-Ae. d. Res. DDr. L. Lichten¬
stein, J. Klopper und F. Primsar des I.-R. Nr. 89, K.Nort¬
hoff des I.-R. Nr. 88, W. Blanke des I.-R. Nr. 7, R. Ebner,
K. Urban und J. Leisser des 4. T.-I.-R., F. Seligmann des
I. -R. Nr. 52 und dem O.-A. d. Ev. Dr. P. Skrowaczewski des
L. -I.-R. Nr. 35 das Goldene Verdionstkreuz mit der Krone am
Bande der Tapferkeitsmedaille verliehen, den R.-Ae. DDr. G. Szöny i
des I.-R. Nr. 7b, J. Molnär des I.-R. Nr. 49, G. Krecsak des
l.-R. Nr. 87, den R.-Ae. d. Res. DDr. K. Grawatsch des L.-I.-R.
Nr. 8, II. Ninaus der L.-F.-K.-Div. Nr. 22 die a. h. belobende An¬
erkennung ausgesprochen worden. Aus demselben Anlasse sind die
R.-Ae. DDr.: F. Uspani des Garn.-Sp. Nr. 2, F. Tintner, Kom¬
mandant der I.-Div.-San.-A. Nr. 25, zu Stabsärzten ernannt worden.
— In Anerkennung hervorragender Dienstleistung vor dem Feinde
ist dem O.-St.-A. I. Kl. Dr. H. Rittigstein der Orden der Eisernen
Krone III. Kl. mit der Kriegsdekoration, dem O.-St.-A. I. Kl.
Dr. K. Pavl ecka des 2. Korpskommando die Kriegsdekoration zum
Orden der Eisernen Krone III. Kl. und dem O.-St.-A. II. Kl. Doktor
G. Kauder des 1. Armeekmdo. das Ritterkreuz des Franz Josef-
Ordens am Bande des Militärverdienstkreuzes verliehen worden. —
Ernannt wurden zu Regimentsärzten der Res. die Oberärzte d. Res.
DDr.: N. Szontagh der Train-Div. Nr. 5, D. Bekös des I.-R.
Nr. 0, E. Schönberger des I.-R. Nr. 82, Z. Tomaszewski des
Garn.-Sp. Nr. 14; zu Oberärzten d. R. die Assistenzärzte d. Res.
DDr.: H. Kemmetmüller des F.-K.-R. Nr. 29, J. Kernmayer
des I.-R. Nr. 7, W. Schiller des Gebirgsartillerie-R. Nr. 10,
J. V v käs des l.-R. Nr. 2, A. Scholz des F.-K.-R. Nr. 28, E. Toth-
salussy des F.-J.-B. Nr. 24, R. Schleyen des F.-K.-R. Nr. 38,
E. Hoffmann des I.-R. Nr. 48, E. Fischer und J. Weisz des
I.-R. Nr. 23, 0. Podzahradsk^ des I.-R. Nr. 24, A. Balog der
Train-Div. Nr. 12, G. Wildmann des l.-R. Nr. 26, G. Cracium
des I.-R. Nr. 64, A. Eisenstädter des I.-R. Nr. 83, A. Mitter
des I.-R. Nr. 97, V. Olaak des Feldhaubitzen-R. Nr. 1, L. Feld-
kircher des l.-R. Nr.84, A. Dlubaö des I.-R. Nr. 36, A. Baron
des I.-R. Nr. 30, J. Dczer des H.-R. Nr. 3, E. Ott des I.-R.
Nr. 97, J. Schönfeld des I.-R. Nr. 20, H. Kellner der Train-Div.
Nr. 5, F. Sehr auf des I.-R. Nr. 76, E. Rövcsz des I.-R. Nr. 90,
O. Anton des F.-J.-B. Nr. 30, J. Strunz des I.-R. Nr. 32,
A. Rcvösz des U.-R. Nr. 12, L. Wachulski des F.-K.-R. Nr. 3,
J. Molnär des Garn.-Sp. Nr. 17, L. Gattinger des Eisenbahn-K.
(K. k. Gesellschaft der Aerzte.) In der vor wöchentlichen
Sitzung dieser Gesellschaft ist ein Beschluß gefaßt worden, der
lebhaft begrüßt zu werden verdient. Diese erste ärztlich-wissen¬
schaftliche Vereinigung der Monarchie zählt bekanntlich zu ihren
ordentlichen Mitgliedern nicht nur den gesamten Lehrkörper der
Fakultät, die Hofräte, Professoren, Privatdozenten, Assistenten
derselben, sondern auch mehr minder betitelte praktische Aerzte,
unter welchen es neben Primarärzten, Direktoren, Regierungs-,
Obermedizinal-, Medizinal- und kaiserlichen Räten noch immer
zahlreiche, wissenschaftlich hochstehende, eifrig und erfolgreich
wirkende Aerzte gibt, die lediglich den — Ehrentitel führen,
den ihnen die Universität seinerzeit verliehen hat. Es hat
nicht eben angemutet, wenn nach dem Herrn Professor in
der Diskussion oder zur Demonstration der Herr — Doktor auf¬
gerufen wurde, oder wenn der Vortragende in seinen Ausfüh¬
rungen bald den oder jenen Herrn Hofrat, bald den „Herrn
Kollegen“ zitierte, dessen angezogene Arbeit für die berührte
wissenschaftliche Frage zuweilen von nicht minderer Bedeutung
war als jene des ersteren. Das wird, falls die Gesellschaft an
ihrem Beschlüsse festhält, nunmehr anders werden. Die Autorität
des Forschers wird in Zukunft nicht mehr durch einen mehr
minder glänzenden Titel erhöht werden, da sie der Erhöhung ganz
und gar nicht bedarf. Es wird in der Folge erfreulicherweise nur
von den Forschungen der Herren X und Y die Rede sein und
die Debatte nicht mehr zwischen dem Herrn Hofrate A und dem
Doktor B, sondern von den Herren A und B geführt werden. In
den weißen Saal der „Gesellschaft“, den die Büsten der Heroen
der Wiener Schule schmücken, ist ein demokratischer Lichtstrahl
gefallen, der Saal und Bildnisse vergoldet. Der Beschluß der
Gleichheit ist dem der Brüderlichkeit analog und gereicht dem
Antragsteller, Professor — pardon Herrn Schütz, wie der Ge¬
sellschaft zur Ehre.
(Tierkohle zu internem Gebrauche.) Das österreichische
Ministerium des Innern hat in einer Verordnung, betreffend den
Apothekervertrieb von zu innerlichem Gebrauche bestimmter Tier¬
kohle, Prüfungsvorschriften herausgegeben, in deren Text sich, wie
uns Prof. Wie ho wski (Prag) mitteilt, zwei Druckfehler einge¬
schlichen haben. Wiewohl ihre Ausmerzung bei der Behörde
bereits angeregt worden ist, soll hier darauf aufmerksam gemacht
werden, daß die Feststellung der Adsorptionskraft der Kohle fol¬
gendermaßen vorgenommen wird: a) 0,1g fein gesiebte und bei
120° getrocknete Tierkohle muß mindestens 20 ccm einer 1,5 pro-
milligen (nicht 1,5%) Lösung von Methylenblau-Chlorhydrat medi-
cinale (Merck) beim Schütteln in verschlossenem Gefäß innerhalb
einer Minute vollständig entfärben (keine Filtration), b) Wird eine
Aufschüttelung von 3 g (nicht 2,3) Kohle in 65 ccm der unter a)
beschriebenen Methylenblaulösung getrunken, darf der innerhalb
der nächsten 24 Stunden ausgeschiedene Harn keine Grünfärbung
zeigen.
(Statistik.) Vom 3. bis inklusive 9. Januar 1915 wurden in
den Zivilspitälern Wiens 14.012 Personen behandelt. Hiervon wurden
2342 entlassen, 241 sind gestorben (9 3°/ 0 des Abganges). In diesem Zeit¬
räume wurden aus der Zivilbevölkerung Wiens in- lind außerhalb der
Spitäler bei der k. k. n.-ö. Statthalterei als erkrankt gemeldet: An
Blattern 40, Scharlach 112, Masern —, Röteln—, Varizellen—,
theritis79, Keuchhusten—, Mumps—, Influenza — , AbdomiDaltypbusJ,
Dysenterie 1, Puerperalfieber —, Rotlauf —, Trachom —, Milzbrand —,
Wochenbettfieber —, Flecktyphus —, Cholera asiatica —, epidemische Ge¬
nickstarre —. In der Woche vom 27. Dezember 1914 bis 2 . Januar 191 *>
sind in Wien 819 Personen gestorben (— 72 gegen die Vorwoche).
Sitzungs-Kalendarium.
Donnerstag, 21. Januar, 7 Ohr. desellschaft für innere Medizin und
Kinderheilkunde. Hörsaal v. Pirq uet (IX., Lazarettgasse 14). 1-
monstrationen. 2. Doz. Zappert: Ueber ein gehäuftes Auftreten ge *
artiger Fazialislähmungen bei Kindern.
Freitag, 22. Januar, 7 Uhr. K. k. Gesellschaft der Aerzte. (IX., Frank¬
gasse 8.)
Herausgeber, Eigentümer und-Verleger: Urban * Schwareenberg, Wien und Berlin. — Verantwortlicher Redakteur für Österreieh-Ungarn: Karl Urban, Wie n.
Drnck Ton Gottlieb Gistel ACie., Wien, m., MQnzguse 6.
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Original frnm
UNIVERSUM OF IOWA
Wien, 24. Januar 1915.
XI. Jahrgang.
Nr. 4.
Medizinische Klinik
Wochenschrift für praktische Ärzte
redigiert von B Verlag von
Professor Dr. Kurt Brandenburg » Urban A Schwarzenberg
Berlin j Wien
INHALT: Die Versorgung der Verwendeten und Erkrankten im Krieges Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Th. Rumpf. Ueber einige Schußverletzungen
des Rürkenmarks und Gehirns. (Mit 5 Abbildungen.) Prof. Dr. Rotter, Ueber Brustschüsse. — Abhandlungen: Prof. Dr. G. Nobl. Vorstufen und Haft-
Sitten primärer multipler Epitheliome. (Mit 10 Abbildungen.) — Berichte über Krankheitsfälle und Behandlnngsverfahren: Dr. H. Ditthorn und
Dr. W.Schultz, Zur Antigenbehandlung des Typhus. (Mit 3 Kurven.) Dr. E. B reiger, Die körperlichen Frülisymptome der Dementia praecox. —
Am der Praxis für die Praxis: Dr. Krummacher, Röntgenologische Ortsbestimmung hei Fremdkörpern. — Aus den neuesten Zeitschriften. —
Es Böchfrbesprechungen. — Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen: K. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien. Wiener Lnrvngo-
rhinologische Gesellschaft. Kriegschirurgische Abende in Lille (Frankreich). Aerztlicher Verein in Hamburg. — Kleine Mitteilungen.
Der Vtrlaj bthäll sich das aussehließlieht Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift «um Erscheinen gelangenden Originalbeiträge vor.
Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege.
lieber einige Schußverletzungeti des Rücken¬
marks nnd Gehirns 1 )
von
Th. Rumpf, Bonn.
M. H.! Gestatten Sie mir, Ihnen heute abend einige
Röntgenbilder und Photographien von Schußverletzungen des
Rückenmarks und Gehirns zu zeigen und einige Patienten
voreustellen.
Das erste Bild stammt von einem 30jährigen Reservisten, der am
15. September bei Epernay durch drei Schüsse verwundet wurde, von
gelegt. Hier wurde nach einigen Tagen konstatiert, daß die Beweglich¬
keit der Beine zum Teil wiedergekehrt, und das Gefühl in diesen vor¬
handen war. Die Patellarnllexe waren schwach vorhanden. Aber es
fanden sich gleichzeitig Anschwellungen des Gesichts. Das Röntgenbild
zeigt die Kugel links seitwärts vom zehnten Brustwirbel. Eine stärkere
Wirbelverletzung ließ sich nicht nachweisen.
Die Frage einer Operation wurde naturgemäß erwogen, aber in
Rücksicht auf die nicht verletzte, normal erscheinende Wirbelsäule sowie
das Erhaltenseio des Gefühls und leichter Bewegungen verneint. Trotz
der anfänglich nicht ungünstig erscheinenden Prognose ging Patient unter
Fieber und Entwicklung septischer Prozesse zugrunde.
Die Obduktion ergab keine stärkere Verletzung der Wirbelsäule,
trotzdem aber entzündliche Veränderungen der Rückenmarkshänte und
Abb. 1.
SoDtosion des zehnten Brustwirbels ohne wesentliche Verletzung der
Wirbelsäule. *
»riehen einer den Rücken getroffen batte. Am 10. Oktober sah ich den-
jjib?n zuerst mit einer völligen Lähmung der Beine, der Blase, des
wwirme nnd mit Decubitus. Er wurde zunächst in das Wasserbett
, ) Vortrag, gehalten am 16. November in der Sitzung der nieder-
to&Jichen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde in Bonn.
Abb. 2.
Kugel Im zwölften Brust- und ersten Lendenwirbel.
des Rückenmarks selbst, über die mein Oberarzt, Herr Dr. Horn, später
ausführlich berichten wird. Sie dürften ähnlich denjenigen seio, welche
Herr Finkelnburg in der vorigen Sitzung an mikroskopischen Präparaten
gezeigt bat.
Das zweite Bild stammt von einem 32jährigen Wehrmann, der
am 16. September von zwei Schüssen getroffen wurde und kurze Zeit
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UNIVERSUM OF IOWA
90
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4.
24. Januar.
darauf gelähmt war. Ich sah den Patienten zuerst am 26. Oktober und
konstatierte Erhaltensein des Gefühls an den unteren Extremitäten, Be*
weglichkeit der Oberschenkel und Beckenmusknlatnr. Die Füße waren
nur eine Spur beweglich. Die Sehnenreflexe an den Beinen, der Cre*
masterreflex und Plantarreflex fehlten, vom Abdominalreflex an nach oben
waren die Reflexe erhalten. Neben Blasen- und Mastdarmlähmung fand
sich starker Decubitus. Das Röntgenbild zeigt die Kugel in den Körpern
des zwölften Breul» und ersten Lendenwirbels je zur Hälfte, aber so, daß
otwa ein Viertel der Kugel in das Lumen des Rücken mark k&nals her¬
einragt.
In diesem Falle hätte eine Laminektomie in Frago kommen können,
woil d.e Kugel möglicherweise im heftigen Anprall das Rückenmark ge¬
troffen haben konnte, aber nicht die Kraft hatte, ganz in den Wirbel-
katial einzudringen; indessen waren das Fieber und der Decubitus so
stark, daß ich eine Operation nicht mehr za empfehlen wagte.
Am 4. November erfolgte der Exitus. Die Obduktion ergab, daß
die Kugel mit etwa ein Viertel ihrer Oberfläche in den Wirbelkanal her-
einragte und vermutlich das Rückenmark lädiert hatte. Im Conus fand
sich ein Erweichnngsherd.
Der dritte Fall betrifft einen 19jährigen Kriegsfreiwilligen, der am
25. Oktober 1914 von einem Schüsse getroffen und sofort gelähmt wurde.
Die Kugel war in der rechten hinteren Achsellinie zwischen der 6. und
7. Rippe eingedrungen und links drei Finger breit seitwärts von der
Wirbelsäule zwischen der 10. und 11. Rippe ausgetreten. Als ich ihn am
5. Norember untersuchte, klagte er über rasende Schmerzen, die sich vom
Rücken znm Nabel zogen, und Über geringere Schmerzen in der Blasen¬
gegend. Blase und Mastdarm waren gelähmt; weiter bestand sensible
(bis zum 03 pnbis) und motorische Lähmung der Beine, völliges Er-
loscLeLsein der Reflexe, DecnbitUB.
Das Röntgenbild ergab einen völlig negativen Befund. Trotz dieses
negativen Röntgenbefundes nahm ich auf Grund dos klinischen Bildes
und alter Erfahrungen an, daß das Rückenmark durchschossen sei, und
Knochensplitter oberhalb der Schußstelle in den Rückenmarkshäuten und
eventuell im Rückenmark selbst saßen, nnd voranlaßte Herrn Kollegen
Brinck, die Laminektomie zn machen.
Die Operation ergab, daß die Kugel den Bogen des elften Brust¬
wirbels durchschossen und das Rückenmark glatt durchtrennt hatte.
Ferner fand sich, wie erwartet, ein größorer nnd kleinerer Knochen¬
splitter, die etwas oberhalb der Durchtrennungsstelle tief in die Dura
eingedrungen waren, nnd als Ursache der Schmerzen von mir betrachtet
wurden. Nach der Operation hörten die rasenden Schmerzen vom Rücken
zum Nabel sofort anf und Patient erklärte mir am Abend des Operations-
t»ges, nun hoffe er doch wieder auf die Beine zu kommen. Aber der
Decubitus wurde trotz des Wassorbetts nicht geringer. Zur Blasenläh¬
mung trat stärkerer Blasenkatarrh hinzu. Das Fieber nahm zu und unter
stark-n Schmerzen in den unteren Bauchparlien erfolgte der Tod.
Die Obduktion ergab, daß der Decubitus in die Bauchhöhle durch¬
gebrochen war, eino septische Peritonitis und eine schwere Erkrankung
der B!a*e ausgelöst hatte.
Ueber Einzelheiten und den mikroskopischen Befund in den ge¬
schilderten drei Fällen wird Herr Oberarzt Dr. Horn berichten.
Diese Resultate der Behandlung von Verletzungen der
Wirbelsäule und des Rückenmarks durch Geschosse können
nicht als erfreulich bezeichnet werden. Sie sind bisher un¬
günstiger gewesen, als meine Erfahrungen bei ähnlichen
Läsionen, welche durch Verschüttung im Bergwerke durch
herabfallendes Gestein hervorgerufen wurden. Kollege
Witzei hat sechs Fälle dieser Art, die ich untersucht habe,
operiert. Es handelte sich in allen Fällen um nachweisbare
Läsionen der Wirbelsäule mit mehr oder weniger ausge¬
prägten Erscheinungen von Myelitis transversa. Ein Fall
war durch besonders rasende Schmerzen ausgezeichnet, so-
daß ich außer der Querverletzung des Rückenmarks an¬
nahm, daß oberhalb der Abtrennung ein oder mehrere ab-
gesprengto Splitter in die Dura oder das Rückenmark selbst
cingedrungon seien. Die Operation bestätigte diese An¬
nahme und hatte den Erfolg, daß die rasenden Schmerzen
schwanden. Die Myelitis transversa erfuhr keine Besserung,
aber der an den Beinen völlig gelähmte Patient konnte
später im Rollstuhl umhergefahren werden. Blase und Mast¬
darm erfuhren nur eine geringe Besserung ihrer Funktion.
In einem zweiten Falle wurde durch die Operation von der
durch Wirbelbruch seitlich eingeknickten Wirbelsäule ein
Knochenvorsprung, welcher das Rückenmark nur auf der
einen Seite getroffen und verletzt hatte, entfernt, und das
Rückenmark völlig vom Drucke befreit. Der motorisch und
sensible völlig gelähmte Patient, bei welchem die Blasen-
und Mastdarmfunktion nur wenig beeinträchtigt waren und
Decubitus fehlte, erfuhr eine wesentliche Besserung. Das
Bein der nicht lädierten Seite war nach zwei Monaten nahezu
normal, das Bein der betroffenen Seite bot in der Folge das
Bild einer leichten spastischen Parese. Patient konnte mit
einem Stocke verhältnismäßig gut gehen, wurde so entlassen
und noch längere Zeit in dem gleichen Zustande von mir
beobachtet. Vier Fälle schweren Wirbelbruchs mit
Zerquetschung des Rückenmarks, den schwersten Er¬
scheinungen transversaler Myelitis gingen trotz Lamin¬
ektomie an den Folgen des Decubitus zugrunde.
Diese prozentualen Resultate der Laminektomie in
Friedenszeiten stimmen mit den Erfahrungen der meisten
Autoren an Prozen tzahi der Erfolge überein.
Daß in Kriegszeiten die Behandlungsresultate dieser
Fälle noch ungünstiger sind, liegt vermutlich an dem weiten
Transport bis zum Krankenhause mit der Schwierigkeit
sorgfältigster Behandlung des meist vorhandenen Decubitus,
Vielleicht kommt auch in einzelnen Fällen eine besonders
starke Commotionswirkung in Betracht.
Nichtsdestoweniger werden wir in jedem Fall ein
chirurgisches Eingreifen zu erwägen haben. Fälle, in welchen
das Projektil ganz oder teilweise im Rückenmarkkanale
sitzt, dürften eine wichtige Indikation darstellen, wenn
nicht das Allgemeinbefinden jede Aussicht auf Heilung oder
Besserung ausschließt. Weiterhin werden .Fälle, in welchen
Knochensplitter in die Dura mater, die Wurzeln oder in
das Rückenmark eingedrungen sind, die Operation wünschens-
wert machen, besonders wenn erstere durch ihren Sitz ober¬
halb der Querläsion zu starken Schmerzen Veranlassung
geben. Daß in derartigen Fällen das Röntgenbild zur Diagnose
völlig versagen kann, zeigt der Fall 3. Auch bei starken
Konfigurationsveränderungen der Wirbelsäule mit
der regelmäßig vorhandenen Wirbelfraktur halte ich die
Operation für indiziert. Ob man besser früh oder spät
operiert, hängt von dem individuellen Fall ab. Im ganzen
bin ich bei gutem Allgemeinzustande mehr für die frühe
Operation, einmal, um eine Konsolidation der Knochen in
schlechter Stellung zu vermeiden, und dann, um bezüglich des
Rüchenmarks eine schleunige Entlastung eintreten zu
lassen. In dieser Beziehung erscheint mir der Fall 5 be¬
achtenswert. Ob man in Fällen von Streifschuß der Wirbel¬
säule mit Commotio spinalis (Fall 1) gut tut zu operieren,
ist mir zweifelhaft. Man könnte ja denken, daß eine Spaltung
der entzündlich veränderten Rückenmarkhäute eine raschere
Restitution im Gefolge haben werde. Aber vor dem chir¬
urgischen Eingreifen wird das pro und contra im Einzel¬
falle sehr sorgfältig erwogen werden müssen.
Wesentlich günstigere Verhältnisse zeigten unter unsern
Beobachtungen die Gehirnschüsse.
Ich möchte Ihnen zunächst einen 25jfihrigen Offizier vors teilen,
der in der Schlacht am Semois einen Schaß durch den Kopf erhielt, w
war sofort gelähmt und die Sprache war stark beeinträchtigt Am
31. August wurde er auf meine Abteilung aufgenommen. Ich fand neben
einer Erschwerung der Sprache eine rechtsseitige Hemiplegie mit
leichter Beteiligung des Facialis, Steigerung der Reflexe, Ver¬
lust dos Lagegefühls für Arm, Hand, Finger, geringere Störung
der Hautsensibilität, leichte vasomotorische Störungen am Arme.
Die Untersuchung des Kopfes ergab einen Einschuß *of dem
rechten Scheitelbeine seitwärts der Mittellinie und etwas hinter den
Centralwindungen und einen Ausschuß am linken Seitenwand¬
bein Über dem Ohr in der Gegend der linksseitigen Central Windungen
(Abb. 4).
Das Röntgenbild ließ keine Reste von Kugel oder Knochensplitter
im Gehirne nachweisen. Der Fall verlief überraschend günstig. Fieber
und Erscheinungen von seiten des Gehirns traten nicht auf. Die Sprache
wurde langsam besser; unter Anwendung von Elektrizität und Gymnastix
besserte sich die Gebrauchsfähigkeit der Extremitäten so,
zunächst im Zimmer sich bewegen, dann Spazierengehen konnte. Es bu« D
aber eine starke Parese des rechten ArmB, die Sie heute, noch sehen,
bestehen, die aber durch folgendes charakterisiert ist. Patient kann alle
Beweguhgen des Armes, allerdings langsam und unter leichten spastischen
Erscheinungen, aasführen. Nur die Iaterossei folgen dem WiUensimpd»
nicht, der Daamen und kleine Finger nur mäßig; die Sehnenreflexe am
rechten Arme sind etwas gesteigert. Die Haut der Hand ist etwas
rötlich-cyanotisch und leicht kalt. Das Gefühl der Haut ist für emneae
Berührungen, für spitz und stumpf, kalt und warm, rauh und glatt an
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UNIVERSUM OF IOWA
2Um 2t Januar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. L
91
beiden Binden and Oberarm gleich gut. Die Untersuchung der elektro-
nunen Empfindung ergibt:
Rechts Links
Zeigefiogerrtcken
Vorderarm dora.
erste
erste
Empfin¬
Schmerz
Empfin¬
Schmerz
dung
67
dung
. 85
80
60
. 95
82
82
72
. 86
62
85
60 1
. 100
90
95
85 |
. 102
88
100
85 i
. 97
90
98
85 |
. 98
85
98
85 I
Eine Herabsetzung der elektrocntanen Empfindung rechts ist
also nicht vorhanden.
Sehr dentlich ist das Gefühl für die Lage und Stellung der
Hand and der Finger herabgesetzt. Leichte Bewegungen des
Daumens, des Zeigefingers, Mittelfingers, Goldfingers, kleinen FiDgers,
Dich aufwärts, abwärts, Beugung, Streckung werden teils unvollkommen,
teils nicht empfunden. Das gleiche ist bezüglich der Hand der Fall
Em Sch.Dssel oder ein Messer in die rechte Hand gelegt werden nicht
differeniiert. Auch auf d:e Haut geschriebene Zahlen werden bei ge¬
schlossenen Angen rechts weniger sicher erkannt als links.
Es muß also nach dem Befund am Schädel eine Störung in dem
Centrom för die Bewegungsempfindungen angenommen werden. Es
ist d an sehr interessant, wenn man nach dem Schema von Chipault,
dessen ich mich seit Jahren bediene, die einzelnen Gehirnpartien auf der
Scbädeloberfliche zu fixieren sucht Es zeigt sich dann, daß die Kugel
direkt über der hinteren Central wind ung ausgetreten ist. Die
Centralfarche ergibt eine Länge von 15 cm. Die Austrittsstello erstreckt
sich ron 5 1 /» bis 7 ‘/j cm von oben, 1 cm hinter der Centralfurche. Alan
maß also annehmen. daß die hintere Centralwindung fast genau in
ihrer Mitte von der Kugel durchbohrt ist, während die Kugel auf dem
_ rechten Scheitelbein hinter don
I Central Windungen eingedrungon
ist (Abb. 3).
Abh. 3.
£i?fkhuß durch die Milte der linken
hinteren Central Windung.
Abb. 4.
Verletzung der oberen Partie der rechten
vorderen Central Windung.
Einen Gegensatz zu diesem Falle stellt ein zweiter dar, den ich
tmen heute nur im Bilde zoige, aber bald persönlich vorstellen zu
kConen hoffe.
Es handelt sich um einen 24 jährigen Reservisten H., der am
A August anscheinend einen Streifschuß des Kopfes etwa in der Höhe
?• Scheitels erlitten hatte. Die Untersuchung ergab eine eigentümliche
erletzung des Schädels mit geringer Impression (Abb. 4).
Patient zeigte eine völlige Lähmung des linken Armes und
^ ken Beins, sowieeino geringere Lähmung des rechten Beins.
Dr rechte Ara, das Gesicht, die Sprache, das Gehör und alle Gehirn¬
en waren intakt. Die Lähmung war eine spastische mit Steige-
| D0 £ der Reflexe ohne jede Gefühlsstörung. Auch das Gefühl für
UD< ^ Stellung der Glieder war an dem Arme, den Beinen und Zehen
erhalten.
Nach der Aufnahme in Bonn wurde die Wunde zunächst gereinigt
Knochensplitter entfernt. Der Zustand besserte
®ch bezüglich des rechten Armes und Beins; dagegen nahmen im linken
ö€uie neben Fortbestehen der Lähmungen die spastischen Erscheinungen
fiK n?^ 88 ^ en Streckkrämpfe in der Oberschenkelmuskulatur und
«Tr iZuckungen auch in der Wade auf. Die Sehnenrefl'xo waren
nnJ ii ^ a8 in jeder Qualität erhalten, das Gefühl für Lage
fl otelloag des linken Beins und der einzelnen Zehen war ausge-
Patient konnte nicht nur Zahlen, welche auf die Haut des
, eD ,. ei ^ 8 .ff^cbrieben wurden, bei geschlossenen Augen differenzieren;
p - 4le feiste passive Bewegung jedes einzelnen Zehen des linken
und des Fußes selbst wurde mit geschlossenen Augen sicher
- ! Bei den zunehmenden krampfhaften Erscheinungen nahm ich au,
daß eine Reizung des motorischen Rindenfeldes des linken Beins vorliege
und veranlaßte Herrn Dr. Brinck zur Trepanation. Vorher stellte ich
nach dem erwähnten Schema die Lage der Knochenimpression fest und kon-
z statierte, daß die Impression des Schädels vor der Centralfurche lag
und auf beiden Seiten, besonders aber auf der rechten, die oberen Par¬
tien der vorderen Centralwindung betroffen haben konnte. Nach Frei¬
legung der oberen Partie der vorderen rechten Centralwindung, die
sich vor der Centr&lfurcho durch entzündliche Veränderungen scharf ab¬
hob, entfernte Herr Dr. Brinck über 20 kleine Knochensplitter, die
teilweise in der Tiefe von l 1 /* cm saßen. Die linke obere Central¬
windung schien nicht lädiert.
Am folgenden Tage hatten die Roizerscheinungen dos linken Beins
L etwas nachgelassen, am zweiten Tage konnte Patient das Bern im Hüft¬
gelenke von der Unterlage etwas erheben. Dann wurden Bewegungen
im Fuße möglich. (Ara 7. Dezember konnte Patient gestützt von zwei
i Führern die ersten Gehbewegungen machen, wobei sich zeigte, daß auch
das rechte Bein noch recht schwach war.)
Diese beiden Fälle zeigen zunächst, daß Fälle von
Schußverletzungen der Rindencentren bei dem Fehlen
von Komplikationen zu einer teilweisen Ausheilung ge¬
langen können.
Weiterhin ist bei den beiden Fällen der Gegensatz der
Symptome interessant. In dem einen Fall geringe
spastische Parese mit wesentlicher Störung des
Gefühls für Lage und Stellung des betreffenden Glieds,
in dem andern Fall starke spastische Lähmung des
Beins ohne jede Störung des Lage- und Stellungs¬
gefühls, in dem ersten Fall wesentlich Verletzung der
| hinteren Centralwindung in ihren mittelsten Teilen,
in dem zweiten Fall Läsion der vorderen Central-
I windung in ihrer obersten Partie.
Außer diesen beiden Fällen befinden sich noch
drei Fälle mit Gehirnschüssen auf meiner Abteilung,
einer, bei dem ein Gehirnabsceß mit Kugelfragmentcn
und Knochensplittern entleert ist, zwei mit Hemiplegie.
Sobald ein gewisser Abschluß der Kranklieitsbilder
erzielt ist, hoffe ich sie vorstellen zu können.
Die ersten beiden haben die Erinnerung an einen
Fall wachgerufen, der schon 1888 druck fertig be¬
schrieben vorlag, aber infolge meiner damaligen Berufung
nach Marburg liegen geblieben ist. Damals waren die
Erörterungen über die Stellung der Hitzigschen Rinden¬
felder zur Fühlsphäre Muncks noch häufiger. Ich
habe auf Grund einzelner Beobachtungen von syphi¬
litischer Hemiplegie und Menoplegie 1885 l ) mich dahin
ausgesprochen, daß es neben rein motorischen Mono¬
plegien von seiten der Hirnrinde auch solche der
Fühlsphäre mit geringeren Lähmungserscheinungen
:l,tea gibt. Brieger hat sich auf Grund eigener Beobach¬
tungen dieser Auffassung angeschlossen. Die spätere
Literatur sowie eigene Beobachtungen in demselben Sinne
finden sich bei F. Müller 2 ). Da der Fall aber eine gewisse
Aehnlicbkeit mit dem Fall H. hat, glaube ich denselben
hier schildern zu dürfen.
Anamnese: Patient war bis zu dem jetz : gen Leiden völlig ge¬
sund. Vater und Aiutter starben beide im 8L Jahre. Drei Brüder leben
and sind gesund.
Am 22. Juni dieses Jahres erhielt Patient einen Schlag mit einer
Mistgabel auf den Kopf. Er brtfeh direkt bewußtlos zusammen und wurde
zu Bette gebracht. Die völlige Bewußtlosigkeit dauerte l’/a Tag, doch
schloß sich an diese ein Zustand von Benommenheit an, der noch sechs
bis acht Wochen andauerte. Dabei soll wesentliches Fieber nicht vorhanden
gewesen sein, dagegen eine Unfähigkeit die Gedanken zusammenzuhalten.
Damit war eine große Gedächtnisschwäche verknüpft.
Mit dem Aufhören des Komas und der Benommenheit wurde eine
völlige Lähmung beider unteren Extremitäten sowie des rechten
Armes bemerkt. Anfangs sollen die Beine bis zum Knie auch etwas
gefühllos gewesen sein, doch sei diese Störung gewichen.
Anfangs besserte sich der Zustand etwas. Seit zwei Monaten ist
indessen oine weitere Veränderung nicht eingetreten. Alle übrigen Funk¬
tionen sind angeblich normal. Gesicht, Geruch, Gehör, Geschmack sollen
ganz intakt sein. Stuhl- und Urinentleernng gut.
*) D. m. W., Nr. 44.
») Sml. kiin. Vortr. 394/395.
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Original fro-m
UNIVER5ITY OF IOWA
92
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4.
24. Januar.
Status: Mittelgroßer Mann von gut entwickelter Muskulatur, der
mit völlig steifen unteren Extremitäten zu Bette liegt und beim
Entkleiden nur mühsam mitbehilflich sein kann. Die Knie sind völlig ge¬
streckt, die Füße stehen in Spitzfußstellung.
Der rechte Arm ist im Ellbogengelenke leicht contractu-
riert, die Hand leicht gebeugt, die Fioger. insbesondere der
kleine, ebenfalls gebeugt, der letztere nahezu in Beugecontractur.
Die Muskeln des Armes sind gut entwickelt.
Bei der Aufforderung den Arm zu bewegen, erfolgt nur eine un¬
sichere hin- und herzuckende Hebung in der Schulter und Beugung und
Streckung im EUbogengelenke. Die Hand selbst kann nicht dorsalfluk-
tuiert werden. Alle Bewegungen erfolgen unsicher und unkoordiniert.
Die Beine können von ihrer Unterlage durch Willensanstrengung
nur eine Spur erhoben werden. Dabei tritt ein intensives klonisches
Schütteln derselben ein. Eine Bewegung im Fuß- oder Knie¬
gelenk ist aktiv nicht möglich. Eine Beugung im Hüftgelenk
ist nur bis zu einer geringen Erhebung von der Unterlage möglich.
Emporgezogen kann das Bein in keiner Weise werden. Die Muskeln des
Rumpfes, Rückens und linken Armes funktionieren . völlig normal. Eia
Aufsetzen und Niederlegen im Bett ist dem Patienten aktiv leidlich
möglich.
Der passiven Bewegung im rechten Arme stellen sich deutiicne
und nicht unbeträchtliche Muskelspannungen entgegen. Am be¬
trächtlichsten sind diese im Handgelenk und im kleinen Finger.
Die Beine setzen jeder versuchten p assiven Bewegung hoch¬
gradige Contractur entgegen. Gliichzeitig tritt ein intensives klo¬
nisches Zittern im ganzen Beine, hauptsächlich am Quadriceps und den
Wadenmuskeln deutlich, auf. Diese Zuckungen halten lange Zeit an und
sind nur mit Mühe zu sistieren. Dieselben treten auch bei den meisten
Berührungen der Fußsohle auf und geben das schönste Bild von jenem
Zustande, welchen französische Forscher als Epilepsie spinale bezeichnet
haben. Beklopft man mit der Hand und dem Perkussionshammer
die Sehne des Quadriceps, so tritt dasselbe klonische Zittern ein, an
welchem sich zunächst nur der M. M. quadriceps, dann auch die Waden¬
muskeln beteiligen. Versucht man mit Ueberwinduog der Contractur das
Kniegelenk sehr langsam zu beugen; so gelingt es.
Bei Dorealflexion des Fußes tritt nunmehr der intensivste KIo-
nus auf, an welchem sich auch nach wenigen Sekonden beide M. M. qua¬
driceps beteiligen. Und dann haben wir dasselbe Bild wie oben ge¬
schildert^ g ehnenreflexe im rec hten Arme vom Handende des Radius
und der Ulna sind sehr stark, ebenso bei Beklopfen der Tricepssehne.
Daneben tritt bei beabsichtigtem oder unbeabsichtigtem Beklopfen der
Vorderarmsehnen noch eine Reihe weiterer Reflexe auf. .
Die Sehnenreflexe am linken Arme sind deutlich, in keiner Weise
^ a fi tifli rfc
Läßt man den Patienten sich vom Bett erheben und sich auf den
Rand setzen, so erfolgt dieses unter Schütteln und Zittern.
Wird Patient mit starker Nachhilfe gestellt, so erfolgt ein kloni¬
sches Schütteln der unteren Extremitäten, das jede Fortbewegung unmög¬
lich macht Beim Sitzen auf einem Stuhl erfolgt ebenso fast ständiges
klonisches Zittern. Die rechte Hand kann in keiner Weise benutzt werden.
Patient ißt mit der linken. . , . ,
Von sonstigen Störungen gibt Patient nur an, daß er nicht mehr
so gut pfeifen kann wie früher. Doch läßt sich objektiv nichts eruieren.
Kopf und Kopfnerven im übrigen völlig normal, keine Störung im
Facialis in der Znngenmuskulatur, in den Augenbewegungen. Gesicht,
Gehör und die übrigen Funktionen
normal.
Anf dem Kopfe zeigt
Patient eine die beiden Scheitel¬
beine betreffende, in ihrem Haupt¬
umfange jedoch das linke um¬
fassende Impression. Dieselbe um¬
faßt in der Mittellinie 5,5 cm
und ist von der Nasenwurzel
13,6 cm, von der Spina des Hin¬
terhauptbeins 16,4 cm entfernt
(Abb. 6 ).
Die Impression hat ihre
größte Breite in der Mittellinie
und nimmt von hier nach beiden
Seiten gleichmäßig ab, sodaß
dieselbe an dem unteren Ende
rechts 2 , 6 , an dem linken
unteren Ende einen Durchmesser
von 2,9 cm hat (Abb. 5).
Die Gesamtlänge der Im¬
pression beträgt 9 cm, von diesen
fallen auf das rechte Seiten¬
wandbein 2,5 cm, auf das
linke 6,5 cm, sodaß von der
33 cm betragenden Entfernung zwischen den beiden äußeren Gehör¬
gängen (über die Impression gemessen) 14 auf die Entfernung des
rechten Gehörgangs von dem unteren Ende der Impression, 9'/i auf die
Entfernung zwischen den beiden Punkten der linken Seite entfallen.
Abb. 5.
Verletzung der vorderen Centralwindungen
beiderseits, rechts das Beincentrinn, links
Bein- und Armcentrum umfassend.
Die Ränder der Impression sind meist ziemlich scharf, nnr am
linken Scheitelbein etwas zackig.
Die Tiefe des Eindrucks ist in dem ganzen Bereiche der Verletzung
gleichmäßig und beträgt etwa 1 cm.
Es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, daß in diesem
Falle die Störung auf eine Läsion der motorischen
Rindencentren zurückzuführen ist. Das Trauma des
Schädels entspricht ziemlich genau derjenigen Stelle, unter
welcher wir die oberen Enden der Centralwindungen zu
suchen haben. Aber auch die Richtung der Impression nach
vorn und unten entspricht völlig dem Verlaufe. Um mich
aber weiterhin von der Lage der impressionierten Schädei-
partie zu dem Gehirne zu überzeugen, habe ich das ent¬
sprechende Schädelstück bei einer an Alter gleichen Leiche
entfernt und nach Entfernung der Dura die Gehirnoberfläche
mit Teer angestrichen. Dabei zeigt das Trauma folgenden
Umfang:
Es betrifft die Läsion. Die vordere Centralwindung
rechts in ihren oberen Partien und die vordere Cen¬
tralwindung links bis über die Mitte. Nach vorn er¬
streckt sich allerdings die Impressionsstelle beiderseits, be¬
sonders links noch auf die angrenzenden Stirnhirn¬
partien.
Jedenfalls müssen wir danach eine wesentlich auf die
vorderen Centralwindungen beschränkte Läsion annehmen.
Naturgemäß drängte sich die Frage auf: Wie ver¬
hält sich in diesem Falle die Sensibilität der gelähmten
Teile?
Unter den Empfindungen, welche von der Haut ver¬
mittelt werden, lassen sich mindestens sechs Formen unter¬
scheiden. Zunächst das Vermögen der Haut, Körper in
bezug auf die Größe der von ihnen berührten Fläche zu
unterscheiden. An einer feineren Methode zu dieser Prüfung
fehlt es seither noch; aber wir wissen, daß in der Norm
Spitze und Knopf einer Stecknadel gut unterschieden werden
können, während der Knopf der Nadel und der Finger schon
schwieriger eine Differenzierung gestatten.
Diese Prüfung ergibt non bei unseren Patienten völlig normale
Verhältnisse. Ueberall im Bereiche der gelähmten sowohl wie der ge¬
sunden Körperteilen werden Spitze und Knopf der Nadel unterschieden,
an den meisten Stellen auch Nadelknopf und Finger, sodaß nach dieser
Seite hin eine Herabsetzung der Sensibilität nicht nachweisbar ist.
Wie gestaltet sich nun das Vermögen, zwei gleichzeitige Eindrücke
zu differenzieren, die Untersuchung mit dem Tasturzirkel?
Es ergaben sich folgende Werte:
Vorderarm:
Dorsum.rechts 4,0 links 4.0
Vola. ,2,8 . 2
Fingerspitzen. „ 0,25 „ 0 ,^o
Oberschenkel:
Quadricepsgegend .... „3,6 "07
Peronäusgcgend .... „3.6 «
Wade. 3,6 * 3,7
Fußsohle. „ 2,6(?) „ 2,4^.)
Später. «1,6 > L 3
Stellen wir diesem Ergebnisse die Normalwerte gegenüber,
Vorderarm: ,.
32
03
4.3
4,0
4.0
1,7
so ergibt sich nicht die mindobto Abweichung von der Norm.
Als weitere Prüfungsmethode ist in neuerer Zeit von
mir in die Pathologie die Untersuchung der Empfindung
rauh und glatt eingeführt worden. , ]f
Wie an anderer Stelle ausgeführt worden ist, hao ®
es sich dabei um das Vermögen, discontinuierliche Emdru »
die mit bestimmter Zeitintermittens eine Hautstelle tre ,
zu unterscheiden. Wir prüften auch hier raitdemHeri g
sehen Aesthesinmeter.
Dorsum.
von
2.4
bis
Vola.•
. „
28
ff
Fingerspitzen . . . •
Oberschenkel:
•
0,15
"
Quadricepsgegend . . . .
„
4.0
fl
Peronäusgegend . . . .
„
3,0
n
Wade.
„
3,0
*
Fußsohle.
1,3
f»
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4.
93
24. Januar.
Die Untersuchung ergab: -
Vorderarm:
Dortom.rechts
Volt . 4 .
Fingerspitzen. *
Oberschenkel:
links 5
* 3
Peronl mgegend
Wade .
Fnßsoble
Faßröcken
Demgegenüber schwanken die Normalwerte am
Vorderarm:
Dorsnm.von 3 bis 6
Vola. * 3 „ 6
Fingerspitzen. „ 1 M 2
Oberschenkel:
Quadricepsgegend. „ b n 7
Peronäusgegend. „ 4 „ 6
Wade. „4*6
Foßröcken. M 2 „ 3
Fußsohle. » 1 * 2
Es ergibt sich also auch hier keine Abweichung von der Norm.
Weiterhin wurde die Zeitdauer der Leitung zu dem
Centralorgan geprüft. Aber ob eine Nadelspitze die rechte
oder die linke Hand, das rechte oder linke Bein berührte,
immer erfolgte die äußere Benachrichtigung von dem emp¬
fangenen Eindruck in ganz der gleichen Zeit, sodaß von
einer Verlangsamung der Empfindungsleitung nicht die Rede
sein kann.
Die Pröfang der Allgemeingeflhle ergab, daß Patient ziemlich
Khmerzempßndlich war. Leichte Einstiche mit der Nadelspitze wurden
schon unangenehm empfunden und das Durchstechen einer Hautfalte war
nicht ohne deutlichen Schmerz zu bewerkstelligen. Auch das Kitzel-
gefQhl hatte keine Beeinträchtigung erlitten. Die reflektorischen Be¬
wegungen des Patienten waren natürlich dabei viel starker als in der
Norm.
Den AllgemeingefQhlen reiht sich wohl am zweckmäßigsten die
elektrocntane Empfindung an.
Ihre Untersuchung ergab:
rechts links
Vorderarm:
E. E.
E. S.
E E.
E S.
i - -
Dorsum.
. . 143
115
134
117
i. 1 '
Vola. .....
. 136
113
13 t
122
iv-
Vola m&nui . . .
. 146
124
142
123
Fingerspitzen. . .
Oberschenkel:
. 167
141
160
139
lij-
Qaadricepsgegend .
. 13t
113
133
113
Peronäusgegend. .
. 137
115
137
115
Wade.
. 135
112
138
114
Fußrflcken.
. 134
112
137
117
; r
Faßsohle.
. 154
109
150
111
Die Normalzahlen meines damaligen Apparats lauten:
Vorderarm:
E. E.
E
S.
Dorsom.
. 135
112
107
84
Vola.
. 134
114
112
86
Vola manns . . .
. 139
115
118
78
Fingerspitzen . . .
Oberschenkel:
. 171
156
140
98
Qaadricepsgegend
. 146
112
124
88
Peronäu?gegend . .
. 132
102
118
75
Wade. .....
. 127
116
105
80
Foßrflcken ....
. 146
120
122
85
! 1
Fußsohle.
. 137
121
118
76
Weiterhin wnrde der Teroperatursinn einer Prüfung unterworfen.
In Verbindung mit meinem Schüler Kessler hatte ich kurz zuvor
gefondeo, daß innerhalb der Grade 27 bis 33 die empfundene Differenz
MJ ganzen Körper 0.2 beträgt, falls gewisse Bedingungen in der Wärme
des Zimmers und der Bedeckung des Patienten vorhanden sind. Auch
hei dem Vc rletzten ließ sich an den gelähmten Teilen ganz die gleiche
Empfiodongsschärfe für Temperaturschwankungen nachweisen wie in
der Norm.
Ei ergibt sonach die Untersuchung der sämtlichen Empflndungs-
qaaiitfttea der flaut völlig normale Verhältnisse.
Geben wir nunmehr zu derjenigen Sensibilitäts-
qualität jie als die Empfindung für die Lage und
Stellung der Glieder im Raum in der Pathologie eine
große Rolle spielt und die von Munck bei seinen weitgreifen¬
den Rindenexstirpationen mit der Paralyse gleichzeitig ge¬
lähmt gefunden wurde.
Zunächst wurde die linke Hand in der Weise geprüft,
daß die einzelnen Finger, dann das Handgelenk und Ell¬
bogengelenk in teils rascher, teils, was zur feineren Unter¬
suchung noch zweckmäßiger, in ganz langsamer Exkursion
nach den verschiedensten Seiten bewegt wurden. Dabei
werden rechts dieselben feinen Bewegungen als solche an¬
gegeben wie links, sodaß sich auch hier eine Anomalität
nicht ergibt. Nunmehr wurden den einzelnen Fingern ver¬
schiedene Stellungen gegeben und Patient aufgefordert, mit
der andern Hand die gleiche Stellung einzunehmen. Auch
hier ließ sich nicht die mindeste Abweichung von der Norm
erkennen.
Etwas schwieriger war die Untersuchung der unteren
Extremitäten in bezug auf Muskel- und Stellungsgefühl. Hier
erschwerten die Muskelspannungen jede Exkursion. Aber
auch hier gab Patient bei allen passiven Bewegungen auls
genauste die Richtung der Bewegung an.
Nach alledem ist ein anderer Schluß nicht gestattet,
als daß auch trotz der Lähmung das Gefühl für Lage
und Stellung der Glieder und für die Muskelanspannung
völlig normal ist.
Damit hätten wir jede überhaupt bekannte Art von
Sensibilitätsstörung bei einer zweifellosen Läsion der Hirn¬
rinde mit Paralyse ausgeschlossen und wir müssen daraus
für die Physiologie des Menschen, mit welcher wir uns
ja zu beschäftigen haben, den Schluß ziehen, daß die so¬
genannten motorischen Centren mit der Fühlsphäre
nicht identisch sind.
Der weitere Verlauf der Erkrankung gestaltete sich
wie folgt:
Es trat die Frage heran, ob für den Patienten durch
eine Behandlung noch etwas zu erreichen sei.
Die Ursache der Lähmung mußte zunächst in der Im¬
pression, dann aber auch in eventuellen sekundären Ver¬
änderungen der Rinde und der Hirnhaut gesucht werden.
Sechs Monate waren seit dem Trauma verschwunden.
Es fragte sich nun, ob durch Entfernung des eingedrückten
Schädelstücks noch ein Erfolg erzielt werden konnte. Eine
sekundäre Degeneration der Pyramidenbahnen hatte sich dem
Befunde nach schon an das Trauma angeschlossen und
konnte für das Symptomenbild zum Teil in Anspruch ge¬
nommen werden.
Aber es lag doch die Möglichkeit vor, daß unter dem
Drucke der Schädeldeeke einzelne RindeDpartien mit zuge¬
hörigen Bahnen daran verhindert wurden, für die verlorenen
einzutreten. Und so schlug ich Herrn Geheimrat Rühle,
welcher mir den Fall zur Untersuchung Überwiesen hatte,
vor, eine Exstirpation des dislocierten Schädelknochens vor¬
nehmen zu lassen.
Es wurde diese von Herrn Prof. Trendelenburg ausgeführt, und
dabei fand sich die Dura im ganzen normal mit Ausnahme einer
strahlenförmigen Narbe, die ihren Sitz hatte oberhalb der linken Cen-
tralwindungen, und zwar in den untersten Partien der lädierten Stelle.
Doch ging die Narbe nicht weiter als der Bereich der frei gelegten Dura.
Eine Ursache für die Narbe, wie Knochensplitter oder eine andere Ver¬
anlassung, ließ sich nicht nachweisen.
Ein weiterer Eingriff wurde nicht vorgenommen und nach Ent¬
fernung des ganzen eingedrückten Knochenstücks wurde die Haut sorg¬
fältig vernäht.
Nach der bald erfolgten Heilung wurde Patient auf die innere
Klinik transferiert und mir von Herrn Geheimrat Rühle zur Behandlung
überwiesen.
Diese beBtand in der Anwendung schwacher galvanischer Ströme
von langer Dauer, vor allem aber in Gymnastik.
Und das Resultat dieser und der Operation ist entschieden
günstiger, als es nach manchen Anschauungen zu erwarten war.
Als ich den Patienten drei Wochen nach der Operation
wieder untersuchte, konnte Patient die Hand über die
Mittelstellung dorsalfluctuieren, der kleine Finger war nicht
mehr contracturiert. Ferner konnte Patient beide Beine von
der Unterlage erheben, ohne daß Zittern eintrat. Ebenso
vermochte Patient mit Nachhilfe zu stehen und einige kleine
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94
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK
Nr. 4.
24. Januar.
Schritte zu machen. Auch die Zehen des linken Beins
konnte Patient wieder bewegen.
Natürlich waren die Muskelspannungen und die hoch¬
gradigen Sehnenreflexe in keiner Weise verändert. Die Sen¬
sibilität verhielt sich geradeso wie früher.
Patient hat dann in der Folge noch weitere Fort¬
schritte gemacht, sodaß er jetzt mit einem Stock im Zimmer
umhergeht. Der Gang ist allerdings langsam und spastisch,
aber da noch ständige langsame Fortschritte vorhanden sind,
so ist der Erfolg der Operation ein guter.
Jedenfalls ist dem Patienten dadurch die Möglichkeit
der Fortbewegung aus eigner Kraft gegeben, während die
gelähmte Hand kaum noch eine leichte Parese zeigt und
Patienten wieder mit der rechten Hand zu essen und zu
schreiben gestattet. _
Aus den Feldlazaretten SB, 34, 35, 36 des VH. Reservekorps.
Ueber Brustschüsse
von
Prof. Dr. Hotter, Berlin,
Beratender Chirurg des VII. Reservekorps.
In der Zeit von Ende August bis Anfang Oktober 1914
sind in den vier Feldlazaretten (33, 34, 35 und 36) des
VII. Reservekorps während der Belagerung von Maubeuge
und zumeist während der Schlacht an der Aisne 225 Brust¬
schüsse behandelt worden, von welchen
I. 110 Fälle nicht perforierende, also Brust¬
wandschüsse gewesen sind. Bei 62 derselben war die
Verletzung durch Artilleriegeschosse (Granat en und Schrapnell),
bei 43 Fällen durch Gewehrkugeln und bei drei Fällen durch
Bajonett, Verschüttung und üeberfahren und bei zwei Fällen
durch unbestimmte Ursache entstanden. Obwohl die Ver¬
wundungen in der Majorität der Fälle durch großkalibrige
Geschosse erzeugt waren, ist doch die Mortalität eine über¬
aus günstige, denn nicht einer ist der Verletzung erlegen.
Es muß dabei allerdings betont werden, daß viele von den
Verletzten sehr früh, oft schon nach 24 Stunden aus den
Feldlazaretten zur Etappe abtransportiert wurden und daß
es sehr wahrscheinlich ist, daß der eine oder andere Ver¬
letzte noch einer Infektion erlegen ist.
Den 110 oben besprochenen Brustwandschüssen stehen
II. 115 perforierende Brustschüsse gegenüber, von
welchen 14 = 12 °/ 0 gestorben sind.
A. Bezüglich Art der Geschosse überwiegen auch bei dieser
Gruppe die Artillerieverletzungen, welche mit 67 Fällen den
48 Gewehrschußverletzungen gegenüberstehen. Merkwürdiger¬
weise ist entgegen sonstigen Erfahrungen die Mortalität bei
den Verletzungen mit großkalibrigen Geschossen nicht höher
als bei denjenigen mit kleinkalibrigen Geschossen, nämlich
10 °/ 0 bei Artillerie- respektive 11 °/ 0 hei Gewehrschüssen.
Diese Erscheinung wird bei unserm Material dadurch be¬
dingt, daß beim Feldlazarett 36 unter acht Fällen von
Infanterieverletzungen drei Todesfälle = 38 °/o Mortalität
sich befinden, während bei den drei andern Lazaretten
bei Gewehrschüssen nur eine Mortalität von 8 °/ 0 vorhanden
ist. Von den drei Todesfällen wurde der letale Ausgang
einmal durch innere Blutung und zweimal durch Infektion
des Hämothorax bedingt. Es kann diese hohe Mortalität
bei der kleinen Zahl (von acht Fällen tot drei) durch einen
Zufall bedingt sein, indes scheint mir der Gedanke nicht
ungerechtfertigt, daß vielleicht Dum-Dum-Verletzungen Vor¬
gelegen haben, da das Feldlazarett 36 aus den Stellungen
gegenüber den Engländern sein Material erhielt.
B. Bezüglich der Lokalisation der perforierenden
Brustschüsse können wir schon a priori erwarten, daß
jene Fälle, bei welchen das Geschoß die lateralen Teile der
Brust durchdringt, die besten Aussichten auf einen glück¬
lichen Ausgang besitzen, während die SchÜBse in der me¬
dialen Gegend der Brust, wo die großen Gefäße und der
Lungenhilus sich befinden, weit gefährlicher sein müssen.
Meine Tabelle hat nach dieser Richtung folgendes ergeben:
Unter 71 l ) Fällen hatte das Geschoß 30mal die Brust in
der lateralen Region getroffen und nur in einem Fall einen
letalen Ausgang (3V 2 °/o Mortalität) nach sich gezogen. Dieser
Fall erlag einem Schrapnell-Steckschüsse, der in den unteren
Teil der rechten Scapula eingedrungen war und kurz nach
der Aufnahme in das Feldlazarett infolge innerer Blutung
starb.
Verhältnismäßig recht häufig ist die Schltisselbein-
gegend von Geschossen getroffen worden, nämlich in
26 Fällen mit nur zwei Todesfällen = 8 % Mortalität, und
zwar in elf Fällen in der Regio surpa- und in 13 Fällen in
der Regio infraclavicularis. Die Ciavicula war anscheinend
in keinem Falle zerschmettert. Der Schußkanal verlief meist
zur Scapula oder der Axillargegend oder zum unteren Brust¬
raume. Die beiden gestorbenen Fälle erlagen unter schwerster
Dyspnöe einer inneren Blutung.
Eine dritte Gruppe von Fällen umfaßt die Schüsse,
welche in der medianen Zone, also in das Sternum oder
nahe neben demselben eingedrungen sind.
Bei zwei Fällen riß das Geschoß eine tiefe quere
Rinne in das Manubrium sterni und drang — quer verlaufend —
in die Lunge ein, was durch Bluthusten bewiesen wurde.
Unter Tamponade trat glatte Heilung ein.
Bei fünf Fällen drang das Geschoß dicht neben dem
Sternum in die Tiefe, und zwar viermal rechts mit einem
Todesfall und einmal auf der linken Seite mit Genesung.
Bei zwei Fällen durchschlug die Kugel das Manu¬
brium sterni, von denen der eine Fall, bei welchem das Ge¬
schoß hinten im Bereiche der Scapula den Körper verließ,
durchkam, während der andere sieben Tage nach der Ver¬
letzung starb. Bei letzterem war ein offener Pneumothorax
erzeugt, zu welchem noch eine Pneumonie und innere Blutung
hinzukam. Demnach sind von den neun Schüssen der me¬
dialen Region zwei gestorben.
Gehört schon ein überaus glücklicher Zufall dazu, daß
eine Kugel, die in den Brustkorb in der Mittelregion ein¬
dringt, den Menschen nicht tötet, noch mehr muß man ver¬
wundert sein, wenn ein glücklicher Ausgang bei einem Schuß-
kanal eintritt, welcher von der einen Seite der Brust
hinein und zur andern Seite heraus verläuft.
Bei Fall 33/101 lag der Einschuß links im untern Teil
der Scapula und der Ausschuß rechts vorn in der Axillarlinie,
und bei Fall 34/231 lag der Einschuß eines Granatsplitters
links vorn im zweiten Intercostalraum und der Ausschuß
rechts in der vorderen Axillarlinie in Höhe der vierten
Rippe. Obwohl der Ein- und Ausschuß drei- bis fünfmark¬
stückgroß war, erfolgte doch ein guter Verlauf.
Zum Schlüsse sei noch ein Fall erwähnt, hei welchem
drei Granatsplitter in die Brust eindrangen: einer dicht
unter der Mammilla, ein zweiter durch den Processus
xiphoideus und ein dritter in der Axillarlinie in Höhe der
zwölften Rippe, und der trotzdem eine gute Rekonvaleszenz
durchmachte.
C. Am meisten interessieren uns bei den perforieren¬
den Brustschüssen die Symptome, Komplikationen des
Verlaufs und die Mortalität.
1. Blutiger Auswurf ist unter 69 Fällen 2 ) 22mal
verzeichnet. Es kann sein, daß derselbe häufiger yorge-
kommen ist und nicht notiert wurde. Indessen fand ich in
den Krankengeschichten recht häufig den besonderen ver¬
merk, daß blutiger Auswurf bei Fällen, bei welchen nacn
der Richtung des Schußkanals das Geschoß bestimmt dio
! ) Fflr diesen Gesichtspunkt der Lokalisation der Lungenschttsse
konnten nur 71 Fälle verwertet werden, weil die Krankengeschichten o
36. Feldlazaretts bereits an die Etappen abgeschickt waren.
5 ) Für die Besprechung der Symptome von 1., 2., 3 . konnten n
die 69 Fälle der Feldlazarette 33, 34 und 35 verwertet werden.
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Luiure durchquert hatte, gefehlt hat. ,Das Auswerfen von
Hiiit 8 *dauerte in der Regel nur wenige Tage bis eine Woche,
selieu länger. Große Mengen von Blut sind anscheinend
niemals ausgeliustet worden.
2. Ueber das Vorhandensein von Hautemphysem
,:nd nur in 8 Fällen [unter 69 Fällen 1 )] Aufzeichnungen
vorhanden. Es war auf die Thoraxwand beschränkt, hat
in keinem Falle größere Dimensionen angenommen und ist
in kurzer Zeit — nach einer Reihe von Tagen — wieder
verschwunden. Nur bei einem Fall (Dr. Petermann), wo
die Kugel in der Gegend des Lungenhilus eingedrungen war,
hat sich das Emphysem vom Halse bis zu den Oberschenkeln
ausgedehnt, ohne indes den glücklichen Ausgang zu vereiteln.
3. Leber die Körpertemperatur ist in 12 Fällen
[unter DH 1 ]) angegeben, daß sie nicht gesteigert war. In
einer ganzen Reihe von Fällen war bemerkt, daß ein Hämo-
ihorax nicht vorhanden war, also eine Gelegenheit zu Blut¬
resorption und der durch sie bedingten Temperatursteige-
ruag fehlte. — Bei 31 Fällen ist das Vorhandensein von
Fieber notiert, und zwar bei 20 Fällen leichten Grades bis
und wenig darüber, das nach ein bis zwei Wochen
verschwunden ist und wohl meist durch Blutresorption aus
dem Iliimothorax bedingt war. — Bei den Testierenden
11 Fällen erklärte sich die Temperatursteigerung durch In¬
jektion, sei es infolge von Eiterung der Brustwandwunden,
oder des Hämothorax oder eines offenen Pneumo-pyo-Thorax.
4. Der einfache geschlossene Hämothorax ist in
den Krankengeschichten von 115 Fällen 2 ) 43 mal erwähnt.
M 5 derselben erreichte er einen solchen Umfang, daß in¬
folge der Behinderung der Atmungs- und Herztätigkeit der
Tod eintrat. (Feldlazarett 38, Fall Nr. 589 und 20, Feld¬
lazarett 34, Fall Nr. 32 und 69 und Feldlazarett 36, Fall
Nr. 22.)
5. Ein geschlossener Hämo-Pneumo-Thorax ist
5mal verzeichnet. Die dadurch bedingten Kompressions-
erscheinungen verursachten bei 2 Fällen keine schwereren
Störungen —, führten indes bei 3 Fällen zum Tode. Unter
der, letzteren befindet sich aus Feldlazarett 35 der Fall 156,
bei welchem rechts ein großer Hämo- und links ein großer
Pneumothorax vorlag. Ueber die beiden andern defuncten
Fälle fehlen genauere Angaben.
Anscheinend ist das in den Pleuraraum ergossene
Blut in keinem Falle von der eingedrungenen Luft infiziert
worden.
6. Bei 3 Fällen, von denen 2 gestorben sind, ist ein
geschlossener Hämothorax durch eine Infektion zu einem
Hämo-pvo-Thorax verwandelt worden.
Bei dem durchgekommenen Falle (Feldlazarett 34)
batte der Schuß im linken Pleuraraum einen Hämothorax
erzeugt, welcher bis zur Mitte der Scapula reichte. Außer¬
dem hatte ein in der linken Unterbauchgegend eingedrun¬
gener Steckschuß eine Darmschlinge verletzt. Im Anschlüsse
daran bildete sich bei konservativer Behandlung ein Douglas-
absceß, der per rectum entleert wurde, und eine Eiteruüg
auf der linken Beckenschaufel, nach deren Entleerung durch
Incision sich eine Darmfistel bildete. Wenige Tage später
wurde, nachdem wegen des fortbestehenden Fiebers der
Hämothorax zur Probe punktiert worden war, der vereiterte
Bluterguß durch Rippenresektion entleert, worauf eine gute
Monvalescenz folgte.
W ährend bei dem eben besprochenen Falle die Infektion
wohl durch das Geschoß in den Bluterguß getragen worden
f gelangte bei einem zweiten Falle (Feldlazarett 36, Nr. 23)
durch eine doppelseitige Pneumonie die Entzündung in den
Pleuraraum und führte zum Tode. — Ueber den dritten
Ml (Feldlazarett 36, Nr. 24), welcher gestorben ist, fehlen
genauere Angaben.
j- die Besprechung der Symptome von 1 ., 2., 3. konnten nur
y , 7 ® der Feldlaurette 33, 34 and 35 verwertet werden.
) Also inklusive Feldlazarett 36.
7. Ein offener Pneumo-pyo-Thorax wurde iu
9 Fällen, von welchen 4 starben, durch das Geschoß er¬
zeugt, indem unter Zerschmetterung einer oder mehrerer
Rippen die Pleurahöhle in offene Uommuni cation mit der
admosphärischen Luft gesetzt wurde. Diese großen Defekte
wurden bis auf 2 Fälle durch Artilleriegeschosse in der
Brustwand erzeugt. Wie schon erwähnt, sind 5 Fälle durch¬
gekommen, und zwar ein Fall vom Feldlazarett 35, bei
welchem Fenner einfach ein Drainrohr in den Brustwand¬
defekt steckte und damit eine genügende Entleerung der
Pleurahöhle erreichte.
Bei dem zweiten Falle (Feldlazarett 33, Nr. 113,
Petermann) wurden eine Reihe von Fragmenten der zer¬
trümmerten Rippen entfernt und dann Drainage hergestellt.
Beim dritten Falle lag die für zwei Finger durchgän¬
gige Schußöffnung auf der Vorderseite der rechten Brust¬
wand nach innen und unten von der Brustwarze. Da bei
dieser Lage der Oeffnung der Abfluß des Eiters ungenügend
war, hat Butz (Feldlazarett 34) an der typischen Stelle der
hinteren Brustwand die Rippenresektion vorgenommen und
einen guten Verlauf erzielt.
Ueber den vierten und fünften durchgekommenen Fall
(Feldlazarett 36, Nr. 7 und 21) fehlen genauere Angaben.
Unter den vier letal geendeten Fällen handelte es sich
einmal um einen Fall (Petermann, Feldlazarett 33, Nr. 66),
bei welchem das Geschoß im oberen Teil des Sternums einen
größeren Defekt gesetzt hatte, aus welchem die Luft brodelnd
aus- und einstrich. Eine hinzutretende Pneumonie machte
am siebenten Tage dem Leben ein Ende. — Die Testieren¬
den 3 Fälle, welche dem Feldlazarette 36 entstammen,
starben an den Folgen der Infektion, an Störungen des
Kreislaufs und der Atmung. Es sei noch erwähnt, daß
bei einem dieser Fälle noch der Ductus thoracicus ver¬
letzt war.
8. Der Abtransport zur Etappe erfolgte nach den
Aufzeichnungen der Feldlazarette 33 und 34 ungemein
früh, nämlich:
bei 10 Fällen (20°/o) nach 2 bis 3 Tagen
. 17 * (35 o o) „ 4 „ 7 „
* 13 * (30%) „ 8 „ 9 „
. 5 . U5%) * 12 „23 „
Da die Patienten bei dem frühzeitigen Abtransport
schnell unserer Beobachtung entgangen sind, so ist es wohl
denkbar, daß der eine oder andere Fall noch nachträglich
Komplikationen durchzumaclien hatte oder gar gestorben ist.
Werfen wir am Schluß einen Blick auf unser vorlie¬
gendes Material von Lungenschüssen, so interessieren uns
speziell die Gefahren, welche das Leben der Verwundeten
bedrohten.
Unter denselben steht an erster Stelle die Blutung,
welche beim geschlossenen Hämo- respektive Hämopneumo-
thorax in acht Fällen durch zu reichliche Blutansammlung
und die dadurch bedingte Kompression in der Brusthöhle so
große Kreislauf- respektive Atmungsstörungen verursachte,
daß der Tod eintrat. Man wird hier die Frage stellen, ob
es nicht möglich gewesen wäre, durch Entleerung des Bluts
mittels Punktion eine Entspannung, eine Druckentlastung
in der Brusthöhle herbeizuführen. Diese Frage ist verschie¬
den zu beantworten, je nachdem wir einem Falle kurze Zeit
nach der Verletzung, in den ersten Stunden und Tagen oder
erst später gegenüberstehen. Bei frischen Fällen, wenn
die Dyspnöe sehr groß, der Puls klein und der Hämothorax
umfangreich ist, sollen wir da punktieren und Blut ablassen
oder abwarten? Die Erfahrung lehrt, daß sehr oft der an¬
fangs sehr beängstigende Zustand unter Morphium sich
bessert und dann ein Eingriff zur Herabsetzung des intra-
thorakischen Druckes überflüssig wird. Bei andern Fällen
ist der Kräfteverfall von vornherein so hochgradig, daß man
jede Hoffnung, durch eine Punktion helfen zu können, auf¬
gibt, zumal die vielleicht zum Stehen gekommene Blutung
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96
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4.
24. Januar.
durch eine Druckherabsetzung im Hämothorax — wie die
Literatur sagt — sich wiederholen könnte. Unter diesen
Verhältnissen ist, wie ich glaube, bei uns in frischen Fällen
überhaupt nicht punktiert worden. —■ Bei älteren Fällen,
einige Tage nach der Verletzung, oder noch später ist die
Punktion zur Beseitigung der Dyspnöe nicht mehr in Frage
gekommen. Sie ist aber mehrfach ausgeführt worden — aus
einem andern Grund, um die langsam fortschreitende Re¬
sorption der Blutergüsse abzukürzen — und dann mit gutem
Erfolge. —
Ein sogenannter Spannungspneumothorax hat nur
in einem Falle zum Exitus letalis beigetragen, wo auf der
einen Brustseite ein Hämo-, auf der andern ein großer Pneumo¬
thorax festgestellt wurde —; er stellt also eine seltene Kom¬
plikation dar.
Als dritte und wichtigste Komplikation des Wundver¬
laufs der Lungenschüsse ist die Infektion zu nennen. Sie
stellt hier, im Vergleiche zu den Extremitätenschüssen, ein
relativ seltenes Ereignis dar. Denn unter den 115 Fällen finden
sich nur 12 (Gruppe 6 und 7), in welchen die Brusthöhle
infiziert worden ist, sei es, daß beim geschlossenen Hämo¬
thorax (drei Fälle) durch das Geschoß oder durch eine Pneu¬
monie die Infektion hineingetragen —, sei es, daß durch die
Schußverletzung selbst ein offener Pneumothorax hergestellt
wurde. An diesen zwölf infizierten Fällen wurden vier ope¬
rative Eingriffe ausgeführt, die wenigen, welche bei den
115 Fällen von Lungenschüssen überhaupt notwendig wur¬
den — nämlich zwei oder drei Rippenresektionen, um
dem Eiter Abfluß zu verschaffen (bei geschlossenem Hämo-
pyothorax ein Fall Busch geheilt und Fall 3 fraglich wegen
Empyem, und bei offnem Pneumothorax Fall Butz Resectio
costae hinten, weil das Loch in der Vorderwand keinen ge¬
nügenden Abfluß gewährte). Bei einem Falle wurden Frag¬
mente der zerschmetterten Rippe (Petermann) entfernt.
Von diesen zwölf infizierten Fällen sind sechs gestorben,
nicht alle an den Folgen der Infektion allein. Bei den Fällen
mit offenem Pneumothorax haben auch die Störungen der
Circulation und Atmung mitgewirkt.
Von den 14 Todesfällen unter der Gesamtzahl von 115
Lungenschüssen sind 8 Fälle der Blutung und 6 Fälle
der Infektion im Verein mit den Störungen der Atmung und
des Kreislaufs erlegen.
Betrachten wir noch die 9 Fälle von offenem Pneumo¬
thorax für sich allein, bei denen das „mechanische Gleich¬
gewicht des Brustinhalts“ plötzlich — (weil keine Verwach¬
sungen des Brust-Rippenfells vorher bestanden haben)
durch eine weite Eröffnung des Pleuraraums gestört wurde,
so müssen wir gestehen, daß die vier Todesfälle eine relativ
geringe Mortalität (etwa 40 °/ 0 ) darstellen.
Alles in allem können wir also die in der Literatur
niedergelegte gute Prognose der Lungenschüsse durchaus
bestätigen.
Abhandlungen«
Aus d. Abteil, f. Hautkrankheiten u. Syphilis d. allg. Poliklinik Wien
(Vorstand: Prof. G. Nobl).
Vorstufen und Haftstätten primärer multipler
Epitheliome
von
Prof. Dr. G. Nobl, Wien.
Das selbständige simultane Auftreten mehrsitziger epithe¬
lialer Neubildungen in den einzelnen Organsystemen ist lange Zeit
hindurch angezweifelt worden. Kamen ähnliche Vorkommnisse
zum Ausweise, so wurden sie im Sinn einer Versetzung von Zellen
und Zellkomplexen gedeutet, wobei die aus der Continuität der
primären Geschwulst gelösten Epithelien auf dem Wege desLympb-
stroms oder durch Vermittlung des Blutgefäßsystems verschleppt,
an entfernten Standorten als Ansatz neuer Tumoren dienen sollten.
Ueberdies war für die Erklärung doppelter Geschwulstanlagen an
benachbarten Flächen die Annahme sehr naheliegend, daß es sich
hierbei um eine Kontaktimplantation oder richtiger gesagt Ab¬
klatscherscheinung handelt. Das doppelte Hautcarcinom an der
Ober- und Unterlippe, am Hodensack, an Ohr und Retrovesicular-
gegend, an den Brüsten, das Zusammenfällen von Krebsflächen an
den Handrücken, ferner die scheinbaren Kontaktformen des Car-
cinoms an den Stimmbändern, an den Gebilden der Mundhöhle
(Zunge und Wange), im Verdauungstrakt (Oesophagus, Magen)
und Urogenitalapparat (Blase, Ureteren, Ovarien, Tuben, Uterus)
boten hierfür genügende verlockende Anhaltspunkte. Daß es von
einem primären, oft okkultstrotzenden Carcinom aus zu singulären
und multiplen hämatogenen und gelegentlich auehlymphogenen Meta¬
stasen kommen kann, gehört zu den fundamentalen Feststellungen
der Krebshistogenese und liegt es nicht im Rahmen meiner Aus¬
führungen, auf diese allgemein bekannten Zusammenhänge näher
einzugehen. Gestattet sei mir, anzuführen, daß gerade die Haut
zu jenen Organen zählt, welche am allerseltensten den Sitz mul¬
tipler Krebsmetastasen abzugeben pflegt; so konnte Gurlt bei Zu¬
sammenstellung von 16 687 Fällen kein einziges Mal Angaben
finden, die für eine Einbeziehung der allgemeinen Decke in die
hämatogene Aussaat gesprochen hätten. Die zur Beobachtung ge- j
langonden multiplen Einstreuungen sekundären Hautkrebses nehmen |
meist von Primärläsionen des Magens (Daus, Kreibich, Fasal,
Reitmann) und der weiblichen Genitalien (Offergeld) den Aus- |
gang (Clairmont, Roesseler, Lippmann). |
Plattenepithelkrese im Unterhautbindegewebe bei primärem i
Pankreascareinom beobachtete L. Preti (1900). S. A. Azua
(1909) berichtet über Metastasen der Brust-, Bauch- und Kopf¬
haut bei einem Blasenkrebse. Häufiger als die Neubildungen
innerer Organe steuert das Mamacarcinom zu cutanen Ein¬
streuungen bei, doch handelt es sich hierbei mehr um die conti-
nuierliche Fortleitung der Aftermassen in die Umgebung durch
Einstrich in die Lymphbahnen, um den sogenannten „carcinoma-
tösen Lymphinfarkt“ im Sinne Unnas. In diese Gruppe fallen
Beobachtungen von Eitner und Reitmann 1 ), Azua 2 ), D.Müller 5 ),
Kreibich (1907), Pollitzer 4 ), O’Brien, Daus 5 ) und Andern.
Als ganz eigenartige blasenbildende Kontinuitätsmetastasen zu
deuten wären auch sklerodermatisch beschaffene, von rasch ver¬
krustenden Blasen eingenommenePlaques, welche R. Goldschmidt 6 )
bei einer 55 jährigen Kranken im Anschluß an einen Unterschenkel¬
krebs entstehen sah, der auf gummös verändertem Boden zur Pro¬
liferation gelangte.
Sieht man von den metastatischen Bildungen ab, so muß
nach dem heutigen Wissensstände die Haut, gleich den inneren Or¬
ganen (Verdauungstrakt, Uterus, Ovarien, Harnblase) als ein
Terrain betrachtet werden, auf welchem voneinander völlig unab¬
hängige doppelte und vielfache carcinomatöse Anlagen zur Ent¬
wicklung gelangen können, die entweder unter dem Einflüsse ge¬
meinsamer ätiologischer Momente stehen oder aber ohne nachweis¬
bare äußere Veranlassung miteinander in scheinbar zufällige Kom¬
bination treten.
Hierzu kommt noch die Möglichkeit eines simultanen Auf¬
tretens von Hautkrebsen mit den gleichen Veränderungen in ver¬
schiedenen andern Organen, wio Gesichtskrebs neben Magenkrebs
(Beseler), Lippenkrebs neben Rectumkrebs, Lebercarcinom und
Wangen krebs (Herxheimer), Krebs des Fußes neben Magen-
carcinom (Cordes), Aufsaaten an den Lidern, des Gesäßes, der
Gesichtshaut in Gemeinschaft neben Carcinomen des Mastdarms,
der Mamma, Vaginalportion (Volkmann, Kaufmann,Lubarscn,
Bryant, Miehelson, Williams, Hutchinson, Graviller,
Tsugi) usw.
Die multiplen primären Hautcarcinome mit getrennter Ent¬
stehung und gemeinsamen provokatorischen Bedingungen sind teils
als Produkte der mechanischen, chemischen oder aktinischen Ge¬
websschädigung aufzufasBen, teils können sie mit präparatorischen
’) Arch. f. Derm. Bd. 99.
Mh. f. prakt. Derm. Bd. 49.
s ) Derm. Zschr. 1908.
4 ) J. of cut. dis. 1909.
6 ) Virch. Arch. Bd. 190.
r ) Z«chr. f. Krebsforsch. 1909.
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24 Januar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4.
97
pathologischen Hautzust&nden in ursächliche Beziehung gebracht
worden.
Die Beziehungen der krebsigen Hautdegeneration zu trau¬
matischen Einwirkungen hat prompt noch W. Röpke zura Gegen¬
stand eingehender Untersuchungen 1 ) gemacht und die Entstehung
der Neubüdung bei 1748 Fällen des Lippen-, Gesichts- und Kopf-
hautcarcinoms der Jenaer Klinik 141 mal (11,8 %) auf ein ein¬
maliges Trauma zurückführen können. Von diesem Gesichtspunkt
aus köanen die allerdings sehr seltenen Impf- und Impiantations-
carcinome an die epitheliale Oberfläche nach Stichverletzungen
(Punktionskanälen, OperationBnarben) ausgelegt werden. Für die Er¬
klärung der wiederholt nachgewiesenen Disposition der Teer- und
Paraffinarbeiter (Ruß-, Steinkohlenteerkrebs, Aßphaltkrebs, multiple
Scrotalepitheliome der Schornsteinfeger) zu multipler, warziger
Bildung, die dann der krebsigen Entartung anheimfallen, haben
die prägnanten experimentellen Versuche von B. Fischer (1906,
1909), Stoehr und Wächter (1910), Fricke, Borst und Andern
einiges beigetragen, indem sie den Beweis erbringen, daß sich
mittels Paraffinölinjektionen dem Plattenepithelkrebse der Haut
durchaus ähnliche Wucherformen des Epithels hervorrufen lassen,
ln gleicher einwandfreier ätiologischer Anerkennung als diese
äußeren chemischen Instrumente stehen von innerlich oder sub-
cutan verabreichten Medikamenten die Arsen Verbindungen (XJII-
mann, Weidenfeld), welche geradezu exanthematisebe Krebs¬
aussaaten zu provozieren vermögen.
Schwerer ergibt sich die Gelegenheit für die verläßliche Ver¬
folgung der genetischen Spuren jener mehrseitigen Epitheliome,
welche von krankhaften Veränderungen der Oberhaut oder ent-
jöndlich-infiltrativen und atrophischen Zustandsformen des Coriums
ihren Ausgang nehmen. Die multiple krebsige Degeneration von
Verbrennunganarhen, das Auftreten mehrerer isolierter Carcinome
am Grund invebrierter Ulcera cruris, das Verhältnis von Krebs-
knoten zu den atrophischen Herden des Lupus erythematosus, die
Darchstreuung cicatrisierter Lupusvulgarisflächen des Gesichts von
mi bis drei fungösen Krebsgeschwülsten, habe ich als verein¬
zeltes Vorkommnis, gleich wie Lang 2 ), Bargues 3 ), Dubreuilh
undPetges, Eckermann, L. Zweig 4 ), v. Sequeira und Andere
beobachtet. Doch handelt es sich bei diesen Lupus- und Narben-
carcinomen doch meist nur um multizentrische, das heißt von
mehreren nachbarlichen frei ausgehenden Proliferationsformen, die
schließlich zu einer gemeinsamen Geschwulst zusammenfließen.
Ein genaueres Augenmerk möchte ich an dieser Stelle nur
jenen multiplen primären voneinander entfernt sitzenden
Epitheliomen zuwenden, als deren Vorstufen senile
Wamnaussaaten und durch Einwirkung aktinischer Po¬
tenzen hervorgerufene Keratome anzusprechen sind. In
mehrjähriger Verfolgung der genetischen Beziehungen konnte ich
die Wahrnehmungen machen, daß gerade die Formen es sind,
welche am häufigsten zum Bilde der generalisierten Epithelioma¬
tose beisteuern und hiermit gleichzeitig die Möglichkeit zu einer
frühzeitigen Feststellung der einsetzenden malignen Umwandlung
Bei dieser Gelegenheit scheint es nicht überflüssig zu sein,
auf den Begriff der senilen Warzen etwas eingehender hinzu-
weisen, zumal nicht nur über den Ablauf der zugehörigen degene-
rauven Gewebsveränderung, Bondern auch bezüglich der Auffassung
«er klinischen Form keine volle Uebereinstimraung der Anschau-
JJgen zu bestehen scheint. Obwohl die senilen Keratome und
•urzenbildungen eine ungemein häufige Veränderung darstellen,
so werden sie doch meist übersehen oder unrichtig beurteilt. So
werden diese Wucherformen des Epithels selbst in der dermatologi-
80 oob Literatur vielfach mit seborrhoischen Zuständen in Zu¬
sammenhang gebracht und als seborrhoische Warzen gedeutet,
Wh] eie mit einer gestörten Talgdrüsenfunktion nichts zu tun
oben und auch topographisch nicht ausschließlich an das Gebiet
größten Drüsenreichtums gebunden sind. Immerhin muß zu-
gmanden werden, daß die dichteste Entwicklung und das häufigste
«treten dieser Altersatribute im Bereich deB Gesichts, an der
d' ,r tw 1( k < * er . Schweißrinne anzutreffen sind. Hier sieht man
«typisch entwickelten Verrucae seniles als linsen- bis bohnen-
S h Ielc ^ Über das Hautniveau erhöhte, an der Oberfläche
in 'h p ln zahlreichen Exemplaren eingestreut, die
mrer Far be bald ganz an die Umgebung angepaßt erscheinen,
Arch. t klin. Chir. B<L 78.
J Ana. de denn. 1910.
2 fr- J. of Denn. 1908.
) Arch. t Denn. Bd. 108.
bald gelb bis dunkelbraun und schwärzlich verfärbt sind, sie
gehen mit keinerlei entzündlicher Veränderung einher. Exeessivero
Formen, die nicht zu selten an der Stirn, in der Schläfengegend
oder über den Schulterblättern anzutreffen sind, gehen mit einer
stärkeren, starren, verhorn ton Auflagerung einher, die durch einen
gewissen Fettgehalt durchstetzt erscheint und dem scharfen Löffel
leicht weicht. Unter den entfernten Massen tritt eine glatte,
glänzende in Spuren feuchtende Coriumfläche zutage, die noch von
Anem dünnen Epithelbelag überschichtet ist. Neben diesen Formen
xommen noch gelb- bis schwarzbraune, einzelsteheude und zu
großen Flächen zusammenfließende Flecke vor, die in der Flucht
der Umgebung liegen und vielfach mit Pigmentationen verwechselt
werden.
Diese fleckige, senile Epitheldegeneration, der man am
häufigsten an den Wangen, der Stirn, an den Handrücken be¬
gegnet, wird mit den verschiedensten Namen belegt und gleich
den lenticulären Formen von zahlreichen Autoren als fettige Epi¬
theldegeneration und dem Carcinom voraneilende Proliferations¬
erscheinung der Hornschicht gedeutet.
Treten ähnliche falchwarzige Gebilde und fleckige Einstreu¬
ungen mit den derberen, mehr unregelmäßig geformten und auch
viel massiger aufgebauten Keratomen an Standorten auf, in wel¬
chen sich die Erscheinungen der senilen Atrophie summieren, so
führen sie zu dem bunt schattierten Bilde, das sowohl dem soge¬
nannten idiopathischen Hautschwund als auch den sekundären
entzündlichen Atrophodermie» eigen ist. So steuern sie im Be¬
reich des Gesichts und an den Handrücken nebst den weißglänzen-
den atrophischen und t-eilweise auch narbigen Stellen, den Capillar-
ektasien und Pigmentanhäufungen wesentlich zu den Folgeerschei¬
nungen bei, welche schon in früher Jugend durch Einwirkung der
Sonnenstrahlen bei sensibilisierter Haut den greisenhaften xero¬
dermatischen Zustand bedingen. Die gleiche Kombination degene-
rativer und proliferativer Veränderungen sehen wir dann wieder¬
kehren, wenn die tiefreichenden ^-Strahlen und sekundären
Strahlen der Röntgenröhre die Haut in Entzündung versetzen
und die mit den berüchtigten und entstellenden Gefäßerweiterungen
einsetzende Späterscheinung der Röntgenatrophie einzusetzen pflegt.
Anatomisch stellt die senile Warze im gewissen Sinn ein
gutartiges Epitheliom dar, d. h. eine starke Epithelwucherung aus¬
einandergedrängter Deekzellverbände gegen die Oberfläche zu. Hier¬
mit geht eine Verlängerung der Epithelzapfen gegen den Papillar¬
körper und eine nie zu missende leichte entzündliche Infiltration
in den obersten Lagen der Cutis einher. Die Hornschicht ist ver¬
breitert, lamellös aufgeblättert, kernlos.
Der Papillarkörper verschieden dicht, entzündlich infiltriert.
Die gesteigerte Verhornung findet weiterhin in Ausfüllung der
Follikel mit keratinisierten Massen und Einschichtung von Horn¬
cysten in die Haarbälge ihren Ausdruck. Diese gesteigerte Acan-
those und entzündliche Einbeziehung des Papillarkörpers kommt
auch bei den quantitativ geringer angedeuteten, fleckigen Wucher¬
formen vor, welche seinerzeit Handford als Stearrhoea nigricans
beschrieb und neuerdings von Debreuilh als präcarceröse Melano¬
dermie hervorgehoben wurde. Ausdrücklich muß hier noch be¬
merkt werden, daß die senilen Warzen mit den congenitalen Mi߬
bildungen aus der Gruppe der Naevi gar nichts gemein haben und
für sie, die seinerseit von Pollitzer 1 ) gegebene Definition eines
dem „Lymphangiofibroma“ v. Recklinghausen nahestehenden
Gewebsprodukts sicherlich nicht zutreffend ist. Aber auch für die
Definition der Verrucae seniles als weiche Naevie (Unna) oder
als Seborrhöe concrete ou mieux Croutes graisseuses des parties
glabres (Brocq) liegt keinerlei Berechtigung vor. Wir sehen die
verhornenden Auflagerungen, abgesehen von den erwähnten patho¬
logischen Umständen, als eine exquisite, entzündlich degenerative
Alterserscheinung auftreten, Hand in Hand mit andern Störungen
im Bereiche der Gefäße, des Pigments und des Bindegewebes.
Hierbei kann gelegentlich auch ein präcipitiertes Auftreten bei
jüngeren Individuen zwischen den 80er und 40er Jahren zu ver¬
folgen sein.
In diesen senilen Warzen spielt sich nun unter Einwirkung
besonderer Irritarnente, von welchen uns vorläufig nur die trauma¬
tischen Reize genauer geläufig sind, mitunter eine epithelio-
matöse Umwandlung ab, die sich in einer vorgeschobenen
basalen Epithelsprossung, selbständiger Wucherung aus dem Zu¬
sammenhänge getretener Zellballen im Corium und intensiveren
Rundzellinfiltration des Papillarkörpers kundgibt. Platten epithel¬
krebse dieser Herkunft ergänzen nicht zu selten den Rahmen der
>) Mb. f. prakt Derm., Bd. 2.
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24. Januar.
Abb. I. Abb. 2.
kronenstückgroßes, von erylhematösen Säumen umgrenztes Epitheliom.
An der Oberlippe links und in der rechten Prfiauriculargegend haben sich
im Bereiche fingerkuppengroßer, seniler Warzen seichte, von Blutkrusten
bedeckte Substanzverluste etabliert, denen an der Hand der klinischen
Anzeichen und des Gewebsbefundes die gleichfalls epitheliomatöse
Natur zuerkannt werden mußte. In Sektoren dieser Gebilde war das
in die Cutis versenkte, selbständige Proliferieren von Epithelialzell¬
verbänden, neben dem strukturellen Verhalten der senilen Warzen zu
verfolgen. Die präparatorische Bedeutung der dem Alter zukommenden
diffusen, epithelialen Wucherung läßt sich weiterhin mit einer Beob¬
achtung erhärten, über welche die zweite Aufnahme (Abb. 2) eine Vor-
AIs ganz eigenartige, wohl nur ganz ausnahms¬
weise zur Beobachtung gelangende Erscheinung ist die
simultane Massenentwicklung lentikulärer und mimu-
lärer Epitheliome auf dem Boden seniler Warzen
anzusprechen. Eine ähnliche geradezu ex anthematische
Aussaat ist mir bisher nur zweimal untergekommen.
Obwohl die auslösenden Veränderungen sich dem Wesen
nach in weiten Grenzen deckten, boten die klinischen Er¬
scheinungen doch ein recht abweichendes Aussehen.
So hatten bei einer 68jährigen Frau die Nasenspitze,
IVangen, Oberlippe, unteren Augenlider Aggregate erbsen¬
großer, leicht vortretender Knötchen und zerstreute bis
bohnengroße derbe Effloreszenzen besetzt, die an den elfenbein¬
farbenen derben Wällen und den leicht excavierten, hämorrha-
gisch-krustösen Centren leicht als Carcinomknötchen zu erkennen waren.
Daneben schoben sich zwischen die Cancroidbcständo noch zahlreiche
flachcrlmbene, schmutzigbraune Keratome (Abb. 4).
Der zweite Fall betrifft einen 63jährigen Beamten, bei dem ich
seit zwei Jahren die von der Norm völlig abweichende cxcessive
Wucherung stets sich mehr mehrender und nach Abtragung in kürzester
Frist rezidivierender flacher und erhabener seniler Warzen verfolge.
Die Schläfen, die schlecht behaarte Kopfhaut, die Ohren, Wangen, die
Retroauriculargegend sind dicht besät mit festhaftenden, schwielig-grau-
schwarzen, fingernagel- bis talergroßen, unregelmäßig begrenzten Auf¬
lagerungen, die mit dem scharfen Löffel leicht als zusammenhängende
multiplen Epitheliome und möchte ich im folgenden mit einigen
eignen Beobachtungen auf diese Kombinationsformen hinweisen.
Gleich der erstabgebildete Fall (Abb. 1) bietet Gelegenheit zur
Verfolgung der nachbarlichen Beziehungen umschriebener seniler Ober¬
hautveränderungen zu mehrfach eingestreuten, nicht zu tief reichenden,
krustenbedeckten Epitheliomen. Es handelte sich um eine 70jährige
Frau, deren Gesicht und Hals nebst den geläufigen Anzeichen der senilen
Degeneration (Pigmentstauung, Atrophie, Gefäßektasien) eine dichtgestellte
Aussaat dunkelkaffeebrauner, kaum erhabener, rauher, ungleichmäßig
begrenzter Auflagerungen und mehr vortretender, erbsen- bis bohnen¬
großer, warziger Bildungen auf¬
wies. An der Nasenwurzel links ein
monatigen Beobachtung wurden fortschreitende Zerfallserscheinungen an
den Säumen der entzündlich infiltrierten Epitheliome verfolgt.
Abb. 3 zeigt die verwitterte Gesichtshaut einer 80jährigen Greisin,
zu deren buntscheckigem Aussehen eine Reihe prominenter, von Blut-
krusten bedeckter Geschwüre, braunschwarz warziger Erhabenheiten und
gelbbrauner, unregelmäßig eingestreuter, vielfach miteinanderkonfluierender
Verfärbungen beisteuern. An der Mitte des Nasenrückens, an der Nasen¬
wurzel und der rechten Schläfengegend hatten sich im Bereiche flacher,
gleichsam fleckiger seniler Warzen über hellerstückgroße, von elevierten,
weißglänzenden Hornwalzen und Knötchen umsäumte, im Centrum ober¬
flächlich zerfallene Cancroide festgesetzt. Ucberdies war es in
linker Jochbeinhöhe, am Kinn und der Retroauriculargegend
rechts zu maligner Umwandlung bohnengroßer, seniler
Warzen gekommen, ln der Umgebung all dieser Entartungs¬
formen war das Bild der Stearrhoea nigricans in Form
der schwarzbraunen, warzigen Gebilde und der fleckigen Ober¬
hautdegeneration gegeben. Die Epitheliome sollen nach mehr¬
jährigem Wachstume zu dem verfolgten Umfange gediehen
sein, während die schwarzbraunen Verfärbungen der Umgebung
der Kranken schon seit 20 Jahren auffielen.
Abb. 3. Abb. 4. Abb. 6.
Stellung gewährt. Hier war bei einer 72jährigen Kranken in sehr aus¬
gebreiteten Herden die sogenannte präcanceröse Melanodermie in
seltenem Umfange zur Entwicklung gelangt. Ueber handtellergroße, das
Hautniveau kaum überragende, schwarzbraune Flecke hatten die Wangen,
die Stirn und den Nasenrücken überdeckt. Am oberen Pole des rechten
und in der Mitte des linksseitigen Wangenherdes war es an kronenstück-
großen Stellen zur Exfoliation und Bloßlegung rotbrauner, rasch ver¬
krustender Infiltrate gekommen, in deren Bereich sich die sonst rare-
ficierte, stark gerunzelte Haut verdichtet anfühlte. Während einer mehr¬
fettige Massen abzuheben sind. Darunter treten lebhaft rote, von
grubigen Einsenkungen durchfurchte, in Spuren nässende Flächen zutage,
die schon nach ein bis zwei Wochen von den gleichen Epithelwuc
rungen überschichtet werden. An der Brust, am Rücken und m ®
Lendengegend treten diese schwarzgrauen, meist hellerstückgro
hornigen Auflagerungen zu vielen Hunderten auf und bedingen durch i
dichte Einstellung und vielfache flächenhafte Confluens ein ganz ung
wohnliches Aussehen. Während der Kranke früher keinerlei Beschwer
hatte und nur ab lind zu behufs Entfernung der entstellenden Gesicn
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24. Januar.
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herde erschien, bemerkt er seit etwa einem Jahre, daß von Zeit zu Zeit
die Plaques am Rücken über den Schulterblättern, unterhalb des Rippen¬
bogens und in der Lendengegend schmerzhaft werden. Schon vor
mehreren Monaten konnten in den angegebenen Regionen an 15 von
tthmalen Entzündungshöfen umgebende, über hellerstückgroße Warzen
gezählt werden, welche sich von den übrigen Blütchen durch leicht
blutende exfoliierte Centren und blutdurchsetzten Borkenbesatz unter¬
schieden. Leider ist die Zahl der auch histologisch verificierten flachen
Epitheliome auf 20 gestiegen. Die von Zeit zu Zeit exstirpierten über
bohnengroßen Epitheliome der Lendengegend zeigten in den Schnitt folgen
das verschobene Verhältnis zwischen Deckbelag und Cutis, wie es dem
Plattenepithelkrebs eigen ist. Die zu Netzen verflochtenen Krebs-
stiinge und auch walzenförmigen Zcllverbände werden in jähem Ueber-
trange von kernlosen Hornlamellen überschichtet, die am Querschnitt al¬
veolärer© Herde, den Kern der rundlichen Zellkomplexe bilden. Die Ver¬
hornung ist weiterhin iu den proliferierenden, tief ins Bindegewebe
dringenden Epithelzapfen in Form axialer homogener Streifen zu ver¬
folgen. In älteren Exemplaren fallen überdies Epithelperlen in die Durch¬
trennungsebene, die gleich den noch mit dem Deckepithel zusammen¬
hängenden Hornzellverbänden, den Nachweis des abgeplatteten chromatin-
armen Kernes gestatten. Das bindegewebige Stroma zeigt reichliche klein¬
zellige Infiltration und reduzierten Faserbestand. Vielfach ist ein Vordringen
von Lympbocyten und Leukocyteu in die gewucherten Epithelmassen zu
verfolgen. In den angrenzenden Hautbezirken setzt sich die oberfläch¬
liche Bindegewebsinfiltration fort und ist ein mächtiges Einsprossen der
Epithelzapfen in dasselbe angedeutet. Den bunten Wechsel der senilen
voTgewölbten Warzen, schmierlichen Flächenauflagerungen, roten vom
Belage befreiten Flecken und den zahlreich eingestreuten krustenbedeckten
Epitheliomen kann die Reproduktion einer Moulage in Abb. 5 nur mangel¬
haft Rechnung tragen.
Abb. fl. Abb. 7.
Auf dem vorbereitenden Boden der Altersmelanodermie
können aber nicht nur die bisher in überzeugenden Belegen vor-
geführten flachen Hautkrebse zur Sprossung gelangen, sondern
auch jene epithelialen Neoplasien in generalisierter Weise auf-
toten, welche dem knolligen Carcinom angehören.
verhältnismäßig rasch fortschreitende Wucherung von vier
Krebsgeschwülsten ist. mir bei einer 70jährigen Matrone an weit vonein¬
ander gelegenen Standorten zu Gesicht gekommen, wobei die Tumoren
noch in engnachbarlicher Beziehung zu senilen Keratomen und Warzen
»ul ihren Ausgangspunkt hinwiesen.
Zwei nußgroße, im Antnim zerklüftete, an der Basis noch haut-
’MgTenzte Neoplasmen sieht man im Bilde der Krankenfigur 6 den
rechten Handrücken und die Oberlippe einnehmen. Zwei weitere pilz-
wig aufgeworfene ulceröse Knoten nehmen den Nasenrücken und rechte
ochiaJe ein. Die gleichen Verhältnisse wiederholen sich bei einem
Jungen Manne (Abb. 6), dessen linke Nasenhälfte, Wange und Stirn-
“Wgrenze drei über haselnußgroße, halbkuglig vorgewölbte, blaurote,
Li n i i ri an ^ er ® a . 8 * 8 derbe, i n der Mitte erweichte und drüsig zer-
V j rate Baneben multiple, an die Neubildungen heran¬
ende, dunkelgraue, hornige Auflagerung von Erbsen- bis Kirscbengröße.
p •, .. 1Der & ai ?z exceptioneUen Kombinationsform des mehrsitzigen
Inn«.!* » 8 ’ ae * ?' e ^ em das Ensemble der verschiedensten Entwick-
gsstiüen vom einfachen erytheraatösen, kaum schilfernden Fleck bis
(New vt*! ^ esc k w ülsten zu beobachten war, erwähnte Prof. Fordyce
*,.• W am internationalen Kongreß in London. Seiner Liebens-
Er J f yerdanke ich die in Abb. 8 feBtgehaltene Abbildung des Falles.
Aussaat, j™ 8 jährige Frau, bei der es am Rücken zur multiplen
röwn w r auc ^ anatomisch in ihrer Natur bestimmten, von präcance-
wanzen ausgehenden Epitheliomen k kam. Von diesen nahmen
mehrere (Lenden- und Gesäßgegend) den aufgetriebenen fungösen
Charakter an.
In all diesen Fällen handelt es sich um Kranke der vorge¬
schritteneren Altersstufen, bei welchen die Epitheliome auf dem
Boden seniler Warzen fußten und nur in solchen, meist entfernt
voneinanderliegenden Beständen in mehrfachen Exemplaren zur
Entwicklung kamen, welche schon
ihrer Lage nach der wiederholten
Reizung durch Waschen, Reiben,
Scheuern, vielleicht auch dem ab¬
sichtlichen Kratzen seitens der
Patienten ausgesetzt waren. Dies
trifft für die multiplen Epitheliome
des Gesichts in den Fällen 1, 2,
3, 4 zu, aber auch für die Beob¬
achtungen 5, 6, 7, 8, wo mehr¬
fache Gesichtsepitheliome mit fnn-
gösen Carcinomen der Handrücken
(Abb. 6), teils Massenaussaaten der
Rücken- und Lendengegend (5, 8)
mit stärkeren, entzündlichen Reiz¬
erscheinungen einhergingen. Es
ist verständlich, daß an Stellen,
wo das Epithel sich gleichsam
selbst schon den Boden vorbereitet
hat, von welchem aus seine ge¬
lockerten Zellbestände in das ge¬
eignete Terrain der entzündlich in¬
filtrierten Cutis Vordringen können,
die abnorme Wachstumstendenz,
besonders in den Momenten eine
Unterstützung finden muß, welche
den Widerstand des Bindegewebes
herabsetzen. Solche sind ja in der
senilen Haut von Haus aus im Elastinschwund und der mangelhaften
Vascularisation gegeben und werden aufs wirksamste durch entzünd¬
lich infiltrative Veränderungen unterstützt. Die Gutartigkeit mehr¬
sitziger Epitheliome dieser Abstammung weicht in keiner Weise von
dem Charakter jener Neubildungen ab, bei welchen der Verlust der
Struktur nicht durch die Vorstufe der benignen Anaplasie im
Sinne v. Hansemanns angebahnt wird. Aber auch bei diesen
Vorgängen der Enddifferenzierung des Epithels wird das Ein¬
dringen in das Bindegewebe der wucherungsfähig gewordenen
Epithelien mächtig durch die gesteigerte Entzündung der Cutis
gefördert.
Die gleiche Gutartig¬
keit kann jenen mehrsitzi¬
gen Epitheliomen nicht zu¬
erkannt werden, welche auf
der Basis der durch Licht¬
strahlen geschädigten ent¬
zündlich atrophischen Decke
zur Entwicklung gelangen,
wenn auch eine Einbeziehung
der tieferen Texturen und
die Metastasenbildung auch
bei diesen zu den seltneren
Komplikationen zählen. Die
multiplen Carcinome, die ich
auf der Röntgenhaut ent¬
stehen sah, waren fast
stets durch Vermittlung von
Keratomen zur Bildung
gelangt. In einer vor Jahres¬
frist erschienenen Arbeit bin
ich auf diese Wechselbezie¬
hungen des nähern einge¬
gangen, die ich an sieben
Fällen von Röntgenkrebs
und Keratomen erhärten konnte 1 ). Durch die vorangegangene
intensive Gefäßschädigung (balonierende und vacuolisierende Inti¬
madegeneration), der Consuraption des elastischen Stützgerüstes
und des fortglimmenden, fleckigen nnd diffusen Infiltrations¬
zustands der Cutis wird aufs beste die atypische Epithelwuche-
4 ) Fore-Runners of X-Ray Cancer. The Urol. and cut. Review
July 1913.
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100
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4.
24. Januar,
nmg gefördert, die sich zunächst derart äußert, daß der normale
Ablauf der Verhornung und die Abstoßung der Hornschicht¬
lamellen verhindert wird. Die gestörte Differenzierung bringt es
dann mit sich (Ribbert), daß sich die epithelialen Zellverbände
in festhaftenden Massen auftürmen und Keratome formieren. Für
die Erklärung dieser Röntgenkeratome reichen die lokalen Gewebs¬
schädigungen vollständig aus, tritt dann überdies noch ungenü¬
gende Hautpflege und mangelhafte Entfernung der reizenden
Drüsenprodukte (Seborrhöe) sowie die Einwirkung von Wind und
Wetter hinzu, so kann der weitere Anstoß der Wucherung und ,
Tiefenwachstum des Epithels gegeben werden.
In Abb. 10 Bieht man |
den Typus der entstellenden
Röntgenatrophie bei einer
verhältnismäßig jungen Frau
(25 Jahre), die im Anfänge
der Röntgenära der schwung¬
haft betriebenen kosmeti¬
schen Epilation zum Opfer
fiel, nach mehrjährigem Be¬
stände der alabasterweißen,
sklerodermatischen Areale am
Hals und den unteren Wangen-
partien, den nävusähnlichen
Pigmentstauungen, der fein-
runzligen, das Greisenaus-
sehen bedingenden perioralon
Faltenbildung und den Gefä߬
ektasien waren, an der Nasen- (
spitze, am Kinne, der Ober¬
lippe sowie der vorderen
Halsgegend in dichte Ein¬
streuung wenig das Hant-
niveau überlagernde, schmnt-
ziggrau verfärbte, hornige j
Gebilde entstanden. Diese
begannen an der Nasenspitze,
am Kinn und dem linken Mond- I
winkel.nachdem sie schonzwei ]
Jahre vorhanden waren, nach vorheriger Zerklüftung abzufallen und rasch
verkrustenden Stellen Platz zu machen. Das Bild zeigt in der Mitte des
Kinnes und die Nasenspitze gegen den rechten Flügel zu von bohnen¬
großen, Beichten, von eingetrocknetem Blutschorfe bedeckten Defekten
eingenommen, die von erhöhten, wallartig vortretenden, derben, gelb¬
lichen, leicht transparenten and glänzenden Hornleisten umgeben werden.
Excidierte Randsegmente liefern das Substrat des verhornenden Platten¬
epithelkrebses.
Die Carcinomgenese ist hier wie fast in allen von mir
beobachteten und auch von einer großen Zahl der Kenner des
Röntgenkrebses beschriebenen Fällen auf die, auf den Boden der
atrophischen und zum Teil noch entzündeten Haut wuchernden
Keratome zurückzuführen. Es ist mir nicht bekannt, ob auch die
einfach atrophischen Stellen der reduzierten Decke hierzu die
Fähigkeit besitzen; dies glaube ich schon deshalb bezweifeln zu
dürfen, weil ich im Rahmen der sogenannten idiopathischen Haut¬
atrophie, das heißt im Bilde der Akrodermatitis atrophicans der
Arme und Beine niemals Carcinome auftreten sah. Auch bei den
sekundären, zur Atrophie führenden Entzündungen, wie solche
namentlich den varicösen Symptomenkomplex begleiten, ist es
nicht die oft zigarettenpapierdünne Haut, von der die Krebs¬
bildung ihren Ausgang nimmt, sondern die verdickten, kallös ge¬
wucherten Narbensäume der jahrzehntelang bestehenden atonischen
Unterschenkelgeschwüre. Die in meiner Monographie des ^vari¬
cösen Symptomenkomplex“ 1 ) beschriebenen und abgebildeten Fälle
des Ulcuscarcinoms boten alle die Variante des zerfallenden Papillar-
krebses in unicentrischer Ausbildung.
Daß die Röntgencarcinome multiplen Standorts trotz ihrer
harmlosen Vorstufen mitunter sehr ernste Prozesse darstellen und
durch ihr infiltrierendes Fortschreiten das Absetzen der befallenen
Glieder erfordern, ist seit langem bekannt und muß als ein übler
Ausgang der diagnostischen und curativen Bestrahlung bezeichnet
werden, der um so beklagenswerter ist, als er nicht nur ver¬
stümmelnde Eingriffe notwendig macht, sondern auch zur Er¬
höhung der Mortalitätsstatistik des Krebses beisteuert.
In analoger Weise wird auf Grund chronisch entzündlicher
und degenerativer Vorgänge im subepithelialen Bindegewebe auch
die Wucherung des Deckepithels ausgelöst, welche zu den Vor¬
stadien des Xerodermakrebses zählen. Ander relativ geringen
Zahl von Carcinomen des Kindesaltors ist in hervorragender Weise
das Xeroderma pigmentosum beteiligt, auch hier tritt die ätiolo¬
gische Bedeutung des Reizes, das heißt die pathogenetische Rolle
des ultravioletten Lichtes und seine entzündungserregende Ein¬
wirkung auf die Haut gewisser sensibilisierter Individuen in den
Vordergrund. Die zur Xerose führende Dermatitis der lichtexpo¬
nierten Körperstellen des Gesichts, Nackens und der Hände er¬
leiden die rasch fortschreitenden degenerativen Veränderungen, in
deren Teilerscheinungen die Keratose nie zu fehlen pflegen. Die
Umwandlung ähnlicher Keratome in typische Epitheliome wird oft
schon in den ersten Lebensjahren beobachtet, aber auch in spä¬
teren Jahren zur Entwicklung gelangende xerotische Zustände
gipfeln mitunter in multipler Epitheliomatose.
Abb. 10 bezieht sich auf eine 22 jährige Feldarbeiterin, die seit
zwei Jahren auf meiner Abteilung in Behandlung steht. Seit ihrem
15. Lebensjahre sind das Gesicht, die Handrücken und Streckflächen der
Vorderarme dicht von schwarzbraunen, ephelidenähnlichen Pigmentflecken
feinschilfernden, sehnig weißen, zerknitterten, atrophischen Stellen violett
verfärbten, von erweiterten Gefäßen durchzogenen Flecken und flachen
warzigen Erhöhungen eingenommen. Schon vor vier Jahren hatten eine
Reihe von Keratomen des rechten Nasenflügels, der Stirnhaargrenze und
rechten Supraorbitalgegend die Auskratzung wachsender Keratome er¬
fordert. Späterhin war es in der Umgebung der excochleierten Herde im
Bereich aggregierter, hanfkorngroßer Keratome zu teilweiser Exfoliation
gekommen, die teils mit Kohlonsäureschneevereisung, teils mit Radium
zur Abstoßung beziehungsweise Benarbung gebracht wurden. Auch jetzt
beginnt an dispersen keratotischen, beiderseitigen warzigen Wangen¬
gebilden die epitbeliomatöse Entartung.
Zum Schlüsse muß ich nochmals bemerken, daß mit den
von mir beobachteten und hier gestreiften Formen der mehr¬
sitzigen Neubildungen nur die Genese jener Epitheliome beleuchtet
erscheint, welche den gesteigerten Uebergang eines vorgebildeten,
erworbenen pathologischen Zustandes bilden. Mit diesen, dem
Plattenepithelkrebs angehörenden Formen haben die an den gleichen
Standorten auftretenden, von congenitalen Anlagen (Naevie) und
versprengten Keimen abgeleiteten sogenannten adenogenen Haut-
carcinome, die eine gewisse Unabhängigkeit vom Deckepithel be¬
kunden, nichts zu tun.
Abt). 10.
Berichte über Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren.
Aus der II. Inneren Abteilung des Krankenhauses Charlottenburg-
Westend (Oberarzt: Dr. Wern er Schultz) und der Bakteriologisch-
hygienischen Abteilung des UntersuchuDgsamts der Stadt Berlin
(Direktor: Geh. Reg.-Rat Prof. Proskauer).
Zur Antigenbehandlung des Typhus
von
F. Ditthorn,
Bt. Bakteriologen am UntersuchungBamt der Stadt Berlin
and
W. Schultz.
Die Behandlung des Typhus mit specifischem Antigen
ist in Deutschland schon im Jahre 1893 von E. Frankel 1 )
*) E. Fränkel, Ueber »pez. Behandlung des Abdominaltyphus.
(D. m. W. 1893, S. 985.)
eingehender bearbeitet worden. Indessen sind die Fort¬
schritte auf diesem Gebiete bis jetzt so geringfügig, daß
Jochmann‘<9 bei der allgemeinen Besprechung der specifi-
schen Behandlung des Abdominaltyphus diese als noch im
Versuchsstadium befindlich und bisher unbefriedigend be¬
zeichnet.
Einen mehr oder weniger ablehnenden Standpunkt
nimmt nach einer neuesten Notiz auch F. Neufeld 3 ) ein.
Nach ihm ist es „theoretisch schwer verständlich, wie man
bei einem Typhuskranken, in dessen Körper die Bacillen
dauernd wuchern und daneben dauernd durch die Abwehr-
*) Urban & Schwarzenberg. Wien 1914, 2. Aufl.
“1 G. Jochmann, Lehrbuch der Infektionskrankheiten. (Berlin 1914.)
W' 1914 a ^ ^ eac ^ enen ^Btehung und Seuchenbekämpfung. (Berlin*
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UNIVERSUM OF IOWA
21 Januar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4.
101
Stoffe des Organismus aufgelöst 'werden, eine Umstimmung
dadurch bewirken will, daß man noch weitere Bacillenstoffe
unter die Haut einspritzt“. In ähnlichen Anschauungen be¬
wegen sich weitere frühere Notizen verschiedener Autoren.
Was die erwlhnten Untersuchungen von E. Fränkel betrifft, so
wurden in denselben 3 Tage alte Typhusbouillonkulturen benutzt, welche
in Wauerbade von 63 0 abgetötet waren. Die Applikation geschah intra¬
muskulär, nachdem man sich Überzeugt hatte, daß die subcut&nen Injek¬
tionen stärkere lokale Reizerscbeinnngen verursachten. Es wurden nach
E. Fränkel als erste Dosis 0,5 ccm, dann am nächsten Tage 1,0 ccm
verwandt. Zunächst wurde ein Ansteigen der Temperatur mit leichterem
oder stärkerem Frösteln beobachtet. Am dritten und vierten Tage fand
ein Absinken der Temperatur nm einen halben bis ganzen Grad unter der
Anfangstemperator statt. Pausierte man jetzt mit der Behandlnng, dann
stieg die Temperatur wieder an und man fand es als gesetzmäßig heraus,
dafi damit der Zeitpunkt für eine abermalige Wiederholung der Injektion
und eine weitere Steigerung der Dosis gekommen war. Es wurden nun¬
mehr 2 ccm eingespritzt, worauf sich in dem Verhalten der Temperatur
die gleichen Phasen bemerkbar machten, wie nach Einverleibung von
1 ccm. nur mit dem Unterschiede, daß die ihre größte Tiefe wiederum
nach swei Tagen erreichenden Remissionen noch weiter abwärts lagen
wie vorher. Die Febris continua wurde abgeschnitten, es kam von An¬
fang an zu einem ausgesprochen remittierenden Charakter des Fiebers
und es erfolgte in unverhältnismäßig kurzer Zeit Fieberlosigkeit. Selbst
dag letzte Stadium des Prozesses konnte in vorteilhaftester Weise beein¬
flußt werden. In einem Falle wurde durch einmalige Einverleibung von
1 ccm an Stelle der lytischen eine kritische Entfieberung herbeigefflhrt.
Die bei der Mehrzahl der Patienten beobachteten typhösen Diarrhöen
hörten mit dem definitiven Abfalle der Temperatur auf und die Kranken
machten den Eindruck in vollster Rekonvatescenz befindlicher Individuen
zu einer Zeit, wo die objektive Untersuchung häufig noch das Bestehen
von Roseolen und eines palpablen Milztumors erkennen ließ. E. Fränkel
fügt seinem Berichte an, daß Rezidive allerdings nicht vermieden wurden.
Zweifellos ist dem weiteren Ausbau dieser Therapie
dadurch Abbruch gescheheu, daß Rumpf 1 ) bei der Behand¬
lung des Typhus mit abgetöteten Pyoceaneuskulturen zu
Resultaten kam, welche denjenigen Fränkels mit abge¬
töteten Typhuskulturen fast glichen, jedoch bezüglich der
Größe des anfänglichen Temperaturanstiegs und des nach¬
folgenden Abfalls vielleicht etwas geringer waren. Immer¬
hin konnten sie die Specifität der Beobachtung Fränkels
als fraglich erscheinen lassen.
In der Folgezeit erschien als weiteres retardierendes
Moment eine Arbeit von Presser 2 ), welcher die von Fränkel
und Rumpf mitgeteilten klinischen Ergebnisse auf der
v. Jak sch’sehen Klinik nachprüfte.
Es worden sieben Typhusfälle mit Kolturflüssigkeit, steigend von
0,5 bis 6 ccm, behandelt. Von einer eigentlichen Beeinflussung des Krank-
heitsprozesses konnte nor in zwei Fällen gesprochen werden. Im ersten
der Fälle trat nachdem, 21,5 ccm Typhusbacillenkultur injiziert wurden,
eine Herabsetzung der Temperatur ein, später folgte allerdings ein Typhus-
rezidiv. Im zweiten Falle war der Patient bereits nach Injektion von
6,5 ccm fieberfrei. In den übrigen Fällen wurde kein Effekt oder ein un¬
günstiger beobachtet. Die lokale Reaktion war meist stark, bisweilen kam
*s zur Abaceßbildung. Bezüglich der Injektionen mit dem BaciUus pyo-
ceanns worde in analoger Weise mit Injektionen von 0,5 bis 6 ccm Vor¬
gängen. ebenso wie in den vorgehenden Fällen in meist aufeinander¬
folgenden Tagen. In der Mehrzahl der Fälle war die Injektion von gar
keinem Einfluß. In einzelnen gelang, es die Febris continua in eine Fe¬
bril? remittens za verwandeln. Presser nimmt an, daß bei den Injek¬
tionen mit Bacillus pyoceanus von einer direkten Beeinflussung des Kraok-
heitsprozeaaes nicht die Rede sein kann. Er fügt hinzu, daß infolge der
Injektionen Eiterungen im Körper entstehen können, welche geeignet
sind, das Leben des Patienten zu gefährden.
Erneute Versuche wurden im Jahre 1902 von Pe-
fruschky 3 ) durch Einführung eines als„Typhoin“ bezeich¬
nten Präparats inauguriert.
Dts in 1 ccm 100 Millionen suspendierte Keime enthaltende Prfi-
18 1 mit k' ar b°l versetzt, ferner mit normalem Tiersernm. Letzteres
nt der Angabe nach geschehen, um den die Wirksamkeit des Präparats
beeinträchtigenden Einfluß des Carbola abzuschwftchen. In einer ausführ-
*) Rumpf, Die Behandlung des Typhus abdominalis mit abge-
«te^Knltnren des Bacillus pyoceaneus. (D. m. W. 1893, Nr. 41,
’) Louis Presser, Ueber die Behandlung des Typhus abdominalis
®)t Injektionen von Kulturflüssigkeiten von Bacillus typhi und Bacillus
Pyoceinug. (Zichr. f. Heilk. 1895, Bd. 16, S. 113.)
m /PMrnsehky', Specifische Behandlung des Abdominaltyphns.
< D - ■■ W. 1902, Nr. 12.)
lieben Veröffentlichung 1 ) werden klinische Ergebnisse mitgeteilt, die sich
mit den fröher angeführten Fränkels berühren.
Zu ebenfalls ihrer Ansicht nach praktisch brauchbaren
Resultaten mit aktiver Immunisation bei Typhuskranken ge¬
langten Pesearolo und Quadrone 2 ).
Die Autoren verwandten 15 bis 20 Tage alte Agarkultnren, welche
für einige Standen im Thermostaten bei 45 bis 50° gehalten wurden.
Nach Feststellung der Virnlenz und der Vitalität der Keime wurden ho¬
mogene Suspensionen in sterilisierter 0,75%iger physiologischer Koch¬
salzlösung hergestellt, sodaß 5 ccm der Flüssigkeit eine oder mehrere
Oesen, jede von etwa V» mg Gewicht, der betreffenden Kultur enthielten.
Von dieser Suspension wurden Dosen von V» bis 1 ccm und mehr sub-
eutan, eventuell wiederholt, injiziert.
Nach den subcutanen Injektionen trat im allgemeinen nach Schüttel¬
frost eine FiebersteigeruDg auf, die wenige Stunden anhielt. Dann ging
das Fieber auf seinen Ausgangspunkt zurück. An der Infektionsstelle
entwickelte sich eine schmerzhafte Schwellung und Rötung der Haut und
der benachbarten Drüsenregionen, die nach zwei bis drei Tagen wieder
verschwand. Zn dieser Zeit trat meistenteils eine Abnahme des Fiebers
auf, die bisweilen sehr ausgesprochen und jäh einsetzte, ferner eine Bes¬
serung des Allgemeinbefindens verbunden mit profusen SchweißeD, reich¬
licher Urinau88cheidung und Nachlassen aller einzelnen Symptome der
momentanen Infektion. Gleichzeitig erschien oder verstärkte sich im Blut¬
serum das AgglutinierungBverniögen gegenüber dem Eberthschen Bacillus.
In einigen Fällen wurde die Injektion mit der doppelten oder dreifachen
Dosis wiederholt. Die Autoren sind überzeugt, daß man mit dieser Art
von Bakteriotherapie eine echte Heilwirkung auszuüben vermag.
Ueber gemeinsam mit N6gre und Raynaud unter¬
nommene Untersuchungen berichtet M. Ardin-DclteiD).
Die Autoren behandelten Typhuskranke mit polyvalentem car-
bolisiertem,sowie mit lebenden sensibilisiertem Vaccin.
20 Kranke wurden mit polyvalentem carbolisierten Vaccin behan¬
delt, welches aus Typhus- und Paratyphusstftmmen gewonnen war. Das
Vaccin wurde in steigenden Dosen von 5 bis 100 Millionen abgetüloter
Bacillen in Intervallen von drei bis sieben Tagen appliziert. Diese Art
der Behandlung scheint nach Angabe der Autoren die Dauer der Krank¬
heit gekürzt zu haben, und zwar um so mehr, je näher der Injektions-
beginn dem Anfänge der Krankheit lag. Die Zahl der Rezidive blieb
hoch, desgleichen die Mortalität.
Bei 37 Kranken wurde lebendes sensibilisiertes Vaccin Besredkas
angewandt. Die Injektionen geschahen in dreitägigen Intervallen (1 bis3ccm).
Hier waren die Resultate günstiger, es wurden nur zwei Rezidive und
kein Todesfall beobachtet. Die Lokalreaktionen waren gering, ebenso¬
wenig traten beunruhigende Allgemeinreaktionen auf, nicht einmal vor¬
übergehend wurde der Zustand der Patienten verschlimmert. Die ersten
zehn Tage sind die günstigste Periode für die iDjektionsbehandlung.
Sie halten die Behandlung mit Besredkas lebendem
sensibilisierten Vaccin für wirksam und unschädlich.
Zahlreiche in englischer Sprache publizierte therapeutische Versuche
scheinen keine neuen Gesichtspunkte zu enthalten. Hinweise hierüber
finden sich in Kolle-Wassermanns Handbuch der pathogenen Mikro¬
organismen.
Mit interessanten Ergebnissen ist die Vaccinetherapie
des Typhus von Ichikawa 4 ) neuerdings aufgenommen
worden. Dieser Autor weist nach, daß man durch intra¬
venöse Einspritzung bessere Resultate erreichen kann, als
durch subcutane.
Er arbeitete mit Typhusvaccin, welches mit menschlichem
Sernm sensibilisiert war und gibt an, bei 87 typhösen Kranken über
die Hälfte der Fälle durch ein- oder zweimalige intravenöse Applikation
des Vaccins abortiv geheilt zu haben, bei den übrigen fiel das Fieber nach
der 'Einspritzung ab und die Krankheitsdauer wurde außerordentlich ge¬
kürzt. Die Herstellung des Vaccins geschah wie folgt:
„Zehn Oesen junger Typhuskultar werden in 10 ccm Serum, die
von einigen Typhusrekonvaleszenten stammen, aufgeschwemmt und fünf
bis sechs Stunden lang im Brutschränke gelassen. Nach dem Zentri¬
fugieren werden die Bacillen dreimal mit physiologischer Kochsalzlösung
gewaschen, dann in 100 ccm physiologischer Kochsalzlösung, die 0,3 ü /u
Phenol enthält, gebracht und eine Stunde lang stark geschüttelt. ' Er¬
hitzung ist zu vermeiden. Vor der Anwendung wird das Vaccin mit
der Hand geschüttelt, etwa 0,5 ccm werden mit warmer physiologischer
Kochsalzlösung in der Spritze verdünnt und ganz langsam in zwei Minuten
in die Vena mediana basilica eingespritzt.*
l ) Zschr. f. Hyg. 1902, Bd. 40, S. 567.
*) Pesearolo und Quadrone, Aktive Immunisation durch sub-
cutane Injektionen lebender Typhusbacillen bei Eberthscher Infektion
(Zbl. f. inn. M. 1908, Jahrg. 29, Nr. 40.
s ) M. Ardin-Delteil, La Semaine mddicale 1912, Jahrg. 32
8.525 (siehe ferner Besredka, ibid. S 524).
4 ) Sadakichi Ichikawa, Abortivbehandlung von typhösen Krank¬
heiten. (Zscbr. f. Imman. Forsch. 1914, Bd. 23, 1. H., S. 32.)
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102
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4.
24. Januar.
Aua den mitgeteilten Krankengeschichten ergibt sich, daß bei
hochfieberhaften Fällen von Typhus sowie auch von Paratyphus durch
Injektion von Typhusvaccin zunächst nach etwa einer halben bis drei¬
viertel Stunde Schüttelfrost und Temperaturanstieg erzeugt wurden T denen
alsbald Rückkehr der Temperatur zur Norm, und zwar vielfach dauernde
Entfieberung folgte. Die angewandten Dosen liegen nach den Angaben
der mitgeteilten Krankengeschichten zwischen 0,8 und 0,6 des oben be¬
schriebenen Vaccine. Nach Ichikawa betrug die Mortalität etwa 11%.
Dieses scheinbar nicht gute Resultat erklärt Ichikawa mit der Schwere
seines Materials, dessen Mortalität sonst etwa 30% betragen soll. Ueber
Nebenerscheinungen wird angegeben, daß Darmblutungen als Reiz¬
erscheinung bei einigen Fällen ein bis drei Tage nach der Injektion beob¬
achtet wurden, aber die Häufigkeit der Darmblutung war geringer als bei
den nichtinjizierten Fällen und die Blutung war meist eine sehr leichte.
Selbst bei zwei Patienten, die vorher Blut entleert hatten, war keine er¬
sichtliche Blutung nach der Injektion zu beobachten. Außer der Darm¬
blutung wurden zweimal Hämoptöe, einmal Nasen- und zweimal Haut¬
blutung beobachtet. Das unter Schüttelfrost ansteigende Reaktionsfieber
dauerte ganz kurz, manchmal nur ein paar Stunden, höchstens 24 Standen.
* Dem entsprechend wird der PuIb hochfrequent, manchmal tritt leichte
Atemnot und Durst, selten Brechneigung auf, aber diese Erscheinungen
verschwinden schnell.“ Bei subcutaner Anwendung des Vaccins waren
die Resultate unregelmäßig und unsicher, zum Teil wurde gar kein Ein¬
fluß beobachtet, selten ein solcher wie bei intravenöser Applikation.
Unsere eignen Untersuchungen, betreffend eine
kleine Anzahl von Fällen, die mit einem in Antiformin
gelösten Antigen behandelt sind, welches nach den Vor¬
schriften von Altmann und Schultz 1 ) hergestellt wurde.
Nach Angabe der Autoren enthält das auf diesem Wege
gewonnene Präparat sämtlich wirksames Antigen, das nur
in Verbindung mit dem homologen Antikörper, das heißt
Typhusimmunserum, Komplementbindung gibt, dagegen bei
Verwendung nichthomologer Antikörper, z. B. Coliimmun-
serum, die Hämolyse nicht beeinflußt.
Wenn man einen Vergleich der Antiforminextrakte mit
quantitativ gleich angesetzten wäßrigen Schüttelextrakten
anstellte, so zeigte sich, daß im Komplementbindungs¬
versuche die mit dem Schüttelextrakt erzielte Ab¬
lenkung hinter der des Antiforminextrakts erheb¬
lich zurückblieb.'
Die Herstellung eines Präparats geschah für unsere Versnche
wie folgt:
Vier Petrischalen wurden mit dem Stamm Ty. A. 113 beimpft
und nach 24stündiger Bebrütung bei 37° C mit je 3 ccm physio¬
logischer Kochsalzlösung abgeschwemmt. Die erhaltenen 12 ccm wurden
mit 1,2 ccm Antiformin versetzt und kurze Zeit bis zur völligen
Lösung im Brutschränke bei 47° C gehalten. Die Lösung wurde nun
mit 10°/oiger Schwefelsäure neutralisiert und mit Natriumsnlfit zur Ent¬
fernung des freien Chlors versetzt. Als Indikator dienten Lakmus- und
Jodkaliumstärkepapier. Die Prüfung auf Sterilität erfolgte durch Ver¬
impfung auf Agar, Drigalski-Agar und Bouillon. Zur Konservierung
wurde ein Zusatz von 0,5 % Carbolsänre gemacht. Die Keimzählang
der Aufschwemmasg ergab für einen Kubikzentimeter 774900000 Keime.
Der mit dem Präparat angestellte Komplementbindangsversuch fiel
positiv aas.
Wir teilen die klinischen Ergebnisse trotz ihres
beschränkten Umfangs deshalb mit, weil ihre Resultate von
praktischem Interesse sind und an einem größeren Krank¬
heitsmaterial wohl noch erfolgreichere Anwendung ver¬
sprechen.
Die Erfahrungen über die subcutane Anwendung
des Antigens, in der Dosierung bis zu 700 bis 800 Millionen
Bacilienausgangsmaterial entsprechend, bedürfen nur einer
kurzen Skizzierung, da sie von den eingangs geschilderten
der früheren Autoren nur wenig abweichen. Hervorzuheben
ist die fast völlige Reizlosigkeit und geringe Schmerz¬
haftigkeit der hypodermatischen Injektion. Zu eigentlichen
Infiltrationen der Haut ist es nie gekommen, ebensowenig zu
Schwellungen der regionären Drüsen oder zur Entstehung
lympbangoitischer Streifen. Das Allgemeinbefinden wurde
überhaupt nicht sichtbar beeinflußt. Die Temperaturkurve
blieb entweder unverändert, oder es trat eine unbedeutende
Erhebung derselben ein, mit der man möglicherweise einen I
J ) K. Altmann und I. H. Schnitz. Verwendung von Bakterien¬
antiforminextrakten als Antigene bei der Komplementbindung. (Zschr. f
Immun. Forsch. 1909, Bd 3, H. 1, S 98.)
geringen Tieferstand der Kurve im Bereiche der nächsten
Tage in Zusammenhang setzen konnte, oder es schien die
Herbeiführung eines stärker remittierenden Charakters der
Kurve als Injektionsfolge angesehen werden zu können.
Alles in allem unterschied sich jedoch der Kurven verlauf
nicht genügend überzeugend von demjenigen unbehandelter
Fälle, um an sich als beweiskräftig angesehen zu werdon.
Die intravenöse Injektion ergab, wie dies nach dem
Vorhergehenden zu erhoffen war, ein besseres Resultat.
Nach anfänglichen tastenden Versuchen mit kleineren
Mengen resultierte eine Dosierung zwischen 70 bis 100 bis
I 300 bis 700 Millionen Bacillen, wobei jedoch die letzt¬
erwähnte Dosis voraussichtlich wegen zu starker, wenn auch
vorübergehender Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens
und eventueller Nachwirkung auf das Herz fallen gelassen
werden muß. Als Anfangsdosen haben die kleineren zu
gelten. Die Injektionen waren schmerzlos. Es folgte
in der Regel nach 20 Minuten bis V/ 2 Stunden ein
Schüttelfrost von Vr bis VaßtümRger Dauer mit raschem
Fieberanstieg, an den sich ein ebenfalls meist rasch ver¬
laufender Abstieg unter Schweißausbruch zu normalen
oder subnormalen Temperaturen anschloß mit consecutiver
wesentlicher Tiefereinstellung der Fieberkurve
eventuell zur Norm. Bei Dosen bis 300 Millionen verlief
diese Reaktion ohne stärkere Belästigung im Allgemein¬
befinden des Kranken. Hand in Hand mit dem günstigeren
Weiterverlauf der Fieberkurve, die wie durch eine Cüsur
abgeteilt erschien, lief die Besserung der klinischen
Aligemeinsymptome. Die Bewegungen der in größeren
Abständen verfolgten Agglutinationstiter weichen dabei
in unsern Fällen von den sonst bei Typhus beobachteten
nicht wesentlich ab. An Komplikationen und Nacb-
krankheiten sind je einmal Otitis media während der
Fieberperiode und vorübergehende Herzarhythmie in der
Rekonvaleszenz unter neun behandelten Fällen beobachtet,
ferner Gelenkscbmerzen bei einem Patienten, der seiner An¬
gabe nach vor zwei Jahren einen Gelenkrheumatismus über¬
standen haben will. Um die Wirkung der intravenösen
Injektionen zu demonstrieren, seien einige Fieberkurven
und kurze klinische Daten der behandelten Fälle,
die übrigens sämtlich in Genesung übergingen, angeführt:
Max K., 26 Jahre alt, aufgenommen am 26. Oktober. Patient er¬
krankte am 15. Oktober mit Schwüchegefühl, Schwindel&nflLllen, Kopf¬
schmerzen, Appetitmangel. Seit dem §1. Oktober bestehen Diarrhoen.
Status: Mittelgroßer Patient von ziemlich reduziertem Ernährungs¬
zustand. Auf der Haut des Bauches einzelne roseolaverdächtige Flecke.
Temperatur bis 40,4°. Zunge trocken, belegt. Puls 100, von mittlerer
Fülle und Spannong, Dikrotie angedeutet. Gor ohne Besonderheiten.
Lungen: Überall Giemen und Schnurren. Rechts hinten, in der Mitte
der Scapula einzelnes klangloses Rasseln. Leib etwis aufgetrieben, etwas
gespannt. Milz vergrößert Urin: Diazo —, Albamen —. Im Stahle
werden Typhusbacillen nachgewiesen.
6 . November: Intravenöse Injektion von Typhusantigen (ent¬
sprechend 70 Millionen Typhusbacillen) 11 Uhr vormittags, um 12,30
tritt ein Schüttelfrost auf, der eine halbe Stunde währt. Einmaliges
Erbrechen, sonst keine Beschwerden. Puls dauernd gut Temperatur
anstieg bis 41,1°. Danach Abfaü bis 36,2 o 4 Ohr nachmittags.
In den folgenden Tagen stellt sich die Temperatur wesentlich tiefer
ein gegenüber der vorhergehenden Kurve. Vom 12. November ab liegen
die Gipfel unter 38 vom 20. ab unter 37 o. Der Agglutinationstiter
betrug am 26. November 1/3000 -f-, 1/4000 ±, vorher am 15. November
1/800 -f, 1/1000 =fc, 1/2000 ±. Später geheilt entlassen.
Marie K., 25 Jahre, aufgenommen am 28. September. Patientin
erkrankte mit Mattigkeit, Gliederschmerzen und Fieber, sowie Appetit¬
verlust Aus ihren Angaben geht hervor, daß sie sich sur Zeit der Auf¬
nahme etwa am 12. Tage der Erkrankung befindet.
Status: Kräftiges Mädchen, fiebernd (39,4°), nicht benonunsn,
Zunge belegt. Herztöne rein, Puls 84, voll, nicht dikrot, Leib weich,
nicht aufgetrieben, keine Roseolen, kein Ileocoecalgurreu. Müz nicht
fühlbar, perkutorisch vergröüeit. Urin: Diazo +, Albumen Spur. Blut-
leucocyten 4500. Wi da Ische Reaktion mit Blutserum 1/640 +
(Typhus), 1/320 -f (Paratyphus B).
30. Oktober, l 1 '* Uhr mittags: Injektion von Typhusantigen
(entsprechend 700 Millionen BacilleD). Von 1 Uhr 50 Minuten bis 2 Uhr
^B nu * en P- ro. stellt sich Schüttelfrost ein, die Temperatur steigt bis
40,6«. Dabei kräftiger Puls. Am Nachmittage treten mehrere Durch-
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MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4.
falle iiif, ferner Cyanose, Kleinheit und gesteigerte Frequenz des Pulses,
sowie Beschleunigung der AtmuDg. Bis zum nächsten Morgen bessert
lieh der Zustand, jedoch bestehen auch am 31. noch vermehrte Durch-
fille and wiederholtes galliges Erbrechen.
Im Laufe des 31. linkt die Temperatur langsam bis auf 36,4 o.
Bis zum 2. November sind die Nebenerscheinungen geschwunden.
Guter Schlaf. Pnls von guter Fülle und Spannung. Herpes nasalis et
labialis.
5. November: Der Agglutinationstiter, der am 30. Oktober vor der
Injektion 50 + betrug, ist jetzt anf 200 ± gestiegen.
Die Fieberkurve, die vom 31. Oktober bis zum 2. November normal
lag. steigt am 3. und 4. vorübergehend bis 38,4 0 und 38,5 0 an, um dann
wieder abzusinken. Am 9. November tritt noch einmal eine Erhebung
bis 38.6 0 auf, worauf die Kurve ohne Unterbrechung langsam bis zur
definitiven Entfieberung absinkt, unter stetem Wohlbefinden der Patientin.
Walter B., 17 Jahre, aufgenommen am 3. Dezember.
300 Millionen entsprechende Dosis
der günstige Umschwung herbei¬
geführt.
Zum Schlüsse sei darauf
hingewiesen, daß die Behand¬
lung mit dem durch Auflösen
von Bacillen in Antiformin
hergestellten Antigen vor
derjenigen mit sensibilisier¬
tem Vaccin bezüglich der tech¬
nischen Herstellung den Vor¬
zug der größeren Einfachheit
besitzt In Rücksicht auf die
bei Anwendung stärkerer Do¬
sen eintretende Reaktion mag
Walter 3., 17 Jahre, aufgenommen am 3. Dezember. Patient er¬
krankte vor fünf Wochen mit allgemeinem Mattigkeitsgefühl, Frösteln
Herzklopfen und DurchflUlen sowie Appetitlosigkeit.
Status: Grazil gebauter Patient in reduziertem Ernährungs¬
zustände. Hautfarbe etwas blaß. Sensorium leicht benommen. Zunge
belegt, ziemlich trocken. Leib aafgetrieben, auf der Haut des Bauches
mehrere Roseolen. Milz perkutorisch vergrößert, nicht fühlbar. Urin-
Diazo-K Temperatur 40,2°.
Puls 100 bis 120, nicht
dikrot. Widalsche Reak- fcf.,, 1f VJ'T 1 . L: IV 1 " I' 1 1 ' I'
tion: Ym (Typhus). v Ttfr ffff 4 4 1 r 4t£P Tn I ■ • * \ 1
5. Dezember, 11 Uhr 1f fff4m-ffft TOT {juT TI
20Minaten vormittags: In- £ * • — • • • ;' '
travenöse Injektion von * • - * *
Typhasantim (ent- * t?T"T Li i! T!\ !
sprechend 100 Millionen g fff f ffff ffff ffff i-Hf ^
Reaktionserscheinungen, i^LLLL4+tfff] 1 ffff f ffl
kein Schüttelfrost, kein w - - • - . —...
Temperaturabfall. ^ r* '££ - TOT'^ :
6. Dezember: Tem- S | -—- TT~ f Z J ZZ ': . Z:
peratar noch hoch, bis • TOT TT lT lÜl i 1 iT Mi »y i
10,2°. Sensoriam noch be- * 11 TTm TiTTTT y* - * U-u
7. Dezember: In der I ffff ffff fff-*- 4 ni V • - - - * - ■
Nacht wieder benommen * ' I 'mIT j .
gewesen._ Frische Roseolen Z ffff ffff+H2! ftt !
auf der Haut des Abdomen •* j 1 f f~H' < TTY l • •
sichtbar. Um 10 Uhr vor- 5l“TTTT ffff TTr fffr ^44 .
mittags intravenöse In- i3Wffl++4f4+H ' y " : ’
jektion von Typhusantigen 2 . -ZZ', y n H • • •
(entsprechend 300 Millionen i - y - t- r ~T~
Typhusbacillen). Von 11 Uhr * Ifttt ffff T|~T f py tty tm
5 Minuten bis 11 Uhr ffff ffff iftf jfjy 1 ff 4fr *■
JP Minuten vormittags g S-ffffffff44-! j 4TT* Ny, ftn
Schflttelfrost unter Tempe- ' 1 ffff ffff fff- ffff ffTT irrt ' i
raturanstieg bis 40,9 • dann • -ffff TfU- ffff fUf - tfff ++?£ f J
■ Laufe des Tages Tem- Tffffftffffff int Tuf ij5T* -
peraturabfall bis 36,0° nnter S ffff ffff ffr^ ffff —- ffff - •
starkem Schwitzen. Puls 1 ffff ffff fff - f U} flfl tut US
danernd gut. c ä ff]|~fffj; ^
« ?• Dezember: Heute 1 9 : 4 Ö? ^ J U JJ £ : ZJt 5
bensorium vollkommen klar, % l • : 14 f fgf -UU4-
nachdem gestern nachmittag ? f if±t ffff tat ^fff: rbt TOT '
ooch etwas Benommenheit ^ I r i | 1 1 f ITr fff
h«Und. Zunge reinigt sich. 7 Ti ffl ? tttt = ar ffff -~
Noch eine neue Roseola auf E □ o t Ife Tff' fff - -LS* KZ ''
h* Leib. Etwas Nasen- iHfSr jf ;.t - - • • *
bluten.
U. Dezember: Be-
DDden gut. Die Morgen-
feonssionen liegen jetzt
unter 37,0 °.
12 . Dezember; Wi“
(Ul 1/700 +, 1/800,1,-
15 Dezember: Voll-
»Undige Entfieberung, gutes
Allgemeinbefinden, keine
Koaeolen, kein Meteoris-
““*• ^ lz '»eder perkuto-
noch palpatorisch ver-
f Bert Weiterer Verlauf
fieberfrei
Im letzteren Falle
^e also, nachdem eine
,Ä n entsprechend
, Millionen Bacillen sich
J« nngenflgend erwiesen
d urch die höhere
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UNIVERSITY OF IOWA
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Kurve III.
104
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4.
24. Januar.
os ratsam erscheinen, jeder Behandlungsserie einige
tastende Dosierungsversuche vorausgehen zu lassen, da
möglicherweise mit gewissen Differenzen zwischen den ein¬
zelnen Antigenen zu rechnen ist.
Aus der Heilstätte für Nervenkranke Haus Schönow in Zehlendorf
(Wsb). (Direktor: Prof. Dr. Max La ehr.)
Die körperlichen Friihsyinptome der
Dementia praecox
von
Dr. E. Breiger,
Oberarzt im Inf.-Rgt. 85, kommandiert zur Heilstätte.
Die körperlichen Symptome der Dementia praecox sind in
den letzten Jahren häufig Gegenstand wissenschaftlicher Bearbei¬
tung gewesen. Ihre Initialerscheinungen bieten keine scharf um¬
schriebenen Krankheitsbilder. Fließende Uebergänge gibt es viel¬
mehr zu den verschiedensten Pßychosen. Ich möchte nur auf die
nahen Beziehungen zum manisch-depressiven Irresein und zu den
psychopathischen Konstitutionen hinweisen. Bei der Schwierigkeit,
das Krankheitsbild abzugrenzen, war es verführerisch, nach körper¬
lichen Symptomen zu fahnden, welche als für Dementia praecox
charakteristisch zur Frühdiagnose verhelfen könnten. Sie würden
vielleicht auch zur Entscheidung der Frage, organische oder funk¬
tionelle Psychose, beitragen können. In den Arbeiten der letzten
Jahre ist die Aufmerksamkeit auf verschiedene Zeichen gelenkt
worden, deren Vorhandensein auf das Vorliegen eines in diese
große Gruppe gehörenden Krankheitsprozesses schließen läßt.
Während die Mehrzahl der Beobachter sich auf objektive Unter¬
suchungsbefunde beschränkt, zieht Tomaschny auch rein subjek¬
tive Beschwerden in den Kreis seiner Beobachtungen. Diese sind
ihm schon deshalb wichtig, weil sie das Substrat zu paranoiden
Aeußerungen bilden können. Die Mitteilungen über charakteristische
Befunde bei der körperlichen Untersuchung Dementia-praecox-
Kranker stammen aus Irrenanstalten und psychiatrischen Uni¬
versitätskliniken. In ersteren sind sie wohl größtenteils an alten
Fällen gewonnen. Aber auch in letzteren haben sich die Unter¬
suchungen auf Kranke erstreckt, welche schon stärkere psychotische
Zustandsbilder aufwiesen und deshalb sofort in eine geschlossene
Abteilung aufgenommen waren. Es fehlen, soweit ich die Literatur
überschaue, dagegen eingehende Berichte über Untersuchungen von
Kranken, welche die ersten leichten Erscheinungen einer schizo¬
phrenen Erkrankung bieten. Aber gerade bei diesen Kranken wäre
ein positives Ergebnis am wichtigsten. Finden sich charakte¬
ristische körperliche Symptome schon im ersten Beginn der Er¬
krankung? Die bejahende Beantwortung dieser Frage würde die
Bedeutung dieser Befunde für die Differentialdiagnose erst in das
rechte Licht stellen. Die Fälle von Dementia praecox, welche in
Haus Schönow beobachtet werden, stehen zum größten Teil im
Beginn der Erkrankung. Sie sind zumeist unter der Diagnose
eines nervösen, neurasthenischen oder psychopathischen Krankheits¬
prozesses der Heilstätte überwiesen. Die eingehendere Aufnahme-
Untersuchung ergab aber in einer Reihe von Fällen sogleich, daß
eine Schizophrenie vorlag, was dann weitere Beobachtung be¬
stätigte. Bei andern Kranken war nach dem Aufnahmebefund die
Einordnung in diese Krankheitsgruppe nicht gleich möglich, konnte
vielmehr erst nach einiger Zeit als gesichert gelten. Es wurden
aber anderseits auch Kranke beobachtet, wo der anfängliche Ver¬
dacht auf eine sich entwickelnde Dementia praecox auf Grund des
Verhaltens während einer längeren Kur aufgegeben werden mußte.
Es ist meines Erachtens daher von Interesse, an der Hand der
Krankenblätter an diesen Kranken festzustellen, inwieweit bei
ihnen körperliche Symptome feststellbar waren, und zwar Sym¬
ptome, welche — da von anderer Seite als pathognomonisch be¬
schrieben — die Diagnose erleichtern konnten. Berücksichtigt
habe ich im ganzen 100 Kranke, welche seit 1911 hier behandelt
wurden.
1. Pupillenstörungen.
Alle Untersucher dieser Frage stellen diese an erste Stelle.
Beobachtet sind eigenartige Formveränderungen wie exzen¬
trische Lage, querovale Gestalt, abnorme Weite der Pupillen
(Meyer in 10% seiner Fälle), Differenzen in der Weite und vor
allen Dingen Störungen der Psychoreflexe an den Pupillen. Die
Erweiterung der Pupillen bei sensiblen und psychischen Reizen, i
der fortwährende Wechsel in der Weite der Pupillen bei Konzen¬
tration der Aufmerksamkeit und bei lebhafter psychischer Arbeit
— die sogenannte Pupillenunruhe — werden bei Gesunden wohl
fast nie vermißt. Bei Kranken mit organischen Psychosen fehlen
dagegen diese Psychoreflexe mitunter. Nach fast einstimmigem
Urteil aller Beobachter kommt dieses Symptom aber auflallend häufig
bei Dementia-praecox-Kranken vor und scheint für diese in ge¬
wisser Hinsicht pathognomonisch zu sein. Die Häufigkeit des
Vorkommens wird verschieden angegeben. Diese Unterschiede
sind durch die Verschiedenheit des Beobachtungsmaterials bedingt.
Folgende kleine Tabelle möge zur Uebersicht dienen.
Tabelle I.
Weller
(126 Fälle)
Hflbner
(236 Fälle)
Bumke
(200 Fälle)
Sioli
(40 Fälle)
Pförtner
Wassermejer
(39 Fälle;
Pnpillon-
40%; in
i
75 °'o, gering
60% (bei
37 mal
15%
anruhe
weiteren
in 17%
verblödeten
= 92,5%
fehlend
34*o
Kranken
1
fraglich
100%)
vorhanden
26%
8%
40%
7,5%
60%
Je weiter vorgeschritten die Krankheit ist, um so häufiger
kann man die fehlende Pupillenunruhe feststellen. Nach Burnke
verschwindet zuerst die Unruhe der Pupillen, welche von der nie
ruhenden psychischen Tätigkeit des Gehirns abhängig ist. Erst
in späteren Stadien fehlt auch die Erweiterung der Pupillen
auf psychische und sensible Reize. Die effektive Verblödung
der Kranken soll für die Auslösung dieser Erscheinungen
in manchen Fällen von ursächlicher Bedeutung sein. Andere
Beobachter sehen wieder in eigenartigen Spannungszuständen der
Irismuskulatur, welche den katatonischen Erscheinungen in der
willkürlichen Muskulatur gleichzusetzen sind, die Erklärung.
Neuerdings wird auch darauf aufmerksam gemacht, daß eine
Schwäche des Vasomotoreneentrums für diese Erscheinungen
verantwortlich gemacht werden könnte. Vasoconstriction und da¬
durch bedingte schlechte Ernährung oder Vasodilatation und da¬
durch bedingte Kompression des Okulomotoriusastes würden durch
diese Schwäche hervorgerufen (Westphal, Reichmann). Jeden¬
falls seien diese Symptome, so sagen die meisten Autoren, Zeichen
einer organischen Erkrankung. Das in den letzten Sätzen Ge¬
sagte gilt auch für die Erklärung der von Westphal zuerst be¬
schriebenen katatonischen Pupillenstarre. Westphal beobachtete
an 18 fortgeschrittenen, meist stuporösen Kranken eine Starre der
Pupillen, welche nicht konstant war und mit katatonischen Er¬
scheinungen in der willkürlichen Muskulatur kam und ging. Seine
Befunde wurden unter andern auch von Winter bestätigt,
welcher von 40 Kranken diese Starre oder wenigstens eine Träg¬
heit feststellen konnte. Sie trat mitunter erst nach einer ersten
prompten Reaktion auf, war auffallender weise in andern Fällen ein¬
seitig. An die Westphal sehen Beobachtungen anknüpfend, konnte
dann Meyer über ähnliche Störungen berichten, welche aber erst
beim Druck auf den Uiacalpunkt auftraten, Uebt man beim ge¬
sunden Menschen auf die rechte Unterbauchgegend, entsprechend
dem sogenannten Iliacalpunkt, einen Druck aus, so tritt eine
Pupillenerweiterung ein. Prüft man bei Beibehalten des Druckes
den Lichtreflex, so erfolgt dieser prompt. Bei Kranken mit De¬
mentia praecox tritt wohl auch die Erweiterung auf, in einer An¬
zahl von Fällen zeigen diese erweiterten Pupillen aber eine Starre
oder Trägheit, wenn man während des Druckes den Lichtreflex
prüft. Die bisherigen Beobachtungen der Königsberger Klinik sind
vor kurzem in einer Arbeit von Reichmann zuBamniengefaßt.
Die Untersuchungen erstrecken sich jetzt auf 215 Fälle, von denen
70% Störungen der Lichtreaktion zeigten. Achtmal war die
Westphal sehe katatonische Pupillenstarre nachweisbar. In H
Fällen trat diese erst beim Druck auf den Uiacalpunkt auf. Der
Konvergenzreflex war nur dreimal nicht in Ordnung. Von den
215 Kranken trat bei 113 auf Iiiacaldruck Pupillenerweitorung
ein. Der Lichtreflex war während des Druckes, wie schon er¬
wähnt, bei 14 Kranken aufgehoben, bei weiteren 25 träge. Bei
den zur Kontrolle untersuchten Hysterischen trat in 76,9% Pu*
pillenerweiterung auf. Der Lichtreflex war aber immer prompt.
Von 79 Kranken mit gestörter Lichtroaktion waren 53,4% Hebe*
phrenien, 77,71% Katatonien und 19,23% Paranoide. Eine Pu-
pillenerWeiterung wurde in 23 Fällen auch bei starkem Hände¬
druck beobachtet. Während dieser Erweiterung war elfmal
wiederum der Lichtreflex träge. Verfasserin macht wohl mit
Recht auf die große differentialdiagnostische Bedeutung dieser Be¬
funde aufmerksam.
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21 Januar.
105
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4.
Diesen etwas eingehenderen Bericht über die in der Lite¬
ratur veröffentlichten Befunde glaubte ich bei der Bedeutung der
Erscheinungen nicht umgehen zu können. Nur so ist ein Ver¬
gleich mit meinen Berechnungen möglich. Bei der Prüfung der
Pupillenunruhe hat sich die Mehrzahl der Untersucher eines be¬
sonderen Apparats bedient — der Westienschen Lupe. Nur
Pförtner meint, daß die Prüfung mit dem unbewaffneten Auge
genüge. In Haus Schönow wurden alle Kranken im Anschluß an
die Augenspiegeluntersuchung untersucht bei seitlicher Beleuch¬
tung. Die Beobachtung erfolgte ohne besonderen Apparat, da
praktischen Wert nur solohe Befunde haben, welche ohne beson¬
dere Hilfsmittel erhoben werden können. Die Patienten wurden
aufgefordert, nichts zu fixieren. Während der Untersuchung wurde
mit ihnen über Dinge geredet, welche sie interessierten und leb¬
hafte Qedankentfttigkeit hervorriefen, z. B. über ihre Sorgen, ihre
Phobien. Diese einfache Untersuchung bedingt entschieden Fehler¬
quellen. Bei Beobachtung mit der Westienschen Lupe wäre bei
manchem Kranken, bei welchem geringe Unruhe notiert wurde,
genügende oder gar lebhafte gefunden worden. Es würde also
im gamen die Zahl der prompt reagierenden Kranken noch mehr
gestiegen sein. Es wurde im allgemeinen nur die Pupillenunruhe
geprüft, die Erweiterung bei den verschiedenen Reizen (z. B.
sohmerxhaften) nur ausnahmsweise. Hierin sehe ich keinen Mangel,
da ja die Pupillenunruhe die empfindlichste Reaktion ist, welche
nach Bumke zuerst verloren geht. Bei 65 Kranken fanden sich
Angaben über die Pupillenunruhe. Die Reaktion war eine leb¬
hafte in 34 Fällen =52,3°/ 0 , mittelstark 23 mal = 35,4%, genüg
respektive fehlend 8 mal = 12,3%. Wurde bei Kranken mit leb¬
hafter oder wenigstens deutlich nachweisbarer Pupillenunruhe zur
Kontrolle die Schmerzreaktion geprüft, so erfolgte jedesmal prompte
Papillenerweiterung. Auf die von Meyer beschriebenen, bei
Iliacaldruck auftretenden Pupillenstörungen wurde erst bei den
Kranken des letzten Jahres geachtet. Die Pupillenerweiterung
trat jedesmal ein. Aber nur ein einziges Mal konnte während
des Druckes eine Pupillenstarre beobachtet werden. Gerade bei
fiesem Kranken schwankte die Diagnose zwischen Schizophrenie
und degenerativer Psychopathie. Sein psychisches Verhalten sprach
mehr für die erster«. Der weitere Verlauf muß lehren, ob dieses
richtig und, ob dennoch in diesem körperlichen Zeichen ein Früh¬
symptom der Erkrankung zu erblicken war. Von Anomalien der
Popillen seien außerdem erwähnt: auffallende Weite 8 mal, quer¬
ovale Gestalt 3 mal, exzentrische Lage 1 mal, Differenz 3 mal, ver¬
logene Papillen ebenfalls 3 mal. Eine paradoxe Konvergenzreaktion
worde einmal erwähnt. Der Lichtreflex erwies sich in vier Fällen
bei gewöhnlicher Prüfung als träge. Von den Kranken mit einer
Anomalie der Pupillenform scheint mir einer besonders er¬
wähnenswert.
Es handelte «ich nm einen 26 jährigen Kranken, der schon in seiner
Scbnlieit nervöse, vorwiegend depressive Symptome gezeigt hatte. Später
KMjterte er infolge stärkerer „nervöser“ Erscheinungen im Studium,
JJ™ schließlich Photograph. Auch in diesem Berufe leistete er wenig,
Maß sein Chef ihn häufiger tadeln mußte. Kurz vor seiner Aufnahme
aatw ff eisen Dämmerzustand durch gemacht, war in diesem von Genua
weh Helgoland und dann nach Berlin gefahren. Er wurde in seiner
wotmung m Berlin nach einigen Tagen wieder klar und zeigte für die
«n des Umherreiiens — zirka 14 Tage — fast völlige Amnesie. In
Jim* ochönow war Patient fast ein Jahr. Sein psychisches Verhalten
•wn an der Diagnose keine Zweifel Aufkommen 1 )- Dieser Kranke bot nun
Sit .^voehenweise eine Ungleichheit der Pupillen, und zwar war
Sf ha« größer als die rechte. Mitunter verschwand die Ungleich-
w wiürend der Beobachtung. Dabei zeigte das Auftreten dieses Sym-
(wni Mine Abhängigkeit von einem verstärkten Hervortreten der fibrigen
^e^rschemungen. Es wurde vielmehr gegen Schluß der Beband-
mg, au das Befinden des Kranken ein bedeutend besseres war, kon-
in *nw «p ? r ÄDI ff e Prilgt gefunden. Katatonische Erscheinungen
j lc ^ en ^ M ÄuIatur waren auch nicht nachzu weisen. Es
du Zau. 8100 . f*?K en um einen starken Vasomotoriker. Einmal schien
- „JT“ ch Anschluß an eine Aufregung — Tod der Großmutter
«»wickelt zq haben.
begnü r ^‘ U ^ Z ^ U11 £ ^ er Befunde möchte ich mich an dieser
2. Sehnen- nnd Hautreflexe.
u._ J^ 9 Bedeutung kommt den Reflexstörungen nicht zu.
ggj j k fÖ%i Pförtner bei % seiner Kranken eine Stei-
j’rcsg der P atellarreflexe. An den Übrigen Sehnenreflexen war
sind jetzt fast zwei Jahre verflossen. Die
richhmg in dsuVoide^Sd. anrzeit eine paranoide Gedanken-
diese schon nicht so häufig. Mitunter konnten gesteigerte Re¬
flexe an den Sehnen neben schwachen Hautreflexen von Meyer
beobachtet werden. Nach Pförtner ist von letzteren der Bauch¬
reflex noch am meisten gesteigert, und zwar in 50%. Auch
Gaumen- und Rachenreflexe können lebhaft sein. Gelegentlich ist
eine einseitige Steigerung zu konstatieren (Pförtner). Eine Her¬
absetzung der Sehnenreflexe ist nach Meyer selten. Knapp hat
dagegen Bogar ein Fehlen des Patellarreflexes häufiger beobachtet.
Das Babinskische Phänomen fehlte stets. Nachstehende Tabelle
orientiert am schnellsten über meine Befunde.
_ Tabelle IL _
| gesteigert j mittel I Gering
Pror.ent i Prozent Prozent
Haut- und Schleimhnutreflexe.I 47 1 4 H 6
Reflexe an den Armen. 4 5 50 5
Reflexe an den Beinen .| 48 | 43 5
Diese Tabelle ergibt ein im allgemeinen gleiehos Verhalten
der Haut- und Sehnenreflexe.
8. Verhalten der Sensibilität.
Auch hier fehlen charakteristische Befunde. Tomaschny
erwähnt von rein subjektiven Symptomen das Auftreten von
mannigfachen Parästhesien und das Vorkommen von Schmerz¬
anfällen, z. B. eines neuralgischen Schmerzes im Quintus. Auch
Kopfschmerzen wechselnden Charakters sind häufig. Meyer,
Knapp und Ziehen machen auf hypästhetische und hypalgische
Erscheinungen aufmerksam, welche oft einen transitorischen Cha¬
rakter haben. Pförtner konnte diese Angaben an seinem Ma¬
terial dagegen nicht bestätigen. Bei meinen Kranken habe ich
vor allen Dingen nachgeforscht, ob sich in den Krankengeschichten
Angaben über die psychische Reaktion auf Berührungen und vor
allen Dingen auf schmerzhafte Reize wie Stiche vorfanden. Bei
83 Fällen waren dementsprechende Notizen vorhanden. Von diesen
83 Kranken war die Reaktion bei 7,2% gering, bei 43,5°/ 0 mittel,
bei 49,3 % lebhaft und von diesen 49,3% wieder bei 27,7% auf¬
fallend lebhaft.
4. Vasomotorische Störungen.
Vasomotorische Störungen der verschiedensten Art sind be¬
schrieben worden, so unter andern von Tomaschny, Meyer,
Knapp, Pförtner, Baller, Herzog. Ihnen kommt nach allem
eine große Bedeutung zu. Unter Umständen können sie difleren-
tialdiagnostischen Wert erlangen. So fand Baller unter 93 Kranken
mit Oedemen und cyanotischen Erscheinungen, bei denen eine
körperliche Erkrankung, wie Herzfehler, Varicen, ausgeschaltet
werden konnte, 90 Hebephreniker. Man könne deshalb beinahe
beim Gange durch eine psychiatrische Station am Vorhandensein
ausgeprägter derartiger Symptome eine Vermutungsdiagnose stellen.
Auch Knapp weist auf die differentialdiagnostische Bedeutung
hin. Die Ursache dieser Störungen wird in zwei Momenten ge¬
sehen. Einmal soll es sich um Spannungserscheinungen in der
glatten Muskulatur der Gefäße handeln, ähnlich denjenigen, welche
an der willkürlichen Muskulatur beobachtet werden (Baller).
Anderseits wird eine Störung des vasomotorischen Centralapparats,
eine Gefäßlähmung inneren Ursprungs, angenommen (Pförtner)!
In beiden Fällen wird also eine ähnliche Erklärung wie für die
Störungen an den Pupillen gesucht. Herzog macht noch darauf
aufmerksam, daß nicht immer ein speciüscher Krankheitsprozeß
vorliegen muß, daß vielmehr in einer Reihe von Fällen rein psy¬
chische Faktoren als ursächliches Moment in Frage kommen.
Auffallend ist immerhin, daß bei Kranken mit ausgesprochenen
katatonischen Erscheinungen vasomotorische Symptome am häufigsten
und am ausgeprägtesten zu konstatieren sind.
Im einzelnen wurden beobachtet: starke Dermographie, Cya-
nose, Erytheme, kalte, feuchte Extremitäten, Oedeme. Namentlich
die Erytheme hatten oft einen transitorischen Charakter. Bei
dem innigen Zusammenhänge zwischen vasomotorischem System
und Drüsentätigkeit ist es erklärlich, daß auch diese bei den hier
in Erörterung stehenden Krankheitsprozessen mitunter pathologi¬
schen Charakter trägt. So erwähnt Tomaschny reichliche
Schweißabsonderung bei katatonischen Haltungen und sieht in ihr
eine Folge der großen Muskelanstrengung. Auch Pförtner beob¬
achtete lebhaftes Schwitzen, aber nur bei ängstlich erregten
Kranken. Es sei eine Folge des psychischen Zustandes. Ferner
wird berichtet von übermäßiger Speichel- und Tränensekretion.
Auch in den mir zur Verfügung stehenden Krankengeschichten fand
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UNIVERSUM OF IOWA
106
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4.
24. Januar.
sich eine Reihe subjektiver Beschwerden, welche ihre Entstehung
vasomotorischen Störungen verdankten. Die Patienten hatten über
Brennen im Körper, Kälteschauer im Rücken, über Frösteln, Über
Blutandrang zum Kopfe mit Schwindelgefühl, über kalte Hände
uud Füße, über leichtes und starkes Schwitzen geklagt. Ent¬
sprechend diesen Angaben fanden sich auch bei der objektiven
Untersuchung dementsprechende Erscheinungen. Ich möchte einige
erwähnen: schnell eintretendes, stark ausgeprägtes und lange an¬
haltendes Hautnachröten bei mechanischer Reizung, Blutandrang
zum Kopfe, kühle, feuchte Extremitäten, Schweißabsonderung aus
den Achselhöhlen während der Untersuchung. Bei einer Kranken
trat bei jeder Untersuchung neben einem Erythema pudoris im
Gesicht auf der Brust eine scharf umschriebene, unregelmäßig ge¬
formte Rötung auf, und zwar jedesmal an derselben Stelle. Eine
andere Patientin mit starken subjektiven und objektiven vasomo¬
torischen Erscheinungen bekam, sobald sie aufgeregt war, im Ge¬
sichte, namentlich in der Ohrgegend, aber auch an der Brust,
scharf umschriebene, abgezirkelte, bis fünfmarkstückgroße, inten¬
siv gerötete Flecken. In den befallenen Stellen trat starkes Hitze¬
gefühl auf. Mit Nachlassen der Erregung verschwinden auch die
Flecken.
Im ganzen fand ich bei 88 Kranken einwandfreie Angaben
über die eben beschriebenen Störungen. Die vasomotorische Er¬
regbarkeit war in diesen 88 Fällen: 1. in 68,7% lebhaft aus¬
geprägt, und zwar in 44.6% ganz auffallend stark ausgebildet,
2. in 25,3 % mittelstark und 3. in 6,0% gering. (Schluß folgt.)
Aus der Praxis für die Praxis.
Röntgenologische Ortsbestimmung bei Fremdkörpern
im Knochen
von
Dr. Krnmmacher, Ibbenbüen.
Zu den brennenden Tagesfragen der Aerzte, insbesondere der¬
jenigen, die infolge der vielen Reservelazarette „Kriegschirurgen“ ge¬
worden sind, gehört unzweifelhaft die Frage nach der sichersten Methode,
Fremdkörper za finden und za entfernen. Sehr vielen Kollegen wird es
gegangen sein wie mir auch, daß sie glaubten, eine Röntgenaufnahme
genüge, und daß sie ihren Zweck doch nicht erreicht haben. Inzwischen
hat Dr. Nordmann in seinem „Praktikum der Chirurgie“ eine Methode
angegeben, die wohl selten im Stiche lassen wird. Ueber einen ähnlichen
Vorschlag des Dr. Hartert (Tübingen) bringt die Nummer der M. El
ein Referat ans der M. m. W. Aber wie soll man verfahren, wenn der
Fremdkörper im Knochen sitzt? Vor einigen Wochen bekam ich einen
Fall in Behandlung, wo die Kugel in der Tibia dicht unter dem knorp-
lichen Ueberzuge des Kniegelenks saß. Anderweitig war bereits ein ver¬
geblicher Versuch gemacht worden. Da das Einstechen von Insekten¬
nadeln von vornherein anssichtslos war, so habe ich mich eines Stein¬
mann sehen Nagels („beidseitig perforierender Nagel“) bedient, den ich
leicht, ohne Hantschnitt, mit dem von ihm konstruierten Handgriffe vor
dem Röntgenschirme bis an den Fremdkörper heranbringen konnte.
Meines Erachtens ist die Methode sicher, wenn es möglich ist, den
betreffenden Körperteil in passender Stellung vor den Schirm zu
bringen.
Ans den neuesten Zeitschriften.
Berliner klinische Wochenschrift 1915, Nr, 1 and 2 .
Nr. 1. Kirchner (Berlin): Der Krieg und die Aerzte. Von den
Errungenschaften der jüngsten Zeit, die dem Arzt im Kriege zugute
kommen, verdienen besonders die Verbesserung der Wundbehandlung
nnd das Röntgenverfahren hervorgehoben zn werden. Während die
Wundbehandlung in nnsern früheren großen Kriegen noch viel zn
wünschen übrig ließ, kann der Arzt von heute die großen Errungen¬
schaften der modernen Wundbehandlung als etwas Selbstverständliches
ansehen and sich zur Diagnostik des wertvollen Hilfsmittels der Röntgen-
dnrchleuchtung bedienen. Neben der Chirurgie ist besonders die Hygiene
für den Feldarzt wichtig. Die Schutzimpfung gegen Cholera und Typhus
hat die Morbidität dieser Krankheiten wesentlich erniedrigt. Vor edlem
aber ist die Leistungsfähigkeit auf militärärztlichem Gebiet dnreh die
glänzende Organisation des Heeressanitätswesens wesentlich gefördert
worden. Die Fürsorge für unsere verwundeten and kranken Soldaten ist
von der Front bis in die heimischen Lazarette ausgezeichnet geregelt
Nicht nnr die Leistungsfähigkeit des Feldarztes ist größer geworden,
sondern seine Tätigkeit ist anch erheblich gefährlicher geworden, beson¬
ders da unsere Gegner bedauerlicherweise die Genfer Konvention vielfach
unbeachtet lassen. Als Mangel neben diesen Vorzügen ist die allzngroße
Spezialisierung eines Teils der Aerzteschaft nnd die anzureichende
militärärztliche Ausbildung der Aerzte des Beurlanbtenstandes zn nennen.
Wie der Offizier, so dürfte auch der Sanitätsoffizier des Benrlanbten-
standes künftig wiederholt zu Uebungen einzuziehen sein.
Tonton (Wiesbaden): Geschlechtsleben nnd Geschlechtskranke
beiten ln den Heeren, im Kriege and Frieden. Die sorgfältige Arbeit
gibt einen historischen Ueberblick über diesen Stoff Mb zur Neuzeit, aus
welchem hervorgeht, daß man die Trennung von Prostitution nnd Heeren
im Frieden wie im Kriege als aussichtslos aufgeben soll, nnd daß es
sich nur darum handeln kann, durch planmäßige hygienische Maßregeln
ihren drohenden Gefahren zn begegnen. (Fortsetzung folgt.)
Krüger-Franke (Kottbns): Ueber troppenftrztliche Erfahrun¬
gen ln der Schlacht. Bericht über sanitätstaktische und ärztliche Ma߬
nahmen, über die Anlage von Trnppenverbandsplätzen und die ärztliche
Tätigkeit des Truppenarztes, welcher sich aller chirurgischen Eingriffe
nach Möglichkeit enthalten soll. Es werden die Grundsätze der Des¬
infektion und der ersten ärztlichen Versorgung sowie des Abtransports
der Verwundeten erörtert
Hirschfeld and Dünner (Berlin): Znr Differentialdiagnose
zwischen Sepsis und akuter Leukämie. Das Wesen des leukämischen
Prozesses beruht nicht auf der meist vorhandenen starken Vermehrung
der Leukocyten nnd dem Auftreten mehr oder weniger zahlreicher patholo¬
gischer Leukocyten, sondern auf den krankhaften Wucheruogsvorgängen
in den blutbildenden Organen. Bericht über einen Fall aknter Leukämie,
welcher dauernd mit Leukopenie einherging, und bei welchem die Diffe¬
rentialdiagnose gegen Sepsis Schwierigkeiten machte. Die richtige
Diagnose war möglich wegen einer nekrotisch-nlcerösen Mundschleimhaut-
affektion. Die Blutkultur fiel negativ aus.
Westenhofer (Berlin): Ueber dyspnolsche Kontssions-
pneumonle. Der Verfasser tritt in seinem Gutachten dafür ein, daß
die Kontusion des Brustkorbs, besonders wenn sie mit Rippenbrnch
einhergeht, dnreh die dadurch bedingte Funktionsstörung disponierend
für eine Lungenentzündung auf der gleichen Seite wirken kann. Wir
dürfen in solchen Fällen nicht nnr in den kleinen Blutungen des Langen-
gewebes, sondern auch in den gleichzeitigen Atmuugsstörungen du
prädisponierende Moment zum Zustandekommen der Lungenentsündang
erblicken.
Kling (Stockholm): Technik der Sehutstmpfiing gegen Ysri-
cellen. Die Impfung mit Varicellenlymphe wird mit einer gewöhnlichen
Impflanzette ausgeführt, die nicht zu scharf sein darf. Die Spitze wird
in das Windpockenbläschen eingeführt, wobei die klare Lymphe heraus-
fließt nnd die Spitze benetzt. Die Haut auf dem Impffelde wird ge¬
spannt and man macht non einige leichte Einstiche in die Haut, wobei
man es vermeidet, die Lanzette so tief einzuführen, daß es zu ein«
Blutung kommt.
Kafka (Hamburg): Ueber Noguchis Lnettnreaktton mit beson¬
derer Berücksichtigung der Spätlues des Centralnervensystems.
Die Arbeit zeigt, wie die Luetinreaktion uns nicht nur diagnostische
Anhaltspunkte bietet, sondern auch geeignet sein kann, wegweisend in
die viel verschlungenen Pfade der menschlichen Lnes einzngreifen. Die
progressive Paralyse nimmt auch hier eine Sonderstellung ein. Die
Luetinreaktion wird ans für ihre frühzeitige Erkennung gute Dienste
leisten, denn wenn wir sie in den verschiedenen Stadien der Lnes
parallel mit der Wassermannschen Reaktion verwenden, wird sie uns
zeigen könneD, wann bei noch bestehender serologischer Reaktion die
durch die Luetinreaktion charakterisierte cellnläre Immunität des Körpers
zn schwinden beginnt.
Nr. 2. Oppenheimer (Berlin-Gronewald): Die Anpassung 4®*
deutschenTolkscrnlhrung an die Kriegslage. Einer der wichtigsten Pläne
unserer Gegner im gegenwärtigen Krieg ist der, uns durch Sperrung
unserer Grenzen and überseeischen Verbindungen die Nahrangszufuhr abzn-
schneiden, ein Plan, der auf den ersten Blick außerordentlich bedrohlich
su sein scheint. Die Gefahr einer Aushungerung ist indessen tatsächlich
{ gegenstandslos, wenn jeder einzelne im dentschen Volke soviel Ver¬
antwortungsgefühl beweist, daß er sich für seine Person und seine Um-
I gebung den notwendigen Anpassungsmaßnahmen fügt, und wenn
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Idm Aber sparsames Wirtschaften befolgt werden. Wenn men den
berechneten physiologischen Bedarf als Maßstab nimmt, so würde die
Somme der zukünftig erzeugten Nährwerte den Gesamtbedarf immer
noch um 19% übertreffen, während allerdings die Eiweißprodnktion am
3°/i hinter unierm bisherigen Bedürfe zurückbleibt Die wichtigste aller
gjniehr&nkungsmaßregeln ist ohne jeden Zweifel die Einschränkung der
Yiehmlitung and das vorzeitige Abschlachten von Vieh, um Futtermittel
io ersparen. (Schloß folgt)
Magnas-Levy (Berlin): Ueber leidste Hcrzveränderungeu bei
Eriegiteiliehinern. Vielfach finden wir bei Feldzngsteilnehmem die
Encheinongen einer leichten Mitralklappeninsuffizienz, zuweilen verbunden
mit einem geringen Grade von Stenose. Wenn man von den Fällen ab-
seht, bei denen diese Veränderungen schon vor dem Feldzuge bestanden
hsben, konnte man als Erklärung an infektiöse Momente oder an physi¬
kalische Vorgänge am Herzmuskel und seinem Klappenapparat als Folge
der dauernden Ueberanstrengung denken, eine Anschauung, welche Ver¬
fasser für die meisten dieser Fälle für zutreffend hält
Kleinschmidt (Berlin): Ueber die Calcariurie der Kinder.
Ali Calcsriorie (Phosphaturie) bezeichnet man die daroh längere Zeit
hindurch mit einiger Konstanz bestehende Ausscheidung eines trüben, oft
milchig getrübten Harns, der beim Sedimentieren einen weißen, aus
kohlenssarem und phosphorsaurem Kalke zusammengesetzten Niederschlag
erkennen läßt Dieses Symptom ist so auffallend, daß es dem Laien
selbst nicht zn entgehen pflegt und es wird daher oft genug zur direkten
Veranlassung einer ärztlichen Konsultation. Dabei zeigt sich nun, daß
dis Leiden in ärztlichen Kreisen nicht genügend bekannt ist, zum min¬
derten aber in der Beurteilung und Behandlung Schwierigkeiten bereitet.
Die Calcsriorie besteht wie eine Reihe von Stoflwechseluntersuchungen
gelehrt haben, in einer Vermehrung der Kalkausscheidung durch den
Hirn, während sich die Phosphorsäaremenge in normalen Grenzen hält.
Zar Erklärung der Sedimentbildung hat man die gleichzeitige Vermin¬
derung der Acidität mit verantwortlich gemacht. Es ist aber, da die
Bildung des Sediments auch im schwach sauren Harne beobachtet wird,
eine Kolloidentziehung des Harnes, wie sie die Bildung des Oberflächen-
hlutchens darstellt notwendig, um ein Ausfallen der Kalksalze zn be¬
wirken. Die C&lcariurie ist von gewissen allgemeinen Erscheinungen
neurogener Natur begleitet Auch nach den Beobachtungen des Ver¬
fallen zeigten solche Kinder von frühester Jugend au die charakteristi-
ichen Züge des Neuropathen. Die nervösen Symptome sind die Mani¬
festationen einer konstitutionellen Anomalie und bleiben bestehen, gleich¬
gültig, ob die Calcariurie verschwindnt oder nicht Höchstens in der
Form oder Lokalisation der Symptome ist ein Wechsel möglich. Als
wirksamstes Mittel zur Beseitigung der Calcariurie bewährte sich der
Wechsel der Umgebung des Kindes. Die Calcariurie würde nicht allein
stehen als Stoffwechsel- und Sekretionsanomalie, die in Abhängigkeit
Tom Nervensystem zu deukeu ist. Wir kennen mancherlei Störungen,
insbesondere der Drüsen mit innerer und äußerer Sekretion, die sieb
unter nervösem Einfluß entwickeln. Ihr Zustandekommen im einzelnen
tu erklären, sind wir jedoch vorläufig außerstande.
fiothmann (Berlin): Ueber familiäres Vorkommen von Fried-
rekkseker Ataxie, Myxödem und Zwergwuchs. Die Frage der inneren
Sekretion spielt besonders auf dem Gebiete der Neurologie eine Rolle,
di wir wissen, daß innige Beziehungen der Funktion des Centralnerven-
lyrtems, vor allem des Gehirns, zu den Funktionen der Schilddrüse, der
Nebennieren, des Pankreas, der Leber, vor allem aber auch der beiden
.Himdrüsen“, Epiphyse und Hypophyse bestehen. Verfasser teilt drei
Fälle von familiärem Vorkommen von Friedreich scher Ataxie, Myx-
üdem and Zwergwuchs mit, aus denen hervorgeht, daß von dem Stadium
der Störungen der Drüsen mit innerer Sekretion ans allmählich Licht
uf die bisher so dunkle Aetiologie einer Reihe von chronischen Nerven-
kraakheiten, vor allem auch auf dem Gebiete der Heredodegenerationen,
Men dürfte.
Ton ton (Wiesbaden): Geschlechtsleben und Geschleehtskrank-
beltes ln den Heeren im Kriege und Frieden. Verfasser gibt einen
nur rein ärztlich, gondera auch psychologisch interessanten Ueber-
bück über den Geschlechtstrieb und das Geschlechtsleben im Kriege, so¬
wohl was die kämpfenden Trappen als auch die Zurück bleib enden be¬
kifft, und betont, daß in den Anstrengnngen, Entbehrungen und starken
Affekten, welche der Krieg mit sich bringt, eine der wesentlichsten
Hemmungen des Geschlechtslebens zu erblicken ist, während die Trappen
m eroberten Städten ganz besonders den Gefahren der Infektion aus-
ffrwfcrt sind. Er bespricht ferner die Entstehung und Bedeutung
sadistischer und masochistischer Neigungen. (Fortsetzung folgt.)
Wolff (Berlin): Ein Beitrag zur Beurteilung von HarzlÖsnngen
1« Verbände. Wenn auch über die Verwendbarkeit von Harzlösnngen
? ' ?ef bbrien nur der Erfolg am Kranken entscheidet, so hat doch der
taeiniker die Grundlage für die Entscheidung der Frage nach der Nütz¬
lichkeit der Harzlösnngen zu liefern. Die Arbeit bringt auf Grund einer
objektiven und brauchbaren VergleichBmethode einen wertvollen Beitrag
zur Beurteilung von Harzlösungen für Verbände. Die Vermehrung der
anfgestrichenen Harzmengen bedingt durchaus nicht eine Erhöhung der
Festigkeit. Vielmehr ist — bis za einer gewissen Grenze ^natürlich —
das Gegenteil der Fall. Bei dünnen Aufstrichen wird das Benzol so
rasch verdunsten, daß es zn einer Hautreizung nicht kommen kann.
Geringe Anteile des Benzols werden auch in der Harzschicht so fest-
gehalten, daß sie nicht in die Haut eindringen können und daher nicht
bo >ta k wirken wie reines Benzol für sich. Ob es zweckmäßig erscheint,
das Mastisol, welches sich praktisch in längerer Anwendungszeit und
auch im jetzigen Kriege bewährt hat, durch weniger gut erprobte Mittel
zu ersetzen, ist sehr zweifelhaft Ersatzmittel sollten aber nur dann
vorgeschlagen werden, wenn objektive Klebkraftprüfungen and lang«
Beobachtungsdaner in der Praxis einen Vorzug zu ergeben scheinen.
Reckzeh
Deutsche medizinische Wochenschrift 1915, Nr. 2.
P. Schmidt (Gießen): Ueber eine Modifikation der Gallen-
vorkultur zur Züchtung von Typhusbacillen aus Blut. Sie dient znr
innigen Vermischung des Bluts mit der Galle, worauf es sehr ankommt,
wenn die Galle ihre gerinnongshemmende, blutlos ende und kom-
plementbindende Wirkung voll entfalten soll.
Ernst von der Porten (Hamburg): Zur Behandlung des De¬
lirium tremens mit Yeronäl. Auf Grund einer Statistik Über 382 Fälle
mit einer Mortalität von 5,49% hält der Verfasser zu obigem Zwecke
das Veronal für das geeignetste Mittel, Morphin und Skopolamin (Hyoscin)
aber für angeeignet. Denn Veronal greift, ebenso wie Chloroform und
Aether, zunächst das Großhirn, dann das Rückenmark und erst zuletzt
die Medulla oblongata an (das Morphium aber greift die Medulla oblon-
gata bereits an, ehe eine Wirkung auf das Rückenmark st&ttfindet. Auch
das Hyoscin greift nacheinander die Centren der Hirnrinde, der Mednlla
oblongata und erst in dritter Linie das Rückenmark an). Gleich nach
der Auf nähme bekommt nun der Patient 1 g Veronalnatrium, in warmem
Tee gelöst, ein oder zwei Stunden später bereits das zweite Gramm.
Wird das Veronal nicht per os genommen, so gibt man es als Medin&l
in Zäpfchen. Diese Methode ist besonders gegenüber den Dauerbädern
zu empfehlen, die bei Deliranten zur Abkühlung der Haut (Blutdrack-
senkung! Pneumonien!) führen müssen.
Leonhard Voigt (Hamburg): Die Brauchbarkeit des mit Aether
behandelten Kubpockenlmpfstoffs. Eine solche Vaccine an Stelle der
bisher überall gebräuchlichen Glycerinlymphe ist nach Versuchen des Ver¬
fassers unbrauchbar, da sie weder einen ausreichend haftsicheren, noch
einen dauerhaft auf bewahrbaren, noch bequem verimpfbaren, noch auch
erträglich billigen Impfstoff bietet.
W. Weintrand (Wiesbaden): Ueber Fonabislt, nebst Bemer¬
kungen über die Wirkung von Suggestivmitteln. Scharfe Kritik des
Fonabisits (10°/ o ige Lösung von Formaldehyd-Natrium bisulfit), das als
durchaus wertlos bezeichnet wird und nur als Snggestivmittel wirkt. Bei
dieser Gelegenheit weist der Verfasser auf die von Martins vorge¬
schlagene Bezeichnung der legitimen und illegitimen Schmerzen hin.
Wird die Schmerzempfindnng durch einen abnormen Reizvorgang von
genügender Stärke in der Peripherie aasgelöst, so liegt ein legitimer
(wirklicher, echter) Schmerz vor. Sonst sind die Schmerzen illegitim
(neurasthenisch, psychogen).
H. Töpfer: Der transportable Streck verband. Er enthält Zag
and Gegenzng in sich selbst, wobei der Zug nicht erst durch ein außer¬
halb gelegenes Gewicht hervorgerufen wird. Der Verfasser erreicht die
entgegengesetzt gerichteten Züge dadnreh, daß er Streifen oder Zügel
von Köper binden (sehr haltbar) ober- und unterhalb der Bruchstelle mit
Mastisol auf die Haut klebt, die proximalen Streifen an das eine Ende
einer Cramerschiene anknüpft and den distalen Steigbügel mittels einer
Flügelschraube, die beliebig zu verstellen ist und durch die Sprossen
des andern umgebogenen Endes der Schiene gelegt wird, fest anzieht.
Die für die verschiedenen Brüche genau beschriebene Technik dieses
Streckverbandes kann sich jeder Arzt aneignen. Der Verband kann auch
schon anf dem Hauptverbandplatz angelegt werden. Der Material¬
verbrauch, besonders der an Watte, ist geringer als der beim Schienen¬
verband. Ein Hauptvorzug besteht darin, daß die Wunden so oft wie
nötig verbanden werden können, ohne daß die Rnhigstellung des Glieds
gestört wird. Durch die Flügelschraube, die öfter angezogen werden
muß, kann ein kräftiger Zug ansgeübt und dadurch die Verschiebung der
gebrochenen Knochenenden wieder ausgeglichen werden. Wird die
Flügelschraube aufmerksam verstellt, so sind Zug und Gegenzog gleich¬
mäßig und es kann die Zugkraft durch unruhige oder schlechte Lage
des Patienten nicht aufgehoben werden. Mit Heftpflaster, dessen Klebe¬
kraft besonders unter den Witterungseinfiossen im Felde sehr ver-
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4.
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schieden ist, lassen sich so starke Gegenzüge wie mit Hilfe des Mastisols
nicht erreichen.
Engen Schnitze (Berlin): Asepsis and Imputation Im Kriege*
Bei decrepiden Verwundeten macht der Verfasser die line&re Amputation.
Bei jeder Operation stets ausgiebige Drainage, höchstens drei Nähte. Es
war auffallend, wie gut dabei die Wundränder aneinanderkamen. Das
Glied wurde rasiert 'und gejodet (bisher kein Ekzem 1). Bei infizierten
Wunden ist ein genügend fixierender Verband dringend erforderlich. Die
Indikationen zur Amputation werden angegeben. Zur Tetanusinfektion be¬
merkt der Verfasser, d&fi bei feuchtem Wetter, wenn die Verwundeten
mit Lehm und Schmutz bedeckt ankamen, häufiger Tetanus beobachtet
wurde, bei trockenem Wetter aber kein Fall mehr.
Fritz Colley (Insterburg): Leichte Epityphlltis als Folge
eines Streifschusses. Ein gesunder Mann bekam einen rechtsseitigen
Bauchschuß und danach eine eitrige Peritonitis, die zum Tode führte.
Rechts waren zwei erbsengroße Wundöffnungen, und zwar eine im
sechsten, eine im siebenten Intercostalraume nachweisbar. Sie wurden
für Einschüsse gehalten (Ausschüsse fehlten). Die Sektion ergab aber:
Die beiden Schuß Verletzungen hatten die Baach wand gar nicht durch¬
schlagen, es handelte sich nur um oberflächliche Streifschüsse. Daher
lag keine Verletzung innerer Organe vor. Die diffuse eitrige Peritonitis
hatte ihren Ursprung in einer brandigen Epityphlitis. Der Wurmfort¬
satz lag gangränös im kleinen Becken, war perforiert. Eine Gerlach-
sche Klappe war auch nicht andeutungsweise zu konstatieren. Die
Dünndarmschlingen in der rechten Unterbauchgegend waren organisch
und mittels fester Bänder miteinander verwachsen. Es hatte also seit
Jahren eine chronische Epityphlitis bestanden. Wahrscheinlich hatte der
gewaltige Stoß bei der Schußverletzung die schon im Wurme vorhandene
brandige Stelle zum Platzen gebracht.
C. S. Engel (Berlin): Chlortorfkissen als antUepttsohe Ver-
bandstoffisparer. Mit Chlor imprägnierter Torfmull wird in dichtporige,
aus Nessel bestehende Säckchen gefüllt. Chlortorf ist bactericid und
saugt etwa das Zehnfache seines Eigengewichts an Flüssigkeit aut. Da
engmaschige Leinwand als Umhüllung dient, macht man sich frei von
der Importbaumwolle. Chlortorf wirkt auch desodorierend.
Fr. Croner (Berlin): Die Beseitigung und .Desinfektion der
Abfallstoffe im Felde. Betont wird unter anderm: Eine Desinfektion
des abgesetzten Kots ist im allgemeinen nicht erforderlich. Sollte dies
infolge zahlreicher Darmerkrankungen doch nötig sein, so empfiehlt Bich
in erster Linie die Anwendung von Kalkmilch (ein Drittel Kalkmilch auf
den Gesamtinhalt der Grube). Neben jeder Latrine ist ein Gefäß mit
3%prozentiger Kresolseifenlösung zur Reimgang der Hände aufzustellen.
Sind die Latrinengräben zu drei Vierteln mit Kot angefüllt, so sollen sie
mit Erde zugeschüttet werden. Bei BelagerungBheeren, wo die Mann¬
schaften wochen- und monatelang in ihren Stellungen liegen, ist die Ab*
fuhr der Fäkalien in geregelte Bahnen zu leiten, und zwar durch eine
Art Tonnensystem (z. B. Eimer, Kisten mit Blecheinsatz). Die Abort¬
sitze müssen mit Deckeln verschließbar sein. Vor Ingebrauchnahme wird
jede Tonne mit 10%iger Kresolseifenlösung gefüllt. Auf die Ab¬
gänge ist zweckmäßig von jedem Mann eine Schaufel Chlorkalk zu
werfen. Die Abfälle von Küchen und Schlachtplätzen werden vergraben
oder verbrannt. Auch der Pferdedung, der leicht verweht wird, ist zu
verbrennen. Bei der Beerdigung der Toten soll die Sohle des Grabs
über dem Grundwasserspiegel liegen. Die Tiefe der Grube soll ungefähr
2 m betragen. Es sollen höchstens sechs Leichen nebeneinander in eine
Grube gebettet werden (Massengrab). Werden die Vorschriften, beson¬
ders über die Tiefe der Grube, nicht sorgfältig beachtet, so können unter
Umständen im nächsten Frühjahre, wenn durch die Schneeschmelze der
Boden aufgewühlt ist, die Leichen wieder an die Oberfläche gelangen. Für
die Beseitigung der gefallenen Tiere gelten ähnliche Bestimmungen wie
für die Bestattung der menschlichen Leichen. Die Kadaver sollen 1 m
hoch mit Erde bedeckt werden, nachdem sie vorher mit gebranntem Kalke
bestreut worden sind. F. Bruck.
Münchner medizinische Wochenschrift 1915 * Nr. 2 .
R. Emmerich und 0. Loew: Weitere Mitteilungen über er¬
folgreiche Behandlungen des Heuflebers. Kalksalze (Chlorcalcium)
erhöhen die Funktionen des kalkbedürftigen Zellkerns (der Drüsen,
Muskeln, Ganglienzellen, Leukocyten) und damit die Widerstandsfähigkeit
gegen krankmachende Einflüsse. Kalksalze setzen ferner die gesteigerte
Erregbarkeit der Nerven, die die Ni es an fälle usw. auslösen, herab.
Die Verfasser berichten zunächst über fünf Fälle, die nach längerer
Chlorcalciumbehandlung auch im zweiten Sommer frei von Heufieber-
erscheinungen geblieben waren, ferner über einige neue Beobachtungen.
Die Dosis des Mittels ist folgende: Von einer Lösung von 100 g kiystalli-
siertem Chlorcalcium in einem halben Liter destillierten Wassers werden
drei Teelöffel im Laufe des Tags stets zum Essen genommen, ent¬
sprechend 3 g krystallisiertem Chlorcalcium oder 1,6 g wasserfreiem,
(Diese täglich gereichte Kalkmenge ist nicht größer als die in einem
viertel- bis halben Liter Milch.) Daneben soll der Heufieberkranke viel
Gemüse und Obst genießen. (Gemüse sind nach der Kuhmilch die kalk¬
reichsten Speisen.)
Walter Linhart (Graz): Ueber '„Hyperol*. Es handelt sich
um eine feste, kiystallimerte Verbindung von^HsOt and Carhamid, die
35% Wasserstoffsuperoxyd enthält Das Präparat ist das konzentrierteste
unter den bisherigen H a Oa*Präparaten. Auch in Substanz als Streupulver
bewährt es sich außerordentlich.
C. Kraemer (Böblingen-Stuttgart): Ceber Wert und Technik
der subcutanen Taberkullndiagnose* (Schluß.) Auch deutliche per¬
kutorische Veränderungen anf den Lungenspitzen oder zwischen Spina
und Angnlus scapulae brauchen nicht mehr tuberkulös zu sein (ani-
geheilte, abgelaufene Tuberkulose). Dämpfungen und ResistenzgefQhl
können auch durch Verwachsungen, plenritische, interlobuläre, peri¬
bronchiale Verdickungen usw. Zustandekommen. Wichtig ist die Tuber¬
kulinprobe (richtig angewandt und richtig gedeutet). Denn das Tuberku¬
lin, vorzüglich das Alttuberkulin, kann — bei der gewöhnlichen klinischen
Anwendungsweise — nur wirken, wenn es durch vorher schon vorhandene
specifische Antikörper biologisch aufgeschlossen wird; diese Antikörper
kommen aber unter den Verhältnissen des gewöhnlichen Lebens immer
nur mit der Tuberkulose. Das Tuberkulin ist daher auch anzuwenden,
wenn man wissen will, ob und von wann ab ein Tuberkulöser geheilt
ist. Geheilt ist jeder (nicht kachektische) Patient, der auf Tuberkulin
in einwandfreier Dosierung nicht reagiert; er steht dann wieder unter
den Verhältnissen des Tuberkulosefreien, das heißt er ist nicht mehr immun
(biologisch immun) gegen die Tuberkulose, eben deshalb aber immun
(natürlich immun) gegen das Tuberkulin. Denn der gesunde, tuber-
knlosefreie Organismus, ob er nie Tuberkulose in sich barg oder sie
erst verloren hat, ist nicht fähig, anf Tuberkulin zu reagieren.
Man beginne die Tuberknlindiagnose wie die Therapie mit kleinen Dosen
und treibe mit der Tuberkulintherapie zugleich Diagnose. Der Verfasser
betont ferner, daß ein Bronchialdrüsentuberknlosefieber am raschesten
und sichersten durch die Tuberkulintherapie beseitigt werde.
reldärxtUche Beilage Nr. 3.
E. Payr (Leipzig): Ueber Gasphlegmonen im Kriege. Der Ver¬
fasser unterscheidet zwei Formen: Die „benigne“ (epifasciale) und die
„maligne“ (subfasciale). Bei der epifascialenibreitet sich der Prozeß vor¬
wiegend im subcutanen Zellgewebe aus. Hier sind keine verstümmelnden
Eingriffe erforderlich; man lege vielmehr sehr zahlreiche, 2 bis 3 cm
lange, nur bis auf. die Fascien geführte Iucisionen an, die je zwei bis
drei Finger breit von einander liegen, und zwar, wenn möglich, in der
Spaltrichtnng der Haut; hei großen, zerfetzten Hautmuskel wunden muß
aber eine Excision der Wunde vorgenommen werden. Diagnostisch ist
bei dieser Form zn beachten: Die Hant zeigt frühzeitig eine teigige, öde*
matöse Schwellung. Nach kurzer Zeit entwickelt sich eine VerfÄrbnng
(gelblich mit einzelnen kupferroten Flecken und Streifen). Die subfas¬
ciale Form dagegen breitet sich in den intermuskulären Gewebsspslten
mit unheimlicher Schnelligkeit ans and verwandelt die Muskulatur in
einen mürben, schokoladebraunen, stark durchfeuchteten Brei. Die Hant
darüber ist mehr düster gefärbt. Fieber ist meist über 40°, nicht selten
sieht man profuse Durchfälle. Rasch auftretender Ikterus läßt den Fall
als aussichtslos erscheinen. Durch^fortschreitende Gefäßthrombose ent¬
wickelt sich meist rasch Gangrän der Extremität. Kommt diese Form
frühzeitig zur Beobachtung, so mache man ausgedehnteste Spaltungen
bis tief in die intersmuskulären Septen, lege alle diese und die perivascu-
lären Lymphräume frei und spüle die großen, oft stark blutenden Wau¬
den mit HiOa-Lösung aus. Bei Schußfrakturen ist die Bruchstelle breitest
freizulegen. Ist der Fall schon älter, bestehen Zeichen von allgemeiner
Sepsis, so ist sofort die Amputation oder Exartikulation in anatomisch
gesundem Gebiete mit völlig offenerW undnachbehandlung erforderlich.
J. G. Mönckeberg (Düsseldorf): Pathologisch-anatomische Be¬
obachtungen aus Beservelazaretten. Nach einem am 7. Dezember 191t
gehaltenen Vortrag im Verein der Aerzte Düsseldorfs.
Martin Mayer (Hamburg): Die Möglichkeit des Auftretens
exotischer (besonders tropischer) Krankheiten während des Kriegs.
Sie ist gegeben durch die folgenden fremden Truppen unserer Feinde,
nämlich die algerischen und tunesischen und besonders die sogenannten
Senegalschützen der Franzosen, die indischen Hilfstruppen der Eng¬
länder, zum Teil auch die ostsibirischen und kaukasischen Truppen der
Russen. Kurz besprochen werden die einzelnen wichtigen Seuchen,
nämlich: Lepra; Pest (PeBtratten können durch die Transportdampfei’,
besonders auch aus Indien eingeschleppt werden and zwar in erster Linie
nach Marseille); die menschliche Trypanosomiasis (Schlafkrankheit), deren
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1015 — MEDIZINISCHE KD1NIK
Nr. 4.
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Uebertragung normalerweise durch bestimmte Stechfliegen (Tsetsefliegen,
Gla&sinen) erfolgt, die aber nur in Afrika cot kommen; die Warmkrank¬
heiten, besonders die Ankylostomiasis (zahlreiche farbige Soldaten sind
Wirte rou Akylostomen. Die Eier der Würmer werden mit dem Kot
abgesetzt); di© Bilharziakrankheit; Filariosis (Elephantiasis usw.); Kala-
Atar (tropische Splenomegalie); Rückfallfieber; Flecktyphus; Maltaiieber
ihaupti&chlich verbreitet dorcb den Genuß von Ziegen- und Schafmilch);
Trachom; Ruhr (Bacillenruhr und Amöbenruhrl); gegen die letzte emp¬
fiehlt sich sehr Emetinum hydrochloricum 0.1 subcutan); Malaria. (Eine
Uebertragnngsgefihr besteht zurzeit nicht, da die Stechmücken bereits
in der Winterruhe sind; wohl aber könnten im Frühjahr in Gefangenen¬
lagern solche Uebertragungen Vorkommen, da ja die Anophelesarten auch
bei uns sich finden. Aber auch bei europäischen früheren Tropen-
bewohnern haben wir mit Malariarück fällen zu rechnen unter den
Strapazen und schlechten klimatischen Verhältnissen).
Scbloessmann (Tübingen): lieber TransportverüändebMSchuB-
fraktnres. Nach einer im Medizinisch naturwissenschaftlichen Verein zu
Tübingen gehaltenen Demonstration.
S. v. Prowazek (Hamburg): Bemerkungen über die Biologie
Md Bekämpfung der Kleiderlaus. Die Vernichtung der Läuse und
ihrer Brut (Nisse) geschieht am besten durch Einreibnngen von 30 oder
41' Teilen reinen Anisöls (oder Fenchelöl) und 70 oder 60 Teilen Alkohol
(96®-,,) (Reines Anisöl liefert die Firma Schimmel & Go., Miltitz bei
Leipzig.) Die resisteuteren Nissen vernichtet mau am besten durch Aus-
schwefeln oder in Dampfiesmfektionsapparaten; falls diese nicht zur
Verfügung stehen, legt man die Kleider usw. in ein sorgfältig abgedich-
tetei Faß, adf dessen Boden Benzin ausgeschüttet ist. Die starken
Benzindämpfe vernichten nach 21 Stunden die Brut.
G. Seiffert (Lager Lechfeldt): Hygienische Erfahrungen bol
Kriegsgefangenen. (Schluß.) Gefordert wird die Anstellung eigens für
di« Gefangenenlager bestimmter Aerzte. Ein solcher „Lagerhygieniker“
muß hygienisch and bakteriologisch gut geschult sein. Der Verfasser gibt
dann 2ur Belehrung der Kriegsgefangenen über die Seuchengefahron ein
Merkblatt bekannt, das in den verschiedenen Landessprachen an den Türen
der Baracken, Köchen und Aborte im Lager anzuschlagen ist. Er bespricht
ferner ausführlich die Sanitätspolizei im Gefangenenlager und empfiehlt
eine Sanitätspolizei, dio aus dem Kreis ausgewählter Gefangener heran¬
gebildet wird. Zum Schluß wird dio Quarantäne der Kriegsgefangenen
eingehend erörtert. Es ist nötig, in don Kriegsgefangenendepofcs Vorrich¬
tungen zu treffen, die die erste Amsiebnng verdächtiger Gef ingener noch
ergänzen. Der Verfasser gibt dazu Grundsätze bekannt, die unter keino r
Bedingung durchbrochen werden dürfen. Er teilt ferner das Muster eineg
^Aufnahmezettels M mit, das nach Eintreffen und Einreihen der Gefan¬
genen durch den der betreffenden Abteilung zugoteilten Sanitätspolizisten
»MznfDlIen ist Wichtig ist die sofortige Durchimpfung aller Gefangenen
Nor Leute mit oflenen und eiternden Wunden sind vorläufig znrück-
xnstfllen. Ueber die Ergebnisse der Quarantäne ist ein Q mrantänezettel
za führen, dem ein vom Verfasser mitgeteiltes Schema beigefügt ist.
F. Bruck.
Zentralblatt für innere Medizin 1915, Nr. 2.
J. Verslnys, Ueber die Verbreitung von Seuchen durch In-
wktei ln Kriege. Für die Verbreitung der Infektionen darch die
Nahrung (Typhus, Paratyphns, Dysenterie, Cholera) sind die Haus-
fliegen von Bedeutnng, deren Entwicklung bei warmer Jahreszeit
10bi« 14 Tage dauert. Aus einem Pfunde Pferdekot können 1200 Fliegen
hervorgehen. Daher Bedeckung des Kots mit Erde, Torfmull, die
Latrinen in der Nordostecko des L«gers (wegen der vorherrschenden
Westwinde) und in zirka J00 m Entfernung anlegen, Fliegenfenster,
Fliegenpapier. Die Kleiderlaus (2 mm länger als die Kopflaus) ist
<li« Überträgerin des Fleckßebers und des Rückfallfiebers, wobei die
Infektion durch den Stich nnd durch Zerreiben dor zerquetschten Laus
rnf der Haut, sogar auf der gesunden, zu Stande kommt. Ihre Vernich-
kaig verhindert mit Sicherheit die Verbreitung der Seuche, ist aber im
Krieg« nicht leicht. Heiße Luft und Dampfdesinfektion der Kleider und
Decken. Schutz gewährt rohseidenes Unterzeug und 15 °/o Bergamottöl-
spiritus. Die Rattenflohe Bind die Ueberträger der ßeulenp?st.
K. Bg.
Zentralblatt für Gynäkologie 1915 , Nr. /.
M. Hofmeier: Zur Fra$e der ausschließlichen Strahlen-
kehudlsng operierbarer Uteruscarcinome. Bei einer 29 jährigen
ft« wurde ein beginnendes, leicht nlceriertes Drüsenearcinom der
interen Lippe mit 50 mg Radiumbromid, im ganzen mit 2000 mg-
landen Radium and 250 X-Röntgenstrahlen im Laufe von 17 Tagen bchan-
et- Nach drei Wochen hinter dem äußeron Muttermund eine Zerfalls¬
höhle im Cerviealkanal; daher vaginale Totalexstirpation und Radium-
behandlnng nach der Operation. Nach vier Wochen im linken Narben-
winkel walnußgroßer, mit dem Becken verschmolzener Knoten. Darauf
2650 mg-Stunden Radium und nach 14 Tagen 2400 mg-Stunden. Trotz¬
dem Fortschreiten der Infiltration. Die histologische Untersuchung ergab
im oberflächlichen Granulationsgewebe zerfallende Krebszellen, in der
Tiefe in starker Wucherung begriffene Zellen. Hofmeier zieht den
Schloß, daß durch die Radiumbestrahlung ein Fortschreiten in der Tiefe
und ein ungewöhnlich rasches Beckenbindegewebesrezidiv erfolgt ist und
daß operable Fälle so ausgiebig wie möglich schleunigst vaginal zu ope¬
rieren sind.
H. Sellheim: Tolkskraft and Frauenkraft. Seil he im stellt
den Anteil des Mannes und des Weibes an dem Kampf nro das Dasein
des Volkes einander gegenüber. Die Frau hat die Verluste des Volks¬
körpers zu ergänzen nnd ist durch die Geschlechts unterschiede für diese
Aufgabe vorbereitet; diese Unterschiede zeigen sich in dem „Kom¬
plementärraum“ im weiblichen Bauche, Becken und Brustkorb und der
Anpassungsfähigkeit ihrer Organe an das Zeugungsgeschäft. Auf die
Erhaltung dieser Eigenschaften ist im Sinne einer Gesundung des
Stammes hinzuwirken, ebenso wie auf den rechtzeitigen Fortpflanzungs¬
beginn, da damit erst die Gesamtentwicklung der Frau als Mensch voll¬
endet sei. Zu der Hygiene der Fortpflanzung gehört die Erleichterung
der Ansprüche an die Frau im Erwerbsleben, wie anderseits die Ent¬
sagungen und Gefahren, die der Frau als Mutter auferlegt sind, den
Leistungen der Männer bei der Landesverteidigung entsprechen.
K. Bg.
Die Therapie der Gegenwart , Januar 1915.
Fränkel (Berlin): Optocbin bei Pneumonie. Nachdem Morgen-
roth zuerst das Optochin als wirksam zur Bekämpfung der Pneumonie
erkannt halte, wurde das Mittel vielfach bei Lungenentzündungen mit Er¬
folg angewandt. Verfa9Ber konnte in zahlreichen Fällen eine günstige
Wirkung, namentlich eine Abkürzung der Krankheitsdauer feststellen.
Auch das subjektive Befinden wurde gebessert. Es trat eine Abnahme
der Kurzatmigkeit ein. Da gerade jetzt während des Kriegs viele Lungen¬
entzündungen zur Behandlung kommen, rechtfertigt sich die Aufforde¬
rung, das Mittel in jedem Falle von fiebrinöser Lungenentzündung früh¬
zeitig zu geben. Man läßt drei Tage lang dreimal täglich 0,5 g ein¬
nehmen.
Ewald (Berlin): Versuche mit Sekretogen. Versuche mit der
Darreichung von Sekretogen beim Fehlen von freier Salzsäure im Magen¬
inhalte führten za keinem subjektiven oder objektiven Erfolge. Ver¬
fasser möchte aber noch kein abschließendes Urteil abgeben und rät zu
weiteren Versuchen mit dem in interessanter Weise begründeten Präparat.
Lauritzen (Kopenhagen): Blutzuckerbestimmungen (IvarBangs
Mikromethode) bei Diabetikern und Ihre klinische Bedeutung.
Während die früher angewandten Methoden zur Bestimmung deB Zucker,
gehalts des Bluts einen Aderlaß von mindestens 5 bis 50 ccm Blut er¬
forderten, ist es das große Verdienst Ivar Bangs aus Lund, eine neue
Mikromethode angegeben zu haben, zu der nur zirka 100 mg auf ein
kleines Stück Fließpapier aufgesaugten Bluts benötigt werden. Die sehr
sorgfältigen BlutznckerbestimmuDgen des Verfassers bei Zuckerkranken
ergeben, daß man sich auf den Standpunkt stellen muß, daß man bei
Glykosurie mit gleichzeitig normalem Blutzuckerprozentsatze, bis sich
eine andere Erklärung findet, die Glykosurie als renalen Ursgrungs an-
sehen muß. Man muß sich dabei denken, daß die kleinen ZuckexmengeDi
die sich in den NieTenzellen finden, in den Urin übergehen, ohne daß
sich Hyperglykämie findet. Nichts steht der Auffassung im Wege, daß
es sich beim Diabetes um eine Kombination beider ursächlicher Momente
der Glykosurie handeln kann, sowohl der Hyperglykämie als auch des
renalen Moments, das sich erBt zeigt, nachdem die Behandlung dio
Hjp?rglykämie beseitigt hat. Das ist dann kein reiner Nierendiabetes.
In bezug auf die Prognose und Behandlung muß man mit der Stellung
der Diagaose „Nierendiabetes“ vorsichtig sein, denn im Anfangsstadium
ist in der Regel die Hyperglykämie in den leichten Fällen sehr gering,
und eine anscheinend unschuldige Glykosurie überrascht ab und zu da¬
durch, daß sie plötzlich nach einer akuten Infektionskrankheit oder einer
andern Gelegenheitsursache eine andere W T endung nimmt und sich zu
einem malignen Diabetes entwickelt, der nach ein paar Jahren mit Coma
diabetienm endet. (Schloß folgt.)
Baginsky (Berlin): Zur Kenntnis der Therapie der hereditären
Syphilis. Die Arbeit gibt eine allgemeine Charakteristik der hereditären
Syphilis und der Grundzüge ihrer Behandlung. Die für den syphilitischen
Slugfing am besten passende Anwendungsweise des Qiecksilbers ist das
Subümatbad. Es genügt, einem Bade von etwa 10 1 Wasser 0,6 big 1 g
Sublimat beizumischen, um bei der gehörigen Zahl der Bäder und der
geeigneten Dauer des Einzelbads die volle Heilung der Syphilis h<*rbe :
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110
24. Januar.
1 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4.
zuführen. Als Minderzahl der Bäder durfte man 30 betrachten nnd
zwar sollen dieselben täglich, nacheinander, vielleicht mit der jedes¬
maligen Unterbrechung eines einzelnen Tags in der Woche, verabreicht
werden. Die Däner des Bads von 37° C (Körperwärme) ist auf etwa
acht bis zehn Minuten anszudehnen. Begreiflicherweise ist Sorge zn
tragen, daß dem Kinde nichts von dem Badewasser in den Mund gelangt.
Als Kontraindikation des Sublimatbads würden aasgebreiteter Pemphigus,
ansgebreitete Intertrigo oder mnltiple Furunkel und Ulcera zu betrachten
sein. (Schluß folgt.)
Linck (Königsberg i. Pr.): Das Wesen und die Grundlagen des
Ohrenkopfsehmerzes und seine Feststellung durch die ärztliche
Untersuchung. Die Arbeit enthält einen Ueberblick Über die Erkran¬
kungen, welche im Ohrgebiete Kopfschmerzen zn verursachen pflegen,
Über die pathologisch-anatomischen nnd pathologisch-physiologischen
Vorgänge dabei und über die diagnostischen Anhaltspunkte dieser
Ohrenerkrankungen. (Schluß folgt)
JacobBohn (Charlottenburg): Krieg und Nervensystem. Kriegs¬
psychosen im Sinne einer nosologisch einheitlichen, für den Krieg spe-
ciflschen psychischen Erkrankung existieren nicht. Die psychischen
Störungen der Kriegsteilnehmer entstehen meist auf dem Boden einer
endogenen Anlage. Von den exogenen Schädlichkeiten ist der körper¬
lichen Erschöpfung eine gewisse Bedeutung beizumessen. Die konserva¬
tive Richtung der modernen Kriegschirurgie findet auf den Schädel keine
Anwendung. Diametralschüsse des Schädels können spontan heilen, ohne
irgendwelche Folgen zn hinterl&ssen. Rückenmarkverletzungen beruhen
meist anf indirekter Gewalteinwirknng. Querschnittlähmungen geben in
der Mehrzahl eine infauste Prognose. Gegenüber operativen Eingriffen
am Rückenmark ist äußerste Zurückhaltung am Platze. Bei den Schuß-
verletzungen der peripheren Nerven bleibt die Continuität der Nerven
meist erhalten. Die Frage, ob ein Nerv total durchgeschosBen oder nnr
leitnngsunfähg geworden ist, läßt sich nur in einem kleinen Teil der
Fälle entscheiden. Die elektrische Entartnngsreaktion ist für die chir¬
urgische Indikationsstellnng von untergeordneter Bedeutung. Die Nerven¬
naht beziehungsweise Neorolyse ist indiziert, wenn nach drei Monaten
keine Besserung erzielt ist.
von Hirsch-Gereuth (Berlin): Verglftungsversuche mit Adalln.
Mitteilang eines Falles, in welchem die Einnahme von 17 bis 18 g Adalin
außer einem dreitägigen Schlaf and folgender Schwäche keine schädlichen
Nachwirkungen mit sich brachte.
Kleinberger (Agram, Kroatien): Ueber die Verwendung des
Narkopblns als schmerzstillendes Mittel ln der Geburtshilfe. Im
Narkophin haben wir ein hervorragendes Mittel zur Verminderung, ja
fast gänzlichen Ausschaltung der Wehenschmerzen gewonnen. Zumeist
wird es genügen, mit einer einmaligen Injektion von 1 ccm = 0,03 Nar-
kophin die Austreibnngsperiode, bekanntlich schmerzhafteste der drei
Geburtsphasen, durch rechtzeitige Einverleibung des Mittels zu einem
n&hezn ganz schmerzlosen Vorgang umzuwandeln. Im Bedarfsfälle
können wir schon früher zn dem Mittel greifen, indem wir ruhig bis zu
dreimal 0,03 g in drei- bis vierstündigen Intervallen, ohne irgendwelche
nachteiligen Folgen für Mutter und Kind befürchten zu müssen, ver¬
wenden können. Reckzeh.
Fermentforschung. Bd, I, H. /.
Das Ziel der neuen Zeitschrift, die im Verlage von Hirzel (Leipzig)
erscheint (12 Hefte im Jahre 20 M), ist nach des Herausgebers einfüh¬
renden Worten, alle Arbeiten zn vereinigen, die sich ganz allgemein mit
Fermenten und ihren Wirkungen beschäftigen. Abderhalden wägt die
Bedenken, die dem Erscheinen einer neuen Zeitschrift neben den unzäh¬
ligen andern im Wege stehen, selbst in seiner lesenswerten Einführung
gegen die Vorteile einer weiteren Centralisierung der wissenschaftlichen
Literatur vorsichtig ab. Das Vorliegen der ersten Nummer der neuen
Zeitschrift, die in monatlichen Heften herauskommen soll, zeigt, daß die
Vorzüge nach des Herausgebers Ansicht überwiegen.
Der Inhalt der Nr. 1 beschäftigt sich ausschließlich mit Forschungen
aus dem von Abderhalden erschlossenen Gebiete der specifischen Ab¬
wehrfermente nnd enthält folgende Arbeiten:
Pregl: Beiträge zur Methodik des DialyslerverfahrenB von
E. Abderhalden.
Beschreibung der Herstellung von Dialysatoren aus Kollodiumsäck¬
chen. An 300 Serumreaktionen wurde eine Uebereinstimmung mit Ab¬
derhaldens Lehre von den specifischen Abwehrfermenten festgestellt.
De Crinis: Dlalysterversnche mit der von Pregl vereinfachten
und modifizierten Methode von Abderhalden and die klinischen Be¬
fände.
Sämtliche Fälle von Dementia praecox bauen Hodengowebe ab. Von
15 Abbauversucben unter Verwendung von Hirnrinde waren bei Dementia
praecox 14 Abbauversuehe positiv. Von 49 Abbau versuchen unter Ver¬
wendung normaler Lunge waren die Reaktionen in 29 Fällen positiv und
in 25 Fällen von diesen 29 waren klinisch sicher nachweisbare Symptome
einer Lnngenerkrankung gefunden worden. Von den 20 negativen Fällen
konnte bei keinem einzigen Falle ein klinisches Symptom einer Lungen¬
erkrankung festgestellt werden. Von 30 Leberuntersuchungen gaben 17
Abbanversuche positive Reaktion, von denen in 14 psychische Erkran¬
kungen im Sinne von depressiv-melancholischen Zuständen klinisch fest¬
stellbar waren, und in drei Fällen eine Lebererkrankuug konstatiert wer¬
den konnte. In den 13 negativen Resultaten lag in keinem einzigen
Fall eine psychische Erkrankung im Sinn eines Repressiven melancho¬
lischen Zustandes oder eine organische Lebererkrankang vor. Von vier
Untersuchungen des Abbaues von normaler Schilddrüse waren zwei po¬
sitiv, in denen auch klinisch eine Erkrankung der Schilddrüse nachweis¬
bar war.
Abderhalden: Ergebnisse der Fahndung auf Abwehrfermente
bei gleichzeitiger Anwendung verschiedener Methoden. Ninhydric-
probe, Mikrostickstoff bestimmung, Aminostickstoffbestimmung, optische
und intcrferometrische Methode ergeben mit einander übereinstimmende
Resultate, die gleichzeitig mit den klinischen Diagnosen in Einklang
stehen und weiteres Material für die Specifität der blntfremden Fermente
liefern.
Hirsch: Die „luterferometrische Methode“ zum Studium der
Abwehrfermente. Die durch den Abbau herbeigeführten Konzentrations¬
änderungen der Peptone im Serum werden mittels des Interferometers
gemessen, dessen Einrichtung und Verwendungsart der Verfasser genau
beschreibt.
Abderhalden: Versuche über die Synthese von Polypeptiden,
Peptonen nnd Proteinen mittels Fermenten. Der Umstand, daß nur
bei solchen Versuchen eine Synthese wahrnehmbar war, in denen Mace-
rafcionssaft ans dem Organ eingewirkt hatte, ans dem das für die Synthese
angewandte Aminosäuregemisch entstammte, weist darauf hin, daß auch
die synthesische Tätigkeit der Zellfermente eine ganz specifische je nach
der Zellart ist.
Stranss: Untersuchungen über die Wirkung von Abwehrfer-
menten mittels der van Siykeschen Mikromethode der Aminostlck-
stoffbestimmnng. Die Aminostickstoffmenge steigt deutlich bei An¬
wesenheit von Abwehrfermenten.
Paquin: Nachweis der Wirkung von Abwehrfermenten durch
Enteiweißung mittels Hitzekoagulation and Mikrostickstoff bestim-
mang im Filtrat. Bestätigung der mittels anderer Methoden gewonnenen
Resultate.
Abderhalden und Wildermuth: Eine selbsttätige Re-
gistrierrorrichtung für polarimetrische Untersuchungen optisch-
aktiver Substrate oder solcher, die im Laufe der Umwandlung
optisch-aktive Eigenschaften annehmen. Genaue Beschreibung der
Einrichtung.
Kohl har dt: Ueber die Wirkung des Abderhaldenschen Krebs-
Serums. I. Klinischer Teil. Beschreibung von vier Fällen, in denen durch
die Behandlung mit dem Serum keine Schädigung, sondern sogar eine
Befreiung von einer Reihe sehr lästiger Symptome beobachtet ist Der
Anlaß zur Mitteilung ist aber weniger der Einfluß der Serumbehandlung
in therapeutischer Hinsicht, als vielmehr die Einwirkung des Serums auf
den lebenden Tumor, wie sie pathologisch-anatomisch und histologisch
festzustellen war. Die Befände hierüber sind einer späteren Mitteilung
von Beneke Vorbehalten. Walther Löb.
Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie , Bd. 36, H. 3—4^
Heft3—4. Singer: Atypische Schlaf-Drucklähmungen. Ver¬
fasser beschreibt acht Fälle von Schlaflähmung, die nicht der typischen
SchlafJähmung, das heißt der Radialislähmung, entsprechen. In zwei
Fällen waren sämtliche Armnerven mehr oder weniger an der Lähmung be¬
teiligt. Zweimal war der Ulnaris allein, einmal der Medianns allein, ein¬
mal Ulnaris und Medianus zusammen betroffen. In zwei Fällen bandelte
es sich am Peroneuslähmung. In den weitaus meisten Fällen spielt
Alkoholismus einen prädisponierenden Faktor. Dies gilt auch von den
Fällen von Peroneuslähmung. In dem einen dieser Fälle wurde der Nerv
durch eine Bankkante, in dem andern durch eine Fußstütze gedrückt
Grzywo-Dybrowski: Die Wirkung des Luminals bei epllop*
tischer Demenz. Verfasser berichtet über die Erfolge der Lumina!-
medikation bei Epilepsie. Das Luminal wurde in Pulverform per ob m
Dosen von 0,1 bis 0,2 zwei- bis dreimal täglich gegeben. Die Anzahl der
Anfälle nahm auch in veralteten Fällen wesentlich ab. In keinem Falle
trat beim Aassetzen der voraufgeg&ngenen Brombehandlung ein Status
epilepticus auf. Der psychische Zustand der Patienten blieb unbeein¬
flußt. Besonders günstig war die Wirkung in Fällen von Epilepsie
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21 Januar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4.
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'!•' % i C gei>or«nem oder erworbenem Schwachsinn. Komplikationen würden
* r: u Dicht beobachtet,
?2Si Fatzinslri and Marx; Hlrnabceß als Folge peripherischer
:.v ikpmltersng nach einem Unfälle« Bei einem 59jährigen Manne
Lfc ifitw M ch einer Fingereiternng nervöse Symptome auf. Im Vorder¬
er gründe standen psychische Symptome: Schwerfälligkeit in der Unter¬
art hiltung, Gedächtsnisschwfiche, dazu kam Kopfschmerz und Schwindel.
•; Suosngepapilie and Fieber bestanden nicht. Ein anfbretender Anfall
r< af Arteriosklerose bezogen , ein Zusammenhang des nervösen
ie Leidens mit dem Unfälle wurde nicht angenommen. Die Sektion ergab
eines großen Absceß des Unken SÜmhirns. Hirnabscesse nach Eite«
nagen in der KOrperperipberie sind sehr selten. Ein ursächlicher Zu-
ummbing mit der Fingereiterung muß in dem vorliegenden Fall an-
!■ graonzmen werden.
Schnitz; Ueber Psychoanalyse in gerichtsfirztllcher Be-
ilehug. Verfasser gibt einen sehr übersichtlichen and klaren Bericht
dbar die Entwicklung and die Grundbegriffe der Psychoanalyse. Er er¬
örtert sodann die Beziehung der Psychoanalyse zu den gerichtsärztlichen
Fugen. Fine forensische Begutachtung der psychoanalytischen Tätigkeit
ipjclt keine wesentliche Kolle. Von der kriminalistischen Anwendung
dir Ps/chokatharsis und des Associationsversuchs ist noch manche Auf-
kUnrng zn erwarten. Verfasser ist frei von jeder UeberBChätzung der
ftychoanalyse und flbt an den zahllosen Entgleisungen und Uebertrei-
bongen der Anhänger Freuds sachliche Kritik. 1
Scholomowitsch; Heredität und psychische Entartung bei 1
Geisteskranken und geistig Gesunden. Verfasser wendet sich gegen J
die Vorstellung, daß bei der Entstehung der Geistesstörungen der Here- f
ditit eine sehr wesentliche Bedeutung zukomme. Seine an Gesunden (
und Geisteskranken vorgenommenen Untersuchungen führten zu folgenden *
Ergebnissen; 60% der gesunden Bevölkerung sind hereditär belastet and F
twar 45% in der direkten Linie. Bei den Geisteskranken beträgt die £
Belastung 69,1 %, in der direkten Linie 53,8 %• Heredität bei Geistes- ' *
kranken ist somit nur zirka 12% häufiger als bei Gesunden. Die Häufig- ^
keit organischer Ne rvenJoiden ist in der direkten Linie Geisteskranker w
nn 5,7% geringer als bei Gesunden. Epilepsie kommt bei Geistes- aI
kranken um 1,2 % häufiger als bei Gesunden vor. Verfasser befaßte sich
ferner mit der Statistik der Degenerationszeichen. Er untersuchte darauf- iic
hin 1000 Franke und 1000 Gesunde. Das Resultat war, daß die Häufig- le
keit und die Qaalität bei Kranken und Gesunden ungefähr die gleiche de
ist. Den Degenerationszeichen kommt somit in der Psychiatrie keine Be- (E
I Fällen von Pseudologia phant&stlca. Verfasser zeigt, daß io manchen
Fällen von Pseudologia phantastica auch bei einem indifferenten Material
deutliche Reproduktiosstörungen Vorkommen. Bei der Wiedergabe der
benutzten Geschichten wurden ganz neue Sätze hinzugefügt und starke
Umwandlungen des Gegebenen in an sich sinnvoller Weise vorgenommen.
Durch Kontrollversuche an Normalen konnte Verfasser feststellen, daß
das gleiche Material unter denselben Bedingungen vom Normalen im
wesentlichen richtig reproduziert wurde. Henneberg.
Korrespondenz-Blatt für Schweizer Äerzte 1914 , Nr. 43 bis 45 .
Seelert: Paranoische Erkrankung auf manisch-depressiver
GjrudJage. Ausführliche Mitteilung eines Falles, in dem auf maniseb-
depressirer Grundlage ein paranoisches Krankheitsbild in Erscheinung
trat ln demselben ließen sich die manischen und depressiven Grund-
symptome deutlich nachweisen. Der Fall bietet ein Beispiel dafür, daß
die Entwicklung' eines paranoischen Wahnsystems nur rein sekundäre
Bedeutung haben kann.
Kothmann; Ueber die Grenzen der Extremitätenregion der
Großhirnrinde. Die Arbeit bringt die Ergebnisse zahlreicher Tier-
fiporimente. Von besonderem Interesse sind die Ausführungen über die
Fonktion der Central Windungen. Beim Affen führt Ausschaltung der
hinteren Central Windung zu Schwäche, Ataxie und Richtungsstörung des
Äozten Armes. Ist der G. centralis post, und der G. supramarginalis I
ansgeschaltet, so findet sich schwere Richtungsstörung in Verbiudung
®it starken Störungen des Haut- und Mnskelsinns. In der hinteren
Centralwiadung lassen sich nach Ansschaltnng der vorderen elek¬
trische Keizfoci nachweisen, derartige Foci finden sich ferner an dem
hinteren Walle der hinteren Centralwindung am Fandus der Interparietal-
fjrrhe. Sowohl die Inaktivität des gekreuzten Armes nach Ausschaltung
lieg G. centralis post, als auch die Restitution isolierter Bewegungen des
• 4 nnei nach Ausschaltung des G. centralis ant. beweisen das Vorhanden-
uin motorischer Elemente in der Rinde des G. centralis post.
Sthönfeld; Ueber das Vorkommen und die Bedentung.der
«rasigen Bildungen (SpfiaerotrJchle) ln der Hirnrinde. Eingehende
^ttriie über die sogenannten senilen Plaques oder Drusen der Hirnrinde
"phaerotrichia cerebri multiplex). Bezüglich der Natur dieser zuerst
T0 ? 0 Fischer eingehend beschriebenen Gebilde kommt Verfasser zn
"‘icem bestimmten Urteil, er neigt der Annahme zu, daß es sich um
^:?nerationsprodukte V0D Axencylindern handelt. Verfasser fand die
jnjien nur in senilen Hirnen, das beißt bei Individuen im Alter von ;
!. . 1S Jahren. Vor dem 50. Lebensjahre kommen sie nicht vor. ]
/ruier vermißte sie in keinem Falle von Presbyophrenie. Er konnte i
■ :e ern . er konstatieren j n zwei Fällen von einfacher seniler Demenz und i
r ^ fallen von Choreaspsychose. Die Sphaerotrichie ist somit für 1
8 rwyophrenie keineswegs pathognomoniseb. s
Liebenthal; Ueber die Wiedergabe kleiner Gescliichten ln e
* Zn- Nr. 43. Emil BürgiJ: Das Oplamproblem. Opium und Mor-
an- phium wirken verschieden, nicht etwa nur deshalb, weil das Opium infolge
seiner kolloidalen Beschaffenheit erst weiter abwärts im Darme resorbiert
Be- wird. Die Morphiumwirkungen bestehen einmal ans der centrallähmenden,
rieht vom Großhirn zur Mednlla ihren Ablanf nehmenden, nnd dann aus der
* er- peripherischen, die die Darmperistaltik lähmt. Die ans dem Opium ge¬
lben wonnenen Alkaloide zeigen allerdings jedes in verschiedenem Grad eine
keit das Großhirn lähmende und die Medulla erregende Wirkung. Das von
ung Hoffmann-La Roche & Co. heransgebrachte Pantopon enthält alle Opium-
luf- alkaloide an HCl. gebunden ohne die Ballaststoffe und gestattet so die
der I Frage, welche Wirkung den Nebenalkaloiden im Opium zukommt, zn
rei- entscheiden. So setzt das Opium beziehungsweise Pantopon im Verhält¬
nis zn seiner narkotischen Kraft die Erregbarkeit des AtmungBcentrnms
b c j weniger herab als das Morphium. Man kann dies vielleicht auf die An-
^en Wesenheit der Nebenalkaloide mit stärker erregender Komponente zurück-
re _ führen. Im umgekehrten Verhältnis wird das Brechcentrum beeinflußt
l en (Faust). Multiplikation der Wirkung tritt durch die Anwesenheit der
en Nebenalkaloide nicht auf. Im Prinzip dem Pantopon ähnlich sind das
n( j Fan st sehe Landanon I und H, doch erscheinen diese noch nicht ge-
jj e nügend aasgeprobt. Die peripherische Wirkung auf den Darm ist nach
!S _ Pal abhängig von der Zugehörigkeit des betreffenden Alkaloids zu der
g. Isochinolin- oder der Phenantkrengruppe. Pantopan und Opium wirken
er wohl erschlaffend auf die Darmmusknlatnr, ohne indessen eine so lange
g . anhaltende Obstipation hervorzurnfen wie das Morphium.
;b Nr. 44. Br. Bloch: Kritisches zur Vaccinetherapie der Go-
f- uorrhoe, zugleich experimenteller Beitrag zur Begründung der ab-
r- leitenden Therapie. Das Gonokokkenvaccin Arthigon zeigt nach Bruck
e deutliche Heilwirkung nur bei abgekapselten gonorrhoischen Herden
i- (Epididymitis, Prostatitis, Arthritis), bei den Schleimhauterkrankungen und
den Adnexerkrankungen der Frauen nicht. Nach dem Verfasser ist auf jeden
r Fall die Prognose der Arthritis gonorrhoica viel besser geworden, doch
muß von seiten der Nichtspezialisten mehr Gewicht auf die Behandlung
^ der primären Urethrnerkrankang gelegt werden. Die Fälle von Epidi¬
dymitis, bei denen ein Infiltrat des Nebenhodens mit seinen fatalen
i Folgen (Sterilisation) zurückbleibt, sind etwas seltener geworden. Die
i Krankheitsdauer ist verkürzt. Die intramuskuläre und subentane An¬
wendung des Arthigon ist ziemlich harmlos. Sehr hoch eiugeschätzt
wird von Bruck und Andern der Wert der intravenösen Applikation.
Doch tritt dabei viel stärkere Herd- und Allgemeinreaktion auf. Ver¬
fasser führt die bessere therapeutische Wirkung auf die ganz unspeci-
fische heftige Allgemeinreaktion zurück, die sich z. B. auch durch das
Pfeiffer -Kolle sehe Typhusvaccin erreichen läßt. In drei schweren
Fällen von Gonorrhoe hat er damit sehr gute Erfolge erzielt.
Fernand Chat i Hon: Non veile algaille ponr la pratiqne da
„Pneumothorax artlflciel“. Verfasser gibt einen Trokart für die Aus¬
führung des künstlichen Pneumothorax an, der gestattet, während der
Injektion des Stickstoffs den Druck im Pleuraraum zu messen.
Nr. 45. Arnold Schwyzer: Chirurgisches zur Behandlung des
Puerperalfiebers. Aus der amerikanischen Landpraxis berichtet Verfasser
über nenn Fälle puerperaler Infektion (Thrombophlebitis der V. femoralis;
abgekapselte Abdominalabscesse; Uteruswandabsceß; beginnende diffuse
Peritonitis; Thrombophlebitis der V. ovarica und V. uterina). Durch
frühzeitiges chirurgisches Eingreifen gelang es ihm, acht davon zu
heilen. Er warnt vor der Anwendang von Abführmitteln, auch wenn
peritonitische Symptome, noch nicht nachweisbar sind. Die Trendelen-
burgsche Operation verdiente, öfter gemacht zu werden.
E. Schwarzenbach: Technische Neuernngen in der geburts¬
hilflichen Hauspraxis. Die Frage, ob der Kopf mit dem größten Durch¬
messer ins Becken eingetreten ist, läßt sich durch einen vom Verfasser
angegebenen Handgriff entscheiden. Man legt die Hand auf das Kreuz¬
bein der auf der linken Seite liegenden Frau und drückt mit den Finger¬
spitzen zwischen Steißbeinspitze und Anus nach dem Beckeneingange zu,
wo man den Kopf fühlt, wenn er ins Becken eingetreten ist. Zur Becken¬
hochlagerung bei geburtshilflichen Eingriffen benutzt Verfasser ein von ihm
angegebenes Luftkissen, ohne das Qnerbett zu benötigen. Weiter gibt er
oine Kugelzange für die Ausräumung an, die am Specnlum befestigt
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UNiVERSITY OF IOWA
112
1915
MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. L
24. Januar.
wird, und ein die Kugelzange ersetzendes schonenderes Instrument, haupt¬
sächlich für die geburtshilfliche Tamponade. Als Ersatz des Metreu¬
rynters dient ein aus vier Löffeln bestehendes Instrument, das Verfasser nach
der Form „Tulpe“ nennt. Die durch die Keime der Vulva und Vagina
drohende Infektionsgefahr bei der manuellen Lösung vermeidet er durch
Verwendung eines mit einer Oeffnung versehenen Stuckes Mosetig, das
er über die einzuführende Hand streift. Hat diese den Muttermund er¬
reicht, so gelangt sie durch das Loch im Mosetig in den Uterus, ohne
mit Vaginalwand und Vulva in Berührung gekommen zu sein. Eine
Ueberdehnung der Bauchwand während der Preßwehen verhindert die
von Werboff angegebene Binde. Sterile, fertig käufliche Wochenbett¬
vorlagen lassen eine nachträgliche Infektion vermeiden. Zur Pflege der
Bauchdecken der Wöchnerinnen empfiehlt Verfasser die Hol zapf e Ische
Binde.
L. Bossart: lieber eine Ekzem -Hausendemie nach Yaccl-
natlon. In einer Kinderkrippe in St. Gallen traten im Anschlaß an die
allgemeine Impfung Hautausschläge auf, die nach der Zeit des Auftretens
und der Art als Autoinfektion aufzufassen waren. Durch Deckverbände,
Kurzschneiden der Fingernägel lassen sich solche Vorkommnisse, die
geeignet sind, den Ruf der Vaccination bei den Laien zu schädigen,
vermeiden. _ Kn.
Bücherbesprechungen*
L* Langstein und L. F. Meyer, Säuglingsernährung und Säug¬
lingsstoffwechsel. Mit 46 Abbildungen im Text. Zweite und
dritte amgearbeitete und erweiterte Auflage. Wiesbaden 1914. J. F.
Bergmann. 408 S. M 11,—.
Das Bach, das schon bei seiner ersten Auflage sich überall unbe¬
dingten Anerkennens erfreute, liegt jetzt in zweiter und dritter Auflage
vor. Von 214 Seiten ist das Buch auf 408 Seiten gewachsen, ein
Zeichen, mit welcher Sorgfalt die Autoren jedes einzelne Kapitel durch¬
gearbeitet haben. Das Buch gibt in der Tat einen mustergültigen Ueber-
blick über all die vielen Fragestellungen und Probleme wieder, die in
der Säuglingsernährung vorhanden sind, und mancher Nichtpädiater wird
erstaunt sein über die Fülle von Arbeit, die hier von der Pädiatrie ge¬
leistet worden ist. Mit Stolz dürfen wir besonders heute aussprechen,
daß es vorzugsweise deutsche Arbeit ist, die auch in diesem Fache
führend ist, während früher die französische Schule, besonders in der
Ernährnngsfrage an der Brust, unsere Lehrerin gewesen ist. Das Buch
Langsteins und Meyers zeichneteins aus, das ist eine besonders gewollte
Objektivität. Diese Objektivität tritt manchmal sogar etwas störend auf,
man möchte manchmal etwas mehr den Standpunkt der Verfasser kennen
lernen. Mit einem bewundernswerten Fleiße haben die Autoren alles zu¬
sammengetragen und so verarbeitet, daß wir wohl sagen dürfen, es gibt
heute kein zweites Buch, daß die schwierige Frage, die Ernährungs¬
störungen des Säuglings gemeinverständlich abzuhandelD, so glänzend
gelöst hat, wie das der Verfasser. Dabei liest sich das Buch nicht
schwer, es ist überall klar und einfach geschrieben. Freilich sehen sich
manche Dinge beim Leser einfacher an als sie in Wirklichkeit sind, aber
für den Arzt, an den sich das Buch in erster Linie wendet, ist dies nnr
gut. Dabei soll es das Lob dieses Buches nicht im geringsten schmälern,
wenn man als Referent hier und da anderer Meinung ist. So erscheint
Referent die Aufzucht des jungen Kindes mit Zucker-Fettmischungen
leichter, besser und vor allem richtiger zu sein als mit gewöhnlichen
Zuckermischungen, wir glauben nicht, daß etwa nur „gut veranlagte
Kinder“ bei Fettgemischen ein gutes Gedeihen und Wachstum zeigen.
Am wenigsten hat Referent das Kapitel „Abnorme Konstitutionen“
befriedigt. Es bleibe ein Nonsens, auf der einen Seite das Wort Diathese
gleichbedeutend mit Disposition (Martius, Pfaundler) zn bezeichnen —
meines Erachtens die einzig richtige Ausdrucks weise — und anderseits
das Wort Diathese zur Bezeichnung eines bestimmten Krankheitsbildes,
z. B. exsudative oder gar rachitische Diathese,""zu verwenden. So etwas
muß Verwirrung stiften; denn tatsächlich ist der Begriff Diathese bei der
exsudativen Diathese im Sinne Czernys ein völlig anderer als bei
Pfaundler, der Diathese-Disposition setzt. Hierüber wäre noch manches
zu sogen.
Den Ernährungsstörungen ist die Finkei stein sehe Einteilung
7,ngrunde gelegt. Sie scheint auch dem Referenten für die klinischen
Bedürfnisse am besten geeignet. Im Kapitel Erbrechen wird beim
Pylorospasmus auf die Operation nach Rammstedt hingewiesen. Tat¬
sächlich hat die Operation (Durchtrennung des Pylorus bis zur Sub-
mucosa) nicht zuorst Rammstedt, Bondorn Woher angeführt und
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publiziert. Rammstedt hat dann die Operation vereinfacht. Man spricht
daher besser von Weber-Rammstedtscher Operation.
Alles in allem ist es aber eine Freude, ein solches Buch zu be¬
sitzen und zn lesen; wir sind sicher, daß das Bach großen Erfolg
haben wird. Rietschel (Dresden).
A. Skufcetzky nnd E. Starkenstein, Die neneren Arzneimittel und
die pharmakologischen Grandlagen ihrer Anwendung in
der ärztlichen Praxis. Zweite gänzlich umgearbeitete Auflage.
Berlin 1914. Julias Springer. 475 S. M 12,—.
Gegenüber dem unverkennbaren Bestreben der chemischen In¬
dustrie, ihren Präparaten ein möglichst weites Indikationsgebiet znzu-
weisen, haben die Verfasser in anzuerkennender Weise bei der Be¬
sprechung der Heilanzeigen den tatsächlichen klinischen Erfahrungen
Rechnung getragen. Als Einteilungsprinzip bei der Schilderung der
neueren Arzneimittel wurden in der Hauptsache die Krankheitsindika-
tionen gewählt.
Da es sich um kein Lehrbuch der Therapie bandelt, sondern am
einen therapeutischen Behelf unter besonderer Berücksichtigung der
neueren Arzneimittel, macht das Werk keinen Anspruch auf Vollständig¬
keit in der Besprechung der Indikationen, teilt aber alle wissenswerten
therapeutischen und praktischen Erfahrungen mit, welche die spezielle
Anwendung eines neuen Mittels begründen, und stellt für diesen Zweck
ein praktisches nnd brauchbares Nachschlagewerk dar. Reckzeh.
0. Bergmann und R. Fischer, Die Bekämpfung der Milzbrand¬
gefahr in gewerblichen Betrieben. Berlin 1914, Julius Springer.
47 S. M. 1,80.
Das vorliegende Heft der vom Institut für Gowerbehygiene in
Frankfurt &. M. herausgegebenen Schriften aus dem Gesamtgebiete dor
Gewerbebvgiene enthält zwei Aufsätze. Borgmanu behandelt die Be¬
kämpfung der Milzbraudgefahr in den Gerbereien, Fischer die in deu
Roßhaarspinnereien, Haar- und Borstenzurichtereien, Bürsten- und Pinsel*
machereien. Es sind dies diejenigen Industrien, die das Hauptkontingent
der in den gewerblichen Betrieben vorkommenden Milzbrandfälle (jährlich
etwas über 100 Fälle) stellen. Während in den Haare und Borsten ver¬
arbeitenden Betrieben durch die gesetzlich vorgeschriebene Desinfektion
wenigstens des aus dem Ausland eingeführten Rohmaterials die In'ektions-
gefahr erheblich eingedämmt ist, hat sich ein für die Praxis brauchbares,
das heißt das Material nicht schädigendes und nicht zu kostspieliges
Desinfektionsverfahren für die in den Gerbereien zur Verarbeitung kom¬
menden Rohhäute noch nicht auffinden lassen. Immerhin sind Ansätze
dazu schon gemacht, und es ist zu hoffen, daß in nicht zu ferner Zeit
diese Hauptquelle der gewerblichen Milzbrandinfektionen ausgeschaltet
wird. Natürlich kommt auch auf diesem Gebiete der persönlichen Pro¬
phylaxe des Arbeiters große Bedeutung zu, und auch von den Fort¬
schritten der Therapie (Serum- und Salvars&nbehandlung) sind weitere
Erfolge zu erwarten. Kurt Meyer (Berlin).
Ergebnisse der Inimnnitätsforscbong, experimentellen Therapie,
Bakteriologie nnd Hygiene. (Fortsetzung des Jahresberichts über
die Ergebnisse der Immunitätsforschung.) Unter Mitwirkung hervor¬
ragender Fachleute herausgegeben von W. Weichardt. I. Bsnd.
Berlin 1914, Julius Springer. 470 S. M. 20,—.
Der bisher in andern Verlag erschienene Weichardtsche Jahres¬
bericht hat wegen des zunehmenden Umfangs anf den Referatenteil ver¬
zichtet, and zwar mit gutem Rechte, da ja die Immunitätsliterator ander¬
weitig in Centralblättern und Jahresberichten ausreichend referiert wird.
Es werden in Zukunft also nur die „Ergebnisse“ weiter erscheinen, das
heißt „Ueberrichten über die im Vordergründe des Interesses stehenden
Kapitel der ImmuQitätslehre aus der Feder berufener Spezialforscher“.
Der vorliegende Band enthält wieder eine sehr geschickte Answahl
solcher Sammelberichte. Besonders hervorgehoben seien die Aufsätze
von Eisenberg, Ueber Mutationen bei Bakterien und andern Mikro¬
organismen, von Doerr, Neuere Ergebnisse der Ansphylaxieforschung,
von Petruschky, Ueber Tuberkuloseimmunität, und von Süpfle, Das
Wesen des Impfschutzes im Lichte der neueren Forschungen. So wert¬
voll und unentbehrlich diese „Ergebnisse“ für jeden auf dem Immunitäts-
gebiet Arbeitenden oder auch nur Interessierten sind, so sei doch
gelegentlich des Uebergangs iu den neuen Verlag der Wunsch aus¬
gesprochen, daß ein allzu schnelles Erscheinen neaer Bände vermieden
j werde und daß, was bei manchen „Ergebnissen“ nicht immer der Fall ist,
| auch in Zukunft nur solche Au fr ätze zum Abdrucke gelangen, die einem
1 wirklichen Bedürfnis entgegeukummen. Kurt Meyer (Berlin).
Original from
UNIVERSUM OF IOWA
24 Jan nar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK - Nr. 4
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ä#ter.>
1 pofe [■
Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen.
Heue Folge dar „Wiener Medizinischen Presse“. Redigiert von Priv.-Dot. Dr. Anton Bum, Wien.
K. k. Gesellschaft der Aente in Wien.
■«1 'ftaiä Sitzung vom 15. Januar 1915.
MainiKe'- L. Kuncli (Krems) stellt einen 35jübrigen Soldaten aus
in»«:»,. Bosnien mit universellem Lichen ruber planus vor. Der ganze
rteM{ Körper ist mit Effloreszeozen des Lichen bedeckt, welche eine
dunkle Pigmentierung zeigen. Stellenweise findet sich ein chagrin-
cfiesssc artiges Aussehen der Haut, welche ebenfalls dunkel pigmentiert ist.
äir-fec Q. Riehl bemerkt, daß eine derartig dunkle Pigmentierung der
m i: k Kaut gewöhnlich nur nach intensiven Arsenkuren vorkommt. Da Pat.
j, ö kein Arsen bekommen hat, steht die Pigmentierung vielleicht mit der
. 'f Kasse io Beziehung.
r, Katschera (Keunkirchen) führt einen Soldaten vor,
welcher nach einer Schuß Verletzung Gasphlegmone and Te-
jkägjp; (UM bekommen hat Ans der angeschossenen rechten oberen
hx 2 ;:: Extremität wurden mehrere Geschoßteile entfernt, um jedes der-
lc f i *, selben war eine nekrotische Zone mit Gasbildung. Pat. wurde ins
I Wasserbad gelegt. Nach 6 Tagen bekam er Tetanus, welcher mit I
Antitoxin and Chloralbjdrat behandelt wurde. Gegenwärtig ist
j; fe. ftt als geheilt anzusehen. Vortr. bat unter 220 Schußverletzungen
4Fälle von Gasphlegmonen gesehen, von denen 3 starben. —
Ferner demonstriert K. einen Knaben, welchem vom Zahnrad
erffl einer Göpelmaschine die Haut des Penis und des Skrotums
J..,:;läferissen worden ist Der Defekt wurde aus der Bauchhaut
und ans der Oberschenkelhaut gedeckt.
Ter:*:;;-- E. Sn chane k stellt einen 37jfihrigen Mann vor, bei welchem
er die Naht einer Schnittwunde der Carotis communis vor-
iii: genommen hat. Pat. hat sich in selbstmörderischer Absicht in
:er Geistesstörung einen Stich in die linke Halsseite beigebracht,
w : welcher die Carotis communis an der TeilungsstelJe in die Carotis
interna und externa aufschlitzte. Die Arterie wurde nach Frei-
::i. legüDg genäht. Der Wuadverlauf war afcbril.
Herrn. Schlesinger führt einen 32jährigen Mann vor, bei
welchem ein extradurales Fibrosarkom des Rückenmarkes
operativ entfernt worden ist. Vor 2 I /-j Jahren bekam Pat. heftige
Schmerzen in der Ritte der Brustwirbelsäule, einige Monate später
Pnrästhesien und Motilitätsstörung an der rechten unteren Ex¬
tremität, hierauf an der linken unteren Extremität. Nach voriiber-
h\'. gehender Remission verbreitete sich die Sensibilitöts- und Motili-
tifsstönmg nach oben, so daß die ganze untere Körperhälfte
gelähmt war. Von der Mitte zwischen dem Processus xiphoideus
and dem Nabel nach abwärts war die Sensibilität am Rumpfe für
Berührung und Schmerz, an den unteren Extremitäten für alle
Empfindangsqualifäfen erloschen. Die unteren Extremitäten waren
spastisch geiähmf, die Reflexe daselbst gesteigert, der Unterbauch-
r - deckenreflex war herabgesetzt. An der Wirbelsäule war nichts zu
linden, Tuberkulose nnd Lues konnten ausgeschlossen werden. Die
diirch Spinalpunktion gewonnene Zerebrospinalflüssigkeit bot An¬
zeichen für einen Hückenmarkstumor, nämlich Gelbfärbung, hohen
Eiweißge/ialt und Fehlen zelliger Elemente. In der Höhe des Dorn-
/ortsatzes des 6'. Brustwirbels war der Perkussionsschal! der Wirbel¬
st etwas dumpfer. Bei der Operation wurde ein extradural
gelegener Tumor gefunden, welcher sich histologisch als ein hartes
Fibrosarkom erwies. Pat. bekam hierauf Scharlach, er fieberte
etwa 6 Wochen Jang und die Wunde eitorto. Seit 2 Monaten
bessert sich die Lähmung allmählich, so daß Pat. jetzt schon
gfhen kann. In einem zweiten Fall, bei welchem es sich um ein
■ingiosarkom der Cauda equina bandelte, ergab die Operation
^in so günstiges Resultat, weil der Tumor mit den Rückenmarks*
wurzeln vielfach verwachsen war, wahrscheinlich ist es auch zu
eiDer Rezidive gekommen.
Kfiaozi berichtet über die an der Klinik Eiseisberg
«Parierten Fälle von Rückenmarkstantoren* Es waren zu*
s *® meD Fälle, darunter waren auch 4 Fälle tuberkulöser Natur und
pralle von Wirbeltumoren (Sarkom, metastatisebes Karzinom), von
aie>en 8 Fällen sind 4 gestorben. Von den eigentlichen Itiicken-
fflvkstumoren wurden 11 entfernt, 2 waren intramedullär, 8 gingen
wfchen Hirnhäuten aus; in dem von H. Schlesinger
emonstrierten Fall lag der Tumor extradural und die Dura wurde
* ® Fällen wurde kein Tumor gefunden, es fand
* IC Ä ? er e,fl 0 Meningitis serosa circumscripta. Das unmittelbare
peratjvo Resultat war in den letzten 19 Fällen günstig, 2 von
ea starben nach einigen Monaten an einer anderen Affektion.
I Die Indikation zur Laminektomie bei Rückenmarkstumoren sollte
öfter als bisher gestellt werden.
H. Schlesinger bemerkt, daß man auch in denjenigen Fällen
die Operation wagen sollte, in welchen die Diagnose eines Rückenmarks-
fcumors nicht vollkommen sicher steht. Er hat durch Zuwarten einen Fall
verloren, bei welchem im Bereich der unteren Körperhälfte nur Thermo-
anästhesie vorhanden war. Bevor Pat. operiert wurde, bekam er einen
akuten Dekubitus und starb. Die Obduktion ergab einen operablen Rtieken-
markstumor. Selbst bei intramedullären Tumoren kann man durch Ope¬
ration eine Besserung erzielen. Bei einem Fall von Tumor des Hals¬
markes wurdo dieses freigelegt, es war infolge eines intramedullären
Tumors an einer Stelle verdickt. Trotzdem der Tumor nicht entfernt
werden konnte, erholte sich der Kranke, so daß er die rechte obere
Extremität bewegen und gehen konnte, während er früher gelähmt war.
Er starb nach 11 a Jahre.
Flor demonstriert einen Mann mit einem Aneurysma der
A. subclavia nach Schuß Verletzung. Die Einschußöffnung liegt
I unterhalb der rechten Klavikula, die Ausschußöffnung im unteren
Drittel der rechten Skapula. Unterhalb des Schlüsselbeines ist
eine VorvvÖlbung, über welcher starkes Schwirren zu spüren und
ein dröhnendes Sausen zu hören ist. Es liegt ein Aneurysma der
A. subclavia, wahrscheinlich ein Aneurysma spurium, vor.
J. Heyrovsky: Ueber infizierte Gefäßschüsse. Vortr.
berichtet über die Erfahrungen, welche auf der Klinik Hochen-
egg bei der Behandlung infizierter Gefäßschüsse gewonnen worden
sind. Schußverletzungen der großen Arterien kommen seit der Ein¬
führung des kleinkalibrigen Geschosses häufiger vor als früher. Das
Gefäß wird entweder durch das Geschoß oder durch einen Kno¬
chensplitter verletzt. In die Lazarette kommen meist nur Fälle
mit Verletzungen der Extremitätenarterien, Fälle von Verletzung
der anderen großen Arterien sterben meist auf dom Schlachtfeld^.
Die Arterienverletzung wird manchmal übersehen, wenn sie koinc
Blutung nach außen zur Folge hat, nach \\ Manteuffol soll ein
Geräusch an der Verletzungsstello zu hören sein. Verwundeten mit
Gefäßverletzungen drohen als Gefahren: Nachblutung, Gangrän und
Infektion. Dio Nachblutung kann den Kraukon schon am Trans¬
port befallen oder durch die Infektion hervorgerufon werden. Der
Ausgang der Gefäß Verletzung ist vom Wundverlauf und von der
Ausbildung des Koilateralkreislaufes abhängig. Bei aseptischem
Wund verlauf kann die Schußverlctzung spontan au*dicilen oder es
entwickelt sich ein Aneurysma, meist ein Aneurj T sma spurium.
Unter 1710 Verwundeten, die bis Ende Dezember auf der Klinik
Hochenegg aufgenommen wmrden, fanden sich 30 Fälle (l,7°/ 0 )
mit Verletzungen größerer Arterien. Von diesen waren 9 Fälle rein
und 21 infiziert, 17 waren durch Frakturen kompliziert. In einem
Fall wurde eine Spontanheilung einer Verletzung der A. brachi-
alis gefunden. Das Gefäß war obliteriert. In 15 Fällen wurde ein
Aneurysma spurium konstatiert, und zwar bei 9 reinen und ti in¬
fizierten Fällen. Omal kam es zu einer sekundären Blutung. Von
den Aneurysmen wurden 8 operiert. Eine sekundäre Gangrän
wurde nur an den Fingern beobachtet, weil die Gangrän infolge
Verletzung größerer Gefäße schon in den Feldspitälern zur Am¬
putation zwingt. Am häufigsten tritt die Gangrän nach Verletzung
der A. poplitea auf. Es entsteht meist eine feuchte Gangrän. Eine
infizierte Gefäßverletzung kann zur Sepsis, Gasgangrän und zum
Tetanus führen, letzterer kann auch nach der Amputation auf-
treten. Sekundäre Blutungen wurden in 21 Fällen beobachtet, in
15 davon war sie das ersto sichere Zeichen einer Gefäß Verletzung,
Die Blutung erfolgte bei Gefäßschüssen mit Aneurysmen durch¬
schnittlich in der 3., ohne Aneurysma in der 2. und bei Phlegmonen
am Ende der ersten Woche. Prodromale kleine Blutungen kamen
in 4 Fällen vor. Die sekundäre Blutung ereignete sich in 14 Fällen
bei Tag, in 7 bei Nacht, infolgo Aufmerksamkeit des Warteper¬
sonals kam es in keinem Fall zu einer Verblutung. Heute gilt die Un¬
terbindung des verletzten Gefäßes am Ort der Verletzung als das beste
Verfahren, die Unterbindung am Ort der Wahl ist nur ein Notbehelf.
Auch bei infizierten Gefäßen soll man am Ort der Blutung, aber
im Gesunden unterbinden. Bei Unterbindung des kranken Gefäßes
könnte die Ligatur durchschneiden oder zu einer zentripetal fort¬
schreitenden infizierten Thrombose führen. Die bis ins Gesunde
freigelegte Arterie soll zweimal unterbunden und das dazwischen
liegende Stück abgetragen werden, die Wunde ist offen zu lassen,
Tamponade und Naht der Wunde sind kontraindiziert. Von nicht
blutenden Aneurysmen (9 Fälle) wurden 7 in der 3. bis 7. Woche
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UNIVERSUM OF IOWA
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4.
24. Januar.
nach der Verletzung operiert, meist wegen heftiger neuralgischer
Schmerzen, es wurde die Ligatur im Saekinnern ausgeführt. In
keinem Fall kam es zur Gangrän oder zur Nachblutung. Von
sechs blutenden Aneurysmen wurden 5 Fälle durch Ligatur ge¬
stillt und die Extremität erhalten, in einem Fall mußte infolge
Sepsis bei einem Aneurysma der A. ulnaris amputiert werden.
Von den 15 Gefäßschüssen ohne Aneurysmabildung waren alle
schwer infiziert, in 13 Fällen wurde die Ligatur am Ort der
Verletzung ausgeführt. Nach sekundären Blutungen war der Ver¬
lauf schwer, in 6 Fällen kam es zur Gangrän, von denen drei
starben (Unterbindung der Femoralis, der Tibialis); der Tod er¬
folgte infolge aszeüdierender Thrombose des unterbundenen Ge¬
fäßes, in den Thrombi und im Herzblut fanden sich Streptokokken.
Von den nicht infizierten Gefäßschüssen wurde kein Fall amputiert
und auch nicht verloren, von den infizierten starben drei und fünf
konnten nur durch die Amputation gerettet werden. Die Mortalität
bei allen sekundären Blutungen betrug 14,2%- H.
Wiener Laryngo-rhinologische Gesellschaft.
Sitzung vom 6. Mai 1914.
0. Chiari: Rhinolith. Extraktion. Heilung. C. stellt eine
Pat. vor, weiche seit 10 Jahren an äußerst üblem Geruch aus der
rechten Nase, seit 6 Jahren an Verstopfung derselben litt. Das
rechte Vestibulum war entzündlich infiltriert und wies eine tiefe
Rhagade auf. Am Nasenboden rechts waren viele Granulationen
zu sehen, welche den Einblick in die weiter hinten gelegenen
Nasenpartien verwehrten. Nach Adrenalisierung sah man daselbst
einen schweren Gegenstand und konnte mit der Sonde einen rauhen,
harten, etwas beweglichen Körper fühlen. Das Röntgenbild zeigte
deutlich einen durch einen harten Körper bedingten Schatten am
Nasenboden rechts. Man konnte nun vor einigen Tagen einen
typischen Rhinolithen aus der rechten Nase entfernen. Pat. selbst
schneuzte die folgenden 3 Tage noch einige sehr kleine Stückchen
desselben aus. Jetzt ist die Nase für die Atmung frei und auch
schon die hintere Wand des Epipharynx von vorne gut zu sehen.
J. Pöllhofer: Ballon tarn pon ade des Epipharynx. In zwei
Fällen, in denen nach Entfernung adenoider Vegetationen starke
Blutungen auftraten, hat P. die Ballontamponade des Nasenrachen¬
raumes vorgenommen. Der Tamponator besteht aus einem Gummi¬
rohr von der Dicke und Qualität eines dünnen Nelaton, der in einem
kleinen Sack aus sehr dünnem und elastischem Gummi endet, welcher
sich mittelst jeder größeren gut funktionierenden Spritze 2 ur Orangen¬
größe aufblasen läßt. Zur Konservierung wird er in Glyzerin auf¬
gehoben, dem etwas l 0 / 00 ? ge Sublimatlösung hinzugefügt ist. P.
glaubt, daß dieser Tamponator auch bei Entfernung stark bluten¬
der Sarkome des Epipharynx sich bewähren werde.
K. Kotier bemerkt, daß Blutungen mitunter erst eine Woche
nach Entfernung der adenoiden Vegetationen auftreten und es daher rat¬
sam sei, so operierte Kinder wenigstens 10 Tage lang in ärztlicher Ueber-
wachung zu lassen. U.
Kriegschirargische Abende za Lille (Frankreich).
Sitzung vom 16. Dezember 1914.
Heinicke (Leipzig): Die chirurgische Behandlung der
Kopfschüsse. Die auf Grund der letzten Kriege zustande¬
gekommenen Ansichten über die Behandlung der Bauchverletzungon
haben sich als unrichtig erwiesen. Im Gegensätze dazu haben sich
die Grundsätze für die operative Behandlung der meisten Schädel¬
schüsse als richtig bewährt. Es kommen in Betracht: Prellschüsse,
Durchschüsse, Steckschüsse, Furchungs- oder Tangentialschüsse.
Bei den Prellschüssen handelt es sich um eine Kontusion des
Schädels, bei der meistens eine Depression der Lamina interna
zustande kommt, ln ungünstigen Fällen kommt es zu Zersplitte¬
rungen oder Eindringen der Kugel in die Hirnsubstanz. Die Be¬
handlung ist klar vorgezeichnet: Freilegung des Verletzungs¬
gebiets mit Hebung und Entfernung des eingedrungenen Stücks,
der Splitter und eventuell der Kugel. Bei Durchschüssen ist
chirurgisch wenig zu tun. Der größte Teil der Verletzten bleibt
auf dem Schlachtfeld, ein anderer ist so schwer verwundet, daß
Hilfe umsonst ist. Ganz wenige heilen aus. Grund zu einem
chirurgischen Eingreifen geben nur diejenigen Fälle, wo allge¬
meiner Hirndruck auf Grund intrakranieller Blutung oder Zer¬
trümmerung der Hirnsubstanz besteht. Steckschüsse sind in ihrer
Wirkung verschieden, je nachdem, ob sie durch Infanteriegeschosse
oder Schrapnells hervorgerufen sind. Das Infanteriegeschoß dringt
viel tiefer als die Schrapnellkugel in die Gehirnsubstanz ein. Daraus
folgt, daß auch nur bei Schrapnellverletzungen in einigen Fällen
der Versuch gerechtfertigt ist, die Kugel zu entfernen. In alles
andern Fällen kommt eine chirurgische Therapie nur dann in Frage,
wenn die Erscheinungen allgemeinen oder lokalen Hirndrncks be¬
stehen. Die Tangentialschüsse sind für eine chirurgische Be¬
handlung am aussichtsvollsten, namentlich, wenn man bedenkt,
daß bei einer konservativen Behandlung ein großer Prozentsatz
an der Gehirnverletzung zugrunde geht. Diese Tatsache wird da¬
durch verständlich, daß eine Unzahl scharfer Splitter in die
Gehirnsubstanz eindringt und sie in großer Ausdehnung zerfetzen
kann. Hinzu kommt, daß wohl niemals die Infektion bei solchen
Verletzungen ausbleibt. Ueber die dringende Indikation zur Frei¬
legung der Wunde, Entfernung der Splitter und offener Wund¬
behandlung sind denn wohl auch alle Chirurgen einig. Es gelingt,
so einen guten Teil der Verletzten zur Heilung zu bringen.
Wichtig für die Behandlung ist aber, daß man nicht auf Grand
des klinischen Befundes in dem einen Fall operiert und in dem
andern nicht, sondern daß man prinzipioll freiiegt; selbst in den
scheinbar harmlosen Verletzungen ist meistens doch eine Splitte¬
rung des Knochens in das Gehirn nachweisbar. Die Operation muß
so schnell wie möglich vorgenommen werden. Diesem Gebot kann
man um so leichter nachkommen, als die Operation an und für
sich einfach ist: Breite Freilegung des Verletzungsbezirks, Er¬
weiterung der Knochenlücke mit der Knabberzange, Entfernung
eventueller Splitter, Revision der Dura, Erweiterung ihrer Oeff-
nungen, Entfernung aller in das Gehirn eingedmngener Fremd¬
körper, lockere Tamponade. Bei einem solchen Vorgehen ist die
Prognose der Verletzung relativ günstig. Nur ein kleiner Teil stirbt
an Enkephalitis, selten an Meningitis. Ueber die Spätresultate ist
heute noch nichts zu berichten; doch ist anzunehmen, daß eine
Reihe von Spätstörungen bei den Verletzten sich einstellen.
Ehrhardt (München) hat etwas übertriebene Vorstellungen von
den Schwierigkeiten der Operation bei Schädelverletzungen. Er hält seine
Resultate für sehr gut, trotzdem er sehr spät operiert hat.
Laven (Leipzig) fiel es auf, wie selten das klinische Bild der
Commotio cerebri beobachtet wurde. Nur Prellschüsse und Knochenstreif¬
schüsse können nach seiner Meinung das echte Bild der Commotio cerebri
hervorrufen. Das Studium der Schußrichtung bei Durchschössen hat
gewisse Typen gezeigt. Häufig geht der Schuß quer durch den Schädel,
in andern Fällen quer durch das Stirnhirn in das Hinterhaupt, in noch
andern schräg von der einen Seite hinten zur andern Schädelseite vorn,
oder umgekehrt. L. hat auch diese Durchschüsse operiert, namentlich
den Einschuß sehr genau revidiert. Für die Nachbehandlung hält er das
Anlegen eines fixierenden Verbandes für sehr wichtig.
Schmieden (Halle) bestätigt im wesentlichen die Ausführungen
der Referenten. Er erinnert dann daran, daß in den letzten Kriegen die
SchädelverletzuDgen viel zu leicht dargestellt wurden. Die Indikation
zur operativen Inangriffnahme der Schädeloperation ist viel weiter zu
nehmen; denn wir operieren die Schädelschüsse aus vitaler Indikation,
nicht zunächst aus neurologischer. Man gehe recht radikal vor. Bei
Sinusblutungen läßt die Tamponade manchmal im Stich. Notwendig ist
in allen Fällen, daß der Tampon lange Zeit liegen bleibt. Bei eilige-
tretener Meningitis ist die Lumbalpunktion zu empfehlen.
Leonbacher glaubt, daß bei vernachlässigten Schftdelyerletzongen
eine Operation schaden könne durch Ausbreitung der Infektion.
Stich (Göttingen) berichtet über einen Prellschuß, bei dem es
durch ein subdurales Hämatom zu Druckerscheinungen gekonpen war.
Bei Steckschüssen hält er das Suchen nach der Kugel für unriohtig. Io
übrigen schließt er sich den Ausführungen des Ref. an.
Klineberger befürwortet vom Standpunkte des Neurologen die
chirurgische Behandlung der Kopfschüsse. Er hebt hervor, daß auch
deswegen die Operation angezeigt sei, weil man häufig die Art des
Schusses ohne sie nicht feststellen könne. Selbst bei ganz verzweifelten
Fällen hält er die Operation noch für angezeigt.
Burk har dt weist auf die häufig eintretenden Himprolapse hin.
Es bestehe ein Unterschied zwischen Tangentialschüssen mit einfacher
Eröffnung des Schädels und solchen mit breiter Zertrümmerung un
Verfall von Hirnsubstanz.
Hei nicke (Schlußwort) hebt nochmals hervor, daß er inb®^
auf die Spätresultate sich vorsichtig ausdrücken müsse, während m
mit den Früherlolgen durchaus zufrieden sein könne.
Aerztlicher Verein in Hamburg.
Sitzung vom 3. November 1914.
J enckel (Altona) berichtet über einnn Soldaten, 4er
Herzbeutel eine Kugel trug. Die Kugel wurde durch Opera
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24 Jaunar.
19f5 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 4.
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Mt/prat: Resektion des fünften Rippenknorpels unter Infiltrations-
*k M$*thesie, Anschlingen und Vorziehen des Perikards, Eröffnung
ftr desselben. Id Rücken- und Bauchlage des Pat. wurde das Geschoß
l ' siebt gefunden, dagegen fiel es bei sitzender Stellung auf den ein-
* geführten Finger and konnte nun entfernt werden. Der Herzbeutel
- J an j e mit physiologischer Kochsalzlösung ausgespölt. Um eine
Verklebung der Blätter zu verhindern, ließ man einen Teil der
Lösung zurück, Herzbeutel und Weichteile wurden genäht. Der
1 Pat konnte sofort nach der Operation in sein Zimmer gehen.
tfeiJoi#per primam. - Derselbe: (Jeher Dmn-Dum- Verletzungen.
M seiner Ansicht können sie in einzelnen Fällen mit größter I
TTahrscbeinHchkeit aus dem kleinen Einschuß und der Größe und
'lertrtimmemg des Ausschusses diagnostiziert werden. Besonders
jrer als Jäger gewöhnt ist, Diagnosen zu stellen, kann sagen, daß
st sich wahrscheinlich um eine Dum-Dum-Verletzung handle. Nit
Sicherheit kann man allerdings nar von ihr sprechen, wenn man
das Geschoß findet. Unter den von J. behandelten Verwundeten
hatten sechs mit Zuaven nnd Engländern gefoebten, bei denen
Don-Dnm-Geschosse gefunden worden waren. Diese Leute zeigten
schwere Ausschußzerreißungen mit und ohne Knochenzertrümmc-
mgi Diese Wunden können weder als durch Querschläger hervor-
gerofene noch als in der Explosionszone entstandene Verletzungen
in/ge/aßt werden.
Sudeck glaubt, daß an der Hand die anatomischen Verhältnisse
an der dumdumartigen Verwundung schuld sind. ^ (
Leier rät zur Vorsicht bei der Diagnose. Sobald ein Geschoß
den Knochen berührt, kann es sich drehen und einen großen Ausschuß
Jierrorrafen,
Drei/nss berichtet, daß man in Longwy viele Dum-Dum-Kugeln 1
Kleine Mitteilungen.
Kriegschronik.
Aue den off. Verlustlisten.
1. Verwundet:
O.-A. Dr. Max Kaiser, u. L.-I.-R. N T r. 28 (Liste Nr. 97).
A.-A. Dr. Dimitrije Konjevic, u. L.-I.-R. Nr. 28 (Liste Nr. 97).
A.-A.-St. Dr. Rudolf Wonisch, J.-R. Nr. 7 (Liste Nr. 99).
O.-A. Dr. Hugo Wiliner, F.-K.-R. Nr. 27 (Liste Nr. 100).
A.-A. d. Res. Dr. Edmund Maliva I.-R. Nr. 47 (Liste Nr. 103).
2. Kriegsgefangen:
R.-A. Dr. Veit Brabetz, F.-J.-B. Nr. 26 (Tscheskaase bei Kiew —
Liste Nr. 97).
A.-A.d. Res. Dr. Josef Wanka, Div.-San.-A. Nr. 9 (1. Res.-Militär-
Spital in Skoplje, Serbien — Liste Nr. 99).
R.-A. Dr. Johann Braua, I.-R. Nr. 45 (Liste Nr. 100).
A.-A. d. Res. Dr. Loosdorfer, I.-R. Nr. 45 (Liste Nr. 100).
O.-A. d. Res. Dr. Leo Taussig, l.-R. Nr. 45 (Liste Nr. 101)).
A.-A.-St. Dr. Franz The ml, I.-R. Nr. 92 (Liste Nr. 100).
* *
•
Auf dem südlichen Kriegsschauplatz ist der O.-A. d. Res.
Dr. Felix Seligmann gefallen. — In Wien ist am 15. d. M. der
praktische Arzt Dr. Rudolf Landesberg, ehemaliger Arzt der
Heilanstalt Allaud, schwerem, in Ausübung seiner Fahnenpflicht
erworbenem Leiden erlegen. — Ehre ihrem Andenken!
yf ' Drei/nss berichtet, daß man in Longwv viele Dum-Dum-Kugeln
; e ; r hni aber keine sichere Dum-Dum-Wirkung sah.
‘ r . Calvary verband nach der Schlacht bei Mons einen Engländer,
der eingestand, durch stundenlanges Reiben die Geschoßspitze freigelegfc
■’ ilr "’ su haben.
Rumpel ist der Ansicht, daß man an einer Wunde nicht mit
' : völliger Sicherheit feststellen könne, ob sie von einem Dum-Dum-Geschoß
i: iieirühre oder nicht. Er gibt Jen ekel recht, daß man bei der Jagd die
i- Diagnose leichter stellen kann. Nach seiner Jagderfahrung und nach dem
•_ . Crteil eines erfahrenen Jägers, der die im Barmbecker Krankenhaus
behandelten Fähe mitgesehen hat, hält er es für sehr wohl möglich, daß
es sieb bei ihnen um Dum-Dum-Wirkungen gehandelt hat. R. findet es
richtig, das hier zu betonen, weil sonst nach den Ausführungen der
Uebrzahl der Redner das Publikum schließen könnte, daß bei den Ham- i
hurger Verwundeten überhaupt keine Dum-Dum-Verletzungen vorge-
kommen seien und daß die Annahme von der Anwendung dieser Ge¬
schosse unwahr sei.
Sudeck: Heber Tetanus. Kleine Statistiken nützen bei der
Beurteilung des Tetanus nichts. Die Fälle sind zu verschieden. Es
gibt virulente and weniger viralente Erkrankungen. Die Bakterien
überschwemmen den Körper nicht. Das Hauptdepot bildet die
Wunde. Das Wirksamste beim Tetanus ist das Toxin. Der Trans¬
port des Giftes erfolgt auf dem Wege der Nervenstämme zu den
Vorderhömern des Rückenmarks. Das Toxin kann auch ins Blut
M/groommen werden und von dort erst in die Nervenstämme und
ins Zentralnervensystem gelangen. Die Verankerung des Giftes im
Zentralnervensystem ist außerordentlich stark. Man kann sie nicht
rückgängig machen. Aufgabe einer kausalen Therapie ist es, mög¬
lichst viel von den Bakterien und Toxinen aus dem Körper heraus-
fltsebaffen. Bei großen Zertrümmerungen der Extremitäten wird
®&n sich leichter zur Amputation entschließen. Sonst heißt es
möglichst viel aus der Wunde zu exzidieren. Das Tetanusserum 1
wd nicht nur intravenös usw. angewandt, sondern auch lokal.
1hfl kann aber nur das noch nicht verankerte Toxin bekämpfen.
& ist also wichtig, so früh und so energisch wie möglich zu
fitzen. Die Wirkung der kausalen Therapie ist nicht eklatant. 1
trotzdem muß man an die Wirkung des Antitoxins glauben. Bei B
Jifreß kann man tatsächlich mit Antitoxin den Ausbruch des
ptanus aufbaifen. Der Tod beim Tetanus erfolgt in der Regel
mh Erschöpfung des Herzens und Erstickung (Krampf des
T^erchfeils und der Thor&xmnskulatur). Für die symptomatische 11
herapie kommt daher in Betracht: Tracheotomie und Insufflation *
! 0D ^owstoff zur Ersetzung der Atmung, im übrigen Milderung ^
,5 ^Erregbarkeit. Die Magnesiumsalze wirken auf die Nerven
^ ®end, sind also ein gutes Gegenmittel. Da sie aber leicht Ver- ^
erzeugen, sind sie nicht ungefährlich. Immerhin erreicht st
®rt ihnen mehr als mit Narkotizis (Morphium u. a.). R. w
Das Militärkommando beabsichtigt im Einvernehmen mit dem
Militär-Sanitäts-Komitee, eine Anzahl von Aerzten der Militär¬
spitäler durch einige Wochen in bakteriologischen Unter¬
suchungen ausbilden zu lassen.
Das Ministerium des Innern hat an die politischen Landes¬
behörden folgenden Erlaß gerichtet: Es ist wiederholt vorgekommen,
daß die politischen Behörden beim Auftreten von Cholerafällen bei
Militärpersonen bzw. in Militäranstalten auf die Durchführung der
erforderlichen Schutz- und Tilgungsmaßnahmen entweder gar keinen
oder verspäteten Einfluß genommen haben. Nach gepflogenem Ein¬
vernehmen mit dem Kriegsministerium wird die Statthalterei
(Landesregierung) eingeladen, die Unterbehörden darauf aufmerksam
zu machen, daß auch bei allen Fällen von Infektionskrank¬
heiten, in welchen es sich um Militärpersonen oder um das Auf¬
treten in Milifärspitälern handelt, bei Einleitung der notwendigen
Erhebungen sowie bei Durchführung der gebotenen Epidemie-
l maßnahmen das Einvernehmen der politischen Behörden und ihrer
Fachorgane (Amtsärzte) mit den militärischen Sanitätsorganen
unerläßlich ist. Das Kriegsministerium, das bei dem vorliegenden
Anlaß ersucht wurde, entsprechende Weisungen an die in Betracht
kommenden Militärbehörden zu erteilen, bat die Militärkommanden
angewiesen, die unterstehenden Militärärzte auf die strengste
Einhaltung der Bestimmungen des Punktes 55 des Dienstbuches
Nr 25 (Vorschriften über die Verhütung und Bekämpfung der
Infektionskrankheiten im Heer) aufmerksam zu machen. Nach
diesen Bestimmungen haben sich die Militärärzte hinsichtlich der
Seuchenbekämpfung mit den Sanitätsorganen des Zivils ins Ein¬
vernehmen zu setzen, damit ein einheitliches Vorgehen bei der
Bekämpfung der Seuche gewährleistet uni jede Verschleppung
von Infektionen aus den Truppen in die Zivilbevölkerung und
umgekehrt vermieden werde.
(Militärärztliches.) Ernannt wurden zu Oberärzten d.
| Res. die Assistenzärzte d. Res. DDr.: A. Stark des Gebirgs-
artillerie-R. Nr. 13, J. Raisp des I.-R. Nr. 87, S. Spitzer
des F.-K.-R. Nr. 32, E. Klaschka des I.-R. Nr. 35, J. Michl
des I.-R. Nr. 75, 0. Lederer des F.-K.-R. Nr. 25, B. Dedek
des I.-R. Nr. 75, W. Kaiser des D.-R. Nr. 5 und H. Heins-
heimer des I.-R. Nr. 90.; zu Assistenzärzten d. R. die Assistenz¬
arzt-Stellvertreter DDr.: L. Ferkas des I.-R. Nr. 46, F. Stoiber
des I.-R. Nr. 24, J. Visintin des I.-R. Nr. 19, R. Haas des
Garn.-Sp. Nr. 15, E. Gr über des Festungsartillerie-R. Nr. 3 und
V. Proszowski des Garn.-Sp. Nr. 14; zu Oberärzten im Aktiv¬
stand die Assistenzarzt-Stellvertreter DDr.: F. Schmuttermeyer,
H. Pokorny, O. Steiner, J. Haiszer, E. Schiander, J. Ga¬
lambos, A. Herczey, R. Angst, W. Fabini, L. Horväth,
R. Klaubauf, F. Knobloch, A. Piller, S. Nyiri und L. Fi li¬
po vics der Militärärztlichen Applikationsschule; zu Oberärzten im
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UNiVERSITY OF IOWA
116
1915 - MEOTZTNIRCHE KLINIK — Nr. 4.
24. Januar.
Aktivstand der Landwehr die Assistenzarzt-Stellvertreter Doktoren :
K. Wieltschnig, J. Pall und P. Prikarrsky der Militärärzt¬
lichen Applikationsschule, E. Schubert und H. Steinberg des
L. -I.-R. Nr. 24. — Verliehen wurde die früher bekleidete Regiments-
arztes-Charge d. Res. den ehemaligen R.-Ae. DDr. G. Hay und
A. Hold; die früher bekleidete Oberarztes-Charge d. Res. den ehe¬
maligen O.-Ae. DDr. J. Galfi und G. Fürpass; die früher be¬
kleidete Regimentsarztes-Charge . a. D. dem ehemaligen II .-A.
Dr. 0. Päncztfl. — Ernannt wurden zu Landsturm-Regimenls-
ärzten die Landsturm-Oberärzte DDr.: 0. Adler, H. Barbay,
J. Buh, M. Casper, N. Chinati, E. Cmunt, K. Fiala, R. Fondi,
G. Hass), E. Herrmann, M. Jedlißka, O. Kafka, J. Klepl,
Ph. Lazarevi£, A. Maciay, E. Romanowsky, G. Röthel,
M. Rus, E. Rychlik, M. Schramek, B. Schweinburg, P. Selem,
J. Snajdr, A. Viänak, R. Vogel, V. Vranjican, A. Zeman,
J. Zeman; zu Landsturm-Oberärzten 131 Landsturm-Assistenz¬
ärzte. — ln Anerkennung tapferen und aufopferungsvollen Ver¬
haltens vor dem Feinde ist dem St.-A. Prof. Dr. K. Biehl des
Armee-Oberkmdo. der Orden der Eisernen Krone III. Kl. mit der
Kriegsdekoration, den 0.-St.-Ae. II. Kl. DDr.: Ph. Riwczes, Sani¬
tätschef der 43. L.-I.-Div., K. Radimesser, Sanitätschef der
45. L.-L-Div., den St.-Ae. DDr.: K. Steier, Kommandanten der
Div.-San.-A. Nr. 30, G. David des I.-R. Nr. 27, A. Raschkes,
Kommandanten der Div.-San.-A. Nr. 46 und A. Ir man des I.-R.
Nr. 60, den R.-Ae. DDr.: L. Herz und 0. Florea des I.-R. Nr. 51,
R. Srb des I.-R. Nr. 17 und J. Komarek des L.-I.-R. Nr. 23
das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens am Bande des Militär¬
verdienstkreuzes, den A.-Ae. d. Res. DDr.: J. Greif und A. Marx
des l.-R. Nr. 28, K. Kupec beim L.-I.-R. Nr. 30, dem A.-A. d. Ev.
Dr. J. Weiss beim I.-R. Nr. 18, dem R.-A. Dr. J. Golicz des
L.-I.-R. Nr. 32, R.-A. d. Res. Dr. S. v. Msciwujewski und O.-A.
d. Ev. Dr. M. Kulka des L.-I.-R. Nr. 32 das Goldene Verdienst¬
kreuz mit der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille, dem
Lst.-A.-A. Dr. H. Streit des Lst.-I.-R. Nr. 15 das Goldene Ver¬
dienstkreuz am Bande der Tapferkeitsmedaille verliehen und den
St.-Ae. DDr. F. Schmidl des I.-R. Nr. 11, E. Stengel des 3. Tiroler
K. -I.-R., den R.-Ae. DDr. M. Rieder des Feldhaubitz-R. Nr. 13,
F. Matejka beim 2. Armee-Etappenkmdo., J. Streng des F.-K.-R.
Nr. 8, O.-A. d. Res. Dr. J. Hyden des I.-R. Nr. 97, den A.-Ae.
d. Res. DDr.: A. Baron des l.-R. Nr. 30, A. Heiss und M. Gruss
des I.-R. Nr. 97, J. &irek des I.-R. Nr. 28 und H. Jenny der
Reitenden A.-Div. Nr. 9 die a. h. belobende Anerkennung ausge¬
sprochen worden. — In Anerkennung hervorragender Dienstleistung
vor dem Feinde ist dem O.-St.-A. II. Kl. Dr. E. Stehlik des
3. op. Armeekmdo. der Orden der Eisernen Krone III. Kl. mit der
Kriegsdekoration, den O.-St.-Ae. II. Kl. DDr.: F. Kroath beim
4. op. Armeekmdo., G. Weissenstein, Sanitätschef der 4.1.-Div.,
den St.-Ae. DDr.: E. Roediger, Kommandanten des Feld-Sp. |
Nr. 7/12, E. Andauer, Kommandanten des Feld-Sp. Nr. 3/4, den
R.-Ae. DDr.: E. Anynszt, Kommandanten des Feld-Sp. Nr. 2/12,
J. Christian des Feld-Sp. Nr. 2/12, den St.-Ae. DDr. W. Rudner,
Kommandanten des Reservespitals Nr. 2/11, J. Richter des
I.-R. Nr. 17 und dem R.-A. Dr. J. Moldovan des 2. Armee-
Etappenkmdo. das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens am Bande
des Militärverdienstkreuzes, den O.-Ae. d. Res. DDr.: M. Gold¬
zieher des I.-R. Nr. 82, T. Pöterfi des H.-R. Nr. 2 das Goldene
Verdienstkreuz mit der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille
und dem A.-A.-St. Dr. E. Sitta des Feld-Sp. Nr. 2/12 das Goldene
Verdienstkreuz am Bande der Tapferkeitsmedaille verliehen worden.
— Ernannt wurden der R.-A. d. Res. Dr. J. v. Kasparek zum
Stabsarzt d. Res.; auf Kriegsdauer zu Oberstabsärzten I. Kl. die
o. ö. Professoren DDr. H. v. Hab er er, Vorstand der chir. Klinik
Innsbruck, L. Merk, Vorstand der derm. Klinik Innsbruck, 0. Ku-
kula, Vorstand der tschechischen chir. Klinik Prag; zu Ober¬
stabsärzten II. Kl. die a. o. Professoren DDr.: A. Posselt der
Universität Innsbruck, A. Wittek, G. Possck und F. Trauner
der Universität Graz, P. Alb recht, G. v. Wunschheim, A. Pilcz,
L. Harmer, K. v. Steyskal, H. Neumann, H. Spitzy, G. Singer
und G. Alexander der Universität Wien, K. Walko und L. Knapp
der deutschen Universität Prag, S. Dobrowolski der Universität
Krakau und Dr. A. v. Hochstetter, Chefarzt des allgemeinen
Krankenhauses Wr.-Neustadt; zu Stabsärzten die Dozenten DDr.:
W. Schlesinger, S. Grosz, H. Lauber, K. Springer, A. Schiff,
L. v. Dittel, S. Jellinek, L. Freund, J. Salzer, W. Zweig,
0. Sachs und H. Lorenz der Universität Wien, 0. Bozsnick
der Universität Graz, J.Latkowski der Universität Krakau,
Dr. E. Endlicher und Dr. 0. Kautz in Wien. — Gen.-St.-A. Dr.
G. Knödt ist auf sein Ansuchen in den Ruhestand versetzt worden.
(Vorrückung der Militärärzte.) Die „Prag. med.
Wochschr.“ bringt nach „Bohemia“ folgende Mitteilung: Voraus¬
sichtlich werden im Februar d. J. auch im militärärztlichen Offi¬
zierskorps Beförderungen stattfinden. Wie verlautet, gelangen zur
Beförderung: zum Generalstabsarzt der Oberstabsarzt I. Kl. Doktor
Siegmund Dyn es (Rang 1. Mai 1909); zu Oberstabsärzten I. Kl.
die Oberstabsärzte II. Kl. bis zum Rang vom 1. Mai 1910, und
zwar bis einschließlich Oberstabsarzt I. Kl. Dr. Heinrich Rumpf;
zu Oberstabsärzten II. Kl. die Stabsärzte einschließlich des Ranges
vom 1. November 1909; zu Stabsärzten die Regimentsärzte des
Ranges vom 1. Mai 1900, dann des Ranges vom 1. November 1900
bis einschließlich Regimentsarzt Dr. Friedrich Koukal; zu Regi¬
mentsärzten die Oberärzte des Ranges vom 1. August 1913 bis
einschließlich Oberarzt Dr. Laurenz Nocar. Auch in der Reserve
wird voraussichtlich eine Vorrückung der Militärärzte erfolgen,
und zwar gelangen zur Beförderung zu Stabsärzten in der Reserve
die Regimentsärzte in der Reserve des Ranges vom 1. Mai 1900,
falls sie mindestens 10 Jahre aktiv gedient haben; ferner kommen
zur Beförderung in die nächsthöhere Charge an die Reihe: die
Oberärzte in der Reserve des Ranges vom 1. Februar 1911, die
Assistenzärzte in der Reserve des Ranges vom 1. Januar 1913,
dann alle beförderungfähigen Assistenzarzt-Stellvertreter, die den
gesetzlichen Präsenzdienst als Einjährig-Freiwillige oder als Ersatz¬
reservisten abgeleistet haben.
(Hochschulnachrichten.) Berlin. Priv.-Doz. Doktor
D. v. Hansemann und a. o. Prof. Dr. F. Krause zu o. Professoren
ernannt. — Budapest. Dem Privatdozenten für chirurgische Ana¬
tomie und Chirurgie der Bauchorgane Dr. E. Po ly a der Titel eines
a. o. Professors verliehen. — Greifswald. Der a. o. Prof. Dr.
0. Beumer zum o. Professor ernannt. — Prag. Dr. J. Lang an
der tschechischen Fakultät für Oto-Rhino-Pbaryngologie habili¬
tiert. — Wien. Doktor E. Urbantschitsch für Ohrenheilkunde,
Dr. E. Mayerhofer für Kinderheilkunde habilitiert.
(Kriegschirurgischer Tritschtratsch.) Die Tages¬
blätter brachten jüngst die Mitteilung eines Wiener — Historikers
und ehemaligen Reichsratsabgeordneten, der sich berufen fühlte,
den Chirurgen allzu häufige Vornahme von Amputationen zu
widerraten. Ein in einem Spital e beschäftigter Arzt hatte ihm er¬
zählt, er habe heute noch fünf Gliedabsetzungen wegen Erfrierungen
vorzunehmen. Wir kennen den Namen des kriegschirurgischen Bra¬
marbas nicht, dessen angebliche Aeußerung den besorgten Histo¬
riker zu seiner so autoritativen Warnung veranlaßt hat — be¬
kanntlich ist die Zahl der Amputationen in diesem Kriege sowohl
in Oesterreich-Ungarn wie in Deutschland eine gegenüber den
Kriegen des vorigen Jahrhunderts minimale —, verzeichnen aber
mit Befriedigung, daß das Präsidium der Wiener Aerztekammer
in den betreffenden Tageszeitungen eine offiziöse Erklärung ver¬
öffentlicht, welche die Mitteilung des besorgten Historikers als „über¬
flüssig“ bezeichnet, da die Indikationen für Gliedabsetzungen jedem
Studierenden der Medizin, geschweige donn jedem Arzte wohlbekannt
sind. Wir verzeichnen, wie gesagt, di eso Erklärung mitBefriedigung,
wenn wir auch einer schärferen Diktion derselben den Vorzug ge*
geben hätten. Denn die Mitteilung des besorgten Historikers war
nicht nur eine überflüssige und unberufene Einmengung, sie war
leider auch geeignet , das große Publikum zu alarmieren und zu
beunruhigen. Und das darf besonders dann nicht geschehen, wenn
— wie hier — hierzu auch nicht die Spur eines Anlasses vorliegt.
(Statistik.) Vom 10. bis inklusivo 16. Januar 1915 wurden in
den Zivilspitälorn Wiens 14.406 Personen behandelt. Hiervon wurden
2454 entlassen, 234 sind gestorben (B'7% des Abganges). In diesem Zeit¬
räume wurden aus der Zivilbevölkerung Wiens in- und außerhalb der
Spitäler bei der k. k. n.-ö Statthalteroi als erkrankt gemeldet: An
Blattern 141, Scharlach 91, Masern —, Röteln—, Varizellen—, Oip
theritis(>9, Keuchhusten —, Mumps—, Influenza—, Abdominaltvphus *
Dysenterie 4, Puerperalfieber —, Rotlauf —, Trachom —, Milzbrand
Wochcnbettficber —, Flecktyphus —, Cholera asiatica —, ypidemisene
nickstarrc —. In der Woche vom 3. bis 9. Januar 1915 sind in 1
832 Personen gestorben (-+• 13 gegen die Vorwoche).
Sitzungs-Kalendarium.
Montag, 25. Januar, 6 Uhr. Oesterr. otolog. Gesellschaft. Hörsanl r
bau tschitsch (IX., Alserstraßc 4). Demonstrationen. .
Donnerstag, 28. Januar, 7 Uhr. Gesellschaft für innere Iw®“
Kinderheilkunde. Ilörsaal Chvostek (IX., Alserstraße y* * ^
monstrationen (Anzahl beschränkt). 2. Diskussion über tu {
Therapie der Dysenterie. Einleitende Bemerkungen vo ^
A. v. Müller. (Zur Diskussion gern.: Prof. Singer, Doz.
singer, Prof. H. Schlesinger.) _ /TV
Freitag, 29. Januar, 7 Uhr. K. k. Gesellschaft der Aerzle. (IX> __
Herausgeber, Eigentümer und Verleger: Urban 4 Schwarzenberg, Wien nnd Berlin. — Verantwortlicher Red ak teur für Österreich-Ungarn: Karl Urbaa, Wi«n-
Druck ron Göttlich Oistel ACie., Wien, IH., Münzgaaee «.
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UNiVERSUY OF IOWA
XI. Jahrgang.
Wien, 31. Januar 1915.
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Medizinische Klinik
Wochenschrift für praktische Ärzte
redigiert von
Pr&fmmw Br. Kurt Brandenbw*
Berlin
Verlag von
Urban & Schwargeuherf
Im Irl,»; Prof. Dr. Ed. Stadler, Erfahrungen eines Truppenarztes. Prof. Dr.
ir^r R.^UoXpidisches in der Verwundetenbehandlung. Stabsarzt d. R. Dr. Petermann und OberarztDr.Hancken UeberExtreraitäten-
'r 1, l^rrBerteksichti^ng der Infektion. Geh. Med.-Rat Prof. Dr. C. A. Ewald, Fleischlose Tage. - Abhandlungen-. Dr. Albert
rertaiojw _ Berichte Bber Krankheitsfälle und BehandlungSTerfahren: Dr. E. Breiger, Die körperlichen Fnthsymptome derDe-
Serhf. Irter Hamatune. Berichte prof Dr h Langstein und Dr. W. Usener, Aus dem Gebiete der Pädiatrie. Die Erkrankungen
""" pn,CCl>1 ' den neuesten Zeitschriften. Wissenschaftliche Verhandlungen. - Berufs- und Standesfragen: K. k. Gesellschaft der
^'“XJÖtsellsLt für innere Medizin und Kinderheilkunde in Wien. Kriegschirurgischer Abend im Garnisonssp.tal Nr. 16 in Budapest,
“ VlAfnA Hitteilonflreii.
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, der 1:
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SradSar Br.**** f»—” 1 -
Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege.
hi'-
m Erfahrungen eines Trappenarztes
70,1
, r,. M Dr. M Stadler, Stabsarzt und Bataillonsarzt im Felde.
' Wenn man von kriegsärztlichen Erfahrungen redet, so
!r: denkt jeder zunächst an Erfahrungen bei Verletzungen durch
J ! Hieb- oder Schußwaffen und bei gewissen epidemischen Krank¬
heiten, den sogenannten Kriegsseucben. Sie bieten ja zweifel-
:: los das größte Interesse, da sie nur zu Kriegszeiten in
Misse beobachtet werden. Bei den ersteren steht die Frage
der Behandlung, bei den andern die Frage ihrer Verhütung
m Vordergründe. lieber beides ist eine ausgiebige Literatur
vorhanden, die sich zu Kriegszeiten schnell zu vermehren
pflegt. Neben diesen zwei inneren Feinden des Heeres, die
es zumeist in Massen dahinrafft, gibt es einen langsam aber
beständig arbeitenden Blutsauger an der Kraft der Truppe,
das ist die Zahl der inneren und äußeren Krankheiten aller
Art, wie sie auch sonst im täglichen Leben auftreten und
den besonderen dienstlichen Anforderungen entspringen. Sie
spielen eine größere Rolle nur bei der Infanterie, während
die berittenen Truppen weit weniger unter ihnen zu leiden
haben. Ihre Beobachtung und Behandlung ist das besondere
Arbeitsfeld des Truppenarztes. Neben den hygienischen
Mafinabmen bei der Unterbringung und Verpflegung der
Trappe ist die Beurteilung und Behandlung leichter Erkran¬
kungen seine wichtigste Aufgabe. Ihre gewissenhafte Durch-
fShrung ist für die Leistungsfähigkeit der Truppe von nicht
in unterschätzender Bedeutung.
Ohne Kenntnis der Verhältnisse, wie sie der Krieg mit
ach bringt, könnte man die rein ärztliche Tätigkeit des
Trappenarztes für leicht und einfach halten. Ein Vergleich
mit den Erfahrungen im Friedensmanöver ist nicht stich¬
haltig. Die Transport- und Verpflegungsverhältnisse sind
flort weit einfacher und meist günstiger; die Zahl der wegen
Krankheit abzuschiebenden Mannschaften mehr oder weniger
gleichgültig. Im Kriege liegen die Dinge anders: vor dem
feind ist jedes Gewehr wichtig. Jede Ueberweisung in
Uzarettbehandluog belastet zunächst das Transportwesen
und weiterhin die Lazarette selbst. Es heißt also, Leicht¬
kranke nach Möglichkeit bei der Truppe behandeln, ohne
deren BeweguDgsfähigkeit und Gefechtskraft zu stören. Das
freitet oft nicht geringe Schwierigkeiten, zumal als oberste
lordenwg den Arzt stets dasNil nocere gegenüber seinen Kran¬
ken leiten soll. Die schleunigste und völlige Wiederher¬
stellung des Kranken ist die wichtigste Aufgabe. Wie läßt
sich eine rationelle Behandlung aber mit den hygienischen
Verhältnissen bei der marschierenden und fechtenden Truppe
vereinbaren?
Aus diesem Dilemma einen Ausweg zu finden, bedarf
es der Erfahrung. Jeder Truppenarzt hat sie gemacht, und
manche Aenderung in seinem Verhalten Leichtkranken
gegenüber wird im Laufe der Kriegszeit die Folge gewesen
sein. Aber nicht nur in die ungewohnten Kriegsverhältnisse
hieß es sich einzuleben, mancher Arzt machte Bekanntschaft
mit ihm nicht geläufigen Krankheiten: der Chirurg mit
inneren Krankheiten, der innere Mediziner mit Wunden, der
Spezialarzt kleinerer Gebiete mit den Leiden des ganzen
Körpers. Man sieht, der Truppenarzt hat es nicht leicht,
wenn er seinen Pflichten als Arzt und als Sanitätsoffizier
voll genügen will. Dabei ist er den allgemeinen Strapazen
des Feldzugs kaum weniger ausgesetzt als die fechtende
Truppe selbst, namentlich auf Märschen und im Bewegungs¬
kriege teilt er voll alle ihre Leiden und Freuden.
Je nach Gegend, Klima und dienstlichen Anforderungen
überwiegen bald diese, bald j*ne Erkrankungsformen. Große
Märsche, Hitze, Kälte und Nässe, Wasser- und Nahrungs¬
verhältnisse des Landes prägen sich in dem Kranken-
bestande der Truppe deutlich aus. Die Truppenärzte des
.. Armeekorps, die in Belgien, Ostpreußen und Polen unter
den wechselndsten Umständen tätig waren, hatten wohl am
besten Gelegenheit, das zu beobachten.
In Anbetracht der starken Marschleistungen spielten
die sogenannten Marschkrankheiten bei den Fußtruppen
dieses Armeekorps die Hauptrolle. Wundgelaufene Füße,
oberflächliche Zellgewebsentzündungen, Entzündungen der
Sehnenscheiden und Schleimbeutel der Füße, Knochenhaut¬
entzündung an den Schienbeinen, Verstauchungen des Sprung¬
gelenks gehörten zum täglichen Brot beim Revierdienste.
Sie machten sich naturgemäß vor allem während der ersten
Marschtage bei den Reservemannschaften geltend und
kehrten im Bilde des Krankenhestandes stets wieder bei
Einstellung von Ersatzmannschaften, die an große Märsche
nicht gewohnt waren. Die aktive Truppe stellte nur ganz
vereinzelt Fußkranke, und diese waren meist während ihrer
Dienstzeit bereits fußkrank gewesen. Besonders gern traten
Verschlimmerungen einer früheren „Fußgeschwulst“ auf, den
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UMIVERSITY OF IOWA
122
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 5.
31. Januar.
bekannten kallösen Veränderungen an den Mittelfußknochen
nach Knochenbruch. Eine frische Fußgeschwulst als Folge
eines Mittelfußknochenbruchs ist mir während des Feldzugs
bisher nicht zu Gesicht gekommen. Verhältnismäßig selten
waren chronische Plattfußbeschwerden, ein gutes Zeichen J
für die Rekrutierung einer Fußtruppe.
Der Truppenarzt allein weiß von der Wichtigkeit einer
guten Fußpflege ein Lied zu singen. Im allgemeinen ist
es Brauch, daß nach dem Einrücken in die Quartiere der
Sanitätsunteroffizier jeder Kompagnie einen „Fußappell“ ab¬
hält und kleine Schäden, wie oberflächliche Hautabschür¬
fungen, Blasenbildung und dergleichen selbst behandelt,
schwerere Veränderungen aber dem Arzte zeigt. Ein fleißi¬
ger, gewissenhafter und energischer Sanitätsunteroffizier
kann durch richtige Beurteilung und sachgemäße Behand¬
lung kleiner Schäden für die Leistungsfähigkeit seiner Kom¬
pagnie im Marschieren viel tun. Es ist ferner Sache der
Vorgesetzten, namentlich der Korporalschaftsführer, ihre
Mannschaft immer und immer wieder zur ausgiebigen Fu߬
pflege durch möglichst häufige Fußbäder und -Waschungen
anzuhalten. Das ist leichter gesagt wie getan. Kommen
die Leute spät abends erschöpft ins Quartier oder ins Biwak,
so ist die Ruhebedtirftigkeit gewöhnlich so groß, daß nach
Empfang der Mahlzeit sofort sich alles schlafen legt. In der
Nähe des Feindes, bei Gefechtsbereitschaft im Alarmquartier
und im Wachtdienste bleibt der Mann in seinen Kleidern.
Ungünstige Verhältnisse können dazu führen, daß manche
Leute 10 bis 14 Tage lang nicht die Stiefel von den Füßen
ziehen, weil sie keine Zeit und Gelegenheit dazu finden.
Es war ganz auffallend, wieviel geringer die Zahl der
Fußkranken sich stellte, wenn die Truppe mittags oder nach¬
mittags vor dem Dunkelwerden ins Quartier kam und Ge¬
legenheit zur Fußpflege hatte. Oft ist auch nur bei Tages¬
licht die Besorgung von Waschwasser möglich. Die Wasser¬
verhältnisse im Süden von Polen waren allerdings mehrfach
so schlecht, daß brauchbares Wasser am Unterkunftsorte
selbst überhaupt nicht vorhanden war. Das Trinkwasser
für die Pferde mußte manchmal halbstundenweit aus Nach¬
bardörfern geholt werden. Was helfen unter solchen Um¬
ständen strenge Befehle zur Reinigung des Körpers, speziell
zur regelmäßigen Fußwaschung? Man konnte in der Tat
Niemandem zumuten, sich in dem Schmutz- und Schlamm¬
wasser der polnischen Brunnen zwecks „Reinigung“ zu baden.
Eine gleichmäßige Braungelbfärbung der Haut, vereint mit
einem unbeschreiblichen Moderduft, war der Erfolg solchen
Beginnens. Da ließ man das Waschen oft schon lieber ganz
sein und beschränkte die Körperreinigung aufs Putzen der
Brillengläser. Zum Anlegen artesischer Brunnen fehlte es
meist an Zeit.
Die Wasserfrage spielte naturgemäß auch in anderer
Beziehung eine gewichtige Rolle. Die Schlammbrunnen
waren als Trinkwasser schlechterdings unbenutzbar. Große
Filter zur Klärung der braunen Brühe standen nicht zur
Verfügung. Zur Bereitung von Suppen und Getränken
mußten die Feldküchen oft weite Fahrten über Land unter¬
nehmen, bis sie eine einigermaßen brauchbare Flüssigkeit
in genügender Menge fanden. Im deutschen Vaterlande
hätte sich jeder gesträubt, solches Schmutzwasser selbst im
abgekochten Zustande zu genießen. Der eingeborene Pole
trank es kaltlächelnd, wie es war, — und lühlte sich sehr
wohl dabei. Er war durch den Genuß dieses mit organi¬
schen Bestandteilen aller Art durchsetzten Getränks von
Jugend auf immun geworden gegen seine giftigen Wirkungen.
Denn alle Beobachtungen sprachen dafür, daß der Genuß
des Brunnenwassers in Polen, vielleicht auch des abge¬
kochten, nicht ganz unschädlich war. Bereits während der
Märsche in Ostpreußen, wo vielfach das Brunnenwasser eben¬
falls stark verschmutzt und als Trinkwasser ungenießbar
war, traten bei der Truppe Durchfälle auf, die ihrem
Charakter nach auf Störung der Dickdarmfunktion zurück¬
geführt werden mußten. Die Leute hatten häufige flüssige
Entleerungen mit mäßiger Schleimbeimengung, mehrfach
auch mit kleinen Mengen hellroten Bluts in Streifen oder
zusammenhängenden Schleimfetzen; manche klagten über
Tenesmus, fast alle zeigten eine mehr oder weniger deut¬
liche, umschriebene Auftreibung des Dickdarms, oft so stark,
daß sich die Dickdarmschlingen unter den Bauchdecken sichb
bar abhoben. Schmerzen wurden verschieden lebhaft ge¬
klagt, meist von kolikartiger Natur. Im allgemeinen war
das Allgemeinbefinden nur wenig gestört, der Appetit gut.
Nur anfangs machte sich wohl leichtes Frostgefühl und
Abgeschlagensein bemerkbar. Auf den ersten Blick hätte
man manche Fälle unmittelbar als „Dysenterie“ ansprechen
können. Eine bakteriologische Untersuchung der Stuhlgänge
fand bei meinem Truppenteil nicht statt. Gegen die An¬
wesenheit der bekannten Erreger der „Ruhr“ sprach aber
von vornhein der schnelle und günstige Ablauf der Erkran¬
kung in weitaus der Mehrzahl der Fälle. Beim rechtzeitigen
Einsetzen der ärztlichen Behandlung verschwanden die Er¬
scheinungen gewöhnlich innerhalb weniger Tage und auch
„verschleppte“ Fälle, die drei bis vier Wochen lang dnrch-
fälligen Stuhl hatten und dadurch in ihrem Kräftezustande
zu leiden anfingen, besserten sich dann vielfach schnell.
Eine wesentliche Einbuße an Gefechtskraft hat die Truppe
durch diese Darmkatarrhe nicht erfahren.
Ich wies schon vorhin auf die miserablen Wasserver¬
hältnisse in Polen als vermutliche Ursache dieser Dickdarm¬
katarrhe hin, ohne daß ich damit eine sichere Behauptung
aussprechen könnte. Aber die übrige Ernährung der Truppe
war dieselbe geblieben wie in den Wochen vorher. Rohes
Obst hatte es in Belgien und Ostpreußen schon genügend
gegeben und war meist ohne großen Schaden vertragen
worden. Die kühlere und feuchtere Witterung während des
polnischen Feldzugs mag als auslösender und unterhaltender
Faktor für den Darmkatarrh in Rechnung gestellt werden,
als Entstehungsursache kommt sie nicht in Frage. Daß es
sich um einen infektiösen Prozeß handelte, bedarf kaum der
Diskussion, und daß ein allgemein verwendetes Nahrungs¬
mittel die Ursache sein mußte, dafür sprach die Ausbreitung
des Katarrhs bei fast der gesamten Truppe, Offiziere wie
Mannschaften. Es ist kaum einer verschont geblieben.
Daß bei dem einen die Erscheinungen gleich anfangs, bei
dem andern erst nach Verlauf mehrerer Wochen eintraten,
spricht nioht gegen die gemeinsame Ursache. Die Gift¬
wirkung war augenscheinlich gering und es bedurfte wohl
eines weiteren zufälligen Faktors, um die krankhaften Er¬
scheinungen zum Ausbruche kommen zu lassen. So mehrte
sich die Zahl der Krankheitsfälle wesentlich während der
feuchten und kalten Tage, die das Regiment an der Weichsel
in Schützengräben und Erdlöchern verbrachte.
Die Behandlung der Magendarmkrankheiten ist in
erster Linie Sache der Diätetik. Bei richtig gewählter
Diät sind Arzneimittel überflüssig. Was war mit diesem
Friedensgrundsatz im Feld anzufangen, wo alles auf eine
„kräftige“ Kost angewiesen ist, die sich gewöhnlich aus einer
Fleischbrühe mit Zutat von Kraut, Kartoffeln, Reis, Graupen
oder einer Gemüsekonserve, ferner frischgebackenem Schwarz¬
brot, Speck, Schmalz oder Käse zus&mmensetzU — Alles in
allem eine Calorienreihe, aus stark fetthaltiger Kost, deren
Zubereitung in manchen Feldküchen auch den verwöhntesten
Gaumen befriedigen konnte. Dazu wurde ein dünner Kaffee¬
oder Teeaufguß, selten Kakao verabreicht. — Die völlige
Unzweckmäßigkeit dieser Kost zur Behandlung eines Dick*
darmkatarrhs leuchtet ein. Auf der andern Seite konnte
man die Darmkranken, die den schweren Kriegsdienst ohne
Unterbrechung weiter taten, nicht hungern lassen. Ein bis
zwei Tage lang absolute Diät zu verordnen, wäre ja für
den Arzt leicht gewesen, nur hätte er kaum einen folg¬
samen Patienten gefunden. Da fand sich nun ein Ausweg
aus den Schwierigkeiten, der zwar nicht ganz gesetzlich
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UNIVERSUM OF IOWA
3L J&naar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 5.
123
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war aber den die Verhältnisse ausnahmsweise ge¬
statteten.
Die eiserne Portion jedes Soldaten setzt sich aus einer
Büchse Konsermfletech und einem Beutelchen voll Eier-
iwieback zusammen. Dieser Eierzwieback stellt eine kohle-
hydrat- und eiweißreiche, aber fettarme, also leicht verdau¬
liche Nahrung dar, die von der Mannschaft gern genommen
wird. Da in der fraglichen Zeit solche Zwiebackportionen
im Ueberflusse vorhanden und leicht aus den Kolonnen zu
ersetzen waren, ließ ich sie auf ärztliche Verordnung hin
als Krankenkost abgeben. Dazu wurde von den Sanitäts-
uoteroffizieren Jeder Kompagnie Tee gebraut. Mit dieser
Krankenkost waren die Leute meist zufrieden und erfuhren
in der Regel nach ein bis zwei Tagen eine völlige Wieder¬
herstellung. Das Verfahren bewährte Bich, solange die
Krankenzahl gering war. Mit ihrer Steigerung ließ es sich
aber nicht durchführen aus Mangel an verfügbarem Zwieback.
Es blieb nur eine Aenderung der gesamten Mannschaftskost
übrig, die in der Weise bewerkstelligt wurde, daß statt Kaffee
nnr Tee oder Kakao, ferner morgens oder abends eine dicke,
sehr wohlschmeckende Mehlsuppe bereitet wurde und die
Mittagskost durch möglichst ausgiebige Entfettung des
Suppenfleisches für Magen und Darm leichter verträglich
gemacht wurde. Das so gewonnene Schmalz war für die
gesunden Leute ein höchst willkommener Ersatz für Butter.
Zwar mußten die Kranken alsdann auf Brot verzichten, aber
dafür boten die dicken Mehlsuppen vorübergehend einen ge¬
nügenden Ersatz.
Die Erfahrung lehrte, daß man auch bei der Truppe
unter den schwierigen Verhältnissen eines Feldzugs im frem¬
den Lande mit gutem Willen eine diätetische Behandlung
von Magen-Darmkranken durchführen kann. Allerdings trifft
das nur für akute, leichtere Fälle zu. Denn für verschleppte
Katarrhe mit starker Reduktion des allgemeinen Kräfte-
lust&ndes und für einzelne von vornherein sich als schwerere
Form charakterisierende Erkrankungen genügte die Kost doch
nicht, um eine Heilung zu erreichen. Es kommen eben
dauernd infolge mangelhafter Unterkunft, fehlender Ruhe
und kalter und feuchter Witterung allerhand Faktoren zu-
ttmmen, welche an sich bereits vom weniger widerstands¬
fähigen Körper nicht auf die Dauer ertragen werden. Nach
Möglichkeit wurde versucht, auch sie auszuschalten durch
Tragen warmer Unterkleidung, Leibbinden und durch Unter¬
bringung der Kranken im Quartier in heizbaren Räumen.
Mit welchen Schwierigkeiten man besonders bei der Unter¬
bringung zu kämpfen hat, kann nur der beurteilen, der den
Feldzug im Süden von Russisch-Polen mitgemacht hat. Mehr¬
mals habe ich für die Kranken als wärmsten Raum einen
mit Tieren stark belegten Pferdestall beansprucht — ein
nicht gerade hygienisches aber wenigstens warmes Nacht¬
quartier nach dem einzig richtigen Grundsätze: „Lieber
«Blickt als erfroren“. An alles gewöhnt man sich in diesen
Behausungen halbwilder Völker, an Gerüche, Schmutz und
Unn schreiender Kinder und keifender oder heulender
Weiber, nnr niemals an die Kälte.
Gegenüber den diätetischen Maßnahmen spielte die Be¬
handlung der Darmkatarrhe mit Arzeimitteln eine neben-
sächliche Rolle. Eine Dosis Kalomel oder Ricinusöl zu Be-
pöß gegeben, genügte gewöhnlich zur Beseitigung der Krank-
aeitserscheinungen. Bei länger bestehender Neigung zum
Durchfalle waren Tannalbin oder Bismut. subgallic. von
günstiger Wirkung. Weniger schien mir Opium — natttr-
uch nur im späteren Verlaufe gegeben — den Durchfall zu
beseitigen. Ich möchte aber auf die Beurteilung der arz¬
neilichen Behandlung nicht zu viel Wert legen, da die
Krankenbeobachtung, namentlich das Einhalten der vorge¬
gebenen Diät, nicht immer einwandfrei zu kontrollieren
^mehrtägigem Aufenthalte der Truppen am selben
v*. — beim... Armeekorps bisher freilich ein seltenes Er-
e W — wurden die Kranken möglichst in einem Kaum,
einer Ortskrankenstube, untergebracht und hier der Aufsicht
eines Sanitätsunteroffiziers unterstellt. Die Einrichtung einer
Ortskrankenstube hat sich mir zu Zeiten größeren Kranken¬
bestandes durchaus bewährt, ja als das einzige Mittel zur
Durchführung einer rationellen Leichtkrankenbehandlung bei
der Truppe erwiesen.
Im Vergleiche zu den akuten Darmerkrankungen traten
alle übrigen Erkrankungen der inneren Organe weit in den
Hintergrund. Die kalten und gleichzeitig nassen Wochen,
die wir im südlichen Polen auf anstrengenden Märschen, in
Schützengräben und Unterständen ander Weichsel bei höchst
mangelhafter Unterkunft verlebten, schienen ja für das Auf¬
treten der sogenannten Erkältungskrankheiten wie ge¬
schaffen. Aber nichts erfolgte. Die Zahl der Fälle von
Luftröhrenkatarrh, Schnupfen, Mandelentzündung und rheu¬
matischen Erkrankungen stieg kaum an. Eine Pneumonie
habe ich bei meinem Truppenteil überhaupt nicht beobachtet.
Die Ursache für das Gesundbleiben der Atmungsorgane ist
wohl in der Bakterienarmut der Luft zu suchen. Das süd¬
liche Polen ist sehr dünn bevölkert, Staub fehlt — die Land¬
straßen sind dort fast ausnahmslos fußtiefe Sandwege —,
weit und breit sieht man bebaute Felder mit Waldstücken
dazwischen. Der dauernde Aufenthalt in staubfreier Luft
ist bekanntlich die beste Prophylaxe für alle Erkältungs¬
zustände —, und für reichliche Bewegung im Freien wurde
bei uns genügend gesorgt. Die Marschleistungen des ... .
Armeekorps werden in der Kriegsgeschichte noch einmal eine
Rolle spielen. Nässe und Kälte allein bedingen eben nicht
oder nur bei besonderer Prädisposition Einzelner stärkere
katarrhalische Veränderungen der Luftwege. Auf hoher See,
in einsamer Berggegend, im Gletschergebiete gibt es keine
„Erkältung“. Es fehlt eben an Bakterien, den eigentlichen
Erregern des krankhaften Zustandes, wie sie sich auf stau¬
biger Landstraße, in bevölkerten Städten und eng bewohnten
Behausungen in Massen finden.
Und der Mangel an Katarrhen der Schleimhäute der
oberen Luftwege war Vorbedingung für das seltene Auftreten
rheumatischer Erkrankungen. Gewiß machten sich bei
älteren Mannschaften Rezidive eines früheren chronischen
Rheumatismus hin und wieder geltend, wie er bei diesen
Leuten fast regelmäßig bei Kälte und Feuchtigkeit sich ein¬
zustellen pflegt. Der akute Gelenkrheumatismus aber ge¬
hörte zu den großen Seltenheiten, ebenso der typische
Muskelrheumatismus und Störungen im Nervengebiete, die
man gern als „rheumatischer“ Natur anspricht, wie Fälle von
Ischias. Ich glaube nicht zu viel zu sagen, wenn ich gerade
die starken Marschleistungen als bestes Mittel gegen das
Auftreten dieser Art von Krankheiten bezeichne, namentlich
bei einer Mannschaft, die ans Marschieren gewöhnt ist.
Die Gewöhnung an die besonderen Anforderungen des
Kriegsdienstes, besonders ans Marschieren, an das Leben
in Wind und Wetter und an die Kost fand bei den Mann¬
schaften des Beurlaubtenstandes meist sehr schnell statt,
trotzdem zu Beginn des Feldzugs bei beträchtlicher Hitze
starke Märsche zu machen waren. Bedrohliche Fälle von
Hitzschlag kamen nur ganz vereinzelt vor, sämtlich mit gün¬
stigem Verlaufe, Zustände von Herzschwäche oder allge¬
meinem Zusammenbruche der Körperkräfte sah ich bei meinem
Bataillon überhaupt nicht, obgleich unter den Reservisten
manche mangelhaft ernährte und wirtschaftlich schlecht
stehende Arbeiter, wie Glasbläser, Weber u. s. w., waren.
Rezidive früherer chronischer Krankheiten, in erster Linie
der Lungentuberkulose, weiterhin chronischer Magenleiden,
wie Ulcus, von Unterleibs- und Bauchwandbrüchen in alten
Narben, Krampfaderbeschwerden, chronischem Rheumatismus,
führten in einer Anzahl von Fällen zur Ueberweisung in
Lazarettbehandlung. Das größte Kontingent zu diesen Kran¬
ken stellten wohl die Kriegsfreiwilligen, bei denen die Be¬
geisterung für die Sache des Vaterlandes manchmal die eigenen
Körperkräfte überschätzen ließ. Das soll kein Tadel sein.
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124
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. \
31. Januar.
Denn weitaus die Mehrzahl gewöhnte sich durch die stän¬
dige Uebung bald an die Ertragung der Kriegsstrapazen und
wetteiferte mit den alten Mannschaften um den Ruhm, das
beste zu leisten. Im ganzen genommen war der Verlust
der Truppe durch die ebengenannten Krankheitszustände
gering, ein gutes Zeichen für die richtige Aussiebung der
Ersatzmannscbaften in der Heimat während der Zeit ihrer
militärischen Ausbildung.
Die Tätigkeit des Truppenarztes wäre leicht und be¬
friedigend, wenn es sich bei allen Mannschaften, die sich
krank melden, um objektiv nachweisbare Krankheitserschei¬
nungen handelte. Das ist aber keineswegs der Fall. Der
Kassenarzt kennt aus seiner Praxis zur Genüge daß große
Heer Leichtkranker, die wegen unkontrollierbarer Schmerzen
für einige Zeit auf Kassenkosten privatisieren wollen. Bei
der Truppe ist das nicht viel anders. Täglich, namentlich
nach oder vor großen Märschen, auch wohl — wenn auch
weniger — bei bevorstehenden Gefechten, melden sich mehr
oder weniger Leute mit allerhand Beschwerden, Ziehen und
Stechen in Brust und Rücken, Schmerzen in Beinen und
Füßen, für die eine Grundlage sich nicht ermitteln läßt.
Zweifellos spielen ja recht oft Empfindungen in der Musku¬
latur — besonders nach angestrengten Märschen — eine
Rolle; auch das Tragen des durchschnittlich 30 bis 40 Pfund
schweren Tornisters mag oft genug unangenehm empfunden
werden. Aber bei manch einem tapferen Vaterlandsvertei¬
diger mag auch der Wunsch, für einen Marschtag von
seinem Tornister befreit oder gar selbst auf einen Wagen
gesetzt zu werden, die Veranlassung zur Krankmeldung sein.
Das ist in Anbetracht der fortgesetzten großen Anstrengungen
psychologisch wohl zu verstehen. Und als Arzt ist man ja
aus Gewohnheit gar zu leicht geneigt, den Klagen seiner
Mitmenschen zunächst mehr Glauben zu schenken als den
Tatsachen entspricht. Nichts ist schwerer zu beurteilen als
Simulation und Cumulation anatomisch undefinierbarer
Schmerzen. Es gehört dazu außer der Sicherheit in der
physikalischen Diagnostik eine große ärztliche Erfahrung
und Menschenkenntnis. Es ist nicht immer leicht, die
„faulen Köpfe“ von den wirklich Kranken zu sondern. Und
es ist die selbstverständliche Pflicht jedes Arztes, nach
bestem Wissen durch gründliche Untersuchung nach einer
Unterlage für die Klagen eines jeden sich krank meldenden
Soldaten zu fahnden. Nur so sichert man sich vor unlieb¬
samen Ueberraschungen, und nur so gewinnt man das Ver¬
trauen seiner Truppe. Je mehr man das letztere besitzt, um
so geringer wird die Zahl der Simulanten sein. Ebensowenig
wie unberechtigte Härte ist natürlich übergroße Weitherzig- I
keit am Platze. Sorge für die Kranken ohne unnötige Schä¬
digung der Gefechtskraft der Truppe ist unsere Aufgabe.
Es ist Sache des Temperaments und der gesamten
Auffassung von der Stellung zu seinen Mitmenschen, wie
sich der Arzt gegenüber Simulanten oder Simulationsverdäch¬
tigen verhält. Ich habe persönlich die Erfahrung gemacht,
daß man mit Ruhe und ganz bestimmten Weißungen am
weitesten kommt. Mit dem von jüngeren Herren oft be¬
liebten Unteroffizierston erreicht man wenig oder gar nichts
oder das Gegenteil des gewünschten. Auch dem kranken
Soldaten gegenüber sind wir Sanitätsoffiziere in erster Linie
Aerzte und sollen uns zu ihm verhalten wie zu jedem leiden¬
den Menschen, dem wir Hilfe bringen wollen. Es liegt
durchaus nicht im Wesen der ärztlichen Tätigkeit, dem
Kranken gegenüber den militärischen Vorgesetzten zu spielen.
Ein richtiges Verhalten des Soldaten ergibt sich von selbst,
wenn er zu seinem Arzt Vertrauen hat. Der Simulant
weicht sofort der intellektuellen Ueberlegenheit, aber niemals
einem unbegründeten militärischen Befehlstone des Sanitäts¬
offiziers.
Je größer seine allgemeine praktische Erfahrung in der
ärztlichen Tätigkeit überhaupt ist, um so leichter wird dem
Truppenarzt die Ausübung seines ärztlichen Dienstes sein.
Einer besonderen „militärärztlichen“ Ausbildung bedarf es
dazu nicht. Das Verhalten beim Gefecht, auf das ich hier
nicht weiter eingehen möchte, regelt sich nach den Vor¬
schriften der Kriegssanitätsordnung und nach weiteren be¬
sonderen Anordnungen. Es ist deshalb von unserer Heeres¬
verwaltung sehr richtig gehandelt, daß sie als Truppenärzte
in erster Linie die Praktiker aus dem Beurlaubtenstand ein¬
gestellt hat. Sie sind durch ihre ärztliche Erfahrung am
besten zur Ausfüllung dieses nicht immer ganz leichten,
jedenfalls aber entbehrungsreichsten Amtes geeignet.
Orthopädisches in der Yerwnndeten-
behandlnng 1 )
von
Dr. Alexander Kitschi,
a. o. Professor der orthopädischen Chirurgie an der Universität Freibarg i. B.,
zurzeit ordinierendem Arzt der chirurgischen Abteilang des König!. Garnison-
lazaretts, Stabsarzt der Reserve a. D.
Aus seinem Etappenlazarett I Zweibrücken schreibt Dr. Klar
(München 3 ) nach seiner dortigen ersten sechs wöchentlichen Tätig¬
keit: „In die Kriegs- und Etappenlazarette ganz vornhin gehören
tüchtige Orthopäden! Nur so können viele Extremitäten gerettet
werden, die sonst der Amputation verfallen und viele Leben dazu.“
Und unser bekannter orthopädischer Kollege Lange in München 3 )
schreibt: „Sehr wichtig wird auch die orthopädische Nachbehand¬
lung. Wenn die Sanitätsbehörde auf meinen Vorschlag eingeht
und alle Gelenkschüsse nach München zur Nachbehandlung in die
orthopädische Klinik überweist, so werden wir bei vielen Gelenken
eine Beweglichkeit erzielen können, die sonst sicher versteifen.“
ln diesen beiden Aeußerungen erfahrener Aerzte haben Sie,
m. H., in Kürze das, was seitens der modernen Orthopädie in be¬
sonderer Weise für unsere verwundeten Krieger geleistet werden
kann. Zunächst die bis ins Künstlerische verfeinerte Verbands¬
technik, die es gestattet, Glieder zu erhalten, die ehedem notwen¬
digerweise geopfert werden mußten, ferner die Maßnahmen zur
möglichsten Wiederherstellung der Tätigkeit der Bewegungsorgane.
Und doch ist hierin nicht erschöpft, was auf orthopädischem Ge¬
biete für unsere Verwundeten geschehen kann, ja das Wichtigste
ist hierbei nicht einmal berührt.
In Langes Artikel tritt der Ausdruck „Nachbehandlung“
auf. Dieses Wort bringt Gefahren mit sich und hat schon viel
Unheil angerichtet. Es erweckt bei dem den Dingen Ferner¬
stehenden den Eindruck, als wenn es sich bei der Behandlung von
Verletzungen um zwei gesonderte Behandlungs&bschnitte handelte,
die womöglich scharf gegeneinander abgegrenzt werden können, bei
denen es Aufgabe des ersten Abschnitts sei, die Gewebstrennungen
zur Verheilung zu bringen, während die zweite, die man dem
Orthopäden gerne zuweist, nämlich die Nachbehandlung, der Wieder¬
herstellung der Leistungsfähigkeit zu gelten habe. Der den ersten
Behandlungsabschnitt besorgende Arzt kommt so zu leicht zu der
stillschweigenden Ansicht, daß er sich nun überhaupt nicht um
Aufgaben nach der Seite der Leistungsfähigkeit zu kümmern
brauche; diese liege seinem Nachfolger im Amt ob, eben dem die
Nachbehandlung besorgenden. Auf diese Weise werden jene un¬
geheuer hartnäckigen Schwächezustände und Gelenksteifigkeiten
förmlich gezüchtet, die dem nachbehandelnden Orthopäden nicht
nur, sondern auch dem Verletzten in so hohem Grade das Dasein
erschweren; ersterem sofern er eine ungeheure, saure, dazu wenig
dankbare Aufgabe zu erfüllen hat; letzterem, sofern er unter steten
Schmerzen eine Unmenge Mühe aufwenden muß, um Schrittchen
für Schrittchen im Laufe nicht selten von vielen Monaten we¬
nigstens einen Teil seiner verloren gegangenen Beweglichkeit und
Kraft wiederzugewinnen. Die verspätete Nachbehandlung aber
wird bekanntlich so oft von den Verletzten als eine Anordnung
angesehen, die nur zur Herabsetzung einer bereits bewilligten
Rente — zur „Rentenquetsche“ — dienen soll und dementsprechend
gewürdigt.
Das, was wir fordern und immer wieder fordern
müssen, ist, daß bei der Behandlung jeglicher Ver¬
letzung der orthopädische Geist womöglich vom ersten
Tage an die chirurgische Tätigkeit durchsetze.
') Vortrag, gehalten am 1. Dezember 1914 in der Freiborger medi¬
zinischen Gesellschaft.
*) M m. W. 1914, Nr. 40.
3 ) M. m. W. 1914, Nr. 37.
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5i Januar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 5.
125
Wenn man der Orthopädie desjenigen Teil der Heilkunde
ud Heilkonst zuweist, der der Ausbildung, der Erhaltung und,
wenn nie verloren gegangen ist, der möglichsten Wiederherstellung
der Bewegungsmöglichkeiten des Körpers dient, so soll damit ge¬
sagt «ein, daß eine vollkommene Behandlung vom ersten Tag an
das Endresultat nach der Seite der Bewegungsmöglichkeiten zum
mindesten der gleichen Berücksichtigung würdigt, wie etwa die
Gefahren, die dem Körper durch die Verunreinigung einer Wunde
mit krankheiterregenden Keimen oder die Beweglichkeit eines ge¬
brochenen Knochens drohen. Die praktischen Aufgaben, die dem
Arzt, der Verletzte und Verwundete behandelt, obliegen, sind kurz
die, neben der zuverlässigen Heilung der Gewebstrennungen zu¬
gleich das an Gelenkbeweglichkeit und Muskelkraft zu erhalten,
was unter den besondern Umstanden des Falles nur erhalten wer¬
den kann. Dann ist unter Umständen eine Nachbehandlung im
landläufigen Sinne überhaupt nicht mehr nötig, jedenfalls aber
wird sie ganz bedeutend abgekürzt.
Was das für unsere Kriegsverletzten bedeutet, Hegt ohne
weiteres auf der Hand. Es bedeutet aber nicht nur fir diese
eine schnellere Wiederkehr ihrer Gesundheit und Leistungsfähig¬
keit and damit ihrer Dienst- und Kampffähigkeit, sondern ent¬
lastet den ärztlichen Dienst sowie die Lazarette und spart dem
Staate — dem Volke in seiner Gesamtheit — unendlich
fiel Geld. Denn jeder Verwundete kostet dem Staate, solange
er Luarettpflege bedarf, täglich drei Mark. Verzögert sich die
endgültige Heilung, weil der behandelnde Arzt es in der ersten
Periode an orthopädischem Können fehlen ließ, so erhöht sich die
Summe des staatlichen Aufwandes entsprechend. Für die Folge¬
zeit aber bleiben dem Verwundeten vielleicht noch Störungen, die
durch rechtzeitige Anwendung orthopädischer Maßnahmen hätten
verhindert werden können —, dann muß der Staat noch eine
Rente drauflegen, die er hätte sparen können.
Nicht ganz ohne Grund wird von gewissen Seiten darüber
Klage geführt, daß auf diesem Gebiete von Seiten der Aerzte
mehr geleistet werden könnte: die Berufsgenossenschaften wissen
z. B. ganz genau, daß ihre Kosten für Heilverfahren und Renten
für ihre Verletzten jährlich um Summen, die in die Millionen
gehen, verringert werden könnten, wenn die modernen Prinzipien
der Verletzung8bebandlung allgemein befolgt und durchgeführt
würden. Nach einem mir kürzlich zugegangenen Rundschreiben
n schließen, scheinen auch die Badischen Berufsgenossenschaften
ihre Absicht jetzt ausgiebig zur Durchführung bringen zu wollen,
ihre Verletzten frühzeitig besondern Heilanstalten zu überweisen,
die in der Lage sind, nach allen Richtungen, das heißt auch nach
der orthopädischen Seite, für die Heilung zu sorgen. Unsern
topfern Kriegern aber möchte man wünschen, daß ihnen alle Er¬
rungenschaften der Wissenschaft und Technik ausgiebigst zugute
kommen möchten, wenn sie verwundet ins Heimatland zurück-
gobracht worden sind. Jeder von uns wird aber sicherlich sein
Beetee zu geben bereit aein.
Mir ist es daher eine Ehre, wenn ich Sie, m. H., in dieser
Stande mit den Grundsätzen bekanntmachen darf, die sich mir förm¬
lich anfgedrängt haben durch eine große Zahl von Verletzungen, die
oir im Laufe der letzten zwanzig Jahre durch die Hände ge¬
gangen sind. Es waren das selten frische Fälle, in der überwie¬
genden Zahl handelte es sich um veraltete Fälle. Selten war
weniger als ein Vierteljahr seit der Verletzung verstrichen. Die
Schäden an den Bewegungsorganen aber waren oft genug
erschreckend. Da drängte sich Frage auf Frage auf: Wie kann
diesen Schäden begegnet werden, wie kann diesem Krüppeltum
abgeholfen werden? Bei hin und wieder sich auch zu mir ver¬
wenden Fällen frischer Verletzungen habe ich meine Gedanken
dann zur Ausführung bringen können und ich konnte die Ueber-
ttügung gewinnen, durchaus zum Vorteil der Sache. Der Krieg
bringt nun auf einmal ein überreiches Material. An ihm können
alle lernen und den Wert der einzelnen Behandlungsarten er¬
proben.
Die besondern Aufgaben der Verletzungschirurgie in ortho¬
pädischem Sinne, das heißt im Sinn einer möglichst baldigen und
vollkommenen Herstellung der Beweglichkeit und Kraft, gliedern
sich in die vorbeugenden Maßnahmen und in die, wenn wir
aa Ausdruck beibehalten wollen, Nachbehandlung. Die
crsteren Bind Sache des Arztes, der während des eisten Behand-
lungsabBchnlt ts mit der Heilung der Gewebstrennungen beschäftigt
er bleibt für etwaige vermeidbare Schäden, die die
^ en f Öelenken und den übrigen Bewegungsorganen
luiügt, aich, dem Kranken und etwaigen Fürsorgestollen
»«tttworttieh.
Der erstbehandelnde Arzt hat sich vor allem bewußt zu
sein, daß die Maßnahmen zur Ruhigstellung, die die Heilung der
Gewebstrennung in so vielen Fällen zunächst bedarf, dem Be¬
wegungsapparat um so größeren Schaden bringen, je länger sie
ausgedehnt werden, ferner daß entzündliche Vorgänge
aller Art in den ruhiggestellten Körperabschnitten die
Schäden der Ruhigstellung um ein Vielfaches vermehren.
Die entzündlichen Vorgänge brauchen gar nicht etwa mit
den augenfälligen Erscheinungen hochgradiger Röte, Schwellung
oder gar Eiterung einherzugehen; es genügt vollkommen die durch
die Verletzung und Blutung erzeugte, von Gewebsbildung gefolgte
Entzündung, die wir zur Heilung der getrennten Gewebe, ja als
etwas durchaus Segensreiches begrüßen müssen. Den Bewegungs¬
organen bringen die entzündlichen Vorgänge bekanntlich un¬
berechenbaren Schaden, da sie Verwachsungen schaßen, die die
Bewegungen der Gelenke, das Gleiten der Weichteile in Scheiden
und Schleimbeuteln, die Verschiebungen von Sesambeinen und
Muskeln gegen benachbarte Knochen beeinträchtigen oder ganz
aufheben.
Aufgabe des Arztes ist es daher, frühzeitig die im Ueber-
schuß auftretenden entzündlichen Vorgänge zu bekämpfen und die
Bewegungsorgane durch möglichst frühzeitige Aenderungen
ihrer Lageheziohungen beweglich zu erhalten.
Die Mittel, die wir für die erstgenannte Aufgabe anzuwenden
haben, sind im allgemeinen aufsaugungbefördernder Art: so die
Hochlagerung, der Druck, die Anwendung von Wärme in ihren
verschiedenen Formen, vor allem aber die Massage. Um die
Gewebe von dem entzünduugerregenden Blute zu reinigen, müssen
diese Mittel jedoch beizeiten angewandt werden, ehe die alsbald
zu erwartende Umwandlung geronnener Blutmassen im Biude-
gewebe begonnen hat. Sie sollen aber auch nicht zu früh an¬
gewandt werden, weil sie sonst die Blutung vermehren oder
wieder anregen könnten; also nicht vor Ablauf von etwa zwei
bis drei Tagen.
Die Massage, die es uns ermöglicht, in kräftigster Weise
den Blutumlauf zu fördern, ist nur in den seltensten Fällen bei
diesen Aufgaben zu entbehren. Sie nicht anzuwenden an Körper¬
teilen, die durch die Schwäche der Blutbewegung für die natür¬
liche Aufsaugung ungünstig beschaffen sind, wie die äußeren Ab¬
schnitte unserer Gliedmaßen, ist als ein schwerer Kunstfehler an¬
zusehen. Derjenige aber wird die Massage um so wirksamer an¬
wenden, der die besondern Verhältnisse des Falles am gründ¬
lichsten durchschaut, der ein klares Bild der krankhaften Ver¬
änderungen vor Augen hat — der Arzt.
Der Arzt kann daher nicht umhin, die Massage
selbst zu erlernen und gegebenenfalls selbst zu üben,
wenn er frische Verletzungen in vollkommener Weise behan¬
deln will. Ein Gehilfe ist in den frühen Zeitabschnitten, wo wir
von der Massage Gebrauch machen können und sollen, vielfach
eine Gefahr, weil ihm die erforderlichen ärztlichen Kenntnisse ab¬
gehen und er durch zu grobe Einwirkungen leicht schaden kann.
Es kommt auf die Berücksichtigung aller Besonderheiten des
Krankheitsfalls und bei den gewöhnlich schnellen Aenderungen
im Befund auf eine stete Anpassung in den Einwirkungen an
Anforderungen, denen nur ärztliches Denken gewachsen ist.
Da wir einmal von Massage sprechen, so möchte ich einer
durchaus unbegründeten Ausländerei, zu der sich selbst Aerzte
hergeben, entgegentreten. Man hört nicht selten von schwedi¬
scher Massage als einer besonders vorteilhaften Methode sprechen.
Die Massage ist jedoch nicht von den Schweden, sondern
von den Bonner Chirurgen Metzger und von Mosengeil
wissenschaftlich und technisch auf ihre heutige Höhe
gebracht worden (auch „made in Germany“). Jeder Masseur
bat außerdem seine persönliche Art, wie jeder Mensch seine be¬
sondere Handschrift oder jeder Klavierspieler seinen ihm eigentüm¬
lichen Anschlag hat. Worauf es ankommt, ist, daß die Ein¬
wirkungen jederzeit in Einklang gebracht werden mit den beson¬
dern Aufgaben des Falles, daß der Massierende stets die ganze
Stufenleiter der einzelnen zur Erfüllung eines bestimmten Zweckes
notwendigen Handgriffe und alle Stärkegrade zur Verfügung hat.
Nicht eine vom Auslande bezogene Methode macht da¬
her den Massagekünstler, sondern persönliches Geschick,
ein feines Muskelgefühl, eine sogenannte weiche Hand,
dabei oin kräftiger, geschmeidiger Körper. Aber über
allem steht als Leiter der Geist des die krankhaften
Veränderungen durchschauenden denkenden Arztes.
Nor diese Art der Massago hat Anspruch darauf, ernst genommen
zu werden.
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UNIVERSUM OF IOWA
126
1916 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6.
81. Januar.
Die Massage ist in allen den Fallen leider unausführbar,
wo Wunden den verletzten Körperteil durchsetzen. Im allgemeinen
ist sie hier deshalb auch eher entbehrlich, weil die Wunde dem
austretenden Blute vielfach Raum läßt, sich nach außen, statt in
die Gewebe zu ergießen. Bei den Schußverletzungen kann man
allerdings wegen der Enge der Ein- und Ausschußöffnung ganz
bedeutende Blutergüsse in den Geweben beobachten, auf deren
frühzeitige Aufsaugung man aus den oben genannten Gründen nicht
frühzeitig genug Bedacht nehmen kann. Hier muß Druck, Hoch¬
lagerung, Erregung des Blutumlaufs durch Wärme an die Stelle
der Massage treten, wenn nicht etwa die Verhältnisse gestatten,
die sogenannte Einleitungsmassage vorzunehmen. Unter Ein-
leitungsmassage versteht man bekanntlich die geregelte Aus¬
streichung des großen Blut-, vor allem aber der großen Saug¬
gefäßbahnen oberhalb des Erkrankungs- beziehungsweise Ver¬
letzungsgebiets, die man am besten am hochgelagerten Gliede vor¬
nimmt. Die Methode wirkt stark absaugend und gestattet, die
Aufsaugung kräftigst zu erregen, auch in Körperteilen, die man
selbst bei dem Eingriffe nicht berührt. (Setius folgt)
Aus den vier Feldlazaretten des VH. Reservekorps.
Ueber Extremitätenverletzungen mit besonderer
Berücksichtigung der Infektion
von
Stabsarzt d. R. Dr. Petermann, Bielefeld,
Reserve - Sanitätskompagnie 21 (früher R.-F.-L. 88 )
and
Oberarzt Dr. Haneken,
beim beratenden Chirurgen des VII. Res.-Korps, Geheimrat Prof. Dr. Rotter.
Wohl jedem, der als Arzt in diesen Krieg gezogen ist, sind
im Anfänge schwere Enttäuschungen nicht erspart geblieben.
Hatten wir uns doch allgemein aus der Literatur die Ansicht zu
eigen gomacht, daß die Kriegschirurgie fast rein konservativ sei.
Aber schon bald wurden wir gewahr, daß eine sehr große Zahl
von Verletzungen, wohl meist primär, infiziert ist. Wir sahen
nicht nur die Infektionen mit den banalen Eitererregern (Staphylo¬
kokken, Streptokokken), sondern Gasphlegmonen, malignes Oedem
und Tetanus konnten leider nicht allzu selten beobachtet werden.
Wie das ja von vornherein zu erwarten ist, sind natürlich in
erster Linie die Artillerieverletzungen oft schwer infiziert und wir
haben wohl in diesem Kriege, wo die schwere Artillerie so aus¬
gedehnte Verwendung findet, die furchtbarsten Verletzungen, die
nur denkbar sind, zu sehen bekommen. Sie drücken sogar der
ganzen ärztlichen Tätigkeit ihren Stempel auf. Aber auch die
Wunden mit dem Vollmantelgeschoß sind quoad infectionem nicht
so harmlos, wie allgemein ihr Ruf ist.
Als nun hier der Kampf an der Aisne zum Stellungskriege
wurde, ein ruhigeres, fast stationäres Arbeiten in den Feldlaza¬
retten Platz griff, veranlaßte Herr Geheimrat Prof. Dr. Rotter
die vier Feldlazarette des VII. Reservekorps, ihr Material aus dem
August und September einmal zahlenmäßig zusammenzustellen,
um in exakter Weise zu den Hauptfragen der Chirurgie dieses
Kriegs Stellung nehmen zu können.
Einzelne Kapitel wurden bereits a. a. 0. besprochen. Herr
Gebeimrat Prof. Dr. Rotter bearbeitete die Bauch- 1 ) und Brust-
sohüsse 2 ), Dr. Haneken die Schädelschüsse®).
Tabelle I.
Statistische Uebersicht des Materials: August-September: 1218 Fälle der
4 Feldlazarette, f 87 «= 6 %.
Zahl
gestorben
%
1. SchMelschflsse = 8% . . • - - • • •
2 Verletzungen des Gesichts und Halses = 6%
a) Oberflächliche Verletzungen......
b) Schwere Cesichtaverletzungen.
c) Augenverletzungen.
d) Kleferverietzungen.
8. Brustschüsse = 18®/,.
a) Brustwand.
b) Perforierend.
4, Bauchschüsse = 5%.
a) Baachwand.
b) Perforierend.
5. Große Gefäße = 0.75% • ■ • ■ ■ • ■
0. Wirbelsäule and Rückenmark = i,2o / 0 . ■
7. Extremitätenschüsse = 61%.
106
74
80
12
12
11
226
110
116
69
19
40
8
14
733
42
0
1
0
1
0
14
2
28
6
2
37
40
0
R
0
8
0
13
10
70
80
6
n ft m 1914 , Nr. 49 und diese Wochenschrift 1915, Nr. 1 .
*) Diese Wochenschrift 1915, Nr. 4.
*) M. m. W. 1914, Nr. 51.
Zweck dieser Zeilen ist es, speziell zur Frage der Infektion
Stellung zu nehmen, dabei sollen besonders die Extremitätenver-
letzungen berücksichtigt werden. Sie bilden einerseits 61% des Ge¬
samtmaterial s, anderseits geben Bie die beste Grundlage für die
Besprechung der Infektion.
Ueber das Gesamtmaterial von 1218 Fällen gibt die Tabelle I
Auskunft.
Bezüglich der Schädel-, Brust- und Bauchschüsse verweisen
wir auf die obengenannten Veröffentlichungen und wenden uns zu¬
nächst gleich den Extremitätenverletzungen zu. Wie ja schon
erwähnt, bilden sie 61 % unseres Gesamtmaterials. Dies stimmt
annähernd zu der Angabe Köttners, daß zwei Drittel bis drei Viertel
aller Verletzungen Extremitätenverletzungen sind. Rechnen wir
aber die bisher nicht berücksichtigten Todesfälle auf dem Haupt¬
verbandplätze, die in folgender Tabelle zusammengestellt sind,
hinzu, so kommen wir nur auf 55 %, und wir sind überzeugt, daß
der Prozentsatz noch mehr sinkt, wenn wir noch näher an die
Front herangehen.
Zusammenstellung der Todesfälle hei den
Sanitätskompagnien.
1 . Kopfschüsse. 60 = 80 %
2. Halsschuß.I = 0,5 n
8 . Brustschüsse.81 = 15,5»
4. Bauchschüsse. 78 = 37 „
6 . Oberextremitäten.10 = 5 »
6 . Unterextremitäten .... . . . 24= 12.5 „
Summa . . 199 Fälle.
Im Belagerungskriege soll die Oberextremität mehr betroffen
sein als die Unterextremität. Unser Material entstammt nun der
Belagerung von Maubeuge und dem Stellungskampf an der Aisne.
Allerdings ist das Hauptmaterial in der Zeit der Feldschlacht an
der Aisne vom 14. bis 18. September, wo unser Korps enorme
Verluste hatte, gewonnen. Das Verhältnis zwischen Ober- und
Unterextremität unter Mitrechnung der Todesfälle bei den Sanitäts¬
kompagnien stellt sich nun folgendermaßen:
Oberextremität. 224 Fälle —29%
Unterextremität.681 „ = 69 „
Beide. 12 , = 2 ,
Summa . . 767 Fälle.
Was die Geschosse anbelangt, so lagen vor:
Gewehrkugeln . .
Scbrapnellkugeln .
Granatsprengstüek e
Revolver ....
Fliegerbombe . .
Bajonett ....
Sturz mit Pferd .
323 Fälle = 44%
138 " « 18 ” } & 5 ArtillerieverletzuDgen.
\ ;
i „
Man sieht die unverhältnismäßig hohe Zahl von Artillerie¬
verletzungen.
Die Gesamtmortalität beträgt 37 = 5 %.
Selbstverständlich ist diese Zahl nur eine Mindestzahl wie
alle unsere Mortalitätsziffern. Die Beobachtungszeit schwank
zwischen einem Tag und einem bis zwei Monaten, beträgt in
der Regel acht bis zehn Tage. Doch ist im allgemeinen zu sagen,
daß die verhältnismäßig unkomplizierten Fälle evakuiert wurden,
während die schweren Fälle naturgemäß nicht transportiert wer¬
den konnten. Nur im Anfänge während der Schlacht an der Aisne
mußten mehr Fälle weitergescbickt werden.
Reine Weichteilschüsse wurden insgesamt 480 Fälle mit acht
Todesfällen beobachtet, also etwa 2%.
Gewehr . . , 210, t 5= 2 % (1 Verblutung, 1 Sepsis, 8 Tetanus),
Schrapnell . . 174, + 1 = 0,5 % (1 Verblutung, pulsl. eingel.),
Granate . . . 84, f 2 = 2,6 % (1 Gasphlegmone, 1 malignes Oedem).
Sonst. 8 , f 0.
Die Weichteilverletzungen kommen gewöhnlich mit gut¬
sitzendem Verband an. Die Durchschüsse mit kleinem Ein* und
Ausschüsse passierten meist die Leichtverwundetensammelplätze.
Es handelt sich um etwa 1500 Fälle, von denen in dieser Statistik
nur zirka zehn Fälle enthalten sind, die bemerkenswertere Befunde
boten. Infolgedessen handelt es sich bei vorliegendem Material
meist um ausgedehntere Verletzungen.
Nur die kleinere Hälfte des Materials ist aseptisch ver¬
laufen. Von 880 Fällen haben wir in dieser Beziehung genauere
Notizen.
181 = 48° o verliefen fieberfrei,
19(5 - r,l o / 0 verliefen gestört (Eiterung, Fieber a. dgl.),
3 = 1 % mußten amputiert werden.
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31 . Jiuflir.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 5.
127
Bei einÄfluben Windverhältnissen, besonders Gewehrschuß-
rerietzuogen mit kleinem Ein- und Ausschüsse genügte in der Regel
eis aseptischer Wund verband. Bei größeren Wunden, meist durch
Artilleriegeschoß hervorgerufen, stellte es sich mit der Zeit als
notwendig heraus, möglichst in Narkose die Wundränder mit
pcharfen Haken auseinander zu halten, alle Ecken und Buchten
eventuell durch Erweiterungsschnitte frei zugänglich zu machen
and dann die ganze Wunde nach sorgfältiger Blutstillung zu tam¬
ponieren. Auf diese Weise wird fast immer ein guter Verlauf er¬
lieft. In einzelnen Fällen wurde bei grober Verschmutzung die
ganze Wunde zum Schlüsse mit Jodtinktur ausgepinselt, in andern
ein Gemisch von Jod und Perub&lsam eingegossen. Unser Ein¬
druck war günstig, doch fehlt uns noch ein zahlenmäßig ausreichendes
Vergleichsmaterial. Jedenfalls halten wir für das Allerwichtigste
breite Eröffnung und sehr sorgfältige Tamponade. Wichtig er-
icheint es uns, daß Glieder mit ausgedehnten Weich teilwunden
wie Frakturen ruhig gestellt werden.
Die acht Todesffille bei reinen Weichteilschüssen erfolgten in
zwei Fällen an Verblutung aus großen Gefäßen.
Io einem Falle war das Geschoß vom Oberschenkel in die Bauch¬
höhle eingedrungen und hatte wohl eines der großen Bauchgefäße ge¬
troffen, der Verwundete wurde pulslos, ans dem After blutend in d&B
Beeerve* Feldlazarett 84 eingeliefert. Der zweite Fall kam schwer aus-
gehliitet an infolge Verletzung der A. tibialis.
Ein Patient starb an fortschreitender septischer Pflegmone,
einer au Gagphlegmone, einer an malignem Oedem, drei Fälle an
Tetanus.
Es ist daraus zu entnehmen, mit wie ernsten Infektionen
schon bei Weichteilschüssen zu rechnen ist. Unser Verhalten
diesen Verletzungen gegenüber ist daher immer aktiver geworden.
Die Zahl der beobachteten Schußfrakturen beträgt 213
mit 27 Todesfällen, entsprechend einer Mortalität von 13 ü /u. Sie
vorteilen sich folgendermaßen auf die einzelnen Geschoßarten:
Gewehr ... 83, t 6= 7%,
SehrappneU . . 79, + 11 = 14°/o,
Granate ... 49, f 10 = 20%,
Sonitiges... 2, f ö (Revolver, Sturz mit Pferd).
Diese Zusammenstellung zeigt recht instruktiv die Gefahr
der verschiedenen Geschosse.
Folgende Zusammenstellung gibt uns die Häufigkeit der Stö-
nugen im Wund verlauf an.
115 — &ö°/o verliefen ohne wesentliche Störung,
87 = 31°/o hatten eitrige Sekretion, Fieber und dergleichen,
19 starben,
81 = 14% worden amputiert, 8 starben.
Die nächste TabeUe zeigt, wie sich der Verlauf bei den ein¬
zelnen Geschossen verhält:
t Gewehnchnßfraktoren 82 Fälle:
a) aseptisch verlaufen 49 Fälle,
b) gestört 25, t 3,
c) amputiert 8, f 2.
2. Schrapnellscbußfrakturen 79:
s) aseptisch verlaufen 50,
b) gestört verlaufen 19, f 7,
c) amputiert . . . 10, f 2,
8 . GranaUchußfrakturen 57:
a) aseptisch verlaufen 20, t & (primäre Blutung),
b) gestört verlaufen 16, t 8,
c) amputiert . . . 18, t 3.
Während sich der Unterschied zwischen Gewehr und Schrapnell
mw nicht so deutlich zeigt, sind in unsem Fällen die Granatver-
latiuQgen zu zwei Drittel infiziert. Fünf erlagen der primären
Blutung, von den übrigen hatte der weitaus größere Teil mehr
oder weniger schwere Störungen des Wundverlaufs. Wir begegnen
diesen Fällen zum Teil später wieder bei der Besprechung der Gas-
pMagmoae und des Tetanus.
Was nun die Behandlung der Schußfrakturen angeht, so
wigt ein Teü so schwere Zertrümmerungen, daß eine Erhaltung
jj® Gliedes ausgeschlossen erscheint, besonders wenn größere Ge¬
ll» verletzt sind. Hier sind natürlich die primären Amputa¬
tionen, die vielfach nur eine Wundtoilette bedeuten, nicht zu um¬
gaben. Die Erfahrung hat jedoch gelehrt, daß bei diesen Not-
wiputaüonen bisweilen in den ersten Tagen Reamputationen not-
1 weil sich in den gequetschten, buchten- und nischen-
?' c y ,r ‘ Geweben schwere septische Prozesse, die sich durch Schüttel-
fitete fündigen, etablieren.
Erst die Amputation im Gesunden sichert dann den Erfolg.
JGelegenheit erwähnen wir, daß prinzipiell keine Naht
Rwegi wird. irr
Bei den übrigen Schußbrüchen muß nach der Wundversor¬
gung ein gut feststellender Verband angelegt werden. Es scheint
uns im Prinzip verhältnismäßig gleichgültig zu sein, auf welchem
Wege das erreicht wird. Jede Methode hat ihre Anhänger, Uebung
und Erfahrung, sowie die Lage des einzelnen Falles und die
äußeren Verhältnisse werden hier den Ausschlag geben. An den
Oberextremitäten wurden mit Vorliebe Schienen verbände, besonders
mit Pappe und Cramerschienen angewandt, an den Beinen kam der
Gips verband mehr zu seinem Rechte. Herr Flörcken, Busch
und Petermann verwandten oft primär angelegte Fenstergips¬
verbände. Die Anlegung muß in Narkose bei genügender Ab-
duction und Extension geschehen, für die Wundversorgung wird
ein großes Fenster geschaffen, eventuell durch Eingipsung großer
Metallbiigel, die den Gipsverband vollständig unterbrechen. Die
Metallbügel gestatten zugleich, ähnlich wie die Hackenbruch-
schen Klammern, eine gute Extension der Bruchenden. Die Ver¬
bandwechsel lassen sich für den Patienten infolge der guten Fest¬
stellung ziemlich schmerzfrei gestalten.
In andern Fällen wurden Zugverbände besonders von Herrn
Flörcken angelegt, durch spiralige Heftpflastertouren konnte er
die Wunden gut freilassen.
Herr Fenner sah vier Fälle von Gewehrsohußbrüchen am
Oberschenkel mit kleinem Ein- und Ausschüsse durch Nagel¬
extension ohne Zwischenfall verlaufen. Für einen inzwischen not¬
wendigen Transport wurde bei liegenden Nägeln ein provisorischer
Schienenverband angelegt. Zur Nagelung benutzt Fenner ge¬
wöhnliche Drahtstifte*).
Nach unserer Ansicht ist die Nagelextension für die Feld¬
lazarette wenig geeignet. Nur unter durchaus stationären Ver¬
hältnissen und bei absolut sicherer Technik wird sie möglich sein.
Das Normal verfahren im Felde werden feststellende Verbände (in
erster Linie der gefensterte beziehungsweise der oben beschriebene
„unterbrochene“ Gips verband), gelegentlich der Bardenheuersche
Heftpflasterextensionsverband sein.
Unser Standpunkt der Wunde gegenüber ist jetzt folgender:
Bei kleinem Ein- und Ausschüsse wird die Umgebung mit Jod¬
tinktur gepinselt, ein Deckverband angelegt, die Fraktur ruhig-
gestellt. Zerrissene Wunden, speziell Artilleriewunden, werden
sofort in Narkose revidiert, alle Taschen und Buchten freigelegt,
eventuell ein Gegenschnitt gemacht, die losen Knochensplitter ent¬
fernt, dann tamponiert.
Der gleiche Eingriff wird gemacht, sowie bei kleinem Ein-
und Ausschüsse Zeichen einer ernsten Infektion auftreten. Die
Kleinheit des Ein- und Ausschusses ist nicht immer analog mit
der Verletzung der tieferen Teile. Wir konnten die Erfahrungen
von Di lg er und Meyer aus dem Balkankriege nur bestätigen 2 ).
Auch diese Umstände zwangen uns zu immer aktiverem Vorgehen.
Gelenkschüsse wurden im ganzen 40 beobachtet mit nur
zwei Todesfällen. Bei den Verletzungen der Gelenke ist meist
einer, oft mehrere, der am Aufbau des Gelenks beteiligten Knochen
mit verletzt. Bei Gelenkschüssen mit kleinem Ein- und Aus¬
schüsse kommt es vor, daß keine Knochenverletzung besteht, es
bildet sioh ein Hämarthros. Bei einfacher konservativer Therapie —
ruhigstellender aseptischer, etwas komprimierender Verband — bildet
sich der Erguß zurück. Dabei bewährte sich uns in einzelnen
Fällen die Gummibindenkompression, zu der man gut die vor¬
handenen elastischen Binden verwendet. Die Punktion führten
wir natürlich diagnostisch bei Verdacht auf Iufektion, therapeu¬
tisch nur bei besonders prallen Ergüssen aus, und dann nicht vor
dem siebenten Tage. Eventuell kommt des weiteren zur Beförde¬
rung der Resorption die Heißluftbehandlung in Frage. Die Improvi¬
sation ist nicht schwierig, doch erfordert die Durchführung sehr
viel Pflegepersonal, das zu manchen Zeiten starken Andrangs nicht
zur Verfügung steht. Aus ähnlichen Gründen wurde die Stauungs-
methode nicht angewandt.
Bei größeren Weichteilzerreißungen waren auch fast stets
schwere Knochenverletzungen vorhanden. Die Behandlung muß
in diesen Fällen aktiv Vorgehen, denn diese Wunden verlaufen fast
niemals reaktionslos. Es gilt hier das für die offenen Knochen¬
brüche angeführte. Der notwendige Eingriff stellt fast immer
eine atypische Resektion dar. Die Wunde wird erweitert, Knochen-
trümmer werden entfernt, es wird in alle Buchten und Nischen
hineintamponiert. Auch dieser Eingriff genügt, besonders wenn
die Verletzung schon älter war, nicht in allen Fällen. Es muß
l ) Vgl. Vortrag Versammlung der Sanitätsoffiziere VII. Reserve-
| korps 22. November 1914. (Ref. M. Kl.)
| *) D. Zschr. f. Chir., Bd. 127.
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 5.
31. Januar.
dann noch die breite, rücksichtslose Aufklappung der Gelenke,
unter Durchtrennung der Kapsel und Bänder, vorgenommen werden.
Das ganze Gelenk wird tamponiert. Dieser Eingriff kommt be¬
sonders beim Knie- und Fußgelenk in Frage.
Als letztes Mittel kommt dann die Amputation. Bei unsern
40 Fällen war sie nur einmal nötig bei einer Zertrümmerung des
Fußgelenks mit putrider Infektion und Tetanus (Busch).
Von allen Gelenken ist am häufigsten betroffen das Knie¬
gelenk. Von unsern 40 Gelenkverletzungen betrafen der Häufig¬
keit nach geordnet:
Kniegelenk.28 Fälle
Fußgelenk.7 „
Ellbogengelenk.... 4 „
Schultergelenk .... 3 ,
Handgelenk . . . . . 3 „
Summa 40 #ftUe mit 2 Todeifällen.
Nach dem Geschosse geordnet:
Gewehr.21 + 1 an Verblutung,
Schrapnell . ... 14 f 1 an Tetanus,
Granat,-.5 |0.
Von vornherein verliefen bei zuwartender Behandlung 19
gleich 48% glatt, bei 52%, also in der größeren Hälfte mußten
Incisionen, atypische Resektionen, Aufklappungen gemacht werden.
Wir verloren nur zwei Fälle, einen Fall infolge Blutung aus der
Perouaea, der schwer ausgeblutet eingeliefert wurde, einen Fall
verloren wir an Tetanus (siehe uuten).
Wir erwähnten schon eben einen Fall von Verletzung der
Peronaea. Im ganzen stehen uns acht Fälle zur Verfügung, bei
denen das Bild der Verletzung der großen Gefäße die Scene be¬
herrscht. Betroffen war:
A. fern, beziehungsweise iliac. 4 mal
„ brachial.2 „
„ poplifcaea.1 „
„ tibi&l. post.1 „
Von diesen acht starben sechs. Sie kamen schwer ausge¬
blutet, zum Teil mit elastischer Binde an, einige Male wurde noch
eine Gefäßunterbindung gemacht, doch starben die Patienten
an dem schweren Blutverlust, ein Patient mit an sich gelungener
Brachialisunterbindung an gleichzeitiger Hirnverletzung (R.F.L. 86).
In einem Falle von Schrapnellschußfraktur der Fußwurzel
mit Verletzung der A. tib. post, erzielte Herr Flörcken nach
Unterbindung der Arterie und entsprechender Wundbehandlung
einen günstigen Verlauf.
In dem zweiten günstig verlaufenen Falle handelt es sich
um ein Aneurysma traumat.
Bei einem Gewehreinschusse 10 cm medial von der Sp. ant. sup.
dextr. hatte sich eine pulsierende Geschwulst am Lig. Poup. gebildet.
Der Patient klagte über Taubsein des ganzen rechten Beins, man
sah einen Tumor in der Gegend des rechten Lig. Poup. nach innen bis
zum Pect. om. put. nach außen bis 3 bis 4 cm von der Spina ant snp.,
Tumor etwa gänseeigroß. Ueber der Geschwulst fühlte und hörte man
ein systolisches Schwirren, das bis in den Adductorenschlitz fortgeleitet
wurde.
Die Fußpulse waren rechts kaum fühlbar, links gut. Operation
acht Tage nach der Verletzung (Geheimrat Prof. Dr. Rotter).
Durch Laparotomie wird die A. iliac. dextr. provisorisch unter¬
bunden. Man geht an ihr entlang unter Spaltung des Leistenbandea und
findet einen kleinen Riß in der A. profunda fern, und dann innerhalb der
Anenrysmahöble am obersten Ende der Femoralis ein seitliches Loch mit
zerfetzten Rändern, 1,5 cm lang. Ligatur mit Catgnt drüber und drunter,
Durcbschneidung der Arteria, Blutung steht komplett. Durchschneidung
der provisorischen Ligatur, BaucbDaht, unten alles tamponiert. Rechter
Faß zunächst kühl und blaß.
Am zehnten Tag starke Nachblutung, erneute Unterbindung (Ober¬
stabsarzt Dr. Fischer). , , .
Von da ab zunächst leichte Temperatur, Pyocyaneus-Infektion der
Wunde, wird 14 Tage später in befriedigendem Zustande abtransportiert, die
rechte große Zehe war etwas cyanotisch, doch ist es nicht zur Gangrän
gekommen.
Sodann möchten wir noch mit einigen zusammenfassenden
Worten auf die schweren Kriegsinfektionen eingehen.
Erysipel konnten wir bei unserm Material nicht beobachten,
ein Zeichen, daß auch in den Feldlazaretten mit guter Asepsis ge¬
arbeitet wird. ,
Einwandfrei als malignes Oedem kann m unserem Material
nur ein Fall angeeprochen werden.
Es handelt sich um einen Patienten von Stabsarzt Busch (R. F. L. 34)
mit multiplen kleinen Granateplitterverletzungen. Von einer Wunde vom
linken Vorderarm aus, entwickelte sich am zweiten Tag eine prall- ,
elastische Schwellung des Unterarms. Dabei bestand keine Spur von
Rötung, vielmehr war die Haut blaß, Emphysemknistern war nicht vor- |
banden. Die Temperatur war nur am einige Zehntelgrade gesteigert
Das Bild war ganz eigenartig and glich weder einer Phlegmone noch
einer Thrombose. Wegen unklarer Diagnose wurde zunächst noch einen
Tag zugewartet. Am dritten Tage wurden, da die Schwellung anf den
Oberarm weiter fortschritt, ausgedehnte Incisionen gemacht, es fand sich
in der Wnnde ein Granatsplitter and ein Kleiderknopf.
Am vierten Tage hatte die Infiltration auf die Brustmuskulator
übergegriffen, der Vorderarm wurde total nekrotisch. Unter zunehmendem
Kollaps starb der Verwundete in der Nacht vom sechsten auf den siebenten
Tag. Herr Stabsarzt Dr. Fromme war so liebenswürdig, die bakterio¬
logische Untersuchung zu übernehmen und folgenden Bericht abzugeben:
„In der am 6. Oktober entnommenen Probe von Muskelsaft (linker
I Unterarm) von V. sind mikroskopisch nnd kulturell als alleiniger Befand
I Bacillen des malignen Oedems gefunden worden. Desgleichen fanden sich
I in einer am 7. Oktober post mortem untersuchten Probe von Muskelsaft
des linken Pectoralis major ausschließlich Stäbchen vom Aussehen des
Oedembacillus. Im Herzblute, sowie im Gewebssafte vom rechten Ober¬
schenkel, rechten Unterarme ließen sich keine Stäbchen nachweisen. Die
i Probe vom rechten Unterarm enthielt dagegen zahlreiche Streptokokken.
Demnach handelt es sich bei V. wohl zweifellos um eine Entzün¬
dung, die durch den Bac. ödem, malign. hervorgerufen ist; die Strepto¬
kokken sind als zufälliger Befund aufzufassen.“
Die Gasphlegmone, oder wie Fraenkel 1 ) vorschlägt, das
maligne Emphysem konnten wir im ganzen in neun Fällen beob¬
achten. Bis auf zwei Gewehrschüsse handelt es sich wie bei dem
Falle von malignem Oedem nur um Artillerieverletzungen. Fünf
Fälle starben, alle innerhalb der ersten Tage nach der Einliefe-
rung. In allen Fällen waren die Beine betroffen. Von den fünf
Gestorbenen wurden drei mit großen Einschnitten, zwei mit Ampu¬
tation behandelt.
Von den vier günstig verlaufenen Fällen ging eine Gas¬
phlegmone der Wade durch breite Incisionen zurück. In drei Fällen
wurde mit gutem Erfolge primär hoch amputiert.
Busch 1 ) machte gelegentlich einer Demonstration bei uns
darauf aufmerksam, daß man die ersten Emphysembläschen sehr
leicht durch das eigenartige Schabegeräusch beim Trockenrasieren
feststellen könne. In einem noch nicht in der Statistik ent¬
haltenen Falle konnte er bei einem Granatsteckschuß im Ober¬
schenkel schon 14 Stunden post trauma das maligne Emphysem
mit dieser Untersuchungsmethode nachweisen. In diesem Falle
konnte er durch Excision der erkrankten Haut das Bein retten.
Auf Grund der genannten und anderer in der Statistik noch
nicht aufgeführten Fälle haben wir uns die Ansicht gebildet, daß
bei sehr frühem Einschreiten die Ausschneidung Erfolg haben
kann, daß sonst aber bei der so sehr schlechten Prognose nur
frühzeitige Amputation im Gesunden das Leben rettet.
Jetzt noch einige Bemerkungen zu den Tetanusinfektionen,
Nachfolgende Tabelle gibt über die wesentlichen Punkte Auskunft.
Die Zusammenstellung der Fälle nach der Inkubationszeit
zeigt, daß die Fälle mit kurzer Inkubation alle gestorben sind,
abgesehen von dem an zweiter Stelle aufgeführten Fall 8. Hier
ist es unklar, wann und wo die Infektion stattgefunden hat.
Dieser Fall, der wegen entzündlicher Hämorrhoidalknoten auf¬
genommen wurde, überstand den Tetanus. Die beiden andern
günstig verlaufenen Fälle haben eine Inkubation von 11 be¬
ziehungsweise 16 Tagen.
Der zweite Punkt, den wir für bemerkenswert halten, ist die
häufige Bemerkung in den Krankenblättern, daß Geschoßteile und
Kleiderfetzen in den Wunden gefunden wurden. Wer die ver¬
wundeten gesehen hat, wie sie eiügeliefert werden, weiß, daß sich
meist eine Erdkruste auf den Kleidern befindet, die natürlich mit
den Kleiderfetzen in die Wunde gerissen wird. Nun muß der
hiesige Boden als stark mit Tetanussporen verseucht angesehen
werden. Als Beweis möge dienen, daß bei den Sanitätsformationen
des Korps drei Pferde in letzter Zeit an Tetanus gefallen mnd.
Ferner teilte mir ein hiesiger sehr beschäftigter Arzt, Herr
Dr. Devauchelle mit, daß er früher in seiner Praxis alljährlich
Tetanusfälle zu behandeln gehabt habe, gelegentlich in einem Orte
hier in der Nähe, Parfondru, sogar gehäuft, drei bis vier Fälle au
einmal. Seit Bekanntwerden des Bering sehen Serums habe er
von prophylaktischen Injektionen in weitestem Maße Gebrauch
gemacht, seitdem scheine ihm die Zahl abgenommen zu haben.
Ein Punkt, auf den uns bisher nicht mit genügendem Nac -
drucke hingewiesen zu sein scheint, ist die Mischinfektion. Es 18
seit langer Zeit bekannt, daß die gewöhnlichen Eitererreger oft ers
den Boden für die Auskeimung der Tetanussporen vorbereiten. 16
*) M. m. W. 1914, Nr. 45. „ . v]
] ) Militärärztliche Sitzung des VII. R.-K. 22. November. Bericht M-»*
Vgl. D. M. W. 1914, Nr. öl.
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Verwundung
Inku-
i bation
, Verlauf! Bemerkungen
: Außerhalb wegen Zer-
i trümmerung des lin-
| ken Oberarms Eiart.
hum- Genäht bis auf
1 Gazestreifen, Eiter¬
höhle, Tetanus
i ?
1
1
Tod
1 Zugleich septisch.
AufgeDommen wegen
entzilndlirherBämor-
rboidalknoten 17. Ok¬
tober, 19 OktoberUm-
schneidung, 24. Okto¬
ber Mnndsperre
J ?
Heilung
1
Infektionsquelle un¬
sicher, daher Inku¬
bationszeit unbe¬
stimmt.
Verletzung rechtesFuß-
geleik und Ober¬
schenkel. Oberschen-
kelwunde: Oeschoß-
i teile und Kleider-
| fetzen
6 Tage
1
i
, Tod am
1 l.Tope
I Mischinfektion. Am
1 3. Tage Postraum.
Amput. fern, dextr.
wegen Infektion.
Weicbteilschiisse linker
Oberarm und Ober¬
schenkel, Granat¬
splitter und Kleider¬
fetten ln der Wunde
8 "
Tod am
2. Tage
Mischinfektion.
! Weiebteilschüsse linker
j Oberarm and Ober¬
schenkel, bei Eröff¬
nung: Waffenrock-
| fetzen
! 6 „
Tod am
3. Tage
Mischinfektion.
| Weichtellschuß rechter
Oberarm, rechte Ge-
I säßhälfte
6 „
Tod am
3 Tage
Komplizierte linkeOber-
schenkelfraktur, drei
Scbußverletznngen
des linken Fußes
7>
Tod am
7. Tage
Wadenabsceß, darin
SchrapnelJkugeln,
Oberschenkelphleg¬
mone.
Zerrissene Wunde am
ÜDken Fuße
7 „
1
Tod am
2. Tage
Mischinfektion.
Steckschuß linkes Knie
j 7 „
| |
Tod am
2. Tage
Misehinfektion, breite
Eröffnung des Knie¬
gelenks, Entfernung
der Kchrnpnellkmrel.
Multiple Verletzungen,'
linksseitiger offener 1
Pneumothorax
! 8 . |
i 1
1
|
Tod am
3. Tage j
l
Prophylaktische Injek¬
tion von 20 A -E am
Tage der Verwun¬
dung Hohe An pu-
taüon des linken
Oberarms am 2 Tage
der Tetanuserschei-
nungen.
Schußbruch rechter
Unterschel
8 »
t
1
1
Tod am
2. Tage
Prophylaktische Injek¬
tion von 20 A.-E am
Tage der Verletzung,
Amputation des rech¬
ten Oberschenkels am
1. Tage der Erschei¬
nungen
Große Wunde, Olutaeal-
gegend, linker Trocb.
m#j. und Nervus
ischlad zertrümmert.
In d**r Wunde Gra¬
natsplitter und Tnch-
fetzen
10 *
Tod am
8. Tage
Misehinfektion.
Zertrümmerung des
rechten Fußgelenks
11 *
geheilt
Schwere Mischinfek¬
tion, am 3- Tag« der
Erscheinungen Am¬
putation dos Ober¬
schenkels. Serum-
injektionen in den
ischiad. Stamm.
Fraktur linker Ober¬
arm
16 •
i
geheilt
Am G. Tage nach der
Verletzung Amputa¬
tion wegen septischer
Nachblutungen.
h’r. Geschoß
15
Hosp. i
Yiell
Brüche
R-F.-L,
11
R-F.-L
33
5
R-F.-L
35
SchiapD.
Gewehr ,
6
R-F.-L
35
R-F.-L
34
3 .
R-F.-L '
34
12
R-F.-L.
33
13
R-F.-L.
33
9
R-F.-L.
36
Schrspn.
R-F.-L
36 I
2 '
R-F.-L
34 ,
R-F.-L.
34
R-f,li
r. Tod 4,11 3* tww. Tage heißt an dem soundsovielten Tage
^ detD Auftreten der ersten Tetanus Symptome.
schaffen erst die nötige Anaerobiose. Man denkt dabei meist
*^Dthch an lokale Infektionen. Unsere zum Teil so außer-
ordentlich stürmisch verlaufenden Fälle batten bei schmierig be¬
sten Wunden wohl meist eine schwerste, an sich schon das
wben bedrohende Wundinfektion.
Wir lassen es mangels bakteriologischer Blut Untersuchungen
dahingestellt, ob nur Toxinämien oder Bakteriämien bestanden,
itüenfalls machte ein großer Teil dieser Fälle einen „septischen“
undruck. glauben, daß die Idealkonkurrenz zwischen Sepsis
jad Tetanus zu den überstürzten Verläufen führt. Eine gegen den
ietanus gerichtete specifische Therapie kann daher unter so un-
dunstigen Umständen nur die eino Komponente des Krankheits-
ddes fassen. Erkrankungen von ein bis zwei Tagen Dauer, von
**pnn der ersten Tetanuserscheinungen gerechnet, sind keine
«ltenheit. Das erste Zeichen war meist der Trismus, der aller-
kWw ron den Patienten zunächst oft nicht beachtet und
wi der \ isite zur Sprache gebracht wird. Es ist durchaus ein-
euchtend, daß derartige Fälle in den weiter rückwärts liegenden
-azaretteu nur ausnahmsweise bei sehr überstürztem Abtrauspoi te
beobachtet werden. Auch Kranke mit schweren Wund¬
infektionen werden möglichst Dicht abtransportiert. Man kann
daher wobl vermuten, daß, je weiter zurück die Lazarette liegen,
desto länger die Inkubationszeiten der dort beobachteten Tetanus¬
fälle sind und daß die Mortalität des Tetanus im Feldlazarette
höher ist als in den weiter rückwärts liegenden Lazaretten. Die
Betonung dieses Umstandes ließ uns vor allem das Eingehen auf
die Tetanusfrage geboten erscheinen. Nehmen wir unsere Zahl
von 14 Fällen mit drei günstig verlaufenen, so haben wir eine
Mortalität von 79%.
Zur Behandlung wurde Morphin 6—8 cg, Gbloral 6,0—10,0
pro die gegeben, Serum subcutan und intravenös in Dosen von
100-200 A.-E. fast täglich. In Fall 1 gab Herr Busch das
Serum gelegentlich der Verbandwechsel in die im Stumpfe frei¬
liegende Ischiadicusscheide hinein, anscheinend mit gutem Erfolge.
Jedoch war die Infektionsquelle durch die Amputation ausgeschaltet
und auch in diesem Falle nicht mit Narkoticis gespart unter
dauernder Ueberwachung der Uebererregbarkeitssymptome.
Ueber die Magnes. sulfat-Behandlung konnten wir bisher
keine Erfahrungen sammeln, da die Fälle einen zu kurzen Verlauf
hatten. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß Fenner bei
Fall 6 einen Versuch mit der Bace 11 isehen Karbolsäuretherapie
ohne Erfolg machte.
Es herrscht fast Einstimmigkeit über den Wert der prophylak¬
tischen Serumbehandlung.
Fall 9 und 10 bekamen am Tage der Verwundung und zugleich der
Einlieforung in das Reserve - Feldlazarett 36 je 20 A.-E. Tetanusserum.
Nach acht- beziehungsweise neuntägiger Inkubation gingen beide an
einem schweren, schnell verlaufenden Tetanus zugrunde. Allerdings setzte
im ersten Falle die Schwere der Verwundung (offener Pneumotorax) die
Widerstandsfähigkeit aufs äußerste herab, der Tetanus war jedoch durchaus
typisch und konnte auch durch die Amputation des besonders befallet en
linken Armes nicht mehr hintangehalten werden.
Die große Zahl der in diesem Kriege gemachten prophylakti¬
schen Seruminjektiouen wird wohl erlauben, die eventuelle Aende-
rung der Tetanusmorbidität durch die prophylaktischen Injektionen
festzustellen. Ein annähernd absoluter Schutz besteht jeden¬
falls nicht.
Anhangsweise möchten wir noch mit einigen Worten auf dio
noch nicht berücksichtigten Gesichts-, Hals- und Wirbelsäulen¬
verletzungen eingehen. Den Angaben der Gesamtstatistik ist nur
wenig hinzuzulügen. Es handelt sich bei den Gesichtsschüssen
zum Teil um schwere Zerreißungen und Zertrümmerungen der
Kiefer. In einzelnen Fällen konnten die Bruchenden mit Draht
befestigt werden. Wiederholt mußte bei eintretendem Fieber die
Frakturstelle breit eröffnet werden, Knochensplitter wurden ent¬
fernt, die entstandene Höhle tamponiert. In audern Fällen waren
große Defekte im Ober- oder Unterkiefer vorhanden mit ausge¬
dehnter Weichteilverletzung. Tracheotomiert wurde einmal wegen
Gefahr des Glottisödems bei einem Mundbodenschusse mit Kiefer¬
zertrümmerung, ein andermal wegen Fraktur des Kehlkopfes
(Herr Flöreken). Beide Fälle verliefen günstig. Weiterbehandlung
mit Plastiken und Prothesen ist natürlich Sache der Reserve¬
lazarette.
Von 14 Verletzungen der Wirbelsäule war zweimal das Rücken¬
mark unbeteiligt.
Ein etwas unklarer Fall bei einem Offizier ist hiermit eingerechnet.
Der Einschuß war in der linken Lendengegend unterhalb des Rippen¬
bogens, der Ausschuß fand sich in der rechten Lendongegend gut hand¬
breit rechts von der Wirbelsäule. Am fünften Tage nach der Ver¬
letzung wurde der Kranke nach Laon abtransportiert und starb dort nach
einigen Tagen. Dieser Fall dürfte eine volle Aufklärung nicht mehr
finden.
Die übrigen elf Fälle stellen alle komplette Qucrschnitt-
läsionen in den verschiedensten Segmenten dar. Einer starb am
dritten Tage nach der Verletzung ziemlich unerwartet, die andern
wurden bald ins Kriegslazarett zur Operation respektive weiteren
Behandlung überführt, weil sie wegen enormen Zustroms von Ver¬
wundeten eine zu große Belastung der Feldlazarette bildeten. Wir
können daher zur Frage der Laminektomie auf Grund dieses Materials
nicht Stellung nehmen. Aber wir haben später auf Grund neuer
Fälle mehr und mehr auch hier einen operativen Standpunkt ein¬
genommen, worüber später noch berichtet wird.
Die unerwartet häufigen Wundinfektionen, welche man an
der Front erlebte, haben sich natürlich auch zu Hause bemerkbar
gemacht. Nach den ersten großen Schlachten mußten sehr vip]o
Verwundete schnell evakuiert werden. Zum Teil mit den ersten
Verbänden mußte man sie längeren Bahntransporten unterwerfen.
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Man kann sich ohne weiteres denken, daß die Mehrzahl dieser
Wunden bei der Ankunft nicht gut aussahen, ein einfacher Ver¬
gleich mit unserm Material muß das erwarten lassen. Damit einen
Vorwurf gegen irgend jemand zu begründen, wäre natürlich durch¬
aus unrichtig. Wer die schwierigen Verhältnisse eines großen
Kampfes kennt, sie an Ort und Stelle miterlebte, wird rückhaltlos
anerkennen, wie intensiv und sachgemäß gearbeitet, was erreicht
wurde. An Hand unserer ersten Erfahrungen haben wir alle ge¬
lernt, mehr oder weniger unsern bisherigen Standpunkt modifiziert.
Wir sind im Gegensatz zu dem in der Literatur vertretenen
konservativen zu einem im allgemeinen sehr radikalen operativen
Standpunkte gekommen, der ungefähr dem der Friedenszeiten ent¬
spricht.
Wir danken Herrn Geheimrat Prof. Dr. Kotter, der uns zu
dieser Arbeit anregto, und den Herren der Feldlazarette, besonders
Herrn Stabsarzt der Reserve Dr. Busch und Oberärzten der Reserve
Dr. Flörcken und Fenner, die uns ihr Material in liebenswürdigster
Weis© zur Verfügung stellten.
Fleischlose Tage.
Ein Mahnwort und ein Vorschlag
von
C. A. Ewald.
Die kriegsgemäße Veränderung unserer Ernährung ist jetzt
in aller Munde. In der Tagespresse, in Flugschriften, in öffent¬
lichen Vorträgen werden wir über das, was uns not tut, woran
wir sparen sollen und müssen, wenn wir die Aushungerungs¬
absichten unserer Gegner vereiteln wollen, in ausgiebiger Weise
belehrt. In einer ausgezeichneten und überzeugenden Denkschrift
haben eine Anzahl namhafter Gelehrter, Volkswirte und anderer
Fachmänner, unter Führung von P. Eltzbacher den jetzigen Be¬
stand unseres Besitzes an Nahrungsmitteln, die zu erwartenden
Erträge, sowie den Fehlbedarf, der bei bisheriger Lebensweise ein-
treten muß, dargelegt und die Mittel zur Abhilfe angegeben 1 ).
Danach würde allein das, was uns an Eiweiß bei Fortsetzung der
üblichen Wirtschaftsweise während des Kriegs noch zur Verfügung
steht, um 33% hinter unserm bisherigen Verbrauche, die Menge
der Nährwerte (nicht Brennwerte) im ganzen um 25 % Zurück¬
bleiben. Würden wir aber, nachdem unsere jetzt noch vorhandenen
Vorräte aufgebraucht sind, weitere sechs Monate so fortleben, als
ob kein Krieg wäre, so würden uns in diesen zweiten sechs Mo¬
naten 21% unseres Gesamtbedarfs an Nährwerten und 50%
unseres Eiweißbedarfs fehlen.
Aber trotz dieser eindringlichen Mahnungen, die nicht oft
genug wiederholt und in die breiten Massen hinausgetragen werden
können, läßt die Befolgung derselben noch recht viel zu wünschen
übrig. Zahlreiche Familien, ja, wie behauptet wird, die größere
Mehrzahl, haben eine nachhaltige Aenderung ihrer gewohnten
Lebensweise bisher noch nicht eintreten lassen. Man hört mit
Aufmerksamkeit und sensationeller Anteilnahme etwaigen Vor¬
trägen über Ern&hrungsfragen zu und liest in seiner Zeitung mit
behaglichem Verständnis die betreffenden Besprechungen, aber
— von da bis zum Umsatz in die Tat ist noch ein weiter Weg,
der nur sehr langsam und zögernd beschritten wird.
Gewissen und recht breiten Kreisen unsererBevölkerung, nament¬
lich denen, die durch die Arbeiten und Lieferungen für das Mi¬
litär im Augenblick mehr Geld in die Hand bekommen wie früher,
fällt es gar nicht ein, sich „etwas abgehen zu lassen“. Kriegs¬
brot ißt man und Weißbrot ißt man nicht unter dem Zwange der
behördlichen Maßnahmen aber z. B. in Kuchen tut man sich nach
wie vor gütlich. Dafür könnte ich recht drastische Beispiele bei-
bringen, wie auch manche Leute glauben, daß „das Sparen“ nur
für die „Reichen* in Betracht käme. Aehnlich sieht es um den
Fleischverbrauch, die Fettsparung und die Verwertung der Speise¬
reste aus, die so vielfach gedankenlos vergeudet werden. So
manche Hausfrau weiß über den mehr weniger wirkungsvollen
Widerstand, dem ihre bezüglichen Anordnungen in der Küche be¬
gegnen, ein Lied zu singen. Das alles zeigt, wie schwer es ist,
~~~ i) Die deutsche Volksernährung und der englische Aus-
huntrerungsplan. Eine Denkschrift von F. Aereboe, K. Ballod,
F Bcvschlag, W. Caspari, P. Eltzbacher, H. Heyl, P. Krusch,
R Kuczinowski, K. Lehmann, 0. Lemmermanii, K. Oppen¬
heimer, M. Rubnor, K. v. Rümker, B. Tacke, H. Warmbold und
N Zuntz. Braunschweig. F. Vieweg & Sohn. l ( J(j S. gr. 8°. — Diese
zn dem äußerst billigen Preise von 1 M erhältliche Schrift sollte die
weiteste Verbreitung finden.
den Stumpfsinn aufzurütteln, eingewurzelte Gewohnheiten abzu-
stelleu und sich den gebieterischen Forderungen des Tags au-
zupassen. Gewiß, die bessere Einsicht bricht sich mit der Zeit
Bahn, aber — und das ist die Gefahr, die uns droht — erst wenn
es zu spät ist. Daher geht es vielfach nicht ohne Zwangsma߬
regeln ab, von denen die Regierung wohl oder übel bereits Ge¬
brauch gemacht hat und aller Voraussicht nach noch weiterhin
machen wird. Aber vorgreifend kann auch der Privatmann, ab¬
gesehen von der häuslichen Wirtschaftsführung, in größeren Be¬
trieben manches tun, was in .diesem Sinne wirksam und ohne
weiteres, d. h. freiwillig nicht zu erlangen ist. Hierher gehört,
als speziell dem ärztlichen Bereich angehörig, die Beschrän¬
kung des Fleischverbrauchs iu den Krankenhäusern, Irren¬
anstalten, Lazaretten, Siechenh&nsern u. a. m. durch Ein¬
führung eines fleischlosen Tages in der Woche oder
fleischloser Mahlzeiten, wie es ja ähnlich in den katho¬
lischen Landstrichen Deutschlands seit Jahrhunderten, ohne jeden
Schaden, vielmehr, wie ich meine, mit gesundheitlichem Vorteil,
kirchliche Vorschrift ist. Durch die Einführung eines solchen
„Fasttags“, der aber durchaus nicht ein Hungertag zu sein
braucht, können sehr große Mengen von Fleisch erspart
werden, ohne daß dadurch der Ernährung unserer Kranken
oder des Personals (Schwestern, Wärter und Aerzte ein¬
begriffen) irgendein Abbruch geschieht. (Gewisse Aus¬
nahmen, wie zum Beispiel die Diabetikerkost, die Diät mancher
Magen- und Darmkrankheiten lassen sich leicht festlegen.) Da¬
gegen wäre es nur zu begrüßen, wenn durch eine solche Ma߬
nahme der vorgefaßten Meinung unserer Bevölkerung, daß es aus¬
nahmslos täglich Fleisch auf dem Tisch geben müsse, von oben
herab ein tatkräftiger Widerspruch und die praktische Belehrung
zum besseren entgegengesetzt würde. Die Sucht nach Fleisch und
unser seit dem Jahre 1813 um das 3,5fache gewachsener Fleisch¬
verbrauch beruht bekanntlich nicht auf einem stofflich gerecht¬
fertigten Bedarf, sondern auf sozialen Momenten, die hier nicht
weiter auseinanderzusetzen sind. Die Ersparnis summt sich aber
schon in kleineren Betrieben sehr erheblich auf, um wieviel mehr
in größeren und großen Anstalten. Im Vereinslazarett Augusta-
hospital erhalten die Mannschaften zurzeit rund 50 bis 55 g
Eiweiß in Form von Fleisch pro Tag. Fällt dieser Posten wöchent¬
lich einmal aus, so macht das im Monat wenigstens 200 g Eiweiß
oder 0,9 kg Fleisch, das heißt für rund 240 Portionen täglich, im
Monat 216 kg Fleisch. Rechnet man das Kilogramm Fleisch
durchschnittlich zu 1,8 M., so ergibt dies eine Ersparnis von
388,8 M. f wovon allerdings die Ausgaben für den Ersatz durch die
fleischlose Nahrung abgehen. Aber auf eine solche Kalkulation
ist überhaupt kein Gewicht zu legen. Es kommt bei den in Rede
stehenden wirtschaftlichen Maßnahmen ganz generell nicht so¬
wohl aufden Kostenpunkt als auf die Materialersparnis an.
Das wird vielfach übersehen und die Frage fälschlich unter dem
Gesichtswinkel der etwaigen Geldausgabe anstatt der Ersparnis
an Nährwerten betrachtet. Der fleischlose Tag wird vielleicht
zunächst, und zwar weniger bei den Kranken respektive
Verwundeten wie bei dem niederen Hauspersonal, Wärtern,
Hausdienern, Heizern, Wächtern u. a. Mißstimmung und Wider¬
stand hervorrrufen. Durch ernsten Hinweis auf unsere wirtschaft¬
liche Lage und die Pflicht eines jeden Patrioten, hier Hilfe zu
leisten, mehr noch durch die Tatsache einer allgemein Durchführung
dieser Maßregel in allen Krankenhäusern wird dem ohne besondere
Schwierigkeiten zu begegnen sein. Im Augustahospital ist ein
wöchentlicher fleischfreier Tag vor einiger Zeit auf meinen Antrag
angeordnet; in den städtischen Krankenhäusern Berlins war schon
vor Ausbruch des Kriegs aus Ersparungsrücksichten eine Ver¬
fügung, an einem Tage der Woche das Fleisch durch Eier zu er¬
setzen. Letzteres verbietet sich zurzeit wegen des Eierraangels
von selbst — der fleischlose Tag ist geblieben.
Von außerordentlicher Bedeutung würde es sein,
wenn für alle Garnison-, Reserve- und Vereinslazarette
innerhalb des deutschen Gebiets eine entsprechende Ver¬
ordnung durch die Höchststelle beziehungsweise die vor¬
geordneten Sanitätsämter ergehen würde. Ebenso wichtig
wäre es, wenn im ganzen Reich die Leiter von Kranken¬
häusern, Irrenanstalten, Privatkliniken und andere mehr,
soweit dies noch nicht geschehen, dementsprechende Anordnungen
treffen wollten. Daß damit nur Nutzen gestiftet wird und absolu
keine Schädigung der Ernährung zu befürchten ist, braucht nie
nochmals wiederholt zu werden.
Was die Technik der fleischfreien Tage angeht, so kommen
dafür zunächst die billigeu frischen Gemüse, wie Kohlarten, Ku e
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dann Dörrgemüse, ferner Kartoffeln, Kartoffelklöße, Hefeklöße, Hölsen¬
früchte und Reis, Graupen, Hafergrütze, Buchweizen, Grieß, Nudeln,
Makkaroni, geschmortes Obst, Obstmus in verschiedener Zubereitung
und Kftse in Betracht. An Stelle von Vollmilch ist meist Mager¬
milch zu verwenden. Süße Speisen (auch als Fettersatz) sind sehr
geeignet, denn mit Zucker braucht nicht gespaart zu werden. Es
ist aber nicht möglich, eine derartige reizlose Kost ohne gewisse
Zutaten so schmackhaft zu machen, daß sie gern und in genügender
Menge genossen wird. Man muß ihr also Reizmittel und anregende
Zulagen beigeben. Dahin gehören außer dem Zucker: Herings-,
Speck-, Kümmel-, Senfsaucen, rote Rüben in Essig, saure Gurken,
Pfeffergurken, Meerrettig, auch Kohl- und Gemüsesalate, Bratkar¬
toffeln und dergleichen mehr, wobei der Findigkeit und Geschick¬
lichkeit des Küchenvorstandes freie Hand gegeben ist. Mit Hilfe
von Kalorientabellen läßt sich für ausreichenden Kaloriengehalt
mit Leichtigkeit sorgen. Man wird auch in der Weise eine Ab¬
wechslung bringen können, daß auf ein fleischloses Mittagbrot
ein Abendbrot mit kalter Fleisch wäre, Hering oder anderem folgt,
und auf diese Weise anstatt der fleischfreien Tage fleischlose Mahl¬
zeiten mit fleischhaltigen abwechseln. Hier ist also ein gewisser
Spielraum gegeben. Wesentliches Erfordernis ist aber die Be¬
schränkung des Fleischverbrauchs. Dazu können die Kranken¬
anstalten in ganz gewaltigem Maße beitragen und sich auf diese Weise
mit Erfolg im Dienste unserer wirtschaftlichen Aufgaben betätigen.
Abhandlungen.
lieber Hämaturie
von
Dr. Albert Seelig, Königsberg i. Pr.
Hämaturie ist eins der wichtigsten und vieldeutigsten
Symptome bei Harnleiden. Sie kann ihren Ursprung an allen
Punkten des Urogenitalapparats haben und der Ausdruck der ver¬
schiedenartigsten pathologischen Zustände sein. Die diagnostische
Beurteilung der Blutung bereitet häufig außerordentliche Schwierig¬
keiten und ist auch heute noch, trotzdem durch die Einführung ■
der Cystoskopie und des Ureterenkatheterismus ihre Deutung I
erheblich erleichtert ist, zuweilen nicht mit voller Sicherheit i
möglich.
Zwei Fragen sind bei einer Hämaturie zu beantworten: Von !
wo geht die Blutung aus, welcher pathologische Prozeß liegt ihr [
zugrunde. Die Hämaturie wird häufig von Symptomen begleitet, j
die so charakteristisch sein können, daß die diagnostische Klärung
sehr leicht scheint, jedoch ist es nicht ganz selten, daß scheinbar
lehr charakteristischen, typischen Symptomen ganz andere patho¬
logische Prozesse zugrunde liegen, als erstere vermuten ließen.
Wir wollen nun kursorisch die Blutungen aus den einzelnen
Abschnitten des Urogenitalapparats betrachten und besonders auf
das Atypische unser Augenmerk richten:
Harnröhrenblutungen: Es ist praktisch, sich an das alte
Schema der Einteilung in eine vordere und hintere Harnröhre zu
halten. Die Blutungen aus der vorderen Harnröhre, wenn sie er¬
heblich sind, zeichnen sich dadurch aus, daß das Blut unabhängig
tob der Miction aus dem Orificium abtropft. Ist die Blutung sehr
gering, so bleibt das Blut in dem Kanal liegen und wird nur mit
dem Harnstrahle herausgeschleudert. Die Sicherstellung der Her¬
kunft dieses Bluts erfordert, daß nach der Jadaßohnschen Me¬
thode die Harnröhre gespült wird. So sicher eine stärkere Blu¬
tung der Harnröhre sich nach außen unabhängig von der Miction
entleert, so braucht anderseits nicht jede derartige Hämaturie aus
der vorderen Harnröhre zu stammen. Es kommt nämlich vor, daß
bei stärkeren Blutungen aus der hinteren Harnröhre beziehungs¬
weise Prostata, insbesondere, wenn der Sphincter externus ure-
tbrae nicht sehr kräftig ist, das Blut nicht — wie gewöhnlich —
nach der Blase zu, sondern nach vorn fließt und so dasselbe Sym-
ptomenbild wie bei einer Hämaturie aus der Pars arterior bietet.
Kin sehr eigentümliches Bild habe ich bei einem leichten Trauma
der vorderen Harnröhre beobachtet; hier entleerte sich erst klarer
Crin, dann erst ein wenig blutig tingierter und schließlich wieder
klarer. Es erklärt sich das Phänomen so, daß durch den Urin¬
strahl erst allmählich das junge Deckepithel oder ein Thrombus
aufgerissen wurde und dann in geringer Menge Blut abfloß, das
sich dem vorbeifließenden Harne beimischte.
Nicht leicht zu beurteilen sind häufig die Blutungen aus der
hinteren Harnröhre und Prostata beziehungsweise des der Harn¬
röhre anliegenden Teils der Blase. Sie sind oft vieldeutig,
lan unterscheidet am besten zwischen geringen und starken Blu¬
tungen, da die Art der Hämaturie durch die Menge des Bluts er-
neblich beeinflußt werden kann. Bei schwachen Blutungen der
hinteren Harnröhre findet man meist die erste Harnportion klar
und erst am Schluß entleeren sich einzelne Blutstropfen. Diese
terminale Hämaturie sieht man außerordentlich häufig bei Gonor¬
rhoe posterior, oft auch als Symptom der Tuberkulose, ausnahms¬
weise bei kleinen Tumoren, die am Blasenein gange sitzen; hier
»lemmt der Schließmuskel am Schlüsse der Miction die kleine
«schwülst ein und bewirkt dadurch eine terminale Blutung; ein
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Gleiches beobachtete ich bei einem kleinen, beweglichen Steine.
Eine kurze Bemerkung erfordert noch die terminale Blutung bei
Tuberkulose; sie kann natürlich der Ausdruck einer tuberkulösen
Erkrankung der Prostata oder der hinteren Harnröhre sein, aber
was wohl häufiger und von hohem Interesse ist: auch tuberkulöse
Prozesse der Niere können, ohne daß die Blase miterkrankt ist,
das gleiche Bild geben.
So beobachtete ich einen Fall mit terminaler Hämaturie; Gonor¬
rhöe anszuschließen. Außer der Blutung bestanden nur Klagen über ver¬
mehrte Miction. Die weitere Untersuchung stellte, wie vermutet wurde,
eine einseitige Nierentuberkulose fest. Die Urethra und Blase erwiesen
sich völlig intakt. Somit blieb nur die erkraukte Niere als Ursache der
Blutung übrig.
Israel, der einen ähnlichen Fall beschreibt, glaubt auch an
den Zusammenhang von Hämaturie mit Nierenerkrankung und
meint ihn durch „eine reflektorische Hyperämie der Blasenschleim¬
haut von der primär erkrankten Niere“ deuten zu können. Diese
Erklärung scheint plausibel: besonders spricht für diese Auffassung,
daß nach Entfernung der Niere die Miction und der Urin normal
wurde. Eine terminale Hämaturie ohne vorausgegangene Gonor¬
rhöe muß, falls nicht lokale Erkrankungen (Prostata usw.) vor-
liegen, stets den Verdacht auf Tuberkulose lenken.
Bei stärkeren Blutungen der hinteren Harnröhre kann es
sich auch um eine Kombination von initialer und terminaler handeln;
sie gleicht dann völlig den sofort zu beschreibenden Prostatablu¬
tungen. — Bei Prostataerkrankungen findet man meist die Kom¬
bination von initialer und terminaler Blutung, selten die terminale
allein. Der Mechanismus ist leicht verständlich; durch den Urin¬
strahl wird das in der Pars prostatica liegende Blut heraus*
geschleudert, dann kommt der klare Blasenurin und zum Schlüsse
wird durch die Contractionen der Muskulatur Blut aus der Prostata
herausgepreßt, das sich dann der letzten Urinmenge beimischt.
Ganz anders kann sich das Bild gestalten, wenn die Prostata er¬
heblich blutet; in diesem Falle regurgitiert gewöhnlich das Blut
in die Blase und es kommt dann zu totaler Hämaturie, das heißt
alle Urinportionen sind blutig. Auf die Möglichkeit eines gleich¬
zeitigen Blutabflusses aus der Uretbra unabhängig von der Miction
in diesen Fällen ist bereits oben hingewiesen worden. — Die
sichere Diagnose einer erheblichen Prostatablutung scheint mir in
vielen Fällen auch mit unsern neuesten Untersuchungsmethoden
außerordentlich schwierig. Die Wichtigkeit der Frage erfordert
eine etwas ausführlichere Besprechung. Die starke Prostatablu-
tung hat als solche nichts Charakteristisches, sie kann genau so
wie eine Blasen- beziehungsweise Nierenblutung verlaufen, sie kann
ebenso plötzlich erscheinen und verschwinden wie eine Tumorblu-
tung, sie kann einmal völlig unabhängig von äußeren Einflüssen,
z. B. Bewegung, sein, ein andres Mal scheint sie sich an lebhafte
Bewegungen anzuschließen und täuscht so das Bild einer Steinblu¬
tung vor, um so mehr, als zuweilen die Blutung bei Ruhelage
schwindet. — Wie diagnostiziert man nun eine Prostatablutung?
Einen gewissen Anhalt gibt das Verhalten beim Katheterismus:
Fließt zuerst reines Blut durch den Katheter ab und klärt sich
der Urin durch Spülungen sehr schnell, so spricht dies für Prostata¬
blutung; absolut sicher ist dieses Phänomen nicht, da man das
gleiche auch bei Blasentumoren, die in der Nähe des Orificiums
vesicae sitzen, beobachten kann. — Sehr charakteristisch ist der
Einfluß der Therapie: Prostatablutungen pflegen im allgemeinen
prompt auf die Einlegung eines Dauerkatheters zu stehen. Bringt
uns nun die Cystoskopie zum sichern Ziele? Eigentlich kann man
eine Prostatablutung nur per exclusionem diagnostizieren, denn die
cystoskopisch sichtbare Blutung aus der Prostata ist bei älteren
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Männern etwas außerordentlich häufiges, ohne daß sie darum die
Ursache der vorliegenden Hämaturie zu sein braucht, sie kann
eben einfach traumatischen, das heißt durch dieCjstoskopie bedingten
Ursprungs sein, während die eigentliche Ursache der Blutung ganz
wo anders zu suchen ist. Es kann sehr leicht passieren, daß als
Quelle der Hämaturie die Prostata angenommen wird, während sie
tatsächlich z. B. aus der Niere stammt, die während der Cysto-
skopie kein Blut entleerte. Das ist kein konstruierter Fall, son¬
dern es ist nicht so selten, daß sich Prostatahypertrophie mit
einem beginnenden Nierentumor kombiniert, dessen Nachweis weder
durch die Palpation noch die funktionelle Diagnostik gelingt —
da kann dann anfangs leicht die durch die Untersuchung bedingte
traumatische Prostatablutung als Quelle der Blutung angesehen
werden. Nur ein sehr sorgfältiges Abwägen der einzelnen Sym¬
ptome und eine wiederholte instrumenteile Untersuchung schützt
hier vor Irrtümern. — Aus diesen kurzen Bemerkungen geht wohl
zur Genüge die Schwierigkeit der Diagnose: ProstatablutuDg her¬
vor. —
Mannigfach sind auch die Ursachen der Blasenblutungen.
Die wichtigsten sind diejenigen bei Steinen, Tumoren, Geschwüren,
Tuberkulose, entzündlichen Prozessen und Varicenbildung in der
Blase. Die Art der Blutung ist, je nachdem sie schwach oder
stark ist, verschieden, es besteht entweder terminale oder totalo
Hämaturie. Erstere findet sich besonders bei Erkrankungen in
der Nähe des Blaeenhalses, die letztere bei allen anders lokali¬
sierten Erkrankungen der Blase. — Die vesicalen Erkrankungen
sind in ihren Erscheinungen häufig von äußeren Einflüssen ab¬
hängig, so haben alle Prozesse, die Kongestionen herbeiführen,
zweifellos eine Steigerung der Entzündung und somit der Blutung
im Gefolge, heftige Bewegungen provozieren respektive vermehren
Steinblutungen; bei Tumorblutungen dagegen scheinen äußere Be¬
einflussungen wirkungslos zu sein. Jedoch gelten diese Regeln
nur im allgemeinen und dem erfahrenen Diagnosten wird es nicht
entgehen, daß diese allgemeinen Regeln oft durchbrochen werden.
Wie oben bereits bemerkt, sind die Steinblutungen in der über¬
großen Zahl der Fälle abhängig von Bewegungen und sind daher
hauptsächlich Tagesblutuugen, die durch die Nachtruhe zum Still¬
stände kommen. Daß dies nicht immer zu sein braucht, dafür
diene der folgende Fall als Beispiel:
Patient klagte über Beschwerden, die auf eine Prostatahypertrophie
hinweisen; nichts sprach für Steine. Da tritt plötzlich nachts eine Blutung
auf, die bei Tage cessierte; auch diese Blutung ließ den Verdacht auf
Steine nicht auf kommen; erst das CystoBkop stellte einen kleinen be¬
weglichen Stein hinter der Prostata fest. Hier war es das Hin- und
Herwerfen des Körpers von einer Seite zur andern während des Schlafs,
welche die Hämaturie hervorrief, während andere Bewegungen, z. B.
Wagenfahrten, merkwürdigerweise offenbar ohne Einfluß blieben.
Diagnostisch große Schwierigkeiten, falls eine Cystoskopie
respektive Sondierung nicht möglich ist, machten die profusen
Steinblutungen, die Tag und Nacht, durch äußere Umstände un¬
beeinflußt, anhalten; freilich sind sie meist renalen Urspruugs. —
Die Tumorblutungen haben insofern etwas typisches, als sie plötz¬
lich ohne erkennbaren Grund auftreten, um ebenso plötzlich auf¬
zuhören. Die Mengo des ausgeschiedenen Bluts kann sehr ver¬
schieden sein, im allgemeinen scheinen — wie erwähnt die
Blutungen unabhängig von äußeren Umständen zu sein, jedoch
kann ich nach eignen Beobachtungen in manchen Fällen eine Ab¬
hängigkeit der Blutung von starkem Alkohoigenuß und forcierten
Bewegungen nicht leugnen. — Differentialdiagnostisch kommen am
häufigsten renale prostatische und die nicht häufigen profusen Stein¬
blutungen in Betracht.
In diesem Sinne wertvoll soll die Art der Blutung in¬
sofern sein können, als Hämaturien vesicalen Ursprungs gleich¬
mäßig sind, während es bei renalen häufig vorkommt, daß an dem¬
selben Tage abwechselnd klarer und blutiger Urin entleert wird.
So zutreffend diese Beobachtung für die Mehrzahl der Fälle ist,
so ist sie jedenfalls nicht immer von ausschlaggebender Bedeu¬
tung; verfüge ich doch selbst über zwei Fälle von Blasenpapillomen,
die ganz den Typus der soeben beschriebenen renalen Hämaturie
aufwiesen.
Ganz wie diese Blasenblutungen verlaufen — worauf auch be¬
reits früher hingewiesen — Prostatablutungen, deren Diagnose wir
ebenfalls schon besprochen. Daß Blasensteinblutungen die gleichen
klinischen Bilder in bezug auf Hämaturie geben, ist selten; die
Entscheidung gibt hier Sonde beziehungsweise das Cystoskop. — Sehr
wenig charakteristisch sind die Blutungen bei entzündlichen und
ulceröBen Prozessen der Blase. Sie sind meist gering; die Be¬
gleiterscheinungen der Dysurie; die Veränderungen des Urins,
insbesondere die Eiterung, weisen im allgemeinen auf den richtigen
Weg hin. Die Diagnose des Ulcus freilich ist nur durch direkte
Besichtigung zu stellen. Sehr kompliziert werden die Verhält¬
nisse, wenn sich zu Lithiasis oder Tumorbildung entzündliche Pro¬
zesse hinzugesellen. Die Diagnose der Hämaturie kann dann um
so schwieriger sein, als hier die Cystoskopie wegen der Reizbar¬
keit der Blase unmöglich ist. — Sehr wichtige Fingerzeige gibt
hier die genaue Anamnese und Verlauf der Krankheit.
Von ulcerösen Prozessen kommen hauptsächlich diejenigen
tuberkulöser Natur in Betracht; hier sind die Blutungen im all¬
gemeinen sehr gering; die Diagnose kann nur durch das Cystoskop
und den Nachweis des specifischen Erregers gestellt werden. Sehr
selten sind die nicht tuberkulösen Ulcera — auch hier ist die
Blutung fast immer eine mäßige —, auch ihre Diagnose gelingt
nur durch das Cystoskop.
Schließlich müssen noch die Blasenblutungen varicösen Ur¬
sprungs erwähnt werden. Sie sind offenbar sehr selten. Sie
können recht erheblich und von langer Dauer sein. Etwas
Charakteristisches haben sie nicht. Ihre Diagnose — mit der man
früher sehr freigiebig war — ist nur durch den Blasenspiegel zu
stellen; aber das Bild muß schon sehr ausgeprägt sein, um eine
entscheidende Diagnose zuzulassen.
Ein diagnostisch sehr schwieriges Gebiet sind die Nieren¬
blutungen. Erst seit Einführung der Cystoskopie und des Ureteren-
katheterismus ist eine einwandfreie Diagnose möglich; aber es gibt
auch heute noch eine Reihe von Fällen, wo wir nur zu einer Ver-
mutungsdiagnose über den der Blutung zugrunde liegenden Prozeß
gelangen können.
Die klinischen Symptome sind außerordentlich vieldeutig.
Die Art der Blutung gibt im allgemeinen wenig Aufschluß, wenn
es freilich auch für die meisten Fälle wichtig ist, daß eine gleich¬
mäßige frische Blutung auf die Niereu als Ursprungsort hinweist;
in gleichem Sinne sind lange wurmförmige Gerinnsel zu deuten.
Die mikroskopische Untersuchung des blutigen Urins hat an den
Blutkörperchen nicht so charakteristische Veränderungen ergeben,
daß man aus ihnen allein eine Lokaldiagnose stellen kann; be¬
achtenswert ist immerhin das gehäufte Vorkommen von Zerfalle-
ersclieinungen der roten Blutkörperchen (Fragmentation); sie
kamen hauptsächlich bei Nierenblutungen vor. — Charakteristisch
sind natürlich Blutcylinder. — Einen gewissen lokaldiagnostischen
Anhalt kann man bei Ausspülung der Blase zuweilen erhalten:
Eine rasche Klärung des Blaseninhalts spricht für renalen Ur¬
sprung; freilich gilt dieses nur für mäßig starke Nierenblutungen;
sehr profuse Hämaturien verhindern ebenso wie diejenigen vesi¬
calen Ursprungs eine rasche Klarspülung des Blaseninhalts. — Es
kamen hauptsächlich in Betracht: Blutungen bei Nephritiden,
solche aus unbekannten Ursachen (angioneurotische), bei Lithiasis,
Tumoren und Tuberkulose.
Die nephritischen Blutungen sind außerordentlich schwierig
zu beurteilen. Ich spreche hier nicht von der akuten oder chro¬
nisch hämorrhagischen Nephritis, die ja im allgemeinen leicht zu
erkennen sind, sondern von den Massenblutungen bei Nephritis
chronica. Die Kenntnis dieses Krankheitsbildes ist neueren Da¬
tums. Die klinischen Erscheinungen sind sehr wechselnd. Manche
Fälle verlaufen mit langdauerndon starken Hämaturien ohne jeden
Schmerz, sodaß eine große Aehnlichkeit mit einem Nierentumor
besteht, andere wiederum präsentieren sich ganz unter dem Bild
einer Lithiasis. Es treten heftige einseitige Nierenkoliken ein, die
bei Ruhe schwinden. Die differentielle Diagnose ist hier fast un¬
möglich, wenn nicht die röntgenologische Untersuchung Klarheit
schafft, — Auch längere Beobachtung, besonders in der anfalls¬
freien Zeit führt nicht immer zu einem Resultat, da es nicht
selten vorkommt, daß jedes auf Nephritis hinweisonde Symptom
(Eiweiß, Cylinder usw.) fehlen kann; findet man aber derartige
Veränderungen im Urin, so kann man wohl zur richtigen Diagnose ge¬
langen; freilich ist dann immer noch mit der Möglichkeit zu rechnen,
daß die Blutung gar nicht auf das Konto derNephritis zu schreiben ist,
sondern, daß sie in einer andern pathologischen Veränderung ihre Ur¬
sache haben kann. Jedenfalls ist in allen derartigen Fällen —
wenn auch kein Eiweiß nachweisbar ist — auf Cylinder zu
da es gerade bei diesen an sich gewiß nur sehr seltenen Fällen
von Nephritiden vorkommt, daß eine reine Cylindrurie ohne Albu¬
minurie besteht. Außerordentlich bemerkenswert ist der Umstand,
daß das Symptomenbild auf eine einseitige Affektion bin weis,
während der Prozeß tatsächlich fast immer doppelseitig ist, }
Blutungen und Koliken auch bei absolut normalen Nieren
Ireten können, steht noch zur Diskussion; während ein leil de
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Autoren es behauptet und für diese Fälle angioneurotische Ein¬
flüsse annimmt, glauben andere diese Aetiologie verneinen zu
müssen. Jedenfalls ist häutig bei derartigen Fällen eine differen¬
tielle Diagnose gegenüber Steintumor oder Tuberkulose der Niere
nicht möglich, da, wie bereits betont und noch weiter ausgeführt
werden soll, diese Erkrankungen ganz dieselben Symptome machen
können.
Die Blutungen bei Lithiasis renis haben in gewissen Grenzen
etwas Charakteristisches, indem sie abhängig vonkörperlichen Bewe¬
gungen oderErschütterungen sind; die Koliken unterscheiden sich von
denjenigen anderer renaler Hämaturien im allgemeinen dadurch, daß
sie den Blutungen vorausgehen, während sie bei andern Erkrankungen
(Nephritis, Tumor, Tuberkulose) erst nach den Blutungen aufzutreten
pflegen, bedingt durch Verstopfung der Ureteren mit Blutcoaguliß
- aber, wie gesagt, finden sich die beschriebenen charakteristischen
Zeichen nur in der Mehrzahl der Fälle, in andern scheint die Blu¬
tung unabhängig von äußeren Einflüssen zu sein, sie tritt plötz¬
lich in der Ruhe, besonders nachts auf; ein ander Mal verläuft
sie völlig schmerzlos, und während sie bei Steinleiden meist all¬
mählich einsetzt und allmählich verschwindet, kann sie auch ein¬
mal ganz plötzlich in voller Stärke auftreten, um ebenso plötzlich
zu verschwinden. Diese zuletzt beschriebene Form der Blutung
gleicht völlig derjenigen, wie man sie bei Nierentumoren findet.
Das plötzliche — ohne jede nachweisbare Ursache — Erscheinen
der Blutung und das ebenso rasche Verschwinden findet sich am
häufigsten bei Tumoren. Sehr bemerkenswert ist bei Geschwülsten
der Niere das Abwechseln zwischen völlig klarem und blutigem
Urin an demselben Tage. Dies Phänomen dürfte, abgesehen
von den sehr seltonen Fällen von Blasentumoren und sehr ver¬
einzelten Beobachtungen bei Hämaturien auf Grund von
chronischer Nephritis als sehr wichtiges diagnostisches Merkmal
für NiereDgeschwulst anzusehen sein; jedenfalls ist es gegenüber
den atypischen Steinblutungen und auch deu Massenblutungen bei
Nierentuberkulose differentiell diagnostisch zugunsten der Tumor-
di&gnose zu verwerten. Ein Punkt wäre noch erwähnenswert, daß
nämlich in den blutfreien Zeiten bei Tumoren sich auch mikro¬
skopisch kein Blut zu finden pflegt, während solches bei Lithiasis
nach Bewegungen eigentlich stets, wenn auch nur mikroskopisch,
»anweisbar ist.
Die letzte differential - diagnostisch in Betracht kommende
Erkrankung ist die Nierentuberkulose. Die Hämaturien treten hier
sehr verschiedenartig auf. Eine seltene und sehr eigentümliche
Form - auf die wir schon früher hingewiesen haben — ist die
terminale Hämaturie; diflerential - diagnostisch kommt sie bei
Nierenerkrankungen insofern nicht in Betracht, als sie, falls es sich
überhaupt um eine Nierenaffektion handelt, nur bei Tuberkulose
vorkommt. Dagegen gibt es hierher gehörige Nierenblutungen,
die völlig denjenigen bei Tumoren gleichen. Sie können ebenso
plötzlich auftreten und schwinden und von gleicher Heftigkeit sein.
Sie finden sich — und das macht die Differentialdiagnose beson¬
ders schwierig — häufig bei beginnenden tuberkulösen Prozessen,
ohne daß sonst charakteristische Merkmale für Tuberkulose vor¬
handen sind. Die anatomische Grundlage pflegen kleine Ulcera-
tionen an der Papillenspitze zu sein. Manche Blutungen zeigen
oft völlige üebereinstimmung mit Steinblutungen, und dies um so
mehr, als sie mit heftigen Koliken verbunden zu sein pflegen. Wenn
hier nichtder Nachweis von Tuberkelbacillen oder die Röntgen-
platte die Diagnose stützt, so kann sie lange Zeit hindurch zweifel¬
haft bleiben. Beiläufig können auch die Röntgcnbilder hier zu
Täuschungen führen, indem verkalkte Tuberkel ganz ähnliche Bilder
*ie Steine geben; daß der negative Röntgenbefund nicht ent¬
scheidend ist, ist ja genügend bekannt. Gerade bei beginnender
Tuberkulose ist die Unterscheidung von Lithiasis fast unmöglich,
»erschiedeo pflegen die Koliken zu verlaufen, indem sie bei Tuber¬
kulose der Blutung nachfolgen, während es bei Steinnieren meist
umgekehrt ist; ferner ist bemerkenswert, daß fast ausnabms-
'•s selbst in sehr frühen Stadien bei Tuberkulose sich außer Blut-
orperchen auch Leukoeyten finden, während solche bei der asep-
tl »chen Steinniere fehlen.
Geben somit in vielen Fällen die klinischen Symptome keinen
sicheren Aufschluß über Ursprung und Wesen der Hämaturien,
so kommt man zweifellos durch die Cystoskopie den Ureteren-
katheterismus und die funktionolle Diagnostik häufiger zum Ziele
— freilich auch nicht immer. Die Feststellung der Herkunft der
Blutung gelingt — falls eine Cystoskopie möglich ist—fast stets,
wenu während der Untersuchung eine Blutabscheidung statttindet.
Ist dies aber nicht der Fall, so kann man nur, falls man die Ur¬
sache nicht in der Blase findet, per exelusionera auf eine Nieren¬
blutung schließen. Welche Niere blutet, ist nicht zu entscheiden,
es sei denn, daß charakteristische Veränderungen an den Ureteren-
öflnungen auf den Krankheitsherd hinw r eisen, z. B. Ulcerationen,
Gestaltveränderungen des Ureterensehlitzes, Öedem in denselben
und anderes. — Bringt uns nun in deu Fällen, wo zur Zeit der
Untersuchung keine Blutung erfolgt, der Ureterenkatheterismus
beziehungsweise die funktionelle Diagnostik in der Lokaldiagnose
weiter? Eine geringe Blutung durch den Ureterenkatheterismus
als aus der Niere stammend festzustellen, macht große Schwierig¬
keiten, da der Eingriff als solcher sehr oft zu geringer Hämaturie
führt. Manches Mal kann man sich durch den von Casper an¬
gegebenen Kunstgriff, daß man nämlich den Katheter höher hinauf,
das heißt über die lädierte Ureterstelle herausschiebt, Klarheit
verschaffen; tritt dann kein Blut mehr auf, so war die Hämaturie
arteficiell, jedoch nutzt dieses Verfahren nicht in allen Fällen.
Es ist also auf diesem Wege, falls die Blutung zur Zeit der
Untersuchung sehr gering ist beziehungsweise sistiert, kein
sicheres Ergebnis zu erhalten. Hier tritt nun die funktionelle
Diagnostik in ihr Recht. Ueber die Methoden der funktionellen
Prüfung ist hier um so weniger der Ort zu sprechen, als über
ihre Wertigkeit die Meinungen der Autoren noch sehr weit aus-
einaudergehen. Die am meisten geübten sind die Bestimmung des
Gefrierpunkts des Urins, die Zuckerbestimmung nach Phloridzininjek-
tion, die Blauausscheidung nach IndigearminiDjektion und schließlich
diejenige der experimentellen Polyurie. Alle Methoden haben den
Zw'eck, die Funktion der Niere zu prüfen. Absolute Maße geben
sie alle nicht. Durch Kombination der verschiedenen Methoden
kann man sich freilich ein ziemlich maßgebendes Bild der funktio¬
nellen Tüchtigkeit der Niere machen. Eine funktionelle Prüfung
erfordert stets den doppelseitigen Ureterenkatheterismus, da das
Hauptgewicht auf den Vergleich der beiden Seiten zu legen ist.
Für die uns hier beschäftigende Hämaturie steht die Frage zur
Diskussion, ob die funktionelle Diagnostik uns — im Falle keine
klinischen Zeichen über Art und Ursprung der Blutung Auskunft
geben — in der Diagnose fördern kann. Die Antwort lautet:
Nur falls die Funktion der erkrankten Niere erheblich gestört
ist, führt die funktionelle Diagnostik uns zum Ziele. Ueborblicken
wir noch einmal die hauptsächlich differential diagnostisch in
Frage kommenden Krankheiten: Steine, Tumoren, Tuberkulose,
so müssen wir sagen, daß bei beginnenden Leiden, selbst wenn
schon erhebliche Hämaturien sich gezeigt haben, in einer Reihe
von Fällen die Funktion der Niere so wenig gestört sein kann,
daß dies durch die uns zur Verfügung stehenden funktionellen
Methoden nicht nachweisbar ist, aber, wie gesagt, ist zuzugeben,
daß die krankhaften Prozesse, besonders die Tuberkulose, sich
dann eben noch in einem sehr frühen Stadium befinden. In vor¬
geschrittenen Fällen pflegt die Kombination der verschiedenen
Methoden zu brauchbaren, einwandfreien Befundon zu führen. Be¬
sondere Schwierigkeiten machen die Hämaturien auf nephritischer
Basis, da hier die funktionellen Ausfälle nieist auf beiden Seiten
ziemlich gleichartig zu sein pflegen und daher die Feststellung des
Ursprungs der stattgehabten Blutung - falls eindeutige klinische
Symptome nicht vorhanden sind — auf unüberwindliche Schwierig¬
keiten — auch in vorgeschrittenen Fällen — stoßen kann. Ueber
den den funktionellen Ausfall bedingenden pathologischen Prozeß
gibt natürlich die bosprocheue UutersuchuDgsmethode keinen
Aufschluß, nur die klinische Beobachtung beziehungsweise die
mikroskopische und chemische Untersuchung des Urins vermögen,
wenn überhaupt, den Charakter des die Hämaturie bedingenden
Grundleidens zu enthüllen.
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Original frnm
UMIVERSITY OF IOWA
134
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 5.
31. Januar.
Berichte über Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren,
Aus der Heilstätte für Nervenkranke Haus Sohönow in Zehlendorf
(Wsb). (Direktor: Prof. Dr. Max Laehr.)
Die körperlichen Frühsymptome der
Dementia praecox
von
Dr. E. Breiger,
Oberarzt im Inf.-Rgt. 85, kommandiert zur Heilstätte.
(Schluß aus Nr. 4.)
5. Motorische Störungen.
Rechnet man zu dieser Gruppe die katatonischen Spannungs¬
zustände in der willkürlichen Muskulatur, die Haltungsanomalien,
die Stereotypien, kurz alle die Störungen, welche wohl am moto¬
rischen System wahrgenommen werden, aber nicht somatischen,
sondern psychischen Ursprungs sind, so ist die Zahl der zu beob¬
achtenden Symptome eine große. Dann ist auch über Befunde zu
berichten, deren diflerentialdiagnostische Bedeutung nicht mehr
von der Hand zu weisen ist. Ausgesprochene katatonische Er¬
scheinungen stehen ja in manchen Fällen so im Vordergründe,
daß sie zur Abgrenzung einer großen Gruppe — der Katatonie —
geführt haben. Aber auch bei andern Kranken bestehen eigen¬
tümliche Spannungszustände in der Muskulatur, welche auf den
ersten Blick den Eindruck einer Hypertonie erwecken könnten.
Hiermit soll nicht gesagt sein, daß eine Hypotonie zu den Selten¬
heiten gehört. Pförtner konnte an seinen Kranken mitunter
einen Wechsel zwischen Hyper- und Hypotonie beobachten. Diese
Spannungszustände führen dazu, daß die Kranken aktiven Be¬
wegungen einen Widerstand entgegensetzen und gegebene Stellungen
beibehalten. Ich fand in allen Krankengeschichten Notizen über
den Ausfall dementsprechender Untersuchungen. In 60% aller
Fälle wurden beigebrachte Stellungen nicht beibehalten. Bei den
übrigen 40% war dieses der Fall. Bei acht Kranken war dieses
Symptom sogar ausgesprochen stark wahrnehmbar. Dabei bandelte
es sich nicht um Krankheitsbildor, welche in das Gebiet der Ka¬
tatonie gehörten, sondern auch diese Kranken boten ein Krank¬
heitsstadium da, in welchem eine Einordnung in eine der großen
Hauptgruppen noch nicht möglich war. Interessant ist die Beob¬
achtung, daß einem Kranken diese Steifheit in den Muskeln sub¬
jektiv zur Empfindung kam. Er klagte darüber.
Von nicht geringerer Bedeutung scheinen auch andersartige
Störungen der Motilität zu sein, welche in der Literatur mehrfach
Erwähnung finden. Ich meine unwillkürliche Muskelbewegungen,
Zuckungen, welche von der Beobachtung unabhängig sind, aber
dennoch eine Abhängigkeit von psychischen Momenten zeigen.
Sie werden beschrieben als choreatiforme Bewegungen, als Tics
oder als allgemeine motorische Unruhe. Entweder sind Bio auf
ein bestimmtes Muskelgebiet beschränkt, oder sie greifen auf
mehrere Muskelgruppen, auf eine ganze Extremität, ja auf den
ganzen Körper über. Auch um einfache Mitbewegungen kann es
sich handeln. In 82 Krankengeschichten fand ich Angaben über
dieses Symptom. Es waren einerseits einfache Mitbewegungen,
welche z. B. bei der Aufforderung zu kräftigem Händedruck auf¬
traten. Sie führten zu einer allgemeinen motorischen Unruhe oder
traten z. B. nur in den Fingern auf. Die Kranken spielten mit
den Fingern oder zupften sich am Rocke. Derartiges beobachtet
man ja auch bei rein nervösen Kranken. Auffallend war aber in
diesen Fällen die eintönige, stereotype Wiederkehr bei wieder¬
holter Untersuchung. Viel zahlreicher fanden sich schriftliche
Niederlegungen über das Vorkommen von Tics. Diese Zuckungen
befielen vor allen Dingen die vom Facialis versorgte Muskulatur.
Stirnrunzeln, Augenblinzeln, Augenzukneifen, Schnüffeln mit der
Nase, Schnalzen mit der Zuüge, lautes Räuspern, schmatzende
und leckende Lippenbewegungen, allgemeines Grimassieren seien
zur Charakterisierung dieser Tics erwähnt. In einem Falle waren
die Zuckungen einseitig, und zwar stets rechtsseitig, ohne daß eine
halbseitige Parese nachweisbar war.
Meyer und Knapp erwähnen weiter unter ihren körper¬
lichen Symptomen leichte Paresen, namentlich Facialisparesen.
Letzterer konnte sogar eine wiederholte schlaffe Lähmung des
rechten Armes beobachten.
Pförtner konnte diese Befunde an seinem Krankenmaterial
wieder nicht erheben. Auch bei meinen Patienten war eine aus¬
gesprochene Lähmung nicht beobachtet worden. Wohl war in
fünf Krankengeschichten eine leichte Facialisparese angegeben. Bei
dem häufigen Vorkommen derartiger Paresen und bei dem gelegent¬
lichen Vorhandensein einer ungleichen Facialisinnervation bei ganz
gesunden Menschen kommt diesen Beobachtungen eine Bedeutung
wohl kaum zu. Die Schwäche kam einem Kranken subjektiv zum
Bewußtsein. Er klagte, daß ihm sein oberes Augenlid auf der
einen Seite „oft herabfiele“.
6. Sprachstörungen.
Sprachstörungen wurden selten beobachtet. Schwerere krank¬
hafte Erscheinungen, z. B. Wortneubildungen, wie sie von Zingerle
geschildert werden, konnten überhaupt nicht festgestellt werden.
Zeigte sich eine Veränderung der Sprache, so glich diese im
großen und ganzen einer der von Lange in seiner Dissertation
geschilderten Eigentümlichkeiten. Die Sprechweise war in manchen
Fällen eine eigentümlich monotone. Es fehlte jegliche Betonung,
jeglicher Rhythmus. Namentlich der Schluß der Sätze verlor sich
in ein undeutliches Gemurmel. Auch ein Abbrechen mitten im
Satz, ein unmotiviertes Abschweifen, vielleicht durch eine reine
Klangassociation bedingt, kam zur Beobachtung. Weiter werden
stereotype Wiederholungen ein und desselben Worts in einigen
Befunden erwähnt. Einmal kam es zur Echolalie. Die Ausdrucks¬
weise war in manchen Fällen eine verschrobene. Bei einem andern
Kranken war ein manisches Geplauder auffallend. Wie schon er¬
wähnt, fehle aber bei den meisten Kranken jegliche Störung.
7. Störungen der Herztätigkeit.
Ueber charakteristische Veränderungen des Pulses berichtet
Meyer. Er fand eine auffallende Pulsverlangsamung (bis auf
46 Schläge in der Minute). In einigen seiner Fälle zeigte sich
eine ausgesprochene Abhängigkeit der Pulsfrequenz von der Körper¬
lage, ob liegende, sitzende und stehende. Ob vasomotorische Mo¬
mente hierbei eine Rolle spielen oder ob eine Hirnschwellung im
Sinne Reichardts das ursächliche Moment abgibt, könne man
nicht entscheiden. An meinen Kranken waren diese Symptome
nicht wahrnehmbar, trotzdem beim Aufnabmestatus auf derartige
Pulsdifferenzen geachtet wird.
Pförtner berichtet ferner über das gelegentliche Vorkommen
von systolischen Unreinheiten, respiratorischen Arhythmien. Es
sind dieses wohl accidentelle Befunde, welche mit der psychischen
Erkrankung nichts zu tun haben. So fand ich ebenfalls ab und
zu erwähnt eine Unreinheit der Töne, leise systolische Geräusche
oder auch einmal eine Accentuation aller Töne. Bei einem Kranken
zeigte der Puls eine Abhängigkeit von der Atmung.
8 . Sonstige Störungen,
Klagen über Verdauungsstörungen werden bei unsern Kranken
nicht vermißt. Sie sind nicht typisch. Im allgemeinen überwiegen
Klagen über Verstopfung. Eine gewisse Bedeutung gewinnen sie
dadurch, daß sie Ursache oder Folge bestehender paranoider Vor¬
stellungen sein können.
Zahlreicher sind schon Beschwerden, welche sich auf den
Genitalapparat beziehen. Wie bei andern Psychosen und Neurosen
führt auch die Dementia praecox zu einem unregelmäßigen Auf¬
treten der Menses. Pförtner konnte dieses bei zwei Drittel
seiner Kranken beobachten. Bei meinen 35 weiblichen Kranken
fanden sich 26 mal dementsprechende Notizen. Wie bei rein ner¬
vösen Patientinnen wird auch bei diesen Krankheitsformen ein
stärkeres Hervortreten der Symptome vor Beginn oder während
des Unwohlseins beobachtet. Irgendwelche Bedeutung für die
Diagnose kommt aber diesen Befunden nicht zu. Bei männlichen
Kranken findet man Klagen Über Pollutionen, seltener über Im¬
potenz. Die Onanie ist meistens schon ein Zeichen vorgeschrittener
Erkrankung.
In neuerer Zeit, besonders nach dem Ausfälle der Abder-
haldenschen Untersuchungsmethoden bei Psychosen, gewinnt die
Schilddrüse eine immer größer werdende ätiologische Bedeutung
für die Dementia praecox. Beobachtungen über die objektiv wahr¬
nehmbaren Veränderungen von dieser sind deshalb interessant.
Meyer, Pförtner, Kraopelin beobachteten, freilich in einem
nicht großen Prozentsatz, eine Struma. In meinen Krankenblättern
.war dreimal eine Struma notiert. Bei zwei andern Kranken ®
standen Erscheinungen, welche als Basedowoid aufgefaßt weiden
mußten. Eine sechste Patientin hatte vor der Erkrankung e^e
Strumektomie durchgemaehf.
Digitized b’
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UMIVERSITY OF IOWA
31. Januar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 5.
135
Beobachtungen über subnormale Temperaturen (Kraepelin,
Pförtner) fehlen ganz, doch sind die Kranken in den meisten
Fallen nicht regelmäßig gemessen.
9. Ergebnisse.
Was lehren die erhobenen Befunde? Ein kurzer Ueberbliok
genügt, am eine Reihe auszuschließen. Sie sind zu allgemein oder
in selten beobachtet, um beim Erkennen unserer Erkrankung von
differentialdiagnostischer Bedeutung zu sein. Einer näheren Be¬
trachtung wert sind eigentlich nur die Pupillenstörungen, das Ver¬
halten der Reflexe, der Sensibilität sowie die vasomotorischen Stö¬
rungen (Algesie) auf der einen und die motorischen Störungen auf
der andern Seite. Die Tabelle mag eine Uebersicht Über die zu¬
erst angeführten Beobachtungen geben.
Tabelle HI.
Lebhaft
%
Mittel
% !
Oering
%
PnpilleDonrube..
j 52,3
35,4
12.3
j Haut-.
47
48
r>
Beäue Arm-.
46
60
5
\ Bein-.
1 48
4M
6
AJgeaie...
1 49,3
43,5
7,2
Yuomotorfeche Störungen.
! 6H,7
25,3
6
Diese Tabelle zeigt, daß die Befunde bei den einzelnen Funk-
tionsprüfungen eine gewisse Uebereinstimmung erkennen lassen.
Am auffallendsten ist diese für die Beobachtungen an den Reflexen
und für die „Algesie“. Die Zahlen für die Pupillenunruhe welchen
etwas mehr ab und die für die vasomotorischen Störungen eben¬
falls. Die Unterschiede sind aber nicht so große, um den Ver¬
such. für alle Befunde eine gemeinsame Ursache zu finden, von
Tornherein von der Hand zu weisen. Beim Studium der Kranken¬
blätter glaube ich eine solche gefunden zu haben. War der Kranke
affektiv erregt, zeigte er eine rege psychische Tätigkeit, so waren
auch Reflexe, Pupillenunruhe, Algesie usw. lebhaft. War er ver¬
stimmt, in seinem Vorstellungsablauf gehemmt, so trat das Gegen¬
teil zutage. Einige Beispiele mögen das Gesagte erklären und
beweisen,
1. R.P., in Haus Schönow vom 26. Januar bis 2. November 1911.
Psychisch: Manisches Verhalten, Euphorie, Rededraug, moto¬
rische Unruhe.
Körperlich: Lebhafte Pupillenanruhe, Conjunctivalreflex 4- -f+;
Würgreflex 4-44; Baachreflex H-++; Armreflex 4-+; Patellarreflex 4s
Achillessehnenreflex 4; Nachröte + ; Algesie -f.
2. Frau B. geh. P., in Haus Schönow vom 6. Juni bis 24. Juni 1911.
Psychisch: Leere, inhaltlose Gesichtszüge. Kein Zeichen von
Affekt Langsame monotone Sprache. Druckhommung. Müsse sich zu-
wuuneDDehmen, daß sie die vom Arzt gestellten Fragen auffasse. Wäh¬
rend der ganzen Beobachtung dieses apathische Verhalten.
Körperlich: Schwache Haat- und Sehnenreflexe. Kein Haut-
Mchröten. Geringe Schmerzfiußernngen.
3. H. Brn. 12. Juni bis 29. Juli 1911.
Psychisch: Aeußerlich ruhig, nicht gehemmt. Klagt aber viel
über Aflgat, Erregung, mache sich um die geringste Kleinigkeit Sorgen.
So eine unheimliche Angst.
Körperlich: Lebhaftes Zusammenzucken beim Conjunctivalreflex.
Lebhafte Haut- und Sehnenreflexe, letztere mit allgemeinem Nachzucken.
Lebhafte Sehmerzänßerungen. Kalte, feuchte Hände, leichtes Haut-
Mchröten.
L 15. K. 4. September bis 9. Oktober 1912.
Psychisch: Trotz typischen Defekts Zeiten, wo sehr erregt, sehr
«npandlich. Frißt alles in sich hinein, wirkt lange nach. Starke ge-
«ctuechtliche Erregung, unruhige Träume.
Körperlich: Lebhafte Pupillenunruhe. Starkes Lidflattern, starker
ftwnor mairnum. Augenzusammenkneifen beim Conjunctivalreflex. Leb-
Mhe Haut- und Sehnenreflexe. Lebhafte Schmerzäußerungen. Starke
»objektive und objektive vasomotorische Störungen. (Schwindelanfälle.)
5. H. CI. 23. Februar bis 11. April 1912.
«., Psychisch: Vor der Aufnahme sehr erregt, getobt. Hier stumpf,
Verhalten. Aber Klagen Ober Erregung, Stimmungswechsel;
119 Menschen hatten etwas gegen ihn, lachten Om aus. Traurig über
Schüchternheit Mädchen gegenüber. Dabei starke geschlechtliche
Err *W Masturbation.
Körperlich: Lebhafte Pupillenunruhe; starkes Lidflattern. Tre-
+44+; Haut- und Selmenreflexe ++ + +; Algesie -f 4-4-;
rQQ ^ n aQ, S e P r ägte vasomotorische — subjektive und objektive — Stö-
6 - A. Pr. 14. M«ra bis 19. April 1913.
V c ^ 0c h: Verfolgungsideen, fühlt sich von jedermann beobachtet,
daueroder Ängstlicher Erregung. Aeußerlich stumpf, ohne
Miekt. Endigt kurze Zeit nach der Entlassung durch Suicid.
reiht ^ r P® r Dch: Lebhafte Pupillenunruhe. Schwacher Conjunctival-
m 4- 4 .x!*’ Söhnenreflexe +444-; Algesie, vasomotorische Störun-
Bei allen diesen Kranken lieft das Krankheitsbild keinen
Zweifel an der Diagnose Dementia praecox bochkommen. Mit der
Ansicht, daß die Lebhaftigkeit und Reichhaltigkeit der psychischen
Prozesse sich an gewissen rein körperlichen Befunden abspiegelt,
bringe ich nichts Neues. Auf die nahe Verwandtschaft zwischen
Psychischem und Körperlichem ist wiederholt aufmerksam ge¬
macht. Ich verweise nur auf die Bedeutung, welche dem
psychischen Verhalten z. B. bei der Beurteilung der Herz- und
Magendarmkr&nkheiten zugeschrieben werden muß. Die neueren
experimentell-psychologischen Untersuchungsmethoden — die Ple¬
thysmographie, das psychogalvanische Reflexphänomen — lassen
erkennen, wie fein körperliche Funktionen auf das Auftauchen
affektiver und intellektueller Prozesse reagieren und scheinbar auf
ganz bestimmte gesetzmäßige Art und Weise. Gingen doch einige
Psychologen so weit, in dem körperlichen Zustand nicht eine Folge¬
erscheinung des Affekts zu sehen, sondern umgekehrt. Die ge¬
ringe Schmerzänßerung des Melancholikers steht in auffälligem
Gegensatz zu dem lebhaften Abwehrbewegungen des ängstlich er¬
regten Menschen, den schmerzhafte Reize beigebracht sind. Ich
habe bei den hiesigen Kranken darauf geachtet, ob dieser Zu¬
sammenhang wirklich nachweisbar ist und ich glaube, daß im all¬
gemeinen diese Behauptung stimmt. Ganz einwandfrei waren die
Kontrolluntersuchungen über die psychischen Pupillenreflexe. Bei
allen rein „nervösen“ Kranken, welche gesteigerte affektive und
intellektuelle Erregbarkeit zeigten, war die Pupillenerweiterung
auf schmerzhafte Reize eine lebhafte und ebenso die Pupillen¬
unruhe. Gerade die letztere zeigte die leichte Anspruchsfähigkeit
der Kranken in dieser Hinsicht. Das Hineindenken in einen be¬
stimmten Vorstellungskomplex, die ideelle Vorstellung einer schönen
Landschaft genügte, um die schon an und für sich lebhafte
Pupillenunruhe noch mehr zu steigern. Anders der Verstimmte.
Bei ihm wurde Erweiterung und Unruhe vermißt oder nur in ge¬
ringem Grade beobachtet. Auch das Verhalten beim Prüfen der
Schmerzempfindungen und ferner die vasomotorischen Erscheinungen,
bei welchen auf die Schnelligkeit des Auftretens, die Stärke und
die Dauer geachtet werden muß, ließen im großen und ganzen
den geschilderten Zusammenhang erkennen. Schwieriger ist die
Beurteilung der Sehnenreflexe. Es spielen hierbei zu viele subjektive
Momente eine Rolle. Die Bezeichnung „lebhaft“ schwankt in den
weitesten Grenzen. Aber auch in diesem Punkte glaubte ich mich
bei Kontrolluntersuchungen von der Richtigkeit meiner Behauptung
überzeugt zu haben.
Ich nehme also an, daß die bei meinen Kranken be¬
obachteten körperlichen Begleiterscheinungen bedingt
sind durch rein psychische Ursachen intellektueller,
vor allen Dingen aber affektiver Natur. Mit andern Worten,
das bestehende psychische Zustandsbild bestimmt den
körperlichen Befund. Hiermit stelle ich mich auf den Stand¬
punkt von Meyer. Ich denke mir, daß in einer Reihe von Fällen
die Dementia praecox im Anfangsstadium das Bild einer einfachen
funktionellen Nervosität vortäuscht. Sei es, daß die Krankheit
unter dem Bild eines neurasthenischen, psychasthenischen oder
rein emotionellen Zustandes, sei es, daß sie unter dem Bild einer
Depression beginnt. Bei einigen Kranken setzt dieses Krankheits¬
bild ein, ohne daß vorher eine Nervosität bestanden hat, bei andern
war eine konstitutionelle Grundlage nachweisbar. In meinen
Krankengeschichten fand ich jedenfalls auffallend häufig die An¬
gabe, daß der betreffende Kranke schon in der Kindheit einwand¬
freie Zeichen einer Nervosität geboten hatte. Auch die Ange¬
hörigen sagten aus, der Patient sei schon als Kind nervös ge¬
wesen. Bei vielen dieser Kranken verläuft die Krankheit leicht.
Es ist möglich, sie in einer offnen Anstalt unterzubringen.
Auch kommen weitgehende Besserungen vor, welche eine Wieder¬
aufnahme der Berufstätigkeit gestatten. Dabei handelte es sich
nicht um Fehldiagnosen. So relativ leicht die Erkrankung auch
an und für sich war, das bestehende Krankheitsbild wich
doch von dem anderer Nervöser ab. Bei dem einen war es die
affektive Gleichgültigkeit bei sonst regem Intellekt, bei dem
andern waren es eigentümliche paranoide Gedanken und
negativistische Aeußerungen. welche auf die richtige Dia¬
gnose lenkten. Am auffallendsten schien mir aber bei — ich
möchte sagen — allen Kranken die Unmöglichkeit für den Arzt,
sich in das Vorstellungsleben seines Patienten hineinzudenken,
seine Gedanken, sein Tun und Treiben zu verstehen (Autismus
von Bleuler). Es war dieses um so offenkundiger, als „der
psychische Konnex“ zwischen Arzt und Patient bei den übrigen
Kranken bald hergestellt war und dadurch jene ärztliche Beein¬
flussung des Kranken möglich wurde, welche al c Grundlage der
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UNIVERSUM OF IOWA
136
1916 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 5.
31. Januar.
ganzen Behandlung anzusehen ist. Dieses eigentümliche psychische
Verhalten beeinflußte das Krankheitsbild so, daß eine Diagnose
möglich war. Der psychische Defekt, nicht bestimmte körperliche
Symptome, gestattet eine Frühdiagnose. Eine Einschränkung
möchte ich machen. Fehlende Psychoreflexe an den Pupillen sollen
vor allen Dingen für Dementia praecox charakteristisch sein. Sie
werden um so häufiger beobachtet, je vorgeschrittener die Er¬
krankung ist Bei dem einen Kranken sind sie früher, bei dem
andern sind sie später nachweisbar. Sie können also auch einmal
im Beginn der Erkrankung Vorkommen. Dann bat dieses Symptom
auch eine diagnostische Bedeutung. In Fall 5 habe ich einen
dementsprechenden Befund geschildert — geringe Pupillenunruhe
bei sonst lebhaften Reaktionserscheinungen.
Vielleicht ist auch die Beobachtung auf Tabelle III — auf¬
fallend hohe Prozentzahl (68,7) für lebhafte Reaktion bei den vaso¬
motorischen Störungen — keine zufällige. Sie braucht nicht, sie
könnte aber darauf schließen lassen, daß in einem Teil meiner
Fälle bei den vasomotorischen Störungen nicht nur das psychische
Verhalten, sondern auch der Krankheitsprozeß an sich von Einfluß
gewesen ist.
Zum Schluß noch einige Worte über die motorischen
Störungen. Tics, stereotype Bewegungen, Beibehalten gegebener
Stellungen sind verhältnismäßig häufig beobachtet worden. Die
Feststellung dieser Erscheinungen ist also schon im Frühstadium
bei einer Anzahl Kranker möglich, bat also eine gewisse Bedeutung.
Der differentialdiagnostische Wert dieses Befundes wird aber da¬
durch herabgesetzt, daß bei andern Krankheitszuständen ähnliche
Beobachtungen gemacht sind. Auch hier ist nicht ein Symptom
ausschlaggebend, sondern erst das Zusammentreffen mehrerer führt
auf den richtigen Weg.
Zusammenfassung.
1. Meine Beobachtungen beziehen sich auf Kranke, welche
sich im Frühstadium der Erkrankung befanden.
2. Die Diagnose ermöglichte in allen Fällen eigentlich einzig
und allein der charakteristische psychische Defekt.
8 . Die beobachteten körperlichen Symptome sind Begleit¬
erscheinungen des jeweilig bestehenden psychischen Zustandes.
Bei einer Lebhaftigkeit der associativen Tätigkeit und bei einer
Reichhaltigkeit an Affekten und Vorstellungen waren auch auf
körperlichem Gebiete gesteigerte Reaktionen wahrnehmbar. Das
umgekehrte Verhalten war bei einer Armut des affektiven und
intellektuellen Geschehens nachweisbar.
4. Eine Verringerung respektive ein Fehlen der Psychoreflexe
an den Pupillen scheint im Frühstadium der Erkrankung sehr selten
beobachtet zu werden. Dann hat dieses Symptom differential-
diagnostische Bedeutung.
Referatenteil«
Redigiert to® Oberarzt
Sammelreferat.
Aus dem Gebiete der Pädiatrie.
Die Erkrankungen der Atmungsorgane
(Literatur 1913, 1914)
von Prof. Dr. L Langstein und Dr. W. Usener, Berlin.
I. Die Erkrankungen der oberen Luftwege.
Die neuerschienene Monographie der Nasen-, Rachen- und Ohr¬
erkrankungen des Kindes von F. Göppert (1) bietet Anlaß, die
Bedeutung des Gesundheitszustandes der oberen Luftwege für die
Atmungsorgane sowie für das Allgemeinbefinden zu besprechen.
Besteht doch der besondere Vorzug des vorliegenden Buches in
der Vereinigung einer ganz auf die Verhältnisse und Besonder¬
heiten des Kindes eingestellten Darstellung der lokalen Patho¬
genese nnd Symptomatologie mit der erschöpfenden klinischen
Entwicklung aller der Momente, welche auf Entstehung, Verlauf
und Folgezustände dieser überaus häufigen, vielfach unterschätzten
Erkrankungen Einfluß haben und in der Darlegung der gerade
hieraus sich ergebenden therapeutischen Gesichtspunkte.
In einem ersten Teil sind die Erkrankungen, die sich an
Nase, Rachen und Gaumen manifestieren, unter der Bezeichnung
Nasopharyngitis, als einheitliche Erkrankung zusammengefaßt, ab¬
gehandelt. Pathogenetisch hervorgehoben wird die Bedeutung der
Konstitution, der exsudativen Diathese, für die Schwere des Ver¬
laufs und die Folgezustände, die Bedeutung der Domestication,
das heißt aller der Schädigungen, welche durch den Verlust der
Anpassungsfähigkeit der Haut- und Schleimhautreaktion in ihren
Wechselbeziehungen hervorgerufen werden, und endlich die Tat¬
sache, daß dieser Mangel der lokalen sowie allgemeinen Reaktions¬
fähigkeit der Blutcirculation in Zusammenhang steht mit einem
Mindermaß an Muskeltfttigkeit und der damit verbundenen Herab¬
setzung des Stoffwechsels. Staub, Ruß und schlechte Wohnungs¬
verhältnisse, dabei auch das Wohnen kinderreicher Familien im
engen Raume wegen der erhöhten Ansteckungsmöglichkeit bilden
weitere Domesticationsschäden. Als auslösende Ursachen müssen
bakterielle Infektionen gelten. Die Neuinfektionen scheinen die
möglichen Fälle einer Virulenzsteigerung vorhandener Keime durch
Erkältungsschäden bei weitem zu überwiegen. Ohne daß einzelne
der verschiedenen in Betracht kommenden Bakterienarten zu be¬
stimmten Krankheitsbildern in Beziehung ständen, ist die große
Variation im Verlauf einzelner Epidemien auffallend, derart, daß
sich einzelne Epidemien durch gesondertes Befallensein bestimmter
Teile (bald der vorderen oder hinteren Nase, bald der Seitenstränge
der Tonsillen oder der Zungenspitze und Zungenränder) ebenso
wie oft durch gleiche typische Begleiterscheinungen (etwa von
seiten des Ohres oder des Magendarmkanals oder der tieferen
Luftwege) auszeichnen. Trotzdem ergibt die genauere Unter¬
suchung stets ein zusammenhängendes Befallensein des ganzen
ir. Walter Wolff, Berlin.
Systems. Diese Erfahrung rechtfertigt die Zusammenfassung der
Krankheitsbilder als Nasopharyngitis.
Die Besonderheiten der anatomischen Verhältnisse, so die
Kleinheit des Mundteils des Pharynx, die Kürze und Enge der
Canales choanales (der späteren Choanen), der schräge Verlauf des
Gaumens, der die Zungenrichtung gewissermaßen schneidet, sod&ß
die Gaumentonsillen unter Zungenniveau liegen und erst durch
Abwärts- und Vorwärtsdrücken der Zunge sichtbar gemacht
werden können, ferner das besondere Hervortreten des konstitutio¬
nellen Moments bedingen eine eigne Besprechung der Nasopharyn¬
gitis des Säuglings. In dem Gesamtbilde der klinischen Erschei¬
nungen sind für den Säugling bezeichnend: einmal hervorgehend
aus den anatomischen Verhältnissen die Neigung zu schwerer Be¬
hinderung der Atmung, besonders beim Trinkakte, zu Opisthotonus,
zu Aspiration der Zunge, zu Luftschlucken, des weiteren aus den
Besonderheiten des Säuglingsorganismus die Neigung zu toxischen
Begleiterkrankungen, so des Nervensystems (Meningitis serosa,
Auslösung spasmophiler Krämpfe), der Nieren (Häufigkeit der
Albuminurie) und des Magendarmkanals. Letztere Störungen
können den Verlauf in seiner Schwere beherrschen. Die Appetit¬
losigkeit kann zu Schwierigkeiten der Ernährung führen, nament¬
lich die Brusternährung kann in ihrem Bestände gefährdet sein
und ist in unerkannten Fällen der akute oder chronische Schnupfen
der häufigste, wohl vermeidbare Anlaß zum Abstillen; es kann
besonders bei jungen Säuglingen durch Verdursten zum schwersten
Krankheitsbilde kommen; auch die Pharyngitis granulosa pflegt
infolge ihrer Schmerzhaftigkeit das Schlucken sehr zu erschweren;
das Fortschreiten der Gewichtskurve ist häufig unterbrochen, beim
debilen und in seiner Ernährungsfunktion gestörten Säuglinge
kann es zu Katastrophen kommen. Die Häufigkeit und der ge*
wöhnliche Verlauf parenteral bedingter Durchfälle wird durch
Kurven von Hausepidemien veranschaulicht. Nach Analogie der
Darmerscheinungen bei akuten Infektionskrankheiten, namentlich
der foudroyant verlaufenden Genickstarre, hat es Göppert (2)
höchstwahrscheinlich gemacht, daß diese die Durchfälle bedingen¬
den Darmerkrankungen auf toxische Ursachen und auf eine lokale
Capillarvergiftung zurückzuführen sind. Das konstitutionelle Mo¬
ment äußert sich in einer frühen Neigung zu Drüsenschwellungen
(Cerviealdrüsen; seltener und später Retropharyngeal- und Jugnlar-
drüsen), zu häufigen leichteren und daher Übersehenen und zu
schwereren Rezidiven, in einer Neigung zu excessiver Steigerung
der Symptome, wie Appetitlosigkeit, durch neuropathische Anlage
abnorm vermehrt, Durchfälle, Mittelohrerkrankung, Nieren- jum
Lungenkomplikationen, so auch der spastischen Bronchitis. Der
Fiebertypus wechselt; häufig ist das eintägige Fieber, der flueö*
tige Charakter solchen Verlaufs verleitet noch allzu oft den Lswjb
an Fehler der „Zahnung“ oder der „Milch“, vor allem der Brust-
milch, zu glauben; oder das Fieber dauert ein bis drei Tage. .JJ
Schwere der Erkrankung und die Fieberkurve Btehen oft mobt
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31. Jwroar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6.
137
Einklänge. Wichtig ißt der Hinweis auf das Vorkommen eines
protrahierten, über Wochen (zwei bis drei bis sechs Wochen)
gehenden Fieberverlaufs, oft ohne schwere Allgemeinstörung im
weiteren Verlaufe, meist mit unverhältnismäßig geringem Lokal-
befände. Diese Krankheitsform zu kennen und gegebenenfalls zu
erkennen, ist differentialdiagnostisch gegenüber septischen und
tuberkulösen Prozessen notwendig.
Unter den verschiedenen und wechselnden Krankheitsbildern
sei das von Göppert zuerst in seiner Bedeutung für den Säug¬
ling erkannte und beschriebene Bild der Rhinitis posterior (siehe
aach 3) hervorgehobon. Unter wiederholten Schnupfenattacken
kommt es dabei zu einer chronischen Schwellung der Schleimhaut,
besondere der Canales choanales, und durch deren Verlegung zu
völliger Behinderung der Nasenatmung. Die einzelne frische
Schnupfenattacke ist schließlich nur noch eine Steigerung dieses
chronischen Krankbeitszustandes. Das Gesicht der kranken Säug¬
linge ist unverkennbar: gedunsen, blaß, mit weitgeblühten Nasen¬
löchern, ängstlichem Gesichtsausdrucke, der Kopf steif opisotonisch
Oberstreckt. Daß hier eine Hyperplasie der Rachenmandel nicht
vorliegt, wird während der akuten Attacke durch die Therapie
(Abschwellung der Schleimhaut mittels Adrenalintropfen) wahr¬
scheinlich gemacht und mit Sicherheit aus dor Weiterentwicklung
dieser Rinder im zweiten Lebensjahre, das heißt aus der erwarteten
Heilung erwiesen, die zu der Zeit eintreten muß, wo aus dem
anatomisch engen Kauale die weitere Choane sich bildet. Gegen¬
über diesem Verlauf ist eine Komplikation mit chronischer Hyper¬
plasie der Rachenmandel möglich, aber selten. Mit einem halben
bä dreiviertel Jahre stellt sich dagegen schon bei chronischer
Nwopharyngitis eine Hyperplasie der Gaumenmandeln häufiger ein.
Wie die Therapie sich ganz individualisierend den Besonder¬
heiten des Einzelfalls, den Komplikationen, insbesondere den An¬
teilen der Konstitution und dos Milieus anpassen kann, behandelt
der Verfasser in ausgezeichneter und anschaulicher Weise. Außer
den verschiedensten in eigner praktischer und kritischer Beobach¬
tang bewährten Maßnahmen zur lokalen Therapie werden beson¬
ders die Gesichtspunkte der Ernährungstherapie, der Verhütung
der Verdurstung, der Abhärtung durch Freiluftbehandlung und
.tagung der Muskeltätigkeit und endlich die Möglichkeit klima¬
tischer Behandlung gewürdigt. Zur Abhärtung der Haut und zur
Anregung der Girculation sind neben andern Maßnahmen tägliche
Abreibungen mit Spiritus und Glycerin (aa) zu empfehlen, da sie,
ohne die Haut auzugreifen, eine schnelle und kräftige Reaktion
ausiulösen gestatten. Für die nicht wiederzugebenden Einzelheiten
muß auf die anregende Darstellung des Originals verwiesen
werden.
Die Nwopharyngitis des Kindes jenseits des ersten Lebens¬
jahrs nimmt entsprechend der anatomischen Entwicklung einen
allmählich veränderten Charakter an. Die Pars oralis gewinnt an
Ausdehnung und Bedeutung, die Erkrankung der Tonsille tritt
innerhalb des auch jetzt einheitlichen Gesamtbildes oft stärker
hervor. Häufiger ist die schmerzhafte Pharyngitis adenoidalis
(-granulöse), die Tonsillitis, die Erkrankung der Krypten, der
Zungenbelag und Mundgeruch, dessen Entstehung aus diesem Zu-
stmmenhange (nicht aus einer Erkrankung des Magens nach
früherer Auffassung) Czerny erwiesen hat. Auch jetzt sind Mit-
erkrankungen des Magendarmkanals häufig; Erbrechen kann sich
wi disponierten (vagotonischen) Kindern zu Acetonerbrechen
steigern. Indessen handelt es sich nach Ansicht des Verfassers
fab« nicht um ein selbständiges Krankheitsbild, vielmehr ist die
besondere Schwere der Erscheinungen durch Verdursten bedingt
and durch Wasserzufubr zu beheben. Die Fiebortypen verhalten
«ch im wesentlichen wie beim Säugling. Ebenso die Begleit- und
folgeerkrankungen. Die asthmatischen Zustände haben keine di-
|. te Beziehung zur Erkrankung der Nase; stets ist eine be¬
reitende Bronchitis bei besonders Disponierten als auslösendes
oment nachweisbar. Eine nasale Therapie ist daher für das
junge Kind^ abzulehnen. Verfasser unterscheidet eine spastische
ronchitjs in den ersten zwei bis drei Jahren, bestehend in akuten,
8 ktoiiscb von Reizen der erkrankten Bronchialschleimhaut auf
r.K • j ^ mus ^ u ^ atur ausgelösten, leicht durch Urethangaben
erwmdbaren Anfällen (siehe auch Sa) von dem eigentlichen Asthma,
erst später vom dritten bis vierten Jahr ab auf Grund einer
d °5, lsc J em physematösen Bronchitis auftritt. Die Miterkrankung
erdauungsorgane kann auch einmal zu Appendicitis führen;
D \ni ^ analog der Entstehung des parenteral bedingten
K J . a ! 8 kenn Säugling als eine durch die anatomische Be-
br !' eit ' T J ,e ^ D &t 0 lokale starke Bakterienreaktion auf den allge-
Darm treffenden toxischen Reiz zu erklären.
Für die Therapie ist auch hier, besonders für das konstitu¬
tionell disponierte Kind, die klinische Erfahrung maßgebend, daß
die für den Erwachsenen rein lokalisierte Infektion für das Kind
eine häufig tiefgreifende und oft folgenschwere Allgemeinerkrankung
bedeutet. Die auf die Wirkung des Kalkes auf Schwellungszustände
der Schleim- und serösen Haut gesetzten therapeutischen Hoff¬
nungen haben sich für die Behandlung der Nasopharyngitis nicht
bestätigt (siehe auch 4). Einer individualisierenden Therapie stehen
mannigfache Wege offen: Das Ziel ist immer, aus diesen blassen,
müden, appetitlosen, muskelschwachen, ewigkränklichen Kindern
widerstandsfähigere, frohe, beweglichere, den kleinen Schäden des
Krankseins und dem tätigen Leben besser angepaßte Menschen
zu machen. Auch hier spielt die Fortsetzung der Angewöhnung
an wechselnde Luftreize und Anregung zu besserer Reaktions¬
fähigkeit der Haut, motorische und psychische Anregung eine
wichtige Rolle; der verdiente Wert diätetischer Maßnahmen wird
anerkannt, wenn auch weder wahrscheinlich noch bisher bewiesen
ist, daß solche allein einen entscheidenden Einfluß haben. Be¬
sondere Bedeutung hat eine strenge, wenn auch aus psychischen
Gründen nicht zu übertreibende Behandlung während jeder akuten
Attacke. Im ganzen eine der lokalen Polypragmasie ab- und dem
wesentlichen des Gesamtzustandes zugewandte Therapie, einerseits
höchst aktiv, wie anderseits in ihren Grundzügen schonend, weil
sie die Prophylaxe zu beherrschen sucht.
In einem zweiten Teil werden die selbständigen Lokalerkran¬
kungen im Gebiete der Nase und des Pharynx behandelt: die Er¬
krankungen der regionären Drüsen, des lymphatischen Gewebes
und der Nebenhöhlen. Die frühzeitige und chronische Schwellung
der Cervicaldrüsen deutet auf die abnorme Reaktionsfähigkeit bei
exsudativer Diathese und auf chronische Zustände. Die chro¬
nische Schwellung der JugulardrÜsen ist beim Säuglinge vordäehtig
auf tuberkulöse Infektion. Bei akuter Erkrankung erfolgt Rück¬
bildung oder Abscedierung. Im letzteren Falle reichen kleine In-
cisionen, unter Umständen schon Aspirationen, aus, die zweck¬
mäßig mit den die Haut schonenden feuchten Spiritus-G ly cerin(aa)-
Umschlägen unterstützt werden. Nach sorgfältigen Untersuchungen
konnte der Verfasser feststellen, daß Hyperplasie der retropharyn¬
gealen Drüsen in den ersten zwei Jahren häufiger ist als bekannt,
und demzufolge, daß sie auch häufiger Rückbildung erfährt, als
daß sie zu dem bekannten Retropharyngealabsceß führt. Dem¬
gemäß ist dort, wo die Hyperplasie erkannt wird, eine abwartende
Therapie geboten und erst bei nachweisbarer Fluktuation zu
operieren.
In der Auffassung der lymphatischen Hyperplasien geht der
Verfasser außerhalb des derzeitigen Meinungsstreits seinen eignen
Weg. Er sieht in den lymphatischen Organen Karapforgane, deren
entzündliche Hyperplasie primär eine Begleiterkrankung der wieder¬
holten und chronischen Nasopharyngitis ist, sekundär aber durch
ihre chronische Hyperplasie auf dem Wege mechanischer örtlicher
Störung und der Retention bakteriellen und eitrigen Materials eine
nosologische Selbständigkeit erreicht. Die exsudative Diathese ist
für die chronische Hyperplasie ätiologisch mitbestimmend, die Auf¬
stellung eines gesonderten Status lymphaticus oder gar thymico-
lymphaticus ist verfehlt.
Für die Größe der Hyperplasie der Rachenmandel gibt es
keinen direkten klinischen Maßstab; bestimmend für Diagnose und
Therapie ist vielmehr der Grad der durch sie gesetzten Schädi¬
gungen. Unter diesen 6teht in erster Linie die Intensität der
wirklichen, abgesehen von der durch schlechte Gewohnheit be¬
dingten Behinderung der Nasenatmung, wohl auch ihre Steigerung
in der akuten Attacke, in zweiter Linie die Folgen für Unter¬
haltung chronischer Nasenrachenkatarrhe, die um so geringer sind,
je jünger das Kind ist, für Erkrankungen des Mittelohrs, der
Blutbildung (Herabsetzung des Hämoglobingehalts und Vermehrung
der Lymphocyten), der Sprache (geschlossenes Näseln), für Stö¬
rungen des Schlafs (Pavor nocturnus), sofern sie in sicherer Be¬
ziehung zur Hyperplasie stehen und nicht psychogen sind. Nicht
in direktem Zusammenhänge mit der Hyperplasie stehen und durch
nebenlaufende andere Erkrankungen bedingt sind der sogenannte
adenoide Gesichtsausdruck, die Aproxetia nasalis, die von manchen
angenommene Steigerung der Empfänglichkeit für Infektions¬
krankheiten oder gar Mastdarmprolaps und Enuresis nocturna.
Alle diese Symptome werden also auch durch Entfernung der
Rachenmandel nicht beeinflußt. Demgemäß ist die Entfernung der
Rachenmandel vor dem zwölften Jahre nur auf absolute Indikation
erheblicher mechanischer Störung, das heißt ausschließlicher Mund¬
atmung bei Tag und Nacht, zu gründen und mit Erfolg vorzu¬
nehmen. Jenseits dieser Zeit treten die nahen Beziehungen
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138
3i. Januar,
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 5.
zwischen Schleimhauterkrankung und Hyperplasie zurück und die
Operation wird auch bei geringeren Beschwerden guten Dauer¬
erfolg haben. Die Gefahren der Operation (besonders Blutung
durch Gewebsreste, Allgemeininfektion) werden eingehend be¬
sprochen, ebenso die Frage der Narkose, die für das neuropathische
Kind zu bejahen ist und am besten mittels Methylchlorid nach
Cannes ausgeführt wird. Streng verboten ist die Operation zur
Zeit lokaler entzündlicher Affektion oder von Scharlach-, Di¬
phtherie- und schweren Grippeepidemien.
Eine selbständige Erkrankung der Gaumentonsille ist einmal
in einer erheblichen mechanisch behindernden Vergrößerung und
zweitens in den chronisch entzündlichen Veränderungen in den
Lacunen und Krypten Zusehen. Die letzteren sind von E. Beck,
Kofler, Pössler und Andern neuerdings als wichtigster oder je
nach dem Maße des therapeutischen Bekenntnisses einziger Aus¬
gangspunkt toxischer und infektiöser Erkrankungen, wie Sepsis, I
Gelenkrheumatismus, Endokarditis, Chorea, chronischer, hämor¬
rhagischer Nephritis und rheumatischer Dermatosen angesprochen
worden. Diese Anschauungen sind trotz vieler Stützen generell
nicht sichergestellt, wichtiger aber ist für das Kindesalter, daß |
diese supponierten Folgeerkrankungen hier von der gesamten
Schleimhaut einschließlich der lymphatischen Organe und nicht
von diesen allein ausgehen. Therapeutisch ist daher die Tonsill¬
ektomie als eingreifende Operation nur dort erlaubt, wo die
Tonsillotomie eine Neigung zu rezidivierenden peritonsillären
Abscessen nicht zur Ruhe gebracht hat oder wo kryptogenetische
Sepsis Gelenkrheumatismus und hämorrhagische Nephritis bereits
vorliegen und die Gesundheit des Kindes nachweisbar chronisch
schädigen. Die Tonsillotomie ist bei gleicher Indikation und bei
grobmechanisch behindernder Hyperplasie zunächst die gegebene
Methode.
Die Erkrankungen der Nebenhöhlen sind (abgesehen bei
Scharlach) beim Kinde noch seltener. Siebbein und Kieferhöhlen
sind bei Neugeborenen und Säuglingen, die Stirnhöhle vom fünften
bis sechsten Jahr ab regelmäßig vorhanden.
Ein dritter Teil befaßt sich mit den Erkrankungen des
Mifctelohrs, von denen ein großer Prozentsatz als Teilerscheinung
der Nasopharyngitis aufgefaßt werden muß, in leichteren Formen
häufig ist und auch von dem Praktiker mehr Beachtung verdient.
Auch hier ist die Entwicklung selbständig imponierender Erkran¬
kungen bei der Bedeutung deß Organs bekannt und aus den
anatomischen Verhältnissen erklärlich, wie auch hier die Neigung
zu chronischen Katarrhen (außer bei den Katarrhen nach Schar¬
lach, Diphtherie und M,asern) und zu Rezidiven auf konstitutioneller
Basis beruht. Es würde in diesem Zusammenhänge zu weit führen,
auf alle Details referierend einzugehen. Die den kindlichen Ver¬
hältnissen entsprechende Untersuchungstechnik, die Pathogenese
im Zusammenhänge mit der Nasopharyngitis und die selbständi¬
geren tiefgreifenderen Erkrankungsformen, die fortschreitenden
klinischen Symptome und Befunde werden entwickelt unter Hin¬
weis auf die für die tägliche Praxis wichtigen Momente und
Grenzen, die Befunde sind durch schöne, farbige Abbildungen ver¬
deutlicht; alle Komplikationen, die an der Grenze praktischer und
spezialistischer Uebung liegen, ebenso auch die Erkrankungen des
Gehörgangs werden besprochen. Die gesamte Therapie, einschlie߬
lich der Paracentese, ist ausführlich behandelt, die Therapie der
Komplikationen ist im wesentlichen Sache des Spezialisten, für
leichtere Formen der Mastoiditis ist auch nach Ansicht der Ohren¬
spezialisten die Wildesche Schnittmethode berechtigt. Auf die
Eigentümlichkeiten der Mittelohrentzündung im Säuglingsalter wird
in einem besonderen Kapitel zusammenhängend verwiesen, wenn
auch pathologisch-anatomisch eine Sonderstellung dem Säuglings-
alter nicht zukommt. Besonders häufig ist die sogenannte Otitis
media concomitans. Göppert fand sie bei einem Material aller¬
dings elender Säuglinge (73 Untersuchte) an 75 °/ 0 der Ohren, am
häufigsten (90%) im zweiten bis vierten Monate. Für das Zu¬
standekommen spielt die Häufung der Nasopharyngitis, die Mög-
lichkeit des Eindringens von Erbrochenem in den Nasenrachen¬
raum und die Tube, endlich auch die Kachexie eine besondere
Rolle; schwere Formen sind selten, wenn auch die Verzögerung
der Resorption im Mittelohre zu plötzlichen schweren Krankheits¬
bildern führen kann. Allgemeinbehandlung gewinnt hier ihre be¬
sondere Bedeutung, die Diäthetik nicht minder als die Rezidiv¬
verhütung. Dann kann und soll man bei der nötigen Wachsam¬
keit auf Paracentese verzichten. Der Einfluß, den die Mittelohr¬
entzündung auf das Allgemeinbefinden des Säuglings hat, entspricht
im allgemeinen dem der akuten Nasopharyngitis: So lange diese
die Krankheit beherrscht, muß sie als die eigentliche Ursache von
Störungen angesehen werden; je selbständiger und akuter im
weiteren Verlaufe die Mittelohrentzündung sich geltend macht, um
so eher ruft sie nochmals die Begleiterscheinungen akut entzünd¬
licher Erkrankung hervor; Unruhe, Appetitlosigkeit, Erbrechen
deuten dann auf eine akute Steigerung der lokalen Infektion,
während in zahlreicheren anderen Fällen der Zeitpunkt der not¬
wendig werdenden Paracentese oder die Spontanperforation unter
unbedeutenden Symptomen verläuft. Im Kindesalter spielen Schmerz
und nervöse Komponente eine größere Rolle; es ist in manchen
Fällen nicht leicht zu entscheiden, ob die bei chronischem Mittel¬
ohrkatarrh vorhandene Blässe und Mattigkeit eine Folge des
Ohrenlaufens oder vielmehr dessen konstitutionelle Ursache ist.
Solche besonders asthenische schlaffe Kinder haben auch bei Ein¬
tritt von Schwerhörigkeit durch diese in ihrem Fortkommen in der
Schule stärker zu leiden, da sie nicht wie frische, gesunde Kinder
den erforderlichen Grad von Konzentration im Unterricht aufzu¬
bringen vermögen. Hier kommt den Eitern die besondere Auf¬
gabe der UebuDg der Kinder in der Aufmerksamkeit auf Hörreize
zu ebenso wie dem Schularzt die Verpflichtung, die Eltern ent¬
sprechend zu beraten und Berücksichtigung im Unterricht anzu-
ordnen.
Ein letzter vierter Teil enthält die Erkrankungsformen am
Nasenrachenraum und Mittelohr bei den akuten Infektionskrank¬
heiten. Die große persönliche Erfahrung des Verfassers nicht nur
über den klinischen Verlauf der örtlichen Affektionon, Bondern
auch über die Beziehungen zum Gesamtverlaufe machen diesen
Teil besonders wertvoll.
Bei der Diphtherie ist die Häufigkeit und der Verlauf der
Nasendiphtherie beim Säuglinge zu beachten. In gewissen, die
Ausbreitung der Diphtherie auch sonst begünstigenden Zeiten sind
sehr zahlreiche Säuglinge Diphtheriebacillenträger. Seligmann
und Schloß fanden im Anschluß an den feuchten Sommer 1911
vom 1. Oktober 1911 bis 1. Januar 1912 unter 139 Aufnahmen
45 Bacillenträger, also Vs» allerdings nicht nur Säuglinge. Die
primäre Nasendiphtherie (blutiger Schnupfen weist auf die Diagnose)
kann in jeder Altersstufe, so auch beim Säuglinge, harmlos ver¬
laufen, die lokale Erkennung der Beläge am Septum ist leicht,
wichtig ist, daß ohne Tonsillenaöektion beim Säugling unerwartet
Larynxdiphtherie von der Nase aus entstehen kann. Bei Diphtherie¬
bacillenträgern hat sich eine 10%ige Protargolsalbe gut bewährt.
Als Ohrkomplikation tritt am häufigsten einfacher sekundärer
Mittelohrkatarrh auf, viel seltener ist sekundäre oder primäre
Mittelohrdiphtherie, deren Sekret spärlich wäßrig, dann mit Flocken
und Fetzen diphtherischer Membrane vermischt ist. Auch Diphtherie
der Ohrmuschel und des Gehörgangs kommt bei vorhandenem
Ekzem vor und gibt zu Uebertragungen leicht Anlaß.
Die Erkrankung dor Nasenschleimhaut bei Scharlach kann
im schweren Fall ebenso intensiv und destruierend wie die Angina
sein, beim Säuglinge kommt es nicht zum Scharlachbilde, dem Exan¬
them, wohl aber zu ähnlichen schwereren Bildern von Nasopharyn-
gitis. Leichtere Erkrankungen der Nebenhöhlen sind beim Kinde
nachzuweisen, schwerere sehr selten. Die Erkrankung des Mittel*
ohrs ist nicht häufig (Nager fand in mittel schwerer Epidemie 15,8%
mit 7,5 % Perforationen), aber schwererer Natur. Neben leichterem
Verlaufe sind Miterkrankung der Gehörknöchelchen, des Warzen¬
fortsatzes, des Labyrinths nicht selten; auf verschiedene Weise
kann es so zu Ertaubung kommen. Sorgfältigste Behandlung
und rechtzeitige Paracentese werden empfohlen.
Bei Masern ist die Erkrankung des Nasopharynx pathogno*
monisch, blutiger Schnupfen muß immer an Diphtherie denken
lassen; das Mittelohr erkrankt fast regelmäßig, in 50% lasseu
sich erheblichere Mittelohrerkrankungen nachweisen, meist sind
sie weniger tiefgreifend wie die bei Scharlach, doch bildet die
Masernerkrankung die zweithäufigste Ursache zu schwereren Stö¬
rungen. Der Wert prophylaktischer Nasenbehandlung wird über¬
schätzt. Die Grundsätze der Behandlung entsprechen denen bei
Scharlach.
Betreffs der epidemischen Oerebrospinalmeningitis ist die
Häufigkeit der Meningokokkenträger erwiesen, am besten ge¬
deihen die Meningokokken hinten im Nasemachenraum. Einfacher
Meningokokkenkatarrh ohne Meningitis ist nicht selten, indessen
ist für diese Diagnose (analog der Diphtherie) nicht der Bacillen -
nachweis, sondern der besondere lokale Befund (scharfabgesetz
strichförmige Rötung parallel den Gaumenbögen, Rötung des oberen
Tonsillenpols, häufig intensiv entzündliche Reaktion an der hin¬
teren Rachenwand) maßgebend. Erkrankung des Mittelohrs in dei
orsten Woche (vom dritten Tag ab) sind seltener, doch öfter
schwerer Natur, von der zweiten Woche ab häufiger und leichter
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139
HE KLINIK — Nr. 5.
31. Januar. 1915 — MEblZINLSL
Wichtig wäre die prophylaktische Behandlung der Bakterienträger:
Protargolsalbe, 3 °/o Jodglycerin und Wassersfcoffsuperoxydgurgelii
zugleich mit Inhalation alkoholischer Lösungen von Jod, Guajakol
und Thymol sind empfohlen.
Die Tuberkulose der Nase ist beim Kinde erst jenseit des
xehnten Jahres und auch dann selten beobachtet. Primäre Infek¬
tionen mit dem Fingernagel im vordersten Nasenteil oder Lupus
kommen in Betracht. In der Rachenmandel sollen bei 4 bis 5 %
Tuberkulose nachgewiesen sein. Etwas häufiger ist die Tuberku¬
lose des Mittelohrs, nicht selten im ersten Halbjahr und ersten
Lebensjahr ist eine progressive Mittelohr- und Knochentuberkulose.
Neben der zunächst uncharakteristischen Mittelohrentzündung fällt
die Vergrößerung aller regionären Drüsen auf; allmählich wird der
Knochen fortschreitend befallen. Für die tuberkulöse Mittelohr¬
erkrankung ist die primäre Warzenfortsatztuberkulose als ursäch¬
lich von Henrici wahrscheinlich gemacht. Die Erfolge der The¬
rapie sind wenigstens lokal oft unerwartet günstig.
Bei Lues coDgenita ist die Erkrankung der Nase eines der
wichtigsten Frühsymptome, das selten fehlt, und auch eines der
folgenschwersten. Nicht selten ist sie die Eingangspforte für Sepsis
and Meningitis und Überaus häufig, wie der chronische Schnupfen
ein Hindernis zum Trinken und der Anlaß zum Absetzen von der
Brost. Das erste Stadium der Erkrankung in den ersten Wochen
ist ein trockener Katarrh mit starker Schleimhautschwellung,
das zweite Stadium bildet einen eitrigen Katarrh, an deu sich
später destruktive Prozesse am Knochenknorpelgerüst anschließen
können. Außer diesem Frühprozeß gibt es eine Spätform analog
der tertiären Lues des Erwachsenen. Die Erkrankungen des Mittel-
ohrs sind noch nicht hinreichend geklärt. Beim Säuglinge sind
Mittelohraffektionen, nicht immer luetischer Art, häufig. Für das
Kind sind doppelseitige Ertaubung zwischen dem siebenten bis
zwölften Jahre (bei schwerer Form hereditärer Lues) bekannt, die
nach Mayer durch fortschreitende Neuritis acustica von latent
meningitischen Prozessen aus bedingt ist.
Anschließend an die Besprechung des Buches von Göppert
mag eine kurze Besprechung der gegenwärtigen Auffassung des
Hospitalismus folgen. Die Arbeiten von L. F. Meyer sind erst
im vorigen Jahre hier (diese Z. 1913. S. 1303) entsprechend ge¬
würdigt worden. Nicht lange vorher glaubte Schloß mann einen
Hospitalismus als nicht mehr bestehend ablehnenzu müssen. Wir
können uns vorerst diesem stolzen Bekenntnisse nicht anschließen.
Infektionen und Mängel der Pflege bleiben heute als wichtigste
Ursachen. Von den früher zahlreicheren epidemischen Infektionen
sind als wesentlich die Grippe, die Erkrankungen der oberen und
tieferen Luftwege, geblieben. Die Hospitalschäden, die von ihr aus¬
gehen, zu überwinden, gibt es zwei Wege, der eine die Verhütung
der Infektionsübertragung, der andere die Erhöhung der Wider¬
standsfähigkeit gerade des am meisten gefährdeten exsudativen
Kindes. Den einen Weg hat L. F. Meyer mit einem wohl aus¬
gedachten Boxensystem unter besonderer Berücksichtigung der
Vantilationsfragen begangen, für den zweiten Weg sind in den
therapeutischen Gesichtspunkten, wie sie Göppert gibt, bedeut¬
same Anregungen und Anleitung gegeben. Mit ihnen decken sich
gerade auch die Forderungen, die wir an eine gesonderte aktivere
Pflege des anfälligen Säuglings stellen müssen, um innerhalb der
gegebenen Verhältnisse den Rest von Hospitalismus zu überwinden.
Die diätetischen Fragen sind befriedigend geklärt. Für die akute
parenteral bedingte Störung, die in schleimigen, vermehrten Stühlen
besteht, leisten Nabrungsreduktion, Fett- und Zuckerreduktion,
besonders auch die Molketherapie (Göppert-Frank) (5), voraus¬
gesetzt, daß sie zielbewußt durchgeführt wird, gutes. Für die
Prophylaxe und die chronischen Störungen leisten die Eiweißtherapie,
die Eiweißmilch nächst der Frauenmilch beim Säugling und die
LF. Meyer sehe Eiweißtherapie beim älteren Kinde das beste. Den
günstigen Einfluß der Eiweißfütterung bei experimenteller Fütte-
im Tierversuche haben speziell für Tuberkulose Thomas (6)
uw Hornemann (7) erwiesen. In besonderm Zusammenhänge
jd Langstein (8) einerseits die Bedeutung der Frauenmilch, als
Ersatz in erster Linie der Eiweißmilch gegenüber allen
otlehydratreichen Milchgemischen für die Therapie der Grippe
j der Tuberkulose hervorgehoben und anderseits die Gefahr der
,J? nitl0D klargelegt, zu deren konsequenter Ueberwindung im
“ Fall er Sondenernährung befürwortet. Die gleichen thera¬
peutischen Gesichtspunkte vertreten für die Diätetik Lang stein
Meyer in der zweiten Auflagen ihres Grundrisses (9) (siehe
Kapitel Infektion und Ernährung).
W ^ (M) glaubt annehmen zu dürfen, daß die adenoiden
^oerungeu (%P®rplasie der Rachentonsille) angeboren seien.
Seiner Ansicht ist Czerny (11) entgegengetreten mit dem Hinweis
auf das Fehlen des pathologisch-anatomischen Beweises, der für
den Neugeborenen von Bartenstein im verneinenden Sinne er¬
bracht sei und auf die exsudative Diathese. Die Frage hat durch
die Darstellung der Rinitis posterior von Göppert und durch
dessen Auffassung des lymphathischen Apparats eine wesentliche
Klärung erfahren.
Dieser oben besprochenen Auffassung entsprechend erübrigt
es sich, auf die lebhaft diskutierte Frage der Berechtigung der
Tonsillektomie einzugehen. Die radikale Operation ist mit Recht
für das Kindesalter auf die schwersten Fälle beschränkt. Radi¬
kaler haben sich noch Pässler (12), Glas (13) und Oertel (14)
ausgesprochen. Entschieden konservativ sind Görke (15),
Kuttner (16), Riedei (17), Goldmann (18), Tenzer (19),
Lay ton (20) und Senator (21). Die Radikalen sehen ihre Be¬
gründung in der Infektionstheorie, sie beschuldigen die Gaumen¬
mandeln als Herd und Ausgangspunkt rheumatischer, septischer
und nephritischer Prozesse. Die Beweise hierfür sind nur zum
Teil erbracht. Senator (21) konnte zeigen, daß auch von der
Rachentonsille aus bei einem lOV^jährigen Mädchen multiple
rheumatische Erkrankungen ausgehen können. Die Konservativen
fassen die Tonsillen als Wächter (Abwehrtheorie) auf: Görke (15)
hat diese Auffassung am plausibelsten zu machen versucht, indem
er die Tonsille für das Kindesalter als eine Schutzwehr gegen die
vielfachen von ihr ausgehenden, an ihr sich zuerst manifestieren¬
den Infektionskrankheiten annimmt und indem er eine erhebliche
Störung der normalerweise vom zwölften Jahr einsetzenden Invo¬
lution als einzige Indikation für eine radikale Entfernung der
Tonsille anspricht. Die oben mitgeteilte Auffassung von Göppert
scheint uns indessen den klinischen Verhältnissen am besten zu
entsprechen.
Interesse verdienen die günstigen Erfahrungen, die Gerber(22),
Gutmann (23), Citron (24), Assmy und Kyritz (25) und
Flandin (26) mit der Salvarsantberapie der Angina Vincenti auch
bei Kindern mitteilen. Oertliehe Anwendung empfehlen Citron
(Salvarsan 0,1, suspendiert in Glycerin 5,0, an drei Tagen je ein¬
mal pinseln) und Flaudin. Für besonders schwere Fälle sind
subcutane Injektionen mit Erfolg verwendet worden. Nach Gut¬
mann halten sich trotzdem die Spirillen in den schlecht mit Blut
durchspülten Membranen noch lange!
Schlemmer (27) bespricht die relative Häufigkeit der
Nasennebenhöhlenerkrankungen im Kindesalter. Außer 33 Fällen
der Literatur berichtet er Über 24 eigne (nicht ausschließlich des
Kindesalters). Meist ist die Kieferhöhle, demnächst die Siebbein¬
höhle erkrankt. Scharlach war in 42 °/o der Fälle ätiologisch
festzustellen, sonst Diphtherie, Erysipel, Parotitis epidemica,
Tonsillitis.
Literatur: 1. F. Göppert, Die Nasen-, Rachen- und Ohrerkrankungen des
Kindes in der täglichen Praxis. (Springer, 1914.) — 2. Derselbe, Der Darm bei
foudroyant verlaufender Genickstarre. (Zschr. f. Kindhlk. 1913. Bd. 7.) —
3. Derselbe, Die Rinitis posterior im Säuglingsalter. (B. kl. W. 1913) — 3a. Der¬
selbe, Zur Behandlung der akuten spatischen Bronchitis im Anfall. (B. k. W. 1912.)
4. Derselbe, Bedeutung der Kalksalze in der Therapie. (M. Kl. 1914.) —
5. E. Frank, Die Anwendung der Molketherapie. (Jb f. Kindhlk. 1913, Bd. 77.)
— G. E. Thomas, Experimentello Beiträge zur Frage der Beziehungen von In¬
fektion und Ernährung. (Biochem. Zschr. 1913, Bd. 57, nnd D. m. W. 1913.) —
7. 0. Hornemann, Eyperimentelle Beiträge zur Frage deT Beziehung von Infek¬
tion und Ernährung. II. Mitteilung. (Biochem. Zschr. 1913, Bd. 57.) —
8. L. Langstein, Welche Aufgaben stellen die Infektionen im Sauglingsalter der
Diätetik. (Zschr. f. Kindhlk. 1913, Bd. 7.) — 9. L. Langstein und L. F. Meyer,
Säuglinsrsernahrung und Sänglingsstoffwechsel. (2. Aull. Bergmann, 1914.) —
10. Erdely, Siud die adenoiden Wucherungen angeborenV (Jb. f. Kindhlk. Bd. 73.)
— 11. Ciemy, Sind die adenoiden Wucherungen angeboren? (Mscbr. f. Kindhlk.
1912, Bd. 10.) — 12. Pässler, Radikale Tonsillektomie oder konservative Be¬
handlung der chronischen Tonsillitis. (Ther. Mh. 1913.) — 13. E. Glas, Die Aus¬
schälung der Gaumenmandel und ihre Bedeutung. (M. Kl. 1914, Nr. 24.) —
14. Oertel, Die chronische Mandelgrubeninfektion und ihre Behandlung durch
Tonsillektomie. (Passows Beitr. 1913, Bd. 6.) — 15. Gflrke, Zur Tonsillektomie¬
frage. (B. kl. W. 1913.) — 16. Kuttner, Tonsillotomie oder Tonsillektomie.
(M. Kl. 1913.) — 17. Riedel, IJeber die Tonsillektomie bei Kindern. (M. m. W.
1913. ) — 18. Goldmann, Behandlung der Gaumenmandeln. (Mscbr. f. Ohrhlk.
1913.) — 19. Tenzer, Einiges zur TonsiUektomiefrage. (W. m. W. 1913.) —
20. Layton, Tonsile and adenoids in children. A plea for fewer Operation!.
(I,anc. 1914, Bd. 186.) — 21. Senator, Weiteres über ätiologische Beziehungen
zwischon rheumatischen und nasalen Erkrankungen. (D. m. W. 1913.) —
22. Gerber, Die bisherigen Erfahrungen mit Salvarsan und Neosalvarsan. (M.
m. W. 1913.) — 23. Gutmann, Das Verhalten der nicht syphilitischen Spiro-
chätenerkrankungen der Mund- und Rachenhöhle gegenüber dem Salvarsan.
(Derm. Zbl. 1913.) — 24. Citron, Zur Therapie der Angina Plaut Vincenti.
(B. kl. W. 1913.) — 25. Assmy und Kyritz, Ueber Salvarsanbehandlung ge-
sebwüriger Prozesse, welche durch dio Vincentsche Symbiose veranlaßt sind.
(Areb. f. Schiffs u. Trop. Ilyg. 1913 z Bd. 17.) — 26. Flandin, Traitement local
de l’angino et de la sfromatifo de Vincent par le 606. (Boll. et mem de la aoc.
m6d. des hup. de Paris. 1914, Jg. 30.) — 27. Schlemmer, Die Nebeuhöhleu-
erkraukungon des Kindosalters. (Arch. f. LaTyng. 1913, Bd. 28.)
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UNIVERSUM OF IOWA
140
81. Januar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 5.
Ans den neuesten Zeitschriften.
Berliner klinische Wochenschrift 1915 . Nr. 3.
Zinn und Mühsam (Berlin): Ueber extrapleurale Thorako-
plastik bei Lungentuberkulose und Bronchiektasen. Die fünf Kranken
mit Lungentuberkulose, bei denen thorakoplastisc-he Operationen zu r
Ausführung gebracht wurden, stellen verschiedene Formen und Stadien
der Phthise dar. Dreimal handelte es sich um eine kavernöse Phthise,
einmal um eine vorwiegend infiltrative mit nur kleineren Destruktions¬
herden, einmal um eine bronchiektatische Lungentuberkulose. Die Er¬
folge zeigen an vier Fällen, daß der extrapleuralen Thorakoplastik in der
Behandlung der Lungentuberkulose ein wuchtiger Platz gesichert ist-
Im wesentlichen kommt die Thorakoplastik in Betracht da, wo die
Kollapstherapie der kranken Lunge indiziert, die Pneumothoraxbehandlung
aber wegen Verwachsungen der Pleura nicht durchführbar ist. Die
Größe des Eingriffs und die im Gegensatz zur Pneumothoraxbelumdlung
dauernde Fimktionsausschaltung der kranken Seite rechtfertigen die
Operation nur in schweren Fällen, bei denen durch eine genügende Be¬
obachtung einerseits die Aussichtslosigkeit des Falles bei fehlender oder
geringer stationärer Erkrankung der andern Lunge, anderseits aber auch
eine nicht zu geringe Widerstandskraft des Kranken festgestellt ist. Bei
den wegen Bronchiektasen operierten Fällen wurde die partielle Thorako“
plastik ausgeführt, welche durch die Retraktion der Lunge das Einsinken
und Veröden der Bronchiektasen und bindegewebige Induration ermög¬
lichen soll. Die Fälle bestätigten die bekannten Schwierigkeiten, die der
wirksaman Behandlung der Bronchiektasen auch auf operativem Weg
entgegenstehen und in der anatomischen Natur des Leidens (ungenügendes
Zusammenfallen der Hohlräume wegen zu großer Starre des Gewebes)
begründet sind. (Schluß folgt.)
Honig mann (Breslau): Ueber Schußverletzungen der Blut¬
gefäße. Schußverletzungen der Blutgefäße können zu primären Blutungen,
Nachblutungen lind zur Aneurysmenbildung führen. Die Arbeit berichtet
über neun Fülle, von denen einer eine schwere Nachblutung, die übrigen
Aneurysmenbildungen betreffen. Wenn auch theoretisch die Gefäßnaht
die ideale Operation darstellt, so scheinen doch in der Praxis die mit
den älteren Methoden erzielten Erfolge recht günstig zu sein und gerade
beim „Kriegsaneurysma“ die Anzeigen der Gefäßnaht selten vorzu¬
kommen.
Oppenheimer (Berlin-Grunewald): Die Anpassung der deutschen
Volksernährung an die Kriegslage. (Schluß.) Neben die wichtigste
Maßregel, die Ersparung von menschlichen Nahrungsmitteln durch Ein¬
schränkung der Viehhaltung, müssen natürlich alle Möglichkeiten treten,
unsere Produktion an landwirtschaftlichen Erzeugnissen zu steigern.
Eine sehr wichtige Frage der landwirtschaftlichen Produktion ist der
Ersatz für die zahllosen zum Militärdienst eingezogenen Arbeiter und
Pferde, von denen letzteren uns etwa 14% fehlen. Eine recht große
Sorge bereitet uns die Beschaffung der notwendigen Düngemittel. Alle
diese Maßnahmen zur Steigerung unserer Produktion sind aber hinfällig,
wenn nicht gleichzeitig eine Anpassung sowohl der Verwertung der
landwirtschaftlichen Erzeugnisse an die gebotene Lage als auch eine
Anpassung der Lebenshaltung jedes einzelnen tritt. Außerordentliche
Ersparnisse in unserer Produktion können wir machen, wenn wir unsere
Gemüse- und Obst Vorräte in verständigerer Weise behandeln, als das
bisher der Fall gewesen ist. Sehr wichtige Anpassungen bei der Pro¬
duktion sind auch bei der Milch notwendig. Alle bisher erwähnten Ma߬
nahmen zur Hebung der Produktion können aber den gewünschten Effekt
der Sicherung der Volksernährung nicht erfüllen, wenn sich nicht als
allerwichtigste Maßnahme eine Anpassung der Konsumption an die
Kriegslage dazu gesellt. Es ist eine absolute und dringende Notwendig¬
keit, daß jeder einzelne Konsument sich völlig bewußt ist, daß er seine
Lebensgewohnheiten in bestimmter Richtung ändern muß. Die aller,
wichtigste Anpassung, neben der alle übrigen Kleinigkeiten sind, ist eine
ganz erhebliche Annäherung an die vegetarische Lebensweise.
Touton (Wiesbaden): Geschlechtsleben und Geschlechtskrank¬
heiten in den Heeren, im Krieg nnd Frieden. i Fortsetzung)
Die Arbeit bespricht die Verbreitung der venerischen Krankheiten in
unserm Heer und in der Marine im Krieg und im Frieden, sowie ihn*
Prophylaxe, bei welcher die Belehrung der Mannschaften, die Schilderung
der Gefahren und die Erziehung zur Sauberkeit eine große Rolle spielen.
(Schluß folgt.)
Dünner (Berlin): Die Bedeutung der Widalschen Reaktion hei
typhusgeimpften Soldaten. Der Nachweis der WidaIschen A-ulmi.
nation ist im Einzelfalle nicht absolut beweisend: denn sie kann einmal
von einem vor vielen Jahren überstaudenen Typhim herriilimi. und
zweitens findet sie sich gar nicht so selten Lei soue-nannimi Baeillen-
trägern. Beobachtungen an einem großen Ivraiikenumierial zeigten
bemerkensweiterweise, wie außerordentlich häufig sich bei mchliyplius-
kranken Soldaten heute eine positive Widalreaktion findet, und wie also
diese sonst so hoch zu schätzende Reaktion heute allen Wert bei Feld-
zugateilnehmern verloren hat. Der weitaus größte Teil der mit Schutz»
sfoff gegen Typhus geimpften Soldaten hat die specifischen Agglutininc er¬
zeugt. Diese Feststellung prüjudiziert freilich nichts für den wirklichen
Schutz wert der Impfung.
Posuer: Zur Pathologie und Therapie der Pyelitis. Bezüglich
der Frage, ob die Pyelitiden cystogenen oder hämato- beziehungsweise
lymphogenen Ursprungs sind, stellt sich der Verfasser auf die Seite
derer, die beide Wege für möglich halten, die nietastatische Entstehung
aber für häufiger ansehen. Reckzeh.
Deutsche medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. 3 .
A. Neisser (Breslau): Krieg, Prostitution und Geschlecht**
krankhaften. Die Mannschaften sind darüber aufzuklären, daß jede
Prostituierte krank ist. Die Verheirateten besonders sind hinzuweisen
auf die spätere Gefahr für Frau und Kinder. Enthaltsamkeit schadet
nicht. Auch ist es leichter, enthaltsam zu sein, wenn man erst wochen¬
lang keinen Geschlechtsverkehr gehabt hat, als wenn man ihn häufig
ausübt. „Die Pause stumpft den Libido ab.“ Alle Prostituierten (in den
besetzte» Städten), deren man habhaft werden kann, sollten durch Kiu-
^perren unschädlich gemacht werden. Man könnte auch sehr wohl die
Infektiosität aller Puellae, soweit die Syphilis in Betracht kommt, gewaltig
herabdrücken, wenn man jede (1) einzelne (mit Verzicht auf eine spezielle
Diagnose) einer energischen Salvarsan- eventuell in Kombination mit
einer Queeksilberknr, unterwirft. „Sollte sich wirklich eine noch nicht
Syphilitische darunter befinden, so würde ihr die Behandlung sicher nicht
schaden.“ ü Referent ) Sonst bleibt nur übrig, den Truppen Kordons
zur Verfügung zu st«*lL*n. Der Verfasser ist ferner nach wie vor der
Ueherzpugung, daß sich in der Mehrzahl dm* Fälle eine ambulante
Syphilisbeliantllung selbst bei der marschierenden Truppe, erst recht bei
der in fester Stellung befindlichen durchführen lasse. Wird nämlich bei
den Truppen, die dem Verkehre mit Prostituierten ausgesntzt war, die
regelmäßige Untersuchung einigermaßen durchgeführt, so können fast alle
Syphilisfidle in noch primärem Stadium entdeckt werden. Mitzuführen
wären allerdings die kleinen Ampullen Neosalvarsan und die kleinen
Fläschchen Meroinol und eventuell ein Liter destillierten Wassers, das
für mindestens 50 intravenöse Neosalvarsaninjektionen reicht, sodaß man
die für die Einzelcinspritzuug notwendige Portion nur noch einmal aufzu-
kochen braucht. Alle Woche' einmal ist die in wenigen Minuten zu
erledigende Neosalvarsan- und Oleum cinereum-Injektion vorzunehmen,
Solche Injektionen sind allcrhöchstens sechs notwendig. Allerdings
müßten die im Heere vorhandenen gut ausgebildeten Spezialarzte, die
j»*tzt an inneren und chirurgischen Lazaretten verwendet werden, für diese
Aufgaben und Behandlung der Geschlechtskrankheiten ausgenutzt werden-
Sold in (Berlin-Wilmersdorf): Zur Klinik der Kriegsrnhr. Per
Charakter der meisten zur Beobachtung gekommenen Fälle wird gut¬
artig. Nur eine kleine Zahl war schon bei ihrer Aufnahme deutlich
vom Tode gezeichnet. Boi ihr war das Unterhautzellgewebe stark ausge-
trocknet: denn die vor dem Unterbautfettgewebe iti Falten abgehobene
Haut glich sich beim Nachlassen des Druckes nicht wieder aus. Hier
ließen die profusen, mit Schleim und Blut, stark durchsetzten Diar¬
rhöen auch auf große Opiumdosen nicht nach. Dabei war das
Sensorium bis zum Tode klar. Tn diesen Fällen scheint die
Krankheit von Anfang an diesen überaus schweren Charakter zu
Indien. Aber der Verfasser sah niemals einen leichteren Fall von Dys¬
enterie in die schwöre Form übergehen. Er erwähnt dann die lauge
Zeit chronisch verblutender Fälle, hei denen trotz des Körperverfalls die
Herzkraft gut bleibt. Die Prognose ist hier im allgemeinen gut. Diese
Falle sind aber verhältnismäßig seltener. Bei ihnen dürften die ge-
Schwüngen Veränderungen des- Dickdarms ziemlich tiefgreifen und kerne
besonden* Tendenz zur Heilung haben. Wahrscheinlich dürften sie auch
mit einof stärkeren Na rlnui bildung des Dickdarms heilen (daher spä¬
tere Enisi‘hädigunL'»ansprih-he!i. Da wo sich lu*i starkem Hungergefüb
eine Besserung des Allgemeinbefindens schon am zweiten Tage bemerkbar
macht, ist der weiße Käst* (auf Rüstzwieback gestrichen) empfehlens¬
wert. Er kann in große Mengen leicht gewonnen werden, iidem mau
ihn entweder mit Lahos>en:: aus frischer Milch ausfällt. oder durch ein
fache«. Erwärmen (bis zu -10°) aus zweitüger saurer Milch.
11. Ferner (Blankenfelde bei Berlin): Störungen der inncreu Se¬
kretion hei Rohr. Sehr häufig trat das Auge lebhaft hervor, sodaß uian
geradezu von einem Glnnzauge sprechen konnte, wenn es nicht sogar
zum echten Exophthalmus kam. Dabei bestand oft das Kochel'» l0
Zeichen: Druckempfiudliclikeit der Schilddrüse. Der beim '1 hyrcoidSmjj^
häufige Tremor der Augenlider wurde bei einem großen Teil der •>
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UNIVERSITÄT OF IOWA
31. Januar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 5.
141
fcstgestellt. Bei fast allen bestand deutliche Dermographie. Neben
diesen Erscheinungen einer gesteigerten Tätigkeit der Schilddrüse
war anch deren Gegenspiel, die Ab Schwächung der Tätigkeit des
Pankreas, nachweisbar (Erweiterung der Pupille nach Einträufelung
eines Tropfens Adrenalin). Oft ist ein erhöhter Sympathikotonus
vorhanden: (ilvkusurie schon nach 100 g Traubenzucker oder 150 g Wei߬
brot oder nach subcutaner Injektion von 1 mg Adrenalin, 'was alles der
Gesunde vertragen muß, ohne eine Spur Zucker auszuscheiden. Da häufig
auch daneben eine gesteigerte Reizung des N. vagus besteht, so sind
Belladonnapräparate, die den Tonus und Vagus herabsetzen, ango-
gliedert. So z. B. bei krampfartigen Zusammenziehungen der Ringmusku-
iatur des Dünndarms nach längst abgelaufener Ruhe. (Oberhalb der
Contraction befindet sich dann der Dünndarm in geblähtem Zustand.)
In einigen Fällen noch bestehender Ruhe mit Speichelfluß, Hypersekre¬
tion der Magenschleimhaut, häufigen Darmentleerungcn, wo Opiumprüpa-
rate versagten, verschwanden alle diese Erscheinungen sofort nach mäßigen
Dosen von Belladoimaprüparatea.
Ernst Fraenkel (Berlin): Ueber die Verwendung des Wasser¬
stoffsuperoxyds bei der Wundbehandlung. Empfehlung besonders der
hochprozentigen Präparate, und zwar namentlich bei infizierten Wunden.
V Hufnagel (Namur): Wnndenbehandlung mit Ultravlolettllclit.
Die „künstliche Höhensonno“, die Quarzquecksilberdanipflampe hat bei
110 Volt 1200, hei 220 Volt 1500 Kerzenlichtstärke. Sie leistet Her-
vorracendes. Man wechselt mit lokaler und allgemeiner (Besserung des
Allgemeinbefindens I) Bestrahlung ab.
Hoffraann (Berlin): Einiges uns dem Marinesanitfitswesen.
Schluß Besprochen wird der Gesundheitsdienst in der Marine, der das
Ziel hat, den Ausbruch von Krankheiten und Seuchen zu verhüten. Am
Land sind die Kasernen, Lazarette sowie das ganze Garnison- oder
das ganze Stationsbereich zu überwachen. Im Kriegsfälle ist die Verhütung
von Seuchen in deu ausgedehnten Fcstungsbezirken der Marine von erhöhter
Bedeutung. Wichtig ist daß Marinetrappen auch zu militärischen Ak¬
tionen an Land außerhalb der Marinefestungsbezirke herangezogen wer¬
den können (im gegenwärtigen Kriege nimmt eine Marinedivision an den
Kämpfen in Belgien teil). Eingehend wird dann die Marinehygiene an
Bord der Schiffe erörtert. Betont wurde unter anderem die Möglichkeit
der Destillation von Trinkwasser aus dem Meerwasser, ferner die Durch¬
lüftung selbst in den Tiefen der Schiffe durch die Ventilationsmaschinen
mit ihrem weitverzweigten Luftschachtsystem. Bemerkenswert sind die
periodischen Wägungen der gesamten Mannschaft an Bord. Eine
nicht zu beseitigende Schattenseite aber der heutigen Kriegsschiffe ist
der stetige nervenzerstörende Lärm daselbst. Ausführlich besprochen
wurden dann die besonderen hygienischen Aufgaben, die den Scbiffsärzten
in den Tropen erwachsen. Denn auch die Besatzungen unserer tro¬
pische Gegenden befahrenden Auslandskreuzer sind den schädlichen Ein¬
flüssen dieses Klimas ausgesetzt. Der Besatzung drohen aber auch hier
dietropischen Krankheiten. Zu deren Studium werden die für ein Aus-
laadsschiff designierten Marine-Sanitätsoffiziere zum Institut für Schiffs- und
Tropenhjgiene in Hamburg kommandiert. Dann erfährt eine sehr eingehende
Besprechung das Musterungs- und Aiisliebungsgeschüft und dasMannschufts-
versorpngswesen. Die Unterlage für die Beurteilung der Dienstbescliädi-
gungdragen liefern die Eintragungen in dieRevier- und die Land- undSchiffs-
lazarettkrankenbücher, sowie vor allem die Krankenblätter. Das bei
der Entlassung aus dem Marinedienste bestehende Krankheitsbild muß
so ausführlich dargestellt sein, daß auch nach Jahren an dem früheren
Befunde kein Zweifel entstehen kann. Am letzten Tage der aktiven
Dienstzeit werden die Zurücklassenden (Reservisten) einer letzten ärzt¬
lichen Untersuchung unterzogen, wobei sie ausdrücklich zu erklären
haben, ob Ansprüche aus Dienstbeschädigung erhoben werden. Weiter
bespricht der Verfasser die Verwaltung**- und organisatorische Tätigkeit
ies Marinearztes. Zum Schlüsse bekämpft er das Vorurteil von der Ein¬
zigkeit der marineärztlichen Laufbahn. Der Sanitätsoffizier muß den
Spezialisten zugerechnet werden, und er ist ebenso wie diese wegen der
Einseitigkeit seiner Tätigkeit nur zu bedauern, wenn er den Zusammen-
tang mit der Gesamtmedizin verloren hat. Freilich — Sanitätsoffizier
*»'d nur derjenige werden, der neben Liebe zur Medizin auch Ver-
'“■•ndnis für Verwaltungsfragen und Neigung zum „Militarismus“ in
'ich trügt.
Hans Hammerl (Graz): Die Desinfektion der Eisenbahn-
Personenwagen. Zu diesem Zwecke empfiehlt sich die Formolvernebe-
tug mittels des Kalkschwefelsäureverfahrens. Das Verfahren ist leicht
urebführbar und für die Praxis durchaus wirksam. Es beruht auf der
envenduüg der beim Löschen des Kalkes entstehenden Wiirme zur Yer-
nng von Wasser und Formol. Dabei ist ein sorgfältiges Verkleben
*r Fernster und Türen, das bei der Desinfektion zahlreicher Wagen
P tisch undurchführbar ist, auch gar nicht notwendig. Die Anwendung
68 *erfalixena wird genau beschrieben. Wichtig ist, daß nur gut dureh-
gebrannter (doppelt gebrannter), frischer Kalk, der nicht lange Zeit an
der Luft gelegen hat, verwendet wird. Vorsicht ist nötig bei Verwen¬
dung der konzentrierten Schwefelsäure wegen ihrer stark ätzenden Eigen¬
schaft. (Der Verfasser weist bei dieser Gelegenheit auf den Vorschlag
hin, frische Brand- oder Aetzwunden mit einem mit wäßriger, gesättigter
Pikrinsäurelösung getränkten Wattebausch so lange zu betupfen, bis jeder
Schmerz verschwunden ist.) Das Verfahren eignet sich auch dazu, in
einem Kasten Kleider jeglicher Art, und zwar auch soleho aus dicken
Stoffen, ohne jede Beschädigung sicher zu desinfizieren.
J. Huäfcek (Prag): Der syphilitische Kopfschmerz. Im Sekundär¬
stadium tritt der Kopfschmerz mitunter als einziges Symptom auf; er kann
auch eine Gesichtsneuralgie Vortäuschen. Es kann ferner eine syphilitische
Osteoperiostitis den Nervus occipitalis major komprimieren. Hinter den
Symptomen eines Gehirntumors kann sich ein intrakranielles Gumma ver¬
stecken oder es erzeugt eine circumscripte gummöse Meningitis, eine
ophthalmoplegische Migräne. Auch die syphilitischen Veränderungen der
Hirngefäße verursachen Symptome, die den sklerotischen ähnlich sind.
Wichtig ist, daß unter der antisyphilitischen Behandlung, speziell bei
Anwendung der grauen Salbe, ein Kopfschmerz entstehen kann, der
bald als neurasthenisch auf toxischer Basis, bald als rein toxisch auf¬
zufassen ist.
Döhring (Königsberg i. Pr.): Ueber Wirkung und Resorption
von Qaecksllberpräparaten, insbesondere des Kontraluesins. Vor¬
trag, gehalten im Verein für wissenschaftliche Heilkunde in Königsberg
am 4. Mai 1914.
O. Köhler (Greifswald): Zum Tuborkelbacillennachweis im
Blute. Der Meersclnveinchenvcrsuch ist das feinste Reagens auf lebende,
virulente Saugetiertuberkelbacillen. Er ist für den Nachweis von Tu¬
berkelbacillen dem mikroskopischen Präparat qualitativ und (plantitativ
bedeutend überlegen. Qualitativ erlaubt er sogar allein mit Sicherheit
die Diagnose „Tuberkelbacillus“.
W. Lütli (Thorn): Die Behandlung des Erysipels mit Ichthyol.
Die erkrankte Haut wird mit warmem, ungemischtem Ichthyol mittels
eines Holzspatels dicht bestrichen, und zwar gut einen Zentimeter auf
die gesunde Haut übergreifend. Darauf wird eine nicht zu dicke Schiebt
Watte gelegt, ln der Regel braucht der Anstrich nicht erneuert zu
werden. üebersch reitet der Prozeß die Grenzen des Ichthyols, so müssen
diese Stellen sofort bestrichen werden. Das Ichthyol muß beim Gebrauche
leicht aus der Flasche fließen. Der Verband läßt sich sehr leicht mit
Wasser abwaschen.
F. Gold mann (Berlin): Die Zusammensetzung der arsenhaltigen
Mineralwässer. Am meisten arsenige Säure enthält die Dürklieimer
Maxquelle (Bayern), dann folgen der Reihe nach Konicgno (Tirol), Levico-
Starkwasser (Tirol) oder Guberquelle (Bosnien). F. Bruck.
Münchner medizinische Wochenschrift 1915* Nr. 3.
Decker und H. v. Bernhard (München): Die Röntgenbestrah¬
lung bei Magen- und Darincarclnomen. Nur größere Mengen harter
Röntgenstrahlen, in kürzeren Zeiträumen gegeben, haben auf tiefliegende
(inoperable) Carcinome zerstörende Wirkung. Daher besteht die Pflicht,
bei jedem inoperablen Magen- und Darmcarcinom die intensivste Strahlen¬
therapie zu versuchen, um so mehr, als diese unter allen Kautelen vor-
genoramen, die Haut nicht zu schädigen scheint.
Bernoulli (Stuttgart): Zur ambulanten Behandlung äußerer
Augenkranbheiten. Angelegentlichste Empfelilung des Noviforms
(Heyden) bei Blepharitis und bei Affektionen der Hornhaut. Bei Blepha¬
ritis verordnet man 5- bis 10%ige Noviformvaseline (zwei- bis dreimal
täglich), die gleiche Salbe streicht mim ein nach jeder Entfernung eines
Fremdkörpers aus der Cornea zwecks Verminderung der Infektionsgefahr;
es erfolgt dann meist schnelle Epithelisierung und Reizverminderung.
Bei Erosionen und Epithelverlusten sowie bei Ulcus der Hornhaut ver¬
ordne man 1 % Atropin mit 5 bis 10 ü /o Noviformvaseline, weil hierbei
eine schnellere, schmerzfreie Heilung erzielt wird, indem, ohne Verband,
Lichtscheue und Trüneuträufeln nachlassen und das Auge unter Schutz¬
brillen gut offen gehalten wird.
FeldärztHche Beilage Nr» 3.
Erich Toenniessen (Erlangen): Ueber Lnngenschttsse. Zur
Beobachtung kamen 56 Fälle, die — wenigstens was die Erhaltung des
Lebens betrifft — durchweg günstig verliefen, was sich damit erklärt,
daß nur die leichteren Fälle, die zu einem Transport in die Heimat
fähig waren, in die Behandlung der Verfasser gelangten. Es handelte
sich um Fälle ohne Erguß in die Pleura und ohne entzündliche Erschei¬
nungen der Lunge, ferner um solche, wobei sich erst später Empyem
der Pleura oder Pneumonie entwickelte, dann ein Fall mit serösem Erguß
oder mit Bluterguß in die Pleura und schließlich von Fällen von Pneumo¬
thorax mit hämorrhagischem und eitrigem Erguß in die Pleurahöhle.
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UNIVERSITÄT OF IOWA
142
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 5.
31. Januar.
Nach den Erfahrungen des Verfassers hatte es keinen Einfluß auf den
klinischen Verlauf, ob das Geschoß im Thorax stecken blieb oder nicht-
A. Böttner (Marburg): Ueber LungenschÜsse. Hingewiesen wird
unter anderem auf die Bauchdeckenspanming als eine Komplikation
bei Lungenschüssen. Liegen Ein- und Ausschuß im Bereich des Thorax,
so werden die hierbei in dem korrespondierenden Teil der Bauchwand auf¬
tretenden Schmerzen bekanntlich durch Reizung der sensiblen Fasern des
Intercostalnerven erklärt, und die Bauchdeckenspannung durch reflek¬
torische Contraction des Muskels, der von dem zugehörigen motorischen
Teil dieses Nerven versorgt wird. Diese Bauchdeckenspannung ist nicht
bedrohlich und erfordert, keinen Eingriff. Anders, wenn der ganze
Schußkanal nicht mit Sicherheit auf die Bauchhöhle zu isolieren ist. wenn
also die Möglichkeit besteht, daß die Kugel das Zwerchfell durchschlagen
hat, wodurch eine peritonitische Reizung entstanden ist. In ersterem
Falle wird man im allgemeinen mit dem operativen Eingriff nicht zögern.
Die Pleuraergüsse resorbierten sich von selbst oder erst nach erfolgter
Probepunktion. Den Resorptionsübergang' kann man dadurch beschleu¬
nigen, daß man den Patienten zeitweise nach Hofbauer auf der andern
Seite liegen und aktive Bauchatmung treiben läßt. Eine Schwartenbil¬
dung ist mitimter nicht zu vermeiden. Als beste Atemgymnastik be¬
währten sich dem Verfasser Wechselduschen, die Hautrötung und sehr
ausgiebige Inspiration erzeugen, und das Feststellen der gesunden
Lungenseite. Dies geschieht folgendermaßen: In tiefstem Exspirium und
bei leichter Neigung nach der gesunden Seite werden zwei breite Heft¬
pflasterstreifen nach vorhergeltender Ahätherung dachziegelformig über¬
einander vom Sternum bis zur Wirbelsäule angelegt, und ferner zwei in
derselben Weise vom Rippenbogen über die Schulter bis unter die untere
Lungengrenze hinaus. Der Verband wird alle Tage erneuert.
Carl Ritter (Posen): Zar Prognose und Therapie der Lungen¬
schüsse. Die Therapie soll im Krieg im allgemeinen rein konservativ sein.
Auch bei schwerster Infektion der Weichteile an den Schußöffnungen ist in
der Regel die Bauchhöhle nicht infiziert. Wiederholte Punktion der Pleura
sichert vor einem Uebersehen einer solchen Infektion. Gewöhnlich ge¬
nügt schon der Geruch zur Entscheidung. Das Hauptaugenmerk ist auf
die septische Phlegmone zu richten, die von der äußeren Weich¬
teilwunde ausgeht. An ihr und nicht an der Schwere der Lungenver¬
letzung, die in der Regel auch bei der Phlegmone der Weichteilwunde
aseptisch verläuft, gehen so viele Verletzte in den ersten Tagen zugrunde.
Sobald dagegen der Bluterguß in der Pleura infiziert ist, muß man ihn
sofort völlig ablassen und drainieren. Bei Gasbrand der Lunge ist nur
ein radikales Vorgehen von Nutzen.
Paul Reiche: Ueber die Resistenz der Bauchhöhle gegen
septische Infektion. Zwei Falle werden mitgeteilt, in denen nicht die
leiseste Infektion in der Lunge, der Pleura und im Bluterguß daselbst
nachweisbar war, obwohl beide Male die äußere Einschußöffnung — und
in dem einen Falle auch der Herzbeutel — Erscheinungen einer schweren
eitrig-septischen Infektion aufwies.
R. van den Velden: Beobachtungen bei Schußverletzungen
des Brustkorbs. Recht häufig kam es zu einem Hämothorax, in zweiter
Linie wurde die sekundäre Pneumonie beobachtet und erst an letzter
Stelle kamen Fälle von Emphysembildung und Pneumothorax. Weit
häufiger wurden Brust.wandschüsse untersucht und beobachtet, bei
denen allen das Geschoß seinen Weg um den Brustkorb herum genommen
hatte, also durch die Rippen vom Thoraxinnern abgelenkt worden war.
Hier war aber die Unterscheidung von einem Lungonschuß oft recht
schwierig.
Hans Li pp (Stuttgart): Ueber basophile Granulation fm Blute
von Schrapnellkugelträgern. Verfasser hat die Frage zu beantworten
unternommen, ob das längere Verweilen einer Schrapnellkugcl im Körper
im Laufe der Zeit nicht eine Bleivergiftung nach sich zöge. Dazu
hat er das Blut auf basophile Granulation untersucht, die die Diagnose
„Bleivergiftung“ mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit
ermöglichen soll. Aber es können auch andere Einflüsse basophile Granu¬
lation im Gefolge haben, so z. B. innere Blutungen und vor allem die
Resorption von Blut, z. B. nach dem Genüsse von Blutwürsten. Es ist
daher in der Verwertung des Blutbcfundes die größte Vorsicht am Platz
und nur wirklich ausgesprochene Befunde dürften als beweiskräftig
für die Diagnose „Bleivergiftung“ anzusehen sein. Von diesem Stand¬
punkt ausgehend ist der Verfasser bei seinen Blutuntersuchungen zu
einem negativen Ergebnisse gelangt. Es dürfte also Schrapnellblei
vom Blute nicht absorbiert werden und nachgewiesenermaßen haben auch
unsere alten Veteranen von 1866 und 1870/71, die bis zur Stunde noch
Träger von Schrapnellkugeln sind, keinen Saturnismus aufzuweißen.
Bruno Fleischer (Tübingen): Ueber die bisher beobachteten
Kriegsverletzungen der Augen. Ueber zwei Drittel der zur Beob¬
achtung gekommenen Fälle waren schwere Verletzungen. In einem Falle
L r ab der Verletzte an, daß er einen plötzlichen Schlag an den Kopf ge¬
spürt hätte, daß ihm dabei der Helm nach vorn heruntergefallen sei und
daß zu seinem Erstaunen in dem Helme der unverletzte rechte Augapfel
gelegen habe (!): Der Schuß war an dem linken Ohrläppchen eingedrungen
und aus dem rechten äußeren Lidwinkel ausgetreten. Die Conjunctival-
schleimhaut war ähnlich wie bei einer rite ausgeführten Enucleation
vollkommen erhalten. Besondere Rücksicht bedarf auch die Behandlung
der begleitenden Lidverletzungen: Baldige Naht oder hei der Nach¬
behandlung möglichste Richtigstellung der Lider, um schwere narbige
Verziehungen möglichst zu vermeiden, die später schwer zu be¬
seitigen sind.
M. Kirschner (Königsberg i. Pr.): Bemerkungen Über die Wir¬
kung der regelrechten Infanteriegeschosse nnd der Dumdumgeschosse
auf den menschlichen Körper. In diesem Nachtrage zu seiner früheren
Arbeit beschäftigt sich Verfasser zunächst mit den Publikationen von
Friedrich und Riedel. Er erwähnt dann weiter, daß außer zu Jagd¬
zwecken auch für Militärzwecke von den meisten Staaten typische Dum¬
dumgeschosse fabrikmäßig hergestellt wurden. Es ist das die sogenannte
Zerschellmunition für ungünstig gelegene Schießplätze. Diese Mu¬
nition soll beim Auftreffen auf die Scheibe zerspritzen und nicht durch
Abprallen die weitere Umgebung gefährden. Derartige aus deu alten
französischen Geschossen hergestellten Projektile hat der Verfasser recht
häufig bei Franzosen gesehen. Anscheinend hat die französische Militär¬
behörde aus Mangel an regulären Geschossen die für den Kriegsgebrauch
verbotene Zerschellmunition bewußt an die Truppen ausgegeben.
W. Spielmeyer (München): Zar Frage der Nervennaht. Schluß.
Verfasser betont die außerordentliche Häufigkeit der Verletzungen peri¬
pherischer Nerven in diesem Kriege und erörtert eingehend die PVage
der Indikation der Nervennaht. Denn meist zeigt der chirurgische Be¬
fund nicht an. ob und in welchem Maß ein Nerv lädiert ist. Auch haben
wir neurologisch keine bestimmten Kriterien dafür, daß tatsächlich die
völlige Continuitätstronnung vorliegt. Daraus ergibt sich die Forderung,
zunächst ab zu warten, wie sich der weitere Verlauf gestaltet. Häufig
erfolgt auch die Wiederherstellung der Funktion von selbst, und zwar
auch dort, wo komplette Entartungsreaktion und völliger Funktionsausfall
bestand. Der Verfasser bespricht dann eingehend die anatomischen
Bilder, die sich dem Chirurgen, der sich zur Operation entschließt, beim
Freilegen des Nerven bieten, und erörtert das verschiedenartige operative
Vorgehen. * F. Bruck.
Zentralblatt für Chirurgie 1915, Nr. 3.
BL Riedl: Yerrenkungsbruch des oberen Schtenbeinendes mit
Erhaltung des Wadenbeins — eine typische Verletzung. In den mit
geteilten sechs Fällen handelt es sich um eine typische, als solche bisher
noch nicht beschriebene Form von Verrenkungsbruchim Kniegelenke, die
von den gewöhnlichen Kompressionsbrüchen des oberen Schienbeinendes
abweicht. Die Verletzung besteht in einer Spaltung des oberen
Schienbeinen des, dadarch, daß sich das Schienbein mitsamt dem er¬
haltenen Wadenbein nach außen verrenkt nnd zugleich der laßere Obsr*
Schenkelknorren wie ein Keil nach abwärts drückt und den inneren
Gondylas der Tibia absprengt. Der änßere Befund zeigt den Unter¬
schenkel in Valgusstellung, die Möglichkeit seitlicher Wackelbewegnngen,
starke Druckschmerzhaftigkeit des Knies nnd aufgehobene aktive Beweg¬
lichkeit — Behandlung: Bardenheuerscher Streckverband oder un*
blutige oder blutige Einrichtung in Narkose, danach Fixation in Gips
oder Pflastenugverband. — Ergebnisse gut K Bg.
Zentralblatt für Gynäkologie 19IS , Nr, 2.
A. Sippel, Zur Asepsis. Sippel macht auf verschiedene, nicht
immer genügend beachtete Infektionsmöglichkeiten aufmerksam: Bei Ope¬
rationen gibt ein steriles, gewebtes Tnch, das auf die Umgebung des
Operationsgebiets aufgedeckt oder untergelegt wird, keinen Sehnt* gegen
die unter ihm gelegenen nichtsterilen Körperteile oder Gegenstände.
Unter die abdeckenden Tücher muß undurchlässiges steriles
Gummituch gelegt werden.
Ein Infektionsverbreiter ist ferner der gegen Ende der Geburt im
Scheidenausgange stehende Kopf, der beim Vor- und Zurücktreten
mit jeder Wehe Keime von Introitus nach oben zu den inneren Geni¬
talien verschleppt. Bei Coliinfektion der Blase kommt dazu der aus der
Urethra träufelnde infektiöse Urin. Sippel läßt daher den heraus*
tretenden Kopfteil mit l%oiger Snblimatlösnng jedesmal ab¬
wischen and fordert die Behandlung einer Infektion der Harn*
wege während der Schwangerschaft.
Aach bei stehender Blase kann eine Keimverschleppungans
der Scheide in die Uterushöhle durch das Vor- und Zurücktreten hs»
den Wehen erfolgen, was bedenklich ist wegen der möglichen An¬
wesenheit krankmachender Keime auch in der unberührten Vagina- Sippe*
j schlägt daher rechtzeitige Sprengung der Blase in solchen Fällen ror.
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31 Januar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK - Nr. 5.
143
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Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen.
Neue Folge der „ Wiener Medizinischen Fresse“. Redigiert von JPriv.-Doz. Dr. Anton Bum, Wien.
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K. k. GeMUzehaft der Aerite in Wies.
Sitzung Tom 22. Januar 1915.
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0. Zackerkandl stellt einen Mann vor, bei welchem er
me Gewehrkugel aus der Pars prostatica nrethrae entfernt
bat Pat. erhielt eine Schußverletzung in den rechten Glutaeus
nad bekam hierauf Hämaturie durch mehrere Tage, seither hatte
er Hanibeschwerden und Schmerzen beim Gehen. Es wurde ein
Fremdkörper im hinteren Teil der Urethra festgestellt und durch
die Sectio alta entfernt. Das Geschoß lag frei beweglich im pro-
statischen Teil der Urethra. Da keine Knochenverletzung vor¬
liegt, dürfte das Geschoß durch das Foramen obturatum in das
Becken gelangt sein.
Alters demonstriert einen Fall von Hemiparese, Heini«
isopflie ond Fazialisparese nach Schuß Verletzung. Das Ge¬
schoß drang unterhalb des rechten Jochbeines ein. Pat. hatte
darauf Schwäche des rechten Armes und rechtsseitige Fazialis¬
parese sowie eine leichte rechtsseitige Hemiparese mit chorea-
artigen Bewegungen, namentlich der oberen Extremität rechts.
Der rechte Proc. alveolaris war gebrochen und der weiche Gaumen
auf der rechten Seite abgerissen. Das Geschoß lag vor dem Quer¬
fortsatz des zweiten Halswirbels links. Binnen kurzem traten totale
Hemiparese und rechtsseitige homonyme Hemianopsie auf. Da Pat.
infolge Blutung im Pharynx Erstickungsanfälle bekam, wurde ein
die Blutung verursachendes Knochenstück entfernt. Die totale
Hemianopsie verwandelte sich in eine solche mit Makulaaussparung,
dann in eine Hemichromatopsie, schließlich in eine Hemianopsie
in den oberen Quadranten. Die Hemiparese ist weitgehend ge¬
bessert, eine Sensibilitätsstörung hat niemals bestanden. Der
Schoßkanal muß die Pedunculi cerebri und den Tractus opticus,
ferner die Thalamusregion (wegen der Hemichorea) in Mitleiden¬
schaft gezogen haben.
E. Redlich sah eine Hemianopsie in den unteren Quadranten
weh einer Schußverletzung durch das Hinterhaupt. Pat. war zuerst
kurze Zeit blind. Das Geschoß muß die linke Fissura calcarina betroffen
üben.
E. Spitzer stellt einen Mann mit einem Ausschlag am
ganzen Körper vor, von welchem noch nicht zu entscheiden ist,
ob es sich um Pemphigus oder Impetigo circinata handelt.
Die Effloreszenzen bilden subepidermoidal gelegene Blasen, deren
Inhalt sich trübt
M. Kraus zeigt mehrere Fälle mit geheilten Kieferschuß-
fraktnren. Bei der modernen Art der Kriegführung in Schützen¬
gräben kommen Verletzungen des Gesichtes häufiger vor als in
fröheren Kriegen. Bei den vorgestellten Fällen lagen einfache oder
vielfache Frakturen der Kiefer vor, welche unter Anwendung von
Schienen fixiert und so einer definitiven Heilung zugeführt
worden sind.
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G.v-Wunschheim bemerkt, daß Unterkiefer, welche in zahl"
^«Fragmente zerbrochen sind, unter entsprechender konservativer
»undJung vollkommen verwachsen können. Von den 104 FäHen von
^“Verletzungen des Unterkiefers, welche er im zahnärztlichen Uni-
»titut sah, kamen sehr viel erst spät in die zahnärztliche
Behandlung, durchschnittlich am 42. Tage nach der Schuß Verletzung,
j. ein ® m so späten Beginn der Behandlung kann für ein gutes funktio-
Dfues Resultat nicht garantiert werden. Redner mahnt daher, Kiefer-
ttKiuen möglichst schnell der zahnärztlichen Behandlung zuzulühren.
0. Marburg und E. Ranzi: lieber Rückenmarksschüsse.
Jutui demonstriert mehrere Fälle und viele Röntgenbilder aus der
p“ Eiseisberg. Auf dieser kamen 35 Fälle von Schußver-
letzungen des Rückenmarkes zur Beobachtung, von welchen
k- operiert wurden. Von diesen sind 2 nach der Operation ge-
wen, und zwar ein Fall am 12. Tag an aufsteigender Pyelitis,
er zweite, welcher einen schweren Hämatothorax und außerdem
^eichangsherde im RüekenmarkB hatte, am 16. Tage an Pneu-
? 0Me * Erweichungsherde oder Zertrümmerungen des Rückenmarkes
j?. en e ^ e Restitutio ad integrum nicht erhoffen. Bei mehreren
«len fanden sich als Ursache der Lähmung nach der Schußver-
e zung Kompression des Rückenmarkes infolge Stauung des
upute and Adhäsionen. Wenn eine solche zystenartige Ansamm-
Dm Liquor inzidiert wird, so spritzt letzterer unter stärkerem
« hervor. Diese Affektion war schon in der Zivilpraxis als
«amgrtis serosa circumscripta bekannt. Bei Steckschüssen im
^alsack kommt es auch za Verklebungen und zu Liquor¬
stauungen, sogar manchmal ohne Verletzung des Durasackes.
Praktisch wichtig ist es, daß die Höhe des Einschusses mit der
Höhe der Querschnittsläsion nicht übereinstimmt, die meningiti-
schen Veränderungen reichen manchmal höher als die Schußöffnung
liegt. In 3 Fällen war neben den Veränderungen an den Rücken¬
markshäuten auch eine pachymeningitische Schwiele vorhanden.
In einem Fall war die Liquorstauung durch Knickung der Hals¬
wirbelsäule infolge Schußfraktur des 6. Halswirbels bedingt. Es
wurde stets getrachtet, auch die Wand der Arachnoidalzysten zu
entfernen. Die Kompressionserscheinungen gehen in verschieden
langer Zeit nach der Operation zurück, in einem der vorgestellten
Fälle geschah dies in 3 Wochen. Mit der Operation wurde unge¬
fähr einen Monat nach der Schußverletzung zugewartet, da sich
während dieser Zeit der Befund spontan bessern kann. Die vor¬
gestellten Fälle betreffen einen Steckschuß am 6. Brustwirbel
(10. Dorsalsegment), einen Steckschuß im 4. Lumbal Wirbel mit
Meningitis serosa, einen Steckschuß zwischen den Wurzeln der
Cauda equina mit Verwachsungen und Liquorstauung und einen
queren Durchschuß mit Kaudaläsion. Alle Fälle sind weitgehend
gebessert. — Ferner bespricht M. die Indikationen zum chirurgi¬
schen Eingreifen und das neurologische Bild der Schußverletzungen
1 des Rückenmarkes. Bei diesen ist die Differentialdiagnose zwischen
extraduraler und intraduraler Läsion und Kompression nicht immer
möglich. Vortr. stellt mehrere Fälle vor und erörtert aa diesen
die nervösen Symptome im Zusammenhang mit der Verletzung:
1. Durchschuß durch den Hals mit Fraktur des 6. Halswirbels,
Sensibilitätsstörung, schlaffe Lähmung der oberen Extremitäten,
spastische Paraplegie der Beine, Steigerung der Sehnenreflexe an
den unteren Extremitäten, Retentio urinae et alvi, Dekubitus.
2. Läsion im Brustmark, schlaffe Parese der unteren Extremitäten,
Verlust der Sehnenreflexe, Sensibilitätsstörung. 3. Schußverletzung
des 6. Dorsal Wirbels, Sensibilitätsstörung vom 10. Dorsalsegment
nach abwärts, Parese der anderen Seite. 4. Verletzung der Kauda,
einseitige Sensibilitätsstörung, schlaffe Lähmung der Beine mit
Verlust der Achillessehnenreflexe. Alle diese Fälle sind weitgehend
gebessert. Allgemeine Symptome sind bei Schuß Verletzungen des
Rückenmarkes eine hyperalgetische Zone in der Höhe von 1 bis
2 Segmenten oberhalb der Sensibilitätsstörung, ferner Retentio
urinae et alvi und Dekubitus. Druckschmerzhaftigkeit der Wirbel¬
säule hat in den meisten Fällen gefehlt. Die operierten Fälle
zeigen alle eine weitgehende Besserung, manche sogar eine Heilung;
von den nicht operierten 17 Fällen ist nur einer gebessert, die
anderen sind stationär geblieben. In der Mehrzahl der Fälle lag
eine Meningitis serosa circumscripta vor, die Zyste erstreckte sich
durch mehrere Segmente hindurch, außerdem fanden sich Ver¬
klebungen. Radikuläre spontane Schmerzen fehlten in der Mehrzahl
der Fälle. Kontraindikationen gegen die Operation sind pulmonale
oder abdominale Komplikationen, Eiterungsprozesse und Dekubitus
in der Nähe der Operationsstelle; ein von der Operationsstelle
entfernter Dekubitus bildet keine Kontraindikation. Der operative
Eingriff ist dann durchzuführen, wenn binnen einigen Wochen
nach der Schuß Verletzung keine Besserung eintritt. Zu lange darf
man auch nicht zögern, da die Verletzten kachektisch und depri¬
miert werden.
A. Fuchs stellt mehrere Fälle von Rückenmarks Ver¬
letzungen aus der Verwundetenstation der psychiatrischen Klinik
vor. Auf dieser kamen 27 Fälle von Rückenmarksverletzungen zur
Beobachtung, von welchen ungefähr die Hälfte zur Behandlung
übernommen wurde. Bei drei waren totale Durchschüsse des
Rückenmarkes vorhanden, diese endeten letal. Die intramedullären
und extramedullären Verletzungen sind schwer voneinander zu diffe¬
renzieren. Wenn angenommen werden kann, daß ein Projektil oder ein
Knochensplitter im Marke steckt, hält Vortr. die Entfernung des Fremd¬
körpers für indiziert, ebenso wenn eine Progression der Symptome
nachweisbar ist. Eine temporäre Kontraindikation gegen die Opera¬
tion bildet die Rückbildung der Symptome (Nachweis einer Besse¬
rung der Leitfähigkeit des Rückenmarkes); wenn dann durch
längere Zeit ein Stillstand in der Besserung eintritt, wäre zu
operieren. Die Besserung der Leitfähigkeit kann nur durch eine
wiederholte neurologische Untersuchung konstatiert werden. Vortr.
stellt mehrere Fälle vor, welche nicht operiert wurden und welche
weitgehend gebessert sind: i. Fraktur des 5. und Luxation
des 2. Halswirbels, Lähmung; keine Operation, weil schon am
nächsten Tag die Leitfähigkeit zurückgekehrt ist. 2. Absprengung
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19 1 5 MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 5
31. Januar.
von Teilen der Halswirbelsäule, schlaffe Lähmung der oberen Ex¬
tremitäten, Blasen- und Mastdarmstörung, heftige Schmerzen und
Atrophien; keine Operation, die Beweglichkeit der oberen Extre¬
mitäten ist weitgehend gebessert und die Atrophien haben sich
zurückgebildet. 3. Absprengung von Halswirbelbestandteilen, Läh¬
mung der Unken oberen Extremität, funktionelle Parese der unteren
Extremitäten; weitgehende Besserung, jetzt sind Hyperalgesie und
Hyperästhesie im Bereiche der Okzipitalnerven eingetreten.
4. Nackendurchscbuß mit Paraplegie der oberen Extremitäten von
radikulärem Charakter; der Zustand ist gebessert, Pat. hat noch
Beste der Parese. 5. Steckschuß mit Brown-S^quardscher Läh¬
mung; die Symptome sind fast vollständig zurückgegangen, das
Projektil steckt noch in der Wirbelsäule. 6. Steckschuß in der
Brustwirbelsäule, Brown-Söquardscher Symptomenkomplex; die
Sensibilitätsstörung nimmt ab, die Parese des Beines ist noch
deutlich, es besteht beim Pat. der okulopupilläre Symptomen-
komplex. Die Kugel steckt noch in der Wirbelsäule. 7. Rücken¬
marksverletzung durch ein Fragment der zertrümmerten Skapula
mit Brown*S6quardscher Lähmung; weitgehende Besserung.
8. Steckschuß in der Wirbelsäule, nach Extraktion des Projektils
Besserung der Symptome. Jetzt haben sich oberhalb der Läsions¬
stelle eine Versteifung und Schmerzhaftigkeit der Lendenwirbel¬
säule ausgebildet, in dieser finden sich osteomyelitische Herde.
Pat. hat einen hyperästhetischen und hyperalgetischen Streifen
über der Wirbelsäule. Eine totale Läsion des Rückenmarkes ist
nicht zu operieren, da hier keine Aussicht auf Besserung der
Symptome ist. Bei Steckschüssen kann man meist zu warten, da
dadurch ein Schaden nicht angerichtet wird. Die meningealen
Schmerzen sind manchmal sehr groß, auf der Klinik wird gegen
dieselben die Erzeugung einer oberflächlichen Eiterung durch
Kantharidenpflaster verwendet, gegen die neurotischen Schmerzen
haben sich große Akonitindosen bewährt. H.
Gesellschaft für Innere Medizin and Kinderheilkunde
in Wien.
Sitzung vom 14. Januar 1915.
Fr. Wechsberg und Edelmann berichten über Fälle von
Typhus recurrens. Ein Mann wurde mit der Angabe eingeliefert,
daß er hohes Fieber, Benommenheit und Milztumor gezeigt habe.
Bei der Untersuchung ergab sich jedoch, daß er kein Fieber und
keinen Milztumor hatte. Dagegen klagte er über Schmerzen in der
Magengegend und über allgemeine Mattigkeit, die Gallenblasen¬
gegend war druckschmerzhaft, die Leber etwas vergrößert. Pat.
war sehr anämisch. Plötzlich stellte sich unter Schüttelfrost wieder
Fieber bis auf 40° ein und blieb au! dieser Höhe mit geringen
Remissionen durch 4 Tage. Dann erfolgte plötzlich ein Temperatur¬
abfall. Die Vidalsehe Reaktion war negativ, im Blute fanden sich
während des Fiebers massenhaft Rekurrensspirillen. Nach einigen
Tagen folgte wieder neues Fieber und am 4. Tage Fieberabfall,
nach 8 Tagen wieder ein 3 Tage dauerndes hohes Fieber. Pat. ist seit¬
her dauernd fieberfrei. In anderen Fällen zeigten sich manchmal im
fieberfreien Intervall einzelne kleine Temperatursteigerungen, immer
war der kritische Temperaturabfall charakteristisch. Die Pat. haben
alle ein blasses, subikterisches Aussehen, die ganze Zunge ist be¬
legt, manchmal wird leicht blutiges oder rostfarbenes Sputum ex-
pektoriert, ohne daß eine pneumonische Erkrankung nachweisbar
wäre. Die Leber oder die Milzgegend ist schmerzhaft, die Leber
und Milz sind vergrößert, letztere ist derb. Im Fieberanfalle sind
stets Ueblichkeiten, manchmal auch Erbrechen vorhanden. In einigen
Fällen klagen die Kranken über große Schmerzen in der Mus¬
kulatur. Im fieberfreien Intervall waren die Spirillen im Blute nicht
nachzuweisen. Die Infektion mit den Spirillen erfolgt durch Para¬
siten, in Europa meist durch Wanzen, in fremden Ländern gibt
es ähnliche Krankheiten, welche durch Spirillen hervorgerufen
werden. Chinin hat auf das Rückfallfieber keinen Einfluß, Salvar-
san wirkt dagegen spezifisch; in einem Fall fiel nach der Injek¬
tion von 0,15g Neosalvarsan die Temperatur bis auf 35°, Pat. ist
seit 9 Tagen fieberfrei und macht den Eindruck eines Genesenen.
Vortr. haben bisher 7 Fälle beobachtet, die alle gut verliefen; in
manchen Epidemien wurden 2—5%, in Bosnien von Hödlmoser
sogar 10% Mortalität angegeben. In Irland, Rußland und auf dem
Balkan kommt die Krankheit endemisch vor. Vortr. haben die
Uebertragung der Krankheit auf eine Wärterin beobachtet, welche
einem ankommenden Kranken beim Ausziehen behilflich war; in
diesem Fall ließ sich eine Inkubationszeit von 5—8 Tagen an-
nebmen. In letzter Zeit mehren sich Berichte darüber, daß die In¬
fektion auch durch die unverletzte Haut hindurch erfolgen kann,
daher ist Vorsicht bei Blutuntersuchungen notwendig. Die Blut¬
untersuchung ergibt beim Rückfallfieber sekundäre Anämie mit
einer Erythrozytenzahl um 2% Millionen herum und einen Hämo¬
globingehalt von 55 bis 40% nach Sahli. Die Zahl der Erythro¬
zyten sinkt besonders im Anfall stark ab, die Zahl der weißen
Blutkörperchen beträgtjlO- bis 15.000. Das Blutbild zeigt eine poly¬
morphkernige neutrophile Leukozytose, im Relaps eine geringe re¬
lative Lymphozytose. Charakteristisch ist das Auftreten von Blut¬
plättchen, Spirillen sind am ersten Tag des Anfalles spärlich, im
fieberfreien Intervall konnten keine Spirillen nachgewiesen werden.
. R. Kolisch stellt einen Soldaten mit Typhus recurrens
vor. Pat. ist aus dem Süden eingeliefert worden, er erkrankte unter
Schüttelfrost, hohem Fieber und leichter Bronchitis und hatte starke
Gliederschmerzen sowie eine Druckempfindlichkeit der Muskulatur.
Die Milz war sehr groß und ziemlich weich, jetzt im fieberfreien
Stadium ist sie kleiner und etwas härter; die erhöhte Konsistenz
der Milz ist wahrscheinlich auf eine überstandene Malaria zurück-
zufübren. Die Fieberkurve verläuft in typischer Weise: plötzlicher
Anstieg auf 40°, durch 4 Tage hohes Fieber mit Remissionen bis
auf 38 5°, am 6. Tage plötzlich Abfall auf 36° ohne Kollapser¬
scheinungen bei vollständigem Wohlbefinden. Nach einem fieber¬
freien Intervall von 8 Tagen plötzlich wieder Fieber bis 40 5° und
dann wieder Abfall. Im Blute finden sich Spirillen.
G. Ko hier berichtet, daß in den an Serbien angrenzenden Ge¬
bieten Bosniens vor einigen Jahren zirka 12.000 Fälle von Rückfallfieber
beobachtet wurden, welche mit hochgradigen Glieder- und Muskelschmerzen
einhergingen. In vielen Fällen kam es zu ausgedehnten Eiterungen der
Haut und tieferer Gebilde sowie der Schleimhäute, so daß sogar anfäng¬
lich Verdacht auf Rotz bestand. Die Blutuntersuchung ergab immer
Spirillen. Es kamen auch Fälle mit Pneumonie vor. Die Mortalität be¬
trug zwischen 12 und 20%, der Tod erfolgte meist an sekundären In¬
fektionen. Bei der Obduktion fanden sich schwere Eiterungen in den
inneren Organen, insbesondere in der Leber und in der Milz. Schaudinn
hat im Jahre 1904 während dieser Epidemie Versuche über die Übertrag¬
barkeit des Rückfallfiebers angestellt; es gelang ihm nicht, die Krankheit
durch Wanzen zu übertragen, ebensowenig Provazek. Es ist aber nicht
daran zu zweifeln, daß das Rüekfallfieber durch Parasiten übertragen
wird. Es gelang nachzuweisen, daß die Epidemie durch Kleider an Rück¬
fallfieber verstorbener Personen übertragen wurde; sobald diese Kleider
vernichtet wurden, flaute die Epidemie sofort ab.
M. Engländer hat im Reservespital Nr. 7 in Kagran mehrere aus
Serbien eingelangte Rekurrensfälie beobachtet. Wichtig ist die Reinigung
der Pat. von Ungeziefer. Die Diagnose ist im ersten Fall nicht leicht
zu stellen. In seinen Fällen wurde Schmerzhaftigkeit der Muskulatur,
der Milz und Leber beobachtet, besonders schmerzhaft waren die M. recti.
Hervorzuheben ist, daß die Herztöne im Anfall sehr leise waren und
daß in einer Reihe von Fällen das Auftreten von Miliaria crystallina be¬
obachtet wurde.
M. Weinberger fragt, wieviel Anfälle bei einem Patienten im
ganzen beobachtet wurden.
X. Ortner fragt, ob eine Untersuchung über die Erreger der Eite¬
rung angestellt wurde.
Fr. Wechsberg erwiderte, daß es ihnen nicht möglich war, alle
Anfälle zu beobachten; aus der Anamnese und der Krankengeschichte
ergibt sich, daß höchstens 6 Anfälle vorkamen. Die Art der Uebertragung
steht noch nicht absolut fest; einem russischen Arzte gelang jedoch die
Uebertragung des Rückfallfiebers auf Affen durch Wanzen. Koch hat
nachgewiesen, daß die amerikanische Form der Rekurrensspirillen durch
Zecken übertragen wird, welche in trockenem Erdboden leben. Die Spi¬
rillen bleiben in den Ovarien der Zecken bis l 1 /, Jahre lang lebend, die
aus den gelegten Eiern ausschlüpfenden Jungen werden von den Spirillen,
die mit den Eiern nach außen entleert wurden, infiziert und man kann
so die Spirillen durch mehrere Generationen fortzüchten.
Fr. Bass stellt aus der Abteilung Schlesinger einen
23jährigen Soldaten mit einer Lähmung des linken Hals*
Sympathikus und mit Schuß Verletzung des Larynx vor. Pat-
erlitt eine Schuß Verletzung der linken Halsseite, im Auswarf fand
sich etwas Blut und der Kranke hatte Schmerzen beim Schlucken.
Nach 3 Wochen stellte sich Heiserkeit ein, welche in vollständige
Aphonie überging; diese ist auf eine Verletzung des Larynx
zurückzuführen, welche zu hochgradiger Stenose und zum respira¬
torischen Stridor geführt hat; vom Aryknorpei und vom Schild¬
knorpel wuchern Granulationen, welche die Stimmbänder zum größten
Teil überlagern. Pat. zeigt eine Lähmung des linken Halssym¬
pathikus: die linke Lidspalte und die Unke Pupille sind eng,
letztere reagiert und erweitert sich auf Adrenalin.
H. Schlesinger stellt einen Offizier vor, bei welchem zwei
Monate nach einer Schußverletzung des linken Plexus brs*
chialis mit nachfolgender totaler motorischer und sensibler
Lähmung eine spontane Abstoßung der Nägel im Ausbrei*
tungsgebiete des M. medianus sich entwickelt hat. Da die Ab-
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1915 - ME Ol ZINISCHK KLINIK — Nr. 5.
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stoßnDg zu derselben Zeit begann, zu welcher die sensible Funk¬
tion wiederkehrte, spricht dieses Verhalten für die Ansicht Cas-
sieres, daß die trophischen Impulse durch die gleichen Nerven
geleitet werden wie die sensiblen Empfindungen, aber in umge¬
kehrter Richtung. Der Fall zeigt, daß auch an vollständig ge¬
lähmten Extremitäten das Nagelwachstum weiterhin stattfindet.
E. Freund bemerkt, daß bei Nervenlähmungen oft nur eine Braun-
flrbung der Nägel vorkommt. In einem Fall kam eine solche Braun-
färbung &uch an den nicht verletzten Fingern vor, es lag also wahr¬
scheinlich eine Reflexwirkung vor. In einem Fall von Plexuslähmung
hm es zu einer Hypertrichosis. die Nägel waren braun gefärbt und
etwas länger gewachsen, aber nicht abgestoßen.
Bauer hat Nageldeformitäten bei einem schweren Fall von Ba¬
sedow beobachtet.
Beck fuhrt einen lOjIhrigen Knaben vor, bei welchem er
vor 3 Jahren einen Schläfelappenabszeß eröffnet hat. Pat. hatte
im Jahre 1911 eine linksseitige Otitis media suppurativa, nach
3 Wochen mußte die Ausräumung des vereiterten Warzenfortsatzes
durchgeführt werden. Der Verlauf war fieberlos und das Gehör
kehrte wieder, Auffallenderweise heilte die Wunde schlecht und es
entleerte sich aus ihr ein schleimig-eitriges Sekret. Nach 7 Wochen
bekam Pat, starke Kopfschmerzen und der Gesichtsausdruck war
stupid. Die Untersuchung ergab, daß das Tegmen tympani normal
war, an der Wurzel des Processus zygomaticus saßen Granula¬
tionen, ebenso an einer Stelle der Dura in der mittleren Schädel-
grobe. Es wurde die Dura gespalten und ein Schläfelappenabszeß
eröffnet, in welchem sich zwei Kaffeelöffel Eiter befanden. Es
wurde ein Drain eingelegt. Merkwürdig ist es, daß der Weg der
Infektion nicht durch das Tegmen tympani, sondern um den Proc.
zygomaticus herum ging. Es bestand keine Sprachstörung. Drei
Wochen nach der Operation zeigte Pat. auf der kontralateralen
Seite ein positives Babinskisches Phänomen, welches laDge be¬
stehen blieb.
Gerstmann zeigt aus der Abteilung Schlesinger drei
Biekenmarksverletznngen mit günstigem Ausgang. 1. Para¬
plegie der unteren Extremitäten nach Schußverletzung der Wirbel¬
säule. Die Reflexe waren erhöht, das Babinskische Phänomen
vorhanden. Die Eiuschußöffnung saß in der rechten hinteren Axillar¬
linie in der Höhe der achten Kippe. Unterhalb der Spina scapulae
war die Kugel zu tasten, sie wurde entfernt. Pat. hatte einen
Hämatothorax und spontane Schmerzen in der Höhe des 5. bis
6. Brustwirbel-Dornfortsatzes. Der Bauchdeckenreflex fehlte. Röntge¬
nologisch war die Wirbelsäule normal, obwohl die Andeutung von
Brown-Söquardscher Lähmung für eine Läsion des 4. und
*>. Dorsalsegmentes sprach. Die Lähmung besserte sich langsam,
es mußte sich um eine Kompression des Rückenmarkes handeln.
Auch im zweiten Fall handelte es sich um eiue Kompression des
Rückenmarkes nach Schußverletzung. Der Einschuß war auf der
rechten Seite unterhalb der Spina scapulae. Die unteren Extremi¬
sten waren schlaff gelähmt, die Sehnenreflexe nicht auslösbar, es
bestand Retentio urinae et alvi, später Inkontinenz. Es war eine
Sensibilitätsstörung von Brown-Söquardschem Typus nachweis¬
bar, auf der rechten Seite Hyperästhesie, auf der linken Hyp-
ästhesie. Der untere Bauchdeckenreflex war nicht auslösbar. Der
Symptomenkomplex wies auf eine Läsion im Bereiche des 11. und
12. Brustsegmentes hin. Die Röntgenuntersuchung ergab eine
Schrapnellkugel, die zwischen dem 10. und 11. Brustwirbel zur
Hälfte in den Wirbelkanal hineinragte; sie wurde von Föderl
extrahiert. Die rechte Rückenmarkshälfte war von dem Geschoß
komprimiert und in der Dura war ein kleiner Schlitz. Pat. hatte
auch einen Pneumothorax, welcher später vereiterte. Nach 3 Wochen
trat eine Besserung ein, zuerst kehrten die Patellarsehnenreflexe
zurück, dann verwandelte sich die schlaffe Lähmung in eine
spastische, die Reflexe waren hochgradig gesteigert und dann
w urde die Motilität gebessert, so daß Pafc. jetzt mit Krücken gehen
kann. Die Retentio urinae et alvi ist geschwunden. 3. Rechts¬
seitige Lähmung und Hämothorax nach Verletzung in der Gegend
dfö 7. Halswirbels. Die Motilität des rechten Beines hat sich ge-
b^ert, an der rechten oberen Extremität bestand sie länger.
Außerdem waren auf der linken Seite Hyperästhesie, Hypalgesie
und Thermobypästhesie von den Zehen bis zum 3. Dorsalsegment,
fechts Hyperästhesie vorhanden. Bei der Röntgenuntersuchung er¬
wies sich die Wirbelsäule als unverletzt. Man könnte annehmen,
daß ein Knochenfragment im Wirbelkanal das Rückenmark kom¬
primiert. H.
Kriegschirurgischer Abend im Garnisonspital Nr. IG
in Budapest.
Sitzungen vom 28. November und 12. Dezember 1914.
St.-A. K. v. Feistmantel: Typhus und Heilserum. Die
Frequenz der Typhusfälle nimmt in unserer Armee progressiv zu.
Während im deutschen und französischen Heer Schutzimpfungen
vorgenommen worden sind, haben wir diesbezüglich erst jetzt eine
dringliche Vorstellung an das Kriegsministerium gerichtet, deren
Erledigung noch aushaftet. Vortr. stellt die Typhusvakzine irn Labo¬
ratorium des unter Kommando des O.-St.A. Dr. L. Gerstl stehenden
Garnisonspitales nach eigener Methode her, die er zwecks Er¬
probung der Größe der Reaktion an sich selbst ausprobiert hat.
Er nimmt einen Stamm mit schwacher Virulenz und wäscht die
24stündige Agarkultur in physiologischer Kochsalzlösung ab, in¬
aktiviert IV 2 Stunden in 60° Wasserbad und fügt V 2 °/oigö Karbol-
lösung hinzu, ln 1 ccm sind beiläufig 2 Milliarden Bazillen enthalten.
Sein Verfahren bildet eine Modifikation der Kolleschen Vakzine¬
bereitung, mit der er die Größe der Reaktion herabzusetzen
bestrebt ist. Zur ersten Impfung verwendet er V 2 ccm, zur zweiten
nach einer Woche 1 ccm Material.
E. Frey: Hysterische Ataxie der Extremitäten. Ein
29 Jahre alter Soldat, vor 2 Tagen vom nördlichen Kriegsschau¬
platz rückgekehrt. Ataxie der oberen und unteren Extremitäten
mit inselförmiger Anästhesie, sonst normaler Befund. Lues, Alko-
holabusus fehlt. Für die hysterische Genese spricht das rasche
Auftreten und das Intaktsein der Patellarreflexe. — Derselbe:
Nervensystem und Krieg. Hirnverletzungen gleichen denen in
Frieden; Kleinhirn- und Rückenmarkverletzungen sind seltener zu
beobachten. Bei Verletzung peripherer Nerven dominieren jedoch
stets Symptome der sensiblen Sphäre, wie dies die häufigen und
ständigen Gefühlsstörungen zeigen. Die funktionellen Neurosen
gruppiert er: 1. in neurasthenische, 2. eigentlich traumatische
Neurosen, 3. in verschiedene Formen der traumatischen Hysterie,
4. sogenannte katatonische Stuporfäile. Als ständiges Symptom
fand er bei allen Formen die sklerale Anästhesie, kardiovaskuläre
Erscheinungen, Tremor universalis und gestörten Schlaf. Die
wüsten Träume des letzteren stehen stets in Beziehung zu den
überlebten Kriegsereignissen. Alle funktionellen Nervenstörungen
des Krieges sind gutartig.
St.-A. L. Gadänyi: Ueber Brüche und Verletzungen
des Unterkiefers. Sie sind sehr häufig — betragen 3—4°/ 0 der
GesamtverletzuDgen — und verlaufen schwer, weil, von ständigem
Eiterspeichelfluß abgesehen, die Ernährung der Pat. leidet. Nach
2—3tägiger Mundtoilette macht er einen Gipsabguß, wendet an
Stelle des Bruches eine Distraktionsschiene an, fixiert das Os
mandibulae mit entsprechender Artikulation, wodurch die Möglich¬
keit der Ernährung gesichert ist. Der chirurgische Eingriff besteht
in Entfernung der nekrotischen Trümmer und der Granulationen,
andrerseits werden durch osteoperiostale Plastik die Bedingungen
der Knochenregeneration geschaffen. Vorstellung von 5 geheilten
Fällen.
G. Frank: Ueber G&sphlegmone. Neben Tetanus die
schwerste Infektion. In einem auf der Abteilung des Chirurgen.
M. Schächter beobachteten Fall schwoll der Unterarm auf das
Vierfache an, es bestand hohes Fieber, Gelbsucht, kleiner Puls,
ausgebreitete Gangrän. Gegen letztere wandten sie ein Dauerbad
in Kalibypermanganlösung an, worauf Radius und Ulna entblößt
freilagen, Granulationen üppig emporsprossen; nach 2 Monaten
war der Arm gebrauchsfähig geheilt. Einen ähnlichen Triumph der
gleichen konservativen Behandlung sahen sie bei Gasphlegmone
einer durch eine serbische Komitatschi-Kugel verletzten Extremität.
E. Neuber: Gangraena penis. Es schloß sich allgemeine
Sepsis an. Neben lokal-aseptischer Behandlung dreimal in wöchent¬
lichen Intervallen 0,3 g Salvarsan,. worauf binnen 2—8 Wochen
Heilung.
J. K epp ich: Operierter Fall von Lebereehinokokkns.
Die interne Diagnose stellte B. Molnär. Das Leberparenchym war
nur an den Rändern als kaum —1 cm dicke Schichte vorhanden,
im übrigen zerstört. Exstirpation fast des ganzen linken Leber¬
lappens samt der Gallenblase. Glatter Verlauf. — Derselbe:
Fall von Sprachstörung nach Schädelverletznng. Nach vier¬
tägiger Bewußtlosigkeit entstanden. Außer Sprachstörung keine
motorische oder sensible Ausfallserscheinung. Röntgen zeigt Kno¬
chenimpression in der Schläfengegend entsprechend der außen sicht¬
baren Narbe. Bei der Trepanation worden zwei einzelne 1 cm lange
Knochensplitter in der Hirnrinde und mehrere kleinere Splitter
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Gck igle
Original frnm
UNIVERSUM OF IOWA
146
1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 5.
31. Januar.
entfernt, allmähliche Einstellung der Sprache. — Derselbe:
BlasenpapHlom. Seit 5 Jahren Urinbeschwerden, im Kriegslager
schwere Blasenblutungen. Bei Spiegeluntersuchung ein neben der
linken Ureteröffnung sitzendes Papillom. Sectio alta; nach Stiel¬
unterbindung mit KatgutExstirpation. — Derselbe: Aneurysmen.
3 brachiale, 1 hypogastrisches, 2 femorale, 3 tibiale Aneurysmen.
Er kommt zu dem Schluß, daß nach außen blutende, mit Hämatom
verbundene Fälle, namentlich boi Fiebereintritt, je früher zu ope¬
rieren sind. Konservative Behandlung gibt nur temporären Erfolg,
ja die später meist in die Erscheinung tretenden neuerlichen
Blutungen lassen den operativen Eingriff nicht umgehen.
M. Schächter: Von ihm beobachtete und von seinem Assistenten
F. Wonnesch vorgestellte 12 Fälle repräsentieren eine so große Zahl,
daß die Aneurysmen zu den wichtigsten Kriegsverletzungen zählen, ln
Spitälern gelangen während Jahrzehnten nicht so viele traumatische Aneu¬
rysmen zur Beobachtung. Stets betaste man die verletzten Teile, denn ein
Uebersehen des Aneurysmas kann verhängnisvolle Folgen haben. S.
Kleine Mitteilungen.
Kriegschronik.
Aus den off. Verlustlisten.
1. Tot:
O.-A. d. R. Dr. Felix Seligmann, I.-R. Nr. 52 (Liste Nr. 106).
2 . Verwundet:
A.-A. Dr. Karl Greif. I.-R. Nr. 28 (Liste Nr. 106).
A.-A. d. Res. Dr. Zoltan Nagel. I.-R. Nr. 93 (Liste Nr. 110).
A.-A. Dr. Josef Lengyel, I.-R. Nr. 80 (Liste Nr. 111).
3. Kriegsgefangen:
R.-A. Dr. Emmerich Török, H.-R. Nr. 1 (Liste Nr. 106).
R.-A. Dr. Franz Scheuchet*, Lst.-I.-R. Nr. 3 (Liste Nr. 107).
A.-A. Dr. Jenö Kallos, u. Lst.-I.-R. Nr. 6 (Liste Nr. 109).
Arzt Dr. Sokrates Alexandrides aus Wien (Rußland — Liste
Nr. 112).
Arzt Dr. Gustav Dinolt aus Wien (Rußland — Liste Nr. 112).
R.-A. Dr. Eugen Gänger, U.-R. Nr. 5 (Rußland — Liste Nr. 112).
Arzt Dr. Ernst Gross mann aus Wien (Rußland — Liste Nr. 112).
A.-A.-St. Dr. Lothar v. Ilofmann, I.-R. Nr. 59 (Rußland — Liste
Nr. 112).
Arzt Dr. Stefan v. Kalicki aus Galizien (Rußland — Liste Nr.112).
A.-A. Dr. Je. Kar dos, I.-R. Nr. 45 (Rußland — Liste Nr. 112).
* *
*
Aus Berlin wird uns geschrieben: Der Ernst des Krieges
tritt jetzt mehr und mehr auch in den allenthalben sich regenden
Bestrebungen zutage, die Ernährung den veränderten Verhält¬
nissen anzupassen, und auch die Aerzte treten geschlossen als
Apostel dieser veränderten Lebensführung auf, von der richtigen
Erkenntnis ausgehend, daß der Arzt in erster Linie berufen ist,
Fragen der Ernährung — auch solche, die der Krieg geschaffen
hat — dem Verständnis des großen Publikums näherzubringen.
Unter dem Vorsitz des Ministerialdirektors Prof. Dr. Kirchner
hat sich ein Kriegsausschuß für Volksernährung gebildet,
in welchem der Aerzteausschuß von Groß-Berlin, ferner der Natio¬
nale Frauendienst, die Zentralkommission der Krankenkassen und
andere Organisationen vertreten sind. In Aussicht genommen sind
belehrende, aufklärende Vorträge und praktische Kochdemonstra¬
tionen. Der bekannte Physiologe Geheimrat Rubner, der in dieser
national-ökonomisch wichtigen Frage bereits mehrfach das Wort
genommen und weiten Kreisen, die von Kriegskost und anderen
notwendigen Dingen noch immer nichts wissen wollen, das Ge¬
wissen geschärft hat, ist auf Ersuchen des Ausschusses daran ge¬
gangen, die Aerzte und die bei den praktischen Demonstrationen
tätigen Damen mit der Materie vertraut zu machen. Geplant ist
ferner die Verteilung von populär gehaltenen Merkblättern und
von Kochrezepten mit Angabe der Preise. — Die Honorierung
der im Militärdienst stehenden Zivilärzte ist von der Vor¬
gesetzten Behörde nunmehr fest geregelt, nachdem man sich dazu
verstanden hat, gewisse im Anfang zutage getretene Härten zu
beseitigen. Es erhalten die Zivilärzte bei mobilen Formationen
neben Naturalquartier und Feldkost eine entsprechende Geld¬
entschädigung und Fuhrkostenentschädigung für die Reisen nach
und von ihren Verwendungsorten in Höhe der wirklich entstan¬
denen Kosten, einer Einkleidungsbeihilfe von 300 Mk. bei unbe¬
rittenen, von 500 Mk. bei berittenen Truppen, allgemein ein monat¬
liches Gehalt von 655 Mk. Bei immobilen Truppenteilen neben
einer Einkleidungsbeihilfe von 200 Mk. Taggelder in Höhe von
15 Mk. bei Verwendung im Heimatsorte, von 18 Mk. bei Verwen¬
dung außerhalb desselben. _
(Milit&rärztliches.) In Anerkennung tapferen und auf¬
opferungsvollen Verhaltens bzw. vorzüglicher Dienstleistung vor
dem Feinde ist dem F Gen.-St-A, T Dr. R. v. Töply, Sanitätschef des
3. Armee-Etappenkomdo., das Komturkreuz des Franz Josef-Ordens
am Bande des Militärverdienstkreuzes, dem O.-St.-A. I. Kl. Dr. B.
D rast ich, Sanitätschef des 17. Korps, der Orden der Eisernen
Krone IH. Kl. mit der Kriegsdekoration, dem 0.-St.-A. n. Kl.
Dr. K. Hawelka, Sanitätschef der 6.1.-Div., den St.-Ae. Doktoren
G. Altschul des I.-R. Nr. 97, A. Beigel, Kommandanten der
Landsturmbrigade San. - A. Nr. 35, A.-A. Dr. M. Jelaöa der
13. Gebirgsbrigade das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens am
Bande des Militärverdienstkreuzes, dem R.-A.a.D.Dr. V. HolleSek,
dem O.-A. Dr. M. Fuchs des I.-R. Nr. 22, A.-A. Dr. F. Dohnal des
51. Lst.-B., denA.-Ae. d. Res. DDr. E. Szepesi des I.-R. Nr. 16,
E. Sandor, L. Schmidt und M. Szigeti des I.-R. Nr. 38, dem
A.-A.-St. d. R. Dr. A. Szekely des I.-R. Nr. 85 das Goldene Ver¬
dienstkreuz mit der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille, dem
A.-A. d. Res. Dr. R. Lang des Div.-Trainkmdo. Nr. 14 das Goldene
Verdienstkreuz mit der Krone verliehen, den R.-Ae. DDr. F. Popn
des I.-R. Nr. 5, R. Bilas und Nr. Goldstein des L.-I.-R. Nr. 20
die a. h. belobende Anerkennung ausgesprochen worden.
(Kriegschirurgischer Tritschtratsch.) In Nr.4 unseres
Blattes haben wir den Zwischenfall gekennzeichnet, der auf die be¬
sorgte Polypragmasie eines Wiener Historikers zurückzuführen war.
Die k. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien hat nun in ihrer vor¬
wöchentlichen Sitzung eine Resolution einstimmig gefaßt, die den¬
selben Standpunkt vertritt, dem wir Ausdruck zu geben uns be¬
rufen fühlten. Die Resolution hat folgenden Wortlaut:
„Die k. k. Gesellschaft der Aerzte gibt ihrem lebhaften Be¬
dauern Ausdruck, daß in einer vielgelesenen Wiener Tageszeitung
unter dem Titel ..Notwendige und überflüssige Operationen“ eine
Kundgebung eines dem Lehrkörper der philosophischen Fakultät an¬
gehörenden l'niversitntsprofessors Aufnahme finden konnte, durch
welche im Publikum die durch nichts begründete Meinung auf-
kommen konnte, daß die zurzeit in der Friedens- und Kriegs¬
chirurgie mit so großem Erfolge befolgten Grundsätze des konser-
vativen Verfahrens von seiten der österreichischen Aerzte in
geringerem Maße befolgt würden als dies anderwärts der Fall ist.
Ganz abgesehen davon, daß an der Entwicklung und dem Ausbau
dieser Praxis gerade österreichische Chirurgen in Wort und Schrift
seit jeher richtunggebend und besonders verdienstlich mitgewirkt
haben, liegt in einer derartigen, wenn auch unter gewissem Vorbe¬
halte erhobenen Anschuldigung eine nicht genug zu ver¬
dammende Beunruhigung des Publikums, für die gerade der
gegenwärtige Zeitpunkt besonders schlecht gewählt ist, durch welche
aber zugleich den Aerzten ihre ohnehin so schwere und verantwor¬
tungsvolle Arbeit in durch nichts zu rechtfertigender Weise erschwert
wird. Die k. k. Gesellschaft der Aerzte ist überzeugt, daß die öster¬
reichische Aerzteschaft. unbeirrt durch derartige, zum mindesten
höchst überflüssige, laienhafte Acußerungen sich wie bisher auch
künftig lediglich die bewährten Grundsätze der Wissen¬
schaft, und Erfahrung bei der Behandlung der ihnen anver-
trauten Verwundeten zur Richtschnur ihres praktischen Handelns
dienen lassen wird.“
(Mängel des französischen Sanitätswesens.) Seit
einiger Zeit werden von verschiedenen Seiten — trotz der streng
gehandhabten Zensur nicht zuletzt von den französischen Blättern
selbst — lebhafte Vorwürfe gegen die Handhabung des Sanitäts¬
dienstes im französischen Heer erhoben. Danach muß es um die
Pflege und Behandlung der Verwundeten und Erkrankten recht
übel bestellt sein. Der Pariser „Eclair“ veröffentlicht einen Teil
eines umfangreichen Berichts, den der bekannte Chirurg Doyen
den Mitgliedern des Parlaments zugesandt hat, um die schweren
Mängel des französischen Sanitätsdienstes nachzuweisen und die
Möglichkeit der Abhilfe zu zeigen. Der „Eclair“ erklärt, er müsse
auf die Wiedergabe des angeklagten Teiles der Denkschrift
Doyens verzichten und könne nur den Reformplan wiedergeben,
da die Zensur die Veröffentlichung der beklagenswerten
lösen Irrtiimer nicht gestatten würde. Die „Guerre sociale“ be¬
zeichnet Doyens Bericht als wichtige Enthüllung. Dieses Biat
führt aus dem anklagenden Teil der Denkschrift eine Stelle an,
wonach die große Sterblichkeit unter den französischen Ver¬
wundeten in den ersten Kriegsmonaten auf einen monumentalen
Irrtum zurückzuführen sei, den ein Rundschreiben an die französi¬
schen Aerzte vom 10. August verursacht habe. Nach diesem Knmi-
schreiben seien die Kriegswunden als aseptisch zu behände n,
während nach Doyen die meisten infiziert seien. Das Unterlass
rechtzeitiger Reinigung der Wunden habe viele Todesfälle verursac
Sitzungs-Kalendarium.
Mittwoch, 3. Februar, 7 Uhr. 'Wiener Laryngelogische
Höreaal Chiari (IX., Lazarettgasse 14). 1. Administrative Sitzmt-
2. Demonstrationen. A FpaIlk .
Freitag, 5. Februar, 7 Uhr. K.k. Gesellschaft der Aerzte. (IX-, *raux
gasse 8.)
Urban k Schwaraenborg, Wien und Berlin. — Verantwortlicher Redaktenr fQr Gstcrralch-Ungarn: Karl Urban, Wien,
j Druck von Qottlieb QUtel & Cie., Wien, ITT-, HttuguM 8. "7,1 T
Wien, 7. Februar 1915
XI. Jahrgang.
Medizinische Klinik
Wochenschrift für praktische Ärzte
redigiert von
FroflMMr Dr. Kurt Brandenburg
Berlin
Verlag von
(Jrbun dt Schwarzenberg
Wien
INHALT: Die Yersorging der Verwundeten und Erkrankten im Kriege: Oberstabsarzt Prof. Dr. Uhlenhuth, Dr. Olbrich und Assistenzarzt
Dr.Messerschmidt, Tvpliusverbreitung und Typhusbekämpfung im Felde (mit 4 Abbildungen). Dr. Franz Dedekind. Choleraimpfphlogmonen. Prof.
Dr.Aleiander Ritsch 1, Orthopädisches in der Verwnndetenbehandlung (Schluß aus Nr. 5). Prof. Dr. Alexander Ritschl, Zwölf Gebote zur Verhütung
>ie* Kriippeltums bei unseren Kriegsverwundeten. — Berichte Über Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren: Reg.-Rat Prof. Dr. E. Heinrich
Kin'h, Der Diabetes der Alternden. Dr. Disque. Die Milch in dev ärztlichen Praxis. — Aus der Praxis für die Praxis: Dr. K rummacher, Voll¬
kommener Ersatz des Benzins durch Carbonum tetrachloratum in der Chirurgie. — Referatenteil : Sam melreferat: Dr. Paul Re ck z eh, Neuere Arbeiten aus dem
Gebiete der Versicherungsmedizin. — Aus den nenesten Zeitschriften. — Bächerbesprechnngen. — Wissenschaftliche Verhandlungen. — Bernfs-
md StiBfafragea: K. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien. Deutsch-belgische Aerztevereinigung in Namur (Belgien). Aerztlicher Verein in Köln. —
Klebte Mitteilungen.
Dr VtrUf hkdU tkik im» tnutehü^ßUeh» Rsdä der VtrcUi/UHfu*f vmd V*rbr»it%m§ <Ur im dt «nt Zeit 'mehrift mm m Br m Mmm ff*ian f nd*n OrigimalbcUr&f vor.
Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege.
Aas dom Laboratorium des beratenden Hygienikers bei der
VIL Armee (Oberstabsarzt Prof. Dr. Uhlenhuth).
Tfphnsrerbreltang und Typhusbekämpfung im
Felde 1 )
von
Oberstabsarzt Prof. Dr. Ufalenhiith, Dr. Olbrich
und Assistenzarzt Dr. Messersehmidt.
»Der Krieg ist eine traumatische Epidemie.“ Ihre Erreger
sind die Geschosse aus Stahl und Eisen, aus Kupfer und Blei. Mit
illen Sinnen wahrnehmbar — sichtbar, hörbar und fühlbar —
reißen sie mit unwiderstehlicher Gewalt in wenigen Augenblicken
wahllos ihre Opfer zu Boden und richten grausame Zerstörungen
m. Diese zu heilen, ist zunächst die wichtigste und vornehmste
Aufgabe des Feldarztes. Aber noch in einer andern Richtung hat
tor Arzt im Kriege Gelegenheit und die Pflicht, sich epidemio¬
logisch zu betätigen.
Ganz eigenartige, kleink&librige Geschosse gibt es noch, die
tod* und verderbenbringend im Lager der Feinde und Freunde
ihre reiche, grausame Ernte zu halten pflegen. Klein und winzig
io ihrer Erscheinung, dem bloßen Auge verborgen, durch keine
Warfmaschinen geschleudert, aber dafür mit lebendiger Kraft
begabt, dringen sie unmerklich und schleichend aus dem Hinter¬
halte heraus in den Körper ein und, indem sie sich hier mit un¬
heimlicher Schnelligkeit vermehren und vielfach deletäre Gifte
absondern, rufen sie schwere Schädigungen im Organismus hervor
oder richten ihn völlig zugrunde. Wenn auch die kleinsten, so
sind sie doch die größten Feinde des Menschengeschlechts — und
besonders der kämpfenden Truppen. Das lehrt uns die Kriegs¬
geschichte. Die durch diese Mikroorganismen hervorgerufenen
Seöehen — Typhus und Cholera, Ruhr und Flecktyphus — sind
die steten Begleiter der kämpfenden Heere gewesen und haben in
der Regel mehr Opfer gefordert, als die Geschosse der Feinde.
Noch im Jahre 1870 standen wir diesen Seuchen machtlos
Pgwüber, da man ihre Ursachen nicht kannte. Besonders waren
* Röhr und Typhus, die uns damals zu schaffen machten.
Im Kriege 1870/71 wurden im deutschen Heere 74205 Typhus-
arkrankungen gleich 91 pro Mille der Iststärke und 8904 Todes-
,a " gleich 11 pro Mille der Iststärke beobachtet. Den 8904 Typhus-
todesfällen gegenüber wurden nur 6000 Todesfälle an andern Krank¬
heiten beobachtet; 60 °/o der Verluste an Krankheiten sind also
o2fl-^ en ^Phu8 zurückzuführen. An Ruhr erkrankten 1870/71
M&nn (gleich 49 pro Mille) mit 2850 Todesfällen.
Auch im jetzigen Kriege haben wir wieder mit diesen
wachen zu rechnen. Aber dank den gewaltigen Fortschritten der
Hygiene und Bakteriologie, die wir in erster Linie unserm Meister
habert Koch verdanken, können wir diesen Feind mit Erfolg
l ) Nach einem am 1. November 1914 In L. von Prof. Uhlenhuth
*"“%**«» Google
bekämpfen, wenn es auch nicht immer möglich ist, unter den un¬
günstigen hygienischen Verhältnissen, die der Krieg nun einmal
schafft, diese Seuchen gänzlich zu verhüten und gänzlich aus¬
zurotten.
In den Sommermonaten hatten wir zahlreiche Ruhr¬
erkrankungen, die aber fast ausnahmslos sehr leicht verliefen.
Es handelte sich, wie wir feststellten, fast ausschließlich um die
giftarme Y-Flexner-Ruhr. Wir selbst haben nur einen Fall der
giftigen Shiga-Kruse-Ruhr beobachtet. Die Erkrankung war in der
Regel so harmlos, daß die meisten Kranken dicht hinter der Front
behandelt und nach acht bis zehn Tagen zur Truppe entlassen
werden konnten. Nur eine verhältnismäßig geringe Anzahl be¬
durfte der Aufnahme und längeren Pflege in den Seuchenlazaretten.
Wegen der Harmlosigkeit der Krankheit konnte auf etwaige
Bacillenträger, denen man im Frieden bisher eine besondere Auf¬
merksamkeit zuwendete, keine Rücksicht genommen werden. Die
Ruhr erlosch denn auch verhältnismäßig schnell.
Ganz anders mußte die systematische Bekämpfung des
Typhus betrieben werden, der seit Anfang Oktober sich unter
den Truppen, aber durchaus nicht in beunruhigender
Weise, bemerkbar machte und jetzt dank den getroffenen Ma߬
nahmen fast völlig erloschen ist.
Im folgenden wollen wir die Bekämpfung des Typhus in
unserer Armee in großen Zügen auseinandersetzen, vorher aber
über die Epidemiologie und Ausbreitung einige Angaben machen.
I. Epidemiologie und Verbreitung.
Wenn man sich ein klares Urteil bilden will über die Ent¬
stehung des Typhus unter unsem Truppen, so muß man zunächst
den Zeitpunkt feststellen, wann die Infektion erfolgt ist. Berück¬
sichtigt man dabei, daß der Tag der Ansteckung zwei bis drei
Wochen vor dem Erkranknngstage liegt und hat die Erkrankungs¬
daten aus den Truppenkrankenbüchern zur Hand, so sieht man,
daß der Typhus in unserm Heere auf Infektion in Belgien und
Nordfrankreich zurückzuführen ist. Mit Genugtuung konnten wir
wahrnehmen, daß Fälle von Typhusinfektionen im Aufmarsch¬
gebiete kaum bekannt geworden sind. Der organisierten Typhus-
bekämpfung im Südwesten des Reichs, die seit 1903 im Auf¬
marschgebiet eingerichtet und mit großer Energie durohgeführt
wurde, ist es zu danken, daß hier der früher endemisch auf¬
tretende Typhus eine außerordentliche Abnahme zu verzeichnen
hat. Um 56 °/ 0 ist die Typhusmorbidität trotz Anwendung ver¬
feinerter diagnostischer Methoden gesunken. Jede Ortschaft steht
unter Kontrolle der (hygienisch-)bakteriologischen Untersuchungs¬
anstalten in Straßburg und Metz, in Saarbrücken und Trier, in
Idar und Landau. Sie überwachen in steter Fühlung mit dem
wissenschaftlichen Oberleiter dieser Anstalten, sowie dem Reichs¬
kommissar und dem zuständigen Kreisärzte die allgemeinen hygie¬
nischen Verhältnisse der Ortschaften, besonders auch die Wasser-
Versorgung und Beseitigung der Abfallstoffe. Jedem Typhusfall,
gehen sie nach und stellen an Ort und Stelle eingehende Br-
B Original from
UNIVERSITY OF IOWA
150
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6.
7. Februar.
mitilungen über seine Ursache an. Kranke, Verdächtige und ihre
Umgebung werden bakteriologisch untersucht und alle Bacillen¬
ausscheider sorgfältig bis zur bakteriologischen Genesung isoliert.
Die Wohnungen der Kranken werden desinfiziert und die Bacillen-
träger instruiert und überwacht. Letztere sind besonders ge¬
fährlich. Es gibt im Frieden keine gesetzliche Handhabe, um sie
zu isolieren, auch gibt es noch kein Mittel sie zu heilen, man
kann sie nur zur Sauberkeit und Desinfektion ihrer Hände und
Abgänge anhalten. Sie alle waren uns im Aufmarschgebiete
genau bekannt; über jeden wird Buch geführt. In richtiger Er¬
kenntnis ihrer Gefahr für unsere Truppen haben wir durch An¬
trag bei der Vorgesetzten Behörde dafür Sorge getragen, daß sie
beim Beginne der Mobilmachung sofort in geeigneten Anstalten
interniert und so für unsere Soldaten im Aufmarschgebiet un¬
schädlich gemacht wurden. Wir stehen nicht an zu behaupten,
daß gerade diese Maßnahme und die mühevollen Arbeiten der
organisierten Typhusbekämpfung wesentlich dazu beigetragen haben,
daß nicht schon im Beginne des Feldzugs unsere Truppen mit
Typhus durchseucht worden sind.
Anders als bei uns lagen die Verhältnisse in Feindesland.
In Belgien und Frankreich ist der Typhus endemisch weit ver¬
breitet. Eine derartige systematische Bekämpfung, wie wir sie
bei uns durchführen, besteht dort nicht, und die hygienischen
Verhältnisse, die Beseitigung der Abfallstoffe, die Versorgung mit
einwandfreiem Trinkwasser, sind in diesen Ländprn entschieden
viel schlechter als bei uns. Unsauberkeit ist an der Tagesordnung,
Aborte fehlen oder sind in verwahrlostem Zustande, Badeeinrich¬
tungen gehören zu den größten Seltenheiten, selbst in den Städten.
Auf dem Lande werden die Fäkalien im besten Fall an oder auf
dem Misthaufen entleert; gewöhnlich wird aber jede sich bietende
Gelegenheit benutzt. Der Brunnen liegt vielfach unmittelbar neben
dem Misthaufen, von der Beschaffenheit der Brunnen ganz zu
schweigen. Die Straßen und Plätze sind ungepflegt und schmutzig.
Selbst in den Schulgebäuden begüterter Gemeinden herrscht eine
weitgehende hygienische Nachlässigkeit.
Es ist daher gar nicht wunderbar, daß sich der Typhus
nach Ueberschreiten der Grenze unter unsern Truppen verbreitete.
Wie gesagt, schon auf dem Wege durch Belgien (mit der Bahn
wie durch Marsch) sind Infektionen mit Typhus vielfach beobachtet
worden. Bei der Schnelligkeit des Vorgehens war es nicht immer
möglich, jedem einzelnen Falle methodisch nachzugehen. Nachdem
dann aber unsere Operationen die Form eines Belagerungskriegs
angenommen hatten, vermochten wir ausgedehnte systematische
Nachforschungen anzustellen. Zunächst war es wichtig, über die
Verbreitung des Typhus unter der Landbevölkerung Erhebungen
vorzunehmen. Wir gingen in der Weise vor, daß wir im Gebiet
unserer Armee nach und nach sämtliche Ortschaften im Ope¬
rationsgebiete und in der Etappe einer genauen Durchsuchung
unterzogen. Um darin eine gewisse Einheitlichkeit und Gleich¬
mäßigkeit zu gewährleisten, hielten wir uns an ein bestimmtes,
von uns entworfenes Schema:
Leitsätze
für die örtlichen Ermittlungen nach Typhus und die Ausfindigmachung
von Bacillen trägem.
1. Der französische Laie unterscheidet je nach der Dauer der
Erkrankung, ihrer Schwere nnd den vorherrschenden Symptomen;
a) le typhus,
b) le petit typhus,
c) Ia fievre typhoide,
d) la fievre muqueuse,
e) la fievre gastrique,
f) la fievre mauvaise,
g) la congestion cerebrale,
h) la meningite (= unaerra Meningotyphus).
2. Alle diese Erkrankungen gelten nach unsern Begriffen als
Typhus beziehungsweise in hohem Grade typhus verdächtige Erkran¬
kungen.
3. Eine Ortskarte findet sich für gewöhnlich auf dem Bürger-
ineisteramte. Dieselbe durchpausen, gegebenenfalls verkleinern. Nur die
Wohnhäuser einzeichnen, die Kirche, die Schule, die öffentlichen
Wasserläufe, die öffentlichen Brunnen, die öffentlichen Waschstellen,
gegebenenfalls noch Fabriken und dergleichen.
° 4. Da die öffentlichen Straßenbezeichnungen und die Haus¬
nummern gewöhnlich fehlen, die Straßenbezeichnungen an den Ecken
mit Kreide oder dergleichen anbringen und die Häuser mit Kreide
oder dergleichen nummerieren, Links ungerade Nummern, rechts
»erade Nummern. Bei Querstraßen von der Hauptstraße anfangen,
bei PnralJelstraßen zur Hauptstraße in derselben Kichtung wie die
Hauptstraße.
5. Ein Heft (Schulheft, Kollegheft) mitnehmen.
6. Jedes einzelne Haus betreten.
7. In das Heft die Straße und Hausnummer eintragen.
8. Danach den Haushaltungsvorstand (Familienvater) mit Name,
Vorname, Alter und Beruf eintragen.
9. Weitherhin die Anzahl der Erwachsenen und die Anzahl der
Kinder angeben (als Kinder rechnen alle bis zum vollendeten
15. Lebensjahre). Dienstboten, im Hause wohnende Lehrjnngen,
Gesellen, Großeltern und dergleichen nicht vergessen.
10. Danach fragen, ob in dem betreffenden Hause Typhus oder
eine typhusähnliche Erkrankung vorgekommen ist (vergl. Ziffer 1).
feststeilen, ob zurzeit jemand krank ist oder vor kurzem krauk war.
Dann zurückgehen auf den verflossenen Teil von 1914, auf das Jahr
1913, das Jahr 1912 usf. bis soweit, wie die Erinnerung der
Leute reicht.
11. Todesfälle genau angeben: Jahr, Monat, Tag, Alter des
Verstorbenen, Dauer der Krankheit.
12. Alles das ins Heft eintragen, auch allgemeine Angaben (bei
uns sterben jedes Jahr soundso viel Leute an Typhus. — Beim
Nachbar so und so w r aren auch so und so viele Idente damals
krank. — In derselben Straße waren damals der und der gleich¬
zeitig, vorher, nachher auch so krank).
13. Alle auf Typhus beziehungsweise Typhusverdacht (dabei
sehr weitgehend) passenden Angaben ira Hefte rot unterstreichen.
14. Sobald dieser lückenlose Rundgang beendet ist und die er¬
forderlichen Eintragungen gemacht sind, die Häuser mit den rot
unterstrichenen Angaben nochmals ganz genau vornehmen.
15. Eine namentliche Liste aller Mitglieder des Hausstandes
beziehungweise des Hauses anlegen (dafür am besten ein zweites
Heft nehmen), Name, Vorname, Alter, Beruf eintragen, bei jedem ein¬
zelnen fragen, ob und wann und wie lange krank gewesen, wenn auch
nur leicht oder ganz leicht krank.
16. Die Namen der Erkrankten oder Krankgewesenen blau
unterstreichen.
17. Nach Erkrankungen in der Verwandtschaft, Freundschaft,
Nachbarschaft, in derselben Straße, derselben Arbeitsstätte forschen.
18. Ueber alles genaue Vermerke machen.
19. Erst danach Blutentnahme vornehmen, und zwar nur bei Er¬
krankten, Krankgewesenen und Krankheitsverdächtigen aus den Jahren
1914,1913 und 1912. Den Leuten sagen, daß die Sache nicht schmerzhaft,
nicht gefährlich ist und daß es sich um eine „Blutanalyse“ lmndelt.
20. Blutentnahme am besten in folgender einfachen und objektiv
ganz harmlosen Form. Man reibt zunächst die Spitze eines kleinen
spitzen Skalpells mit Spiritus gründlich ab und legt sich das Messer,
mit der Spitze frei, zum Eingreifen bequem zurecht. Mit demselben
Spirituswattebiiusch reibt man das linke Ohrläppchen vorn, unten und
hinten gründlich ab. Alsdann trocknet man das Ohrläppchen mit
reiner (steriler) Watte ab und zwängt dabei das Ohrläppchen gut
zwischen die reibende Watte, um eine gewisse Hyperämie desselben
zu erzeugen. Danach faßt man das Ohrläppchen mit linker Zeige¬
fingerspitze von vorn, mit linker Daumenspitze von hinten, drückt
die Fingerspitzen etwas gegeneinander und macht am Rande des Ohr¬
läppchens schnell den kleinen Einstich. — An Stelle eines spitzen
Skalpells kann man auch den sogenannten Frank eschen Schnepper
benutzen oder eine Stahlfeder mit halber Spitze. Nunmehr fängt inan,
mit der linken Zeigefinger- und linken Daumenspitze etwas melken:!,
Tropfen um Tropfen das austretende Blut in dem kleinen sterilen
Spitzgläschen auf, bis dieses zu dreiviertel voll ist. Stockt das Aus¬
tropfen einmal, so genügt es, das Ohrläppchen nochmals mit reiner
(steriler) Watte etwas abzureiben, es dabei mit der Watte leicht ein¬
zwängend. Auf diese Weise gelingt es, ohne Gekreisch und ohne
Geschrei, selbst kleinen Kindern genügend Blut zu entnehmen. Dabei
weniger reden, mehr rasch und kurz handeln. Die Blutprobe gut
verschließen und gut bezeichnen (vergl. Anweisung für Entnahme und
Versand von Untersuchungsmaterial).
2t. Genau in derselben Weise jedes einzelne Typhus- oder
typhusverdächtige Haus bearbeiten, von Straße zu Straße. Immer
möglichst genaue Angaben eintragen. .
22. Den Bürgermeister, den Ortsgeisllichen, die Lehrer und
I^ehrerinnen nach Krankheitsfällen, Todesfällen usw. ausforschen.
23. Die Schulversäumliste durchsehen, Auszüge machen und
den betreffenden Fällen nachgehen. ,
24. Die amtliche Sterbeliste durchsehen, Auszüge machen und
den betreffenden Fällen nachgehen. . .
25. Beim Bürgermeister feststellen: Einwohnerzahl (im Frieden,
Zahl der Zurückgebliebenen), Zahl der Schulkinder, Zahl und Art der
Gewerbebetriebe, Milchversorgung, Fleischversorgung, Zahl und A
der öffentlichen und Privatbrunnen. T ...
26. Feststellung der Einquartierung. Namentliches Verzeichnis
der jetzigen für jedes Typhushaus beziehungsweise jedes typhusver-
düchtige Haus. Nachforschungen nach der früheren Einquartierung,
genaueste Berücksichtigung etwaiger Erkrankungen bei Militärpersonen,
Beachtung der Inkubationszeit (zwei bis drei Wochen). .
27. Eintragung der angegebenen Typhuserkrankungen mi
kleinen roten Kreisen, der noch ermittelten Erkrankungen mit kleine
blauen Kreisen in dem Wohnhausrahmen auf der Ortskarte.
28. Ueberweisung aller frischen oder eben abgelaufenen hmn
heitsfülle an das Absonderungshaus für französische Zivilpersonen.
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1 . Febnar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6.
151
29. Regelung des Versandes der Stuhl- und Harnproben an das
Laboratorium des zuständigen beratenden Hygienikers (vergl. An¬
weisung für Entnahme und Versand von Untersuchungsmaterial).
30. Stuhl- und Harnproben sind notwendig:
a) von allen Personen, welche kürzlich Typhus überstanden
haben und umhergehen (subakute Bacülenträger),
b) von allen Personen, welche auch vor längerer Zeit,
selbst vor Jahren Typhus überstanden haben (chronische
Bacülenträger),
c) von sämtlichen Mitgliedern desselben Hausstandes be¬
ziehungsweise desselben Hauses (gesunde Typhustrfiger).
36. Laufende Desinfektionen, Schlußdesinfektionen anordnen und
überwachen.
37. Den gesamten Rundgang allwöchentlich wieder¬
holen.
Auf diese Weise stellten wir fest, daß in zahlreichen Ort¬
schaften seit Jahrzehnten Jahr aus Jahr ein eine große Anzahl
von Einwohnern an Typhus erkrankt, eine beträchtliche ihm zum
Opfer gefallen war. Besonders waren die Kinder und die Zugezogenen
betroffen, sodaß wir das bekannte Bild der Durchseuchung und
lokalen Immunität vor uns hatten. Sogenannte „Typhushäuser“
31. Die Proben nach Ziffer 30 a und b sind allwöchentlich zu
wiederholen, die Proben nach 30 c auf Erfordern des beratenden
Hygienikers.
32. Als Typhuserkrankungen rechnen alle von den Leuten
.st als solche angegebenen Erkrankungen, alle noch ermittelten
irgendwie verdächtigen Erkrankungen ohne Rücksicht auf den noch
^gestellten Blutbefund.
33. Bei der Einforderung der Stuhl- und Harnproben in den
rammen darauf achten, daß an einem Tage nur je eine Stuhl- und
Haruprobe, höchstens deren zwei verlangt werden, da sonst zu leicht
«Wechslungen und Unterschiebungen entstehen.
34. Holzhülsen vorher genau bezeichnen (vergl. Anweisung für
Mitnahme und Versand von Untersuchungsmaterial).
35. Die sogenannte Uebersichtsliste anlegen und peinlichst
tfnw veiterführem
fanden sich sehr häufig. Zu welchen Ergebnissen im einzelnen
derartig exakt ausgeführte systematische Erhebungen führen, erhellt
aus der beigefflgten Ortsskizze von D. (vgl. Plan Abb. 1). Als wir hin¬
kamen, waren auf Grund der einfachen Befragung des Bürger¬
meisters und beim bloßen Abgehen des Ortes vier verdächtige
Kranke herausgefunden worden. Nach einwöchiger Arbeit
unserseits stand bereits fest, daß unter den Häusern dieser Ort¬
schaft 75 als typhusverseucht anzusehen sind und daß der
Typhus mindestens «eit dem Jahre 1858 in diesem Ort endemisch
gehaust hatte. (Jodes Jahr sieben bis acht, bisweilen elf bis
z*Ölf, in einem Jahre sogar 40 Todesfälle an Typhus.) Aehnlich
verhielten sich andere Orte, z. B. B. mit 26 Typhushflusern, wo
gleich bei der ersten Serie von Stuhl- und Harnproben zwei
Bacillenträger festgestellt wurden. In A. f einem kleinen
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152
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6.
7. Februar.
J294 Einwohner im Frieden), aber stark belegten Orte wurde uns
angegeben, daß der Typhus dort gänzlich unbekannt sei und daß
alle Leute an Altersschwäche mit 80 Jahren und älter sterben;
und doch fanden wir sofort unter den wenigen zurückgebliebenen
Einheimischen zehn im höchsten Grade typhusverdächtige Fälle.
So gelang es, einerseits ein untrügliches epidemiologisches Bild
über den Ort zu gewinnen, anderseits häufig genug das Haus,
die Familie zu ermitteln, in denen sich unsere Soldaten infiziert
hatten. Die mühselige Arbeit der systematischen Stuhl- und
Harnuntersuchungen brachte außer Typhuskranken vielfach Ba -
cillenträger zum Vorschein. Unter andern wurde der 71jährige
M. aus L., einem stark belegten Orte, der seinen Typhus
im Jahre 1888 gehabt hat, und seine Ehefrau, die im Jahre
1870 daran erkrankt war, als Dauerausscheider erkannt;
ebenso wurde die 54 Jahre alte Nonne und Gemeindekranken¬
schwester Lucie B. aus W. als gesunde Typhusträgerin ermittelt.
Je mehr Ortschaften in den Kreis dieser Ermittlungen gezogen
wurden, um so öfter konnte festgestellt werden, daß auch Orte
von Typhus betroffen waren, die niemals mit deutscher Ein¬
quartierung bedacht worden sind. Daraus geht akten¬
mäßig hervor, daß der Typhus in Nordfrankreich in der
Tat endemisch herrscht und nicht etwa primär durch
unsere Soldaten dort eingeschleppt ist. Es soll nicht ge¬
leugnet werden, daß auch hie und da vereinzelte Mannschaften
als Bacillenträger ins Feld mitausgerückt sein können. Für die
allgemeine Verbreituag und Entstehung des Typhus kommen sie
nicht in Betracht. Die Ausbreitung des Typhus unter
unsern Truppen fällt örtlich und zeitlich zusammen mit
dem Betreten des endemisch verseuchten Gebiets. Müssen
nun aber die Ortschaften solchen Gebiets mit Truppen belegt
werden, so müssen sich naturgemäß unsere Soldaten infizieren,
und zwar um so häufiger und eher, je mehr diese Orte in der
Front liegen und unsern Leuten als Ruhequartier nach den Tagen
im Schützengraben dienen. Die von Ort zu Ort ziehenden Ko¬
lonnen werden oft genug der Kriegslage entsprechend auch_
in solchen Typhusnestern verweilen müssen. Der Ansteckungs¬
stoff wird von ihnen hier aufgenommen und weiter ver-_
schleppt. Da und dort wird es notwendig, daß die Zivil-
bevölkerung einer verseuchten Ortschaft, die unter^Feuer_
liegt, ihre Häuser verläßt und mit Kind und Kegel weiter-
zieht; dann schleppen die Flüchtlinge das Typhusgift Überall hin,
wo sie wieder festen Fuß fassen. Solche Wege konnten wir
mehrfach genau verfolgen.
Aus dem zerschossenen C. bei R., das die Bewohner selbst als
typbusverseucht bezeichneten, kamen 85 männliche Personen nach T. bei
M. Von diesen erkrankten bald nach ihrer Ankunft in T. acht mit zwei
Todesfällen. Der Ort T., für sich typhusfrei und von den großen Heer¬
straßen ziemlich abgelegen, würde bald mit Typbuserkrankungen libersät
worden sein, wenn wir nicht sofort alle Erkrankten nach unserm Ab¬
sonderungshause in D. (siehe unten) verlegt hätten. Die zu diesen 85
männlichen Personen gehörigen etwa 200 Frauen und Kinder waren unter¬
wegs in V. zurückgeblieben und haben uns auch dorthin den Typhus
gebracht. In einem Falle ließ sich nachweisen, daß sechs Erkrankungs¬
fälle mit einem Todesfall in einer Familie (Posthaus in dem sonst typhus-
freien S.) darauf zurückzuführen waren, daß die Familie am 29. und
30. August in dem bekannten Typhusorte J. übernachtet hatte.
Zweifellos haben auch die französischen Soldaten, die im
August in solchen Ortschaften lagen, auf ihrem Vormarsche nach
Belgien das Typhuskontagium aus ihnen weiter verschleppt, wie
es jetzt bei unsern Truppen und besonders bei den Kolonnen der
Fall ist. Wir haben z. B. ein Husarenregiment von dem Tag an,
der nach dem Ausbruche deB ersten Typhusfalles als Infektionstag
dafür zu gelten hat, durch alle Quartiere verfolgt und akten¬
mäßige Feststellungen über die Verschleppung des Typhus in diesem
Fall und ähnlichen gemacht. Am meisten schwebt in ständiger
Typhusgsgefabr unsere Infanterie. In den engen Ruhequartieren
nimmt sie leicht immer neuen Anstecklingsstoff auf und bringt
ihn in die Schützengräben und in die Unterstände, wo der Kontakt
noch inniger ist.
Die Hauptgefahr für die Typhusverbreitung ist immer der
bacillenausscheidende kranke, krank gewesene oder
gesunde Mensch, der sogenannte Bacillenträger im weitesten
Sinne. Auch nach den im Kriege gemachten Beobachtungen
steht die Kontaktinfektion im Mittelpunkte des Interesses.
Maßgebend ist die Art, wie mit den Fäkalien umgegangen wird.
Hat sich der Mann nun in einer Ortschaft infiziert, so schleppt
er seinerseits die Typhuskeime weiter, von Ort zu Ort, und steckt
in erster Linie seine Kameraden, vielfach aber auch die noch typhus-
f re i e Zivilbevölkerung an. Diese selbst wird wieder eine ernst¬
hafte Gefahr für die neuankommenden Truppen, die an- und ab¬
marschierenden zahllosen Kolonnen und so fort, sodaß ein echter
Circulus vitiosus entsteht.
Bei schnellem Vorrüoken der Trappen ist die Gefahr der
Typhusverbreitung nicht so groß; es findet bald eine „Selbstreini¬
gung“ statt, insofern die Kranken und Kränklichen Zurückbleiben
und die infizierten Quartiere verlassen werden. Anders bei län¬
gerem Liegen an einer Stelle. In den ständig belegten Ortschaften
und in den Schützengräben wird die an sich schon größere Infek¬
tionsgefahr hauptsächlich durch Unsauberkeit erhöht. Einwand¬
freie Latrinen sind hier von größter Bedeutung. Die Forderung
nach derartigen Latrinen ist im Beginne eines Belagerungskriegs
nicht immer leicht zu erfüllen. Es ist verständlich, daß in den
ersten Tagen jede Arbeit darauf verwandt wird, die Schützen¬
gräben auszuheben und zu befestigen. Es dienen dann draußen
Granatlöcher meist als Latrinen. Da diese „Latrinen* wegen des
feindlichen Feuers kaum anders als nachts zugänglich sind, kommt
es leicht zur Absetzung der Fäkalien an nicht dazu bestimmten Orten,
infolgedessen zur Beschmutzung des Schuhzeugs und, bei der häufig
bestehenden Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit, sich zu waschen,
auch der Hände. Die Infektionsmöglichkeit steigert sich damit
von Tag zu Tag und wird erst geringer, sobald die ausgehobenen
Befestigungen Schutz genug bieten, an den Bau von Latrinen in
den Schützengräben selbst herangehen zu können. In den Schützen¬
gräben und in den Unterständen ist natürlich die Gefahr der Ver¬
breitung wieder eine recht erhebliche, besonders dann, wenn nicht
auf strengste Sauberkeit gehalten und für sachgemäße Anlage von
Latrinen gesorgt wird. Wird z. B. nicht in einem Seitengaog
eine Grube für die Fäkalien angelegt (siehe Skizze Abb. 2), sondern
werden nur abgelegene Stellen für die Defäkation regellos benutzt,
so werden begreiflicherweise durch Hineintreten in die Exkre¬
mente, besonders bei Dunkelheit, etwa vorhandene Typhuserreger
mit den Schuhen in die Schützengräben selbst hineingetragen.
Dort, in den Unterständen, liegen die Leute meist ganz dichtge-
ferbinduogsjaflg
Graben derLatrioe
Abb. 2.
drängt nebeneinander, und die direkte oder indirekte Uebertragung
durch die infizierten Stiefel ist unvermeidlich. An Waschwasser
ist, wie gesagt, kaum zu denken, und so werden die Bacillen von
den Stiefeln an die Hände gelangen, damit wieder an die Nah¬
rungsmittel und so in den Mund — und die Infektion ist fertig.
Bekanntlich ist der Typhus eine Krankheit, deren erste Symptome
ganz unbestimmt sind, und doch sind die Kranken vielfach schon
ansteckungsfäbig, selbst im Inkubationsstadium (Frühkontakte!)
Dasselbe trifft zu für die ganz leichten Erkrankungen, die unter
Umständen gar nicht zur ärztlichen Kenntnis gelangen. Im Frieden
ist es schon nicht leicht, diese gefährlichen Personen rechtzeitig
ausfindig zu machen; im Kriege wird die Aufmerksamkeit auf
solche noch mehr abgelenkt, besonders beim offensiven Vorgehen
und dem Bestreben unserer braven Soldaten, so lange wie mög¬
lich ein bestehendes Unwohlsein zu unterdrücken. Haben wir
doch erlebt, daß unsere Leute mit den Zeichen des klassischen
Typhus der dritten und vierten Woche direkt aus den Schützen¬
gräben ins Typhuslazarett kamen und schon am nächsten Tage
der Krankheit erlagen! — Alle diese Infektionen erfolgen also durch
Kontakt, durch die mit den Ausleerungen beschmutzten Finger,
seltener auch durch beschmutzte Wäsche und andere Gebrauchs-
gegenstände. Wie gefährlich gerade dieser Infektionsmodus für
die Verbreitung des Typhus ist, beweisen auch die leider nicü
selten beobachteten Fälle von Infektionen des Krankenpflege? 01 ’ 80 '
nals in den Typhuslazaretten. . n ,
Gegenüber der direkten Kontaktinfektion spielt die Ueber-
tragung durch indirekten Kontakt: durch Wasser und Nahrungs¬
mittel, eine untergeordnete Rolle. Derartige Fälle, die ja an sie
zu mehr explosionsartigen Massenepidemien führen, haben wir n
sehr selten verzeichnen können. Immerhin ist die Gefahr
Brunneninfektion bei dem schlechten Zustande derselben und
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6.
153
Uorauberkeit ihrer Umgebung eine ziemlich erhebliche; auch ißt
eine gelegentliche Infektion der Quellen bei dem kalkhaltigen, zer-
klfifteten Gestein des französischen Bodens nicht auszuschließen.
— Auch die bei der Typhusbekämpfung im Södwesten des Reiches
im Frieden gemachten Beobachtungen sprechen für die ausschlag¬
gebende Bedeutung der Kontaktinfektion.
Bei 5889 Typhusfällen, bei denen der Ursprung festgestellt werden
konnte, erfolgte die Uebertragung durch:
1. Kontakt in
2. Wasser in ... .
3. Milch in ... . .
4. andere Nahrungsmittel
5. Wäsche in ... .
4202 Fällen
899 „
309 „
141 „
6. Krankenpflege in. 108 „
7. Jauche und Abortgrubeninhalt 26 „
8. Laboratoriumsinfektion in ... . 14 „
9. verschiedene andere Uebertragim-
gen in. 40 „
10. von außerhalb des Untersuchungs¬
gebiets eingeschleppte Fälle in . . 614 „
Diese Erkenntnis, daß die Kontaktinfektion von Mensch
ia Mensch bei weitem an der Spitze der verschiedenen Ueber-
tragUBgBmÖglichkeifcen steht, ist immer noch allzuwenig bekannt
und noch nicht Gemeingut aller Aerzte geworden.
Wieweit in Frankreich mit einer Verseuchung der Fluß-
llufe und Kanäle gerechnet werden kann, können wir auf Grund
eigner Erfahrungen nicht entscheiden. Nach unsern Beobachtungen
in Elsaß-Lothringen steht soviel fest, daß die Kanalschifler und
Flößer, die zu einem großen Teil aus Frankreich kommen und
Kanalwasser zu Trink- und Gebrauchszwecken in ausgiebiger Weise
verwenden, kein erhebliches Kontingent der Typhusfälle ausmachen.
Das sind im wesentlichen die mannigfachen Wege, auf denen
die Infektion unserer Truppen, der durchmarschierenden sowohl,
wie der mehr oder weniger stilliegenden zustande kommt. Selbst
die peinlichste Fürsorge, das Verbot des Belegens von Häusern
und Ortschaften, in denen Typhusfälle bekannt sind, vermag die
Infektion nicht sicher zu verhindern, schon im Frieden nicht. Im
Kriege, wo die rein militärischen Gesichtspunkte durch sanitäre
Erwägungen noch viel weniger beeinflußt werden können, ist
das oft ganz unmöglich; da kann man an solchen Orten nicht
Vorbeigehen, solche Ortschaften nicht aus dem Operationsgebiete
ausscbalten. Um so mebr kann aber eine rationelle Typhus-
bokämpfung zeigen, was sie zu leisten vermag.
II. Bekämpfung.
Unerläßliche Voraussetzung fflr die wirksame Bekämpfung
einer Kriegsseuche ist, daß man den Gegner selbst und seine
Stärke, Art und Umfang seiner Stellungen, Charakter und Me¬
thodik seiner Bewegungen rechtzeitig und bis ins einzelste und
genaueste kennt. Das ist, wie ausgeführt wurde, beim Typhus
oft recht schwierig, aber doch, wie ebenfalls gezeigt werden konnte,
Dicht unerreichbar. Ueber den Typhus selbst ist Neues kaum zu
»gen. Interessant ist vielleicht, daß der Franzose noch zahl¬
reichere Umschreibungen für ihn bat, als das bei uns der Fall ist.
Neben le typhus marschiert le petit typhus und la flävre ty¬
phoide, dazwischen aber la fi&vre muqueuse, la fi&vre gastrique,
la ftövre nerveuse, la fihvre contagieuse, la fi^vre dangdreuse und
la congestion cebrale einerseits, la mdningite anderseits. Bei
unsern Mannschaften fiel wiederum auf, daß ziemlich häufig zu
Anfang außer unbestimmten, influenzaähnlichen Erscheinungen die
einer regelrechten Polyarthritis rheumatica bestanden und bis¬
weilen 1 bis 2 rolle Wochen anhielten. Mit Hilfe der bakterio¬
logischen Untersuchung, insbesondere der Blutkultur mit der
Gallenröhre, wurde bald auch diese Polyarthritis als Typhus er¬
kannt. Diese klinisch indifferenten Erkrankungen, welche bei bak¬
teriologischer Untersuchung sich als Typhus erwiesen, gaben unter
andern Veranlassung, für die Truppenärzte „Leitsätze für die
Typhusbek&mpfung bei der Truppe“ aufzustellen und an die
Truppenärzte hinauszugeben, die das vom epidemiologischen Stand¬
punkte Wissenswerte enthielten, vor allem aber eindringlich be¬
tonten, wie die zu Beginn tatsächlich nicht ganz leichte Diagnose
ffld Hilfe des bakteriologischen Laboratoriums gewonnen werden
“nn und wie der Truppenarzt sich den mannigfachen Erscheinungs¬
formen des Typhus gegenüber zu verhalten hat.
Leitsätze für die Typhusbekämpfung bei der Truppe.
V • ^ e ^breitung des Typhus bei der Truppe ist in erster
• ® dadurch bedingt, daß die Diagnose zu spät gestellt wird, die
nn beginne ja auch nicht ganz leicht ist.
B. Fälle von Kopfschmerz mit und ohne Fieber, hartnäckiger
Verstopfung, Bronchialkatarrh, Halsentzündung, Muskel- und Gelenk¬
rheumatismus und all den mannigfachen „Influenza“-Symptomen, sowie
manche als Lungen-, Rippenfell-, Gallenblasen-, Blinddarm-, Harn¬
blasenentzündung beziehungsweise „Reizung“ allgesprochenen Krank¬
heitserscheinungen erweisen sich bei bakteriologischer Unter¬
suchung vielfach als Typhus.
C. Bei klinisch sicherem Typhus werden ja gewöhnlich sofort
alle Vorsichtsmaßregeln (Isolierung, Desinfektion usw.) getroffen. Bei
den unter B genannten Formen hingegen überhaupt nicht oder erst
nach 14 Tagen und länger, wenn entweder der weitere Verlauf
Typhusverdacht erweckt (neue, deutlichere Fälle 1) oder durch bak¬
teriologische Untersuchung Typhus festgestellt wird. — So
kommt es zu einer schnellen Verbreitung des Typhus
unter der Truppe, zumal die Kranken schon in der Inkubations¬
zeit (zwei bis drei Wochen) und dem ersten Beginne der Er¬
krankung Typhusbacillen ausscheiden und ihre gesunden Kame¬
raden infizieren können.
D. Die klinisch unsicheren und auch die leichten Fälle (Typhus
ambulatorius sive levissimus) erweisen sich nicht minder infektiös
als die schweren Fälle; die leichteste Typhusinfektion kann bei der
Uebertragung auf andere Personen schwerste Erkrankung und Tod
herbeiführen.
E. Es ergibt sich daher für den Truppenarzt folgende V er-
pflichtung:
1. Jeder auch nur irgendwie typhus verdächtige Er¬
krankungsfall ist sofort der nächsten Beobachtungsstelle
(Darmkranken8tube, Typhuslazarett) zu überweisen.
2. Die Angehörigen des Truppenteils sind so oft als an¬
gängig und durchführbar ärztlich durchzumustern (Temperatur-
messungen!), besonders wichtig ist diese Durchmusterung vor Ab¬
rücken in die Schützengräben und beim Einrücken in die Quartiere.
3. Lieber einen Fall, der sich nachher nicht bestätigt, als
tvphusverdächtig behandeln, als einen Fall, der unerkannt als
Typhus verbreit er wirkt, inmitten der Truppen lassen.
F. Die Leiter der Darmkrankenstuben (siehe unten) und der
Typhuslazarette sind angewiesen, jeden Fall, der sich als Typhus be¬
stätigt hat, sofort dem zuständigen Korpsarzte zu melden, von dem
aus wiederum der Truppenarzt die Typhusfeststellung mitgeteilt
erhält. Daraufhin hat der Truppenarzt, in der Regel gemeinsam mit
dem Korpshygieniker:
1. nach dem Erkrankungstage (zum Beispiel 22. Dezember)
die Infektionswoche (1. Dezember bis 8. Dezember) festzustellen;
2. zu ermitteln, wo und mit welchen Mannschaften zu¬
sammen sich der Erkrankte in der Infektionswoche aufgehalten hat;
3. diese Mannschaften besonders zu überwachen und von
ihnen Stuhl- und Hamproben in das Laboratorium des beratenden
Hygienikers einzusenden. — Das erste Zeichen von beginnender
Typhusinfektion ist die erhöhte Temperatur: Temperatur¬
messungen sind daher für Umgebungsuntersuchungen von ganz
besonderer Wichtigkeit.
G. Die hygienischen Zustände in den Schützengräben und
Unterständen, sowie in den Quartierorten und den einzelnen Quartieren
seines Truppenteils müssen Gegenstand ständiger eigner Kon¬
trolle des Truppenarztes sein. Insbesondere hat er zu achten auf:
1. Zweckmäßige und hinreichende Latrinenanlagen und fort¬
laufende Desinfektion derselben in Schützengräben und Quartier.
2. Auf Reinlichkeit dieser Anlagen (Papier!) und der Zu¬
gänge zu ihnen.
3. Auf Aufstellung von Waßchgelegenheiten an den
Latrinen und in den Räumen, wo die Mannschaften speisen. (Auf¬
schriften wie:
„Nach dem Stuhlgang,
Vor dem Essen
Hände waschen nicht vergessen! 11
erwiesen sich als zweckmäßig.)
4. Auf ordnungsmäßige Beseitigung der Abfallstoffe (be¬
sonders an den Schlachtungsstellen!), der Abfälle (Konserven¬
büchsen und dergleichen) und der Nahrungsreste.
5. Auf regelmäßiges Erneuern der Strohlager in den Unter¬
kunftsräumen der Mannschaften, auf häufiges Ausmisten der Vieh-
ställe, auf rechtzeitiges Abfahren der Misthaufen.
6. Auf Säuberung der Stuben, Höfe und Straßen.
7. Auf besondere Reinlichkeit der Bediensteten bei Feld¬
küchen und ähnlichem und Ausgabestellen von Nahrungsmitteln.
8. Auf Einrichtung von Badeanstalten mit gleichzeitiger
Kontrolle auf Vorhandensein von Ungeziefer und zutreffendenfalls
auf energische Beseitigung desselben (improvisierte Dampfdesinfek¬
tionsapparate).
9. Auf die Trinkwasserversorgung. — Bei Brunnen
jeglicher Art ist die hygienische Bewertung an Ort und
Stelle (Art des Brunnens, ungenügend oder gar nicht gedeckt, Zu¬
stand der Verwahrlosung, Entfernung vom Misthaufen, von Abort¬
gruben, Geruch und Geschmack des Wassers usw.), meist ma߬
geblicher als die chemische und bakteriologische Wasserunter¬
suchung.
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154
1916 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6.
7. Februar.
Reinhaltung der Entnahmege fiiße, der Bruunen-
umgebung. nötigenfalls Verbot des Trinkens von unge¬
kochtem Wasser (Anforderung von fahrbaren Triukwasserbe-
reitern!).
H. Empfehlenswert erweisen sich kurze belehrende Vorträge
für Offiziere und Mannschaften über Wesen und Bekämpfung des
Tvphus: zweckmäßig ist auch die Verbreitung von Typhusmerk¬
blättern Iherausgegeben vom Kaiserlichen Gesundheitsamt).
I. Schließlich hat der Truppenarzt eine Liste anzulegen und
dauernd zu führen über:
1. alle Fälle seines Truppenteils, die jemals Typhus ge¬
habt haben;
2. alle wieder zum Truppenteil zurückgekehrten Typhus-
rekonvaleszenten:
3. alle von ihm an eine Darm kranken st ubc beziehungsweise
ein Typhusinzarett überwiesenen festgestellten Typhnsfülle.
K. Bei Einrücken in eine neue Ortschaft ist die epidemio¬
logische Aufklärung derselben vorzunehmen unter Zugrunde¬
legung der ..Leitsätze für die örtlichen Ermittlungen
nach Typhus und die Ausfindigmachung von Bacillen-
tragern“, erhältlich beim beratenden Armeehvgieniker und dem zu¬
ständigen Korpshygieniker. die ihrerseits auch Auskunft über die be¬
reits erfolgten epidemiologischen Ortsanfnahmen geben.
L. Alle diese Maßnahmen sind im Verein mit dem Korps¬
hygieniker durchzuführen, der zu diesem Zwecke mit dem Truppen¬
arzt unmittelbar in Verbindung tritt.
Den Typhusverdächtigen so früh wie möglich aus der Ge¬
meinschaft des Truppenkörpers herausholen und absebieben, muß
für den Truppenarzt oberster Grundsatz sein. Daher ist zu achten
auf die geringste Veränderung in dem Befinden der Mannschaften
unter ausgiebigster Vornahme von Temperaturmessungen, auch
in der Umgebung von Krankheitsverdftchtigen. Bei diesen
klinischen Ermittelungen hat der Beratende Innere Mediziner
in ersprießlichster Weise mitgewirkt. Gleichzeitig wurden einige
Winke für Verbesserung der hygienischen Zustände, namentlich in
den Quartieren, gegeben und besonders auf die Notwendigkeit der
Einrichtung von Badeanstalten hingewiesen. Auf Veranlassung der
Korpsärzte und des Etappenarztes sind dann überall unmittelbar hinter
der Front, im Operations- und im Etappengebiete beachtenswerte
Badeeinrichtungen (Wannen- und Brausebäder) improvisiert worden,
sodaß für die Reinlichkeit des Körpers in gründlichster Weise ge¬
sorgt ist. Als die Typhusfälle sich zu mehren anfingen, wurde
die Anordnung getroffen, daß die zunächst generell in den Orts¬
krankenstuben und Feldlazaretten untergebrachten Typhusverdäeh-
tigen bald direkt von der Truppe aus in besondere, dicht hinter der
Front liegende Typhusheobachtungsstationen (Darmkranken¬
stuben) kamen (vergleiche Skizze Abb. 3). Diesen Beobachtungs-
*
Typhusbcobachtungsstationen
(Dar inkran kenstubeo, Filter¬
stationen)
Feldlazarette
$
**
■ 4 “
Abb. 3.
Absonderungslazarette für
Einwohner
Typhusverseuchte Ortschaft.
Stationen, die gewissermaßen als „Filter“ dienen und mit klinischer
Beobachtung und mit Ausnutzung der bakteriologischen Hilfsmittel
des Laboratoriums des beratenden Hygienikers (respektive Korps-
bygienikers) die ihnen zugehenden Fälle bichten sollen, wurden
wiederum unsere anfangs mündlich gegebenen Vorschläge als
gedruckte „Grundsätze für die Klarstellung typhusver¬
dächtiger” Erkrankungen in den Typhusbeobachtungs¬
stationen“ an die Hand gegeben. In diesen wird speziell auf
den Wert und die Art der bakteriologischen diagnostischen Hilfs¬
mittel und die Technik der Probenentnahmen kurz hingewiesea.
Diese „Grundsätze“ gelten in gewisser Werne auch für die Feld¬
lazarette. Es hat sich anfangs bei dem starken Zustrom von
Verwundeten begreiflicherweise nicht mit Sicherheit vermeiden
lassen, daß auch gelegentlich einmal ein latenter Typhuskranker
unter anderen Verwundeten in die Feldlazarette geriet, zumal wenn
auch der Verwundete selbst sich im ersten Stadium des Typhus
befand. Es liegt auf der Hand, daß hier zur Vermeidung weiterer
Infektionen besonders aufgepaßt werden muß.
Das Meldewesen, das als integrierender Bestandteil einer
goordneten Typhusbekämpfung anzusehen ist, wurde durch An¬
regungen beim Armeearzt nach Möglichkeit vervollkommnet.
Wichtig erscheint, vor allem den Korpsarzt und seinen Korps¬
hygieniker durch tägliche Rapporte seitens der Darmkrankenstuben
(Typhusbeobachtungsstationen) und Seuchenlazarette über Zahl, Art
und Zugehörigkeit aller Verdachtsfälle einerseits und über die
dort erfolgten Typhusfeststellungen anderseits sofort in
Kenntnis zu setzen. Aufgabe des Korpsarztes (Korpshygienikers)
wird es sein, unverzüglich dem Truppenärzte (am besten durch
den Divisionsarzt) die Typhusfest stell ungen mitzuteilen. Ge¬
meinsam mit ihm muß der Korpshygieniker örtliche Ermittlungen
vornehmen und alle erforderlichen Bekämpfungsmaßnahmen ein¬
leiten und kontrollieren. Daß der Korpshygieniker wiederum in
ständiger Verbindung mit dem beratenden Armeehygieniker stehen
muß, ergibt sich von selbst. Seine weiteren Aufgaben bei der
Handhabung des Meldewesens und die direkte Berichterstattung
der Seuchenlazarette an den Etappenarzt und damit an deu be¬
ratenden Hygieniker ergeben sich aus nachstehendem Schema.
Schema für ein gut und schnell funktionierendes
M e Dl e w e s e n.
Darmkrankenstube Seuchenlazarett
(Typhusbeobachtun ysstation) (Beobachtungsstal ton)
Y :0
A
Divisionsarzt
r
Regimentsarzt
T
Etappenarzt
V
Beratender Hygieniker
Y
Truppenarzt
Das Laboratorium des beratenden Hygienikers teilt das Er¬
gebnis der bakteriologisch-serologischen Untersuchung der Blut¬
proben sowie der gleichzeitig eiogesandten Stuhl- und Harnproben,
die auf dem schnellsten Wege befördert werden müssen, in allen
eiligen Fällen der einsendenden Stelle telegraphisch mit.
Sobald unter Anwendung klinischer oder bakteriologischer
Methoden der Verdacht auf Typhus sich bestätigt hat, werden die
Kranken mittels geeigneter Kraftwagen in besondere „Absonde¬
rungslazarette“ (Typhuslazarette) gebracht. Auch in diesen ist
eine Abteilung als Beobachtungsstation eingerichtet, in der etwaige
direkt aus der Front kommende, noch unklare Fälle zurüokgehalten
werden.
Bei der Auswahl der Plätze für die Seuchenlazarette (Typhus¬
lazarette) sollte man sich durchgohends an folgende Regel halten:
1. Die Seuchenlazarette sollten uicht allzuweit hinter der rron
liegen, um die Kranken vor einem längeren Transport zu bewahren.
2. Eine größere Anhäufung als höchstens 300 an einer Melle j*
unserer Ansicht nach zu vermeiden, weil sonst die unbedingt notwendig
Uebersicht und die Ausführung und Kontrolle der Desinfektionsmallrege
empfindlich leidet. .. .. ,
3. Die hierzulande ziemlich reichlich vorhandenen französisci
Schlösser, höheren Schulen mit Internaten, Volksschulen. Eraieimng-*
anstalten für Waisen und Hospize für Grei-e und ähnliche Gebäude w
sich, in Seuchenlazarette umgewandelt und um die erforderlichen p -‘
deren Einrichtungen für die laufende und Scblußdesinfektion und ^
gleichen mehr ergänzt, entschieden viel mehr bewährt, als die 8 ® n f 8 .
brauchbaren Doeckerschen Baracken, die unseres Erachtens für np'
lazarette besonders auch wegen Fehlens der Nebenräunie nur ultima
sein sollten.
In den Absonderungslazaretten — wir haben deren fünf
machen die klinisch und bakteriologisch (entsprechend der von u
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7. Februar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK.— Nr. 6.
155
^gearbeiteten „Anweisung für Entnahme und Versand von
Untersüchungsmaterial bei Typhusverdächtigen, Typhus¬
kranken und Typhusrekonvaleszenten“) oder in Ermangelung
eines eindeutigen klinischen Befundes nur bakteriologisch fest-
gestellten Fälle ihre Krankheit und klinische sowie bakteriologische
Genesung durch. Besondere, an bestimmten Tagen verkehrende
Kraftwagen besorgen die Entleerung der Beobach tu ngsst&tionen in
die Typhuslaaarette und notwendige Verschiebungen der Kranken.
Die auch in Friedenszeiten beim Militär geforderte Fest¬
stellung der bakteriologischen Genesung — drei bacillen¬
freie Stuhl- und Hamproben aus der Rekonvaleszenz, erste zehn
Tage nach Eintreten dauernder Entfieberung, zweite eine Woche
später, dritte nochmals eine Woche später — wird zum aus¬
nahmslosen Gesetz erhoben und mit Hilfe einer vorgeschriebenen
Uebersichtsliste für jedes Typhuslazarett streng und rücksichts¬
los durchgeführt.
Da aber nicht alle als bakteriologisch genesen, d. h. bacillen¬
frei angesehenen Rekonvaleszenten körperlich soweit wieder¬
hergestellt sind, daß sie sofort zur Front zurückkehren können,
mußte man noch einen Schritt weitergehen. Auf Veranlassung unseres
Etappenarztes, Generalarzt Dr. Schmidt, wurde ein eignes Ge¬
nesungsheim für bacillenfreie Typhusrekonvaleszenten in Feindes¬
land geschaffen. Die Mannschaften werden hier durch systematische
Hebungen, Turnen und dergleichen wieder an den Dienst in der
Truppe gewöhnt. Etwaige Dauerausscheider werden wiederum
zweckmäßig in besonderen Anstalten untergebracht. Auf diese
Weise wird erreicht, daß kein Bacillenträger in die Heimat
kommt und dort Veranlassung zur Einschleppung des
Typhus geben kann. Auch von den wieder zur Truppe zurück-
gekehrten Typhusrekonvaleszenten werden von uns weiterhin regel¬
mäßig alle vier Wochen Stuhl- und Harnproben bakteriologisch
untersucht, um eventuell noch vorübergehende Ausscheider
herauszufinden. Das gleiche geschieht bei allen Regimentern, in
denen ein irgendwie gehäuftes Auftreten von Typhus zu verzeichnen
war; Mann für Mann werden dreimal nacheinander in wöchent¬
lichen Intervallen bakteriologisch untersucht, um eventuell noch
Dauerac'Scheider nach leichtem, unbemerkt gebliebenem Typhus
ausfindig zu machen. Ebenso werden alle Mannschaften, die vor
ihrem Dienstantritt Typhus durchgemacht haben, bakteriologisch
durchuntersucht. Es ist fast unmöglich, daß uns noch ein Bacillen-
ausscheider entgehen kann.
Auf die Ausstattung der erwähnten Typhuslazarette mit
allen unter Feldverhältnissen nur denkbaren hygienischen Einrich¬
tungen wurde von uns der größte Wert gelegt. An Improvisations-
arbeiten auf dem Gebiete der Krankenpflege nnd des Gesundheits¬
schatzeg wurde Hervorragendes geleistet: Dampf- und Formalin-
Desiofektionsapparate, Kammern für desinfizierte und nichtdesinfi-
zierte Sachen, Musteranlagen für Wäsche-, Stuhl- und Harn-Des-
mfektioD, Badeeinriohtungen, Waschanstalten, besondere Küchen
mr Personal und Kranke sind überall vorhanden (siehe auch
die unten folgende Beschreibung von D.). Den Seuchenlazaretten
wurden auf Antrag beim Kriegsministerium vier in dem mir
unterstellten hygienischen Institut in Straßburg ausgebildete und
bewährte Desinfektoren zur Verfügung gestellt. Der Ausübung pein¬
lichster Desinfektion wurde nächst der Behandlung der Kranken
die größte Sorgfalt gewidmet. Durch Belehrung und Beispiel
fa ™ 0n di® ht dem vom Kaiserlichen Gesundheitsamt herausge-
peoenen Typhusmerkblatt angegebenen und durch eingehende
pondervorschriften noch ergänzten Desinfektionsanweisungen
immer wieder eingeübt und in den Lazaretten ausgehängt. Ander¬
seits gingen wir bald daran, das zur Typhuspflege bestimmte
ersonal besonders dafür auszubilden. Das geschah zuerst im
Mappenhauptort in von uns abgehaltenen Kursen mit Frage- und
ntwortepiel, verbunden mit praktischen Uebungen und Besich-
pngen. Nunmehr wird das mit Rücksicht auf Lehrzwecke be-
jTf? ^gerichtete Typhuslazarett für typhuskranke Zivilisten
u ; in der Nähe von M. dafür benutzt; dort werden unter der
'/nV 68 k 0rateD( i en Hygienikers und unter der Anleitung eines
j ‘^gebildeten Stammpersonals Desinfektoren, Schwestern und Pfleger
n n e80Q deren vierzehntägigen Kursen unterrichtet, bis ihnen die
der Typhuskranken sowie die laufende und Schluß-
esiniektion in Fleisch und Blut übergegangen sind. Erst
151 werden sie den militärischen Seuchenlazaretten überwiesen.
t ji>, ^ k D- getroffenen Einrichtungen, die, wie gesagt, auch einen
u iscnen Zweck verfolgen, erheischen eine etwas genauere Beschreibung.
e - ! e notwendige räumliche Trennung von Beobachtungsstation und
Privith ^ Uphuslazarett ist insofern durchgeführt, als ein verlassenes
a der Grande rue, rechts am Dorfeingange von M., zur Aufnahme
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der Krankheitsverdächtigen bestimmt wurde, während die ge¬
räumige Mädchenschule in der Straße nach L.-S.-St. E. in ein Seuchen-
haus umgewandelt wurde. Das Privathaus mit seinen neun mehr oder
weniger großen Zimmern und darum zur Aufnahme von Krankheitsver¬
dächtigen, gegebenenfalls kleinen Gruppen von solchen (Familien, Leute ans
demselben Orte) besonders geeignet, vermag etwa 25 Personen Unterkunft
zu bieten. Hier werden, abgesehen von einer exakten klinischen Beob¬
achtung (zweistündliche Temperaturmessungen, häufige allgemeine
körperliche Untersuchungen usf.), bald nach der Einlieferung und
nötigenfalls öfter die Entnahmen des Untersuchungsmaterials (Blut in
Gallenröhre.Blut zur Serumreaktion. Stuhl- und Harnproben) vurgetiommen;
hinsichtlich Isolierung mul Desinfektion wird wie bei Typhuskranken ver¬
fahren. Das Personal (ein Arzt, fünf Schwestern, vier Pfleger) ist vor allem
angewiesen, die Isolierung der einzelnen Kranken beziehungsweise Gruppen
dermaßen zu regeln und zu überwachen, daß nicht etwa Ansteckung mit
Typhus im Beobachtungshause selbst erfolgt. Ist bei einem Falle Typhus
festgestellt, erfolgt sofort die Ueberführung nach dem eigentlichen Seuchen¬
haus in der Schule. Selbstverständlich wird dann eine exakte Schlu߬
desinfektion in dem bisherigen Unterkunftszimmer vorgenommen, und
zwar die mechanisch-chemische in Verbindung mit der Formalin-Zimmer-
desinfektion und Dampfdesinfektion der dafür geeigneten Gegenstände.
Diese werden in Säcke beziehungsweise große Beutel, die mit 5%iger Kresol-
seifenlösung getränkt und wieder gut ausgerungen worden sind, gebracht
und auf einem schwarz gestrichenen Wagen nach der unreinen Abteilung
der Dampfdesinfektionsanstalt im Hauptlazarett (Mädchenschule) gefaliren.
Ergeben die unter Umständen wiederholt vorgenommenen bakteriologi¬
schen Untersuchungen, die klinische Beobachtung und der eindeutig ge¬
wordene Befund überhaupt keine Krankheit oder eine anderweitige Dia¬
gnose, so findet die unmittelbare Entlassung aus der Beobachtungsstation
statt. Die zur Enthissung Bestimmten erhalten noch ein Bad und nach
diesem ihre im Dampf desinfizierten Kleider. Der Transport erfolgt von
der reinen Abteilung der Desinfektionsanstalt auf einem weiß gestriche¬
nen Wagen. Was das Seuchenhaus betrifft, so sind die Vorgefunde¬
nen Schulräume und Wohnräume der Lehrerinnen geeignet, 60 bis 65 Pa¬
tienten aufzunehmen. Die Verteilung der Räume ist ersichtlich aus dem
beigefügten schematischen Grundriß (s. Abb. 4). Lieber den Klassen¬
räumen (Nr. 1 und 2, sowie 8 und 12) befinden sich lediglich mehr weniger
schlechte Speicher. Nur über den Wohnräumen (Nr, 18, 25, 31, 32) findet
sich ein weiteres Stockwerk mit Einzelzimmern, in denen der Arzt,
zwölf Schwestern und drei Pfleger sowie die sechs Französinnen untergebracht
sind. Ueber diesem Stockwerk liegt ein größerer trockener Speicher,
in dem die desinfizierten Kleidungsstücke in reinen, mit dem Namen des
Besitzers bezeichneten Säcken frei aufgehängt werden. Unter jedem
Sacke stehen die desinfizierten Schuhe des Patienten, ebenfalls mit Namen
bezeichnet. Eine besondere Kammer für die noch nicht desinfizierten
Gegenstände erübrigt sich, insofern die Desinfektion der mitgebrachten
Kleidung usw. stets sofort erfolgen kann; sie wird in einem großen
Deckelkorbe nach der Desinfektionsanstalt gebracht.
Wie aus dem schematischen Grundriß hervorgeht, hat jeder
Krankensaal innen in der Nähe der Tür eine Gelegenheit zur Hände¬
desinfektion, außen direkt an der Tür einen größeren, auf einem Schemel
stehenden Bottich mit 5% iger Kresolseifenlösung für die Wäsche¬
desinfektion. Lieber der völlig untergetauchten Wäsche schwimmt ein
passender Deckel mit Griff; der Deckel wird noch mit einem größeren
Gewichte beschwert.
Am Krankenbette selbst kommt die Wäsche in bereituteheiule
große Blechkübel mit Deckel und Henkel, die ebenfalls mit o %iger
Kresolseifenlösung angefüllt sind. Diese Kübel werden außen in die er¬
wähnten Bottiche entleert, in denen sie die eigentliche Desinfektion dureli-
machen. Diese doppelten Behälter für die Wäsche wurden deswegen
beschafft, um nicht in den Krankenräumen allzu intensiven Kresolgeruch
aufkommen zu lassen. &
Links vom Hauseingang hängt die Bestandstafel, aus der ersichtlich
ist, wie viele Männer, Frauen und Kinder einerseits, wie viele Kranke,
Rekonvaleszenten und Bacillenträger anderseits jeden Tag verpflegt
werden. Betritt man den Hausflur, so hat man gleich zur Linken den
Raum, den wir zum Badezimmer umgewandelt haben. Zwischen den
beiden außen und innen weißemaillierten Badewannen stellt der 1251
fassende Heißwasserbereiter, einer der hierzulande überall unzutreffenden
Waschkessel. Das desinfizierte Badewasser wird mittels einer Schwengel¬
pumpe mit langem Schlauch durch den Hausflur und den halben Hinter¬
garten in große Sickergruben binnen weniger Minuten und ohne jede Vor¬
spritzung entleert. Hinter dem improvisierten Badezimmer (18) befindet
sich der Raum, in dem in einem Kessel das Eß- und Trinkgeschirr der
Kranken ausgekocht wird. “Im Hausflur selbst stehen genügend Becken
für die Händedesinfektion. Alles ist so angeordnet, daß es fast unmöglich
ist, das Haus zu verlassen oder das Speisezimmer des Personals zif be¬
treten. ohne sich vorschriftsmäßig desinfiziert zu haben. Ueberdies
weisen Aufschriften über den Desinfektionsschüsseln, die außerdem noch
in sämtlichen Krankenzimmern aufgostellt sind, und an den Türen noch
besonders darauf hin, zum Beispiel: „Nach dem Stuhlgang, vor dem
Essen Händewaschen nicht vergessen.“ Das Essen der Kranken und des
gesamten Personals wird nicht im Seuchenlazarett, sondern in der
Beobachtungsstation gekocht, mit einem Transport wagen herbefördert und
hier lediglich gewärmt und angerichtet.
Die wichtigsten Neuanla^en betreffen die beiden Desinfektions¬
anstalten, die eineu für die laufende Stuhl- und Hnrndesinfektiun
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6.
7. Februar.
l. 2. Krankensäle fiir Frauen nnd Kinder. 3. 4. BleGiküüel zur Aufnahme der Wüsihe am
Krankenbett. 5. Schüssel für Iländedesinfektion 6 Bottich für Wrisrhedesintvkttun. 7. Bottich
fiir infizierte Aerzte-, Schwestern- und Pllegermüntel 8. Krankensaal fiir M.'inm-r. 9. Blech-
kiihel zur Aufnahme der Wäsche am Krankenbett. 10. Schüssel für Il.itideibn-dnlrktii'ü. n. Bottich
fiir Wäscbedesinfektion. 12. Krankensaal für Männer 13. Bleehküh-1 zur Aufnahme der Wüsche
atu Krankenbett 14. Sc hfl-sei fftr Händedesinfektion. 15. Bottich für \V;< -rhedesin (Vkt i«m.
16. Saal fiir Bacillentriiger. 17. Schüssel für Händedesinfektion ix. Badezimmer, 19. 20 Bade¬
wannen. 21. Kess(d zur Bereitung des Badewussrrs. 22. Schlauch zur Ableitung des Bade¬
wassers. 23. 24. Sickergrube für desinfiziertes Bade.wasser. 25. Raum zum Auskorhen des in-
lizierten hiß-und Trinkgeschirrs. 26. Kochkessel. 27. Ablanfgestell für das Geschirr. 23. KGmssud
fiir Händedesinfektion. 29 Kleiderablage. 30. Schüsseln liir Hambuiesiniekiioti. :;i. Jäü/immer
für das Personal. 32. Anrichte für die Krankenkost. 33. Mullgrube. Aboit dir das Plb'tre-
nersnnal. 35. Schüssel fiir Händedesinfektion. 36. Anlage für die laufende Itesmfekti.m von
Stuhl und Ham 37. Qestell zum Aufstellen der Nachtgeschirre, BGrpfanrmn, llarniUsdan,
Si.eiintrde (unrein). 38. Gestell znm Aufstellen der Nachtgeschirre, BeUpfanmu. I'arntUsGx-n.
Speinänfe (rein). 39. Bottich mit Kalkmilch. 40- Bottich mit Kresolseiienb'.siMtg 41. UriVke
zum Ausgießen 42 FÄkaUongrube. 43. Schüssel für Händedesinfektion. 44. IUmpfdesinlektlons-
anstalt, 45. Damplkästen. 46 . Dampfkessel- 47. Hingang zur unreinen Seit^ 43 Hingang
zur reinen Seite. 49. Abstelltisch. 50. Schüsse^ für Ilandedosmtcktion. <M, Unterstand für
die Desinfektionskarren. 52. Heiner (weißer) Karren. Äf nreiner -'schwarzer) Karren.
54 Schuppen für Holz und Kohlen. 65. Gerätekammer. 06 . Be«taud.xtalel. 57, Pumpe fiir
Gebrauchswaaser 68. Waschanstalt. 59. Unterstand fiir die üdirhan* rorrnalinkammer.
60. Fahrbare Formalinkammer.
fNr. 36 bis 43), die andere für die Dampfdesinfektion <44 bis ,">(>». Mit
Rücksicht auf die oft gemachte Erfahrung, daß selbst alt gedient^ Personal
bei der Stuhl- und Harndesinfektion Nachlässigkeit zeigt, wurde die
Anstalt für die Fäkaliendesin fektion in die breite Oeffent-
1 i c hkeit verlegt, und zwar in den Schulhof links vom Eingang iu
denselben so, daß von sämtlichen Krankensüle». vom Badezimmer, vom
IV rsonabspe isezim m er, von der Dampfdesinfektionsrmstalt und von den
Schlafzimmern des Arztes und der Oberschwester der Blick darauf ge¬
richtet ist, sodaß der dort arbeitende Desinfektor niemals unbeobachtet
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Gck 'gle
bleibt. Die Anlage ist von allen Krankenzimmern, die sämt¬
lich zur ebenen Erde liegen, schnell und leicht zugänglich. Ln
einzelnen ist die Anlage folgendermaßen. Die betreffenden Nacht¬
geschirre. Harn flaschen und Speinäpfe kommen auf das zwei¬
reihige Gestell (37), das mit Blechbelag versehen isi und
fortlaufende Numerierung zeigt. Es kann daher Bettpfanne,
Harnflasche und .Speinapf des Patienten A. znm Beispiel auf
die Nummern 1, 2 und 3 der unteren Etage gestidlt werden,
das gleiche vom Patienten B. auf die Nummern 16. 17 und 18
der oberen Etage. Alsdann werden die AuHeenmgen aus dem
Kalkmilchhoitich 33 mit Kalkmilch beschickt und die übliche
Einwirkimgszeit stehen gelassen. Nach Ablauf derselben werden
die desinfizierten Abgänge von der mit Barriere versehenen
Brücke 41 in die tiefe Fäkaliengruppe 42 ausgeschüttet. Auf
der Brücke werden die Geschirre innen und außen mit Kresol-
seifenlösung aus dem Bottich 40 gründlich gereinigt, dann in
diesem Bottich 40 so untergetaucht, daß die (drille direkt
nach unten kommen. Nach einiger Zeit werden sie aus dem
Bottich 40 herausgeholt und auf das ebenso wiedas Gestell 37
eingerichtete und numerierte Gestell 38 zum Abtropfe! um)
Trocknen hingestellt (sogenannte reine Seite). Die ganze
Anlage ist mit einem Regendach gegen schlechtes Wetter
gesellüt 7 .t und mit einem Schutzgitter abgegrenzt. An der
Tür desselben steht die Schüssel für die Händedesinfektion.
Bei eintretender Dunkelheit wird die ganze Anlage durch zwei
starke Hängelampen taghell erleuchtet und bleibt so die Nacht
über, damit der Nachtdienst ebenso verfahren kann wie der
Tagdienst, Die ausgeworfene Erdmasse umgibt die Fäkalien-
grübe von drei Seiten als Wall; in dem Wall wurden Taiiuen-
bäunie eiugcpi];,nzt, sodaß die ganze Anlage einen außerordent¬
lich freundlichen und ungemein ästhetischen Eindruck macht.
Die Vorgefundenen zwei Schulaborte wurden gänzlich dein \ er-
kehr entzogen: es wurde zwar eine Neuanlage geschaffen,
aber nur lediglich für das Personal bestimmt und darum
unter Verschluß gehalten. Kranke, Rekonvaleszenten und die
gesunden Bacillenträger müssen grundsätzlich ihre Ausschei¬
dungen in di<* dazu bestimmten Gefäße entleeren. Umhergellende
in XarntMühlo hinter einem Bettschirm.
Im Schulhofe rechts vorn wurde in einem zu diesem
Zweck errichteten geschlossenen Schuppen die Dampfdesiu-
f ekt i 0 nsa n st alt improvisiert. Dampf wird in dem Kessel 40
erzeugt, durch den Kesseldeckel narb oben und von oben her
in den TLdzknsten 43 geleitet. Der Holzkasten 45 hat eine
Tür nach der unreinen Abteilung 47 des Schuppens und nach der
reinen Abteilung 4N desselben. Beide Abteilungen werden durch
Drahtgitter voneinander getrennt. Die zu desinfizierenden Gegen¬
stände werden von der unreinen Seite an einen Schieberahinen
des Di.mptbeb ilters gehängt und von demselben auf der reinen
Seite abgenommen. I )er Dampfkasten hat unten einen Abla߬
hahn für Kondenswasser. oben ein eingestecktes Dampftbermo-
mefer. Die Unterhaltung des Feuers geschieht auf der reinen
Seite, während die unreine Seite Gelegenheit zur Hände- und
Gesiebtsdesif]fektion aufweist. Für ein Wechseln der Ueher-
kleidung vor dem Betreten der reinen Seit«* ist Sorge ge¬
tragen Der Transport der zu desinfizierenden Gegenstände von
außerhalb des 1 Lomes geschieht durch den erwähnten schwar¬
ze* m Karren 53. der Abtransport durch den erwähnten weißen
Karren 52 Der Desinfektionskasten findet zweckmäßig auch
als Formaliukammpr Verwendung.
Gegimühpr dem Seucfienlazarett wurde in einer .ver¬
lassenen Gastwirtschaft die Waschanstalt für die desinfizierte
Wäsch** eingeriebt et. Die Beseitigung des \\asehwnssers ge¬
schieht uui leis einer Schwongelpmnpo mit Schlauchleitung
(alles IViierlösehgorät 1 nach dem Hof in eine Spülgnibe. Neben
der Waschanstalt stellt iu einem überdachten Torweg eine fahr-*,
bare französische Formal i n kam m er, die wir aus ein** 111
Nachbarorte nach D. überführt hatten, um sie bei Scnlnb*
degtnlektioneit außerhalb zu verwenden.
Es sei erwähnt, daß wir auch sonst alle Einrichtungen fiir
Ordnung und Sauberkeit schufen und unterhalten (Abort mit
Waschgeh-geiilieit, Müllgrube. Holz- und Kohlen sclmp|Gk
Kärntner für Keinigungsgeräto); Hof- mul Gartenwege
mit gestampfter Schlacke trocken gelegt. Selbst verstände 1
wurde auch auf die klinische Behandlung *b‘J
Wert gelegt: von intravenösen IMgaleninjektionen. Kocht-aJ*.
Trauhi'n/uek'Tiiifiisionen u>w. wird ausgiebiger (icbrtuich £<•
macht, die Mundpflege im weitesten Umfange betrieben.
Wasser. Waschwas-er. Umschlagwasser und dergleichen werden
natürlich ebenso behandelt wie die anderen Absonderungen der Krankem
Bei d«-n Einrichtungen wurde Wert darauf gelegt, alles zu
provisiereu und mit den (legenstünden auszukommeu, die wir in ''Er¬
lassenen Häusern vorhin«len. Auß«*r Arbeit, die allerdinux ausgiebig gi*
leistet wurde, hat das Kraiik«*nhaus nichts gekostet. Wie erwälmt. ilici
uns dieses Tvpliushospital außer der Isolierung und Behandlung DP ^
verseuchter Zivilpersonen gleichzeitig als Krankenpflege'
Des in f ek t io uss cb 11 1 e für das Ersatzpersonal unserer Seucheniazare
Dem Delegierten für die freiwillige Krankenpflege, Freiherrn Kodct '
Original fro-m
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr, 6.
7. Februar.
157
Diersburg, der sich mit beispiellosem Eifer und großer Aufopferung an
der Einrichtung dieses Lazaretts beteiligt hat, sei auch an dieser Stelle
für seine wertvollen Bemühungen gedankt.
Es erübrigt noch, darauf hinzuweisen, daß durch häufige
Autofahrten Gelegenheit genommen wurde, die hygienischen Zu-
gt&ade in den Schützengräben, im Operations- und Etappengebiete
mit eignen Augen kennen zu lernen. Bei dieser Gelegenheit
wurde, unter Zuziehung des Korpshygienikers, mit den Korps-,
Dirisions- nnd Truppenärzten die Typhusbekämpfung besprochen.
Es wurden Anregungen zur Verbesserung der hygienischen Zu¬
stande daselbst gegeben und auch angenommen; an einor Stelle
Geschaffenes und Bewährtes wurde mit Freuden anderen Stellen
übermittelt. ImVerein mit dem Etappenarzte, den Kriegslazarett-
direktoren und den Chefärzten wurden regelmäßige Besichtigungen
der Seuchenlazarette Torgenommen und gemeinsam immer auf neue
Verbesserungen gesonnen.
In dem vorangegangenen Abschnitt haben wir die ver¬
schlungenen Pfade der verschiedenen Infektionsmöglichkeiten kennen
gelernt, wir haben gesehen, daß von Anfang an, aber auch jetzt
noch immer wieder die französische Zivilbevölkerung es ist,
die, seßhaft oder flüchtig, als Verbreiter des Typhus unter sich,
aber auch unter unsern Soldaten wirksam ist. Unsere Massnahmen,
so zweckmäßig und vollkommen sie sein mögen und noch zu
werden versprechen, würden halbe Maßregeln sein, wenn wir uns
darauf beschränken wollten, nur innerhalb unserer Truppen mit
dem Typhus aufzuräumen. Wir müssen das gleiche auch bei der
französischen Zivilbevölkerung erstreben, mindestens solange, als
es uns in dem jetzigen Stellungskriege möglich ist. Nachdem wir, wie
oben aoseinandergesetzt (Abschnitt I, Epidemiologie nnd Verbrei¬
tung),durch Absuchen aller Ortschaften die starke endemische Verbrei¬
tung des Typhus unter der Zivilbevölkerung kennen gelernt hatten,
gingen wir von Anfang an auch ihm energisch zuleibe. Die Vor¬
gefundenen Kranken und eben Genesenen aus allen, bisher 60 ver¬
schiedenen Ortschaften hinter der Front wurden in das oben er¬
wähnte, für Zivilpersonen ad hoc eingerichtete Absonderungshaus
D. überführt und dort so lange zurückgehalten, bis ihre bakterio¬
logische Genesung festgestellt war. Dann kamen sie in diesem
Orte, der von militärischer Belegung frei gehalten wurde, in Bürger-
qu&rtiere und werden noch weiterhin beobachtet. Bei den selte¬
neren und alten, von den Leuten selbst zugestandenen oder von
uns selbst ermittelten Fällen wurden Stuhl- und Harnproben
untersucht und auf diese Weise die gemeingefährlichen Bacillen-
trfiger meist auf Anhieb herausgefunden. Wir haben seit Mitte
November bis jetzt (7 Wochen) 150 Typhuskranke und -verdächtige
im Operationsgebiet ausfindig gemacht und in D. interniert. Dar¬
unter finden sich zwölf chronische Bacillenträger. Auch
diese kamen samt und sonders in unser Absonderungshaus, und
zwar in eine besondere Abteilung. Dort wurden sie, und zwar in
der dafür eingerichteten Desinfektionsschule, angehalten, unter
Aufsicht ihre Ausscheidungen selbst zu desinfizieren. Um ihnen
ihren Zustand und seine Gemeingefährlichkeit klarzumachen,
wurden unsere „Verhaltungsmaßregeln für Typhusbacillen-
träger“ ins Französische übersetzt und jeder an der Hand seines
Exemplars und angesichts seiner Entleerungen unterwiesen („Preserip-
tions pour les porteurs de germes de la fiövre typhoide“). Das
Krankenpflegepersonal dieses Absonderungshauses wurde noch er¬
gänzt durch sechs junge Französinnen, die daselbst gleichfalls in der
Typhuspflege und Desinfektion ausgebildet wurden. Diese Franzö¬
sinnen werden gegebenenfalls in diejenigen Familien geschickt, in
jenen ein Kranker vorgefunden wurde, der zurzeit nicht transport¬
fähig ist. Bei transportfähigen Kranken dienen sie als Begleite¬
rinnen. Auch für dieses französische Pflegepersonal ist eine be¬
sondere Desinfektionsvorschrift in französischer Sprache ausgear-
Mitet worden — „Instructions pour la desinfection pendant la fiövre
typhoide“ —, die, auf Pappdeckel aufgezogen, der soeur — infirmiere
7 ^gegeben wird. Als Desinfektionsmittel wird in den Familien
,^f en Franzosen bekanntere 5%igeCarbolwasser(de l’eau de phönol
Ut/x ^ e,a880D - Di® Aufsicht führt der behandelnde deutsche
a k u rZt ' ^ er TJeberweisung in die Ortschaft K. bewirkt,
k j* 8 ^ er ^ U8 knd des Kranken zuläßt. Schließlich wurden
[wh die bei uns üblichen Vorsichtsmaßregeln bei Todesfall an
Tphus^ zusammengestellt und den in Betracht kommenden Stellen
oganglich gemacht („Verhalten bei Todesfall an Typhus“). —
d diese Weise glaubten wir für rechtzeitige Erkennung
w f euc8e i/i ihrem vollen Umfange, für den davon betroffenen
unT?- i 7 sei . er deutscher Soldat, sei er französische Zivilperson,
lir Verhinderung ihrer Ausbreitung bei Militär und Zivil hin¬
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länglich gesorgt zu haben. Da französische Aerzte zurzeit fast
durchgehenda fehlen, wodurch die Gefahr, daß der Typhus unter
der Zivilbevölkerung um sich greift, zweifellos erhöht ist, wurde
die gesamte ärztliche Behandlung der Eingeborenen von unsern
Aerzten unentgeltlich übernommen; es würde sogar den Bürger¬
meistern zur Pflicht gemacht, jeden Krankheitsfall dem Orts¬
kommandanten zu melden. Auf diese Weise hoffte man, auch
aller Typhusfälle habhaft werden zu können. Diese Hoffnung hat
sich allerdings meist nicht erfüllt; der Franzose hat anscheinend
noch mehr wie der Elsaß-Lothringer das Bedürfnis, diese Krankheit
zu verheimlichen. Um so mehr war es notwendig, entsprechend
unsern „Leitsätzen für die örtlichen Ermittlungen nach
Typhus und die Ausfindigmachung von Bacillenträgern“
zu verfahren, den Ort und seine Bewohner von Grund aus sanitäts¬
polizeilich zu durchsuchen und dies allwöchentlich zu wiederholen.
Dafür reichten allerdings die Kräfte, über die die Formation des
beratenden Hygienikers verfügt, nicht aus, obwohl er bald einen
Stab von vier geschulten Bakteriologen und das nötige Hilfs¬
personal zur Verfügung hatte. Es wurde deshalb im Benehmen
mit den Korpsärzten und dem Etappenarzt an jedem irgendwie
wichtigen Punkt ein geeigneter Sanitätsoffizier am Ort oder in
der Nähe gewissermaßen* als lokaler Typhuskommissar bestellt,
dem die Aufgabe zufiel, das von uns begonnene Werk mit unserer
Unterstützung fortzusetzen. Zwei Assistenten waren fast täglich
mit Kraftwagen unterwegs, um ihr Dezernatgebiet abzufahren und
einerseits organisatorisch, anderseits belehrend, aufklärend und hilf¬
reich zu wirken. Die Zahl der Ortschaften, für die einer zuständig
ist, stieg nach und nach auf 44 und vergrößert sich immer mehr.
Die von uns vorgenommeneu beziehungsweise veranlaßten
epidemiologischen Ortsaufnahmen (Karte mit Eiuzeieh-
nungen und die angelegte Uebersichtsliste) gaben uns nicht nur
das früher erwähnte genaue Bild über die tatsächliche Ausbreitung
des Typhus, sie erwiesen sich vielmehr noch als unmittelbares
Bekämpfungsmittel, wie aus folgenden Beispielen hervorgeht.
Der Ort S., an sich tvphusfrei. zeigt nur ein einziges Typhus¬
haus ( das Post Irans), in dem infolge Einschleppung von außerhalb nach¬
einander fast sämtliche Familmntnitirlieder an Typhus erkrankt waren.
Per Sicherheit halber war die Ortschaft, solange es ging, von Truppen-
belegung frei gehalten worden. Als aber später die Absicht bekannt wurde,
nach dort ein größeres h’ekrutendepot zu legen, wurde nach einer neuer¬
lichen eingehenden Absuchung nach Typhus, die nichts ergeben hatte,
die gesamte Posthal t ersfam i 1 i e nach dem Orte !>., in dem unser
Ahsouderungshaus liegt, verpflanzt und nur deren abgeschlossenes Haus
von der Belegung ausgeschaltet. — Am 14. Januar wurde uns gemeldet,
daß beim Armeekorps M. die Sanität.sknnipagnie y gegen die Sanitats-
kompagnie x, die in dem tvphusverseuclit gewesenen Dorf A. und in der
Nachbarschaft der Typhusnester J. und P. (sämtlich dicht hinter der
Front) gelegen halte, am 15. Januar umgewechselt werden sollte Noch
am 14. Januar begab sich der Assistent, dem das Korps M. zu besonderer
Bearbeitung zugeteilt ist, zur Sanitatskompagnie y, überreichte dem Chef¬
arzt und dem sogenannten Typliuskommissar das gesamte über die Dörfer
A., J. und P. vorliegende Material (Karte, Liste usw.) und machte die«
Herren an der Hand desselben auf alle in Betracht kommenden Dinge
aufmerksam. Die Sanitiitskompagnie v war danach in der Lace. noch
vor ihrer Hinkunft nach A bis ins einzelste unterrichtet zu sein Das
gleiche gilt für die Sanitiitskompagnie x in ihrem neuen Enlerkimftsurte (!.
Ebenso im großen zu verfahren, würden wir Vorschlägen, wenn
einmal das ganze Korps M aus seiner Stellung gezogen und durch
ein anderes Korps N ersetzt werden sollte.
In welchem Umfang, abgesehen von kranken, krank gewesenen
und typhusbacillenausscheidenden Menschen selbst, die mit diesen
unmittelbar und mittelbar in Berührung gekommenen Dinge
(Nahrungsmittel, Ablagerungsstätten von Fäkalien, Abfallstoffen
usw.) bei der Typhusverbreitung mitwirken, ist in dem Abschnitt
„Epidemiologie und Verbreitung“ auseinandergesetzt. Die Typhus-
bekämpfung würde einseitig sein, wenn sie es sich nicht zur Auf¬
gabe machen würde, vorhandene hygienische Mißstände mit allen
Mitteln zu beseitigen. Sie im einzelnen kennen zu lernen,
gaben unsere eingehenden Ermittlungen ausreichend Gelegenheit!
Die Besichtigung mit eignen Augen wies uns aber auch zugleich
den Weg, wie zumal unter Feldverhältnissen Besserung der
hygienischen Zustände zu erzielen war. Die Zeit des Stillstandes
der eigentlichen Kriegsoperationen war von den Kommandobehörden
und den Sanitätsstellen eifrig benutzt worden, um deutsche Sauber¬
keit mit deutscher Gründlichkeit, so gut es ging, allenthalben ein¬
zuführen und zu erhalten. Diese mehr und mehr in den Dienst
des allgemeinen und speziellen Gesundheitsschutzes zu stellen,
betrachten wir als eine wichtige Aufgabe. Eine besondere regel¬
mäßige Kontrolle der hygienischen Verhältnisse wird vorgenommen
bei: Bahnhöfen, Schlächtereien, Bäckereien, Feldküchen, Kriegs-
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6.
7. Februar.
Verpflegungsanstalten, Quartieren usw. mit Berücksichtigung etwa
vorhandener Bacillenträger. Personen, die Typhus überstanden
haben, werden aus solchen Betrieben auageschaltet beziehungs¬
weise zu ihnen gar nicht erst zugelassen.
Wenn es auch, wie wir gesehen haben, bei einem Belage¬
rungskriege wohl möglich ist, eine systematische Typhus¬
bekämpfung genau so energisch, ja mit Hilfe von mili¬
tärischen Zwangsmaßregeln noch exakter durcjzuführen
wie im Frieden, so ist das doch ganz anders, wenn die kämpfenden
Truppen unaufhaltsam vorwärtsgehen. Da kann man diese Ma߬
nahmen zur Verhütung und Bekämpfung des Typhus nur schwer
durchführen. Dann ist die Typhusschutzimpfung eine weitere
Waffe im Kampfe gegen diese Seuche. Die Impfung ist in unserer
Armee überall durchgeführt. Ueber die Erfolge läßt sich ein
Urteil noch nicht abgeben; wir werden später darüber ausführlich
berichten. Soviel läßt sich aber sagen, daß die Reaktionen im
allgemeinen gering waren und Schädigungen, die auf die Impfung
zurückzuführen wären, nicht beobachtet wurden. Unter allen
Umständen muß sie daher im Kriege mit aller Energie betrieben
und gegebenenfalls bei längerer Dauer des Krieges wiederholt werden.
Die Durchführung aller dieser, die Seuchenbekämpfung be¬
treffenden verschärften Maßnahmen stieß nicht auf die geringsten
Schwierigkeiten. Bei dem weitgehenden Entgegenkommen aller
militärischen (Etappeninspektion usw.) und militärärztlichen (Armee¬
arzt, Korpsärzte, Etappenarzt usw.) Dienststellen, bei dem Dienst¬
eifer und dem Pflichtbewußtsein aller unserer Sanitätsoffiziere,
besonders auch bei der wertvollen Mitarbeit der Korpsärzte und
Korpshygieniker, war das nicht anders zu erwarten. In erster Linie
verdanken wir das aber der unerreichten Organisation unseres Militär¬
sanitätswesens, das von seinem Chef, Sr. Exzellenz dem Generalstabs¬
arzt der Armee Prof.Dr.v.Scbjerning, auf eine Höhe der Vollkommen¬
heit gebracht worden ist, um die uns alle unsere Feinde beneiden.
Zum Schlüsse noch einige Worte über den bakteriologi¬
schen Betrieb im Felde.
In dem Kapitel „Bekämpfung“ wurde ausgeführt, daß wir
nicht allein kranke und krankheitsverdächtige Soldaten unter¬
suchen, sondern daß wir die systematische Durchsuchung der
Zivilbevölkerung als eine ebenso unerläßliche wie wichtige Ma߬
nahme in der Typhusbekämpfung im Felde betrachten. Zurzeit
werden in unserem Laboratorium täglich etwa 500 bis 600 Ein¬
gänge (Stuhl, Urin, Widal, Blutgalle) untersucht, zumal da mehr-
facheRekonvaleszentenuntersuchungen auf Bacillenfreiheitausgeführt
werden müssen. Es ist bei einer solchen Zahl ohne weiteres ver¬
ständlich, daß Buchführung und Untersuchungstechnik bei unver¬
minderter Genauigkeit möglichst vereinfacht werden mußten.
Die erste Schwierigkeit, die sich uns bot, war die Be¬
schaffung ausreichender Mengen eines billigen Nährbodens. Die
im Handel befindliche Trockennährböden, die uns nicht immer
befriedigende Resultate leisteten, sind zu teuer (1 1 12 bis 15 M).
Der Versuch, die Nährböden selbst herzustellen, Bcheiterte, dar uns
Gas nur während weniger Abendstunden zur Verfügung steht.
Seit einigen Wochen bedienen wir uns mit Erfolg fertiger Nähr¬
böden (Nähragar, Galle, Endo, Drigalski, Malachitgrünagar usw.),
die nach unsern Angaben in der Elsässischen Konserven¬
fabrik von Ungemach (Straßburg-Schiltigheim) herge¬
stellt und, in Blechbüchsen gebrauchsfertig konserviert, in den
Handel gebracht werden. In unserm Laboratorium wird der Inhalt
der Büchsen lediglich durch Kochen verflüssigt und dann sofort zu
Petrischalen ausgegossen. Mit dem „Büchsenagar“ dürfte die anfäng¬
lich schwierigeNährbodenfrage eine glückliche Lösung gefundenhaben.
Tn der Hauptsache werden zur Untersuchung eingeeandt:
Blutgalle, Blut zur Widalschen Reaktion, Stuhl und Urin. Die
Verarbeitung des Bluts erfolgt im Laboratorium in der üblichen
Weise; bezüglich des Ausfalls der Serumreaktion ist zu beachten,
daß bei Typhusscbutzgeimpften der Widal schon infolge der
Impfung sehr häufig positiv ist, sodaß dadurch die diagnostische
Bedeutung dieser Reaktion sehr wesentlich eingeschränkt wird.
Für die Frühdiagnose des Typhus eignet sich am besten die
Blutgallekultur. Wir haben im Beginne der Erkrankung etwa
90% positiv© Ergebnisse gehabt. Stuhl und Urin eines Patienten
lassen wir uns nicht mehr getrennt einsenden, sondern der Verein¬
fachung halber gemischt in demselben Versandgefäß. Im Labora¬
torium wird ein Tropfen dieser Mischung auf Malachitgrünagar
ausgestrichen; nach 20stündiger Bebrütung werden diese An¬
reicherungsplatten abgoschwemmt und zu Endoplatten, die wir
fast ausschließlich verwenden, in der üblichen Weise verarbeitet.
Für Massenuntersuchungen geben wir den Lazaretten ein
Sammelbegleitschreiben. Das bakteriologische Untersuchungs¬
ergebnis wird vom Laboratorium hinter den Namen des Kranken
beziehungsweise Verdächtigen geschrieben und dann dem Einsender
wieder zurückgesandt. Auf diese Weise wurden unliebsame Ver¬
wechslungen, die bei telegraphischer Beantwortung sich nicht ver¬
meiden ließen, verhütet. In eiligen Fällen wird natürlich auch
von der telegraphischen Mitteilung Gebrauch gemacht.
Durch diese Ausführungen hoffen wir gezeigt zu haben, daß
wir auch unter den jetzigen Verhältnissen des Kriegs eine
systematische Bekämpfung des Typhus durchführen können. Die
Erfolge sind auch nicht ausgeblieben. Ain die Einzelheiten
(Zahlenangaben, Tabellen und Pläne) werden wir in einem aus¬
führlichen Bericht an anderer Stelle zurückkommen.
(Abgeschlossen: 15. Januar 1915.)
Choleraimpfphlegmonen
von
Dr. Franz Dedekind,
Assistenten der deutschen chirurgischen Klinik (Prof. Schloffer) in Prag,
Landst arm-Assistenzarzt.
ZuBeginn des Monats Dezember trafen in der Quarantänestation
für Verwundete in Leipnik (Mähren) größere Transporte verwundeter
und kranker Soldaten vom russischen Kriegsschauplatz ein, von denen
eine kleine Gruppe deswegen mein Interesse in Anspruch nahm,
weil ihre Erkrankung eine Folge der Choleraschutzimpfung war.
Ueber diese Fälle kurz zu berichten, halte ich mich vor allem aus
dem Grunde für verpflichtet, weil man, einmal darauf aufmerksam
gemacht, ähnliche Komplikationen für die Zukunft wird verhindern
können.
Mit welcher Energie die Schutzimpfung gegen Cholera bei
unserer Armee betrieben wird, dafür zeugt in erster Linie die be¬
kannte Tatsache, daß sogar in den Schützengräben die Impfung
an unsern Soldaten vorgenommen wird. Daß hier der Militärarzt
unter den denkbar ungünstigsten Verhältnissen zu arbeiten ge¬
zwungen ist, bedarf keiner weiteren Erörterung. Die bereits in
großer Zahl vorliegenden Schilderungen der Kämpfenden von dem
Aussehen und der Beschaffenheit der Schützengräben, insbesondere
vou solchen, in denen vorher russische Truppen gelegen hatten,
machen es verständlich, daß bei derartigen Massenimpfungen ein
nur einigermaßen aseptisches Hantieren auf große Schwierigkeiten
stoßen muß. Es wäre also a priori keineswegs zu verwundern,
wenn hin und wieder als Ergebnis solcher Impfungen Phlegmonen
sich einstellen würden. Mir ist über solche Phlegmonen aber
nichts bekannt. Allerdings habe ich mich derzeit über die ein¬
schlägige Literatur nicht orientieren können.
Eine mehr oder weniger starke entzündliche Reaktion an
der Stelle der Impfung gehört ja zur Regel, doch schwindet die¬
selbe zumeist schon nach 48 Stunden und sie beeinträchtigt den
Mann nicht oder kaum in seinem Felddienste.
Phlegmonöse Entzündungen jedoch, wie ich sie in diesem
Monate zu sehen Gelegenheit hatte, können schwere Allgemein¬
symptome verursachen und erheischen dann in jedem Falle den
Abtransport des geimpften Soldaten.
Die Zahl der von mir behandelten CholeraimpfphlegmoBen,
die mit einem Schub in die Leipniker Verwundetenstation einge¬
liefert wurden, beträgt 18. Es handelte sich durchweg um sonst
gesunde, kräftige Leute, die alle demselben Regiment ange-
hörten. Ein Läheres Eingehen auf die Kasuistik ist überflüssig,
denn alle boten anamnestiscb und symptomatologisch nahezu
dasselbe.
Von ihnen war einer zum erstenmal, zwölf waren zwei¬
mal, fünf schon zum drittenmal geimpft. Die Intervalle zwischen
den einzelnen Impfungen betrugen 10 bis 14 Tage. Abgesehen
von den bekannten lokalen Symptomen waren die ersten am linken
Oberarme, vereinzelt auch an der Brust ausgeführten Injektionen
stets gut vertragen worden und die Soldaten gaben auf Befragen
ausdrücklich an, daß reine Nadeln verwendet und die Impfstellen
gesäubert und mit Jodtinktur bestrichen worden waren. Anders war
dies bei den letzten Impfungen, die der Arzt kompagnieweise in der
letzten Novemberwocho ausführte Das in Betracht kommende Reg 1 '
ment war in den Kämpfon in Russisch Polen beteiligt, doch wur¬
den zum Impfen Kampfpausen gewählt, während welcher in der
Hütte eines Dorfes die Soldaten der Reihe nach an treten mußten.
Geimpft wurde jeder Mann in den linken Vorderarm. Die Haut
wurde dabei angeblich nicht gereinigt, dieselbe Nadel ohne vor-
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hfrige Säuberung von Mann zu Mann verwendet. Der Impfstoff
sei nicht aus einer großen Flasche, sondern aus kleineren Fläsch¬
chen aspiriert worden.
Der größte Teil der so Geimpften scheint keine nachteiligen
Folgeu gezeigt zu haben, bei unsern 18 Patienten jedoch stellte
sich schon am zweiten Tag eine schmerzhafte Schwellung des
litlen Vorderarme ein, der oh seiner Schmerzhaftigkeit bald selbst
für die einfachsten Handgriffe untauglich wurde. 10 bis 12 Tage
nach der letzten Impfung trafen die Krankenbei uns ein und boten,
zwei Fälle ausgenommen, die bereits incidiert und (trainiert waren,
aber immerhin eine noch floride Eiterung zeigten, folgendes Bild;
Spindelförmige, sehr schmerzhafte Anschwellung des linken
Vorderarms mit flammiger RötuDg der Haut. Oedem der Ell¬
bogengegend und des Handrückens. An der Dorsalseite des
Vorderarms in gToßem Umfange sehr deutliche Fluktuation.
Lymphangoitis der betroffenen Extremität und Schmerzhaftigkeit
der nicht oder kaum vergrößerten axillären Drüsen. Es bestand
bei allen Fieber, dessen höchster Grad bei einem Manne 39,4 be¬
trug. Von Allgemewsymptomen wären nur Schlaflosigkeit infolge
dwSchmerzes und große Mattigkeit zu erwähnen. Gastrointesti¬
nale Erscheinungen fehlten.
Die Therapie dieser subcutanen respektive subfascialen Arm¬
phlegmonen bestand in sofortiger breiter Incision, wobei sich im
Schwalle ziemlich dickflüssiger, gelber, mit gangränösen Gewebs-
fetzen untermischter, geruchloser Eiter in beträchtlicher Menge
entleerte. Eine bakteriologische Untersuchung gestatteten die
derzeit hier noch herrschenden primitiven Verhältnisse nicht.
Doch bewiesen uns das sofortige Abfallen der Temperatur zur
Vorm und die rasche Reinigung der Wunden in allernächster Zeit
die Gutartigkeit dieser Phlegmonen, die aber immerhin sonst gesunde
Mannschaft temporär kriegsuntauglich machten.
Daß die Infektion in diesen Fällen mit dem Impfstoff als
solchem zusammenhing, erscheint mir durchaus unwahrscheinlich.
Die ungünstigen äußeren Verhältnisse, unter denen die Impfung
vorgc-nommen wurde, lassen uns die Infektionsquelle vielmehr in
diesen suchen. So ist denn diese kleine Phlegmonenendemie eine
Mahnung, totz aller äußeren Schwierigkeiten doch die Desinfektion
der Impfstelle und die Verwendung einer reinen Nadel und Spritze
nicht außer acht zu lassen. Für erstere garantiert im Felde, wie
die Erfahrung schon zur Genüge gelehrt hat, der einfache Jod¬
tinkturanstrich. Um das Instrumentarium, Spritze und Nadel, un¬
gefährlich zu machen’ dürfte es wohl genügen, beide vor Beginn
der Impfung auszukochen und, wenn ein wiederholtes Kochen der
Nadel aus äußeren Gründen nicht möglich ist, sie mit einer
desinfizierenden Lösung durchzuspritzen. Vorzuziehen wäre dem¬
gegenüber das jedesmalige Ausglühen der Nadeln, was freilich die
Verwendung von Platin-Iridiumnadeln zur Voraussetzung hat.
Das wirksamste Mittel zur Verhütung ähnlicher Impfinfek¬
tionen wird es aber natürlich sein, wenn man, wie dies ja jetzt
bereite geschieht, die Mannschaft nicht erst während des Kampfes
im Felde, sondern schon in ihrer Ausrüstungsstation unter Ver¬
hältnissen impft, wo allen Anforderungen der Asepsis entsprochen
werden kann. _______
Zusatz: Auch hier in Böhmen hat es, wie mir Herr Ober-
fabsarzt Dr. PeÖirka mitteilt, eine ähnliche Phlegmonenepidemie
*on etwa 20 Fällen gegeben. Die Impfung war dabei von einem
anshelfenden Zivilarzte vorgenommen worden, der gleichzeitig mit
Impfstoff derselben Provenienz noch viele Hundert andere Sol¬
daten impfte, bei denen keinerlei ungewöhnliche Nebenerscheinungen
,aftrate »- Sohloffer.
Orthopädisches in der Verwondeten-
behandlnng
von
Dr. Alexander Ritschl,
orthopädischen Chirurgie an der Universität Freiburg i. B.,
ordinierendem Arzt der chirurgischen Abteilung des König!. Garnison«
lazaretta, Stabsarat der Reserve a. D.
_ (Schluß ans Nr. 6.)
einhar t r j We i t0 ^ jeder Verletzung des Bewegungsapparats
0 ^ C ^ aden ist die Muskel ab mager ung. Sie ist die
webst* ^ er Euhighaltung beziehungsweise der der Ge-
Md gt ^ nu 5p n , we S en erforderlichen Ruhigstellung durch Schienen
Fällen d* D^ äö( * e * ^ er Schmerz zwingt den Kranken in vielen
dauflm^ d " ewe £ u ®gen selbst dann einzustellen, wenn eine an-
““w>de Ruh, uioht einmal vonnöten wäre.
Unsere Aufgabe geht dahin, den Schmerz als Ursache ver¬
meidbarer Ruhe zu bekämpfen und fällt in vielen Fällen mit dem
zusammen, was ich soeben über aufsaugende Maßnahmen ausgefübrt
habe. Beseitigen wir frühzeitig das entzündungerregende Blut aus
den Geweben, so verschwindet auch die Empfindlichkeit, der Kranke
hat dann auch kein Bedürfnis mehr, sich schädlicher Ruhe zu be¬
fleißigen.
In vielen Fällen können wir bekanntlich der Rubigstellung
der Gelenke und damit auch der übrigen Bewegungsorgane, der
Muskeln, der Sehnen in ihren Scheiden, der Sesambeine usw. nicht
entraten. Bei den Knochenbrüchen sind wir in vielen Fällen ge¬
zwungen, zunächst mehrere Gelenke der Untätigkeit zu Überant¬
worten. Auch bei den jetzt im Kriege so häufigen Muskel- und
Sehnen Verletzungen bedarf es oft längerer Ruhigstellung, um die
klaffenden Lücken zu schließen. In diesen schweren und schwersten
Fällen lassen sich selbst höhere Grade von Schäden der Beweg¬
lichkeit nicht vermeiden. In jedem Fall aber müssen wir darauf
bedacht sein, die Ruhigstellung auf ein Mindestmaß zu be¬
schränken und sobald es die Heilung der getrennten Ge¬
webe zuläßt, allerdings zunächst in der vorsichtigsten
und schonendsten Weise, die Ruhigstellung zu unter¬
brechen. Bei jedem Verbandwechsel sollen, sobald es möglich
ist, entweder künstliche, besser noch Eigenbewegungen ausgeführt
werden, während der Arzt zugegen ist und überwacht, damit kein
Schaden aufkommt. Durch diese Maßnahmen kaun man die Be¬
weglichkeit, aber auch noch einen Teil der kostbaren Muskelkraft
erhalten, die sonst verloren gehen würde. Auch die Faradisation
ist ein Mittel, Muskeln schon zu einer Zeit zu Zusammenziehungen
anzuregen, wo der Gewebsverletzungen wegen Eigenbewegungen
noch gänzlich verboten sind. Es sollte daher in jedem Lazarett
einer der handlichen Spam er-Apparate zur Verfügung stehen.
Von sämtlichen Muskeln unsers Körpers aber erfordern zwei
unserer ganz besonderen Fürsorge: der Deltamuskel und der
vierköpfige Streckmuskel des Oberschenkels. Es ist eine
bekannte Tatsache, daß die Strecker, die in der tierischen Ent¬
wicklungsreihe erst bei den Kieltortieren und beim Menschen zu
voller Bedeutung gelangten, schneller schwach werden und
schwinden als die Beuger. Von den Streckern aber stehen in
dieser Beziehung weit voran die genannten Muskeln, der Strecker
und Erheber unserer oberen Gliedmaße und der Strecker unsers
Kniegelenks.
Die Ursachen dieses Verhaltens sind den Beugern gegen¬
über, die dem Schwunde längBt nicht in dem Maß und niemals
so schnell anheimfallen, in verschiedenen Umständen zu suchen.
Nach Fischer sind die Blutumlaufs Verhältnisse in den Beugern
weit günstiger als in den Streckern. Die letzteren liegen von
den großen Gefäßen verhältnismäßig weit entfernt, empfangen da¬
her ihr Blut aus längeren und im allgemeinen auch dünneren Ge¬
fäßen. Sie sind mit stärkeren sehnigen Blättern oder Fascien
ausgestattet und reicher an eingelagertem Bindegewebe. Da sich
in der Ruhe, auch bei schmerzhaften Gelenkerkrankungen die Ge¬
lenke alsbald in Beugelage einstellen, so steigt der Muskelinnen-
druck und damit auch der Druck auf die Gefäßwände. Die Folge
ist eine Verengerung der Muskeigefäße und eine gewisse, der Er¬
nährung schädliche Blutarmut. Sie betrifft den Deltamuskel des¬
halb in bedeutendem Grade, weil er in der Ruhelage der Armes,
wobei dieser die seitliche Brustwand berührt, sich fast in äußerster
Anspannung befindet. Die Beziehungen der Strecker zu den Ge¬
lenken, die sie mit ihren Enden oder Sehnen Überdecken, führen
zu innigen Zusammenhängen zwischen den Sauggefäßen der Ge¬
lenkweichteile und der Strecker. Entzündliche Vorgänge in den
Gelenken gehen daher leicht auch auf die Streckmuskeln über.
Die Strecker sind ferner meist sogenannte „eingelenkige“
Muskeln, das heißt überbrücken nur ein Gelenk und werden mit
dessen Ruhigstellung zu völliger Untätigkeit verurteilt. Die Beuger
überbrücken meist mehrere Gelenke und können dementsprechend,
auch wenn eines dieser Gelenke der Ruhe überantwortet wird, an
einem andern Gelenke sich noch betätigen. Deshalb bleibt’von
den Bäuchen des vierköpfigen Oberschenkelstreckmuskels gewöhn¬
lich bei Kniegelenkserkrankungen der noch das Hüftgelenk beugendo
gerade Bauch (Rectus) von der Schwäche mehr oder weniger ver¬
schont, während seine eingelenkigen kurzen Bäuche (Mm. vasti)
besonders schnell schwinden. Auch die innigen Beziehungen
zwischen den Nerven der Gelenkkapseln und der Strecker werden
von Schüller für die schnelle Abmagerung verantwortlich ge¬
macht. So entspringen die Nerven des Schultergelenks aus dem
Sohulternerven (Nervus axillaris), die des Kniegelenks aus dem
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großen vorderen Oberschenkelnerven (Nervus eruralis). Reize,
welche die Emptindungsnerven der Gelenkkapsel treffen, pflanzen
sich zu den Nerven(Ganglien)zellen der Vorderhörner des Rücken¬
marks fort, das heißt auf die Rückemnarkscentren der die schwinden¬
den Muskeln versorgenden Bewegungsnerven und erzeugen in diesen
nach Paget und Vulpian Veränderungen, die sich nicht nur in
stofflicher, sondern auch in der Richtung ihrer Kraftäußerung be¬
merkbar machen (Reflexatrophie oder arthritischo Muskelatrophio).
Aus all diesen Gründen müssen die Strecker, vornehmlich
aber der Deltamuskel und der vierköpfigo Oberschenkelstrock¬
muskel, sobald es die Verhältnisse irgend zulassen, geübt, elek¬
trisiert und massiert werden.
Seitliche Erhebungen des Armes, möglichst vom Kranken
selbst ausgeführt, sogar mit Einschaltung von Widerstünden —
ein mit einer gewissen Menge Wassers gefüllter Eimer steht
an jedem Orte zur Verfügung —, oder wenigstens unter Nachhilfe
— der Patient bedient sich dabei unter Zuhilfenahme eines Besen¬
stiels selber — erhalten die Beweglichkeit und die Kraft des
Schultermechanismus. Der Oberschenkelstreckmuskcl wird im Bett
in Rückenlage durch Heben und Senken des gestreckt gehaltenen
Kniegelenks geübt, am besten stündlich eine vorgeschriebene Zeit.
Selbst wenn das Kniegelenk im Verbände ruht, sind diese gänz¬
lich unschädlichen Anregungen für den Muskel eine für seine
Erhaltung dringend gebotene Maßregel, die zu unterlassen sich
immer schwer rächt.
Denn die Wiederherstellung eines geschwundenen
Muskels ist — ich weiß das aus hundertfältiger Erfahrung —
eine unendlich langwierige Arbeit, die grenzenlose Geduld
von seiten des Kranken und des Arztes verlangt und vielfach
scheitert, weil der Kranke die Geduld verliert. Vorbeugen ist
daher hier oberstes Gebot! Um die vorbeugenden Maßnahmen,
also die Massage, Elektrisierungen, die nachhelfenden und Eigen¬
bewegungen vornehmen zu können, müssen die Verbände möglichst
so eingerichtet werden, daß sie von den Gliedern entfernt werden
können.
Außerdem aber sollten die Feststellungen niemals auf Ge¬
lenke ausgedehnt werden, die der Ruhigstellung nicht
dringend bedürfen. So möchte ich vor allem warnen vor jeder
unnötigen Einwicklung der Fiüger. Pflicht des Arztes ist es
im Gegenteil, der Hand ihre Beweglichkeit zu erhalten
auch dadurch, daß er den Verletzten fortgesetzt ermahnt und
überwacht, die Finger ergiebigst zu bewegen, damit die Greif¬
fähigkeit der Hand nicht leide. Eine Hand, deren Finger
nicht ausgiebig und mit Kraft gebeugt werden können,
sinkt mehr oder weniger zu einem wertlosen Schau¬
stücke herab.
Ich habe auf diesem Gebiet aus verschiedenen Lazaretten
wiederholt wenig Erfreuliches erlebt. Es waren Finger amputiert
worden, die Nachbarfinger aber waren fast total versteift, nur
weil man sich ihrer nicht angenommen hatte. Einige nachhelfendo
und Eigenbewegungen gelegentlich der Verbandwechsel hätten die
Beweglichkeit erhalten 1 ). Aber nicht nur in dieser Beziehung war
gefehlt worden, sondern es waren auch viel zu umfangreiche
Verbände angelegt worden. Die stehengebliebenen Finger
waren dadurch so fest in den Verband miteingekeilt, daß sie sieh
nicht rühren konnten.
Der zu erhaltenden Beweglichkeit wegen sollte
der Verband stets auf das geringste Maß beschränkt
werden. In dieser Beziehung wäre auch der Sparsamkeit wegen
in diesen Kriegszeiten noch mancherlei zu wünschen. Ich habe
wahre Ungetüme von Verbänden gesehen. Es waren Haufen von
Watte zur Polsterung von Schienen in Anwendung gekommen,
daß man hätte meinen können, Deutschland litte am größten
Ueberfluß. Es war eine ordentliche Arbeit, die Glieder aus diesen
umfangreichen Umhüllungen herauszuschälen, und unwillkürlich
wurde man an den alten lateinischen Vers erinnert: Parturiunt
montes, nascetur ridiculus mus (Eis kreißen die Berge, aber es
wird geboren nur ein lächerliches Mäuslein).
i) Es sei auch darauf hingewiesen, daß den Fingern die Bewegung
nicht selten erschwert wird durch zu reichliche Anhäufung von verhorn¬
ten Oberhantzellen, eingetrocknetes Blut, Schwielenbildungen, wie sie bei
der mangelnden Gelegenheit zum gründlichen Waschen, beim häufigen
Gebrauche von Hacke und Spaten in den Schützengräben sich zu bilden
Gelegenheit haben. Die harten Krusten sind baldigst zu entfernen. Man
erweicht sie, indem man für eine Nacht einen mit Salicyllüsung befeuch¬
teten Verband anlegt. Am nächsten Morgen lassen sich die aufgequolle¬
nen Hornzellen dann leicht nnter Wasserspülung mit einem stumpfen
Instrument entfernen.
Bis zu einem gewissen Grade verleiten zu diesen Verband-
stofl'verschwendungen eine Art von Schienen, die in diesem Kriege,
wie es scheint, sich der größten Verbreitung erfreuen — die so¬
genannte Kram er sehe Schiene. Ich lasse mir die Kramersche
Schiene draußen im Felde gern gefallen, weil sie stets gebrauchs¬
fähig zur Hand ist, sich dem Gliede auch teilweise anbiegen
läßt. Was ich aber auszusetzen habe, ist, daß man sich scheut,
die Schiene so w r oit zu kürzen, wie es der Fall und die freizulassen¬
den Gelenke verlangen.
So sah ich aus einem Lazarett an einem Tage zwei Verwundete
mit sogar schon fest gewordenen Brüchen an der oberen Gliedmaße,
beide mit Kr am er sehen Schienen versehen, die vom Halsansatz Ober
sämtlicho Gelenke des Arme* hinweg noch über die Fingerspitzen hinans-
reichten. Pie Finger waren dementsprechend in Strecklage auf die
Schienen angebunden.
Ich habe nichts dagegen einzuwenden, wenn der im Felde
arbeitende Arzt, dom es an Zeit und Material gebricht, zu irgend¬
einer Schiene greift und den Verwundeten zur Beförderung in die
Heimat herrichtet, indem er auch einige Gelenke mit in den Ver¬
band einschließt, die eigentlich freigela$«en werden sollten. Han¬
delt es sich doch nur um einige Tage, die nicht viel verschlagen;
aber in den Heimatlazaretten, wo die Kranken dann mit
aller Sorgfalt behandelt werden können, sollten alle unzweck¬
mäßigen Schienen beseitigt und durch Besseres ersetzt
werden.
Was ich meinen Schülern gegenüber stets betoneund indenzahl¬
reichen Verbandkurson, die ich während meiner Lehrtätigkeit an
hiesiger Hochschule gehalten, stets gelehrt habe, ist, daß diese Seite
der ärztlichen Tätigkeit der Tätigkeit des Ingenieurs gleichen sollte,
oder der bauenden Wirksamkeit der Natur, die bei geringstem
Stoffauf wände größte Frostigkeit erzielen, zugleich aber auch
die Gesotze dor Schönheit befolgen. Warum sollen wir nicht
auch auf diesem Gebiet ärztlicher Tätigkeit uns bemühen, unsere
Werke mit den Gesetzen der Schönheitslehre in Einklang zu
bringen, soweit es eben geht? Feingearteto Naturen dürften jeden¬
falls die Eindrücke eines nach diesen Grundsätzen geschaffenen
Verbandes ebenso als eine Wohltat empfinden, wie sie umgekehrt
von einem unförmigen Verbände peinlich berührt, womöglich
seelisch noch mehr herabgestimmt werden, wie schon durch ibr
Leiden oder ihre Verletzung.
Den sichersten Halt liefern zweifelsohne Verbände, die sich
der KörperoberlJäche mit ihren Unregelmäßigkeiten innig an¬
schmiegen, die als Ganz- oder Teilhülsen das Glied umschließen.
Mao handelt, nach diesem Grundsatz, indem man für Aufgaben
größten Haltes den Gipsverband verwendet. Schienen sollten,
wenn irgend möglich, nach dem gleichen Grundsatz gebaut sein.
Wir verwenden dafür fast nur noch die sogenannten „plastischen**
Schienen, die man sich in verschiedener Weise leicht hersteilen
kann, die vor allem, woil sie sich dem Gliede, für jeden Fall beson¬
ders hergestellt, innig anschmiegen, keiner oder nur leichter Polste¬
rung bedüifen. Sie verbinden somit die Erfordernisse des Haltes
mit einem verhältnismäßig geringen Umfang, wirken daher im Ver¬
bände nicht aufdringlich und unschön, beschweren das Glied nicht
und hemmen so auch nicht durch ihr Gewicht die zur Erhaltung
der Gelenkbeweglichkeit erforderlichen Bewegungen.
Besondere Einrichtungen zur Streckung, elastische Federn
und dergleichen lassen sich unschwer mit den Schienen in Ver¬
bindung bringen. Sie bilden für uns in Gestalt der Gipsschiene
mit und ohne Mctallsehienen- oder Metalldrahtverstärkung oder
in Gestalt der Pappdeckelmetallschiene 1 ) die Grundlage für alle
jederzeit vom Gliede zu entfernenden Haltevorrichtungen und ge*
statten alle besonderen technischen Erfordernisse anzubringen, die
der Fall erheischt.
Die Gipsverbände, die uns bei den Knochenbrüchen so un¬
endlich wertvoll sind und es uns durch die vollkommene Ruhe*
die wir don Gliedern mit ihrer Hilfe gewähren können, ermög¬
lichen, selbst eiternde Verletzungen der Knochen und Gelenke mit
Erfolg unter Erhaltung des Gliedes zu behandeln, bringen den
Bewegungsorganen, zumal wenn sie geschlossen und unabnehmbar
sind, größte Gefahren. Wenn mail aber mit den Verhältnissen
und der Technik vertraut ist, so geht dem Gipsverbande von seinen
segensreichen Eigenschaften nicht das geringste verloren.
In Form des Gehverbandes gestattet er uns, die Verletzten
unter Umständen schon im Laufe der ersten Woche wieder au
*1 Die Schienen, bestehend aus Aluminium, verzinntem Eisenblech,
verzinntem Eisendraht usw. t werden durch grobe Nähte mit den le
hülsen in \ erbindung gebracht, bei den Gipsschieuen auch mit flingeaiE •
(Siehe Näheres bei Lowy: Die ärztliche Gipstecbnik. Stuttgart 1*
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iie Beine zu bringen. Machen wir den Gehverband gleichzeitig
ibnehmb&r, so können wir bei zu Verstellungen nicht neigenden
inochenbrüchen schon frühzeitig Bäder, Massage, Elektrisierungen
jnd Bewegungsübungen mit heranziehen und in kürzester Zeit
Heilung erzielen, ohne daß Schwäche und Versteifung eine beson¬
dere Nachkur erforderten. Bei schwereren Brüchen geben wir
lern Gliede so lange Ruhe, bis wir annehmen können, daß die
intvicklung des die getrennten Stücke verbindenden Knochen-
ijewebes genügend vorgeschritten ist, um bei vorsichtiger Behandlung
wnSchst die mit festgestellten Gelenke freigeben zu können. Der
diese miteinschließende Verband wird zu diesem Zwecke zunächst
in den Enden gekürzt, bei einem Unterschenkelbruche beispiels¬
weise Knie- und Fußgelenk freigegeben. Schließlich wird die ge¬
schlossene Hülse, sobald es die Verhältnisse gestatten, abnehmbar
jemacht, um die orthopädische Behandlung in allen ihren ver¬
schiedenen Anwendungen, sobald es nur irgend geht, durchführen
tu können.
Die nicht im Verband eingeschlossenen Gelenke, nicht nur
die nach dem Ende des Glieds, sondern auch die nach dem
Rumpfe hin gelegenen, werden nach Möglichkeit schon wäh-
•end der nicht zu umgehenden Bettruhe betätigt. Die
Zusammenziehungen der großen Muskelmassen, die um Schulter¬
nd Hüftgelenk angehäuft sind, üben einen nicht zu unterschätzen¬
den Einfluß auf den Umlauf des Bluts und des Inhalts der Saug-
idern im verletzten Glied und dadurch auf dessen allgemeine Er-
aährung aus, beugen teigigen Schwellungen vor und geben auch
Herz und Lunge sowie den Verdauungsorganen wohltuende An¬
regungen. Der Heilung der Gewebstrennungen erwachsen hieraus
Vorteile, die die Heilungsdauer sicherlich nicht unerheblich her-
ibsetzen.
Dem behandelnden Arzt aber stellt es ein wenig günstiges
Zeugnis aus, wenn, was ich oft genug bei Verletzten gesehen
habe, z. B. eine Schulterversteifung eintritt bei einem Patienten,
der nur eine Verletzung im Hand-, Vorderarm- oder Ellbogen-
Gebiete hatte, deshalb, weil der Arm Wochen- und monatelang in
der Schlinge getragen war und der Verletzte von sich aus nicht
gewagt hatte, den Arm rechtzeitig im Schultergelenke wieder aus¬
giebig genug zu bewegen.
Von besonderer Wichtigkeit ist endlich die Stellung, die
wir den Gelenken bei den notwendigen Feststellungen
anweisen. Wenn auch Ausnahmen Vorkommen können, so sollen
wir im allgemeinen eine Stellung wählen, die im Falle,
daß aus irgendwelchen Gründen eine schwerere Be¬
wegungsstörung oder gar völlige Aufhebung der Be¬
wegung eintreten sollte, dem Gliede noch die verhält¬
nismäßig größte Betätigungsmöglichkeit bleibt.
Wir müssen auch damit vertraut sein, was an den einzelnen
Gelenken im Sinne der Betätigung und Nichtbetätigung das
Wünschenswerte ist, wenn wir zwischen einem völlig versteiften
Gelenk und einem wohl noch beweglichen, aber durch Erschlaffung
der Bänder und Abmagerung der Muskeln bis zu einem gewissen
Grade haltlosen, vom Kranken nicht mehr zu beherrschenden Ge¬
lenke zu wählen haben. So ist völlige Starre an den großen Ge¬
lenken der unteren Gliedmaße, wenn sie in guter Stellung erfolgt
ist, unter allen Umständen vorzuziehen. Der Gebrauch ist., einige
Gewöhnung vorausgesetzt, verhältnismäßig wenig beeinträchtigt,
wenn die Fußgelenke im rechten Winkel und in Mittellage
irischen Ein* und Auswärtsdrehung versteifen, wenn das Knie¬
gelenk in leichter Beugestellung, das Hüftgelenk mäßig gespreizt
und gebeugt starr wird. Im Schultergelenk erleben wir gewöhn¬
lich eine Versteifung in der üblichen Ruhelage mit an die seit¬
liche Rumpfwand angelegtem Oberarm. Bleibt das Schulterblatt
beweglich, so bedeutet das, genügende Muskelkraft vorausgesetzt,
unmer noch die Fähigkeit, den Arm bis zur Wagerechten zu
erheben.
Am Ellenbogen stört am wenigsten die rechtwinklige
Stellung. Schlimm ist es, wenn das Gelenk in Strecklage
jwsteift Der Arm wird dadurch zu einer starren Stange, die
die Verrichtungen der Hand, besonders am eignen Körper, im
Wehsten Grade stört. Auch stumpfwinklige Beugestellungen sind
noch in dieser Beziehung recht hinderlich.
DieDrehstellungen des Vorderarms bedürfen sehr unserer
Aufmerksamkeit, wenn eine Versteifung droht. Wir sind gewohnt,
den Brüchen der Speiche aus bestimmten, hier nicht näher zu er¬
örternden Gründen dem Knochen eine stark auswärtsgedrehte
„»weisen. Tritt nun in auswärts gedrehter Stellung eine
ersteifung ein, so ist die Hand so gelagert, daß der Verletzte
"ohl noch Geld damit in Empfang nehmen kann, aber all die Ver¬
richtungen unausführbar werden, bei denen wir die Hand mehr in
Einwärtsdrehung einzustellen pflegen. Und diese sind die bei
weitem überwiegenden. Wir fassen, um in der Turnersprache zu
reden, viel häufiger mit Aufgriff zu, das heißt in Einwärtsdrehung,
als mit Untergriff — in Auswärtsdrehung.
Der Arzt hat demnach aus den Besonderheiten des Falles
seine Schlüsse zu ziehen. Handelt es sich um einen glatten Bruch
der Speiche, der voraussichtlich nicht zur knöchernen Verwach¬
sung von Speiche und Elle führen wird, so ist drohender Be¬
hinderungen der Auswärtsdrehung wegen die auswärts gedrehte
Stellung am Platze; handelt es sich aber, wie jetzt im Kriege so
oft, um Zerschmetterungen und schwere Weichteilschäden, die die
Drehfähigkeit des Vorderarms und damit der Hand voraussicht¬
lich aufheben werden, so werden wir der Hand eher eine einwärts-
gedrebte Stellung im Verband© anweisen.
Für das Handgelenk ist eine über den geraden
Winkel gestreckte Lage jeder andern Stellung vorzu¬
ziehen. Denn diese ist für eine kraftvolle Betätigung der Finger
sozusagen Voraussetzung. Beachten Sie, daß diese Stellung so¬
fort unwillkürlich eingenommen wird, wenn man einen Gegenstand
fest umfassen oder auch nur die Faust fest schließen will. Denn
die Beugemuskeln unserer Finger können sich um so kraftvoller
betätigen, je mehr sie schon durch die überstreckte Lage des
Handgelenks angespannt wurden. Beachten Sie diesen Umstand,
bitte, um so mehr, weil die der Schwere überlassene Hand
eines in der Schlinge ruhenden Armes durch ihr Ge¬
wicht sofort in die Beugelage herabsinkt und dement¬
sprechend die weit überwiegende Mehrzahl der Handgelenkver-
steifungen in dieser, der Betätigung der Finger so ungünstigen
Stellung zustande kommt.
Gesellt sich zu den Wirkungen der Schwere und dem Ueber-
wiegon der Beugemuskeln über die Streckmuskeln noch eine Auf¬
hebung der Streckertätigkeit wie bei der Lähmung der Speichen¬
nerven, so kommt es iu kürzester Zeit zu den höchsten Graden der
Versteifung. Bei unheilbaren Speichennervenlähmungen. wie sie
uns der Krieg nicht so selten bringt, wäre daher zu überlegen, ob
man nicht bei Zeiten das Handgelenk in leicht überstreckter Lage
künstlich versteifen — die Arthrodese (Gelenkendenvereinigung) —
aus!ühren soll. An der gebeugten Hand werden die Streckmuskeln
der Finger in Anspannung versetzt und so unterstützt diese Hand-
stcllung eine Fingerstellung, die der Hand ihr Greifvermögen,
ihr 11 aupttätigkeitsgebiet, raubt — die Strecklage.
Wenn schon Finger versteifen müssen, sollte man
immer zu verhindern suchen, daß sie in Strecksteilung
bewegungslos werden. Sie werden sonst, wenn sie vereinzelt
sind, zu Hemmungen für die übrigen und nützen nicht nur nicht,
sondern schaden; außerdem sind sie fortgesetzt, da sie bei jeder
Gelegenheit anstoßen, ein Anlaß von ( x bialcn für den Kranken, von
denen dieser nur durch die nachträgliche Absetzung befreit werden
kann. Einen verletzten Finger zu erhalten, der voraussichtlich in
dieser ungünstigen Stellung steif werden muß, hat somit dann um
so weniger Zweck, wenn es sich um einen der entbehrlichen — also
den Mittel-, Ring- oder kleinen Finger — handelt. Beim Zeige¬
finger kann man in Zweifel geraten. Entscheidend wird sein:
die soziale Stellung, der Beruf und dergleichen. Bei Renten¬
empfängern sollte mau die Amputation frühzeitig machen, da diese
Leute, wenn die Verletzung erst geheilt ist, meist zu einem blutigen
F. ingriff ihre Genehmigung nicht mehr erteilen, obwohl ihre Arbeits¬
fähigkeit durch die Entfernung eines unnützen und hinderlichen
Glieds nur gewinnen könnte. Der Schaden fällt dann auch noch
der die Rente zahlenden Fürsorgestelle zur Last.
Den Daumen müssen wir, seiner vereinzelten Stellung wegen,
möglichst zu erhalten suchen: selbst wenn er steif und verkürzt
ist, hat er noch die Bedeutung als Widerlager für die andern Finger.
Bei schweren Hand Verletzungen sollten wir stets danach
trachten, dem Verletzten noch eine bewegbare Zange zu
erhalten, auch wenn sie vielleicht nur dazu dienen kann, leichte
Gegenstände aufzunehmen und festzuhalten. Wir können dann um
eine Kunsthand herumkommen, die, selbst wenn sie noch so voll¬
kommen ist, an Wert deshalb zurückstehen muß, weil sie gefühllos
und dem Willen des Trägers nicht unterworfen ist. Zur Ab¬
setzung der ganzen Hand sollte man sich daher nur
im äußersten Notfall entschließen.
M. H.! Wenn nach diesen Grundsätzen vom erst¬
behandelnden Arzt vorgearbeitet würde, so ließen sich
die sogenannten Nachbehandlungen jedenfalls auf eine
weit geringere Zahl herabsetzen. Auch könnten sie er¬
heblich gekürzt werden und die Endergebnisse würden
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6.
7. Februar.
noch ganz anders sein, als es zurzeit vielfach noch der
Fall ist.
Ich gebe zu, daß die Aufgaben, die ich in meinem heutigen
Vortrag angedeutet habe, keineswegs immer zu den leichten ge¬
hören. Die besonderen Verhältnisse jederzeit richtig zu deuten
und die einzelnen Behandlungsarten und Unterarten zur rechten
Zeit anzuwenden, dazu gehört eine Summe von Erfahrungen, tech¬
nischem Können und mechanischem Sinn, die nur durch fortge¬
setztes Beobachten und Ueben gewonnen werden kann. Die ortho»»
pädischen Aufgaben schon vor der eigentlichen Nach¬
behandlung zu erfüllen, wird sich auf die Dauer kein
Arzt entziehen können, Bofern er nicht ins Hintertreffen
geraten will. Diese Mahnung kann besonders dem jungen
medizinischen Nachwuchse nicht eindringlich genug er¬
teilt werden 1 ). Selbst wenn in der geschilderten Weise vorge¬
arbeitet wurde, bleibt der Nachbehandlung nach vollkommener Hei¬
lung der Gewebstrennungen häufig noch genug Vorbehalten. Nachdem
die Wanden geheilt, können die mechanischen Einwirkungen natur¬
gemäß viel beherzter, es können die Massage in Verbindung mit
Bädern aller Art und die gymnastischen Einwirkungen mit aller
wünschenswerten Stärke vorgenommen werden. Die Apparat¬
behandlung erleichtert die Aufgaben der Gymnastik wesentlich
und es wäre zu wünschen, daß unsern Verwundeten die in ihrer
Vollkommenheit besondere für die „duplizierten“ oder Widerstands¬
bewegungen bewundernswerten und heute noch nicht übertroffenen
Konstruktionen eines Zander in ausgiebigstem Maße zugute
kämen. Für die passiven und die sogenannten Förderungsbewe¬
gungen ist den Pendelapparaten, die wir Krukenberg verdanken,
der Vorzug zu geben, weil sie es demUebenden gestatten, den Aus¬
schlag des Pendels und damit des bewegten Gliedabschnitts nach
Bedürfnis in jedem Augenblick zu ändern.
Besondere Maßnahmen erheischen bei vielen geheilten Ver¬
wundeten die zurückbleibenden Narben, die uns das ganze Heer
der dermatogenen, desmogenen, myogenen und arthrogenen Con-
tracturen — Schrumpfungszustände in Haut, Zellgewebe, Muskeln
und Gelenkweicbteilen — je nach ihrem Sitz oder ihrer Ausdeh¬
nung schaffen. In manchen Fällen werden alle unsere auf
die Betätiguogsmöglichkeiten gerichteten Heilbestrebungen an
ihnen zu Schanden. In anderen werden wir durch Nach¬
operationen zur Lösung und Wiedervereinigung von Nerven,
Sehnen, vielleicht auch Muskeln der Wiederherstellung der Bewe¬
gungsmöglichkeiten vorzuarbeiten haben. Die strangförmigen
Narben an Stelle eines glatten Schußkanals werden unter Um¬
ständen durchschnitten oder mit dem Messer ganz entfernt werden
müssen, wenn sie den Ablauf der Bewegungen in höherem Grade
erschweren. Die Endergebnisse dieser erst nach Abklingen aller ent¬
zündlichen Nebenerscheinungen vorzunehmenden Eingriffe werden
zurzeit noch kaum zu Übersehen sein und es muß einer späteren
Zeit daher Vorbehalten bleiben, die gewonnenen Heilergebnisse zu
sichten und vorzuführen.
Auf ein Mittel aber möchte ich zum Schlüsse noch Ihre Auf¬
merksamkeit lenken — das Thiosinamin. Wir haben von ihm
zur Erweichung der Narben in Gestalt von Einspritzungen in die
Lendenmuskeln, neuerdings auch in Blutadern, seltener wegen ihrer
Schmerzhaftigkeit in oder um das Narbengewebe selbst schon seit
vielen Jahren Gebrauch gemacht, meist in der Form des hand-
ichen, von der Firma Merck in Darmstadt hergestellten Fibro-
lysins. Die von einzelnen Seiten angezweifelte Wirkung dieses
i) Bedauerlicherweise und nicht gerade zum Vorteile des Ansehens
des ärztlichen Standes ist es zurzeit noch den Studierenden der Medizin
selbst überlassen, zu entscheiden, ob Bie Vorlesungen und Kurse über
Orthopädie, Massage, Heilgymnastik, Unfallheilkunde belegen sollen. Man
begegnet daher selbst in Aerztekreisen auf diesem Gebiet öfter noch
einer überrasehenden Unkenntnis. Berücksichtigung dieser auch in so¬
zialer Beziehung so wichtigen Gegenstände im Staatsexamen würde dem
Mangel leicht abhelfen. Der jetzt weite Kreise in so hohem Grade inter¬
essierenden Krüppelfürsorge würde hierdurch sicherlich auch ein bedeu¬
tender Dienst erwiesen werden. Nach den Erfahrungen der Orthopäden
gelangen die znr Verkrüpplung führenden Leiden im allgemeinen viel zu
Bpät in die Hände auf dem Gebiet erfahrener Aerzte, weil selbst von
Aerzten die Tragweite der beginnenden krankhaften Veränderungen noch
vielfach falsch eingeschätzt wird. Bezeichnend ist, was mir vor einiger
Zeit von den Eltern eines an Wirbelsäulenverkrümmung leidenden Kindes
berichtet wurde: Ein sogar beamteter Arzt, der selbst nicht imstande
war, für das Kind einen dem Stande der Wissenschaft entsprechenden
Rat zn geben, erklärte den Eitern, als sie zu verstehen gaben, sie möchten
das Kind doch einmal einem Spezialisten zuführen, „er hielte nichts
von den orthopädischen Aerzten“.
Mittels auf Narbengewebe ist unzweifelhaft; das Mittel hat uns
neben der gleichzeitigen mechanischen Behandlung in zahlreichen
Fällen schon sehr wertvolle Dienste geleistet. Es verdient daher
auch bei unsern Verwundeten ausgiebigst mitherangezogen zu
werden. Die Firma Merck haben wir bald nach Eintreffen der
ersten Verwundeten gebeten, ihrer Vaterlandsliebe dadurch Aus¬
druck zu verleihen, daß sie uns für die Verwundetenbehandlung
eine größere Menge Fibrolysin, keimfrei in Glasröhrchen, zur Ver¬
fügung stellen möchte. Dem hat Merck in ausgiebigem Maße
durch zweimalige Sendung von mehreren 100 Röhren freundlichst
entsprochen, wofür ihm warmer Dank gebührt.
Alles noch einmal kurz zusammengefaßt, betrifft der Kern
der orthopädischen Behandlung die Gelenke, die Organe, an denen
sich die Bewegungen wie an Zeigern sichtbarliehst abspielen; aber
nicht betrachtet in dem früheren beschränkten, anatomischen Sinne,
wonach ein Gelenk aus zwei oder mehreren überknorpelten Knochen¬
enden besteht, die durch eine bindegewebige, durch Bänder ver¬
stärkte Kapsel verbunden sind. Der Orthopäde sieht vielmehr im
Gelenk einen lebendigen Bewegungsmechanismus, von dom die
bewegungsauslösenden Organe, die Muskeln mit ihren Sehnen, die
in letztere eingelagerten Sesambeine, die Sehnenscheiden und
Schleimbeutel, schließlich die den Willen vermittelnden Nerven¬
bahnen und Nervencentren nicht getrennt werden können.
Nur wer in diesem allumfassenden Sinne Gelenkkrankheiten
beurteilt und Gelenkchirurgie (das heißt orthopädische Chirurgie)
treibt, kann von sich sagen, daß er auf der Höhe der Zeit steht
Manche Begehungssünde, aber noch viel mehr Unterlassungs¬
sünden auf dem Gebiete der Krankheiten und Verletzungen des
Bewegungsapparats würden zu vermeiden gewesen sein, wenn man
gelernt hätte, das Mechanische im menschlichen Körper, den so
bewunderungswürdig von der Natur geschaffenen Bewegungs¬
mechanismus, von dieser hohen Warte aus zu betrachten.
Zwölf Gebote znr Verhütung des Krnppeltnms
bei unseren Kriegsverwnndeten
von
Prof. Dr. Ritßchl, Freiburg i. Br.
Der Orthopäde, Professor Dr. Ritschl in Freiburg i. Br. hat
nachstehende zwölf Gebote der Kriegskrüppelverhütung ausgearbeitet
und als Plakat drucken lassen. Dies Plakat ist dazu bestimmt,
in Lazaretten und auf der Etappe aufgehäogt zu werden. Die
Grundsätze, denen unter den jetzigen Kriegs Verhältnissen die weiteste
Verbreitung zu wünschen wäre, sind im Verlage der „Freiburger
Zeitung“ in Freiburg i. Br. in beliebiger Zahl zu erhalten.
1. Sei eingedenk, daß Ruhe den Gelenken (Steifigkeit) und
Muskeln (Abmagerung und Schwäche) schädlich ist.
2. Verlaß dich nicht darauf, daß, nachdem die Gewebs¬
trennungen geheilt sind, die Bewegungsstörungen durch eine ortho¬
pädische oder medico-mechanische Nachbehandlung bekämpft werden
können, sondern suche sie mit allen Mitteln vom Kranken fernzu¬
halten. Weise aber in schweren Fällen die Kranken der Nach¬
behandlung sobald als möglich zu, damit Zeit, Mühe und Geld
gespart werden.
3. Beschränke die Ruhigstellung der Gelenke auf das geringste
Maß und suche sie häufig, sobald es die Heilung der Wunden und
Knochenbrüche zuläßt, zu unterbrechen (veränderte Winkelstellung,
Bewegungen).
4. Erhalte die kostbare Kraft in den durch Ruhe gefährdeten
Muskeln nach Möglichkeit durch frühzeitig einsetzende regelmäßige
Massage, Elektrisierung und unter deiner Aufsicht vom Krankeu
auszuführende Eigen- (aktive) Bewegungen ohne und mit äußeren
Widerständen.
5. Gedenke, daß die Streckmuskeln dem Schwunde weit
schneller anheimfallen als die Beugemuskeln. Suche vor allem dem
Arm seinen Heber (Deltamuskel) und dem Knie seinen Strecker
(Quadricepsfemoris) leistungsfähig zu erhalten, denn ihre Schwächung
macht daB betreffende Glied in hohem Grade minderwertig.
6. Stelle die Gelenke auf längere Zeit, falls dieses der Gewebs¬
trennungen wegen nicht zu vermeiden ist, in solchen Stellungen
fest, daß deren Versteifung gegebenenfalls dem Gliede es mögliche
wenig erschwert, sich zu betätigen, und zwar: ,
Das Schultergelenk — in der üblichen durch ein Tragtuc
(Miteila) gesicherten Ruhelage.
Das Ellbogengelenk — rechtwinklig.
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Das Vorderaradrehgelenk — in Einwärtsdrehung (Pronation).
Das Handgelenk — Überstreckt in der beim Schreiben und
der beim festen Schließen der Faust sich von selbst ergebenden
Stellung.
Die Fingergelenke — leicht gebeugt.
Das Hüftgelenk — leicht gebeugt und abgespreizt (abduziert).
Das Kniegelenk leicht gebeugt.
Das Fußgelenk — etwa rechtwinklig und leicht einwärts
gedreht (supiniert).
7. Verhüte, daß die Hand eineB in der Schlinge ruhenden
Annes durch ihre Schwere in Beugcstellung sinke, denn diese
Lage begünstigt Versteifungen der Finger in Strecklage und beein-
trfchtigt den Faustschluß.
8. Erhalte den Fingern ihre Beweglichkeit. Schließe sie
nicht unnütig in Verbände mit ein und vergiß nie, den Kranken
xn ermahnen, seine Finger durch fortgesetztes ausgiebiges Bewegen
Tor Versteifung zu bewahren.
Erhalte dem Verwundeten nach Möglichkeit eine natürliche
Greifzange, denn eine künstliche Hand ist gefühllos und dadurch
einem lebenden Handrest gegenüber minderwertig.
9. Rege den Blutumlauf besonders bei bettlägerigen Kranken
durch Bewegungsübungen der Glieder, auch Tiefatmungen an, denn
eine gesteigerte Blutbewegung verleiht den inneren Organen wohl¬
tuende Anregungen und steigert die Ernährung und Regenerations¬
kraft der Geweb8.
10. Beseitige frühzeitig in die Gewebe ergossenes Blut durch auf¬
saugungbefördernde Mittel (Hochlagerung, Massage, Wärme, Wechsel¬
duschen usw.), denn das geronnene Blut übt Dauerreizungen aus,
die zu Verklebungen der Bewegungsorgane und bei reichlicher
Anwesenheit zur Bildung schwartiger Bindegewebsm&ssen führen.
Die letzteren aber können gewöhnlich nachträglich vollständig nicht
mehr entfernt werden. Erinnere dich, daß die Blut- und Lymph-
bewegung in den äußeren Abschnitten der Glieder mehr erlahmt
und demgemäß die spontane Aufsaugung hier unter allen Umständen
durch Kunsthilfe gesteigert werden muß.
11. Halte es nicht deiner für unwürdig, in zweifelhaften
Fällen, und falls deine eigenen technischen Fähigkeiten dir nicht
genügend erscheinen, den Rat und die Hilfe eines erfahrenen Fach-
kollegen frühzeitig nachzusuchen, denn du lernst dabei, dem Ver¬
letzten aber gereicht es zum Vorteil.
12. Verachte nicht das Mechanische, denn unser Bewegungs¬
apparat ist ein mechanisches Wunderwerk. Nur der aber ist im¬
stande eine komplizierte Maschine wieder in Gang zu bringen, der
deren Mechanismus kennt und selbst ein guter Mechaniker ist.
Berichte über Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren.
Der Diabetes der Alternden
von
Reg.-Rat Prof, Dr. E. Heinrich Kisch, Wien-Marienbad.
In der klimakterischen Lebensperiode, bei Personen im Alter
zwischen 55 und 62 Jahren, vorwiegend bei Männern, aber auch
bei Frauen im Klimakterium, sieht man recht häufig die Sym¬
ptome des Diabetes auftreten, bei Personen, die sich bis dahin
vollkommenen Wohlbefindens erfreuen, ein scheinbar sehr gesundes
Aussehen bieten, in bevorzugten äußeren Verhältnissen leben, den
Genössen der Tafelfreuden huldigen und auch dem Alkohol nicht
abhold sind, dabei eine gewisse Wohlbeleibtheit besitzen.
Diese Personen haben nur recht geringe Beschwerden; sie klagen
nur hier und da über Unbehagen nach reichlicher Mahlzeit, etwas
Kurzatmigkeit beim Treppensteigen, mancher auch über Herz¬
klopfen nach körperlichen Anstrengungen. Auffällig ist ihnen nur
ein in der letzten Zeit merkliches Abnehmen des Körpergewichts,
manchmal auch ein rasches Ausfallen der Zähne.
Wird der Arzt zur Beratung herangezogen, was gewöhnlich
recht spät stattfindet, so konstatiert dieser zumeist keine wesent¬
lichen Veränderungen in den inneren Organen. Die Herzdämpfung
vielleicht etwas verbreitert, die Herztöne dumpfer, der Puls von
stärkerer Spannung, der Blutdruck erhöht — aber die Harnunter¬
suchung ergibt Vorhandensein von Zucker. Diese Glykosurie,
gewöhnlich in mäßigen Grenzen gehalten, ist zuweilen nur vor¬
übergebend, gestaltet sich aber bald zu einer dauernden und
macht auf die Betroffenen einen tief deprimierenden Eindruck, da
sie sich ja bisher als vollkommen gesund betrachteten und nun
mit einem Schlage den Schrecken, zuckerkrank zu sein, empfinden.
Dieser Diabetes der Alternden ist, wie schon aus den obigen
Andeutungen zu entnehmen, vorwiegend lipo gen, auf der Basis
einer viele Jahre bestehenden alimentären Mastfettleibigkeit
erworben. Das heißt: Bei Personen, bei denen durch lange Zeit
® Mißverhältnis zwischen reichlicher Zufuhr von Nährmaterial
und geringem Verbrauche desselben stattflndet, welche gewohnt
and. eine Übermäßige Kost zu genießen, deren Quantität und
Qualität (üeberm&ß von Eiweiß wie stickstofffreier Nahrung) einen
Ären Galorienwert einschließt, als der Organismus für seine
Arbeitsleistungen und für seinen Wärmehaushalt bedarf — bei
wichen Personen kommt es zu einer Fettanspeicherung, welche
um so bedeutender wird, wenn dabei ein ungenügender Gebrauch
der Muskelbewegung stattfindet, welch letztere zur Zersetzung
dos Glykogens und Fettes im Organismus notwendig ist, oder
joun auch noch Alkoholgenuß das angespeicherte Fett vor dem
verfalle schützt. Auf diesem Wege kommt die alimentäre Lipo-
Fettmast zustande, deren Höhepunkt nach meinen
jsnaorungen beim männlichen Geschlecht im Alter zwischen 40 und
’ ;'^hren, beim weiblichen Geschlecht etwas früher erreicht wird
Ff® wobei dann, nach dem Bestände dieser Lipomatose durch ein
“ *wei Dezennien und auch länger im Alter von Über 50 Jahren,
zumeist zwischen 55 und 62 Jahren, sich in einer sehr beträcht¬
lichen Anzahl der Fälle die Neigung zum Auftreten des Diabetes
kundgibt. Nach meinen Beobachtungen möchte ich annehmen,
daß dieser Diabetes der Alternden bei den alimentär Lipomatösen
in etwa 15% der Fälle eintritt (während nach meinen Ziffern
bei den hochgradig konstitutionell Lipomatösen sich mehr als
in der Hälfte der Fälle Diabetes entwickelt, und zwar in einer
früheren Lebensepoche, und bei den juvenil-hereditär degene¬
rierten, angeborenen „Fettkindern“ nahezu stetig, früher oder später,
Diabetes mellitus eintritt).
Aus den statistischen Angaben mehrerer Autoren über das
Vorkommen des Diabetes überhaupt (alimentärer und hereditärer
Formen zusammen) in den verschiedenen Lebensaltern berechnete
ich, daß auf das fünfte Lebensdezennium ungefähr 31%, auf das
sochste Lebensdezennium gegen 35 % aller Fälle kommen.
Beachtenswert ist diesbezüglich die Aeußerung von Noordens:
„Ich habe den Eindruck, daß gerade der Diabetes der späteren
Lebensjahre in den wohlhabenden Schichten der Bevölkerung
bei weitem über wiegt.“ Hierher gehört auch der Ausspruch
Naunyns: „Unter den Diabetischen, die dem höheren Lebens¬
alter angehören, fiQdet man auffallend ungewöhnlich gut
genährte Leute; unter meinen Fällen waren zehn, die über
110 kg wogen.“
Für den vorwiegend lipogenen Diabetes der Alternden ist
nach dem Gesagten wohl das ätiologische Moment Bohon in der
Erfahrungstatsache gegeben, daß die Fettleibigen zum Diabetes
disponieren und daß die Anlage zur Lipomatosis mit der zur
Glykosurie verwandt ist. Aber es lassen sich noch andere
Erklärungsgründe dafür heranziehen, daß sich bei klimakterischen
Personen, bei denen die allgemeine Fettzunahme im Körper lange
Jahre dauert, allmählich, wenn auch plötzlich in Erscheinung
tretend, die diabetische Erkrankung entwickelt. So habe ich dies¬
bezüglich besonderes Gewicht auf die pathologischen Veränderungen
der Muskulatur der Fettleibigen, auf die Durchwachsung der
Muskeln vom Fettgewebe, die Auseinanderreißung der Muskel¬
fibrillen, die fettige Degeneration der letzteren, auf die, von mir
experimentell nachgewiesene, wesentliche Beeinträchtigung der
Muskelarbeit der Lipomatösen gelegt, welche Glykosurie zur Folge
haben kann. Auch ist die bei den Mastfettsüchtigen häufig vor¬
kommende Veränderung der Leber zellen mit Fettablagerung in
denselben als ein für die Entstehung von Diabetes akzessorisch
begünstigendes Moment hervorzuheben. Hanse mann und
A. Weichselbaum haben als ätiologisch besonders die lipoma-
töse Durchwachsung des PankreaB und die hierdurch veranlaßte
Druckatrophie des specifisohen Gewebes dieses Organs betont.
Weich sei bäum erwähnt, daß bei der Form des Diabetes der
Personen im höheren Alter über fünfzig Jahren sehr häufig Skle¬
rose der Arterien des Pankreas vorhanden ist und sehr oft damit
eine mehr minder starke Fettinfiltration des interstitiellen Binde¬
gewebes: „Da in den Fällen von starker Lipomatose des Pankreas
fast immer eine allgemeine Fettsucht vorhanden war, wird erstere
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wohl als Teilerscheinung der letzteren aufzufassen sein. Hierher
können jene Fälle von Diabetes gerechnet werden, welche Kisch
unter der Bezeichnung lipogener Diabetes zusammenfaßt“ *).
Der Verlauf des Diabetes der Alternden ist zumeist ein
milder und langsamer, die Beschwerden gering, die Toleranz der
Kohlehydrate in genügendem Maße und häufig sieb allmählich
8 ^® , *& e f n d, der Gesamternährungszustand hält sich bei geeignetem
diätetischen und hygienischen Verhalten, nachdem der plötzlichen
Abmagerung ein Ziel gesetzt ist, durch längere Zeit auf aus¬
reichender Höhe. Der Zuckergehalt bewegte sich in meinen dies¬
bezüglichen Fällen zwischen 0,11 und 6,76 %, häufig waren
Spuren von Albumen im Harne nachweisbar, nur vereinzelt war
dieser Eiweißgehalt 0,11 bis 0,51 %, iu wenigen Fällen (zwei von
elf quantitativen Bestimmungen) fand ich Ausscheidung von
größeren Oxalsäureraengen im Harne. Die Prognose gestaltet sich
bei dieser Diabetesform günstig, schwerer Verlauf ist selten, und
ich habe dabei hohes Alter, in einem Falle 90 Jahre, erreichen
gesehen. Natürlich dürfen keine besonderen Komplikationen ein-
treten, welche den Verlauf ungünstig beeinflussen. Häufige
Begleiterscheinungen des Diabetes der Alternden sind harnsaure
Diathese, Gicht, Symptome allgemeiner Arteriosklerose.
Der Exitus wird verhältnismäßig oft durch Hirnhämorrhagie,
zuweilen durch Herzschwäche herbeigeffihrt. Eintreten von akuten
Infektionskrankheiten, traumatischen Schädigungen und psychischen
Insulten gaben gleichfalls den Anlaß zu raschem tödlichen Aus¬
gange. Es bleibt eben immer wahr der Ausspruch Frerichs:
„Jeder Diabetiker gleicht dem Wanderer in finsterer Nacht auf
schmalem Steg, ein Fehlschritt von diesem kann ihn rettungslos
in den Abgrund werfen.“
Was die Behandlung des Diabetes der Alternden betrifft,
so will ich nur kurz hervorheben, daß im allgemeinen und unter
steter Kontrolle der Toleranz des Patienten gerade bei dieser
Form eine allzu strenge Diät, eine übermäßige Einschränkung des
Genusses der Kohlehydrate, aber auch der Eiweißsubstanzen
vermieden werden muß. Daß vielmehr alle diätetischen und
hygienischen Maßnahmen die unerläßliche Voraussetzung haben
sollen, daß diesen senilen Personen der Kräftezustand gewahrt
und das Körpergewicht nicht zu sehr herabgedrückt, vielmehr
beide gehoben und verbessert werden. Dabei muß der Arzt die
Gewohnheiten dieser älteren Wohlleber sorgfältig berücksichtigen
und namentlich für eine appetiterhaltende und anregende Zu¬
bereitung und Zusammenstellung der Kost Sorge tragen.
Schwächende Methoden, wie Milchtage, Einschaltung von vor¬
wiegend vegetarischer Kost, sind, auch nur generell gesagt, lieber
zu meiden. Die Wichtigkeit der psychischen Behandlung ist bei
den zur Hypochondrie, pessimistischer Auffassung und Melancholie
geneigten Alten zu beachten. Gerade bei diesen Diabetikern ist
darum mehr als bei andern das Belassen in ihier angenehmen
Häuslichkeit, in der sorgsamen Pflege der Hausfrau und einer be¬
währten Köchin angezeigt, nur hier und da, auf kurze Zeit unter¬
brochen durch einen angenehmen und bequemen Aufenthalt in
schöner Landschaft, nicht zu hoher Gebirgsgegend oder an der
See, oder durch eine kurörtliche Behandlung, Trinkkur mit alka¬
lischen, alkalisch-mineralischen, alkalisck-salinischen und erdigen
Quellen, sowie Badekur, ganz besonders mit natürlichen kohlen¬
säurereichen Mineralwässern. Beim Eintreten von Komplikationen,
welche die Durchführung einer strengen Diät und Behandlung
notwendig machen, erfolgt diese am besten, mindestens zeitweise,
in einer diätetischen Anstalt unter bewährter Leitung.
l)ie Milcli in der ärztlichen Praxis
von
Dr. Disquä, Kreisarzt a. D., Potsdam.
Die Milch ist bei der Krankenbeb andlung von großer Be¬
deutung. Sie ist reizlos, da sie nicht die reizenden Extraktiv¬
stoffe des Fleisches besitzt. Sie enthält die einzelnen Nährstoffe
Eiweiß Fett und Kohlehydrate im richtigeren Verhältnis als im
Fleische. Diese Nährstoffe Bind nicht im Bindegewebe oder in
Cellulose eingebettet. Die Verdauungssäfto können leicht an die
einzelnen Nährstoffe herankommen. Sie verläßt nach Penzoldt
den Magen sehr rasch, schon nach ein bis zwei Stunden.
q A. Weichselbaum, Ueber die Veränderungen des Pankreas
bei Diabetes mellitus.
Und doch ist sie nicht in allen Fällen und in unverdünnter
Weise immer so leicht verdaulich. Von manchen Patienten wird
sie überhaupt nicht, manchmal auch nicht im vermischten Zu¬
stande vertragen und macht allerlei Beschwerden, sehr häufig
Stuhl Verstopfung, manchmal Diarrhöe, oft Gasbildungen und Auf¬
stoßen. Sie ist auch nicht so leicht resorbierbar, wie Fleisch und
Eier und verläßt nicht so leicht den Magen, wie Pflanzeneiweiß 1 ),
da das Casein in größeren Flocken gerinnt. Die einzelnen Nähr¬
stoffe sind nur in großer Verdünnung vorhanden, besonders Ei¬
weiß, Fett und Kohlehydrate. — Da der Liter Milch 670 Calorien
enthält, müssen wir, wenn wir nur von Milch leben wollten, je
nach unserm Körpergewicht 4 bis 6 1 täglich zu uns nehmen, was
doch auf die Dauer nicht möglich wäre. Dazu kommt noch, daß
zirka 10% nicht ausgenutzt wird. Eine reine Milchkur muß
darum zur Unterernährung führen.
Die Milch wird darum jetzt häufig zu Entfettungskuren an¬
gewandt. Ein bis zwei Milchtage wöchentlich (2 1 Magermilch,
sonst nichts genossen, oder nur grüne Gemüse, ohne Mehl und
Fett, nur mit Fleischbrühe zubereitet, setzen die täglich nötige
Calorienmenge auf unter die Hälfte herab und es ist oft ein täg¬
licher Gewichtsverlust von einigen Pfunden zu konstatieren. Ein
bis zwei Milch- oder Gemüsetage wöchentlich werden nicht nur
bei Korpulenz, sondern auch bei Gicht und Diabetes oft mit Er¬
folg angewandt 2 ). Eine reine Milchkur wirkt nicht nur durch
Unterernährung, sondern auch durch Flüssigkeitsbeschränkung und
durch den geringen Kochsalzgehalt der Milch.
Bei Herzverfettung mit Oedemen wird die Karelische Milch¬
kur (fünf Tage lang bei Bettruhe nur 800 g Milch täglich in fünf
Portionen, später etwas Fleisch und Zwioback dazu) verordnet.
Ebenso empfiehlt His 3 ) die Karelische Milchkur bei Emphysem
und chronischer Bronchitis (besonders, wenn die Kraft des Herzens
nachläßt), außerdem bei Myokarditis, in manchen Fällen von An¬
gina pe< toris, bei serösen Exsudaten und zur Unterstützung der
Digitaliskur. Bei Klappenfehlern ist die Karelische Milchdiät nur
dann angezeigt, wenn es sich um hochgradige Insuffizienz und
Hydrops handelt. — Bei Ascites infolge von Lebercirrhose ist sie
noch eine am meisten Erfolg versprechende Behandlung 4 ).
Früher gab man bei der Weir- Mitschell sehen Mastkur
am Anfänge nur Milch. Die Patienten bekamen zuerst zwei¬
stündig 100 g Milch, später bis 3 1 täglich. Von dieser alten
Methode ist man abgekommen, da die reine Milch zu wenig Nähr¬
wert hat und auch den Appetit beeinträchtigt. Man gibt jetzt
außer wenig Milch, Sahne, Butter, die fettreichen Gelbeier in
irgendeiner schmackhaften Form, und besonders auch die calorien-
reichen Kohlehydrate, Breie, Flammeris usw.
Bei Anämie und Chlorose ist die reine Milchdiät nicht an¬
gezeigt, da die Milch zu wenig Eisen enthält, kaum 1 mg in 1 1.
Sie kann aber neben reichlich grünen Gemüsen, Fleisch und Eiern
verabreicht werden. — Bei Neurasthenie lind Epilepsie ist sie wegen
ihrer Reizlosigkeit und der nicht vorhandenen erregenden Ex¬
traktivstoffe dos Fleischs zu empfehlen 5 ), ebenso bei Gicht wegen
ihrer vollständigen Pnrinfreiheit.
Kinder sollen nach Pfaundler im ersten Lebensjahr ein
Zehntel ihres Körpergewichts Milch erhalten. Dazu kommen in
den ersten drei Lebensnionaten Zusatz von Schleim (Reis-,
Graupen-, Hafergrütze) und Rohrzucker, bei öfteren Stühlen Soxhlets
Nährzuckor oder Loeflunds Nährmaltose, bei Stuhlverstopfung
Milcluucker. In den späteren Monaten gibt man statt der Schleim¬
abkochungen Mehlabkochungen (Mondamin-, Weizen-, Hafermehl
20 Minuten gekocht.
i Schema der künstlichen Ernährung eines gesunden Säuglings
nach Langstein und Meyer 6 ).
H Tage 1 Milch, 2 Wasser 2 bis 20 g Zucker täglich. Ge-
samtmenge täglich 60 bis 600 g.
:i. und 4. Woche. 1 Milch, 2 Schleim, 30 g Zucker. Ge-
samtmenge täglich 800 g.
’) Bickel, Ueber die Grundlagen der Diätetik bei Verdauung 8
kränklichen (M. Kl. 1910, Nr. 12.)
2 ) Disque, Ther. d. Gegenw., Okt. 1912. w.
3 ) His, Karelische Milchkur bei Herzkrankheiten. (Ther. Jä •
19 12. H. 1.)
4 ) Ohly, Milchdiät. Speyer und Körner, Freiburg 191o.
5 ) Ebstein, lieber Milchkuren. (M. Kl. 1908, Nr. 38.) ^ ..
') UangBtein und Meyer, Säuglingsernährung und 8 ugi
Stoffwechsel. Wiesbaden 1914.
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UMIVERSITY OF IOWA
7. Februar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6.
ig;>
2. und 3. Monat. 1 Milch, 1 Schleim, 30 bis 40 g Zucker.
Gesamtmenge täglich 800 bis 1000 g.
4., 5. und 6. Monat. 2 Milch, 1 Mehlabkochung, 50 g
Zucker.' Gesamtmenge täglich 1000 g.
7. und 8. Monat. Allmählicher Uebergang zur Vollmilch
|,ei Darreichung von Bouillon und vegetabiler Diät, wie bei Ent¬
wöhnung von der Brußt. Das Quantum von 11 Milch täglich soll
niemals überschritten werden.
Im zweiten Lebensjahre sind nur höchstens Z U 1, im dritten
Lebensjahre nur l h 1 Milch täglich zu geben. Bei reichlichem
Milcbgenusse werden die Kinder häufig blaß, leiden an Appetit¬
losigkeit und Stuhlverstopfung und haben eine sehr schlaffe |
Muskulatur. Salat und grüne Gemüse sind hier von der günstigsten
Wirkung, ebenso bei der Rachitis, wo neuerdings die Milch auch
sehr eingeschränkt wird.
Man gibt jetzt, um den geringen Eisengehalt der Milch zu
erhöhen, und reichlich Nährsalze zuzuführen, schon vom vierten
Monat an Fruchtsäfte, vom fünften bis siebenten Monat an durch¬
geschlagene grüne Gemüse (Spinat, gekochten Salat, Möhren), einen
Teelöffel, langsam steigend bis zu einem Eßlöfiel am Ende des
ersten Lebensjahrs, bei Kindern, welche auf Gemüse leicht Diarrhöe
bekommen, das leicht verdauliche Dr. Friedenthalsche Gemüse-
palw (M. Töpfer, Böhlen b. Roetha i. S.), W. Sternberg 1 ) ist
gegen diese Gemüsepulver, weil sie nicht frisch, nicht so appetit¬
lich und schmackhaft seien, wie das frische Gemüse. Frieden-
thal 2 ), Langstein, v. Bergmann und Strauch und ich 3 )
haben' auf die leichte Verdaulichkeit und gute Ausnutzung des
Gemüsepuivers aufmerksam gemacht. Man wird selbstverständ¬
lich immer frische Gemüse anwenden, sobald sie zu haben
sind und vertragen werden. Ist dies aber nicht der Fall, so
wird man immer froh 6ein, Gemüsepulver mit Erfolg verordnen
zu können.
Ekzem, besonders solches mit Seborrhöe kommt besonders
bei überfütterten Kindern vor. Feer 4 ) reduziert bei solchen
Kindern die Milch auf 4 / 4 1 täglich und entzieht sie im zweiten
Halbjahr. Er gibt dafür Mehl-, Schleim-, Grießsuppen, Frucht¬
säfte und gekochte Gemüse schon nach dem ersten Viertel¬
jahre. Das Fett der Milch wird bei überfütterten ekzematösen
Kindern besonders angeschuldigt. Man gibt deshalb lieber
Buttermilch.
Die Buttermilch ist besonders durch Untersuchungen
Salges als Diätetikum wissenschaftlich anerkannt. Sie ist als
Dauerpräparat in den Apotheken in zwei Formen zu haben. 1. Als
reine Buttermilch ohne Zusatz (HA) nach Prof. Dr. Riet-
sohel mit grünem Verschlußatreifen, 2. als Buttermilch mit
Zusatz von Weizenmehl und 5% Zucker nach Prof.
Dr. Koppe. (Holländische Säuglingsnahrung [HS] mit rotem
Verschlußstreifen.)
Die reine Buttermilch (HA) stellt eine fettarme, reizlose,
im Salzgehalt etwas verminderte Kost dar. Sie ißt vorübergehend
angezeigt bei leichter Dyspepsie, insbesondere auch als Ueber-
gangsnahrung zur zuckerreicben Buttermilch (HS). Man gibt in
den ersten Tagen 200 bis 300 g täglich mit Saccharin gesüßt.
Nach Eintreten festen Stuhls wird die Menge vermehrt.
Die Buttermilch mit Zusätzen (von Mehl und Zucker)
-Holländische Säuglingsnahrung (HS) — ist eine vorzüg¬
liche Beinahrung zur Mutterbrust und bei Atrophie der
Kinder, wenn die Kinder nicht zunehmen, ohne dabei zu häufige
^tuhfentleerung zu haben. Bei zu häufigem sauren Gärungsstuhle
rird besser die Eiweißmilch angewandt. Die Buttermilch ist, da
sie aus saurer Sahne (durch Buttern derselben) bereitet wird,
leicht säuerlich und besonders wegen der sehr feinen Gewinnung
de« Casein leicht verdaulich.
Ein ganz vorzügliches Mittel gegen Stuhl Verstopfung
und besonders auch gegen Fettseifenstühle, die trocken,
bröcklig, hell, lehmgrau bis weiß sind, und bei Milchnähr-
s<hädcn ist die Kellersche Malzsuppe. Sie wird in folgender
einfacher Weise hergestellt: 1. In */:; 1 Milch werden 30 g Weizen¬
mehl verrührt. 2. In 2 / 3 1 erwärmten Wassers werden 100 g
*.) Die Techuik der Diätküche und die industrielle Technik der
Fabrikation der Gemüsepulver. (Zbl. f. inn. M., 1914, Nr. 48.)
*) M. KJ. 1912, Kr. 5.
J ) Ther. Mh. 1912, H. 12, 1913 H. 1 und H. 12.
*) Feer, Das Ekzem mit besonderer Berücksichtigung des Kindes-
“ te * % d. Inn. M. 1912, B. 8.)
Loeflunds Malzsuppenextrakt unter beständigem Rühren aufgelöst.
Mischung 1 und 2 werden zusammengegossen und unter beständigem
Rühren aufgekocht. Die Kellersche Malzsuppe (eine V:! Milch,
angereichert mit Mehl und Malzextrakt) soll nur einige Wochen
genommen werden. Bei Kindern unter drei Monaten führt sie
manchmal zu stark ab, bei Kindern über sechs Monaten wird Halb-
milch genommen, um sie eiweißreicher zu machen.
Bei Nieren- und Blasenleiden ist die Milch wegen ihrer
Reizlosigkeit besonders zweckmäßig. Es wäre aber ganz falsch,
eine reine Milchdiät dabei längere Zeit anzuwenden. Es würde
der Appetit darunter leiden, und durch die calorienarme Ernährung
nach und nach eine Entkräftung des Patienten ein treten. Bei
chronischem Nierenleiden ist eine nahrhaftere Kost (Fleisch, Eier,
leichte Mehlspeisen usw.) zu verordnen, auch leichte Reizmittel,
Fleischbrühe, Kaffee, Tee, alkoholische Getränke, leichtgesalzene
gewürzte Speisen sind oft nicht zu entbehren 1 ).
Dies ist ebenso bei chronischem Magenkatarrh bei
fehlender Salzsäure der Fall. * Auch hier müssen Anregungs¬
mittel gegeben werden wie die eben erwähnten leichten Reiz¬
mittel. Die Magermilch und der Quark sind nach Bickel-)
starke Sekretionserreger. Ebenso der Kefir, welcher nach meiner
Erfahrung durch seinen Kohlensäure- und geringen Alkoholgehalt
die Magenschleimhaut zur Salzsäureproduktion anregt und durch
seine feinflockige Gerinnung des Caseins bei Gastritis leichter
verdaulich ist als Yoghurt.
Bei Ulcus und Hyperacidität wird der Milch Sahne zu¬
gesetzt, welche auf die Sekretion hemmend wirkt. Es wäre beim
Ulcus ein großer Fehler, die reine Milchdiät längere Zeit fortzu¬
setzen, weil dadurch die schon vorhandene Anämie immer größer
werden müßte. Das große Volumen von 1 1 und mehr Milch pro
Tag würde den Magen belasten und wäre außerdem gewiß nicht
geeignet, ein Ulcus rasch zur Heilung zu bringen. Nur in den
nächsten Tagen nach einer Magenblutung halte ich eine reine
Milchdiät, Milch mit Zusatz von etwas Sahne, für zweckmäßig.
Es sind aber schon nach zwei bis drei Tagen Eier, nach und
nach bis sechs pro Tag, nach einer Woche auch zartes, junges,
geschabtes, im Mörser verriebenes, durch ein Haarsieb getriebenes,
gekochtes Fleisch hinzuzugeben. Zur Milch kann dann Sahne oder
Larosan oder vegetabile Milch (Mandel- und Paranußmilch) zu¬
gesetzt werden. Die vegetabile Milch ist auch eine Emulsion
wie die Kuhmilch, sie enthält nur eine geringere Menge von
Kohlehydraten und Salzen, besonders von Kochsalz. Sie ist nahr¬
hafter als Kuhmilch (hat nach Fischer 90 bis 115 Calorien,
während die Kuhmilch nur 67 Calorien besitzt); sie ist leichter
verdaulich, da sie feintlockiger gerinnt und nach den Versuchen
von A. Fischer 3 ) eine kürzere Verweildauer im Magen hat. Sie
dürfte deshalb bei Atonie und motorischer Insuffizienz des
Magens, wegen ihrer höheren Calorienmenge bei Mastkuren und
wegen ihres geringeren Koch Salzgehalts bei Nierenleiden und
Herzleiden der Milch vorzuziehen sein. Bei Gicht ist sie wegen
ihrer Purinfreiheit zu empfehlen.
Bei Dünndarmkatarrhen mit chronischer Diarrhöe wird
die Milch gewöhnlich nicht vertragen; man gibt bei Erwachsenen
besser weiche Eier, junges, mageres Fleisch, durch ein Haarsieb
getrieben. Bei Kindern verordnet man besonders bei Diarrhöe
mit saurem Stuhl schon längere Zeit Eiweißwasser oder Plas¬
mon oder Nutrose oder Larosan 15 g auf 50 g Wasser und 50 g
Emser Wasser, verteilt auf zwei bis drei Mahlzeiten, oder neuer¬
dings die Eiweißmilch.
Die Eiweißmilch nach Prof. Finkeistein und Dr. L. Meyer
hat sich als Dauerpräparat (Töpfer, Boehlen b. Rötha i. S.),
konzentriert in Flaschen von 125 g, vorzüglich bei allen Zu¬
ständen, die mit Durchfällen einhergehen und bei Mehl-
nährschäden bewährt. Beim saueren Gärungsstuhl tritt nach
Anwendung der Eiweißmilch durch Verminderung des
Milchzuckers und der Molkensalze und durch Anreiche¬
rung mit Eiweiß und Kalk eine Beschränkung der Gärung
durch Förderung der Fäulnis im Darm auf. Der Inhalt einer
Flasche ist mit dem gleichen Quantum warmen (vorher ab¬
gekochten) Wassers zu verdünnen und auf Körpertemperatur zu
erwärmen (zu starke Erhitzung kann nachteilig sein). Es wird
eine Messerspitze, später ein gestrichener biß gehäufter Teelöffel
0 v. Noorden, Nepbritisbehandlung. (M. Kl. 1913, Nr. 1.)
0 Bickel, M. Kl. 1910, Nr. 12.
3 ) A. Fischer, Arch. f. Verdauungskr. 1914, Bd. 20, H. 1 u. 2.
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6.
7. Februar.
166
ooxhlets Nährzucker oder Loeflunds Nährmaltose zu 100 g
sugesetzt. Die Dauer der Eiweißmilchbebandlung soll vier bis
iechs Wochen betragen. Die Diarrhöen verschwinden dadurch
rft sehr rasch.
Um das in der Kuhmilch dreimal soviel als in der Mutter¬
milch enthaltene und früher als schädlich betrachtete Casein zu
vermindern und die Milch noch mit Fett und Zucker anzureichorn,
nat Biedert das Rahmgemenge (Ramogen) angegeben. „Die
Herabsetzung des Eiweißgehalts kommt nach dem heutigen Stand
unseres Wissens nicht in Frage. Bei konstitutionell schwächer
veranlagten Kindern führen die mit Fett und Zucker angereicherten
Nährmischungen leichter zu Verdauungs- und Ernährungsstörungen
als die Mischungen, bei denen ausschließlich der Kohlehydratgehalt
erhöht ist“ 1 ).
Die Magermilch und der Quark, welche in den Molke¬
reien zum großen Teil den Tieren gefüttert werden, müßten nicht
nur in der Praxis, sondern gerade jetzt in der Kriegszeit als
billige Nahrungsmittel (der Quark ist calorienreieher als das
Fleisch) mehr Verwendung finden 2 ). Quark auf Brot oder mit
geriebener Brotrinde oder mit Kartoffeln, Quarkkuchen, Quark¬
keulchen sind leicht verdauliche, nahrhafte, reizlose und doch
wohlschmeckende Speisen.
Bei Dickdarmkatarrhen und dysenterischen Zuständen
ist die Verordnung von Milch, besonders auch von saurer Milch
und von Yoghurt, sehr zweckmäßig. Das Milcheiweiß ist gegen
die Fäulnisbakterien viel widerstandsfähiger als Fleisch und Eier-
aiweiß. Die Milchs&urebacillen sind außerdem Antagonisten der
im Dickdarminhalt enthaltenen Fäulnisbakterien. Bei Dickdarm -
erkrankungen mit nach Fäulnis riechendem Stuhle sind saure
Milch und Yoghurt ein souveränes Mittel.
Wie verhält es sich nun mit der Anwendung der Milch bei
chronischer Stuhlverstopfung? Sie übt auf den Darm nicht den
mechanischen Reiz aus wie das Gemüse und das Obst. Bei
manchen tritt nach Milch Verstopfung oder Meteorismus ein.
Aber doch ist sie durch ihren Milctyzuckergehalt besonders als
saure Milch und Buttermilch ein ausgezeichnetes Mittel gegen
chronische Obstipation, sowohl atonischen als spatischen Ursprungs.
Eventuell kann man durch Zusatz von Milchzucker, dreimal täglich
einen Eßlöffel, oder durch Genuß von Malzzucker oder der Ke 11 er¬
sehen Malzsuppe (siehe oben) die stuhlanregende Wirkung der
Milch noch vermehren.
Führt die Milch ab, so kocht man einen Viertelliter mit
10 g Gummi arabicum oder setzt zu einem Viertelliter zwei bis
drei Eßlöffel Kalkwasser hinzu.
Um sie nahrhafter zu machen, besonders bei Mastkuren, bei
Anämie und Neurasthenie, kann Sahne, Eigelb, Nutrose, Plasmon,
Larosan, Sanatogen, vegetabile Milch usw. zugesetzt werden.
Bei chronischer Obstipation klagen die Patienten manchmal
über Schmerzen. Es ist oft Indikan im Urin vorhanden [entero-
toxischo Neuritis 3 )]. Jegliche Fleischnahrung muß hier vermieden,
aber Milch, besonders saure Milch, Buttermilch, Yoghurt, ebenso
wie grünes Gemüse und Obst verabreicht werden. Nach meiner
Erfahrung ist auch die Coliea mucosa nichts anderes als eine
enterogene Neuritis. Gerade bei nervösen Patienten werden die
Darmnerven leicht toxisch bcoinflußt. Auch hier sind reichliche
Mengen von Milch neben einer Gemüsekost die einzig richtige
Diät. Auch bei fieberhaften Krankheiten, bei Morbus Basedowii,
bei manchen Hautkrankheiten, die auf enterotoxischer Ursache
beruhen, wie Urticaria usw., ebenso bei schweren Fällen von
Diabetes, bei Gicht, ber Nieren- und Blasenleiden ist eine lacto-
vegetabilische Kost angezeigt.
Beim Kochen der Milch für kleine Kinder wird jetzt ganz
i anders, viel kürzer, verfahren als früher. Man kocht dieselbe nur
I ein bis zwei Minuten oder mischt die Milch mit kochendem Wasser
! und ‘kocht nur eine Minute. Durch das zu lange Kochen werden
die Kalksalze fester an das Casein gebunden, die feine Verteilung
des Milchfetts wird beeinträchtigt, und es bilden sich weiter Ver¬
änderungen in der Milch, sodaß manchmal ein skorbutähnliches
Leiden, die Barlowsche Krankheit, entsteht. Wie der Skorbut
ja auch zustande kommt bei Leuten, welche längere Zeit frisches
I Gemüse entbehren, so ist es gewiß auch denkbar, daß eine nicht
I frische, sondern durch langes Kochen veränderte Milch durch Zer-
I stören der Vitamine ein ähnliches Leiden zustande bringt, worauf
auch W. Sternberg 1 ) und Langstein und Meyer (siebe oben)
j aufmerksam gemacht haben.
Die Milch soll von dem Patienten nur langsam, nur schluck¬
weise oder löffelweise genommen werden, damit der Käsestoff in
kleineren Klümpchen gerinnt, Wird sie in reinem Zustande nicht
vertragen, so macht man Zusätze von kohlensaurem Wasser,
Kaffee, Tee, Kakao, Mondaminwasser, einem Eßlöffel Kognak,
einem Eßlöffel Portwein, einem Eßlöffel Kalkwasser usw.; dadurch
gerinnt die Milch in kleineren Flocken und ist leichter ver¬
daulich.
Fassen wir kurz die Hauptindikationen der Anwondung der
Milch in Form von reiner Milchkur oder kombiniert mit andern
1 Nahrungsmitteln zusammen, so wird dieselbe in der Praxis an-
j gewendet vor allem zu Entfettungskuren, bei Herz-, Leber-,
I Nieren-, Blasenleiden, bei Gicht, bei Anämie, Neur-
| asthenie und Epilepsie, bei Autointoxikationen, infolge
| von reichlichem Fleischgenusse, bei Morbus Basedowii uud
! manchen Hautkrankheiten, als Magermilch, Quark und
| Kefir bei Gastritis, als Fettmilch mit Sahnezusatz bei Ulcus,
Hyperacidität, als Yoghurt bei Dickdarmerkrankungen
in einer Mischung mit Schleim und Mehlabkochungen mit
Zucker bei der künstlichen Ernährung der Säuglinge,
als Buttermilch ohne Zusätze (HA), bei leichten Dyspepsien
der Kinder, und zur Uebergangsnahrung zu der zucker- und
mohlhaltigen Buttermilch (HS), als Buttermilch (HS) (hollän¬
dische Säuglingsnahrung), zur Beinahrung der Mutterbrust
und bei Atrophie (Biianzstörungen der Kinder), wenn dieselben
nicht zunehmen, ohne zu häufige Stuhlentleerungen und ohne über¬
mäßige Gewichtsabnahme zu haben, als Eiweißmilch bei allen
Zuständen, die mit Durchfällen einhergehen, besonders beim
sauren Gärungstuhl, und als Kellersche Malzsuppe bei
Fettseifenstühlen und Stuhlverstopfung der Kinder.
Die vegetabile Milch (Mandel-, Paranußmilch) ist indiziert
bei Ulcus, Hyperacidität, Atonie und motorischer In¬
suffizienz des Magens, zu Mastkuren, besonders bei Enteroptose,
bei Gicht, Nieren- und Herzleiden.
Ans der Praxis
Vollkommener Ersatz des Benzins durch Carbonum tetra-
chloratum in der Chirurgie
VOll
Dr. Kruuuuacher, Ibbenbüren.
Da, wie auch aus der Mitteilung des Vorstandes der Berlin-
Brandenburgischen Aerztekammer hervorgeht, Benzin in reiner
und bester Sorte fast gar nicht mehr zu haben ist — ein Apo¬
theker hiesiger Gegend versichert mir, daß er seit U Tagen
keinen Tropfen mehr besitze —, so empfehle ich als in jeder Bezie¬
hung vollkommenen Ersatz: Carbonum tetrachloratum. C. t. : CC1 4
ist eine Flüssigkeit von 1,630 specifischem Gewicht! und wurde
1) Langstein und Meyer, Säuglingsernfihrung und SäuglingB-
stoffwechsel. Wiesbaden 1914. . .
2 ) K. Brandenburg, Ernährung in der Kriegszeit. (M. Kl.
3) v. Noorden, Ther. Mh. 1913, H. 1.
für di© Praxis.
ursprünglich hergestellt durch Ueberieitung von Chlor über glü¬
hende Holzkohlen, und dient in der Industrie hauptsächlich MJ
Lösung von Harzen, Kautschuk usw. Das Kilo —• 6 /io Liter koste
etwa 1,50 M. (Bezugsquelle: B. Hadra, Apotheke zum weißen
Schwan, Berlin, Spandauer Straße 40.)
Seit langer Zeit verwende ich Benzin nicht mehr, haupt¬
sächlich wegen seiner Feuergefäbrlichkeit. Carbonum tetracn o-
ratum reinigt die Haut von Schmutz, Borken, Salbenresten (Mas *
sol) usw. ebenso leicht und rasch wie Benzin und ist ebei* a
durchaus „reizlos“. Auch in Gemischen von Jodbenzin ersetze
letzteres durch Carbonum tetrachloratum. Das einzige, was sei
allgemeinen Verbreitung hinderlich sein könnte, ist der etwas..
gelenke Name. Aber es gibt ja heutigentags so new M B
Köpfe für wohlklingende Namen, daß sich auch hierfür bald
finden dürfte.
*) Arch. f. Verdauungskr. 1914, Bd. 20, H. 2.
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UNIVERSUM OF IOWA
?. Februar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6.
167
Sammelrefer&t
Referatenteil.
Redigiert von Oberarzt Dr. Walter Wolff, Berlin.
Neuere Arbeiten aus dem Gebiete der Versicherungsmedizin
lesprochea von Dr. Paul Reefefeh, Chefarzt des Verbandes öffentlicher
Lebensversichernngsanstalten in Deutschland.
Die versicherungsmudizinische Literatur hat in den letzten
Jahrcu stärker als froher an Umfang zugenommen, da mit dem
Inkrafttreten der Reichsversicherungsordnung, der Einführung der
Angestelltenversieherung und der Zunahme der privaten Ver¬
sicherung teils neue Gebiete der versichernngsmedizinischen Be¬
trachtung erschlossen wurden, teils ältere eine Erläuterung und
Vertiefung erfuhren.
Im folgenden möchte ich kurz die Arbeiten aus dem Jahrel914
besprechen, deren Kenntnis mir für den auf dem Gebiete des Ver¬
sicherungswesens (namentlich der Lebensversicherungsmedizin)
tätigen Arzt von besonderem Interesse erscheint. Insbesondere ist
k die Pflicht des ärztlichen Oborgutachters oder Revisionearztes,
sich nicht nur über allgememärztliehe Fragen, sondern auch über
die speziellen Fragen der Versicherungsmedizin auf dem laufenden
zu erhalten, da ja die Betrachtung und Entscheidung ärztlicher
Fragen im Versicherungswesen zuweilen von der in der Klinik
und am Krankenbette gewonnenen Erfahrung abweichen muß.
Berufe.
Ueber die „Berufskrankheiten der Arbeiter“ gibt Schultze
nach dem Berichte der K. K. Gewerbeinspektion eine Uebersicht,
in welcher besonders die Vergiftungen durch Gase und Metalle
berücksichtigt sind. Holtzmann bespricht die „Fortschritte in
der Lehre von den Gewerbekrankheiten“ unter besonderer Her¬
vorhebung der Bleigefahr.
Mit der Bleivergiftung beschäftigen sich auch die Arbeiten
von Schwenckenbecher, Abelsdorf, Holtzmann und Skram-
lick, Hirsch und Nägeli. Aus ihnen geht hervor, daß der
diagnostisch oft entscheidende Metallsaum am Zahnfleische der
Kinder sich laugst nicht so häufig und so deutlich wie am Zahn¬
fleisch Erwachsener entwickelt. Kinder erkranken überhaupt bei
der Tätigkeit im Bleigewerbe häufiger und schwerer als Er¬
wachsene, da sie ja auch meist weniger vorsichtig sind. Rezidive
der Bleikrankheit können noch monatelang und jahrelang nach
vollständigem Auf hören der Bleiaufnabmo zur Beobachtung kommen.
Im Malergewerbe wird die Hälfte aller Erkrankungen durch Er¬
kältungskrankheiten und Bleivergiftungen bedingt. Unter den
Symptomen der Bleivergiftung ist am häufigsten die Kolik. Boi
Tulaarbeitern (Tula nennt die Goldschmiedekunst eine schwarze
Metallegierung auf Edelmotallgrund) finden sich die Erscheinungen
der Metallvergiftung ebenfalls sehr häufig. Ein Mittel, derselben
entgegenzuarbeiten, wäre vor allem der Ersatz des Bleies in der
Tnlamasse durch ein anderos Metall. Unter den verschiedenen
Aeußerungen der chronischen Bleivergiftung spielen central-nervöse
Affektionen häufig eine Rolle. Zuweilen beobachtet man eine
Psychose im Beginne der primären Bleiintoxikation. Die Neur-
asthenia saturnina ist ein außerordentlich häufiges Symptom dor
chronischen Bleivergiftung und ähnelt der ersten Phase der Eu-
cepbalopathia saturnina. Nägeli macht darauf aufmerksam (Be¬
richt über 200 beobachtete Fälle von Bleivergiftung), daß sehr oft
nicht die bekannte Tria 9 (Bleisaum, Zittern, Blutbefund), son¬
dern nur ein charakteristisches Symptom vorhanden ist. Die Ver¬
stopfung ist dabei das hauptsächlichste Symptom der Bleivergiftung
7t.), ebensooft sind Koliken vorhanden. Auch der Bleisaum
Jnd das feinschlägige Zittern gehören zu den häufigsten Krank-
heitszeichen, während die Blutdrucksteigerung einen inkonstanten
Befund darstellt.
Schu 11zo liefert einen Beitrag zur Kenntni.% und Statistik
der Gesundheitsverhältnisse in den Akkumulatorenfabriken. Die
Zahl der Krankheitsfälle in diesen (wobei wiederum die Blei-
erkr&nkungen kervortreten), ist im Abnehmen begriffen.
Pickenbach bespricht die Möglichkeit der Infektion mit
Milzbrand bei Lederarbeitern. Besonders häufig ist diese Infektion
511 Schleswig Holstein und den angrenzenden Bezirken beobachtet
jorden. Die Entwicklungsdauer der Krankheit beträgt nur
Stunden, die Dauer einen Monat und darüber.
Hanauer bespricht die Gesundheitsverhältnisse der Wein-
^rlner, welche mannigfachen Gefahren ausgesetzt sind. Die Stoii-
‘Ht der Weinberge bedingt eine erhöhte Unfallgofahr, das Berg-
11 lra o cn schwerer Lasten eine erhebliche körperliche Anstrengung,
wobei die Ernährung zuweilen nicht zureichend ist. Kartoffeln,
Wein und Most machen oft den Hauptbestandteil der Ernährung
aus. Eine Erweiterung des Herzens, welche zuweilen mit Arterio¬
sklerose und Lungenerweiterung einhergeht, und Wirbelsäulen¬
verkrümmung sind häufige Berufskrankheiten der Weingärtner.
Unter 50 Obduktionen wurden 48mal krankhafte Befunde am
Herzen festgestellt. Von besonderem Interesse sind diese Mit¬
teilungen für die immer mehr an Ausdehnung gewinnende Lebens¬
versicherung, namentlich auch für die Volksversicherung.
Von mehr allgemeinem Interesse ist ein Aufsatz von Elsner
über LehrliDgsskoliosc. Charakteristisch ist allen Fällen Beginn
der Skoliose oder akute Verschlimmerung einer bisher nur geringen
Deformität nach Abschluß des Schulbesuchs kurze Zeit nach dem
Eintritt in einen körperlich anstrengenden Beruf. Die Skoliose
entsteht als Bolastungsdeformität aus einem Belastungsmißver¬
hältnisse der Wirbelsäule.
Lebensgewohnheiten.
Zahlreich sind die Arbeiten über den Alkoholmißbrauch. Da
dieses Gebiet ein besonderes Kapitel darstellt und mehr dem Be¬
reiche der sozialen Hygiene zugehört, möchte ich hier nicht näher
darauf eingehen und nur betooen, daß der Alkohol nach einer
sorgfältigen Statistik über die Selbstmorde in Preußen einer der
wichtigsten Beweggründe des Selbstmords beim männlichen Ge¬
schlecht ist und in der Häufigkeit unter diesen Gründen nur von
den Geisteskrankheiten übertroffen wird. Wenn man die Stati¬
stiken der letzten Jahro betrachtet, so ergibt sich erfreulicher¬
weise, daß die Zahlen für die Selbstmorde infolge Alkoholmi߬
brauchs im Abnehmen begriffen sind.
Frankl-Hoch wart schildert die nervösen Erkrankungen
der Tabakraucher. Er führt als relativ häufige Störungen bei
Rauchern Herzklopfen und allgemeine nervöse Beschwerden
(Schwindel, Betäubungsgefübl) an. Seltener sind Schlaflosigkeit,
Zittern, Augenflimmern und Magendarmstörungen. Nicht selten
findet man Stimmungsanomalien. Gelegentlich beobachtet man auch
Sprachstörungen, Störungen des Empfindungs- und BeweguDgs-
vermögens, Störungen von seiten der Hirnnerven, Neuralgien und
Neuritiden. Von besonderm Interesse ist es, daß auch zuweilen
im Anschluß an Tabakmißbrauch vorübergehende Ausscheidung von
Eiweiß oder Zucker beobachtet wird.
Allgemeine Pathologie.
In einer sehr beachtenswerten Studie zu den unter dem
Namen „Modico-Acturial Mortality Investigation“ unternommenen
amerikanischen Sterblichkeitsunlersuchungen behandelt Bohl-
mann dio Beziehungen der Anthropomotrie zur Lebensversiche¬
rung. Er bespricht die Bedeutung der allgemeinen Anthro-
pometrie für die Versicherungsmedizin, die Beziehungen der Körper-
iängen und Körpergewichte von Versicherten und dio Bedeutung
des Uober- und Untergewichts unter Zugrundelegung eines großen
und wertvollen Versichertenmaterials. Der Verfasser dieser Ueber¬
sicht hat auf die Bedeutung solcher Untersuchungen in seiner
Studie: „Die sozial-medizinische Bedeutung konstitutioneller Ano¬
malien und Krankheiten“ (Berlin, S. Karger) und in seinem „Lehr¬
buche der sozialen Medizin“ (Berlin, S. Karger) ebenfalls nach¬
drücklich bingowiesen.
Auch Schwiening bespricht in einer sorgfältigen Studie
die Beziehungen zwischen Körpergröße und Körpergewicht des
Menschen. Es ist von Interesse, daß in einigen Gebieton des
Deutschen Reiches, vor allem im Königreiche Sachsen, in Schlesien
und Bayern, das Körpergewicht durchweg geringer ist als in andern
Reichsgebieten, besonders im Norden. Das gleiche findet sich in
bezug auf die Körpergröße. Die instruktive Arbeit enthält auch
Angaben über die Beziehungen des Körpergewichts zu bestimmten
Berufsgruppen.
Einige Arbeiten beschäftigen sich mit der Bewertung der
Eiweißausscheidung. Frik kommt auf Grund seiner Untersuchungen
zu dem Ergebnisse, daß in der Lebensversicherung ein Verdacht
auf chronische Nierenentzündung ein unbedingter Ablehnungs¬
grund ist, daß aber unter erschwerenden Bedingungen gesunde
Menschen mit orthotischer oder lordotischer Albuminurie ver¬
sichert werden dürfen, während die durch bestimmte Anlässe
(körperliche und geistige Anstrengungen, kaltes Bad. reich 1kho
Eiweißnahrung) entstehende und rasch vorübergehende Albuminurie
die Aufnahme als normales Risiko nicht hindert. Claudius gibt
eine neue Methode der calorimetrischen Eiweißbestimmung an.
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UNIVERSITÄT OF IOWA
168
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6.
7. Februar.
Glaserfeld bespricht die für den praktischen Arzt brauch¬
baren Methoden zur Zuckeruntersuchung des Urins und empfiehlt
die altbewährte Tromm ersehe und die Nyl an der sehe Probe.
Bei positivem Trommer und negativem Nylander ist gewöhnlich
kein Zucker, sondern eine andere reduzierende Substanz im Urin
vorhanden; negativer Trommer und positiver Nylander machen es
wahrscheinlich, daß Zucker unter Vs'Vo vorhanden ist.
Autenrieth und Funk besprechen die Methoden zur Be¬
stimmung der Harnsäure im Blut und Harne. Diese Unter¬
suchungen sind auch für die Versicherungsmedizin wegen der oft
unklar angewandten Begriffe Gicht und Rheumatismus von einigem
Werte. Untersuchungen über die Blutharnsäure sind auch in einer
lesenswerten Arbeit von Steinitz enthalten, deren wesentliches
praktisches Ergebnis die Feststellung des diagnostischen Wertes
der quantitativen Blutharnsäurebestimmung ist. Man darf aus ihr
nicht allein die Diagnose der Gicht oder gichtischen Diathese
stellen, sie ist aber ein wertvolles diagnostisches Hilfsmittel.
Roepke bespricht die Bedeutung der Begriffe latent, mani¬
fest, aktiv und inaktiv in der Beurteilung der Lungentuberkulose,
deren Unterscheidung besonders für den auf dem Gebiete der Ver¬
sicherungsmedizin tätigen Arzt von Bedeutung ist.
Spezielle Pathologie.
Ueber einen sechs Monato nach dem Abschluß einer Lebens¬
versicherung tödlich verlaufenen bemerkenswerten Fall von Bron¬
chialasthma berichtet Eschenburg. Vielleicht handelte cs sich
im vorliegenden Fall um eine schädliche Wirkung von Adrenalin
und Morphium.
Ueber eine Methode der Funktionsprüfling des Herzens be¬
richtet Katzenstein. Seine Untersuchungen wurden zum Zwecke
der Beurteilung der Herzkraft für Narkosen angestellt. Das
schwierige und umfangreiche Kapitel der IJerzstörungen nach Un¬
fällen behandelt Horn und unterscheidet dabei zwischen primär und
sekundär sich entwickelnden Herzstörungcn. Er stellt den be¬
merkenswerten Satz auf, daß die Prognose funktioneller Herz-
störungen nach Unfällen günstig ist, falls die Entschädigungs¬
ansprüche durch einmalige Abfindung befriedigend und definitiv
erledigt worden, und betont zum Schlüsse die Wichtigkeit der
sogenannten Brückensymptome für die Frage des kausalen Zu¬
sammenhangs zwischen Unfall und organischem Herzleiden.
Pongs behandelt die Atmungsreaktionen bei gesunden und
kranken Herzen, Rinderspacher die periodische Unrogclmäßig-
keit des Pulses und Horner bringt eine eingehende Zusammen¬
stellung und Beurteilung der umfangreichen, den Blutdnn k be¬
treffenden Literatur unter Beifügung zahlreicher eigner Beiträge.
Goliner bespricht die perkutorische Empfindlichkeit der
Bauchorgane und ihre Bedeutung für die Versicherung.-praxis.
Seine Ansicht, daß eine sorgfältige Prüfung der perkutorischen
Empfindlichkeit aller Bauehorgane den Versicherungsarzt d» n
sichersten Weg zur Beurteilung des Risikos finden lassen werde,
schießt w’ohl etwas über das Ziel hinaus.
Garra berichtet einige Fälle von Simulation der Gelbsucht
durch Einnahme von Pikrinsäure.
Schubart behandelt in einer ausführlichen Studie an der
Hand verschiedener Beispiele die Diagnose der Nervenschwäche im
ärztlichen Zeugnis und betont die Bedeutung der körperlichen
Untersuchung für die Diagnose. Reflexanomalien sind keine
sicheren Zeichen fiir Neurosen. Bei Sensibilitätsstörungen kommt
es auf die subjektiven Angaben an. Wichtiger sind leichtere Motili¬
tätsstörungen, vor allem das Zittern, vasomotorische Störungen
(Demographie) und Veränderungen des Pulses.
Gold sch ei der bespricht in seiner bekannten gründlichen
und geistvollen Art die atypische Gicht und hebt das Gelenk¬
knirschen als ein charakteristisches Symptom derselben hervor.
Eine große Anzahl von Arbeiten beschäftigt sich mit der
Bedeutung der Syphilis und dem Werte der Wassermann sehen
Reaktion für die Verricherungsmedizin.
Schottländer tritt für eine obligatorische Einführung der
Wassermannschen Reaktion in der Lebensversicherung ein, schon
aus dem Grunde, weil dadurch viele Leute zu einer Behandlung
ihrer Krankheit veranlaßt werden. Müller bespricht die Frage,
inwieweit das Verschweigen einer syphilitischen Erkrankung die
Versicherungsanstalt berechtigt, die Versicherung für kraftlos zu
erklären. Fritz Lesser hebt hervor, daß die Frage, ob es eine
paterne Vererbung der Syphilis gibt, zurzeit unentschieden ist,
und bespricht die praktische Bedeutung der quantitativen Wasser¬
mannschen Reaktion für die Behandlung der Syphilis. Auch
Jacobsthal bespricht die Beziehungen zwischen Lebensversicherung
und Wassermannscher Reaktion und warnt mit Recht davor,
aus einer einmaligen Blutuntersuchung einen Schluß auf die Pro¬
gnose zu ziehen, zumal da heutzutage jeder Syphilitiker weiß, daß
er durch energische Behandlung einen negativen Ausfall der Re¬
aktion erreichen kann. Der Verfasser hält es für am zweck¬
mäßigsten, alle Lebensversicherungen von einer bestimmten Höhe
der Versicherungssumme ab der Wassermannschen Reaktion zu
unterziehen.
In einer sehr lesenswerten Arbeit behandeln Junius und
Arndt die Descendenz der Paralytiker. Sowohl die Zahl der
Aborte als auch der Totgeburten ist in den Familien der Para¬
lytiker weit höher als in der Gesamtbevölkerung, und aus einem
erheblichen Teil der Paralytikerehen gehen nerven- oder geistes¬
kranke Kinder hervor. Am häufigsten tiaden sich allerlei orga¬
nische Affektionon des Gehirns, öfter auch Taubstummheit und fast
alle der bekannten funktionellen Nervenkrankheiten. Geissler
erörtert die Frage, unter wolchen Voraussetzungen man die Nioht-
orkennung der progressiven Paralyse als einen ärztlichen Kunst¬
fehler bezeichnen darf.
Eine Reihe von Arbeiten sind den Schiffs- und Tropeu-
krankheiten gewidmet, welche ja in der Versicherungsmedizin und
namentlich in der Lebensversicherung mit der immer zunehmenden
Ausbreitung des Verkehrs an Bedeutung gewinnen. Mühlen®
behandelt die Dysentorie, Cholera, Pest, Beri-Beri, Gelbfieber,
Flecktyphus, Aussatz und einige hier weniger in Betracht kommende
und seltenere tropische Erkrankungen, Grurnann und Bontemps
die larvierte Malaria. Baerniann und Eggersdorf bringen einen
Aufsatz der wichtigsten tropischen Darmkrankheiten, Plehn
liefert einen Betrag zur Kenntnis der akuten hämolytischen
Malaria. Endlich berichtet Sch«orer über die Entstehung und
den Verlauf des Skorbut, über Dengue und andere endemische
Küstenfieber.
Ueber dio Begutachtung der traumatischen Neurosen be¬
richtet Kommorell. Um die Frage der Abhilfe gegen die großen
Schäden der traumatischen Neurosen den maßgebenden Kreisen
wieder einmal nahezulegen, veröfi’nt lieht er die Erfahrungen am
Material der Tübinger medizinischen Klinik und Nervenklinik,
ohne jedoch die fast unmögliche Lösung dieser schwierigen Frage
zu versuchen. Er tritt datür ein, daß gesetzliche Bestimmungen
geschaffen werden, welche es dem Vorletzten nicht mehr so leicht
wie bisher machen, eine Rente zu bekommen, wenn nicht wirklich
greifbare Veränderungen naebgowiesen werden können.
Endlich möge liier eine wertvolle Arbeit angeführt werden,
welche dom Gebiete der Versicberungsmedizin etwas ferner liegt,
nämlich eine Monographie von Geigel über den Blitzschlag, in
welcher er die Theorie der Ursache und des Hergangs des Todes
an Blitzschlag, die Hypersensildlität bezüglich der atmosphärischen
Elektrizität bei Gesunden und Nervösen, eigne Erfahrungen und
dio Behandlung und Prophylaxe bespricht.
Literatur: Abelsdorf, Erhebungen über das Ma’ergewerbe in Bayern.
(Aorztl. S;u h\ ei M Ztg. 1014. Nr. 0. S. 101.) — Aer Etlicher Verein, Bedeutung
der Hr.iklioiici n.u )i Wassermann und Abderhalden. (M. Kl. 1914. Nr. ^4,
S. :Tr» t - Alkohol und Selbstmorde. (Zsrhr. I. Versicherg6ni. 1914, 11. ci
- Autenrieth und Funk, l'e'ner kolorituetn-che Bestiimiuiugsmetlmden: Dj' 1
Bestimmung der i! irr s.,nn* im B nt und Harn. (M. m. \V. 1914. Nr. 9, S. 45c'
Baerniann un i Lckersdorff, Atlas typischer Dnrnikrankhciten. ( M. m. A\.
19t I Nr. H>, S. v ‘*d i — Boas, Die Wassermannst ho Reaktion mit besonderer Bc-
rO-ek'ii'litcci'n» ihrer kl'nEchen Verwrilb-irkeit. M. m. W. 1914. Nr. tk S. 4J- 1
— Bohlmann, Anthropometiie. und LebErtyversicherung. (Zsrbr !. d. ges- ) e ^j
Wisseiiscli. 1914, II (>,) — Brugsch und Kristeller, Kino einfache und -ennen
ausbihibare Met'.i de zur nwn:.ii’,,civon Schätzung der Harnsaure im nhit au>
0.1 eeni Hlutsoium. (D. m. W. 1914, Nr. lö. Leipzig, Thieiue ) — Dr. M. Claudios*
Kopenhagen. Hie kaloiimelrische Kivmilbostinnuung äli exakte analyii-iM
Methode und ihre Verwendung für Auteimetlis Kalorimeter. (M. m. \L, Ni-
-- Elsner, Dr. Johannes, Dre-don. Lö her Ltdirlinc-'-koliose. (Aerztl. Saclivcr.
Ztg 191.4. Nr. 21 j — Eschenhurg, Dr. Th., Lübeck. Bronchialasthma y> - •
Vei trainui'.- ,rzu? d. Leb. uv. urs. 1914, II. N.) Fischer, Ko/t^dintte ; ‘ llf ,ic .
(iebtet« der MnEorsdia>t:>vemehcriing. f.M. m. W. 1914, Nr. 14, S T7‘2d — yiw c •
Aufgaben und Ziele dci modernen LobmsversicherungsnicdLm. (M. **• y >
Nr. 17. S. TiVü -- Frankl-Hochwart, Die norvöson Erkrankungen der
Taucher. (Aerzf! Sache erst. Ztg. 1914. Nr. 9. S. 192) — Dr Frik, Berlin, l
die Bewertung der Albuminurie durch den Lebensversicbernngsarzt. (A ■ ■
Bachverst. Ztg. 1914, Nr. Li.) — Frik, Leber die Bewertung der Albuin 1 1
durch den Lehcnsversichorungsarzt. (Ztschr. f. d. gcs. Verd. \\ issenscli. n ■ •
11.1, S. 6(j, Berlin, Mittler.) - Garm, Epidemie von falscher (JrlbMicht. L j
Sachverst. Ztg. 1914, Nr. 19.) — Geissler, Enter welcher Voraussetzung dr ‘ hler
die Nichterkeninmg der progressiv eil Paralyse als einen ärztlichen * NUns
ln 1 zeichnen.-' Zugleich ein Beitrag zur Kasuistik sozialjnodizjmscher lr por]i)) ‘
(Aerztl. Bachverst-Ztg. 1914, Nr. 5, S. 108.)“ - Bruno Glaserfeld,
Schüneberg, W elches sind fiir den praktischen Arzt die brauchbarsten .J .
zur Zuckeruntersuchung des UrinsV (M. Kl. 1914. Nr 33.) f rl<
Leber atypische Dicht. (M. Kl. Nr. 20, S. 1123.) - Qoliner, Dr. me » ' . fl
Die perkutorische Empfindlichkeit der Abdnminalorgane und ihre \ er
der Versicherungspraxis. (Bl. f. Vertrauensärzte d. Lobensvers. 1944,
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UMIVERSITY OF IOWA
7. Februar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6
169
tkotiibn uoij Kricfel, Jahresbericht über soziale Hygiene, Demographie, Modi-
*iiul*utUlik. sowie alle Zweige des sozialen Versicherungswesens (M. iu. W.
1914, Nr. 2, S. 86 > — Dr. Grumann, Altona-BahrenfeM uiul Dr. Bontemps, Altona,
Linierte Fern« einer Malaria in raalariafreier Gegend. (D. m. W. 1914, Nr. 22.)
L Hahn und Saphra, Eine einfache für die Praxis geeignete Methode zur quau-
titativea Bestimmung des Harnstoffs im Uriu. (D. m. W. 1914, Nr. 9, S. 480,
Leipzig. Tliieme.) - Hirsch, ücber die Neurasthenie der Bleikranken. (D. in. W.
ll» 14 . S T r. 8, S. 3S2, Leipzig, Thieme ) — Boltzmann, Fortschritte in der Lehre
von ihn Gewerbekrankhciten. (D. m W, 1914, Nr. 2, S. 81, Leipzig, Thieme.) --
Horn, Leber Herzstörungen nach Unfall. (I). m. W. 1914, Nr 2, S. 68, Leipzig,
Thieme v Horner, Der Blutdruck des Menschen. (M. m AV. 1914, Nr. 2, S. 85.)
- Jacobsthal, Dr. E., Ueber LebensversicheKirigen und Wassormamische
Reaktion (Hl. f. Vertrauensärzte d. Lebensvers. 1914, H. 4.) — Katzenstein, M.,
Ueber Funktinnsprflfuiig des Herzens. (M. Kl 1914, Nr. 22.) — Klut, Ului-
rergiftungen durch Wasserleitungen. (M. Kl. 1914, Nr. 13, S, 587.) — Krauss,
Fräse des ursächlichen Zusammenhangs einer syphilitischen Erkrankuug mit
einem Unfall (Zschr. f. Versichergsm, Februar 1914, H. 2, S. 61.) — Aus der
.Pr«i$* der Kurpfuscher. (M. Kl 1914, Nr. 4, S. 181.) — Lampe uud Fuchs,
Ueber das Verhalten des Blutserums Gesunder und Kranker gegenüber Plazerna-
eiweili. (D. m. W. 1914, Nr. 15, S. 747, Leipzig, Thieme.) — Lester, Dr. Fritz,
Berlin, Gibt es eine pateme Vererbung der Syphilis? (D. m. W. 1914. Nr. 29)
- Lesser, Die praktische Bedeutung der quantitativen Wassennanuschen Reaktion
für die Behandlung der Syphilis (M. in. W. 1914, Nr. 2, S. 70.) — Malisch, Die
Malaria im Südosten Deutschlands. (D. m. W. 1914, Nr. 15, S. 763, Leipzig,
Thieme) — Mohr, Trauma und Lungentuberkulose. (Zschr. f. Versichergsm.,
Februar 1914, II 2. S. 61.) - Derselbe, Trauma und Lungentuberkulose, erläutert
in einem ärztlichen Obergutachten mit Entscheidung d. R. V. A. (Aerztl.
Swhverst. Ztg. 1914, Nr. 2, S. 42) — Miihlens, Prof. Dr. P., in Hamburg. Institut
für Scbifls- uod Troponkrankh^iten Die tropische Dysenterie, Dysonteria tropica.
(D. m W. 1914, Nr. 25) — Möller, Verschweigen einer durchgemachten syphili¬
tischen Erkrankung im Antragsformular berechtigt, die Versicherung für kraftlos
xo erklären. (Zschr- f. Versichergsm., April 1914, II. 4, S. 111.) — Nägeli, Bei¬
trice zur Kenntnis der Bleivergiftung mit besonderer Berücksichtigung des
Wertes der Symptome. (Aerztl. Sachverst. Ztg. 1914, Nr. 9, S. 191.) — Oeder,
Körpergröße nnd Körpergewicht deR Monschen. (D. in. W. 1914, Nr. 18, S. 917,
Leipzig Tliieme.) - Pagenstecher, Ernst, Ueber das Vorkommen des endemischen
Kropfes und der Schildilrüsenvergrößeruug am Mittelrhein und in Nassau. (M.
m. W. Nr. 37.) - Pickenbach, Beitrag zur Milzbranderkrankung in der Leder¬
branche. (Aerztl. Sachverst. Ztg. 1914, Nr. 18.) — Plehn, Prof. Dr. Berlin, Km
Beitrag zur Kenntnis der ukuten hämolytischen Malaria (Schwarz\vasserfieber|.
, (D. m. W, Nr. 28.) — Pongs, Dr. Alfred, Altona, Atmungsrcaktioncn hei gesunden
und kranken Herzen. (M. Kl. 1914, Nr. 24) — Rlnderspacher, Dr. Kail, Dort¬
mund, Zur Kasuistik der periodischen Unregelmäßigkeit des Pulses. (1) in. W.
1914, Nr. fit) — Roepke, Die Begriffe „manifest", „latent", .aktiv“, „inaktiv“ in
der Beurteilung der Lungentuberkulose uud ihres Zusammenhangs mit Lungen-
bluton als Unfallfolge. (Aerztl. Sachverst. Ztg. 1914, Nr. 9, 8. 170.) - Roth, Eine
Modifikation der Baugschen qualitativen BÜutzuckcrprobc zur Erkennung der
Hypoglykämie. (D. m. \\\ 1914, Nr. 9, S. 429, Leipzig, Thieme.) - Ruediger,
Zur Schweigepflicht des Arztes. (M. Kl. 1914, Nr. 9, S.399) -- Selbstmorde in
Preu-Uen. (Bl f. Vertrauensärzte d. Lebensvers. 1914, H. 4.) — Scherer, G., Dr.,
in Thumcb, Entstellung und Verlauf des Skorbuts in Deutsch-Südwesfc-Afrika.
(M. m. W. 1914, Nr. 2.1) — Schottin «Iler, Prof. Dr., Hamburg-Eppendorf, Noch
einmal über die Bedeutung der Syphilis und den Wert der Wassermannschon
Reaktion für das Lebensversicherungswesen. (Bl. f. Vertrauensärzte d. Lebensvers
1914, H. 4.) — Schubart, Die Diagnose der „Nervenschwäche“ im ärztlichen
Zeugnis (Aerztl. Sachverst. Ztg. 1914, Nr. 4. S. 78.) — Schultze, Kgl. Gewerbe-
iuspektor zu Fulda, Ein Beitrag zur Kenntnis und Statistik der Gesundheits-
verhältnisse in den Akkumulatorenfabriken. (Aerztl. Sachverst Ztg. 1914, Nr. 13.)
— Schultze, Die Berufskrankheiten der Arbeiter nach den Berichten der k. k.
(iawTrbeInspektoren über ihre Amtstätigkeit im Jahre 1912. (Aerztl. Sachverst.
Ztg. 1914. Nr. 7, S. 145 ) — Schwenkenbecher, Bleivergiftungen durch die Wasser¬
leitung. (M. m. W. 1914. Nr. 7, S. 352.) — Schwiening, Körpergröße und Körper¬
gewicht des Menschen. (D in. W. 1914, Nr. 10, S. 498 : Nr. 11, S.556.) — Seeger, Der
Arzt als Zeuge und Sachverständiger. (D.m. W. 1914, Nr. 16, S. 813, Leipzig, Tliieme.)
Steinitz, Untersuchungen über BlutharnsäuTe. (D. rn. W. 1914, Nr. 19. S. 953.
Leipzig, Thieme.) — Sticker, Prof. Dr, Georg, Dengue und andere endemische
Küstenfieber. (M. m. W. 1914. Nr. 22.) - v. Wassermann, Woltprobleme und
medizinische Forschung.--«. (M. KI. 1914, Nr. 8, S 352) — Weber, Ueber die
traumatische Thrombose der Vena cava inferior in bezug auf Lebensversicherung.
(Aerztl. Sachverst. Ztg 1914, Nr. 6, S. 127.) — Die Gesundheitsverhältnisse der
Weingärtnoi. (Zschr. f. Versichergsm 1914, II. 7) — Ziemendorff, Ueber trau¬
matische Tuberkulose mit besonderer Berücksichtigung neuerer Obergutachten
und Entscheidungen des Reichsversichorurigsamts. (Zschr. f. Versichergsm.,
Februar 1914, H. 2, S. 61.) — Geigel, R. t Der Blitzschlag. (Wdrzburg 1914,
Kurt Kabitzsch, 42 S.) Kommereil, Ernst, Ueber vlic Begutachtung von trau¬
matischen Neurosen. (Leipzig 1914, J. A. Barth, 25 S.)
Aus den neuesten Zeitschriften.
Berliner klinische Wochenschrift 1915 , Nr . 4.
Deutsche medizinische Wochenschrift 1915, Nr. 4.
Landau (Berlin-Schöneberg): Uholaskos nach Schuß durch die
Leber, Wh einem Schüsse durch die Leber sammelten sich zirka 3 1
Liberal!** nufer Bauchhöhle an, ohne zu Reizung*- oder Entziinduiigs-
«'iwkrimingen zu führen. Für die Diagnose des Dholaskos sprechen
scliliiimies Allgemeinbefinden, trotz fieberfreien Verlaufs rascher Krirfle-
V'-riall und rapide Abmagerung, entzündlicht peritoneale Erscheinungen:
hn ni> und a*-Indische Stühle könnet! gänzlich fehlen. Ferner finden sieh
mifgetriehener Leih, dumpfe Schmerzen im ganzen Abdomen. Dämpfung
Fluktuation wie heim Ascites. Die Behandlung bei durchsetzenden
N-litt&vunded j|t Leber bestellt in einem ^septischen Verbände. Der
L.illmvrguli wird am besten durch Schnitt entleert.
Zinn und Mühsam (Berlin): Ueber extrapleurale Thoruko-
plwtili bei Lungentuberkulose und Bronchiektasen. (Schluß.) Die Tho-
lakoplasiik stellt einen, die Kranken sein- angreifemlen chirurgischen Ein-
.':d( dar. E> müssen sehr große Rippenstücke entfernt werden, auch
lD>,t und Zwischenmuskulatur im Bereiche des Kippcndefekts reseziert
•'venJen Die Haiipigefahr der Operation nächst dem Shoek ist das Auf-
tMf-n eines postoperativen Empyems. Eine weitere Gefahr ist die eitrige
LnsHuiiflziing der Lungen,
H *. s e n t h ;l I und Klee mann (Breslau): Ueber die Einwirkung
von rnutterlichem nnd fötalem Menschenserum auf Trypanosomen.
l’iV I nlersuelmngen beschäftigen sieh mit dem Einflüsse von miitter-
helieni und kindlichem Serum auf den Verlauf der experimentellen Try-
j».o<< nien!nfekti 11 *i. Aus denselben geht liervor, daß der trvpanocide Ge-
! 'd r d»*s föfalt-n Serums deutlich hinter dem des mütterlichen Serums
zurilrkvt*lit. und daß somit der Organismus des Neugeborenen auch in
bezig auf seinen „Blutkanon“ wie Ehrlich die Summe der Serumfunk-
"fi'-n bezeichnet, gegenüber dem des Erwachsenen als nicht völlig ent-
v, Aelt iiimnelien ist. In der Milch ließen sich trvpanocide Substanzen
ßi'lit öfidiwetsen. ««laß die Annahme berechtigt ist. daß nach der Ge*
dnrrh 'E*n Saugakt tiypanoeide Substanzen von der Mutter in das
Kind nicht gelangen.
ILigmann (Chemnitzi: Kavernöse Lungentuberkulose beim
• auglinge. Bei einem Säuglinge fand sich ausgebreitete und weit vor-
-••'ohritt.-n** Lungentuberkulose. Für die Annahme, die Bewegung sei
-'iihliciUmend mit der lokalen Disposition zur Tuberkulose, besonders
11 >>l]l ' Lungentuberkulose, wird eine Reihe von Tatsachen angeführt.
LoUou (Wiesbaden): Geschlechtsleben und öcschlechtskrnnk-
,e «b in den Heeren in Krieg und Frieden. Besprechung der Pro-
un( ^ rherapie der Geschlechtskrankheiten für den Krieg in der
-•n-Jarinee und der Verbreitung und Prophylaxe der Geschleelitskrank-
S*it.
11 in unserer Marine.
Rcckzch iBerlin).
H. Strauss (Berlin): Kriegsernährung und Krankeudiät. Auch
| die Krankenerniilirung lmt sich den jetzigen geänderten Lebensverliäll-
nissen anziipassen. So ist bei der Wald der Suppeumcble von llafer-
llmebl. 1 laferfloeken. Koggenmehl. ICartoflelmehl mehr als von Weizen-
1 meid Gebrauch zu machen. Inlls nicht vuii seiten der \b*rdnimüg : ""Tnane
j »‘ine Kontraindikation vorliegen sollte. Bei der Knappheit der IRilsen-
| fruchte sind auch die pflanzlichen „ Bmilet len“ oder ..Kotelettes-, du*
! früher größtenteils aus Leguminosen bergest eilt wurden, jetzt aus Grieß
| oder Grün keim zu fertigen. Bei der Herstellung von Mehlspeisen ist zur
j Ersparnis von Eiern reichlich Milch — auch nur als Magermilch — zu
empfehlen. In einzelnen Fällen — jedoch nicht bei der Durchführung
einer purinarmen Nahrung — mag man zur „Nährhefe” oder Troekenliefe
| greifen, die zur Ergänzung der Eiwoißreaktion auch sonst herangezogen
: werden kann. Das letzte gilt auch für die Gelatine. Für die Anteil i-
j gong zarter Breie und Mehlspeisen dürfte das behördlich erlaubte Mehl
I (eine Mischung eines zu SO °/ 0 aiisgemaldenen Weizenmehls mit Bo %
| Roggenmelili — wenigstens in der Mehrzahl der Fälle — geeignet sein.
Bei mangelnder Toleranz haben wir aber in Reismehl. Mondamin (Mais¬
mehl) und für manche Fälle auch in feinster Kartoffelstärke (Kartoffel-
; puder) einen brauchbaren Ersatz. Bei Fällen von saurer intestinaler
j Gänmgsdyspesic ist allerdings mit der Darreichung von Kartoffelmehl
I Zurückhaltung geboten. Auch Grieß läßt sich für mancherlei Mehlspeisen
lind Breie verwenden.
Walther Garl (Königsberg i. Pr.i: Ueber Bauchschüsse. Nach
einem Vortrage im Verein für wissenschaftliche Heilkunde zu Königsberg
am 23. November 1914.
Hermann Silbergleit und Adolf Veith (Ingolstadt): Pylorus¬
stenose und Magen Verlagerung darch perigastritische Verwachsungen
als Folge eines Schusses. In dem durch Röntgenbilder erläuterten
Falle hatten vermutlich Narben den Magen mit dem Zwerchfell verlötet
und dieses, als sie schrumpften, in die Höhe gezogen und den Pförtner
sowie auch den Magen selbst ungefähr in der Mitte sanduhrförmig :d>-
geschniirt. Bei der Operation wurden die außerordentlich starken peri-
gastritischen Stränge und Verwachsungen nach Möglichkeit gelöst. Dann
wurde eine Gastroenterostomia anterior und eine Brau nsrhe Entero-
anastomosc angelegt. Das Befinden des Patienten 14 'Lage nach der
Operation war gut.
Paul Grawitz (Greifswald): Die Blndegewebsrerfinderungcn
in Plasmakulturen. Vortrag im Greifswalder medizinischen Verein am
10. Juli 1914.
M. v. Lcnhossek (Budapest): Zur Behandlung der Hämor¬
rhoiden. Bei den Shililentlrenmgo» streifen sich stels kleine Pai tikelchen
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7. Februar.
von der Oberfläche der Kotmasse ab, die in den Furchen der untersten
Abteilung des Mastdarms liegen bleiben. Diese Rückstände können mit
der Zeit einen Reizzustand der von geschichtetem Epithel bedeckten
Analschloimhaut und durch Uebergreifen der Entzündung auf die Sub-
mucosa und ihre Venengefleehte das Bild der Hümorrhoidalerkran*
kung hervorrufon. Auch in der Aetiologie der Proctitis, der Fissuren
und des Pruritus ani dürften die Kotresiduen eine Rolle spielen. Es ist
daher eine systematische Ausspülung der untersten Mastdarmpartie nach
jedem Stuhlgänge zu fordern. Nicht nur der ausgesprochene Hämor¬
rhoidarier, sondern jeder, der einen Hang zu diesem Hebel an sich wahr¬
nimmt oder der davon verschont bleiben mochte, soll diesen Reinigungs¬
akt („Anikure") täglich vornehmen. Pie Menge des einmal einge-
gespritzten lauwannen Wassers soll 100 bis 120 ccm nicht übersteigen,
damit sich nicht mit der Zeit eine Ausdehnung und Erschlaffung des
Mastilanns einstellt. Bei Neigung zu Vorfall des Mastdnrms nach der
Pcläkation darf die „Anikure“ nicht nach dem Stuhlgänge, sondern
höchstens vor diesem angewendet werden. Per Ansatz der Spritze soll
nicht, über 4 cm lang sein. Bei dieser Länge füllt er vollkommen den
Afterkanal uns und steht frei im Lumen des sich oberhalb dieses
Kanals zur Ampulle erweiternden Mastdarms. Ist der Ansatz aber
länger, so kann er leicht an die vordere W and der Flexura perinealis
recti anstoßen. Pie vom Verfasser konstruierte Anikurespritze wird
tu;i ihrer Anwendung genau beschrieben. (Zu beziehen durch B. B.
Cassel, Frankfurt a, M. .Jeder Spritze ist eine Gebrauchsanweisung
helgegeben.)
Kurt Mendel (zurzeit in C-hauny): Zur Prophylaxe der Ge¬
schlechtskrankheiten im Felde. Per Verfasser fordert völlige ge¬
schlechtliche Enthaltsamkeit der im Felde Stehenden. Er empfiehlt da¬
her, den Soldaten am Orte den Geschlechtsverkehr zu verbieten unter
Hinweis auf die starke Verbreitung und die Gefahren der Geschlechts¬
krankheiten und unter Strafandrohung im Falle des Nachweises einer
Geschlechtskrankheit bei den wöchentlich vorzunehmenden ärztlichen
Untersuchungen.
A. Buschke: Erwiderung zu obigen Bemerkungen. Verfasser
erklärt sich ganz entschieden gegen die Auffassung, daß den Soldaten
unter Strafandrohung der Geschlechtsverkehr verboten werden soll.
Selbst im Lazarett gelingt es nur schwer, durch Strafen die gesehleehts-
kranken Soldaten davon abzusehreeken, auf verbotenen Wegen, nachts usw.
ihre Abteilungen zu verlassen, um mit dem Publikum zu verkehren.
Strafen machen fast gar keinen Eindruck, man muß vielmehr die Klausur
dieser Lazarette so gestalten, daß den Soldaten das Entweichen unmög¬
lich wird.
Wienert (Münster i. Westfalen): Zur Therapie des Tetanns.
Pie Kranken erhielten gleich nach der Aufnahme eine einmalige sub¬
kutane Injektion von 100 Antitoxineinheiten Tetanusserum und nach Ver¬
lauf einiger Stunden ein heißes Bad (40 bis 42° Ci 25 Minuten lang.
Fiir die Nacht zwei Eßlöffel Chloralhydrat 16,0:250,0 per Klysma und
0.02 Morphium subcutan. Gründliche Reinigung der Wunden von
etwaigen Fremdkörpern sowie Ausspülung der Wunden mit Wasserstoff¬
superoxyd. Pas heiße Bad wird allmorgentlich verabreicht, solange die
Krämpfe bestehen. Bei sehr heftigen Krampfanfällen werden 10 ccm
einer 40°/oigen Magnesiumsulfatlösung subcutan injiziert.
M. Strauss (Nürnberg): Die Vorzüge des Zellstoffs als Ersatz
fiir Mull und Watte. Pen Zellstoff, der analog dem Holzpapier aus
Nadelholz in großen Mengen gewonnen wird, nimmt man am einfachsten
in Form von großen Tafeln (1 kg zu 60 bis 80 Pf.). Aus den Tafeln
lassen sich Rollen, Kompressen und Kissen schneiden. Durch sein
geradezu ideales Aufsaugungsvermögen macht der Zellstoff im Gegen¬
satz zur Watte die Sekretionsstauung unmöglich. Um das Fest¬
kleben der einzelnen Fasern zu vermeiden, umhülle man jede Zell-
stoffkompresse mit grobem Tupfermull. Zur Tamponade eignet sich der
Zellstoff aber nicht.
Dedolph (Aachen): Jodtinktur, Perubalsam und Wasserstoff¬
superoxyd mittels Zerstäubers angewandt. Bei der Jodtinktur wird
durch den Spray Jod gespart (gießt man die Tinktur aber aus der Flasche
auf ein Stück Gaze, so wird sicher mehr als die Hälfte von der Tinktur
mit der Gaze fortgeworfen). Ferner bleiben die Finger rein. Auch ge¬
langt das Jod so in alle Fugen und Höhlen der Wunden. Daher
reinigen sich die mit dem Spray behandelten verjauchten Wunden viel
schneller als die mit dem Jodgazetupfer behandelten. Da der gewöhn¬
liche Spray aber versagt beim Scbiefbalten, wenn man Körperstellen
treffen will, die nach unten liegen, so ließ sich der Verfasser einen
diesen Uebelsland vermeidenden Apparat anfertigen (Firma Com. Heinz,
Aachen. Vincenzstraße 15). In welcher Weise man dabei ein spontanes
Ausfließen der Tinktur verhütet, wird vom Verfasser angegeben. Der
Zerstäuber eignet sich natürlich ebensogut auch für die andern Medi¬
kamente. F. Bruck.
Münchener medizinische Wochenschrift 1915, Nr. 4.
V. Kafka (Friedrichsberg-Hamburg): Ueber den heutigen Stand
der Liquordiagnostik. Kritische Besprechung der wichtigsten Liquor-
reaktionen, als da sind: die Zählung der Liquorzellen, die Globulin-
bestimmungsmethoden, die Gesamteiweißbestimmung, die Wassermann¬
reaktion im Liquor und die Hämolysinreaktion.
B. Lewinsohn (Altheide i. Sehles.): Val am in bei Herzkranken.
Es handelt sich um den Valerianester des Amylenbydrats. Alle Herz¬
kranken haben zum guten Teil als Neurastheniker zu gelten. Eine
Begleiterscheinung fast aller Herzkrankheiten ist daher die Schlaflosig¬
keit, die Aengstlichkeit, die natürlich mit der eigentlichen Herzangst
nicht zu verwechseln ist. Aber schon die Angst vor Angstanfiillen
ist ein äußerst quälender Zustand. In allen diesen Fällen empfiehlt sich
Valamin (meist zwei, in einigen Fällen drei Perlen).
Erwin Wetzel (Straßburg): Ueber einen Fall von Peritonitis
pnenmococcica extragenitalen Ursprings bei einer Puerpera. Im vor¬
liegenden, ausführlich beschriebenen Falle fehlte eine Erkrankung der
Uteruswandung und der Adnexe vollkommen, eine Ascendenz der
Pneumokokken vom Genitale aus auf das Peritoneum kam also nicht in
Frage (auch nicht durch die Tube). Pa aber eine primäre, durch Pneumo¬
kokken hervorgerufene bilaterale Pneumonie nebst Pleuritis bestand und
Diplokokken nur in den obersten Schichten des Endometriums vorhanden
waren, so muß die Peritonitis von der Pneumonie ausgegangen sein.
Höchst wahrscheinlich waren die Pneumokokken auf dem Wege der
Lymphspalten von der erkrankten Pleura durch das Zwerchfell gewandert.
von Linden (Bonn): Die Wirkung der Kupferbehandlnng auf
das tuberkulöse Meerschwein. Im Gegensatz zu Moewes undJauer
hält die Verfasserin daran fest, daß das Kupfer, wenn es in die ßlutbaha
eines mit Tuberkolbacillen infizierten Meerschweinchens kommt, ganz
allmählich zum Absterben der Krankheitserreger und zur Reaktion von
seiten der Gewebe, das heißt zur Ausheilung der Herde führe.
R. Wollenberg (Straßburg i. E.): Rumination als angebliche
Unfallfolge. (Schluß.) In dem vorliegenden, ausführlich beschriebenen
Falle wurde als einzige Ursache einer Rumination bei einem bis daliin
angeblich gesunden Manne das Ekelgefühl beim Genüsse verdorbenen
Wassers angenommen. Es handelte sich aber mit größter Wahrschein¬
lichkeit nicht um die echte, sondern um eine Pseudorumination. Her
Patient hat willkürlich einen erheblichen Einfluß auf die Magenentleerung.
Er ist eigentlich fortwährend mit Regurgitieren beschäftigt, kann aber
seinen Magen nach Belieben auch auf einmal entleeren. In Betracht
kommt aber bei ihm auch ganz wesentlich das Vorliandensein von Be-
gehrungsvorstellungen, die auf die Erlangung einer Rente gerichtet sind.
Der Allgemeinzustand des Mannes weist durchaus keine Schädigung auf.
Nach dem Verfasser muß die Rumination im vorliegenden Falle zwar als
Unfallfolge anerkannt werden, sie kann aber nicht als ein die Erwerbs-
fähigkeit des Patienten schädigendes Moment angesehen werden.
Walther Fischer: Die deutsche Medlzinschule für Clnnescu
in Schanghai. (Schluß.) Sie dient dem medizinischen Unterricht und
der medizinischen Forschung und findet in dem Artikel eine ausführliche
Besprechung. Zum Schluß betont der Verfasser, daß unsere Mittel
leider immer noch bescheiden seien und daß es immer schwerer werde,
gleichen Schritt zu halten mit den Amerikanern z. B., denen durch
riesige Stiftungen eben wieder ungeheure Summen für gedachte Zwecke
in China zugeflossen seien.
Feldärztliche Beilage Nr. 4 .
P. L. Friedrich: Praktische Erfahrungen zur Verhütung und
Behandlung der Erfrierungen Im Felde. Die blaue Verfärbung der
Gliedmaßen mit vollständigem Kältegefühl bei der Untersuchung, die
aufgehobene Schmerzempfindlichkeit, selbst der Mangel an kapillarer
Blutung bei oberflächlichem Anritzen der Haut sind kein ausschlag¬
gebendes Kriterium für die die Amputation erfordernde Gangrän. Man
muß die scharfe Demarkation, die Abgrenzung des abgestorbenen Ge¬
webes abwarten, wenn nicht septische Resorption aus Gebieten
„feuchten“ Brandes rascheres Vorgeben erfordert. Ist die Operation
nicht indiziert, so muß man auf jeden Fall die Kapillartätigkeit neu¬
beleben (mäßige Hochlagerung des Glieds, drei- bis viermaliges Abreiben
der Extremität im Laufe des Tags mit einem Hautexitnnz, warme Ein¬
packung unter Zuhilfenahme heißgemachter Steine, Teller oder der-
gleichen, nach Möglichkeit viel aktive Bewegungen der Zehen, Huger,
des ganzen Fußes, drei- bis viermalige Massage, zart und schonend aus-
geführt). Wichtig sind die insularen Zonen der Haut, bei denen e*
auf schalenförmige. Nekrosen hinauskommt. Nach Abstoßung dieser
Schalen kommt es durch Granulntionshildung zur Heilung. Von aller¬
größter Bedeutung ist die Verhütung der durch Circulatmns*'
Schädigung entstehenden Frostgnngrän. Alles was komprimierend
und schnürend auf die Hautcirculation wirkt, muß dabei in Krwlfpf
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7. Febraar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6.
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worden. Durch die Truppenärzte, in Verbindung mit den
Truppenoffizieren, muß daher jeder Soldat gezwungen werden, täglich ein-
ci.ü ..der wenigstens alle zwei bis drei Tage einmal das Schuhzeug zu
wechseln. wenigstens einmal für kurze Zeit Strümpfe oder Fußlappen
inisziizit'hon. Die Einwicklung des Fußes darf nicht zu fest erfolgen,
nicht zu dick im Verhältnis zum Räume, den der Stiefel bietet. E 9 ist
,nf eine locker sitzende, warme Fußbekleidung das größte Gewicht zu
l-gen. Das Schuhzeug muß daher weit genug sein. Schädlich ist
;,uch das zu lange Hocken oder Knien des Mannes, weil hierbei durch
die Knickung der Gefäße in der Kniebeuge circulatorische Störungen
dichter entstehen.
E. Payr (Leipzig): Operative mobilisierte Kniegelenke be¬
fuhren sich nach im Kriege. In zwei Fällen hat der Verfasser wegen
knöcherner Ankylose das Kniegelenk durch Faseien-(Fett-)Z\vischen-
lagemng mit vollem Erfolge wieder beweglich und dadurch die Träger
der W.mhrosen wieder felddiensttauglich gemacht.
Harry Königsfeld tFreiburg i. Br.): Eine neue einfache
Methode zani beschleunigten Typhusbacillennachweis in kleinen
leigen Blzt. Die „Anreicherung - der Typhusbacillen in Galle, das
Wachstum auf festem Nährboden und die Differenzierung werden in
■iiietn Akt vereinigt. Drei bis fünf Tropfen Blut für jedes Röhrchen
sind ausreichend. Man knun sich also den ganzen umständlichen Apparat
’W Venenpunktion ersparen. Der Nachweis der Typhim er reger ist der
serologischen Reaktion nach Gruber-Widal überlegen. Denn deren
positiver Ausfall beweist nur, daß einmal, vielleicht vor Jahren. Anti¬
körper gegen die Typhusbacillen gebildet wurden. Dazu korumt, daß
«1: Typbusschutzgeimpfte einen positiven Ausfall haben können.
K. Feist und Friedrich Bonhoff: Vorschlag eines Ersatzes
toi Jodtinktur durch Bromchloroform in der Chirurgie auf Grund
experimenteller Versuche. Es liegt die Gefahr vor, daß es eines Tages
mi dml mangelt, da wir dieses fast nur aus dem Auslande beziehen
brnnt-n. Die Verfasser haben daher nach einem Jodcrsatzc gesucht, der
:mi Inlande gewonnen werden kann. Einen solchen fanden sie in dem
••Vc'en Bromchloroform, das die Haut auch in den tiefen Schichten
•.« iidiri macht. Es soll jedoch nicht die in ihrer vorzüglichen Wirkung
wiD'iritiene Jodtinktur, so lange Vorrat da ist, verdrängen.
Kühert Bärany: Die Drainage der Ilimahscesse mit Gutta¬
percha nebst einigen statistischen Bemerkungen zur operativen
Behandlung der Hirn- und Ohrsch&sse. Mit der Auffindung eines
!!inuhii\s-e& ist der Patient noch nicht gerettet, da die Drainaee der
il'ruUrcsse auf große Schwierigkeiten stößt. Während ukui nämlich
mau draimere den Absceß. kann die Eiterung nach irgendeiner
ÜuVami; fortschreiten und nun plötzlich ein Durchbruch in den Ventrikel
in die Mciiingcn erfolgen. Der Verfasser empfiehlt nun zunächst,
Patienten zur Revision der Absceßhölile aufzusetzen. Im Liegen
"■■n-rlii nämlich ein weit höherer hydrostatischer Druck im Gehirn als
!t " ^'izcn. und daher muß inan im Sitzen bedeutend besser in die
ll'ii!" Imimsi'hen können, da das tiebirn, wenn es nicht geschwollen ist. |
1 eiAl. U darf aber kein stärkerer Hinidruek herrschen. Fobald cs
’iir NlnvfUunsf des Gehirns gekommen ist, verschwindet dieses Phänomen
("ilLnunen. An der Hirnschwellung trügt aber lediglich die bisher
L rlu* Drainage schuld. Au Stelle dieser empfiehlt nun Verfasser
^ weiter als ein Strcifchen Guttapercha, das er in die Höhle
' Fs hält die Wunde offen, gleitet leicht hinein und der Fiter
ij ' lU '‘ntUng diesem St-reifchen frei abfließen. Man muß nur darauf
1 •'ci'-. daß es glatt in der Höhle liegt und sich uicht zusammenknüllt,
" 1 h dann drailiiert es nicht. Handelt, es sich um eng aneinanderliegende
Waieh des Abscesses, so legt man das Streifchen mehrfach zusammen
'der bildet eine Zigarette lediglich aus Guttapercha.
V Baeyer fMünchen): Orthopädische Behandlung der Spasmen
»vh Kopfschüssen. Man schlingt ein etwa 3 cm breites unelastisches,
^'mimtes Taillenhand, das mit einer Schnalle versehen ist, um die Ex-
u, ‘ UllU Fs soll auf keinen Fall so fest anliegen, daß es irgendwie
M.int Iw Verfasser erklärt die günstige Wirkung des Bandes in
: huder Weise: Pie Spasmen beruhen auf einem Fortfall eines
■üfetSra Teils der Hemmungen. Es gilt nuu, die uocli vorhandenen
Hemmungen stärker zu erregen. Da die Hemmungen nun von sen-
'idrri Eindrücken ausgelöst werden, so muß man diese bei den Muskel-
das heißt das Contractionsgefühl, steigern. Dies geschieht
zm wesentlich durch Umschnürung mit einem Bande. Auch bei man-
r ';’' a Störungen des Gleichgewichtssinns (mich Verletzungen des Klein-
bei multipler Sklerose) wirkt ein Band um das Becken zwischen
Ihrmbeiakamm und Trochanter oft sehr günstig auf das Gehen und
• SU'h(*n,
Julius Schütz (zurzeit in Kkgenfurt): Bemerkungen zur Magne-
dinnilfatbehandlang des Tetanus. Der Verfasser konnte beim Stu-
der Magnesiumuarkosc bei Kaninchen eine weitgehende Senkung
der Körpertemperatur feststellen. Fortlaufende Teinperaturmessungcn
sind daher bei der Magnesiumbehaudlung des Tetanus notwendig, um
schädliche Folgen einer Ueberdosierung zu vermeiden.
Carl Bruck (Altona): Zur Bekämpfung der Geschlechtskrank¬
heiten im Felde. Zagleich ein Beitrag zur Pathogenese desülcus molle.
Bei klinisch svmptoinlosen chronischen weiblichen Gonorrhöen, die
erwiesenermaßen soeben männliche Infektionen gesetzt hatten, zeigte die
sorgfältige Untersuchung des Cervicalsekrets mittels Methylenblauaiis-
strichs in allen Fällen, die des Urethralsekrets nur selten, die Anwesen¬
heit von Gonokokken. Ferner ergab in zwei Füllen, bei denen sich der
männliche Teil mit typischen Ulcera mollia infiziert hatte», die genaueste
klinische Untersuchung des weiblichen Teils das Fehlen jeglicher Er¬
scheinungen. Dagegen fanden sich bei beiden Fraueuspersonen in Ab¬
strichen von der Urethral- und Vulvarschleimhaut massenhafte Ducrey-
sche Streptobacillen.
Karl Potpeschnigg: Vom galizischeu Kriegsschauplatz. In
dem ausführlichen Bericht betont der Verfasser unter auderm, daß er es
nur der ausgedehnten Anwendung von Gipsverbänden zuzuschreiben habe,
daß die Zahl seiner Amputationen eine geringe war. Was dauernd ge¬
nügend ernährt war, wurde nicht amputiert, auch bei noch so großen
Zerreißungen und Substanzverlusten. Verkürzte und verstümmelte Ex¬
tremitäten sind noch immer besser als fehlende.
Arthur Mueller (München): Ueber Hämatome und Aneurysmen.
Vortrag, gehalten im Aerztliclien Verein München.
Georg Hohmann (München): Schienen oder Gipsverbände bei
den komplizierten Frakturen der Knochen und Gelenke! Nach
einem Vortrage, gehalten im Aerztlichen Verein München am 28. Ok¬
tober 1914.
M. Fischer (Bingen): Herzbefunde bei Verwundeten. Ein sehr
hoher Prozentsatz der Verwundeten wies Herzanomalien auf, und zwar
Herzgeräusche. Da aber bei einem großen Teile dieser Fülle Weder
1 olgeerscheinungen eines Klappenfehlers noch Kompensatioiisstörungen zu
konstatieren waren, dürften viele dieser Geräusche nicht der Ausdruck
eines dauernden Herzfehlern sein, sondern vielmehr auf übergroßen An¬
strengungen beruhen (vorübergehend« Schwäche des Herzmuskels).
M. Dierkowski (Berlin): Zellstoffwatte als Ersatz. Die viel
billigere Zellstoffwatte sollte sich zum wenigsten in den bakteriologiseli-
hygieniseben Arbeitsstätten, wo sie für die vielen sich dort bietenden
Möglichkeiten an Stelle der Watte unbeschadet verwendet worden kann,
schon heute einbiirgem und auf diese Weise einen Weg verstopfen, auf
dein beträchtliche Mengen Verbandwalte ihrer besseren Zweckerfüllung
entzogen werden. F. Bruck.
Zentralblatt für Herz - und Gefäßkrankheiten 1914, Nr. 24.
C. J. Rothherger und H. Winterberg: Ueber die Entstehung
und die Ursache des Herzfliminerns. (Schluß aus NT\ 23.) Der als
„Flattern“ der Vorhöfe bezeiehnete Zustand zeigt grobschlägige* regel¬
mäßige oder unregelmäßige Zusammenziehungon, die langsamer einander
folgen als bei dem als „Flimmern - bezcichneten Zustande, wo schwache
Zuckungen einander rasch und unregelmäßig folgen. Beide aber sind
nicht ihrer Eutslehungsart nach verschieden, sind nur verschiedene Grade
einer Tachvsystolie der Vorkammern. — Beim Kammerflimmeru nach
Famdisation sind nur Frequenzen bis zu 8(X) bis 900 in der Minute, also
geringere als hei den Vorhöfen beobachtet worden. Neben überwiegend
unregelmäßigen und ungleichmäßigen Zacken finden sich auf den Kurven
aber auch rhythmische und fonngleiche. Die Vielgestaltigkeit weist :mf
eine größere Zahl von Reizbilduugscentren hin, und die Frequenz der
regelmäßigen Reizbildung in diesen Ceutren bestimmt die Stärke des
Flimmern«. — Die Kammer nimmt die in raschem Tempo von den Yur-
liofcu gelieferten Bewegungsreize ihrer wechselnden Anspruclisfiihiirkeit
entsprechend unregelmäßig auf, daher der unregelmäßige und ungleich¬
mäßige Kammerpuls, — Die Ausgangspunkte für das Vorhofflimmern
sind nicht in den normalen ReizMUlungxstätton, im Sinus- und Vorhof¬
knoten zu suchen, denn in diesem Falle müßte Vagusreizung, die an
jenen Knoten angreift, das Flimmern auch beeinflussen, was nicht der
Fall ist; Vagusreizung verzögert in diesen Zuständen nur die Uebrr-
leitung von den Vorhöfen zur Kammer. — Als wesentliche Entstehungs¬
ursache des Flimmern« gilt die hochfrequente Aktion des einzelnen reiz-
bildenden Gentrums. K. Bg.
Zentralblatt für Gynäkologie 191 5 , Nr. 3.
M. Hoff mann: Zur Bestimmung des Gesamtcholesterins im
] Blut an geburtshilflichen und gynäkologischen Fällen. Mit der
kalorimetrischen Methode von Autenrieth und Funk wurde gefunden:
I der Cholesteringehalt des Hluts steigt während der Schwangerschaft von
! seinem normalen Werte von 0,lö°/o um durchschnittlich 0,06 u /o. Nach
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6.
7. Februar.
der Geburt sinkt er in acht bis sehn Tagen zur Norm, gleichgültig, ob
Patientin stillt oder nicht Hohe Werte bei Eklampsie. Ansteigen in
der Narkose, Sinken bei Anämie und Kachexie. Das Cholesterin stammt
ans der Nahrung. Bei Schwangeren scheint die Ausscheidung durch die
Galle durch cholesterinreiche Nahrung nicht erhöht au werden.
K. Bg.
Zeitschrift für ärztliche Fortbildung 1915 , Nr. 1.
K. Bonhoeffer (Berlin): Psychiatrisches ium Kriege. Der
Krieg hat nicht das große Anwachsen der Psychosen gebracht, das die
laienhafte Auffassung Uber die Ursachen der Geistesstörungen glaubte
erwarten zu mttssen. Es wurden beobachtet 53,3% psychopathischer
Konstitutionen, 16% Alkoholismus, 10% Dementia praecox, 9,3% Epi*
lep^ie, 5,3 o/ 0 progressiver Paralyse, 2,6 o/ 0 symptomatische Psychosen und
2,6 % organische Hirntraumen mit nervösen Folgeerscheinungen in etwas
über 150 Fällen. Die große Zahl der psychopathischen Konstitutionen
ist so aufzufassen, daß der Krieg die im Zivilleben oder Friedensdienst
eben noch darchkommenden Minderwertigen aus dem Gleichgewichte
briDgt, pathognomonisch für den Krieg sind sie aber nicht. Laut früheren
Erfahrungen nehmen die Zahlen nach der Mobilmachung ab, um gegen
Ende des Kriegs und namentlich nach dem Kriege wieder in die Hohe
zu gehen.
Jochmann (Berlin): Fleckfleber und Rückfalltleber als Kriegs*
Seuchen.
Neu fei d (Berlin): Die Pest als Krlegsseuehe. Beschreibungen
der einzelnen Krankheitstypen. Von der Pest sei erwähnt, daß auf
Grund neuer Untersuchungen die Wanderratten die ersten Träger der
Beulenpestbacillen sind, von ihnen gelangen sie durch die Flöhe auf die
Hausratten und von diesen wieder durch Flöhe auf den Menschen. Die
Beulenpest wurde durch Tarbagane, murmeltierähnliche Nagetiere, auf
Menschen übertragen, und diese geben die Infektion durch bacillenhaltige
Tröpfchen beim Husten und Sprechen weiter. Gisler.
Wiener medizinische Wochenschrift 1915, Nr. 2.
Bail: Ueber die hygienische Bedeutung der Luftozonlslerug.
Die Ozonisierung vermag die Ventilation nicht au ersetzen, ist aber sicher
imstande, Riechstoffe zu zerstören und daher bei an sich unzureichender
Ventilation eine brauchbare Methode. Die bakterientotende Eigenschaft
des Ozons kommt bei den erträglichen Konzentrationen für die praktische
Anwendung nicht in Betracht; als Luftdesinfizienz ist daher das Ozon
nicht zu betrachten.
Jo 11 es: Ueber die Bedeutung der anorganischen Bestandteile
für den pflanzlichen und tierischen Organismus. Die verschiedenen
Metalle und Halogene werden einzeln erörtert und daran descendenztheo-
retische Betrachtungen geknüpft. Da alle jene Elemente sich als not¬
wendig für den Lebensprozeß erweisen, die im Meerwasser Vorkommen,
anderseits Elemente, die auf dem Festland in großen Mengen Vor¬
kommen, für die Lebewesen von geringer Bedeutung sind, kann man
daraus den Schluß ziehen, daß die Vorfahren unserer sämtlichen Pflanzen
und Tiere im Meere gelebt haben.
Bar ach: Ein Fall von symmetrischer Contraetur der Gelenke
der oberen nnd unteren Extremitäten. Im wesentlichen Klumpfuß-
und Klumphandbildung. Es handelt sich offenbar am bindegewebige
Schrumpfungen als das Primäre; die Synostose ist erst das Sekundär-
Stadium. Misch.
Hygienische Rundschatiy Nr. 23.
Walter Türk: Ueber einen Fall von Verseuchung dar nick
dureh Coceidlum oviforme und Bacterlum coli varletas dyseiterl»
cum. In einer Gemeinde Südungams wurden in gewässerter Milch
Coccidium oviforme nnd Bacterinm coli varietas dysentericum, ferner ge¬
wöhnliche Colib&cillen gefunden. In dem zur Verdünnung benutzten
Wasser, das aus einem mit einem Düngerhaufen kommunizierenden
Brunnen stammte, worden ebenfalls Coccidien nachgewiesen. K. M.
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Wiener klinische Wochenschrift 1915, Nr, 1 u. 2.
Nr. 1 und 2. H. v. Haberer: Kasuistisches zur Frage thera¬
peutischer Mißerfolge bei Morbus Basedow!!. Tödlicher Verlauf trotz
sehr ausgiebiger gleichzeitiger Thymusreduktion. Die Sektion ergab eine
übergroße Thymus, von der ein überwiegender Rest zurückgelassen war.
Es wird empfohlen, in jedem Falle das erOffoete Cavnm medi&stini genau
zu inspizieren und anszntasten; bei Symptomen von Delirium cordis nach
der Thymusreduktion neuerdings anfzumachen und den Thymusrest weiter
zu verkleinern.
Nr. 1. H. Salomon: Pathologie uud Therapie der Ruhr.
Klinischer Vortrag.
H. Riedl: Koaguleu bei unstillbarer Lungenblutuug. Bei
einem tuberkulösen Hämophilen bringt eine einmalige intravenöse Ein¬
spritzung von lg Koagnlen (Hoffm&nn-La Roche) die Blutung sofort
dauernd zum Stehen. — Es war vorher allerhand, aber keine Serum¬
injektion versucht worden. Das Koagulen wird ans tierischen Blut¬
plättchen dargestellt.
J. Kollaris: Zur Schätzung der verflossenen Zelt nnd Aber
ihre Rolle bei der Aufnahme von Krankengeschichten. Es ist außer¬
ordentlich schwierig, die verflossene Zeit ohne Anhaltspunkte zu schätzen;
sie wird regelmäßig zu kurz geschätzt. So wird auch die Zeitdauer
der Krankheit, besonders bei chronischen Leiden, vielfach unrichtig an¬
gegeben. Die Verschwommenheit der ersten Symptome vergrößert die
Fehler.
Nr. 2. R. Kraus: Ueber Bakterlotheraple akuter Infektions¬
krankheiten. Hcterobakteriotherapie. II. Mitteilung. Nicht nur bei
Typhus konnte durch Vaccinetherapie mittels Colibacillen, sondern auch
bei andern fieberhaften Prozessen rasche Entfieberung erzielt werden.
So wurden acht Fälle von puerperaler Infektion schon nach einmaliger
intravenöser Injektion von 25 bis 50 Millionen abgetoteter Bacillus coli
entfiebert. Es wird Sache weiterer Versuche sein, die Heterobakterio-
therapie auch bei andern Infektionskrankheiten zu versuchen.
E. Suchanek: Zur Behandlung der Sehußfrakturen des Ober¬
schenkels. In der Front kommen für die Versorgung der Oberschenkel¬
frakturen nur Draht- oder andere Schienen oder Improvisationen, Gips¬
verbände nur für den Transport aus den Spitälern des Etappenbereichs
in Betracht. — Beschreibung der ExtenBionsbehandlung, wie sie auf der
I. chirurgischen Klinik in Wien geübt wird.
E. Pribram: Zur Prophylaxe nnd Therapie der Erfrierungen.
Empfehlung einer Leimglycerinsalbe — Glycerin 500, Aqua fontis 350,
Leim 150 — für die Fußlappen, die durch den Glycerinzusatz dauernd
weich nnd schmiegsam bleiben, während der gewöhnliche Leimlappen mit
der Zeit hart wird. Misch.
Journal of the American medical association 19 14,
Bd. 63, Nr. 17 n. 18.
Nr. 17. Malas, Rad.: Erprobung der Wirksamkeit des koll*
teralen Blutkreislaufs vor Verschluß einer der großen Arterie».
Bei der großen Wichtigkeit der Gefäßchirurgie, besonders im Kriege,
dürfte die Mahnung des Verfassers, vor irgendwelchen Verschlüssen m
großen Arterien die Leistung der Kollateralen zu erproben, sehr an¬
gebracht und der Artikel, der eingehend die entsprechenden Proben an! die
Wirksamkeit der Kollateralen bringt, von speziell aktuellem Interesse sein.
Alexius Mc Glannan: Aneurysma der Art. tlb. post. Ge¬
schichte zweier Fälle mit Abbildungen und Operationstechuik.
Brooks, Harlow und Carroll John: Die Behandlung der
Herzleiden bei Syphilis. Eingehende, anf dreihundert Fälle basierende
Studie, die nichts wesentlich Neues bringt. Verfasser spricht der kom¬
binierten Behandlung von Salvarsan, Quecksilber und Jod das Wort, be¬
sonders für Spätfälle.
Cabot, Richard C.: Die vier gewöhnlichen Typen der Herz-
erkranknngen. Verfasser wünscht eine Einteilung der HerzerkTanknngen
I nach der Pathogenese und bildet auf dieser Grundlage vier Typen:
Rheumatische, syphilitische, arteriosklerotische, nephritische Herzerkran-
kungen. Er findet, daß sich die vorkommenden Herzerkrankungen leicht
unter diese Gesichtspunkte bringen und daß sich auch bestimmte Gesichts¬
punkte für die einzelnen Gruppen aufstellen lassen. Die Resultate ba¬
sieren anf 600 derartig gruppierten Fällen.
Nr. 18. Gushing, Harvey: Chirurgische Erfahrungen bei
Störungen durch die Hypophysis. Resultate der an 95 Patienten mm
Zwecke der Behebung von HypophysisstOrnngen ausgehenden Beschwerden
unternommenen Operationen. Schilderung der operativen Verfahren mit
Abbildungen.
Strauß, Alfred A.: Zwei neue Methoden inm Pylorw
Verschlüsse bei Geschwür am Pylorus oder im Duodenum. Vertaner
gibt zwei neue an Hunden ausgeführte Verfahren mit guten Abbildungen.
Küttner (Breslau): Die Resultate von 100 hei Gehlrntumer
ausgeftthrten Operationen. Im ganzen bezeichnet Verfasser die er¬
langten Resultate im Verhältnisse zu der Lebensgefahr, der ein Patient
mit einem Gehirntumor läuft, nicht als schlecht. Er verlangt aber einen
W eiterauBbau der Technik und erhofft sich viel von frühzeitiger Diagnose
der Tumoren.
Chesney, A. M., Mar»hali, E. K., Rowntree, L. G.: Stsdl«
über die Leberfuuktlon. Die Verfasser machen sich zur Aufgabe, die
Leberfunktion genau zu studieren. Ihre Studien gelten zunächst der
Nachforschung über Art und Häufigkeit der Funktionsläsion bei anato¬
misch veränderter Leber, dann der Forschung, hei welch klinischen Typen
von Leberläsion die funktionellen Störungen am stärksten sind, und end*
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6.
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IiM Hinek, Unfall and Innere Medizin. Mit einem Vorwort Ton
Oti.Med.-Rst Prof. Dr.Fr.Krana. Berlin 1914, J.Springer. 106S. M2,80.
Die Verfasserin gebt in der Art ?or, dafi eie an der Hand prak¬
tischer Beispiele io die Lehre yoü den inneren Unfallerkrankungen ein-
lUrt Leider sind die angeführten Fällt, wie ja eo oft in der Unfall-
pnxii, nicht immer genügend klar and ein sicheres Urteil erlaubend.
t E kann man hei dem „klassischen Falle" Fraentzels geteilter
Msinang sein, ob hiermit wirklich eine „Herzvergrößerung infolge Ueber-
loitreogimg des Herzens" bewiesen ist. Es handelte sich hier doch um
eise Herzerkraokung bei einem Säufer.
Immerhin illustrieren viele, meist aus eigner Erfahrung hergeholte
Bciipiele, welche Probleme in die Praxis der Unfallbegutachtong hinein*
spielen. Ei hat ja auch seine Schwierigkeit, in einem Büchlein die für
die Beurteilung meist so wichtigen Nebenamstände, unter denen der
Unfall verlief, genügend za würdigen. Besprochen sind wohl alle in Be¬
triebt kommenden inneren Erkrankungen, und es wird sicherlich dem
praktischen Arzt, der mit Unfallerkrankungen zu tun hat, angenehm sein,
u der Hand der kleinen Schrift sich schnell über die allgemeinen Ge-
Rcbtipookte bei der Begutachtung seines Falles, über die wenigen bisher
forbindeaeo experimentellen Unterlagen, die Kasuistik und die Literatur
unterrichten zu können. Gerhartz.
Er. Jfessser, Ueber Anämien. Drei Vorträge aus dem Jahre 1890.
1 Chlorose und Verdauungstrakt II. Herz und Chlorose. III. Per-
oixiOie Anlmie. Wien u. Leipzig 1914. Wilhelm Braumüller. 79 S. M 1,80.
Drei historisch interessante Vorträge über hämatologische
Themata, die, in umfassender Art ans dem vollen klinischen Gesamtbilde
schöpfend, an die Untrennbarkeit hämatologischer Betrachtungen von
allgemein klinischen mahnen. Die Vorträge der Vergessenheit entrissen
m haben, ist Tflrks Verdienst.
Werner Schultz (Charlottenborg-Westend).
LLeewealeld, Ueber den National-Charakter der Franzosen
and dessen krankhafte Auswüchse (die Psjchopathia gal-
lies) in ihren Beziehungen zum Weltkrieg. Wiesbaden, J. F.
BeFgmtan, 1914. 42 S. M1,—.
Der Verfasser gibt eine Schilderung der Rassenmischnngen, die
mH dem Altertume mit der Bewohnerschaft des alten Galliens, des heu¬
tigen Frankreichs, vor sich gegangen sind und der damit zusammenhän¬
genden Aenderangen des Nationalcharakters. Es ergibt sich, daß dieser
in manchen Beziehungen noch dem altkeltischen aus Caesars Zeit gleicht,
ä andern sich dagegen allmählich weit davon entfernt hat. Geblieben
und nach des Verfassers Meinung ganz besonders die Eitelkeit and
PtihJsacht, der Hang zur Grausamkeit, namentlich aber die abnorme
Emotirität and Suggestibilität, die sich auch im politischen Leben der
Xation durch die ungeheuerliche Wirksamkeit gewisser überwertiger
Ideen (SchlagwOrter) auf die Massenpsjche fortdauernd bekundet. Za
•oifibeo aaf die Verstanditätigkeit and das Gefühlsleben in entschiedenster
Veiie einwirkenden Schlagworten gehörten in der napoleonischen Zeit
* & ßfoireidee, die anch in der Wiederaufstachelung des Ruhmbedürfnisses
anter dem zweiten Kaiserreiche von neuem auf lebte —, später, nach 1870/71,
jü die ßevancheidee, die sich allmählich zu einer nicht bloß überwertigen,
«adern geradezu pathologischen Intensität entwickelte. In welcher Weiae
der geistige Horizont und das sittliche Niveau des Volkes dadurch beein-
flnit worden, das lehrte in schlagender Weise die berüchtigte Dreyfnßaffäre
flflM—1899); die Ausartung dieser Idee führte auch zu der krankhaften
Spioflophobie and endlich zu dem allen natürlichen Volksinstinkten and
»Öen Traditionen widerstrebenden russischen Bündnisse. Für die in den
gebildeten Kreisen des Mittelstandes noch herrschende intellektuelle and
Bfliiiiche Minderwertigkeit, die das Ueberhandnehmen der Racheidee
nd «hlieflJich den Rachekrieg entfesselte, führt Loewenfeld die
ladwmgen des Philosophen Bergson, des Irrenarztes Toulouse und
«* Senaten, früheren Ministers Pelle tan als redende Zeugnisse an.
«fl iaaa danach wohl von einem krankhaften nationalen Seelenznstand,
■Mf tfychopathia galiica“ reden; deren Besserang und endliche Aus-
“ftof ist rieJiricht ent von einer für ans siegreichen Beendigung des
aötß and demgemäß erfolgtem Friedensseblosse za erwarten.
A. Enlenbnrg (Berlin).
"• Mttsifeld, Jahresbericht über die Fortschritte der Laryn-
goiogie, Bhinoiogie und ihrer Grenzgebiete. I. Band. Würz-
*«* WH, Kort Kabitssch. 854 S. M 5,—.
km ?* fr *^ umfaßt die Literatur vom I. April 1912 bis 1. April
ir a u ÄW ^ ÄD Hefte dieses Bandes wird die Literatnr über Kehlkopf,
MaMhle, Sprache und Stimme bei den einzelnen Nationen behandelt
» aentschen Veröffentlichungen überragen. Die wichtigen Arbeiten
mailr eingehend ihrem Inhalte nach wiedergegeben. Für
J««uchafUiche Arbeiten sind die Jahresberichte eine wertvolle Hilfe,
Farcff Praktiker einen raschen Ueberblick über alles
Haenlein.
lieh der Diagnostik and Prognostik dieser Veränderungen. Die Arbeit
gewährt einen zusammenfasaenden interessanten Ueberblick über das
Thema, ohne wesentlich Neues za bringen.
Saevyer, Wilbur A.: Infektion von 98 Personen bei einem
öffentlichen Essen durch eine Typhusbaelllenträgerin. Bei einem
öffentlichen Essen warden 93 Personen mit Typhus infiziert, der eine
sehr kurze, nur achttägige Inkubation zeigte. Als Infektionsträgerin
wurde die eine Speisebereitorin, die keine Ahnung von irgendwelcher
dorchgemachter Typhuserkrankung hatte, eruiert. Als Vehikel der In¬
fektion diente ein Gericht Spaghetti, das, trotzdem es nach Zubereitung
durch die Typhusträgerin gebacken worden war, die Bacillen über¬
tragen hatte.
St oll, Henry Farn um: Spätmanifestationen der ererbten
SyphillB mit besonderer Berücksichtigung der Arterienerkrankung*
Die Arbeit bringt die mit Noguchis Luetin in Verbindung mit der
Wassermannreaktion angestellten Untersuchungen an 82 Familien zur
Eruierung ererbter Syphilis. Verfasser meint, man müsse sich daran
gewöhnen, bei Syphilis an eine Familienerkrankung zu denken. Mehr
als die Hälfte der überlebenden Kinder syphilitischer Eltern geben eine
positive Luetinreaktion, wenngleich häufig nichts Lues vorauBsetzen läßt.
In allen dunklen Fällen könne infolgedessen nicht genug die Familien¬
geschichte betont werden. Es erscheine wahrscheinlich, daß Syphilis
bis zur dritten Generation übertragen werde. Auch Fälle von Neurasthenie
seien Folgen congenitaler Lues und reagierten gut auf specifische Be*
handlang. _
Btteherbesprechungeik.
W. Gnttmaiin, Lexikon der gesamten Therapie des prakti¬
schen Arztes mit Einschluß der therapeutischen Technik. Unter
Mitarbeit hervorragender Facbgenossen herausgegeben. I. Band. A—L.
Mit 516 Textabbildungen. Berlin und Wien 1915. Urban & Schwar¬
zenberg. 7S6 S. 25 M.
Ein vorzügliches, sorgsam vorbereitetes, ausgezeichnet durchge¬
führtes, therapeutisches Nachschlagewerk zur raschen und gründlichen
Orientierung des Praktikers. Dieses Programm jedes medizinischen
Lexikons ist hier durchaus mustergültig eingehalten worden. Nur der¬
jenige, der die Schwierigkeiten kennt, welche der Anlage eines lexi¬
kalischen therapeutischen Werkes, der Verteilung des Stoffes, seiner
gleichmäßigen Bearbeitung, der Einhaltung der Besprechung der Therapie
allein gezogenen Grenzen, der Sichtung von Wichtigem vor Nebensäch¬
lichem etc. entgegenstehen, kann die Fülle von Arbeit, Sorgfalt und
Organisation voll ermessen, die der Herausgeber aufzuwenden hatte. —
Der vorliegende erste Band zeigt, daß dieser ernsten Arbeit voller Erfolg
geworden ist. Wir wollen der Versuchung widerstehen, aus der Unzahl
trefflicher Artikel einzelne, besonders hervorragende hervorzuheben, da
alle — ausnahmslos — der wissenschaftlichen Bedeutung und großen
Erfahrung der Autoren entsprechen, die der Herausgeber mit Kenner¬
blick ausgewählt hat. Die prächtige, das beim Verlage Urban &
Schwarzenberg Gewohnte noch überbietende Ausstattung, von welcher
die prächtigen, außerordentlich instruktiven Illustrationen ganz besondere
Hervorhebung verdienen, erhöhen den Wert eines Buches, das bald in
keiner ärztlichen Bibliothek fehlen dürfte. Sehr willkommen wird dem
nachsehlagenden Arzte der Arzneimittelanhang sein, der die deutsche,
österreichische und Schweizer Pharmakopoe berücksichtigt, wie das
genaue, alle wichtigen Synonyma berücksichtigende Sachregister. B.
E. v. Tovölgyi, Ueber den diagnostischen and prognostischen
Wert der lokalen Tnberknlinreaktionen auf Grundlage
neuerer Forschungen. Leipzig 1914, J. A. Barth. 18 S. MO,75.
In der Monographie des Verfassers wird über eigne Erfahrungen
mit der Opbthalmo-, Rhino- and Cutanreaktion berichtet. Am zu-
Yerlässigsten erwies sich ihm die an der Brnsthaut Angestellte Lokal¬
reaktion. Infolge der engen Beziehungen zwischen Bindehaut und Nase
beeinflussen die Rhino- and Conjunctivalreaktion einander. Eine akute
oder snbaknte Entzündung der N&senschleimhant fördert das Auftreten
einer positiven Conjunctivalreaktion. Der diagnostische und prognostische
Wert der Nasen- und Bindehautreaktion ist verhältnismäßig gering.
Gerhartz.
Fr* Haoptmeyer, Ueber die erfolgreiche Verwendung von
Kieferschienenverbftnden bei Frakturen and Resektionen
mit besonderer Berücksichtigung der Zinnscharnierschiene.
Mit 81 Textabbildungen und 3 Tafeln. Zweite unveränderte Auflage.
Deutsche Zahn heilkuD de. Herausgegeben von Ja lins Witzei. Heft 3
Leipzig 1914. G. Thieme. 36 S. M 1,50.
Eine Neuauflage der verdienstvollen, vor sechs Jahren geschaffenen
Arbeit Hauptmeyers ist gerade in dieser Kriegezeit freudig za be¬
grüßen. Aas dem mit vorzüglichen Abbildungen versehenen Vorträge
kann jeder ergiebigste Belehrungen über das schwierige Gebiet der Kiefer-
schienenYerbftnde and der Resektionsprothetik schöpfen. Hoffendahl.
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Original frnrri
UNIVERSITÄT OF IOWA
174
1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6.
7. Februar.
Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen.
Neue Folge der „ Wiener Medizinischen Fresse“, Redigiert von Priv.-Doe. Dr. Anton Bum, Wien.
K. k. Gesellschaft der Aerste in Wien.
Sitzung vom 29. Januar 1915.
E. Ranzi stellt eine 39jährige Frau vor, bei welcher eine
Operation wegen Hypophysentumors vorgenommen worden ist.
Seit 37*2 Jahren hatte die Frau Kopfschmerzen und eine stetig
zunehmende Sehstörung, so daß sie schließlich am linken Auge
amaurotisch war und am rechten nur Finger zählen konnte. Die
Untersuchung ergab Stauungspapille und rechts temporale Hemi¬
anopsie, ferner Zeichen von Akromegalie und von Hypophysen¬
tumor. Letzterer wurde nach Schloffer operiert, das Sehen hat
sich gebessert und die Akromegaliesymptome sind zurückgegangen.
W. Neutra führt aus dem Nervenambulatorium des Militär-
spitals in Baden einen Fall von Fraktur des 2. Halswirbels
mit Rückenmarkskompression vor. Pat. erhielt vor 5 Monaten
einen Schuß durch den Hals, darauf waren alle 4 Extremitäten
gelähmt. Dies hat sich gebessert, so daß jetzt Pat. etwas gehen
kann, die Parese ist links stärker als rechts. Der Kranke hat
starke Schmerzen im Hinterhaupt und im Nacken, Schwindel¬
anfälle und Kribbeln in den Extremitäten. Druck auf das Hinter¬
haupt und die Halswirbelsäule ist schmerzhaft, Bewegungen des
Kopfes sind fast unmöglich. Pat. kann nicht frei stehen und hat
die Tendenz, nach rückwärts zu fallen. Die Sprache ist verlang¬
samt und erschwert. Der linke Arm zeigt einen leichten Rigor,
die Reflexe sind erhöht, rechts schwächer als links. Wenn man
am Thenar des Pat. von der Handwurzel 2um Daumen oder entlang
des Radius nach abwärts streicht, so erfolgt eine Extension
des Daumens; dieser Reflex entspricht dem Babinskisehen an
den unteren Extremitäten, letzterer ist beim Pat. nicht nach¬
weisbar. Die ganze linke Körperhälfte ist hypästhetisch, die
Tiefensensibilität ist links bedeutend gestört. Die Röntgenunter¬
suchung ergab eine Fraktur des zweiten Halswirbels, welche in
Ausheilung begriffen ist, mit Kompression des Rückenmarkes.
Durch eine Gipskrawatte wurden die Schmerzen und der Schwindel
gebessert.
A. Weichselbaum demonstriert anatomische Präparate von
Organen mit Schufiverletzungen. 1. Schußverletzungen des
Kopfes und Gehirnes. Die Ursache des Todes war eine Lepto-
meningitis, welche immer primär auf der Basis lokalisiert war und
von da auf die Hemisphären Übergriff, wobei die verletzte Hirn¬
hälfte sogar von der Entzündung frei sein konnte. Es waren
Schußverletzungen mit Prolaps des Gehirnes, welche der Infektion
ausgesetzt waren. Diese setzte sich auf die Ventrikel, von da auf
die Basis und von hier erst auf die Konvexität des Gehirnes fort.
2. Bei den Schußverletzungen des Rückenmarkes und der Wirbel¬
säule gibt es zwei Typen, je nachdem das Rückenmark direkt vom
Projektil getroffen oder erst von einer Verletzung der Wirbelsäule
sekundär affiziert wird. Vortr. zeigt unter anderem das Präparat
einer ausgeheilten Wirbel Verletzung, bei welcher die Dura mit
den weichen Rückenmarkshäuten verwachsen ist. Es kam nicht
zu einer ausgedehnten Entzündung des Rückenmarkes, weil keine
Infektion dazu kam, der Exitus wurde durch Urosepsis herbei¬
geführt. 3. Lungenschüsse waren mit Hämatothorax kompliziert.
4. Bei Leberverletzungen sieht man den Schußkanal von nekroti-
schem Gewebe und weiter von einer Entzündungszone umgeben,
in welcher eine starke Wucherung von Gallengängen nachweisbar
ist. Vortr. zeigt eine Leber mit einer ausgeheilten Schußverletzung.
5. Mehrfache Verletzung des Darmes durch einen Schrapnell schuß
mit Peritonitis. 0. Verletzung der A. femoralis. Die ganze Arterie
ist durch ein Knochenfragment durchtrennt, oberhalb sieht man
zwei Aneurysmen, welche infolge der phlegmonösen Entzündung
um das Gefäß herum entstanden sind. Im Gebiet eines dieser
Aneurysmen ist die Unterbindung ausgeführt worden und über
dieser Stelle befindet sich auch ein Thrombus. Wegen der schlechten
Beschaffenheit der Gefäßwand folgte eine Nachblutung. 7. Schu߬
verletzung der Weicbteile des rechten Fußes mit Wollfasern von
der Montur im Schußkanal, der Fremdkörper hatte zur Tetanus¬
infektion geführt. — Seit September hat Vortr. im allgemeinen
Krankenhaus 24 Tetanusfälle seziert und hierbei immer, seitdem
er darauf achtet, einen Status lymphaticus gefunden, außerdem
nicht selten noch andere Anomalien, darunter manchmal Thymus
persistens. Der Status lymphaticus ist ein Zeichen von Minder¬
wertigkeit des Organismus, welche den Verlauf des Tetanus un¬
günstig beeinflussen dürfte.
M. Benedikt zeigt EmanationsphotogrAphien. Diese
wurden so gewonnen, daß in einem dunklen, aus Holz verfertigten
Raum photographische Platten der Wirkung der dunklen Strah¬
lung verschiedener Körper ausgesetzt wurden. Auf die photo¬
graphische Platte wurde eine für solche Strahlen undurchgäogige
Platte mit Ausschnitten aufgelegt, unterhalb der letzteren zeigte
die lichtempfindliche Substaoz eine Veränderung. In einer Dunkel¬
kammer, deren Wände mit Kalk getüncht sind oder in welcher
ein Metall vorhanden ist, gelingen die Versuche nicht. Als ema-
nationsspendende Körper erwiesen sich Kalkspat, welcher durch
Monate vorher in einer Dunkelkammer war, Barytkristalle, Magnete,
Antimon, Fluoreszin und andere Farbstoffe, Aluminium, Messing,
Zink und anderes. Wenn die emanierten Strahlen auf die photo¬
graphische Platte schief auftreffen, so üben sie auch eino Wirkung
unter der Deckplatte aus.
L. Freund wei9t darauf hin, daß schon im Jahre 1896 nachge¬
wiesen wurde, daß Metalle auf photographische Platten einwirken, und
zwar geht diese Einwirkung auch durch Guttapercha und Holzpapier
durch und wird durch Glimmer aufgehoben. Auch organische Substanzen
(Harze, Holz) wirken auf die photographische Platte. Die Erklärung
dieser sonderbaren Tatsache ist bisher nicht gelungen, nach einer Theorie
soll von organischen Substanzen eine fortwährende Ausströmung von
Wasserstoffsuperoxyd stattfinden und dies auf die photographische
Platte wirken, von Metallen sollen Ionen ausgesendet werden, welche
die photographische Platte beeinflussen. Daß von Metallen minimale ma¬
terielle Partikelchen ausgesendet werden, spricht dafür, daß diese Ema¬
nation den Gesetzen der Schwere folgt. Blut, Lymphe und andere Kör¬
perstoffe. welche man Radi umstrahlen ausgesetzt hat, wirken ebenfalls
emanierend; nach den Untersuchungen des Redners wirken solche Ge¬
webe nicht auf das Elektroskop.
M. Benedikt bemerkt, daß er in seiner Demonstration nur Tat¬
sachen bringen wollte; er werde in einer ausführlicheren Mitteüung auf
die Fragen näher eingehen.
Diskussion zur Demonstration von A. Fuchs: Rücken-
mar ks Verletzungen«
E. Ranzi weist darauf hin, daß die vom Vortr. und von ihm
demonstrierten Fälle einen verschiedenen Charakter haben und sich
gegenseitig ergänzen: die einen sind leichte, die chirurgischen sind schwere
Fälle. Er habe in seine Statistik nicht diejenigen Fälle aufgenommen,
welche Bich in den ersten Tagen so gebessert haben, daß an eine Ope¬
ration nicht gedacht werden mußte. Bei Zivilfällen wurden auf der Klinik
Ei sei 8 berg innerhalb 12 Jahren nur 5mal wegen Wirbelfrakturen und
lmal wegen Schußverletzung Laminektomien ausgeführt. Bei Rücken-
marksverletzungen ist Vortr. im Gegensatz zu den Schädelschüssen nicht
für eine frühzeitige Operation, sondern für ein Zuwarten, bis sich die
Erscheinungen stabilisiert haben. Die Operation wird anger&ten, wenn die
Symptome sich binnen 4—6 Wochen nicht gebessert haben; diese Indi¬
kation hat sich bisher als richtig erwiesen. Bei der Operation wurde
immer ein diese rechtfertigender pathologischer Befund erhoben. Die
früheste Operation wurde 3 Wochen nach der Verletzung ausgeführt,
andere erst nach 3 Monaten und noch später. Redner gibt zu, daß auch
nach einer so langen Zeit eine spontane Besserung eintreten kann, das
sind jedoch Ausnahmen, wegen welcher der richtige Zeitpunkt bei den
anderen Fällen nicht versäumt werden darf. Mit der symptomatischen The¬
rapie mittelst Blasenpflasters ist er als Chirurg nicht einverstanden, da,
wenn operiert werden muß, die Haut des Operationsfeldes nicht rein ist
und mit der Operation deshalb zugewartet werden muß, bis die Haut ab¬
geheilt ist.
0. Marburg bemerkt, daß bei Rückenmarksverletzungen folgende
Läsionen zu finden sind: 1. Durchschuß mit absoluter Querschnitts¬
läsion; 2. eine indirekte Läsion des Rückenmarkes mit nachfolgender
Malazie, welche nicht den ganzen Querschnitt betrifft; 3 . Kompression
mit Arachnitis circumscripta. Es ist nicht immer möglich, die Ver¬
letzung und die Kompression in der klinischen Diagnose von einander
zu scheiden. Das Röntgenbild, welches ein Projektil im Rückgrats-
kanal zeigt, muß noch nicht für eine Rüekenmarksläsion sprechen, da
die Kugel auch außerhalb der Dura liegen kann. Aus dem Verlauf des
Schußkanals kann man auch nicht auf eine Rückenmarksläsion schüeöen,
da letztere außerhalb desselben liegen kann. Die Diagnose einer Durc-
trennung des Rückenmarks ergibt sich aus der kompletten schlaffen b -
mung, aus der Areflexie und Sensibilitätsstörung. Auch solche rau
können durch eine Arachnitis hervorgerufen werden. Die Laim netto ^
ist in gewissem Sinn ein Analogon der Probelaparotomie. Ein »ul
Klinik Eiseisberg befindlicher Soldat mit einem Halsschuß .
typische Querläsion des Rückenmarkes, die Symptome haben sicn .
5 Monate nicht gebessert und Pat. selbst verlangt einen operativen .
griff. Auch an der Klinik wird konservative Therapie y -- 0 .
ner glaubt als richtigen Standpunkt empfehlen zu können, s0
chen zugewartet werden soll; wenn sich der Zustand nicht hes8e ,
kann man die L&minektomie empfehlen.
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UNIVERSITÄT OF IOWA
T. Februar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6
175
J. v. Wagner-Janregg bemerkt, daß die symptomatische The¬
rapie mit Blasenpflastern gegen die Schmerzen bei Rücken marksver-
letiUDg gute Dienste geleistet hat und auch bei anderen Affektionen an-
geweadet wird. Wenn man das Pilaster nicht mehr auf legt, so heilt die
Hautentzündung rasch. Die von Fuchs vorgestellten Fälle waren nicht in
wenigen Tagen gebessert, bei einem Fall trat die Besserung sogar erst 8 Mo¬
nate nach der Verletzung ein. Auch Redner ist mit der Operation ein¬
verstanden, wenn sich keine Besserung zeigt; er möchte nur einen län¬
geren Termin als 6 Wochen festsetzen.
A. Fuchs weist auf die Erfahrungen bezüglich der Meningitis sc-
ruaa im Frieden hin. Letztere findet sich öfter bei Operationen, wo man
einen Tumor vermutet hat.
M.Benedikt betont die gute Wirkung der ableitonden Therapie
bei Neuritiden, besonders bei Wurzelneuritiden und bei Kephalalgie. Er be¬
nützt zu diesem Zweck Points de feu, wobei durch Auflegen von Ung.
Meierei eine Eiterung unterhalten wird. Wenn diese Therapie einen Er-
iolir hat, so haben wir kein Recht, sie aufzugeben. Redner hat daboi
nie einen Rotlauf auftreten gesehen. Die entstandenen Wunden können
in wenigen Tagen geheilt werden. Die Hautreize werden vielfach zur
Ableitung angewendet, so z. B. werden Hautreize auf die W aden gegen
Kopfschmerz appliziert. Die Wirkung der Points de feu ist eine Shock-
wirkung.
E. Ranzi bemerkt, daß für die Chirurgen die Diagnose einer
Meningitis serosa circumscripta ebenso gut eine Indikation zur Opera¬
lion bildet wie ein Tumor; je öfter sie zur Operation gelangt, desto
mehr dürfte ihr Charakter als selbständige Krankheit hervortreten. Im
jetzigen Krieg wurde sio besonders oft beobachtet. Der Zustand der
Haut muß vor jeder Operation genau untersucht werden und letzten»
wird erst vorgenommen, bis die Haut ganz einwandfrei ist; ein über¬
sehenes Abneknötchen kann zu schweren Wundkomplikationen führen.
Destseh-belgisehe Aerzte Vereinigung in Namur (Belgien).
Sitzung vom 28. Dezember 1914.
lieber Dysenterie and Typhus.
Haibe (Namur) demonstriert eine große Anzahl vorzüglicher
Kulturen von Dysenterie- und Typhusbazillen. Er erging sich
dabei des genaueren über die verschiedenen Stämme und zeigte
das verschiedenartige Wachstum auf den Kulturen. Auch das
Agglutin&tionsverfahren sowie der diagnostische Nachweis aus den
Stuhlentleerungen erfuhr eine eingehende Würdigung.
van Bouclen (Namur) gibt eine Darstellung über den Ver¬
lad und die Besonderheiten der hier behandelten Typhus- und
Dysenteriefälle. Vom 1. September bis 28. Dezember 1914 wurden
51 Fälle von Typhus abdominalis und 7 Fälle von Bazillonrubr be¬
handelt, 7 Typhuskranke = 13°/o und ein Ruhrkranker sind ge¬
storben. Die Behandlung des Typhus bestand in der üblichen
flüssigen Diät und kühlen Bädern. War der Kranke 5—10 Tage
fieberfrei, so erhielt er feste Nahrung. Die Ruhrkranken wurden
folgendermaßen behandelt: Am ersten Tagen 1 g Kalomel in vier
D«en, am zweiten Tage lg Ipecacuanba in zehn Dosen, am
dritten und vierten Tage 5 g Bismut. subnitr. und 2 g Tinct. opii,
w den folgenden Tagen 2—3g Tannalbin oder lg Bismut. sub-
gallicnm. — Bei den Typbusfäilen kamen folgende Komplika¬
tionen vor: drei Darmblutungen, eine Perforation mit anschließen¬
der Peritonitis, zwei Pleuritis, eine akute Mittelohrentzündung, ein
Kehlkopftyphus, eine Phlegmasia alba dolens, eine Furunkulose
wd eine Melancholie. Die Beobachtung der Fieberkurve ist das
beste Mittel, um eintretende Komplikationen zu erkennen. Schon
die geringste Aenderung der Nahrung beeinflußt ebenfalls die
Fieberkurve. Da keine spezifische Behandlung des Typbus exi¬
stiert und die Fälle im Krieg besonders schwer und häufig sind,
so empfiehlt Vortr. als das beste Mittel die prophylaktische Impfung.
Richter stellt einen Fall von geheilter Oberarmfraktur
!°f* Pat - batte bei der Einlieferung eineu totalen Knochen-
üeiekt von ca. 12 cm. Trotzdem bildeten sich neue Knochenpartien,
Ji® von beiden Seiten entgegenwuchsen und mit den noch vorhan¬
den Anochensphttern zu einer festen, einheitlichen Masse ver-
JMbsen. An der Hand des Röntgenbildes ließen sich die einzelnen
gab ? e ^ an G d eut lich verfolgen. Der Arm ist fast völlig
Aerztlicher Verein zu Köln.
Krieg8ärztlicher Abend vom 18. Dezember 1914.
verschiedenen Arten der Kopf-
schhttA ' Pr0 Mschüsse, 2. Tangentialschüsse, 3. Segmental-
8Se ’ *• Diametralschüsse, 5. Steckschüsse. Prognostisch am
günstigsten sind die Prellschüsse. Das Prinzip bei der Behand¬
lung der Kopfschüsse ist, möglichst konservativ vorzugehen. M.
operiert immer in Lokalanästhesie, um auf diese Weise die Blutung
aus der Kopfschwarte besser beherrschen zu können. Sodann macht
er möglichst kleine Löcher in den Schädel. Er schlägt vor, diese
Operationen am Schädel nicht „Trepanation“ zu nennen, sondern
einfach Wundtoilette, da es sich ja nicht um eine eigentliche
Trepanation handelt, sondern in der Hauptsache nur um Reinigung
schmutziger Wunden mit Entfernung von Knochensplittern, eventuell
auch Geschoßsplittern. Auch M. ist der Ansicht, daß die Nach¬
behandlung oft mehr Sorgfalt und Aufmerksamkeit erfordert als
die Operation selbst . Von dem reichhaltigen Gefangenen material
(Franzosen, Belgier, Engländer, Inder, Neger) führt er einschlägige
Fälle vor, die mit gutem Erfolg behandelt wurden.
Cahn erwähnt, daß er die Beobachtung gemacht habe, daß Ver¬
letzungen des Stirnhirns weniger schwere Folgezustände zeitigen als
die Verletzung anderer Gehirnpartien. Bedingt ist dies dadurch, daß
hier weniger wichtige funktionelle Zentren sind. Es sei denn, daß eine
Meningitis hinzukomme, die ja bei allen Gehirnverletzungen letzten
Endes die Ursache des letalen Ausgangs ist.
Mohr teilt seine Erfahrungen über Schuftverletzungen des
Kiefers, besonders der Unterkiefer, mit. Es handelt sich zum
Teil um Weichteil- und Knochenverluste schwerster Art. M. ver¬
tritt ebenfalls den Standpunkt, so konservativ wie nur möglich
vorzugehen. Auch die kleinsten Knochen- und Perioststückchen
sowie Zähne sollen nach Möglichkeit erhalten werden. Ein Fall
wird gezeigt, bei dem fast der ganze Kinnteil des Unterkiefers
weggeschossen war. Noch eine kleine Periostbriicke war erhalten
und von hier aus ging eine neue Verknöcherung vor sich, so daß
heute schon eine ziemlich starke Brücke am Kinn festgestellt
werden kann. Auch M. zeigt eine Reihe von Gefangenen, die er
teils mit Schienen, teils durch sonstige operative Eingriffe wieder
zum Essen und Sprechen gebracht hat, was ihnen infolge der
Verletzungen nicht mehr möglich war. D.
Kleine Mitteilungen.
Kriegschronik.
Namens des Reichsverbandes österr. Aerzteorganisationen und
des Geschäftsausschusses der österr. Aerztekammern haben Doktor
Gruss und Prof. Dr. Finger dem Minister des Innern eine Ein¬
gabe übermittelt, in der um die Einführung des allgemeinen
Impfzwanges im Wege einer Kaiserlichen Verordnung auf Grund
des § 14 des Staatsgrundgesetzes gebeten wird.
Eine Oesterreichisehe Gesellschaft für Seuchenbekämpfung
hat sich in Wien konstituiert, die vor allem diu Bekämpfung der
akuten Seuchen, gegenwärtig namentlich der Kriegsepidemien,
bezweckt. Das Programm der Gesellschaft umschließt unter anderem:
Aufklärung der Bevölkerung über Volks- und Kriegsseucheu, Pro¬
pagierung der modernen wissenschaftlichen Methoden über Seuchen¬
verhütung und Seuchenbekämpfung (Schutzimpfung usw.), Aus¬
bildung von bakteriologischen Hilfskräften zur Vornahme von
typischen bakteriologischen Untersuchungen, Ausbildung von
Desinfektoren, Entsendung einer Expedition in die befreundete
Türkei, die an der Organisierung der Seuchenbekämpfung teil¬
nehmen soll und zu diesem Zweck Epidemielaboratorien für die
einzelnen türkischen Kriegsschauplätze ausrüsten wird. Die Ge¬
sellschaft wird ihre Tätigkeit mit einer Propagandaaktion für die
Blatternimpfung beginnen. Dem Verein gehören namhafte medi¬
zinische Autoritäten und zahlreiche Persönlichkeiten der Gesellschaft
an. Die Adresse der Oesterreichischen Gesellschaft für Seuchen¬
bekämpfung ist IX., Lackierergasse 5 (Telephon 21 198), wohin
Anfragen und Beitrittserklärungen zu richten sind.
* *
*
Es vergeht kaum eine Woche, ohne daß man von groben Ver¬
stößen unserer Gegner gegen die Bestimmungen der Genfer
Konvention hört. Einmal sind es die Franzosen, die sich vor den
Augen der Mitwelt so gern als Hüter der „humanitö“ und „fraternitö“
aufspielen, ein anderesmal die Engländer oder die Russen, deren
Kultur allerdings nicht immer auf einem hohen Niveau gestanden
hat. Dieser Tage haben Berliner Familien Mitteilungen von ihren
im Felde gewesenen Angehörigen erhalten, die bisher im Sanitäts¬
dienst tätig waren. Im November vorigen Jahres wurde in Brzeziny
hei Lodz eine Sanitätskolonne, bestehend aus 45 Mann unter
Führung eines Chefarztes, überfallen und gefangengenommen. Die
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UNIVERSUM OF IOWA
176
1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 6.
7. Februar.
drei Oberärzte konnten, da beritten, sich retten, die übrigen ge¬
rieten in Gefangenschaft und wurden schlankweg nach Sibirien
verschickt. Die Franzosen haben — wie eine Zusammenstellung
der deutschen Regierung ergibt — bei den verschiedensten Ge¬
legenheiten deutsches Sanitätspersonal in einer allen völkerrecht¬
lichen Vorschriften hohnsprechenden Weise behandelt. Und dabei
erdreistet sich die französische Regierung in einem amtlichen
Bericht, den sie unter andern auch den Neutralen zugestellt hat,
eine ganze Reihe von „Verletzungen der Menschenrechte durch
die Deutschen“ nach den Feststellungen einer besonderen Unter¬
suchungskommission zusammenzustellen. Dieser Bericht stellt, wie
von offiziöser Seite geschrieben wird, eine einzige Kette niedrigster,
haltloser Verleumdungen dar, durch die nur Haß erzeugt und das
Volk gegen die deutsche Invasion aufgepeitscht werden soll.
(Militärärztliches.) In Anerkennung tapferen und auf¬
opferungsvollen Verhaltens vor dem Feinde ist dem 0.-St.-A.
H. Kl. Dr. J. Scholcz, Kommandanten des Feldspitals Nr. 1/6,
und St.-A. Dr. F. Lewicki des I.-R. Nr. 9 das Ritterkreuz des
Franz Josef-Ordens am Bande des Militärverdienstkreuzes, dem
R.-A. Dr. E. Curta des F.-J.-B. Nr. 23, A.-A. Dr. W. Kuthan
des l.-R. Nr. 11, den O.-Ae. d. Res. DDr. J. Rotter des U.-R.
Nr. 1, T. Kern des I.-R. Nr. 23, G. Öech des I.-R. Nr. 28, den
A.-A. d. Res. DDr. L. Scheiber des I.-R. Nr. 23, J. Aleksie-
wicz der I.-Div.-San.-A. Nr. 43, H. Nettei und W. Uttl des
I. -R. Nr. 18, dem Lst.-A.-A. Dr. A. Gnändinger des Lst.-I.-R.
Nr. 31 und A.-A. d. Ev. Dr. J. Weiss beim I.-R. Nr. 18 das
Goldene Verdienstkreuz mit der Kröne am Bande der Tapfer¬
keitsmedaille, dem A.-A.-St. Dr. A. Gmachl des I.-R. Nr. 59 das
Goldene Verdienstkreuz am Bande der Tapferkeitsmedaille ver¬
liehen, dem R.-A. Dr. W. Winkler des U.-R. Nr. 3, A.-A. Dr. L.
Revescz des I.-R. Nr. 15 und den O.-Ae. d. Res. DDr. H. Elias
des I.-R. Nr. 56, M. Weiss des I.-R. Nr. 69 die a. h. belobende
Anerkennung ausgesprochen worden. Aus demselben Anlasse ist
R.-A. Dr. F. Urpani des Garn.-Sp. Nr. 2 zum Stabsarzt ernannt
worden. — In Anerkennung hervorragenden und aufopferungsvollen
Verhaltens vor dem Feinde ist dem St.-A. Dr. F. Hahn, Kom¬
mandanten der I.-Div.-San.-A. Nr. 43, den R.-Ae. Dr. R. Frank,
Kommandanten des Feldspitals Nr. 3/6, J. Neugebauer, Kom¬
mandanten des Feldspitals Nr. 9/6 und N. Butean, Kommandanten
des Feldspitals Nr. 2/6, das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens
am Bande des Militärverdienstkreuzes, dem O.-A. d. Res. Dr. R.
Bachrach der I.-Div.-San.-A. Nr. 43 das Goldene Verdienstkreuz
mit der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille verliehen worden.
— Ernannt wurden zu Regimentsärzten d. Ev. die O.-Ae. d. Ev.
DDr. 0. Kose, J. Popper, K. Gross, E. Batik, R. Ullmann,
M. Silber, F. Heschl, M. Weiss; zu Oberärzten d. E. die
A.-Ae. d. E. DDr. E. Podrouzek, K. Hirsch, J. Rubinstein,
R. Chmelar, L. Brunelik, K. Golebiowski, J. Lusicky,
J. Popper, D. Hacker, E. Halbmayr, H. Bodo, 0. Simon,
R. Aufricht, J. Weiss, J. Planansky, K. Protmann,
R. Steiner, H. Breuer, A. Silbermann, G. Bernau, K. Lion;
zu Landsturm-Regimentsärzten die DDr. K. Ni cklas, A. Schwarz;
zu Landsturm-Oberärzten die DDr. A. Hörberth, W. Roic,
L. Scheuer, K. Seidl, F. Tereba; zu Landsturm-Assistenzärzten
146 Aerzte.
(Hochschulnachrichten.) Berlin. Zum Nachfolger Joch¬
manns als Leiter der Infektionsabteilung am Virchow-Krankenhaus
ist Prof. Dr. U. Friedmann gewählt worden. — Innsbruck.
Priv.-Doz. Dr. P. Math es (Graz) zum o. Professor der Geburts¬
hilfe und Gynäkologie ernannt. — Prag. Priv.-Doz. Dr. R. Kahn
zum a. o. Professor der Physiologie an der deutschen Fakultät
ernannt. — Wien. Dr. E. Fröschels für Ohrenheilkunde, Doktor
J. Richter für Geburtshilfe und Gynäkologie habilitiert. —
Zürich. Dr. Stäubli für innere Medizin, Dr. Anderes für Ge
burtshilfe und Gynäkologie habilitiert.
(Die niederösterreichische Aerztekammer) hat am
II. d. M. ihre konstituierende Sitzung abgehalten und sind nahezu
einstimmig gewählt worden: Zum Präsidenten Dr. M. Wimmer
(Rodaun), zum Vizepräsidenten Dr. Plenk (Tulln), zum Kassier
Dr. Tschada (Ebenfurth), zum Schriftführer Dr. Schatzl (Melk),
zu Vorstandsmitgliedern die DDr.: Sauer, v.Kiessling, M.Klaus,
Schredt und Koralewsky.
(Die neuen Arzneitaxen.) Die Neuausgaben der Arznei¬
taxen sind mit Beginn des Jahres in Kraft getreten, und zwar die
„Fünfte Ausgabe der Arzneitaxe zu der österreichischen Pharma¬
kopoe Ed. VIII“ und die „Zweite Ausgabe der Arzneitaxe zu der
österreichischen Pharmakopöe Ed. VIII für begünstigte Parteien
(Krankenkassentaxe)“. Die durch den Kriegszustand bedingten
außergewöhnlichen wirtschaftlichen Verhältnisse kommen auch in
den Arzneitaxen zum Ausdrucke, welche zahlreiche und zum Teil
sehr namhafte Erhöhungen in den Taxansätzen auf weisen. Die
Preissteigerungen hängen zum Teil mit dem erschwerten oder
ganz unterbundenen Bezug überseeischer Drogen und Rohstoffe
zusammen, was die Beschränkung auf den im Inland vorhandenen
Vorrat nötig macht, oder werden durch Ausfuhrverbote oder Ver-
'seinschränkungen der Bezugsländer verursacht; zum Teil
wirkt auch der durch den Krieg bedingte größere Verbrauch ge¬
wisser Arzneimittel auf die Wertbemessung ein. Selbst bei Hilfs¬
stoffen, die in großer Menge im Inland erzeugt werden, wie bei
Fetten, Oelen, Spiritus, macht sich die allgemeine Teuerung be¬
merkbar. Bei letzterem wird der durch die Stillegung der zahl¬
reichen Brennereien Galiziens verursachte Ausfall an Produktions¬
menge und die Einschränkung des Verbrauches von Kartoffeln zur
Spirituserzeugung als Grund angegeben. Bei dem aus dem Aus¬
land bezogenen Arzneimitteln kommt als Teuerungsgrund noch
die Steigerung der Valuta für ausländische Geldsorten hinzu. —
In der Arzneitaxe (fünfte Ausgabe) erfuhren 346 Taxansätze für
Materialien der Pharmakopöe eine Erhöhung, denen eine Erniedri¬
gung bei 12 Taxansätzen gegenübersteht. Von den im Elenchus
der Pharmakopöe angeführten Arzneizubereitungen wurden 22 Tax¬
ansätze erhöht. Bei den meisten Preisen für Verbandartikel
war eine Erhöhung nicht notwendig, da die von einzelnen Firmen
vorgenommene Erhöhung der Einkaufspreise sich in so geringen
Grenzen bewegt, daß dadurch eine Beeinflussung des Taxansatzes
noch nicht eintritt. Das Verzeichnis der Taxpreise von Serum¬
präparaten aus dem k. k. serotherapeutischen Institut in Wien er¬
fuhr eine Erweiterung durch Aufnahme diagnostischer Sera. Neu
aufgenommen wurden Preise für eine Reihe bakteriologischer Prä¬
parate des serotherapeutischen Institutes. — Die Steigerung der
Einkaufspreise kommt in der Krankenkassentaxe im Vergleiche
zur allgemein geltenden Taxe schärfer zum Ausdrucke, da ent¬
sprechend den Berechnungsgrundsätzen die Erhöhung des Ein¬
kaufspreises den Taxpreis im doppelten Ausmaß beeinflußt. Auch
sind die Krankenkassen durch den Krieg in eine Lage versetzt
worden, welche sie einer erhöhten Rücksichtnahme bedürftig er¬
scheinen läßt. Die beiden genannten Umstände ließen es geboten
erscheinen, bei einigen Arzneimitteln, die in größerer Menge ver¬
braucht werden, die Steigerung des Taxpreises gewissen Einschrän¬
kungen zu unterwerfen. Im gesamten erfuhren 211 Ansätze der
Materialtaxe der Pharmakopöe eine Erhöhung, denen eine Erniedri¬
gung bei 27 Ansätzen gegenübersteht. Von den im Elenchus der
Pharmakopöe angeführten Arzneizubereitungen wurden im Preise
11 Taxansätze erhöht, hingegen einer im Preise erniedrigt.
(Statistik.) Vom 24. bis inklusive 30. Januar 1915 wurden in
den Zivilspitälern Wiens 14.467 Personen behandelt. Hiervon wurden
2405 entlassen, 221 sind gestorben (8-4 0 / 0 des Abganges). In diesem Zeit¬
räume wurden aus der Zivilbevölkerung Wiens in- und außerhalb der
Spitäler bei der k. k. n.-ö. Statthalterei als erkrankt gemeldet: An
Blattern 07, Scharlach 96, Masern —, Röteln —, Varizellen —, Diph-
theritisGJ, Keuchhusten—, Mumps—, Influenza—, Abdominaltyphus 6.
Dysenterie —, Puerperalfieber —, Rotlauf —, Trachom —, Milzbrand
Wochenbettfieber —, Flecktyphus —, Cholera asiatica —, epidemiscbeöe*
nickstarre —. In der Woche vom 17. bis 25. Januar 1915 sind in Wien
814 Personen gestorben (+ 50 gegen die Vorwoche).
Sitzungs-Kalendarium.
Dienstag, 9. Februar, 7 Ubr. Verein für Psychiatrie and Kearolo?^*
Hörsaal v. Wagner (IX., Lazarettgasse 14). 1. Demonstrationen.
Pötzl. 2. A. Fuchs: Ueber Kriegsverletzungen. ,
— 9. Februar. 7 Uhr. Oesterr. Gesellschaft für Schulhygiene.
v. Pirquet (IX., Lazarettgasse 14). Ass. Dr. H. Januschke: hin^
physiologische Gesichtspunkte in der körperlichen und geistig
Erziehung.
Donnerstag, 11. Februar, 7 Uhr. Gesellschaft für innere Medizin w
Kinderheilkunde. Hörsaal W e n c k e b a c h (IX., Lazar _j
1. Demonstrationen. 2. Diskussion über den Vortrag von u
A. v. Müller: Ueber Klinik und Therapie der Dysenterie
Singer, W. Schlesinger, H. Schlesinger, Salomon,
berger, Porges, Falta, E. Freund, Spieler, Edelmanij.
Freitag, 12. Februar, 7 Uhr. K. k. Gesellschaft der Aercte. (IX-, wn
gasse 8.) __
Herausgeber, Eigentümer und Verleger: Urban4 Schwarzenberg, Wien und Berlin. — Verantwortlicher Redakteur für Österreich-Ungarn: K»rl Urban, Wien.
Druck von Gottlieb Gietel 4 Cie., Wien, 111 , Münngasse 6.
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Original fro-m
UNiVERSUY OF IOWA
Nr. 7.
Wien, 14. Februar 1915.
XI. Jahrgang.
Medizinische Klinik
Wochenschrift für praktische Ärzte
redigiert von J Verlag von
Proftnor Dr. Kort Brandenburg | Urban A Schwarsenberg
Berlin 8 Wien
INHALT: We Yereergeng der YerwundeteH ud Erkrankten Im Kriege: Prof. Dr. H. v. Haberer. Zur Behandlung und Beurteilung infizierter
lideuk- und Knochenschüsse (mit 13 Abbildungen). Priv.-Doz. med. ot pbil. Heinrich Gerhartz, Lungenselnisse. Prof. Dr. F. Umber. Flecktyphusartiger
VrrW von Genickstarre. San.-Rat Dr. Breiger, Die Behandlung von Wunden unter besonderer Berücksichtigung von Kriegsverletzungen mit künst¬
lichem Licht und die hierfür in Betracht kommenden Apparate. Prof. 0. Yulpitis, Anmerkung zu den zwölf Geboten von Professor Ritschl-Frei-
fiy. - Klinische Vorträge: Privatdozent Dr. R. Franz, Ueber die Nierenbeckonentzündung der Schwangeren. Prof. Dr. V. Ellermann. Ueber Schwel-
: 5 ;ns der (’ubitaldriisen bei Polyarthritis chronica. Dr. H. Peiser, Zur familiären Häufung des Carcinoms. Oberarzt Dr. med. Hilfrich, Lenicet beider
Wtmdtebandlung. — Aerztlfche Gutachten aus dem Gebiete des Versicherungswesens: San.-Rat Dr. KaeBs, Bilaterale nueleäre Hypoglossuslähmung
und Parese beider Arme durch Unfall. — Referatenteil: Samiuelreferat: Dr. Peter Misch, Soziale Hygiene und Demographie. — Aus den neuesten
- ZdtMkrifta, — B&cherbesprechungen. — 'Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen: K. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien.
(L>ellschaft fiir innere Medizin und Kinderheilkunde in Wien. Kriegsehirurgischer Abend im k. k. Garnisonsspital Nr. 16 in Budapest. Berliner Medi-
liris-he Gesellschaft. Medizinische Gesellschaft in Freiburg i. Br. Kriegsehirurgischer Abend der Sanitätsoffiziere des VII. Res.-Korps zu Braveres
(Frankreich). — Kleine Mitteilungen.
Dm Viril ** BsoM dtr VtrvisJf*i*ip*M und VtrbrtitMnf der in iUtmr ZtUttortfl »um BrscMn** ftlanfmdtn OrifinalMirty vor.
Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege.
Aus der chirurgischen Klinik in Innsbruck.
(Vorstand Prof. Dr. v. Haberer.)
Zar Behandlung nnd Benrtcilnng infizierter
Gelenk- und Knochonschiisse 1 )
von
Professor Dr. H. v. Haberer.
M, H.! Bei der Beurteilung der Gelenk- und Knochen¬
schüsse müssen wir die nichtinfizicrten von den infizierten
Verletzungen scharf trennen. Speziell die glatten Durch¬
schösse durch Gelenke können, wenn sie ohne Zerstörung
der das Gelenk konstituierenden Teile erfolgt sind und
Leine Infektion dabei eingetreten ist, in der klirzesten Zeit
ausheilen, nnd dem Arzte obliegt dabei nur die Sorge, daß
er diese Heilung nicht durch unzweckmäßige Maßnahmen
V stdre, daß er die Verletzung im wahrsten Sinne des Wortes
in Ruhe lasse. Bei den nichtinfizierten Knochenschüssen
interessiert uns auch nur die dabei gewöhnlich vorhandene
Fraktur, die dann nach den allgemein üblichen Gesichts¬
punkten zu behandeln ist.
Anders bei den infizierten Gelenk- und Knochenschüssen.
Da es sich in jedem Falle von Knochen- beziehungsweise
Gelenkschnß um eine komplizierte Verletzung von Knochen
beziehungsweise Gelenk handelt, so mag es auf den ersten
Blick überraschen, daß die infizierten Verletzungen hinter
den nichtinfizierten an Zahl weit zurückstehen. Gelegenheit
IDr Infektion wäre ja im Moment der Verletzung in allen
Fallen reichlich gegeben, Kleidung und Haut des Verwun¬
deten beherbergen wohl Keime genug. Und da fällt wieder
)p' r besonders auf, daß gerade eine große Zahl der Gelenk¬
busse uninfiziert bleibt, wiewohl wir aus der Friedens¬
praxis wissen, daß kaum ein Organ des menschlichen Körpers
• gegen Keime empfindlicher ist als das Gelenk. Jeder von
ons fürchtet doch mit Recht jede ein Gelenk penetrierende
crletzung, und weiß Fälle, in welchen nicht nur die be-
Y renende Extremität, sondern auch das Leben des Patienten
Küfer gefährdet war oder sogar verloren ging.
ai ^rächten wir uns einmal die Schuß Verletzungen der
&oß 7 j. a * m gegöR^ärtigen Krieg in nur allzu
111 Gesicht bekommen, genauer, so kann es gar
tack inuul e ' n0m ^ er wissenschaftlichen AerzteKesellscbaft in Inns-
^ «« i Dezember 1914 gehsltonen Demonstrationsvortrag.
(■
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keinem Zweifel unterliegen, daß die Gefahr der Infektion
um so geringer ist, je kleiner die sichtbare Verletzung, je
kleiner also Ein- und Ausschuß sind. Je größer die Ver¬
letzung, das gilt namentlich für den oft breit klaffenden,
zerfetzten Ausschuß, desto öfter kommt der Verwundete in
infiziertem Zustande in unsere Hand.
Wenn wir auch im Hinterlande diese Verwundungen
alle erst nach Tagen, und alle bereits in mindest provisorisch
versorgtem Zustande sehen, so läßt doch die eben besprochene
Beobachtung einen Rückschluß auf die beste erste Versor¬
gung von Gelenkwunden hinter der Feuerlinie zu. Ein asep¬
tischer Deckverband und absolute Ruhigstellung des Gelenks
müssen unter allen Umständen das zweckmäßigste Verfahren
sein. Aus meiner Erfahrung muß ich sagen, daß so ver¬
sorgte Gelenkschüsse nahezu ausnahmslos in vorzüglichem
Zustand in meine Hand gekommen sind, daß Ergüsse ent¬
weder fehlten, oder sich rasch resorbierten, und daß die Be¬
weglichkeit des Gelenks sehr bald eine gute war.
Aber auch von den, mitschwererenWeichteil Verletzungen,
gelegentlich sogar mit sichtbar breiter Eröffnung des Ge¬
lenks einhergegangenen Schußwunden heilten viele ohne jede
Infektion, wenn sie in der oben beschriebenen Weise erste
Versorgung gefunden hatten, wiewohl die Kranken zumeist
viele Tage auf dem Transport unterwegs waren.
Was aber für die erste Versorgung eines Gelenk¬
schusses gilt, das gilt ganz besonders auch für die weitere
Behandlung desselben. Je weniger wir an einer solchen
Verletzung rühren müssen, desto bessere Aussichten für die
Heilung sind vorhanden.
Von den uns in infiziertem Zustande zugegangenen
Golenkverlctzungen war der weitaus größte Teil schon primär
anders, als durch Deckverband und Ruhigstellung behandelt
worden. Vor allem, und das kann nicht genügend scharf
hervorgehoben werden, fehlte zumeist die genügende Fixation
zwcoks Ruhigstellung des Gelenks. Damit ist aber nicht
bloß gegen das eine wichtige Postulat in der ersten Ver¬
sorgung der Gelenkwunde verstoßen, sondern zumeist auch
zugleich gegen das zweite, nämlich gegen die sterile Deckung
dqr Wunde; denn fehlt die Fixation dos Gelenks, so fehlt
auch die des sterilen Deckverbandes, der namentlich bei län¬
gerem Transport dann nahezu regelmäßig verrutscht, sodaß,
wie ich es vielfach sab, Kranke mit vollkommen zutage
liegenden Wunden in ihrem Bestimmungsort einliefen. Daß
Original from
UNIVERSITV OF IOWA
180
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7.
14. Februar.
von diesen Fällen viele infiziert waren, kann nach dem Ge¬
sagten wohl nicht wundernehmen. Noch schlimmer aber
sieht es aus, wenn eine Golenkwunde primär drainiert oder
gar tamponiert wurde. Diese Fälle waren alle als schwer
infizierte zu bezeichnen.
Eines dürfen wir aus diesen Erfahrungen mit absoluter
Bestimmtheit sagen, daß die primäre Drainage eines Gelenk¬
schusses unter allen Umständen ein sehr schwerer Fehler
ist. Durch die Drainage wird der Weichteilwunde die Mög¬
lichkeit benommen, rasch zu verkleben, wodurch dem Ge¬
lenke der beste Schuti vor dem weiteren Eindringen von
Bakterien gewährleistet wird. Die primäre Drainage besorgt
aber auch das nicht, was ihr offenbar von denen, welche
sie leider noch immer anwenden, zugeschrieben wird, näm¬
lich dio Herausbeförderung der gelegentlich der Verletzung
in das Gelenk eingedrungenen Bakterien und ihrer Produkte.
Bei dem komplizierten anatomischen Bau aller Gelenke wäre
das nicht einmal von einer zweckmäßig, das heißt mit d<m
Drainrohr ausgeführten Drainage zu erwarten, geschweige
denn von der Drainage, wie ich sie regelmäßig fand, die
mit Jodoformgazestreifen oder andern Gazestreifen vor-
gonommen worden war. Es ist eigentlich falsch, dieses
Vorgehen überhaupt als Drainage zu bezeichnen, denn schon
nach kürzester Zeit ist ein derartiger Streifen in jenem
Teil, der innerhalb der Wunde liegt, vollgesogen, und tam¬
poniert dann in der Regel, oder besorgt die Drainage in
umgekehrter Richtung, nämlich von außen nach innen, führt
also der Gelenkwunde von der Haut aus erst recht Keime
zu. Aber auch schon das Einfuhren solcher Streifen ist, ab¬
gesehen von den damit verbundenen Schmerzen, immer höchst
gefährlich, weil schon dabei die Umgebung der Wunde ge¬
scheuert wird, wobei allerlei am Streifen haften bleibt, was
dann in die Wunde hineingeführt wird.
Mit den zweckmäßig versorgten, nichtinfizierten Ge¬
lenkschüssen will ich mich, da sie kaum eine Behandlung er¬
fordern und prognostisch günstig sind, nicht beschäftigen,
sondern ausschließlich den infizierten Gelenkschüssen meine
Aufmerksamkeit zuwenden.
Schmerzen, Schwellung des Gelenks, sehr häufig auch
der regionären und entfernteren Drüsen, zumeist sehr hohes
Fieber bis gegen 40 charakterisieren den infizierten Gelenk¬
schuß, und diese Symptome sind namentlich unmittelbar
nach einem länger dauernden Transport sehr ausgesprochen.
Viele der Kranken machten nicht nur einen schwer leidenden,
sondern direkt septischen Eindruck, boten kleinen, fliegenden
Puls und strohtrockne Zunge dar. Dieses oft direkt er¬
schreckende Bild unmittelbar nach der Auswago-
nierung, das so manchen unerfahrenen Arzt ver¬
leiten könnte, sofort eine Amputation auszuführen,
ändert sich in einem großen Teil der Fälle, wenn
die Kranken erst einige Stunden im Bette bei zweck¬
mäßiger Lagerung des kranken Gelenks ausgeruht
haben. Es ist,erstaunlich, wie oft schon nach wenigen
Stunden trotz Anhaltens des hohen Fiebers die Kranken
wesentlich besser aussehen, wie sich Puls und Zunge bessern,
ja in manchen Fällen sinkt sogar im Verlaufe von 24 Stun¬
den das Fieber, und die zuerst außerordentlich bedrohlich
aussehende Verletzung beginnt einen viel friedlicheren Ein¬
druck anzunehmen.
Daraus geht hervor, daß man in keinem Falle
von infizierter Gelenkverletzung unmittelbar nach
der Einlieferung einen größeren Eingriff ausführen,
sondern dem Patienten Gelegenheit zu entsprechender
Ruhe geben soll. Dadurch werden gewiß unsern verwun¬
deten Soldaten viele unnötige Amputationen erspart. Es ist
auch klar, daß bei einem Kranken, der schon tagelang unter¬
wegs war, eine Amputation nie so dringend sein kann, daß
man nicht einige Stunden unter genauer Beobachtung des
Patienten zuwarten könnte. Und in dieser Zeit ändert sich,
wie gesagt, das Bild oft sehr wesentlich. Eine Ausnahme
von dieser Regel machen allerdings die Gasphleg-
monen, die rasches Handeln erfordern, die einen stunden¬
langen Aufschub wohl nicht erlauben.
Ich befinde mich bezüglich meines Verhaltens infizierten
Gelenkschüssen unmittelbar nach dem Transport gegenüber
in voller Ucbereinstimmung mit dem Verhalten der v. Eisels-
bergschen Klinik bei phlegmonösen Prozessen nach Kriegs¬
verletzungen, über welches Thema Suchanek in Nr. 47 der
W. kl. W. 1914 ausführlich berichtet hat Ich habe dabei
in einer großen Zahl von Fällen die entzündlichen Erschei¬
nungen vollständig zurückgehen gesehen, wir konnten dem
Patienten jedweden Eingriff ersparen, in andern Fällen ge¬
nügte es, nach 24 Stunden vom erweiterten Schußkanal aus
mit Gummidrains zu drainieren, einige Fälle machten eine
einmalige oder öftere Punktion des Gelenks notwendig. Nur
wenige Fälle im Vergleiche zur großen Zahl unserer Gesamt¬
beobachtung erforderten energischeres Eingreifen.
Wenn das Fieber und die Schmerzen bestehen
bleiben, die Schwellung unter Ruhigstellung und
feuchten Verbänden nicht schwindet, dann müssen
wir ein greifen. Aber auch bei diesen Eingriffen obwaltet
das konservative Prinzip. Am besten bewährt hat sich mir
dabei folgender Vorgang: Im Aetherrausche wird das be¬
treffende Gelenk an mehreren Stellen punktiert und überall
dort, wo ich auf Eiter oder eitriges Exsudat stoße, wird ent¬
sprechend der liegen gelassenen Punktionsnadel eine kleine
Incision in das Gelenk gemacht. So kommen manchmal
mehrere kleine Gelenkincisioncn zustande, bei deren Aus¬
führung natürlich dem anatomischen Aufbau des Gelenks
Rechnung zu tragen ist, zumal er auch Art und Ausdehnung
der Eiteransammlung bis -zu einem gewissen Grade bestimmt.
Durch diese Incisionen werden Gummidrains in das Gelenk
geführt. In vielen Fällen habe ich Durchspülungen des Ge¬
lenks mit 1 bis 4°/ 0 Formalin vorgonommen, namentlich
dann, wenn es sich um dickes Sekret handelte, dessen Ab¬
fluß durch die Drainröhren gelegentlich nicht ohne weiteres
von selbst erfolgt. Ich halte multiple kleine Incisionen des
Gelenks für besser als breite Aufklappungen, habe jedenfalls
mit den kleinen Incisionen dasselbe Resultat quoad Heilung
des Prozesses erzielt, und das funktionelle Resultat ist unter
allen Umständen besser, als wenn man eine völlige Auf¬
klappung des Gelenks ausgeführt hat. Selbstverständlich ist
das Gelenk sofort nach dem Eingriffe wieder zu fixieren, was
entweder durch Schienen- oder gefensterte Gipsverbände er¬
reicht wird.
Was die weitere Behandlung anlangt, so ist der Ver¬
band nur nach Notwendigkeit zu erneuern, das heißt nur
dann, weün er durch das Sekret seiner Aufgabe, aufzusaugen,
nicht mehr genügen kann. Feuchte Verbände haben, sobald
einmal genügend incidiert ist, keinen Zweck, sie sind im
Gegenteil unzweckmäßig, weil sie den Abfluß des Sekrets
eher hindern. Dickt das Sekret in der Folge ein, so sind
Spülungen mit Wasserstoffsuperoxyd sehr am Platze, un¬
zweckmäßig ist es, die Drainröhren zwecks Durchspülung
aus der Wunde herauszunehmen. Ich lasse die ersten Drains
in der Regel als Dauerdrains liegen, und kürze nur, was
langsam von selbst aus der Wunde herausgeschoben wird.
Bei dieser Form der Behandlung sehen wir, wenn über¬
haupt die Extremität zu erhalten ist, und das trifft glück¬
licherweise für die Mehrzahl der Fälle zu, das Fieber all¬
mählich, nie plötzlich schwinden, auch die Schmerzen nehmen
, ab, der Appetit stellt sich ein, und allmählich heilen auch
die Wunden. Einige Fälle behalten von vornherein einige
Bewegungsmöglichkeit des Gelenks, bei ihnen ist cs eine
dankbare Aufgabe, durch vorsichtige, ja nicht zu früh
einsetzende Bewegungstherapie die erhaltene Be*
wegungsmöglichkeit zu vermehren. Die meisten Ge¬
lenke werden allerdings in der Stellung, die wir ihnen durc
unsere dauernde Fixation geben, steif, doch dürfen wir nie i
vergessen, daß eine derartige Versteifung kein dauernder /u-
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Gck igle
Original from
UNIVERSUM OF IOWA
11 Februar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7.
181
stand zu sein braucht, da wir ja die Wege kennen, solche
Gelenke wieder beweglich zu machen. Ich erinnere nur
daran, daß wir nach Jahr und Tag noch, durch Einlegen
sei es gestielter, sei es ungestielter Fascienlappen in das
operativ eröffnete Gelenk vorzügliche Resultate erzielen
können.
Je geringer unsere Manipulationen auch wäh¬
rend der Nachbehandlung an einem eitrigen Ge¬
lenke sind, desto weniger trüben wir uns auch die
Beobachtungsmöglichkeit des Verlaufs. Wer bei jedem
Verbandwechsel die Drainröhren wechselt, wird nahezu im
Anschluß an jeden Verbandwechsel Temperatursteigerungen,
die gelegentlich sehr hoch sein können, beobachten, und
wenn dieselben auch an sich vielleicht ganz bedeutungslos
bleiben, so trüben sie doch unser Urteil über den Verlauf
des Falles. Es kommen nämlich während der Nachbehandlung
vereiterter Gelenke oft spät noch Temperatursteigerungen
vor, die eine Bedeutung haben, auch dann, wenn das All¬
gemeinbefinden des Patienten gar nicht gestört ist, und das
betretende Gelenk schon völlig unempfindlich geworden ist.
ln diesen Fällen wird der Verbandwechsel am Gelenk selbst
oft gar nichts erkennen lassen, was die Fiebererscheinung
erklären könnte, wohl aber finden wir dann gelegentlich in
der Umgebung des Gelenks eine empfindliche Schwellung, die
auf Eitersenkung zurückzuführen ist und eine neuerliche
Incision nötig macht. Diese Eitersenkung vollzieht
sich in der Regel dem Gesetze der Schwere nach
längs Muskelinterstitien, sodaß wir genau wissen,
welche Partien wir danach abzusuchen haben. Bei Eite¬
rungen des Kniegelenks ist es die Wade, bei Hochlagerung
des Beins oft auch die Innenseite des Oberschenkels, beim
Ellbogen die Hinterseito des Unterarms, beim Schulter¬
gelenke der Oberarm, beim Hüftgelenke die Gesäßbacke, in
der wir dann in der Regel einen Senkungsabsceß finden
werden. Solche Senkungsabscesse können mehrfach
bei ein und demselben Falle während der Behand¬
lung auftreten, sie sind jedesmal natürlich am tiefsten
Punkte zu incidieren, fast immer kommt man mit ganz
kleinen Incisionen aus, in deren Gefolge das Fieber rasch
zu verschwinden pflegt, indem es entweder lytisch oder
gelegentlich auch kritisch abfällt.
Sehr wichtig erscheint mir, darauf hinzuweisen,
daß uns bei der Behandlung infizierter Gelenke
Zertrümmerung der das Gelenk konstituierenden
Knochen primär gar nicht zu interessieren braucht.
Die Feststellung, inwieweit die knöchernen Gelenkenden
durch einen Gelenkscbuß in Mitleidenschaft gezogen sind,
darf ausschließlich durch das Röntgenverfahren erfolgen.
Eine etwaige Sondierung, wie man sie leider immer
noch gelegentlich sieht, ist als ein schwerer Fehler
za bezeichnen. Desgleichen wird durch den Versuch,
Frakturen des Gelenkbereichs durch passive Bewegungen
festzustellen, oft ungeheurer Schaden angerichtet, ganz ab¬
gesehen davon, daß bei der enormen Schmerzhaftigkeit
eines verletzten Gelenks ein solches Vorgehen direkt als
grausam zu bezeichnen ist.
Wenn auch zuzugeben ist, daß bei schweren Zer¬
trümmerungen im Gelenkbereiche die Behandlung des in¬
fizierten Gelenks besonders schwierig wird und weit längere
Zeit beansprucht, so habe ich doch Fälle genug gesehen,
die schließlich ein überraschend gutes Resultat gaben,
frotz der Eiterung braucht es nicht zur Nekrose des
Knochens zu kommen, er kann heilen, sodaß ich gelegent¬
lich bei stärkerer Verschiebung der Fragmente den Versuch
für absolut gerechtfertigt halte, die oben geschilderte Be-
nandlung des vereiterten Gelenks mit emer vorsichtigen Exten-
sjonsbebandlung schon primär zu verbinden. Kommt es zur
Knochennekrose, so stößt sich der Knochen meist von selbst
*os der Wunde ab, und nur, wenn wir aus irgendeinem
runde gezwungen sind, im Bereiche des Gelenks eine
neuerliche Incision auszuführen, halte ich es für indiziert,
lose, nekrotische Knochenteile dabei zu entfernen.
Natürlich ist es uns nicht möglich, auf diese Weise
alle Extremitäten zu erhalten, gelegentlich müssen wir zur
Amputation schreiten. Sie ist glücklicherweise selten nötig.
JJnter ungefähr 50 schweren, eiternden Gelenkschüssen
dieses Kriegs, die ich entweder an meiner Klinik zu be¬
handeln oder als Konsiliarchirurg in den hiesigen Reserve¬
spitälern zu begutachten hatte, hat nur ein einziger zur
Amputation Veranlassung gegeben, ohne daß dadurch der
letale Ausgang aufzuhalten gewesen wäre.
Es ist nur zu begreiflich, daß wir uns nicht leicht zu
verstümmelnden Operationen bei Gelenkeiterungen ent¬
schließen werden. Anderseits liegt gerade in dieser Hem¬
mung eine besondere ärztliche Verantwortung bei der Indi¬
kationsstellung. In der Tat ist die Frage, wie lange
dürfen wir zuwarten, wann müssen wir amputieren,
am schwierigsten zu beantworten, lückenlos läßt sie
sich überhaupt nicht beantworten.
Daß bei rasch über das Gelenk, trotz dessen zweck¬
mäßiger Incision, hinaus fortschreitender Phlegmone und
unaufhaltsamer Drüseninfektion, hohem Fieber, etwa gar
Schüttelfrösten und anderweitigen Erscheinungen eines sep¬
tischen Zustandes die Amputation auszuführen ist, wird nicht
viel Ueberlegung bedürfen, denn es ist in einem solchen
Falle klar, daß es uns nicht gelang, den lokalen Herd zu
beherrschen, der weiter sein giftiges Material an die Um¬
gebung abgibt, das Drüsenfilter überschwemmt und schlie߬
lich die Keime ins Blut gelangen lassen wird. Dem können
wir durch radikale Entfernung des Primärherds um diese
Zeit gewöhnlich noch Vorbeugen, sodaß alle andern Inter¬
essen zu schweigen haben und die Amputation aus vitaler
Indikation auszuführen sein wird.
Diese Fälle sind aber nach meiner Erfahrung selten.
Viel häufiger ist ein anderer Typus, den ich Ihnen schildern
will. Nach der richtig ausgefübrten Incision sinkt das
Fieber nicht oder nur wenig, nimmt seinen septischen Ver¬
lauf weiter, ohne daß es zu einer Lymphangitis oder
Lymphadenitis kommt. Senkungsabscesse treten nicht auf,
die Gelenkeiterung nimmt ab. Läßt man sich zu einer
vollkommenen Aufklappung verleiten, so ist man über den
guten Zustand des Gelenks erstaunt. Man findet keine Re¬
tention, oft genug ganz gesunde Granulationen. Dabei handelt
es sich doch um einen allgemein-septischen Zustand dieser
Kranken, die meistens schon sehr anämisch in unsere Be¬
handlung gekommen sind. Kann man in diesen Fällen den
letalen Ausgang durch Amputation aufhalten? Die Frage
läßt sich natürlich nur für die Zeit stellen, in welcher die
Kranken in unsere Behandlung kommen. Wenn wir den
lokalen Herd wirklich in einwandfreier Weise beherrschen
konnten und daher die Annahme berechtigt ist, daß von
ihm aus eine weitere Infektion des Organismus nicht zu
befürchten ist, dann, glaube ich, ist auch von einer Ampu¬
tation nichts zu hoffen, und der oben angeführte einzige
Fall, der amputiert wurde und trotzdem gestorben ist, be¬
kräftigt in mir diese Auffassung. Die Obduktion ergab das
Bild einer schwersten allgemeinen Sepsis. Als Septhämie
sind eben offenbar diese Fälle aufzufassen. So fraglos es
ist, daß von diesen ein Prozentsatz durch früheste Ampu¬
tation unmittelbar hinter der Feuerlinie gerettet werden
kann, eine rein theoretische Ueberlegung, weil man zu
dieser Zeit die Schwere des Falles noch gar nicht beurteilen
kann, so wenig wird eine späte Amputation Erfolg ver¬
sprechen. Ergibt die Blutuntersuchung etwa obendrein eine
ausgesprochene Bakteriämie, dann scheint mir die Ampu¬
tation, wohlgemerkt, wenn wir sicher sind, daß die Gelenk¬
eiterung lokal beherrscht ist, aussichtslos zu sein. Besteht
der geringste Zweifel darüber, ob vom Gelenke selbst aus
noch immer neues septisches Material dem Blute zugeffihrt
werden kann, dann ist natürlich die Amputation zu ver-
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1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7
geliefert wurden. Der erste Fall, den ich besprechen will,
kam in einem dicken, vollkommen durchtränkten Brust¬
rumpfverband in Innsbruck an und wurde mir ob des
aashaften Geruchs, den er verbreitete, vom Arzte des
Malteserzuges mit dem Bemerken übergeben, daß es sich
offenbar um eine Kotfistel handeln müsse!
1. J. B., 34 Jahre alt, verwundet am 9. September 1914, langte
am 21. September in Innsbruck ein. Verheilter Einschuß an der vorderen
Deltoideusgrenze am linken Oberarme, Zertrümmerung des Humeruskopfs,
kronenstückgroßer, jauchender Ausschuß am medialen Scapularrand in
der Höhe des fünften Brustwirbels. Von hier gelangt ein Drain in etwa
20 cm Tiefe bis an das
Schultergelenk heran, viel- r- —---
leicht in dasselbe hinein. Da [
daraufhin die Temperatur auf ,
38 sinkt und sich in dieser |
Höhe hält, wird zunächst
unter absoluter Ruhigstellung
des Gelenks zugewartet.
Wegen eines Temperatur¬
anstiegs bis 39 wird am
23. September nochmals
genau Nachschau gehalten,
und da die Schwellung des
Schultergelenks trotz reich¬
lichster Sekretion nach rück¬
wärts beträchtlich zuge-
nommen hat, wird das
Schultergelenk vorn punk¬
tiert, wobei eine größere
Menge eitriger Flüssigkeit
entleert wird. Da hierauf
suchen. In allen andern Fällen haben wir die Bekämpfung
des septischen Zustandes in erster Linie im Auge zu be¬
halten und werden uns hüten, einem so schwer geschädigten
Organismus noch einen größeren Eingriff zuzumuten.
Durchaus nicht alle Fälle des geschilderten
ganz schweren Verlaufs gehen zugrunde, ein großer
Prozentsatz wird dank der Jugend und der sonst
kräftigen Konstitution mit dem Prozesse fertig.
Ich halte zur Unterstützung des Organismus im Kampfe
gegen das eingedrungene Gift die systematische Anwendung
von Elektrargol subcutan oder auch intravenös für ein sehr
geeignetes Mittel. Trotz aller Skepsis, die bei der Verwen¬
dung aller derartigen Mittel am Platz ist, kann ich mich
nach meiner Erfahrung doch des Eindrucks nicht erwehren,
daß das Elektrargol mehr leistet, als daß es bloß das Fieber
herabsetzt, welche Eigenschaft ihm ja ganz bestimmt zu¬
kommt. Neben dem Elektrargol gebe ich innerlich Chinin,
ob erfolgreich, lasse ich dahingestellt, Schaden habe ich
jedenfalls nie davon gesehen.
Ich möchte Ihnen aus der großen Zahl der zur Beob¬
achtung gekommenen Fälle natürlich nur einige Repräsen¬
tanten vorstellen, die Ihnen zeigen sollen, was wir bei Ein¬
haltung der bisher im allgemeinen skizzierten Grundsätze
erreichen können. Zunächst einmal einige Kniegelenkschüsse
mit schwerer Gelenkeiterung.
1. A. R., 23 Jahre alt, Schuß in das linke Knie, Steckschuß. Der
chirurgischen Klinik in infiziertem Zustand überstellt am 21. November
1914. Schrapnellsteckschuß mit Fraktur der Kniescheibe. Pyarthros. Am
23. November lncision des Gelenks beiderseits oberhalb der Patella,
gleichzeitige Entfernung des Projektils von dem verjauchten Einschuß
aus, wobei sich in sehr großer Menge Eiter entleert, dessen bakterio¬
logische Untersuchung Staphylokokken feststellt. Wegen Temperatur-
Steigerungen bis 39° am 3. Oktober lncision in der Kniekehle, woselbst
ein Senkungsabsceß naebgewiesen wurde. Am 2. November sind die
Wunden per granulationem geheilt, Patient konnte mit etwas beweg¬
lichem Kniegelenk am 9. Dezember die Klinik verlassen. Er kann sehr
gut sein Bein gebrauchen (Abb. 1).
2. J. B., 23 Jahre 'alt, vereiterter Durchschuß durch das linke
Kniegelenk, mit Stückfraktur oberhalb der Femurcondylen. Schwerer
^ Pyarthros. Hierbei genügte es zu-
I nächst, durch die Schußöffnungen,
welche rechts und links von der
Patella lagen. Drains einzuführen.
Abb. 1 . ADD. i.
worauf das Fieber infolge Entleerung reichlicher Mengen Eiters prompt
sank Diese Prozedur wurde am 1. Oktober vorgenommen, und da Patient
sich rasch erholte, konnten wir schon am 4. Oktober zur Anlegung
einer Extension wegen der Fraktur schreiten. \ erlauf in der Folgezeit
schwankend doch stets mit der Tendenz zu Besserung. Am 5. Dezember
mußte wegen Temperatursteigerung im Aetherrausche Nachschau gehalten
werden wobei es sich zeigte, daß der Eiterabfluß aus der medialen
Wunde’ungenügend war, weil sich nekrotische Knochensplitter vorgelegt
hatten Nach Entfernung derselben konnte wieder ausgiebig drainiert
urorüpn Am 21. Dezember mußte noch ein Senkungsabsceß gespalten
werden’, von da ab ungestörter Heilungsverlauf (Abb. 2).
Weiter zeige ich Ihnen zwei schwere Verletzungen
rips Schultergelenks, die in direkt verjauchtem Zustand ein-
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14. Februar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7.
183
6. G„ 27 Jahre alt, kam mit einem stark eiternden Durchschüsse
durch das linke Ellbogengelenk am 16. September 1914 abends in die
chirurgische Klinik. Bei einer Temperatur von 39 bestanden enorme
Schmerzen des stumpfwinklig gehaltenen Gelenks bei erysipelatöser
Rötung der Haut weit Ober den Gelenkbereich hinaus. Hier bestand
Indikation tum sofortigen Eingriffe, da der Patient schon tagelang in
Innsbruck war und wegen Verschlechterung Beines Zustandes aus einem
Reaervespilal der Klinik fiberwiesen worden war. Durch zwei seitliche
Incisionen wurde das Gelenk eröffnet, wobei sich der Eiter im Strom
entleerte. Drainage. Im Verlauf einer Woche fiel das Fieber lytisch
ib, und damit gingen auch die Schwellungen der Acbseldrfisen, die vor
der Operation bestanden hatten, völlig zurück. Es trat völlige Heilung
ein. Mifiige Bewegung im Gelenke bereits ausführbar, Finger und Hand¬
gelenk vollkommen frei, als Patient Anfang Januar 1915 auf Urlaub
geht. Ein am 4. November 1914
angenommenes Röntgenbild zeigt r ■ — —-
einen gut erhaltenen Gelenkspalt |
Abb.5).
Mb 5.
Der schwerste Fall, den ich zu behandeln Gelegenheit
hatte, betraf einen Schuß in die Hüfte.
J. M. 30 Jahre alt, hatte einen Steckschuß erhalten, Einschuß iu
der Mitte des linken Poupartschen Bandes. Es war ihm bald nach der
Verletzung wegen unerträglicher Schmerzen in der linken Hüfte ein
Gipsveib&nd angelegt worden, der aber wegen profuser Eiterung sehr
bild wieder abgenommen werden maßte. Der Patient fieberte durch
Wochen zwischen 39 und 40, wobei dem Temperaturanstieg wiederholt
ein Schüttelfrost voraufging. Der Puls wurde klein und jagend, der
Appetit versagte, die Zunge wurde trocken. Leiseste Bewegungen riefen
entsetzliche Schmerzen hervor, sodaß Patient schließlich einen tief¬
greifenden Decubitus davongetragen hatte. Ein dnreh den Einschuß an
der Hüftsch&ufel vorbei etwa 15 cm tief eingeführtes Drain hatte die
Eiterentleerung gewiß nicht genügend besorgt, denn bei dem bloßen Ver¬
lache, den Patienten etwas zur Seite zu drehen, entleerte sich Eiter
buchstäblich im Strom. In diesem Zustande kam der Patient an
meine Klinik.
Ein Röntgenbild zeigte die deformierte russische Kugel im Bereiche
der hinteren Umrandung des Hüftgelenks, letzteres selbst imponierte auf
den ersten Blick wie ein Röntgenbild bei Coxitis mit Pfannenwanderung.
uenaueres Zusehen ließ aber in einwandfreier Weise sicherstellen, daß
wer nicht die Pfanne gewandert war, sondern daß eine von oben her
erfolgte Absumption des Femnrkopfs vorlag. Mithin eine schwere Eite-
JJJJ» die zur Einschmelzung im Bereiche der knöchernen Anteile des
üflftgelenki geführt hatte. Die enorme Eiterung aus dem Einschüsse
«gte sofort auch den Gedanken nahe, daß bereits im kleinen Becken ein
polier Absceß vorhanden sein müsse (Abb. 6).
Bei dem schwer septischen Zustande des Patienten konnte ein
tDgnff nur als letzter Versuch, das schwindende Leben zu erhalten, auf-
gefaßt werden.
.. Operation am 30. Oktober. Eröffnung des Hüftgelenks durch den
7 . r ® n ° e s®ktionsschnitt, wobei sich enorme Mengen Eiter entleeren,
»neben der Muskulatur ebenfalls vielfach abgesackte Eiterherde, die
i® r öffnet werden. Kugel liegt in einem dieser Abscesse und kann
entfernt werden. Die Pfanne erweist sich ebenfalls durch
j r*™ a>u riert, wodurch sich der große intrapelvine Absceß erklärt,
..l- j Ecision längs des Poupartschen Bandes unter Ab-
11 ^ ^ e8 Peritoneums eröffnet und drainiert wird,
tin* um!? Tagen geht die Temperatur zurück, wir können
t. 11 ♦ ^ x ^ Q rion anlegen. Von Mitte Dezember ab völlig normale
PuiJntlr* 1 m B ez eichnetes Befinden. Anfangs Januar 1915 macht
aiit u er8 ^ n ' erfolgreichen Gehversuche. Eude Januar geht Patient
W.ten Wunden Behr gut umher.
Ich glaube, die Ihnen vorgeführten Fälle beweisen, daß
man selbst in sehr verzweifelten Fällen noch voll befriedi¬
gende Resultate erzielen kann. Freilich geben diese Kranken
viele Mühe und Arbeit, fast jeder Verbandwechsel erfordert
eine Vorbereitung wie zu einer Operation. Vielen könnte
ein schmerzvolles und lebensgefährliches Krankenlager er¬
spart bleiben, wenn sie von vornherein eine richtige erste
Versorgung und zweckentsprechende Weiterbehandlung ihrer
Wunden gefunden hätten!
Bezüglich der eiternden Knochenschüsse kann ich mich
kürzer fassen, zumal vieles von dem für die Gelenk¬
verletzungen Gesagten auch hier volle Gültigkeit hat. Das
gilt gleich für die erste Wundversorgung, die da wie dort
in steriler Deckung der Wunde und entsprechender Fixation
der Fraktur bestehen soll. Dadurch wird in den meisten
Fällen eine Infektion von vornherein zu verhindern sein.
Tritt sie dennoch ein, so ist sie ebenso zu behandeln wie
die Infektion des Gelenkschusses. Gerade bei den mit Frak¬
turen komplizierten Knochenschüssen trifft man immer wieder
Wissensdurstige, die mit der Sonde abgestorbene Knochen¬
slücke suchen und auf diese Weise, statt dem Patienten einen
Dienst zu erweisen, schaden! Wenn ein Knochenschuß stark
eitert, so haben wir auch nichts anderes zu tun, als ent¬
sprechende, meist kleine Incisionen auszuführen, um dem
Eiter Abfluß zu verschaffen. Nekrotischer Knochen stößt
sich von selbst ab, und wenn sich eine Osteomyelitis einmal
entwickelt, so müssen wir ja doch auf die Ausbildung der
Totenlade warten, ehe der Sequester entfernt werden kann.
Entsprechende Schienung der Fraktur und Ruhe!
sind die Faktoren, mit welchen wir ausschließlich
zu arbeiten haben. Wir können damit selbst in Fällen,
bei welchen das den Knochen treffende Geschoß geradezu
eine Explosivwirkung entfaltet hat, noch ausgezeichnete
Heilung erzielen. Es sind das die Fälle, bei welchen der
Knochen so zersplittert ist, daß er ira Röntgenbilde fast
den Eindruck hervorruft, wie wenn man eine Schachtel
mit Zündhölzchen ausschüttet, wobei letztere ganz wahl¬
los durcheinander fallen. Trotz der damit meist ver¬
bundenen großen äußeren Wunden hat man sich um
diese Knochensplitter gar nicht zu kümmern, sondern den
Fall nach den üblichen Grundsätzen der Frakturbehandlung
zu versorgen.
Durch die Kontrolle im Röntgenbilde kann man dann
zumeist feststellen, wie sich diese vielen Knochensplitter
wieder zurechtfinden und sich gruppieren, sodaß der Knochen
an solchen Stellen oft nach erfolgter Heilung einen beson¬
deren Grad an Festigkeit und Stärke aufweist.
Bei der Behandlung der eiternden und nichteiternden
Schußfrakturen an der oberen Extremität machen wir aus¬
giebig Gebrauch von dem Middeldorpfschen Triangel in
der sehr zweckmäßigen Modifikation nach v. Hacker,
können wärmstens die Kram ersehen Drahtschienen emp¬
fehlen, sind auch mit der Extension nach Borchgrevink,
die wir entweder in Originalform oder in der von meinem
Assistenten v. Saar vereinfachten Weise angewendet haben,
recht zufrieden gewesen. Für sehr viele Frakturen, nament¬
lich für die stark eiternden eignet sich, da sie oft verbunden
werden müssen, die meines Erachtens nach noch immer
viel zu wenig angewendete Gipshanfschiene, welche den
Vorteil hat, daß sie der verletzten Extremität anmodelliert
wurde, sodaß die Extremität jedesmal, wenn man die
Schiene neu anlegt, wieder in die Stellung gezwungen wird,
welche man ihr primär gegeben hat. Zudem kann man
gerade das für diese Schienen nötige Material so leicht vor¬
rätig halten: Gips, Hanf und einen Trikotstrumpf! Für
Vorderarmbrüche eignet sich die Extension nach Borch¬
grevink in vorzüglicher Weise.
An der unteren Extremität verwenden wir mit bestem
Erfolge die Extension des schwebenden Beins in Semi-
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14. Februar.
flexion 1 ). Also Suspension und Semiflexion in der von Flor¬
schütz angegebenen Weise, welche am besten dem von Zup-
pinger mit soviel Fleiß und Erfolg ausgearbeiteten Prinzip
der Extensionsbehandlung gerecht wird. Die Extension in
Semiflexion und Suspension hat den ganz besondern
Vorteil, daß sie kein Extensionsbett erfordert, also
wirklich mit ganz einfachen Mitteln in jedem Bett
ausgeführt werden kann. Im Gegensatz zu andern habe
ich auch starke seitliche Verschiebungen der Fragmente
mit dieser einfachen Extensionsmethode bekämpfen können.
Ist die richtige Stellung einmal erzielt, so wird die
Extension in üblicher Weise durch den Gipsverband ersetzt.
Vorsicht ist dabei bloß in den Fällen der oben angezogenen
Splitterfrakturen notwendig. Hierbei kann sich die Ex¬
tremität, wenn noch keine genügende Callusbildung vor¬
handen ist — im Röntgenbilde sind darüber Täuschungen
möglich — immer noch verkürzen. Ich rate daher, in diesen
Fällen die Extension für 24 Stunden auszuhängen und sich
dann mit dem Meßbande zu überzeugen, ob der mit der
Extension erzielte Erfolg beibehalten wurde. Hat sich nach
24 Stunden wieder eine Verkürzung eingestellt, so muß
eben die Extension nochmals angewendet werden. Manch¬
mal genügt aber um diese Zeit schon die Extension im
Gipsgehverbande.
Ich möchte Ihnen zum Schlüsse noch ganz kurz einige
Beispiele von infizierten Frakturen zeigen, damit Sie an der
Hand konkreter Beispiele ermessen können, wieweit der an
meiner Klinik eingehaltene Behandlungsgang zu befriedigen¬
den Resultaten führt.
Zunächst zwei Frakturen im Bereiche des Humerusschafts.
| holt gewechselt werden mnß. Nicht ein Knochensplitter stößt Bich ab,
wiewohl die Drains bis auf die Frakturstelie reichen und fast sechs
Wochen liegen gelassen werden müssen. Am 24. November ist voll-
kommene knöcherne Heilung in guter Stellung eingetreten, die Beweg*
lichkeit in allen Gelenken frei. Das nach der Frakturheilung an¬
genommene Röntgenbild zeigt reichlich Callas, der die einzelnen Stöcke
der Fraktur gut verkittet bat (Abb. 7).
2. A. H , 33 Jahre alt, ebenfalls Russe, am 27. August verwundet.
Durchschuß durch die Mitte des rechten Oberarms, mit Fraktur an der
Stelle des Durchschusses. Patient kommt schwer fiebernd, im Zustande
der akuten, sehr ausgedehnten Oberarmphlegmone am 16. September an
meine Klinik. Septischer Allgemeinzustand. Es müssen sofort mehrere
kleine Incisionen ausgefflbrt werden, worauf das Fieber absinkt. Triangel-
| verband. Patient bleibt bis zum 28. September afebril, an welchem Tag
I ein Temperaturanstieg bis 39° einsetzt. Dabei außerordentlich starke Se¬
kretion aus den Incisionswunden und dem Schußkanal. Es entwickelt
Bich im Verlauf einiger Tage eine sehr ausgedehnte Phlegmone am
Rücken über der Scapula der kranken Seite, welche am 2. Oktober da¬
selbst eine ausgiebige Incision notwendig macht. Von da ab afebriler
Verlauf. Der TriaDgelverband kann alsbald durch eine Extension nach
Borchgrevink ersetzt werden. Ein am 2. Dezember aufgenommenes
Röntgenbild zeigt die vorzügliche Stellung und durch gute Callusmassen
vereinigte Fraktur. Alle Gelenkbewegungen frei. Auch bei diesem Falle
hatten wir trotz der besonders intensiven Eiterung nichts am Knochen
vorzunehmen, der eiterumspülte Knochen heilte glatt (Abb. 8).
Einen sehr bösen Bruch, Schußfraktur mit ausgedehnter
Splitterung, zeige ich Ihnen bei einem Oberleutnant. Die
Fraktur betrifft das untere Humerusende, knapp oberhalb
des Ellbogengelenks. Der Patient kam mit einem in Bielitz
sehr gut angelegten Gipsverband in meine Behandlung, die
Wunde eiterte noch stark. Da der Patient bereits längere
Zeit afebril war, konnte ich gleich mit vorsichtigen Be¬
wegungen beginnen lassen, die gerade bei einer Fraktur an
dieser Stelle von größter Bedeutung sind. Heute kann der
Patient, der kaum einen Finger bewegen konnte als er in
Abb. 7. Abb. 8. Abb. 9.
1. A. K., 34 Jahre alt, hat einen Schuß in den linken Oberarm
am 15. August 1914 erhalten. Wurde als kriegsgefangener Russe nach
Innsbruck transportiert, kam an meine Klinik in schwer fieberhaftem Zu¬
stand am 9. September. Sehr stark eiternder Durchschuß durch die
Mitte des Armes mit Fraktur, die winklig geknickt steht. Draicage
durch den Schußkanal, worauf die Schwellung und das Fieber zurück¬
gehen. Triangelverband, der wegen der enorm starkon Eiterung wieder-
») In dieser Auffassung werde ich auch durch einen während der
Drucklegung dieser Arbeit erschienenen Aufsatz aus der v. Eiselb erg-
schen Klinik bekräftigt, in dem Suchane k (W. kl. W. 1915, Nr. 2) die Be¬
handlung der Schußfrakturen des Oberschenkels abhandelt. Dieser Auf¬
satz verdient auch deshalb besondere Beachtung, weil er in durchaus
sachgemäßer Weise den Ausführungen Werndorffs und Hass (W. kl. W.
1914, Nr. 47 und 49), welche bei den Schußfrakturen des Oberschenkels
gewaltsame Reposition und Gipsverband fordern, entgegentritt. Ich ver¬
urteile ein solches Vorgehen, das wenig gründliche Erfahrung verrät,
aus denselben Grüuden wie Suchanek.
meine Klinik kam, Finger und Handgelenk vollständig in
normalem Umfange gebrauchen, den Ellbogen in ganzem Um¬
fange strecken, und bis Uber 45 Grad beugen. Pro- und Su¬
pination sind frei. Wenn Sie damit das nach beendeter Behand¬
lung aufgenommene Röntgenbild vergleichen, das Ihnen noch
immer genügend zeigt, welche Zertrümmerung Vorgelegen
hat, so müssen Sie das Resultat als ausgezeichnet bezeichnen.
Der oberhalb des Ellbogengelenks auf der Beugeseite des
Oberarms vorspringende Knochenzacken dürfte auch für die
weitere Zunahme der Keugefäbigkeit des Ellbogens kein
Hindernis abgeben, weil er relativ hoch liegt. Sollte er
aber, was möglich ist, bei der Beugung Schmerzen auslösen,
so kann er noch immer sekundär in höchst einfacher Weise
durch einen Meißelsclilag abgetragen werden. Lange /eit
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1915 - MEHTZINISCHE KLINIK — Nr. 7.
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befürchteten wir bei diesem Kranken das Auftreten einer
Myositis ossificans, da anfänglich die Schwellung eine sehl-
ausgedehnte und knochenharte war Da es sich um einen
Splitterbmch gehandelt hatte, lag ja die Gefahr einer Myos¬
itis ossificans sehr nahe. Unter konsequenter Anwendung
von Heißluft ist alles zurückgegangen und konnten wir ein
so gut bewegliches Gelenk erzielen. (Abb. 9.)
Nun zum Schlüsse noch zwei Fälle von Oberschenkel¬
schuß mit Zertrümmerungsfraktur, beide im oberen Drittel,
die Ihnen zeigen sollen, wieviel wir mit der Extension in
Suspension und Semiflexion selbst dann noch erreichen,
wenn die Fälle spät in unsere Behandlung kommen und die
Verkürzung eine hochgradige ist. Beide Fälle lagen schon
über eine Woche in Gips in ganz schlechter Stellung, der
eine hatte eine Verkürzung des Beins um 12'/ 2 , der andere
bilde sichtbarer Gallus noch durchaus die Festigkeit nicht zu
besitzen braucht, die man ihm nach dem Knochenschatten
zuschreiben würde.
Auch in diesem Falle zeigte sich sehr schön, wie unter
dem Einflüsse einer guten Extension die ursprünglich ganz
regellos in den Weichteilen gelagerten Knochensplitter und
Knochentrümmer sich so anordnen, daß sie den durch die
Fraktur gesetzten Defekt ausgleichen. (Abb. 12) bei der
Einlieferung, (Abb. 13) nach der Extension.
Daß wir sowohl hei Gelenk- als Knochenschüssen das
Projektil, falls es sich um einen Steckschuß handelt, nur
dann entfernen, falls es direkt unter der Haut liegt oder
aber durch seinen Sitz Störungen hervorrufen muß, deckt
sich mit der heute wohl allgemein üblichen Auffassung über
Fremdkörpcrentfernung überhaupt.
Abb. 10. Abb. 11. Abb. 12 f
eine solche von 7 1 /, cm. Die vor dem Anlegen der Ex¬
tension aufgenommenen Röntgenogramme zeigen Ihnen so
recht das Bild einer Explosionswirkung des Geschosses. Die
Fülle, einen Hauptmann und einen Major betreffend, sind im
übrigen ganz gleich. Beim Hauptmanne war der rechte Ober¬
schenkel im oberen Drittel durchschossen, es findet sich an
der Frakturstelle ein Gemisch von Projektil- und Knochen-
fragraenten. Er hatte die Verkürzung von 12*/, ein, die
abnorme Beweglichkeit an der Frakturstelle war so hoch-
sradig, wie wenn ein Stück des Knochens überhaupt fehlte.
In einer Extension, die neun Wochen liegen gelassen werden
mußte, kam es schließlich zur Heilung. Bis dahin trat, so
uft wir den Versuch unternahmen, die Extension bis zu
24Stunden auszuschalten, immer wieder zunehmende Ver¬
kürzung ein. Wir haben die Verkürzung von 12 1 /* bis auf
2'tcm ausgeglichen, was in diesem Falle besonders viel
heißen will, als wir in den ersten drei Wochen nur ganz wenig
belasten konnten, da außerordentlich heftige Neuralgien in
den Beinnerven bestanden haben. Das nach neun Wochen
wfeenommene Rüntgenbild zeigt Ihnen, wie sich unter dem
Einflüsse der Extension die Knochensplitter, wenn ich so
^en darf, zurecht gefunden haben, wie sie sich richtig an-
ordneten, um den Defekt auszugleichen. (Abb. 10) zu Beginn
der Extension, (Abb. 11) nach der Extension.
Beim Major hatten wir bereits nacli sieben Wochen
mne sehr schöne Callusbildung, die Verkürzung von primär
cm war bis auf 1cm ausgeglichen. Da sich trotzdem
bei Weglassen der Extension im Verlaufe von 24 Stunden
we Verkürzung auf 3cm ausdehnte, so haben wir neuer¬
dings extendiert. Der Fall beweist, daß ein im Röntgen-
Fasse ich das Gesagte nochmals zusammen | so kann
ich folgende Sätze formulieren:
1. Jeder Knochen- und Gelenkschuß ist primär einfach
mit einem sterilen Deckverbande zu versehen und die be¬
treffende Extremität ist durch zweckmäßige Schienung ruhig
zu stellen.
2. Bei infizierten Schüssen
der Knochen und Gelenke ist
durch mehrfache, aber kleine
Incisionen für guten Abfluß
des Eiters zu sorgen, bei der
Drainage sind Gazestreifen zu
vermeiden und ausschließlich
Gummidrains anzuwenden.
3. Als Spülflüssigkeiten
bei dickem Sekret eignen sich
Wasserstoffsuperoxyd und For¬
malin, letzteres in 1- bis 4°/ 0 iger
Lösung.
4. Gleichzeitige Knochen¬
verletzungen sind zunächst ein
noli me tangere! Jede Sondie¬
rung ist zu unterlassen, weil
sie nur schaden kann! Eine
Kontrolle darf ausschließlich
durch das Röntgenverfahren geübt werden.
o. Boi Brüchen mit starker Verschiebung ist die Ex¬
tension das beste Verfahren, welche an der untern Extre¬
mität als Extension in Semiflexion und Suspension angelegt
werden soll.
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7.
14. Februar.
6. Au! die Entwicklung sekundärer Senkungsabscesse,
die sich durch Fieber und Schmerzhaftigkeit ankündigen,
ist genauestens zu achten, sie sind am tiefsten Punkte zu
incidieren.
7. Auf diese Weise erhalten wir viele Extremitäten
und können die Amputationen auf ein Minimum einschränken.
8. Gelenkversteifungen sind sekundär zu behandeln.
Dabei kommen die gewöhnlichen orthopädischen Maßnahmen,
gelegentlich die Mobilisierung der Gelenke durch Interposi¬
tion von Fascie in Betracht.
9. Es ist selbstverständlich, daß Geschosse nur zu ent¬
fernen sind, wenn sie ihrer Lage nach Störungen hervor-
rufen.
Lungenschiisse
von
Priv.-Doz. Dr. med. et phil. Heinrich Gerhartz, Bonn a. Rh.
Ueber das klinische Krankheitsbild nach Lungenschuß
findet sich in der Literatur noch wenig. Die Erfahrungen,
die ich während meiner Tätigkeit als Stationsarzt eines
Reservelazaretts sammeln konnte, mögen dazu beitragen,
die Symptomatologie zu beschreiben.
Die Verwundeten gaben meist an, sie hätten bei
der Verwundung das Gefühl plötzlichen Schmerzes gehabt,
„als wenn sie geworfen worden wären“. Einer sagte, er
habe die Empfindung gehabt, „als wenn er das Geschoß
umarmt hätte“. Fast alle fühlten sich schwer verwundet.
Einige konnten noch ein paar Schritte nach ihrer Verletzung
gehen, wurden dann aber schlapp und empfanden plötzlich
Luftmangel. Etwa ein Viertel der Leute wurde ohnmächtig.
Es kam also recht oft zum Shock.
Drei Viertel der Verletzten klagten noch nach mehreren
Tagen über Kurzatmigkeit; nur wenige litten unter Brust¬
beklemmung. Die meisten ermüdeten seitdem schneller und
bekamen leichter Herzklopfen. Bei einem Viertel der
Kranken war eine vorher nicht vorhandene Neigung zu
Nasenbluten aufgetreten, von dem ja bekannt ist, daß es
nach Lungenvenenkompression sich einzustellen pflegt, bei
einigen wenigen starkes Schwitzen.
Die Schmerzen, die einige Zeit nach der Verwundung bei
den meisten noch vorhanden waren, mußten auf die Schu߬
wunden bezogen werden. Sehr selten strahlten die Schmerzen
nach der Schulter der
betroffenen Seite hin
aus. Schmerzen ent¬
standen besonders beim
Ucberbiegen des Ober¬
körpers nach der ge¬
sunden Seite. Das ist
auf die Zerrung der
Gewebe an der Stelle
der Verletzung, even¬
tuell auch, bei den
Steckschüssen, auf den
Druck des Geschosses
gegen die Pleura zu¬
rückzuführen. Nur in
einem Falle, bei dem
kein Zeichen einer Re¬
aktion der getroffenen
Gewebe vorhanden war,
fehlte der Biegungs¬
schmerz.
Die Kranken schonten natürlich die Stelle der Ver¬
wundung. Sie schliefen deshalb bei seitlicher Verwundung
nicht auf der betreffenden Seite. Die meisten legten sich
auf den Rücken. Hinderte ein Erguß die Entfaltung der
einen Lunge, so schliefen die Verwundeten auf dieser Seite,
um die gesunde für die Ventilation ausreichend zur Ver¬
fügung zu haben, so wie das ja auch sonst bei Ergüssen
der Fall ist.
In fast der Hälfte der Fälle standen Schlüsselbein
und Schulterblatt auf der Seite der Verwundung tiefer.
Das betreffende Akromion wies bei mäßig tiefem Atmen
eine Verminderung seiner Beweglichkeit auf. Die verwun¬
dete Seite schleppte bei der Atmung nach, ja in den meisten
Fällen war die Atembewegung in der Umgebung der Ver¬
letzung aufgehoben. Es handelte sich hier um Fälle, bei
denen die Wunde schmerzte oder ein Erguß vorhanden
war. Hier war die Betastung der entsprechenden Inter-
costalräume schmerzhaft. Rigidität der Thoraxmuskeln, die
doch hätte erwartet werden können, fand sich nur sehr
selten, und zwar nur dort, wo ein großer entzündlicher Heid
auf der betreffenden Seite vorhanden war, beziehungsweise
in der Nähe eines Geschosses. Beteiligt waren hauptsäch¬
lich der Musculus pectoralis, seltener der trapezius.
Deutliche linksseitige Bauchdeckenspannung mit bald
vorübergehenden peritonitischen Reizerscheinungen fand sich
nur in einem Falle, in dem das Zwerchfell der betreffenden
Seite entzündlich mitbeteiligt war. Die Kugel saß im linken
Unterlappen.
Sowohl bei Durchschüssen wie bei Steckschüssen war
in der Hälfte der Fälle eine ziemlich starke Hämoptyse
aufgetreten. Meist wurde sofort Blut ausgespuckt, selten
erst nach einer Viertelstunde oder — bei nur sehr spär¬
lichem Blutgehalte des Auswurfs — einige Stunden später.
Nur da, wo eine sehr geringe Verletzung der Lunge statt¬
gefunden hatte, immerhin aber doch zu nachfolgender ge¬
ringer pleuritischer Exsudation geführt hatte, fehlte die
Blutung.
In einem Falle bestand zwei Monate lang allmählich
abnehmender und freie Intervalle aufweisender Bluthusten.
War das Blut aus dem Sputum verschwunden (gewöhnlich
nach ein bis zehn Tagen), so war noch einige Zeit hindurch
weißlich-schleimiger Auswurf vorhanden, der leicht heraus¬
befördert werden konnte und den Tag über gleichmäßig
verteilt war. In einem Falle waren im Auswurfe zahlreiche
Asthmakrystalle und Pigmentzellen vorhanden. Nie jedoch
war durch die Verwundung Asthma ausgelöst worden.
Bei drei Viertel der Fälle trat sofort, einmal nach
31/2 Stunden, einmal erst am fünften Tage nach der Ver¬
letzung, Husten auf. Gehustet wurde immer tagsüber, nur
selten auch nachts. Der Husten war nie so stark, daß er
mit Erbrechen einherging, aber fast stets mit stechenden
Schmerzen verbunden.
Die Atemzahl hielt sich in normalen Grenzen. l m
Fieber war sie der Temperatur entsprechend vergrößert.
Herztätigkeit und Puls wiesen keine Besonderheit
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14. Februar,
MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7.
au/ Der zweite Pulmonalton wurde in keinem Falle ver¬
stärkt gefunden. Auch wurde kein Pulmonalisgeräusch ge¬
hört. Wo ein großer Erguß bestand, kam es natürlich zu
Verschiebung des Herzens.
Stärkere Füllung der Brustvenen (Kompression der
Thorakalvenen) fand sich bei einem Viertel der Fälle, meist
auf der kranken Seite, einmal auch bei einem großen
Pleuraerguß auf der gesunden Seite. In den betreffenden
Fällen war der Schuß in der Höhe der zweiten Rippe vorn
durchgegangen. In einem Falle waren die Schläfenvenen
miterweitert.
Zu Fieber kam es nur bei Steckschüssen und auch
hier selten. Die Ursache war teüs eine entzündliche In¬
filtration der Lunge in der Nähe des Geschosses mit großem
Blutergüsse (Kurve 1), teils eine Pleuritis. Es wurde,
auch bei günstigem Verlaufe, Temperatursteigerung bis zu
39,7 0 C beobachtet.
In der Hälfte der Fälle war ein Pleuraerguß in den
ersten Tagen entstanden, einmal trat eine seröse Pleuritis
37 Tage nach der Verwundung unter plötzlichem Tempe¬
raturanstiege [bis 38,8o C (Kurve 2)], aber mit negativem
A- P. W. 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 48 44 45 46 47 48 49 60 61 Krank- kakteriolO-
io I i 1 I i 1-t-i" Mi I FH
Kurve 2.
Temperatur, Puls und Atmung bei einem Kranken
mit seröser Spatpleuritis nach Lungenschuß
(Steckschuß).
-- Warme. ----- Puls.
- AtmuDg.
to im 40,0 r i n i i i i f i i i i ~ i i i i i i -i Mts- gischen ße-
| — tag fund auf.
Nur zweimal
ai» s9,o _izp— JJ | | j _j—jZjwurde bei den
irr—Ergüssen
50 iio 88,0 4- I f| rk ft tf -fllfj .ij d r m~ Schwellung und
ZZZZZfl: JpPp Schmerzhaft ig-
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40 90 , 0 costaldriisen,
y'f*P p ~ einmalzwischen
ao to 36 ,o | 1 I prf ri--)- fünfter und
Il4rp~ ^ T-i j I sechster Rippe
~ 4 ! 1 ~~~~- in der mittleren
20 so 3^ - ‘“ H r — j ' - > | Axillarlinie,ein-
-^44— PTf ma ^ fünften
—- 4 T tzrr' Intercostalraum
10 30 34,1) L-L-L. 1 l I I I I - LlI LT] T I _LJ_J . ,
Kurve 2 . in . de r . Mam ‘
Temperat'ir, Puls und Atmung bei einem Kranken millarliniö, ge-
mlt seröser SP^P^rltis n ß ach Lungenschuß funden. Die Hl-
-- wiinne. - — - puls. tercostaldrüsen-
muDg ' Schwellung ging
nach der Pleuritis zurück. Etwas öfter waren die Achseldrüsen
auf der Seite derVerletzung geschwollen, gewöhnlich bei lokaler
Interhautzellgewebsentzündung in der Nähe des noch vor¬
handenen Geschosses, aber auch bei fieberlosem Ergüsse.
Pneumothorax habe ich nicht beobachtet, vielleicht
weil ich die Verwundeten frühestens am vierten Tage, ge¬
wöhnlich später, sah.
Alle Fälle, die meist nicht so beschwerdefrei waren,
wie es häufig geschildert wird, heilten bei lediglich kon¬
servativer Behandlung.
Allerdings war die Krankheitsdauer in einem Fall, in
dem immer wieder pneumonische Prozesse auftraten und
em großer Bluterguß bestand (siehe Kurve 1), sehr lang¬
wierig. Nach drei Monaten war jedoch der Prozeß soweit j
abgeheilt, daß der Kranke ohne Beschwerden war und auch
weh Anstrengung nicht mehr fieberte, ln solchen Fällen
ist anfänglich strengste Bettruhe mit Fixation der betreffen¬
den Brustseite indiziert.
Die Komplikationen, Pleuritis, Husten, Blutung, wurden
nach den üblichen Regeln behandelt.
Auch die Fälle mit relativ großen blutigen und serösen
Ergüssen verliefen bei konservativer Behandlung günstig.
Komplikationsloser weiterer Verlauf konnte bei Steckschüssen
in den ersten Tagen nicht bestimmt vorausgesagt werden,
da fieberhafte Pleuritiden noch spät auftraten.
^ erjauchte und eitrige Ergüsse habe ich nicht gesehen.
Aue dem Lazarett des Städtischen Krankenhauses Westend.
Flecktyphusartiger Verlauf von Genickstarre )
von
Prof. Dr. F. Umber.
M. H.! Gestatten Sie mir, Ihre Aufmerksamkeit für
einen kurzen Bericht einer Beobachtung in Anspruch zu
nehmen, die wir in den letzten Tagen an einem jungen
Rekruten aus dem Elisabethregiment im Krankenhause West¬
end machen konnten, eine Beobachtung, die, wie Sie mir
zugeben werden, unbedingt zur Diagnose Flecktyphus führen
mußte, bei der aber die Obduktion eine unerwartete Ueber-
[ raschung brachte.
Der Rekrut war vier Wochen vor seiner Erkrankung in der
Schloßkaserne eingestellt. Am 2. Januar 1915 Pockenimpfung, am 8. Ja¬
nuar Typhusimpfung, am 15. Januar Choleraimpfung. Am 6. Januar
zwei Tage revierkrank wegen leichter Influenzaerscheinungen.
Vom 3. Januar bis 17. Januar die Kaserne nicht verlassen. Am
17. Januar, Sonntag, Urlaub bis 12 Uhr nachts, aber keinerlei Berührung
mit Mannschaften, die im Osten gestanden.
Montag, den 18. Januar, leichtes Krankheitsgefühl, Leibschmerzen.
In der Nacht von Montag zu Dienstag Nasenbluten. Am Dienstag, den
19. Januar, vormittags, Teilnahme an der Instruktionsstunde bei schein¬
bar gutem Befinden. Unmittelbar danach starkes Krankheitsgefühl, Durch¬
fall, Erbrechen. 38,4 o Temperatur. Mittags Schüttelfrost, 41.4° Tem¬
peratur, heftigste Gliederschmerzen. Wegen Pneumonie verdacht im
Krankenhause Westend abends eingeliefert.
Befund an diesem Abende: Temperatur 40,6o. Sensorium frei,
schneller, fast unfühlbarer Kollapspuls. Schnupfen, Conjunctivitis, Schwel¬
lung von Rachengebilden und Zunge, diffuse Bronchitis, gelbliche Durch¬
fälle, in denen Streptokokken nachgewiesen wurden. Einzelne
Roseolen, ganz vereinzelte kleinste Petechien am Stamme!
Nacht von Dienstag zu Mittwoch Kollapsneigung, Delirien.
Mittwoch, den 20. Januar, vormittags, hohe Continua, Benommenheit,
Apathie, Status typhosus, heftige Schmerzen in Gliedern und Muskeln]
keine Spur von Nackensteifigkeit, MUzdäinpfung vergrößert, ln der
Oberbauchgegend einzelne blaßrote, kaum erhabene Roseolen,
zahlreiche Petechien am Bauche, vor allem am Rücken, den oberen
und unteren Extremitäten. Die Flecke waren blaurot, bis linsengroß
zum Teil konfluierend.
Angesichts dieser klinischen Erscheinungen: plötzlich
mit Schüttelfrost einsetzende Continua nach eintägigen Pro¬
dromalerscheinungen, Pulsbeschleunigung, Status typhosus,
heftige Glieder- und Muskelschmerzen, katarrhalische Er¬
scheinungen der Schleimhäute, Bronchitis, Milzschwellung,
Roseolen und Petechien in typischer Verbreitung, stellten
wir die Diagnose auf Flecktyphus, die insofern atypisch
war, als die Petechien schon am ersten und nicht erst am
dritten Tage nach dem Schüttelfrost aufgetreten waren.
Wir glaubten dies jedoch mit der Annahme einer besonders
foudroyanten Infektion erklären zu müssen: Typhus exanthe-
maticus siderans.
Wir verlegten den Kranken in die Isolierbaracke der Infektions¬
abteilung (Oberarzt Dr. Schultz), woselbst weiterhin eine negative
Wi dal sehe Reaktion im Blute festgestellt werden konnte, und das kul¬
turell in Blutagarplatten und Gallenkulturen verarbeitete Blut sich als
keimfrei erwies. Die morphologische Blutuntersuchung ergab: 26 000
Leukocyten im Kubikmillimeter, im gefärbten Ausstrichpräparat über¬
wiegen die polynucleären Leukocyten mit starker Linksverschiebung ira
Arnethsehen Sinne, zahlreiche Myelocyten, einzelne Plasmazellen; in
vielen Leukocyten zahlreiche Vacuolen. Keine eosinophilen Leukocyten,
keine Prowazekschen Einschlüsse.
Im Katheterharne (200 ccm) 6 0/^ Albumen, zahlreiche hyaline
und granulierte Cylinder, Epithelien der höheren Harnwege, Erythrocyten
und Leukocyten.
Im Laufe des Nachmittags wurden die Petechien noch zahlreicher
und erreichten zum Teil Pfennigstückgröße. Am linken äußeren Fu߬
knöchel eine kleinpQaumengroße Blase mit klarem, sterilem, serösem
Inhalte.
Am selben Tage, Mittwoch, den 20. Januar, 7 Uhr abends,
Exitus.
Eine Stunde vor dem Tode des Kranken hatte Herr
Oberstabsarzt Prof. Dr. Hübner, der größere persönliche
Erfahrung auf dem Gebiete des Flecktyphus besitzt, die
Freundlichkeit, den Kranken zu untersuchen: Auch er war
*) Mitgeteilt in der Sitzung der Berliner kriegsärztlichen Abende.
26. Januar 1915.
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7.
14 Februar.
m
der Meinung, daß an der Diagnose Flecktyphus kein Zweifel
sein könne, wenn bei dem Kranken irgendwie ein Kontakt
mit dom östlichen Kriegsschauplätze nachweisbar wäre.
Dieser Nachweis war freilich auch mittels sorgfältigster Er¬
hebungen nicht zu erbringen. Indessen erinnere man sich,
daß z. B. ein so ausgezeichneter Kliniker wie Trousseau,
der über eigne Erfahrungen verfügte, in seiner Clinique
m^dicale vom Jahre 1868 die Uebertragung des Flecktyphus
durch gesunde Zwischenträger „als unbestreitbare Tatsache“
darstellt. Da in der letzten Zeit in Berlin ganz vereinzelte
Flecktyphuserkrankungen und in größerem Umfang in den
Gefangenenlagern in der weiteren Umgebung Berlins vor-
gekommen sind, gehört also eine eventuelle Uebertragung
durch gesunde Zwischenträger, sofern man überhaupt diesen
Uebertragungsmodus anerkennen will, nicht zu den Unmög¬
lichkeiten.
Die Obduktion am nächsten Tage, die Herr Kollege
Benda an Stelle unseres im Felde stehenden Prosektors
Prof. Löhlein freundlicherweise ausführte, ergab nun das
überraschende Resultat, daß eine Leptomeningitis purulenta
der Konvexität sowie seröse Meningitis spinalis vorlag. In dem
Abstrichpräparat fanden sich gramnegative, zum Teil intra¬
cellulär gelegene Meningokokken; Blut, Spinalsaft sowie Milz¬
saft erwies sich dagegen völlig steril sowohl in aeroben wie
anaeroben Kulturen verschiedenster Art (Dr. Langer). So¬
mit lag also zweifellos ein sporadischer Fall von Ge¬
nickstarre vor.
Das klinische Bild der Genickstarre ist mir aus meinem
früheren Hamburg-Altonaer Wirkungskreise wohlbekannt,
weil ich in meiner damaligen Abteilung des Altonaer Kran¬
kenhauses in den Jahren 1906 bis 1908 mehrfach Epidemien
zu beobachten Gelegenheit hatte. Niemals habe ich aber,
weder bei Erwachsenen noch bei Kindern, einen derartigen
Verlauf unter stürmischem initialen Petechialfieber gesehen.
Und doch ist dies in der Geschichte der Genickstarre nichts
Unerhörtes. Gottstein hat im Jahre 1905 ausdrücklich
darauf aufmerksam gemacht 1 ) im Anschluß an eine Mit¬
teilung von Rad mann, der bei der oberschlesischen Ge¬
nickstarreepidemie vereinzelte Fälle mit initialem roseolären
— nicht petechialem! — Exanthem beobachtet hatte. Gott¬
stein weist bei dieser Gelegenheit darauf hin, daß die Ge¬
nickstarre erst vom Jahre 1805 an als selbständiges klini¬
sches Bild in der Literatur auftauchte und bis dahin offen¬
bar unter den typhusartigen Petechialfiebern figuriert habe.
Das kann doch wohl nur darin seinen Grund hauen, daß
der petechiale Charakter der Erkrankung früher das klini¬
sche Bild beherrscht haben muß. Und wenn im vergangenen
Jahrhundert Eichhorst in seiner Monographie über Genick¬
starre das Vorkommen von' Petechialfieber überhaupt nicht
erwähnt und Strümpell, Leube, Jochmann in ihren
neueren Schilderungen der Genickstarre das Vorkommen von
Exanthemen nur ganz flüchtig streifen, so ist dieErklärunghier-
für doch offenbar die, daß Petechialfieber heute nicht mehr zu
dem klinischen Bilde der Genickstarre gehört. Nur Knöpfel-
m ach er räumt den Exanthemen bei der Genickstarre etwas
breiteren Raum ein. Er zitiert hierbei eine Beobachtung
von Marcovich aus dem Triester Seuchenspital (1906), in
welcher ein flecktyphusartiger Verlauf bei einem gleichfalls
foudroyant und ohne Nackenstarre verlaufenen Falle von
Genickstarre geschildert wird. In diesem Falle fanden sich
aber im Gegensatz zu unserm Falle Meningokokken im
kreisenden Blute, sodaß dort mit Recht von Meningokokken¬
sepsis gesprochen wird.
Angesichts der erhöhten Seuchengefahr, die uns zurzeit
allerorts droht infolge der zahlreichen Berührungspunkte mit
dem östlichen Kriegsschauplatz, auf dem. wie mir Herr
Generalarzt Körting kürzlich sagte, augenblicklich alle nur
») D. m. W. 1905, Nr. 23.
vorkommenden Infektionskrankheiten mit Ausnahme der Pest
vertreten sind, halte ich mich aber für verpflichtet, Ihre
Aufmerksamkeit auf das Vorkommen eines echten initialen
Petechialfiebers bei stürmisch verlaufender Genickstarre ohne
Nackensteifigkeit hinzulenken.
Die Behandlung von Wunden unter besonderer
Berücksichtigung von Kriegsverletzungen mit
künstlichem Licht nnd die hierfür in Betracht
kommenden Apparate
(Vorläufiger Bericht)
von
San.-Rat Dr. Breiger, Berlin.
Wunden mit Licht zu behandeln, wurde von den Chirurgen
bis vor einigen Jahren noch allgemein für ein Unding gehalten,
darüber auch nur zu diskutieren für ZeitverschWendung. Erst
seitdem Bernhard und Rollier die Sonnenbehandlung chir¬
urgischer Fälle im Hochgebirge erprobt hatten und besonders der
letztere durch seine ausgezeichneten Erfolge bei der Behandlung
chirurgischer Tuberkulose die Aufmerksamkeit auf diese neue Be¬
handlung zog, hat sich diese auch in chirurgischen Kreisen einer
größeren Beachtung erfreut. Aber immerhin waren es in erster
Linie nur tuberkulöse Erkrankungen, bei denen man eine Be¬
handlung mit Sonnenlicht oder einem künstlichen Licht als Ersatz
der Höhensonne in Erwägung zog.
Die Lichtbehandlung auch auf andere Wunden und Ver¬
letzungen allgemein auszudehnen, stieß auf fast unüberwindbaren
Widerspruch, trotzdem schon seit Jahren überall dort, wo diese
Behandlung nur versucht wurde, 8tet9 gleich gute Resultate
erzielt wurden. Hier waren es vor allem schlecht granulierende,
stark secernierende Wunden, Furunkel und Karbunkel, Blutergüsse,
Quetschungen, bei denen die große Heil- und Resorptionsfähigkeit
des Lichtes sich deutlich zeigte; ebenso waren Lichtbestrahlungen
ein treffliches Mittel, selbst große Hautdefekte schnell und tadellos
zu vernarben.
Gerade diese schnelle Vernarbung großer Wundflächen trat
von Anfang an so auffallend in den Vordergrund, daß sie nicht
zu übersehen war. Schon im Kattenbrackerschen Leitfaden
„Das Lichtheilverfahren“ 1 ) finden wir sie besonders hervorgehoben
und auch ich halt« schon 1900 Gelegenheit, in dem unter meiner
Leitung stehenden Städtischen Krankenbause zu Osterode a. H. diese
Eigenschaft in zwei Fällen von ausgedehnten Haut Verlusten zu
beobachten 2 ).
Es war deswegen von großem Interesse, die Lichtwirtomg
auch bei Kriegsverletzungen zu erproben, um zu sehen, ob sich
hier dieselben Erfolge ergaben, wie sie seit 15 Jahren bei der
Wundbehandlung mit Licht sich stets zeigten. Auf meine Bitte
wurden mir von der Medizinalabteilung des Königlichen Kriegs-
miniateriums diese Versuche gestattet und mir vom SaDitätsamte
des Gardekorps hierzu das Reservelazarett I angewiesen, um Ver¬
wundete mit meinen dort aufgestellten Apparaten zu behandeln.
Nach viermonatlicher Beobachtung hei einer Reihe der verschiedensten
Verletzungen kann heute schon mit Bestimmtheit gesagt werden,
daß Kriegsverletzungen unter Lichtbehandlung dieselben guten
Erfolge zeigen wie andere Wunden. Nach Abschluß der Behandlung
werde ich eingehender darüber berichten. Heute möchte ich meine
bisherigen Beobachtungen provisorisch kurz zusammenfasson und
daran einige Worte über die Behandlung selbst knüpfen. Behandelt
wurden bis jetzt 65 Fälle.
Der Vorteil der Lichtbehandlung besteht wesentlich in fol¬
genden Punkten. Die Lichtbehandlung erzielt:
1. schnelle Vernarbung und gute und widerstandsfähige Narbe;
2. rasche Einschränkung profuser Eiterabsonderung;
3. schnelle Reinigung der Wundflächen durch promptes Ab¬
stößen nekrotisierender Gewebe (auch Knochennekrosen scheinen
sich schneller und schmerzloser zu lösen und abzustoßen);
4. gutes Anlegen der Schußkanäle und Höhlenwunden;
5. rasche Resorption blutiger und seröser Infiltrate in der
Umgebung der Verletzungen;
h Verlag V/. Berndt. Berlin 1899. J H „
a ) Einige chirurgische Fälle ans der Lichtheilaastftlt Osterode, Hs
(Arch. f. Lichttherapie 1902/4).
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UNIVERSUM OF IOWA
14. Februar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7.
189
6. fast ausnahmslos Herabsetzung der Schmerzen, ja bis
mm völligen Verschwinden derselben.
Um auf die Behandlungsweise zu kommen, so werden vier ver¬
schiedene Apparate zur Lichtbehandlung verwendet. Die einfachsten
Apparate für diese Behandlung sind die Elektrosole, gewölbte
üeberlegapparate, an deren Wölbung sechs bis zwölf Glühlampen
montiert sind. Diese primitiven Lichtapparate, die sich wohl in
allen großen und kleinen Krankenhäusern finden und dort für alle
möglichen Zwecke als Schwitz- und Heißluftapparate angewandt
werden, können sehr gut auch zur Wundbehandlung verwandt werden,
wenn man sie nur richtig zu benutzen versteht. Man benötigt nur,
die für gewöhnlich in den Vordergrund tretende Wärmewirkung zu
mildern, indem man die Apparate vorn und hinten nicht verdeckt,
sondern offen läßt, sodaß immer frische Luft hindurchstreichen kann.
Sofort tritt die Wirkung der Lichtstrahlen mehr zutage. Mit diesen
primitiven Apparaten kann man bei der Wundheilung schon ganz
hübsche Heilresultate erzielen; meine beiden obenerwähnten Fälle sind
mit solchen Apparaten behandelt, da mir damals andere Apparate im
Krankenhause nicht zur Verfügung standen; freilich waren die
Apparate mit blauen Glühlampen montiert. Auch die Goldscheider-
Mininsche Bestrahlungslampe ist ein ähnlicher Apparat und in
Ermangelung eines besseren für Behandlung kleiner Wunden sehr
gut brauchbar.
Größere Apparate für die Lichtbehandlung von Wunden sind
die Kohlenbogenlichtscheinwerfer. Sie sind die gebräuchlichsten
Apparate für diese Behandlung und werden auch von mir seit
15 Jahren zu diesem Zwecke verwandt. Sie liefern ein durch einen
Parabolreflektor mäßig konzentriertes Licht, welches auf die in
Entfernung von 1V 2 bis 2 m sich befindende Wunde so konzentriert
gerichtet wird, daß dasselbe auf der Haut nur angenehm warm —
jedenfalls nicht heiß — empfunden wird. Die Bestrahlung wird
bis za einer halben Stunde und länger ausgedehnt; Vorgesetzte
blaue und rote Scheiben ermöglichen, farbige Lichtstrahlen aus dem
weißen Licht auszuscheiden und diese allein zur Behandlung zu
verwenden.
Neuerdings wird die künstliche Höhensonne (ultraviolette
Bestrahlung mit der Quecksilberdampflampe) von verschiedenen
Seiten zur Wundbehandlung mit Erfolg benutzt. Das stark ultra-
Tioletthaltige Licht erlaubt wegen seines starken Hautreizes nur
kurze Bestrahlung von 5 bis 10 Minuten Dauer.
Endlich hat König (Marburg), welcher den Mangel an roten
Strahlen in der künstlichen Höhensonne (Quecksilberdampflampe)
unangenehm empfand, da er diese Strahlen zur Wundbehandlung
nicht entbehren mochte, diese Lampe mit einem Kranze von
Glühbirnen umgeben (Königsche Lampe). Auch hier kann die
Behandlung nur kurze Zeit vorgenommen werden, da die Glüh¬
lampen die reizende Wirkung deB Ultravioletts nicht fortschaflfen
können.
Da ich die künstliche Höhensonne auch seit 1908 zur Wund¬
behandlung benutze und augenblicklich im Reservelazarett neben
meinen zwei Kohlenbogenlichtscheinwerfern auch eine Königsche
Lampe, die ja nach Ausschaltung des Glühbirnenkranzes auch als
Höhensonne verwandt werden kann, im Gebrauche habe, so war es
mir möglich, vergleichende Versuche über die Zweckmäßigkeit der
^erechiedenen Lichtapparate zur Wundbehandlung anzustellen, zu¬
mal meine langjährige Erfahrung auf diesem Spezialgebiete mir
eiae richtige Beurteilung erleichtert.
Wie die guten Erfolge mit den verschiedenen Lichtkompo-
siUonen in den zur Behandlung benutzten Apparaten zeigen, haben
<iie Lichtbestrahlungen, welche ja bekanntlich auch sonst auf Stoff¬
wechsel und Blutbildung anregend wirken, insbesondere auch auf
wundheiluog einen hervorragenden Einfluß. Man möchte daher
v on vornherein anzunehmen geneigt sein, daß es ziemlich gleich¬
gültig ist, ob man Glüh- oder Bogenlicht, ob weiße, ob rote, blaue
oder ultraviolette Lichtstrahlen wählt. Das ist jedoch durchaus
nicht der Fall. Wohl hat jede Lichtbestrahlung wundheilende
lendenz und doch haben wieder die verschiedenen Lichtstrahlen
'«sondere Eigen Wirkungen, die man kennen und benutzen, respektive
ausschalten muß, wenn man schnell zum Ziele kommen will, zumal
nach die individuelle Empfindlichkeit der Haut oft eine Modifikation
der Strahlung verlangt.
In jedem Lichte pflegen wir eine rotgelbe und eine blau-
Spektiumseite zu unterscheiden, deren verschieden-
Nge Wirkungen bei der Wundheilung deutlich hervortreten. Die
f’ l! e [ ins Gewebe eindringenden Lichtstrahlen erzielen in
pin 1 , * ! e ^ era ll, wohin sie dringen, also auch in der Tiefe,
6 * r äfoge arterielle Hyporämie, eine Blutdurchtränkung der
verletzten Teile und ihrer Umgebung. Dadurch regen sie die
Granulationsbildung an und füllen Weichteildefekte, Höhlen usw.
schnell mit neuem Gewebe. Daneben wirken rote Lichtstrahlen
entzündungshemmend und austrocknend. Die blau-ultravioletten
Strahlen sind bekanntlich stark bactericid. Hierauf legte man
früher allein Gewicht und hielt deswegen eine Tiefenwirkung dieser
Strahlen für ausgeschlossen, da sie ja schon in den oberflächlichen
Gewebesehichten zugründe gehen. In der Tat kommt aber die
bactericide Wirkung der blauvioletten Strahlen bei der Wund¬
heilung nur wenig in Betracht. Dagegen ist die mehr oder weniger
reizende Wirkung dieser Strahlen, die um so stärker ist, je reicher
ihr Gehalt an Ultraviolett ist, zur Wundheilung von wesentlichem
Nutzen, da sie auch indirekt auf die tieferliegenden Teile und den
ganzen Heilungsprozess ihren Einfluß ausübt. Im gemischten
weißen Lichte treten beide Wirkungen gleichmäßig in Kraft. Wir
werden also im weißen Lichte die beste Aussicht auf schnelle
Heilung haben und uns desselben in erster Linie bedienen, während
wir von den roten resp. blau-ultravioletten Strahlen allein nur dann
Anwendung machen, wenn wir bei bestimmten, an der Wunde in
Erscheinung tretenden, anormalen Veränderungen für kurzo Zeit
die eine oder die andere Wirkung des Lichtes mehr in den Vorder¬
grund treten lassen wollen.
Auch die Wundheilung im Sonnenlichte zeigt uns, daß eine
Lichtmischung rascher wirkt als die andere. So sind mit der
Sonne des Mittelgebirges und vor allem mit der Sonne der Tief¬
ebene nie die gleichen Resultate in derselben Zeit zu erzielen, wie
mit der Sonne des Hochgebirges. Es fehlt der Sonne der Ebene
die genügende Menge Ultraviolett; daher heilt sie langsamer.
Dasselbe gilt von der Glühlampe. Deswegen sind die Ueberleg-
apparate und die Goldscheider-Mininsche Handlampe auch lang¬
samer heilend.
Am ähnlichsten der Hochgebirgssonne in der Zusammen¬
setzung der Lichtstrahlen, ist das Licht des Kohlenbogonlicht-
scheinwerfers. Es sind deswegen auch die Resultate der Wund¬
behandlung mit diesem Scheinwerfer denen der Hochgebirgssonne
am gleichwertigsten.
Die künstliche Höhensonne (Quarzlampe) hat überhaupt keine
roten Strahlen, dagegen hat sie einen viel stärkeren Gehalt an
Ultraviolett als die Hochgebirgssonne. Sie ist daher zu stark
reizend und deswegen für eine dauernde Lichtbehandlung von
Wunden weniger zweckmäßig. Dasselbe gilt von der Königschen
Lampe. Will man nämlich das Licht ihres Glühbirnenkranzes
zur vollen Wirkung bringen, so muß man den zu behan¬
delnden Körperteil ziemlich nahe an die Lampe heranbringen, da
sonst die Lichtintensität der Glühlampen zu gering ist; hierdurch
wird aber die Wirkung der ultravioletten Strahlen der Quarzlampe
so stark, daß die Bestrahlung nur kurze Zeit erfolgen kann, wenn
man zu starke Reizzustände der Wundumgebung vermeiden will.
Diesem Uebelstande will die Quarzlampen-Gesellschaft durch Vor¬
schalten eines Uviolglases vor die Quarzlampe abhelfen, da dieses
Glas viel Ultraviolett absorbiert. Theoretisch ist dies wohl aus¬
führbar; inwieweit dies aber bei der Königschen Lampe praktischen
Wert besitzt, konnte ich leider bis jetzt nicht feststellen, da mir
diese Vorschaltung nicht zu Gebote stand. Jedenfalls wird die
komplizierte und unhandliche, die Behandlung erschwerende Kon¬
struktion dieser Lampe noch komplizierter, besonders wenn man
diese Lampe noch zu den vielseitigen andern therapeutischen
Zwecken (Dermatologie und Allgemeinbehandlung), für welche sie
ausgezeichnete und nicht zu ersetzende Dienste leistet, verwenden
will, da das ständige Ab- und Anmontieren große Zeitverluste
verursacht.
Soll aber eine Wundbehandlung mit Licht auch in größeren
Krankenhäusern durchgeführt werden, so kommt es in erster Linie
auch auf Zeitersparnis an. Auch aus diesem Grund ißt die Be¬
handlung mit dem Kohlenbogenlichtscheinwerfer vorzuziehen, da es
möglich ist, mit einem Apparat, wenn man die Verletzten nur richtig
aussucht und gruppiert, zwei bis drei Verletzte gleichzeitig zu
behandeln. Hierdurch wird nicht allein viel Zeit gespart,
sondern die Behandlung selbst wird so wesentlich verbilligt, daß
der Kostenpunkt keine Rolle mehr spielt. Auch kann die Behandlung
sehr wohl von einem geschulten Wartepersonai ausgeführt werden,
sofern nur der Arzt jedesmal die richtige Anweisung gibt und die
Behandlung ab und zu kontrolliert.
Gestützt auf meine langjährigen Erfahrungen pflege ich heute
die Wundbehandlung iu folgender Weise zu handhaben: Stets be¬
ginne ich mit einer Weißlichtbestrahlung von 10 bis 15 Minuten,
die ich täglich um 5 bis 10 Minuten je nach dem Aussehen der Wunde
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UNIVERSUM OF IOWA
190
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7.
14. Februar.
verlängere, bis ich auf 30 Minuten gekommen bin. Treten im Laufe
der Behandlung zu üppige Granulationen auf, so schalte ich einige
Tage eine Blaulichtbestrahlung ein, oder ich gebe eine einmalige,
kurze Bestrahlung mit der Quarzlampe. Bei schlaffen Granulationen
verwende ich für gewöhnlich ein- oder mehrmals Rotlicht, ebenso
verwende ich das Rotlicht, wenn auf irgendeine Weise einmal eine
zu starke Entzündung (Licht- oder anderes Erythem) eingetreten
ist. Hat dagegen eine Wunde durchaus keine Heilungstendenz, so
ist meistens das Rotlicht zu schwach und es ist vorübergehend ein
starker Reiz, wie ihn das Blaulicht oder das Ultraviolett der Quarz¬
lampe biotet, notwendig. Sobald aber eine gute Heilungstendenz
sich zeigt, tritt sofort das Weißlicht des Kohlenbogenlichtschein¬
werfers wieder in Tätigkeit. Endlich möchte ich noch auf einen
wichtigen Punkt aufmerksam machen, den man bei der Lichtbehand¬
lung von Wunden nicht übersehen soll. Antiseptische Mittel und
Lichtbehandlung vertragen sich für gewöhnlich schlecht. Ich ver¬
wende daher zum Verband ausschließlich sterilen Verbandstoff und
nur, wenn ich ein Ankleben desselben an die Wunde vermeiden will,
reines Vaselin oder leichtes Borvaselin; nur wenn die Wunde einen
feuchten Verband erfordert, benutze ich essigsaure Tonerde oder
lieber Alsollösung hierzu.
Zum Schlüsse möchte ich nicht unerwähnt lasseü, daß unter
den im Reservelazarett behandelten Fällen sich auch ein Fall mit
einem großen luetischen Hautulcus (zirka 5 cm im Durchmesser), ein
Fall schwerer Acne der Brust, Rücken und Nackens und ein Fall
von Furunkulose des Gesäßes (Kavallerist), alles typische Fälle für
die Ultraviolettbestrahlung, befanden; sämtliche drei Fälle waren
zum Teil recht lange mit den sonst üblichen Mitteln erfolglos be¬
handelt und heilten unter Höhensonnenbehandlung in der bekannten,
kurzen Zeit.
Anmerkung zu den „zwölf Geboten“
von Professor Uitschl-Freiburg
von
Prof. Dr. 0. Vulpius, Heidelberg.
Wo immer die Überall in Deutschland sich jetzt entfaltende Für¬
sorge für Kriegskrüppel erörtert wird, betont man mit Recht in erster
Linie die Wichtigkeit der Prophylaxe. Und darum bilden die „Zwölf
Gebote“, für deren Aufstellung und weiteste Verbreitung Herr Kollege
Ritschl in Freiburg besorgt war, gewiß eine dankenswerte Anleitung
für Aerzte, denen Grundregeln der Orthopädie nicht ganz geläufig sind.
Gegen das „sechste Gebot“ aber schleunigst Stellung zu nehmen,
halte ich mich für verpflichtet, weil dessen Befolgung mit Notwendigkeit
viel Unheil Dach sich ziehen wird.
Es wird darin empfohlen, das Schultergelenk, wenn die Möglich*
keit seiner Versteifung vorliegt, zu fixieren „in der üblichen durch ein
Tragtuch (Mitella) gesicherten Ruhelage“. Das heißt, es soll der Arm
in Adductionsstellung versteifen. Die schweren funktionellen Störungen
gerade dieser Stellung haben wir alltäglich zu beklagen und zu be¬
kämpfen überreichlich Gelegenheit. Auf der andern Seite aber wissen
wir, wie erstaunlich leistungsfähig ein gelähmter Arm wird, wenn er
durch die Schulterarthrodese in Abduction fixiert wird.
Das zur Versteifung neigende oder verurteilte Schultergelenk muß
also durch geeignete Schienenverbändo (Triangelschienon, Gipshohlschienen
usw.) unbedingt einer Abductionsstellung beziehungsweise -Ankylosierung
zugeführt werden, indem wir den Arm in annähernd horizontale Lage bringen.
Die Mitella ist ein gefährlicher Feind des Schalter-
gelenks. Dies zur Warnung, deren möglichst schnelle und weitgehende
Verbreitung mir dringend angezeigt erscheint.
Klinische
Aus der K. K. Universitätsfrauenklinik zu" Graz
(Vorstand: Prof. E. Knauer).
lieber die Nierenbeckenentzündimg der
Schwangeren 1 )
von
Privatdozent Dr. R. Franz,
zurzeit K. K. Regimentsarzt im Landwehrinfanterieregiment Nr. 4.
M. H ! Während sich die Urologie als selbständiges
Fach von der allgemeinen Medizin abgespalten und weiter-
entwickelt hat, steht die Frauenheilkunde im Begriff, ihre
Interessensphäre immer mehr auf das urologische Gebiet
auszudehnen. Das Recht zu dieser Besitzergreifung leitet
sich aus dem Umstand ab, daß infolge der topographischen
Nachbarschaft und der funktionellen Abhängigkeit zwischen
Harnapparat und Geschlechtswerkzeugen die engsten Wechsel¬
beziehungen bestehen. Wenn in der letzten Zeit auf die Bedeu¬
tung der Erkrankung der Harnorgane für die Schwangerschaft
hingewiesen wird, so ist besonders jene Komplikation gemeint,
die mit dem Namen Pyelitis gravidarum bezeichnet wird.
Wir verstehen unter diesem Leiden eine durch bakterielle
Infektion bedingte entzündliche Erkrankung des Nieren¬
beckens, die in der Schwangerschaft manifest wird.
Die Nierenbeckenentzündung der Schwangeren wurde
im Jahre 1871 zuerst von Kaltenbach beschrieben und
weiterhin besonders von den Franzosen beobachtet. In der
deutschen Literatur wurde erst in den letzten Jahren auf
diese wichtige Schwangerschaftskomplikation von Stoeckel,
Mirabeau, Zangemeister und Andern mit Nachdruck
hingewiesen.
Die Pyelitis wird ohne Zweifel häufig erst durch die
Schwangerschaft veranlaßt. Wir sprechen daher berech¬
tigterweise von Pyelitis gravidarum. Nach der Statistik
von Albeck entfallen 0,67 o/o der Schwangeren auf Pyelitis.
In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle erkrankt die
’) Probevorlesung, gehalten am 8. Juni 1914 zur Erlangung der
Venia legendi.
Vorträge.
rechte Niere, sodaß sich die Zahl der Erkrankungen der
rechten Niere zu denen der linken ungefähr wie 3:1 ver¬
hält. Nur selten kommt es zur beiderseitigen Nierenbecken¬
entzündung.
Sehr charakteristisch für das Leiden ist das Auftreten
in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft, besonders im
fünften bis achten Monate. Wenn wir uns die Frage
stellen, warum die Erkrankung gerade in der zweiten Hälfte
der Schwangerschaft zur Beobachtung kommt, so müssen
wir uns erst über die Aetiologie des Leidens ein Bild
machen.
Ursache und Bedingungen für das Auftreten der
Pyelitis sind noch keineswegs vollständig geklärt. Als Tatr
Sache steht nur fest, daß ein Infektionsprozeß vor sich
geht und daß eine Harnstauung vorhanden sein muß.
Letzterer Umstand ist vielleicht sogar das Wesentliche.
Jolly fand bei 13,6% der Schwangeren eine Ureterdilatation, die
in 10,3 °/o den rechten, in 0,8 % den Unken und in 2,5 °/o beide Ureteren
betriflt. Nach Weibel zeigten sich sogar bei 47% der normalen
Schwangeren Stauungserscheinungen im Ureter.
Aus diesen Zahlen geht hervor, daß Stauung im
Harnleiter und im Nierenbecken bei Schwangeren häufig zu
beobachten ist. Daß nun die Pyelitis mit dieser Harnstau*
ung und Ureterdilatation im Zusammenhänge stebt, beweist
mit einiger Wahrscheinlichkeit der Parallelismus zwischen
der Häufigkeit der Dilatation des rechten Ureters und der
Erkrankung des rechten Nierenbeckens. Zangemeister
und Andere konnten ferner zeigen, daß manchmal die Pyelitis
nur dadurch geheilt wurde, daß durch einen Ureteren-
katheteri8mus die Harnstauung behoben wurde.
Wodurch und an welcher Stelle diese Stauung
zustande kommt, wird von den verschiedenen
Autoren verschieden erklärt.
Zu einer Stauung im Harnleiter oder im Nierenbecken
kann es einerseits infolge Rückstauung von in der
Blase angesammeltem Harne kommen. Diese An¬
nahme trifft wohl nur in seltenen Fällen zu, da dio Ureter-
i papillen einen relativen Verschluß der Blase gegen die
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UNIVERSITÄT OF IOWA
1016 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7.
191
14. Februar.
Ureteren darstellen. Anderseits jedoch kann die Stauung
in den oberen Harnwegen durch Stenosierung infolge
Druck, Zug oder Schwellung der Ureterenwandung
bedingt’werden. Man hat gemeint, daß der wachsende
Uterus oder der vorangehende Kindesteil durch direkte
Kompression den Harnabfluß im Ureter hemme. Diese An¬
nahmen sind wohl möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich,
da die Kompression durch den vergrößerten Uterus sich
hauptsächlich im vierten bis fünften Monate bemerkbar
machen müßte, indem er auf den intrapelvinen Teil des
Ureters drückt. Die Pyelitis tritt jedoch fast stets im
fünften bis achten Monate der Schwangerschaft anf. Wenn
anderseits der Druck des vorangehenden Kindesteils zu be¬
schuldigen wäre, müßte das Auftreten der Erkrankung in
das Ende der Schwangerschaft fallen. Viel häufiger dürfte
es rar Ureterstenosierung infolge Zugwirkung an dem¬
selben durch den wachsenden Uterus kommen, der außer¬
dem in den überwiegenden Fällen eine Dextroversio
und Dextrotorsio erfährt. Wenn wir annehmen, daß
diese Zugwirkung zu einer Längsstreckung oder stär¬
keren Biegung des im kleinen Becken liegenden
Ureterteils führt, so läßt sich auch das häufigere Auf¬
treten der Harnstauung im rechten Harnleiter ungezwungen
erklären. Schließlich haben Mirabeau, Hartmann und
Andere gemeint, daß Ureter- und Blasenschleimhaut an der
allgemeinen Hyperämie der Organe des kleinen Beckens
teilnehme und daß durch eine Schwellung der Ureter¬
oder Blasen Schleimhaut der Ureter verengt oder verlegt
werde. Diese Schwellung der Schleimhaut besteht sicher zu
Recht, dürfte aber nur als ein Nebenbefund zu deuten sein.
Stoeckel ist der Ansicht, daß die Stauung im Harn¬
leiter nicht an einer beliebigen SteUe vorkomme, sondern
daß die schon physiologisch engen Stellen des Harnleiters
infolge der eben erwähnten Momente sich in der Schwanger¬
schaft zu pathologischen Verengerungen herausbilden können.
Von den drei physiologischen Verengerungen liegt die erste
dicht am Nierenbecken, die zweite dicht unterhalb der Linea
innominata und die dritte kurz vor der Einmündung in die
Blasenwand. Stoeckel vermutet, daß die Harnstauung an
der mittleren oder unteren Verengerung erfolge.
Der zweite ätiologische Faktor bei dem Zu¬
standekommen der Pyelitis ist die Infektion. Die
Frage, ob die Stauung vor oder nach der Infektion
raftritt, ist heute noch nicht entschieden. Die Mebr-
aahl der Autoren stimmt darin überein, daß die Stau-
ong meist das Primäre ist. Das geht zum Teil aus der
Anamnese der Fälle, zum Teil aus der Häufigkeit der Ureter-
düatation ohne Pyelitis hervor. Alb eck dagegen sucht aus
seinen Krankengeschichten zu beweisen, daß in manchen
Fällen schon vor der Gravidität eine Infektion vorhanden
gewesen sein könnte; dann wäre die Stauung sekundär. In
letzter Zeit hat K ermann er zu beweisen versucht, daß die
Nierenbeckenentzündung in der Schwangerschaft überhaupt
tticht als eine Neuerkrankung der Frau aufzufassen sei,
sondern als Rückfall einer meist in der Kindheit erworbenen
Pyelocystitk Wenn diese noch nicht gestützte Vermutung
richtig ist, so wäre die in der Schwangerschaft auftretende
Hamstauung als sekundär aufzufassen.
Unter den Infektionserregern Überwiegt vor allen
andern das Bacterium coli, demgegenüber die andern
Keime Streptokokken, Staphylokokken, Gonokokken,
Tnberkulosebacillen, Fraenkelscher Pneumokokkus
andFriedlaenderscher Bacillus an Häufigkeit weit zurück¬
treten.
Woher und auf welchem Wege gelangen nun
diese Keime in das Nierenbecken?
Obwohl auch diese Frage heute noch umstritten ist, so
können wir doch im allgemeinen sagen, daß der Infektions-
io nach der Art und Herkunft der Keime ein ascen-
dierender und descendierender sein kann. Wir ziehen von
allen die Colibakterien als die häufigsten Pyelitiserreger in
Betracht.
Stoeckel, Opitz stellen die ascendierende Infek¬
tion von der Blase aus nach einer oft unbedeutenden
Cystitis als wahrscheinlich hin. Der Infektionsweg wäre
also: Urethra, Blase, Ureter, Nierenbecken. Die Bakterien¬
invasion in die Blase muß dabei in der Weise vor sich
gehen, daß die Colibakterien die regelmäßigen Bewohner der
Vulva und des Orificium urethrae externum sind, bei der
Cohabitation — man spricht auch von einer Deflorations¬
pyelitis — in die Harnröhre gelangen und sich infolge der
Hyperämie der Blasenschleimhaut ansiedeln. Wenn auch in
der Schwangerschaft eine erhöhte Disposition für eine Cystitis
zu Recht bestehen mag, so ist damit noch keineswegs be¬
wiesen, daß die Keime den Verschluß der Harnleitermündungen
überwinden und gegen den Harnstrom zum Nierenbecken
emporwandern können.
Bauereisen bat neuerdings gezeigt, daß eine Ascendenz patho¬
gener Keime aus der Blase in das Nierenbecken durch die Lymphbahnen
des Ureters stattfinden kann. Dieser Infektionsmodos dflrfte jedoch für
die Schwangerschaft kanm in Betracht kommen. Das gleiche gilt von
den Tierversuchen F. H. Thiele s, die ergaben, daß auch die Schleim¬
haut der Harnröhre für Keime leicht durchgängig sei und daß
die Keime auf dem Wege der periureteralen und perirenalen Lymph¬
bahnen in den Ductus thoracicus und von da ins Blut kamen, von
wo aus sie dann in den Harn gelangen können, dabei geschieht hier
die Infektion des Harns nicht direkt von der Lymphb&hn, sondern von
der Biutbahn aus.
Den descendierenden Infektionsweg bei der Pyelitis
gravidarum haben die französischen Autoren angenommen,
denen sich in letzter Zeit auch die deutschen größtenteils
anzuschließen scheinen. Für die Auffassung des descen¬
dierenden Infektionsmodus spricht vor allem die Tatsache,
daß die meisten Pyelitiden ohne Erkrankung der Blase
verlaufen.
Für die Descendenz der Infektion liegen zwei Wege
vor: einerseits die Blutbahn und anderseits die Lymphbahn.
In beiden Fällen stammen die Infektionserreger vom Darm.
Eine sehr wesentliche Stütze erfährt diese Annahme durch
die Tatsache, daß fast alle typisch verlaufenden Pyelitiden
durch Bacterium coli bedingt sind, die ständige Bewohner
des Darmes sind. Während die gesunde Darmwand unter
normalen Verhältnissen nach Meyer-Betz den Durchtritt
von Keimen nicht gestattet, können bei chronischen Darm¬
erkrankungen, bei chronischer Obstipation, im Hunger¬
zustande Bakterien die Darmwand durchwandern. Unter
jenen Umständen nun kann das Bacterium coli entweder
indirekt auf dem Blutwege durch die Glomeruli in das Nieren¬
becken gelangen oder die Infektion kann auf den Lymph¬
bahnen, die das Colon ascendens und descendens mit der
Niere verbinden, zustande kommen. Letzterer Weg ist der
häufigere.
Wenn nun außer dem Uebertritte von Keimen in
das Nierenbecken noch eine Stauung im Harnleiter vor¬
handen ist oder dazukommt, so entsteht eine Nierenbecken¬
entzündung.
Nach dem heutigen Stand unserer Kenntnisse müssen
wir annehmen, daß Coli, Staphylokokken und Streptokokken
ascendierend und descendierend in die oberen Harnwege ge¬
langen können, daß die Tuberkelbacillen stets descendierend,
die Gonokokken stets ascendierend zur Infektion des Nieren¬
beckens führen.
Durch welche Symptome werden wir auf das Be¬
stehen einer Pyelitis aufmerksam? Die Erkrankung
setzt meist plötzlich ein, manchmal sind vor dem Beginne
der eigentlichen Erkrankung Stuhlverstopfung oder Koliken
im Unterbauche zu beobachten. Nur sehr selten gehen
cystitische Erscheinungen voraus. Die Krankheit tritt fast
stets unter dem Bilde einer schweren ADgemeinerkrankung
auf: Hohes Fieber, Schüttelfröste, Erbrechen, manchmal
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7.
14. Februar.
Diarrhöen, Leib- und Kreuzschmerzen, Pulsbeschleunigung,
Druckschmerzhaftigkeit des Mac Barwaysehen Punktes.
Manchmal ist die Niere druckschmerzhaft und vergrößert
zu tasten, manchmal ist der Ureter als schmerzhafter
Strang vor der Kreuzhüftfugo nachweisbar, wenn durch
die Bauchdecken palpiert wird oder an der Steile, wo
der Ureter die vordere Vaginal wand kreuzt, wenn vaginal
untersucht wird. Nicht selten ist auch ein Ikterus nach¬
weisbar.
In allen jenen Fällen, die derartige Symptome zeigen, i
muß der Harn untersucht werden. Der Harn kann im Be- J
ginn oder auch im Verlaufe der Erkrankung vorübergehend
bakterienfrei sein, meist jedoch enthält er reichlich Keime,
ferner Eiterzellen, manchmal auch rote Blutkörperchen und
geschwänzte Epithelien der oberen Harnwege.
Chemisch ist fast stets Eiweiß nachweisbar, besonders
stark bei Miterkrankung des Nierenparenchyms, bei Pyelo¬
nephritis, wo wir auch Cylinder im Sediment finden. Die
Reaktion des Harnes ist meist sauer.
Die Harnmenge ist häufig infolge der Störung der
Nierensekretion vermindert. Das specifische Gewicht des
Harnes ist erhöht. Zur sicheren Identifizierung des Infek¬
tionserregers gehört das Kulturverfahren, das meist Bac-
terium coli in Reinkultur ergibt.
Zur Sicherstellung der Diagnose gehört weiterhin
die Cy stoskopie und der Ureterenkatheterismus. Bei
der Cystoskopie zeigt die Blase meist nur eine stärkere
Injektion und Schwellung der Schleimhaut, die für die
Schwangerschaft charakteristisch sind. Häufig ist die
Papille des kranken Harnleiters geschwellt, manchmal ge¬
rötet. Pathognomonisch für die Pyelitis ist, daß der Ureter j
der kranken Seite meist trüben Harn in unregelmäßigen
Pausen ausstößt oder überhaupt nicht funktioniert.
Durch den Ureterenkatheterismus läßt sich feststellen,
ob und wo eine Harnstauung besteht. Nach Stoeekel sind
die beiden unteren physiologischen Verengerungen des Harn¬
leiters an der Linea inominata und kurz vor der Ein¬
mündung in Blase die Ursachen der Passagestörung. Häufig
geht nach Ueberwindung des Passagehindernisses durch den
Katheterismus reichlich trüber Harn ab. Der Ureterenkathe¬
terismus allein ermöglicht weiterhin, den Harn einer Niere
isoliert aufzufangen, um eine exakte bakteriologische Dia¬
gnose zu stellen.
Wenn diese Untersuchungsmethoden allein eine über
allen Zweifel erhabene Diagnose auf Pyelitis ermöglichen,
so sind wir doch auch imstande, aus den klinischen Sym¬
ptomen die Diagnose auf Pyelitis zu stellen; nur müssen
wir dabei berücksichtigen, daß Verwechslungen mit Appen-
dicitis, Gallenblasenaffektionen, Adnextumoren, Pneumonie,
Pleuritis Vorkommen können.
Und nun zur Behandlung der Pyelitis gravidarum.
Da heute noch ein Teil der Aerzte auf dem Standpunkte
steht, daß die Nierenbeckenentzündung keiner besondern
Behandlung bedarf, so muß mit Nachdruck darauf hin¬
gewiesen werden, daß das Leiden keinesfalls gleichgültig ist.
Die leichtesten Fälle machen allerdings auch ohne aktivere
Behandlung häufig keine Symptome mehr. Ob sie aber des¬
halb als geheilt zu betrachten sind, ist auch für die leichten
Fälle zweifelhaft. Alle schweren Nierenbeckenentzündungen
in der Schwangerschaft bedeuten jedoch eine Gefahr für
Mutter und Kind. Opitz fand, daß in ungefähr 40 °/ 0 der
pyelitiskranken Schwangeren eine Frühgeburt eintritt. Ander¬
seits kann es im Wochenbette zu einer puerperalen Infek¬
tion kommen, die vom Infektionsherd im Nierenbecken
stammt. Schließlich kann es durch Vernachlässigung einer
Pyelitis zu einer Entzündung und weiterhin zur Vereiterung
des Nierenparenchyms, also zu einer echten Pyonephrose
mit oder ohne Steinbildung kommen.
Da nach diesen Erwägungen die Schwangerschafts¬
pyelitis als ein ernstes Leiden aufzufassen ist, muß die Be¬
handlung auf das sorgfältigste durchgeführt werden.
In leichteren Fällen soll zuerst der Versuch gemacht
werden, durch interne Medikation von Harnantiseptica den
Infektionsprozeß zu beeinflussen, und zwar bei saurem Harne
durch Salol, Methylenblau, bei alkalischem Harne durch
Urotropin, Myrmalyd, Borsäure, Helmithol, Natrium benzoi-
cum, ferner soll für reichliche Flüssigkeitszufuhr durch
Trinken von Mineralwässern, Preblauer, Vichy, Fachinger,
Wildunger gesorgt werden. Diese Behandlung soll durch
Blaseninjektionen mit 5 bis 10 ccm einer 1 °/ 0 igen Kollar-
gol- oder einer 1 °/ 0 igen Argentum nitricum-Lösung, oder
durch Blasenspülungen mit l°/ooigen Argentum nitricum,
oder 2°/ 0 iger Borsäurelösung unterstützt werden, besonders
wenn wir annehmen können, daß der Infektionsprozeß ein
ascendierender ist. Um dem infizierten Stauungsharn aus
dem Ureter Abfluß zu verschaffen, empfahl Sippel Lage¬
rung auf die gesunde Seite, Mirabeau die Beckenhoch¬
lagerung.
Wenn auf diese Maßnahmen die klinischen Erschei¬
nungen nicht bald zurückgehen, so soll eine aktivere The¬
rapie in Kraft treten. Hierzu stehen uns einerseits der
Dauerkatheterismus der Ureteren und die von Caspar
eingeführte Nierenbeckenspülung, anderseits als radikale
Mittel die Unterbrechung der Schwangerschaft oder
die Nephrotomie mit Anlegung einer Nierenfistel zu
Gebote.
Die radikalen Behandlungsmethoden sind nach dem
heutigen Stande der Frage im allgemeinen zu verwerfen
und ihre Anwendung kommt nur in verschleppten schweren
Fällen als letzte Zuflucht in Betracht. Wenn auch nach
Unterbrechung der Schwangerschaft die Pyelitissymptome
meist ohne jede weitere Nachhilfe verschwinden und das
Vorgehen ätiologisch richtig ist, so ist es doch zu ver¬
werfen , da die konservativen Methoden des Ureteren¬
katheterismus und der Nierenbeckenspülnng bei richtiger
Technik ebenfalls zum Ziele führen, wobei ohne Schädi¬
gung der Mutter das Leben des Kindes erhalten werden
kann. Die von Pozzi empfohlene Nephrotomie darf nur
in verschleppten Fällen, also bei einer ausgesprochenen
Pyonephrose zur Anwendung kommen. Aber auch dann
stellt die Nierenbeckendrainage eine Gefahr für die Schwan¬
gere dar; denn es kann bei einer derartigen Fisteleiterung
leicht zu einer puerperalen Infektion im Wochenbette kommen.
Seitdem wir gelernt haben, durch Cystoskopie und
Ureterenkatheterismus die Pyelitis mit größter Sicherheit
zu diagnostizieren, sind diese beiden Methoden immer mehr
und mehr auch Hilfsmittel zur Behandlung des Leidens ge¬
worden. Nach den bisher vorliegenden Erfahrungen sind
wir verpflichtet, jeden Fall von Schwangerschaftspyelitis,
der auf interne Medikation, Blasenspülungen und Bettruhe
nicht zurückgeht, lokal zu behandeln.
Die lokale Therapie besteht einerseits in der Be¬
seitigung der Harnstauung durch den Harnleiterkathe-
terismus und anderseits in der Bekämpfung der Infektion
des Nierenbeckens durch Spülung desselben mit Argentum
nitricum und Kollargollösungen; sie entspricht also durch¬
aus einer ursächlichen Behandlung. Wenn auch die Erfah¬
rungen mit der Lokalbehandlung heute noch nicht groß sind,
so sind die Erfolge derart günstige, daß wir Ureterenkathe¬
terismus und Nierenbeckeuspülung als die Methoden der
Wahl bezeichnen müssen. Denn wenn auf interne und diu*
reti8che Maßnahmen auch die klinischen Erscheinungen nach-
lassen mögen, so besteht häufig Bakteriurie und Pyurie noch
weiter. Von einer Heilung der Pyelitis kann jedoch nw
dann gesprochen werden, wenn auch diese Symptome schwin¬
den. Dies ist in den meisten Fällen durch die lokale The¬
rapie erreichbar.
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UNIVERSUM OF IOWA
14. Februar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7.
193
Berichte über Krankheitsfälle and Behandlungsverfahren.
Au du Abteilung A des Rigshospitals in Kopenhagen.
Veber Schwellung der Cnbitaldrüsen bei
Polyarthritis chronica
VOtt
Prof. Dr. T. Elleriuann.
Durch Pollitzers Abhandlung (Ueber chronischen Gelenk¬
rheumatismus mit DrüBenschwellungen und Milztumor) in Nr. 39
dieser Wochenschrift bin ich veranlaßt worden, in aller Kürze ein
kleine* Material zu veröffentlichen, das ich seinerzeit während
neuer Assistenzzeit in der Abteilung A des ehemaligen Kgl.
Frederikhospitals zu sammeln Gelegenheit hatte. Für die Er¬
laubnis der Veröffentlichung bin ich dem Herrn Prof. C. Gram
dankbar verpflichtet.
ln einem Falle subakuter Polyarthritis bei einem Kinde fand
ich außer Gelenkaffektionen auch Milz- und Lymphdrüsenschwellung.
Dr. Adolf Meyer, dem ich von diesem Fall erzählte, machte
mich auf die Arbeit Stills aufmerksam. Dies gab mir die Ver¬
anlassung, während des Jahres 1909 alle Fälle von Polyarthritis
chronica mit Bezug auf LymphdrüsenschWellungen zu unter¬
suchen. Insbesondere lenkte ich meine Aufmerksamkeit auf die
Cnbitaldrüsen, weil dieselben normalerweise nicht fühlbar sind und
anderseits unter sonstigen pathologischen Umständen selten ver¬
größert sind.
Was die Abgrenzung der Krankheit betrifft, so habe ich
nur ganz typische Fälle mitgenommen, und zwar solche, die mit
Tuberkulose, Gonorrhöe, Syphilis und Arthritis urica nichts zu tun
hatten. Nach Ausschaltung einiger sehr leichter, zweifelhafter
Fälle umfaßte das Material 28 Fälle, die in jeder Beziehung ty¬
pisch waren. Es handelte sich um Erwachsene von allen Altern;
sowohl Männer wie Frauen waren darin vertreten. In keinem
Falle handelte es sich um frische Fälle, vielmehr betrug die
Dauer der Krankheit von % bis 7 Jahre. Die Untersuchung
des Herzens ergab bei allen Kranken völlig normale Ver¬
hältnisse.
In 13 Fällen — also zirka 50% — konnte ich nun eine
Vergrößerung der Cubitaldrüsen nach weisen. In 3 Fällen waren
die Drüsen zirka haselnußgroß (zirka 1,5 cm Diameter), in 4 Fällen
waren die Drüsen zirka nußkerngroß (zirka 0,8 cm Diameter), in
6 Fällen waren die Drüsen zirka erbsengroß (zirka 0,5 cm Dia-
meter).
Während die rechte Drüse dicht oberhalb des Condylus in¬
ternus liegt, findet man nicht selten die linke zirka 3 cm höher
gelegen. In zwei Fällen wurde nicht eine einzelne, sondern
eine ganze Reibe von Drüsen gefunden, die in abnehmender
Größe sich vom Gelenke bis nach der Mitte des Oberarms er¬
streckten.
Mehrmals fand ich in den Krankengeschichten aufgezeichnet,
daß die Krankheit mit Fieber und Drüsensch wellung an gefangen
hatte. Diese initiale Drüsenschwellung wird auch zuweilen in den
Handbüchern erwähnt. Im späteren Verlaufe wird Drüsen-
ichweHung gewöhnlich nicht verzeichnet und scheint überhaupt
nach meinen Erfahrungen so ziemlich unbekannt zu sein. Dies¬
bezügliche Beobachtungen liegen nur von Chauffard und Ramon
*>r (1696).
Der Nachweis dieser Drüsenscbwellungen hat sowohl theo¬
retisches wie praktisches Interesse. In der Frage der Aetiologie,
die noch ziemlich dunkel ist, muß jedes neue Moment willkommen
begrüßt werden, und ich will es nicht unerwähnt lassen, daß ich
Chauffard und Ramon zustimmen kann, wenn sie die Drüsen¬
schwellung als Argument der infektiösen Natur der Krankheit auf-
Jwsen. Hierfür spricht auch der nicht seltene ganz akute An-
«flg. Jedenfalls sollte die Krankheit nicht (auch nicht, wenn sie
uut tinaetzt) mit dem akuten febrilen Gelenkrheumatismus
(lebris rheumatica) zusammengeworfen werden. In dieser Be¬
ziehung muß speziell darauf aufmerksam gemacht werden, daß die
Endokarditis fast Regel bei der letztgenannten Krankheit ist,
während sie bei der Polyarthritis chronica gewöhnlich fehlt.
Praktische Bedeutung wird die Drüsenschwellung vielleicht da-
n reh erreichen, daß sie in zweifelhaften Fällen die Diagnose ähn-
ICien Affektionen anderer Natur gegenüber sichern kann.
Aus dem Festungslazarett St. Nikolas in Metz.
Zur familiären Häufung des Carcinoms
von
Dr. H. Peiser, Blankenfelde bei Berlin,
zurzeit im Festungslazarett St. Nikolas in Metz.
Eine außergewöhnliche Häufung von Krebserkrankungen in
einer Familie durch mehrere Geschlechter, und zwar mit besonderer
Bevorzugung eines und desselben Körperteils muß als eine Besonder¬
heit angesehen werden, die eine kurze Darstellung rechtfertigt.
Der 33jährige Wehrmann Sch., der wegen einer andern Erkran¬
kung hier behandelt wnrde, wies in der rechten Brustdrüse eine ganz
kleine Geschwulst auf, die nach wenigen Tagen Erbs'uigröße erreichte.
Die Geschwulst wurde entfernt: Sie saß in der Subcutis und wurde zum
Zwecke genauer Untersuchung mit einem Stücke der darunter befind¬
lichen Pectoralisfascie, mit der sie verwachsen war, herausgeschnitfcen.
Die pathologisch-anatomische Untersuchung ergab, daß es sich nicht um
Carcinom handelte, sondern um eine stark hyperplastische LymphdrUse, bei
der sich die normale Lympbdrüsenstrnktur größtenteils verwischt hatte.
Anzeichen für c&rcinomatöse oder sarkomatöse Erkrankung der Lymph*
drüse waren nicht vorhanden.
Der Kranke selbst befürchtete, es könne sich um Krebs han¬
deln, weil eine krebsige Erkrankung der Brustdrüse mehrfach in
seiner Familie vorgekommen sei. Er machte darüber genaue An¬
gaben, die in dem Stammbaume (Abb. 1) aufgezoichnet sind.
Wichtig ist auch die Ahnentafeldarstellung (Abb. 2) dieser Ver¬
erbung, aus der hervorgeht, daß es sich um eine ausschließlich in
der weiblichen Linie durch wahrscheinlich drei Generationen fort¬
gesetzte, gleichartige Erkrankung der Brustdrüse handelt, die in
Form der jetzt entfernten Lymphdrüse bei unserm Kranken auf¬
getreten ist. Ferner ist das häufige Vorkommen anderer Krebse
in der Familie bemerkenswert (siehe den Stammbaum).
I.
Mutter gestorben an Brustkrebs. (?)
/- ^ -\
Tochter gestorben an Brustkrebs.
_ A. _
r
1
1
~ A
Tochter
gestorben
an
Brust¬
krebs,
63 Jahre.
Sohn
gestorben
an
Magen¬
krebs,
65 Jahre.
Tochter
gestorben
an
B rust¬
krebs,
70 Jahre.
A
Sohn
gestorben
an
Zungen¬
krebs.
Sohn
gestorben
an
Lungen¬
schwind¬
sucht.
Tochter
gestorben
an
Brust¬
krebs,
38 Jahre.
r
i
Tochter
eine Ge¬
schwulst
an der
Haud
(Operation).
Sohn eineGesch wulst
an den Mandeln
(Operation), jetzt eine
Resistenz in der
rechten Mamma,
33 Jahre.
und sieben
bisher
gesunde
Kinder.
□
O □ (
H.
D □
o □
-1 ,— V
Gestorben
an Brust¬
krebs. (?)
O
j
' S T"
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— v -
i i
Gestorben an Gestorben
Alters- Longen
schwäche. tuber¬
kulöse.
□ O
\_ J
an Gestorben an Gestorben an
Alters- Brust¬
schwäche. krebs,
45 Jahre.
o □
v._ >
V
v—
1
|
Gestorben an
Alters¬
schwäche ,
89 Jahre.
□
V
Gestorben an
Brustkrebs,
70 Jahre,
o
. -J
□
Resistenz in der rechten Mamma.
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UNIVERSUM OF IOWA
194
14. Februar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7.
Lenicet bei der Wundbehandlung
von
Oberarzt Dr. med. Hiifrich am Kgl. Invalidenhaus, Berlin.
Boi der Behandlung sowohl frischer als alter verunreinigter Wun¬
den spielt die essigsaure Tonerde seit alters her eine ganz hervorragende
Holle; und in der Tat gibt es wohl kaum eine andere chemische Sub¬
stanz, die in gleicher Weise antiseptisch, eiterungsbeschränkend, dabei
schmerzstillend und kühlend wirkt. Es ist daher nicht verwunderlich,
daß die bekannte »Essigsäure Tonerde“ (Liquor alum. acet.) kaum in
einem Haushalt fehlt und gern als erstes Hausmittel bei allen Ver¬
letzungen und Unglücksfällen angewandt wird, bis der Arzt etwa andere
Anordnungen trifft.
In allen denjenigen Fällen, in denen aus verschiedenen Gründen,
deren Aufzählung hier zu weit führen würde, eine trockene Wundbehand¬
lung der Anwendung feuchter Umschläge mit essigsaurer Tonerde vor¬
zuziehen ist, findet das vor Jahren in den Arzneischatz eingeführte Leni¬
cet eine ausgedehnte Anwendung.
Alexander 1 ) berichtet Über die Lenicetpnlparate: „Lenicet unter¬
scheidet sich vom gewöhnlichen Aluminium acet. sicc. und Imitationen
des Lenicets durch seine außerordentliche Feinheit, seine Schwerlöslich¬
keit und seine chemische Zusammensetzung. Der eigentümliche thera¬
peutische Wert des Lenicets beruht darauf, daß es im Kontakt mit Ge¬
weben und Sekreten langsam und daher nachhaltig essigsaure Tonerde
abspaltet, die unmittelbar zur Wirkung gelangt. Lenicet ist ein ungif¬
tiges Antisepticum, es wirkt adstringierend and sekretionsbeBChränkend,
schmerzstillend und kühlend“.
Vergleicht man unter dem Mikroskop bei 350facher Vergrößerung
ein wenig Lenicet mit dem üblichen Alum. acet.-Pulver, so fällt der große
Unterschied und die staubfeinste Beschaffenheit des Lenicets deutlich in
die Augen.
Wie schon oben erwähnt, kommt die Anwendung des Lenicets in
der Wundbehandlung vorwiegend bei solchen Wunden in Betracht,
die schon vereitert sind oder bei denen infolge der Ver¬
schmutzung eine Eiterung mit großer Wahrscheinlichkeit
zu erwarten ist. Hier leistet das Lenicet Gutes und ist meiner Er¬
fahrung nach in den meisten Fällen der Auwendung der gewöhnlichen
flüssigen essigsauren Tonerde vorzuziehen. Mit besonderer Vorliebe ver¬
wende ich auch das Perulenicetpulver, da durch den Perubalsam¬
zusatz die Heilungstendenz angeregt wird. Ich bin der Ansicht, daß bei
unserer Wundbehandlung der Perubalsam noch nicht die gebührende Ver¬
breitung gefunden hat. Seitdem ich vor Jahren einmal in einem Fabrik¬
betrieb eine bis auf die Knochen zerfetzte Hand, bei der man schon an
eine Amputation denken mußte, unter Anwendung einfacher Perubalsam-
salbenverbfinde in ganz Überraschend kurzer Zeit heilen sah, pflege ich
insbesondere bei unregelmäßigen nnd schlecht heilenden Wunden mit
Vorliebe Perab&ls&mprftparate anzuwenden. Die Kombination von Leni¬
cet und Perubalsam hat sich mir bewährt, und zwar sowohl in der Form
des Perulenicetpulvers als auch in der Form der Pernlenicetsalbe. Wel¬
ches von diesen beiden Präparaten im gegebenen Falle den Vorzug ver¬
dient, richtet sich nach den Anzeigen für trockene oder Salben-
behandlung.
Aus der großen Zahl der von mir mit den Lenicetpräpar&ten be¬
handelten Fälle möchte ich im folgenden nnr einige wenige kurz be¬
schreiben:
Ernst T., 21 Jahre, Unteroffizier. Verwundung am linken Unter¬
arme dnrch Streifschuß. Wunde schien anfangs gut zu heilen, jedoch
begann nach sechs Tagen ziemlich starke Eiterung, die zwischen der
Muskulatur in die Tiefe ging. Feuchte Behandlung wurde schlecht ver¬
tragen; ich ging daher zu trockener Behandlung mit Perulenicetpulver
über. Erfolg überraschend; die Eiterung ließ schon nach wenigen Tagen
nach, es bildeten sich gute Granulationen. Ich ging sodann zur Salben¬
behandlung mit Perulenicetsalbe über und hatte den Erfolg, daß der Pa¬
tient nach insgesamt 20 tägiger Behandlung als geheilt entlassen werden
konnte.
Fritz K., Gefreiter. Ziemlich schwere Verletzung der Weichteile
des rechten Oberschenkels durch Schrapnell. Hier trat trotz sofortiger
antiseptischer Behandlung eine starke Eiterung der stark zerfetzten
Wunde ein. Ich ließ in diesem Falle sofort Perulenicetpulver anwenden
und konnte schon nach fünf Tagen ein merkliches Nachlassen der starken
Eiternng konstatieren. Ungestörter Wund verlauf, gute Granulation, so-
daß der Patient nach fünf Wochen als dienstfähig entlassen werden
konnte.
Erich S., 23 Jahre alt Rißwunde von etwa 20 cm Länge nnd
beträchtlicher Tiefe am rechten Oberschenkel, durch Fall in ein rostiges,
spitzes Eisen. Muskulatur ziemlich Btark zerrissen. In diesem Falle wir
zunächst von anderer Seite ein trockener Verband mit Jodoform ange¬
legt worden und ich erhielt den Patienten erst drei Tage später in Be¬
handlung. Starke Eiternng und zahlreiche abgestorbene Gewebs fetzen,
die nach Möglichkeit entfernt wurden, Reinigen der Wunde mit Wasser¬
stoffsuperoxyd. Sodann Perulenicetpulver. Ziemlich rasches Nachlassen
der Eiterung innerhalb einiger weniger Tage, gute Granulationsbiidnng.
Allmählich ging ich zu Salbenverbänden mit Perulenicetsalbe über. Nach
insgesamt sechs Wochen als dienstfähig entlassen.
Hauptmann a. D. Albert v. K„ 52 Jahre alt, leidet Beit einer Reihe
von Jahren an Untergchenkelgeschwüren, die trotz der bisherigen Be¬
handlung nicht heilen wollten. Auch in diesem Falle war die Behand¬
lung mit Perulenicetsalbe von recht günstigem Erfolge. Die vorherige
starke Eiterung ließ schon nach acht Tagen erheblich nach, auf dem
schlaffen Grande des Geschwürs zeigten sich frische Granulationen und
nach etwa sechs Wochen war die Wunde völlig verheilt.
Feldwebel F. R., 43 Jahre alt, chronisches Ekzem an den Geni¬
talien, welches bisher mit Jodoform, Dermatol, Airol vergeblich behan¬
delt wurde. In diesem Falle machte ich erst einen Versuch mit Peru¬
lenicetpulver, ging dann zu Perulenicetsalbe über und konnte konsta¬
tieren, daß die letztere bei weitem güustiger wirkte. Die aasgebreiteten
Ekzeme, welche bereits seit etwa sechs Monaten bestanden und allmäh¬
lich sich weiter verbreitet hatten, heilten in etwa sieben Wochen ab.
Sergeant R. G., 25 Jahre alt, litt im Auschluß an eine Schu߬
wunde im linken Unterarme, die in anderweitiger Behandlung recht gut
verheilt war, an einem chronischen Ekzem in der Umgebung der ziem¬
lich langen Narbe (es hatte infolge der Eiterung der Wunde eine ziem¬
lich ausgedehnte Incision gemacht werden müssen). Auch in diesem
Falle bewährte sich die Perulenicetsalbe recht gut.
Aerztiiche Gutachten aus dem Gebiete des Versicherungswesens (Staatliche nnd Privat-YersicheruBÖ.
Redigiert von Dr Hermann Kugel. Berlin W 30.
Bilaterale nucleäre Hypoglossuslähmung und Parese
beider Arme durch Unfall
von
S&n.-Rat Dr. Kaess, Gießen,
Vertrauensarzt der Kgl. Elsenbahndirektion Frankfurt &. M.
Am 13. November 1913 kam der Schaffner L. Fr., als er
auf den von der Station K. bereits ausfahrenden Zug aufspringen
wollte, zu Fall. Als Art der Verletzung ist in der Unfallanzeige
einfach Schlaganfall notiert. Die Kgl. Eisenbahndirektion forderte
von mir ein Gutachten über die Wahrscheinlichkeit des Zusammen¬
hangs des Schlaganfalls mit dem erlittenen Unfälle.
Bei der Ankunft in seinem Stationsorte gab Fr. den Vor¬
gang in der obigen kurzen Weise zu Protokoll und berichtete als
Folgen über Schmerzen in der rechten Schulter, der Herzgegend
und im linken Beine. Der Fahrdienstleiter Cr., welcher den Vor¬
gang beobachtete, ssgte aus, daß Fr. beim Einsteigen in den fah¬
renden Zug vom Trittbrette herabfiel und dann „versuchte, noch¬
mals aufzuspringen, wobei es ihm nioht gelang, einen Handgriff
zu erreichen. Das Ganze machte den Eindruck, als ob der Ver¬
unglückte nicht Herr über seine Kräfte war“.
l ) Zbl. f. d. ges. Ther. 1918, H. 7.
Nachdem Fr. zum zweiten Male herabgefallen war, wurde
der Zug zum Halten gebracht, Cr. trat zu Fr., der ihm auf seine
Frage, ob er sich verletzt habe, gar keine Antwort geben konnte,
und war ihm beim Aufstehen behilflich. Der behandelnde Bahn¬
arzt Dr. S. benennt in der Krankmeldung am 14. November 1913
die Krankheit als Schlaganfall und unterläßt eine Bemerkung, ob
die Erkrankung infolge einer Verletzung im Dienst erfolgt sei.
In dem später geforderten Gutachten hält es Dr. S. für wahr¬
scheinlich, daß der Unfall den Schlaganfall ausgelöst hat, indem
Fr. vermutlich eine Schädelbasisverletzung erlitt, welche bei der
Brüchigkeit der Blutgefäße (Aderverkalkung) eine Blutung ms
Gehirn bewirkte. Dr. S. hält Fr. dauernd untauglich für den Dienst
als Schaffner.
Zur Untersuchung erschien der 50 Jahre alte Schaffner Fr.
am 2. Mai 1914 bei mir in Begleitung seiner Frau, deren Hute
bei der Unterhaltung erforderlich war, da die Sprache des Ur.
jetzt fast unverständlich ist. Immerhin kann durch Fragen fos *
gestellt werden, daß Fr. entsprechend der Schilderung in den Akten
| am 13. November 1913 zweimal vom Trittbrett eines ausfabrenden
Zuges herabfiel, da er durch Dan obengreifen den Handgriff mc
erreichte. Fr. fiel auf die linke Brustseite zu Boden. An seinem
Stationsort angelangt, suchte Fr. wegen der Schmerzen in d 0r
linken Brust und am Beino den Arzt auf, dem seine Sprache so-
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UNIVERSUM OF IOWA
14. Februar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7.
195
gleich auffiel. Der Gang zum Arzt sei ihm nicht gut bekommen,
sodafi er am folgenden Tag um dessen Besuch bitten mußte.
Die Ehefrau schildert nun den weiteren Verlauf so, daß die
anfangs noch wenig auffallende Sprachstörung allmählich zuge-
noinmen habe, bis nach etwa zwei Monaten die Sprache schon
undeutlich gewesen sei. In dieser Zeit habe sich auch eine
Schwäche zuerst im linken Arm eingestellt, die dann später auch
den rechten Arm ergriffen habe. Darauf sei die Sprache fast un¬
verständlich geworden, sodaß Fr. wohl einzelne Worte hervor-
bringen konnte, die man jedoch häufig mehr dem Laute nach er¬
raten mußte, von dem Aussprechen eines Satzes sei schon lange
keine Rede mehr.
An diese Sprachstörung hätte sich dann eine Erschwerung
des Essens etwa seit Februar dieses Jahres angeschlossen. Jetzt
vermöge Fr. sehr schlecht zu schlucken, feste Speisen könne er
gar nicht genießen, auch Flüssigkeiten kommen leicht zurück, am
besten würden noch breiige Speisen hinabbefördort.
Ueber Schmerzen klage Fr. nie; der Schlaf sei gut und fest,
der Appetit wäre wohl vorhanden, der Stuhlgang neige zur Ver¬
stopfung. Sonst ist Fr. geistig frisch, hat Interesse für die Vor¬
gänge, liest die Zeitung und nimmt Anteil an allem. Die Stim¬
mung ist im allgemeinen gut, wenn Fr. auch zuweilen gereizt
oder weinerlich wird, wenn er sich schlecht verständlich machen
kann. Fr. soll früher nie ernstlich krank, im Genüsse von alko¬
holischen Getränken stets sehr mäßig gewesen sein, geraucht habe
er zu Hause pro Tag zwei bis drei Pfeifen, unterwegs zuweilen
eine oder wenige Zigarren. Seit 1889 verheiratet, besitzt Fr.
drei gesunde Kinder, eins sei mit neun Monaten an Durchfall,
eins an den Folgen einer Verbrennung gestorben. Nach diesen
Kindern habe seine Frau eine Fehlgeburt im dritten Monat gehabt.
Befund: Das Gesicht des leidlich gut genährten Mannes
macht einen freundlichen, keineswegs verstimmten Eindruck. Fr.
wischt sich häufig mit dem Taschentuch den ausfließenden Speichel vom
Mund ab. Die Intelligenz ist nicht gestört, das Gedächtnis ist gut.
Der Kopf ist nirgends auf Klopfen, die Orbitalnerven sind nicht
auf Druck besonders empfindlich. Bewegungen des Halses werden
leicht ausgeführt, sie erzeugen ebenso wie starkes Sehen in die
flöhe keine Schwindelerscheinungen. Die Pupillen sind gleich,
mittelweit und ziehen sich auf Lichteinfall gut zusammen. Die
Augenbewegungen sind frei. Das Gebiet des oberen Gesic'nts-
nerrenteils ist in seinen Funktionen nicht gestört (Stirnrunzeln,
Naserümpfen, Augenschließen). Das Aufblasen der Backen gelingt
nicht wegen mangelhaften Lippenschlusses. Fr. kann den Mund
nicht zum Pfeifen spitzen. Der Speichel fließt zeitweise aus dem
Munde. Die Zunge kann nicht hervorgestreckt werden, sie liegt
auf dem Boden der Mundhöhle schwer und unbeweglich, zuweilen
macht sich an ihrer Oberfläche ein leichtes Muskelzittern bemerk¬
bar. Die Zunge erscheint in ihrem Umfang und in ihrer Gestalt
nicht wesentlich verändert-, scheinbar ist die rechte Hälfte etwas
besser wie die linke gewölbt. Das Gaumensegel ist nicht gelähmt.
Die Sensibilität ist an der Haut des Kopfes, Gesichts, des
Halses, am Rumpf und an den Extremitäten unverändert. Die
Wirbelsäule ist frei beweglich und nirgends schmerzhaft. Die
Lungen lassen krankhafte Veränderungen nicht erkennen. Das Herz
ist nicht vergrößert, die Herztöne sind rein. Der Puls ist regel¬
mäßig, weist 84 Schläge in der Minute auf. Die Schlagader¬
wandung fühlt sich härter an, die Schläfenarterien zeigen deut¬
liche Schlängelung. Der Blutdruck entspricht nach Riva-Rocci
l^mm Hg, ist also abnorm gesteigert. An den Unterleibs-
jrganen sind Krankheitserscheinungen nicht nachweisbar. Der
Lrin hat specifisches Gewicht = 1012, ist frei von Eiweiß und
Zucker.
Die Muskulatur beider Arme ist schlaff. Der rechte Arm
kann, wenn auch langsam, aktiv bis etwas über die Horizontale
seitwärts erhoben werden, während der linke Arm nur bis zu
einem Winkel von höchstens 45 o vom Körper nach vorn und
außen weg- und aufwärtsbewegt werden kann. Die Drehbewegung
'f- 1® rechten Schultergelenk aktiv noch leidlich gut, links kann
•kr Arm entsprechend der Bewegungsbeschränkung an sich nur
Mge Kreisbewegungen ausfübren. Die Arme können im Eli-
bogengeienbe beiderseits gebeugt werden, doch namentlich links
Vilich langsam und ohne Kraft.
, den Muskeln des Vorderarms, insbesondere den Muskeln
JJ.*™ kt eißa Abmagerung nicht zu erkennen. Der Hand-
, y der rechten Hand geht gut vor sich, beim Oeffnen bleibt
er Zeigefinger etwas zurück, der jedoch allmählich gestreckt
er en kann. Der Handschluß der linken Hand vollzieht sich
beim Strecken der Finger bleiben anfangs der Zeige-,
Ring- und kleine Finger zurück. Auch mit der rechten Hand
kann Fr. nur mit Mühe einen Knopf öffnen, links überhaupt nicht.
Die ausgespreizten Hände zittern nicht. Bei Entgegen führen der
Zeigefingerspitzen tritt kein Zittern auf. Der Gang läßt Verände¬
rungen nicht erkennen, er ist sicher und gibt Fr. an, größere
Strecken gut gehen zu können. Die Bewegungen der Beine voll¬
ziehen sich auch bei geschlossenen Augen geordnet. Stehen mit
Fuß- und Augenschluß ruft kein Schwanken hervor. Die Knie¬
scheibenbandreflexe sind beiderseits gleich, deutlich, doch nicht
verstärkt auslösbar. Babinskiphänomen nicht vorhanden.
Beurteilung: Als Ergebnis der Untersuchung ist zunächst
die Lähmung der Zunge mit der auffälligen Sprach- und Schluck¬
störung, die Lippenparese, die Schwäche beider Arme, am aus¬
gesprochensten linkB, sowie die Schlagaderwandverhärtung (Arterio¬
sklerose) zu verzeichnen.
Abgesehen von der sicher schon lange vorher bestehenden
Arteriosklerose ist die Sprachstörung plötzlich aufgetreten und im
Anschluß an den Unfall von dem behandelnden Arzt sogleich
beobachtet worden.
Diese Sprachstörung, welche auf der Lähmung der Muskula¬
tur beider Zungenhälften beruht, die auch die Schluckstörung be¬
dingt, hat sich allmählich bis zu dem heutigen Zustande ver¬
schlimmert. Daneben hat sich noch die Schwäche zuerst des
linken und später des rechten Armes entwickelt. Das Krankheits¬
bild hat sich plötzlich und zeitlich anschließend an den Unfall
eingestellt und bestand zunächst in einer erkennbaren Funktions¬
störung der Zungenmuskelnerven. Als Ursache wird eine Blutung
anzuschuldigen sein, welche durch Platzen eines durch die Arterio¬
sklerose veränderten Blutgefäßes entstanden ist und eine Stelle
betroffen hat, an der es möglich war, entweder sogleich oder im
späteren Verlaufe beide Zungenmuskelnerven zugleich zu schädigen.
Diese Möglichkeit ist an einer bestimmt umschriebenen Stelle in
dem verlängerten Marke gegeben, wo ein verhältnismäßig sehr
kleiner Bluterguß die nahe beieinander gelegenen Nervonkerne der
Zungenmuskelnerven (Nervus bypoglossus) zu treffen vermag.
Doppelseitige Lähmung der Zungenmuskulatur ist die Folge, und
auch die isolierte Lippenparese wird durch die Mitbeteiligung des
Hypoglossuskerns an der Innervation des Lippenanteils des unteren
Facialis bedingt.
An dieser Stelle kann dann auch die gleiche Ursache eine
Leitungsstörung der motorischen Nervenbahnen für die Extremi¬
täten durch Einwirkung auf die nahegelegenen Pyramidenbahnen
veranlassen.
Es ist nun in hohem Grade wahrscheinlich, daß durch die
immerhin nicht unerhebliche Erschütterung des Körpers und des
Kopfes bei dem Sturze des Fr. von dem bereits fahrenden Zug ein
kleines brüchiges Blutgefäß in dem verlängerten Marke zum
Platzen gebracht wurde. Diese so entstandene kleine Blutung hat
zunächst eine Schädigung wohl gleichzeitig in dem Gebiete der
beiden Hypoglossuskerne verursacht und später Veränderungen in
der umgebenden Substanz geschaffen, welche auch die an dieser
Stelle nahegelegenen Nervenbahnen für die Bewegung der Ex¬
tremitäten (Pyramidenbahnen) wenigstens teilweiso in Mitleiden¬
schaft gezogen haben. Es ist wohl anzunehmen, daß in dem Ge¬
biete der Blutung ein Erweichungsherd sich entwickelt hat. So
entstand die jetzt vollständige Zuugenlähmung, welche die Sprach-
und Schluckstörung bedingt, sowie in der weiteren Entwicklung
des Krankheitsherds die lähmungsartige Schwäche des linken ynd
später des rechten Armes.
Es ist also als Ursache für diese durch einen Bluterguß mit
nachfolgendem Zerfalle des geschädigten Gewebes in dem Gebiete
der Hypoglossuskerne sowie der Pyramidenbahnen bedingte doppel¬
seitige Zungenlähmung Bowie der lähmungsartigen Schwäche der
Arme mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Unfall
zu beschuldigen.
Die Annahme, daß diese Blutung bereits vor dem Unfall
eingetreten sei, worauf die Angabe des Fahrdienstleiters hin-
deuten könnte, „daß es den Eindruck machte, als ob der Ver¬
unglückte nicht Herr seiner Kräfte war“, ist nicht berechtigt.
Denn erstens bezog sich diese Angabe wohl auf den zweiten Ver¬
such, beim Aufspringen auf das Trittbrett mit der Hand den
Handgriff zu erreichen, nachdem Fr. bereits das erstemal abge¬
stürzt war. Sodann hat die kleine Blutung eine Stelle getroffen,
welche das Bewußtsein zu stören nicht geeignet war, und haben
Schädigungen der Armfunktionen sicher in diesem Momente wie
auch in den nächsten Tagen nicht bestanden. Fr. ist durch seinen
jetzigen Zustand für alle Dienstzweige, und zwar, da eine Wieder¬
herstellung nicht zu erwarten ist, duuernd untauglich.
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UNIVERSITÄT OF IOWA
196
1916 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7.
14. Februar.
Referatenteil.
Redigiert von Oberant Dr. Walter Wolff, Berlin.
Sammelreferat
Soziale Hygiene und Demographie
von Dr. Peter Misch, Charlottenburg.
Es ist ein agrar-konservativer politischer Glaubenssatz, daß
die Landwirtschaft von größter Bedeutung auch für die Rekrutie¬
rung und Wehrkraft der Nation ist. Doch hat der Satz nur be¬
dingte Geltung, wie die Untersuchungen über Militärtaug¬
lichkeit und Berufstätigkeit (1) zeigen, die von
Noack in Oesterreich-Ungarn, insbesondere in Wien, angestellt
hat. Die Kardinal frage dieser Untersuchungen ist nämlich, ob und
wie die Wehrkraft Oesterreich-Ungarns davon betroffen wird, wenn
die Mehrheit der Staatsbürgerschaft in Industrie, Handel und Ver¬
kehr oder in der Landwirtschaft berufstätig ist. Nun läßt sich der
Grad der Militärtauglichkeit ganz gewiß nicht durch ein einziges
Moment erklären, sondern nur durch ein Zusammenwirken man¬
cherlei und zum großen Teil imponderabler Umstände; auch wird
mau die vielfach „ungleiche sanitäre Elle“ und die Privilegien be¬
rücksichtigen müssen, die die österreichischen Wehrgesetze den
Landwirten, den Wehrpflichtigen kirchlichen Standes, den Lehrern,
den Familienerhaltern usw. einräumen; aber das alles berück¬
sichtigt, bleiben die Ergebnisse der Untersuchungen, daß der Grad
der Militärdiensttaugliclikeit einer Bevölkerungssehicht nicht, durch
die Berufstätigkeit, nicht durch den „landwirtschaftlichen“ oder
„industriellen“ Charakter derselben bedingt ist, daß er vielmehr
insbesondere bei städtischer Bevölkerung wesentlich abhängt von
dem Verhältnis, in dem Bevölkerungszahl, Gesamtgrundfläche und
unbebaute Fläche zueinander stehen und daß mit der zahlen'
mäßigen Zunahme der wirtschaftlich Selbständigen auch die Zahl
der Rekruten steigt. Also nicht die landwirtschaftliche Berufs¬
tätigkeit ist es, die mehr als jede andere das Individuum militär¬
diensttauglich hält, sondern diese Wirkung beruht auf dem Land¬
aufenthalt, auf dem Wohnen in freier, ländlicher Umgebung, im
Gegensatz zur engen, luft- und lichtarmen Stadt. Da Oesterreich
bis jetzt vorzugsweise Agrarstaat, sich neuerdings stark zum Indu¬
striestaat entwickelt, sind diese Ergebnisse von noch besonderer
Bedeutung. Denn wenn der industriellen Entwicklung Oesterreichs
eine großzügige und intensive soziale Reformarbeit, insbesondere
auf den Gebieten des Arbeiterschutzes, der öffentlichen Wohlfahrts¬
pflege, des Städtebaues und der Wobnungspolitik vorangeht, wird
sie nicht eine Schwächung, sondern eine eminente Steigerung der
Wehrkraft der in der Doppelmonarchie vereinigten Nationen zur
Folge haben.
Die Frage des Geburtenrückgangs wird von Dr. phil. Herrn-
b e r g (2), Kiel, in einer Arbeit „Zur Schwankung der Geburten¬
ziffer“ behandelt, für die er die Geburten eines kleinen Kirchspiels
in Holstein, das von seinen umliegenden Marschen ganz isoliert ist,
für über 200 Jahre, von 1647 bis 1912, zugrunde gelegt hat. Kr
findet bei diesen Untersuchungen eine regelmäßige Schwan¬
kung der Geburtenziffer, periodische Schwankungen von 25 bis
30 Jahren, die natürlich durch die vielseitigsten Umstände, denen
die Geburtenziffer ausgesetzt ist, beeinflußt werden, sodaß der
Autor den Geburtenrückgang unserer Tage beinahe als
eine Rückkehr zu normalen Verhältnissen ansehen
möchte. Eine Regelmäßigkeit des jahreszeitlichen Geburten ver¬
lauf», der Schwankungen der Eheschließungsziffer usw. zugegeben,
und selbst zugegeben, daß für 1700 und 1800 sich die Verhältnisse
des holsteinischen Kirchspiels rein erkennen lassen, für unsere Zeit
dürfte es keinem Zweifel unterliegen, daß die Geburtenziffer im
weitesten Maße künstlich heruntergedrückt wird.
Literatur: 1. Viktor Noack, Militärdieusttauglichkeit und Berufstätig¬
keit. soziale Stellung und Wohnweise in Oesterreich-Ungarn, insbesondere in
Wien. (Arch. f. Hyg. Bd. 10, H. 1 u. 2.) — 2. P. Herntberg, Kiel, Zur Schwan¬
kung der Geburtenziffer. Ibid.
Ans den neuesten Zeitschriften.
Berliner klinische Wochenschrift 1915, Nr. 5.
Melchior (Breslau): Ueber den Begriff der ruhenden Infektion
lu seiner Bedeutung für die Chlrnrgie. Die in das Gewebe einge-
dnmgomm Bakterien werden im Fall einer primären Wundhrilung ent¬
weder sofort infolge der äußeren Blutung herausgeschwemmt oder durch
die eiiisetzenden immunisatorischen Schutzvorrichtungen des Gewebes
frühzeitig vernichtet. Der letztere Vorgang kann aber gelegentlich mich
du hei stehen bleiben, daß nur eine Einkapslung, eine zeitweise Se¬
questrierung der Bakterien erfolgt, und so die Möglichkeit offen bleibt,
daß diese eventuell später noch ihre schädigende, nunmehr auch klinisch
ls Infektion imponierende Wirksamkeit entfalten können. In manchen
P;ilb*n bildet sich diese zeitweilige Latenz erst nach einem auch klinisch
;iks infektiös charakterisierten Initialstadium aus. Ganz ähnliche Verhält¬
nisse finden sich auch bei den auf dem Blutwege vermittelten bakteri¬
ellen Prozessen. Ein Beispiel bilden die posttyphösen Eiterungen. Wenn
wir also bei dem in Frage kommenden Zustande von Heilung sprechen,
sobald die klinischen Symptome verschwunden sind, so muß man sieh
kianiiaehen, daß dies noch keineswegs immer einer Heilung im bak¬
teriologischen Sinne gleichzukommen braucht, sondern auch nur eine La¬
tenz, eine Ualbimmunität, die den Keim des Rezidivs oder der Metastase
schon in sich trägt, bedeuten kann.
Richter (Berlin): Die Kartoffel als Yolksnahrungsmittel. Ein
Mangel an Kartoffeln ist so gut wie ausgeschlossen. Ihr Nährstoffgehalt,
schwankt innerhalb weiter Grenzen. Die Kartoffel stellt ein eiweißarmes
und fast fettfreies Nahrungsmittel dar. Sie erleidet beim Schälen einen
Verlust von 22,5%. Die Frage nach dem Nährwerte der Kartoffel steht
in einem engen Zusammenhänge mit der Frage des Eiweißbedarfs. Unter
allen Vciretabilien steht die Kartoffel am günstigsten da. Ihr Hauptwort
liegt in ihrer Bedeutung als Beikost respektive als Ersatz für andere
Veectahilien.
Aufrecht (Magdeburg): Chinin oder Optochin gegen Pneu¬
monie. Die jahrelange Anwendung von Chinineinspritzungen bei Lungen¬
entzündungen hat gezeigt, daß die frühere Sterblichkeit auf fast die
Hälfte durch die Cbininanweudung herabgesetzt werden konnte. Sic*betrug
bei dem großen Material des Verfassers 8.4%. Er gibt daher, da das Optochin
unangenehme Nebenwirkungen zeigen kaum dem Chinin den Vorzug.
Skulle v (Berlin-Charlottenb i i rg i : Die U ntersuchungen des Magens
miRels Sekretionskurven. Durch die Anl^uUg von Afheitskiirven des
Magens, eine Methode, welche sich an die bewährten Pawlowschen an¬
lehnt und die in der Praxis ohne wesentliche Schwierigkeiten auszuhiliren
ist, gewinnen wir einen zuverlässigen Einblick in die Tätigkeit des Magens.
Oed er (Dresden): Bemerkungen zur Frage der „konstitutio*
nellen* Fettsucht. Im Interesse der Gleichmäßigkeit wissenschaftlichst
Arbeiten über die Frage der Fettsucht empfiehlt es sich dringend, nur
den Grundumsatz des „Normalgenahrten“, und zwar mindestens des
gleichgroßen, gleichgeschlechtigen und gleichaltrigen Normalen zum
Vergleiche heranzu/ichen und dabei nur erhebliche, das heißt über 20%
herabgelmnde Umsatzzahlen als für Herabminderung des Stoffwechsels
beweiskräftig gelten zu lassen, nicht, aber schon kleine Differenzen.
Scliaefer (Buch): Beitrag zur Technik der gefensterten Gips-
verbände. Verfahren zur schnellen und sicheren Anlegung von ge¬
fensterten Gips verbänden. Ueber die Einzelheiten der Technik muß auf
das Original verwiesen werden. Reckzeh (Berlin).
Deutsche medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. 5.
August Bier: Heber Kriegsaneurysmen. Vortrag, gehalten im
„Kriegsärztlichen Abend“ in Berlin am 1. Dezember 1914. (Siehe Nr. 50.
1914 d. W.. S. 1809.)
Madelung (Straßburg): Einige Kriegsverletzungen des Oeso¬
phagus. Bei einem mit Halswuude Behafteten kann die Erkennung einer
(tcsnpliuitiisvrrbdzung zu einer Zeit, wo ärztlich zu helfen noch n^lii \
ist, sehr schwierig sein. Auf jeden Fall muß man bei sofort nach der
Venvumlung auftretenden Schlingbeschwerden immer an eine Oeso¬
phagus Verletzung denken und dementsprechend ärztlich behandeln, a er
die Einführung eines Oosuplmgoskops ist nicht statthaft. Auf Grund einer
Wahrsehoinliehkeitsdiagnose ist oft eine tiefe Oesophagusernährungs
fiste] oder hei tieferem Sitz der Oesophagusverwundung, im besonderen,
wenn diese im Brustteile liegt, eine Magen ernährungsfistel anzuksren.
Fast alle vom Verfasser beobachteten ScluißverlctZungen des Oesopiagus
emiiulcn mit dem Tode. Wahrscheinlich wird lud frühzeitiger Erkennung
der frühzeitig vorgenommenen Halswundenerweiterung, der Eröffnung von
modiastinalen Abscessen und vor allem die gänzliche Ausschaltung e-
verletzten Speiserührenteils es ermöglichen, mehr Verletzte dieser *
zu rotten.
Riedel ideuai: Erfahrungen über Furunkelmetastasen. 11 '
Es starben mehr Manschen an Furunkelmetastasen als an direkt oi t
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UMIVERSITY OF IOWA
H. Februar,
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7,
197
setzter Thrombophlebitis purulenta. Es kommen nicht nur Metastasen
in ihn Weichteilen, sondern auch in den Knochen vor. Weich teil-
raetastusen lokalisieren sich oft im Gehirn, in den Muskeln, besonders
aber im perinephrilischen Gewebe. Der oberflächlich gelegene Furunkel
kann zunächst mit Abtragung des obersten Deckhüutchens und mit Salben-
verband behandelt werden. Bei rasch sich entwickelndem Infiltrat ist
ein derber Kreuzschnitt angezeigt, und zwar unter Aethersprav (dessen
Wirkung ist nur dann genügend, wenn die Gewebe blutleer oder wenig¬
stens blutarm gemacht sind). Tiefsitzende Furunkel sind sofort zu spalten,
Karbunkel in tote zu exstirpieren.
Wiewiorowski: Zur Behandlung der krlegschfmrglsche»
Blutung. In der vordersten Linie, das heißt auf den Truppenverband¬
plätzen. ist mit Unterbindungen großer Gefäßstärame nicht zu rechnen;
es ist ein Felder, wenn der Truppenarzt in der Wunde herumsucht und
knimzeiTt. Zur Unterbindung gelangen nur eben die spritzenden Neben¬
äste. die der Klemme von außen her ohne eingreifendes Herumsuchen in
der Wunde zugänglich sind. Der Verfasser wendet sich scharf gegen
die von Krankenträgern vorgenommene Abschnürung der verletzten
Glieder mit einer elastischen Binde. Man findet bei deren Anwendung
durch Laien fast durchweg eine unvollständige Abschnürung, eine
richtige Stauung, wodurch erst eine venöse Blutung entsteht und außer¬
dem dem Verletzten noch unsägliche Schmerzen bereitet werden, ganz
abgesehen von so mancher Gangrän. Mit dem Umschnüren durch
Kameraden wird aber geradezu ein Unfug getrieben. Bei jeder, auch
der geringsten Blutung werden Hosenträger, Riemen und dergleichen
angelegt, ."ehr zum Nachteil der Verwundeten. Soll das Anlegen der
elastischen Binde wirklich zweckmäßig sein, so darf das eben nur der
Arzt tun.
Manfred Fritz (Arolsen): Zur Schienenfrage. Verfasser ver¬
wendet hei allen Knochenverletzungen Gipsschienen, die ohne jede* Pol¬
sterung naß direkt auf die Haut angelegt werden. Ihre Technik wird
eingehend beschrieben. Die Vorteile dieser naß aufgelegten Gipshaut-
schienen sind*. Rasches Fertigstellen ohne Zeitverlust und ohne schwierige
Vi.rkreknnir. sichere Fixierung, erleichterte Revision der Wunden, Ver¬
hütung von Gelenkversteifungen, einfache Herstellung selbst für Unge¬
übte. Ersparung des Polstermaterials und der gewöhnlich raitgeführten
Schienen.
R it.se hl fFreiburg i. B): 12 Gebote zur Verhütung des
Irfippeltums bei onsern Kriegs verwundeten. Sie sind dazu be¬
stimmt. als Plakate in den Lazaretten aufgehängt zu werden, und
zwar zur ständigen Erinnerung für den Verwundeten und das Sanitäts-
P'wmI. (Zu beziehen vom Verleger der Freiburger Zeitung in Frei-
hiirg i. B.)
Ludwig Pincussohn (Berlin): Ueber Oxalnrie. Vortrag, ge¬
halten im Verein für innere Medizin und Kinderheilkunde in Berlin am
15. Juni 1914.
A. Hahn (Berlin): Eine einfache Methode der quantitativen
HarnMoffbestimmnng in kleinen Blutmengen für die Zwecke der
Nierendiognoirtik. Sie beruht auf der Verwendung der Soja-Urease,
mittels der bekanntlich der Harnstoff im Urin exakt und einfach nach-
znwoi-en ist, imd auf der Bestimmung der Alkalinität der serösen Flüssig¬
keit mittels der Jodometrie.
Alter (Lindenliaus): Bohrähnliche Darmerkrankungen. Sie
wurden vom Verfasser in ausgedehnten Epidemien beobachtet und waren
‘lürch Streptokokken erzeugt worden. Diese epidemische, septische
IWloruhr verläuft aber nicht immer harmlos, sondern kann eine sehr
Wendung nehmen und auch zum Tode führen. Es dürften bei
'l ^er Erkrankung Beziehungen zum lymphatischen Halsapparnt bestehen.
Schatz (Rostock): Pseudoappendicltis ultraforinis an sich
selbst beobachtet. Sie trat bei dem Verfasser zweimal auf nach dem
'" luß unwkleinerter, unverdaulicher Speisen. Beide Male fand sich an
| ,Vr typischen Stelle in der Ileocoecalgcgend ein schmerzhafter, harter
Lraer von Apfelgröße. Das eine Mal waren im nächsten Stuhlgänge
,n,, ‘ l ‘L m Anfalle die Scvbala alle einzeln lind sehr hart, von über
KifsdiengniUe. und zwei davon durch eine längs rabenfederkieldick zu-
-ainm**nuredreI»te Fascie (von einer am Abende vorher genossenen
rohen Schinkens) hantelartig so verbunden, daß die gelblich
iüM’ie als llantelgriff 3 cm lang war. Es dürfte sicli wahrscheiu-
'rii lim einen Krumpf aller die Valonta Banhuri umgehenden Darm teile
,|ß 'I riadurch erzeugten schmerzhaften Tumor gehandelt haben. Nach
s 'lifiell und ohne Fieber verlaufenden Anfällen von „Appendicitis“ sollte
‘'l'"' '' ;l ' ier *dets im Stuhlgänge nacli den Ursachen suchen, da viele
‘"n-<hen die Gewohnheit haben, unvollständig zu kauen. Manche
*<melle Heilung nacli „Appendicitis" wird so leicht erklärlich; des-
11 lu-n mancher Fall mit häufigeren, aber nicht fieberhaften Anfällen.
,t “ w - r ist schließlich allein durch Achtsamkeit beim Essen heilbar.
F. Bruck.
Münchener medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. 5.
Petruschky (Danzig): Zur weiteren Nutzbarmachung der per-
cutanen Immunisierung. Der Verfasser hebt noch einmal hervor, daß
es gelungen sei, Heia, eine Gemeinde von etwa 500 Seelen auf der
gleichnamigen Halbinsel, tuberkulosefrei zu machen, und zwar auf dein
Wege der Inunction durch ein von der Handelsgesellschaft deutscher
Apotheker (Hageda) in Berlin zu beziehendes Präparat. Die unverletzte
Haut kann nicht nur lebende, sondern auch abgetölete Tuberkelbacillen,
die auf die Hautoberfläche gestrichen werden, innerhalb weniger Stunden
aufnehmen. Dieses prophylaktische Inunctionsvcrfahren hat der Verfasser
nun auch für andere bakterielle Krankheiten ausgearbeitet, und zwar für
die gefährlichsten Komplikationen der Tuberkulose, die „akuten Sekundär¬
infektionen“. Er hat die wesentlichsten der hierbei in Betracht kom¬
menden Antigene in einer einzigen Emulsion vereinigt. („Linimentum
anticatarrhale“; davon werden zwei- bis dreimal wöchentlich zxvei bis
vier Tropfen eingerieben, etwa drei bis vier Wochen hindurch.) Ferner
hat er die Inunctionsprophylaxe auf die Kriegsseuchen: Ruhr, Typhus,
Cholera auszudehnen versucht und empfiehlt, dieses überaus einfache und
bequeme Verfahren anzuwenden. Zu berücksichtigen ist. daß durch alle
„Schutzbehandlumrsverfahren“, mögen sie in einer Verimpfung lebenden
Materials —- wie bei den Pocken — oder in der Injektion oder Inunction
totcu Materials bestehen, das spätere Eindringen virulenter Infektions¬
erreger in den Körper nicht verhütet werden kann. Was zu erreichen
ist, ist immer nur eine erhöhte Widerstandskraft gegenüber den In¬
fektionserregern (Fockenerkrankungen sind bei Geimpften nicht völlig
ausgeschlossen: sie werden aber leicht Überstunden und die epidemische
Ausbreitung ist so gut wie ausgeschaltet).
A. Levinson (Chicago): Das Auskaltationsphünomen des Kehl¬
kopfes beim Kropp und Pseodokmpp. Damit gelingt die Differential¬
diagnose zwischen beiden Affektionen. Man auskultiert über dem Thyrenid-
knorpel, der bei Kindern in der Höhe des dritten Halswirbels liegt, und
in der Fossa suprusternalis. I)en Gehöveindruck durch Beschreibung des
Auskiiltationspliänomens wiederzugeben, ist sehr schwierig. Nur durch
Uebung läßt sich dieses Phänomen vermuten.
Joh. Fabry und Johanna Selig (Dortmund): Ueber die Be¬
handlung der Syphilis mit Knpfersalvarsan. Das neue von Ehrlich
zur Verfügung gestellte Präparat hat vor den übrigen Salvarsanpräpa-
raten den Vorzug, daß es einen wesentlich geringeren Arsengebalt hat.
Man kommt daher mit erheblich kleineren Dosen von Aether aus und
kann die Einzelinjektionen in kurzen Zwischenräumen folgen lassen, so¬
mit die Behandlung bis zur Beseitigung der sichtbaren Symptome ab¬
kürzen. Dagegen hat das Präparat deu Nachteil, daß die Lösung des
Kupfersalvarsans sehr kompliziert und eigentlich nur vom Krankenhaus
auszuführen ist. Besonders die Neosalvarsaninjektion mit der Rekord¬
spritze und in konzentrierter Lösung ist unvergleichlich leichter. Mit dem
neuen Mittel lassen sich alle Stadien der Lucs schnell und sicher beein¬
flussen.
Joh. Fabry (Dortmund): Heber intravenöse Behandlung des
Lupus mit Knpfersalvarsan. Das Resultat war ein absolut nega¬
tives, ebenso wie bekanntlich auch bei andern Kupferpräparaten. Daß
eine Kupfersalbe Örtlich angewendet ähnlich wirken kann, wie z. B.
Pyrogullol, ist möglich. Wenn aber die Autoren, die ursprünglich so
warm für die Chemotherapie der Kupfersalze eintraten, jetzt den Schwer¬
punkt auf die örtliche Behandlung legen, so heiße das, den ursprüng¬
lichen Standpunkt in der ganzen Frage auf geben.
R. Weiß (Freiburg i. Br.): Universaluntersuchnngsapp&rat für
quantitative Bestimmungen. Der genau beschriebene Apparat dient
zur Bestimmung des Harnzuckers, des Harnstoffs, der Harnsäure, der
Chloride und der Gesamtaciditai des Urins. Auch die Gesamtsäure so¬
wie die freie Salzsäure des Magensafts läßt sich damit bestimmen.
Weber (Kassel): Elu eigentümlicher Fall von Anaphylaxie
gegen Fliegenstiche. Ein vorher ganz gesunder Mann wurde durch
eine Stechfliege (Tabanide^am Finger gestochen und war danach schwind¬
lig, cyanotisch, dyspnoisc-li und nahezu pulslos geworden. Die Kon¬
junktiven der Bulbi waren stark infiziert, die Pupillen ziemlich eng. das
Sensorium benommen. Langsam erholte sich der Kranke. Vor sechs
Jahren hatte er einen ähnlichen Zustand infolge eines Fliegenstichs, der
durch den Handschuh hindurch die Hand verletzt hatte.
Fritz König (Marburg a. L.): Universalschtone für den prakti¬
schen Arzt. Sie soll den Arzt in den Stand setzen, wenn er zu einer
Verletzung — oder einer andern schmerzhaften Erkrankung an deu Ex¬
tremitäten — gerufen wird, allemal den richtig feststellemlen Verband
anzulegen. Man kann sie bei einem Krankenbesuche zu Fuß in einem
oder zwei Exemplaren bequem mitnehmen. Die metallische, aus drei in¬
einander zu schiebenden Gliedern bestehende Schiene ist zusammen¬
gezogen nur 30 cm lang. Das Längenmaß der völlig ausgezogenen
Schiene betrag! 75 cm. Diese Länge genügt aber nicht für die Schienmig
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UNIVERSUM OF IOWA
198
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7.
14. Februar.
eines Oberschenkelbruchs beim Erwachsenen. Hier tut man tun besten,
zwei solcher Schienen zu kombinieren. Der Preis einer Schiene, die von
Wilh. Holzhauer in Marburg, Steinweg, zu beziehen ist, beträgt 4,50 M.
A. Ritschl (Freiburg i. B.): lieber die mechanische Behand¬
lung wirklicher Formabweichnngen des Skeletts. Man schließt den
betreffenden Körperteil in eine sich gut anschmiegende Hülse ein. Diese
Hülse wird dann sowohl an der Seite der Winkelöffnung als auch an der
des Winkelscheitels durch Fenster unterbrochen. Die dazwischen
stehenbleibenden Spangen der Hülse müssen verstärkt werden, da sie
als Stützpfeiler dienen sollen für einen Brückenzug, der schließlich den
korrigierenden Druck auszuüben hat. Das Prinzip dieser mechanischen
Vorrichtung ist ein solches, daß man von zwei festen Säulen aus, die
die stehengebliebenen seitlichen Teile des Verbandes darstellen, durch
ein angespanntes Band einen außerhalb gelegenen Skeletteil zwingt, sich
einer zwischen diesen Säulen errichteten Ebene zu nähern.
R. Klapp: Ueber Rückenmarkschfisse und Behandlung der
im befolge der Laminektomie auftretenden Meningitis. Für die Be¬
handlung dieser Meningitis empfiehlt sich die Kombination von Hals¬
stauung und von häufigen, täglich vorgenommenen großen Lumbal¬
punktionen. Der Wert der Stauung bei dieser aufsteigenden Meningitis
liegt vorwiegend in der Erhöhung des Liquordrucks. Die Stauungs¬
hyperämie des Gehirns drückt den Liquor in den Wirbelkanal abwärts,
sodaß ein der aufsteigenden Infektion entgegengesetzter Liquordruck
stattfindet.
Heinrich Schun (Berlin): Zur Behandlung der Rtickenmark-
verletzungen im Felde. Sehr häufig kommt es bei diesen Verletzungen
zu tödlicher aufsteigender Infektion infolge von Blasenlähmung. Daher
empfiehlt der Verfasser sofort nach der Verletzung prinzipiell die
Cystostomie, die Anlegung einer suprapubischen Fistel mit Hilfe eines
gebogenen Troikards und Einführung eines Pezzersehen Katheters, der
liegen bleibt. Die Wunde soll möglichst dicht verschlossen werden, das
Mundstück des Katheters ist so sauber wie möglich zu halten (Instruk¬
tion des Zugbegleiters!).
Relli Axter-Haberfeld (Bello Horizonte, Brasilien):' Ueber
einen Fall von Emetinbehandlung bei Balantidiose. Eine 60 jährige
Frau litt seit vier Monaten an schweren Diarrhöen (bis zwölf wäßrige
Entleerungen täglich, immer Eiter und oft auch größere Mengen von
Blut enthaltend). Sie war mit den verschiedensten Mitteln erfolglos be.
handelt worden. Die mikroskopische Untersuchung des Stuhls ergab
die Anwesenheit von Balantidium coli, bis zu zehn Balantidien von ver¬
schiedener Größe pro Gesichtsfeld, alle in lebhafter Bewegung. Nach
einer subcutanen Injektion von 0,03 Emetin hatte die Patientin innerhalb
der nächsten 24Stunden nur eine Stuhlentleerung (gegen acht am Tage
vorher). Diese Injektion wird nun täglich mit gleichbleibendem Erfolge
wiederholt, sodaß schon nach der dritten Einspritzung keine Balantidien
mehr im Stuhle zu finden waren. Dieser wurde konsistenter, der Eiter
verschwand.
Ru pp recht (München): Die Alkoholkriminalität ln Bayern im
Jahre 1913. In erster Linie stehen selbstverständlich die Roheitsakte.
Relativ häufig waren die Trunkenheitsdelikte Jugendlicher (das heißt
zwischen 12 und 18 Jahren). Dabei ist bemerkenswert, daß sich die
Mehrzahl dieser jugendlichen Trunkenbolde nicht in der großen Stadt,
sondern auf dem Lande finden. (Von Kirchweih- und Tanzunterhaltungen
ist auf dem Lande die jugendliche Bevölkerung meist schwieriger fern¬
zuhalten als in der Stadt).
FeldärztUche Beilage Nr, 5.
H. Eis (Bonn): Ueber Schußfrakturen langer Röhrenknochen
nnd ihre Behandlung in den Heimatlazaretten. Nach einem Vorträge,
gehalten vor den Aerzten der Reserve- und Vereinslazarette von Bonn
und Umgebung.
Fritz Lange: Papphttlsenschienen. Das Prinzip, an Stelle der
bisherigen Schienen, deren Anlegen mit Binden einen großen Aufwand
an Zeit und Verbandmaterial erforderte, einen einfachen orthopädischen
Apparat zu setzen, hat sich durchaus bewährt. Sollen die Schienen aber
in Feindesland hergestellt werden, so erfordert das bisher verwandte
Material eine Aenderung. Bandeisen ist allerdings überall zu haben.
Statt des Sattelfilzes aber kann man die überall erhältliche Pappe be¬
nutzen. In die Pappe können Fenster geschnitten werden, um die
Wunden zu verbinden, ohne die Schienen abzunehmen. Wenn von jeder
Schienen form ein Stück als Muster beim Etappensanitätsdepot vorhanden
ist so können unter der Oberaufsicht eines orthopädisch erfahrenen
Arztes die Schienen von den Handwerkern der feindlichen Stadt oder
den Sanitätskolonnen hergestellt werden.
Karl Kolb (Schwenningen a. N.): Ueber Schußverletzungen der
Harnwege nnd Verlegung derselben durch das Geschoß. Besprochen
werden eine Schußverletzung der Harnröhre im Bereiche der Pars mem¬
branen und zwei Ureterverletzungen. Wichtig ist die Darreichung eines
Harnantisepticums, wie Urotropin Da dies aber bei längerem Gebrauche
seine Wirkung verliert, schiebt der Verfasser nach drei Urotropintagen
drei Saloltage ein und fährt in diesem Zyklus dann fort.
Arthur Müller (München): Dreifache Harnröhrenverletznng.
Es handelte sich um eine alleinige Verletzung des Penis. Dieser war
durch ein Infanteriegeschoß von oben nach unten im mittleren Drittel
glatt durchbohrt worden. Der Fall und seine operative Behandlung wird
eingehend beschrieben.
A. Käppis (Hagen i. Westf.): Ein bemerkenswerter Fall von
Blasenschuß. Ein Maschinengewehrgeschoß war durch das Kreuzbein ins
kleine Becken und in die Blase gedrungen, dort ziemlich beschwerdelos
liegen geblieben und schließlich durch die Harnröhre mit dem Urinstrahl
entleert worden. Erst ganz allmählich bildete sich ein abgekapselter Urin-
absceß vor der Blase. Der Schuß hatte die Blase intraperitoneal getroffen.
Jedenfalls war die Blase beim Schlisse leer, sonst wäre es heim Auftreffen
auf die Blasenflüssigkeit zur Sprengwirkung gekommen. Eine intra¬
peritoneale Blasenverletzung hätte auch wenigstens eine Reizung des
Bauchfells machen müssen.
G. Lennhoff (Berlin): Anweisung an Aerzte and Kranken¬
pfleger bei Transporten von Verwundeten. Sie besteht aus 14 Leit¬
sätzen.
August Dobisch (Auscha, Deutschböhme): Der gefensterte
Gipsverband. Nach Festkleben des Verbandes mit Mastisol wird ein
Kegelstutz aus Kork oder Holz mit der kleineren Fläche genau über der
Wunde mit einer Kalikobinde befestigt. Dann kommt der Gipsverband,
den Kegelstutz rings umgebend. Dieser wird schließlich nach Fertig¬
stellung: des Verbandes herausgehoben. Der nun vorliegende Gipstrichter
wird mit Mastisol bestrichen. F. Bruck.
Zentralblatt für Chirurgie 1915 , Nr . 4.
Ferd. Schultze: Zur Mitteilung von Dozent Dr. Lothar
Dreyer: Neues Symptom be! der Patellarfräktnr, zugleich ein Bei¬
trag zu ihrer Behandlung. Nach Dreyer wurde durch Extension des
Oberschenkels in einem Falle von Patellarfraktur die Hebung des Beins
durch den Patienten möglich, also war die Annahme einer Zerreißung
des Reservestreckapparats nur vorgetäuscht. Da sich aber in diesem
Fall eine Diastase im Patellarbruche röntgenologisch fand, so meint
Schultze, daß der Streckapparat in der Höhe der Patella doch zerrissen
gewesen ist, denn die Kniescheibe zeigt niemals eine Diastase,
auch nicht bei starker Beugung des Knies, solange der Quadriceps
unversehrt ist. — Es ist also zu unterscheiden zwischen a) wahrer
Fraktur der Patella, b) Zerreißungen des Streckapparats
mit Fraktur. Die erstere bedarf keines chirurgischen Eingriffs, die
zweite bedarf der Naht und zunächst der Ueberkorrektur durch Ueber-
dehnung des Quadriceps. (Vergl. D. Zschr. f. orthop. Chir. Bd. 31.)
K. Bg.
Zentralblatt für Gynäkologie rot 5. Nr. 4,
W. Gessner: Zur Behandlung der Schwangerschaftsniere nnd
Eklampsie. Die Nierenstörungen in diesen Zuständen sind primär und
die Folge von Kreislaufstörungen. Der vom Blasenhals aus¬
gehende Zug ist die Ursache. Aus dieser mechanischen Theorie wird
die Behandlung abgeleitet: Entspannung der Harnorgane durch sofortige
Entleerung der Gebärmutter. Wo schonende, sofortige Entbindung auf
natürlichem Wege nicht möglich, ist der extraperitoneale Kaiserschnitt
nach 0. Küstner das normale Verfahren, wobei neben der Trennung
von Blase und Cervix noch die beiden Luschkaschen Muskelbündel
durchschnitten werden. — Bei der Schwangerschaftsniere ist die rechte
Niere der Spannung dadurch zu entziehen, daß der Ureter durchschnitten
und der renale Stumpf in das Kolon eingepflanzt wird. K. Bg.
Dermatologisches Zentralblatt , I8.Jahrg1915, Nr. 3*
Schauer: Ueber Combnstin (Winter). Das Combustin, dessen
wirksame Bestandteile Alum.-, Bismuth.-, Zinkverbindungen sind, stellt
eine gute Heilsalbe für Verbrennungen und Entzündungen der Haut dar.
Rhagaden nach Kälteeinwirkung und Unterschenkelgeschwüre wurden
besonders günstig beeinflußt.
Nr. 4. Willy Cohn: Ueber vier Fälle von Pityriasis liche¬
noides chronica. Drei dieser Fälle bestanden erst wenige Wochen, er
vierte bereits drei Jahre lang. Beschwerden waren in keinem raue
vorhanden.
Rezepte: Ekzem der Nasenlöcher: Ungt. zinc., Ungt. Hydrarg.
praecip. alb. aa 5,0 (Veiel).
Urticaria: Chinin, muriat. 2,0, Secal. comuti 1,0, Ferri sulfur. ,
Extract. gentian. 9,0 ad pilul. Nr. 100 , dreimal täglich 2 Pillen. Pinhus.
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UNIVERSUM OF IOWA
H. Februar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7.
199
Neurologisches Zentralblatt 1914, Nr. 24.
Charles K. Mills (Pennsylvania): Maskeltonus, Gemütsbewe¬
gung wtd cerebraler Tonngapparat. Kasuistische Mitteilung. Die
Hauptsvmptome bei diesem Fall, in welchem die Erkrankung drei Jahre
nach einer syphilitischen Infektion sich entwickelte und unter allmählicher
Verschlimmerung im Laufe von sieben Jahren zum Tode führte, waren
schmerzhafte Zwangsbewegungen bei Gemütserregungen und Hypertonie
der gesamten Körpermuskulatur, welche sich besonders beim Gehen und
Stehen, später auch beim Kauen und Schlucken zeigte. Im Hintergründe
standen Symptome von seiten der Pyramidenbahnen. Die Sektion ergab
ausgedehnte Degenerationen im Nucleus caudatus und im Nucleus lenti¬
cularis beider Hemisphären. Die theoretischen Erörterungen über die
cerebrale Beeinflussung des Mnskeltonus sind für ein kurzes Referat
ungeeignet.
Dubois (Bern): Die Psychotherapie der Schlaflosigkeit. Der
Schlaf ist eine automatische Funktion des Großhirns, welche, wie jede
andere Funktion, durch mannigfache Erregungen innerer oder äußerer Pro¬
venienz gestört werden kann. Diese sind teils physischer, teils psychi¬
scher Art, Die ersteren sind übermäßig starke Erregungen einzelner
Sinnesorgane oder verschiedene Vergiftungen, welche analog dem Coffein
auf das Gehirn einwirken, oder Autointoxikationen, welche unmittelbar
oder mittelbar durch Kreislaufschädigung die cerebralen Funktionen be¬
einflussen. Nur in solchen Fällen wird eine kausale Therapie von Erfolg
begleitet sein, in allen andern Fällen handelt es sich um psychogene
Schlafstörungen, und in diesen ist eine rationelle Psychotherapie
am Platze. J. P.
Wiener klinische Wochenschrift 19 J 5, Nr. 3.
Heigel: Zn den Infektionen mit Bakterien der Paratyphus-
grappe. Nachweis eines paratyphusähnlichen Bacteriuras im Dünndarm
eines Säuglings, das zu dessen Enteritis in ursächlicher Beziehung stand;
desgleichen als alleinigen Erregers von Leberabscessen.
Chiari: Beitrag zur Prognose und Therapie des Wundstarr¬
krampfs. Empfehlung der lumbalen Anwendung möglichst großer Anti¬
tommengen. — Die Bewertung des therapeutischen Nutzens der Serum-
therapie nach Ausbruch der Krankheit ist bekanntlich noch schwankend.
Hesse: Positirer Ausfall der Wassennannschen Reaktion bei
Pemphigus. Von elf Fällen neun positive Reaktionen.
Marcovici: Ein Fall von Elephantiasis nach Lymphangitis
posMjsenterica.
Mazza: Die Bacteriotherapie des Typhus abdominalis. Emp-
lehlung der Vaccinetherapie. Misch.
Wiener medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. 3 u. 4.
Nr. 3. H. Spitzy: Die Nachbehandlung der Kriegsverwundeten.
Es werden die orthopädischen Behandlungsmethoden und die Invaliden-
-diulen besprochen, die inzwischen in Oesterreich errichtet sind.
H. Januschke: Eiweißfettfreie Kost zur Behandlung inkom¬
pensierter Herzen. Rasche Beseitigung von Stauungserscheinungen bei
Kindern in Fällen, wo die Karelische Milchkur versagt hatte, durch
Dextrosedität: 100 bis 140 g Dextrose in Tee und Limonade und eine
^mmek bei großem Hunger geringe Eiweiß- und Fettrnengen; drei
Ammeln pro Tag und einige Cakes; etwa zweimal 300 g Gemüse, fett-
frei zubereitet, 300 g Rindsuppe oder Schleimsuppe und Obst. Im Be¬
ginne der Kur zwei bis drei solcher Zuckertage nacheinander, dann ein
oder zwei Eßtage; später ein oder zwei Zuckertage in der Woche. Da¬
neben Digitalis.
R. Rleissel: Die Erkrankungen des Magens bei Lues.
Referat siehe nach Abschluß der Veröffentlichung.
H. Noum&nn: Zur Cholerafrage. Polemik.
Nr. 4, G. Gärtner: Bemerkungen zur Pathologie und The-
rtj«* 4er Cholera asiatica. Die in der vorletzten Nummer hier
referierte Auffassung Neumanns von der größeren Gutartigkeit der in
b&lizien jetzt zur Beobachtung kommenden Cholerafälle wird von
jartner recht überzeugend darauf zurückgeführt, daß ein großer Teil
fr Erkrankten bis zur Einlieferung ins Krankenhaus stirbt, daß die
zum Tode führenden Erkrankungen für die Beobachtung im Hinter-
Md ausscheiden; auch daß im Neumannschen Material keine Anurie
beobachtet wurde, spricht für das Fehlen der schwersten Fälle. Thera¬
peutisch werden die hypertonischen Kochsalzinfusionen — 10% — be-
soadera empfohlen.
Guszmann: Polyarthrltls syphilitica acuta. Im Frühstadium
'jphiiis auftretend, ist die Erkrankung durch die auffällige Steige-
? ™ Schmerzen während der Nacht und, im Gegensatz zum Gelenk-
camatismus, durch die Unempfindlichkeit gegenüber aktiven und
e
passiven Bewegungen charakterisiert; auf große Jodkalidosen sofortige
Entfieberung und Schmerzlosigkeit.
R. Kleissei: Die Erkrankungen des Magens bei Lues-
Krankengeschichten zu W. m. W. Nr. 3. Misch.
Journal of the American medical association 1914 ,
Bd. 63, Nr . 19 , 20 u. 22.
Nr. 19. Frederic Bass: Untersuchungen Über Teutilatlons-
systeme.
Win slow: Wichtigkeit des Studiums des Zustandes der Kranken«
hausluft.
James Alexander Miller: Kraukenhansventilation vom Stand¬
punkte des Klinikers.
S. Frederic Lee: Experimente im Laboratorium mit Luft.
A. K. Ohmes: Krankenhausventllation vom Standpunkte des
Ingenieurs.
Van der Bent: Ein Vergleich zwischen dem alten und modernen
Krankenhause. Hygieniker, Kliniker und Techniker vereinigen sich in
vorliegenden Artikeln zur Erörterung der wichtigen Gesundheitsfrage, der
Frage der neuen Luftzufuhr. Bass legt fest, daß die wichtigste Probe
auf die Tüchtigkeit eines Ventilationssystems die Reaktion der Organismen
sei und fordert Untersuchungen der Räume auf Temperatur, Feuchtig¬
keit, Luftströmungen, Gerüche, Kohlensäure- und Staubgehalt, nicht
kritiklos und vereinzelt, sondern unter verschiedenen nicht extremsten
Bedingungen. Win slow bringt ims Versuchsreihen aus New Yorker
Schulen, Geschäfts- und Krankenhäusern. Als Resultat seiner Unter¬
suchungen stellt er eine von Fall zu Fall festzulegende Anordnung der
Art der Ventilation auf und vereinigt sicli in dieser Förderung mit dem
Techniker, der der Fenster Ventilation bei geeigneter Umgebung, Parks usw.,
der künstlichen Ventilation unter andern Umständen das Wort spricht
und am Schlüsse seiner Ausführungen freilich auf amerikanischen Ver¬
hältnissen basierende Kostenberechnungen für Ventilationssysteme gibt.
Der Kliniker bringt uns Untersuchungen über den Einfluß der Luft,
respektive der Ventilation auf Temperatur, Blutdruck und Pulszahl der
Individuen, Frederic S. Lee Untersuchungen an Katzen unter ver¬
schiedenen Versuchsanordnungen, endlich van der Bent einen Ueber-
blick über das, was das moderne Krankenhaus im Verhältnis zum alten
erreicht hat und was es noch erreichen muß.
Die Artikel, die uns außer den verschiedenen Versuchsreihen nichts
wesentlich Neues zu sagen wissen, bringen indes in zusammenfassender,
anregender Weise das wichtige Thema Ventilation zu guter Anschauung
und erleichtern speziell dem Praktiker die Orientierung.
Norton L. Wilson: Die Tonsillen als Eingangspforte für
Allgemeininfektionen. Verfassei gibt acht Fälle von Infektionen,
Nephritis, Rheumatismus, Keratitis, die nach seiner Meinung von den
Tonsillen ausgingen, und spricht in entsprechenden Fällen der Tonsillotomie
das Wort.
Charles Remsen: Operativer Eingriff bei Cyste der linken
Großhirnhälfte. Fallgeschichte. Die Operation brachte bedeutende
Besserung und Erleichterung.
Nr. 20. S. Adolphus Knopf: Die Tuberkulose als Ursache und
Resultat der Armut. Hauptsächlich auf statistischen Resultaten ba¬
sierend, bestätigt Verfasser die Ansicht, daß die Tuberkulose eine Armuts¬
krankheit ist, daß aber anderseits sie auch durch die hohen Kosten, die
sie verursacht, Mittelbegüterte verarmt. Er betont, daß häufig nur die
später geborenen Kinder von der Tuberkulose befallen werden, da erst
bei der größeren Kinderzahl Not eintritt. Er verlangt, daß die Masse
vor allem lerne, daß es auf die Art, nicht auf die Menge des Nach¬
wuchses ankomme, daß die schwangere Frau geschont werden müsse usw.
An sich alte Wahrheiten, die aber nicht oft genug betont werden können
und hauptsächlich im Verein mit Vorschlägen zur Verbesserung der Lage
der Armen, Volksküche, Heilstätten usw. gut in vorliegendem Artikel
behandelt werden.
Wilfred Harris: Einige Erfahrungen mit Alkoholin jektionen
bei Trigeminus- und andern Neuralgien. Verfasser gibt seine Er¬
fahrungen mit Alkoholinjektionen an 200 Fällen chronischer Trigeminus¬
neuralgie, ferner bei einigen Fällen von Neuralgia postherpetica sowie
bei fibrosifcis.
C. Hermann Bucholz: Erfahrungen ans der medlcomechani-
schen Abteilung des allgemeinen Krankenhauses zu Massachuseti
während sechs Jahren. Gibt einen Ueberblick über das Resultat und die
Art der behandelten Fälle und betont den Nutzen der mcdicomechanischen
Abteilung im Krankenhause, freilich unter Hinblick auf die Tatsache, daß
gut® Resultate nur in einer gut und gleichmäßig ausgestatteten Abtei¬
lung und nur unter gründlich ausgebildeter Leitung, speziell bei genauer
Kenntnis aller physiologischen und pathologischen Gesetze möglich sind.
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UNIVERSUM OF IOWA
200
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK
Nr. 7.
14. Februar.
Ferner auch verlangt Verfasser, daß alle Aerzte des Hauses einmütig und j
willig Zusammenarbeiten und betont, daß die Einrichtung nur den
Patienten Nutzen bringen kann, die geeignet und nicht von vornherein
hoffnungslos sind.
Edward B. Yedder: Ein Vergleich der Wassermann- und
Lnetfnreaktion bei 744 Individuen. Pie Untersuchungen ergaben keine
übereinstimmenden Resultate. In vielen Fällen zeigte sich die Luetin-
reaktion wirkungsvoller.
II. M. McClnnakan: Die Behandlung des zarten und zu früh
geborenen Kindes zu Hause. Betont, daß das Kind vor allem vor dem
Zurückfließen der Nahrung in den Kehlkopf geschützt werden müsse, daß
ein Schutz vor zu starker Erhitzung der Umgehung nötig ist und daß
deshalb immer das Thermometer in dem Körbchen sein müsse. Als günstiges
Zeichen ist eine Gewichtszunahme und normaler gelber Stuhl anzuseheu.
Nr. 22. Gregg Donald: Die Entstehungsursache bei 100 Fälle«
von Psychoneurosen. In der Entstehung der vorliegenden 100 Fülle' spielt
in der Mehrzahl als wesentlicher Faktor psychopathische Veranlagung
und Heredität eine Rolle. Harte Arbeit, Lucs, alkoholische, nervöse und
sonstige Gesuudlieitsschüdigungen sind ausschlaggebend für das Alter, in
dem die Erkrankung auftritt. Verfasser fand indes, daß körperliche Be¬
schwerden mehr zu fürchten sind als Schwierigkeiten in der Umgebung,
auch daß sich die Symptome der Psyehoneurosen mit der Dauer der Er¬
krankung mehren. AU diesen Schädigungen kann im wesentlichen die
Prophylaxe, besonders hei durch Veranlagung und Heredität gefährdeten
Individuen, Vorbeugen. Ihre Wichtigkeit kann deshalb nicht genug betont
werden.
H. Loevenburg: Wirksamkeit des Natriumchlorids in der
Therapie der Nierenentzündung. Verfasser fand, daß die Anwendung
physiologischer Kochsalzlösung, sei es als Infusion, sei es als Tropf¬
klysma hei Oedem irgendwelcher Ursache, falls die Nieren nicht zu
schwer geschädigt sind, von heilsamem Einfluß ist und auch in \ erhindtjpg
mit Alkalien und reichlich Wasser auf alle Symptome der Nephritis günstig
wirkt. Die beste Amvendungsmcthode ist per rectum oder intravenös.
B. A. Thomas: Die Bolle der Nierenfnnktionsprüfungeu, sowie
vor- und nachoperative Behandlung zur Herabsetzung der Sterblich¬
keit nach der Prostatektomie. Betont unter Darstellung der Funktion#
Prüfungen die Wichtigkeit der gutfunktionierenden Nieren für den Erfolg
der Operation und sieht in der geringen Ft erblich keit seiner an der
Prostata Operierten nur einen Erfolg der sorgfältigen Anwendung des
Cystoskops und der Nierenuntersuchung. Mit Abbildungen.
V. D. Lespinasse: Die Beseitigung der Sterilität durch Fer¬
mente. Epididymostoinie. Operationstechnik.
Sackson Chevalier: Direkte Methode für intralaryngeale
Operationen. Verfasser beschreibt die Operation mit Abbildungen und
betont den Wert derselben besonders bei Kindern.
S. Ogilvie Hanson: Intraspinale Behandlung der Syphilis
des CentralnervensysteiHS mit Salvarsanserum von bekannter Stärke.
Verfasser macht Mitteilung über die Herstellung eines menschlichen
Serums mit bekanntem Mengeninhnlte von Salvarsan und gibt im An¬
schlüsse daran 15 mit diesem Serum behandelte Fälle. Verfasser sah von |
der Methode gute Erfolge. ___ Cordes.
Bücherbesprechungeii.
Franz M. Grocdel, Grundriß und Atlas der Röntgendiagnostik
in der inneren Medizin. Zweite, vollkommen unigoarbeitete und
wesentlich erweiterte Auflage. Mit 100 photographischen und 524 auto-
tepischen Abbildungen auf 121 Tafeln und mit 285 Textabbildungen.
München 1914, J. F. Lehmanns Verlag. M 5«,—.
Nach reichlich fünf Jahren ist die zweite Auflage erschienen. Von
der Flüchtigkeit in der Darstellung, welche viele nach Knegsbeginn
publizierte Schriften aufweisen, ist diesem ausgezeichneten Werke nichts
anzumerken.
Hie zweite Auflage weist entsprechend der enormen Vertiefung,
dem ständigen Aus- und Weiterbau der Rönlgenwissensrhaft wesentliche
Aenderungen gegenüber der ersten Auflage auf: Der Umfang des Werkes
bat sich fast verdoppelt, mehrere neue Kapitel sind hinzugrkommen, die
Zahl der autotvpisehen und photographischen Abbildungen ist um zahlreit die
instruktive Bilder vermehrt.
Von Grödel selbst ist das Kapitel über spezielle Röntgentechnik,
in welchem, durch zahlreiche Abbildungen erläutert, die meisten modernen
Apparate kritisch besprochen sind. Ferner luitGrödel die Kapitel über
das normale Thoraxbild und über die Erkrankungen des Herzens und des
Magendannkanals bearbeitet. Tn diesen sind all« praktisch wichtigen
Tatsachen durch zahlreiche Abbildungen. Schemata und Ort hpdia gram ine
erläutert.
Pas Kapitel über Erkrankungen de* Gehirns stammt von Titten:
uher die Erkrankungen der Augen von Sc li nun d igel: über die Erkran¬
kungen des Gehörorgans von Pfeiffer: über Kiefer- und Zahnkrank*
beiten von Finckh; über Erkrankungen der oberen Luftwege von
Spiess und Pfeiffer: über Zwerchfell und Atmung von Jamin.
Die Darstellung der Erkrankungen der Trachea und Bronchien, so¬
wie der Geschwülste und Tuberkulose der Lungen stammt aus der Feder
von Krause. Besonders verdienstvoll ist das Kapitel über die Röntgeii-
diagnose der Frülituberkulose durch die ausführliche Erörterung der
Fehlerquellen. In dem Kapitel über Speiseröhrenerkrankungen gibt
Steyrer ausführlich die Differentialdiagnose zwischen spastischer und
organischer Oesopliagusstenose auf Grund der kinematographischen Auf¬
nahmen von Kraus. Außer diesem Kapitel hat Steyrer das Kapitel
über Lungenerkraukungen mit Ausschluß der Tuberkulose bearbeitet. I>ie
Kapitel über Erkrankungen der Pleura und des Perikards stammen von
Brauer, der auch ausführlich die Bedeutung der Röntgenstrahlen für
die operative Behandlung der Lungentub -rkiilo.se hinsichtlich Auswahl
der Fälle und Kontrolle des Operationserfolges bespricht.
Imineimann weist in einem kurzge halte neu Abschnitt über die
Röntgenuntersuchung der Leber und der Gallenblase auf die Schwierig¬
keiten der Röntgendiagnose der Gallensteine und die Möglichkeit der
Verwechslungen mit andern Steinen hin.
llaeniseli gibt in dem Kapitel über die Röiitgenuiitcisuclmngdes
uropoctisehen Systems vor allem die Darstellung der Technik und Praxis
des Steiimacliweisos. Bei den Erkrankungen des Skeletts bespricht
Köhler genauer nur diejenigen Affektionen, welche unbestritten der
inneren Medizin angeboren* Pringsheim (Breslau).
Taschenbuch des Feldarztes. II. Teil. München 1014, J. F. Lehmanns
Verlag. 258 Seiten. M 4,—.
Während der erste Teil dieses „Taschenbuches", das „Vademecuin
des Fehlarztes" von A. Schönwerth, ein Ratgeber in chirurgischen
Fingen für den Niehtchirurgen sein soll, enthält dieser zweite Teil eine
ganze Reihe von vorzüglichen Arbeiten über die ansteckenden und über
andere innere Krankheiten, über Erkrankungen des Gehirns, Rückenmarks
und der Nerven, über Geisteskrankheiten. Augen-, Ohren-, Nasen-. Hals-.
Haut-, Harn- und Geschlechtskrankheiten. Dazu kommt noch ein Bciinii'
von Gruber über Geschlechtskrankheiten und Kassenhygiene sowie über
die Bekämpfung des Alkoliolmißbraucbs. Den Schluß bildet ein Ver¬
zeichnis. der Arzneimittel der K. S. O. und eiu bei der Reichhaltigkeit
des Inhalts besonders wertvolles alphabetisches Schlagwörterverzeiclmh
Das Ganze ist auf 25S Seiten zusainmengedrängt und kann dem Truppen¬
arzt als Nachschlagewerk wohl empfohlen werden. Hier und da finden
sich allerdings auch Dinge besprochen, mit denen der Feldarzt kaum je
zu tun hat, weil sie erst in Kriegslazaretten oder in den Reservelazaretten
der Heimat berücksichtigt werden müssen. A. Köhler.
G, Liebe, Die Schwindsucht und ihre Bekämpfung. Leipzig
1914, Tunnverlag. 59 S. M 0,50.
Das kleine Heft Li (»lies in der Turmbücherei über Wesen, Ver¬
hütung und Heilung der Tuberkulose wird seinem Zwecke, den Laien zu
unterrichten, durchaus gerecht. Es ist sachlich richtig, reichhaltig, leicht
verständlich und recht interessant geschrieben.
Sicherlich, gehört es zu den besten Schriftchen, die man in der
Hand des Gesunden und Kranken sehen möchte. Gerhartz.
Hans Much, Die Im inunitiitswissonschaft. Eine kurzgefaßte 1 . eber¬
sicht über die biologische Therapie und Diagnostik für Aerzte und
Studierende. Zweite, völlig umgearbeitete Auflage. Mit sechs Tdeln
und sieben Abbildungen im Text. Würzburg 1914, Curt Kabitzsch.
280 S. M. 8.—.
Das bereits in zweiter Auflage vorliegende Buch bringt Eune
lohrhuchartige, gleichmäßige Darstellung der Immunitätswissenscludt. L>
trägt vielmehr (»inen subjektiven Oharakter und läßt in der Auswahl
des Tatsachenmaterials die eignen Forschungsergebnisse des Verfasser
stark hervortreten. 'Trotzdem ist alles Wesentliche berücksichtigt, die
Beziehungen zur praktischen Medizin werden besonders betont, und auili
die Methodik ist kurz beschrieben. Einen Vorzug des Buches bildet ^
lebendige, stets den Kernpunkt der Probleme hervorhebende Darstellung.
Ihr hat das Werk wohl auch in erster Linie seinen berechtigten Erfolg
zu verdanken, der ohne Zweifel auch der neuen Auflage zuteil weukn
wird. Kurt Meyer (Berlin).
G. Heber, Elektrizität für zahnärztliche Zwecke. Leipzig 191b
Schulze &. Go, 59 S. M —.40.
In dem vorliegenden Büchelohen beschreibt der Verfasser in kurztu
Worten die in der zahnärztlichen Praxis gebräuchlichen elektiisf uD
Apparate. Er «gibt, zuerst einen allgemeinen Ueberblick über Zahnarzt
liehe Elektrizitätsverwertung und erklärt dann den zalinärztliclieii Lb ir '^
motnr. die Anwendung der elektrischen Wärmowirkiingen, das elcktny 11
Licht in der Zahnheilkunde, die Verwendung therapeutischer Stioinarten
und das zahnärztliche Röntgeninstruuientarium. lL'Mt'in-ii.
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UNIVERSUM OF IOWA
14 Februar.
1916 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7
201
Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen.
Neue Folge der „ Wiener Medizinischen P resse“. Redigiert von Priv.-Doz. Dr. Anton Bum , Wien.
K. k. Gesellschaft der Aernte in Wien.
Sitzung vom 5. Februar 1915.
V. Prantner demonstriert aus der I. chirurgischen Klinik
mehrere Soldaten, bei welchen Erfrierungen behandelt worden
sind. Zur Beobachtung kamen 105 Erkrankungsfälle, bei welchen
in der Mehrzahl die unteren Extremitäten, in einem Fall 7 Finger,
in einem anderen das Skrotum und Gesäß betroffen waren. Er¬
frierungen 1. Grades gehen mit diffuser Rötung, Parästhesien,
spontaner Schmerzhaftigkeit und Oedem, diejenigen des 2. Grades
mit Perniones, Blasenbildung und Abgang von Nägeln, die des
3. Grades mit Hautnekrose und Gangrän einher. In 7 Fällen wurden
Amputationen im Lisfraneschen Gelenk notwendig. Die Ent¬
scheidung, wie weit die Erfrierung geht, ist in den ersten Tagen
schwer zu fällen, da eine Restitutio ad integrum sich einstellen
kann, nachdem die paretischen Gefäße sich wieder erholt haben,
andrerseits aber wieder anfänglich geringfügig erscheinende Er¬
frierungen zu schweren Nekrosen führen können. Vortr. ist für
die möglichst konservative Behandlung der Erfrierungen und
widerrat, die Amputationen zu früh vorzunehmen, da man ent¬
weder im geschädigten Gewebe operieren oder zu viel vom Gesunden
wegnebmen kann. Die notwendigen Operationen sind demnach auf
einen möglichst späten Zeitpunkt zu verlegen. Die erste Aufgabe
der Behandlung ist, die stockende Zirkulation durch physikalische
Maßnahmen zu heben: Kohlensäurebäder, wechselwarme Bäder,
wechselwarme Luftdusche (durch einige Minuten 3—4mal im Tag,
je eine Minute warme und kalte Luft); die ausschließliche Troeken-
bebandlung durch Heißluftapparate, durch welche Mumifikation
herbeigeführt wird, ist weniger zu empfehlen. Die kranke Extre¬
mität wird hochgelagert und die erfrorene Stelle mit Paraffinsalbe
Dfld steriler Watte bedeckt. Stellt sich Demarkation ein, dann
wird das abgestorbene Gewebe abgetragen. Als Desodorans wurden
Spülungen mit schwachen Lösungen von Kalium hypermanganicum
angewendet. Zur Reinigung der Wunden und zur Beförderung der
Abstoßung von nekrotischen Fetzen wurde Pepsinsalzlösung an¬
gewendet, Permanente Bäder kamen ebenfalls zur Anweudung. Bei
dieser Behandlung kam es nicht zu schweren Resorptionsersehei-
nengen, auch nicht zur Sepsis oder zum Weiterschreiten der
Eiterung längs der Sehnenscheiden. Das Resorptionsfieber geht
rasch zurück. Die granulierenden Flächen wurden mit Kollargol-
Perubalsam oder einer Argentum nitricum - Salbe verbunden,
wuchernde Granulationen wurden mit Lapisstift oder mit Jodtinktur
behandelt. Als Nachoperationen kommen Autoplastiken an dem
Stumpf in Betracht.
P. Eichenwald demonstriert aus der Abteilung v. Frisch
zahlreiche Abbildungen von Erfrierungsfällen. In der Mehrzahl
der Fälle waren die Pat. nur einem geringen Grad von Kälte
ausgesetzt. Als monatelang dauernde Nachfolgen der Erfrierung
wurden häufig Neuritiden oder neuritische Schmerzen und Par-
äsUsesien beobachtet, die Therapie war konservativ; bei schwer
infizieiten Fällen muß man jedoch radikal Vorgehen, da die In¬
fektion in den Sehnenscheiden hinaufkriechen kann. Die demar¬
kierten Teile werden abgetragen, bei Amputationen, die am Vorder-
foße notwendig sind, werden sie in geeigneten Fällen am besten
1DI Eisfraneschen Gelenk vorgenommen, da bei spontaner Ab¬
stoßung das funktionelle Resultat schlechter sein kann als dasjenige
nach der Amputation. Die Unterscheidung zwischen trockener und
feuchter Gangrän hat für praktische Zwecke wenig Bedeutung.
G. Riehl weist auf die Unterschiede zwischen der Erfrierung und
w 'erbrennung hin. Bei der Verbrennung wirkt der Temperaturreiz
r T D J r ^ anz ^ urze er erz ® l, Kt eine typische Entzündung mit
€r ^udenz zur Exsudation, erst bei intensiver Hitzeeinwirkung kommt
? Iur ^krose. Bei der Erfrierung verläuft der Effekt des Insultes viel
_ nparner, das Erythem dauert Wochen- und monatelang. Die anatomische
d rw-*^. er S‘ht> bei Erfrierungen 1. und 2. Grades eine Erweiterung
/ r mit Thrombenbildung verschiedener Art und Durchtränkung
««Bindegewebes mit Serum; die Gefäße haben ihren Tonus eingebüßt,
ia zwar auch die Kapillaren. Bei der Erfrierung 2. Grades bilden sich
? mI Transsudation des Serums. Bei Erfrierungen 3. Grades
t die Gangrän nicht sofort, sondern erst Tage und Wochen später,
enn man mittelst Spray die Haut zur Erfrierung bringt, so wird sie
Awn eines Tages wieder normal; bei Erfrierung einer Hautatelle durch
P^^eschneo, wobei die Haut bis auf — 00° abgekühlt und in einen
iJu* wird, taut letzterer binnen einiger Minuten auf lind
e Haut stirbt nicht ab. Erst nach 1—2 Tagen kommt es zu lebhafter
B l,ln “ung und Blasenbildung und später zur Restitution. Die Ein¬
wirkung von Hitze und Kälte ist hinsichtlich ihres Effektes von dem
Grad der Temperaturänderung und von ihrer Dauer abhängig. Man
sieht z. B. nach Verbrennung mit heißer Suppe, welche vielleicht 60 u
hat. bei Kindern den Tod eintreten, weil dio heiße Flüssigkeit einige
Zeit einwirkt, bevor die begossenen Kleider abgestreift wei den. Dagegen
entsteht bei einer Gasexplosion eine Hitze von mehreren 100°, die aber
nur einige Sekunden andauert: es werden dabei manchmal nicht einmal
dio Haare versengt und die Hautoberfläche wird nur wenig verändert.
Bezüglich der Therapie ist die Beachtung der Veränderungen des Tonus,
der Wand und des Inhaltes der Gefäße wichtig. Bei der Erfrierung kann
die befallene Stelle noch nach Wochen sich erholen oder gangränös
werden, man kann auch nicht Voraussagen, welche Hautpartie sich er-
holon oder nekrotisch werden wird. Daher empfiehlt Redner die äußerste
konservative Behandlung, Frühamputationen sind nur bei beginnender
Sepsis indiziert. In allen anderen nicht infizierten Fällen soll man so
lange zu warten, bis sich alles demarkiert hat.
E. Freund berichtet auf Grund seiner Erfahrungen im Reserve¬
spital in Korneuburg über den Zusammenhang von Erkältung und Rheu¬
matismus. Letzterer hat verschiedene Gruppen. Die infektiöse Gruppe
spielt in der Kriegspraxis eine geringe Rolle, häufiger sind Fälle mit
ausgesprochenen Neuritiden, oft mit Atrophien, und am häufigsten der
Muskelrheumatismus. Die Pat. klagen über Schmerzhaftigkeit der Mus¬
keln, welche hochgradig druckempfindlich sind, das Periost in der Nähe
der Gelenke ist manchmal schmerzhaft, Bewegungen sind nur mit
Schmerzen möglich, Atrophien fehlen, Salizyl versagt in solchen Fällen.
Bäder und Massage haben eine günstige Wirkung. Die Heilung tritt
meist in 8—10 Wochen ein.
A.Exnor zeigt aus dem Garnisonspital Nr. I Soldaten mit
Gefäßschüssen. 1 . Einschuß in den rechten Sternokleidomastoi-
deus, Ausschuß im Pharynx. Zuerst Lähmung der linken Körper¬
hälfte, nach deren Besserung eine schwache Lähmung der linken
oberen Extremität zurückgeblieben ist. In der Nähe des Unter¬
kiefers bildete sich ein Aneurysma aus, weshalb die Carotis com¬
munis unterbunden wurde. Darauf ist das Aneurysma kleiner ge¬
worden und die Pulsation hat aufgehört. 2. Durchschuß in der
Mitte des linken Oberarmes, welcher verheilte. Nach einigen
Wochen bekam Pat. neuralgische Schmerzen im Gebiet des
Ulnaris und einige Handmuskeln wurden atrophisch. Es war ein
Aneurysma der A. brachiali? entstanden; dieses wurde reseziert
und das fehlende Stück der Arterie von ca. 4 cm Länge wurde
durch ein Stück der Vena saphena ersetzt. Der Puls war sofort
nach der Operation fühlbar und der weitere Verlauf war günstig.
3. Ein hühnereigroßes Aneurysma arterio-venosura der rechten
A. poplitea nach Schußverletzang. Die Arterie und Vene wurden
reseziert, der Defekt in der Arterie wurde durch ein dem anderen
Bein entnommenes Venonstiick ersetzt. Der Effekt ist gut, die
Fußarterien pulsieren. Die Unterbindung der Extremitätenarterien
ist meist nicht von Gangrän gefolgt, aber eine vollständige Resti¬
tutio ad integrum tritt nicht immer ein. Deswegen hat Vortr. die
Implantation eines Venenstückes vorgenommen und hierbei ein
gutes Resultat erzielt.
R. Lichtenstern demonstriert mehrere Fälle von Schnß-
vcrletzungen der Niere, der Blase und des Genitales. Von
Nieren Verletzungen wurden 13 Fälle beobachtet, von diesen waren
3 Kontusionen und 10 Durchschüsse; von letzteren wurden 8 bei
Bettruhe geheilt, 2 Fälle wurden operativ behandelt. In dem einen
Fall entleerte sich aus der Schußwunde ein trüber, jauchiger
Harn, bei der Operation fand man ein starkes Infiltrat um das
Nierenbecken, in der Harnblase Blutkoagula, aus dem linken
Ureter entleerte sich Blut. Die Niere wurde exstirpiert. Pat. starb
jedoch an Urosepsis. Im zweiten Fall war der obere Pol der Niere
angeschossen, trotzdem war der Urin klar und Pat. bekam erst
nach 14 Tagen Fieber. Nach Entfernung der Niere erfolgte Heilung.
— Von Blasenverletzungen wurden 8 Durchschüsse beobachtet,
von welchen 3 Fälle operiert wurden. Die Kugel fand sich im
ersten Fall in der Prostata und wurde durch Sectio alta entfernt.
Im zweiten Fall war die Blasenschleimhaut sequestriert, trotzdem
erfolgte Heilung. Im dritten Fall lag ein Durchschuß durch den
Blasenhals vor. — Von den Verletzungen des Genitales wurden
5 Fälle beobachtet. 3 Fälle von Hoden Verletzung heilten ohne
operativen Eingriff, in einem Fall mit Abtrennung eines Penis-
stiiekes wurde eine plastische Operation vorgenommen.
A. Hammerschlag stellt einen Mann vor, bei welchem ein
Projektil aus der rechten mittleren Scliädelgrube entfernt
worden ist. Die Einschußöffnung war in der rechten Schläfe, Pat.
hatte nur mäßiges Fieber und geringe Kopfschmerzen. Später be-
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UNIVERSUM OF IOWA
202
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7.
14. Februar.
kam er Symptome von Meningitis. Föderl hat die Kugel ent¬
fernt. In der fünften Woche darauf bekam Pat. vorübergehend
eine Trigeminusneuralgie, wahrscheinlich infolge einer Reizung des
Gangl. Gassen, ferner hat Pat. eine Parese eines Obliquus superior.
Sonst hat er keine Beschwerden. H.
Gesellschaft für innere Mediiin und Kinderheilkunde
in Wien«
Sitzung vom 28. Januar 1915.
Gerstmann stellt aus der Abteilung Schlesinger einen
Fall von BensibilitStsstornng an der linken oberen Extre¬
mität Ton segmentalem Typus nach Schädelschuß vor. Im
Oktober erlitt Pat. eine Schußverletzung |im Bereiche des rechten
Felsenbeines, aus diesem wurden einige Geschoß- und Knochen¬
splitter entfernt; es war kein Abszeß vorhanden. Nach der Ver¬
letzung hatte Pat. eine linksseitige Hemiplegie, welche sich ge¬
bessert hat. Jetzt zeigt er nur eine geringe Hemiparese und eine
Herabsetzung der Schmerz-, Wärme- und Temperaturempfindung
im Gebiete des linken Ulnaris; die tiefe Sensibilität, die Stereo-
gnose und die taktile Sensibilität sind erhalten. Eine solche seg-
mentale Verteilung der Sensibilitätsstörung ist bei Gehirnver¬
letzungen außerordentlich selten. Man muß aus dem Fall schließen,
daß die Projektion der Hautsensibilität in der Hirnrinde nicht
ein einzelnes Zentrum darstellt, sondern aus einer Reihe kleinerer
Zentren besteht. Die Läsion entspricht bei dem Pat. topographisch
der mittleren Zentralwindung.
W. Schlesinger berichtet über einen leichten Fall von
Typhus exanthematicus und demonstriert die Fieberkurve des¬
selben. Ein Soldat kam vom nördlichen Kriegsschauplatz mit
einem hohen Fieber, welches er seit 4 Tagen hatte. Es dauerte
als Kontinua weiter und> am 4. Tag bekam er ein ausgebreitetes
Exanthem, welches einer typhösen Roseola sehr ähnlich sah. Es
war auch auf den Armen und Beinen vorhanden. Die Leukozyten¬
zahl betrug 2800, die Pulsfrequenz gegen 100. Vortr. hatte Ver¬
dacht auf Typhus exanthematicus, dieser wurde durch den weiteren
Verlauf bestätigt. Es fehlte jedoch der petechiale Charakter des
Exanthems, erst am 8. Tag fanden sich in diesem kleine Blutungen.
Außerdem hatte das Exanthem eine Aehnlichkeit mit Morbillen,
es fehlten aber Erscheinungen von Seite des Atmungsapparates.
Nach 14 Tagen zeigte Pat, plötzlich eine hochgradige Unruhe,
wegen welcher ihm Morphiuminjektionen verabreicht werden mußten;
am nächsten Tag fiel unter heftigem Schweißausbruch die Tempe¬
ratur bis auf 37,3° ab, nach einem weiteren Tage wieder unter
Schweißausbruch auf 36,1°. Es handelt sich um einen leichten Fall
von Typhus exanthematicus.
H. Salomon fragt, ob da nicht ein Arzneiexanthem vorliegt.
H. Schlesinger bemerkt, daß die Verbreitung des Exanthems
nicht unbedingt gegen Typhus sprechen würde. Er hat einen Typhusfall
mit ungewöhnlich reichlichem Exanthem beobachtet, welches sich auch
auf den Vorderarmen, Händen und im Gesicht befand. Den typhösen
Charakter der Krankheit zeigten die stets ßteigende positive Vidalsche
Reaktion und der weitere Verlauf. Bei den Typhusfällen, welche jetzt
vom Kriegsschauplatz kommen, ist häufig ein ausgebreitetes Exanthem
vorhanden.
W. Schlesinger erwidert, daß ein Arzneiexanthem nicht vorlag,
da Pat. schon mit Fieber hereinkam und nur zweimal je 1 g Antipvrin
bekommen hat; außerdem war an der Mundschleimhaut kein Ausschlag
zu sehen. Es gibt auch Mischfälle von Typhus abdominalis und Typhus
exanthematicus.
A V Müller: Ueber Klinik und Therapie der Dysenterie.
Vortr bespricht das Bild der Dysenterie nach seinen Erfahrungen
an der I. medizinischen Klinik und im Reservespital Nr. 7 in
Kagran Die jetzige Dysenterieepidemie wird durch Bazillen hervor¬
gerufen (Shiga-Kruse, Flexner), welche manchmal ein atypisches
Wachstum oder eine geringe Agglutination zeigen; es muß durch
weitere Beobachtungen erst entschieden werden ob es sich um
«ine soezielle Art der Dysentenebazillea handelt. Es werden mehr¬
fleh negative Bazillenbelunde in den Fäzos gemeldet; der Befund
aue h bei demselben Individuum, die bakteriologische
TTntersuchung könnte daher keine entscheidende Rolle spielen. Es
wmrdfl von manchen Autoren wegen solcher negativer Befunde
I£« «bakterielle nichtinfektiöse Dysenterieform angenommen; hier¬
für li«et jedoch kein Grund vor. Vortr. hat alle Palle mit blutigem
Stuhl g auf Dysenterie behandelt. Die durch Paratyphusbazillen
bedingten Erkrankungen zeichneten sich durch eine besondere
Hartnäckigkeit, lang dauerndes Fieber und ein schweres toxisches
Bild aus. Die Shiga-Kruse-Fälle waren meist schwerer als die
Fl ex n er-Fälle. Ein wichtiges Symptom der Dysenterie ist der
Tenesmus, welcher bis weit in die Rekonvaleszenz hinein andanert.
In zweifelhaften Fällen bringt die Rektoskopie die Entscheidung.
Die jetzt in Wien herrschende Dysenterieepidemie ist ziemlich
müde und hat eine geringe Mortalität, nach ärztlichen Berichten
ist letztere in Galizien weit höher. Unter den vom Vortr. beob¬
achteten Fällen trat der Tod, abgesehen von Komplikationen, unter
Kachexie, kleinem und frequentem Puls und zunehmender Schwäche
ein. Der Tod erfolgte in einem Stadium, wo sich die Stühle schon
gebessert hatten und keine Darmblutungen mehr bestanden. Es
gab auch überraschend günstige Ausgänge schwerer Fälle und
letale Ausgänge bei anscheinend günstigen Fällen. Das Krank¬
heitsbild ist arm an Komplikationen, am häufigsten kommen
Schmerzen in den Extremitäten vor, selten wurde echter Gelenks¬
rheumatismus beobachtet. Die Schmerzen sind auf Neuritis zuriick-
zufiihren, sie gehen mit Parästhesien, Fehlen von Reflexen, mit
Akroparästhesien, trophischen Störungen und Gefäßkrämpfen einher.
Vortr. hat derartige Neuritiden bei Darmgeschwüren verschiedener
Aetiologie beobachtet. Schwellungen von Gelenken kamen vor, sie
unterschieden sich jedoch durch das Fehlen von Fieber und Rötung
vom echten Rheumatismus. Im Beginn der Erkrankung wurde
manchmal Bradykardie beobachtet, häufiger ist Tachykardie bis 130,
welche plötzlich auftreten kann und erst auf wiederholte Dosen
von Digitalis weicht. Arhythmie kam selten vor, Endokarditis
niemals, häufiger waren Zeichen von Muskelinsuffizienz des Herzens
vorhanden; die Dysenterie schädigt in ausgesprochenem Maße den
Herzmuskel. Eine häufige Komplikation der Dysenterie ist paren¬
chymatöse oder eitrige Parotitis. Die Therapie bestand vor allem
in der Beobachtung von Ruhe und in der Applikation von Wärme,
ferner in der Anwendung von Abführmitteln, namentlich Kalomel
(3mal täglich 0,2). Die Wirkung des Kalomeis auf das Allgemein¬
befinden ist meist deutlich und die Zahl der Stühle wird geringer.
Auch andere Abführmittel (Rizinusöl, salinische Abführmittel)
haben eine gute, wenn auch eine schwächere Wirkung als das
Kalomel. Die Abführmittel haben den Zweck, die toxischen Pro¬
dukte aus dem Darm zu eliminieren und den Darm zu reinigen.
Von manchen Autoren wird Kalomel wegen der Gefahr der Queck¬
silberintoxikation perhorresziert; diese läßt sich jedoch in einem
Spital sicher vermeiden. Durch das Kalomel werden manchmal
die Darmblutungen gesteigert, doch lassen sich diese durch An¬
wendung von Kalk beherrschen. Die allgemein verbreitete Opinm-
behandlung wendet Vortr. nicht an. Um dem Pat. eine ruhige
Nacht zu verschaffen, gibt er lieber eine Morphiuminjektion. Bolus
alba (100—200 g) und Tierkohle (bis 80 g) tun gute Dienste, erster®
scheint den Vorzug zu verdienen. Adstringentia leisten Gutes in
der Behandlung der Dysenterie, beeinflussen jedoch den Prozeß
nicht hervorragend. Das beste ist eine Kombinationstherapie:
Bolus alba 500 g, Calcium carbon. 200 g, von dieser Mischung
werden 3 Eßlöffel täglich mit lg Tannalbin gegeben. Die Spü¬
lungstherapie wird in schweren Fällen nicht vertragen, in leichten
Fällen kann man sie entbehren; Abortivkuren konnte Vortr. mit
der Spülungstherapie nicht erzielen, sie kommt erst bei chronisch
verlaufenden Fällen in Betracht. In schweren Fällen oder m
solchen, welche sich gegen die übliche Therapie als refraktär er¬
wiesen, wurde die Serumtherapie (Shi ga-Kruse-Serum) ange-
wendet. Sie gab in manchen Fällen einen Erfolg, in anderen nicht,
doch ist sie als eine wesentliche Bereicherung der Bebandlungs-
mittel der Dysenterie anzusehen. In seltenen Fällen ging _® e
Dysenterie in ein chronisches Stadium über; in solchen Fällen
sind Tannin, Argent. nitricum zu Spülungen und Karlsbader Wasser
in kleinen Dosen einigemal im Tag anzuwenden. Vortr. hat
einige Fälle beobachtet, welche seit August dysenterische Stube
haben. Die Bazillenträger spielen bei der Dysenterie eine geringe
Rolle. Symptomatisch hat Vortr. gegen Tenesmus Belladonna un
Stärkeklystiere sowie Darm Waschungen mit Argent. nitricum, geg e
die Blutungen Kalzine (Kalk mit Gelatine) angewendet
therapie bei Dysenterie ist dieselbe wie bei anderen Injektion^
krankheiten, als reizloses Präparat ist Digifolin zu empfehlen-
Kollaps werden intravenöse Injektionen von Digifolin oder o
phantin sowie von hypertonischer Kochsalzlösung angeweu
Antipyretika wirken bei Dysenterie wenig. 1
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UNiVERSITY OF IOWA
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14. Febraar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7.
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iritcMkirvsisefee Abende im k. k. Garnisonspitale Nr. 16
* in Budapest.
Sitzungen im Monate Januar 1915.
D Hahn: (Jeher Schul? erletz ungen des Plenraranmes
nsd der Lmge. Auf Grund von 45 beobachteten Fällen befür¬
wortet er die konservative Richtung der Therapie. Verschlimme¬
rung des allgemeinen Befindens, Dyspnoe, Zunahme des Hämo-
tborax, Pulsabnahme geben jedoch Indikationen zu operativen Ein-
IV-:;
•’rkrä
£. Pollatschek: Ucbcr Kehlkopfschfisse. Nach den bis¬
herigen Statistiken fallen auf 10000 Schußverletzungen vier bis
fünf Halsschüsse. Die Frequenz im jetzigen Krieg scheint ihm
wegen Vervollkommnung der Waffen und der größeren Treff¬
sicherheit höher zu sein. Auf Grund von sechs vorgestellten
Fällen kommt er zum Schluß, daß Kehlkopfschüsse bei Soldaten
meist in stehender Stellung oder bei Märschen, sehr selten in
Deckungen Vorkommen. Querschüsse geben bessere Prognose als
Längsschüsse. Die Schwere der Verletzung steht mit der Länge
der Geschoßbahn in umgekehrtem Verhältnis. Müde Geschosse
rerursachen eher Zertrümmerung (Konturschüsse), Knorpelver¬
letzung. Nahschüsse penetrieren meist ohne Zurücklassung größerer
Veränderungen. Auch nach penetrierenden Schüssen können lang-
dauernde Sprachstörungen ohne jede anatomische Veränderung
Zurückbleiben. Im Gefolge von mit Zertrümmerung einhergehenden
Schossen tritt meist eine Knorpelentzündung auf, die ihrerseits
* zur Fisteibildung und Keblkopfstenose führen kann.
J. Keppieh: Kriegschirurgische Kasuistik.
1. Gefäßnaht der durchschossenen Art. brachialis.
: - Nach Bildung einer frischen Schnittfläche zirkuläre Naht nach
<. Firrel. Am Tage nach der Gefößnaht der früher nicht tastbare
ftadi&lispols gut zu fühlen.
i-’ 2. Aneurysma arteriovenosum cruralis. Mit Gewehr¬
kugel durchschossener linker Oberschenkel; nachher an der Ein-
schaßstelle eine pulsierende Geschwulst. Wegen hoher Lage der
Verletzung ist es unmöglich, die Extremität blutleer zu machen;
BS deshalb wird die Arteria und Vena iliaca extraperitoneal heraus-
präpariert, die Gefäße werden distal von der Stelle der Verletzung
r:: aofgesucht. An der Arterie eine haselnußgroße, asymmetrische
Ausbuchtung, auch die Vene auf das dreifache dilatiert. Bohnen¬
große Schußöffnung. An der Vene wird diese Oeffnung in der
Längsrichtung vernäht, aus der Arterie ein 3 cm langes Stück
eiMindiert nnd zirkuläre Naht nach Garrel angewandt. Puls der
Artdorsalis nunmehr gut fühlbar.
3. Aneurysma verum femoralis. Durch Ueberpflanzung
eines 12 cm langen Stückes der Vena saphena geheilt.
B. Köln Ar: Hernia epigastrica. Differentialdiagnostisch
interessant. Ein Offizier stürzte besinnungslos nieder; zu sich ge¬
kommen, klagt er über Magenscbmerzen, Blujterbrechen. Mit der
Diagnose Magengeschwür eingebracht. Anamnestisch erhoben, daß
die Schmerzen unabhängig vom Essen, nur bei körperlicher Bewe¬
gung au/treten. Die objektive Untersuchung bestätigte den Ver¬
dacht auf Hernia epigastrica. — Derselbe: Verkleinerung der
Jkrzdampfmig bei Soldaten. Eine wichtige Fehlerquelle der i
nerzuntersuehung bei Militärpersonen liegt in der durch Gewohnheit
strammen Stellung der Soldaten vor dem Arzt. In Habtachtstellung
dilatiert sich der Thorax, dem passiv zu folgen die Lunge gezwungen
jst, die, zwischen Herz und Thoraxwand gedrängt, das Herz bedeckt.
Deshalb ist die Herzdämpfung wesentlich kleiner. Bei Unter¬
suchung der Soldaten müssen wir darauf besonders achten, die
Bestimmung der Herzdämpfung in schlaffer Stellung zu ermitteln.
E, Groäg: Megalocolon congenitum. Ein 38 Jahre alter
KeserreJeutnant leidet seit seiner Kindheit an Stuhlträgheit, hat
stets nur auf Lavement Stuhl. Im Kriegslager verlor er mit seinem
Gepäck seine Klysopompe, auch mangelte es an Wasser und so
hatte er 31 Tage keinen Stuhl. Die damals vorgenommene
Utersuchung konstatierte die Anwesenheit von tumorartigen Kot-
ffiassen in der UeozökaJgegend. Röntgen ergab Vergrößerung des
DJckdarmes, insbesondere des Rektums, auf beiläufig dreifachen
tffiiang. Kolossales Rektum, das nach Konsumierung des schatten-
geoefiden Bismutbreies am 10. Tag das Bild eines das kleine
ecken vollkommen ausfüllenden, mit seinen Seiten die Gegend
es beiderseitigen Hüftgelenkes berührenden, mit seinem Stiel
y oben gewandten soliden, luftballonförmigen Tumors zeigt. Die
^aiunktion subjektiv und objektiv normal. S.
Berliner Medizinische Gesellschaft.
Sitzung vom 5. Dezember 1914.
Toby Cohn zeigt einen Pat., bei welchem er die Korrektur
einer Peroneuslähmung dadurch erzielte, daß er die Fußspitze
des mit einem Schnürschuhe bekleideten Fußes mittelst eines
ledernen Schnürsenkels hebt, den er durch die untersten Schnür-
lochÖffnungen zieht und direkt am Unterschenkel zuknüpft.
Saul: Beziehungen der Helminthen und Protozoen zur
Geschwulstätiologie. Zunächst werden die Helminthen und ihre
Eier demonstriert, welche Löwenstein als erster in Epitheliomen
von Ratten nachgewiesen hatte. Ihr Einfluß ist nach Löwenstein
derartig, daß die toxischen Stoffwechselprodukte derselben ge¬
schwulsterregend wirken. Damit stimmen auch Ergebnisse des
Vortr. überein, der nachgewiesen batte, daß die subkutane Implan¬
tation des Cysticercus fasciolaris bei Mäusen entweder Tumoren
der Subkutis oder Intoxikationserscheinungen hervorruft. Die so
entstandenen Tumoren stimmen histologisch mit den infolge Bil-
harzia in der menschlichen Blase auftretenden Tumoren überein.
Vortr. zeigt dann an der Hand von Befunden Weideis, daß die
Vorgänge bei der Bildung eines pflanzlichen Tumors infolge Ein¬
wirkung eines Insekts denjenigen Vorgängen gleichen, die im
Gefolge der Helminthiasis bei Tieren zur Tumorbildung führen.
An der Hand von Befunden bei der Kokzidose der Kaninchenleber
zeigte dann der Vortr., das Kokzidien auf die Epithelien der
Gallengänge nicht proiiferierend, sondern destruierend wirken, aber
im periportalen Bindegewebe hyperplastische Prozesse hervorrufen.
Es werden Präparate eines Magentumors eines Kaninchens demon¬
striert, der durch die Wandungen eines verödeten Geläßes gebildet
wurde und in dessen Hohlraum ein Zystizerkus lag. Schließlich
wendet sieh Vortr. der Krebsätiologie beim Menschen zu. Man
kann sich vorstellen, daß die Zellen bösartiger Tumoren vermöge
eines pathologischen Zellchemismus Stoffwechselprodukte besitzen,
die auflösend auf die Zellen der angrenzenden Gewebe wirken und
dadurch den Tumorzellen die Möglichkeit geben, infiltrierend und
destruierend zu wachsen. Als Ursachen kämen in Betracht: Para¬
siten bzw. deren Stoffwechselprodukte, präformierte Gifte, z. B.
Produkte der Anilinfarbenindustrie, und schließlich photochemische
Schädlichkeiten, z. B. Röntgenstrahlen.
M. Lewandowsky: Die Kriegsverletzungen des Nerven¬
systems. 1. Gehirnschüsse. Aseptisch eingeheilte Geschosse
bieten nach wie vor keine Indikationen zur Entfernung. Immerhin
ist die Verwerfung dieser Indikationen nicht mehr ganz so prinzipiell
wie früher, falls das Geschoß leicht erreichbar ist. Die wesentliche
Indikation zum chirurgischen Eingriff ist die Rücksicht auf die
möglichst aseptische Gestaltung jeder penetrierenden Schädelwunde.
Die Erfahrungen an den in die Heimat transportierten Verwun¬
deten bestätigen die Notwendigkeit der sofortigen operativen
Kontrolle aller Schädelwunden, speziell der Tangentialschüsse. Die
draußen nicht chirurgisch kontrollierten Fälle sind viel häufiger
infiziert als die kontrollierten. Bei den draußen nicht kontrollierten
ist auch in der Heimat noch sehr häufig die chirurgische Kon¬
trolle angezeigt. Bei jedem Schädel verletzten ist die langdauernde
Beobachtung auch bei anscheinend gutem Verlauf notwendig.
Noch nach mehrwöchiger Fieberlosigkeit können Meningitiden und
Hirnabszesse zur Erscheinung kommen, Außer der eitrigen Menin¬
gitis mit dem unvermeidlichen Ausgang kommen meningitische
Zustände durch Meningitis serosa und leichtere meningeale Blu¬
tungen vor, die eine günstigere Prognose bieten. Hier ist zur
Therapie und zur Diagnose die Lumbalpunktion angezeigt. Durch¬
schüsse des Gehirns machen oft nur geringe Symptome, an¬
scheinende Streifschüsse oft schwere. Letzteres erklärt sich durch
bestehende Schädelbrüche, oft bis an die Basis. Besonders häufig
sind dabei Kochlearis- und Vestibulariserscheinungen. Für die
Schädel Verletzungen ohne penetrierende Wunde gilt der Grundsatz,
daß nur auf die Voraussetzung umfangreicher meningealer Blutungen
operiert werden darf. Das Dauerschicksal der Hirn verletzten ist
noch nicht zu übersehen. Sicher wird bald die Frage der Beseiti¬
gung von Spätfolgen nach solchen an uns herantreten. Am ehesten
ist die Indikation zur Operation bei der traumatischen Epilepsie
gegeben, sonst möglichste Zurückhaltung angezeigt. — 2. Rücken¬
mark verletz ungen. Sie erfordern eine fast unbedingte Zurück¬
haltung gegenüber operativen Eingriffen. Die totalen Rückenmark¬
verletzungen bieten mit und ohne Operationen keine Chance, die
partiellen heilen ohne Operation häufig besser. Diejenigen Rücken-
marksverletzungen, die überhaupt Aussicht auf eine Wiederher¬
stellung bieten, sind auch fast nie durch Zerschmetterung des
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204
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7.
14. Februar.
Rückenmarks bedingt, sondern durch traumatische Nekrose und
Blutungen in Fällen, in denen das Geschoß nur am Rückenmark
vorbeigegangen ist. Das wichtigste bei der Behandlung der Riicken-
markverletzungen bleibt die Verhütung der Infektion von der Blase
aus. Die Kaudaverletzungen sollten vielleicht mehr nach der für
die peripheren Nerven geltenden Indikation behandelt werden. —
o. Periphere Nerven. Die totale Durchschlagung von Nerven
durch Geschosse ist selten (etwa 15°/ 0 ). Neurologisch läßt sich in
vielen Fällen nur dann die genaue Diagnose machen, wenn der
Nerv nicht total durchschlagen ist, häufig dagegen nicht bestimmen,
daß er durchschlagen ist. Es ergibt sich das aus der Erhaltung
von Funktionsresten, welche entweder diffus sein können oder
zirkumskript in dem Betroffensein oder Erhaltensein gewisser
Nervenfasergruppen sich kundgeben. Selbst totale Entartungs¬
reaktion beweist noch nicht, daß der Nerv wirklich durchtrennt
ist. Diese Indikation zur Operation ist aber nicht die einzige,
sondern der Nerv muß auch dann freigelegt werden, wenn er ver¬
wachsen und in Narben eingebettet ist. Dazu genügt praktisch
die Feststellung, ob eine Besserung der Funktion in 4—8 WocheQ
eingetreten ist bzw. fort gedauert hat oder nicht. Wenn das nicht
der Fall gewesen ist, so muß der Nerv freigelegt werden. Unter
14 nur auf diese Indikation hin operierten Nerven erwies sich die
Operation in 12 Fällen als notwendig. In sehr seltenen Fällen
können auch sehr starke neuralgische Schmerzen die Indikation
zur Operation geben. Dieselben Indikationen gelten auch für die
mit Knochenverletzungen verbundenen Nervenverletzungen. Fälle
ischämischer Lähmung durch zu langes Liegenlassen der Esmarch-
schen Binde kommen leider nicht zu selten vor. — 4. Hysterie.
Ist bei Nervenverletzungen nicht häufiger als bei anderen. Die
schwersten Fälle kommen ohne Verletzung und bei leichten Ver¬
letzungen vor. Es ist nicht zu erwarten, daß die Zahl der funktio¬
nellen Störungen eine übermäßig große wird, wenn man die Zahlen
der Unfallstatistik zugrunde legt. Die Organisation der Behand¬
lung dieser Störungen zusammen mit den nach Verletzungen
zurnckbleibenden Störungen muß auf breitester Grundlage einge¬
leitet werden. F.
Medizinische Gesellschaft in Freiburg i. Br.
Sitzung vom 1. Dezember 1914.
Ritschh Orthopädisches in der Verwundetenbehand-
lang. Eine vollkommene Behandlung von Knochenverletzungen
muß vom ersten Tag an die funktionelle Seite berücksichtigen.
Dann ist eine Nachbehandlung oft nicht mehr nötig, jedenfalls
aber sehr abgekürzt. Je schneller und vollkommener die Ver¬
wundeten ihre Arbeitsfähigkeit wieder erlangen, um so geringer
sind die finanziellen Lasten, die der Staat zu tragen hat. Schwarten,
die sich aus zurückbleibenden Blutungen bilden, bedingen bedeutende
Hindernisse für den freien Ablauf der Bewegungen. Ebenso schaden
die fixierenden Verbände, und zwar um so mehr, je länger sie
angewandt werden. Diese beiden Punkte sind also bei der Behand¬
lung zu berücksichtigen. Die bei den Verletzungen im Ueberschuß
auftretenden reaktiven Erscheinungen müssen durch Hochlagerung
der betreffenden Gliedmaßeü, Kompression, Wärme und besonders
Massage bekämpft werden. Die Verbände sollen nicht größer sein,
als unbedingt erforderlich; oft werden durch zu große Verbände
Gelenke und Muskeln in Mitleidenschaft gezogen, die von der
Verletzung gar nicht betroffen sind. Es kommt dann zu Ankylosen
und Muskelatrophien an Stellen, die weit von der Verwundung
entfernt sind. Diese unangenehmen Folgen bei Extremitäten Ver¬
letzungen treten infolge des Mangels von Bewegungen auf. Der
M. deltoideus und M. quadriceps femoris erfordern besondere Auf¬
merksamkeit, da sie am schnellsten atrophieren, wie überhaupt
die Strecker schneller als die Beuger atrophieren, da in letzteren
die Zirkulationsverbältnisse besser sind. Bei jedem Verbandwechsel
soll man daher aktive und passive Bewegungen vornehmen lassen,
letztere vorteilhaft mit Hilfe des faradischen Stroms. Wenn gleich¬
zeitig durch Anregung der Resorption der Entzündung der Schmerz
beseitigt wird, können schon im frühen Stadium ohne Schaden für
die Heilung aktive Bewegungen vorgenommen werden. Bei fixieren¬
den Verbänden müssen Stellungen gewählt werden, die im Falle
schwerer Störung oder gar Ankylose dem Glied eine möglichst
große Funktionsbetätigung gestatten. Zur Erweichung von Narben
hat sich dem Vortr. Fibrolysin bewährt. K.
Kriegschirurgischer Abend der Sanitätsoffiziere des
VII. deutschen Res.-Korps zn Brnyeres (Frankreich).
Sitzung vom 26. Dezember 1914.
Flörcken demonstriert einen am 2. November durch Ge¬
wehrschuß verwundeten Franzosen. Einschuß etwas einwärts vom
medialen Schulterblattwinkel links, Ausschuß in der linken Fossa
supraclavicularis lateral vom Kopfnicker. Gleich nach der Ver¬
letzung schlaffe Lähmung des ganzen linken Armes. Seasi-
bilitätsausfall nur im Ulnarisgebiet am Vorderarm. Radialpuls
links kaum fühlbar. Nach 3 Tagen kräftiger Radialpuls, gleich¬
zeitig setzt ein Oedem der Hand ein mit einer beginnenden Gangrän
sämtlicher Fingerspitzen; nach weiteren 3 Tagen ein herpesartiger
Ausschlag am ganzen tinken Vorderarm. Besonders nachte heftige
neuralgiforme Schmerzen im linken Arm. Generalarzt Geheimrat
Gold scheider stellt außerdem eine Affektion des linken Sym¬
pathikus fest; Miosis, etwas zurückgesunkener Bulbus, verengerte
Lidspalte des linken Auges. Das Krankheitsbild ist seiaer Auf¬
fassung nach mehr durch Reizung als durch Lähmung des Plexus
brachialis bedingt. Vorschlag der Operation, die am 5. Dezember
vom Vortr. ausgeführt wurde: breite Freilegung des Plexus bra¬
chialis in der Fossa supraclavicularis. Es zeigt sich, daß einige
wenige Stränge des Plexus direkt nach ihrem Austritt aus der
Halswirbelsäule abgerissen sind, der ganze Plexus aber in ein
schwieliges Gewebe fest eingebettet ist; mit Mühe gelingt die
Freimachung. Eine Naht der hoch abgerissenen Stränge ist un¬
möglich. Soweit sich bis jetzt feststellen läßt, hatte die Operation
einen dreifachen Effekt: 1. Die SensibilitätslähmuQg des Vorder¬
arms ist verschwunden. 2. Die Schmerzen sind seit der Operation
nicht wiedergekommen. 3. Patient vermag mit seinen Trizeps einige
zuckende Bewegungen auszuführen. Die Fingernekrose hat sich
an allen Fingern soweit demarkiert, daß die Absetzung in den
Gelenken zwischen Grund- und Mittelglied nunmehr erfolgen kann.
Es hat weiterhin eine sorgfältige ele&rische Nachbehandlung zu
folgen.
St.-A. d. R. Dr. Busch: Bei einem 17jährigen Kriegsfrei¬
willigen hatte eine Schrapnellverletzung zu doppelseitigem Hämato-
thorax und totaler Qaerschnittläsion des Bückenmarks etwa
in Hohe des dritten Dorsalsegments geführt. Die Sehnenreflexe
an den Unterextremitäten fehlen dauernd, vom dritten Tag ab be¬
stand Babinski. Neben der entsprechenden Sensibilitätsstörung
bestanden Blasen-Mastdarmstauungen und beginnender Dekubitus
am Kreuzbein, Zehen und Fersen. Der rechtsseitige Hämatothorai
wurde punktiert. Da kein Rückgang der Lähmungen, wurde am
elften Tag durch Laminektomie der Spinalkanal im Bereiche des
dritten bis fünften Brustwirbels freigelegt. (Geh. Rat Prof. Doktor
Rotter.) Keine sichtbare Verletzung des Duralsacks, keine Kon¬
sistenzveränderung. Verschluß bis auf zwei Jodoformgazestreilen.
Die trophoneurotischen Störungen haben sich gebessert, die Knie¬
sehnenreflexe sind wieder auszulösen. Pat. gibt Sensationen in den
Beinen an, neben spontanen Zuckungen vermag er gelegentlich
einzelne Bewegungen mit den Zehen auszuführen. In Analogie mit
den von Finkelnburg beschriebenen Fällen ist Vortr. geneigt,
auch hier Veränderungen nicht nur an der betroffenen Markstelle
selbst, sondern auch in ferner gelegenen Teilen anzunehmen. Hiermit
ließe sich das anfängliche Fehlen der Kniereflexe trotz Fehlens
einer Totaldurchtrennung (Bastiansches Gesetz) und die Wieder¬
kehr nach 3 Wochen gut vereinbaren. Vielleicht haben sich behädi-
gungen dos Reflexbogens zurückgebildet. Im Hinblick auf die
Besserung der trophoneurotischen Störungen und die Wiederkehr
einzelner Bewegungen ist innerhalb der nächsten Monate eine
Besserung noch als möglich zu erachten.
Flörcken hatte Gelegenheit, bei Schußverletzungen derWkbel*
ßäule und des Rückenmarks zweimal zu operieren. Der erste
trifft eine Granatsplittorverletzung der Halswirbelsäule mit Zertrum
rnng des dritten und vierten Halswirbels. Vollkommene Lähmung *
Jugulum nach abwärts, Atmung fast nur mit Zwerchfell. Da der
ganz frisch ist, werden an der Stelle der Verletzung zahlreiche,
Mark komprimierende Splitter entfernt, die Dura ist nicht verletz.
24 Stunden post Operationen! an Atinungslähmung. Ii^ 1 zweiten ‘ ^
handelte es sich um eine Granatsplitterverletzung in der Höhe des *
bis fünften Dorsalwirbels mit gleichzeitiger Verletzung der linken »
Die Lähmung war insofern halbseitig, als links eine aasg® S P.I 0Ch ^ t ‘^
ralyse, reehts nur eine Parese von der VeHetzungsstelle ab>'‘ ir ^ ^
mit ausgesprochener Hyperästhesie der Zone über der Sensibuitatss *
(Stabsarzt Dr.Trembur). Es wurde der dritte bis sechste Porn . d
und Wirbelbogen entfernt, und dabei fand sich am vierten Horsa ^
eine Kompression der Dura durch großen Granatsplitter un
Knochensplitter. Dura unverletzt. Pat. starb vier Tage nach <-
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iflli n. tun! zwar, »'io die Sektion zeigte, an einer Pneumonie der un-
iftüb* ierJetzfen reckte» Lunge. Keine Meningitis, an der Kompressionsstelle
findet sich unter der unverletzten Dura ein blutiger Envetchungsherd in
der MeduJJ;! bis zur Mitte, o m ist der Markqiierschmtt ebenfalls halb-
nubar scitk' blutig durchtränkt. Demonstrat ion des Präparats. Der zweite Herd
m . 4 f : :«r vieJieichl als durch Fernwirkung entstand«*» aufzufassen. Aueh bei
j ! fT. «beinbar intakter Dum können schwere Läsionen des Marks vorliegen.
, fler ^• oVrade bei den frischen Fällen, wie sie das Feldlazarett kriegt, würde
^ •? firh. besonders wenn keine vollkommene Querschnittslähmung besteht,
II Aß« ^ immer wieder eia Operationsversuch empfehlen, da die Pat. sonst sieher
*ana. k «erken sind.
St.-A. Zwicke berichtet über einen Krankheitsfall, der unter
■■■ dem Bild einer Bronchopneumonie verlief und nach 14 Tagen plötz-
itüm. Ter starb. Der Verlauf der Fieberkurve ließ an einen Typhös
,r * JC ; ibdomiflaiis der dritten bis vierten Woche denken. Die Widal-
;cbe Reaktion war 1:200 positiv. Die Sektion ergab Deben einer I
Jofiltration des linken Unterlappens eine diffuse Bronchitis beider
^ Luugen und eine Erweiterung des schlaffen rechten Herzens. Am
i ß Magen tmd Darm fanden sich keinerlei krankhafte Veränderungen.
wjU Drei Mesenterialdriisen waren bis zu Bohnengröße geschwollen. In
* der Gallenblase, deren Wand chronisch-entzündlich verdickt war,
j—* aurden ein großer und mehrere kleine Steine gefunden; der flüssige
*“ Inhalt war eitrig. Die Milz war weich, septisch, vergrößert. Die
M . bakteriologische Untersuchung des eitrigen Inhalts der Gallenblase
e z- ergab eine Reinkultur von TyphusbaziJien. Auch aus der Milz
£?-■ konnten Tjpbusbazillen gezüchtet werden. Es handelte sich dem-
nach wobJ um eine Bronchopneumonie oder vielmehr um ein Re-
i zidir bei einem Tvphusbazillenträger.
Petermann: Ueber Extreiniüitenverletzungen mit be¬
sonderer Berücksichtigung der Infektion. (Erscheint in ge-
airinsamer Bearbeitung mit Hamken in dieser Wochenschrift.)
St.-A. Dr. Berger: Hautkrankheiten im Kriege. Vortr.
i^prieht diejenigen Dermatosen, die für den Truppenarzt in erster
Linie in Frage kommen. Das sind neben dem einfachen nässenden
und dem trockenen Ekzem: 1. Die parasitären Ekzeme, die im- ;
peliginosen Ekzeme (Impetigo contagiosa), 2. die Pilzerkrankungen i
der Haut, insbesondere die Trichophytie der unbehaarten und be- j
^ haarten Haut, 8. die Pityriasis rosea Gibert, 4. die exsudativen <
1V Prozesse der Haut, 5. die Furunkulose. Tafeln erläutern den Etat ,
ao dermatologischen Mitteln bei der Truppe, den Sanitätskompagnien
* und den Feldlazaretten. An der Hand dieser Tafeln empfiehlt Vortr.
die geeignetsten therapeutischen Maßnahmen. Die venerischen
Krankheiten sind in den Kriegs- und Etappenlazaretten zu be-
iandf ln. Der zweite Teil der Ausführungen betrifft die Maßnahmen,
»eiche gegen die so gefährliche Ausbreitung der Epizoen des
menschlichen Körpers zu treffen sind, hieben der Therapie bespricht
Vortr. die Möglichkeiten, im Felde mit improvisierten Apparaten
Wäsche und Kleider der mit Skabies und Pediculis vestim. be¬
hafteten Mannschaften schnell und sicher zu reinigen. Formalin¬
dämpfe töten diese Lebewesen nicht. Leinen- und BaumwolJgegen-
stände werden ausgekocht. Demonstration eines improvisierten
ToDnenapparates zur Desinfektion der Kleider in strömendem
" asserdarapf und eines improvisierten Tonnenapparates zur Des- ai
Infektion mit Schwefeldämpfen. Das letztere Verfahren ist emp- ri
fehlen Ton General-Oberarzt Dr. Neuburger, vom Vortr. aus- \vi
probiert; es tötet Milben und Pedikuli sicher in 30 Minuten. H
St.-A. Dr. Fromme: Typhusbakämpfang im VII. R. K.
'Erscheint in dieser Wochenschrift.) nif
Ihlenhuth; Der Typhus stammt aus Belgien und Nordfrank- lei
r»tb, iiH-ht aus Deutschland. Das Aufmarschgebiet war durch die syste-
R üsche Typhusbekämpfung saniert, die Bazillenträger waren auf meinen
iim ersten Mobilmachungstag interniert worden. Es wurde das 11 "
[f! m ^ Vorkommen des Typhus durch Absuchen sämtlicher Ort- ZU,
' alten /unter der Front im Operations- und Etappengebiet der Armee Nr
■ j *■ «gemäß von uns naehgewiesen. Zahlreiche Typhusfälle und Bazillen-
J- r wurdeo atifgefunden und in einem ad hoc eingerichteten Spital
rgemacht (bis jetzt 120;. Das Spital, das mit improvisierten Des- ZUI
• lonseinnehtiingen allen hygienischen Anforderungen entsprechend nai
^ ,Bt * . d * ent gleichzeitig als Desin/ektorenschule. Nur durch
ut' stematisches Vorgehen auch bei der Zivilbevölkerung kann man rrj-
Der Typhus verläuft im Beginne vielfach als „Bronchitis**, Influenza,
i „Rheumatismus“. Die Kranken kommen dann in die Seuchenlazarette:
kein Mann, bei dem nicht dreimal die bakteriologische Untersuchung
negativ war, wird entlassen. Eine Verschleppung auch in die Heimat
wird dadurch sicher verhütet. Es sind auch besondere Genesungsheime
für bazillenfreie Rekonvaleszenten, die bakteriologische Untersuchung
ist auch im Beginne der Erkrankung von größter Bedeutung. Die klinische
Untersuchung allein führt in sehr vielen Fällen nicht zum Ziele. Wir
haben uns mit großem Vorteil einer „Büchsengans“ (Agar- und Typhus-
spezialnährboden in Konservenbüchsen) bedient, die nach unsern Angaben
in der Konservenfabrik von Ungemach A.-O.. Straßburg i. E.. hergestellt
wird. Die Ansteckung erfolgt fast ausschließlich durch Kontakt. Wasser-
und andere Infektionen wurden von uns nie beobachtet. Die Verbesserung
der in Frankreich sehr ungünstigen hygienischen Verhältnisse muß mit
allem Nachdruck gefördert werden: besonders wichtig ist die jetzt auch
überall getroffene Einrichtung von Badeanstalten. Die Schutzimpfung
ist überall durchzufiihren. Beobachtungen bei 200 000 Mann haben ge¬
zeigt, daß die Reaktionen sehr geringfügig sind. Ueber den Erfolg läßt
sich noch nichts Bestimmtes sagen. Jedenfalls ist die erfreuliche Tat¬
sache zu konstatieren, daß der Typhus jetzt fast vollständig verschwunden
ist. ln einigen Regimentern, wo der Typhus noch nicht ganz aufgehört
hat, werden alle Mannschaften bakteriologisch durchuntersucht, um even¬
tuell Bazillenträger zu finden; alle als bazillenfrei zur Truppe entlassenen
Leute werden weiterhin bakteriologisch kontrolliert. Bei diesem umfang¬
reichen Betrieb sind in meinem Laboratorium vier Assistenten und eine
[ Laborantin tätig. Zwei Herren sind stets auf Ermittlungen, zwei im
Laboratorium tätig.
Gen.-A. Nickel weist darauf hin, daß zur Bekämpfung einer
Weiterverbreitung des Typhus vor allem eine möglichst schleunige Iso¬
lierung aller Mannschaften, bei denen möglichenfalls Typhus Er¬
liegen könnte, durcbgefiibrt werden müss»*: dazu seien die Tvplmsbeob-
achtungsstationen errichtet und die Anweisung gegeben, daß dort jeder
Mann mit Fieber aufgenommen werden solle, wenn das Fieber durch den
Befund nicht genügend geklärt würde, lieber zehn Mann zu viel dort
hinschickon als einen zu wenig. Typhusbazillenträger der Zivilbevölke¬
rung könnten nur für die weiter rückwärts gelegenen Truppen in Frage
kommen, nicht aber für die Truppen der vorderen Linie, in den Schützen¬
gräben und den unmittelbar dahinter liegenden Ortschaften, weil in diesen
keine Zivilbevölkerung geduldet würde. Ein weiteres Hilfsmittel zur Typhus-
bekämpfung sei peinlichste Sauberkeit; Vergraben alles fäulnisfähigen
Materials, wie Speiseabfälle und Ueberreste. Beseitigung von Fäkalien,
die außerhalb der Latrinen entleert seien.
Kleine Mitteilungen.
Kriegschronik.
Dr. Philipp Peck f.
j fj T' ,* eiMtlsc “ es » orgehen auch bei der Zivilbevölkerung kann man
ir ni U8 - ailSrotten ’ ^ enn sonst «lecken sich unsere Soldaten immer wieder
U e geringere Beteiligung des VII. R. K. beruht wahrscheinlich darauf,
• irel /» „Bevölkerung weniger durchseucht ist. Wir haben be-
«'i'htiir f. Br diese Umgebungsuntersuchungen ausgearbeitet. Am
j- * , p^ n IS J da f rechtzeitige Auffinden der Kranken und Verdächtigen
r ; t . Jnn e , rc k dj® Truppenärzte. Alle verdächtigen Fälle (Tempe-
- der Tri °^ en IBber einen zu viel, wie einen zu wenig — müssen
die a j, „..^Pe sofort herausgenommen und in die „Beobachtungsstationen“,
cij.. jj eo L . er dienen ; gebracht werden. Auch für die Truppenärzte und 1
ungsstationen haben wir besondere Leitsätze ausgearbeitet.
Das militärärztliche Offizierskorps beklagt den Verlust
seines Chefs, der, ein Opfer treulich erfüller Amtspflicht,
am 7. Februar an Flecktyphus gestorben ist. Die Visitie-
rung eines Gefangenenlagers war der Anlaß zur Infektion,
welcher der pflichtbewußte Arzt und Soldat erlegen ist: ein
Heldentod gleich jenem im Feuer feindlicher Geschosse.
Generaloberstabsarzt Dr. Peck entstammte der Josefi¬
nischen Akademie. Er absolvierte 1874—1911 die Stufen¬
leiter militärärztlicher Grade vom Oberarzt zum General¬
oberstabsarzt, diente als Truppenarzt in Bosnien, Südtirol
und Ungarn, war später dem 2. Korpskonimando in Wien
zugeteilt, fungierte als Kommandant des Garnisonspitals
Nr. 2 und führte hierauf das Personalreferat in der 14. Ab¬
teilung des Reichskriegsministeriums, zu deren Vorstand und
zum Chef des Militärärztlichen Offizierskorps er 1908 er¬
nannt wurde.
Der Hintritt des tüchtigen, wohlwollenden und kolle¬
gialen Mannes, welcher die wissenschaftliche Fortbildung der
Truppenärzte stets gefördert, ist ein schwerer Verlust in
ernster Zeit, Es hat der Tragik dieses Sterbens nicht be¬
durft, die Erinnerung an den allverehrten Chef bei den Mili¬
tärärzten Oesterreich-Ungarns wie bei allen dauernd zu
festigen, die ihm im Leben näher getreten.
Preis und Ehre seinem Andenken!
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UNiVERSUY OF IOWA
20U
1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 7.
14. Februar.
Aus den off* Verlustlisten.
1. Tot:
Arzt Dr. Mor. Güusz (Liste Nr. 119).
O.-A. I)r. Alexander Struchol, L.-I.-R. Nr. 26 (Liste Nr. 119).
A.-A.-St. Dr. Job. Wangel, Garn.-Sp. Nr. 26.
2. Verwundet:
R.-A. Dr. Jakob Scherer, F.-J.-B. Nr. 13 (Liste Nr. 113).
A.-A.-St. d. Res. Dr. Ernst Fuchs-Beweis, I.-R. Nr. 57 (Liste
Nr. 117).
A.-A. d. Res. Dr. Abraham Marel, 1.-R. Nr. 58 (Liste Nr. 117).
R.-A. Dr. Marie, u. L.-I.-R. Nr. 28 (Liste Nr. 120).
3. Kriegsgefangen:
R.-A. Dr. Karl v. Müller, Garn.-Sp. Nr. 1, Wien (Chodschent-Ituli-
land, Liste Nr. 117).
* *
*
Die Kommandos der Ersatzkörper wurden angewiesen, unter
persönlicher Verantwortung alles aufzubieten, daß die zur Armee
abgehenden Formationen durchwegs gegen Typhus, Blattern und
Cholera geimpft werden; der Choleraimpfstoff ist samt den zu¬
gewiesenen Spritzen nur in jenen Fällen ins Feld mitzunehmen,
wenn für die Durchführung der Choleraimpfung im Hinterland
absolut keine Zeit erübrigt werden könnte.
* *
*
Von 6500 bei der französischen Armee befindlichen Aerzten
wurden nach einer von Prof. Tuffier in der Pariser Chirurgischen
Gesellschaft gemachten Mitteilung 93 getötet, 200 verwundet, 440
vermißt und 507 wegen Krankheit evakuiert.
(Anton Weichselbaum.) Am 8. <1. M. hat der ordent¬
liche Professor der pathologischen Anatomie an der Wiener
Universität Hofrat Dr. Weichselbaum das 70. Lebensjahr
vollendet. Wieder einmal tritt angesichts der geistigen und
körperlichen Integrität eines hingebungsvollen Lehrers die
Härte jenes akademischen Gesetzes zutage, das dem didakti¬
schen Wirken jener Universitätsprofessoren ein allzu frühes
Ziel setzt, die das siebente Dezennium ihres Lebens über¬
schritten haben. Mit schmerzlichem Bedauern werden Schüler
und Kollegen binnen Jahresfrist einen Mann aus dem Ver¬
bände der Universitas litterarum scheiden sehen, der Genera¬
tionen von Aerzten ausgebildet und sich stets, als Lehrer,
Dekan und Rektor, der studierenden Jugend wohlwollend
und hilfreich erwiesen hat. — 1869 promoviert und von
diesem Jahre an als Assistent der Lehrkanzel für patholo¬
gische Anatomie an der Josefsakademie wirkend, 1878 habi¬
litiert, 1885 zum Extraordinarius, 1893 zum Ordinarius seines
Faches an der Wiener Universität ernannt, blickt der J ubilar
auf eine 37jährige fruchtbare Lehrtätigkeit und eine Lebens¬
arbeit zurück, deren Spuren die Geschichte der Medizin
dauernd verzeichnen wird. Ihm, dem gleich ausgezeichneten
Bakteriologen und pathologischen Anatomen, verdanken wir
grundlegende Arbeiten über die Aetiologie der Pneumonie,
über Epidemiologie, Parasitologie und pathologische Histo¬
logie, über Aetiologie und pathologische Anatomie der Endo¬
karditis etc. Möge der Lebensabend des unermüdlich und
erfolgreich wirkenden Gelehrten noch lange währen!
(Militärärztliches.) In Anerkennung tapferen und auf¬
opferungsvollen Verhaltens bzw. vorzüglicher Dienstleistung vor
dem Feinde ist dem Gen.-St.-A. Dr. J. Schwarz das Offizierskreuz
des Franz Josef-Ordens am Bande des Militärverdienstkreuzes,
dem O.-St.-A. I. Kl. Dr. J. Steiner, Sanitätschef des Etappen-
Oberkrado., das Komturkreuz des Franz Josef-Ordens am Bande
des Militärverdienstkreuzes, den 0.-St.-Ae. I. Kl. DDr. L. Teren-
koczy, Sanitätschef des II. Korps, A. Majewski des 4. Armee-
Etappenkmdo. und dem St.-A. Dr.E.G1 aser beim 3. Armee-Etappen-
kmdo. der Orden der Eisernen Krone III. Kl. mit der Kriegsdeko¬
ration, den O.-St.-Ae. DDr. B. Tahal, Sanitätschef der 7. L-Div.,
J. Löwenthal, Sanitätschef der 14. I.-Div., don St.-Ae. Doktoren
E. Turnowsky des F.-H.-R. Nr. 5, E. v. Frendl, Kommandanten
des Feldspitals Nr. 3/14, J. Jampolar des I.-R. Nr. 85, J. Cer¬
no vsky des I.-R. Nr. 21, E. Strisch, Kommandanten des mobilen
Res.-Sp. Nr. 3/8, K. Springer des mob. Res.-Sp. Nr. 1/8, M.Löw
des I.-R. Nr. 71, den R.-Ae. DDr. E. Janetzky des 3. Korpskmdo.,
F. Maurer der II. Marscbbrigade, M. Bechtaii des 13. Korpskmdo.,
J. Szerdotz des I.-R. Nr. 62, J. Hachla des L.-I.-R. Nr. 24,
E. Zuckerkandl des L.-I.-R. Nr. 13, dem LiniAnschiftsarzt Doktor
A. Barcsai, R.-A. d. Res. Dr. H. Hammer des L.-I.-R Nr. 3,
R.-A. d. Ev. Dr. A. Grünberg des L.-I.-R. Nr. 13, den Lst.-A-Ae.
DDr. K. Stompfe, Kommandanten des mob. Res.-Sp. Nr. 2/8 und
B. Niederle des mob. Res.-Sp. Nr. 3/8 das Ritterkreuz des Franz
Josef-Ordens am Bande des Militär Verdienstkreuzes, den R.-Ae,
DDr. Z. Cerny des F.-H.-R. Nr. 8, L. Szarvasy, Kommandanten
des mob. Res.-Sp. Nr. 3/6, dem R.-A. d. Res. Dr. R. Fibich der
I.-Div.-San.-A. Nr. 14, L.-R.-A. a. D. Dr. D. Steiner des Feld¬
spitals Nr. 3/7, dem O.-A. Dr. L. Nocar der Div.-San.-A. Nr. 9,
den O.-Ae. d. Res. DDr. J. Eichler des Ixjt. Nr. 74, A. Zimp-
rieh der I.-Div.-San.-A. Nr. 14, J. Kuöera det Div.-San.-A. Nr. 9,
den A.-Ae. d. Res. DDr. J. Grund des I.-R. Nr. 42, J. Loserl
des F.-H.-R. Nr. 9, O. Mayer des Feldspitals Nr. 3/7, D. Eggedi
des I.-R. Nr. 70, W. Reinisch des I.-R. Nr. 21, J. Csillay des
Feldspitals Nr. 1/4, J. Kubik des I.-R. Nr. 42, J. Vobomik und
W. Buchbinder des F.-K.-R. Nr. 74, E. Rettich des Feldspitals
Nr. 7/5 und dem A.-A. d. Ev. Dr. J. Bloch der I.-Div.-San.-A.
Nr. 31 das Goldene Verdienstkreuz mit der Krone am Bande der
Tapferkeitsmedaiile, den A.-A.-St. DDr. Ruzzier des I.-R. Nr.97
und S. Pentz des Feldspitals Nr. 1/4 das Gohjene Verdienstkreuz
am Bande der Tapferkeitsmedaille, dem landsturmpflichtigen Zivil-
arzt Dr. H. Königer das Goldene Verdienstkreuz mit der Krone
verliehen, den R.-Ae. DDr. A. Stocklöw des I.-R. Nr. 42, M. Kim-
melmann des L.-I.-R. Nr. 22, F. Kinzel des I.-R. Nr. 76, J.Ko-
vacs des F.-K.-R. Nr. 15, B. Fön des H.-R. Nr. 3, dem O.-A.
Dr. S. Temesvary der I.-Div.-A. Nr. 32, den O.-Ae. d. Res.
DDr. J. Babiöek und J. Schmid des L.-I.-R Nr. 13, W. Vit
des I.-R. Nr. 73, J. Pojer des L.-I.-R. Nr. 3, A. Földes desL-R.
Nr. 62, dem Lst.-O.-A. Dr. 0. Sprecher des Lst.-L-R. Nr. 20,
dem A.-A. Dr. F. Silberstein, den A.-Ae. d. Res. DDr. A. Lang
des F.-H.-R. Nr. 5, E. Tothfalussy des F.-J.-B. Nr. 24, S. For¬
tuna des I.-R. Nr. 97, M. Csillag des I.-R, Nr. 19, F. Richter
des H.-R. Nr. 2, W. Vohrna des L.-I.-R. Nr. 13, A. Weis des
I.-R. Nr. 73 und dem A.-A.-St. Dr. A. Josephi des I.-R. Nr. 62 die
a. h. belobende Anerkennung ausgesprochen worden. — Geu.-St-A.
Dr. J. Turcsa, O.-St.-A. I. Kl. Dr. M. Scharnagl des Garn.*Sp.
Nr. 24 und St.-A. Dr. A. Fidler des L.-I.-R. Nr. 10 sind auf eigenes
Ansuchen in den Ruhestand versetzt worden.
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He
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■all
(Boykottierung der österreichischen und deutschen
Kur- und Badeorte durch die Russen.) Im Taurischen Palais
in Petersburg wurde, wie die „Allg. Wiener med. Ztg.“ berichtet,
ein Kongreß eröffnet, der eine Verbesserung der Bade- und Kur*
ortoverhältnisse in Rußland zum Zwecke haben soll, um den großen
Strom von Badegästen von den österreichischen und deutschen
Badekurorten fernzuhalten. An diesem Kongreß nahmen 900 Dele¬
gierte, mehrere Minister, zahlreiche Dnmamitglieder und hervor¬
ragende Aerzte teil. Der Zar hat das Protektorat übernommen.
(Der Aerztliche Verein fiir freie Arztwahl) in Wien
ersucht anläßlich der bevorstehenden Neuauflage des Mitglieder¬
verzeichnisses die dem Verein angehörenden Aerzte, eine Adressen¬
änderung oder eine gewünschte Korrektur an das Büro (IX., Grundl-
straße 3) mitzuteilen, wohin auch Beitrittserklärungen erbeten
werden. Die Krankenlisten sind zu Abrechnungszwecken pro 1914
an den Obmann der Honorarkontrollkommission Dr. L. Nagy,
X., Laxenburgerstraße 79, zu senden. Insbesondere die n.-ö. Aerzte
werden im eigenen und im Interesse der ärztlichen Gesamtheit
aufgefordert, durch Anschluß an den Verein die für die Entwick¬
lung des ärztlichen Standes wichtigen Bestrebungen zu fördern.
(Die Kaiser Wilhelm-Gesellschaft in Berlin) hat die
baldige Errichtung der Kaiser Wilhelm-Institute fiir Physiologie
und Hirnforschung beschlossen, die erforderlichen Mittel bereit-
gestellt und von der bevorstehenden Eröffnung des in Dahlem
erbauten Kaiser Wilhelm-Institutes fürBiologie Kenntnis genommen.
(Das Preisausschreiben „Riberi“) über 20000L &
von der medizinischen Akademie in Turin für wissenschaftlicn
Arbeiten auf dem Gebiete der medizinischen Disziplinen im Auge
meinen publiziert worden. Meldungstermin bis 31. Dezember ly *•
Nähere Auskunft beim Sekretariat der Akademie der Meaiz -
Turin, 18, via Po.
Sitzungs-Kalendarium.
Freitag, 19. Februar, 7 Uhr. K. k. Gesellschaft der Amte. (IX., Frai;t '
gasse 8.)
Herausgeber, Eigentümer und Verleger: Urban «fc Schwarzenberg, Wien und Berlin. - Verantwortlicher Redakteur für Österreich-Ungarn : Karl Urban, Wien.
Druck von Uottlieb Distel & Cie.. Wien, 111., Münzgasse 6.
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UNIVERSUM OF IOWA
Wien, 21. Februar 1915.
XI. Jahrgang.
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Medizinische Klinik
Wochenschrift für praktische Ärzte
redigiert von
PreflBiaor Dr. JKurt Brudeabvg
Berlin
Verlag von
Urban & Seliwenenberf
Wien
J.VRALT: Die Versorgnng der Verwindet«n und Erkrankten Im Kriege: Geh. Bat Prof. Dr. Ad. Schmidt, Ueber den Zusammenhang von gut-
irtigen Durchfällen mit dem Genüsse schwerverdanlicher Nahrung und mit Abkühlung des Bauches. Prof. Dr. August Mayer, Ueber die Behandlung
eiternder Wunden mit künstlicher Höhensonne. Manfred Frankel, Zur Heilung von schweren Knochenbrüchen mittels Röntgenreizdosen (mit 4 Abbil-
Juageai. Sanifätsrat Dr. Karl Gerson, Sterilisierung und sterile Aufbewahrung chirurgischer Instrumente im Kriege. — Berichte über Krankheits-
fflk aird Behandln ngs?erfahren: Dr, Iwan Bloch, Zur Behandlung der sexuellen Insuffizienz. Prof. Dr. Albert Albu. Die praktischen Erfolge der
Verwendung von Mondorfer Wasser bei der Behandlung von Magen-, Darm- und Stoffwechselerkrankungen. — Forschungsergebnisse aus Medizin
ui UfaturwlMenscbaft: Priv.-Doz. Dr. Otto Porges und Dr. Alfred Leimdörfer, Eine klinische Methode zur Bestimmung der Blutalkaleszenz (mit
3 MJdiingenj. — Aus der Praxis für die Praxis: Oberarzt Dr. 0. Nord mann, Die gonorrhoischen Gelenkentzündungen, — Referatenteil:
Sunelreferat: Dr. Reckzeh. Neuere Arbeiten auf dem Gebiete der inneren Medizin. Dr. L. Bürger, Neuere Arbeiten aus dem Gebiete der ver-
«ifhenmgsrechtiichen Medizin. — Aus den neuesten Zeitschriften. — Bficherbesprechungen. — Wissenschaftliche Verhandlungen, — Berufs- und
Slwdwftagea: K. L Gesellschaft derAerzte in Wien. Wiener Dermatologische Gesellschaft. Königliche Gesellschaft der Aerzte in Budapest. Berliner
Medizinische Gesellschaft. Niederrheinische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde in Bonn. Kriegschirurgische Abende zu Lille (Frankreich). — Kleine
Mitteilungen,
De Vtrlf MiU tick Am auitckUtßUck* Ruht d*r VertWf&ttigung und Verbreitung der in dUur ZeituMft mtm Jfrsskginm gelangenden OriginaUnUrigt vor.
Ö.-i*:
v ; Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege.
‘1sk - | Ueber den Zusammenhang von gatartigen Durch-
Allen mit dem Genüsse schwerverdanllcher
i Mirang nnd mit Abkühlung des Bauches
f| von
T. J Geh. Rat Prof. Dr. Id. Schmidt, Halle a. S.
111 Daß sich unter den aus dem Felde mit Durchfällen
zurückkehrenden Soldaten eine große Anzahl von nicht spe-
cifischen — also nicht in die Gebiete des Typhus, Para-
typks. der Cholera oder der Dysenterie gehörigen — Er-
f krankungen findet, ist schon von verschiedenen Seiten
!V : [Strauß (1), Leschke(2)] hervorgehoben worden. Dabei
; handelt es sich nicht bloß um die bisher allein berücksich¬
tigten unspecifischen Kolitiden, sondern vielfach auch um
akut einsetzende, aber mehr oder minder chronisch
verlaufende dyspeptische Diarrhöen ohne deutliche Zeichen
ron entzündlicher Affektion des Darmes. Die nähere Ana¬
lyse des Stuhlgangs, welcher bei nicht sehr sorgfältiger Kost
unverdaute Nahrungsreste verschiedener Art aufweist, zeigt,
daß diese Fälle in jeder Hinsicht den bekannten gastrogenen
Danndyspepsien gleichen, sodaß für ihren Ursprung in
erster Linie an eine Insuffizienz der Magentätigkeit gedacht
werden muß. Auch wenn die Funktionsprüfung des Magens
jetzt keine deutlichen Zeichen einer Sekretions- oder Mo¬
tilitätsstörung mehr erkennen läßt, kann dieser Kausalnexus
doch zutreffen. Denn es genügt zum Zustandekommen
selbst langwieriger Darmdyspepsien manchmal
s*hon ein akutes, schnell sich wieder ausgleichen¬
des Versagen der Magentätigkeit. 0. Cohnheim (3)
bat vor kurzem in einem sehr lesenswerten Aufsatz erneut
auf diesen Zusammenhang aufmerksam gemacht und dabei
rait Recht auf die Rolle hingewiesen, welche starke Schweiß-
Rnuste beim Zustandekommen vorübergehender Magen¬
insuffizienz spielen: sie entziehen dem Körper nicht bloß
Flüssigkeit, sondern auch das zur Produktion von Salzsäure
notwendige Kochsalz. Cohn heim empfiehlt deshalb wieder-
Mlte Aufnahme kleinerer Nahrungsmengen während größerer
körperlicher Anstrengungen, damit der Magen nicht zu lange
i? er bleibt. Diese müssen neben Kochsalz ein gewisses
Quantum wohlschmeckender und stark safttreibender Nah-
galten. Es sei hier gleich bemerkt, daß ich, dem-
J Banken folgend, schon seit Beginn des Kriegs be-
«wot gewesen bin, den Militärbehörden als Ergänzung
68 m eisernen Bestände der Soldaten gehörigen Eierkeks,
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dem gerade diese Eigenschaften fehlen, einen — gegenüber
dem früher gebrauchten wesentlich verbesserten — Fleisch¬
keks zur versuchsweisen Einführung zu empfehlen. Wie
Cohnheim weiter ausführt, haben derartige kleine Imbisse
weiterhin den Nutzen, die bei größerer körperlicher An¬
strengung im Blute sich ansammelnde Milchsäure durch das
bei der Bildung von Magensalzsäure aus dem Kochsalze frei
werdende Natron abzustumpfen und so das Ermüdungsgefühl
zu beseitigen.
Zur Erklärung der gastrogenen Diarrhöen sind eine
Reihe von Theorien aufgestellt worden. Gerade für die
nach vorübergehender Störung der Magensekretion sich ein¬
stellenden Durchfälle dürfte wohl die von mir gegebene am
ansprechendsten sein, welche sich auf der natürlichen zer¬
kleinernden Funktion des Magensafts aufbaut (4). Für die
Lösung des Zwischengewebes — heim Brote des Kleber-
' gerüstes, beim Fleisch- und Fettgewebe des Bindegewebes
und bei den Gemüsen der sogenannten Mittellamelle — ist
der Magensaft nicht nur notwendig, sondern sogar uner¬
setzlich. Wird deshalb bei fehlendem Magensaft eine grobe,
mangelhaft gekochte Kost gegessen, wie das im Felde
manchmal unvermeidlich ist, so finden sich die unzer-
kleinerten Speisereste im Stuhlgange wieder. Cohnheim
konnte das direkt bei einem größeren Verwundetentransport
beobachten. Die Verdauungssäfte der Bauchspeicheldrüse
und des Darmes können nicht in das Innere der unzer-
kleinerten Nahrungsbestandteile eindringen, statt ihrer be¬
mächtigen sich die stets auf der Lauer liegenden Darmbak¬
terien der Nahrungsstoffe, zersetzen sie, und so entstehen
die „dyspeptischen“ Durchfälle, welche im weiteren Verlaufe
zu sekundären Katarrhen des Dünn- und auch des Dick¬
darms Veranlassung geben können. Diese, zunächst nur
ganz flüchtigen Darmkatarrhe können durch „Gelegenheits¬
infektion“ mit einem der fakultativen Darmbakterien chro¬
nisch werden; sie sind auch nicht ganz ungefährlich, da sie
das Zustandekommen von Ruhr-, Typhus- und Cholerainfek¬
tionen außerordentlich begünstigen.
Wenn in diesem Kriege die Zahl der specifischen
Darmerkrankungen gegenüber allen früheren Kriegen wesent¬
lich geringer geblieben ist, so dürfen wir das wohl neben
andern hygienischen Maßregeln zu einem guten Teile den
vortrefflichen fahrbaren Feldküchen zuschreiben, welche
wenigstens die Hauptmahlzeit den Truppen in gut gekochtem
— und deshalb auch bei mangelhafter Magensaftabsonderung
leichter verdaulichem — Zustande darbieten. Daß sie bei
Original from
UNIVERSITY OF IOWA
208
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8.
21. Februar.
raschem Vorrücken der Truppen nicht immer rechtzeitig
zur Stelle sein konnten, ist bekannt, und so haben gerade
zu den Zeiten des ersten schnellen Einmarsches in Frank¬
reich und später bei dem schnellen Vor- und Zurückgehen
unserer Truppen in Polen sich die Durchfälle gehäuft, weil
die Truppen während der großen Anstrengungen gelegentlich
gezwungen waren, schwer verdauliche Kost in ungenügend
gekochtem Zustande und bei ungenügender Fähigkeit zur
Salzsäureproduktion zu essen. Die Ergänzung der Feld¬
küchen durch die genannten Fleischkeks, welche das Fleisch
in sehr leicht verdaulichem Zustand enthalten, würde zweifel¬
los zur weiteren Verminderung der Darmdyspepsien beitragen.
Neben den hier geschilderten Verhältnissen, welche das
größte Interesse der Militärärzte und Hygieniker verdienen,
wird von den Soldaten selbst und häufig auch von den
Truppenärzten der Abkühlung oder „Erkältung“ des
Bauches eine große Bedeutung für die Entstehung gutartiger
Durchfälle zugeschrieben. Obwohl bisher wissenschaftlich
begründete Tatsachen zur Erklärung dieses Zusammenhanges
nur in sehr spärlicher Zahl vorliegen, sind die Angaben der
I’atienlcn oft so präzise, daß man an ihnen nicht achtlos
vorübergehen kann.
Die erwähnten Tatsachen gehen auf Versuche Friedrich
Schultzes aus dem Jahre 1873 zurück. Schultze beob¬
achtete bei Tieren, daß ein in die Bauchhöhle bis nahe an
die Wirbelsäule eingebrachtes Thermometer unter der Wir¬
kung einer auf die Bauchdecken applizierten Eisblase um
7 2 bis 1°0 herunterging, daß also intensive Abkühlung des
Bauches ihre Wirkung zweifellos auch auf die Darme er¬
strecken kann. Spätere Untersuchungen der Hydrothera-
peuten haben bestätigt, daß bei lokaler Kälteeinwirkung auf
die Bauchhaut die tiefen Gefäße im gleichen Sinne — also
mit Co nt raefcion — reagieren. Dieser Erfahrung entspricht
die übliche Anwendung der Eisblase auf den Bauch bei
Darmblutungen. Aber die Kälte erregt gleichzeitig die
Peristaltik der Därme, sei es direkt, sei es durch Vermitt¬
lung (h'r Gefäßcontraction (0 2 -Mangel der Schleimhaut). Des¬
halb die Applikation der verschiedenen Formen von kühlen
und kalten Duschen auf die Bauchhaut bei chronischer
Obstipation, deren Extrem die von Boas (5) empfohlene
„ A et h erd Lisch e “ bi 1 det.
Bs fragt sich, ob auch die einfache Abkühlung
des Bauches infolge von Durchnässung der Klei¬
dung oder durch kalte Winde bei ungenügender
Unterkleidung zur Erzeugung einer gesteigerten
Peristaltik genügt?
Nach allgemeiner Erfahrung trifft das für den
d arm gesunden Menschen sicher nicht zu. Ueherdies
ist zu bedenken, daß eine einmalige oder gelegentlich wieder¬
kehrende Anregung der Peristaltik doch höchstens zu einer
vorübergehenden Entleerung des Darmes von seinem Inhalt —
also zu einem schlanken Stuhlgang — aber keineswegs zum
Durchfalle führen wird. Wie ich (6) an anderer Stelle
begründet habe, kommt der Zustand, den wir gewöhnlich
unter Durchfall verstehen, nämlich dünne, meist wäßrige
Sluhlentleerungen mit Zeichen der Zersetzung (üblem Ge¬
ruch) und Leibschmerzen (Koliken), nicht durch primäre
Steigerung der Peristaltik zustande, sondern durch primäre
Sekretion* wäßriger Flüssigkeit in den Darm mit Zersetzung
derselben und sekundärer Anregung der Peristaltik durch
die Zerset z u n gs produkte.
Anders liegen natürlich die Verhältnisse bei
Leuten mit „empfindlichen“ Därmen. Untersucht man
derartige Leute genauer, so wird man finden, daß sie in
der Hegel schon an chronischer Dyspepsie leiden, einer
Affektion, die bekanntermaßen diskontinuierlich, mit langen
Pausen, verlaufen kann. Entweder sie sind Achyliker oder
sie leiden an Hypermotilität des Magens und Darmes, die I
Jonas (7) für das entscheidende Merkmal des Zustandes ’
ansiebt. Sehr häufig gesellt sich dazu ein gewisser Grad i
von nervöser Uebererregbarkeifc des Darmes, der zu der
irrtümlichen Auffassung des Leidens als „nervöser Diarrhöe“
geführt hat. Daß diese Leute schon durch eine leichte Ab¬
kühlung des Bauches zu diarrhöischen Entleerungen gebracht
werden können, kann ich aus eigner ausgedehnter Erfahrung
bestätigen. Wir verstehen das leicht, wenn wir uns daran
erinnern, daß bei Stauungsinsuffizienz des Magens' und bei
chronischer Dickdarmstenose oft schon das Aufheben der
Bettdecke oder die Entkleidung genügen, um eine lebhafte
Peristaltik in dem gestauten, hypertrophischen Abschnitte
hervorzubringen. Auch hier besteht eine gesteigerte Erreg¬
barkeit der erkrankten Teile wie bei den chronisch dvs-
peptischen Zuständen des Darmes.
So erklärt sich die Sorge vieler Leute mit chronischen
Durchfällen, den Bauch warm zu halten. Therapeutisch
machen wir dasselbe, indem wir ihnen heiße Kompressen
empfehlen. Daneben ist körperliche Ruhe gut, denn heftige
Bewegungen führen ebenfalls leicht zu Entleerungen. Bei
sehr großen Anstrengungen interferiert allerdings die starke
Schweißproduktion im umgekehrten Sinne (durchfallhemmend).
Für die Praxis ergibt sich aus diesen Ueberlegungen
und Erfahrungen die Regel, daß man Darm gesunde nicht
mit Leibbinden ausrüsten soll, denn eine pro¬
phylaktische Wirkung der Bauchwärme auf das Zu¬
standekommen von dyspeptischen Durchfällen gibt
es nicht. Auf der andern Seite soll man aber den
Soldaten, welche an Durchfall leiden oder zu Durch¬
fall neigen, Leibbinden geben. Es genügt eine ge¬
strickte wollene Leibbinde, die stets bei dem Sanitäts¬
personal der Kompagnie vorrätig sein muß. Nach Ablauf
der Erkrankung sollte sie den Soldaten wieder genommen
werden, damit keine Gewöhnung eintritt: sonst wird sie im
Notfälle nicht mehr wirken.
Literatur: 1. Ther. d. Gegenw. 1914, Nr. 11. — 2. I). ni. W. 1911,
Nr. 44. — 3. M. KI. 1914, Nr. 50. — 4. Vgl. Ad. Schmidt, i). m. W. 1911,
Nr. 10. — 5. Diagnose und Therapie der Darmkrankheiten. Thieme (Leipzig),
1899. — 6. D. m. W. 1909, Nr. 13. 7. M. Kl. 1914. Nr. 43.
Aus der Frauenklinik der Universität Tübingen
(Direktor: Prof. Dr. S e 11 h e i m).
lieber die Behandlung eiternder Wunden
mit künstlicher Höhensonne
von
Prof. Dr. August Mayer, Oberarzt der Klinik.
Die therapeutische Anwendung der
künstlichen Höhensonne geht eigentlich zurück
auf Kollier *). Er sah unter dem Einflüsse des natürlichen
Sonnenlichts im Hochgebirge bei Tuberkulösen eine so auf¬
fallende lokale und allgemeine Besserung, wie Hebung des
Appetits, des Körpergewichts, des Aussehens und Kräftezu¬
standes, daß er voll Begeisterung ausrief: „Von allen Blumen
bedarf die Menschenblume am meisten des Lichtes“.
Es lag darum nahe, den chemisch wirksamen
Anteil der natürlichen Höhensonne, die u 1t r a v i o 1 e 1t e n
Strahlen, für das Tiefland künstlich herzustellen. Man
erreichte das dadurch, daß Quecksilberdämpfe durch den
elektrischen Strom leuchtend gemacht werden. Die so er¬
zeugte „künstlicheHöhensonne“ enthält sogar mehr
ultraviolette Strahlen als das natürliche Sonnenlicht.
Eine sehr reichliche Gelegenheit zur therapeutischen
Verwendung der künstlichen Höhensonne brachten uns die
aus dem Felde verwundet heinikehrenden Soldaten. Bei
ihnen haben wir denn auch von Anfang an zur Behandlung
eiternder Flächen wunden von der künstlichen Höhensonne
ausgiebigen Gebrauch gemacht.
Die Anwendung geschah so, daß wir die betreffende Wunde täg¬
lich oder, wenn Erythem auftrat, in drei- bis viertägigen Pausen in
x ) Rolli er, Die Praxis der Sonnenbehandlung der chirurgi¬
schen Tuberkulose. (Strahlenther. Bd. 4, 2, S. 511.)
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Original fru-rn
UMIVERSITY OF IOWA
2L Februar.
10ir> — MKDFZINISCHE KLINIK — Yr. 8.
200
«•inem Abstande von zirka 30 cm belichteten. Die Nachbarschaft wird
dabei zum Schutz eingefettet o<ler ahgedcckt: die Angen werden durch
eine Itrilli* geschützt. Die Belichtungsdauer beginnt mit 15 Minuten
und steigt bis zu bis a U Stunden.
E s ist uns dabei aufgefallen, daß eiternde W u n -
(1 o n sic h u n g e w ö h n 1 i c h rasch reinigten,
granulierten unddaßöftera-uch die Schmer-
% e n n a c h 1 i e ß e n.
Die Erklärung ist nicht leicht zu geben. Vielfach
stehen uns nur Hypothesen zur Verfügung; manches können
wir uns aber auch vorstellen nach Analogie mit der Wir¬
kung der Röntgen- und Radiumstrahlen, von denen Auf¬
nahme der Strahlen ins Blut, Veränderung des Blutbildes,
Beeinflussung des respiratorischen und des allgemeinen Stoff¬
wechsels. der Zellfermente usw. berichtet werden.
Fnserc mit den ultravioletten Strahlen erzielten Erfolge
können durch lokale und allgemeine Wirkung der
St iahten zustande kommen. Lokal können die Strahlen
durch m echanische oder chemische Beeinflussung
die Keime direkt schädigen oder die Schutz-
k r ii f t e des Gewebes mobil machen.
Die mechanische Schädigung der K e i m e
ist nun nicht etwa eine W ä r m e w i r k ii n g, woran man ja
hoi dem geringen Abstande zwischen Strahlenquelle und be¬
strahltem Organe denken könnte. Die ultravioletten Strahlen
mengen an sich nur sehr geringe Wärme und wir haben an
einem auf die bestrahlten Wunden aufgelegten Thermometer
nie auch mir annähernd Temperaturen beobachtet, bei denen
die Bakterien absterben.
Dagegen hat wohl die Austrocknung der Wunde
mehr Bedeutung. Von ihr ist ja genügend bekannt, daß sie
das Keimwaehstum hemmt. Und neuerdings wird Austrock¬
nung mittels des gewöhnlichen Luftzugs oder mittels der
heißen Luftdusche zur Behandlung von Gasphlegmonen
^chloessmann 1 )] respektive eiternder Wunden
’>ehede 3 ), Barker 3 )] von den Chirurgen empfohlen.
Unter den chemischen Wirkungen des ultra¬
violetten Lichtes erörtere ich zunächst die Frage, ob die
Strahlen als solche bactericid wirken. Bei der Erzeugung
der künstlichen Höhensonne entsteht in der umgebenden Luft ;
Dzmi. sodaß das bestrahlte Gewebe in eine Art Sauerstoft'had I
versetzt wird. Dazu scheinen die ultravioletten Strahlen aus I
dem lebenden Gewebe Saüerstoff abzuspaltcn [Hertel 4 5 * )].
Man könnte sich demnach a priori vorstellen, daß durch den
1 ’zon respektive Sauerstoff zum mindesten die anaerobe n
Koime in ihrem Waehstume gehemmt werden.
Bedenkt man dazu noch, daß das natürliche Sonnen-
dolit. in dem viele ultraviolette Strahlen sind, seit langem
als letztes Auskunftsmittel mit Vorteil zur Desinfektion vor- |
wendet wird und daß gerade die ultravioletten Strahlen im j
Gegensatz zum sonstigen Licht auch ohne Vermittlung von j
Sauerstoff an sich Bakterien vernichten können [B i e Ul. i
d;mn darf man von vornherein erwarten, daß auch a e r o b e I
K e i m e durch die künstliche Höhensonne geschädigt werden,
ln der Tat ist die bactericide Wirkung der kurzwelligen
Prahlen schon seit vielen Jahren nachgewiesen |Downes
mal B1 u n t (! ), Jansen 7 ), H e y n e m a n n H }]. und neuer¬
l ) Beliloossmann, Uebcr Gasphlegmone usw. (M. m. W.
ÜÜ4. S. 217(5.)
3 ) Si li,.de. Offene Behandlung eiternder Wunden. (M. m. W.
ÜM4. Nr. 42. S. 2114.)
3 ) Barker. Die Sonnen- und Freiluftbehandlung schwor eitern-
ö'-r Kunden. (D. m. W. 1914, Nr. 52. S. 2127.)
. b Hr-rtel, Zsehr. f. allgem. Physiol. 1905. Nr. 5, S. 95: zit. nach
Afclioff in Krehl und Marchand, Handh. d. allgem. Patli.
B‘l. 1. S. 163.
5 ) Bie. Mitt. aus dem Finsenschen Lichtinstitut. 1905, II. 9, S. 5;
ut. nach Asch off 1. c. (cfr. Hertel), S. 151.
. ... ) Downes und Blunt, Proeeed of the Roval Soe. 1877,
1878. S. 199.
‘Mausen, Zieglers Beitr. 1907, Bd. 41.
tj , Ujevneniann, Prakt. Erg. d. Geburtsh. u. Gyn. Bd. 6,
»u‘u l. s. 1155.
dings wird die künstliche Höhensonne zur Herstellung von
Autovaccine empfohlen [R e n a u d *), F r i e d b e r g e r und
Öhioji 2 )]:
In gemeinsam mit S c h neiiler und G e r 1 a e Ii U ge¬
rn a c h t e n L a boratoriu m s versuchen hat sich uns ge¬
zeigt, daß das Wachstum von S t r e p t o k o k k e n ,
Staphylokokken, B a c t e r i u in coli, F y o c y a -
n e u s durch ultraviolettes Licht gehemmt oder ganz aufge¬
hoben wird. Tetan u s wurde in der Kultur nicht beein¬
flußt; dagegen blieb ein klinischer Fall mit 1 o k a 1 e m
Tetanus im Bein unter der Belichtung mit künstlicher Höhen¬
sonne zehn Tage lang stationär, heilte aber nicht aus. Daun
wurden die Beinwunden nach chirurgischen Grundsätzen er¬
weitert. der Tetanus wurde allgemein und der Patient erlag
seiner Infektion.
Zur praktischen Verwendung der künstlichen Höhensonne hei
f» a s p h I e g rn o ne haben wir bis jetzt, noch keine Gelegenheit ge¬
habt. obwohl ich V) schon vor längerer Zeit dabei die Anwendung der
ultravioletten Strahlen an regte.
In den letzten Tagen wurde die künstliche Höhen¬
sonne von zwei Hamburger Forschern |J a c o b s t h a 1 und
T a m m U] vom klinischen Standpunkt aus zur Behandlung
von m alignem Oedem und Teta n u s empfohlen.
Alles in allem kann an derbacterici d e n
Kraft der ultravioletten Strahlen also kein
Zweifel sein. Aber da die im Experiment ge¬
wonnenen Erfahrungen zum Teil auf Veränderung des
künstlichen Nährbodens durch das Licht, nament¬
lich Abspaltung von Sauerstoff, zurückzuführen sind
| A s c h o f f }]. so lassen sie sich nicht ohne weiteres auf das
1 e b ende Gewebe übertragen. Einmal sind hier die Keime
von dem aus den Wunden ausgetretenen Serum umgeben, das
ultraviolette Strahlen absorbiert und somit ihre bactericide
Kraft abschwächt [B u s c k 7 ), Heynema nn 8 )]. Dieser
hemmende, Einfluß des Serums wird zum größten Teil durch
Peinigung der Wunden vor der Belichtung und durch die aus-
troeknende Wirkung der Strahlen selbst ausgeglichen.
Sodann ist die Fähigkeit der ultravioletten
S t r a h l e n , in die tieferen Wundschichte n e i n -
z iidringennichtsehrgroß» namentlich wenn es sich
um lebendes Gewebe handelt. In diesem werden sie offenbar
durch das Blut absorbiert: Lichtempfindliches Papier wird
von dem blauvioletten Strahlenkegel des konzentrierten
Sonnenlichts durch ein bluthaltiges Ohrläppchen hindurch
nicht beeinflußt, wohl aber, wenn das Ohrläppchen durch
Kompression anämisch gemacht wird [F i n s en %
B u s c k u %
Nun haben wir es bei unsem Kriegsverwundeten sehr
oft mit oberflächlichen, flächenhaften Wunden zu tun, an die
die Strahlen gut hingelangen können. Und wenn auch die
direkte Wirkung der ultravioletten Strahlen bei nor in a 1 e r
Haut sich nur 3 * / 2 mm in die Tiefe verfolgen läßt, so reicht sic
hei kranker oder fehlender Plaut an sich tiefer, und die der
Bestrahlung folgenden reaktiven Prozesse nehmen an sich
einen größeren Bereich ein [Jansen 11 )]. Dazu kann man
0 Hcn and, B. kl. W. 1914, Nr. 1, S. 28.
*) F ri e d b e r ge r und Shioji, D. m, W. 1914, Nr. 12:
F r i e d b e r g o r und lmamoto, B. kl. W. 1909, Nr. 30.
8 j Cfr. Sitzungsber. dos niodiz.-naturw. Vereins Tübingen.
17. Dezember 1914. ( v M. m. W. 1915 u. Korr.Bl. Württemh. 1915. Nr 3
S. 27.)
4 ) A u g. Mayor, Diskussionsbemorkung zu Schl o e s s
mann, über Gasphlegmone. (M. m. W. 1914, S. 217(5.)
5 ) J a o o h s t h a 1 und T a m m , M. m. W. 1914. Nr. 48. S. 2324.
8 ) Asch off. Die Lichtstrahlen als Krankheitsursache ~iii
K r o h 1 und M a rcliand, Handb. d. allgem. Path. Bd. 1. S. 150.
7 ) B u s o k , Die photobiologischen Sensibilisatoren und ihre Ei¬
weißverbindungen. (Bioehem. Zsehr. 1906. Nr. 1, S. 150.)
8 ) H e v n e tn a n n . 1. e. S. 358.
9 ) Fi nsen, Mitt. aus Finseiis mediz. Lichtinstitut. Leinzijr 1900
und 1903. II. 3.
10 ) Busck. Mitt. aus Finseiis mediz. Liehtinstitut 1903, H. 4.
n ) .1 an sen, Mitt. aus dem Finsenselien Liehtinsliiut 1903,
H. 4, §. 37.
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8.
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bei Extremitätenwunden die Blutfülle durch Hochlagerung
während der Bestrahlung und vielleicht auch durch geeignete
Verwendung der Blutleerbinde herabsetzen. Es bleibt also
noch ein ausgiebiges Feld, auf dem die ultravioletten Strahlen
ihre baetericide Kraft betätigen können.
Zur bactericiden Kraft kommt noch hinzu, daß das
ultraviolette Licht auch die Bakterientoxine wie
Tetanus- und Diphtherietoxine abschwächen kann. Außerdem
ist die Wirkung der bactericiden Kraft der künstlichen Höhen¬
sonne beim Kranken um so intensiver, als die Keime hier sehr
oft nicht, wie auf dem künstlichen Nährboden, sich unter
günstigen Emährungsbedingungen befinden, sondern mit den
Schutzkräften des lebenden Gewebes zu kämpfen haben
[W i e s e n e r*)].
Diese natürlichen Schutzkräfte des Kör¬
pers werden wahrscheinlich durch die künstliche Höhen¬
sonne noch angeregt und mobil gemacht. Ich brauche die
nach der Bestrahlung entstehende Hyperämie nur zu er¬
wähnen, da sie ja seit langem als Heilmittel in gutem An¬
sehen steht.
Da nach den Befunden von Richardson 2 ) und Jo¬
ris s e n 8 ) in Flüssigkeiten, die organisches Material ent¬
halten, durch Belichtung Wasserstoffsuperoxyd gebildet wird,
so kann man auch daran denken, daß unter dem Einflüsse
der künstlichen Höhensonne in den Geweben Wasser¬
stoffsuperoxyd mit seinen bekannten bactericiden und
fäulniswidrigen Eigenschaften entsteht. Was das klinisch be¬
deutet, geht daraus hervor, daß unlängst die Franzosen bei
Gasphlegmone die Umspritzung mit Wasserstoffsuperoxyd
empfohlen haben. Wir selbst haben diese Umspritzung in
einem auf Gasphlegmone allerdings nur sehr verdächtigen
Falle vorgenommen. — Der Rückgang der Erscheinungen
war überraschend.
Da Sauerstoff [v. Wartenberg 4 )] und Eiwei߬
substanzen ultraviolette Strahlen absorbieren, so muß man an¬
nehmen, daß die Sauerstoffträger des Körpers, namentlich die
roten Blutkörper der peripheren Capillaren und die Gewebe¬
zellen die Strahlen der künstlichen Höhensonne in sich auf¬
nehmen, sodaß eine Beeinflussung von Zellchemismus
und Z e 11 a t m u n g an der von den Strahlen getroffenen
K ö r p e r p e r i p h e r i e zustande kommen kann. Tatsäch¬
lich wird berichtet, daß der Sauerstoffverbrauch der Gewebe
durch die Belichtung eine enorme Steigerung erfährt — eine
eingespritzte Methylenblaulösung wird an belichteten Körper¬
stellen schneller reduziert, als an unbelichteten [Q u i n c k e r, )|
— und daß die Fähigkeit der Gewebezellen, dem Hämoglobin
den Sauerstoff zu entziehen, wächst [Bering 6 )].
Von der Körperperipherie aus können die roten Blut¬
körper die Strahlen ins Körperinnere mitnehmen und dort
den Zellhaushalt und den Abbau der intermediären Stoff¬
wechselprodukte fördern und so mit der Tiefenwirkung eine
Allgemeinwirkung entfalten.
An ein solches Verhalten lassen Versuche von
Schlüpfer 7 ) denken. Nach seinen Ergebnissen soll ge¬
wöhnliches Blut photoaktive Eigenschaften besitzen, die
durch Besonnung noch gesteigert werden können, sodaß es,
im Dunkeln einer photographischen Platte ausgesetzt, diese
beeinflußt. Danach würde das Blut an der Körperperiphcrie
*) Wieaener, Arch. f. Hyg. 1908, Bd. 61, S. 1.
7 ) Richardson, zit. nach Neuberg, Beziehungen dea
Lebens zum Licht 1913, S. 23 und 39.
*) Jorisaen, Zachr. f. physiol. Chem. 1887, S. 22, 54, zit. nach
N e u b e r g .Beziehungen des Lebens zum Licht 1913, S. 23^
4 ) v. Wartenberg, zit nach Wagner, Phvsikal. Bemer¬
kungen, Kromayer-Lampe uaw. (Allg. med. Zeutral/tg. 1913,
S 61)
*«) Quincke, Pflüg. Arch. 1894, Bd. 57, S. 123.
•) Bering, Med.-naturwies. Arch. 1907 und über den Einfluß
des O-Verbrauches der Zellen durch Lichtstrahlen. (Strahlenther. Bd. 3,
H. 2, S. 644.)
7 ) Schlüpfer, Pflüg. Arch. 1905. Bd. 108, S. 537 und Li. kl. W.
1905, Nr. 37, S. 1185.
sich mit Lichtstrahlen beladen, diese ins Körperinnere mit¬
nehmen und dort zur Entfaltung bringen können, sodaß im
Körper selbst eine Art Lichtapparat sich befindet.
An diesen sehr bemerkenswerten Befund ließen sich
eine Reihe interessanter klinischer Fragen knüpfen: Da das
Blut albinotischer Tiere viel stärker photoaktiv war als das
brauner, so nahm Sehläpfer an, daß die durchsichtige
Haut albinotischer Tiere die Lichtstrahlen leichter eindringen
läßt, während das Pigment der braunen Haut das erschwert.
Man könnte somit daran denken, in dem verschiedenen
Pigmentgehalte der Haut und in dem damit zu¬
sammenhängenden verschiedenen photoaktiven Verhalten des
Bluts eine Erklärung zu erblicken für die zwischen blonden
und brünetten Menschen so oft auffallenden
konstitutionellen Verschiedenheiten, etwa
derart, daß die pigmentarme Haut der Blonden den Körper
vor dem Eindringen schädlicher Lichtmengen weniger schützt.
Ja vielleicht fiel damit endlich auch Licht auf die gänz¬
lich dunkle Frage, warum in der Schwangerschaft
Pigmentation der Haut auftritt. Vielleicht würde
durch die Gravidität die Photoaktivität des Bluts gesteigert
und zum Schutze dagegen reagierte der Organismus mit ge¬
steigerter Pigmentation an der Körperperipherie.
Aber so interesant das auch w r äre, es verhält sich nicht
so. In gemeinsam mit Schneider und Gerlach ge¬
machten Untersuchungen ließ sich eine Photoaktivität des
Blutes nicht nachweisen, auch dann nicht, wenn das Blut
vorher den Strahlen der künstlichen Höhensonne oder dos
Röntgenapparates ausgesetzt wurde. Trotzdem muß man aber
annehmen, daß das Blut, bei Belichtung Strahlen absorbiert.
Zum Beweise zunächst einige kurze Hinweise aus dem in
mancher Hinsicht analogen Gebiete der Röntgen¬
strahlen. Heineke 1 ) sah nach lokaler Bestrahlung ein
universelles Exanthem auftreten. Frankl 2 ) beobachtete,
daß ein Mäusecarcinom, das sonst bei Verimpfung so gut wie
immer anging, überhaupt nicht oder nicht so intensiv wuchs,
wenn gleichzeitig mit dem Carcinombrei mit Röntgenstrahlen
bestrahltes Blut eingespritzt wurde.
Daß ultraviolettes Licht im Blut absorbiert wird,
gellt aus den schon erwähnten Finsensehen Versuchen
hervor, wonach das anämische Ohr die Strahlen durchließ,
während das bluthaltige sie aufhielt.
Es liegt somit nahe, zu fragen, ob die künstliche Höhen¬
sonne etwa zu einer nachweisbaren Aenderung der
Blut, beschaffen heit führt.
Zur Beantwortung dieser Frage kann man sich zunächst
nach der Wirkung der natürlichen Höhensonne
im Hochgebirge umsehen, deren biologisch wirksames Agens
ja die ultravioletten Strahlen sind. Die ältere Literatur ist
ziemlich darüber einig, daß sie zu einer Vermehrung der
roten Blutkörper und des Hämoglobins
führt. In neuerer Zeit glaubt man, daß daran aber
weniger die Besonnung als vielmehr das
Höhenklima an sich schuld sei.
Auch über die künstlicheHÖhen sonne herrscht
in dieser Hinsicht noch keine Einigkeit. Vereinzelt wird be¬
richtet, daß sie an Tieren zu einer Vermehrung der roten Blut-
körper und des Hämoglobins geführt habe [Bering 3 )].
Freilich hatte es sich da zum Teil um eine Belichtungsdauer
von vier Stunden gehandelt, wie wir sie beim Menschen nicht
anwenden können.
Aber Berner 4 ) hat an der Tübinger chir-
l ) Heineke, Strahlenther. Bd. 5, S. 216.
a ) Frankl und K i in ball, Heber Beeinflussung von Mäuse-
tumoren durch Röntgeustrahlen. (W. kJ. W. 1914, Nr. 45. S. 1448.)
s ) B o ring, Ueber die Wirkung violetter und ultravioletter
Lichtstrahlen. Experiment (die Untersuchungen über ihre Ihirch-
dringungsfiihigkoit usw. (Medicin. naturwissenschaftl. Archiv 1907.
15. Juli.)
*) Berner. Wirkung der Bestrahlung mit QuecksUberduinpf-
quar/lampe auf Blut. (Strahlenthcrapie V. J. S. 342.)
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ii r#isehen Klinik bei tuberkulösen Kindern ge¬
funden, daß die künstliche Höhensonne zu keiner
wesentlichen Zunahme der roten Blut¬
körper und des Hämoglobins führt.
Dagegen nahmen jedesmal die Leukocyten ab und
zwar die pulynucleären in besonders hohem Maße, sodaß
eine relative Lymphocytose eintrat. Eine Veränderung der
Blutbeschaffenheit war also doch zu konstatieren. Ob die
Abnahme der polynueleären Leukocyten auf einen ge¬
steigerten Zerfall derselben und damit auf eine gesteigerte
Bildung von Alexinen hindeutet, wie das von den Radium¬
strahlen geglaubt wird [Quadrone 1 )] lasse ich dahin¬
gestellt.
Man könnte auch daran denken, daß die ultravioletten
Strahlen die Bakterien getötet oder geschädigt haben und daß
deswegen der von den polynueleären Leukocyten zu be¬
stehende Kampf gegen die Bakterien nachließ und als Folge
davon die Leukoeytenzahl sank. Wir hätten dann etwas
Aehnliehes wie im Höhenklima. Die dort aufziifindende Ab¬
nahme der Leukoeytenzahl wird von mancher Seite
[Stäubli 2 )] auf die Keimarmut der Höhenluft zuri'iek-
geführt.
Wie dem auch sei, man darf nicht vergessen, daß die
Haut ein lebendiges Organ ist mit physio-
logischenFunktionen und diese Funktionen
werden durch das Licht nicht unwesentlich
beeinflußt. Wirbetrachten daher die künst¬
liche Höhensonne als ein wesentliches
Unterstützungsmittel bei der Behandlung
eiternder Flächenwunden. Freilich sind wir nicht
so begeistert wie Kromayer 3 ), der den Standpunkt ver¬
tritt, daß man mit der Quarzlampe für unsere verwundeten
Soldaten tausende von Wochen an Behandlungsdauer ge¬
winnen könne.
Da fluorescierende Stoffe, wie Eosin, die Strahlen¬
wirkung steigern, haben wir zur Sensibilisier ungder
Lichtstrahlen mehrfach die eiternden Wunden vor der
Höhenbesonnung mit Eosinlösung bestrichen. Es fiel
uns danach auf, daß die Sekretion noch rascher nachließ und
die Granulation noch lebhafter einsetzte als ohne Eosin.
Vielleicht gelingt es auch noch, die ultravioletten
Prahlen zur Behandlung mancher Formen von Peritonitis
nach Eröffnung der Bauchhöhle mit Erfolg heranzuziehen.
Mit der Vorfrage, ob das Peritoneum die Bestrahlung ohne
Schaden verträgt, bin ich zurzeit beschäftigt. Die Sache
scheint mir nicht aussichtslos, da Friedberger und
s hioji 4 ) konstatiert haben, daß die menschliche Mund¬
schleimhaut eine Bestrahlung von zehn Minuten Dauer schad¬
los verträgt, sodaß sie die künstliche Höhensonne zur Des¬
infektion von Mund- und Nasenhöhle als Vorbereitung zu
operativenEingriffen oder bei Diphtherie in Vorschlag bringen.
Freilich, man darf den in den Buchten der Bauchhöhle be¬
gründeten Schwierigkeiten sich nicht verschließen und muß
damit rechnen, daß die Strahlen nicht überall hingelangen,
zumal da Heynemann 6 ) an der menschlichen Scheiden-
s?hleimhaut eine deutliche Abtötung der Keime nicht fest-
gellen konnte.
*) Quadrone, Klinische und experimentelle Untersuchungen
ubfr die Wirkung von Radium strahlen. (Zbl. f. inn. M. 1905, Bd. 26,
• s '. 022 .)
*) Stäubli, Ueber den physiologischen Einfluß des Höhen-
r k ^ en Menschen. (Reisebericht des Deutsch. Zentralkomitees
r * Studienreisen 1910.)
tA *>Kromay er , Röntgen- und Lichtbehandlung zur Heilung
von Schußverletzungen. (D. m. W. 1914, Nr. 46, S. 1957.)
)rriedberger und Shioji, Desinfektion der Mundhöhle
«rch uUravidettes Licht, (D. m. W. 1914, Nr. 12, S. 585 und B. kl. W.
Nr. 17, 8. 806.)
*) Heynemann, 1 . c. S. 362.
Zur Heilung von schweren Knochenbrüchen
mittels Köntgenreizdosen
von
Manfred Frankel, Charlottenburg.
Nach dem Vorbilde von Bernhard, der bei den Bewohnern
des Oberengadins außerordentlich rasche Heilung der Brandwunden
beobachtete, dieselbe der Wirkung der Sonne und der Trockenheit
der Luft zuschrieb und in der Folge die Lichtbehandlung bei Ver¬
letzungen, Beingeschwüren, Frostbeulen und Brandwunden mit
ausgezeichnetem Erfolg anwandte, versuchte A i m e s (Mont¬
pellier) *) die Sonnenbäder in einem Fall alter Verbrennung, wo es
sich um ausgedehnte atonische Wundflächen, die monatelang allen
Behandlungsmethoden getrotzt hatten, handelte, und in einem
frischen Falle von Verbrennung; in beiden Fällen trat über¬
raschend schnelle Heilung ein.
Hier ist eine ähnliche anreizende Wirkung der Sonnenstrahlen
nutzbar gemacht, wie ich es mit den X-Strahlen in der ersten
Arbeit „Günstige Einwirkung der Röntgenstrahlenreizdosen bei
der Heilung von Knochenbrüchen“ bereits schilderte.
Ganz besonders nun ist die Einwirkung einer Reizdose da
zu beobachten, wo a priori bereits ein physiologischer Reizzustand
besteht. Ja es gibt Gewebe und Organe, die sich gegen Röntgen¬
strahlen refraktär verhalten, solange sie im „normalen“ Zustande
sich befinden. Erst wenn ein physiologischer oder pathologischer
Reiz das Organ zu größerer Tätigkeit anregt, wird es den Röntgen¬
strahlenwirkungen zugängig. So reagiert z. B. die Schilddrüse fast
gar nicht auf Röntgenstrahlen, das gleiche ist mit der Leber der
Fall. Handelt es sieh aber um eine Schwellung der Schilddrüse,
so wissen wir alle, daß eine Einwirkung durch Röntgenstrahlen
leicht herbeizuführen ist. An granulierenden Wunden, an Fisteln
z. B. bei Bauchfelltuberkulose, die ja auch unter der Einwirkung
eines Reizes stehen, ist der schnellere Verschluß unter der Be¬
strahlung deutlich zu beobachten.
Aehnliehes spielt sieh, wie wir weiter unten sehen werden,
auch bei der Beeinflussung der Knochentuberkulose ab.
Es war nun naheliegend, als Objekt für die weitere Er¬
probung dieser Reizwirkungen auch andere Organe heranzuziehen,
deren Beeinflussungsunmöglichkeit oder erschwerte Beeinflussung
durch Röntgenstrahlen in normalem Zustande für uns so ziem¬
lich feststeht. Ich nehme den Knochen. Nach dem Oben¬
gesagten konnte es sich also bei der Erprobung der Reizwirkungen
auch nur um solche Fälle handeln, bei denen schon ein „physio¬
logischer“ Reizzustand — durch den „Bruch“ — gegeben war: Bei
einer Reihe von Knochenbrüchen, versuchte ich 2 ) mittels
Röntgenstrahlenreizdosen die Callusbildung zu beschleunigen.
Es handelte sich im ganzen bisher um acht Fälle, von denen vier
Patienten jugendlichen Alters, drei Frauen im Alter von 18, 28 und 35
und zwei Männer im Alter von 33 und 46 Jahren waren. Wenn ich
auch keineswegs die Ansicht vertrat, daß diese Beobachtungen bereits
völlig abgeschlossen sind, so veröffentlichte ich sie gerade, um andere
mit größeiem und geeigneterem Material zur Nachprüfung zu veran¬
lassen. Bei den Kindern handelte es sich zweimal um Fingerbrüehe;
das eine Mal bei einem zweijährigen Kind um einen Splitterbruch des
zweiten Glieds des kleinen Fingers durch Einklemmen mittels schweren
Truhendeckels und das zweite Mal bei einem sechsjährigen Knaben um
einen mehrfachen Splitterbruch des obersten Glieds des Zeigefingers
durch Hineingreifen in eine Lederpreßmaschine. In beiden Fällen
hingen die Splitter nur an einem „Faden 1 . Da es sich in beiden Fällen
schließlich nur um eine Gliedamputation handeln konnte, war der Ver¬
such mit Köntgenstrahlen, wie ich ihn vorschlug, wohl berechtigt, und
der Erfolg war auch für mich ein außerordentlich erstaunlicher. Es
wurde mit den Fingern nichts weiter getan, als durch Fixationsverband
und Schienung von Finger und Hand eine Ruhigstellung erzielt. Die
dreimalige Bestrahlung wurde durch den Verband hindurch vor¬
genommen. Ich bin natürlich in diesen Fällen bei so jugendlichen
Individuen sehr vorsichtig mit der Dosis gewesen, um nicht nacli
irgendeiner Richtung hin Wacbstumsbeschädigungen auch nur vermuten
zu lassen. In acht Tagen in dem einen Falle, in zehn Tagen in dem
andern Falle war eine absolute und einwandfreie, auch im Röntgen¬
bilde deutlich zu konstatierende Konsolidierung der gesplitterten
Knochenpartien festzustellen und ich kann nur sagen, daß in diesen
beiden Fällen eine geradezu rätselhafte Schnelligkeit der Knochen¬
neubildung zu beobachten war. In dem dritten Falle handelte es sich
um eine Doppelfraktur von querem Bruche des Radius und schräg¬
splitternd verlaufendem Ulnabruch etwa 3 cm oberhalb des Hand-
*) Die Behandlung der Brandwunden durch die Lichttherapie.
(Gaz. d. höpitaux, 5. August 1913.)
2 ) Siehe Arbeit im Zbl. f. Ohir. 1914, Nr. 26, die etwa einen Monat
vor Beginn des Kriegs erschien.
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gaben von Evler, der bei einer Reihe von Karbunkeln überraschen-
den Umschwung des Verlaufs nach Bestrahlung beobachtete.
S t r a u s s fügt hieran den Hat, besonders bei jenen, oft so tragisch
verlaufenden Fällen, die mit einer Thrombophlebitis der Vena facialis
einhergehen und bei denen der Therapie oft so enge Grenzen gezogen
sind, insbesondere da die Lockerung der Thromben gefährliche Folgen
haben kann, die Röntgentherapie in erster Linie anzuwenden. Unter
Hinweis auf die schmerzlindernde Wirkung der Strahlen, die bei den
Bewohnern von Joachimsthal von alters her gebräuchlich sind (indem
sie die in Ledersäckchen gebundene Uranpechblende als schmerzstillen¬
des Mittel benutzten), auf die G o c h t zuerst aufmerksam machte, der
sie bei Trigeminusneuralgie erfolgreich amvandte, und die weiter
Freund bei Ischias beobachten konnte, rät .Strauss auch in den
Fällen zur Anwendung der Röntgenstrahlen, bei denen durch stecken¬
gebliebene Projektile, Kontusionen und Frakturen schwere neuralgische
Folgezustände sich einzustellen pflegen. So hat auch Babinski die
günstige Strahlenwirkung bei einem Knaben beobachten können, der
eine durch Sturz verursachte generelle Kompressionslähmung erlitten
hatte. Desgleichen hat Eckstein ganz allgemein auf die außer¬
ordentlich prompte Schmerzstillung durch Bestrahlung bei aller Art
von Fällen hingewiesen. Im letzten Absatz seiner Arbeit beschäftigt
er sich nun mit der von mir angegebenen neuen Verwendung der
Röntgenstrahlen zur traumatischen Therapie. Er sieht ihren Wert
besonders darin, daß bekanntlich bei schlechter (ällusbildung der Reiz
der Frakturenden zu allen Zeiten die Chirurgie aufs lebhafteste be¬
schäftigt und zu den verscliiedensten eingreifendsten Maßnahmen
(Nagelung, Aneinanderreiben der Bruchenden usw.) veranlaßt hat.
Hier würde die Bestrahlung jedenfalls ein außerordentlich einfaches
Mittel zur Anreizung der Callusbildung darstellen, zumal sie ja ohne
direkte Berührung mit Wunden, durch Verbände, ja selbst durch Gips¬
verbände geschehen kann.
Was nun diese ganze Therapie sowohl der Knoelienbrüehe
wie der Wunden aiilangt, so ist es ja klar, daß meine bisherigen
Versuche einen Mangel aufweisen: es fehlt an Tierversuchen. Ob¬
wohl ich selbst diesen Mangel an experimentellen Versuchen oft
empfunden habe, habe ich doch auf diese aus naheliegenden
Gründen verzichten zu sollen geglaubt. Denn dieselben ließen sieh
doch nur so machen, daß man an Konfrontieren künstliche
Splitterbrüche erzeugt, deren schnellere Heilung man dann mittels
Bestrahlung und an unbestrahlten Tieren zueinander in Vergleich
bringt. Und ich habe auf solche Experimente verzichtet, selbst
auf die Gefahr hin, nicht alle von der Richtigkeit meiner An¬
schauung und Resultate sofort zu überzeugen.
Dagegen erfahren diese Beobachtungen einmal, was die
Wundheilung anbetrifft, eine bedeutende Stütze in den durch
Strahlung hervorgerufenen Heilungen tuberkulöser Fisteln,
schwammiger Granulationen, deren Vernarbungen, Ausheilungen
durch Bestrahlung von vielen Seiten als sichere Tatsache oft be¬
schrieben worden sind.
Man lese darüber die Arbeiten von Freund. S c Inn i d t.
Frank-Sc hui z ; man erinnere sich an die günstige Beeinflussung
der Bauchfelltuberkulose mit tiefen Fistelgängen, wie sie B i r c h e r
(Arati) in einer großen Reihe von Fällen, wie ich selbst an einigen
Patientinnen in der Ther. d. Gegenw. im Dezember 1911 schilderte, an
die Berichte von G a u 8 s, gleichfalls über günstige Resultate, und
nicht zum mindesten an jenen verzweifelten Fall von Späth (Ham¬
burg), dessen Ausheilungseffekt Späth als einen verblüffenden be¬
zeichnen konnte. Neben Verschluß von Darmfisteln war für Spät h
besonders bemerkenswert das Nachlassen der Wundsekretion, beson¬
ders das auffallend bessere Aussehen der Granulationen, die zu einem
schnellen Nebenverschlusse führten. So bestätigt F rank - S c h u 1 z
ausdrücklich, daß gerade bei diesen Fistelgängen von bereits 14 Mo¬
naten Dauer der Verschluß in kürzester Zeit mit ganz geringen Dosen,
und zwar von innen nach außen, regelmäßig erfolgte, eine Beobach¬
tung, die I s e 1 i n und W i 1 m s an einer Zahl von Fällen durchaus
bestätigen konnten. Allen Autoren fiel es auf, daß z. B. aus den Fistel¬
gängen bei Drüsentuberkulose eine häufige Abstoßung der Drüsen nach
außen beobachtet wurde. Desgleichen lösten sich größere Knoehen-
sequester (am Oberschenkel) unter der Bestrahlung ab und traten aus
der Fistel zutage. — Die ebengenannten Forscher, deren Verdienste
um die Knochentuberkulosebehandlung mit Röntgenstrahlen allbekannt
sind, betonen in den mannigfachen Arbeiten immer wieder den emi¬
nenten Wert der .Strahlentherapie gegenüber jeder bisherigen andern
Maßnahme. Wir brauchen nur als Beleg dafür die Worte Wilms zu
zitieren, der ausdrücklich sagt: „Wir verzichten bei Erwachsenen schon
seit V/a Jahren auf Auskratzung und Resektionen.
Speziell bei der Hand- und Fußgelenktuberkulose wurden
Fälle mit ausgedehnter Tuberkuloseerkrankung fast sämtlicher
Gelenke und Knochen nur durch Bestrahlung völlig ausgeheilt und
mit relativ sehr guter Beweglichkeit.
Ich hin überzeugt, daß im Gegensatz zur heute noch üblichen
chirurgischen Therapie die konservative Behandlung der Tuberkulose
noch an Boden gewinnen wird. Wenn an einzelnen Orten, wie ich aus
persönlicher Mitteilung erfahre, die Röntgentherapie weniger günstige
Erfolge gezeitigt, so hegt das allein an der Art der Bestrahlung. Di,.
Röntgentherapie will geübt und erlernt sein. Unsere Aufgabe besteht
nicht allein darin, einen tuberkulösen Herd durch Operation unschäd¬
lich zu machen, sondern wir müssen zugleich die Widerstandskraft
gegen die tuberkulösen Reinfektionen des Körpers erhöhen. Und dies
geschieht durch Röntgenstrahlenbehandlung.“ Sow r eit Wilms.
I s e I i n hat gleiche Erfolge an über 100 Fällen der Baseler Klinik
beschrieben, bei denen er glatte Ausheilung beobachten konnte.
Sehr interessante Abbildungen und Heilerfolge zeigen die Hand-
und Fußwurzelknochentuberkulosen, wo die Vergleichsbilder vor und
nach der Behandlung das eine Mal die total verschwommenen, in-
einandertließenden Wurzelknoehen als zusammengedrängte Masse nur
noch undeutlich erkennen läßt, während die zweite Aufnahme die
Ueberreste der Handwurzelknochen in kräftiger Strukturzeichnung
ergibt.
So wurde statt Wiederholung einer Kniegelenkresektion nach
Oeffnung der Wunde die Wundfläche nur kräftig bestrahlt. Die Grauu-
lationstläche zeigte frische rote Farbe und es kam zu exaktem Schlüsse,
sodaß 1 s e 1 i n auch hier dauernde Heilung der Tuberkulose anzu¬
nehmen sich berechtigt hält, und er kommt zu dem Schlüsse, daß an
den Röntgenogrammen Narbenbildung, Resorption periostaler Auf¬
lagerungen, ja selbst Wiederkehr von Knochenstrukturen, die auf die
Möglichkeit von Knochenneubildung nach der Bestrahlung schließen
lassen, deutlich erkennbar sind. —
Bei Iselin ist zum erstenmal von einer
Wiederkehr der Knochen Strukturen, von einer
K n o chen neubild u ng nach Bestrahlung die Rede; und die
Arbeiten von Iselin und W i 1 m s an ihrem großen Material ge¬
statten um so mehr Rückschluß auf meine Beobachtung, weil man
auf Grund dieser Resultate heute schon mit vollem Rechte von
einer gesicherten therapeutischen Maßnahme bei diesen Tuber¬
kuloseknochenfällen sprechen darf. Wenn man nun die dortigen
Erfolge auf unsere hier geschilderten Fälle überträgt, so ist es
klar, daß die Heihingsbedingungen bei den Tuberkulosefällen sich
ja viel ungünstiger gestalten als bei selbst großen, ausgedehnten
Knocbenhrtichen. Denn während hei der Tuberkulose wir es mit
einem allgemein geschädigten Gewebe zu tun haben — selbst den
Allgemeinzustand einmal außer acht gelassen —, während dort
die Aufgabe der Röntgenbestrahlung eine zweifache ist: Zer¬
störung, Abkapselung, Vernichtung, Ausheilung des tuberkulösen
Knochenherds mit Ausstoßung von Knochensplittern usw. und
weiter in zweiter Linie erst Knochenersatz, haben wir es liier doch
wenigstens mit a priori sonst physiologisch gesundem Knochen
zu tun. Während wir weiter dort ohne Rücksicht auf etwa mög¬
liche Schädigung der Periostzellen außerordentlich hohe Dosen in
Anwendung bringen müssen, um erst einmal den tuberkulösen
Herd zu vernichten, können wir uns hier mit verhältnismäßig ge¬
ringen „Reizdosen“ begnügen und erzielen mit diesen die oben
geschilderten Resultate, die ihre Stütze finden eben gerade in den
von Iselin und W i 1 m s beobachteten Knochenneubildungen bei
tuberkulösen Knochenprozessen.
Der durch die Kriegszeit leider reichlich gegebene Beob¬
achtungsstoff fordert die Prüfung der hier aufgeworfenen Frage.
Ich halte es für notwendig, von der Bestrahlung in diesen Fällen
Gebrauch zu machen zum Wohle der Verwundeten, in deren
Interesse man nichts unversucht lassen sollte.
Sterilisierung und sterile Aufbewahrung
chirurgischer Instrumente im Kriege
von
Sanitätsrat Dr. Karl Gereon, Schlachtensee bei Berlin.
Schnelligkeit und stete Bereitschaft sind zwei deutsche
militärische Eigenschaften, die zu unseru Erfolgen sehr beitragen.
Auch im Sanitätswesen. Hier heißt es: Doppelt hilft, wer schnell
hilft. Doch darf unter der Schnelligkeit die Sicherheit nicht leiden.
Eine Methode, die chirurgische Instrumente schnell und sicher
sterilisiert und daher im Kriege besonders wertvoll erscheint,
möchte ich den Herren Kollegen im Felde aufs neue empfehlen:
Chirurgische Instrumente (Messer, Scheren, Pinzetten) werden im
ganzen Bereiche der Schneiden zweimal je eine Minute mit in
Seifenspiritus getränkter Verbandwatte abgewischt, mit eben¬
solcher fest umwickelt, so beliebig lange aufbewahrt und unmittel¬
bar vor dem Gebrauch ihrer Wattehülsen durch einfaches Abziehen
entkleidet. Sie sind dann ohne weitere Desinfektion aseptisch und
zur Operation gebrauchsfertig. Zur Umwicklung von Scheren und
Pinzetten legt man das in Seifenspiritus getränkte Stück Watte
zwischen die Branchen, schließt diese und dreht die Watte fest
um sie herum. Die Zuverlässigkeit dieses Verfahrens habe ich
durch bakteriologische Versuche (d. h. Impfung infizierter Instru-
Uigitizeo Dy GOOgl£
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21. Februar.
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mente auf empfindliche Nährböden, wie Bouillon, Traubenzucker*
agar, Glycerinagar) nachgewiesen*). Meine Methode ist u. a. auch
von Casper 2 ) für urologische Instrumente empfohlen. Die
Wirkung des Umwicklungsverfahrens beruht auf drei Faktoren:
1 . auf dem mechanischen Abreiben der infizierten Instrumente,
2. auf der chemischen Wirkung des Seifenspiritus und 3. auf dem
Luftabschluß infolge der Seifenspirituswattehülle. In Kriegszeiten
hat diese Methode nun noch den Vorteil, daß die Instrumente
schnell zusammengepackt werden und infolge der Wattehülle an¬
einander nicht reiben und sich beschädigen können und nur wenig
Kaum beanspruchen. Ist die Einwicklung jedes einzelnen Instru¬
ments vorschriftsmäßig fest erfolgt, so überstellt sie auch starke
Erschütterungen, wie sie der häufige Transport im Kriege mit sich
bringt, und kann sich nicht vom Instrument lösen. Vielmehr
bleiben die umwickelten Instumente wochenlang in der Wattehülle
steril.
Berichte über Krankheitsfälle
Zur Behandlung der sexuellen Insuffizienz
von
Dr. Iwan Bloch, Berlin.
Mit dem Namen „sexuelle Insuffizienz“ bezeichnen wir eine
Gruppe ungemein häufiger sexueller Störungen, die bisher durch
die Bezeichnung der „sexuellen Impotenz“ allzu eng und allzu
einseitig charakterisiert worden ist. Die neueren Forschungen
über die innere Sekretion haben uns nämlich erstens eine auf der
verschiedenen Aet-iologie beruhende größere Mannig¬
faltigkeit der Impotenzformen kennen gelehrt und haben uns
zweitens gezeigt, daß neben der eigentlichen Impotenz höchstwahr¬
scheinlich Anomalien und krankhafte Störungen der inneren Sekre¬
tion (nicht nur derjenigen der eigentlichen Keimdrüsen) ver¬
kommen, die mit vorübergehender oder dauernder sexueller In¬
suffizienz in Beziehung stehen. Es hängt dies mit der außerordent¬
lichen Erw eiterung zusammen, die der Begriff der Sexualität,
der geschlechtlichen Individualität in letzter Zeit erfahren hat.
Demi wie wir heute wissen, sind an der Ausbildung dieser letzteren
nicht nur die Geschlechtsdrüsen im engeren Sinne, sondern auch
die andern der inneren Sekretion dienenden Drüsen, hauptsächlich
die Schilddrüse, die Thymus, die Glandula pinealis, tlie Hypophyse,
die Nebennieren in hohem Grade beteiligt, vor allem bei der Ent¬
wicklung der sogenannten sekundären Geschlec h t s -
m e r k m a 1 e, und ihre spätere kontinuierliche
Wechselwirkung beeinflußt sowohl die physiologischen als
auch die psychischen Erscheinungen der Sexualität in hohem Maße.
Mau hat z. B. bisher jede nicht anatomisch-organisch bedingte Form
von Impotenz als „psychische“ oder „nervöse“ Impotenz bezeichnet,
unter welcher offenbaren Verlegenheitsbenennung nach unserii
heutigen wissenschaftlichen Anschauungen viele Fälle von sexueller
Insuffizienz durch Störung der inneren Sekretion miteinbegriffen
sind. Vielfach läßt sich durch eine genauere Untersuchung auch
in Fällen von scheinbar rein psychischer Impotenz eine endokrine
Störung nachweisen, unter andern relativ häufig ein partieller
Infantilismus. Seitdem ich hierauf die Aufmerksamkeit richtete,
war ich überrascht, wie häufig in Fällen von „psychischer“ Im¬
potenz derartige „eunuchoide“ Zustände, wie Tandler und
Gross sic genannt haben, Vorkommen, z. B. regelmäßig dann,
' v <mn Männer jenseits des 30. Lebensjahres sich unmittelbar nach
der Hochzeit als impotent erweisen und es sich herausstellt, daß sie
bis dahin trotz mäßiger Masturbation „keusch“ gelebt haben, weil
die Intensität des Geschlechtstriebs von vornherein nicht so
groß war, daß sie den Anreiz zum normalen Geschlechtsverkehre
mit dem Weibe gab. Bei genauerer Untersuchung finden wir bei
diesen, bei oberflächlicher Betrachtung scheinbar normalen, ja oft
hochgewachsenen und kräftig entwickelten Männern doch mehrere
oder auch nur ein eunuchoides Merkmal, wie Kleinheit der Hoden,
des Penis, der Prostata (ein lelativ häufiger Befund!), spärliche Be¬
haarung, Fettsucht, Hypoplasie der Schilddrüse und anderes mehr.
') K. Gerson, Seifenspiritus als Desinfiziens medizinischer In¬
strumente. (D. m. W. 1902, Nr. 43.) K. Gerson, Das Urawicklungs-
'enaJuen mittels in Seifenspiritus getränkter Watte zur Sterilisierung
1904* ^3 medizinischer Instrumente. (D. milifcärärztl. Zschr.
*' ^ Gas per, Taiirbuch der Urologie, T. Teil.
Ist gerade kein Seifenspiritus vorhanden, so kann man mit
Schnaps oder Brennspiritus und Seife einen brauchbaren Seifen¬
spiritus selbst herstellen. Ist auch kein Schnaps mehr da, so wird
er zur Not durch mit Benzin- oder Jodtinktur befeuchteter Watte
hinreichend ersetzt. Auch Wein, der ja in Frankreich oft, in über¬
großen Mengen angetroffen wird, kann Seifenspiritus vertreten.
In fünfzehnjähriger Erfahrung habe ich das beschriebene
Verfahren in der kleinen Chirurgie erprobt und nie einen Mißerfolg
erlebt. Ich kann es daher mit gutem Gewissen den Herren Kollegen
empfehlen. Zumal im Felde hat das Umwicklungsverfahren den
Vorzug der Schnelligkeit vor andern Sterilisierungsmethoden bei
gleicher Zuverlässigkeit; die umwickelten Instrumente sind nach
Abzug der Wattehülse gebrauchsfertig und bleiben nach dem Ge¬
brauche durch zweimaliges, je eine Minute langes Abwischen und
folgende Umwicklung mit seifenspiritusgetränkter Watte wochen¬
lang steril.
und Behandlungsverfahren.
Seitdem wir wissen, daß nicht nervöse, soudern chemische
Einflüsse das Wesen der Sexualität ausmachen, daß hierbei nicht
das Ceutralnervensystein das Primäre ist, sondern dieses erst s e -
k u n d U r durch chemisch wirksame Stoffe der inneren Sekretion
beeinflußt wird, ist die ganze Lehre von der I m -
potenz in einer Umwandlung begriffen. Die Vor¬
stellung einer rein nervösen Impotenz ist in den Hintergrund ge¬
treten, während diejenige einer endokrin bedingten Impotenz oder
besser sexuellen Insuffizienz immer mehr Anerkennung gefunden
hat. Neuerdings ist diese letztere Anschauung hauptsächlich durch
die erstaunlichen Experimente Eugen Steinachs 1 ) auf eine
exakte Basis gestellt worden. Diese Versuche ergaben eine neue,
vereinfachte Begriffsbestimmung der specifischen Sexualität, der
Männlichkeit und Weiblichkeit. Die Männlichkeit beruht durchaus
auf dem ehe in i s e h e n Einflüsse des inneren Hodensekrets, die
Weiblichkeit auf demjenigen des inneren Eierstocksekrets auf das
Centralnervensystem. Diesen chemischen Einfluß bezeichnet,
S t e in a c h als die „Erotisierung des Central-
n e r v e u s y s t e m s“. Diese Erotisierung bewirkt dann sekundär
die psychische Umwandlung und beseitigt antisexuelle Hemmungen
und Frigidität. Es gelang Steinach der Nachweis, daß die
Erotisierung, von der das Eintreten der Pubertät und die Entwick¬
lung der sogenannten sekundären Geschlechtscharaktere abhängig
sind, ausschließlich durch die innere Sekretion der Zwischen-
zellen der Keimdrüsen hervorgerufen wird, weshalb er diesen
„innersekretorischen“ Teil der Keimdrüsen zum Unterschiede von
dem eigentlichen „generativen“ als „P u b e r t ä t s d r ü s e“ be¬
zeichnet. Die Tätigkeit der Pubertätsdrüse bewirkt die Erotisie¬
rung des Gehirns und Centralnervensystems, die Anregung und
Entwicklung des Geschlechtstriebs in körperlicher und geistiger
Beziehung und reguliert die Ausbildung der sekundären Ge¬
schlechtsmerkmale, w obei die männlichen und die weiblichen Puber¬
tätsdrüsen streng specifiseh wirken, indem sie nur die homologen,
nicht aber die heterologen Geschlechtsmerkmale hervorrufen. Die
daraus folgende theoretische Annahme, daß es gelingen müsse,
im frühesten Alter kastrierte männliche Individuen durch Einpflan¬
zung von Ovarien in weibliche und frühzeitig kastrierte weibliche
Individuen durch Einpflanzung von Hoden in männliche Wesen
umzuwandeln, wurde durch das Experiment in geradezu über¬
raschender Weise bestätigt. Bei dieser Feminierung von
Männchen und Maskulierung von Weibchen war
außer der erstaunlichen Umwandlung der primären und sekundären
Sexualcharaktere (Wachstum, Körperformen, Behaarung, Brust¬
drüsen, Genitalien usw.) d i e Tatsache besonders bemerkenswert,
daß auch inpsychosexueller Beziehung und in allen Aeuße-
rungsformen des Geschlechtstriebs das den implantierten Keim¬
drüsen entsprechende andere Geschlecht allein sich geltend machte.
So liefen maskulierte Weibchen den Weibchen nach und suchten
sie zu bespringen, so wurden auf der andern Seite feminierte
Männchen von den Männchen verfolgt.
Diese gewaltige Wirkung der inneren Sekretion der Puber¬
tätsdrüsen tritt mit der Sicherheit einer chemischen
Reaktion ein. Das haben die zahlreichen Kastrationsversuche
der letzten Jahre bewiesen. Es genügt, wie dies namentlich
*) Vergl. Eugen Steinach, Feminierung von Männchen und
Maskulierung von Weibchen. (Zbl. f. Phyeiol., Oktober 1913, Bd. 27.
Nr. 14, S. 717.)
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8.
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A, Foges 1 ) an kastrierten Hähnchen gezeigt hat, ein minimales
Stück funktionsfähigen Hodenparenchyms, entweder an normaler
Stelle zurückgeblieben oder an davon entfernten Stellen ein¬
gepflanzt, um die sekundären Geschleehtscharaktere zu erhalten
und zur vollen Entwicklung zu bringen. Damit war der Beweis
erbracht, daß die Hoden, auch von ihren Nervenbahnen
getrennt, ausschließlich durch ihre innere S e k r e t i o n , also
durch rein chemische Einflüsse, die Ausbildung der Sexualität
regulieren.
Für die Therapie der Impotenz sind diese Ergebnisse
der modernen Experimente von grundlegender Bedeutung, insofern
sie auch die bisher hauptsächlich von Psychotherapeuten und
Neurologen in Anspruch genommene „psychische“ Impotenz der
Domäne der Organotherapie in allererster Linie zuweisen,
nachdem wir erfahren haben, daß sexueller Trieb und sexuelle
Psyche so wunderbar auf dem rein chemischen Wege der
inneren Sekretion beeinflußt werden können, und nachdem wir
f( rner wissen, daß viele Fälle sexueller Insuffizienz und sexueller
Torpidität auf eine Störung in der Funktion der Keimdrüsen be¬
ziehungsweise anderer endokriner Drüsen zuriiekzuführon sind.
Die Organotherapie allein ist eine wirklich k a u s a 1 e Therapie
der Impotenz in fast allen ihren Formen (abgesehen natürlich von
den mechanisch und traumatisch bedingten) und vermag als solche
(ine wenn auch langsame, so doch sicher e Wirkung zu ver¬
bürgen. Demgegenüber stellen alle andern Mittel nur Adjuvantia
dar, die teils entbehrlich sind, wie. wenn es sieh nicht gerade um
Zustände hochgradiger Erschöpfung und Anämie handelt, die
meisten Tonica und Roborantia, teils mit großem Nutzen als solche
mit herangezogen werden können, um die langsamere Wirkung
der Opotherapie zu beschleunigen, wie das Y o h i m b i n , das,
allein gegeben, eine zwar oft überraschende, aber nur vor¬
übergehende Wirkung hat, aber niemals die Organotherapie
der sexuellen Insuffizienz zu ersetzen vermag, zumal da diese nicht
selten auch durch Störung anderer endokriner Organe als der Keim¬
drüsen bedingt ist.
So ist es eine durch zahlreiche Beobachtungen gesichert! 1 Tat¬
sache, daß auch die mangelhafte Funktion der Schilddrüse be¬
ziehungsweise S c h i 1 d d r ü s e n m a n ge 1 die Funktion der . Ge-
schlechtsdu'isen herabsetzen beziehungsweise auf heben und sogar völlige
Impotenz herbeiführen kann. Es sei nur an die Befunde von H o f -
m eiste r und v. Eiseisberg über die Atrophie der Gesohlechts-
diiisen bei thvreoidoktomierten Tieren, an die ähnlichen Beobachtungen
von Lanz über Conceptionsunfähigkeit und Impotenz bei thyreoidekto-
mierten weiblichen und männlichen Hunden und Ziegen erinnert, ebenso
an das Versiegen der Milchsekretion bei weiblichen Tieren. Analoge
Beobachtungen über das Auftreten von sexuellem Infnnlilismus und
Impotenz nach Thyreoidektomie sind auch beim Menschen gemacht
worden (Palleske, Bail 1 arger. Schmidt und Andere). Pie
unh ugb.mn Erfolge der Schilddriisontliernpio in Fällen von Impotenz
bei Hypothyreoidismus und besonders bei der sexuellen Insuffizienz
(Sterilität. Menstruationsstörungen) und Impotenz infolge von Fett¬
sucht liefern einen schlagenden Beweis für das tatsächliche Bestellen
eines solchen Zusammenhangs, ebenso die von W a g n e r v. .1 a u r e g g
beobachtete günstige Wirkung der Schilddrüsenbehandlung bei jenen
Pubertätspsyehosen der jungen Mädchen, die mit Verspätung der ge¬
schlechtlichen Entwicklung einhergehen, sowie bei den sogenannten
..Pubertätstics“.
Die durch Tumorbildung bedingte mangelhafte Funktion der
H y p o p h y s e führt ebenfalls zu den Erscheinungen dos sexuellen
fnlantilismus und der im Krankheitsbilde der „Dystrophia adiposo-
genitalis“ sich zeigenden Genitalatrophie.
Einen mir von Herrn Prof. R. Klapp freundliehst überwiesenen
klassischen Fall dieser Art habe ich kürzlich beobachtet. Es handelte
sich um einen 16jährigen Knaben mit vollständiger Atrophie der
Hoden, abnoim kleinem Membrurn und andern Erscheinungen des
sexuellen Infantilismus beziehungsweise sexueller Hypoplasie. Dieses
vollkommene Zurückbleiben der Entwicklung ließ den sonst geistig
11 gen Jungen als ein Kind im Alter von 8 bis 9 Jahren erscheinen.
Auffallend war die wundervolle Sopranstimme. Im Röntgenbilde deut¬
liche Vergrößerung der Sella turciea.
Auch in solchen Fällen hat die Organotherapie (Pituglundol,
Pituitrin usw.) schöne Erfolge gezeitigt und zu weiteren Versuchen
ermuntert, während die verschiedenartige, zum Teil antagonistische
Wirkung der übrigen endokrinen Drüsen, wie der Zirbeldrüse und
der Nebennieren, hinsichtlich ihrer zweifellosen Beziehung zum
Sexualsystem noch einer genaueren Erforschung bedarf, die mich
allem, was wir bisher wissen, auch für die Behandlung der sexuellen
Insuffizienz neue Perspektiven eröffnen wird.
J ) Vergl. A. Foges, Artikel ..Keimdrüsen“ in: Lehrbuch der
Organotherapie von Wagner v. Jauregg und G. Baver. Leipzig
15)14. S. 378/79.
Wenn nun auch bei der Therapie der sexuellen Insuffizienz
alle die besprochenen ätiologischen Möglichkeiten und Zusammen¬
hänge berücksichtigt werden müssen und demgemäß gewiß in vielen
Fällen eine mehr indirekte Behandlung notwendig wird, so
kommt doch am häufigsten zunächst die direkte Organotherapie
der sexuellen Insuffizienz in Betracht, das heißt die direkte thera¬
peutische Beeinflussung der inneren Sekretion der Keimdrüsen und
ihre Zurückführung zur Norm. Nur so kann das Endziel jeder
Behandlung der sexuellen Insuffizienz erreicht werden: die dauernde
normale chemische Erotisierung des Gehirns durch die Sexual¬
hormone. Einzig und allein die Organotherapie hat diese direkte
primäre Wirkung aufs Gehirn und damit auch auf die Psyche,
während alle übrigen sogenannten „Aphrodisiaca“ in dieser Hinsicht,
nur bekund ä r e Wirkung haben. Hiervon macht auch das bis
heute zweifellos beste und erprobteste Aphrodisiaeum, das Yohim¬
bin, keine Ausnahme. Seine allerdings sehr rasch eintreti ntle,
aber auch wenig nachhaltige Wirkung betrifft nach experimentellen
Untersuchungen von Franz Müller hauptsächlich die niederen
Scxualeentren, insbesondere das Erektionscentrum, kann also wohl
die langsamer eintretende Dauerwirkung der Opotherapie unter¬
stützen und beschleunigen, aber nicht ersetzen. Die vielen Mi߬
erfolge der reinen Yohimbintherapie beruhen eben darauf, daß
dieses Mittel nicht imstande ist, die in vielen Fällen der sexuellen
Insuffizienz zugrunde liegenden endokrinen Störungen dauernd
zu beseitigen, sondern nur eine rasche und prompte, aber auch
meist flüchtige Erregung des Erektionscentrums herbeiführt. Dieser
M a n g e 1 a n I) a u erwirk u n g , den ich in den zwölf Jahren
meiner Anwendung des Yohimbins in Uebereinstiminung mit virhn
andern Autoren fast stets beobachtet habe, findet in den obigen
Darlegungen seine einleuchtende Erklärung, legt aber auch zu¬
gleich den Gedanken nahe, zwecks Herbeiführung einer Dauer¬
wirkung das Yohimbin mit einer specifischen opotherapeutischen
Substanz zu kombinieren und so zu der prompten, aber vorüber¬
gehenden sekundären Beeinflussung des männlichen Erektions-
centrums beziehungsweise der Gefäßnerven der weiblichen Geni¬
talien die langsame, aller dauernde primäre Erotisierung des Ge¬
hirns hinzuzufügen. Vor allem ist diese letztere in allen Fällen
sexueller Insuffizienz, die mit endokrinen Störungen einhergehen
— und es ist dies die große Mehrzahl der Fälle —, eine Indieatio
eausalis.
Aus diesen Erwägungen heraus, die die Herstellung eines
die rasche und intensive Wirkung des Yohimbins mit der zwar
langsameren, aber nachhaltigeren Wirkung der Opotherapie ver¬
bindenden Mittels wünschenswert erscheinen ließen, veranlaßt^ ich
die ein mische Fabrik Dr. GeorgHenni n g, Berlin, ein solches
Mittel sowohl für die Behandlung der sexuellen Insuffizienz des
Mannes als auch der Frau hcrzustellen. Wir haben das erstme
mit dun Namen ,,T e s t o g a n“, das zweite mit dem Namen
„T h e 1 y g a n“ bezeichnet.
Das zur Herstellung von Testogan benutzte Extrakt ist ein
steriles, schwach gelblich gefärbtes Extrakt von .Stierhoden. Eiweiß
uncl Lipoide sind entfernt. Aminosäuren sind nur in geiinger Menne
vorhanden. Die Lösung ist 400 %> ig. 2.1 ccm entsprechen 4 g fris !i r
Drüse.
C h e m i s e h e s V e r li a 11e n. Testogan (das Extrakt) reagiert
neutral und enthält außer den organischen Substanzen Kochsalz in
hypotonischer Konzentration. Millonsehes Reagens gil.it ein gelb¬
liches Rot, Die Pa ul y sehe Reaktion ist positiv. Mit Guecksilber-
salzen entsteht sowohl in saurer wie auch in alkalischer Lösung eine
weiße, flockige Fällung. Mit Pikrinsäure scheidet sich nach einigem
Stehen ein krystallisiertes Pikrat ab. Die Biuretrenktion ist negativ.
Pharmakologisches Verhalten. Testogan (das
Extrakt) ist auf den Blutdruck und die Respiration fast ohne Wirkung.
1 ccm der 400 °/n igen Lösung, einem Kaninchen von zirka 2'A kg
intravenös injiziert, bewirkt nur eine geringe Blutdrucksrlnvankung.
Auf die glatte Muskulatur (Uterus. Dann) wird ein deutlich tonisienm-
der Effekt ausgeübt.
Das Extrakt ist wenig toxisch. Längere Zeit fortgesetzte In¬
jektionen von jo 1 ccm 400 "/«igein Testogan pro Tag riefen an einem
zirka 20 kg schweren Hunde keine merkbaren toxischen Erscheinungen
hervor. Das Testogan gelangt in Griginalsehaeliteln von 10 bis 20
Ampullen in den Handel, jede Ampulle von Testogan enthält in 2,1 <vm
je 1 eg Yohimbin. Außerdem wird das Mittel auch in Tablettenform
hergestellt. Eine Tablette entspricht 4 g frischer Drüse und enthält
6 mg Yohimbin.
Das zur Herstellung von Thelygan benutzte Extrakt ist ein
steriler wäßriger Auszug von Kuhovarien, frei von Eiweiß und
Lipoiden. 2.1 ecm entspricht; 2 g Ovarium.
C h e m i s c h e s V e r h a 11 e n. Thelyganextrakt reagiert
neutral: es enthält außer den organischen Chloriden etwas Kochsalz
in hypotonischer Kmifeiitration. ,M i 1 1 o n sehe Reaktion und Diazo-
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re Aktion sind schwach positiv. Mit Phosphorwolframsäure entsteht
eine weiße Fällung“, ebenso mit Quecksilberchlorid bei sodaalkalischer
Reaktion. Mit gesättigter Pikrinsäurelösung versetzt, bleibt die Lösung
klar. Die Biuretreaktion ist negativ.
Das Thelvgan enthält in 2,1 ccm 1 cg Yohimbin, es kommt eben¬
falls in Ampullen und Tablettenform in den Handel.
Als Indikation für Testogan und Thelygan kommen
sämtliche Erscheinungen der sexuellen Insuffi-
z i e n z in Betracht^ die, wie schon erwähnt, sich keineswegs auf die
eigentliche Impotenz beziehungsweise Frigidität und Anaphrodisie
beschränkt, sondern gemäß ihrem innersekretorischen Ursprung
auch andere Symptome umfaßt, wie den sexuellen Infantilismus
und Eunuchoidismus bei Mann und Frau, die klimakterischen Be¬
schwerden bei beiden Geschlechtern, gewisse mit sexuellen Stö¬
rungen vergesellschaftete Formen der periodischen Migräne bei
Mann und Frau, das Asthma sexuale, Amenorrhoe, Sterilität, Chlo¬
rose, Hypoplasie der Mammae und andere Formen-des partiellen
Infantilismus, wie Kleinheit der Hoden, des Penis, der Prostata,
der Clitoris, des Uterus, spärliche Behaarung, Fettsucht und an¬
deres mehr. Auch körperliche Schwäche- und Erschöpfungs¬
zustände endokrinen beziehungsweise sexuellen Ursprungs bilden
eine Anzeige für die Anwendung von Testogan und Thelygan. In
einem großen Teil der Fälle von juveniler, viriler, präseniler und
seniler Impotenz des Mannes, von mangelhafter oder gänzlich
fehlender Gesehlechtsempfindung und von Sterilität der Frau läßt
sich ein Zusammenhang mit den erwähnten, durch endokrine Stö¬
rungen bedingten Zuständen nachweisen, wodurch sich die organo-
therapeutische Behandlung mit Testogan beziehungsweise Thelygan
rechtfertigt. Die Erwartungen, die wdr in dieser Hinsicht an die
Zusammensetzung und Wirkungsweise der neuen Mittel knüpften,
sind in jeder Weise erfüllt worden. In den letzten acht Monaten
habe ich 50 Fälle von männlicher Impotenz der verschiedensten
Formen behandelt, teils innerlich, teils subcutan, teils mit der kom¬
binierten intern-subcutanen Applikation des Mittels. Es ergaben
sich, mit Ausnahme von elf unbeeinflußt gebliebenen Fällen, recht
schöne und beachtenswerte Resultate in bezug auf die völlige
Herstellung der fehlenden, beziehungsweise Verstärkung der
mangelhaften Potenz. Diese Resultate werden aber nur dann
erreicht — und es scheint mir dies in der bisherigen Behandlung
der sexuellen Insuffizienz nicht genügend beachtet w r orden zu
sein —, wenn man sich nicht mit Augenblickserfolgen begniigt,
sondern die Therapie ausreichende Zeit hindurch fortsetzt und
nötigenfalls nach kurzer Unterbrechung konsequent wiederholt und
außerdem tonisierende Maßnahmen (Diät, Hydrotherapie, Faradi-
sation, Massage, Suspensorium und anderes) in der bekannten,
von Spezialisten, wie Paul Fürbringer, A. Eulenburg,
L. Löwenfe 1 d und neuerdings von Paul Groag, aus¬
gebauten Weise damit verbindet. In allen von mir beobachteten
Fällen trat die kürzlich auch von Lvdston 1 ) festgestellte
tonische und restaurierende Wirkung der Opotherapie deutlich zu¬
tage, die ja zuerst von Brown-Sequard an sich selbst beob¬
achtet wurde. Besserung des Allgemeinbefindens, Hebung des
Appetits, Verschwinden der für die sexuelle Insuffizienz so charak¬
teristischen „sexuellen Hypochondrie 44 und Auftreten einer Art
von neuem Kraftgefühle sind der Ausdruck dieser tonischen Wir¬
kung. Es scheint, als ob gerade die Kombination von Hoden¬
extrakt und Yohimbin das Auftreten dieses Kraftgefühls beschleu¬
nigt, da die Patienten, ältefe wie jüngere, übereinstimmend gerade
dieses alsbald (durchschnittlich nach 20 Tabletten beziehungsweise
zehn Injektionen) auf tretende Kraftgefühl als Folge der Testogan-
behamllung bezeichneten. Wenn man aber bezüglich der sexu¬
ellen Kraft zu einem guten und dauerhaften Erfolge gelangen
will, so muß man die Behandlung über dieses erste, vorbereitende
Madiuin hinaus fortsetzen, wenn auch mit kurzen Unterbrechungen.
Nach meinen bisherigen Erfahrungen erfordert dann die ganze Kur
durchschnittlich 60 bis 70 Tabletten beziehungsweise 40 Injektionen
111 e ^ nen ^ Zeiträume von ungefähr drei Monaten.
wachte sich bei einem 30 jährigen Akademiker, der schon mit
Jahren an vollkommener Anaphrodisie und Erektionsmangel litt,
Maß selbst Masturbation unmöglich war, und der wiederholt vergeb-
i P^ktmität und Thermotherapie behandelt war, die anregende
unä belebende Wirkung des Tcstogans nach dem Verbrauch von 25
»letten geltend, während Erektionen erst nach 12 Injektionen von je
- ccm testogan auftraten und nach weiteren sieben Injektionen den
«mus ermöglichten. Es handelte sich hier offenbar um eine Impotenz
oknnen Ursprungs, wofür gewisse Merkmale (stark entwickelte
^ ürna ^ bringe Behaarung der Genitalien) sprachen.
) New York Med. J. vom 7. November 1914. I
Die ja häufigsten Fälle, in denen es sich um eine bloße
Abnahme der Potenz beziehungsweise um Ausbleiben der Erek¬
tionen nach früherer Leistungsfähigkeit handelt und die man bisher
in dem großen Sammeltopfe der neurasthenischen Impotenz ver¬
einigt hat, scheint das Testogan etw r as rascher zu beeinflussen als
die von vornherein mit einem Mangel an Libido und mit nur
schwachem Wollustgefühl in coitu einhergehenden rein endokrinen
Störungen der Potenz. Zu den letzteren gehören offenbar auch
die Mehrzahl der Fälle von sexueller Insuffizienz im männlichen
Klimakterium (45 bis 55 Jahre) und im präsenilen Alter (55 bis
65 Jahre). Die Erkenntnis des Zusammenhangs der Involutions¬
und Alterserscheinungen mit endokrinen Störungen, die wir den
neueren Forschungen verdanken, erweist eine reine kausale Be¬
handlung, wie sie die Opotherapie darstellt, als die einzig ratio¬
nelle. Dies hat sich mir in neun Fällen dieser Kategorie deutlich
gezeigt, insofern hier nach vergeblichen Versuchen mit andern
Mitteln die organotherapeutisehe Anwendung des Testogans einen
außerordentlich günstigen Einfluß auch auf die sexuelle Insuffizienz
sowohl in bezug auf die Wiederkehr der Libido als auch der Erek¬
tionen und der Potentia coenndi ausübte. Bei dem innnigen Zu¬
sammenhänge, der zwischen den einzelnen Organen der inneren
Sekretion besteht, ist es wahrscheinlich, daß sexuelle Exzesse (über¬
mäßige Masturbation, allzu häufige Cohabitation, Coitus inter-
ruptus usw.) indirekt endokrine Störungen verursachen können
und daß eine nach solchen Exzessen beobachtete sexuelle Insuffi¬
zienz endokrinen Ursprung hat. In einer großen Zahl von Fällen
solcher Erschöpfungsimpotenz nach übermäßiger Masturbation er¬
wies sich das Testogan als ein ausgezeichnetes Restaurationsmittel.
Augenblicklich behandle ich einen Techniker von 35 Jahren, (ler
sich seit 20 Jahren den größten geschlechtlichen Exzessen hin¬
gegeben und, wie er zynisch erklärt, allen nur denkbaren Perver¬
sitäten gefröhnt hat, infolgedessen an einer fast kompleten
sexuellen Insuffizienz leidet. Nach nur 15 Injektionen a 2 ccm
Testogan war diese bereits zu einem großen Teil beseitigt, insofern
dem Patienten zum ersten Male nach langer Zeit der normale
Coitus wieder gelang.
Wenn ich die bisherigen Erfahrungen mit
Testogan kurz resümiere, so stellt es ein wert¬
volles Mittel für die rationelle und kausale,
Behandlung der sexuellen Insuffizienz dar,
dessen An w e n d u n g d u r c h s c h n i 111 i e h e i n e
längere Zeit erfordert, dann aber auch in den
meisten Fällen einen nachhaltigen Dauererfolg
verbürgt.
Nach diesen Erfahrungen habe ich in der letzten Zeit auch
das Thelygan bei Frauen in Anwendung gezogen, in einem
Falle von Frigidität, in drei Fällen von Chlorose und infantilisti-
scher Dysmenorrhöe, mit so zweifellos günstigem Erfolge, daß
weitere Versuche mit diesem neuen Ovarialpräparat dringend ge¬
rechtfertigt erscheinen.
Die praktischen Erfolge der Verwendung von
Mondorfer Wasser hei der Behandlung von
Magen-, Darm- und Stoffwechselerkrankungen
von
Prof. Dr. Albert Albo, Berlin.
Mit den mir zur Verfügung gestellten 200 Flaschen Mon¬
dorfer Wasser, die zur Hälfte als „alte Quelle 44 , zur andern Hälfte
als „neue Quelle“ gezeichnet waren, habe ich Mitte Juli vorigen
Jahres Anwendungsversuche begonnen, und zwar zum Teil an
Patienten meiner Privatklinik, zum Teil an den ambulanten
Kranken meiner Poliklinik. Bis zum 1. Dezember 1914 habe ich
das Mondorfer Wasser bei 28 Kranken zur Anwendung gebracht.
Eine ausgiebigere Verwertung war zurzeit leider nicht möglich,
weil einerseits die Krankenzahl infolge des Kriegs erheblich ge¬
ringer war, als sie mir sonst zur Verfügung steht, anderseits meine
Zeit in den verflossenen Monaten zum größten Teil durch kriegs¬
ärztliche Tätigkeit in Anspruch genommen war.
Die 28 Fälle, in denen das Mondorfer Wasser von mir zur
Prüfung verwendet wurde, verteilen sieh in folgender Weise:
I. Magenkrankheiten:
3 Fälle von Gastritis ehronioa subacida (chronischer
Magenkatarrh mit Verminderung der 8alzsäure-
abscheidung),
2 Fälle von Hyperehlorhvdria nervosa und
2 Fälle von chronischem Magengeschwür.
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II. Darmkrankheiten:
1 Fall von chronischem Ulcus jejuni,
1 Fall von Colitis ulcerosa und
5 Fälle von Obstipatio atonica.
III. Erkrankungen der Leber und Gallenblase:
4 Fälle von chronischer Gallensteinkranklieit. darunter
1 Fall mit vollständigem Verschlüsse des großen
Galleneingangs und
1 Fall mit Hydrops vesicae fellae.
3 Fälle von Laennec scher atrophischer Lebereirrhose,
1 Fall von hypertrophischer Lebereirrhose (Typus: Char-
cot-Hano t),
1 Fall von hämolytischem Ikterus mit großem Milztumor
und Leberschwellung,
1 Fall von Stauungsleber infolge schwerer degenerativer
Myokarditis.
IV. Erkrankungen der Niere:
2 Fälle von Nephrolithiasis, darunter einer mit intermit¬
tierender Hydronephrose.
V. Stoffwechselerkrankungen:
2 Fälle von Diabetes mellitus.
Zur Anwendung habe ich das Wasser in verschiedener Weise
gebracht, je nachdem es mir durch die Natur des Krankheitsfalls
angezeigt schien: Entweder frühmorgens nüchtern zwei Glas von
je 125 bis 150 ccm Inhalt im Zwischenräume von */ 4 bis 1 / 2 Stunde.
Diese Anwendungsweise bevorzugte ich z. B. in den Fällen habi¬
tueller Verstopfung, um eine möglichst intensive und schnelle Wir¬
kung auf die Darmtätigkeit auszuüben. Bei Leber-, Nieren- und
Stoffwechselkrankheiten habe ich häufiger das Wasser dreimal täg¬
lich in Mengen von etwa 150 ccm 1 j 2 bis 1 ganze Stunde nach
den Mahlzeiten trinken lassen, um mehr eine Durchspülung des
Bluts und der Körpersäfte zu erzielen. Bei ersterer Anordnung
habe ich das Wasser stets kalt trinken lassen, im andern Falle
dagegen warm oder sogar bei den Nierensteinerkrankungen heiß.
Von vornherein sei bemerkt, daß das Mondorfer Wasser von
allen Kranken ohne Ausnahme vorzüglich vertragen wurde, selbst
wenn es mehrere Wochen nacheinander täglich in den erwähnten
nicht geringen Mengen getrunken wurde. Weder Uebelkeit noch
Aufstoßen, weder Druckempfindung noch Völlegefühl treten danach
auf, keinerlei Magenbesehwerden wurden geäußert. Ja, eine An¬
zahl der Kranken hat sich danach außerordentlich w r ohl gefühlt
und spontan eine wesentliche Besserung ihrer Beschwerden hervor¬
gehoben. So wurde namentlich häufig eine Hebung des Appetits
angegeben, anderseits ein Nachlassen und Verschwinden der bisher
vorhandenen Beschwerden, wie Aufstoßen von Luft oder Säure,
Dvuekgefühl, Uebelkeit, Brechreiz und dergleichen. Vor allem
aber hat die Mehrzahl der Kranken eine schnelle Besserung des
Stuhlgangs angegeben. Einzelne Patienten haben auch behauptet,
daß ihr Allgemeinbefinden durch die Brunnenkur wesentlich ge¬
hoben worden sei.
Es soll dahingestellt bleiben, ob bei der Besserung der sub¬
jektiven Symptomenkomplexe die Suggestion eine Rolle gespielt
hat, deren Wirkung ja bei der ärztlichen Therapie oft nicht mit
Sicherheit auszuschließen ist, insbesondere nicht bei Anwendung
neuer Heilmethoden.
Wichtiger für die Wertschätzung eines Heilmittels ist stets
die Beobachtung objektiver Veränderungen. Am sinnfälligsten in
dieser Hinsicht war die Wirkung des Mondorfer Wassers in den
Fällen chronischer Obstipation. Kranke, welche seit Monaten und
Jahren an diesem Uebel leiden, welche sonst oft zwei bis drei
Tage lang kar keine Entleerungen hatten, bekamen schon am
zweiten oder dritten Tage nach Beginn der Verabreichung des
Wassers, zuweilen sogar schon am ersten Tag einen leichten
weichen Stuhlgang, manchmal sogar zwei- bis dreimal am Tag, in
einzelnen Fällen bald nacheinander. Ob diese Wirkung einer Ver¬
mehrung der Darmperistaltik zuzusehreiben ist oder einer ver¬
mehrten Sekretabscheidung seitens der Darmwand und dadurch
bedingter Erweichung der Faecalmassen, vermag ich heute noch
nicht zu sagen. Das könnte erst durch genauere Untersuchungen
festgestellt werden. Jedenfalls ging die Wirkung stets ohne
wesentliche Leibbeschwerden einher, in der Mehrzahl der Fälle
sogar ohne jedes Kollern, wie es sonst mit der Wirkung von Ab¬
führmitteln oft verbunden ist. Kranke, welche seit langer Zeit
an das Einnehmen verschiedenster Abführmittel gewohnt waren,
haben angegeben, daß sie das Mondorfer Wasser als eines der an¬
genehmsten" Mittel dieser Art gefunden haben. Weiterhin ist zu
bemerken, daß die Wirkungskraft auf den Darm auch bei wochen¬
langer Verabreichung sich nicht abstumpft, sondern dauernd in
gleicher Intensität bestehen bleibt. Ja, in zwei Fällen habe ich die
sichere Beobachtung gemacht, daß die Darmtätigkeit mit dem
Aussetzen des Mondorfer Wassers in alter Weise wieder erschlaffte,
um nach erneuter Verabreichung des Wassers sofort wieder sich
kräftiger zu beleben.
Diese Wirkung auf den Darm muß als die energischste
therapeutische Leistung des Mondorfer Wassers bezeichnet werden.
Sie macht sich nicht nur bei den Fällen atonischer Obstipation
geltend, sondern auch bei vielen Erkrankungen anderer Art, welche
mit habitueller Verstopfung einhergehen, wie z. B. chronische
Magen- und Leberkrankheiten. Bei der erfolgreichen Bekämpfung
der Krankheiten letzterer Gruppen, von der sogleich noch näher
die Rede sein wird, scheint mir die Anregung der Darmtätigkeit
ein wesentlicher Faktor der Heilwirkung zu sein, insbesondere fiel
mir das in den Fällen chronischer Gallensteinkolik auf, bei denen
ja der Heilerfolg größtenteils von der energischen Reglung des
Stuhlgangs abhängig ist. All diesen Kranken verschaffte die reich¬
liche und regelmäßige Darmentleerung stets eine große Erleichte¬
rung im Leibe, sowie infolgedessen auch im Allgemeinbefinden.
Das gab z. B. auf das bestimmteste auch der Kranke mit der
großen Stauungsleber an, wo offenbar unter dem Einflüsse des
Brunnenwassers die Entladung des ganzen Pfortaderkreislaufs zu¬
stande kam.
Wie ich mich wiederholt überzeugt habe, waren die Darm-
entleerungen nach Mondorfer Wasser weich und breiig, ohne An¬
zeichen katarrhalischer Reizung, wie sie sonst zuweilen nach Dar¬
reichung forcierter Abführmittel auftreten. Niemals also war
Schleim oder Blut bei dem Stuhlgange zu beobachten, er erfolgte
stets leicht und ohne vorhergehende oder nachfolgende Beschwer¬
den. So wurde insbesondere niemals Tenesmus beobachtet. In
einzelnen Fällen kamen sogar geformte Stuhlgänge zeitweise zu¬
tage, in der Mehrzahl der Fälle allerdings dickbreiige oder dünn¬
breiige, niemals wäßrige.
Nicht verschwiegen werden soll, daß das Mondorfer Wasser
in etwa 10 °/ # der Fälle seine anregende Wirkung auf den Darm
versagt hat, ohne daß in diesen Einzelfällen eine Ursache des Mi߬
erfolges festzustellen war. Bei drei Kranken war die Wirkung
unzureichend. In zwei andern Fällen versagte sie nach einem
mehrtägigen Gebrauche.
Jedenfalls bildet die chronische Obstipation,
gleichviel welchen Ursprungs sie sein mag, die Hauptdomäne
f ü r d i e Anwendung des Mondorfer Wassers und
ist hinsichtlich ihrer Wirkung den Quellen von Kissingen, Marien¬
bad und Homburg ebenbürtig an die Seite zu stellen.
In zweiter Reihe hat sich das Mondorfer Wasser bewährt bei
chronischer Gallensteinerkrankung in verschiedenen Stadien der
Entwicklung derselben. Es soll nicht behauptet werden, daß das
Mondorfer Wasser ein Cholagogum sei oder gar eine speeifisehc
Einwirkung auf Gallensteine hätte. Von beiden kann gar keine
Rede sein. Aber die reichliche Durchspülung des Gallengang¬
systems vermittels großer Mengen dieses Brunnenwassers scheint
diesen Kranken außerordentlich gut zu bekommen. Selbst¬
verständlich kam es in diesen Fällen drei bis vier Wochen lang
ununterbrochen zur Anwendung in täglichen Mengen von 500 bis
600 ccm, die in einzelnen Fällen heiß, in andern kalt getrunken
wurden. Ersteres scheint mir für die Wirkung bei Gallenstein¬
erkrankung zweckmäßiger zu sein. Es ist offenbar die rein mecha¬
nische Wirkung des Quellv/assers, welches sich antikatarrhaliseh
schleimlösend in den Gallenwegen geltend macht. Es ist nicht
ausgeschlossen, daß die Anregung der Darmperistaltik durch das
Mondorfer Wasser gleichzeitig auch die Entleerung der kleinen
Gallenwege befördert und beschleunigt, vor allem aber die Leber
von der Gallenstauung und Stoffwechselballastproduktion befreit.
Die Wirkung auf die klinischen Erscheinungen der Erkrankung
trat objektiv zutage durch nachweisbare Abschwellung der Leber,
in einem Fall auch der Gallenblasengeschwulsfc, subjektiv in dem
selteneren und leichteren Auftreten der Anfälle und Schmerzen,
die bei zwei Kranken schon nach achttägiger Anwendung des
Brunnens vollkommen geschwunden waren. Es kann nicht er¬
wiesen werden, daß dieser Erfolg ausschließlich dem Mondorfer
Wasser zuzusehreiben ist, weil die Kranken auch Bettruhe und
zweckmäßige Diät innehielten. Da sie aber sonst keinerlei Medi¬
kamente bekamen, so ist wohl mit Recht dem Mondorfer Wasser
ein Anteil an dem auffällig günstigen Verlaufe dieser Fälle von
Cholelithiasis zuzuschreiben.
Auch in Fällen von Lebereirrhose scheint die dauernde Dar¬
reichung des Brunnens einen günstigen Einfluß auf das Befinden
der Kranken auszuüben. Der Stuhlgang wmrde geregelt, der
Appetit besserte sich und die Leber war in zwei Fällen, die sich
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UNIVERSUM OF IOWA
7. Februar.
1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8.
219
noch im ersten Stadium der Erkrankung befanden, zweifellos nach
einigen Wochen etwas kleiner geworden. Unter den Fällen dieser
Gruppe war der Erfolg am auffälligsten bei einem 18 jährigen
jungen Menschen mit hypertrophischer Lebercirrhose. Die vorher
ganz hartnäckige Verstopfung, welche nur durch energische Ab¬
führmittel bekämpft werden konnte, wich nach kurzer Zeit einer
regelmäßigen, reichlichen, weichen Stuhlentleerung. Der Kranke,
dessen Leber bis zur Nabelhöhe herabreichte und der auch einen
großen Milztumor hatte, fühlte sich nach sechswöchigem Ge¬
brauche der Brunnenkur wesentlich erleichtert, der Appetit hatte
sieh gehoben, das Körpergewicht war um vier Pfund vermehrt, und
vor allem wurde der diffuse intensive dunkle Ikterus von Woche
zu Woehe heller. Er schwand zwar nicht vollkommen, und auch
Leber und Milz haben sich nur um weniges verkleinert, aber das
Allgemeinbefinden hatte sich so wesentlich gebessert, daß der
Kranke schließlich seine Berufstätigkeit wieder auf nehmen und
sie jetzt ohne wesentliche Beschwerden durchzuführen imstande
ist. Es ist anzunehmen, (laß der dauernde Genuß des Brunnens
die Oirculationsverhältnisse im Gebiete der Pfortader und der
Unterleihsorgane überhaupt wesentlich erleichtert hat.
In dem Falle von hochgradiger Stauungsleber infolge von
Myokarditis trat unter dem Einflüsse der dauernden Darm¬
entlastung anscheinend auch eine Abschoppung des Blutandrangs
zur Leber ein, die sich durch eine merkliche Verkleinerung der¬
selben bemerkbar machte. An dem Herzleiden selbst und seinen
sonstigen Folgeerscheinungen wurde natürlich nichts geändert,
aller der Kranke selbst war mit dem Erfolge dieser Brunnenkur
durchaus zufrieden.
Ebenso befriedigt sprachen sich über die Wirkung des
Wassers mehrere Kranke mit chronischem Magenkatarrh aus.
Wenn and die Sekretionsstörungen und die Verdauungsverhält¬
nisse des Magens überhaupt sich nicht nachweislich geändert haben,
so hob sich doch der Appetit, die Beschwerden der Kranken wurden
geringer, der Stuhlgang geregelt. In einem Falle schien mir die
Sehleimbeimengung zum Mageninhalte nach vier Wochen wesent¬
lich geringer geworden zu sein, indessen möchte ich auf eine noch
einzelne Beobachtung noch keinen entschiedenen Wert legen. Viel¬
leicht beruht die günstige Wirkung des Mondorfer W T assers beim
chronischen Magenkatarrh zum guten Teil auf der Durchspülung
der Magenschleimhaut, vielleicht auch teilweise auf der Anregung
der Darmtätigkeit. Ein Einfluß auf Magen- und Darmgeschwüre
war nicht festzustellen.
Aber ohne Zweifel kommt dem Mondorfer Wasser auch eine
Einwirkung auf die Diurese zu. Das ließ sich bei allen
Kranken ermitteln, welche zwei- bis dreimal täglich ein großeg Glas
davon tranken, namentlich bei anhaltendem Gebrauche. Wertvoll
war diese Steigerung der Harnentleerung bei den beiden Nieren¬
kranken. Es wurde eine exakte Bestimmung der täglichen Harn¬
mengen vorgenommen unter genauer Beobachtung der gesamten
Flüssigkeitsaufnahme vor und bei der Kur. Nach Abrechnung der
getrunkenen Brunnenmengen ergab sich ein äußerliches Plus von
200 bis 600 ccm, bald mehr, bald weniger. Entsprechend der
Steigerung der Harnmenge wurde der Ham heller und speeifisch
leichter, sein Bodensatz geringer. Wenn auch in den beiden Fällen
der erwünschte Abgang des Nierensteins nach der Kur nicht zu
beobachten war, so trat doch keine Kolik mehr auf, die Schmerzen
schwanden überhaupt vollkommen und das Allgemeinbefinden der
Kranken wurde so ausgezeichnet, daß sie nach drei- beziehungs¬
weise vierwöchigem Aufenthalt in der Klinik als vorläufig geheilt
entlassen werden konnten.
In den beiden Fällen von Diabetes mellitus war irgendeine
Einwirkung von der Brunnenkur mit Mondorfer Wasser nicht zu
erweisen, zumal die Kranken gleichzeitig einer der Form ihrer
Zuckerkrankheit entsprechenden Diät unterworfen wurden. Eine
specifische Einwirkung bei dieser Erkrankung läßt sich aber auch
bei andern Brunnen nicht feststellen, welche erfahrungsgemäß mit
gutem Erfolge von Zuckerkranken getrunken werden. Hier ist
nur die langjährige Erfahrung ein Urteil zu fällen imstande.
Auf Grund der berichteten Beobachtungen, welche allerdings
nach manchen Richtungen hin noch weiterer Ergänzungen be¬
dürfen, kann ich mein Urteil dahin zusammenfassen, daß in dem
Mondorfer Wasser eine Mineralquelle erkannt ist, welche sich als
ein wirksamer Heilfaktor in der Behandlung von Magen-, Darm¬
und Leberkrankheiten erweist. Sein Einfluß ist für sich allein
wohl nicht ausreichend zur Entfaltung energischer Heilwirkungen,
aber es ist ein vorzügliches Unterstützungsmittel für die Therapie
der Verdauungskrankheiten, welche sich den Quellen von Karls¬
bad, Marienbad, Kissingen, Homburg und Tarasp würdig anreiht.
Forschuni^sergelmisse aus Medizin und Naturwissenschaft.
Aus der I. medizinischen Klinik in Wien.
Eine klinische Methode zur Bestimmung der
Blutalkaleszenz
von
Priv.-Doz. Dr. Otto Porges und Dr. Alfred Leimdorfer.
Mit 3 Abbildungen.
In seiner Physiologie des Stoffwechsels *) sagt Magnus-
Levy bezüglich der Lehre von der Blutalkalescenz" „Das Ver¬
halten der Alkalescenz bedarf einer erneuerten theoretischen Er¬
örterung so dringend wie wenig andere Kapitel der Physiologie. . .
\ mi einer gründlichen Durcharbeitung dieses Gebiets wird es ab-
die Lehre von der Blutalkalescenz neue Fruchtbarkeit
für Theorie und Praxis zu gewinnen vermag.“ Seit Erscheinen
des Buches, dem der voranstehende Passus entnommen ist (1906),
haben sieh zahlreiche neue Untersuchungen eingestellt, von denen
indessen nur ein geringer Teil das Problem gefördert hat, da meist
die Fehler der Versuchsanordnung, die schon Magnus-Levy
, i d° n älteren Untersuchungen aussetzt, nicht vermieden sind.
Speziell die Untersuchungen, die klinisch-pathologische Frage¬
stellungen verfolgen, tragen meist dem Umstande keine Rechnung,
daß peripheres Venenblut, das allein beim
•lensehen zur Untersuchung gewonnen werden
kann, zu ^Bestimmung der Blutalkalescenz un-
£ e e i g n e t i s t, da seine Zusammensetzung je nach
dem Gefäßbezirk, aus dem es stammt, je nach
dem Zustande des Organs, das es durchströmt
äatjjenachderGeschwindigkeitjmitderesaus-
strömt, wechselt. Zur Bestimmung der Blut-
alkalescenz für biologische Probleme ist nur
1 v ‘ Noordens Handbuch der Pathologie des Stoffwechsels
1! "m, Bd. 1. S. 197,
Mischblut des Körpers, also Blut aus dem
Herzen, aus der Lunge oder aus den Arterien
g e e i g n e t.
Ist die Bestimmungsmethode noch so exakt, die mit ihr am
peripheren Venenblute gewonnenen Resultate sind nicht ver¬
wertbar.
Wir haben nun vor einigen Jahren eine Methode ausge¬
arbeitet, welche die Bestimmung der Alkalescenz des Mischbluts
beim Menschen gestattet J ). Das Verfahren ist die Bestimmung
der Kohlensäurespannung in der Alveolarluft.
Die Beurteilung der Blutalkalescenz auf Grund der Kohlensäure¬
spannung der Alveolarluft rührt nicht von „englischen Physiologen“
her, wie dies gelegentlich angeführt wird, ebensowenig von Hassel¬
ba 1 c h, wie einzelne Autoren berichten. Englische Physiologen, näm¬
lich Hai da ne und seine Mitarbeiter, haben wohl die CfVSpannung
zum Zwecke der Untersuchung der Atemregulation in physiologischen
und pathologischen Zuständen bestimmt, dieselbe jedoch nie als Maß
der Blutalkalescenz angesprochen. Hassel balch*) bekämpft so¬
gar diese Methode, obzwar seine eignen Versuche ihr als Stütze dienen.
Ausgehend von der Theorie der Atemregulation durch die Blutalkal¬
escenz (Lehmann, Zuntz, Winterstein, Porges-Leim-
dörfer und Markovici), haben wir als die ersten die Theorie
der sogenannten Neutralitätsregulation auf gestellt und durch klinische
Beobachtungen erwiesen 3 '). Diese Theorie besagt, daß die Atmung in
erster Linie zur Erhaltung der neutralen Reaktion des Bluts dient.
Die Säureempfindlichkeit des Atemcentrums bewirkt bei jeder Säurung
des Bluts eine Mehratmung, damit eine Mehrausscheidung der Kohlen¬
säure, wodurch saure Valenzen entfernt werden und die Reaktion wie¬
der zur Neutralität zurück kehrt. Eine Säurung muß durch diesen
Mechanismus zu einer Herabsetzung der Kohlensäurespannung des
Blutes führen, eine Bestimmung der Kohlensäurespannung des Bluts
muß Aufschluß über eine bestehende Säurung geben. Dabei bieibt das
Porges, Leimdßrfer und Marko vio i. (W. kl. YV.
1910, Nr. 23, und Zscbr. f. klin. M. 1911. Bd. 73, S. 389.
2 ) Biochem. Zscbr. 1912. Bd. 40. S. 403.
3 ) L. c.
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8.
21. Februar.
Blut in Wirklichkeit fast neutral, die Bestimmung mit Gasketten wird
nur kleine Abweichungen von der Norm ergeben, da mit der Vermeh¬
rung fixer saurer Valenzen Kohlensäure sofort zum Ausgleich entfernt
wird. Demgemäß muß die Kohlensäurespannung bereits große Ab¬
weichungen von der Norm zeigen, wo die elektrometrische Bestim¬
mung nur kleine Ausschläge gibt. Die Bestimmung der Kohlensäure¬
spannung ist also auch eine sehr empfindliche Methode. Zum Beweise
dessen haben wir beispielsweise zeigen können, daß relativ gering¬
fügige Veränderungen der aktuellen Reaktion des Bluts, wie sie in¬
folge der Salzsäuresekretion bei der Magenverdauung auftreten, bereits
deutlich in der Aenderung der CtK-Spannung zum Vorscheine kommen.
Ebenso sahen wir die nach Diätänderungen, wie Kohlehydratbeschrän-
kung in der Nahrung, entstehende Acidosis deutlich in der herab¬
gesetzten COs-Spannung zum Vorscheine kommen, ein Versuch, der
von Hasselbalch 1 ) sowie Straub 2 ) bestätigt worden ist.
Der Bestimmung der C0 2 -Spannung im Blute dienen ver¬
schiedenartige Methoden. Für tierexperimentelle Zwecke wird man
sich mit Vorteil eines Verfahrens bedienen, das jüngst von M o r a -
witz und Walker 8 ) ausgearbeitet und bei konkreten Frage¬
stellungen erprobt worden ist. Die Methode bestimmt die C0 2 -
Spannung von Blut, das mit einer C0 2 -Atmosphäre bestimmter
Konzentration in Kontakt gebracht worden ist. Für klinische
Untersuchungen ist dagegen nur ein Verfahren verwendbar, welches
eine unblutige Bestimmung am Mischblute gestattet. Da nun das
Mischblut als Lungenblut in den Lungenalveolen mit der Lungenluft
bei hinreichend langem Kontakt zum Spannungsausgleiche der
Gase gelangt, so kann man aus der Untersuchung der Lungen¬
alveolenluft Aufschluß über die C0 2 -Spannung des Mischbluts er¬
langen. Für die Gewinnung der Lungenalveolenluft sind wieder
mehrere Verfahren angegeben worden. Wir haben diese Verfahren
alle versucht, jedoch nur eins für klinische Zwecke immer brauch¬
bar gefunden, die Pleschsche Methode 4 ), die wir in folgendem
in der für unsere Zwecke modifizierten Form ausführlich be¬
schreiben wollen. Uebereinstimmend mit dieser Erfahrung geben
auch Boothby und Peabody 5 ) unserer Versuchsanordnung
den Vorzug. Denn dieselbe ist ohne Belästigung und Benach¬
teiligung selbst bei Schwerkranken anwendbar, erfordert wenig
Hebung, macht wenig Mühe und bedient sieh einer einfachen,
leicht zu handhabenden Apparatur. Das Verfahren zerfällt in zwei
Operationen: die Gewinnung der Alveolenluft und die Analyse
derselben.
Für die Gewinnung der Alveolenluft dient ein Apparat, der
aus einem aus Glas gefertigten T-Stücke besteht (Abb. 1), das
einen Mundansatz (A) und einen als Gasrezipienten dienenden
Gummisack (S)
trägt (Abb. 1).
Ein an der Gabe¬
lungsstelle be¬
findlicher Zwei¬
weghahn (T) ge¬
stattet cs, die
Atemluft von
dem Mundan-
satzeA entweder
durch C nach
außen zu leiten Abb. i.
oder durch B
dem Gummisacke zuzuführen. Die Ausführung des Versuchs ge¬
staltet sich folgendermaßen: Das Mundstück A wird zwischen
Lippen und Zähne eingeführt, sodaß es den Mund luftdicht ab¬
schließt. Der Hahn befindet sich in der Stellung, die A mittels C
mit der Außenluft verbindet. Hierauf wird eine luftdicht schließende
Nasenklemme aufgesetzt. Nach einigen ruhigen Atemzügen wird
das zu untersuchende Individuum aufgefordert, tief zu inspirieren,
am Ende des Inspiriums wird der Hahn rasch gedreht, worauf die
Exspiration durch B in den Sack S erfolgt. Nun inspiriert der zu
Untersuchende die Luft aus S wieder vollständig, atmet sie wieder
aus und wiederholt dasselbe fünfmal. Das jedesmalige In- und
Exspirium soll in der Zeit von fünf Sekunden erfolgen, der ganze
Versuch (fünfmaliges Ex- und lnspirium in den Gummisack) soll
25 Sekunden dauern. Nach dem letzten Exspirium wird der Hahn
wieder in seine erste Stellung gebracht, wodurch die Luft im Ballon
abgesperrt ist. Dann wird der Gummischlauch, der S mit dem
Glasstücke verbindet, durch mehrere breite Klemmen luftdicht ver-
2 j D. Arch. f. klin. Med. 1913, S. 109, 223.
Biochem. Zschr. 1914, Bd. 60, S. 395.
*) Zschr. f. exper. Path. u. Thor. 1909. Bd. 6, S. 380.
*) Arch. of intern, med. 1914, Bd. 13, S. 497.
schlossen, vom Glasstück abgenommen und beim Capillar-
schlauche R an den Analysenapparat angeschlossen. Das fünf¬
malige Hin- und Heratmen und die Zeit von 25 Sekunden genügt,
um einen vollständigen Spannungsausgleich zwischen Lungenluft
und Blutgasen herbeizuführen und die Luft aus den schädlichen
Räumen mit der Alveolenluft so zu durehmengen, daß fast das
ganze Gasgemenge mit dem Lungenblut in Kontakt kommt. Wie
eine von uns ] ) ausgeführte Berechnung zeigt, bleibt bei dieser
Versuchsanordnung im ungünstigsten Falle nur 3,125 °/ 0 des ge¬
samten Gasgemenges eventuell vom Gasaustausche mit dem
Lungenblut ausgeschlossen, ein Fehler, den man getrost vernach¬
lässigen kann. Anderseits ist in der Versuchszeit von 25 Sekunden
der Blutkreislauf noch nicht vollendet, also noch kein Blut, das
zu Beginn des Versuchs in der Lunge war, wieder dahin zurück-
gekehrt. Wird der Versuch auf mehr als fünf Atemzüge und
25 Sekunden ausgedehnt, dann kommt zum Teil mit den kürzeren
Kreisläufen Blut, das schon im Spannungsausgleiche war, wieder
kohlensäurereicher in die Lunge zurück, wodurch die C0 2 -Span-
nung höher erscheint, als sie zu Beginn des Versuchs war. Die.
Analyse der auf diese Weise gewonnenen Alveolenluft wird in
einem Apparat ausgeführt, der nach dem Prinzip der Hempel-
schen volumetrischen Gasanalyse gebaut ist (Abb. 2 und 3). Der
Apparat (Abb. 2 und 3) zeigt drei Büretten, die je zirka 100 ccm
fassen und in ihrem unteren verengtenTeil zwischen 90 und 101 ccm
eine eine Ablesung von Differenzen von 0,01 ccm gestattende Ein¬
teilung haben. Die zwei seitenständigen Büretten (1 und 2) sind für
die Aufnahme des Gases bestimmt, das aus dem Sacke durch eine
capillare Zuleitung eingelassen wird, die mittlere Bürette (3) ent¬
hält nach dem Prinzip des Zun tz sehen Thermobarometers eine
abgeschlossene Luftmenge, welche alle Volumänderungen mit¬
macht, die sich während der Analyse durch Druck und Tempe¬
raturschwankungen ergaben und damit eine entsprechende Kor¬
rektur des Volumens der analysierten Gase ermöglicht. Die
Büretten sind in ein weites Mantelrohr eingeschlossen, das mit
Wasser gefüllt ist, um eine gleichmäßige Temperatur während der
Analyse zu ermöglichen. Durch Luftdurchblasen mittels des Ge-
J ) Zsc hr. f. klin. M. 1913, Bd. 77, S. 447.
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21. Februar.
1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8.
221
bläses (Abb. 3, G) kann das Wasser durchgemischt werden. Vor
der Analyse sind die beiden zur Aufnahme der Analysenluft be¬
stimmten Büretten bis zur Marke im capillaren Teil (M 1S M 2 ) mit
Sperrflüssigkeit (mit Salzsäure angesäuertes Wasser, dem als In¬
dikator einige Tropfen alkoholischer Rosolsüurelüsung beigefügt
werden) gefüllt.
Sobald der Gummisack mittels des Capillarschlauchs (R) an
die capillare Zuleitung angeschlossen ist, werden die Klemmen
H r H, geöffnet, worauf das Atemgas eintritt und die Sperrflüssigkeit
nach Z (Niveaugefäß) ausweicht. Sobald das Gas ungefähr in die
Nähe des ICK) ccm bezeichnenden Teilstrichs eingelassen ist, wer¬
den die Klemmen geschlossen; das Hebegefäß Z wird jedesmal so
eingestellt, «laß das Flüssigkeitsniveau in der Bürette und im Hebe¬
gefäß in gleicher Höhe steht, worauf die Ablesung des Gasvolumens
in der Bürette erfolgt. Nunmehr wird Z gehoben und die Klemmen
H 2 geöffnet, die zu den Absorptionsgefäßen A führen, die mit
stärker Kalilauge zur Absorption der Kohlensäure gefüllt sind.
Das Gas strömt durch die capillaren Zuleitungen ein, die Klemmen
werden geschlossen, sobald
die Sperrflüssigkeit wieder
zur Marke Mi, Mo gestiegen
ist. Nach zirka 5 Minuten
ist die Absorption voll¬
ständig, die Klemmen Ho
werden wieder geöffnet und
die Gase aus den Absorp¬
tionsgefäßen eingelassen.
Nach Verschluß der Klem¬
men erfolgt eine Niveau¬
ablesung in der früheren
Art, die die Volumsvermin¬
derung durch die Absorp¬
tion der Kohlensäure be¬
stimmen läßt. Nach Ein¬
rechnung einer Korrektur,
die sich eventuell aus wäh¬
rend der Analyse erfolgten
Temperatur- oder Druck¬
veränderungen im Thermo-
barometerrohr anzeigt,
wird aus der Volums Ver¬
minderung der Prozontge-
halt an Kohlensäure be¬
rechnet. Wie man sieht,
laufen gleichzeitig zwei
Analysen desselben Gases
parallel. Die ganze Analyse
ist in zirka 10 Minuten
ausgeführt,wobei die Dauer
der Absorption eingerech¬
net ist. Hat man zwei
Apparate, so kann man
zwei Analysen gleichzeitig
ausführen, die die Arbeits-
daueraufö Minuten abkürzt.
Wir haben mit dieser Methode die Blutalkalescenz in ver¬
schiedenartigen physiologischen und pathologischen Zuständen
untersucht. Wir fanden eine herabgesetzte Kohlensäurespannung
nach übermäßiger Muskelarbeit'), bei Kohlehydratbeschränkung
K 1, o . 1 k 1 )’ * n der Gravidität 2 ), bei acetonurischem Diabetes 1 ),
ci Carcinomkranken 3 ), bei urämischer Nephritis 4 ), bei Osteo-
malacie-) und osteomalacieähnlichen Krankheiten, bei der kar¬
dialen Dyspnöe •), bei fieberhaften Zuständen 7 ) und hochgradigen
Anämien ). Wir fanden erhöhte C0 2 -Spannung zur Zeit der
dagenVerdauung 1 ), nach Zufuhr von Alkalien 1 ), bei Emphysem
beziehungsweise pulmonaler Dvspnöe 6 ). Unsere Befunde stimmen
zum Teil mit älteren, mit andern Methoden ausgeführten Unter¬
suchungen tiberein und sind seit ihrer Veröffentlichung von
mehreren Seiten bestätigt worden (Straub und S c h 1 a y e r,
Straub, Heim, Fridericia, Hasselba Ich, S e 1 -
Abb. 3.
1 Jsehr. f. klin. M. 1911, Bd. 73. S. 389.
;) Zsch. f. klin. M. 1912, Bd. 75, S. 301.
) Beitr. z. Careinomforsch, d. 1. med. Kl. 1910, H. 3. S. 141.
) Zschr. f. klin. M. 1913, Bd. 77, S. 404.
> W. kl. W. 1913. Nr. 44.
J J*chr. f. klin. M. 1913, Bd. 77, S. 447.
') Nicht publiziert.
1 a r d s und Andere). Wir benützen die Methode zur diagnostischen
Orientierung in unklaren Fällen wie irgendeine klinische Unter¬
suchungsmethode und haben zu wiederholten Malen über frag¬
liche Zustände Aufschluß bekommen. Hier seien nur folgende
zwei Beispiele angeführt:
I. Patientin M. Z. Seit 1911 Diabetes mellitus festgestellt.
Februar 1912 apoplektiseher Insult. 30. Mai 1912 plötzlich Schwindel,
Erbrechen. Wird mit diesen Erscheinungen am selben Tage der Klinik
eingeliefert. Weder der somatische Befund noch die Urinuntersuchung
können entscheiden, oh es sieh um einen apoplektischen Insult handelt
oder um ein beginnendes diabetisches Koma. Die Untersuchung der
CO*-Spannung der Alveolarluft ergibt 5,25%, mithin einen Wert, der
zwar leichte Acidosis bedeutet, jedoch Koma ausschließen läßt. Der
weitere Verlauf beweist, daß die Erscheinungen durch einen neuen
apoplektischen Insult veranlaßt waren.
II. Patientin M. S. Gravidität im achten Monat. Es besteht seit
Jahren Diabetes mellitus. Wird mit 6% Zucker und negativer Aceton¬
reaktion der Klinik eingeliefert. Bei kohlehydratfreier Kost am ersten
Tage zuckerfrei. Am vierten Tage der Kohlehydratbeschränkung Er¬
brechen. Gleichzeitig fällt dyspnoisehe Atmung auf. Die Vermutung,
daß es sich um beginnendes Säurekoma handelt, wird durch die Be¬
stimmung der COs-Spannung bestätigt (2,3%), obwohl die Aceton-
bestimmung in der Tagesmenge nur 2,3 g Aceton ergibt, mithin einen
Wert, der noch nicht an Koma denken ließ. Trotz Zufuhr von zu¬
sammen 102 g Soda, zum Teil per os, zum Teil per clysma, zum Teil
intravenös, bleibt der Harn sauer. Die (’Oa-Spannung sinkt am Nach¬
mittag auf 1.76%. Es wird daher Einleitung der Frühgeburt be¬
schlossen. Am nächsten Tage fortschreitende Trübung des Bewußt¬
seins, Zeichen von Herzschwäche, tags darauf totale Bewußtlosigkeit,
nach der Gehurt einer maeerierten Frucht Exitus.
Eine besondere Bedeutung kommt der Methode für fort¬
laufende Bestimmungen bei der diabetischen Acidosis zu. Hier
leistet sie mehr als irgendeine andere Bestimmung; denn die Unter¬
suchung des Harnes auf die Menge der Acetonkörper oder des
Ammoniaks ist viel komplizierter, gibt eigentlich nur über einen
bereits vergangenen Zustand Aufschluß (wie besonders der oben
mitgeteilte lall lehrt) und sagt insbesondere nichts über die im
Körper befindliche, sondern nur über die ausgeschiedene Säure-
menge aus.
Schließlich noch einige Worte über andere Verfahren zur
Gewinnung der Alveolenluft. Manche Autoren bevorzugen die
H a 1 (1 a n e sehe Methode J ). Dieselbe gibt allerdings, wie auch
wir uns überzeugt hatten, gleichmäßigere, untereinander besser
übereinstimmende Werte, erfordert jedoch Einübung des zu unter¬
suchenden Individuums und ist nur bei nichtdyspnoischen Fällen
anwendbar. Straub 2 ) sowie Fridericia 3 ) haben gegen
unsere Untersuchungen bei der diabetischen Acidosis den Vorwurf
erhoben, sie wären, da mit unzureichender Methodik ausgeführt
nicht beweiskräftig. Diese Autoren, die erst von uns gelernt
haben, aus der C0 2 -Spannung auf eine Acidosis zu schließen,
kommen mit der H a 1 d a n e sehen Methode zu denselben Re¬
sultaten wie wir, womit sie selbst, wenn sie es auch nicht zugeben
wollen, unsere Methodik als verläßlich und einwandfrei erwiesen
haben. Im übrigen kann auch die von uns angewandte Methodik
an geübten Individuen Werte ergeben, die untereinander ebenso
genau übereinstimmen wie die mit dem Haidaneschen Ver¬
fahren gewonnenen. Es kam uns aber mehr darauf an, zu zeigen
was die Methode leistet, wenn die Untersuchung ohne Vorbereitun¬
gen, ohne Einübung an beliebigen Patienten ausgeführt wird. Die
Abweichungen der so an demselben Individuum gewonnenen Werte
sind noch nicht so groß, daß sie Veränderungen der Blutalkales-
eenz Vortäuschen oder verdecken würden.
Heim 4 ), der sich der Pie sch sehen Methode bedient
jedoch nicht unsere Versuchsanordnung wählt, sondern die durch
mehrmaliges Aus- und Einatmen gewonnene Luft immer wieder
nach einer Pause in- und exspirieren läßt, erhält gleichmäßigere
Werte als wir und beschuldigt uns deshalb des ungenauen Ar-
beitens. Hätte dieser Autor erwogen, daß es uns darauf ankam,
eine für alle Patienten anwendbare, einfache, klinische Unter¬
suchungsmethode auszuarbeiten, die gleichwohl verläßliche Re¬
sultate gibt, so wäre sein unmotivierter Angriff unterblieben, um
so mehr, als er die von uns gefundenen Tatsachen in allen Punkten
bestätigen muß.
*) Es wird der letzte Teil eines tiefen Exspiriums gesondert auf¬
gefangen.
*) L. c.
s ) Zschr. f. klin. M. 1914.
4 ) Zschr. f. klin. M. 1913. Bd. 78, S. 501.
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8.
21. Februar.
Ans der Praxis
Aus dem Auguste-Viktoria-Krankenhause Schöneberg
Die gonorrhoischen Gelenkentzündungen
von
Oberarzt Dr. 0. Nordmann, Berlin.
Die gonorrhoischen Gelenkentzündungen stellen die praktisch
wichtigste Form der akuten Arthritis dar. Alle Gelenke, besonders
jedoch das Kniegelenk, das Handgelenk und das Hüft¬
gelenk, können von einer gonorrhoischen Infektion ergriffen
werden. Aber auch kleine Gelenke, z. B. Metacarpophalan-
gealgelenke und Interphalangealgelenke, die sehr selten der Sitz
einer Entzündung sind, können den Herd einer gonorrhoischen
Arthritis bilden. Dieses Befallenwerden kleiner Gelenke ist ge¬
radezu typisch für Gonorrhöe. Wenn die Entzündung zu einer
Zeit einsetzt, in der noch eine floride Gonorrhöe besteht, so macht
die Diagnose des Leidens meistens keine Schwierigkeiten. Handelt
es sich jedoch um eine chronische oder symptomlos verlaufende
Gonorrhöe in Gestalt einer Prostatitis, so kann die Erkennung der
Aetiologie Mühe machen.
Die Differentialdiagnose gegenüber dem akuten
Gelenkrheumatismus ist dann zuweilen schwierig. Wenn ein kleines
Gelenk ergriffen ist oder der Prozeß auf ein einzelnes großes Ge¬
lenk beschränkt bleibt, so muß man stets an die gonorrhoische
Ursache der bestehenden Entzündung denken und in jedem Fall
eine bakteriologische Untersuchung des Vaginal- beziehungsweise
Uterussekrets vornehmen.
Ferner spricht die außerordentliche Schmerzhaftig¬
keit und Druckempfindlichkeit und die dadurch hervorgerufene
Schlaflosigkeit mehr für einen gonorrhoischen Charakter der Ge¬
lenkentzündungen. In dieser Vermutung wird man bestärkt, wenn
sich Salicylpräparate als wirkungslos erweisen.
Das Leiden beginnt plötzlich mit außerordentlich starken
Schmerzenan dem befallenen Gelenke, die fast stets mit erheb¬
lichen Temperatursteigerungen einhergehen. Die
lokalen Symptome bestehen in einer Schw ellung der p e r i a r t i -
kulären Weichteile, die zuweilen einen teigigen Charakter hat,
und einer R ö t u n g der Haut, die gar nicht selten zackig begrenzt
ist. Das Knie- und das Ellbogengelenk kann schon im ersten Be¬
ginne der Entzündung einen starken Erguß aufweisen.
Zur Behandlung der gonorrhoischen Gelenkentzündung
stehen folgende Maßnahmen zur Verfügung: Die Stauung, die
Immobilisation, die Extension und der Heißluft-
kästen. Medikamente leisten nichts, höchstens ist ein Versuch
mit A r t h i g o n zu machen.
Mit diesen Mitteln muß individualisierend vor¬
gegangen werden, und zwar je nach der Lokalisation des Pro¬
zesses und dem Erfolge der therapeutischen Maßnahmen im ein¬
zelnen Falle. Man kann immer wieder die Erfahrung machen, daß
sich die Kranken ihnen gegenüber ganz verschieden verhalten.
Die Biersche Stauung leistet in der Regel vorzüg¬
liche Dienste. Die Gummibinde wird am Oberarme beziehungs¬
weise Oberschenkel nach Unterpolsterung mit einer dünnen Lage
einer Mullbinde in der Weise umgelegt, daß keine venöse, sondern
eine aktiveHyperämie entsteht. Sie bleibt zirka 20 Stunden
liegen, und es wird darauf geachtet, daß während dieser Zeit keine
sichtbare Blaufärbung des Glieds entsteht. Andernfalls wird ihre
Lage verändert. Den besten Hinweis darauf, daß die Hyperämie
den richtigen Grad erreicht hat, bildet die Angabe des Kranken,
daß seine Schmerzen geschwunden sind. Gleichzeitig wird die
betreffende Extremität durch untergeschobene Kissen hoch-
gelagert. Nach einer vierstündigen Pause wird die Binde von
neuem umgelegt. Gar nicht selten bitten die Patienten wegen der
Wiederkehr der Schmerzen darum, daß dieses schon früher ge¬
schieht.
In andern Fällen jedoch bleibt dies Verfahren trotz aller
aufgewandten Mühe erfolglos; die Schmerzen verstärken sich, so
oft man auch die Lage der Binde verändert. Dann rate ich Ihnen,
einen immobilisierenden Verband anzulegen, und zw r ar entweder
einen gut gepolsterten Pappschienenverband mit Stärkebinden oder
einen Gipsverband. Der letztere läßt sich nach dem Vor¬
schläge Sprengels sehr leicht zur Erzeugung einer Hyperämie
benutzen, indem in der Umgebung des Gelenks einige quadratische
Fenster von zirka 10x12 cm Größe in ihn hineingeschnitten
werden. An diesen Stellen wird die die Weiehteilo bedeckende |
für die Praxis.
Watte völlig entfernt, sodaß die Haut sichtbar wird; dann pflegt
nach längeren Stunden in den betreffenden Bezirken ein starkes
hyperämisches Oedem zu entstehen.
Ich habe wiederholt die Beobachtung gemacht, daß un¬
erträgliche Schmerzen, die sich auf keine Weise bekämpfen ließen,
in dem Augenblick aufhörten und verschwanden, in dem der Gips¬
beziehungsweise Pappschienenverband erstarrt war. Die Kranken
gaben am andern Tage spontan an, daß sie zum erstenmal wiederum
geschlafen hatten.
Der große Nachteil der immobilisierenden Verbände besteht
darin, daß es zu sekundären Versteifungen und Muskel¬
atrophien kommt. Ihnen beugt man am besten vor, wenn man
schon nach 10 bis 14 Tagen den Versuch macht, das entzündete
Gelenk nur für die Nachtzeit auf einer gut gepolsterten Blech¬
schiene oder auf einer dorsalen Gipsschiene zu fixieren und am
andern Tage die Stauungsschiene umlegt und gelegentlich vor¬
sichtige Bewegungen ausführt. Kehren wider Erwarten
starke Schmerzen zurück, so wird von neuem ein eirculärer, ruhig¬
stellender Verband gemacht.
Nach diesen allgemeinen Gesichtspunkten rate ich Ihnen,
im speziellen Teil folgendermaßen vorzugehen:
Bei einer frischen Entzünduug im Ellbogen, Hand-, Knie-,
Fußgelenk oder in den kleinen Gelenken der Hand und des Fußes
wird die Stauungsbinde umgelegt und auf 20 Stunden belassen.
Die Extremität wiid durch untergeschobene Spreukissen hoch-
gelagert. Der Kranke erhält gegen seine Schmerzen nach Bedarf
subcutane Morphiumgaben.
Lassen die Schmerzen bei dieser Behandlungsmethode nicht
nach und bleibt der Patient schlaflos, so wird ein immobilisie¬
render, dickgepolsterter Verband mit Pappschienen und Stärke¬
binden angelegt, der das entzündete Gelenk völlig immobilisiert.
Der Geübte benutzt vorteilhafterweise den unterfütterten Gips¬
verband, in den in der Umgebung des Gelenks mehrere Fenster
hineingeschnitten w r erden. Von der Anwendung dieser ruhig¬
stellenden Verbände ist nur dann abzuraten, wenn stärkere p e r i -
artikulare Schwellungen bestehen oder eine hoch¬
gradige Gelenkschwellung vorhanden ist und deshalb mit der Mög¬
lichkeit zu rechnen ist, daß über kurz oder lang w'egen eines
Abscesses ein chirurgischer Eingriff notwendig wird. In diesen
Fällen müssen die entzündeten Gelenke mit Hilfe von Blech¬
schienen immobilisiert werden.
Gonorrhoische Entzündungen im Hüft- oder Schultergelenko,
die außerordentlich schmerzhaft zu sein pflegen, erfordern die An¬
legung eines Extensionsverbandes.
Daß das akute Stadium der gonorrhoischen Erkrankung ab¬
geklungen ist, erkennt man daran, daß die Schmerzen bei vor¬
sichtigen Bewegungen unerheblich sind, daß die Temperatur zur
Norm zurückgekehrt ist und der Kranke in seinem Allgemein¬
befinden nicht mehr wesentlich gestört ist. Die Testierenden Be¬
schwerden werden am besten durch eine tägliche Applikation des
Heißluftkastens, durch heiße Bäder und vorsichtige medicomecha-
nische Uebungen gebessert.
Chirurgische Eingriffe bei gonorrhoischen und
eitrigen Gelenkentzündungen anderer Aetio¬
logie.
Im gonorrhoisch entzündeten Kniegelenk entwickelt sich zu
weilen ein Erguß; dann ist beizeiten eine Punktion vorzunehmen.
Wenn das trübseröse und meistens flockige Exsudat abgeflossen
ist, so wird eine Auswaschung des Gelenks mit 10 °/ 0 iger Pro-
targollösung und Nachspülung mit Kochsalzlösung vor¬
genommen, wmdurch der Prozeß meistens zum Stillstände kommt.
Nach weiteren acht bis zwölf Tagen wird mit Stauung und Hei߬
luftbehandlung begonnen.
Wenn hohes Fieber und eine schwere Beeinträchtigung des
Allgemeinbefindens nach der Punktion weiter bestehen bleibt und
diese Symptome auf eine Mischinfektion des Kniegelenks
himveisen, deren Diagnose durch den Nachweis von Streptokokken
oder Staphylokokken im Punktionsexsudat gesichert wird, so wird
nach einigen Tagen zu einer Artlirotomie geschritten.
Auch im Ellbogengelenk entwickelt sich bei einer gonor¬
rhoischen Entzündung zuweilen ein eitriger Erguß, der keine
Neigung zum Spontanrückgange zeigt. Eine einfache Punktion
ist liier nicht zu empfohlen und der Ineision des Gelenks mit Hilfe
Di gti t zed b y Google
Original fro-m
UMIVERSITY OF IOWA
21. Februar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8.
223
des Langenbeckschen Resektionsschnitts der
Vorzug zu geben.
In der Nachbehandlung wird darauf geachtet, daß das
Gelenk in einem Winkel von 100 0 immobilisiert wird und die Hand
in der Mitte zwischen Pronation und Supination steht, damit bei
einer eintretenden Versteifung eine den Gebrauch des Armes mög¬
lichst wenig störende Stellung resultiert.
Zuweilen entstehen im Anschluß an eine gonorrhoische Ar¬
thritis periartikuläre Phlegmonen besonders am Hand-
und Fußgelenke: Die Weich teile siud teigig geschwollen, gerötet
und bei leisester Berührung sehr druckempfindlich. Wenn diese
Erscheinungen durch eine Ruhigstellung des Gelenks und einen
feuchten Verband nicht zurückgehen oder sich flächenhafte
Abscesse entwickeln, so ist eine Incision anzuraten.
Alle nietastatischen, die pyämischen und die durch eine Ver¬
letzung entstandenen Gelenkvereiterungen erfordern fast immer
eine breite Eröffnung und Drainage mit Hilfe typischer Resektions¬
schnitte.
Beim Kniegelenke kann man anders vorgehen, wenn die
klinischen Symptome mehr subakut sind, das Allgemeinbefinden
nicht zu sehr beeinträchtigt ist und der lokale Prozeß sich all¬
mählich entwickelt hat. Dann darf der Versuch gemacht
werden, mit Hilfe einer Punktion und Ausspülung des Gelenks aus-
zukommen, was besonders bei Kindern zuweilen gelingt.
Referatenteil.
Redigiert von Oberarzt Dr. Walter Wolff, Berlin.
Sammelreferat.
Neuere Arbeiten auf dem Gebiete der inneren Medizin.
Besprochen von Dr. Reckzeh, Chefarzt des V erbandes öffentlicher Lebens-
versichernngsanstalten in Deutschland.
Die auf dem letzten Wiesbadener Kongreß für innere Medizin
von Gaupp, Goldscheider und Faust gehaltenen Referate
über Wesen und Behandlung der Schlaflosigkeit
sind nunmehr in Buchform erschienen. Sie bringen eine ausge¬
zeichnete und erschöpfende Darstellung dieses Krankheits¬
symptoms und enthalten zahlreiche, gerade für den Praktiker be¬
achtenswerte Ratschläge für die Behandlung und Bekämpfung der
Schlaflosigkeit. Namentlich auf die von großen Erfahrungen
zeugenden Ausführungen Goldscheiders möchte ich be¬
sonders himveisen, da es in der Praxis vielfach üblich ist, zu schnell
zu medikamentösen Schlafmitteln zu greifen, ohne die mannig¬
fachen mchtarzneilichen Behelfe in der Behandlung der Schlaf¬
losigkeit sich zunutze zu machen.
Eine kurze praktische Anleitung zur Erkennung
der einzelnen Formen des Kopfschmerzes bietet
eine Arbeit von L o b e d a n k. Da Kopfschmerzen zu den häufig¬
sten Klagen der beim Arzt Hilfesuchenden gehören und bei einer
großen Zahl von Krankheiten im Vordergründe der subjektiven
Symptome stehen, da sie anderseits an Vieldeutigkeit von wenigen
andern Symptomen erreicht werden, ist es eine notwendige und
dankbare Aufgabe des behandelnden Arztes, ihre Ursachen festzu¬
stellen. Wenn auch Uebersichtstafeln, wie die vorliegende, im all¬
gemeinen für den erfahrenen Arzt nicht erforderlich sind, so ist
ihre Aufstellung doch bei einem Symptom erwünscht und nützlich,
welches vielfach auf Leiden himveist, die nur dem Spezialisten ge¬
läufig sind, wie z. B. manche Augen- und Ohrenerkrankungen.
ln einer sehr fleißigen Arbeit hat Krause vergleichende
lntersuchungen über den Capillardruck an Gesunden und
Kranken der Medizinischen Klinik und Nervenklinik in Tübingen
veröffentlicht. Während zur Bestimmung der Druckverhältnisse
im arteriellen System zahlreiche Methoden vorhanden sind, finden
*ich nur sehr spärliche Untersuchungen, die sich mit den Druck¬
verhältnissen in den Capillaren befassen. Die in der Literatur vor¬
handenen Arbeiten über den Capillardruck zeigen obendrein eine
s,i hr geringe Uebereinstimmung. Die Untersuchungen des Ver¬
fassers wurden sehr vorsichtig aufgestellt. Die gewonnenen Druck-
w(rte betrugen für erwachsene Männer 80 bis 110 mm Wasser, je
nach dem Alter; die niedrigsten unter pathologischen Verhältnissen
betrugen 50 bis 60 mm Wasser, die höchsten 220 bis 240 mm. Von
besonderem klinischen Interesse ist die Bestätigung des wichtigen
Satzes, daß der Capillardruck durchaus nicht in allen Fällen
parallel verläuft mit dem Blutdrucke, sondern daß in ihrem gegen¬
seitigen Verhalten alle möglichen Variationen Vorkommen. Es
müssen also bei der Höhe des Capillardrucks noch andere Faktoren
mitspielen als der Druck in den zuführenden Arterien, w r obei
zweifellos der Druck in den zuführenden Venen und in den Ca¬
pillaren selbst gelegene Dinge eine Rolle spielen. Bezüglich der
Befunde bei den einzelnen Krankheiten muß auf das Original ver¬
wiesen werden. Sie eröffnen gewisse Ausblicke für die Brauchbar¬
keit, der Capillardruckmessung auch am Krankenbette. Besonders
charakteristisch und wichtig ist die Drucksenkung bei allen Ne¬
phritiden mit Hypertension, ferner bei der Zuckerkrankheit.
Geber die Arteriosklerose und ihre Behand¬
lung veröffentlicht Burwinkel eine Studie, in welcher er be¬
sonders eingehend die Aetiologie und die Komplikationen der
Krankheit abhandelt, wobei auch neuere Theorien Berück¬
sichtigung finden. Bei der Besprechung der Behandlung werden
die mannigfachen nichtarzneilichen Vorschriften eingehend erörtert.
lieber die Seekrankheit als eine akute, durch Traumen
bedingte Stoffwechselstörung und ihre Verhütung veröffentlicht
Sch wer dt auf Grund eigner und fremder Erfahrungen eine
lesenswerte Studie. Er will seine Meinung selbst nur als Hypo¬
these aufgefaßt wissen und gibt eine Reihe von Vorschlägen zur
Verhütung der Krankheit.
Ueber das V o r k o m in e n des e n d e rn i s c h e n
Kropfes und der Schilddrüsen Vergrößerung a in
Mittelrhein und in Nassau hat der verstorbene P a g en-
stecher sehr fleißige Untersuchungen angestellt, welche sich
würdig den klassischen Arbeiten von B i r e h e r und K o c her
aus den 80er Jahren anreihen. Er durchforschte systematisch das
ganze mittelrheinische Flachland in bezug auf familiäres und
endemisches Vorkommen von Kropf und konnte das B i r c h e r -
sehe Gesetz für einige Landkreise bestätigen, welches das Auftreten
des Kropfes in bestimmte Beziehungen zum Wasser und zur geo¬
logischen Beschaffenheit des Landes gebracht, hat, während die
ziemlich ausgedehnte Verbreitung des Kropfes auf den vulkanischen
Lagen der linken Rheinseite dazu in direktem Widerspruche steht.
Die Anzeigen und Gegenanzeigen der inter¬
nen Behandlung des Kropfes unterzieht Hagen einer
eingehenden Besprechung. Zunächst schließt er mit Recht alle
diejenigen Patienten von einer inneren Behandlung aus, bei denen
rein mechanisch durch die Kropfgeschwulst bereits mehr oder
weniger weitgehende Störungen in den Atmungswegen und im
Girculationssystem erzeugt worden sind. Hierher gehören vor
allem die unter dem Brustbein und im Brustkörbe gelegenen
Kröpfe, die ihrer Lage wegen äußerlich oft nur w-enig sichtbar
sind und daher vielfach unterschätzt werden. Was von den
mechanisch bedingten Störungen gilt, findet sinngemäß auch An¬
wendung auf die Fälle, bei denen toxische Schädigungen im Krank¬
heitsbilde vorherrschen, vor allem auf die Fälle von thyreogenem
Kropfherz. Auch hier ist die erste Forderung einer kausalen
Therapie eine möglichst rasche und sichere Entfernung der Gift¬
quelle aus dem Körper, damit der Entstehung schwerster organi¬
scher Veränderungen im Organismus vorgebeugt werden kann.
Für die Anwendung äußerer Mittel gilt in-erster Linie der Satz,
daß Kropf und Kropf nicht immer dasselbe sind. Bei der Sekret
bereitung in der Schilddrüse haben wir es mit einem überaus kom¬
plizierten Vorgänge zu tun, welcher in der Absonderung eines
schwer resorbierbaren, jodfreien, aber phosphorhaltigen Materials
und des jodhaltigen Thyreoglobulins besteht. Das älteste und be¬
kannteste Mittel in der Kropfbehandlung ist das Jod; es ist da an¬
gezeigt, wo es sich um eine zu intensive Retention von Kolloid in
den Follikeln handelt, wo aber das Drüsengewebe noch soweit er¬
halten ist, daß es unter dem Einwörken des Jods seine Funktionen
wieder in vollem Maß übernehmen kann. Die Zufuhr von Jod, oder
besser von Jodeiweißverbindungen in Form von Organpräparaten,
wird also überall da gute Erfolge zeigen, wo es sieh um die Beseiti¬
gung hypothyreotischer Zustände handelt, dagegen überall da
streng verboten sein, wo eine, wenn auch nur teilweise Mehr¬
leistung des Organs besteht. In jüngster Zeit ist neben der Jod-
behandlung auch die Röntgenbehandlung der Bekämpfung des
Kropfes nutzbar gemacht worden. Sie hat sich höchstens auf die
parenchymatösen Strumen zu erstrecken und ist wegen der engen
Beziehungen der Schilddrüse zu den Generationsorganen oft be¬
denklich. Man hat auch Organpräparate von solchen Drüsen zur
Behandlung des Kropfes verwendet, welche mit der Schilddrüse in
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Original frnm
UNIVERSUM OF IOWA
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8.
21. Februar.
fördernder oder hemmender chemischer Korrelation stehen. Immer
ist eine innere Behandlung’ von Kropf nur unter ständiger exakter
Kontrolle des Blutbildes durchzuftihren.
Determann bespricht in einer kritischen Studie die
vegetarische und fleischarme Ernährung. Während
seine stoffwechselphysiologischen Betrachtungen von mehr theo¬
retischem Interesse sind, möchte ich auf die Besprechung der
vegetarischen und fleischarmen Ernährung in einzelnen Krankheits¬
fällen besonders hinw r eisen. Sie enthält mannigfache Ratschläge
für die praktische Tätigkeit am Krankenbett.
Unter den Medikamenten zur Behandlung von Herzstörungen
nimmt sicherlich Digitalis eine führende Rolle ein und unter den
Ersatzmitteln der Digitalis das D i g a 1 e n. Zahlreiche Kliniker,
deren Arbeiten Eisenheimer einer sorgfältigen Kritik unter¬
zieht, haben bei Kreislaufstörungen mannigfache Herzmittel mit
dem Digalen verglichen. Aus ihren Resultaten interessiert in
erster Linie, daß bei Typhus und Lungenentzündung nach
Digalen Besserung eintritt, daß hingegen bei Tuberkulose Digalen
hinter Campher und Coffein rangiert. Digalen erhöht vor allem
das Sekundenvolumen und damit die in der Zeiteinheit den Ge¬
samtquerschnitt durchfließende Blutmenge, dagegen spielt der
Blutdruck eine untergeordnete Rolle, weil trotz der Herzschwäche
die Gefäßnerven regulierend den normalen Arteriendruck bewerk¬
stelligen können.
Hugo Schulz liefert in einer Arbeit über die Behand¬
lung der Diphtherie mit Cyanquecksilber eine be¬
merkenswerte Studie zur Diphtheriebehandlung, über deren Einzel¬
heiten im Original nachgelesen werden muß. Er kommt zu dem
Schlüsse, daß jeder Arzt im Cyanquecksilber ein durchgeprüftes
Mittel zur Hand hat für die Fälle, wo entweder die Anwendung
des Heilserums von vornherein als aussichtslos angesehen werden
muß, oder wo aus irgendwelchen Gründen die Serumeinspritzungen
verweigert werden.
Den gegenwärtigen Stand der Bienenstichbehand¬
lung d e s Rheumatismus bespricht K e i t e r. Das Bienen¬
gift ist ein bakterienfreies Sekret, dessen wirksames Prinzip eine
organische Base sein soll, welche durch die Ameisensäure in
Lösung gehalten wird und durch ihre chemischen Eigenschaften
den Alkaloiden nahesteht, lieber die Auswahl der Fälle und die
Technik der Behandlung muß auf das Original verwiesen werden.
Zum Schlüsse möchte ich noch eine beachtenswerte Arbeit
von Bleuler erwähnen, welche sich mit der Notwendigkeit eines
medizinisch - psychologischen Unterrichts be¬
faßt. Eine große Anzahl von Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen
auf dem Gebiete der inneren Medizin ist fraglos auf den Mangel an
Kenntnissen in der Psychologie zurückzuführen. Nicht nur für die
Tätigkeit des Arztes am Krankenbette, sondern auch für seine
Arbeit im öffentlichen Leben ist eine Kenntnis der psychologischen
Zusammenhänge im Leben von großer Bedeutung.
Literatur: R. Gaupp, A. Goldscheider und E. Faust, Ueber Wesen und
Behandlung der Schlaflosigkeit. Wiesbaden 1914, J. F. Bergmann. 112 S.
M 2,80. Lobedank, Kurze praktische Anleitung zur Erkennung aller Formen
des Kopfschmerzes. Würzburg 1914, Kurt Kabitzsch. 70 S. M 2, —.
H. Krause, Per Kapillardruck. Mit 4 Figuren im Text. Leipzig 1914, J. A. Barth.
(k> S. M 2,25. — 0. Burwinkel, Ueber Arteriosklerose und ihre Behandlung.
Zweite neubearbeitete Auflage. München 1914. Verlag der „Aerztliehen
Rundschau- 1 , Otto Gmelin. 44 S. M 1,20. — C. Schwerdt, Die Seekrankheit.
Eine akute, durch Traumen bedingte Stoffweehselstörung und ihre Verhütung.
Jena 1914, Gustav Fischer. 24 S. M 0,60. Ernst Pagenstecher, Ueber das
Vorkommen des endemischen Kropfes und der Schilddrüsenvergrößerung am
Mittelrhein und in Nassau. Mjt 3 Tafeln. Wiesbaden 1914, J. F. Bergmann.
29 S. M 4.—. — W. Hagen, Anzeichen und Gegenanzeichen der internen
Behandlung des Kropfes. Würzburg 1913, Kurt Kabitzsch. 24 S. M 0.85. —
H. Determann, Die vegetarische und fleischarme Ernährung. Halle a. S. 1914.
73 S. M 2,—. — A. Eisenheimer, Digalen. Würzburg 1913, Kurt Kabitzsch.
65 S. M 0,85. — H. Schulz, Die Behandlung der Diphtherie mit Cyanqueck¬
silber. Berlin 1914. Julius Springer. 80 S. M 2.40. A. Kelter, Rheumatis¬
mus und Bienenstichbehandlung. Mit einem Beitrage von Dr. Philipp Terc.
Wien und Leipzig 1914, Franz Deutieke. 87 S. M 1,50. — Bleuler, Die Not¬
wendigkeit eines medizinisch-psychologischen Unterrichts. Leipzig 1914, J. A.
Barth. 25 S. M 0,75.
Neuere Arbeiten aus dem Gebiete der versioherungsrechtlichen
Medizin
von Dr. L. Bürger, Berlin.
A. Allgemeines.
Ledderhose |Straßburg (1)] besprach in der Sitzung der
Freien Vereinigung der in Baden und Elsaß-Lothringen tätigen be¬
rufsgenossenschaftlichen Verwaltungen die Uebernahme des
Heilverfahrens durch die Berufsgenossen¬
schaften während d e r Wartezeit. L e d d e r h ose
glaubt, daß ein Drittel aller Unfallfolgen auf Kosten ungeeigneter
ärztlicher Behandlung zu setzen sei und meint, daß mangelhafte
aseptische Okklusion, speziell bei komplizierten Knochenbrüchen
— er empfiehlt sehr die Verbandpäckchen —-, das schädliche Aus¬
spülen von Wunden, zu lange Fixation verletzte? Glieder, unge¬
nügende Einrenkung bei Radiusfrakturen, mangelhafte Streckver¬
bände, speziell bei Oberschenkelbrüchen, zu späte und unge¬
nügende Operationen bei entzündlichen Prozessen an Hand und
Fingern, zu konservative Behandlung oft die Ursache der
schlechten Erfolge sind. Wie die Berufsgenossenschaften und viele
Unfallärzte empfiehlt auch Ledderhose die Ueberweisung
möglichst vieler Unfallverletzter unmittelbar nach dem Unfall in
die Krankenhäuser, was sich nach des Referenten Ansicht aber nur
in den Krankenhäusern als zweckmäßig erw T eist, wo die Behand¬
lung nicht vorwiegend in den Händen unerfahrener Assistenten
liegt, und da nur nötig ist, wo an die Behandlung ganz besonders
hohe Anforderungen gestellt werden. In Krankenhäuser ge¬
hören stets ernstere komplizierte Knochenbrüche sowohl des
Schädels als der Extremitäten einschließlich der Finger, ferner
Verletzungen der inneren Organe, der Sehnen und der Nerven-
stämme, tiefgreifende Verbrennungen, progrediente infektiöse Pro¬
zesse an Hand und Fingern, sowie Augenverletzungen, ferner
möglichst Frakturen des Oberschenkelschafts, der Kniescheibe,
stark dislozierte Unterschenkel- und Knöchelbrtiche. Ein großer
Teil dieser Leute dürfte aber wegen Gefahr der Fettembolie, der
Herzschwäche nach des Referenten Ansicht im Anfänge gar nicht
transportfähig sein.
Operationszwang.
Eichbaum, Gerichtsassessor und Syndikus der „Wil-
helma“ in Magdeburg (2), behandelt den für Versicherungsgesell¬
schaften und Berufsgenossenschaften gleich wichtigen Opera¬
tionszwang. Soll die Verweigerung der Operation dem Ver¬
letzten zum Verschulden angerechnet werden, so müssen nach dem
Urteile des Reichsgerichts vom 30. Mai 1913, abgedruckt in der
Juristischen Wochenschrift 1913, S. 975 f., Nr. 2, folgende vier
Voraussetzungen gegeben sein: 1. Die Operation muß, soweit nicht
unvorhergesehene Umstände eine Gefahr bedingen, gefahrlos sein
und muß ohne Chloroformnarkose vorgenommen werden. 2. Die
Operation darf nicht mit nennenswerten Schmerzen verknüpft sein.
3. Die Operation muß beträchtliche Besserung der Leistungsfähig¬
keit des Verletzten mit Sicherheit erwarten lassen. 4. Die Haft¬
pflichtige muß entweder die Operation auf ihre Kosten veranlassen
oder dem Verletzten zur selbständigen Veranlassung die Kosten
vorschießen. Eichbaum glaubt nun, diese Grundsätze des
Reichsgerichts bezögen sich nur auf Operationen, die nach Heilung
zwecks weiterer Hebung der Erwerbsfähigkeit oder zu kosmeti¬
schen Zwecken in Frage kämen, eine Ansicht, die der Referent
nicht teilen kann.
Unfallbegutachtung bei Frauen.
B e n d a (3) macht einige Vorschläge zur Unfallversiche¬
rungspraxis, die ihm geeignet erscheinen, manchen Unfallfolgen
eine gerechtere Bewertung zuteil werden zu lassen als bisher. Un-
fallfolgen bei der Frau will er höher bewerten als heim Manne, den
Mittelfinger der Frau mindestens eben so hoch wie den Zeigefinger.
(In dieser allgemeinen Fassung wird man Benda aber nicht zu-
stimmen können. Ref.) Durch ästhetische Einbußen, Verstüm¬
melungen, Haardefekte, wird das Weib nach Verfassers Ansicht
mehr geschädigt als der Mann. Vor der Rentenfestsetzung bei
Frauen rät Benda, eine bewährte Frau aus dem Volke als Sach¬
verständige zu hören. — Die Ansicht B e n d a s, daß durch den
Verlust der rechten Hand eine Erwerbsbeschränkung von 100
bedingt werde, wird wohl von niemand geteilt. Berechtigt ist die
Forderung, die Renten in bestimmten Zeitabschnitten den Lolm-
verhältnissen entsprechend zu erhöhen, während eine Erhöhung
der Rente Jugendlicher, die Benda ebenfalls fordert, schon heute
stattfindet. Bei Unfallneurosen empfiehlt Benda die Kapital¬
abfindung.
Spezielles.
II. Wundinfektionskrankheiten.
Horn [Bonn (4)] berichtet über einen Fall von Lyssa
als entschädigungspflichtige Unfallfolge aus
dem Krankenhause der Barmherzigen Brüder in Bonn (Geheimrat
Prof. Dr. Rumpf). K., 66 Jahre alt, Hundefänger der Stadt N.,
am 12. Januar 1910 beim Anketten eines eingefangenen tollwut¬
verdächtigen Hundes in beide Vorderarme sowie ins linke Bein
gebissen. Am 14. Januar erste Schutzimpfung im Institut Robert
Koch. Im ganzen 20 Einspritzungen. Am 13. Tage nach dem
t — Go gle —
Original frn-m
UMIVERSITY OF IOWA
21. Februar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8.
225
Bisse, nach der zwölften Spritze, Zusammenbrechen auf der
Straße. Am 17. Tage schlaffe Lähmung und Hypästhesie der Beine.
Fehlen der Kniereflexe, Herabsetzung der groben Kraft der Beine
sowie Gefühlsherabsetzung an den Armen. Am 18. Tage Zunahme
der Beinlähmung, schlechter Schlaf, Tiersehen, Schmerzen in
beiden Armen. Am 15. Februar doppelseitige Faeialislähmung.
Am 8. Februar Verstärkung der Beinlähmung. Am 10. Februar
Schmerzen im Ischiadicusgebiet, am 12. Februar Mastdarmläh-
mung. am 13. Februar Blasenlälunung, beide Beine total gelähmt.
Zustand bis zum 5. März annähernd unverändert. Von da an
Rückbildung der Lähmungserscheinungen. Am 24. März Ent¬
lassung aus dem Krankenhause. Kniereflexe zurückgekehrt. K.
imstande, ohne fremde Hilfe zu stehen und zu gehen, Facialis-
lahmung geringen Grads, Ectropium der Unterlider. Diaguose von
Prof. K. „Abgeschwächte und geheilte Tollwut“. Schadenersatz¬
klage gegen die Stadt N. abgewiesen, gegen den Hundebesitzer für
gerechtfertigt- erklärt. Gerichtsarzt Dr. H. konnte am 27. Juni
UHl Folgen der Lyssa nicht feststellen, Augenarzt Dr. F. fand
am 24. Juli 1911 Ectropium beider Unterlider und schätzte die Er-
weibsbeschränkung auf 25 bis 30°/,,- Horn fand am 11. August
1913 hochgradige Arteriosklerose, rechts Ectropium des Unter¬
lids, links Eversio des Tränenpunkts, Händezittern, starke Her¬
absetzung der galvanischen Erregbarkeit des Nervus peroneus,
geringe des Nervus ulnaris. Keine E. A. K. Bei faradischer
Reizung leicht eintretende fibrilläre Zuckungen in der Ober-
schenkelmuskulatur, leichte Ungleichheit der Pupillen (Oculo-
motorius). Horn nahm eine abortive Lyssa an von teils spinalem,
teils cerebralem Typ (F. K o c h), da bei dem Hunde Tollwut fest¬
gestellt wurde und die Inkubation eben noch unterhalb der unteren
Grenze für Lyssa lag (13 Tage). Die durch die Lyssafolgen (Ver¬
änderung der galvanischen Erregbarkeit von Arm- und Bein¬
nerven, leichte Parese der Mundfacialis, Ectropium, Ungleichheit
der Pupillen) bedingte Erwerbsbeschränkung schätzte Horn in
den ersten Monaten nach der Entlassung aus dem Institut Robert
Koch auf 30 bis 40°/ 0 (nach Ansicht des Referenten sehr niedrig),
später auf 20 ( '/ 0 .
Knochensyphilis und Unfall.
Engel (5) berichtet über einen Fall von Knochensyphilis
und Unfall. — Ein 54jähriger Böttcher S. erlitt am 15. März 1909
infolge Ausrutschens einen doppelten linksseitigen Knöchelbruch.
Nach sechs Wochen fieberhafte Schwellung im rechten Beine mit
Erguß im rechten Knie. Am 22. Juni 1909 war S. hochgradig
abgemagert und elend, ebenso am 13. August 1909. Am 14. Ja¬
nuar 1910 faud sich außer dem rechtsseitigen Kniegelenkleiden
eine Auftieibung auf der Mitte des Brustbeins und eine Bewe¬
gung.* hosehränkung des linken Schultergelenks. Am 17. Februar
1914 Exitus. Die Sektion ergab syphilitische Veränderungen an
Scheitel- und Stirnbein, Anfangsteil der Aorta, Brüchigkeit der
Röhrenknochen und der Rippen sowie syphilitischen Knochenfraß
der Gelenkenden. — Ein Zusammenhang zwischen Unfall und Tod
mi Siechtum wurde vom Obduzenten Prof. S t r a u c h und von
Engel abgelehnt. (Auf die Möglichkeit einer Verschlimmerung
der Syphilis durch den Unfall wird nicht eingegangen. Ref.)
Auge.
0. Stilrlp (6), Augenarzt (Mülheim), behandelt die für den
Gutachter so wichtige Frage: Läßt sich Gewöhnung a n
Kinäugigkeit und an Herabsetzung der cen¬
tralen Sehschärfe mittels der Prüfung des
Tiefen Schätzungsvermögens (T. V.) am Stereo-
s k o p t o m e t e r n a c h w e i s e n ? Die Beantw ortung der
Krage: Ist hinoculares T. V. sicher vorhanden durch die Stereo-
skoptonietrie? erscheint S t ü r 1 p noch recht unsicher, und noch
unsicherer die Beantwortung der Frage: Von welcher Güte ist
das angeblich ..hinoculare“ T. V.‘? Und entschieden zu weitgehend
*ind nach Verfassers Ansicht die Schlußfolgerungen zur
Neddens, insbesondere die, daß alle einseitigen Sehstörungen
— selbst bis zu 1 / 40 herab —, die das hinoculare T. V., am Stereo-
skoptojueter geprüft, nicht herabsetzen, keiner Rente bedürfen.
Gehör.
8 t eng er (Königsberg (7)| bespricht die Saehverständigen-
" gutuchtung von Kopfverletzungen. — Die durch Bar ä n y aus-
gebauten Untersuehungsmethoden haben in einwandfreier Weise
gezeigt, daß für jede einzelne Begutachtung von Kopfverletzungen
unbedingt eine sachgemäße Untersuchung des Gehörorgans vor-
nommeii werden muß. Selbst schwere Schädigungen des Laby¬
rinths werden häufig übersehen. So wurde bei der Begutach-
,,m g eine« mit dem Automobil verunglückten Herrn hochgradige
Schwerhörigkeit auf dem linken und beginnende auf dem rechten
Ohre nicht bemerkt und bei einem bei einem Eisenbahnunfall ver¬
letzten Rangierer völlige Taubheit des linken Ohres mit deutlich
wahrnehmbaren vernarbten Fissuren des äußeren knöchernen Ge¬
hörgangs außer acht gelassen. Bei Kopfverletzungen kommt es
weniger auf die Schwere des Sturzes, als darauf an, w r ie das
Knochenmassiv des Kopfskeletts und insbesondere die Schädel¬
basis durch den mechanischen Stoß getroffen wird.
Aneurysma und Unfall.
Köhler (8) behandelt das Kapitel; Aneurysma der
Arteria poplitea und Unfall. — Arbeiter W., 60 Jahre,
am 7. Oktober aus 1 m Höhe abgestürzt, angeblich linkes Knie
und linke Brust verletzt. Da in der Unfallanzeige von einer Knie¬
verletzung nichts stand, beide behandelnde Aerzte nur Brust-
respektive Rippenquetschung auf dem Krankenschein angaben,
der zweite Arzt erst vier Wochen nach dem Unfälle neben Rippen¬
quetschung noch „Anschwellung am linken Knie“ erwähnt, da
ferner Aneurysmen bei Potatoren wie W. sehr häufig sind, spon¬
tane Aneurysmen der Arteria poplitea nach denen der Achsel¬
höhlen- und Armschlagader am häufigsten sind und das Aneu¬
rysma am 13. September 1913, also elf Monate nach dem Unfälle,
schon hühnereigroß war, so verneint Köhler den Zusammen¬
hang zwischen Unfall und Aneurysma der Kniekehlenschlagader.
Traumatische Hodentuberkulose.
Mohr (9) berichtet über Spontanheilung einer durch Quet¬
schung entstandenen, sehr wahrscheinlich tuberkulösen Er¬
krankung des Hodens bei einem 36jährigen Manne mit alter ab-
golieilter Rippentuberkulose.
S y r i n g o m y e 1 i e.
K o e h I e r (10) berichtet über einen Fall von Syringomyelie.
Arbeiter Karl D„ im Januar 1913 Verätzung beider Hände bei
vier Tage dauerndem Füllen von elektrischen Batterien. Nach
sechs Wochen wieder arbeitsfähig — 14 Tage gearbeitet —, dann
wieder krank; von Nervenarzt Diagnose Syringomyelie gestellt:
Schwäch# der Hände, Schwund der Interossei, Gefühl für kalt und
warm an den Händen aufgehoben, für spitz und stumpf herab¬
gesetzt, ebenso, aber weniger deutlich, Störung an den Beinen.
Zusammenhang oder Verschlimmerung des Leidens durch den Un¬
fall abgelehnt. Referent, der den Fall in seiner Poliklinik in dem¬
selben Sinne begutachtet hat, möchte noch bemerken, «laß andere
Arbeiter durch dieselbe Tätigkeit nicht geschädigt wurden.
Ncr v e n s c h w ä c h e.
S c h u b a r t h (1), Stadtarzt in Dresden, beschäftigt sich mit
der Diagnose „Nervenschwäche“ in ärztlichen Zeugnissen. Im all-
gtmeinen will Schubarth Nervcngcsundlieit dann annehmen,
wenn die subjektiven Beschwerden und die festgestellten Sym¬
ptome natürliche Reaktionen auf äußere Umstände darstellen, wo¬
bei der Stärke dieser Reaktionen nicht zu enge individuelle
Schwankungen einzuräumen sind. Dagegen will er sich für die
Diagnose Nervenschwäche nur dann entscheiden, wenn Beschwer¬
den und Symptome unnatürliche oder außerordentlich starke
Reaktionen auf äußere Umstände darstellen und offenbar eine
Veränderung der gesamten Persönlichkeit bewirkt haben. Wenn
die Diagnose per exelnsionem gestellt wird, so soll ans dem Zeug¬
nisse hervorgehen, daß die Nervenschwäche objektiv nicht fest¬
gestellt werden könne, daß sie aber wahrscheinlich erscheine, w^eil
die Angaben des Untersuchten glaubhaft erscheinen und dessen
vorgebrachte Beschwerden weder nachweisbar auf organischen
Krankheiten beruhten, noch auch anders als durch funktionelle,
nervöse Störungen erklärt werden könnten.
Gerichtsassessor H e 11 w i g [Berlin-Friedenau (12)) bespricht
die schädliche Suggestivkraft kinematographischer Vorführungen.
Einem 16jährigen Malerlehrlinge B., der zwei Tage vorher in
einem Kinematograplienthcater ein Feuer gesehen hatte, kam hei
der Arbeit plötzlich der Gedanke, das Heu auf dem Boden seines
Meisters anzuzünden, ein Gedanke, den er eine Stunde später be
reits in die Tat umsetzte. Der Sachverständige sah einen epilep¬
tischen Anfall, den B. in der Einzelhaft bekam, als simuliert an.
was der Täter auch zugab. Den psychologischen Vorgang nahm
er als strafmildernd an. Beim Borbecker Knabenmorde hatte der
16jährige gesunde Dienstknecht in den Tagen vor der Tat in
mancher Hinsicht ähnliche Mordtaten im Kinotheater gesehen,
sodaß der Untersuchungsrichter und das Schwurgericht einen ge¬
wissen suggestiven Einfluß der Vorstellung auf die Tat — Nieder¬
steehen des mit ihm auf dem Heuboden befindlichen kleinen
Knaben seines Dienstherrn — annahmen. Hellwig zitiert so-
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8.
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dann die Arbeit Prof. d’Abundos, der bei Neurasthenikern
nach Besuch von Kinematographen oft Schlaflosigkeit, bei
Hysterischen ängstliche Halluzinationen nachts und am Tage,
Schlaflosigkeit, Kopfschmerz, Abmagerung, bei bis dahin ge¬
sunden Kindern nächtliche Angtszustände, Gesichtshalluzinationen
und Illusionen beobachtete.
Literatur: 1. Ledderhose, AerztL Sachverst Ztg. 1914, S. 5. — 2. Eich¬
baum, Aerztl Sachverst Ztg. 1914, S. 33. — 3. Benda, Mschr. f. Unfallhlk. 1914,
S. 1. — 4. Horn, Aerztl. Sachverst Ztg. 1914, S. 25. — 5. Engel, Mschr. f. Un¬
fallhlk. 1914, S. 5. — 6. Stfirlp, Aerztl. Sachverst Ztg. 1914, S. 8. — 7. Stetiger,
Aerztl. Sachverst. Ztg. 1914, S. 113. — 8. Köhler, Aerztl. Sachverst Ztg. 1914,
S. 99. — 9. Mohr, Mschr. f. Unfallhlk. 1914, S. 10. — 10. Koehler, Aerztl Sach¬
verst Ztg. 1914, S. 93. — 11. Schubarth, AerztL Sachverst Ztg. 1914, S. 74. —
12. Hellwlg, Aerztl Sachverst Ztg. 1914, S. 119.
Ans den neuesten Zeitschriften.
Berliner klinische Wochenschrift 1915 , Nr 6.
von Behring: Mein Tetanusimmunserum. Nachdem auf Ver¬
anlassung der Medizinalabteilung des Kriegsministeriums die Behring¬
werke Marburg-Bremen ihren Tetanusantitoxinproduktionsbetrieb ver¬
größert haben, stehen monatlich jetzt aus Marburg mindestens 1200000 A.-E.
zur Verfügung, das heißt 60 000 Schufczdosen von der bei uns üblichen
Stärke & 20 A.-E. Nimmt man die Produktion der Höchster Farbwerke
hinzu, dann kann man mit etwa 100 000 Schutzdosen monatlich rechnen,
wodurch voraussichtlich der Bedarf für unser deutsches Kriegsheer ge¬
deckt werden könnte. So lange, als wir viele Fälle von schon aus¬
gebrochenem Tetanus serumtherapeutisch zu behandeln haben, verringern
sich diese Zahlen ganz beträchtlich, da durchschnittlich für jeden Tetanus-
fall 300 A.-E. verbraucht werden. Das von Behringsche Tetanusanti¬
toxin ist ein gutes Immunisierungsmittel. In einem Festungslazarett im
Westen wurde von einem bestimmten Tag ab bei sämtlichen, in großer
Anzahl täglich zugehenden Verwundeten eine vorbeugende Impfung
(20 A.-E.) vorgenommen. Seitdem ist kein Geimpfter mehr erkrankt,
obgleich sich unter den 1195 seit dem genannten Tage zugegangenen
Mannschaften sehr viele, zum großen Teil sehr schwer Verwundete be¬
fanden. Die von Behringschen „Immunrera“ sind nicht bloß zur prä¬
ventiven, sondern auch zur kurativen Therapie verwendbar. Das Tetanus-
immunserum ist auch ein ausgezeichnetes Mittel zur Blutmengebestim¬
mung beim lebenden Menschen. Unangenehme Nebenwirkungen der intra¬
venösen Antitoxininjektion wurden bei keinem unserer 49 Fälle gesehen.
Eine Absorptionswirkung der Blutkörperchen auf das Tetanusantitoxin
ließ sich experimentell nicht konstatieren. Bei zahlreichen vergleichen¬
den Blutmengebestimmungen fand von Behring nach seiner Antitoxin¬
methode, daß bei jungen Individuen die relative Blutmenge, das heißt
die im Verhältnis zum Körpergewichte berechnete Blutmenge, stets
größer ist als bei alten Individuen derselben Art. Bei verschiedenen
Krankhoitszuständen fanden sich Abweichungen vom normalen Verhalten.
Ritter: Zur Prophylaxe des Tetanus. Eindeutige Erfolge vom
Tetanusantitoxin hat der Verfasser nicht gesehen. Sämtliche Verletzten
sollen aber prophylaktisch mit dem neuen Tetanusserum sofort geimpft
werden. Die Hauptsache bei der Prophylaxe des Tetanus ist die primäre
Behandlung der Wunde. Mit dem aseptischen Verband erzielen wir eine
Heilung unter dem Blutschorf, ohne daß es uns gelingt, irgendwie auf
die eventuellen Giftstoffe einzuwirken, geschweige denn sie zu entfernen.
Mit verschiedenen Mitteln gelingt es, eine Wimde keimfrei beziehungs¬
weise keimarm zu machen. Das eine besteht darin, daß die Wundränder
in einem Umkreise von 1 cm innerhalb der ersten sechs bis zwölf Stunden
nach der Verletzung excidiert werden. Die zweite Methode ist die
Hyperämiebehandlung nach Bier. Durch Anwendung balsamischer Mittel
beim ersten Verband kann vielleicht'drittens dem Verbleiben der In¬
fektionserreger in der Wunde entgegengearbeitet werden. Der Vorteil
dieser dritten Methode liegt in der Ubiquität ihrer Anwendungsmöglich¬
keit. Sie erfordert keinen großen Zeitaufwand, läßt sich bei allen Wunden
durchführen und ist an Ort und Art der Krankenversorgung nicht ge¬
bunden.
Hammesfahr: Ueber eine neue Methode der intermittieren¬
den elektrischen oder mechanischen Reizung von Organen und
Nerven im chronischen Versuche bei sonst normalem Versuchstiere.
Die Methode gestattet es, tiefliegende Organe und Nerven bei völligem
Wohlbefinden des Versuchstiers beliebig oft zu reizen, sodaß die Ver¬
suche Wochen und Monate fortgesetzt werden können. Ihr Prinzip
beruht darauf, daß in nicht homogenen Körpern der elektrische Strom
diejenige Bahn verfolgt, welche den geringsten Leitungswiderstand bietet.
Betreffs der Einzelheiten der Anwendung muß auf das Original ver¬
wiesen werden.
Weil (Breslau): Ueber die Bedeutung des Cholestearins für die
Entstehung der Riesenzellengeschwülste der Sehnen and Ge¬
lenke. Xanthomzellen sind cholestearinbeladene Zellen, wahrscheinlich
phagocytärer Natur, die ihrem Inhalt ihre Besonderheiten verdanken.
Sie kommen als Grundlage des Prozesses vor in allen Xanthomen, mit
einer großen Konstanz in den Riesenzellcnsarkomen der Sehnenscheiden
seltener und unregelmäßig in andern Tumoren und zuweilen in ulten
Entzündungsherden, bei Aktinomyko.se. in allen Empyemen des Wurm¬
fortsatzes, in Pyosalpinxsäcken usw. Es sind hier zwei Gruppen sn
unterscheiden, eine solche, bei der die Xanthomzellen ihren Ursprung
einem Prozeß verdanken, der den Gesamtorganismus betrifft, und eine
zweite Gruppe, bei der sie durch lokale Veränderungen bedingt sind.
Die Xauthomzellen in den Riesenzellengeschwülsten haben dieselbe
Aetiologie wie die der Hautxanthome; sie gehen au! eine Allgemein-
störung des Cholestearinstoffwechsels zurück.
Aron (Berlin): Zur Frage der künstlichen Atmung. An den
Arzt wird nicht gerade selten die dringende Aufgabe gestellt, künstliche
Atmung bei allerlei Unglücksfällen und sonstigen Erkrankungen einzu-
leiten und oft für lange Zeit zu unterhalten. Wenn man die Druck¬
verhältnisse bei Kompressionen des Brustkorbs und des Bauches prüft,
so sieht man, daß eine manuelle Bauchkompression viel intensiver die
Atmung des Tiers (die Exspiration) zu beeinflussen in der Lage ist, als
eine solche des Brustkorbs. Die künstliche Atmung wird am besten
folgendermaßen ausgeführt: Die künstliche Inspiration wird nach Sil¬
vester-Brosch zustande gebracht, dann aber soll man, um eine mög¬
lichst effektvolle, künstliche Exspiration zu erzielen, die Arme des Pa¬
tienten nach unten führen und nun nicht auf den Processus xiphoideus
drücken, sondern auf den Bauch des Kranken selbst.
Mayer (Berlin): Sedobrol in der neurologischen Praxis. Eine
ausgedehnte Anwendung des Sedobrols bei mannigfachen nervösen Stö¬
rungen zeigte die Vorzüge des Mittels in der neurologischen Praxis. Es
wirkte in Fällen von Schlaflosigkeit, welche durch Neurasthenie oder
Arteriosklerose bedingt war, Uebererregbarkeit, Herzklopfen, Zwangs¬
vorstellungen, leichteren Depressions- und hypochondrischen Zuständen,
Fällen von quälendem hysterischen Globusgefühle, sowie bei Schwindel
auf neurasthenischer und arteriosklerotischer Grundlage.
Reckzeh (Berlin).
Deutsche medizinische Wochenschrift 191S % Nr. 6.
M&x Schottelius (Freiburg LB.): Photrol, Grotan und Sa-
grotan. Prüft man die Desinfektionskraft eines Mittels dem Sputum
gegenüber unter natürlichen Bedingungen, indem man den Kranken
den Auswurf über Nacht in die Desinfektionsflüssigkeit entleeren läßt,
die Sputumgläser morgens dann auswechselt und nun feststellt, ob die in
dem Sputumgemisch enthaltenen Tuberkelbacillen noch infektiös sind oder
nicht, so findet man, daß Grotan und Sagrotan Desinfektionsmittel sind,
die sich durch Ungiftigkeit, fast völlige Geruchlosigkeit und kräftige
Wirksamkeit gegenüber allen übrigen derartigen Mitteln auszeichneu.
Karl Kisskalt (Königsberg i. Pr.): RI© Bekämpfung der Läuse*
plage. Man muß unterscheiden zwischen der Widerstandsfähigkeit der
Läuse (Kleiderläuse) und der Nissen. Die Bekämpfungsmethoden zerfallen
in drei Kategorien: 1. Methoden, die anwendbar sind, wenn alle Hilfs¬
mittel zur Verfügung stehen: Baden; Desinfektion der Kleider im Dampf-
apparat (Läuse und Nissen sind nach 5 Minuten abgotötet). Oder Auf¬
hängen in einen Kasten, in dem sich Schwefelkohlenstoff befindet (Lause
sind schon nach kurzer Zeit, Nissen nach 24 Stunden tot). Auch Ver¬
brennen von Schwefel wird sehr gelobt. Ferner tötet 5%igo Kresol-
seifenlösung die Läuse schnell. 2. Methoden, die überall, in jedem Dorf,
anwendbar sind, wenn sich die Mannschaften auskieiden können: Man
bringe die Kleider in einen Backofen; trockne Hitze von 70° tötet Läuse
und Nissen nach 10 Minuten. Da die Nissen meist in den Nähten sitzen,
ziehe man diese über eine Kerze; die Nissen fallen dann meist sofort
ab. 3. Methoden, die auch ohne Auskleiden anwendbar sind. Als
sicherstes Mittel gilt seidene Unterwäsche (ob die Läuse den Geruch
scheuen oder sich an dem Stoffe nicht festklammern können, ist noch un¬
sicher. Mau könnte daher daran denken, alte seidene Blusen zu ver¬
arbeiten). Ferner werden empfohlen: 5 % ige Naphthalin-Vaselinsalbe,
Waschen der Haut mit Benzin, Anisöl oder Fenchelöl, 5 bis 10°/oig in
andern Oelen. Einstweilen scheinen die besten Methoden: Entlausung im
Backofen und über der Kerze, und wohl auch seidene Unterwäsche.
Erich Hesse: Die Hygiene Im Felde. Ist Schlachtvieh zu be¬
kommen, so wird es durch die bei jedem Truppenteil vorhandenen Fleischer
sachgemäß geschlachtet und zerlegt. Es genügt eine makroskopische Be¬
gutachtung durch eineu Sanitäts- oder Veterinäroffizier. Wegen etwaiger
Trichinen und Finnen darf aber das Fleisch nur im gut gekochten Zu¬
stande genossen werden. Eine Schwierigkeit besteht zwar darin, daß es
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fc- frnm möglich ist, altschlachtenes Fleisch an bekommen, sondern daß
meist zwischen Schlachten und Genuß nur ein Zeitraum von wenigen
Stunden besteht, daß das Fleisch zur Zeit der eingetretenen Totenstarre
gekocht wird. Da aber unsere Armee last vollständig mit Küchenwagen
(„Goulaschkanone“) ausgerüstet ist, kann man auch im Felde unter er¬
höhtem Druck und somit bei höherer Temperatur kochen, wodurch auch
das frischgeschlachtete Fleisch eine durchaus genügende Zartheit erlangt.
Eingehender wird auch die Unterkunft der Soldaten im Felde besprochen
(Quartier in: Wohnungen, Biwak, das heißt Zelte, und Schützengräben).
Hillgewiesen wird auf die bakteriologischen und serologischen Unter¬
suchungen, unter andern zur Diagnose von Ruhr und Typhus. Auch der
Untersuchung von Nahrungs- und Genußmitteln wird kurz gedacht. Zum
Schlüsse wird die Schutzimpfung erwähnt (Schutzpockenimpfung, Schutz¬
impfungen gegen Typhus und Ruhr).
H. Töpfer: Richtlinien für die Notwendigkeit des Eingriffs bei
Bauchschüssen. Ausführliche Begründung des Standpunkts, daß man die
abwartende Behandlung der Bauchschüsse verlassen müsse. Aeußere Verhält¬
nisse, wie Raum, Zeit, Asepsis, dürfen nicht bestimmend sein für den Ein¬
griff. Entscheidend ist allein die Art der Verletzung und die Frage, ob der
Allgemeinzustaud des Verwundeten eine Operation erlaubt und vor allem
die Herztätigkeit noch gut ist. Auf die Bedeutung der Früh Operation
müssen die Truppenärzte hingewiesen werden. Sie müssen dafür sorgen,
daß Bauchschüsse so schnell wie möglich im Auto (!) zum Hauptverband¬
platz oder in das nächste Feldlazarett geschafft werden.
Rnpp: Zur Klinik und Diagnose des mesenteriellen Gefäßver¬
schlusses. Die Ursache des Gefäßverschlusses in dem eingehend be¬
schriebenen, obduzierten Falle war eine primäre arterielle Embolie der
Arteria meseraica superior, ausgehend von einem Thrombus im linken
Herzohr, mit folgender Thrombose der Vena meseraica superior, erst im
Wurzelgebiet, dann fortgeleitet durch «die größeren Mesenterialvenen bis
nahe an die Pfortader.
J. Schwalbe: Kriegsernfthrong. Zusammenfassende Uebersicht
der Grundsätze der Kriegsemährung unter Wiedergabe einiger der be¬
kannten, in letzter Zeit erschienenen Merkblätter.
W. Hanauer (Frankfurt a. M.): Die Nutzbarmachung der Küchen-
abi&Ue für die Yolksemährung. Werden die Abfälle ohne weitere
Verarbeitung zur Fütterung namentlich der Schweine benutzt, so ent¬
stehen häufig Seuchen, und auch die Gewichtszunahme der Tiere ist un¬
befriedigend. Unterwirft man aber die Abfälle einem Aufbewahnmgs-
prozeß und einem Trockenverfahren, wobei das Material einer hohen
Temperatur ausgesetzt wird, um alle schädlichen Keime abzuheben, so
gelingt es, ein dauerhaftes und versandfähiges Kraftfuttermittel herzu¬
stellen. F. Bruck.
Münchner medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. 6.
Wechselmann (Berlin): Ueber Salvarsanuatrium. Sein Arsen¬
gehalt beträgt rund 20 °/o, wird daher ebenso dosiert wie das denselben
Areengehalt aufweisende Neosalvarsan. Man gibt daher Dosen von
0,3 bis 0,45, und zwar ambulatorisch. Das alkalisch reagierende Präparat
eignet sich wenig zu subcutanen Injektionen, da es im Gegensatz zu dem
neutralen Neosalvarsan ab und zu Nekrosen verursacht; diese hängen —
abgesehen von der Technik — nicht so sehr vom Salvarsan als vielmehr
von dem Alkaligehalt ab. Es empfiehlt sich daher die intravenöse In¬
jektion eines Salvarsannatriums, und zwar in einer Konzentration von
0,1:10,0 einer 0,4 %igen Kochsalzlösung. Die Herstellung der Injektions¬
flüssigkeit wird genau angegeben, wobei unter anderm betont wird, daß
die fertige Salvarsannatriumlösung mit Hilfe eines Glastrichters durch
etwas nasse Verbandwatte (zuvor in 0,4%iger Kochsalzlösung gekocht)
filtriert werden muß, um auch die kleinsten korpuskularen Elemente zu
entfernen. Der Verfasser hat häufig 40 bis 50 Injektionen bei zwei- bis
dreimaliger Injektion in der Woche verabreicht. Das Mittel hat sich nach
jeder Richtung außerordentlich bewährt.
Georg L. Dreyfus (Frankfurt a. M.): Salvarsanuatrium und
»eine Anwendung ln der Praxis. Das ueue Mittel, das jetzt allen
Aerzten zugänglich ist, hat die gleiche Wirksamkeit wie das Altsalvarsan,
ist aber in der Anwendungsweise ebenso bequem zu handhaben wie das
Neosalvarsan. Das Salvarsannatrium wird lediglich in destilliertem
sterilen Wasser gelöst und — ohne 0,ö%ige Kochsalzlösung — nur in
konzentrierter Form intravenös injiziert, lind zwar in der Regel jedesmal
(0,15 bis) 0,45 in 90 ccm Wasser gelöst. Verabfolgt man Salvarsan¬
natrium allein, so wird in der Woche bis zu dreimal 0,45 injiziert;
kombiniert man es mit Quecksilber (fast regelmäßig als 40 %iges Ol.
cinereum), so gibt man in der Woche höchstens zweimal 0,45. Die Kur
dauert gewöhnlich sechs bis acht Wochen. Ausführlich berichtet wird
über die ierhnik der Wasserbereitung und der Injektion. Das Präparat
eignet sich sehr gut zur ambulanten Behandlung. Mit der Einführung des
Salvarsannatriums ist der große Teil der technischen Schwierigkeiten,
die der Verbreitung des Altsalvarsans im Wege standen, behoben.
Th. Rumpel: Die Dysenterieerkrankungen der Kriegs verwun¬
deten im Allgemeinen Krankenhaus Barmbeck. 40 Verwundete zeigten
Dysenteriesymptome; 35 mal wurde dabei eine positive Reaktion für den
Dysenteriebacillus Typus Flexner gefunden. Bei Epidemien, die durch
diesen Bacillus erzeugt werden, sollte man, da es sich hierbei um leichte
Erkrankungen handelt, die eine enorme Ausbreitung haben, von einer
Zurückhaltung sämtlicher Dysenteriebacillenträger absehen, da eine solche
eine wesentliche Schwächung der Armee bedeuten würde. Die mit- dem
Shiga-Kruseschen Bacillus Infizierten müssen dagegen bei der Schwere
der Erkrankungen und bei dem bisher viel selteneren Auftreten der Ba¬
cillen bis zur Keimfreiheit unbedingt strengstens isoliert werden.
Gustav Singer (Wien): Erfahrungen aus der letzten Dys¬
enterieepidemie. Verfasser betont von neuem die außerordentliche Be¬
deutung der rektoskopischen Untersuchung für die Diagnose, auch für
die Frühdiagnose der Dysenterie. Sie ist auch unerläßlich für die Ent¬
scheidung, wann ein Kranker mit Dysenterie zu entlassen ist. Besprochen
werden die bei der Dysenterie auftretenden Komplikationen. Eingehend
wird ferner die Therapie angegeben.
W. Herzog (München): Ein Fall von allgemeiner Behaarung
mit heterologer Pnbertas praecox bei dreijährigem Mädchen (Hir-
gutismus?). Vortrag, gehalten in der Sitzung des ärztlichen Vereins in
München am 10. Juni 1914.
Alexander Rolsen (Wiesbaden): Therapeutische Erfahrungen
mit dem Kolloidpräparat „Salnsil“ in der Augenheilkunde. Es handelt
Bich um puderförmige Präparate, die im wesentlichen Kieselsäure oder
kieselsäurehaltige Körper enthalten. Die Haupteigenschuft der Kolloide
ist ihr außerordentlich hohes Aufsaugeverraögen für Flüssigkeiten (Wund-
sekrete). Sie sind ein erfolgreiches Mittel in der lokalen Behandlung der
Ekzeme in Verbindung mit Augenkrankheiten.
W. Burck (Stuttgart): Ein neuer Verschlußapparat für den
Anus praeternaturalis inguinalis. Die gegen dem Auge zugänglichen
Anus inguinalis sprechenden psychischen Gründe fallen beim Patienten
weg, wenn der Verschlußapparat den Anfordemngen der Reinlichkeit und
Geruchlosigkeit entspricht. Denn ein Anus inguinalis ist vom Patienten
leichter rein zu halten als ein Anus sacralis. Der Verfasser hat nun
einen Apparat konstruiert, der die Nachteile der früheren vermeidet, und
empfiehlt ihn angelegentlichst.
E. Sehrt (Freiburg): Ein chirurgisches Kuriosum. Es handelt
sich um eine durch Darm Zerreißung entstandene eitrige Peritonitis.
Bei der Operation fanden sich unter andern zirka acht Abscesse zwischen
den Darmschlingen. In dem einen lag ein überaus großer, etwa 20 cm
langer, lebender Ascaris lumbricoidea. Nach der Entleerung der Abscesse
wurde die Bauchhöhle trocken ausgetupft, der Darm reponiert und das
Peritoneum vollständig geschlossen. Es trat Heilung ein. Der Verfasser
betont die trockene Reinigung der Bauchhöhle und deren vollkommenen
Schluß nach Beseitigung der eiterbildenden Noxe ohne ausgedehnte Tam¬
ponade. Dadurch wurden die für eine Heilung sicher wichtigen peristal¬
tischen Verhältnisse des Darmes am wenigsten gestört. Schließlich wird
hervorgehoben, daß, wo es die äußeren Verhältnisse nur irgendwie ge¬
statten, schnell zur Operation geschritten werden solle.
K. F. Wenckebach: Ueber die klinische Bedeutung der Herz¬
arhythmie. Nach einem Fortbildungsvortrage, gehalten in München iin
Juli 1914.
Feldärztliche Beilage Nr, 6.
A. Stoffel (Mannheim): Ueber die Behandlung verletzter Nerven
im Kriege. Direkt nach einer Nervenverletzung muß man alle Gelouk-
stellungen, die ein Klaffen der Stümpfe nach sich ziehen, nach Möglich¬
keit vermeiden. Durch eine richtige Gliedstellung aber gibt inan den
Stümpfen die Möglichkeit, zusaramenzubleiben, um in Nachbarschaft mit¬
einander zu verwachsen. Die Technik der Nervennaht wird ausführlich
beschrieben. Im Feldlazarett soll die Vorbehandlung statt finden, die
Nervenoperation selbst dagegen im Kriegslazaretfc ausgeführt werden.
Alfred Hoepfl (Landshut): Zur Kenntnis der Schußverletzung
des Nervus radialls. Die Verletzungsstelle des Nervus radialis erwies
sich bei der Operation in allen Fällen als annähernd gleich, sie befand
sich am oberen Ende des Salius nervi radialis, da, wo ersterer sich um
die Außenseite des Humerus herumschließt, am obersten Ende des äußeren
Tricepskopfes. In keinem Falle war der Nerv direkt durch das Geschoß
zerrissen worden, vielmehr war es immer die Auseinandersplitterung des
Knochens, die ihn trotz der Verschiedenheit der Schußrichtungen jedesmal
an der gleichen Stelle, wo er eben dem Humerus am straffsten anliegt,
auseinandergerissen hatte.
H. Spitzy (Wien): Hebeapparat für Hand und Finger bei
Kadiuslühmung. Durch "eine exponierte Lage, durch die enge Berührung
mit dem Oberannknoeheu ist der Nervus radialis besonders der Ver-
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8.
21. Februar.
letzung ausgesetzt. Die primäre Nervennaht ist so schnell wie möglich
vorzunehmen. Bei zunehmender Erdrückung des Nerven wird man nicht
warten, bis die Funktion erloschen ist, sondern ihn sofort befreien; aber
bei nicht reiner Wunde hat die Nervenmiht gar keine Aussicht auf
Erfolg. Eine Eiterung bei der Nervenheilung verhindert, die funktionelle
Heilung fast immer. Es wird sicli also nicht selten ein längerer zeitlicher
Zwischenraum einschieben zwischen dem Eintritt der Radialisverletzung
und der Möglichkeit, sie zu beheben. Während dieser Zeit zeigen Hand
und Finger das Bild der Hängehand. Diese Stellung ist unter andern
für die Wiederkehr der Muskelkraft nach der Nervennaht verhängnisvoll.
Denn dauernd überdehnte Muskeln büßen die Reste ihrer Funktionsfähig-
keit schnell ein. Daher muß diese Lähmungsstellung so schnell wie möglich
beseitigt werden. Dazu dient ein vom Verfasser angegebener kleiner
Apparat, durch den der Patient imstande ist, die Finger zu beugen und sie
wieder zu strecken, Gegenstände zu ergreifen, zu essen und zu schreiben.
Drüneg (Reservelazarett Quierschied): Ueber die Chirurgie der
peripheren Nerven. Bei den Kriegsverletzungen der Nerven handelt
es sich meist um schwierige, langdauernde Operationen, bei denen an sich
häufig schwierige Topographien noch durch die Narben Verziehungen erheblich
verwickelt sind. Es gehört hier große Erfahrung und Uebung dazu, sich
zurechtzufinden und bei der Naht die Enden gut aufeinander zu passen,
vor allem aber, wenn cs nach der Resektion größeren Stücken erst nach
nach der Lösung des Nervenstamms auf beiden Strecken gelingt, die
Nervenenden aneinander zu halten.
Köper: lieber Schußverletzungen des Darmes. Sie sollen, wenn
der Transport irgend schwierig und lang ist,I konservativ behandelt werden.
Ein ungeeigneter Transport beraubt den Verletzten die Chancen der
konservativen Behandlung. (Im Seekriege fällt der Transport weg, daher ist
hier alsbaldige Operation angezeigt.) Die Prognose ist um so günstiger,
je leerer der Darm ist. Deshalb sollen Patrouillen vor ihrem Gang und
eventuell Mannschaften vor einem in Aussicht genommenen Gefechte
hungern.
Kölliker und Basl: Ueber Verletzungen durch Granatsplitter.
Hervorgehoben wird unter anderm, daß jede Verletzung durch kleine
Granatsplitter zu revidieren ist. Man entferne zunächst den Schorf. Be¬
deckt er einen Absceß, so ist die Wunde zu erweitern, die Granatsplitter
und die Kleidorfetzen sind zu entfernen und nach Bedarf eine Gegen-
incision anzulegen. Das Unterlassen dieser Maßnahmen rächt sich schwer,
unter den unscheinbaren Wunden können sich ausgedehnte Phlegmonen
mit all ihren Folgen entwickeln.
G. Mansfeld (Pest): Experimentelle Untersuchungen über
Wesen und Aussicht der Tetanustherapie mit MagnetumsaHat. Im
Gegensatz zu Straub behauptet der Verfasser, daß das Magnesium, ohne
im Hirne gespeichert zu werden, eine Narkose des Centralnerven-
svstems herbeiführe. Er bekämpfe daher die Ansicht Straubs, der aus
seiner Anschauung heraus eine Kombination des Magnesiums mit
Narkoticis empfiehlt. Denn eine derartige Kombination sei gefährlich,
da auf Grund von Tierversuchen diese narkotischen Mittel auch in ge¬
ringen Dosen schon durch selbst schwache Magnesiummengen eine ge¬
waltige Verstärkung ihrer Wirkung erfahren. Auch Calcium, das auf
Magnesium antagonistisch wirkt, versagt bei dieser Kombination. Es ist
also gefährlich, den mit Magnesium beham'eTen Tetanuskranken noch
Xarkotica in den üblichen Dosen zu verabreichen.
Grützner: Ueber eine Füegerpfeilverletzang. Es handelte
sich um eine schwere Verletzung, die zum Tode führte. Der Pfeil hatte
den Mann in aufrechter Haltung getroffen und ihn in vertikaler Richtung
glatt durchbohrt. Dabei kam es zu vielfacher Durchbohrung lebenswich¬
tiger Organe, zu Blutergüssen in die Brust und in die Bauchhölde, zu
beginnender Bauchfellentzündung.
F. Sudendorf (Bautzen): Ein Fall von Damdumgeschoßver-
Ictzung. Der Patient gab an, die Schußverletzung beim Sturmangriff
auf die Stellung der Engländer erhalten zu haben. Die Durchleuchtung
weist in der Umgebung der Einschußöffnung verstreut reichlich Blei¬
stücke von Schrot- bis zu 4 bis 5 fach er Größe nach. Bei der Incision
wurde eine große Anzahl von Bleistückchen entfernt. Schließlich war es
nötig, einen Schnitt in die Tiefe zu machen, wobei der Mantel des
Dumdumgeschosses entfernt wurde. Er war gänzlich deformiert, zeigte
aber doch deutlich eine an der Spitze befindliche Oeffnung.
G. Perthes: Ueber die Wirkung der regelrechten Infanterie¬
geschosse und die der Dumdumgeschosse auf den menschlichen
Körper. Bekanntlich kommt die explosionsartige Wirkung des Teil-
mantelgeschosscs dadurch zustande, daß beim Auftreffen des Geschosses
auf einen Widerstand der Geschoßmante 1 eine Hemmung erfährt und
daß der durch seine lebendige Kraft rascher vorgetriebene Bleikern
an der vom Mantel freien Spitze vorquillt, den Mantel zerreißt
und selbst in sehr zahlreiche Teile zerstiebt. Der Verfasser be¬
hauptet nun im Gegensatz zu Kirschncr, der annimmt, daß sich
nur bei Auftreffen auf Knochen die Dumdumwirkung entfalte, daß
dazu auch der Widerstand der Weichteile genüge. Also bei Dumdum¬
schüssen findet die explosionsartige Wirkung unter allen Umständen
statt, natürlich war bei Nahschüssen (hier bewirkt übrigens auch das
regelrechte Infanteriegeschoß, wenn es auf Knochendiaphysen auftrifft,
durch die Knochensplitter größere Zertrümmerungshöhlen). Im Gegensatz
zu Kirschner stellt der Verfasser ferner fest, daß, wenn man in einer
Wunde ein Geschoß findet, das die Form eines nicht abgefeuerten
Dumdumgeschosses zeigt, bewiesen sei, daß das Vorgefundene Geschoß
keine explosionsartige Wirkung gehabt habe. An Geschossen, die die
Dumduinwirkung geäußert haben, könne man niemals mehr Studien
über die Form machen, die sie vor dem Abfeuern gehabt haben. Nur
aus den zahlreichen und fernab verteilten Bleispritzern, die mit Röntgen¬
strahlen oder anatomisch nachgewiesen Vorkommen, ist bei dem allein in
Frage kommenden Nahschüsse der Nachweis des Vorliegens eines Dumdum¬
schusses vorzubringen. F. Bruck.
Die Therapie der Gegenwart , Februar 1915.
Klemperer und Zinn: Zar Diagnose and Prophylaxe des
Fleckfiebers. Der traurige Todesfall unseres Kollegen Joch mann an
Fleckfieber gab den Verfassern Veranlassung zu einigen Beobachtungen,
welche geeignet sind, unsere Kenntnis der Krankheit zu fördern Wir
lernen aus dem Verlaufe dieser Erkrankung, daß auch die anscheinend
sichersten klinischen Zeichen nicht ganz zuverlässig sind und daß wir
die Diagnose des Fleckfiebers, abgesehen vom epidemischen Auftreten,
mit Sicherheit nur durch die petechiale Umwandlung der Roseolen und
durch die bakteriologische Ausschließung anderer Infektionen stellen
können. Ueber die Ansteckung beim Fleckfieber lehrt die Beobachtung, daß
die Infektionen vielleicht ausschließlich durch die Läuse geschehen und daß
andere Uebertragungswege hinter diesem an Wichtigkeit weit zurückstehen.
Mendel (Essen): Ueber Diathermie and ihre Kombination mit
Ultraviolettbestrahlung and andern Heilmitteln. Die Diathermie, wie
die Applikation von Hochfrequenzströraen zu Heilzwecken wiegen ihrer
Hauptwirkung, der Wärmeerzeugung in dem von ihnen durchflossenen
Gewebe, bezeichnet wurde, hat als wirkungsvollste Form der Wärme¬
applikation überall da Verwendung gefunden, wo lokale Temperatur-
Steigerungen in der Tiefe erkrankter Organe einen Heilerfolg erwart m
lassen. Die wichtigste Eigenschaft der Hochfrequenzströme, welche erst
ihre wirksame Anwendung in der Therapie ermöglichte, ist eine negative,
es fehlt ihnen im Gegensatz zu den konstanten Strömen oder Wechsel¬
strömen von niedriger Periodenzahl selbst bei relativ hoher Stromstärke
jede motorische oder sensible Reizwirkung. Der scheinbar einzige, für
den Patienten wahrnehmbare Effekt ist eine im behandelten Körperteile
sich entwickelnde Wärme. Wir müssen aber neben der Erwärmung, der
Diathermie, der verstärkten Circulation, der Hyperämie auch noch spe-
cifische Reizwirkung der Hochfrequenzströine auf die Körperzellen und
ihre verschiedenartigen Funktionen annehmen, vielleicht in der Weise,
daß Wärme, Hyperämie und elektrischer Reiz, wie ihn die Hoclifrequenz-
ströme erzeugen, den Chemismus der Zelleu aktivieren, ihren Stoffwechsel
anregen und ihre Widerstandskraft gegen etwaige Schädlichkeiten
steigern. Bei der Diathermiebehnndlung ist auch die analgesierende und
nervenberuhigende Wirkung des Hochfrequenzstroms zu berücksichtigen.
Von großem therapeutischen Interesse ist die Kombination der Dia¬
thermie mit andern Heilmitteln. Der therapeutische Effekt chemischer
Heilmittel kann durch eine vorausgegangene Diathermie beträchtlich er¬
höht werden. Es ist ferner empfohlen worden, durch vorausgegangene
Diathermie die Wirkung der Radiotherapie, insbesondere der Röntgen¬
strahlen, auf maligne Tumoren zu steigern und für Röntgenstrahlen re¬
fraktäre Tumoren zu sensibilisieren. Man darf annehmen, daß der
menschliche Körper, sowohl lokal wie allgemein, durch Hoclifrequenz-
ströme für die ultravioletten Strahlen sensibilisiert wird. Die allgemeine
Diathermie auf dem Kondensatorbett und die gleichzeitige Ultraviolett¬
bestrahlung des Körpers mit der über dem Kondensatorbett angebrachten
Höhensonne gibt uns die einfache Möglichkeit einer wirksamen Kom¬
bination dieser beiden Heilmittel. Auch in bezug auf das Nervensystem
können die biochemischen Wirkungen der Ultraviolettstrahlen und der
Diathermie als gleichgerichtet bezeichnet werden. Die für die Praxis
außerordentlich wichtigen Erfahrungen des Verfassers werden durch zahl¬
reiche Beispiele erläutert.
Cohn (Moabit-Berlin): Die Röntgenologie im Kriege. Mit¬
teilung von Röntgenerfahrungen bei verletzten Soldaten. Große Vorteile
bringt das Röntgenverfahren für die Zahnchirurgie. Die Zahl der Kiefer-
verletzungen ist, wie schon seit dem russisch-japanischen Kriege bekannt,
außerordentlich groß. Mehr als die Hälfte aller Schädelverletzungen
sind mit Verletzungen der Kiefer verbunden. Der Unterkiefer besonders
hat die Neigung, heim Aufschlagen eines Geschosses in zahlreiche Frag¬
mente zu bersten. Die moderne Zahnchirurgie bedient sich zur Adaptie-
Digitizeö by
Gck igle
Original fro-rri
UMIVERSITY OF IOWA
21. Februar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8.
229
rung der Knochenfragmente metallischer Schienen. Hier zeigt die j defekte als specifische Gastritiden Umstellen. Neben ihrem fast plötz-
Rönt<renuntersuchung nicht nur die Lage der verletzten Knochen, son- liehen Beginn und ihrem zeitlichen Zusammenfällen mit andern sekundär-
dern sie läßt die Früchte der Behandlung erkennen. Die Anwendung i luetischen Erscheinungen werden als charakteristisch syphilitisch betont:
des Röntgen Verfahrens erstreckt sich nicht nur auf chirurgische, sondern j eine ziemlich hochgradige Subacidität, eine Vermehrung der organischen
auch vielfach auf innere Fälle und wird besonders wertvoll werden, wenn
es sich später darum handelt, die traumatische Entstehung solcher
Krankheiten zwecks Renten zu begutachten.
Baginsky (Berlin): Zur Kenntnis der Therapie der hereditären
Syphilis. Als örtliche Heilmittel sind das in Alkohol gelöste Sublimat
von V* %o zum Tupfen und da9 Mercurialpflaster zu empfehlen. Zur
subcutanen oder intramuskulären Injektion bediente sich der Verfasser
mit gutem Erfolge des Sublimats. Zur Unterstützung der Quecksilber¬
kimen wurden die verschiedenen Jodpräparate angewandt. Von inneren
Queeksilbermitteln nimmt man bei Kindern, w r enn man nicht durch be¬
sondere Umstände (Affektionen) zu ihrer Anwendung gezwungen ist, am
besten Abstand. Die Salvarsanbehandlung wurde an vorausgegangenen
Schraierkuren, an die Behandlung mit Sublimatbädern ohne Nachteile
angeschlossen.
Dünner (Berlin): Einiges über Erfrierung and deren Behandlung.
Außer den Erfrierungen ersten Grades gelangen während des jetzigen
Winterfeldzugs die schwereren Folgen des Frostes zur Beobachtung-
Wenn es nicht gelingt, die Cyanose durch Flottieren mit Schnee und
kalten Tüchern zu beseitigen, so w r ende man die von v. Bergmann an¬
gegebene Suspension der befallenen Extremitäten an. Die Anwendung
von feuchten Verbänden bei erfrorenen Gliedmaßen, bei denen eine Rück¬
kehr der Circulation nicht eintreten will, ist als Kunstfehler anzusehen.
Bleibt die Gangrän feucht oder bilden sich Abscesse und fortschreitende
Phlegmonen, so wird selbstverständlich eine Amputation notwendig.
Klink (zurzeit Metz): Leitsätze der Kriegschirurgle. Referat
über einen Vortrag Wieting Paschas (Volkmanusche Vorträge 1914,
Nr. 710). Als Operation in der ersten Linie kommen nur in Betracht :
die endgültige Blutstillung, die Abtragung fast abgeschossener oder ver¬
lorengegebener Gliedmaßen, die Tracheotomie und die Urethrotomie.
Dazu kommt als primäre Operation im Feldlazarett noch höchstens die
Revision und Freilegung der sogenannten Schädelstreifschüsse. Stecken¬
gebliebene Geschosse bildeu kaum je die Anzeige zu einem primären
Eingriff. Nur bei zunehmender Anämie oder schweren Verdrängungs-
mchrinungen soll man die Quelle der Blutung aufsuchen und zu ver¬
schließen suchen. Die Knochenverletzungen des Schädels bilden weder
beim Durchschüsse noch beim Steckschuß eine Anzeige zu einem Ein¬
griff. Bei Verletzungen der Wirbelsäule und des Rückenmarks kann
man nach den Erfahrungen dieses Krieges nur ein möglichst frühzeitiges
Eingreifen empfehlen. Reckzeh (Berlin).
A. v. Koränyi: Zur Vaccinebehandlung des Typhus abdo¬
minalis. Behandlung mit Ichikawas Vaccine, die in einer kleinen Zahl
von Fällen erfolgreich war.
A. v. Sarbo: Ueber den sogenannten Neiwenshock nach Granat-
und Schrapnellexplosionen. Mit Recht macht Verfasser darauf auf¬
merksam, wie das Heer der traumatischen Neurosen aus den Friedens-
witen im Kriege verschwunden ist; auch der Nervenshock ist nicht als
Neurose aufzufassen; den nervösen Erscheinungen liegen vielmehr mikro-
organische Veränderungen des Nervengewebes, allerkleinste Blu¬
tungen usw. zugrunde.
D. Pupovac: Ein Beitrag zur Arteriotomie bei Embolie.
Arteriotomie mit folgender Extraktion des Embolus an der Art. femoralis
und erfolgreich« Wiederherstellung der Continuität des Gefäßrohrs, ohne
daß Ernährungsstörungen an den Extremitäten eintraten. Bei dem durch
das Grundleiden des Patienten erfolgten Tode konnte der Effekt der
Operation durch die Sektion verifiziert werden.
G. Schwarz: Erkennbarkeit der Gasphlegmone Im Böntgen-
biide* Bei der Wichtigkeit, die die rechtzeitige Incision der Gas-
phlegmone hat, erscheinen die vorliegenden abgebildeten Röntgenbefunde,
die die genaue Lokalisation der Gasabscesse ermöglichten, von großer
Bedeutung. Misch.
W. Knoepfelmacher und Gertrud Bien: Untersuchungen
ßber die NabelkolLken älterer Kinder. Die Nabelkolik ist als Neurose
des Plexus mesentericus aufzufassen. Die Untersuchung auf Ulcus-
symptome verlief in einer ganzen Anzahl von Fällen ohne rechtes posi¬
tives Resultat entgegen der kürzlichen Betonung der Anfälle als Sym¬
ptome beziehungsweise Vorläufer von Ulcus ventriculi beziehungsweise
nodeni; Abgrenzung der Nabelkoliken gegen die ähnlichen Krankhoitsbilder.
Rudolf Kleissel: Die Erkrankungen des Magens bei Lues.
Auf breiter Basis angestellte Untersuchungen, die die beobachteten Magcn-
Wiener medizinische Wochenschrift
Wiener klininische Wochenschrift 1915 , Nr. 4 .
Säuren, abnorme Gasgäiimgen und Zersetzungsvorgänge, Verminderung
der Magenchloride bei gleichzeitiger Vermehrung derselben im Harne,
mangelhafte Pepsin Verdauung und anderes mehr.
Büche rbesprechu ngen.
E. H. Kisch, Erlebtes und Erstrebtes. Stuttgart 1914, Deutsche
Verlags-Anstalt. 308 S. M 5,50.
Heinrich Kiscli, den man nun wohl den „alten“ nennen muß, da
sein Sohn auch in Marienbad praktiziert, den aber Marienbad und eigne
Lebenskraft beständig jung erhalten haben, hat das ihm nun glücklich
beschiedene biblische Alter (er zählt jetzt der Jahre 73) dazu benutzt, um
seine Erinnerungen zu sammeln und niederzuschreiben, und auch uns an
allem, was sie für ihn Erfreuliches und Betrübendes enthalten, freund¬
schaftlich teilnehmen zu lassen. Er hat diesen Erinnerungen den Titel
„Erlebtes und Erstrebtes“ gegeben — und in der Tat, erlebt hat
er viel; man braucht nur an seine Schilderungen aus der Prager Jugend¬
zeit, die bis in die Revolutionstage des Jahres 1848 hinaufreichen, an seine
-journalistische Lebensepisode“, die sich gleichfalls in Prag abspielte, und
die spätere dortige tschechische Entwicklung zu denken! — und erstrebt
hat er auch viel, zumal auf beruflichem Gebiete; das lehrt das allein acht
Druckseiten füllende Verzeichnis seiner medizinischen Schriften, wovon
manche, z. B. die Sterilität des Weibes und der Grundriß der klinischen
Balneotherapie, mit Recht einen Weltruf erlangt haben. Danken wir ihm
für seine schöne Gabe und wünschen wir ihm von Herzen, daß er noch
Gelegenheit habe, recht viel Neues dazu zu „erleben“ und zu „erstreben“
und auch uns ferner in seiner so lebendig veranschaulichenden Dar¬
stellung miterleben zu lassen. A. Eulenburg (Berlin).
B. Schmitt mann, Wegweiser durch die Deutsche Reichsver¬
sicherung einschließlich der Angestelltenversicherung.
L. Schwann, Düsseldorf. 1914. 118 S.
Das von einem hervorragenden Kenner der Versicherungsgesetz¬
gebung, dem in der sozialen Fürsorge seit vielen Jahren praktisch tätigen
Vorstandsmitglied© der Landesversicherimgsanstalt Rheinprovinz ge¬
schriebene Buch ist in erster Linie für den Laien bestimmt. Es soll
ihm in den vielen Fragen und Bestimmungen der Versicherungsgesetz¬
gebung ein Wegweiser und Führer sein. Bei der knrzgefaßten, klaren und
übersichtlichen Behandlung des Stoffes wird dieser Zweck in mustergül¬
tiger Weise erreicht. Alle diejenigen, welche mit der Versicherungs-
gesetzgebung zu tun haben, werden in dem Buch ein willkommenes
Nachschlagewerk finden. Da zudem der Preis des Buches ein geringer
— 1 M — ist, so ist ihm die weiteste Verbreitung gesichert.
Das Buch ist aber nicht nur dem Laien, sondern ebenso dem
Arzte wann zu empfehlen. Die meisten Aerzte werden wenig Zeit und
Lust haben, sich durch die Unmenge von Paragraphen und Bestimmungen
der Versicherungsgesetze hindurchzuarbeiten. Die bisher erschienenen
kleinen, für die Hand des Arztes bestimmten Auszüge haben meist nur
den ärztlichen Teil der Versicherungsgesetze im Auge. Daher ist es
Tatsache, daß viele Kollegen über viele praktische Fragen der Reichs-
versicherungsordnung wenig Kenntnis haben. Sowohl auf dem Gebiete
der Kranken- als der Unfallversicherung herrschen bei den Aerzten noch
manche Unklarheiten, und doch gibt es auf diesen Gebieten eine Un¬
menge Fragen, die täglich an den Arzt herantreten können. Sich dann
unter Umständen durch den Kassenvorstand oder gar durch einen Ar¬
beiter belehren lassen zu müssen, ist immer etwas peinlich.
Sehr wichtig ist es für uns Aerzte, über die Bestimmungen de r
Invaliden- und Hinterbliebenenversicherung ausreichend unterrichtet zu
sein. Mit der Bewilligung einer Rente sind die Aufgaben dieser Ver¬
sicherung keineswegs erledigt; sowohl durch die Pflicht- als durch die
freiwilligen Leistungen können große und wichtige Aufgaben der wirt¬
schaftlichen Fürsorge erfüllt werden. Es sei nur hingewiesen auf die
Möglichkeit der Durchführung von Heilverfahren, besondere bei der
Tuberkulose, auf die Invalidenpflege bei Lungenkranken, Trinkern und
andern Invaliden, ferner auf die Wohlfahrtsbeihilfen zur Errichtung von
Krankenpflege- und Unfallstationen, zur Tuberkulosebekämpfung, zur Be¬
kämpfung der Skrofulöse, zur Trinkerfürsorge, zur Hauspflege- und Woh¬
nungsfürsorge. Wenn der Arzt der hygienische Berater des Volkes
sein will, so muß er sich mit diesen Dingen vertraut machen und muß
wissen, wie die gewaltigen Mittel der Landes Versicherungsanstalten dem
deutschen Volke zugängig gemacht werden können. Gerade auf diesem
Gebiete der sozialen Fürsorge kann der Arzt eine edle und dankbare
Tätigkeit entwickeln, das Buch von Dr. Schmittmann wird ihm dabei
ein wertvoller Führer sein. Dr. Peren, Aachen.
1
230 1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8. 21. Februar.
Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen.
Neue Folge der „ Wiener Medizinischen Fresse“. Redigiert von Priv -Doe. Dr. Anton Bum, Wien.
K. k. Gesellschaft der Aerxte in Wien.
Sitzung vom 12. Februar 1915.
J. Wagner v. Jauregg stellt einen Mann mit hysterischen
saltatorischen Krämpfen nach Trauma vor. Pat. erlitt im
Felde eine leichte Verletzung und bekam hierauf eine Gangstörung,
später saltatorische Krämpfe. Er sitzt zusammengekauert, ebenso
liegt er im Bett. Wenn er sich aufrichtet, so tritt ein allgemeiner
Sehütteltremor auf, beim Versuche zu gehen, hüpft er mit beiden
Beinen zugleich nach rückwärts.
W. Falta hat zwei Fälle von saltatorischem IMIexkrampf in
Basel geßehen. Im ersten Fall wurde er durch Geräusche hcrvorgerufen
und dauerte 2—3 Minuten, im zweiten entstand er beim Versuche zu
gehen. Wenn man bei dem zweiten Pat. auf einen bestimmten Punkt
am rechten Oberarm drückte, so konnte er gut gehen.
Hass demonstriert eine Unterschenkelprothese, welche
an der orthopädisch-chirurgischen Abteilung von Lorenz ange¬
wendet wird. Pat. erlitt eine Zertrümmerung des rechten Unter¬
schenkels und bekam hierauf Tetanus, es wurde die Amputation
unterhalb des Knies vorgenommen. Die Prothese ist nach Weyer
in München konstruiert; bei ihr wird auf das Sprunggelenk ver¬
zichtet, das untere Ende hat eine für die Abwicklung des Fußes
günstige Fläche. Die Prothese wird auf Grund eines Gipsabgusses
des Stumpfes angefertigt, sie besteht aus einem Stück und kostet
ungefähr 50 K. Bei Oberschenkelamputationen kommt noch ein
Scharniergelenk mit Kugellager als Kniegelenk hinzu, die Achse
desselben liegt etwas hinter der Knieachse, wodurch ein festes
Stehen ermöglicht wird; außerdem beugt sich beim Niedersetzen
der Unterschenkel infolge des Eigengewichtes selbsttätig.
.1. v. Hochenegg bemerkt, er habe den Eindruck, daß in der
Aktion zur Beschaffung von Prothesen für Kriegsverwundete irrige Auf¬
fassungen platzgreifen. Einerseits werden den Amputierten zu kompli¬
zierte Prothesen gegeben, andrerseits werden sie zu früh angelegt. Der
Stumpf verändert sich in einiger Zeit und die Prothese paßt nicht mehr;
sehr viele Stümpfe bedürfen noch einer nachträglichen Korrektur. Die
Pat. sollten zwei Prothesen bekommen, damit sie die eine benützen
können, wenn die andere in Reparatur ist. Redner regt eine Diskussion
über die Prothesonbeschaffung für die Kriegsvorwundeten an.
v. Eisei sberg befürwortet die Abhaltung einer solchen Diskussion.
Auf seiner Klinik wird für die untere Extremität eine sehr einfache
Prothese angefertigt, welche auf ca. 12 K zu stellen kommt. Unter
3 Monaten nach der Amputation soll niemals eine teuere Prothese ange¬
legt werden.
Hass demonstriert ferner eine Extensionsvorrichtung für
den Oberarm zur ambulatorischen Benützung. Sie hat die Gestalt
einer kurzen Krücke, welche ihren Stützpunkt unter der Achsel
findet; längs dieser Krücke findet die Extension durch Zug und
Gegenzug statt. Die Vorrichtung hat den Vorteil, daß der Arm
frei liegt.
0. Beck führt einen 27jährigen Mann vor, welcher Erschei¬
nungen von Seite des Kleinhirns nach Kontusion des Stirn¬
hirns zeigt. Pat. wurde in der linken Stirngegend von einer
Schrapnellkugel verletzt und war bewußtlos. 10 Tage später ergab
die Untersuchung eine doppelseitige Störung des Gehörs, Kopf¬
schmerzen, Schwindelgefühl, geringen spontanen Nystagmus nach
rechts und links. Beim Zeigeversuch zeigte Pat. nach rechts vorbei,
und zwar mit den rechten Extremitäten stärker. Beim Romberg-
schen Versuch hatte er die Tendenz, nach derjenigen Seite zu
fallen, nach welcher er den Kopf neigte. Es wurde eine Affektion
im Bereiche der hinteren Schädelgrube vermutet. Die Röntgen¬
untersuchung zeigte eine deformierte Schrapnellkugel in der Stirne
oberhalb des Orbitalrandes. Das Geschoß wurde von Föderl
operativ entfernt; es lag der Dura an, ohne daß diese verletzt
wäre, drückte auf das Stirnhirn und war frei beweglich. Seither
sind die Erscheinungen von Seite des Kleinhirns geschwunden.
Offenbar handelte es sich um eine Schädigung der frontozerebel-
laren Bahn. In einem zweiten Fall mit ähnlichen Erscheinungen,
bei welchem ein Tumor von verschiedenen Untersuchern in der
linken oder rechten hinteren Schädelgrube, im Stirnhirn oder in
der Hypophyse angenommen wurde, wurde bei der Operation kein
Tumor gefunden. Die Obduktion ergab ein Endotheliom der Dura,
welches gegen die Fossa Sylvii gewachsen war und das Stirnhirn
komprimierte. Beide Fälle zeigen, wie täuschend eine Affektion
des Stirnhirns Erscheinungen von Seite der kontralateralen Klein¬
hirnhemisphäre hervorrufen kann.
H. Neumann sah einen Fall von Osteom der Stirnhöhle, bei
welchem die Dura unverändert war und in welchem als klinische Sym¬
ptome Vorbeizeigen der oberen Extremitäten im Sinne der kontralate¬
ralen Seite und psychische Störungen wie bei St.irnhirnaffektionen vor¬
handen waren. 2 tage nach operativer Beseitigung des Osteoms wurde
Pat. bewußtlos; die Punktion des Stirnhirns ergab daselbst einen großen
Abszeß, welcher entleert wurde. Solange die Abszeßhöhle tamponiert
war, fiel der Zeigeversuch im Sinne einer Affektion der linken Kleinhirn¬
hälfte aus, später verschwanden diese Erscheinungen. Der Zeigeversuch
hat im Zusammenhang mit anderen Symptomen einen diagnostischen
Wert, er gestattet jedoch allein für sieh "keine lokalisatorischen Schlüsse.
J. FI es ch berichtet über einen Fall von Simulation des
Fiebers. Pat. hatte einen geringen Hämatothorax und Hämoptoe;
anfangs hatte er keine Temperatursteigerungen, bald jedoch kamen
merkwürdige und unregelmäßige Fieberbewegungen vor, für welche
kein Substrat gefunden werden konnte. Es kamen nach fieberfreien
Tagen Fiebersteigerungen bis 40° und darüber vor. Da das Sputum
bis in die letzte Zeit hämorrhagisch gefärbt und pleurales Reiben
zu hören war, wurde Pat. noch in Beobachtung behalten. Von
einem Bettnachbarn des Pat. wurde verraten, daß letzterer das
Steigen des in die Achselhöhle eingelegten Thermometers durch
leises Klopfen an das obere Ende desselben erzeugte. Vortr. hat
sich überzeugt, daß man durch diese Manipulation bei jedem
Thermometer die Quecksilbersäule zum Steigen bringen kann.
W. Stckcl hat einen Full gesehen, in welchem ein Pat. sein
Thermometer am Thermophor eines Bettnachbar« wärmte und dadurch
Fietier vertauschte.
M. Benedikt; Heber Emanatioiiserscheinungen. In Er¬
gänzung seiner Demonstration in der vorigen Sitzung teilt Vortr.
mit, daß das Antimon eine spezielle Rolle unter den emanierenden
Substanzen einnimmt. Er hat Antimonpräparate in eine Eprouvette
gegeben und diese in Rotwein gesteckt, nach 24 Stunden schmeckte
der Wein wie ein kräftiger alter Wein; man muß annehmen, daß
eine Emanation durch das Glas hindurch stattgefunden hat. Die
alten Aerzte haben das Vinum emeticum in der Weise bereitet,
daß sie Rotwein auf Antimon aufgossen; trotzdem der Wein
emetische Eigenschaften annahm, wurde keine Gewichtsabnahme
des Antimons konstatiert. Dieser Versuch wäre mit neueren ver¬
feinerten Methoden nachzuprüfen. Die Emanationsfähigkeit von
Substanzen wird durch verschiedene Momente beeinflußt, darunter
auch z. B. durch das Wetter und den Magnetismus. Eisenfeilspäne
senden lichtblaue Strahlen aus, welche von ausgeruliten Augen in
der Dunkelheit wahrnehmbar sind. Legt man Schmiedeeisen in
den Meridian, so sendet das nach Norden sehende Ende blaue, das
nach Süden sehende rote Strahlen aus. Von Meteoreisen sieht man
in der Dunkelheit leuchtende Funken ausgehen. Die verschiedensten
Körper wirken in gleicher Weise auf die photographische Platte
in der Dunkelheit. Ueber die Art der Emanation ist nichts be¬
kannt, sie soll nach den verschiedenen Theorien aus Molekülen,
Atomen oder Ionen bestehen. Es zeigen sich hier Zusammenhänge
mit der Gravitation und mit der Zusammensetzung des Weltäthers,
welche eine sehr komplizierte sein muß. Charcot hat mit einem
Elektroskop Versuche darüber angestellt, ob auf der Haut elek¬
trische Spannungen vorhanden sind, er fand sie aber nicht, sondern
nur Spannungen biomechanischer Natur.
L. Freund erinnert an die Versuche von Hascliek über die
LumineszenzerschoinuDgen mancher Personen im dunklen Räume. Diese
beruhen auf der Oxydation von Trauspirntionsproduktcn. welche die Haut
abscheidet, darunter z. B. Buttersäurc und Azetessigsäure. Die Ema¬
nationserscheinungen werden gesteigert, wenn man Ozon über die Haut
leitet, dagegen verschwinden sie. wenn man Kohlensäure auf die Haut,
einwirken läßt oder letztere wäscht. Diese Emanationserscheinungen
zeigen auch die Kleider, welche von den Transpirationsprodukten durch¬
tränkt sind. Reichenhae h hat diese Strahlen Oddstrahlen genannt; die
für diese Strahlen sensiblen Personen dürften vielleicht solche sein, deren
Augen sich rasch an die Dunkelheit adaptieren.
M. Benedikt erwidert, daß er nur Tatsachen Vorbringen wollte,
deren Deutung derzeit freilich noch nicht möglich ist. H.
Wiener Dermatologische Gesellschaft.
M. Oppenheim; Impetigo contagiosa circinata. Am
Stamm besonders auf der Bauchhaut, in der Lendengegend des
5jährigen Knaben sieht man zahlreiche linsen- bis kronengroße,
runde, bläulichrote Effloreszenzen mit einem peripheren abge¬
hobenen Epithelsaum. Die größeren Effloreszenzen zeigen einen
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UNIVERSITY OF IOWA
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21. Februar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8.
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honiggelben Krußtensaum. Die Affektion sitzt in den oberflächlich¬
sten Lagen der Haut Hie und da findet man ein von einem roten
Hof umgebenes, wasserhelles Bläschen. Der negative Pilzbefund
spricht gegen Herpes tonsurans. — Hierauf zeigt 0. einen 32jähri-
gen Pat. mit Lupus erythematosus an der Stirnhaargrenze, den
Wangen und der hinteren Achselfalte. An Stirne und Wange die
narbige Form, an der Achselfalte eine flachhandgroße atrophische,
pigmentierte Stelle mit zigarettenpapierähnlich gefältelter Haut.
An der unteren Peripherie finden sich zwei elevierte, rote, zum
Teil krustenbedeckte Stellen. Die Tuberkulinreaktion ist negativ.
G. Sch erb er stellt eine 35jährige Frau mit Purpura annu-
laris teleangiectodes vor. .Besonders in den unteren Extremitäten
eine reichliche Aussaat von lichtbrauen, zum Teil ringförmigen,
von zahlreichen Teleangiektasien durchsetzten Effloreszenzen mit
deutlicher Begrenzung. Zwischen den Flecken kleinste Teleangi¬
ektasien. Vereinzelt finden sich solche Flecke auch am Stamm und
an der Wangenschleimhaut. Wassermann und Tuberkulinreaktion
negativ. Die Frau machte vor 12 Jahren nach einer Angina einen
Gelenksrheumatismus durch, der ein Vitium cordis hinterließ. In
der Zwischenzeit öfters Anginen und rheumatoide Schmerzen. Auch
während der jetzigen Affektion bestand eine Angina. Der Fall er¬
innert an die Beobachtung Liers, der nach Tonsillektomie solche
Purpura abheilen sah.
Li er hat außer dem von Sc herber jetzt zitierten Fall in der
Zwischenzeit zwei weitere derartige Beobachtungen machen können.
G. Scherber zeigt sodann einen 49jährigen Pat., der mit
13 Jahren an einer schweren chronischen Lungenaffektion litt.
Im Jahre 1890 Affektion am Skrotum, die als Lues behandelt
wurde. 2 Jahre später Gelenksschweilungen, die lange Zeit anti-
luetisch behandelt wurden. Wassermann stets negativ. Jetzt be¬
stehen Verdickungen an Hand-, Knie- und Sprunggelenken, durch
Flfissigkeitserguß bedingt. Röntgenologisch an den Knochen keine
Veränderungen. Besserung der Gelenksschwellungen durch künst¬
liche Höhensonne. Später traten auf Händen, Fußrücken und zwi¬
schen den Zehen linsengroße, rotbraune Knötchen auf, von denen
einzelne im Zentrum nekrotisierten und exulzerierten. Dann zahl¬
reiche kutan-subkutan gelegene, bohnen- bis haselnußgroße
Knoten, die Haut darüber bläulichrot. Die ersterwähnten Efflores¬
zenzen sind papulonekrotisches Tuberkulid, die letzterwähnten
Infiltrate sind ein Erythema iuduratum Baziii. — Ferner führt
Sch. einen 36jährigen Pat. vor, der seit mehreren Jahren an einer
heftig juckenden Hautaffektion leidet. An den Unterschenkeln und
am linken Oberschenkel findet man Gruppen von runden oder
ovalen stecknadelkopf- bis linsengroßen Knötchen von gelblich¬
rötlicher Farbe, die stellenweise zu Plaques zusammentreten. Es
handelt sich um einen Lichen Simplex Vidal.
Riehl fragt, ob eine Behandlung mit Kalilauge nach Spiegler
stattgefunden hat, da narbige Veränderungen vorhanden sind.
Hcherber gab an, daß dies nicht eruierbar sei.
G. Scherber demonstriert schließlich einen Fall von Arsen-
wythem. Das 20jährige Mädchen zeigte auf der Höhe einer
Arsenkur eine bläulichrote Verfärbung an Palmae und Plantae
mit beginnender Nekrose.
P. Rusch stellt eine 26jährige Frau mit Apizitis und Lupus
erythematodes der Nase, Oberlippe und Fingerkuppen vor. —
Hierauf zeigt R. eine 52jährige Frau, die am Stamm, an der seit¬
lichen und vorderen Thoraxpartie zahlreiche linsengroße, blaßrote,
glatte Knötchen aufweist. Die Außenflächen der beiden Scham¬
lippen sind mit solchen in parallelen Reihen dichtgedrängt stehen¬
den Knötchen besetzt. Die histologische Untersuchung ergibt
Syringozystadenom. Von den Zysten sind einige mit Hornzellen,
andere mit Kolloid erfüllt. An den Handflächen sieht man eine
Anzahl disseminierter kleiner, in der Mitte gedellter Knötchen, an
deren Oberfläche grauweiße Pünktchen durchschimmern. Histolo¬
gisch finden sich unterhalb des Papillarkörpers die oberflächlichen
Schichten des Koriumbindegewehes zu größeren Höhlen ausein¬
ander gedrängt, die mit kristallinischen Schollen erfüllt sind,
welche aus kohlen- und phosphorsaurem Kalk bestehen. Solche
Beobachtungen multipler interstitieller Kalkeinlagerun¬
gen der Kutis liegen auch von Riehl, Jadassohn u. a. vor.
Diese Alfektion besteht seit frühester Kindheit.
. Kieh 1 meint, daß die Hautveränderungen mit dem Syringozystadenom
nicht Zusammenhängen, Der von ihm in Leipzig beobachtete Fall hatte
multiple kleine Kalk enthaltende Tumoren an den Fingern. Die Erkran¬
kung wurde als Kalkgicht aufgefaßt. Der demonstrierte Fall zeigt eine
gewisse Aehnlichkeit mit seinem, namentlich durch das Fehlen einer
vorangegangenen entzündlichen Veränderung.
E. Spitzer demonstriert einen Fall von zoniformem liche¬
noiden Syphilid. Pat. seit Oktober erkrankt, wurde mit Hg be¬
handelt und bekam gegen Ende der Kuren ein korymböses Syphilid,
das auf vier Neosalvarsauinjektionen ä 0,3 verschwand. Im März
Auftreten eines papulokrustösen Syphilids. Während der jetzt vor¬
genommenen Injektionskur sind die zosterartig gruppierten liche¬
noiden Herde aufgetreten.
A. Brand wein er führt einen 31jährigen Mann vor, der am
linken Oberschenkel einen handtellergroßen, aus kleinen, bräunlich
durchscheinende Lymphe enthaltenden Knötchen besteht. Es handelt
sich um einLymphangioma circumscriptnm cysticum. — Hierauf
zeigt B. einen 25jährigen Selcher mit zwei handtellergroßen Herden
am Vorderarm, die kreisrund und mit Knötchen und Pusteln be¬
setzt sind. Es handelt sich um eine Trichophytie. — Endlich
demonstriert B. einen Fall von Primäraffekt an der Oberlippe
mit submaxillarer bilateraler Drüsenschwellung. Die 21jährige Pat.
ist vor 6 Wochen erkrankt.
O. Kyrie zeigt eine 48jährige Frau mit zahlreichen senilen
Warzen am Rücken und Kreuz. Einige derselben sind exulzeriert.
Histologisch ergab sich maligne Degeneration, und zwar das Bild
eines Krompechersehen Basalzellenkrebses.
0. Neugebauer demonstriert einen Fall von idiopathischer
Hautatrophie an beiden unteren Extremitäten bis zum Becken
hinaufreichend. Die Haut ist zigarettenpapierähnlich gefältelt,
blaurot, an den Unterschenkeln straff gespannt. Die Affektion be¬
steht seit 14 Jahren.
A. Königstein: Ueber multiple Xanthome bei Ikterus.
Ein Mann in den fünfziger Jahren leidet an einem schweren
Ikterus. Er bekam an der Beugeseite der unteren sowie an der
Streckseite der oberen Extremitäten, später auch an der Stirne
eine Aussaat erbsen- bis linsengroßer flacher Knötchen, die sich
in ihrer Farbe nur wenig von der umgebenden Haut unterscheiden.
Einzelne zeigen rötlichen Farbenton. Das Exanthem ist von einem
sehr heftigen Juckreiz begleitet und machte zuerst den Eindruck
einer urtikariellen Affektion. Doch erweckte die konstante Lokali¬
sation an derselben Stelle den Verdacht auf Xanthom, der durch
die histologische Untersuchung bestätigt wurde. Histologisch sieht
man in der Haut eine Art Granulationsgewebe, das aus Binde¬
gewebszellen, Lymphozyten und größeren wabigen Zellen besteht,
die eine sudanophile Substanz enthalten, die sich im Polarisations¬
mikroskop als doppeltbrechend erweist. Für den Zusammenhang
von Ikterus und Xanthom ist vielleicht noch folgende Beobachtung
von Interesse: Untersucht man die Haut Ikterischer, so findet man
meist keine histologischen Anhaltspunkte für den Ikterus, in ein¬
zelnen Fällen jedoch im Papillarkörper Pigment, das eine doppelt¬
brechende Substanz, wohl Cholestearin, enthält. Dieser Nieder¬
schlag von Cholestearin kann die Veranlassung zur Xanthom-
bildung geben (Demonstration der Moulage und der histologischen
Präparate des Falles).
W. Li er zeigte die bereits auf dem Kongresse vorgestellte
Pat. mit Staphylodermia vegetans. Durch intramuskuläre, später
intravenöse Behandlung mit autogener Vakzine wurde erhebUche
Besserung erzielt. Nach Aussetzen der Behandlung entwickelten
sich aus den Resten neue serpiginös fortschreitende Pustelherde.
Auch die behaarte Kopfhaut erkrankte. Die primäre Effloreszenz
ist eine Pustel, aus der noch im geschlossenen Zustande Staphylo-
coccus pyogenes in Reinkultur gewonnen werden kann.
Riehl hält die Affektion für eine zum Pemphigus vegetans ge¬
hörige Pyodermite vegetante Hallopeau.
M. Schramek hat einen ähnlichen Fall als Pemphigus vegetans
vorgestellt, bei dem monatelang keine Blasen, sondern nur Epifchelsätime
am Rande der vegetierend in typischer Ausbreitung vorhandenen Herde
sich fanden. Bei inteikurrenten fieberhaften Affektionen ging die Erkran¬
kung regelmäßig stark zurück, weshalb Sch. die Tuberkulinbehandlung
anwandte. ”
Brandweiner hat einen ähnlichen Fall vor 13 Jahren auf der
Klinik Neumann gesehen, der von Neumann als Pemphigus vegetans
erklärt wurde.
Lier: Das Fehlen einer Blasenbildung, das Vorhandensein von
Staphylokokken in den kleinsten, stets pustelartigen primären Efflore¬
szenzen, die positive Agglutination von Staphylokokken durch das Pa¬
tientenserum, der Nachweis von Staphylokokkenantikörpern im Blute,
die Züchtung aus dem Blut, der Nachweis im histologischen Schnitt
sprecheu für eine reine Staphylokckzie. Bei Vakzineinjektion trat nie
Fieber auf, trotzdem wesentliche Besserung, so daß eine reine Fieber¬
wirkung ausgeschlossen erscheint.
0. Kren führt eine 51jährige Frau vor, die im März 1913
mit Schwellung der rechten Supraklavikulardriisen und starkem
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8.
21. Februar.
2 32
Hautjucken erkrankte. Es fand sich eine Urtikaria mit kleinen
papulösen Quaddeln. Blutuntersuchung und Probeexzision aus einer
Drüse ergab typische Lymphogranulomatose Paltauf-Stern-
berg. An den inneren Organen keine Veränderungen. Pirquet und
Stichreaktion positiv. Röntgen und Arsen besserten das Blutbild,
aber nicht das Jucken. Ein ähnliches Krankheitsbild beobachtete
K. bei einem 32jährigen Pat. mit gleich lokalisierter Drüsen¬
schwellung und Urtikaria. Trotzdem sich bei der Lymphogranuloma¬
tose häufig ein unverändertes Blutbild zeigt, ist für die meisten
Fälle doch eine Vermehrung der polymorphkernigen Leukozyten
und großen Mononuklearen und eine Verminderung der Lympho¬
zyten charakteristisch.
R. 0. Stein stellt einen Pat. mit Ulzerationen im Gesicht,
vor, die durch den Gilchristschen Parasiten bedingt sind
(Blastomyzeten). Die Parasiten wurden im Geschwürsgrund
und in den Lymphdrüsen gefunden. Sie sind in Gruppen an ge¬
ordnet und zeigen Sprossungsvorgänge.
Oppenheim teilt mit, daß er und Löwenbach im Jahre 1903
einen Fall von Blastomykosis hier vorgestellt habeD. Es handelte sich
um kleine Knötchen und Zystchen auf narbig verändertem Gewebe der
Nase mit Perforation des Septum und einem großen Ulkus am Nasen¬
flügel. In den Knötchen fanden sich zahlreiche Hefepilze. Der vorge¬
stellte Fall unterscheidet sich wesentlich von dem damaligen und wurde
von 0. im Vorjahr in Triest gesehen. Die Sekretuntersuchung auf
Blastomyzeten fiel negativ aus. In den Schnitten nachweisbares tuber¬
kuloseähnliches Gewebe veranlaßte ihn zur Diagnose Tuberculosis verru¬
cosa. Der derzeitige akute Nachschub ermöglichte die richtige Diagnose.
G. N o b I demonstriert einen Fall von ausgebreitetem Lichen
ruber planus an den Beinen, der Bauch- und Lendengegend eines
10jährigen Knaben. Die Mundhöhle ist frei. Schon vor 4 Jahren
hatte das Kind an der gleichen Stelle die Erkrankung durch¬
gemacht.
K. Ullmann zeigt einen Fall von Psoriasis vulgaris, der
auf intravenöse Injektion von Solutio Fowleri bis zu 3,2 g pro dosi
zunächst keine Aenderung der Effloreszenzen aufwies und bei dem
nach interner Einnahme Abheilung mit Hinterlassung von brauner
Arsenpigmentierung erfolgte.
W. Pick führt ein 9monatliebes Kind mit Urticaria
xanthelasmoidea vor. — Hierauf einen Pat. mit Salvarsan-
nekrose in der Ellenbeuge. Pat. bekam vor 2 Monaten 0,6 Neo-
salvarsan in 100 Wasser irrtümlicherweise anderen Orts paravenös
injiziert. Die anfangs heftigen Schmerzen klangen sehr bald ab,
so daß er nach einigen Tagen seinem Beruf wieder naebgehen
konnte. 8 Tage später brach die Injektionsstelle auf und es ent¬
wickelte sich ein schmerzloses Geschwür mit nekrotischer Basis.
Nach Abstoßung der nekrotischen Massen zeigt sich jetzt ein
glattes, bis auf den Muskel reichendes Ulkus. U.
Königliche Gesellschaft der Aerzte in Bndapest.
Sitzung vom 16. Januar 1915.
D. Mandel (Interne Klinik R. Bälint): Fall von Rück-
fallsfleber. Pat. wurde am 12. Dezember 1914 mittelst Schiffes
wegen einer Schußwunde vom südlichen Kriegsschauplatz nach
Budapest gebracht. Nach zweitägigen Prodromen stieg die Tempe¬
ratur auf 39,9°, Milz stark vergrößert, profuse Stühle. Das Fieber
bestand mit kleinen Remissionen durch 6 Tage. Wegen Verdachtes
auf Abdominalis der III. internen Klinik überstellt. Obere Grenze
der Milzdämplung beginnt an der VI. Rippe, untere drei Finger
unterhalb des Rippenbogens, gegen die Brust übersteigt sie mit
2 Querfingern die innere Axillarlinie. Zunge stark belegt; Puls¬
anzahl 120. Kritische Deferveszenz während der Nacht; Diarrhöen
hören nach Bolus alba auf; Milztumor geht rasch zurück. Nach
Btägigem afebrilen Zustand steigt die Temperatur wieder unter
Frost, Kopfschmerz, Abgeschlagenheit auf 39°, Zunge wieder dick
belegt, Puls 120, Milz auf früheren Umfang vergrößert. Wegen
Verdachtes auf Rekurrens Blutuntersuchung, die Obermeiersche
Spirochäten und geringgradige Leukozytose ergibt. Der kritische
Abfall trat am 5. Tag pünktlich ein, deshalb Abstand von der
beabsichtigten Salvarsanmedikation. An der Klinik beherbergen
sie derzeit eine in Budapest entstandene Rekurrenserkrankung.
L. v. Aldor beobachtete in einem hiesigen Kriegsspital einen
ähnlichen Fall von Febris recurrens, der Fiebergrade von 40.8 und Re¬
missionen bis 34,8° und außer Milztumor charakteristische gelbe Ver¬
färbung der Gesichtshaut aufwies. Wegen zunehmender Herzschwäche
und Dyspnöe wandte er Kardiaka an (Digalen intravenös, Digipur&tum
per 08 ), ferner 0,5 Chinin zweimal täglich mit Erfolg. Salvarsan war
wegen der Herzschwäche kontraindiziert. Bei uns verläuft der Rekurrens
milder.
I. v. Eliseher (Interne Klinik Koränyi): Polyserositis
mit Röntgen behandelt. Der 18 Jahre alte Pat. klagt über
Atembeschwerden, bemerkt eine Vorwölbung der Lebergegend.
Status: Rechte untere Brusthälfte stärker vorgewölbt, Herzdämp¬
fung reicht nach auswärts bis zur Mammillarlinie, rechts übergeht
sie in eine Dämpfung, die nach rückwärts zu verfolgen ist und in
der paravertebralen Linie beim VI. Brustwirbel beginnt. Auf der
1. Seite gleichfalls eine Dämpfung, die vorn am oberen Rand der
VII. Rippe und hinten in der Höhe des VII. Wirbels beginnt.
Oberhalb der rechten Lunge auch sonst gedämpfter Perkussions¬
schall; hierselbst neben bronchialem Atmen Knisterrasseln. Ueber
dem Herzen pneumoperikardiale Reibegeräusche. Leber in toto
vergrößert, hart, druckempfindlich, den Rippenbogen drei Finger
breit überschreitend. Im Bauch freie Flüssigkeit; Milz, Harn nor¬
mal, Sputum bazillenfrei. Röntgen zeigt verbreiterten mediastinalen
und Herzschatten; oberhalb des rechten Diaphragmas der Lungen-
basis entsprechend mehrere disfcinkte, verschieden große, unregel¬
mäßige, stellenweise konfluierende Flecke. Aus der Gegend des
Hilus ziehen gegen die Lungenspitze den peribronchialen Lymph¬
gefäßen und Knoten entsprechende Schatten. Oberhalb des 1. Dia¬
phragmas ein breiter, diffuser, intensiver Schatten; das Zwerch¬
fell macht beiderseits bei der Atmung nur kaum bemerkbare Dis¬
lokationen. Diagnose auch auf Grund der abendlichen Temperatur¬
erhöhungen: Polyserositis verosimiliter tuberculosa. Therapie:
Diuretika, Digitalis, Capessersalbe, doch ohne Erfolg. Nun wird
die Röntgenbestrahlung der Leber angewandt, wobei stets 10 x
mit harter Lampe durch ein 3 mm-Aluminiumfilter in wöchent¬
licher Pause dosiert werden. Insgesamt 7 Bestrahlungen, doch
erst nach der 5. Bestrahlung andauernde subjektive und objektive
Besserung zu konstatieren. Küpferle und Fränkel empfahlen
die Röntgenbestrahlung auf Grund ihrer Tierversuche gegen die
Tuberkulose als souveränes Mittel.
A. v. Koränyi: Abdominalisbehandlung mit Ichikawa-
scher Vakzine. Mit letzterer, die aus sensibilisierten und nachher
mit Phenol abgetöteten Typhusbazillen besteht, behandelte er
29 Typhusfälle. Die wirksame Dosismenge der hierzulande von
Fengoessy (Hygienisches Institut) bereiteten Vakzine liegt bei
0,4—0,5 ccm. Mit intravenöser Anwendung der wirksamen Dosis
behandelte er 24 Fälle; während der Ausprobierung der Dosis¬
menge wurden 5 Fälle mit mehr minderen größeren Dosisraengen
behandelt. Der Injektion folgt eine Reaktion: Unter Schüttelfrost
hohes Fieber, nachher Temperaturabfall. Resultat der Reaktion ist
eine die Krankheit beendende Krisis oder rasch folgende Lysis,
auch neben verschieden großer Besserung Fortdauer der Krank¬
heit resp. Ausbleiben des Erfolges. Unentschieden bleibt noch, was
wir von einer Repetierung der Vakzination zu erwarten haben.
Zur kritischen Beendigung des Typhus bestehen große Aussichten
beim Beginn der Erkrankung, späterhin geringere. Es ist deshalb
die frühzeitige Erkennung des Typhus auf Grund bakteriologischer
Untersuchung wichtig.
R. Bälint behandelte 33 Typhusfälle nach Joch mann und den
Prinzipien der deutschen Schule mit reichlicher Ernährung und sah hier¬
von keinen Schaden. In 18 Fällen wandte er die Ichikawa-Vakzine in
einer Dosis von 0,5 ccm an, die, je früher angewandt, ein sehr wertvoller
Heilfaktor ist. ^
K. Preisich: Nach Ichikawa behandelte er 22 Fälle. Besorgnis
flößen ihm die nach Vakzination aufgetretenen großen Temperatur¬
schwankungen ein, deren höchste 42°, die niedrigst meßbare 33° war.
Die große Reaktion mahnt zur Vorsicht. Einmal sah er Tod in 24 Stunden
nach Anwendung von 1 ccm Vakzine.
A. v. Koränyi: Preisich nahm zu hohe Dosen. Er will durch
eine Saminelforschung die Frage klären und stellt diesbezüglich einen
Antrag an den Direktionsrat der königlichen Gesellschaft der Aerzte.
Berliner Medizinische Gesellschaft.
Sitzungen vom 23. Dezember 1914 und 6. Januar 1915.
Diskussion zu dem Vortrage Lewandowskys: Ueber
Kriegsverletzungen des Nervensystems.*)
H. Oppenheim: In den wesentlichen Punkten stimmt 0. dem
Vortr. zu. Das gilt zunächst über das, was über die chirurgische Be¬
handlung der Schädelschüsse gesagt wurde. Die späteren stabilen Sym¬
ptome bilden selten das Objekt operativer Behandlung. Sie sind in weitem
Umfang der spontanen Rückbildung fähig, besonders Aphasie, Alexie,
*) S. M. Kl. 1915, Nr. 7.
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21. Februar.
1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8.
238
Hemianopsie, und zwar bei der letzten bis zur völligen Rückbildung der
Sebstöruog. Das Rückenmark ist sehr empfindlich gegen plötzlich ein-
setzenden Druck. Ist also vor Monaten eine Verletzung des Rücken¬
marks eingetreten, die eine völlige Vernichtung der Rückenmarkfunk¬
tionen herbeigeführt hat, so wird man dem Rückenmark nach Wochen
und Monaten durch • Entfernung des Geschosses aus dem Wirbelkanal
nur wenig nützen. Die Totalläsion ist aber immerhin noch bestimmend,
ein operatives Eingehen zu befürworten im Hinblick auf die trostlose
Lage der Kranken. Ein Schimmer von Hoffnung könnte die Empfehlung
rechtfertigen. Die partiellen Lähmungen des Rückenmarks infolge von
Scbußverletzungen sind in weitem Maß der Rückbildung fähig. So ver¬
fügt 0. über 6 Fälle eigener Beobachtung im Nervenlazarett, die wieder
gehffihig geworden sind. Der sichere Nachweis eines Geschosses im
Wirbelkanal läßt die Empfehlung eines operativen Eingriffs berechtigt
erscheinen. Man kommt aber kaum einen Schritt weiter als ohne Ope¬
ration. Die Operation peripherischer Nerven, die sich nach 6—8 Wochen
nicht erholt haben, ist nicht in jedem Fall* zu empfehlen. Das weiß
man schon aus den Erfahrungen im Frieden. Es kann nach Monaten noch
Besserung und völlige Heilung eintreten. Man hat auch bei Schußver¬
letzungen noch nach Monaten Besserung eintreten sehen. Der operative
Eingriff ist oft auch wegen der Verwachsungen, Schwielen, Neurom-
büdungen usw. nicht einfach, so daß es zu Nebenverletzungen, namentlich
bei Operationen am Plexus kommt. Man wird zwar nicht immer die
Operation vermeiden können, aber man soll mindestens 3 Monate warten.
Die Kriegsneurosen werden uns noch viel beschäftigen. Die Verletzungs¬
neuralgien trotzen oft jeder Behandlung.
Peritz: Das Beobachtungsmaterial ist bis jetzt sehr einseitig.
Man siebt vorwiegend Fälle, die verhältnismäßig leicht sind, so daß sie
transportabel sind. Es verhält sich ähnlich wie mit den Fällen von Te¬
tanus, über dessen Behandlung die Ergebnisse im Feld und bei uns stark
differieren. Unter den Verletzungen peripherischer Nerven sind solche
zu beobachten, bei denen trophische Störungen auftreten und die oft
unter großen Schmerzen verlaufen. Gegen diese Schmerzen hat P., da
andere Behandlungsmethoden, besonders auch Injektionen versagten, das
Orimalz angewendet und glaubt gute Resultate zu erzielen, hält aber die
Zahl der Beobachtungen noch für unzureichend, um sichere Schlüsse
zu ziehen.
Rothmann: Bei Verletzungen des zentralen und des
peripheren Nervensystems geht R. außerordentlich konservativ vor.
Penetrierende Schädelscbüsse zwingen nicht immer sofort zu operativen
Eingriffen, weil die Verhältnisse im Felde sehr ungünstig für eine Ope¬
ration sind. Wenn man nach 10—12 Tagen operiert, kann man, abge¬
sehen von den Fällen schweren Hirndrucks, immer noch den Gefahren
rechtzeitig begegnen. Im Feld ist kein Platz für einen Neurologen. Das
ist zu bedauern, weil die Indikation zu einer Operation am Zentralnerven¬
system oft nur vom Neurologen gestellt werden kann. Neben den Abszessen
und den tiefen Schädeldepressionen sind noch hämorrhagische Zysten zu
nennen, die operativ anzugreifen sind. R. demonstriert einen Pat., bei
welchem eine Kugel von der Stirn aus quer durch den Schädel hindurch¬
gegangen war und bei dem jetzt nur noch eine Hemianopsie vorhanden
ist, während alle andern Symptome (Lähmung usw.) verschwunden sind.
Die Rückenmarkverletzungen sind nicht allzu pessimistisch zu beurteilen.
Selbst wenn nur Teile des Rückenmarks erhalten sind, kann es zu er¬
staunlichen Restitutionen kommen. Es gibt eine Menge Fälle, die total
gelähmt sind und sich restituieren. Wenn nicht ganz bestimmte Indi¬
kationen vorliegen, soll man die Hand vom Rückenmark lassen. — Die
peripheren Verletzungen sind auch konservativ zu behandeln. Noch nach
( und 8 Monaten kann es zu Restitutionen kommen. Wenn völlige Durch¬
trennung vorliegt, würde man durch Warten allerdings ungünstige Be¬
dingungen setzen, aber dem gegenüber stehen die Fälle, bei denen
beginnende Restitutionen, die man ja nicht diagnostizieren kann, durch
den operativen Eingriff geschädigt werden. Heftige Schmerzen sind charak-
■ wv * raiima rische Nervenverletzungen. Novokaineinspritzungen
m die Nervenmasse sind ein gutes Heilmittel dieser Schmerzen, Konus-
verJetzungen heilen zum Teil sehr gut. Die durchschossenen Nerven
wnn man später einander nähern. Bei der Behandlung der Verletzungen
es Nen ensystems ist Uebungstherapie das wesentlichste. Orthopädische
mugie und Neurologie haben gemeinsam die Aufgabe, die Entstehung
von Krüppeln zu verhindern.
.Senda demonstriert pathologisch-anatomische Präparate von
Verletzungen des Zentralnervensystems.
ü. n L ?, c ^ Ußt ® r berichtet über eine Reihe von Schußverletzungen eigener
. .. cbtu ng. Sch. fordert für Frühoperationen ganz bestimmte Indi-
Bei v! n i t Verlet ? un gen der Wirbelsäule geht er konservativ vor.
0 ■ Peripherischer Nerven soll man lange warten, ehe man
’ - Vßte rische Erscheinungen hat er vorwiegend nach Granat¬
kain Gegen die Nervenschmerzen hat er mit Novo-
KWn ^ Eukain gute Resultate gesehen.
OttfriUmn : Eine Schere Bestimmung des Zeitpunktes der
Uninrf -® 1 Schußverletzungen peripherischer Nerven läßt sich auf
Fälln . ori £ en Erfahrungen nicht machen, da selbst die ältesten
ebenso a * fl ^ Monate sind. Der elektrische Befund ist
Fällen von *^®densverletzungen * n ei ner sehr großen Anzahl von
elektrisch« aus8 . ch laggebender Bedeutung. Wenn man genaue quantitative
®an dahin a r ? m . un 8 e ? macht und diese regelmäßig verfolgt, so kommt
der « denjenigen Fällen, bei denen ein rasches Erlöschen
gai wischen Erregbarkeit erfolgt, die Prognose schlecht ist, während
diejenigen Fälle, bei denen die Erregbarkeit nicht erlischt, trotz Ent¬
artungsreaktion die Prognose gut ist. Allerdings gibt es auch Aus¬
nahmen. Man soll also bei den Fällen mit erhaltener galvanischer Erreg¬
barkeit 6 bis 8 Monate und noch länger warten, ehe man operiert. Die
beste Uebung der gelähmten Muskeln erfolgt durch den galvanischen
Strom.
Krön spricht die Lähmung nach zu langem Liegen des Esmarcfi¬
schen Schlauches als Kompressionslähmung, nicht als ischämische Läh¬
mung an und berichtet über einen Fall seiner Beobachtung, hei dem im
Anschluß an eine Operation wegen Aueurysma der Arteria axillaris eine
Lähmung des Plexus brachialis aufgetreten war, die er als eine Folge
der bei der Operation erforderlichen Drehung des Oberarms und dadurch
bedingten Kompression durch den Humerus ansieht.
v. Hansemann demonstrierte pathologisch-anatomische Präparate
von Verletzungen der Wirbelsäule und des Rückenmarks. Um die Art
der Verletzung an der Wirbelsäule zu erkennen. muß man anders Vor¬
gehen, als es für neurologische Zwecke üblich ist. Man muß die Wirbel¬
säule in der Mitte durchsägen. Den Schußkanal entdeckt man hei einer
Reihe von Fällen, die oft ein monatelanges Krankenlager bis zu ihrem
Tode hatten, gar nicht, wenn man die Wirbelsäule äußerlich betrachtet.
Oft kann man ihn nur nach Mazeration entdecken. Mitunter ist es selbst
erforderlich, die Wirbelkörper durchsichtig zu machen.
Laqueur empfiehlt gegen Neuralgien nach Schußverletzungen
warme Bäder und Fango. Von der Anwendung der Diathermie hat er
in einigen Fällen Erfolge gesehen. Tn leichten Fällen von Lähmung und
hei Pseudolähmungen ist die Anwendung der Elektrizität sehr wirksam
und beschleunigt die Heilung.
Hans Kohn beobachtete einen Patienten, bei dem 3 Tage nach
der Verletzung ein Tetanus sehr schwerer Art auf trat. Mit Magnesium-
sullat subkutan und intravenös angewendet, wurde eine erfolgreiche Be¬
handlung durchgeführt. Die intravenöse Injektion unterdrückte wie mit
Zauberschlag die lebensgefährlichen Schlingkrämpfe. Notwendig ist, daß
man sich der Behandlung solcher schwerster Fälle völlig widmen kann.
Ben da weist darauf hin, daß man den neurologischen und patho¬
logisch-anatomischen Verhältnissen bei der Gewinnung der Präparate
gleichzeitig gerecht werden kann.
Max Rothmann: Bei den meisten Fällen ist ein gewisses hyste¬
risches Moment vorhanden und daher kann man therapeutisch sehr gut
auf diese Fälle einwirken. Auch bei den Schmerzen dürfte ein funktio¬
nelles Moment eine Rolle spielen. In vielen Fällen sind die Schmerzen
bei schweren Verletzungen in den unteren Körperahsehnitten durch epi¬
durale Injektionen außerordentlich gut zu beeinflussen. Für gewisse
desolate Fälle empfiehlt R. die Dmchschueidung der Vorderseitenstränge
des Rückenmarks in einer gewissen Höhe.
Oppenheim: Zustände der Hysterie kommen hei Verletzungen
oft vor. aber weit häufiger ist die Kombination mit Neurasthenie. i)ns
Paquelinverfähren bei Verletzungen des Ischiadikus hat ihn im Stiche
gelassen. Der galvanische Strom ist in Fällen schwerer Lähmung sohr
empfehlenswert. F.
Niederrheinische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde
in Bonn.
Sitzung vom 26. Oktober 1914.
Finkelnburg: Demonstrationen von Schnßyerletzangen
des Rückenmarks. Der erste Fall kam 17 Tage nach der Ver¬
letzung zur Beobachtung. Im Röntgenbild sah man die quer-
gestellte Kugel in der Gegend des fünften und sechsten Brustwirbels.
Es bestand eine totale Paraplegie, einschließlich der Bauch- und
JRückenmuskeln, Sensibilitätsstörungen vom sechsten Dorsalsegment
ab, Blasen-Mastdarmlähmung und ein ausgedehnter, tiefer Deku¬
bitus. Da unzweifelhafte Verletzungen der Wirbel nach dem
Röntgenbild Vorlagen, 17 Tage nach der Verletzung die nervösen
Erscheinungen noch in der gleichen Intensität wie zu Anfang be¬
standen und bei dem schweren Dekubitus die Gefahr der Sepsis
drohte, ließ F. den Pat. durch Capelle operieren. Bei der Ope¬
ration fand sich der Schußkanal zwischen den Spangen des vierten
und fünften Brustwirbels durchgehend und letztere verletzt. Der
Kanal war mit feinen Knochensplittern ausgefüllt. Die Dura war
intakt, hochiivid, das Rückenmark unter derselben flach, keine
Pulsation zu fühlen. Nach Erweiterung des Knochendefekts hob
sich die Dura wieder und bekam eine blasse Farbe. Es hatte sich
also wohl um einen leichten Druck mit Steigerung gehandelt.
Gleich darauf erfolgte der Exitus. Mikroskopisch fand sich nun in
der Gegend der Verletzung etwa in der Ausdehnung eines Seg¬
ments ein zentraler Erweichungsherd, daneben aber ein diffuser
Achsenzylinderausfall fast im gesamten Rückenmarksquerschnitt.
Ein solcher fand sich auch noch fern von der Verletzung im
Lendenmark. Es handelt sich also hier um diffuse Erschütterungs¬
erscheinungen. Diese sind nun sicher einer weitgehenden Besserung
und Wiederherstellung der Funktion fähig, wie zwei weitere von
F. beobachtete Fälle, welche demonstriert werden, zeigen. Bei dem
einen hatte eine Schrapnellverletzung des Dorsalmarks stattgefunden.
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UNIVERSUM OF IOWA
234
1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8.
2t. Februar.
Drei Wochen lang bestand eine vollständige Paraplegie der Beine.
Dann besserte sich dieselbe allmählich. Jetzt kann der Pat. wieder
gehen, wenn auch der Gang noch stark spastisch ist. Die motorische
Kraft ist wieder völlig hergestellt. Es müssen beide Pyramiden¬
bahnen betroffen sein. Im letzten Pall hatte ein Geschoß den
Conus term. getroffen. Es bestand völlige Unmöglichkeit, die Blase
zu entleeren. Nachdem Pat. vier- bis fünfmal mit Diathermie be¬
handelt worden, kehrte langsam die Fähigkeit, den Urin zu ent¬
leeren, wenn auch anfangs nur mit großer Kraftaufwendung, wieder.
Auch jetzt ist dieselbe noch etwas mühsam; es bestehen noch
Sensibilitätsstörungen im dritten bis fünften Sakralsegment. Man
hat also das Hecht und die Pflicht, bei Schußverletzungen des
Rückenmarks abzuwarten, wenn nicht grobe, im Röntgenbilde
sichtbare Verletzungen der Wirbel einen operativen Eingriff in¬
dizieren.
Cr am er: Ueber kriminelle Fruchtabtreibung. C. berichtet
über einen von ihm beobachteten Fall, bei dem sich eine ent¬
sprechend gebogene Haarnadel in einem Abszeß im Douglas fand.
(Gerichtliche Obduktion.) Er betont, wie wenige Fälle von krimi¬
nellen Abtreibungen zur Kenntnis kommen von den tatsächlich
vorgenommenen, und bespricht die verschiedenen Vorschläge, die
von Aerzten und Sozialpolitikern zur Verminderung dieses Ver¬
brechens gemacht worden sind. Ls.
Kriegschirurgische Abende zu Lille (Frankreich).
Sitzungen vom 23. und 30. Dezember 1914.
Sauerbruch berichtet an der Hand eines Präparates über
eine seltene Kriegsverletzung. Es handelte sich um einen
30jährigen Artilleriehauptmann, der als Beobachtungsoffizier im
Schützengraben kommandiert war. Während seines Aufenthaltes in
einem Unterstände schlug eine Granate in diesen ein. Große Erd-
und Geröllmassen wurden gelöst und verschütteten ihn. Nur mit
Mühe konnte er von den Mannschaften wieder herausgegraben
werden. Er befand sich in einem schweren Allgemeinzustande, von
dem er sich auch noch nicht erholt hatte, als er etwa 3 Stunden
später in das Feldlazarett 1 eingeliefert wurde. Die Untersuchung
ergab folgendes: Auffallende Blässe des Gesichtes mit Zyanose der
Lippen, Nase und Ohren. Der Puls klein, sehr frequent. Ausge¬
sprochene Preßatmung mit Schonen der linken Seite. Rippenfraktur
war nicht nachzuweisen, dagegen wird dreimal mit Schleim etwas
Blut ausgehustet. Die Perkussion ergibt hochgradige Tympanie
über der ganzen linken Brustseite, daneben kaum handbreite
Dämpfung in den unteren Abschnitten, die als totaler Pneumo¬
thorax gedeutet wird. Herz stark nach rechts verschoben. Wegen
der Art der Verletzung, der charakteristischen Preßatmung, des
Bluthustens, des ausgedehnten Pneumothorax ist die Diagnose auf
eine Lungenruptur mit Spannungspneumothorax gestellt. Wegen
des sehr schlechten Allgemeinzustandes wird von einer Therapie
abgesehen. Nach 2 Stunden Tod. Bei der postmortalen Eröffnung
des Thorax findet man den maximal geblähten Magen in toto im
linken Pleuraraume, die Lunge, vollständig extrahiert, an der
Wirbelsäule liegend. Der Magen füllt fast die ganze Pleurahöhle
aus und drängt das Herz stark auf die andere Seite. Die Lunge
zeigt im Unterlappen eine kleinfaustgroße, mit Flüssigkeit gefüllte
Blase. Die Flüssigkeit befindet sich unmittelbar unter dem Pleura-
überzuge. Daneben läßt sich an kleinen Luftblasen in dieser
Flüssigkeit eine Verbindung mit dem Bronchialbaum erkennen.
Dieser Befund wird als Folge supleuraler Lungenruptur gedeutet.
Auch auf der anderen Lunge mehrere, nur bedeutend kleinere, ähn¬
liche Befunde. Im Mediastinum, namentlich im hinteren Abschnitte
desselben, ausgedehnte Sugillationen. Das Zwerchfell ist auf der
linken Seite in maximaler Inspirationsstellung. Das Zentrum ten-
dineum hat einen frontal verlaufenden Riß von etwa 1 cm Länge,
durch den der Magen intrapleuralwärts durchgetreten ist. In der
Umgebung dieser Rißstelle zahlreiche kleine Blutungen. Schließlich
findet sich noch auf der Außenfläche der Milz eine Quetschungs¬
furche, die in ihrem Verlaufe der zwölften Rippe entspricht. Es
handelt sich um eine typische Verletzung, die in diesem Alter als
eine außerordentliche Seltenheit bezeichnet werden muß. Bei Ver¬
schüttungen, Ueberfahrenwerden kann ein jugendlicher, elastischer
Thorax durch Einbiegen der Rippen erheblich verkleinert werden,
ohne daß dabei eine Fraktur oder Infraktion auftritt. Beim Nach¬
lassen der komprimierenden Gewalt federn die Rippen in ihre
alten Stellungen zurück. Die plötzliche Volumenverkleinerung des
Thorax muß die in seinem Innern liegende geblähte Lunge allseitig
verkleinern. Da nun gewöhnlich gleichzeitig ein reflektorischer
Glottisschluß eintritt, kommt meist durch die plötzliche Verkleine¬
rung eine akute Spannungszunahme der Lungenluft zustande. Sie
kann zu einer Ruptur des Lungengewebes führen. Das Zurück¬
federn der Rippen spannt plötzlich das zwischen ihnen und der
Wirbelsäule angehängte Zwerchfell an und führt zur Zerreißung
des sehnigen Mittelstücks. Durch diesen Mechanismus sind die be¬
schriebenen Verletzungen auch in dem vorliegenden Fall zu er¬
klären. S. hat im Frieden derartige Fälle mehrfach beobachtet und
einige mit Erfolg operiert.
Wullstein: Die Ursachen der Gangrän. Nach seiner
Meinung spielt bei derjenigen Form von Gangrän, die nach Ver¬
letzungen zustande kommt, der Druck des Hämatoms auf die Um¬
gebung eine große Rolle. Er behindert die Entwicklung eines ge¬
nügenden Kollateralkreislaufs, die wichtigste Vorbedingung für
eine genügende Ernährung des Gliedes. Gefäßverletzungen sind
besonders dann gefährlich, wenn Arterie und Vene betroffen sind.
In günstigen Fällen sterben die Pat. nicht, sondern es kommt zur
Bildung eines Aneurysmas. Er empfiehlt möglichst frühzeitige
Unterbindung oberhalb der Verletzungsstelle. Technisch sind die
Unterbindungen kompliziert und Verfahren, wie Naht und der¬
gleichen vorzuziehen. In den Vordergrund seiner Besprechung
stellt er die Entstehung von Gasphlegmone. Nach seiner Mei¬
nung spielt der Druck des entstandenen Gases auf die Gewebe
eine ähnliche Rolle wie der sublasziale Bluterguß. Auch hier soll
durch Kompression der Gefäße die Ernährung des Gliedes er¬
schwert werden. Aus dieser Ueberlegung folgert er, daß möglichst
große Entspannungsschnitte gemacht werden sollten, um den
Druck in dem Gewebe zu beseitigen, um so mehr, als auf diese
Weise eine sehr wirksame Ableitung der Wundsekrete erreicht
wird. In vielen Fällen aber kommt man mit dieser Maßnahme
nicht aus. Der Prozeß schreitet weiter fort und bedroht das Leben
durch die Allgemeinwirkung der Gifte. Hier kommt nur die Am¬
putation in Frage. W. amputiert stets noch in der ödematösen
Zone mit Hilfe eines einseitigen Zirkelschnittes ohne Naht.
Borst hebt hervor, daß die Grundlage einer jeden Gangrän Zir¬
kulationsstörungen sind; namentlich Stase und Thrombose spielen die
Hauptrolle. In diesem Sinne kann B. auch dem Druck eines Hämatoms
oder des Gases bei der Gasphlegmone eine gewisse Wirkung nicht ab¬
sprechen. Unter Gasgangrän im engeren Sinne versteht man die unter
dem Fränkelschen Bazülus hervorgerufene Gasphlegmone. Sie ist nach
seiner Meinung seltener als eine durch verschiedene Bakterien hervor¬
gerufene Fäulnis. Die Luftblasen, die aus Schußwunden häufig mit der
Wundflüssigkeit entleert werden, sind sehr oft weiter nichts als durch
die Autolyse entstandene Gasblasen, die mit einer Gasgangrän im engeren
Sinne des Wortes nichts zu tim haben.
Enderlen (Würzburg) hat im Anfang des Feldzuges viel mehr
Gasphlegmonen, auch nach Infanterieverletzungen, gesehen als jetzt. Er
glaubt, daß die Hitze im Beginne des Feldzuges dafür verantwortlich zu
machen ist. So lange im peripheren Teil der Puls noch fühlbar ist,
spaltet er breit; sonst zieht er die Amputation vor.
Franz und Stich haben das Auftreten einer Gasphlegmone
längere Zeit nach der Verletzung im Hospital beobachtet. Für die Be¬
handlung der Aneurysmen empfiehlt man die Unterbindung unmittelbar
oberhalb der Verletzungsstelle.
Seefisch empfiehlt möglichst frühzeitige Unterbindung der Gefäße
bei Aneurysmen. Nach seiner Meinung ist die Gangrän lediglich die
Folge einer schweren Infektion. Er warnt dann noch vor zu häufiger
und intensiver Anwendung der Esmarchschen Binde.
Hei nicke hat auch Schädigungen von Gliedmaßen durch zu
intensive Wirkung der abschnürenden Binde beobachtet. Nach seiner
Meinung ist die Gangrän die Wirkung der Toxine.
Sauerbruch ist erstaunt darüber, daß für die Aetiologie der
Gangrän nicht die direkte Gewebsschädigung durch Granatsplitter heran¬
gezogen worden ist. Das Aussehen der Granatwunden unmittelbar oder
ganz kurze Zeit nach der Verletzung scheint ihm dafür zu sprechen.
Das Gewebe sieht wie gekocht aus, ist grünlich, und selbst tiefere
Schichten können durchschnitten werden, ohne daß eine Blutung auftritt.
Es erinnert das Verhalten dieser Wunden an Verbrennungen. Auch
sonst ist der klinische Verlauf in mehr als einer Beziehung dem nach
Verbrennung ähnlich. Er 'erinnert an die schönen Versuche Heydes
über die Vergiftung des Blutes bei ausgedehnten Gewebsschädigungen.
Es handelt sich nach seiner Meinung um einen primären Gewebstod
durch den mechanischen, vielleicht auch durch den Verbrennungsinsult
der verletzenden Gewalt. Sekundär entsteht dann in der unreinen Wunde
eine Fäulnis des zugrunde gegangenen Gewebes mit Gasbildung. Gas-
phlegmonen kommen durch den Frankelschen Bazillus vor, sind aber
sehr viel seltener, als angenommen wird. Aus dieser Ueberlegung ergibt
sich für die Therapie ein klarer Vorschlag: die geschädigten Gewebs-
abschnitte müssen entfernt werden. In der Tat sind nach diesen Gesichts¬
punkten seit längerer Zeit die Granatverletzungen behandelt worden.
Der Erfolg spricht für die Richtigkeit der Annahme. Eine primäre Ex¬
zision der Granatwunden bis ins Gesunde kann nicht genug empfohlen
werden.
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Qrigiriial fro-m
UNIVERSITY OF IOWA
21. Februar.
1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8.
235
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Hahn betrachtet die Gasgangrän als Produkt autolytischer Pro¬
zesse: außerdem wird das Gewebe durch Eiterungen geschädigt. Franz,
der in bezug auf die Entstehung der Gangrän mit Sauerbruch nicht
übereinstimznt, bestätigt die guten Erfolge mit primärer Exzision bei
Granatverletzungen. Auch Enderlen und Kähler empfehlen dieses
Verfahren. Enderien hebt noch einmal die Wichtigkeit einfacher Am¬
putationsmethoden ohne Lappenbildung hervor.
Wullstein (Schlußwort) betont die Wichtigkeit des Zusammen-
arbeitens von Klinikern und pathologischen Anatomen im Kriege. Ober¬
generalarzt Reh (Armeearzt) ist dem Interesse der Aerzte schon durch
geschickte Gruppierung in dieser Beziehung weitgehend entgegen-
Klelne Mitteilungen«
Kriegschronik.
Aus den off, Verlustlisten.
1. Verwundet:
R.-A. Dr. Emil Torsch, L.-I.-R. Nr. 28 (Liste Nr. 122).
O.-A. Dr. Josef Bazal, D.-R. Nr. 4 (Liste Nr. 124).
A.-A. Dr. David Kornhäuser, u. Lst.-I.-R. Nr. 8 (Liste Nr. 124).
A.-A. d. Res. Dr. Karl Atlas, Schw.-Hb.-Div. Nr. 11 (Liste Nr. 125).
2. Kriegsgefangen:
A.-A. Dr. Zsigmond Endrey, u. L.-H.-R. Nr. 6 (Liste Nr. 121).
A.-A.-St. d. Res. Dr. Anton Rysavy, I.-R. Nr. 9 (Liste Nr. 124).
* *
*
Dr. Cesario Armanini und Dr. Emanuel Marian, welche
den Gefangenenlagern in Wegscbeid bzw. Mauthausen (Oberöster¬
reich) als Aerzte zugeteilt waren, sind als Opfer ihres Berufes an
Flecktyphus gestorben. Ehre ihrem Andenken!
• *
•
Der Geschäftsausschuß der österreichischen Aerztekammern
hat betreffs zur Dienstleistung einberufener Aerzte an
das Landesverteidigungsministerium eine Eingabe gerichtet. Die
Kategorien von Aerzten, die hier in Betracht kommen, sind:
a) Jene Aerzte, welche zum Kriegsdienste untauglich befun¬
den oder superarbitriert wurden, zu Landsturmdiensten geeignet
erschienen nnd sämtliche am 1. August 1914 einberufen wurden.
Diese Aerzte stehen also nunmehr seit mehr als 5 Monaten viel¬
fach an der Front im militärärztlichen Sanitätsdienste, sie sind
als Zivilärzte eingerückt, haben keinen Equipierungsbeitrag erhalten,
es wurde denselben eine Charge vielfach nicht zuerkannt und sie
erhalten die Bezüge der XI. Rangsklasse, wobei jene Aerzte, die
nicht an der Front verwendet werden, kein Quartiergeld, keine
Kriegszulage und keinen Sustentationsbeitrag für ihre Familie
erhalten. — b) Bereits ira September begann die Einberufung der
Aerzte zwischen dem 43. und 50. Lebensjahre auf Grund des Kriegs-
leistungsgesetzes nnd sind diese Aerzte in Reserve- und Epidemie¬
spitälern, zur Begleitung von Verwundeten- und Krankenzngen etc.
in Verwendung. Diese Aerzte haben keine Charge und erhalten
die niedersten Bezüge der X. Rangsklasse. In beiden diesen Gruppen
handelt es sich um Aerzte, welche in höherem Alter stehen, meist
Familien haben, ihre Praxis vollständig aufgeben mußten und auch
wohl dauernd verloren haben, da sich das Krankenpublikum einst¬
weilen um andere Aerzte umsehen mußte, die aber genötigt sind,
ihre Familien zu erhalten und ihre dem ärztlichen Berufe ent¬
sprechend größeren Wohnungen beizubehalten. Die Bezüge, welche
diese Aerzte in ihrer Privattätigkeit als Bahnärzte, Kassenärzte,
Gemeindeärzte etc. erhielten, sind ihnen meistens ganz oder doch
zum größten Teil entzogen worden und wo sie dieselben behielten,
sind sie zur Stellung und Bezahlung eines Vertreters verhalten.
Es befinden sich diese Aerzte also in einer materiell außerordent¬
lich ungünstigen Situation, welche um so ungünstiger ist, als selbst
bei einer noch so langen Dauer des Krieges eine Beförderung und
somit eine Erhöhung der Bezüge für dieselben nicht vorgesehen
ist. Diese Aerzte empfinden es aber auch sehr schmerzlich, daß
sie als ältere und zum Teile auch erfahrenere Aerzte wesentlich
Jüngeren Assistenz- und Oberärzten untergeordnet sind. — c) Als
dntte Gruppe sind anzuführen jene Aerzte, die ihre Charge seiner¬
zeit nicht niederlegten, in Evidenz der Landwehr geführt wurden
und deren Einberufung auch bereits am 1. August erfolgte. Diese
Aerzte wurden mit der ihnen zukommenden Charge eines Assi¬
stenzarztes, Oberarztes, Regimentsarztes einberufen. Für sie gilt,
wenngleich sie die Bezüge ihrer Rangsklasse mit den entsprechen-
. Zulage! erhalten, in materieller Beziehung ziemlich das gleiche
*10 von den Gruppen a) und b). Was das Avancement betrifft,
so sind wohl einige Beförderungen erfolgt, aber zahlreiche dieser
Aerzte empfinden es schmerzlich, daß sie trotz höheren Alters
sich noch in der Rangsklasse eines Assistenzarztes oder Oberarztes
befinden, während ihre aktiv dienenden Kollegen, die denselben
Rang haben, schon seit längerer Zeit zu Stabsärzten oder Ober¬
stabsärzten befördert wurden. — Alle drei Gruppen empfinden ihre
materielle Situation um so härter, als sie in Kenntnis der Tatsache
sind, daß nicht wenige Kollegen in den Großstädten, welche keine
Verpflichtung gegenüber der Sanitätsverwaltung haben, welche in
ihrem Berufsorte verbleiben und ihren Beruf weiter ausüben können,
zu Stabsärzten und Oberstabsärzten für Kriegsdauer mit den be¬
treffenden Bezügen ernannt wurden, unter welchen sich nicht nur
Angehörige der medizinischen Fakultäten, sondern auch Ange¬
hörige des Standes der praktischen Aerzte befinden. Die materielle
Situation der zwei ersten Aerztegruppen ist vielfach eine außer¬
ordentlich ungünstige. Die Unmöglichkeit, durch eine Beförderung
höhere Bezüge zu erhalten, setzt diese Aerzte in Nachtoil gegen¬
über zahlreichen anderen Aerzten, welche für dieselbe Dienst¬
leistung in einer wesentlich besseren Weise entlohnt werden. —
Der Landesverteidigungsminister hat dem Obmann des Geschäfts¬
ausschusses die Zusage gemacht v daß er sich der fraglichen Ange¬
legenheit, deren Berechtigung er anerkennt, annehmen und für die
Erfüllung der Wünsche der Aerzte einsetzen werde.
Jene deutschen Militärärzte, die von einem Pariser Kriegs¬
gericht des — Diebstahls schuldig erkannt worden sind, weil sie
in Lizy Wein für die deutschen und französischen gefangenen Ver¬
wundeten requiriert und, vom Durst geplagt, selbst von diesem
Wein getrunken hatten, sind nunmehr in zweiter Instanz freige¬
sprochen worden, nachdem der öffentliche Ankläger selbst zuge¬
standen hat, seine Pflicht als Ehrenmann zwinge ihn zur Erklä¬
rung, daß kein direkter Beweis für die Schuld der Aerzte vorliege.
Damit ist ein Vorkommnis erledigt, das mit Recht geeignet war,
die gesamte zivilisierte Welt zu erregen und der französischen
Nation zur Unehre gereicht.
(Militärärztliches.) Dem bisherigen Sanitätschef für den
Bereich des II. Korpskommandos (Wien), O.-St.-A. Dr. Franz
Pick, der als Sanitätschef zur Südarmee versetzt wurde, ist das
Ehrenzeichen I. Klasse des Roten Kreuzes am Bande der Tapfer¬
keitsmedaille verliehen worden. — In Anerkennung tapferen und auf¬
opferungsvollen Verhaltens bzw. vorzüglicher Dienstleistung vor
dem Feinde ist dem 0.-St.-A. I. Kl. Dr. G. Frühauf, Sanitätschef
des op. Armeekmdo., der Orden der Eisernen Krone III. Kl. mit
der Kriegsdekoration, den O.-St.-Ae. II. Kl. DDr. F. Jaros, Sa¬
nitätschef der 9.1.-Div., A. Marwann, SaDitätsehef der 33.1.-Div.,
S. Kurykowicz, Sanitätschef der 30. I.-Div., den St.-Ae. Doktoren
J. Tokarski, Kommandanten des Feld-Sp. Nr. 2/10, B. Fuchs,
Kommandanten des Feld-Sp. Nr. 4/10, J. Neumann des I.-R.
Nr. 69, L. Weissberg, Sanitätschef der 9. K.-Div., A. Tatzl des
I.-R. Nr. 3, W. Ploc des I.-R. Nr. 73, den R.-Ae. d. Res. Doktoren
A. Domes des Feld-Sp. Nr. 9/13, J. Rojar des I.-R. Nr. 100 das
Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens am Bande des Militärver¬
dienstkreuzes, den R.-Ae. DDr. V. Reisner des Feld-Sp. Nr. 7/5,
A. Feld des I.-R. Nr. 90, dem O.-A. Dr. V. Gärtner der Div.-
San.-A. Nr. 41, den O.-Ae. d. R. DDr. P. Szlavik des I.-R. Nr. 37,
V. Schiller des l.-R. Nr. 54, F. Smieka des I.-R. Nr. 56, G.
Weisz des I.-R. Nr. 100, F. Polin des F.-K.-R. Nr.4, dem vor dem
Feinde gefallenen A.-A.-St. Dr. J. Wangel des Garn.-Sp. Nr. 26,
den A.-Ae. d. Res. DDr. G. Hanek des I.-R. Nr. 37, K. Prosehko
des I.-R. Nr. 94, L. Zsoldos des I.-R. Nr. 86, J. Krepil des
Feld-Sp. Nr. 1/7, den Lst.-A.-Ae. DDr. J. Markus des Landes¬
gen damerie-Kmdo., F. Glanz des Feld-Sp. Nr. 1/7, C. Branesity
des I.-R. Nr. 25 das Goldene Verdienstkreuz mit der Krone am
Bande der Tapferkeitsmedaille, dem A.-A.-St. d. Res. Dr. L. W ex¬
berg des F.-K.-R. Nr. 6 das Goldene Verdienstkreuz am Bande
der Tapferkeitsmedaille verliehen, den R.-Ae. DDr. L. Ulhy der
Div.-San.-A. Nr. 37, J. Miessler des L.-I.-R. Nr. 7, F. Baxa des
F.-A.-R. Nr. 1, J. Jira des F.-J.-B. Nr. 10, 0. Slanina des
F.-J.-B. Nr. 5, S. Vrana des D.-R. Nr. 1, den R.-Ae. d. Res.
DDr. E. Horner und J. Frist des I.-R. Nr. 20, den O.-Ae.
DDr. B. Moser des F.-J.-B. Nr. 10, R. Kantor des I.-R. Nr. 45,
den O.-Ae. d. Res. DDr. K. Step an des F.-K.-R. Nr. 24, F.
Deutsch des Ldsch.-R. Nr. II, den A.-Ae. d. Res. DDr. K.
Pfeceehtel des I.-R. Nr. 20, K. Florian des F.-J.-B. Nr. 20,
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Original fro-m
UNIVERSITY OF IOWA
1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 8.
21. Februar.
236
E. Bokow des I.-R. Nr. 38, A. Revösz des U.*R. Nr. 12, A.
Fr int der Div.-San.-A. Nr. 16, J. Jahn und F. Weidlich des
I. -R. Nr. 1, J. Lehmann des I.-R. Nr. 3, E. Zemann des I.-R.
Nr. 54, F. Remenovsky des I.-R. Nr. 8, den Lst.-A.-Ae. Doktoren
R. Kronfeld und 0. Schulz der Div.-San.-A. Nr. 24 die a. h. be¬
lobende Anerkennung ausgesprochen worden. — Im Landwehr¬
ärztlichen Offizierskorps wurden ernannt: zum Regimentsarzt
d. Res. der O.-A. d. Res. Dr. K. Koch des L.-U.-R. Nr. 2; zu Ober¬
ärzten d.Res. dieA.-Ae.d.Res. DDr. A.Schmiedl d.L.-I.-R. Nr. 10,
F. Pelikan des L.-I.-R. Nr. 26; zu Regimentsärzten d. Ev. die
O.-Ae. d. Ev. DDr. F. Nedomlel, H. Trebifcsch; zu Oberärzten
d. Ev. die A.-Ae. d. Ev. DDr. J. v. Braitenberg, B. Moschigg,
O. Schey, S. Switalski, D. Lichtgarn, G. Freiberger, S.
Prybilski, J. Peterka, F. Rosenthal; zu Landsturm-Regiments¬
ärzten die Lst.-O.-Ae. DDr.: A. Felber, V. Herling, A.
Höberth, B. Ipavic, A. Mikolasek, L. Pastyrik, E. Rech-
nitzer, R. Werner; zu Landsturm-Oberärzten die Lst.-A.-Ae.
DDr. A. Adlerstein, H. v. Caucig, J. Foltis, A. Hecht, F.
Hellauer, J. Helm, M. Hirsch, O. Hoch, G. Janöa, K. Jarek,
J. Jisöik, H. Klemprer, A. Kohner, J. Lachmann, R. Lesk,
H. Lob], H. Marfcinz, P. Mayer, T. Meissl, M. Mittler, K.
Mörl, R. Mück, F. Münz, J. Pöllhofer, A. Roth, J. Rudolf,
A, Schönbeck, H. Singer, R. Stern, J. Vesco, A. Wessely,
J. Wieselmann, T. Zatelli, M. Ziembinski, G. Zipser. —
O.-St.-A. H. Kl. Dr. F. Stach, [Sanitätschef des 2. I.-Div., ist auf
eigenes Ansuchen in den Ruhestand versetzt worden.
(Hochschulnachrichten.) Berlin. Dr. F. Hübotter für
Geschichte der Medizin habilitiert. — Budapest. Dr. G. v. Lob¬
mayer für chirurgische Operationslehre habilitiert. — Erlangen.
Den Priv.-Doz. DDr. K. Kleist (Psychiatrie) und R. Kümmel
(Augenheilkunde) ist Titel und Rang eines a. o. Professors verliehen
worden.— Leipzig. Die Priv.-Doz. DDr. R.Ditler (Physiologie) und
O.Gross (Pharmakologie)zua.o.Professoren ernannt. —München.
Den Priv.-Doz. DDr. W. Specht (Psychiatrie), A. Uffenheimer
(Kinderheilkunde), H. Herzog (Otologie und Laryngologie), H.
v. Baeyer (Chirurgie), H. Süpfle (Hygiene und Bakteriologie),
G. Freytag (Augenheilkunde), E. Rüdin (Psychiatrie), F. Plaut
(Psychiatrie) Titel und Rang eines a. o. Professors verliehen. —
Tübingen. Dem Priv.-Doz. Dr. A. .Reich (Chirurgie) Titel
und Rang eines a.o. Professors verliehen. — Wiirzburg. Den
Priv.-Doz. DDr. J. Köllner (Augenheilkunde) und E. Magnus-
Aisleben (Innere Medizin) Titel und Rang eines a. o. Professors
verliehen.
(Merkblatt für Yolksernährung im Kriege.) Das
Ministerium des Innern publiziertim „Oesterr. Sanitätswesen“
ein Merkblatt, das folgende beachtenswerte Leitsätze enthält:
I. Täglicher Fleischgenuß ist nicht notwendig, kann durch Milch,
Käse. Milch- und Mehlspeisen ersetzt werden; Surrogate für Riöd-
und Schweinefleisch bilden Schaf- und Hammelfleisch, sowie Wild¬
bret und Fische. 2. Der beste Ersatz für Fett ist Zucker, und
kann Obst, Obstmus, Marmelade und Honig statt des Fettauf¬
striches auf Brot verwendet werden. 3. Das Weizen- und Roggen¬
mehl kann ohne Geschmacksbeeinträchtigung mit Gersten-, Mais¬
und Kartoffelmehl gemischt werden; altes Brot ist frischem
vorzuziehen. 4. Käse, Voll-, Mager-, Butter-, sauere Milch, Molke
und Topfen sind für sich und bei Bereitung von Speisen zu
empfehlen. 5. Bohnen, Linsen und Erbsen eignen sich besonders
als nahrhafte Speisen. 6. Kartoffeln in der Schale gekocht und
erst dann geschält, sind nahrhaft und vielfach als Nahrungsmittel
zu verwenden. 7. Gemüse sind wegen ihrer Beschaffenheit als
Abwechslung und des Wohlgeschmacks wegen gut bekömmlich
und ersparen andere Lebensmittel. 8. Zucker ist ein treffliches
Nahrungsmittel und kann Fett ersetzen; desgleichen ist Obst auch
in gedörrter und eingemachter Form, sowie Kompott und Mar¬
meladen, ferner Honig als Nahrungsmittel indiziert. 9. Das beste
Getränk ist Wasser, das nahrhafteste Milch. Der Nährwert
geistiger Getränke sowie von Kaffee und Tee ist sehr gering.
Ersatzmittel sind Milch, nahrhafte Milchsuppen, Mehlsuppen und
Grütze.
(Epidemiologisches.) Der Wiener t Magistrat versendet
folgende Mitteilungen: Mit Rücksicht auf das Auftreten von Rück¬
falltyphus in verschiedenen Kronländern werden im Sinne des
Runderlasses der k. k. n.-ö. Statthalterei vom 19. Januar 1915,
Z. S. 167, die Wiener Aerzteschaft und die Leiter von Kranken¬
anstalten darauf aufmerksam gemacht, daß der Rückfalltyphus
gemäß § 1 des Gesetzes vom 14. April 1913, R.-G.-Bl. Nr. 07, zu
den anzeigepflichtigen Krankheiten zählt, und daß die Salvarsan-
therapie bei der Bekämpfung dieser Krankheit sich besonders
wirksam erwiesen hat. — Wiederholt wurden in letzterer Zeit so¬
wohl in Niederösterreich als auch in anderen Kronländern exanthe-
matische Erkrankungen als Schafblattern diagnostiziert, während
es sich im Verlaufe der Erkrankung oder bei Uebertragung auf
andere Personen erkennen ließ, daß es sich um Blattern handle.
Mit Rücksicht auf die nicht zu bestreitende Schwierigkeit einer
exakten Blatterndiagnose, insbesondere bei den Leichterkrankungen
geimpfter Personen, wird hiermit angeordnet, daß während der
dermaiigen Bedrohung der Bevölkerung durch die Blattern alle
Erkrankungen an Schafblattern bis auf weiteres als
Blattern verdacht zu behandeln und auf die im Gesetze vom
14. April 1913, R.-G.-B1. Nr. 67, vorgezeichnete Weise zur behörd¬
lichen Anzeige zu bringen sind.
(Im Erholungsheim [„Aerzteheim“] in Marienbad)
gelangen für die Monate Mai bis September 1915 50 Plätze an
Aerzte der österreichisch-ungarischen Monarchie und des Deutschen
Reiches zur Vergebung; damit ist verbunden: Aufnahme im
Aerzteheim bis zu einem Monate gegen Entrichtung eines geringen
Erhaltungsbeitrages, Befreiung von der Kur- und Musiktaxe, freie
Bäderbenützung, Preisermäßigung in Restaurationen und im
Theater u. a. m. Bewerber (nur Aerzte) um die Plätze wollen ihre
Gesuche mit Angabe des Monates, in weichem sie den Platz be¬
nützen wollen, bis zum 30. März 1. J. an den Vorstand richten.
Mitglieder des Vereines (mindestens 5K Vereinsbeitrag) haben
den Vorrang bei der Vergebung der Plätze. Frauen von Aerzten
finden nur in Begleitung und zur Pflege ihrer Ehegatten Auf¬
nahme. Insbesondere sollen jene Aerzte Berücksichtigung finden,
die an den Folgen ihrer Tätigkeit im gegenwärtigen Kriege leiden
und nach Kriegsverletzungen, rheumatischen Erkrankungen, Herz¬
affektionen u. a. Moorbäder oder Kohlensäurebäder u. dgl. ge¬
brauchen sollen, und können diese jetzt schon Aufnahme finden.
Gesuche, Anfragen und Beitrittserklärungen (Retourmarke bei¬
legen!) an den Vorstand des Vereines Aerztliches Erholungsheim
in Marienbad.
(Todesfälle.) Gestorben sind: In Berlin der em. Professor
der Geburtshilfe und Gynäkologie Geh. Med.-R. Dr. Robert v. Ols-
hausen, 80 Jahre alt; in Freiburg i. B. der a. o. Professor der
Dermatologie Dr. Eduard Jacobi im 52. Lebensjahre; in Heidel¬
berg der em. Professor der pathologischen Anatomie Geh.-R.
Dr. Julius Arnold im Alter von 80 Jahren; in Göttingen der
Ordinarius für Hygiene und med. Chemie Geh. Med.-R. Professor
Erwin v. Esmarch, ein Sohn des verewigten Chirurgen, 69 Jahre
alt; in Cambridge, wohin er nach Ausbruch des Krieges geflüchtet
war, der frühere Professor der Anatomie und Neurologio an der
Universität Freiburg i. B. Dr. A. van Gehucht en; in Frankfurt a. M.
der Neurolog San.-R. Dr. Leopold Laquer im 58. Lebensjahre.
(Statistik.) Vom 7. bis inklusive 13. Februar 1915 wurden in
den Zivilspitälern Wiens 14.392 Personen behandelt. Hiervon wurden
1994 entlassen, 226 sind gestorben (10'l°/o des Abganges). In diesem Zeit¬
räume wurden aus der Zivilbevölkerung Wiens in- und außerhalb der
Spitäler bei der k. k. n.-ö. Statthalterei als erkrankt gemeldet: An
Blattern 96, Scharlach 93, Masern —, Röteln—, Varizellen—, Diph-
theritis57, Keuchhusten —, Mumps—, Influenza —, Abdominaltyphus 12,
Dysenterie —, Puerperalfieber —, Rotlauf —, Trachom —, Milzbrand —,
Wochenbettfieber 3, Flecktyphus 1, Cholera asiatica —, epidemische Ge¬
nickstarre —. In der Woche vom 31. Januar bis 6. Februar 1915 sind
in Wien 783 Personen gestorben (— 77 gegen die Vorwoche).
Prof. Dr. Föderl ordiniert jetzt Montag, Mittwoch, Freitag 3—4,
IX., Garnisongasse 1 (T. 17 075).
Sitzungs-Kalendarium.
Montag, 22. Februar, 6 Uhr. Oesterr, otolog. Gesellschaft. Hörsaal U r-
bantschitsch (IX., Alserstraße 4). Demonstrationen.
Donnerstag, 25. Februar, 7 Uhr. Gesellschaft für innere Medizin nnd
Kinderheilkunde. Hörsaal Ortner (IX., Alserstraße 4). 1. Demon¬
strationen. 2. Diskussion über den Vortrag von Dozent A. v. Müller:
Ueber Klinik und Therapie der Dysenterie (gern.: H. Schlesinger,
Salo inon, Weinberger, Porges, Falta, E. Pf ihr am, E. Freund,
Fr. Spieler, A. Edelmann).
Freitag, 26. Februar, 7 Uhr. K. k. Gesellschaft der Aerzte. (IX-, Frauk-
SK gasse 8.)
Herausgeber, Eigentümer und Verleger: Urban i Schwarzenberg, Wien und Berlin. — Verantwortlicher Redakteur ihr Österreich-Ungarn: Karl Urban, Wien.
Druck von Gottlieb Gi«tel & Cie., Wien, III., .Munzgasse ö.
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Original frnrri
UMIVERSITY OF IOWA
Wien, 28. Februar 1915.
XI. Jahrgang.
Nr. 9.
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Medizinische Klinik
Wochenschrift für praktische Ärzte
redigiert von
ProfMsor Dr. Kurt Brandenburg
Berlin
Verlag von
Urban & Schwanenberg
Wien
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INHALT: Die Versergnng der Verwundeten and Erkrankten im Kriege: Fritz Gaheü, Kriegsverletzungen der peripheren Nerven. Priv.-Doz.
Dr. Felix Pinktis, Die Läuseplage. Dr. Winekelmann. Turnen als Heilmittel. Stabsarzt Dr. Fromme, Typhusbekämpfung im VII. R.-K. Med.-Rat
Dr. Krieg, Feber die Wirkung des Thermalwassers bei frischen Sehußverletznngen im Vereinslazarett Landesbad. — Abhandlungen: R. v. Jaksch,
Statistischer Beitrag zu den Erfolgen der Schutzimpfung gegen Blattern. — Berichte über Krankheitsfälle nnd Behandlungsverfahren: Dr. Benno
Stein. Zur Kenntnis der Aleukämien und zur Therapie leukämischer Erkrankungen. — Aerztllche Gutachten aus dem Gebiete des Versicherungs¬
wesens: Dr. Hermann Engel, „Gefälligkeitsgutachtcn“. —- Referatenteil: Sammelreferat: Otto Mankiewicz, Uiologic: Ueber den Vorstcher-
drtisonkrebs iinsbesondere das Frühstadiuin). — Aus den neuesten Zeitschriften. — Bücherbesprechungen. — Therapeutische Notiz. — Wissen¬
schaftliche Verhandlungen. — Bernfb- nnd Standesfragen : K. k. Gesellschaft dev Aerzto in Wien. Gesellschaft für innere Medizin und Kinderheilkunde
in Wien. Wiener Dermatologische Gesellschaft. Berliner Medizinische Gesellschaft. Aerztlicher Vertun in München. Kriegschirurgische Abende zu Lille
(Frankreich). — Kleine Mitteilungen.
Der Verlag kehitt sieh io» ausschließliche Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift nun Erscheinen gelangenden Oriqinalbtiirägt vor.
Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege.
Kriegsverletzangen der peripheren Nerven
von
Fritz C&hen, Köln.
Die Medizin steht heute unter dem Zeichen der Kriegs-
ehimrgie. Jeder von uns, auch wer gewöhnt ist, täglich das
Messer in die Hand zu nehmen, muß sich auf fremden, bisher
von ihm wenig betretenen Pfaden bewegen, neue Eindrücke
in sich aufnehmen und folgenschwere Entschlüsse fassen.
Drei große Gebiete sind es, die uns täglich vor wechselnde
Aufgaben stellen, die infizierten Schußfrakturen, die Gefäß-
Verletzungen und die Nervenverletzungen. Es ist heute. 4 1 / 2
Monate nach Ausbruch des Kriegs, viel zu früh, um Gefahren
und Erfolge verschiedener Behandlungsmethoden gegen¬
einander abzmvägen; immerhin dürfte es zweckmäßig sein, in
Gnem kurzen Rückblick einmal diejenigen Methoden an uns
voriiberziehen zu lassen, die uns die moderne Chirurgie auf
diesen Gebieten als Rüstzeug liefern kann. Unser heutiger
eberblick soll sich auf die peripheren Nerven beschränken;
ist dasjenige Kapitel, das den Kollegen, welche ohne
längere speziell chirurgische Vorbildung an Kriegslazaretten
tätig sind, am weuigsten gegenwärtig sein dürfte.
Du* Chirurgie der Nerven bietet deshalb ganz besondere
Schwierigkeiten, weil die Anatomie der Heilung von Nerven-
"umlen trotz aller darauf verwendeten Arbeit noch nicht
gelier festgestellt ist. Die bisher vorherrschende Ansicht, daß
lg peripherische Stück eines durchschnittenen Nerven nach
Abtrennung von seinem trophisehen ('entrinn jedesmal zu-
giuinlc gehe und eine Regeneration nur von dem Auswachsen
<e,s zentralen Endes zu erwarten sei, hat vielfachen Wider-
s l‘rueli gefunden. Namhafte Forscher vertreten den Stand-
PJ, ‘toß auch der peripherische Stumpf mit einer
Neuerung der Zellen der R a n v i e r sehen Scheide an der
egoneration teilnehme: diese gewucherten, aber unvoll-
'ominen differenzierten Zellen sollen erst nach der Verbindung
nut den centralen Fasern und infolge des dadurch auftretenden
un tionsreizes zu Nervenfasern auswachsen. Bestellt die
( j" e Auffassung zu Recht, so ist wahrscheinlich der Zeit-
nin er Wiedervereinigung von Nervenverletzungen nicht
w Bedeutung für das Endresultat: bleibt jedoch das
ohrl^ f nsc ^ l(i lebensfähig oder wenigstens eine Zeitlang
eiiJ v Fimktio ; iRr( ‘ iz lebensfähig, so ist natürlich ein Erfolg
r * ervenveroinigung um so eher zu erwarten, je früher
nach der Verletzung sie ausgefiihrt wird. Von besonderer
Bedeutung für die ganze Nervenchirurgie sind in den letzten
Jahren die bahnbrechenden Untersuchungen Stoffels ge¬
worden. Wir wissen heute, daß der Nerv aus vielen einzelnen
Bündeln bestellt, deren jedes einen bestimmten Muskel oder
einen bestimmten sensorischen Bezirk versorgt, und daß diese
einzelnen Rahnen im (Querschnitte des Nerven eine konstante
Lage eiiinehinen. Auf diesen neugewonnenen Kenntnissen
bauen sieh eine Reihe von Verbesserungen und neuen
Methoden auf, die allerdings erst auf breiter Grundlage
praktisch geprüft werden müssen.
Die Erfolge der primären Naht von glattdurehtrennten
Nerven sind keineswegs absolut sichere und sekundär, das
heißt längere Zeit nach der Verletzung genähte Nerven bleiben
leider recht häutig funktionslos. Die Erlanger Klinik hat sich
im Jahre 1918 der verdienstvollen Aufgabe unterzogen, Nach¬
frage nach 14 Fällen von Nervnaht anzustellen, die ein bis
acht Jahre zurücklagen, und dabei nur 5 = rt / () geheilt resp.
wesentlich gebessert gefunden. In diesen günstigen Fällen
betrug die Zeit zwischen Verletzung und Naht bis zu zwei
Monaten. Frühere Zusammenstellungen haben ergeben, daß
die Erfolge der sekundären Nervenuaht innerhalb des ersom
halben Jahres nach der Verletzung ebenso gute sein tollen
wie bei der primären. Ob dies wirklich zutrifft, muß an dem
reichen Material von Nervenverletzungen, das uns heute zu¬
strömt. nochmals sorgfältig geprüft werden.
In der Kriegschirurgie kann uns die Frage nach dem
Zeitpunkt einer etwaigen Operation nicht viel Kopfzerbrechen
verursachen. Bei allen Schußverletzungen — Bajonett-
Verletzungen spielen eine ganz untergeordnete Rolle — muß
naturgemäß zuerst die Heilung der Weichteilwunde abgc-
wartet werden. Die Isolierung der Nervenstämme erfordert
ausgedehnte anatomische Freilegung — daher ist die absolute
Sterilität der Wunde die erste Bedingung für den Erfolg des
Eingriffs.
Wenn wir über die große Anzahl von Nervenverletzungen
unserer Verwundeten einen Ueberhlick gewinnen wollen.* so
ergeben sich naturgemäß je nach der Ursache der Lähmung
f o 1 ge »de («’ ru ppe n:
1. (Quetschungen,
2. Einschlüsse von Nerven in Bindeg’ewebsschwielcn
oder Gallusmassen,
' d. Drucklähmungen durch Aneurysmen,
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28. Februar.
4. Durchtrennungen oder Durchschüsse durch den
Stamm,
5. Durchspießungen auf einem benachbarten Knochen.
Auf dem letzten Chirurgenkongreß hat Gerulanos
seine Erfahrungen aus dem Balkankrieg über 50 operierte
Nervenfälle vorgetragen. Wenn er als Zeitpunkt der Operation
die vierte bis sechste Woche nach der Verletzung angibt, so
muß es sich in der Überwiegenden Mehrzahl seiner Fälle um
nicht infizierte Schüsse gehandelt haben. Unter den Nerven¬
verletzungen, die ich an zwei Kriegslazarettabteilungen von
zirka 430 Betten in den verflossenen Monaten verfolgen
konnte, fanden sich am häufigsten betroffen der Nervus
ischiadicus oder seine Verzweigungen und der Nervus
radialis; weniger zahlreich waren die Lähmungen des Nervus
medianus, des Ulnaris und des Plexus brachialis oder axillaris.
Die Entscheidung der Frage, wieviel auf einfache Quetschung,
wieviel auf Durchtrennung zu beziehen ist, kann nur durch
eine mehrwöchentliche Beobachtungszeit getroffen werden;
sie fällt zusammen mit der Zeit, die die Heilung der Weich¬
teilwunden in der Regel erfordert. Geht die Lähmung zurück,
tritt keine Entartungsreaktion auf, so kann man zunächst
konservativ behandeln; bleibt umgekehrt die Lähmung be¬
stehen, die am Plexus brachialis und am Ischiaticus häufig mit
starken ausstrahlenden Schmerzen verbunden ist, so springt
die zunehmende Atrophie der Muskulatur bald in die Augen,
es läßt sich Entartungsreaktion nachweisen, und es ist damit
die Indikation zur operativen Freilegung der Nerven gegeben.
Gerade bei unsem Soldaten halte ich es nicht für richtig, den
Eingriff länger hinauszuschieben, als zur Gewinnung eines
sicheren Urteils und eines aseptischen Operationsterrains er¬
forderlich ist. Auch bei bestgelungener Operation nimmt die
Wiederherstellung der Funktion und damit der Dienst- oder
Erwerbsfähigkeit eine recht lange und für den Verletzten
recht langweilige Zeit in Anspruch, die nicht durch untätiges
Warten noch mehr verlängert werden soll.
Einer besonders eingehenden Erwägung bedürfen die
Fälle, bei denen neben der Nervenverletzung Schußfrakturen
der Knochen bestehen. Bei den Friedensverletzungen, wo bei
Frakturen die Zeichen einer Lähmung auftreten — es handelt
sich fast ausschließlich um Oberarmbrtiche —, geben
S t r o e b e 1 und Kirschner den Rat, möglichst frühzeitig
die Bruchstelle und den geschädigten Nerven freizulegen, die
Bruchstücke zu vereinigen und den Nerven entsprechend
seiner Verletzung zu versorgen. Anders liegen die Verhält¬
nisse bei den Kriegsverletzungen. Angesichts der ausge¬
dehnten Splitterung der Knochen halte ich es hier für rich¬
tiger, selbst bei aseptischem Verlaufe zunächst eine gewisse
Konsolidation der Knochen vor der Nervenoperation abzu¬
warten, weil die frühzeitige Knochennaht leicht auf unüber¬
windliche Schwierigkeiten stoßen kann. Die eiternden
Frakturen mit Sequesterbildung scheiden selbstverständlich
vor der Knochenausheilung für eine Nervenfreilegung aus.
Grundbedingung zur Operation ist absolutes Vertrauen
zur Aseptik des Operationssaals; derartige Operationen sollten
unsem modernen, gut eingerichteten Krankenhäusern Vorbe¬
halten und nicht in den in öffentlichen Gebäuden im¬
provisierten Lazaretten ausgeführt werden, die bei dem
zusammengewürfelten Hilfspersonal, den beschränkten
Operationseinrichtungen und endlich der großen Zahl von
infizierten Wunden nur schwer die Garantie für einen unge¬
störten Heilverlauf bieten können.
Die Operation beginnt jedesmal mit einer ausgedehnten
Freilegung des gelähmten Nerven. Handelt es sich um
umschriebene Hämatome oder Spätabcesse, die den Nerven
zusammenpressen oder toxisch schädigen, so ist die Therapie
mit der Incision dieser Ansammlungen gegeben. Schwieriger
liegen die Verhältnisse bei Aneurysmen. Die Entfernung der¬
selben setzt ausgedehnte chimrgische Erfahrung voraus;
namentlich in der Achselhöhle und an der Subclavia ist die
Lösung der pulsierenden Biutsäcke von den Nervenstämmen
eine mühsame Aufgabe, und leider überdauern die Lähmungen
oft noch lange Zeit den Heilungsprozeß des Aneurysmas.
Ist der Nerv in Schwarten oder Callusmassen einge¬
mauert, so muß er durch vorsichtige Arbeit aus dieser Um¬
gebung unversehrt herausgeschält werden. Bei Callusmassen
habe ich einmal eine solche bindegewebige Degeneration des
Nerven gefunden, daß ich das narbige Stück resezieren mußte.
In solchen Fällen muß die Frage, ob die Nervenfasern in einem
derartigen Teilstücke völlig zugrunde gegangen sind und ob
demnach eine Resektion des Nerven notwendig ist, durch
kleine Längsschnitte in den Stamm sorgfältig geprüft werden.
Im Ischiaticus habe ich mehrfach umschriebene, auffallend
harte, offenbar durch straffes Bindegewebe vernarbte Stellen
gefunden, bei denen ich mich darauf beschränkt habe, durch
mehrere seichte Einschnitte in der Faserrichtung, die Narben¬
massen zu sprengen und eine kräftige Dehnung des Stammes
zur Lösung der Narben im umgebenden Bindegewebe anzu¬
schließen.
Ueber die Nervennaht, sei es nach der Resektion, sei
es nach Durchtrennung des Nerven durch die Verletzung,
bringen alle unsere Lehrbücher ausführliche Anleitung. Ich
halte es für wichtig, die Nähte perineural, das heißt in dem
die Nerven umgebenden Bindegewebe durchzuführen. Ist der
Stamm genügend ausgelöst, sodaß die Naht keine Spannung
auszuhalten hat, so genügen zwei Nähte mit Darmseide und
Darmnadeln zum Aneinanderlegen der Nervenenden. Be¬
achtenswert ist die Vorschrift Gerulanos', bei der Re¬
sektion den Nerven nicht sofort in der ganzen Dicke zu durch¬
trennen und vor der völligen Durchtrennung die Stümpfe
durch eine Naht zu befestigen, um auf diese Weise eine Ver¬
bindung der miteinander korrespondierenden Bahnen im Sinne
Stoffels zu erzielen.
Komplizierter werden die Operationen, wenn größere
Defekte nach der Entfernung von degenerierten Stücken oder
nach ausgedehnten Weichteilzerstörangen entstehen. Defekte
bis zu 3 cm lassen sich nach unsem heutigen Erfahrungen
durch vorsichtiges Isolieren und Vorziehen der Nervenenden
schließen. Wird der Substanzverlust größer, so kann zuweilen
durch eine passende Gelenkstellung, namentlich am Ellbogen
und Kniegelenk, eine starke Entspannung und Annäherung
der gedehnten Nervenstümpfe herbeigeführt werden. Die
Methoden der letzten 20 Jahre, die versuchten, durch Ab¬
spaltung eines gestielten Läppchens aus einem oder beiden
Nervenstümpfen oder durch Ausfüllung des Zwischenraums
zwischen den Nervenenden mit fremdem Material — seien es
entkalkte Knochen, platte Seidenfäden oder Stücke eines
frei transplantierten Blutgefäßes — einer Verbindung der
Nervenbahnen den Weg zu ebnen, haben sich als unzuver¬
lässig erwiesen. An ihre Stelle ist heute die Nerven*
pfropfung, das heißt die Verbindung des peripherischen
Stumpfes eines gelähmten mit einem benachbarten unver¬
letzten Nerven, getreten, eine Methode, mit der zweifellos in
einer Reihe von Fällen gute Resultate erzielt worden sind.
Man hat entweder den peripherischen Stumpf des gelähmten
in einen Schlitz des gesunden, sogenannten bahngebenden
Nerven eingesetzt oder einen Teil des gesunden Nerven abge¬
spalten und zur Verbindung mit dem gelähmten benutzt oder
endlich den gesunden Nerven völlig durchtrennt und sein
centrales Ende mit dem ganzen Querschnitt auf den gelähmten
auf gepfropft. Die erste Methode ist die älteste; sie wurde
zuerst von D e p r ö s durch Ueberpflanzung des durch¬
schnittenen Medianus in den Ulnaris angewandt und hat den
großen Vorteil, daß sie die Schädigung des bahngebenden
Nerven auf ein geringes Maß beschränkt. Auf dem vorletzten
Orthopädenkongreß zeigte vonSaar einen Fall von Neurom
des Radialis, bei dem er mit gutem Erfolge die Einpflanzung
des peripherischen Stumpfes des Radialis in den Medianus aus¬
geführt hatte.
Die zweite Methode hat nach den Feststellungen
S t o f f e 1 s ihr Bürgerrecht verloren; sie bringt den Operateur
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in Gefahr, bei der Ausschneidung des Lappens eine wichtige
oder gerade die wichtigste Bahn des gesunden Nerven zu
durehschneiden.
Die letzte Methode hat bei der Ueberpflanzung des
N. accessorius oder des N. hypoglossus auf den gelähmten
Facialis eine ausgedehnte Verwendung gefunden und ist da¬
durch in weitesten Kreisen bekannt geworden.
Stoffel hat uns den Weg gezeigt, wie man bei der
Abspaltung des Lappens aus dem bahngebenden Nerven
wichtige motorische oder sensible Bahnen vermeiden kann,
und in seiner Operationslehre eine Reihe von Methoden für
die einzelnen Nerven ausgearbeitet. Die Schattenseite aller
dieser Ueberpflanzungsmethoden, auch der Stoffel sehen
Modifikationen, besteht darin, daß man zu einem großen
vorhandenen Leitungsdefekte noch einen
neuenhinzufügt, der allerdings nach den Vorschlägen
Stoffels vorher genau bestimmt und begrenzt ist.
Kürzlich habe ich*) eine neue einfache Methode zur
Ueberbrtickung von Nervendefekten veröffentlicht, die mir
bei der Excision eines Neuroms des Ulnaris einen auffallend
guten und schnellen Erfolg verschaffte. ZurAusfüllung
eines 10 bis 12 cmlangen Defekts des Ulnaris
an der Innenseite des Oberarms verwandte
ich ein Stück eines sensiblen Nerven des N.
cutaneusantibrachii medialis. Ich durchschnitt
den letzteren in der Höhe des peripherischen Ulnarisstumpfes
und pflanzte sein centrales Ende auf den peripherischen
Ulnarisstumpf auf; den centralen Ulnarisstumpf legte ich durch
perineurale Nähte an den bloßgelegten Stamm des Hautnerven
an. Auf diese Weise wurde also ein mit seinem trophischen
Cent rum in Verbindung stehendes, lebensfähiges Stück eines
sensiblen Nerven zwischen die Stümpfe eines durchschnittenen
gemischten Nerven gleichsam als Leitungskabel eingeschaltet,
und es ergab sich die interessante physiologische Tatsache,
daß durch ein derartiges Zwischenstück motorische Impulse
nach Zeit von fünf bis sechs Wochen hindurchgeleitet werden
können. Auf die Frage, ob es sich dabei um ein Auswachsen
der Fasern des centralen Ulnarisstuinpfs entlang der Leitungs¬
bahn analog den älteren Versuchen in das peripherische Stück
des Nerven handelt, oder ob die sensiblen Fasern nach der
Verbindung mit den beiden Stümpfen einfach als c e n t r i -
fugale Leitungsbahn dienen können, will ich hier nicht
weiter eingehen. Ich habe Gelegenheit gefunden, die Methode
vor einiger Zeit bei einer Schußverletzung der Achselhöhle
mit Zerstörung des Radialis zum zweitenmal anzuwenden.
Da die übrigen Annnerven durch Quetschung und Narben¬
einschluß schwer geschädigt waren, so bestand eine ausge¬
dehnte Lähmung im Bereiche des gesamten Armplexus, und es
dürfte geraume Zeit vergehen, bevor ein Urteil über den Fall
gewonnen werden kann.
Zum Schlüsse noch einige allgemeine Regeln zur Aus¬
führung von Nervenoperationen. Bei allen derartigen Ein¬
griffen ist eine vorsichtige zarte Handhabung der Instrumente,
welche die Nerven freilegen oder zur Seite halten, anzuraten.
Handelt es sich um die Isolierung des Plexus in der Achsel¬
höhle, so hat mir zur Unterscheidung der einzelnen Stämme
die elektrische Reizung mit der Krause sehen Sonde gute
Dienste geleistet.
Jede Nervennaht oder Ueberpflanzung ist sorgfältig vor
Narben oder Callusdruck zu schützen, am einfachsten durch
Einschluß in umgebende Muskulatur; läßt sich das nicht er¬
reichen, so tritt die freie Fetttransplantation an ihre Stelle.
Es ist angesichts der großen Ansprüche, die die Ver¬
wundetenversorgung an unsere ärztlichen Arbeitskräfte stellt,
rine schwierige Aufgabe, der sorgfältigen Nachbehandlung
unserer Nervenoperationen mit Bädern, Massage und Elek¬
trizität voll gerecht zu werden, aber anderseits wird die
l ) D. m. W. 1914, Nr. 48.
Wiederherstellung der Funktion eines einzigen gelähmten
Glieds uns mehr Befriedigung gewähren als ein halbes
Dutzend gut geheilter Amputationsstümpfe.
Literatur: Stroebel u. Kirschner, Beitr. z. kL Chlr. Bd. 33. —
Lexer, Aligem. Chirurgie. — Vulpius u. Stoffel, Orthopäd. Operationslehre.
— Cahen, jD. m. W. 1914, Nr. 43.
Die Läuseplage
von
Priv.-Doz. Dr. Felix Pinkus, Berlin.
Der Krieg wertet auch die kleinsten Werte um: Welcher
anständige deutsche Mann hat sich vor diesem Kriege um
Läuse gekümmert? Eine wie wichtige Sorge sind sie aber
in diesem Kriege geworden. „Schickt uns nur etwas gegen
die Läuse; ich habe mich schon ganz mit Fenchelöl ein¬
balsamiert, und sie leben doch noch; sogar das Ganzneu¬
anziehen nützt nichts, man behält sie doch,“ ist der täglich zu
hörende Notschrei namentlich der östlich kämpfenden Krieger.
Das schreiben nicht vernachlässigte und unachtsame Men¬
schen, sondern Leute, an deren Eleganz vor dem Kriege nie
ein Zweifel bestand. Es muß mit diesen Parasiten in Russisch-
Polen besonders schlimm bestellt sein. Auch in Friedenszeiten
ist man berechtigt gewesen, der Läusefreiheit russisch-pol¬
nischer Kaftane dringendst zu mißtrauen. Aber nicht nur
dort herrscht diese Not. Die Läuseplage ist die Plage aller
längeren Kriege gewesen. Von 1870 erzählen es uns noch
unsere älteren Freunde. Von den friderizianischen Kriegen
werden schlimme Dinge über das Ungeziefer berichtet. Aus
dem Dreißigjährigen Kriege hören wir vom Simplizissimus
schildern, welches Blutbad unter den Läusen angerichtet
wird, wenn man sich mit seinem Wams an einem Baum den
Rücken scheuert. Wen die Kleiderlaus mit ihren scharfen
Mundwerkzeugen anfrißt, dem vergeht das Spotten über
diesen kleinen unappetitlichen Plagegeist. Mit einem noch
ganz andern Gefühl sieht man die Läuse aber an, seit man
weiß, daß sie die Ueberträger des Flecktyphus
sind. Durch ihre Läuse stellen die russischen Soldaten auch
in der Gefangenschaft immer noch eine gewisse Gefahr dar,
die leider einer Anzahl tüchtiger Aerzte bei uns bereits das
Leben gekostet hat.
Der in unsern Gebieten bekannten Läusearten gibt es
drei. Zwei von ihnen, die Kleiderlaus und die Kopf¬
laus, sind nahe miteinander verwandt, erstere größer als
die zweite. Ihre Verbreitungsgebiete am Körper sind streng
geschieden, wie ihr Name es schon ausdrückt.
Die dritte Läusesorte, die Filzlaus (Phthirius,
Morpio), gehört einer entfernten Familie an und besitzt bei der
Besprechung der Läuseplage keine sonderliche Bedeutung.
Wir wollen unsere Ausführungen mit dieser unwich¬
tigsten Art beginnen. Im Frieden überträgt sie sich selten
auf andere Weise als durch direkte Berührung der behaarten
Körpergegenden zweier unbekleideter Menschen, also vor¬
zugsweise durch den geschlechtlichen Verkehr. Auch das
soll im Kriege anders sein, und ich kenne Berichte, daß
Soldaten aus dem Stroh, in welchem sie schliefen, am ganzen
Körper von Filzläusen überfallen worden seien. Ob dies wahr
ist, weiß ich nicht. Es mag ja sein, daß unter uns sonst
unbekannten Bedingungen eine so ungeheure Menge dieses
Ungeziefers abseits vom menschlichen Körper seinen Lebens¬
unterhalt oder wenigstens die Möglichkeit zur Eiablage ge¬
funden hat, daß solche Infektionen Vorkommen können. Be¬
züglich einer andern Parasitenart, der Flöhe, kann ich aus
eigner Anschauung bezeugen, sie in einem gänzlich unbe¬
wohnten Raum in ungeheurer Menge den Boden bedeckend
gesehen zu haben. Eine gleichmäßige, dichte Schicht von
Flöhen sprang dort unaufhörlich durcheinander, so daß der
Fußboden zu wogen schien. Ein mich begleitender weißer
Hund war denn auch reichlich bedeckt mit ihnen, während
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sie an meinen hohen Stiefeln und enganliegenden Hosen glück¬
licherweise einen undurchdringlichen Widerstand fanden. Die
Flöhe können, wie ich gesehen habe, bei mangelnder Nahrung
einige Tage am Leben bleiben, die Filzlaus stirbt aber sehr
schnell ab und hält sich auch nur am Körperhaare des Men¬
schen. Am Kopfhaar ist. sie sehr selten. Ich habe trotz unaus¬
gesetzten Achtens auf diesen Funkt bei meinem sehr stark
von Filzläusen heimgesuchten Prostituiertenmaterial erst nach
sechs Jahren zum ersten und einzigen Mal eine einzige Filz¬
laus am Naekenluiare gefunden, umtauch diese war nach zwei
Tagen von selbst wieder verschwunden, nachdem sie
höchstens zwei Eier gelegt hatte, die sich aber nicht ent¬
wickelten. Augenbrauen und Augenlider sind sehr selten und
angeblich meistens bei Kindern von Filzläusen befallen: ich
selbst habe dort noch nie welche gefunden.
Für eine nicht durch innige Berührung der unbekleideten
Körper entstehende Phthiriasis müßten schon Bedingungen
besonderer Natur vorliegen. Ich will nicht behaupten, «laß
diese in Polen nicht denkbar wären.
Diese Lüuseart besitzt nur geringe Bedeutung für unsere
Frage. Um so mehr die beiden andern.
Kopflaus und Kleiderlaus sind einander sehr
ähnlich an Gestalt, erstere kleiner und wohl unempfindlicher
gegen die Außentemperatur, beide lanzettförmig geformt,
graudurchscheinend.
Die K o ]) f 1 a u s schlängelt sich, außerordentlich schnell
laufend und geschickt entschlüpfend, zwischen den Haaren
hindurch. Sie klebt ihre Nisse dicht über dem Haarboden an
die Kopfhaare und wandelt diese durch die 10 bis 20 cm weit
dicht aneinandergereihten Eier manchmal in eigentümliche
Bildungen, gleichsam Zwergperlenschnüre, um. Ein stark
verlauster Kopf kann einem Medusenhaupte gleichen, auf
dem eine dicke Schicht lebenden Gewimmels durcheinander
wühlt, rund herum die eklen Tiere abtropfend. Die Kopfhaut
sondert infolge der entstehenden Dermatitis dünnflüssiges
klebriges Sekret ab, das zu Borken zusaimnentrocknet. die
Haare verklebt, verfilzt, durch die Zersetzung dieser Klumpen
und immer neue Absonderung einen scheußlichen, bitterlichen
und Uebelkeit erregenden Gestank verbreitet. Zu der Kopf-
hautdermatitis kommen ebensolche im Gesicht und am
Nacken, Impetigo, sogar richtige Impetigo contagiosa, und
Furunkel an Kopf und Hals hinzu. Es gibt Kinder, die den
ganzen Winter über an Kopfekzemen leiden, die im Anfang «les
Sommers heilen. Dies sind Läuseekzeme; die Läuse besiedeln
den Kopf jeden Winter, wenn der Kälte Avegen die Haare
länger wachsen gelassen werden, von neuem, und dem Kratzen
folgen krustige Ekzeme; mit dem kurzen Haarschnitt im Früh¬
jahre heilt der Kopf wieder, da die Läuse mit den Haaren ent¬
fernt werden und in der kurzen sommerlichen Haartracht sich
auf diesen Köpfen nicht wieder ansiedeln können. Weiterhin
entwickeln sich große Halsdrüsen, die abscedieren können.
Zum Schlüsse können diese tiefen Eiterungen eine mehr oder
weniger vollständige selbständige Heilung dadurch hervor-
bringen, daß infolge der Entzündung die Kopfhaare ausgehen.
Naturgemäß ist für das Befallenwerden von Kopfläusen das
weibliche Geschlecht mit. seinen langen und oft weitab¬
stehenden Haaren mehr geeignet als der Mann. Die Ueber-
tragung muß außerordentlich leicht, durch ganz flüchtige Be¬
rührung erfolgen können. Es kommt gar nicht selten vor, daß
von den Kopfläusen sorgfältige Damen befallen werden, die
sicher in ihrem näheren Umgänge keine Gelegenheit zur In¬
fektion antreffen, deren einzige Berührung mit schmutzigen
Individuen nur etwa in öffentlichen Fuhrwerken erfolgt sein
kann, Avie zum Beispiel auf den Bücken an Bücken einge¬
richteten »Sitzplätzen unserer Straßenbahnen und Omnibusse.
Die Therapie «ler Erkrankung ist sehr leicht. Benzin
und Xylol und ähnliche Stoffe, Sabadill —, ja sogar gewöhn¬
licher Essig, Petroleum. Naplitholöl 5 °/„ (Vorsicht bei weißen
Haaren wegen nicht Aviedcr zu beseitigender Delhiichfärbungt.
namentlich aber Perubalsam (Specificum gegen den Gestank
und die Eiterung) sind die gewöhnlichsten Mittel. Doch
genügt auch schon gewöhnliches sorgfältiges Kämmen. So
habe ich mehrmals an weiblichem Kopfhaare, das mir wegen
Haarausfalls zur Untersuchung eingesandt worden war,
einzelne Läuseeier gefunden. Sie saßen immer Aveit von der
Haarwurzel entfernt an Stellen, die vor mehr als Jahresfrist
nahe an der Kopfoberfläche sich befunden hatten. Die Er¬
krankung. von deren Vorhandensein die Trägerinnen keine
Ahnung hatten, war also vor so langer Zeit unbemerkt abge¬
laufen. Die ganz vereinzelten Tiere sind offenbar einfach
unbemerkt abgekämmt worden, ehe sie sich in bedeutenderem
Maße fortpflanzen konnten, haben aber doch vorher noch hier
oder da ein Ei angeheftet.
Das mit den Läusen verbundene Kopf jucken brauchte
nicht besonders aufzufallen, denn der Kopf juckt jedem
Menschen so oft, daß man nicht immer dabei an Läuse zu
denken braucht.
Beim Manne, der Kopfläuse hat, schneidet man die
Haare kurz (Basieren oder einfacher mit der Haarschneide¬
maschine), Aväscht den Kopf, und alles Ungeziefer ist fort.
Exzeme heilen schnell unter weißer Präeipitatsable,
Eiterungen und Furunkelbildung werden durch Histopinsalbe,
bei größerer Ausbildung durch Alkoholabwaschungen und
Verbände beseitigt. Natürlich darf nicht die Reinigung
der Kopfbedeckung vergessen Averden. die durch
Benzin, Petroleum oder durch ganz einfaches Ablesen der
Läuse bewerkstelligt wird.
Hefter als die Filzlaus am Kopfhaare sitzt die Kopflaus
an Körperhaaren, bis zu den Pubes hinab. Sie ist dort aber
auch mir ein Gast und pflanzt sich nicht fort, hat in dieser
Lokalisation also keine Bedeutung.
Die Avirkliche L ä u s c p 1 a g e erzeugt die dritte Läuse-
art, die Kleiderlaus. Diese Läuse halten sich in den
Kleidungsstücken auf und verteilen sich, in ihnen einher¬
laufend. am ganzen Körper. Sie haften nicht am Körper fest
und legen auch ihre Eier nicht an den Körper oder an die
Haare an. sondern nähren sich nur durch ihr Blutsaiigen von
ihm. Sie sitzen in den Kleidern, besonders in den wollenen
und baumwollenen Hemden und Hosen und kriechen über
deren Hoffnungen am Hals und an den Händen heraus, außen
herum an die Oberfläche und auf andere Menschen über und
in Betten, Decken und alles, was an den läusebehafteten
Menschen herankommt. Wer sich nicht vorsieht bei der Be¬
rührung verlauster Menschen, hat alsbald auch welche. So
hören Avir, daß die Aerzte in den örtlichen Lazaretten nach
Untersuchung und Behandlung sich jedesmal zunächst äußer¬
lich absuchen lassen müssen, und gar nicht selten an ihren
Kleidern Läuse herumlaufend gefunden werden. Erst kriechen
sie außen auf der Kleidung herum, aber sie laufen sehr schnell
und linden bald einen Eingang am Kragen oder an den
Aermeln. Sie suchen mit der ihnen innewohnenden, offenbar
gar nicht geringen Insektenintelligenz so schnell wie möglich
wieder an einen warmen und nahrhaften Nistplatz zu ge¬
langen.
Eine der medizinischen Hauptfragen in diesem Kriege,
die immer wieder, fast alltäglich, an den Dermatologen gestellt
Avird. ist die: W a s macht man gegen die Kleider¬
läuse? Leider muß die Antwort noch lauten: Es gibt kein
radikales Mittel, außer sich nackend a u s z i e h e n ,
baden, wenn es möglich ist (diese Prozedur ist A’ielleicht sogar
nicht einmal unumgänglich nötig) und s i c h v o 11 k o m m e »
mit neuen Sachen an ziehen* Aber auch diese
Methode hilft nicht immer wegen der so sehr großen Nähe
anderer mit Läusen behafteter Menschen, die alsbald neu
infizieren und die durch das Kleiderwechseln erzeugte Läuse-
freihoit zu einer mir sehr kurzen und vergänglichen Freude
machen. Der K 1 e i «l e r w e c h s e 1 muß deshalb i in
großen A’orgcn»>mmen werden. Alle müssen zusammen
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28. Februar.
1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 0.
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sich ausziehen, sich abwaschen und läusofreie Kleider anlcgen.
Den absoluten Erfolg durch den Kleiderwechsel sehen wir
tätlich in der Praxis des Städtischen Obdachs in Berlin, dem
Orte, wo Kleiderlauserkrankuiig“ fast täglich beobachtet wird.
Die Menschen müssen sich ausziehen und ein Brausebad
nehmen, in der Zwischenzeit werden ihre Kleider im großen
IVberdnickdainpfsterilisator desinfiziert, nach dem YVieder-
anklciden sind die Leute frei von Ungeziefer. Wo es nicht
möglich war, die oft außerordentlich zerlumpten Kleider einer
sn eingreifenden Prozedur wie der Dainpfsterilisierung auszu-
fftzon, weil sie darin in unbrauchbare Trümmer zerfallen
wlrcn. ode\* den Leuten statt ihrer Lumpen frische Kleider
zu verabreichen, da wandte man — wie zum Beispiel zu
K a p o s i s Zeiten in den Wiener Kliniken — die Eintauchung
der ganzen Kleider in Benzingefäße an. Wenn es erst einmal
möglich ist. die Kleider vom Leibe herunter zu bekommen,
daun wird sich wohl immer leicht ein Verfahren finden, in
diesen die Parasiten zu vernichten, sei es durch Dampf, sei es
durch chemische Mittel. Der Gebrauch seidener Unterwäsche
soll vor dem Befallemverden mit Läusen schützen. Ich selbst
habe vor Jahren diese Tiere freilich auch in dem kost¬
baren seidengefütterten Kaftan eines gelehrten Warschauer
Rabbiners munter herumlaufen sehen.
Banz anders steht es, wenn es sich darum handelt, gute
Mittel anzngeben, die Läuse fernzuhalten oder die eingc-
drungenen ohne Kleiderwechsel zu beseitigen. Die am
meisten empfohlenen Mittel sind ätherische < >ele. Vor allem
Anisöl. dann Bergamottöl, Fenchelöl, stärker vielleicht noch
das furchtbar durchdringend riechende Kümmolöl (Ol. carvi)
sind in letzter Zeit direkt gegen die Läuse empfohlen und an¬
gewandt worden oder zeichneten sich in besonders hohem
Maße gegen andere schwer vertilgbare tierische Parasiten aus;
mit ihnen ist wegen der Gefahr der Nierenreizung Vorsicht
geboten. Weiterhin ist Terpentin und Petroleum anwendbar,
deren Feuergefährlichkeit aber die Bequemlichkeit ihrer An¬
wendung aufwiegt. Pulverisierte Asa foetida soll speeitisch
wirken. Insektenpulver tötet sicher eine ganze Menge Läuse
bei ausgiebiger Anwendung (Guniniibläser oder Zaelierün-
tiitei. Als gutes Läusemittel (wenn auch vorzugsweise für
Filz- und Kopfläuse) gilt seit dem Altertume die gram 1 Salbe.
1 nguentiun hydrargvri einereum. Auch sie wird neuerdings
empfohlen und als Einreibung von Amalgam in die Unter¬
wäsche in handlichere Form zu bringen versucht, wie es ja
• S( ‘lmn vor Jahren gelang und noch viel in der Syphilis-
tlmrapie gebraucht wird, reines Quecksilber in ein weiches
Bcwebe (Mereolmtschurz) zu imprägnieren. Als allgemeines
Mittel dürfte das Quecksilber wegen der Gefahr der Dermatitis.
d<*r .Stomatitis und Enteritis nicht zu empfehlen sein. Besser
Hb alle diese Mittel scheint mir aber der P e r u hals a m zu
helfen. Seit gegen die Läuse genau so wie gegen Scabies
Einreihungen mit Perugen vorgenommen worden, fehlen
in meiner Krankenstation vollkommen die Hautreizungen,
Flagmi über Schmerzen und die artefieiellen Exantheme, die
bvi der Anwendung von grauer Salbe. Sabadillessig und auch
bei den früher üblich gewesenen, aber nicht sicher wirksamen
Einreihungen mit Xylol fast täglich gesehen wurden. Im
Heagensglas gehen die Kleiderläuse durch Perugen recht
leicht zugrunde. Ob das Mittel sich unter so abnorm un¬
günstigen Verhältnissen, wie ihn der russisch-polnische
■S'hmutz darstellt, ebenfalls bewährt, kann natürlich nur ein
'»Msur-h zeigen. Von allem bisher Empfohlenen scheint mir
nber das IVntgcn und der Perubalsam, der nicht reizt, kaum
F Arzneiexantlieme macht, nicht zu unangenehm riecht, vor¬
handene Ekzeme heilt mul gut juekstillend wirkt, daneben
aber noch als sehr wichtige Wirkung mit Sicherheit die obon-
Llls recht verbreitete Krätze heilt, das allerbeste Läusemittel
f u * { ‘ m - wt *an die Möglichkeit des Kleiderwechselns nicht vor¬
handen ist.
Aus dem Reservelazarett Görlitz.
Turnen als Heilmittel
von
Dr. Winckelmann, Reservelazarettdirektor.
Jedem in der Unfallheilkunde und -begutachtung tätigen
Arzt ist die hohe Bedeutung der Bewegung als therapeutischen
Faktors wohl bekannt, und das Bestreben muß dahin gerichtet sein,
die Bewegung möglichst frühzeitig in den Behandlungsplan Ver¬
letzter cinzufügen. Demzufolge wird in den Reserve- und Vereins-
laza retten des Bezirks Görlitz von der Massage, Gymnastik, sowie
aktiven und passiven Hebungen an medioo-nipchaniscben Appa¬
raten der ausgiebigste Gebrauch gemacht. Doch schien mir das
für eine große Reihe von Fällen noch nielit zu genügen; Die vielen
hesehüftigiings- und zumeist bewegungslos zugobrachten freien
Stunden der von ihren Wunden oder inneren Erkrankungen ge¬
nesenden Mannschaften haben mich zur Einführung des Turnens
als Heilmittel veranlaßt: An drei Nachmittagen in der Woche
werden die geeigneten Leute aus den verschiedenen Reservr-
lazarettabteilungcn in eine von der Stadt Görlitz bereitwilligst zur
Verfügung’ gestellte Turnhalle geführt, wo unter spezieller Leitung
eines Arztes Turnstunden — Freiübungen — durch einen Turn¬
lehrer abgchalten werden.
Die Erfolge dieses Turnens bestehen nicht nur in der durch die
systematischen Lehmigen erzielten Erhöhung der Bcweguugslahig-
keit des Körpers, sondern machen sich auch in psychischer Be¬
ziehung geltend, indem die Verletzten erhöhtes Vertrauen in die
Gohrauehsfiiliigkcit ihrer Gliedmaßen und in die Leistungsfähigkeit
ihres ganzen Körpers gewinnen.
Feber die Auswahl der „Turner 1 * und die Erfolge im ein¬
zeln» n wird von Herrn Dr. Tri lim ich, Spezialarzt für Ortho¬
pädie. später berichtet werden. Ich möchte mit dieser kurzen Mit-
icihmg nur die Einführung des Turnens in die Behandlung unserer
Krieger angelegentlichst empfehlen.
Typhusbekiiinpfang im VH. R. K. 1 )
von
Stabsarzt Dr. Fromme,
Hygieniker beim Korpsiirzt VII. Keservekorps.
Von den Krankheiten, denen im Krieg eine besondere Be¬
deutung zukomnit. ist neben der (’holera in erster Linie der Unter¬
leibstyphus zu nennen. In früheren Kriegen ii hertraf der Verlust
des Heeres durch typhöse Erkrankungen oft den durch Verwun¬
dungen um ein Vielfaches.
!m russisch-türkischen Kriege 1H7IV77 erkrankten bei der Balkan-
und kaukasischen Armee an typhösen Krankheiten etwa 200 000 und
starben i-twa 40 000 Mann. 1870 71 fielen auf deutscher Seite durch
TyphuseiKränkungen noch 74 000 Mann L etwa der Kopfstücke
aus. von «lenen etwa 11 bis 12"/« starben.
Seit 1870 sind nun auf dem Gebiete der Seuchenbekämpfung
Fortschritte gemacht. 1884 entdeckte Gaffky den Typhus-
bacillus. Wir lernten seine Lcbensbediugungen und damit auch
Mittel zu seiner Bekämpfung kennen. Die Erfahrungen hei den im
großen durchgeführten Typlmslu-käuipfüngsmaßnahmcn in d m
hauptsächlich befallenen mul als Aufmarschgebiet wichtigen Siid-
w Ostdeutschland haben vor allem die Bedeutung der B a o i 11 e n -
träger für die Ausbreitung des Typhus gezeigt.
Die ErkrankungszitTer an Typhus ist denn auch in den letzten
Jahren immer mehr zufüekgogaiigon. Im Deutschen Reich ist sic R.
von 10.0 " ...io iui Jahre 1004 auf J.!F'/wm> im Jahre 1000 und seitdem
weiter gesunken.
Zu Beginn dieses Kriegs lagen die Verhältnisse be¬
züglich Typhuserkrankungen unserer Truppen etwa so: Es mußte
damit gerechnet werden, daß sowohl in unserm Aufmarschgebiete,
besonders aber in Belgien und Xordfrankreieh vielfach Tvphus-
erkrankinigen und Tvphushacillonträgvr angetroffen wurden und
somit eine Ansteckungsgefahr für die Truppe bestand. Soweit das
eigne Land in Betracht kam. ließ sich diese Gefahr mit einiger
Sicherheit auf ein Minimum beschränken. Anders in Belgien, das
in großer Eile durchzogen wurde und so eine Feststellung der
Infektionsquellen zu allermeist unmöglich war. Es war infolge¬
dessen von vornherein mit Sicherheit auf einzelne Typhuserkran¬
kungen innerhalb unserer Truppen zu rechnen.
1 ) Nach einem in der 2. inilitürürztliehen Sitzung der Sanitüts-
oftiziere VII. Res.-Korps am 2(1. Dezember 1014 gehaltene» Vorträge.
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UNIVERSITY OF IOWA
242
28. Februar.
1 D1 5 — MEDIZINISI
Um die Weiterverbreitung der durch diese infizierten Per¬
sonen in die Truppe hereingeschleppten Bacillen zu vermeiden,
mußte alles daran gesetzt werden, solche Ersterkrankten so früh
wie möglich aus der Truppe herauszunehmen, es mußte von vorn¬
herein dafür gesorgt werden, eine Verschleppung der ausgeschie¬
denen Bacillen zu verhindern. Mit dem Stuhle, dem Urin gelangen
die ansteckenden Keime in die Außenwelt und es gehört eine ge¬
ringe Ueberlegung dazu, zu verstehen, welche Verbreitungswege für
die Typhusbacillen nunmehr gegeben sind.
Die Maßnahmen nun, die das Isoliertbleiben einzelner unver¬
meidlicher Typhuserkrankungen bezweckten, teilen sich in all¬
gemeine hygienische und besondere Anord¬
nungen.
Unter die allgemeinen hygienischen Ma߬
nahmen fallen zunächst alle die, welche die Forderung der
Sauberkeit in vollem Sinne zum Ziele haben. Diese
Sauberkeit bezieht sich auf den Menschen selbst, auf Pflege der
Haut, besonders der Hände durch Waschen, Bäder, Sauberkeit bei
der Defäkation usw., bezieht sich auf seine nähere und weitere
Umgebung, Sauberkeit der Unterkunft, Beseitigung aller fäulnis¬
fähigen Stoffe, also besonders der Speisereste und -abfälle; auf
Sauberkeit des Hofs, unschädliche Beseitigung der Darmentleerun¬
gen durch Anlage einwandfreier Latrinen, und schließlich auf
Sauberkeit der Hausumgebung, der Straße.
Weiter ist zu achten auf all die Möglichkeiten einer Ueber-
tragung von Infektionskeimen mit Nahrungsmitteln (Gemüse,
Milch usw.), auf Reglung der Trinkwasserverhältnisse, Genuß ab¬
gekochten Wassers bei irgend zweifelhafter Beschaffenheit der
Brunnen.
Endlich sei zur Kräftigung der Widerstandsfähigkeit des
Körpers der Wert warmer Kleidung, sowie aus¬
reichender und regelmäßiger Ernährung hervor¬
gehoben.
Im einzelnen auf diese Verhältnisse einzugehen, würde zu
weit führen. Die Durchführung der hygienischen
Forderungen stößt naturgemäß im Felde vielfach auf
Schwierigkeiten, besonders bei häufigem Wechsel der Ortsunter¬
künfte. Anders ist es, wenn die Truppe längere Zeit, wie jetzt,
dieselben Stellungen einnimmt Wie sich gezeigt hat, läßt sich
diesen Forderungen der allgemeinen Hygiene unter den jetzigen
Verhältnissen weitgehend nachkommen, wenn immer wieder auf die
Notwendigkeit der Maßnahmen, auf Sauberkeit usw. hin¬
gewiesen wird.
Die besonderen zur Bekämpfung des Typhus ergriffenen
Maßregeln erstrecken sich in erster Linie auf eine zeitige
Erkennung der Erkrankung, um den Erkrank¬
ten so schnell wie möglich aus der durch ihn
gefährdeten Umgebung herauszunehmen.
Die frühzeitige klinische Erkennung einer
Typhuserkrankung ist besonders dann erschwert, wenn, wie das
auch jetzt beobachtet ist, der Verlauf der Erscheinungen von dem
typischen abweicht Als solche abweichende Formen sind zu er¬
wähnen schwerste, rasch letal verlaufende Infektionen, bei denen
die charakteristischen Lokalsymptome gar nicht ausgebildet wer¬
den. Oft beherrscht im Anfang eine örtliche Erkrankung das Bild
(Pneumo-, Pleuro-, Meningo-, Nephro-, Tonsillotyphus). Ferner ist
zu denken an leichte und leichteste, rasch verlaufende Erkran¬
kungen, an abortive, das heißt nach kurzem schweren Verlaufe
fast kritisch endende, dann an die afebrilen und die ambulanten
Formen, in denen das Krankheitsbild kaum ausgebildet ist Solche
Kranke mit leichtem Verlaufe spielen häufig als ambulante Ba¬
cillenwirte eine für die Ausbreitung unheilvolle Rolle.
Für den Truppenarzt stößt daher die Diagnose gerade mit
Rücksicht auf den oft abweichenden Verlauf beim Beginne der Er¬
krankung auf große Schwierigkeiten. Um nun aber alle irgendwie
typhusverdächtigen Personen so bald wie möglich aus der Truppe
abzuBondem, wurden, als einige Typhuserkrankungen im Korps
auftraten, auf Veranlassung des Korpsarztes, Generalarztes
Nickel, zur Aufnahme Typhusverdächtiger Typhusbeob¬
achtungsstationen eingerichtet Leute, die an Fieber
ohne erkennbare Ursache litten oder sonst irgendwie entfernt
typhusverdächtig schienen, sollten in diesen, nahe der Front ge¬
legenen Stationen abgesondert und beobachtet werden. Es war
auf diese Weise ermöglicht, einmal den Begriff „typhusverdächtig“
so weit als möglich zu fassen, anderseits im Interesse der Schlag¬
fertigkeit der Truppe die Mannschaften der Truppe nicht länger als
nötig zu entziehen.
■HE KLINIK — Nr. 9.
Solche Typhiisbcoliarlitungsstationen wurden in A. für den
rechten und in B. für den linken Flügel errichtet und der Leituug
älterer Sanitätsoffiziere unterstellt, denen ein jüngerer Arzt zur
Seite stand.
Die Stationen sind in abgesondert gelegenen Häusern unter¬
gebracht, verfügen über eine Reihe leicht desinfizierbarer Räume
für Verdächtige, für Kranke, die als typhuskrank erkannt waren,
für Pflegepersonal usw. Der wirtschaftliche Betrieb wird in B.
von der Station selbst, in A. unter Anlehnung an eine Sanitäts-
kompagnie durchgeführt.
Zum ausschließlichen Transport der Verdächtigen von der
Truppe zu den Beobachtungsstationen sind diesen Wagen und
Pferd zur Verfügung gestellt.
Die Tätigkeit der Stationen gestaltete sich so,
daß die Truppenärzte den Wagen zum Abholen der Kranken tele¬
graphisch anfordern. Ergibt die Beobachtung auf der Station An¬
haltspunkte für Typhusverdacht, so wird durch den Korpshygie¬
niker eine bakteriologische Blutuntersuchung vorgenommen.
2 1 /a ccm Blut, der Armvene entnommen, kommen in ein Röhrchen
mit Rindergalle und werden zwei Tage lang bebrütet. Bei Anwesen¬
heit von Typhusbacillen wachsen nach Ausstrich der angereicherten
Galle auf Endo- oder Drigalskinährböden Kolonien, die durch ihr
Aussehen, der specifischen Agglutination und Beweglichkeit der
Bacillen gekennzeichnet sind.
Erweist sich die Erkrankung klinisch als dringend ver¬
dächtig, so wird der Abschluß der bakteriologischen Untersuchung
nicht abgewartet und der Kranke — ebenso wie jeder bakterio¬
logisch positive Fall — sogleich auf einem besonderen, vom Korps¬
arzt anzufordernden Wagen in das Seuchenlazarett der Etappe
befördert.
Kranke, bei denen sich der Typhusverdacht nicht bestätigte,
werden nach Wiederherstellung zur Truppe entlassen. In einigen
Fällen, die als Ruhr erkannt wurden, erfolgte Ueberweisung zur
Darmkrankensammelstelle.
Die Tätigkeit der beiden Stationen hat sich als zweckmäßig
erwiesen. Bei etwa 25 °/ 0 der zur Beobachtung eingelieferten
Kranken handelte es sich um Typhus.
Was die vom Truppenärzte zu treffenden Anordnungen
und Desinfektionsmaßnahmen im einzelnen Fall an¬
langen, so wird bei Typhus verdacht so verfahren, als wenn Typhus
festgestellt wäre. Sie erstrecken sich auf gründliche Desinfektion
der Unterkunftsräume mit Kresolseifenlösung, Verbrennen alles
Verbrennbaren, vor allem des Strohs, laufende Desinfektion der
Latrinen mit Kalkmilch oder Chlorkalkmilch. Zur leichteren Be¬
schaffung dieser Desinfektionsmittel waren dicht hinter der Front
anfangs an drei, später an zwei Orten Niederlagen von Kalk und
Chlorkalk eingerichtet. Wenn die Unterkunftsverhältnisse es zu¬
lassen, wird das Haus nach der Desinfektion gesperrt, im andern
Falle nach der Desinfektion wieder freigegeben. Die Sperrung der
Unterkunft wurde als notwendig erachtet, wenn die Bauart des
Hauses eine Vernichtung der Infektionsstoffo als unsicher er¬
scheinen ließ.
Personen, die mit den Erkrankten zusam-
mengelegen hatten, wurden für sich untergebracht und
soweit wie möglich auch im Dienste von andern Truppen fern-
gehalten.
Die Beobachtung erstreckte sich auf tägliche Temperatur¬
messungen für die Zeit von drei Wochen, um frühzeitig Krankheits¬
erscheinungen zu erkennen. Ferner wurden bakteriologische Unter¬
suchungen von Stuhl- und Urinproben vorgenommen.
Dem Zwecke, typhuskranke Personen schnell aus ihrer Um¬
gebung zu entfernen, dienten weiterhin die Anordnungen, die sich
auf das Nachrichtenwesen beziehen. Dieses wurde in der
Hand des Korpsarztes möglichst zentralisiert. Jede typhusver¬
dächtige Erkrankung ist telegraphisch dem Korpsarzte zu melden.
Die Verpflichtung dieser Meldung zwingt einmal den Truppenarzt,
alle typhusverdächtigen Erkrankungen mit besonderer Sorgfalt z\
beachten. Vor allem aber wird der Korpsarzt durch umgehend«
Benachrichtigung in den Stand gesetzt, die Ausführung der en
forderlichen Maßnahme rechtzeitig zu übersehen.
Jeder als Typhus festgestellte Fall wird vom Korpsarzt den
Divisionsärzten (beziehungsweise den unmittelbar unterstellten
Aerzten) telegraphisch mitgeteilt mit dem Ersuchen um Benach¬
richtigung der betreffenden Truppenärzte und Veranlassung von
Erhebungen über die Infektionsquellen.
Um über die Infektionsquellen Anhaltspunkte zu
erhalten, sollten außer den Angaben des Kranken Berichte der
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UNIVERSUM OF IOWA
f?Ä. Februar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Xr. 9.
Truppe beziehungsweise des Truppenarztes dienen. Diese bezogen
sieh auf genaue Angabe des Aufenthalts des Erkrankten nach Ort
und Zeit drei bis vier Wochen vom Tage der Erkrankung rück¬
wärts gerechnet, ferner auf besondere Anhaltspunkte für eine An¬
steckung. Durch Kenntnis des Aufenthalts zu Beginn der Inkuba¬
tionszeit läßt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit der Ort der In¬
fektion ermitteln. Führen die Erhebungen bei mehreren Krank¬
heitsfällen auf ein und denselben Ort, so kommt diesem Ort als
Infektionsquelle eine besondere Bedeutung zu.
Die Ergebnisse dieser Erhebungen sind in untenstehender
Tabelle zusa in in engestellt. Sic beziehen sich auf etwa 9 d°/ () der
im Korps zur Beobachtung gekommenen Typhuserkrankungen.
fcktionsorten fallen allein 44 °/ 0 außerhalb des vom Korps besetzten
Gebiets. Also wenig über die Hälfte der Erkrankungen führen,
soweit festzustellon, mit ziemlieber Sicherheit ihre Infektionsquelle
auf das jetzt besetzte Gebiet zurück. Die Frage, wo die An¬
steckungskeime für diese Erkrankungen hernihron, möchte ich
dabin beantworten, daß sie in erster Linie ans unserer Truppe
seihst, stammen. Dafür spricht einmal die verhältnismäßig hohe
Zahl der von auswärts eingesehleppten Fälle. Es ist naheliegend,
anzunehmen, daß diese in der Truppe hier und da Typhusbarillen
ausgestreut haben. Auch mit Typhusbacillenträgern unter den
Soldaten als Ausgangspunkt von Infektionen ist zu rechnen. Es
werden daher Stuhl und Urinprobe von allen Angehörigen des
Mutmaßliche Infektionsquellen nach Aufenthalt der Erkrankten zur Zeit der Infektion.
Die Infektion
erfolgte
Im Schlüssen-
graben
wahr- l vfel-
scbeiol. 1 ) ! leicht 1 )
In Ortsunterknnft
in Nähe des
Schützengrabens
scheinUchi vie,leicht
In Ortsunterknnft
weiter ab vom
Schützengraben
im Etappenort
des
Senchenlazaretts
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außerhalb der
Trappe
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Belgien und
Nordfrankreich
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insgesamt | 21,5% |
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6 % 1
18 %
21,5% |
8,7%
11 % 1 8.7%
3 % .
4,4%
9 % | 8,7%
14 % 1 13 %
in der Heimat
Aus der Tabelle ist zu entnehmen, daß die mit Wahrschein¬
lichkeit im Schützengraben erfolgten Infektionen eine verhältnis¬
mäßig geringe Zahl ausmachen, kaum l / 4 der Fälle, deren In¬
fektionsort mit einiger Sicherheit ermittelt wurde. Diese Gruppe
hat in der letzten Zeit nicht nennenswert zugenommen. Es wäre
zu denken, daß auf Erkrankungen innerhalb der Schützengräben,
z. B. im Oktober, infolge Bacillenstreuung nach zwei bis drei
Wochen die Zahl neuer Infektionen zunehmen würde. Immerhin
ergab sich, daß bestimmte Gegenden offenbar wiederholt zu An¬
steckungen geführt haben.
In 3 : 4 der Fälle waren die Infektionsquellen außerhalb der
jetzigen Stellung zu suchen.
Von den weiter zurückgelegenen Ortschaften bot ein Ort
Interesse, auf den einige Erkrankungen zurückgeführt werden
konnten. Diese verteilten sich auf verschiedene, voneinander ge¬
trennt gelegene Häuser. Die eingehenden Erhebungen auch unter
<lor Zivilbevölkerung haben bisher eine Infektionsquelle nicht er¬
mittelt.
Bei einem Orte lagen gewisse Anhaltspunkte dafür vor, daß
das Trinken von infiziertem Bachwasser zu Erkrankungen ge¬
führt hatte.
In einem andern Orte waren bei denselben Formationen zwei
über sechs Wochen auseinandergelegene Typhuserkrankungen vor-
gekonimen. Bei der letzten handelte cs sich uni einen Typhus-
banllenträgor, der nach dem Ergebnisse der Sektion offenbar an
einer Autoreinfektion erkrankt gewesen war. Klinisch anfangs
nicht klar, ergab die Autopsie ein Gallenblasenempyem, Gallen-
süine, entzündliche Milz bei normaler Darmschleimhaut; Reinkultur
von Typhusbacillen in der Galle und Milz. Ein Zusammenhang
zwischen beiden Fällen ist. nicht erwiesen.
Bei einigen Erkrankungen fiel die Infektionszeit zusammen
mit einem Aufenthalt außerhalb des Truppenverbandes. Es handelt
sich um von der Truppe abgekommene Leute, die nicht beauf¬
sichtigt und, auf sich angewiesen, leichter der Ansteckung aus¬
gesetzt sind.
In den ersten Wochen der jetzigen Stellung aufgetretene
Erkrankungen weisen auf eine Ansteckung auf dem Marsche durch
Belgien und Xordfrankreich hin.
\ erhältnismäßig häufig sind die ira Oktober beobachteten
deutel° nen ’ ^ eren ^ r8 I ,run ? au f Zeit des Bahntransports hin-
Das Ergebnis der Erhebungen läßt sich dahin zusammen-
f^seii, daß beim VII. Reservekorps von gehäuften Tvphusorkran-
umgen nicht geredet werden kann. Es handelt sich um ver-
^nkiin' 1 Uretene ’ < * urc * 1 Kontakt zustande gekommene Er-
Von den mit großer Wahrscheinlichkeit ermittelten In-
AnUnti Rubrik «'wahrscheinlich“ stehen die Fälle, bei denen als
TbiVvrib '.• V, 1 ! en ! et ?ten Wochen vor der Erkrankung e i n Ort, in der
l, , :q le die Fälle, bei denen mehrere Orte ermittelt wurden.
I,.-. « !'.. 10 . Erkrankungsfall erscheint demnach in den Rubriken ,.viel-
öin! r Wt ‘ n, r stf ' n * zwei Stellen. Bei der prozentualen Berechnung
für (j! t C m ‘t großer Wahrscheinlichkeit- festgestellten Infektionsorte
oit, r; 1 • . f 10 -vielleicht“ als Infektionsort in Betracht kommenden
" fnr verglichen worden.
Korps, die früher Typhus überstanden haben, untersucht.
Eine andere Möglichkeit der ersten Infektion ist die, daß
die Truppen im jetzigen Besatzungsgebiete durch Typlmsbacillen
ausscheidende Z i v i 1 b e w o h n e r infiziert worden sind, das heißt
also durch Typhuskranke oder durch gesunde Keimträger und
Dauerausscheider. Es ist daher auf Veranlassung des beratenden
Hygienikers, Oberstabsarzt U h l e n h u t h , auch den g e s u n d -
h e i 11 i e h e n Verhältnissen in der Z i v i 1 h e v ö 1 k e -
rung besondere Aufmerksamkeit geschenkt worden. Das ge¬
samte Korpsbereich ist in Bezirke eingeteilt, die bestimmten Herren
zur gesundheitlichen Ueberwaehung zugewiesen sind. Hei allen als
typhuskrank oder typhusverdäehtig aufgefundenen Personen ist
nach entsprechenden Grundsätzen wie fiir .Militärpersonen zu ver¬
fahren, also telegraphische Benachrichtung des Korpsarztes, Ab¬
sonderung der Verdächtigen, Transport der Typhus-verdächtigen
und Typhuskranken nach einem fiir Typhuskranke aus der Zivil¬
bevölkerung eingerichteten Typhushospital. Weitere Maßnahmen
erstrecken sielt auf die erforderlichen Desinfektionen. Sperrung der
betreffenden Häuser für Militär- und Zivilpersonen.
Die Kontrolle der Zivilbevölkerung erstreckt sich des wei¬
teren auf F e s t s t e 11 u n g v o n g e s u n d e n B a e i 11 o n -
trägem. Nach den Untersuchungen von Uhlenhuth sind
fiir die erste Infektion in der hiesigen Gegend vielfach gesunde
Bacillenträger der Zivilbevölkerung verantwortlich zu machen.
Bisher sind in der Zivilbevölkerung des vom Korps besetzten
Gebiets einige isoliert aufgetrefene Typhuserkiankmigen fest¬
gestellt. Eine lYbertraguug auf Militärpersonen hat nicht nach¬
gewiesen werden können. Umgekehrt ist mit Wahrscheinlichkeit
die Infektion eines Kindes von einer Behausung ausgegangon, in
der zuvor ein an Typhus erkrankter Mann gelogen hatte'. Die des¬
infizierte Wohnung war, obgleich gesperrt, von der betreffenden
Familie bezogen worden.
Zur l nterstiitxuug der Vorbeugungsmaßnahmen -wurde,
schließlich eine a 11 g e m e i n e I) u r e h i m p f u n g des Korps
ungeordnet.
Die bisherigen Erfahrungen über den Wert der Typhussehutz-
impfung im g-roßen stützen sieh im wesentlichen auf Statistiken
aus Amerika, aus England, aus Frankreich, sowie aus Südwest¬
afrika. So sali L o i s h m a n bei englischen Truppen die Morbi¬
dität von 3% auf 0,5’\ : () , die Mortalität- von 0,5 °/ 0 auf 0,05 7
herabgehen. Die Beweiskraft dieser Statistiken wird aber nicht
allseitig anerkannt, weil die Bedingungen, unter denen die zum
\ ergleiche herangezogenen Geimpften und Nichtgeimpften sieh be¬
fanden, nicht immer dieselben waren.
Das aber hat unzweifelhaft festgestellt werden können daß
dauernde Schädigungen infolge der Impfung nicht erfolgten
Deshall) erscheint die Durchführung der Tvphussehutzimpfimff
bei unsem Truppen durchaus berechtigt. Zur Bekämpfung des
Typhus sollte unter den jetzigen Verhältnissen kein Mittel unver-
sueht bleiben, das Erfolg verspricht, Zahl der Erkrankungen und
rodesfälle herabzumindern.
Die anfangs beobachteten heftigen R 0 i z e r s 0 h e i n u n -
ge n im Anschluß an die Impfung hat man durch Herabsetzung der
| zur Abtötung der Typlmsbacillen gewählten Temperatur von"00"
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UNIVERSITY OF IOWA
28. Februar.
244
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9.
auf 53 0 soweit mildem können, daß nur ausnahmsweise vorüber¬
gehende Störungen der Berufs- beziehungsweise Dienstfähigkeit
eintraten.
Der Impfstoff besteht aus einer mit physiologischer Koch¬
salzlösung abgeschwemmten 24 ständigen Agarkultur von Typhus¬
bacillen. Diese Aufschwemmung wird lVa Stunden lang im Wasserbade
von 54° abgetötet, auf Sterilität geprüft und sodann mit 0.5%igem
Carbol versetzt. Es ist so mit Bestimmtheit zu sagen, daß alle
Typhusbacillen abgetötet sind. Keime, die bei der Sterilisierung bei
54 0 nicht abgetötet sein sollten, werden mit Sicherheit in kurzer Zeit
durch den Carbolgehalt vernichtet.
Der Impfstoff ist so konzentriert, daß in 1 ccm etwa eine Milliarde
Bacillen enthalten sind. Für die erstmalige Einspritzung sind V 2 ccm,
für die in Abständen von sechs bis zehn Tagen später erfolgende zweite
und dritte Impfung je 1 ccm vorgesehen.
Die Einspritzungen sollen unter aseptischen Vorsichts¬
maßregeln subcutan am besten zwei bis drei Finger breit unterhalb des
Schlüsselbeins erfolgen, das erste und dritte Mal links, das zweite Mal
rechts. Zur Hautdesinfektion empfiehlt sich. Jodtinktur zu nehmen.
Der in sterilen Behältern (ausgekochten kleinen Weingläsern) gut um-
geschüttelte Impfstoff wird in 10 oder 5 ccm Rekordspritzen hoch¬
gesogen. Die Sterilisierung der Kanülen zwischen den Einzelimpfungen
erfolgt am einfachsten durch Ausglühen in einer .Spiritusflamine. Als
Kanülen bewähren sich Acufirm- oder Platiniridiumnadeln.
Um über den Wert der zur Verfügung stehenden Impfstoffe
bezüglich der nachfolgenden Reaktion Anhaltspunkte zu gewinnen,
wurden die Typhussehutzimpfungen im Korps zunächst in kleinen
Formationen durchgeführt und dabei Aufzeichnungen über die
beobachteten Erscheinungen gemacht. Als Ergebnis dieser Unter¬
suchungen hat sich etwa folgendes herausgcstelit.
Der Grad der Reaktionen ist einmal von der Her¬
kunft des Impfstoffs abhängig. Die zur Verfügung
stehenden Impfstoffe wiesen in dieser Beziehung erhebliche Unter¬
schiede auf.
Der Ausfall der Reaktionen ist weiterhin individuell
verschieden, ohne daß sieh indes im voraus bestimmte An- |
haltspunkte angeben ließen. Weder die Berufstätigkeit, noch die
Köiperkoustitution scheinen von Einfluß zu sein. Dagegen ist des |
öfteren beobachtet, daß bestehende krankhafte Zustände offenbar
infolge der Impfung eine vorübergehende Verschlimmerung er¬
fahren; z. B. Herzbeschwerden, Herzklopfen, auch katarrhalische
Zustände. Feiner gaben drei einer Kolonne angehörende Leute
an, daß nahezu abgeheiltc Hautverletzungen im Anschluß an die
Impfung sich wieder verschlimmerten.
Die Erscheinungen nach der zweiten und dritten Impfung
sind im Ganzen genommen geringer, ohne daß im einzelnen gesagt
werden kann, daß einer starken Reaktion nach der ersten Impfung
eine geringere nach der zweiten oder dritten folgen würde oder
un»gekehrt. Der Impfschutz beginnt etwa zwei bis drei Wochen
nach der letzten Impfung. Seine Dauer wird auf ein bis zwei
Jahre angegeben. _
lieber die Wirkung des Thermalwassers bei
Irischen Schuß Verletzungen im Vereinslazarett
Landesbad
von
Med.-Rat Dr. Krieg, Baden-Baden.
Unter den in Baden-Baden eingerichteten Lazaretten steht
das Großh. Landesbad mit 130 Betten in erster Linie. Das Ge¬
bäude dient in Friedenszeiten zur Aufnahme von 153 Kranken, die
hier die altberühmten Heilquellen benutzen wollen, sodaß bei der
Umwandlung in ein Lazarett die weitgehendsten Ansprüche hin¬
sichtlich Luft und Lieht befriedigt werden konnten. Die Zahl
der vorhandenen Badezellen für Thermal- und Wildbäder,, die Ein¬
richtung für Kohlensäure- und Bogenlichtbäder, für Fango¬
packungen, die Heißluftapparate nach .T a 11 e r m an vereinigen
in sich eine Fülle von Heilfaktoren, wie sie außer in Kurorten
schwerlich in Lazaretten zu finden sind. Die unmittelbare Nähe
der Großh. Badeanstalten mit ihren Dampfbädern, den großartigen
Einrichtungen für Heilgymnastik, das mit den modernsten Appa¬
raten versehene Inhalatorium ergänzen die uns zu Gebote stehen¬
den Kurmittel in kaum zu übertreffender Weise. Es lag daher der
(':'«lenke sehr nahe, alle die Schätze durch die Umwandlung des
Landesbads in ein Lazarett für unsere tapferen Streiter nutzbar zu
machen. In dankenswertester Weise hat die Großh. Regierung
sowohl hinsichtlich der technischen Einrichtungen wie hinsichtlich
der Verpflegung kein Opfer gescheut, um das Landesbad zu einem
Musterlazarett einzurichten.
Die erste Belegung des Lazaretts erfolgte in der Nacht des
22./23. August und brachte 90 Verwundete direkt von den Schlacht¬
feldern bei Saarburg. Da die meisten Verletzten schon am dritten
Tage nach der Verwundung ankamen und in vielen Fällen erst
hier der erste Verbandwechsel stattfand, kamen die Wunden in
den verschiedensten Stadien zur Beobachtung.
Neben der üblichen Behandlung mit Jod, Perubalsam,
Wasserstoffsuperoxyd entschlossen wir uns im Hinblick auf die in
früheren Kriegen beobachtete gute Wirkung der Bäder auf gan¬
gränöse und eiternde Verletzungen, so viel als möglich das uns zur
Verfügung stehende Thermalwasser bei der Wundbehandlung an-
zuwenden. Dabei leitete uns der Gedanke, daß die Zusammen¬
setzung des Thermahvassers und sein Charakter als hypotonische
Kochsalzlösung günstig auf die Strömungsverhältnisse von Blut
und Lymphe einwirken müsse, sodaß die Selbstreinigung der
Wunden gefördert wurde. Auch von dein Gehalt an Radium¬
emanation war eine hemmende Wirkung auf die Entwicklung von
Eiter- und zersetzungserregenden Bakterien zu erwarten.
Der Erfolg entsprach unsem Erwartungen und übertraf die¬
selben in vielen Fällen.
Die Anwendung von Dauerbädern konnten wdr allerdings
nicht durchführen. Anfangs versuchten wir Bäder von 35 0 C bis
zu einer Dauer von zwei Stunden. Wir beobachteten aber öfter
Ohnmachtsanfälle, die nicht im Verhältnisse zur Schwere der Ver¬
letzung standen, sondern wahrscheinlich noch auf den allgemeinen
Shock auf dem Schlachtfelde zurückzuführen waren. Im Vergleiche
zu der Widerstandsfähigkeit der in Friedenszeiten hier zur Be¬
handlung kommenden Rheumatiker schienen die im kräftigsten
Lebensalter stehenden Verwundeten viel stärker auf die Bäder
überhaupt zu reagieren. In der Folge blieb die Dauer des Bails
in den meisten Fällen auf 1 / 4 Stunde beschränkt, nur bei der
Weiterbehandlung wurde sie wieder bis zu einer Stunde ver¬
längert.
Was nun die Wirkung auf die Wunden betrifft, so fiel die
äußerst geringe lokale Reaktion auf. Bei den noch nicht eiternden
wurde nie eine bösartige, fortschreitende, zu raschem Zerfalle
führende Phlegmone beobachtet. Die Entzündung und die Infil¬
tration der benachbarten Gewebe und Weichteile blieb auf ein sehr
geringes Maß beschränkt.
Eine auffallend günstige Wirkung hatten die Bäder auf
schmierige, jauchende Wunden, die sich schnell reinigten und ihren
üblen Geruch sehr rasch verloren, besonders wenn größere Wund¬
flächen Vorlagen.
Weniger gut bewährte sieh das Baden bei Eitergängen und
Höhlen. Wir hatten hier den Eindruck, daß der Eiter eher gerinne
und daß durch Aufquellen der Wundründer und der Granulationen
der stete Eiterabfluß gehemmt werde. Auch zeigten die Granu¬
lationen nach längerem Baden ein blasses, welkes Aussehen und
hatten wenig Neigung zur Ueberhäutung. Wir behielten in diesen
Fällen das Bad bei zur Aufweichung des Verbandes und zum Be¬
spülen der Wunde.
In allen Fällen wurde das Bad von den Verletzten als sehr
wohltuend und schmerzstillend empfunden und immer wieder ver¬
langt. Nach unsern bisherigen Erfahrungen halten wir die An¬
wendung von Thermalwasser zu Spülungen und Bädern für ein
ausgezeichnetes Mittel bei frischen Verletzungen zur raschen Rei¬
nigung und zur Hintanhaltung der Resorption giftiger Wund-
sekrete sowie zum Hinweghelfen über die erste akute Reaktions¬
periode. Bei jauchigen Prozessen, sofern für gehörigen Abfluß
gesorgt wird, ist das Bad außerordentlich wirksam hinsichtlich
der Umwandlung des bösartigen Charakters in einen normalen
Heilungsverlauf.
Ueber die Wirkung der Thermalwasseranw r endung bei der
Weiterbehandlung soll später berichtet werden. Wir wollen nur
jetzt schon hervorheben, daß in allen geeigneten Fällen durch die
frühzeitig einsetzende Bewegung der verletzten Glieder unter
Wasser die Neigung zu Contracturen der Muskulatur und zu Ver¬
steifung der Gelenke erfolgreich bekämpft wurde.
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UNIVERSUM OF fOWA
245
28. Februar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9.
-,4L, l'"
3 Vr ’'
, A*
Vii.'ij'
■ 1
n P
;h &
i Ver-
Abhandlungen.
Statistischer Beitrag zn den Erfolgen der
Schutzimpfung gegen Blattern
von
R. von Jakseh, Frag.
Seit vielen Jahren habe ich mein klinisches Material
benutzt, um Notizen über den Impfzustand meiner Kranken
zu sammeln. Ich wähle aus diesem Material die Zeit vom
1. Januar 1902 bis 31. Dezember 1912, also ein Dezennium,
in welchem in Prag Blatternerkrankungen, die im vorigen
Jahrhundert hier endemisch waren und nach dem Jahre 1870
als Folge des Deutsch-Französischen Kriegs wiederholt große
Epidemien hervorriefen — so starben z. B. im Jahre 1872
642, 1873 460, 1877 658, 1880 491, 1888 414, 1889
208 Personen an Blattern 1 ) —, im Abklingen waren. Es fällt
also diese Statistik in die Zeit, in welcher die Blattern¬
erkrankungen in Prag sich bereits in absteigender Kurve
befanden, und war seit Beginn des jetzigen Jahrhunderts,
von einzelnen Fällen abgesehen, Prag blatternfrei.
Ich halte es für notwendig, diese Bemerkung meiner
nun folgenden Auseinandersetzung voranzuschicken*
Bei 13.177 Kranken wurden im Dezennium vom
1. Januar 1902 bis 31. Dezember 1912 in den Krankheits-
gescliiriiten Angaben über ihren Impfzustand und über die
Tatsache, ob sie nach der Impfung an Blattern erkrankten
und ob sie überhaupt geimpft waren, erhoben 2 ).
Aus den Aufzeichnungen ergibt sich, daß 12.677 von diesen
Kranken geimpft worden waren und daß in der späteren Zeit von
den 12.677 Kranken nur 438 an Blattern erkrankten, das
heißt, anders ausgedrückt, nach der Impfung blieben
96,52°/ 0 blatternfrei und nur 3,45 % erkrankten an Blattern.
Aber alle diese Kranken zeigten keine Blatternnarben.
500 von den 13.177 Kranken waren nicht geimpft. Von
diesen erkrankten an Blattern 358, also 71,6%. Allen
diesen konnte man am Gesicht ablesen, daß sie nicht
geimpft waren, denn alle diese Kranken zeigten mehr
oder minder verunstaltende Blatternnarben, aber nicht nur
im Gesichte, sondern zum Teil auch an der Brust und an
den Extremitäten. Ich glaube, daß diese Tatsachen auch
den eingeschworensten Impfgegner überzeugen müßten, daß
der wohl von keinem denkenden Arzte geleugnete Impfschutz
wirklich besteht. Insbesondere die Tatsache, daß 96,55 %
der Geimpften nicht an Blattern erkrankten und nur 3,45 %
an Blattern erkrankten, bei den Nichtgeimpften dagegen das
entgegengesetzte Verhältnis sich herausstellte, daß 28,4%
keine Blattern, 71,6% Blattern hatten, müßte sie über¬
zeugen.
Drücken wir das Ergebnis dieser Statistik
anders aus, so lautet es: Die Gefahr, an Blattern zu
erkranken, ist für den Ungeimpften 20,7 mal größer
a .l ^ en G . eini Ptten. Dabei führt die Blattern¬
erkrankung bei Ungeimpften zu entstellenden Nar¬
ben, führt also zu schwereren Erkrankungen als bei
beimpften, welche die Erkrankung überstellen, ohne
solche entstellenden Narben davonzutragen.
Zu analogen Zahlen kam in neuerer Zeit bei einem
andern Material und anderm Vorgehen (Zählung der Blattern¬
narbigen) Epstein 3 ).
Vielleicht wird man sagen, man trage Eulen nach
_ en ’ wen Q ma n heute auf wissenschaftlichem Boden auf
J Altschul, Prag. m. Wschr. 41 , Sonderabdruck, 1915 .
Dank« , JLri bl , n , rn ca »d* med. Lang, derzeit im Felde, zu besondere
ent<ir)rPf.y,IÜÜ 1C är Rühe, welche er sich mit der Ausziehung de
. en leiten aus der so ungemein großen Anzahl von Krankheit!
*v^a.hten gegeben hat.
) Epstein, Arch. f.Derm. IMS, 407 , 1918 .
diesen schon längst anerkannten Standpunkt des Blattern¬
schutzes durch die Impfung zurückkommt, aber der Krieg
hat Veranlassung gegeben, daß in Oesterreich die Blattern¬
erkrankungen allenthalben drohend ihr Haupt erheben, und
so glaube ich, daß es nicht unangebracht ist, durch eine
neue Statistik auf die unbedingte Notwendigkeit der Durch¬
führung der Vaccination und Revaccination hinzuweisen,
um so mehr, als Oesterreich sich wohl eines Reichsseuehen-
gesetzes erfreut, in dem leider unter dem Zwange der un¬
leidlichen parlamentarischen Verhältnisse der Impfzwang
keine Aufnahme finden konnte, da ein derartiger Gesetz¬
entwurf niemals eine Majorität in unserm Volkshause ge¬
funden hätte, und doch wird die Regierung jetzt durch
die Verhältnisse gezwungen sein, entsprechende Ma߬
regeln zu ergreifen. Aber auch das am 14. April 1913 in
Kraft getretene Reichsseuchengesetz gibt übrigens der Re¬
gierung die Handhabe für eine solche Verordnung, indem
in § 6, Absatz 1, verfügt wird: „Ueber jeden Fall einer“
„anzeigepflichtigen Krankheit, sowie über jeden Verdachtsfall“
„einer solchen Krankheit sind, neben den nach § 5 etwa er-“
„forderlichen Erhebungen, ohne Verzug die zur Verhütung“
„der Weiterverbreitung der betreffenden Krankheit notwen-“
„digen Vorkehrungen im Sinne der folgenden Bestimmungen“
„für die Dauer der Ansteckungsgefahr zu treffen.“ Unter
diesen für die Bekämpfung der Blatternnot im Sinne dieses
Paragraphen erforderlichen Vorkehrungen gehört ohne Zweifel
auch: die Schutzimpfung!
Auf Grund dieser Statistik habe ich mich auch zu¬
rechtzufinden gesucht über die Zeit, wann bei den 438 Ge¬
impften nach der Impfung Blatternerkrankungen auftraten.
Nur bei 243 Fällen waren genaue Daten, welche sich sta¬
tistisch verwerten ließen, zu ermitteln. Es ergab sich, daß
bei 129 von diesen 243 Geimpften, die später an Blattern er¬
krankten, ein Zeitraum von mindestens 10 Jahren oder noch
mehr seit der Impfung vergangen war, während die übrig-
bleibende Anzahl, die im 9., 8., 7., 6., 5., 4., 3., 2. Jahre
oder noch in kürzeren Zeiträumen erkrankten, bloß 114
betrug. Im 9., 8., 7. und 6. Jahre nach der Impfung
erkrankten 52, im 5., 4., 3. und 2. Jahre 43, im 1. Jahre
nach der Impfung und in kürzeren Intervallen 19. Es geht
aus dieser Statistik wohl klar hervor, daß der Schutz der
Vaccination höchstens 10 Jahre andauert, daß aber schon
im 9., 8., 7. und 6. Jahre nach der Vaccination wesent¬
lich höhere Erkrankungszahlen (52) als im 5., 4., 3.
und 2. Jahre (43) Erkrankungen Vorkommen, wobei nicht
geleugnet werden soll, daß in dem Zeiträume von 1 Jahre
und weniger 19 Erkrankungen konstatiert wurden, was nur
darauf hinweist, daß bei Bestehen der Gefahr einer epidemi¬
schen Verbreitung der Blattern es sich unbedingt empfiehlt,
auch die vor 2 Jahren Vaccinierten neuerdings zu re-
vaccinieren.
Die Berechtigung dieser Forderungen ergeben nach¬
stehende Erwägungen: Die auffallend hohe Zahl von 10 Er¬
krankungen ein Jahr nach der Impfung findet ihre Er¬
klärung darin, daß es sich da um Individuen handelt, die
eine besonders hohe Disposition zu Blatternerkrankungen
hatten, sodaß der Impfschutz schon kurze Zeit nach der
Impfung schwand. Diese Leute wären ohne Impfung infolge
ihrer Disposition zu dieser Erkrankung gewiß sehr schwer
erkrankt, ja wären vielleicht der Infektion erlegen, sicher
aber hätten sie entstellende Narben davongetragen: geschützt
durch die Impfung haben sie eine leichte, nicht entstellende
Blatternerkrankung überstanden. Was die Zahl 9 betrifft,
also Leute, welche schon kurze Zeit weniger als 1 Jahr
nach der Impfung erkrankten, so handelte cs sich durchweg
um Impfungen, welche vorgenommen wurden, weil die Ge^
impften sich einer Blatterninfektion ausgesefzf hatten, die
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Gck igle
Original fro-m
UNIVERSUM OF IOWA
210 1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 0. 28. Februar.
die in dieser Zeit (Inkubationszeit) durcbgeftihrte Impfung
vor der Erkrankung nicht mehr zu schützen vermag, wohl
aber führt sie einen leichten Verlauf der Erkrankung herbei.
Ich schalte vorstehend noch eine graphische Darstellung
meiner Beobachtungen ein.
Ich möchte noch bemerken, daß die Zahl 8 der Tabelle
insofern auf 6 zu verringern wäre, als bei 2 Fällen, bei
welchen die Erkrankung 2 Jahre nach der Impfung eintrat,
die Bemerkung sich findet, daß die Vaccination keinen Er¬
folg hatte. Da ich mich aber unbedingt nur an die erhal¬
tenen Zahlen hielt, um jeden Schein von Subjektivität zu
vermeiden, habe ich trotzdem die Zahl 8 in die Tabelle auf¬
genommen.
Zum Schlüsse möchte ich der Ueberzeugung Ausdruck
geben, daß noch jetzt, wo nach den Ausweisen des Oester-
reichisehen Sanitätswesens 1 ) vom 7. und 14. Januar Blattern¬
erkrankungon in Niederösterreich, Böhmen, Mähren und
Schlesien vorkamen, es möglich wäre, der jetzt unleugbar
drohenden Gefahr einer epidemischen Verbreitung der Blattern
durch entsprechende Maßregeln, insbesondere durch die so-
also möglicherweise mit Blattern bereits infiziert waren, j fortige Erlassung einer Verordnung, welche den
Wir wissen nun, daß einen mit Blattern bereits Infizierten 1 Impfzwang festsetzt, vorzubeugen.
GESAMTZAHL DER. FÄLLE .1902-1912.'• 13.1 77 -
DAVON GEIMPFT 1 12672
DAVON ERKRANKTEN:
AN BLATTERN: BUEBEN FR.E I
M38 = 3.^5% 12 .Z3Q =36.55%
KEINE BLATTERNARBEN
DAVON NICHTGEIMPFT: 500
davon erkrankten:
AN BLATTERN: BUEBEN FREI*.
358 = 71.6 36
ALLE BLATTERNARBEN
Von den h38 Fällen die Schutzblattern, ubirstancten, hotterC
fanden sich, bei Zh3 Fällen genaue Auskünfte über ihren,
Ompfz.usta.nd vor der Erkrankung.
Es ergab sich folgendes:
12 9: dieser Erkrankungen ereigneten sich 10 Jahre u.länger
nach der Jrnpfung.
11hmach einer kürzeren Zeit, davon:
11 FÄLLE NACH. 9 JAHREN
IO ~
17
1^
20
,1
9
" KÜRZERER ZEIT ALS 4 JA HR,
Berichte über Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren,
Aus der I. medizinischen Universitätsklinik in Wien.
Zur Kenntnis der Alcukiimien und zur Therapie
leukämischer Erkrankungen
von
Dr. Benno Stein.
Jüngst hat Hirschfeld (1) an Hand eigner und der in der
Literatur vorliegenden recht spärlichen Kasuistik die Stellung
der aleukämischen Myelose im System der Leukämie erörtert.
Wir wollen hier über unsere einschlägigen Erfahrungen berichten.
Vorausschicken wollen wir aber einen interessanten Fall aleukämi¬
scher Lymphadenose.
I. B. L., 60 Jahre, Arbeiter. Seit Winter 1913 meTkt Patient
die Hautveränderungen im Gesicht, weshalb er kürzlich die II. dermato¬
logische Abteilung (Prof. S. Ehrmann) des allgemeinen Krankenhauses j
aufsuchte. Hier wurden multiple tumorartige Infiltrate im Gesicht und 1
am linken Unterarme festgestellt. Bei einer bald nach der Aufnahme
vorgenommenen internistischen Untersuchung wurde der Milzrand vier
Querfinger unter dem Rippenbogen gefunden und der weiter unten ver-
zeichneto Blutbefand erhoben. Uns wurde der Patient am 29. April d. J.
zur Blutnntersuchung überwiesen. Inzwischen waren die erkrankten
Hautpartien mit Röntgenstrahlen behandelt worden, zunächst der Vorder¬
arm, an dem jetzt nur mehr ein großer Pigmentfleck zu sehen war. Wir
fanden alle zugänglichen Lymphdrüsen geschwollen, den gesamten lym¬
phatischen Rachenapparat mächtig hypertrophisch, keine retrosternale
Dämpfung, die Milzdämpfung etwas vergrößert, den Milzpol jedoch nicht
palpabel, die Leber besonders im linken Lappen beträchtlich verbreitert.
Der Harn zeigte, von mäßigem Urobilingehalt abgesehen, keine
pathologischen Reaktionen. Unter Berücksichtigung des Blutbefundes
stellten wir die Diagnose auf „aleukämische Lymphadenose“, die
uns schon tags darauf durch die histologische Untersuchung eines exstir-
pierten Stückchens der pathologisch veränderten Hautanteile bestätigt
wurde. Am 1. Mai brach beim Patienten ein Gesichtserysipel aus, dem
er nach fünf Tagen erlag.
Am Sektionstische wurde folgendes erhoben (Doz. Wiesner):
„Leukämische Hyperplasie der Lymphdrüsen am Halse, am Unterkiefer¬
winkel, in der Axilla, geringe Hyperplasie an der Leberpforte und den
retroperitonealen Lymphdrüsen. Mehrfache Infiltrate der Kopfhaut, aus¬
gedehnte leukämische Infiltrate der Zangengrandfollikel und der Ton¬
sillen. Chronischer hyperplastischer Milztumor. Perisplenitis. Im distalen
Femuranteil rotes Mark. Follikelhyperplasie im Magen und Dünndarme,
Pigmentation der Darmschleimhaut, Erysipel der rechten Gesichtsh&lfte,
entzündliches Oedem des rechten Vorderarms, chronisches Lungen-
emphysem.“
Bei der histologischen Untersuchung (Schnittfärbung mit Eosin-
Hämatoxylin, nach Dominici und nach Pappenheim-Unna) fanden
wir sowohl in der erkrankten Haut als auch iu Lymphdrüsen, Milz und
Knochenmark sowie im lymphatischen Apparat des Rachens and Darmes
typische diffuse lymphatische Proliferation mit Einlagerung von Plasma- j
zellen. Daneben im Knochenmark© spärlicho Reste myeloischen Gewebes. '
Einen Tag vor dem Tode hatten wir noch Gelegenheit, eine Blut- l
Untersuchung vorzunehmen, deren Ergebnis wir jetzt zusammen mit den
früheren Befunden folgen lassen.
1. Befund*)
29. April
4. Mai (Erysipel)
Erythrocyten . .
Sahli.
3 872 000
93
4400 000
85 F. 1. ca. 1
| nicht bestimmt
Leukocyten . . .
13 000
7 400
22000
>
Gesamt-
°/o
Gesamt-
°/o
Gesamt-
zahl
zahl
zahl
Neutr. polym. . .
45.0
5,800
29
2,146
73,4
16148
Eosin. „ . .
0,5
65
2
148
—
—
Mastzellen . . .
2.0
260
1
74
—
—
Mono. Ueberggf. .
9,5
1,235
4
296
3,9
858
Lymphocyten . .
40,5
5,265
59
4,366
19,9
4 378
Plasniazellon . .
—
—
5
370
1,5
380
Myelocyten . . .
— 1
—
—
—
1,8
286
Eryt
irocyten
Vereinzelt Poly-
morph. normal;
chromatopbilie;
Blutplättchen
reichlich Blut-
spärlich.
pl&ttchen.
Das Bemerkenswerte an diesem Falle sind zunächst die
Iymphoiden Hautinliltrate, an sich schon eine Seltenheit, haupt¬
sächlich deshalb, weil sie sich bei einer aleukämischen Erkrankung
vorfinden. Weiterhin ist interessant, daß parallel mit der durch
Röntgenbestrahlung einhergehenden Abheilung der Hautverände¬
rungen die Milz kleiner wurde, ohne daß sie selbst den Strahlen
ausgesetzt war, und schließlich die nicht unbeträchtliche Zahl der
Plasmazellen im Blute, der Plasmazellanhäufungen im Mutter¬
gewebe entsprachen und zuletzt noch die Veränderung des Blut¬
bildes durch die Erysipelinfektion. Der durch die lymphatischen
Wucherungen schwer geschädigte hämatopoetische Apparat reagierte
in ganz normaler Weise auf den infektiösen Reiz mit der typi¬
schen neutrophilen Loukocytose und entsprechender Vermehrung
der Blutplättchen; das Auffällige dabei war bloß die hohe absolute
Lymphocytenzahl, die gegenüber den früheren Befunden keinerlei
Veränderung zeigte. Ganz analog war auch das Verhalten der
Plasmazellen. Der leukämische Prozeß wurde demnach in
keiner Weise durch die Interkurrenz des Erysipels tan¬
giert.
Ob dieser Befund im Sinne der Unitarier oder Dualisten zu
verwerten ist, bleibe dahingestellt. Jedenfalls führt er uns einen
Schritt weiter in der biologischen Analyse der Blutmischung,
weil er uns in besonders übersichtlicher Weise ihre Abhängig¬
keit von dem jeweiligen funktionellen Zustand der
') Oesterr. Sanitätswesen 27, 12, 55, 85, 1915
Von anderer Seite erhoben.
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UNIVERSUM OF IOWA
2$. Februar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9.
247
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sten
s ein * 8
itgir
a i"
hftmatopoetischen Apparate und den jeweils einwirken¬
den Noxen zeigt. Er lehrt uns aber auch wie schwierig, ja un¬
möglich unter komplizierenden Umständen die Diagnose einer
leukämischen Erkrankung werden kann. Damit leitet er uns zu
einem Falle, der zu gleicher Zeit in unserer klinischen Beob¬
achtung stand.
II. Oet., 45 Jahre, Beamter. Aufgenommen am 2. Mai, gestorben
am 4. Mai 1914. Von dem psychisch alterierten Patienten ist nnr zu er¬
fragen, dal er einigemal in Beobachtung der psychiatrischen Klinik stand
(nach Requisition wegen manisch-depressiven Irreseins) und daß er vor
acht Tagen — angeblich ohne Schüttelfrost — erkrankt ist. Wir hatten
vor ans einen kräftigen Mann mit subikterisch verfärbter Haut¬
decke, über welche Petechien schütter verstreut waren, nnd mit
Cyaoose der akralen Körperteile, keine Oedeme. St&t. febr. (siche
Temperaturkurve). Nirgends Drüsenschweilangen, Tonsillen und
ZungenfoIIikel nicht vergrößert, keine retrosternale Dämp¬
fung. Die Skleren gelb. Ueber dem nicht verbreiterten Herzen
dumpfe Töne, über ddm rechten Lungenunterlappen feuchtes Rasseln.
Der derbe Milztumor reichte nach rechts bis zur Mittellinie, nach unten
bis zur Nabelhöbe. Der stumpfe Leberrand war in der Medioclari-
col&rlinie vier Qnerfinger unter dem Rippenbogen palpabel, die
Konsistenz der Leber erhöht. Die Palpation bereitete dem Patienten
Schmerzen. Keine Knochenschmerzhaftigkeit.
Am zweiten Tage konnten wir über dem rechten Unterlappen die
physikalischen Zeichen der Lungenentzündung feststellen.
Im Harn, der durch Urate stark getrübt war und ein specifisches
Gewicht von 1022 aufwies, fanden wir spärliche Eiweißfällung, geringe
Spuren von Urobilin nnd deutlich positive Dinzoreaktion.
Die Untersnchnng des Bluts sowie des Milzpunktats zeitigte fol¬
gendes Ergebnis:
2. Mai
3. Mai
Milzpunktat
Erythrocyten
4 640 000
Sahli
• •
nicht bestimmt
83
_
Färbeindex .
1
—
42 im Kubik-
230 im Kubik¬
Normoblasten
millimeter = 10
millimeter = 52
74 auf 1000
anf
auf
Leukoeyten
J
1000 Leukoeyten
1000 Leukoeyten
Leakocyten
4240
4400
_
Nentr. polym.
27.4o/o
21,6%
26,50 %
Eosin. „
0.6 „
0 25 „
Mono. Uebergang .
0,8 *
1,0 ,, !
1.25 „
Lymphocyten (kl.) .
32,8 11
29,0 „
51,00 „
»
gr.) .
7,0 „
3,4 „
—
Metamyel. .
6,6 ,
25 0 . |
4 25 „
Nentr. Myel.
10,0 n
5,6 „
300 ||
Eosin. Myel.
0,2 n
_
„Atyp. Lymphoid-
I
nesenzellen
14,6 „
14,4 „ |
13,75 *
Maslzellen fehlten in allen Präparaten, Blutplättchen waren sehr
spärlich vertreten, die Erythrocyten zeigten mäßige Anisocytose, keine
Poiküocytose, vereinzelt fanden sich polychromatische Zellen, am zweiten
Tag auch basophil punktierte. In einzelnen Normoblastenexemplaren
waren Mitosen zu sehen.
Bei der bakteriologischen Untersuchung erwies sich das Blut als
steril. Wassermann negativ. Weder im Blute noch im Milzpunktat
waren Parasiten zu finden. Bei Subvitalfärbung war keine basophile
Substanz in den Erythrocyten zu sehen.
Auf den ersten Blick imponierte das Krankheitsbild als hä¬
molytischer Ikterus und das Ergebnis der cytologischen Blut¬
untersuchung wäre vielleicht auch in diesem Sinne zu verwerten
gewesen, wissen wir doch, daß bei akuten hämolytischen Attacken
Ausschwemmung unreifer Zellelemente keine Seltenheit ist. Doch
widersprach dieser Annahme der Mangel nennenswerter Uro-
bilinurie sowie der negative Ausfall der Subvitalfärbung
und die Resistenzerhöhung der Erythrocyten. Wir fanden
den Beginn der Hämolyse in 0,36°/ o iger Kochsalzlösung, in
0,2'2°' ü iger waren alle Erythrocyten gelöst.
Es war daher nun an eine leukämische Erkrankung zu
denken. Die einzige Schwierigkeit bereiteten dieser Auffassung
die an 15 f> /o aller Leukoeyten betragenden, in der Tabelle kurz als
»atypische Lymphoidriesenzellen“ bezeichneten Blutkörperchen. Ihre
Größe erreichte etwa die zweifache der Myeloeyten, die kleinsten
Exemplare waren an Dimension annähernd den Splenocyten gleich.
Das stark basische, meist unregelmäßig umgrenzte, vielfach vakuo-
lisierte Protoplasma, dem oft die Zellmembran mangelte und das
den Kern in weitem Umkreis umgab, ohne eine porinucleare Zone
freizulassen, erschien hei Giemsa-Färbung sattblau und fein
strukturiert, in einzelnen Exemplaren war es von einer groben
»a2ttrophilen 4 Körnelung dicht besetzt; in das Protoplasma eines
solchen Züllexemplars fand sich ein Erythrocvt eingeschlossen 1 ),
in andern etwa blutplättchongroße, azurfarbene Körperchen von
fadenförmiger Struktur. Das Chromatin des ovalen oder unregel¬
mäßig gestalteten Kernes erschien in rosavioletter Farbe von mehr
minder ausgeprägter wabiger Struktur, welche an die des Megalo¬
blastenkerns erinnerte, wodurch sich die Zellen von großen
Lymphocyten wie auch von Myeloblasten aufdringlich abhoben.
Von letzteren unterschieden sie sich auch durch die gegenüber
dem Protoplasma viel dunklere Tönung des Kernes. Die hellblauen
blutplättchengroßen und größeren Kernnucleolen waren in den ver¬
schiedenen Exemplaren verschieden stark vortreten (bis zu vier
und fünf). In einer Zelle fanden sich zwei symmetrische Kerne,
während Mitosen in keinem Exemplar festzustellen waren. Wie
aus der Beschreibung ersichtlich ist, glichen manche dieser Ele¬
mente Myeloplaxen beziehungsweise den von Kl ein (2) als Prototyp
der Myelogonie bezeichneten Formen.
Dieser Umstand brachte es mit sich, daß wir uns doch dazu
entschlossen, die Diagnose auf Splenomegalie durch „aleukämischo
Myelose“ zu stellen, indem wir Atypie der Agranulocyten
(Myeloplaxen beziehungsweise Myelogoniou) anuahmen.
Da wir aber immerhin eine Trypanosomiasis aussc■hließon
wollten, nahmen wir die Milzpunktion vor. Es fehlten im Punktat
ebenso wie im Blute Parasiten, aber auch die Diagnose der Mye¬
lose wurde nicht gefördert, da auffälligerweise kleine Lymplio-
cyten vorherrschten (siche Blutbefunde). Etwa eine Stunde nach
der Milzpunktion starb Patient an den Erscheinungen d s Herz-
kollapses. In der freien Bauchhöhle der Leiche fand sich, die
Milz überdeckend, ein großes Blutkoagulum, ohne daß an der Milz
ein Defekt konstatiert werden konnte. Wir möchten hervorheben,
daß zur Punktion im letzten Intercastalraum in der Flanke mit
kurzer dünner Nadel eingegangen und diese nach kurzem Zurück¬
ziehen des Kolbens schleunigst entfernt wurde. Dor unglückselige
Ausgang dürfte durch die zufolge der Pneumonie bedingten Auf¬
lockerung des Milzgewebes, vielleicht auch durch erschwerte Ge¬
rinnbarkeit des Bluts veranlaßt worden sein. Jedenfalls mag dieses
Ereignis zur Vorsicht vor der von Hirschfeld eindringlich
empfohlenen und von ihm häufig geübten Milzpunktion warnen.
Bei der Obduktion wurde von Herrn Dr. Kern folgendes Proto¬
koll abgegeben: „Myelogene Leukämie, beträchtliche Vergrößerung der
Milz, Drüsen durchweg klein, isoliert, von weißlicher Farbe. Knochen¬
mark zum Teil Fettmark, zum Teil rötlich. LobuUrpneumonio dos rechten
Unterlappeas, Residuen einer alten Endokarditis der Valvula mitraiis und
fettige Degeneration des Herzens und der Leber, hämorrhagische Fu¬
sionen der Magenschleimhaut, ein Ulcus im Coeeum. Mehrere Infekte
in der Milz, einige Adenome beider Schilddrüsenlappen, reichlich Blut-
koagula im AbdoirenL
Die histologische Untersuchung (Eosin-1 iäinntoxvlin und Domi-
nici) bestätigte vollends das Bestehen eines leukämischen Prozesses Es
fanden sich sowohl im Knochenmark als in den Lymphdrtlson typische
myeloische Proliferationen, weiterhin auch in der Leber in Form um¬
schriebener Infiltrato, welche um die Gefäße und großen (ialleiigiirigo un¬
geordnet waren, ln diesen myeloischen Herden waren die großen „lyra-
phoiden Riesonzcllen“ des Bluts neben Knochen mark rltncn z<-1 len in reich¬
licher Anzahl auzutrrfiVn. Um so auffälliger war es. die Milz von mye¬
loischem Gewebe frei zu finden; während die Follikel deutlich zu er¬
kennen, wenn auch sehr schmal waren, Lhlte die Pulpa vollkommen: An
ihrer Stelle waren hyaline Massen, tifenbar geronnenes Fibrin, von
zeliigen Elementen waren fast nur g oßo Leukocvien. zum Teil mit
phagocytierten roten Blutkörperchen, zu sehen. !>■ Vor eigenartige Be-
tuud ist wohl io. ht anders denn als Effekt der tödlichen Milzblutnng an¬
zusehen. Die Niere sowie der Verdauungstrnkt waren von specifischen
Veränderungen frei. Im übrigen zeigten die Eingeweide das Bild paren¬
chymatöser Degeneration.
Was diesen Fall besonders auszeichnet, ist das in seiner
klinischen Symptomatologie als hämolytischer Ikterus
imponierende Bild. Mag sein, daß diese Komplikation auf die
gleichzeitige Pneumonie zu beziehen ist. Jedenfalls verdient neben
dor hämorrhagischen Diatheso (Hautblutuugen und hämorrhagische
Erosionen der Magenschleimhaut) dieser Umstand hervorgehoben
zu werden, da in allen von Hirschfeld zusammengesteilten Fällen
sich leichenblasse Hautfarbe verzeichnet findet und Weil und
Clerc für ihre Fälle von „Splenomegalio ebroniquo avee anemie
et myelömie“ die „enorme Blasse“ der Kranken als auffälligstes
Symptom hervorheben (zitiert nach Hirsch feld). Der Ikterus
*) Aehnliches sahen wir übrigens vorher schon zweimal: Bei einem
Falle von Wirbelsltulencuries mit Visceralamyloid fanden sich bei be¬
stehender neutrophiler Leukocytose in das Protoplasma zahlreicher ein¬
kerniger Zellen (Lymphocyten oder Splenocyten?) Erythrocyten bis zu
fünf an der Zahl eingeschlossen; ferner in vereinztdten Splenocyten-
exempiaren bei einer gplenektomierten megalosplenischen Lebercirrhose
nach Gel’itincinjektioii,
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Original frn-m
UMIVERSITY OF IOWA
248
1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9.
28. Februar.
unseres Patienten ist noch dadurch besonders interessant, als er fast
ohne Urobilinurie einherging, da das Fehlen von Urobilinogen
im Harne nach der bisherigen Kasuistik und unserer
eigenen Erfahrung zugunsten der Aleukämie dia¬
gnostisch verwertbar erscheint.
Eine Ausnahme bildet bloß der Fall von Rychlik (B), auf
den wir daher etwas näher eingehen wollen, zumal über ihn
Hirschfeld nur nach einem unzureichenden Referat der Fol. haem.
berichten konnte.
18jäbriger Friseur, aufgenommen in die chirurgische Klinik der
böhmischen Universität Prag anfangs Mai 1905. Vor % Jahren Gelb¬
sucht, gleichzeitig fast täglich in den Morgenstunden Krämpfe im Unter¬
leibe, die nach l /*- bis */*stündiger Dauer spontan schwanden. Dabei der
Stuhl normal gefärbt. Zeitweise Durchfälle. Nach dem Essen Magen¬
drücken, einige Mal auch Erbrechen. Damals häufig Nasenbluten, meist
nachts. Auf Karlsbader Kur und Eisentropfen vorübergehende subjektive
Besserung. Im November merkte Patient eine derbe Resistenz in der
Bauchgegend. Am 30. April schluckte er eine Nadel, weshalb er die
Klinik auf suchte.
Status praesens: Hautdecken dunkel pigmentiert von graugelber
Farbe, Skleren ikterisch, Zahnfleisch leicht blutend, keine Drüsenschwel¬
lungen. Milz und Leber beträchtlich vergrößert, Gallenblasengegend
druckBchmerzhaft, keine Knocbenschmerzhaftigkeit. Im Harne Bili¬
rubin und Urobilin reichlich vorhanden, Albumen und Bence-
Jones-Körper nicht Dachweisbar, keine alimentäre Glykosurie.
Da ein Morbus Banti im zweiten Stadium angenommen wurde,
Bchritt man zur Splenektomie. Dimensionen der exstirpierten Milz:
23x15x8 cm; reichlich Pulpa, Follikel spärlich. 24 Stunden nach
der Operation Tod durch Herzparalyse.
Blntbefunde
-
-
Durch
6 Min. Be¬
strahlung
von Milz
n. Knochen
mit
Röntgen
Ante
splen-
ectomiam
6 Stdn.
post spien-
ectomiam
24 Stdn.
post
splen-
ectominm
Datum:
20. Mai
23.
24. | 30.
31.
1. Juni
Erytbrocyten . .
3 624 000
_
4 632 000
4 18-1000
6 050000
6104 000
Hilm.
60%
_
50%
47%
65 %
65 %
Leukocyten . . .
15 600
15300
16 400
14 300
31 290
1 25 600
Leukoc. Erythroc.
1:232
—
1:300
1:292
1:196
1:238
Polyn. noutr. . .
66,4 %
61,72%
71,00%
82,64%
92,7 o/ 0
83,96%
Eosinophile . . .
3,3 „
3.7 „
3,5 „
1,59 „
—
Lymphocyten . .
21,0 „
26,6 „
17,03 „
9,10 „
3,64 „
6,72 „
Splenocyten . . .
Mastzellen . . ,
4,5 „
1,0 *
6,2 „
1,6 *
5,5 „
4,45 „
0,60 „
3,65 „
9,5 „
Myelocyten . . .
3,8 „
1,7 „
1,7 „
1,22 „
—
—
Erythroblasten . .
0,2 „
0,5 „
0,4 „
—
0,9 „
Ohne neutr. Gran.
0,9 „ 1
0,4 „
0,50 „ 1
-
—
Die Erytbrocyten zeigten starke Anisocytose, hauptsächlich makro-
cytftr, keine Poikilocytose.
Obduktion: Hant gelbgrau, Skleren ikterisch, im kleinen Becken
etwas sanguinolente Flüssigkeit, Peritoneum und Darm mäßig hyper-
ämisch, in beiden Nieren einige verschieden großo. dunkelrote Herde.
Mesenterialdrüsen vergrößert, mit rosaroter Schnittfläche; Leber ver¬
größert, deutlich strukturiert; in der Gallenblase zwei haselnuß-
große Steine. Solitärfollikel des Darmes ungewöhnlich groß und hyper-
ämisch. Lymphoides Knochenmark. Im Appendix Eiter; die Nadel im
Mesosigmoideum.
Im Abstrichpräparat der Milz fanden sich 30,92 % Granulocyten
(davon 0,85% eosinophile Zellen und 8°/o neutrophile Myelocyten),
71,3 % Lymphocyten, 0,64% Mastzellen, 3% Splenocyten. Die Lympho- !
cyten durchwegs größer als normal, der ovale Kern bei Giesma-
färbnng dunkel violett, das Protoplasma hell-violett mit zwei bis drei
Ausläufern.
Im Knochenmarkabstriche Normoblasten wenig vermehrt, keine I
Mrgaloblasten. I
Im Abstriche der Mesenterialdrüsen durchweg einkernige, ungranu-
lierte Elemente, hauptsächlich große Lymphocyten („Keimzellen“), in ge¬
ringer Zahl kleine Lymphocyten.
Bei der histologischen Untersuchung erwies sich die Milzpulpa
auffällig vermehrt, die Follikel atrophisch und spärlich, in der Leber
fanden sich um die periportalen Gefäße ganz kleine Gruppen einkerniger
Zellen. Das lymphadenoide Gewebe der Mesenterialdrüsen war bei er¬
haltener Struktur hyperplastisch. Am Knochenmarkdurcbschnitte die
Spongiosa und Compacta mächtig hypertrophisch, an den Schädelknochen
eradezu Leontiasis ossea; nirgends abgegrenzte Zellhaufen besonderer
truktur, sondern nur allgemeine Hyperplasie.
Rychlik stellt epikritisch die Diagnose auf: „Gemischtzellige
echte Pseudoleukämie (Pinkus)“, indem er den histologischen
Befund als „gemischte maligne Hyperplasie des myeloiden und
lymphoiden Gewebes“ deutet; diese Pinkussche echte Pseudo¬
leukämie faßt er als aleukämisches Stadium der vollentwickelten
Leukämie auf.
Während in den andern Fällen der Literatur die aleuk¬
ämische Myelose mit M. Banti hauptsächlich wegen des weniger
charakteristischen Blutbildes verwechselt wurde (z. B. Hirsch¬
felds Beobachtungen), ließ man sich hier zur Fehldiagnose wohl
auch verleiten durch den komplizierenden, wie die Obduktion lehrte,
auf lithogener Erkrankung der Gallenwege beruhenden
Ikterus mit Bilirubinurie und Urobilinurie und durch die
Neigung zu Blutungen.
Wenden wir uns nun wieder unserm Falle zu, der mit dem
Rychllkschen den — wenn auch andersartigen — Ikterus und
die hämorrhagische Diathese gemein hat, so stoßen wir bei seiner
pathogenetischen Beurteilung auf Schwierigkeiten; denn es ist wohl
möglich, daß hier nicht a priori eine aleukämische Myelose vorlag,
sondern eine wirkliche Leukämie, die jedoch im cytologischen Ver¬
halten des Bluts in eigenartiger Weise modifiziert wurde, so
zwar, daß sie auch die Ausschwemmung der „atypischen Lymphoid-
nierenzellen“ veranlaßt hat. Wissen wir doch aus der ziemlich
umfangreichen Kasuistik, daß eine interkurrente Infektionskrank¬
heit ein royelämisches Blutbild völlig oder nahezu völlig zum
Verschwinden bringen kann.
Eine Beantwortung der Frage nach der Pathogenese ist aber
j unmöglich; wir müssen uns mit der Feststellung begnügen, daß
bei typischen leukämischen Organveränderungen ein
atypisches aleukämisches Blutbild vorlag. Handle es sich
nun um eine aleukämische Myelose a priori oder um eine durch
den Infekt amyelämisch gewordene Leukämie — die Diskrepanz
der Erscheinungen wird uns verständlich, wenn wir uns vor Augen
halten, daß das Blutbild die Resultierende aus den ver¬
schiedenen einwirkenden Noxen und dem funktionellen
Zustande der blutbildenden Organe darstellt: Ein Stand¬
punkt, den Naegeli (4) heranzieht, um die Verschiedenheiten im
Blutbefunde der durch Infekte komplizierten lymphatischen Leuk¬
ämien zu erklären und der uns (Pribram und Stein [ft]) den
Weg zu einer befriedigenden Lösung der Frage der akuten Leuk¬
ämie wies 1 ), den übrigens auch Hirschfeld mit Glück ins
Treffen führt, um die Stellung der aleukämischen Myelose im
System der Leukämien zu begründen. Wir verweisen überdies
noch auf die Analyse der Beobachtung I.
Die Auffassung des Blutbildes als eines durch verschiedene
endogene und exogene Faktoren bedingten und variablen Kom¬
plexes erklärt uns aufs beste die Zugehörigkeit der aleuk¬
ämischen Syndrome und der Leukämien: „Das leukämische
Blut als solches ist eine bloß symptomatische Aenderung eines
auch aleukämisch verlaufenden, im übrigen aber histologisch völlig
gleichen Prozesses.“ (F. Kraus [15].)
Wir verfügen über Beobachtungen, welche diese Formel be¬
legen und deren eine das Seitenstück zu dem im gleichen Zu¬
sammenhänge von Hirschfeld zitierten Falle von Preiss darstellt.
l ) Der von uns vertretene Standpunkt war teilweise den Klinikern
schon lange geläufig. Aber erst durch Sternbergs (23) grundlegende
Untersuchungen wurden die kausalen Beziehungen zwischen Infekt und
akuter Leukämie wirklich aufgedeckt und an Hand des in unserm Falle
erhobenen Obduktionsbefundes die Kondition der Konstitutionsanomalie
erwieseD, die bis dahin mehr weniger bloß ein theoretisches Postulat
war, auch gaben erst wir die präzise Definition vom Wesen und von der
Pathogenese der „akuten Agranulocytenleukämie“.
Unsere Darlegungen hat kürzlich auch Citron (24) akzeptiert, und
Pappenheim (25) propagiert in seiner neuesten Arbeit das von uns in
seiner weittragenden Bedeutung erkannte natürliche System von der funk¬
tionellen Differenz der Granulocyten und Agranulocyten, wenn er sich
auch nicht dazu entschließen kann, die akute Leukämie als „leukämoide
Leukocytose“ auzuerkennen.
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Original fro-rri
UNIVERSUM OF IOWA
*28. Februar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9.
249
III. Fie., 72i&hrige Hausfrau, aufgenommen am 18. März, gestorben
id l April 1918. Im 6. Lebensjahre Blattern, im 42. Erysipel. Beginn der
Meosei mit 18 Jahren, Menopause im 48. Lebensjahre. S gesunde Kinder,
kein Abortus. Seit 6. Januar Husten mit schleimigem Auswarf und
SchwtchegefOhl, seit vier Wochen Dyspnöe bei Anstrengungen und An¬
sehvellen der Füße. Von dem Bestehen ihres Milztumors weiß Patientin
schon viele Jahre, ohne von ihm je Beschwerden gehabt au haben.
Status praesens: Schlaffe welke Hautdecken, bräunlich pigmentiert.
Oedeme der unteren Extremitäten und der Bauchhant, keine Cyanose;
ifebril- Drüsen bloß in der Axilla, aber auch hier nicht wesentlich ver¬
größert. Keine Hyperplasie des lymphatischen Schlnndrings, Halsvenen
stark erweitert, systolisch pulsierend, Atmung dyspnoisch von costalem
Typus. Lunge ohne Befund. Herzdämpfung verbreitert. Ueber den
Ostien gießendes systolisches Geräusch mit dem Maximum Ober der Aorta.
Blutdruck 170 mm Hg Riva-Rocci. A. radialis rigid, Palsfrequenz um
90. Der derbe Milztamor überragt um Kindskopfgröße den Rippenbogen;
Indmren sind deutlich tastbar. Der rechte Leberlappen reicht bis zwei
Qaerfinger unter Nabelhöhe; er ist bei erhöhter Konsistenz scharfrandig.
Im uratreicben Ham Eiweißffillung; Urobilinogen, Urobilin,
Diizo und sonstige Reaktionen negativ. Im Sediment keine patholo¬
gischen Bestandteile.
Die Erythrocytenzahl im Blute betrag 3 400000, der Hiimoglobiu-
K t nach Sahli 53% (bei einer zweiten Zählung 3 300000, Sahli
demnach der Färbeindex 0,8. Die hypocbromen Erythrocyteu
trugen die Zeichen schwerer anämischer Veränderungen: Schlechte Geld-
rollenbildong, Aniso- und Poikilocytose neben Polychromasie und zahl¬
reichen Normoblasten sowie Megaloblasten.
im cmm
Leukoeyten: 13. März. . 24 000
16. „ . . 20 800
18. „ . . 21200
19. „ . . 22000
20. „ . . 25000
im cmm
Leukoeyten: 21. März. . 30000
22. „ . . 27 000
23. März. . 34 000
(Agonal) 1. April . 90 000
18. März
21. März
1. April
(Agonal)
Lnkocyton.
%
21200
%
30000
%
| 90 000
Nentr. polym.
38,0
8056
42,5
12 760
42,2
i 87 980
Eoi. ..
2,0
424
1.5
450
0,4
1 360
MtsUelleo.
3,0
636
8.0
2 400
3.2 |
2 880
Mono. Ueberggf. ....
20,0
, 4 240
21,0
6 300
2,4
1 2160
Lymphocyten.
Myelocyten.
26,0
| 5 512
11,0
3 300
14,6 1
13140
10,0
2120
16,0
! 4 800
31,8
28 620
Myeloblasten.
1,0
212
_
_
5,4
4 860
Noroobluten.
10,3
2184
30,0
1 9000
20,0
18000
Megaloblasten : . . . .
1,3
| 276
1,3
390
—
auf 100 Leukoeyten bzw. im cmm
vermehrt vereinzelt Reizunggformen; Blutplättchen
Hätte hier ein Zweifel an der leukämischen Natur der Erkrankung
fiberhiupt bestehen können, so mußte er dnreh die auffällige agonale
Veränderung des Blutbildes vollauf beseitigt werden.
Ei lautete denn auch der Obduktionsbefund (Prof. Bartl): „Leu-
käune mit sehr stark entwickeltem chronischen Milztumor, Lymphdrüsen
^Mesenterium kleinerbsengroß, Fettentartung des Herzens, der Leber
nno dör Nieren, Oedem der Lunge, Anwachsung der rechten Lunge und
w * n* Q Knochenmark (Femur) fast durchaus Fett-
otrk, stellenweise geringe granrötliche Färbung, Ascites anasarca, Appendix
mu 2 cm lang, Ovarien klein, stark gekerbt, Thyreoidea entsprechend
groß, Mi der Schnittfläche kleinkörnig von graurötlicher Farbe.“
% Bei der histologischen Untersuchung (Eosin-Hämatoxylin, Giemsa)
w inneren Organe fanden wir das typische Bild der Myelose,
Resümieren wir also, so hatten wir es mit einer aleuk-
»ffli8en enoder subleakämischen Myelose zu tun, die agonal
in« leukämische Stadium überging — in Analogie offenbar
lur prämortalen neutrophilen Leukocytose, eventuell mit Myelo-
cjtenausscbwemmung, bei vorher normalem Blute.
Die Cytomorphie selbst bot in beiden Stadien interessante Einzel¬
nen«. Unter den Eiythrocyten fällt die hohe Zahl der Normoblasten
auf, die im Verlaufe der Krankheit von 2000 auf 8000 und 9000 stieg,
um in der Agone den Rekord von 18000 aufznstellen. Daneben finden
sich aber auch ziemlich reichlich Megaioblasfcen (300 bis 400 im Kubik¬
millimeter), die allerdings zuletzt verschwanden. Dies gibt zusammen
mit der Hyperchromie der Erythrocyten der Erkrankung das Gepräge deB
Lenbe-Arnethschen Syndroms der Leukanämie.
Unter den Leukoeyten wiederum ist bemerkenswert die beträcht¬
liche Vermehrung der Mastzellen und der Splenocyten bis auf das Zehn¬
fache der Norm. An dem agonalen Hocbstande waren alle Zellgruppen
beteiligt; in nicht geringem Maße neben den maximal vermehrten Granulo-
cyten die von ihnen aus funktionellen Gründen abzntrennenden lymphoiden
Zellen: Lymphocyten and Myeloblasten.
Es erscheint uns hier am Platze, die von Hirschfeld ge¬
sammelte Kasuistik zu ergänzen.
Wir meinen den Fall Littens (6), der in der älteren Literatur
als „Uebergang von Anämie in Leukämie“ figuriert.
Am II. Februar 1877 wurde in die Frerichsche Klinik eine
Kranke aufgenommen, bei der sich im Januar Mattigkeit und bleiche Ge¬
sichtsfarbe eingestellt batte. Bald kam es auch zu Erbrechen, das sich
öfter täglich wiederholte. Bei der Aufnahme waren die Hautdecke und
die sichtbaren Schleimhäute von wachsartiger Blässe, in auffallendem
Kontrast dazu das Fettpolster reich entwickelt. Patientin war völlig in-
appetent und erbrach meist nach der Nahrungsaufnahme. Die Gefäße
des Augenhintergrnndes waren hellrot gefärbt, die Papille sehr blaß;
daneben auf beiden Netzhäuten Hämorrhagien in ungewöhnlich großer
Zahl sowie sehr viele punktförmige Ekchymosen. Das abgenommene
Blut erschien sehr dünnflüssig nnd von gr&urötlicher Farbe. Die Anzahl
der roten Blutkörperchen war bedeutend vermindert, die Form derselben
aber unverändert. Die Anzahl der weißen Blutkörperchen war wenig
vermehrt. Die Mehrzahl gehörte den größeren Formen an, die rund
waren ohne deutlichen Kern; daneben fanden sich einzelne kleinere Exem¬
plare. Milz und Lymphdrüsen nicht vergrößert.
Die ursprünglich auf „schwere (perniziöse) Anämie“ gestellteDiagaose
mußte nach dem Ausfälle der Blutuntersuchnng vom vierten Tage modifiziert
werden: Es hatte eine rapide Massenznnahme der weißen Blutkörperchen
eingesetzt; am 15. Februar worden auf 15 rote 1 weißes Körperchen ge¬
zählt, am nächsten Tage 9 auf 1, am 17. Februar war das Verhältnis
4:1, tags darauf prämortal stand es für die weißen Blutkörperchen noch
günstiger. Gleichzeitig fiel Größe und Form eines Teils derselben auf:
Diese waren rund, ziemlich groß und hatten einen deutlich sichtbaren
bläschenförmigen Kern, in dem man zuweilen einen Nucleolns erkennen
konnte. Der Kern war in den meisten Exemplaren von beträchtlicher
Größe and füllte die Zelle zuweilen so aus, daß nur wenig grannliertes
Protoplasma an den peripheren Abschnitten sichtbar blieb. Milz nnd
Drüsen waren auch jetzt unverändert und es bestand keine Knochen¬
schmerzhaftigkeit.
Die Sektion bestätigte die Diagnose auf „medulläre Leukämie“.
Im besondern fand man: Die Milz 12x8,5x3 cm groß, 200 g Bchwer.
Unter der Nierenkapsel eine Anzahl miliarer grau weißlicher Knötchen.
Die Leber sehr anämisch, sonst normal. Die Lymphdrüsen nirgends ge¬
schwollen. Das Knochenmark der größeren Röhrenknochen zeigte auf
der Schnittfläche eine staubgraue Farbe und ließ umschriebene eiterähn¬
liche, stellenweise gallertige Partien erkennen. Im Bereiche dieser war
das Mark grüngelb und von weicher, fast zerfließender Beschaffenheit.
Unter dem Mikroskop zeigte sieb, daß der vorherrschende Bestandteil
jener eiterähnlichen und galertigen Massen große runde Zellen mit deut¬
lichem bläschenförmigen Kern und granuliertem, seltener hyalinem In¬
halte („Markzellen“) bildeten, gleich jenen, die die Blutuntersuchung
während der letzten Lebenstage förderte. Während sich in der Leber
nichts Abnormes auf finden ließ, fand sich in der Milz eine geringe Hyper¬
plasie der Malpighisehen Körperchen; sie erschienen etwas größer als
normal und die Anhäufungen der Lymphkörperchon größer als gewöhn¬
lich. Die erwähnten Herde in den Nieren stellten sich ebenfalls als An¬
häufungen lymphatischer Zellen dar („miliare Lymphome“).
Wenn auch die Beurteilung dieser Beobachtung wegen der
mangelhaften Blutbefunde unsicher bleiben muß, glauben wir sie
doch auf Grund der beobachteten Exacerbation der Leukoeyten zahl
von unzweifelhaft myelemischem Charakter und auf Grund des
Ergebnisses der anatomischen und histologischen Untersuchung
mit einer gewissen Berechtigung hierher einreihen und der Preiss-
schen und unserer eben gebrachten Beobachtung an die Seite
rtellen zu dürfen. (ScMdb folgt.)
Aerztliche Gutachten ans dem Gebiete des Versicherungswesens (Staatliche and Piiiat-YerslcheroDg),
Redigiert von Dr Hermann Engel. Berlin W SO.
„Gefölligkeitggutachten*
von
Dr. Hermann Engel,
öwichtsirit des Königlichen Ober-Versicherongsamtes Groß-Berlin.
Beratender Arzt der Reichs Versicherungsanstalt.
n, mit der Festsetzung von Entschädigungen betrauten
norden ist das „Gefälligkeitsgutachten“ eine ständige Crux.
JÜa • v° le zur Erstattung eines solchen bereitfinden lassen,
8ich zweifellos nicht klar darüber, welchen erheblichen Schaden
sie damit dem Ansehen des ärztlichen Standes in jedem Falle
zufügen. Machen sie doch zunächst den an sich berechtigten, zu¬
letzt der Reichs Versicherungsanstalt für Angestellte gegenüber’ ge¬
äußerten Wunsch, das Attest eines jeden Arztes als vertrauens¬
ärztliches gelten zu lassen, zu einem ganz unerfüllbaren. Es soll
die Zwangslage eines Arztes, von dem seine Klientel ein Gut¬
achten mit ihm vorgeschriebenem Tenor verlangt, keineswegs ver¬
kannt werden. Weist doch auch Friedensburg in seiner „Praxis
der deutschen Arbeiterversicherung“ auf die Fälle hin, in denen
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Original from
UNIVERSUM OF IOWA
250
Nr. 9.
28. Februar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK —
„ein ehrlicher Mann sein Gutachten zuungunsten des Renten-
bewerbers abgibt, aber bittet, es diesem nicht mitzuteilen, da er
sonst seine Praxis verlieren, in seiner Gegend unmöglich sein
würde“. Aber gerade diese für jeden Einsichtigen klar zutage
liegenden Verhältnisse sollten es den einzelnen Arzt mit Freuden
begrüßen lassen, das Odium eines den unberechtigten Ansprüchen
seines Klienten ungünstigen Gutachtens auf einem unabhängigen
„Vertrauensarzt“ ruhen lassen zu können. Friedens bürg sagt
zutreffend: „Naturgemäß hat der soziale Eifer der Zeit auch auf
manchen Arzt abgefärbt und verleitet ihn, den Wohltäter der
Armen zu spielen — auf Kosten der Berufsgenossenschaften (Er¬
satzpflichtigen) natürlich.“
Die nachfolgenden vier Bescheinigungen lassen erkennen,
wie der Hausarzt dieselben den jeweiligen materiellen Bedürfnissen
seines Klienten anpaßt, ohne jeden Skrupel, daß er sich damit
in grobe Widersprüche verwickelt. In den beiden ersten Erklä¬
rungen versuchte er, durch Zurückdatierung der Invalidität seinen
Klienten eine höhere Rentensumme zu verschaffen. Dann ist er
anscheinend darauf aufmerksam gemacht worden, daß die zeit¬
liche Anwendung der neuen Hinterbliebenenfürsorge aus § 1252
der R.V.O. nur bei den Hinterbliebenen solcher Versicherten zu¬
lässig war, die erst nach dem Inkrafttreten der Versicherung, das
heißt nach dem 1. Januar 1912, gestorben sind, die aber noch nicht
seit diesem Tag oder gar schon früher bis zu ihrem Tod un¬
unterbrochen dauernd erwerbsunfähig waren. Flugs wird das
Gegenteil bescheinigt „im Interesse ihres Witwengeldes“ und
„falls dadurch Frau M. die Hinterbliebenenrente“ bekommt.
1 .
Auf Verlangen der Erben des Restaurateurs W. bescheinige
ich hierdurch wahrheitsgemäß zwecks Vorlegung bei der Invalidi¬
tätsversicherung, daß Herr W. seit dem 14. Mai 1910 mit zeit¬
weiligen Unterbrechungen an Arterienverkalkung mit Herzschwäche
in meiner ärztlichen Behandlung gewesen ist und am 21. Mai
dieses Jahres wegen dieses Leidens dem städtischen Krankenhaus
in B. von mir überwiesen worden ist, wo er — laut glaubwürdiger
Mitteilung — an dieser Krankheit am 21./22. Mai nachts ge¬
storben ist. Dr. M, 14. Juni 1912.
2 .
Nach meiner Ansicht war W. bereits vor dem 1. Januar
1912 als dauernd erwerbsunfähig zu betrachten.
Dr. M. 2. August 1912.
3.
Auf Wunsch der Witwe Mathilde W. bescheinige ich im In¬
teresse ihres Witwengeldes von der Invaliditätsversicherung, daß
der verstorbene W. laut meinen ärztlichen Journalen am 14. Mai
1910 nachts von mir wegen eines Herzbeklemmungsanfalls infolge
von Herzartorienverkalkung eine Morphium- und Aethereinspritzung
erhalten hat. Dann habe ich ihn zum erstenmal am 9. März 1912
wieder behandelt. Dabei finde ich in meinem Buche die Notiz:
Aorteninsuffizienz (mangelnde Schlußfähigkeit der Hauptschlag¬
aderklappe) mit Leberschwellung. Ein Nachweis dafür, daß be¬
reits vor dem 1. Januar 1912 dauernd Erwerbsunfähigkeit im
Sinne des InvaliditätsversicheruDgsgesetzes § 5 Abs. 4 bestanden
hat, ist meines Erachtens nicht erbracht. Der einzige Nachweis
dafür könnte ein Attest von mir vom 14. Juni 1912 sein, dessen
Wortlaut mir leider nicht mehr bekannt ist und für dessen ge¬
fällige Abschrift und Zusendung ich dankbar sein würde.
Dr. M. 29. Oktober 1912.
4.
1. Der Befund, den ich am 9. März 1912 bei dem verstorbenen
W. festgestellt habe, war folgender:
Schwere krankhafte Veränderungen des Gesamtorganismus,
ungenügende Tätigkeit des Herzens (Herzinsuffizienz), Geräusch
besonders stark rechts vom Brustbein über der Hauptschlagader¬
klappe der linken Herzkammer, welches auf ungenügende Schlu߬
fähigkeit dieser Klappe schließen ließ, Blutstauung in den Bauch-
Organen, die sich durch Vergrößerung der Leber dokumentierte.
2. W. erklärte mir, soweit ich mich entsinne, daß er schlecht
schliefe und bei irgendwelchen körperlichen Anstrengungen an Be¬
klemmungsanfällen litte.
3. Am 9. März 1912 war der Zustand des W. ein derartiger,
daß W. als dauernd invalide anzusehen war. Was den Zeitpunkt
betrifft, seit welchem W. dauernd invalide war, das heißt seit
welchem die Unheilbarkeit seines Leidens derartig erkenntlich
war, daß nach menschlichem Ermessen eine Wiederherstellung der
Arbeitsfähigkeit in absehbarer Zeit ausgeschlossen erschien, bo
kann ich darüber nur Vermutungen an stellen, und die Richtung
dieser Vermutung kann nur ärztlichen Temperaments sein, nach¬
dem ich den W. zwischen dem 14. Mai 1910 und dem 9. März 1912
nicht ärztlich untersucht habe. Die Verschlimmerung, welche die
Krankheit in diesen 22 Monaten erfahren hatte, war eine gewal¬
tige, sodaß ich dem Magistrat N. auf seine Anfrage am 2. August
1912 mitgeteilt habe, W. sei nach meiner Ansicht bereits vor
dem 1. Januar 1912 als dauernd erwerbsunfähig zu betrachten ge¬
wesen. Die am 2. August 1912 auf Anfrage geäußerte Ansicht
kann ich in diesem Gutachten nicht bestimmt aufrechterhalten,
wenn dadurch die Ansprüche der Hinterbliebenen des
W. eine Schmälerung erfahren. (!) Die dauernde Invalidität
des W. kann ebensowohl zwei, wie vier, wie mehr Monate vor
dem 9. März 1912 ihren Anfang genommen haben, dieselbe trat
aber — soweit ich weiß — nicht in Erscheinung und führte nicht
zur Geltendmachung von Ansprüchen, weil der Pflichtenkreis des
W. ein sehr kleiner war, der keine oder nur minimale Anforde¬
rungen an seine Leistungsfähigkeit stellte. Nach dem Grundsatz
„in dubio pro aegroto“, „in Zweifel für den Kranken respektive
dessen Hinterbliebene“, möchte ich den Zeitpunkt für den Beginn
der dauernden Invalidität, da er nur vermutet und nicht bestimmt
angegeben werden kann, erst nach dem 1. Januar 1912 datieren,
falls dadurch Frau W. die Hinterbliebenenrente be¬
kommt. Dr. M. 3. Dezember 1912.
Wahrlich, eine hohe Auffassung von den Pflichten eines Gut¬
achten erstattenden Arztes!
Referatenteil.
Redigiert von Oberarzt
Sammelreferat.
Urologie.
Ueber den Vorsteherdrüsenkrebs (insbesondere das Frühstadium)
von Dr. Otto Manklewicz (Berlin).
E. Neuber (1) bringt aus dem Pathologischen Institut des
Allgemeinen Krankenhauses St. Georg in Hamburg eine Arbeit
über Prostatacarcinome. Während früher nur 0,17o/ 0 der
Krebserkrankungen die Prostata betrafen, erhöht sich jetzt der
Prozentsatz auf zirka 2 °/o, da die ausgebaute Diagnostik, die
operativen Eiogriffe und die ausgebildeten Obduktionsmethoden die
genauere Diagnose ermöglichten. Die dreißig Fälle, auf denen
die Arbeit basiert, sind sicher anatomisch festgestellt; in 29 Fällen
konnten alle Kranken vom Beginne bis zum Ausgange der Krank¬
heit beobachtet werden. Die Prognose wird etwas verbessert,
wenn man die frühzeitig diagnostizierten und operierten Fälle, von
denen ein Teil dauernd gesund bleibt, berücksichtigt; schlecht
bleibt die Vorhersage jedoch stets. In nur 16 Fällen von den
berichteten 30 war vor der Operation die Diagnose gestellt, da in
einem großen Teil der Erkrankungen die Erscheinungen von der
Prostata aus nur sehr wenig prononciert waren; in einigen Fällen
konnte nur mikroskopisch das Carcinom festgestellt werden. Als
r. Walter Wolff, Berlin.
Frühsymptome sind nach Kümmel die derbe Konsistenz sowohl
bei großer wie bei kleiner Drüse, ein mehr minder continuierlicher
Schmerz in der Prostatagegend und eine Schmerzhaftigkeit bei
der Palpation zu betrachten. Ohne rectale Untersuchung ist die
Diagnose wohl nie möglich, dabei muß Mastdarm und Blase ent¬
leert sein; man soll in linker Seitenlage, auf dem Rücken und in
Knieellenbogenlage untersuchen, wobei auf die Infiltration der
Beckenwände und der Samenblase zu achten ist. In 27 Fällen
war das Bild der Prostata bei der Autopsie verändert, in bezug
auf ihr Verhalten zur Umgegend, auf ihre Größe, Form, Kon¬
sistenz und Bild der Schnittoberfläche (Krebssaft). Die Drüsen
des kleinen Beckens, die Retroperitonealdrüsen und die Gefä߬
drüsen sind am meisten beteiligt, die Beteiligung der benachbarten
Lymphdrüsen ist nicht allgemein, wenn auch häufig. Die Schwel¬
lung der Inguinaldrüsen erfolgt nicht oft. In neun Fällen kam es
zu sekundären Knochenmetastasen mit teilweise geringem Prostata¬
befunde; hier gibt es zwei Formen der Carcinommetastasen:
L weiche, graurötliche Knoten mit Zehrung des Markes und Zer¬
setzung des osteoiden Gewebes. 2. Wucherung des osteoiden Ge¬
webes mit Sklerosierung und Eburnis&tion; osteoplastische Car-
cinose (v. Recklinghausen), Beckenring und Femur sind am
stärksten von Üou Knochenmetastasen betroffen. Die Beschwerden
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2$. Februar.
1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9.
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der Knochenmetastasen bestehen in Neuralgien, Schmerzen in der
Saknügegend, den Rippen, den Oberschenkeln oder anderen Skelett-
teilen oder in plötzlich auftretenden Paresen. Die Leber, Lungen,
Nieren, Pleura, Blase wiesen auch in mehreren Fällen Metastasen
auf. Die Nachbarorgane (Blase, Mastdarm, Harnleiter) waren
mehrfach beteiligt. Das histologische Bild des Krebses baut sich
aus einem zellreichen, schwer schneidbaren Gewebe auf; die Zellen
kleinpolymorph, polygonal bis rund. Carcinoma solidum mit Ueber-
gflngen bis zum reinen Adenocarcinom ist möglich, die Differential¬
diagnose mit Sarkom nicht immer einfach. Aetiologisch ließ sich
nichts festste) len. Neu her kommt zu folgenden Schlüssen: Die
carcinomatöse Erkrankung der Prostata bevorzugt das sechste
Dezennium. Die Dauer der Erkrankung währt im allgemeinen
nicht über zwei Jahre; in einigen Fällen verläuft der Prozeß
schleppend. Metastasenerscheinungen im Skelett sind dabei über
ein Dezennium beobachtet. Das Prostatacarcinom tritt unter zwei
Formen auf; 1. Die lokalen Krankheitserscheinungen der Prostata
stehen im Vordergründe: a) Das Organ ist derb, zuweilen ver¬
größert, die Pars prostatica der Harnröhre ist eingeengt b) Die
Geschwulst greift über auf Samenblasen, Beckenbindegewebe und
Bectum. Das Uebergreifen auf die Harnblase charakterisiert sich
meist durch Auftreten flacher Prominenzen im Bereiche des Tri-
gonum. c) Die Geschwulstbildung im periprostatischen Gewebekann
zur Einengung der Ureteren und Hydronephrose,' das Uebergreifen
anf die Harnblase zu katarrhalischen Affektionen derselben und
weiter zu Pyelitis führen. 2. Die sekundäre Geschwulstbildung
steht im Vordergrund: a) lokale, wahrnehmbare Prostataverände-
rungen können vollständig fehlen, b) die Skelettmetastasen gehen
einher mit Erweichung oder mit Ebumisation (osteoplastische Car-
cinose, Nervenkompression und deren Folgeerscheinungen). Bei
der Frühdiagnose ist neben der rectalen Palpation und
der Cystoskopie vor allem die Röntgenuntersuchung des
Beckenrings und eventuell des übrigen Skeletts zu ver¬
werten. Dies kann in schwierigen Fällen den Ausschlag geben.
Hugh H. Young(2) veröffentlicht sein Referat: Diagnose
nndBehandlung der Frühstadien maligner Erkrankungen
der Prostata auf dem 17. Internationalen medizinischen Kongreß
in London im 2. Bande der Zschr. f. urol. Chir. Sarkome im
Frühst&dium der Erkrankung sind nicht beobachtet worden.
Young beschränkt sich auf die Frühstadien der Carcinome. Er
hat zwölf Fälle beobachtet und teilt sie in drei Klassen ein:
1. der ganze pathologische Befand Carcinom: 6 Fälle, 2. Carcinom
mit Hypertrophie oder Adenom: 5 Fälle, 3. chronische Prostatitis
mit kleinem Bezirke von Carcinom: 1 Fall. Die Symptomatologie
des Frflhstadiums des Prostatacarcinoms ist fast der der benignen
Hypertrophie gleich, sodaß nur durch eine ganz sorgfältige physi¬
kalische Untersuchung der Verdacht auf Carcinom gelenkt werden
kann. Das einzige Kennzeichen des frühen Carcinoms ist die
Harte, auch die Härte einzelner Knoten (Palpation auf dem
Cystoskop). Manchmal sind die juxtaprostatischen Enden der
Samenblasen und die Vasa deferentia ergriffen und etwas härter.
Das Cystoskop ergab kein charakteristisches Bild, sorgsame Pal¬
pation vom Mastdarm aus scheint die Diagnose zu erleichtern.
Intmesicales Wachstum des Carcinoms und Neigung zu Ulce-
rationen Bind seltene Ausnahmen beim Prostatakrebse, während
oie Gewebe zwischen Mastdara und Blase sehr stark ergriffen
win können. Hämaturie kommt vor, ist aber selten. Bei gleich-
«ttiger Hypertrophie liegt der Krebs meist in einem subcapeulären
Stratum nach hinten von den hypertrophierten Seitenlappen. Da
nas Prostatacarcinom für eine mehr weniger lange Zeit von
dar Ausbreitung nach hinten und unten durch die feste Kapsel
naß die Dennouviliersehe Beckenfascie gehindert wird und da
der erste Weg des Wachstums außer der Prostata der Raum dicht
uater der Prostata zwischen Trigonum und Samenblasen und der
siebedeckenden Dennouvi 11ersehen Fascie ist, ist der Weg für
die Radikaloperation gegeben, das heißt die Samenblasen und der
a*? Teü des Trigonums mit dem dazwischenliegenden Gewebe
in einem Stück mit der ganzen Prostata (Kapsel, Harnröhre,
opmneter internus, Blasenüberzug und ein Teil der häutigen Harn-
Wnre) entfernt werden. Young beschreibt nun eingehend die
technik der sehr ausgedehnten Operation. Er näht schließlich die
Jhr! an ^ en ^ um P* der häutigen Harnröhre, schließt den Blasen-
wöhtz und näht nach sorgsamer Blutstillung meist die ganze
? ß, zu - Verweilkatheter, viel Getränk, Urotropin, kleine täg-
ßläaonspölungen, zeitige Erlaubnis zum Aufsitzen bilden die
^ acnbehandlung. In sechs Fällen hat Young die Operation aus-
Fn Inkontinenz am Tage bestand bei allen Operierten. Ein
8 starb neun Monate nach der Operation an perivesiculärer In¬
fektion nach Litholapaxie (infolge Verwendung von Seidenligaturen)
mit kleinem Rezidiv an der Hinter wand der Blase, ein Fall ging
sechs Wochen nach der Operation an Nephritis zugrunde ohne
Zurückbleiben von Krebs; ein Fall lebte drei Jahre in befriedi¬
gendem Zustande post operationem, starb aber an einem Rezidiv;
der vierte Fall war 6 V 2 Jahre nach der Operation ohne Rückfall
gesund und ging an Myokarditis und Osteoarthritis der Brüste
Wirbel zugrunde; der fünfte Kranke starb im Operationsshock mit
unerkannten Metastasen; der sechste Fall war sechs Monate nach
dem Eingriffe gesund. Kontraindikation gegen die Radikaloperation
ist das Erstrecken der Infiltration auf mehr als eine kurze Strecke
über das Trigonum und das Befallensein der oberen Teile der
Samenblasen. Seidennähte sollen nicht verwandt werden, meist
auch kein Catgut, sondern Silkworm. — In zwei Fällen gelang
es, kleine Krebsknochen durch partielle Prostatektomien zn ope¬
rieren und dauernd zur Heilung zu bringen.
Andrö Chalier(3) aus Lyon bringt einen Beitrag über den
Krebs der Prostata und des Beckens mit Oedem der Gegend
des linken Femur, ein bisher noch nicht beobachtetes Symptom.
Es schien sich um ein tiefes Oedem des Zellgewebes und der
Muskeln zu handeln, Fingerdruck macht keine Delle, Bein und
Fuß normal. In den Iliacalgruben des 64jährigen Mannes, der an
Schmerzen in den Lenden mit Ausstrahlung in die Oberschenkel,
besonders rechts, und geringer Dysurie litt und eine kaum ver¬
größerte, aber harte und beiderseits seitlich fixierte Prostata auf¬
wies, fanden sich beiderseits Drüsen, links sogar hühnereigroß.
Die Operation konnte nicht beendet werden und der Kranke erlag
nach einiger Zeit einer schweren Hämorrhagie aus der fast ver¬
narbten Wunde. Die tödliche Blutung kam aus einer Ulceration
infolge Uebergreifens der Neubildung auf die Arteria iliaca externa
8 inistr&, 4 cm oberhalb der Schenkelpforte. Die Neubildung hatte
die Gefäße und Nerven, die am Schnittpunkte der Apertura ischia-
tica magna passieren, gleichsam eingemauert und dadurch die
heftigen Kreuz- und Lendenschmerzen und das Oedem der linken
Hüfte und des Oberschenkels erzeugt. Dieses Zeichen, Oedem des
Oberschenkels, bei Prostataerkrankung zeigt somit das ETgriffensein
des Beckens an und warnt vor jedem Operationsversuche.
Rüssel Howard (4) konnte bei einem 48jährigen Manne
die krebserkrankte Vorsteherdrüse durch ein kombiniertes Verfahren
vom Bauch und Damm aus entfernen und Heilung erzielen. Die
mit sterilem Wasser gefüllte Blase wurde cystostoraiert, um mit
je einem Finger in Darm und Blase die Ausdehnung der Erkran¬
kung festzustellen. Darauf ein Schwamm in die Bauchwunde und
der Kranke in Steinschnittlage; hufeisenförmiger Schnitt in der
Mitte des Dammes, Trennung des Mastdarms von den vorderen
Geweben bis zu den Samenblasen; Durchtrennung der Fasern des
Afterschließmuskeiß beiderseits zur Freilegung des Blasengrundes;
Schwamm in die Dammwunde, Trendelenburgsche Lagerung;
Durchtrennung der dreieckigen Faserhaut, um die Harnröhre von
den umgebenden Geweben zu sondern, Durchschneiden der Harn¬
röhre und Herausziehen der noch von der Kapsel umschlossenen
Vorsteherdrüse aus der Dammwunde mit dem Grunde der Blase
und den Samenblasen. Howard versah die Harnleiter mit Er¬
kennungsfäden und schnitt den Blasengrund direkt unter den
Harnleitern ab, stillte die Blutung und brachte die Blase an ihre
Stelle zurück. Ein Gummischlauch mit zwei Seitenlöchern wurde
durch die Harnröhre in die Blase und durch sie aus der Bauch¬
wunde herausgelührt. Naht der Wunden, Dammschlauch. Kein
Shock. Der obere Schlauch wurde am fünften, der untere am
achten Tag entfernt; der Dauerkatheter am 28. Tage fortgelassen.
Am 36. Tage nach der Operation verließ der Kranke das Krankenhäus ¬
er konnte den Harn sechs Stunden halten. Die Harnentleerung war
etwas überstürzt. Sonden gingen leicht durch die Harnröhre.
P. L. Freyer (5) (London) gibt Mitteilungen über den Krebs
der Vorsteherdrüse. Unter 1276 Fällen von Hypertrophie der
Prostata in den letzten elf Jahren hat er 171 bösartige Affektionen,
das heißt 18,4%, beobachtet, davon nur drei oder vier Sarkome]
sonst Krebse. Die Symptome des Krebses gleichen denen der ein¬
fachen Hypertrophie: Häufigkeit der Miction, besonders nachts,
Verminderung der Kraft des Harnstrahls und plötzliches Auf hören
desselben, fortschreitende unvollkommene Entleerung des Harnes
mit immer ausgesprocheneren Symptomen. Bei Aussage des
Kranken, daß sich die Symptome rasch in einigen Monaten aus¬
gebildet haben, soll man die Bösartigkeit der Affektion in Sicht
behalten, zumal wenn das Alter unter 40 und über 70 Jahre ist.
Hat der Kranke in den letzten Monaten an Gewicht verloren, hat
er Schmerzen im Kreuzbeine, Damm und Lenden, dann kann man
fast sicher sein. Hämaturie ist selten, nur beim uleerierten und
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- Nr. 0.
vorgeschrittenen Krebse. Im Falle des Krebses trifft man bei der
Sondierung mit Mcrcierkatheter oft einen Widerstand in der pro-
statischen Harnröhre, die Untersuchung ist schmerzhaft und oft
von„ leichter Blutung bogleitet. Bei der Mastdarmuntersuchung
findetiman eine harte Drüse mit weicheren Punkten, die Grenze
ist unregelmäßig, die Oberfläche knotig. In manchen Fällen ist
die Drüse glatt’und hart wie eine Elfenbeinkugel. Manchmal sind
die Lappen ungleich ergriffen oder die Krankheit ist nur auf einer
Seite. Die Palpation ist schmerzhaft. Nach der Sectio alta findet
man die innere . Harnröhrenmündung kontrahiert und nicht dehn¬
bar, in der Mitte einer harten, knotigen Masse gelegen. Bei fort¬
geschrittener Erkrankung sind die iliacalen, inguinalen und lum-
baren Lymphwege und Lymphdrüsen ergriffen. Die Behandlung
kann nur eine palliative sein. Der Katheter soll solange, als es
ohne Schwierigkeit und Schmerz geht, gebraucht werden; dann
muß man einen hohen Blasenschnitt machen und den Harn in ein
Urinal ableiten. Die Prognose muß sehr zweifelhaft sein; manche
Kranke gehen nach einigen Monaten zugrunde, andere können
Jahre leben und ihrer Beschäftigung obliegen. Trotz der üblen
Prognose teilt Freyer acht Fälle mit, in denen er durch die voll¬
kommene Exstirpation Heilung bis zu sieben Jahren erzielte. In
vielen operierten Fällen von Vorsteherdrüsen Vergrößerung hat man
bösartige Entartungen gefunden; Freyer hat nicht alle von ihm ent¬
fernten Vorsteherdrüsen anatomisch-pathologisch untersuchen lassen;
bemerkenswert ist aber, daß unter wegen einfacher Hypertrophie
operierten Kranken mehr als ein halbes Dutzend sich befinden, die
später einen Krebs — wechselnde Zeit nach der Operation — bekamen.
Charles Greene Cumston (6) erörtert die Kenntnisse über
das Sarkom dor Vorsteherdrüse; dasselbe ist häufiger in jugend¬
lichem Alter; von 41 Fällen waren 29 unter 80, 17 unter 10 Jahren.
Das Sarkom ist seltener wie das Carcinom, auch sekundär wird
die Vorsteherdrüse kaum von Sarkom befallen (vier Fälle bekannt,
primäres Sarkom in Samenblase, rechter Ellbogen, Corpus caver-
nosum und Hoden). Bei Kindern und jungen Leuten erfolgt die
GeschwulstbilduDg unbemerkt, erst wenn sie eine gewisse Größe
hat, wird man darauf aufmerksam. Das erste Symptom der Er¬
krankung ist dio komplette Retention des Urins, der Kafcheterismus
kann dabei schwierig werden. Die Geschwulst gibt bei der Be¬
tastung das mehr minder deutliche Gefühl der Fluktuation, sodaß
man sie für einen Absceß halten kann. Die MastdarmUnter¬
suchung enthüllt eine harte Masse, die das Rectum geschwürig
machen kann. Iliacale und iDguinale Lymphdrüsen sind oft ver¬
größert. Dann kommt es zur Infektion, der Harn wird trübe, die
Miction häufig. Die Geschwulst wächst, ergreift die Blase, behin¬
dert den Harnröhren- und Hamleiterabfluß. Der Tod erfolgt etwa
ein Jahr nach den ersten Symptomen. Pathologisch-anatomisch
kann die Neubildung die ganze Drüse oder nur einen Lappen er¬
greifen; auf dem Schnitte findet man eine einförmige Fläche, durch
fibröse Bänder durchschnitten, im Centrum oder an der Peripherie
Cysten oder hämorrhagische Herde. Beim Kinde kann man thera¬
peutisch nur palliativ verfahren, höchstens ist ein hoher Blasen-
sebnitt gegen die Retention nützlich, alle radikalen Eingriffe sind
unmöglich. Beim jungen Manne kann man die verschiedenen Me¬
thoden der Prostataexstirpation (suprasymphysär, perineal) ver¬
suchen, der Erfolg wird von der Frühzeitigkeit der Diagnose abhängen.
In einem Referat über die Diagnose und Behandlung
der bösartigen Prostataerkrankungen im Anfangs-
Stadium auf dem 17. internationalen medizinischen Kongreß er¬
läutert H. Kümmel (7) (Hamburg) vorerst den Begriff: Was ver¬
stehen wir unter dem Frühstadium des Prostatacarci-
Donts? Er versteht darunter dasjenige Stadium der Krankheit,
in dem noch keine Metastasen vorhanden, in welchem also weder
Anamnese noch die subjektiven Klagen und die objektive Unter¬
suchung irgendeinen Anhaltspunkt für eine Aussaat von dem
lokalen Herd in den übrigen Körper erkennen lassen; das Carci¬
nom muß auf die Drüse beschränkt sein, ohne Uebergriff
auf Blasen sch leiiphaut und periprostatisches Gewebe; bei Erfüllung
dieser Vorbedingung müßte sich die lokalisierte Vorsteherdrüsen¬
geschwulst radikal entfernen lassen ohne eingreifendere Operation
(Blasen- oder Mastdarm- oder Kreuzbeinresektion). Nach dem
Sektionsmaterial des Hamburg-Eppendorfer Krankenhauses fanden
sich bei 38 472 Sektionen 204 Prostataerkrankungen mit 48 Krebsen,
das heißt zirka 21% der wegen Erkrankung der Vorsteherdrüse
zur Autopsie gelangten Fälle, und unter 8567 Krebsfällen 43 Vor¬
steherdrüsenkrebse = zirka 1,2%. Relativ plötzlich einsetzende
Mictionsbesch werden mit akuter Retention oder erschwerter und
schmerzhafter Entleerung — im Unterschiede zur allmählich und
schmerzlos eintretenden Störung der Harnentleerung bei Prostata¬
hypertrophie —; Schmerzen, oft dauernd und intensiv mit Lokali¬
sation in der Drüse selbst (wahrscheinlich infolge Spannung der
Kapsel der Drüse) und von der Miction unabhängig; in seltenen
Fällen frühzeitige Inkontinenz; sehr selten die initiale Blutung
sind subjektive frühzeitige Zeichen des Vorsteherdrüsencarcinoms.
Objektiv findet man bei der Palpation vom Mastdarm aus harte,
entweder die ganze Drüse oder auf einem Lappen sich konzen¬
trierende Konsistenz und den charakteristischen Druckschmerz;
die Konsistenz wird als hart, bretthart, steinhart, holzartig be¬
schrieben und kann als das konstanteste und unzwei¬
deutigste Frühsymptom der Erkrankung gelten. Das Cysto-
skop bietet bei dem in Rede stehenden Frühstadium der Erkran¬
kung kein charakteristisches Bild, ebensowenig zeigt der Harn
besondere Verhältnisse. Das Prostatacarcinom kann in seinem
Anfangsstadium in den weitaus meisten Fällen mit annäherüder
Sicherheit diagnostiziert werden (25%), in einem kleineren Prozent¬
sätze mit großer Wahrscheinlichkeit (20%) und nur wenige Fälle
geben zu einer unsicheren Diagnose Anlaß (5%). Die operativen
Erfolge lehren uns, daß Dauerheilungen von acht Jahren möglich
sind. Unter den von Kümmel operierten Fällen befindet sichern
Patient, welcher neun Jahre nach der Exstirpation der carinoma-
tösen Prostata noch gesund und ohne Beschwerden von seiten
der Blase ist, ein anderer ist über fünf Jahre rezidivfrei; andere
sind ein bis mehrere Jahre beschwerdefrei oder erzielten wenigstens
eine wesentliche Besserung ihres vorher traurigen Zustandes. Wir
sind verpflichtet, eine möglichst frühzeitige Diagnose zu erstreben,
um durch möglichst frühzeitige Entfernung der Prostata Heilung
zu erzielen. Bei dem geringsten Verdacht auf Carcinom bei an¬
scheinend hypertrophischer Prostata ist eine möglichst frühzeitige
Radikalbehandiung zu empfehlen. Die Operationsmethoden sind
die üblichen. Zur Verhütung von Rezidiven ist die Radio- respek¬
tive Röntgentherapie heranzuziehen.
Schapiro (8) bringt aus der Wildbolz sehen Abteilung im
Inselspital in Bern die ausführlichen Krankengeschichten von
zehn Fällen von Prostatakrebs, welche beweisen, wie günstige
Resultate auch bei schon vorgeschrittenen Fällen durch die
perineale Prostatektomie erzielt werden können; dabei boten
die Kranken das Bild geschwächter decrepider Männer, mit Aus¬
nahme eines noch kräftigeren Patienten: drei waren unter 60 Jahren,
alle andern zwischen 60 und 79 Jahren; mehrere litten an Arterio¬
sklerose, andere an Emphysem, Bronchitis und Herzerweiterung,
einer war Hemiplegiker, einer maniakalisch mit Urinintoxikation.
Bei der Hälfte der Patienten hatten die Blasenbeschwerden
schon mehr als ein Jahr bestanden, bei andern noch länger.
Bei sieben Patienten war zeitweilige akute totale Urin¬
retention, die den Katheterismus erforderte, in einigen Fällen
begann das Leiden mit diesem Symptom. Alle Kranken litten
unter häufigem und schmerzhaftem Harndrang. Die
Menge des Residualharns war wechselnd, bei fünf Kranken mußte
der Harn immer durch Sondierung entleert werden. Bei einem
Kranken war schon eine Cystostomie wegen dauernder kompletter
Retention angelegt worden. Spontane Hämaturien kamen
nicht zur Beobachtung, nur einige Male Hämaturie nach
Katheterismus. Ueber ausstrahlende heftige Schmerzen klagten
fünf Kranke (Ischias). Heftige Blasenschmerzen, ein schmerzhafter
Punkt in der Sakralgegend mit Ausstrahlung in die Niere, schmerz¬
hafte Sensationen in der Eichel wurden je einmal beobachtet Bei
allen Patienten war die ProBtata entweder auffällig hart oder
zeigte an ihrer Oberfläche deutliche Höcker, die auf eine
carcinomatöse Natur der Vergrößerung hin wiesen. Nur bei einem
Kranken war die Drüse erst glatt und elastisch und wurde erst
später höckrig, hier scheint eine hypertrophische Prostata carci-
nomatös entartet zu sein. Die Diagnose des Prostata-
carcinoms stützt sich in erster Linie auf den Palpations¬
befund, auf die auffällige Härte oder Knotenbildung der
Drüse. Die unmittelbaren Operationsresultate waren recht günstig;
nur ein Patient ist den Folgen der Operation erlegen durch das
Platzen eines Herzklappenaneurysmas mit Zeichen von Sepsis und
eitriger Entzündung einer Spermatocele, wohl eine Folge des un¬
zweckmäßigen Verhaltens des geistesgestörten Kranken (Heraus-
reißen des Katheters). Die funktionellen Resultate der Ope¬
ration waren bei allen Patienten ausgezeichnete; alle Ope¬
rierten entleerten ihre Blase nach der Operation ohne
Schmerzen und ohne Schwierigkeit vollkommen, nur bei
einem Kranken erforderte die Beseitigung des Residualharns einige
Wochen; vorübergehend war Inkontinenz in zwei Fällen (ein Hemi-
plegiker, ein an der Prostata schon mehrfach Operierter). Die
Dauererfolge der Operation sind schlechter, da in der Hälfte der
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28. Februar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9.
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Falle die Erkrankung schon über die Vorsteherdrüse hinaus¬
gegriffen hatte. Ein Kranker starb IV 2 Jahre, einer zwei Jahre,
einer neun Monate nach der Operation an Rezidiven respektive
Metastasen, doch hatte auch diesen die Operation Beschwerdefreiheit
gebracht. Die übrigen sechs Kranken sind einige Monate
bis vier Jahre nach der Operation gesund und be¬
schwerdefrei. Wildbolz' Operationsmethode geht in der Re¬
sektion des Trigonulos nicht so weit wie die der französischen
und amerikanischen Autoren, entfernt aber fast die ganze Pars
prostatica urethr&e und, wenn nötig, samt der Prostata die Samen¬
blasen, wenigstens in ihrer untern Partie, dazu die Anfangsteile
der Vasa deferentia. Wildbolz will die Sphincteren der
Harnwege möglichst schonen, deshalb durchtrennt er die
Harnröhre nicht in der häutigen, sondern möglichst in der
prostatischen Harnröhre, um keine Läsion des Sphincter
internus zu riskieren. Anderseits sucht er auch möglichst den
BUsensphincter durch nicht zu weite Resektion der
Blase zu schonen. Die engbegrenzte Resektion des Blasen¬
halses leistet die Gewähr guter postoperativer Blasenfunktion und
schließt doch nicht die Aussicht auf Radikalheilung aus, wenn das
Carcinom wirklich noch auf die Prostata beschränkt war.
R. Proust (9) legt den Hauptwert bei der Exstirpation
der krebsigen Prostata auf die sichere Vermeidung der
Üreterendurchtrennung, die man bei der Entfernung der
Vorsteherdrüse und der Samenblasen leicht verletzen kann; er hat
deshalb mit seinem Schüler Maurer Untersuchungen darüber
angestellt, ob es vom Beginne der perinealen Operation an mög¬
lich ist, die Zone der Harnleitereinmündung vor der Abtragung
der Prostata zu isolieren. Der Kreuzungspunkt des Vas deferens
mit dem Harnleiter kann allein als Stützpunkt für diesen Zweck
benutzt werden. „Das Vas deferens verläuft in seinem absteigenden
Ast von vorn nach hinten längs der Seiten wand der Blase, kreuzt
scbrflg unter Ueberschreiten derselben die Arteria umbilicalis
respektive den beim Erwachsenen sie ersetzenden fibrösen Strang
und gelangt so an die Hinter wand der Blase. Dort begegnet es
nach Kreuzung und Außenliegenlassen des Harnleiters, der Samen¬
blase, umgeht den oberen und inneren Rand derselben und bildet
mit dem Vas deferens der andern Seite das Triangulum inter-
deferentiale 1 ). In Höhe der breiten Spitzen des interdeferentiellen
Dreiecks kreuzen die Vasa deferentia die Ureteren. Da gewöhnlich
bei der Prostatektomie wegen Krebs die Samenblasen entfernt
aber zum mindestens gut ausgetrennt und heruntergeklappt werden,
wird genügend Licht geschaffen um den Harnleiter leicht zu
finden. Nach hoher Trennung des Vas deferens genügt
es, den oberen Teil desselben in die Wunde zu ziehen
und vorsichtig sich längs des tieferen Abschnitts den
Weg m bahnen, um leicht den Ureter zu finden, das Vas
deferens scheint sich hier um den Harnleiter herumzurollen, um
die Seitenwand der Blase zu gewinnen. Auf Grund dieser Kennt¬
nisse ist es Proust und Maurer gelungen, eine Operations-
methode mit sicherer Vermeidung der Harnleiterverletzung aus¬
zuarbeiten, von der hier nur die springenden Punkte erwähnt
»erden können: Prärectale Inoision und transversale
Perineotomie; Isolierung der Samenblasen, Durch¬
trennung der Vasa deferentia, Aufsuchen der Harnleiter,
Durchtrennung der Harnröhre und Herunterklappen der
Vorsteherdrüse; Abtragung der Vorstoherdrüse; Wund-
Versorgung nach Joung mit Naht der Harnröhre an die
Blase. Proust hat diese Mitteilung dem Internationalen Kongreß
für Urologie im Juni 1914 mit Vorlage guter schematischer
Zeichnungen gemacht. Die Referate auf diesem Congreß über
Krebs der Prostata von Verhoogen (Brüssel) und Wilms (Heidel¬
berg) sind in den Juni- und Julinummern der M. Kll. 1914 schon
ausführlich bekanntgegeben worden.
Max Waldschmidt (10) (Wildungen) erörtert in der dem
Hamburg-Eppendorfer Krankenbause zur Feier seines 25 jährigen
™fehens »on der Zschr. f. urol. Chir. dargebrachten Festschrift
Wl- /j) die Indikationen zur Prostatektomie. Von Kümmel
»wden früher für die Prostatektomie diejenigen Patienten ab-
gelchnt, deren Blutgefrierpunkt dauernd sohlechte Werte (— 0,6
und darunter) ergab. Ein Umschwung in dieser Auffassung ge¬
schah durch die Einführung der zweizeitigen Prostatektomie
?-£ 6ir Lokalanästhesie. Es zeigte sich, daß auch schwere und
ruber für unheilbar gehaltene Niereninsuffizienz durch
•o präliminare Cystostomie besserungsfähig wurde und
68 fast stets noch gelingt, die Funktion der Niere wieder so-
l ) Teatu und Jacob, Topographische Anatomie, Bd. 2, S. 398.
weit herzustellen, daß der zweite Teil der Operation, die Aus¬
schälung der hypertrophischen Prostata, ohne Furcht vor Urämie
nach vier bis sechs Wochen gemacht werden kann. 14 Fälle
führt der Autor an; zwei starben, bevor der zweite Eingriff ge¬
macht werden konnte, obwohl die Sectio alta in Lokalanästhesie
ein leichter Eingriff ist und die Kranken eine gewisse Besserung
gezeigt hatten; einer starb 18 Tage nach der Prostatektomie in¬
folge Embolie und Thrombose, alle andern elf Patienten sind
mit völlig befriedigendem funktionellen Resultat der
Blase in gutem Allgemeinzustande geheilt, ein bei den
schwer infizierten und septischen Männern ausgezeichnetes Resultat;
meist erwies sich auch der Zustand der Nieren gebessert. Auch
bei schwerer Infektion der Harnwege ist die präliminare
Cystostomie angezeigt, da der zweite Teil der Operation unter
wesentlich günstigeren Umständen vor sich geht; nur muß man,
mit scharfem Messer operierend, das prä- und paravesicale Binde¬
gewebe möglichst schonen, die Blasenöffoung hoch anlegen und
durch breite, offeue Wundbehandlung die Gefahr der Infektion
herabsetzen; bei dem zweiten Eingriff ist die Umgebung der
Blasenwunde dann durch einen Granulationswall geschützt. Die
lange Ruhigstellung der Blase ermöglicht ferner der
Muskulatur, sich zu erholen und zurückzubilden. Durch
die zweizeitige Prostatektomie ist es gelungen, die
Operationsanzeige bis an die Grenze des Lebens auszu¬
dehnen, falls die Gefährdung des Lebens auf die Vergrößerung der
Prostata und ihre Folgeerscheinungen zurückgeführt werden kann.
Diese im wesentlichen auf die Prostatahypertrophie gemünzten
Betrachtungen gelten mutatis mutandis auch für das Carcinom
der Vorsteherdrüse. Kümmel kann seinen in der obigen
Arbeit vom Internationalen Kongreß in London berichteten ope¬
rierten Vorsteherdrüsenkrebsen einen zweizeitig Operierten, der
bei der Nachuntersuchung in vorzüglichem Allgemeinzustand ohne
Rezidiv befunden wurde, anroihen. Vorbedingung für dieße „Ekto-
mie M ist, daß das Carcinom noch auf die Prostata und den
der „Ektomie“ zugänglichen Teilen beschränkt ist; ist
das Carcinom über diese Grenze hinausgegegangen. so müssen
eingreifendere Operationen vorgenommen werden. Wo der Ver¬
dacht auf ein Carcinom nur im geringsten berechtigt er¬
scheint, soll man die Operation vorschlagen, für das Früh¬
stadium genügt die Prostatektomie; Nachbehandlung mit Röntgen-
licht, Radium oder Mesothorium ist empfehlenswert.
Es werden auch außer den Prostatektomien bei Vorsteher¬
drüsenkrebs alle andern therapeutischen Verfahren angewandt.
So hat H. G. Bugbee (New York) (11) auch bei malignen Fällen
von Prostatageschwulst durch Hochfrequenzströme schöne
symptomatische Erfolge erzielt, über die er Bpätere ausführliche
Mitteilungen in Aussicht stellt. So haben Pasteau und
Degrais (Paris) (12) die Einwirkung des Radiums bei 'litt*
Behandlung der bösartigen Vorsteherdrüsengeschwülsto
erprobt und berichten ausführlich über sechs Fälle, deren Be¬
handlung genügend lange fortgesetzt werden konnte. Die Art des
Heranbringens der Radiumröhrchen (durch Operation, durch Harn¬
röhrensonden, vom Mastdarm aus) ist wichtig. Die Einwirkungs¬
dauer (mehrere sechsmalige Serien von je drei Stunden Dauer)
bemerkenswert. Das Radium hat eine unzweifelhafte Ein¬
wirkung auf das Prostatacaroinom. Das Verfahren vermag
eine primär inoperable Prostata zu einem für eine Prostatektomie
geeigneten Objekt derart umzugestalten, sodaß die Operation ge¬
fahrlos vorgenommen werden kann. In andern Fällen erreicht
man mit der Radiumbehandlung ein Aufhören der Blutung find
zuweilen sogar völliges Verschwinden des Tumors und der Drüsen.
Literatur: 1. C. E. Nenber. Ueber Prostatacarcinose. (Zschr. f. urol Cbir
II., V., S. 405.) — 2. Hugh H. Young, Diagnose und Behandlung des’Früh-
stadiums maligner Erkrankungen der Prostata. (Zschr. f. urol. Chir. II.,
S. 436.) — 3. Andr6 Chalier, Cancer prostato peloien avec oedmne de la r&rion
femorale gauche. (Lyon medical 1914, S. 233.) — 4. Rüssel Howard, Verfahren
zur Abtragung des Prostatacarcinoms. (Lanc. 1913, Nr. 47ll, S 1690) —
5. P. L. Freyer, Krebs der Vorsteherdrüse. (Lanc. 1913, Nr. 4711 S 1680 ) —
6. Charles Greene Cumston, Einige Bemerkungen über das Sarkom’der Prostata
(Am. j. of Urology 9. November 1913, S. 509.) - 7. H. Kümmel, Die Diagnose
und Behandlung der bösartigen Prostataerkrankungon im Anfangsstadium
(Zschr f. urol. Chir. 1913, Bd. II, S 10 ) - 8. Schapiro, Ueber die Srllslhe
Behandlung des Prostatacarcinoms. (Zschr. f. urol. Chir. 1914, Bd II S 589) —
9. R. Proust, Uno modification de la technique de la prostatectomie perineale
dans les cas de cancor de la prostate. (J. d’UroIogie, Juli 1914 Bd VI S 61) —
10. Max Waldschmidt (Wildungen): Die Indikationen zur Prostatektomie (Zschr
f. urol. Chir. 1914 Bd. III, 1/2. Festschrift zur Feier des 25 jährigen Bestehens
des Eppendorfer Krankenhauses, S. 128.) — 11. H. G, Bugbee (New York!
Further obsorvatinns on tho uso of the high frotiuoocy spark for the relief of
prostata ohstrudions in solected cases (Med. Record, 14. Februar 1914.) —
12. 0. Pasteau et Degrais (Paris): De l’emploi du radium dans le traitement
des cancers de la probate. (J. d* Urologie, Marz 1913, Bd. IV.)
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UNiVERSUY OF IOWA
254
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9.
26. Februar.
Ans den neuesten Zeitschriften.
Berliner klinische Wochenschrift 1915, Nr. 7.
Hueppem (Dresden): Ueber Entstehung und Ausbreitung der
Kriegsseuchen. Das bloße Vorhandensein von Erkrankten oder Infi¬
zierten genügte'schon lange und auch jetzt noch nicht, um das Ent¬
stehen einer Seuche in ihren Gesetzmäßigkeiten zu begreifen. An die
sich ändernde Umwelt mußte eich nicht nur der Naturmensch, sondern
muß sich noch heute der Kulturmensch anpassen, und das ändert seine
Anlagen zu Krankheiten fort und fort. Die Abhängigkeit der Epidemien
von klimatischen Einflüssen, von Ort und Zeit kann nur von jemandem
bestritten werden, der Epidemien nie studiert hat. Gerade bei den großen
Seuchen erkennen wir sehr eindeutig ein specifisches Moment, welches
wir auch bei den säkularen Schwankungen der Krankheiten nicht außer
acht lassen dürfen. Infolge des langjährigen Herrsehens einer Seuche
werden die natürlich Immunen und die durch Erkrankung immunisierten
Menschen an einem Orte so in die Mehrzahl kommen, daß die von Fall
zu Fall weitergeschleppten Erreger keinen oder nur wenig Nährboden
finden. Auch auf diese Weise nehmen die Erkrankungen ab und die
Intensität der Epidemien schwankt von Jahr zu Jahr. Für die Kriegs¬
seuchen ist es wichtig, festzuhalten, daß die Ausbreitung der Krankheits¬
erreger in sehr verschiedener Weise stattfinden kann. Es gibt tatsäch¬
lich echte Bacillenträger, das heißt Gesunde, in denen die Krankheits¬
erreger sich als echte Wohnparasiten und genau so verhalten, wie dauernd
harmlose Darmsaprophyten. Ob aber die infizierten Gesunden als Ba¬
cillenträger, die Kranken oder die geheilten Kranken als Dauerausscheider
ihre Keime erfolgreich ausbreiten, das hängt davon ab, ob eine genügende
Anzahl allgemein oder specifisch widerstandsfähiger Menschen vorhanden
ist, ob nach Ort und Zeit wechselnd die Bedingungen für eine Häu¬
fung von Krankheitsanlagen gegeben sind. Bei den Kriegsseuchen wird
schon seit Jahrhunderten bemerkt, daß, während die andern Krankheiten
(Fleckfieber, Abdominaltyphus, Cholera, Wechselfieber) wechseln oder
vicariieren, Ruhr meist daneben auftritt. Dies dürfte sich wohl daraus
erklären, daß die Ruhr, gleichgültig welches ihre Erreger sind, im Dick-
darrne lokalisiert ist und nur selten höher geht, während die andern infek¬
tiösen Darmerkrankungeu verschiedener Art das gemeinsam haben, daß sie im
Dünndarme lokalisiert sind und nicht tief herabgehen. (Schluß folgt.)
Heile (Wiesbaden): Praktische Gesichtspunkte bei der Be¬
handlung des Tetanus. Die intramuskulären Injektionen von Magne-
siumsulfat schienen dem Verfasser nicht so erfolgreich zu sein; hierbei
fehlen auch die örtlichen Wirkungen auf das Centralmark; da man
außerdem bei intramuskulärer Injektion sehr große Mengen injizieren muß,
wenn möglich 20 g täglich und mehr, so sieht man sekundär kompli¬
zierende Herz- und Atmungsstörungen auftreten.
Hansemann (Berlin): Ueber die Callusbildung nach Knochen¬
verletzungen. Man hat es als ein allgemeines Gesetz hingestellt, daß die
Gefwsbe die Eigenschaft besitzen, bei der Heilung eines Defekts zunächst
immer über das notwendige Maß hinauszugehen. Weigert und später
Ribbert haben hieraus wiederum nicht nur oine besondere Lehre der
Gewebswucherungen entwickelt, sondern haben auch versucht, die Ge-
schwuistbildung ganz allgemein auf eine solche luxurierende Eigenschaft
der Gewebe zurückzuführen. Die Vorstellung, daß es keinen direkten
Wucherungsreiz gibt und daß die Zellen nur dann in Wucherung ge¬
raten, wenn ein Defekt oder, wie man auch sagte, eine Entspannung oder
eine Gleichgewichtsstörung der Gewebe eintritt, ist von den beiden ge¬
nannten Autoren zum Gesetz erhoben worden und geht historisch ganz
wesentlich auf die Erscheinungen des Knochencallus zurück.
Schmidt (Berlin): Der Kugelsuclier. Beschreibung eines Instru¬
ment?. zur Bestimmung von Punkten auf der Körperoberfläche, von
denen aus der Fremdkörper zu finden ist, und der Tiefenlage in bezug auf
diese Punkte. Bezüglich der Einzelheiten muß auf das Original verwiesen
werden.
Blumenthal: Anaphylaxie und intracutane Injektion. Es ge¬
lingt , durch die intracutane Präparierung beim Meerschweinchen speci-
fischo Ueberempfindlichkeit zu erzeugen, und zwar werden durch die
gleichzeitige Injektion von geringen Mengen von Gift wesentlich höhere |
Grade der Anaphylaxie erzielt als mit Serum allein. Durch intracutane j
Injektion tritt auch Antianaphylaxie auf, die bis zu einem gewissen Grad j
ebenfalls specifisch ist. Anaphylaktische Tiere geben nach intracutaner j
Vorbehandlung eine je nach dem Grad ihrer Sensibilisierung mehr oder j
weniger deutliche Hautreaktion, die bei hochauaphylaktischen Tieren j
specifisehe Ausschläge zeigt und sich daher zur Diagnose verwerten läßt, j
Brugsch und Wolffenstein (Berlin): Ueber die Einwirkung I
von Oxychlnolinderivaten auf den Parinstoffwechsel und ihre thera¬
peutische Verwendung. Die Untersuchungen der Verfasser ergaben, I
daß der Ortho-Oxychinolinsalicvlsäurcester das Prädikat eines wertvollen
(lichliuiitels verdient, daß die aimlgesierende Komponente diese# Mittel*
weiter seine Anwendung bei Gelenkrheumatismus, destruierenden Gelenk¬
prozessen und neuralgischen Beschwerden empfiehlt, und daß der Wir¬
kungsmechanismus auf den Purinstoffwechsel auf eine, die Harnsäurebil¬
dung im Körper hemmende Wirkung, also auf einen von der Atophan-
wirkung abweichenden Mechanismus zurückzuführen ist.
Kuznitzky (Breslau): Thorium X und Harnsäure. Bei einem
Kranken, welcher die äußerst selten zu beobachtende Erscheinung der
Einlagerung von Hamsäurekrystallen in die Hornhaut beider Augen bot,
wurden fünf Thorium-X-Injektionen intravenös zu je 1000 elektrosta¬
tischen Einheiten in etwa 10 ccm physiologischer Kochsalzlösung vor¬
genommen. Es hat sich aber weder kurz nachher noch später irgend¬
eine Veränderung im Sinn einer Abnahme der Einlagerung gezeigt. Es
kannalso von einer direkten Beeinflussung der Harnsäure durch Thorium X
in diesem Falle nicht gesprochen werden. Reckzeh (Berlin).
Deutsche medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. 7.
F. Umber (Charlottenburg-Westend): Karamose (Merck) für
Diabetiker und Kinder. Das Präparat ist ein Traubenzuckerkaramel
und enthält höchstens noch Spuren von Dextrose, ist also praktisch als
zuckerfrei zu betrachten. Karamoso wird in Form von Cremes, Ge¬
frorenem, Puddings oder Gebäck gegeben. Der Verfasser gibt von allen
| diesen Formen die Zusammensetzung an. Er betrachtet die Karamose
als eine wertvolle Bereicherung der Diätetik bei allen Formen von
Diabetes. Bei leichten und mittelschw’eren kann sie in Mengen von 50
bis 100 g pro die unbedenklich und mit calorischem Nutzen dargeboten
werden. Bei schweren Fällen muß stets erst geprüft werden, wie sie
im Einzelfalle vertragen wird. Zeigt sich dabei, daß sie nicht glykosurio-
steigernd wirkt, so kann die Karamose vorsichtig stickstoffarmen Hunger¬
oder Gemüsetagen in Tagesmengen von 100 g zugefügt werden. Die
Karamose hat sich auch bei lündern als mildes Laxans (in Mengen von
5 g der jedesmaligen Tee- oder Schleimportion zugesetzt) recht gut
bewährt.
A. Heffter (Berlin): Ueber die akute Vergiftung durch Benzol-
dumpf. Der Verfasser veröffentlicht ausführlich ein Obergutachten, das
er auf Ersuchen einer Versicherungsgesellschaft über einen durch Benzol¬
einatmung verursachten Todesfall erstattet hat. Er bespricht zunächst
die tatsächlichen Grundlagen zur Beurteilung des Falles, erörtert dann
die Zusammensetzung des Rohbenzols und weist auf den giftigen Be¬
standteil dieser Substanz hin. Darauf werden an der Hand von vier
Fällen die Wirkungen des Benzoldampfs auf den menschlichen Organismus
geschildert und weiter die Beobachtungen mitgeteilt, die man bei
der Sektion von Menschen gemacht hat, die durch Benzoleinatmung ge¬
storben sind. Schließlich wird die Frage aufgeworfen, ob im vorliegenden
Falle der Tod durch eine Vergiftung infolge der Einatmung von Beuzol-
dämpfen erfolgt ist. Diese Frage wird vom Verfasser bejaht,
E. Rumpf (Hamburg) und J. Zeissler (Altona): Ueber das Vor¬
kommen von Tnberkelbaciflen im Blute. Die so häufig im mensch¬
lichen Blutsediment unzutreffenden stäbchenförmigen, säurefesten Gebilde
sind nicht alles Tuberkelbacillen, geschweige denn lebende Tuberkel¬
bacillen. Aber fast regelmäßig sind bei einem gewüsseu Prozentsätze
tuberkuloseinfizierter Menschen bei sorgfältigen, größeren Versuchsreihen
auch virulente Tuberkclbacillen zu finden.
F. Untorberger jun. (Königsberg i. Pr.): Ueber Lungenschüsse,
Vortrag, gehalten im Verein für wissenschaftliche Heilkunde zu Königs¬
berg i. Pr. am 7. Dezember 1914.
Bing old (Nürnberg): Gasbacillensepsis. Au der Hand eines
Falles wird das Krankheitsbild geschildert, das dadurch zustande kommt,
daß der Erreger (Bacillus phleginones emphysematosae) den örtlichen
»Schutzwall des gesunden Gewebes dauernd überschreitet, daß er in die
abführenden Lymphbahnen gelangt und sich dort vermehrt. Denn er
siedelt sich vorzugsweise in den Lymphspalten und Lymphwegen an.
Von hier aus gelangt er in die Blutbahn und zu den einzelnen Organen
Im vorliegenden Falle kam es zu einem ganz eigenartigen Ikterus.
Dieser dürfte auf einen toxischen Blutkörperchenzerfall. auf eine direkte
Schädigung der roten Blutkörperchen („hämolytischer 14 Ikterus/ zurück-
Zufuhren sein.
Siegfried KamiDer und Antonio da Silva Mello (Berlin):
Erfahrungen bei der Untersuchung von Kriegsfreiwilligen. Die Ent¬
scheidung über die unbedingt Felddiensttuuglichen sowie über die voll¬
kommen Felddicnstuntauglichen ist nicht schwer. Größere Schwierig¬
keiten macht schon die Bescheinigung über die bedingt Tauglichen, daß
heißt die nur für bestimmte Waffengattungen Tauglichen, die i*rößto
Schwierigkeit aber macht die Entscheidung über zur Zeit der Musterung
bestehende ( iitnugliclikeit. wenn durch bessere körperliche Ausbildung
die I aiiglichkoit in absehbarer Zeit, also noch während des Kriegs, zu
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UNIVERS1TY OF IOWA
2ft. Feliniar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9.
2.V>
erholen ist. Pas (Jesamtresnltat von 1829 Untersuchungen Kriegs-
frm'illiirer ergab, daß 70 % der Gemusterten sofort für das Heer zu
remrten waren. 18% erst nach vorangegangener körperlicher Trainierung
und daß mir 12% vollkommen untauglich waren. Sehr häufig ließen
sich aocirientelle Herzgeräusche naehweisen. Deren wichtigstes Merkmal
ist, daß sie gewöhnlich am lautesten über dem zweiten Intercostal-
rauroe links und bei der Systole zu hören sind, aber nicht immer (häufig
auch ebenso laut und noch lauter an der Spitze hörbar). Das Wichtigste
für die Diagnose des accidentellen Herzgeräusches ist aber die Fest¬
stellung der Herzgröße. Bei «30 % der Tauglichen war ein Herzgeräusch
zu hören. Auch bei der Mehrzahl der Herzgeräusche der als noch un¬
tauglich Befundenen war dieses als accidentell zu bezeichnen und hatte
daher nicht die Untauglichkeit herbeigeführt. Man kann eben ein ge¬
sunder Mensch und ein guter Soldat sein, auch wenn man ein Herz-
gwaupeh hat,
Hübler (München): Ein Beitrag zur Händedesinfektion. Emp¬
fohlen wird fürs Feld die quecksilberhaltige Afridolseife. Ihre Reiz-
wirkung auf die Haut ist z. B. dem Seifenspiritus gegenüber gleich null,
da der eigentliche Seifenkörper zu 85 % aus gesättigten Fetten besteht,
denen 4% des schwach alkalisch reagierenden Afridols zugesetzt sind.
Den Schaum der Afridolseife verreibe man trocken so lange, bis er gänz¬
lich in die Haut eingednmgen ißt. Die Hand hat dann einen Ueberzug,
der vor Infektion schützt. Die Afridolseife kann im Notfälle auch zur
Desinfektion der Instrumente benutzt werden, da sie, im Gegensatz zum
Sublimat, das Quecksilber in nicht ionißierbarer Form enthält und daher
die Metalle nicht amalgamiert. Auch das Wundlaufen bei langen
München läßt sich durch Waschungen mit der reizlosen Afridolseife
prompt beheben.
Heddäus (Heidelberg): Ueber einen Handgriff zum Heben
Schwerkranker und Verwundeter. Der Handgriff besteht im wesent¬
lichen aus drei Phasen, die genau beschrieben werden. Er wird von
zwei Personen ausgeführfc. Wichtig ist das Aufrichten des Kranken.
Dies geschieht nicht mit der Kraft der Arme, wie es fast alle Hebenden
fälschlich tun, sondern mit der Rückenmuskulatur. Man stellt die
Knie ans Bett und richtet seinen Oberkörper auf bei gleichzeitigem
Laiuriasseu der Arme. Den Kopf kann sich der Patient sehr leicht
Bflber halten, indem er die Hände unter dem Kopfe faltet. Dadurch
wird eine Anstrengung der Bauchmuskeln ausgeschaltet.
J. Schumacher (Berlin): Der einfachste nnd schnellste Nach¬
weis ron Jod im Urin, Speichel und in andern Körperflüssigkeiten.
Er geschieht mittels Ammoniumpersulfats (vorrätig in Brettschneiders
Apotheke, Berlin N 24). Eine Tablette wird auf Filtrierpapier gelegt
und fünf bis sieben Tropfen der zu untersuchenden Flüssigkeit darauf
gebracht. Bei Jodanwesenheit wird das Papier tiefblau (bei geringem
.Jodgeh,alte mehr violett) gefärbt. Bei einigen Verbindungen, die das
Jod fest organisch gebunden enthalten, versagt die Methode ebenso wie
die andern Jodproben.
H. Strauss: Krlegsernährung und Krankendiät. Es ist auch
jetzt noch gestattet, 10% des Weizens als „Auszugsmehl“ auszumahlen.
Es gibt also noch weiterhin Weizenmehl, wenn auch in etwas gröberer
Efnii. jedoch zu erheblich höherem Preis. Allerdings -dürfen keine Ge-
L'ike liir den Handverkauf daraus hergestellt werden, aber es ist in
Privatküche und Krankenhausbetrieb für eine Reihe von Patienten die
•Möglichkeit gegeben, Suppen, Breie und Mehlspeisen in der bisherigen
" rise herzustellen.
0 Vulpius (Heidelberg): Anmerkung zu den „12 Geboten“
* on Professor Kitsch!» Vergleiche denselben Artikel des Verfassers in
der X KL“ Nr. 7. F. Bruck.
Jtünchner medizinische Wochenschrift 1915 1 Nr. 7.
F. Reiche (Hamburg-Bannbeck): Seltene Verlaufsformen und
ftnpukatloiieii der Plaut - Vincentschen Bachen- und Mund-
tttziBdangeii. Zwei äußerst schwere Fälle, von denen der eine tödlich
' n< ete ’ ausführlich geschildert. Sie stehen im Gegensatz zu der
> . ons ! ? era de durch Milde gekennzeichneten Plaut-Vincent sehen
Angina.
Jiiaii Bacigahpo (Buenos - Aires): Eine neue Behandlung»-
metfcodo der tnberknlösen Meningitis. Der Verfasser will zwei Fälle,
■ 1 eDeQ ( * or Bacilleunachweis im Liquor cerebrospinalis gelang, da-
'völlig geheilt haben, daß er im Verlaufe von 20 Tagen drei- be-
* ua r f vei * e zweimal Tuberkulin direkt in den Duralsack injizierte. Als
iih e em P^ e ^ s ‘ c h 1 mg Alttuberkulin, die aber auch ein wenig
sich? 0 !? wen * en ^ ann ( z - B. bei einem dreijährigen Kind). Aendern
ie Symptome nicht, so injiziere man nach Verlauf von 24 Stunden
mehr. Als Vehikel dient die Cerebrospinalflüssigkeit,
flda. 1 ar * ^ ennernatm (Londorf): Zur Behandlung der Spina hl-
n einem Falle wurde dreimal in Zwischenräumen von einer Woche
der Sack punktiert, die Flüssigkeit mit Pravazspritze völlig enth-ert
und jedesmal eine Spritze voll Jodlösung (Tinct. jodi, Alcohul. ahsol. aa)
injiziert. Acht Tage nach der dritten Einspritzung war die Geschwulst
völlig verschwunden; an deren Stelle befindet sich jetzt eine geschrumpfte,
harte und feste Hautdecke.
Hanauer (Frankfurt a. M.): Die Tolksernährnng Im Kriege.
Vortrag, gehalten im Frankfurter ärztlichen Verein am 16. November 1914.
Heinrich Wachtel: Der Schwebemarkenlokallsator, Ein ein¬
facher nnd exakter Fremdkörpersucher. Polemik gegen Fürstenau.
FeUtärztUche Beilage Air. 7. .
Lenzmann: Die Bedeutung und Behandlung der Geschlechts¬
krankheiten im Felde. Da die Syphilis möglichst frühzeitig und
gründlich zu behandeln ist, gehört der Syphilitiker ins Lazarett, und
zwar in ein Kriegslazarett, in dem die Ausführung aller erforderlichen
Maßnahmen möglich ist. Der Verfasser gibt zunächst nur Neosalvarsan
intravenös, später noch Hydrargyrum salicylioum intramuskulär. Diese
Behandlung der Syphilis im Feld ist zwar nichts Vollkommenes, aber
man kann in anderer Weise kaum Vorgehen, wenn man nicht etwa einen
Syphilitiker monatelang aus der Reihe der Kämpfenden entfernen oder
ihn gar von vornherein als felddienstunfähig erklären will. Das ist aber
nicht möglich, da die Zahl der syphilitisch Infizierten zu sehr anschwillt.
Von einer abortiven Behandlung der Gonorrhöe rät der Verfasser im
Felde ab. Er läßt aber jeden Gonorrhoiker Bettruhe bewahren. Injiziert
wird viermal täglich unter sanftem Druck und in geringer Menge Pro-
targollösung (0,2.5—0,5 :100). Innerlich Balsamica. Nach Zurückgehen
der eitrigen Sekretion Spülungen mit schwachen Lösungen von Kali
hvpermanganicum (1:2000) unter geringem Drucke. Später eventuell
Injektionen von Zinci sulfur., Plumb. acet. m 1,5:200,0. Unter dieser
Behandlung werden 90% der eingelieferten Gonorrhoiker nach vier bis
fünf Wochen entlassen werden können. Bei Ulcus molle sollte sofort
der Geschwürsgrund geätzt werden mit Acid. carbol. liquefact. (mit einem
Glasstab angedrückt). Ferner: Oeftere Waschungen mit 3%iger essig¬
saurer Tonerde. Dann Trockenbehandlung des Geschwürs.
A. Wolff-Eisner: Warum die Gruber-Wldalsche Probe nur*
zeit für die Typhusdiagnose unverwendbar Ist. Die überwiegende
Mehrzahl der Fälle, die eine ruhrartige Erkrankung durchgemacht
haben, zeigt eine hohe (bis 1:200) Agglutination mit Typhus und Para¬
typhus. Auf Grund einer positiven Grub er-Wi dal sehen Reaktiou darf
man daher beim Heere niemand als typhuskrank ansehen. Die Typhus¬
diagnose muß somit rein klinisch gestellt werden, was durchaus keine
so leichte Aufgabe ist. „Es bleibt den Truppenärzten nichts anderes übrig,
als jeden Fieberfall, wo die Fieberursache nicht eindeutig klar ist, an
geeignete Quarantänestationen zu überweisen.“ (1 Referent.) Zum Schlüsse
weist der Verfasser auf die bekannte Tatsache hin, daß sieh bei der jetzt
in weitem Umfange durchgeführten Typhusschutzimpfung nach -der
Immunitätslehre ein positiver Gruber-Widal ergeben kann, ohnfr'daß
der Schluß: Typhus gerechtfertigt sei.
H. Stieve (München): Beobachtungen bei der Typhusschatz-
Impfang mit dem Rasselschen Impfstoff. In keinem Falle zeigte sich
ein Schaden. Auszuschließen von der Impfung sind jedoch vor allem
auf Tuberkulose verdächtige, dann schwächliche und kränkliche Individuen
und wenn möglich Frauen während der Menstruation. In allen Fällen
zeigte das Blutserum der Geimpften die gleichen Eigenschaften wie das
von Leuten, die eine Typhuserkrankung überstanden hatten. In dieser
Fähigkeit des Blutserums, virulente Typhusbacillen in ihrem Wachstum
zu behindern, liegt sicher ein gut Teil der durch die Impfung erzeugten
Schutzwirkung.
Piorkowski (Berlin): Znr Prophylaxe gegen Tetanus. Da für
die Therapie .außerordentlich höbe Serumeinheiten des Tetanusserums
in Anwendung kommen müssen und sich daher schon jetzt ein Mangel an
Tetanusserum bemerkbar macht, muß ein billiger Ersatz geschaffen
werden. Einen solchen will der Verfasser gefunden haben in einem
neuen Präparat, dessen Herstellung er beschreibt. Er empfiehlt dieses
zur Prophylaxe gegen Tetanus auf Grund von Versuchen an Mäusen.
Das Präparat stellt ein gut transportables Pulver dar, das im Felde jeder
Soldat in kleiner Menge bei sich führen und auf jede mit Erde be¬
schmutzte, mit zerrissenen Rändern versehene Wunde sofort auf¬
streuen könnte.
G. Hotz (Freiburg i. B.): Znr chirurgischen Behandlung der
Aneurysmen. Empfohlen wird die Exstirpation geeigneter Aneurysmen
mit Resektion des verletzten Arterienabschnitts. Danach: circulärc
Gefäßnaht im Gesunden oder Venenimplantation in den Defekt. Dadurch
besteht die Möglichkeit, die natürliche Blutcirculation dauernd in voll¬
kommener Weise wieder herzustellen, sodaß ein vorher in der Peripherie
nicht fühlbarer Puls dauernd wiederkehrt.
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UNIVERSUM OF IOWA
256
28. Februar.
1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9.
Harrass (Konstanz): Zur operativen Behandlung traumatischer
Aneurysmen. Der Verfasser hat drei Aneuiysmen, die dem Gebiete der
Schenkelgefäßo angehörten, durch Operation zu schneller Heilung ge¬
bracht ohne irgendwelche Circulationsstörungen, sodaß wieder Dien.st-
fähigkeit eintrat. Um dies Ziel zu erreichen, empfiehlt er ein Operations¬
verfahren, das er an einem Fall eingehend beschreibt. Er weist dann
noch darauf bin, wie leicht solche Aneurysmen übersehen werden, und
rät daher, wenn es sich um für das Auge gut geheilte Schußwunden in
der Nähe großer Gefäße handelt, den tastenden Finger aufzulegen:
das scharfe Schwirren kann der Wahrnehmung nicht entgehen.
Joh. Weichsel (Leipzig): Ein Fall von Varix aneurysmaticus.
Es handelt sich um eine Gefäßverletzung am Oberarme durch Schuß, wo¬
bei Arteria und Vena bracliialis getroffen und miteinander an einer
Stelle in dauernde Kommunikation versetzt wurden. Die Einschußöffnung
findet sich in der Achselhöhle. Setzt man das Hörrohr hier dicht unter
der Einschußöffnung an, so hört mau ein lautes continuierliches Geräusch,
das in der Systole stärker wird (Wirbel- oder Muschelgeräusch). Der
aufgelegte Finger fühlt dasidbst ein deutliches Schwirren. Geräusch und
Schwirren lassen sich, allmählich schwächer werdend, bis zur Ellbeuge
verfolgen. Der Patient klagt dauernd über leichte Ermüdung des Armes
sowie über ein Gefühl des Ameisenlaufens und Taubseins in der Hand.
Diese Parästhesien hängen mit geringen Circulationsstörungen zu¬
sammen.
H. Flörcken (Paderborn): Unsere operative Tätigkeit im Feld¬
lazarett. Das Feldlazarett, in dem der Verfasser tätig war. war bereits
zwei Monate an demselben Ort etabliert. Es bestand deshalb trotz eines
regelmäßigen Abtransports der Verwundeten ins Kriegslazarett die Mög¬
lichkeit, wenigstens die Schwerverwundeten längere Zeit zu behandeln,
Fällen, bei denen der Transport eventuell einen ungünstigen Einfluß aus¬
übt, die Wohltat einer längeren klinischen Behandlung angedeihen zu
lassen und auch Operationen auszuführen, die soust dem Kriegslazarett
überlassen bleiben müssen. Daher berichtet der Verfasser über eine
große Zahl sehr schwerer Verletzungen, die vielfach zum Tode führten,
wobei das Morphium als einziges Mittel in seine Rechte trat.
E. Grünert (Dresden): Zur Behandlung der Kriegsphlegmone
mit Peruhaisam. — Ueber Gipsverbände und die konservativen Be¬
strebungen in der Krlegschirnrgie. Der Verfasser stellt fest, daß
secernierende Wunden durch Eingießen von reinem unverdünnten Peru-
balsam günstig beeinflußt worden seien. Er berichtet aber über vier
Fälle, wo der Perubalsam zu mehr oder weniger stärkerer Nachblutung
geführt hatte. Außerdem konnte er eine kleine Anzahl von Fällen beob¬
achten, wo nach der Behandlung mit diesem Mittel Nachblutungen
mäßigeren Grads aufgetreten waren. Demgegenüber steht aber eine
bedeutend größere Zahl, wo sich bei derselben Therapie dieses Ereignis
nicht eingestellt hatte.
Oskar Weske: Praktische Erfahrungen mit der Fttrstenan-
schen Lokalisationsmethode von Geschossen. Nach einem am 10. De-
zemneg 1914 in der Berliner Röntgen Vereinigung gehaltenen Vortrage.
F. Bruck.
Wiener klinische Wochenschrift 1915 , Nr. 5.
0. Marburg und E. Ranzi: Ueber RttckenmarkschÜsse. Die
bisläng geltende Anschauung bei Rückenmarkverletzungen ist, daß bei
totalen Querläsioiien die Operation kaum etwas nützen wird, während
leichtere Fälle nach wenigen Wochen sich spontan zurückbilden. Hier
wird gezeigt, daß man vier bis fünf Wochen zuwarten, dann aber die
Laminektoraie ausführen soll. Nur schwerer Decubitus oder schwere
Infektionen der Harnwege sind eine Kontraindikation der Operation.
R, Volk und G. Stiefler: Ueber Erfrierungen. Sehr sorg¬
fältige. interessante Beobachtungen aus Przemvsl, die infolge der znnnnte-
langen Absperrung der Festung vom Anfang der Erkrankung bis zu
Ende durchgeführt werden konnten. Nicht so sehr die trockene Kälte als
vielmehr die anhaltende Durchnässung bewirkte die Erfrierung; der
Mangel an Bewegung, das Liegen mit herabhiingenden Beinen in den
Erdlöchern sind unterstützende Momente. Auf Entstellung während des
Marsches sind nur drei Fälle von Erfrierung der Füße zurückzuführen
gewesen, wobei das oft stundenlange Stehen in den durchnäßten Schuhen
wohl die eigentliche Ursache bildete. In den weitaus überwiegenden
Fällen waren die Füße allein erfroren. Durch Nekrose der Weichteile
und Knochen kommt es oft zu spontanen Enucleationeu und Am¬
putationen; auch eine Arrosion von Gefäßen kann erfolgen, weshalb Vor¬
sicht beim Verbandwechsel erforderlich ist. Die gewöhnlichen Begleiter
der Erfrierungen sind Ahse esse und Phlegmonen, infizierte Mincmrünge
und Tasehonbildungen. Seitens des Nervensystems kommen neben sehr
heftigen Schmerzen (Erkältungsneuralgie) Parästhesien und Anästhesien
zur Beobachtung, die mich nach leichten Erfrierungen sich sehr langsam
zuröckhihlen. Prognostisch sind die Fälle mit Anästhesie, Fieber und
starker Ilautschwellung wegen der Gefahr schwerster Nekrosen besonders
ungünstig zu beurteilen. Eine gründliche Belehrung des Soldaten zum
Zwecke des Selbstschutzes (Kleidung, Bewegung. Massage) wird manches
Unglück verhüten können.
E. Garaper: Schuß Verletzung der Cauda equlna. Ano-vesicale
Lähmung und reithosenförmige SensibUitätsstörung. Die günstigsten
Bedingungen für eine Operation sind zu Beginn gegeben, bevor es zur
Narbenbildimg, zur Verwachsung der Wurzelstümpfe mit den Meningen,
mit Knochensplittern usw. gekommen ist.
H. Fischer: Ueber Fieberreaktionen, hervorgerafen durch
filtrierbares Virus. Wie Injektionen von Blut Flecktyphus- oder Gelb¬
fieberkranker bei Affen und Meerschweinchen Fieberreaktionen ohne
sonstige charakteristische Krankheitserscheinungen zu erzeugen imstande
sind, so gelang cs dem Autor auch mit dem Virus der Maid- imd Klauen¬
seuche, mit Vaccine, mit Lyssa- und Hühnerpestvirusinjektionen bei
empfänglichen wie auch bei unempfänglichen Tieren (Kaninchen gegen
Hühnerpest!) specifische Fieberreaktionen auszulösen.
Biedl, Eggerth, Paltauf: Zur Yaccinetherapie des Typhus
abdominalis. Günstige Erfahrungen mit den intravenösen Injektionen
der Besredkaschen Typhusvaccine. Paltauf hält indessen bei dieser
Behandlung eine gewisse Vorsicht für geboten, weil Temperaturstürze
mit Kollapsorscheinungcn zur Beobachtung gekommen sind; sie sollte
nur in gut eingerichteten Spitälern vorgenommen werden. Misch.
Therapeutische Monatshefte 1915 , Heß 1,
0. Heubner: Kriegsmedizinische Erinnerungen. Heubner hat
während des deutsch-französischen Krieges 1870/71 im Reserveluzarett in
Leipzig ca. (>50 Kranke behandelt. Davon hatte etwa der vierte Teil Ruhr
oder Unterleibstyphus. Die Ruhrkranken wurden damals in allen Stadien
vorwiegend mit Abführmitteln, in vielen Fällen sogar mit Ricinusöl be¬
handelt. Stopfmittel waren verpönt, nur gegen den Stuhldrang wurden
Tanniuzäpfchen verwendet. In der Ernährung war man nicht sehr vor¬
sichtig und gab frühzeitig Fleisch, Eierspeisen und trockenes Gemüse. Die
Behandlung der Typhuskranken wurde im allgemeinen nach den Prinzipien
der Kaltwasserbehandlung geleitet Auf frühzeitige, ausreichende Er¬
nährung wurde großer Wert gelegt. Von andern Erkrankungen waren
besonders interessant einige Fälle äußerster Erschöpfung mit schwerer
lübmungsartiger Beteiligung und Schmerzhaftigkeit der Gesamtmuskulatur
(Jollys Myasthenie). Sie betrafen Krieger, welche besonderen An¬
strengungen ausgesetzt waren. Sehr viele Kranke wurden mit der Diagnose
„Brustkrankheit”, „Leberkrankheit”, „Magenkrankheit 1 * eingeliefert, ohne
daß sich außer einer Druckempfindlichkeit bestimmter Körperstellen etwas
nachweisen ließ. Heubner hält solche Schmerzen für traumatischer
Natur, durch Druck des Turnisterriemcns oder der Koppel hervor-
gerufen.
H. Klose (Frankfurt a. M ): Ueber Thymusoperationen und deren
Folgen für den Organismus. Die Thymus wächst bis zur Pubertät und
verfällt erst dann der physiologischen Involution. Ihre Funktion, welche
dementsprechend weit über die Kindheit hinaus von Bedeutung ist, ent¬
spricht ihrem anafomischen Aufbau als lymphoepitheliales Organ; an das
wesentlich aus Epithelion bestehende Mark ist die specifische innensekreto¬
rische Funktion der Thymus gebunden, während die aus Lvinphocyteu be¬
stehende Rinde die allen lymphocytären Elementen gleiche Wirkung entfaltet.
Experimentelle Forschungen über die Physiologie der Thymus liegen nur
spärlich vor. Der durch Thvmektowie bei Tieren erzeugte rhachitisähn-
liche Zustand mit Intelligenzverfall und Steigerung der elektrischen Er¬
regbarkeit der peripheren Nerven und motorischen Riudenfelder erlaubt
nicht ohne weiteres Rückschlüsse auf die menschliche Pathologie.
In dieser spielen die mechanischen Störungen einer zu großen
Thymusdrüse die Hauptrolle. Eine solche. Hyperplasie, welche stets mit
Konstitutionsanomalien (pastöser Habitus, Hyperplasie aller lympho¬
cytären Gewebe und der Milz, lymphoeytäres Blutbild) einhergeht,
wirkt raumbeengend im oberen Mediastinum. Unter verschiedenen Ein¬
flüssen kann die hyperplastisehe Thymus akut anschwcllen und Druck¬
wirkungen äußern. Am häufigsten ist die Kompression der Trachea
(Tracheostenosis thymica), und zwar entweder in der oberen Brustapertur
oder an der Kreuzung mit der Arteria anonyma. Das Krankheitsbild
besteht entweder in chronischer Dyspnoe mit Cyan ose oder in akut ein¬
setzenden Erstickungsanfällen, denen aber stets ein chronisches Vorboten¬
stadium vorausgeht. Die klinische Diagnose ist aus dem Palpationsbefund
(cxspiratorisch deutlichere, weiche Geschwulst im Jugulum) und dem
Röntgenbilde (Verbreiterung des Medialschattens nach links) zu stellen.
Nur bei der mit akuten Anfällen einhergehenden Form ist ein chirurgi¬
sches Einschreiten indiziert: es wird entweder die iutra- oder subkapsu*
läre Exeision (Nnnnalvcrfahron) oder die intrnknpsuläre Enucleation eines
ganzen Lappens ausgeführt, gegebenenfalls mit Thymopexie oder mit Ke-
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28. Februar.
1013 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9.
257
u?
Sektion des Manubrium sterni. Thymogeue Kompression des Oesophagus
tritt nur bei gleichzeitiger Trachealkompression auf, thymogener Druck
auf die großen Gefiiße und die Vorhöfe ist selten, schwer zu diagnosti¬
zieren und prognostisch ungünstig. Thymusb 1 utungen beim Neuge¬
borenen als Geburtstrauma erfordern ein sofortiges chirurgisches Ein¬
greifen. Gerichtsärztlich wichtig ist ihre Unterscheidung von asphvkti-
schen Blutungen, welche sich meist in geringer Zahl und nur in der
Thymuskapsel vorfinden. Metastatische Tliymusabscesse treten
nach akuten Infektionskrankheiten, auch nach Nabeleitorungen auf. Sie
sind prognostisch sehr ungünstig, auch bei operativem Vorgehen, weil
sie meist in den unteren Drüsenpartien lokalisiert sind und schnell nach
Perikard oder Trachea durchbrechen. Die gleichzeitige Vergröße¬
rung der Thymus und der Schilddrüse ist nicht selten. Besonderes
klinisches Interesse beansprucht die Kombination von Thymus-
hyperplasie mit Morbus Basedowii, weil derartige Kranke unter
der Wirkung zweier ähnlicher Gifte stehen. Der Anteil, welchen die
Hyperfunktion der Thymus an der Basedowschen Krankheit nimmt,
laßt sich aus der Höhe der absoluten Blutlymphocytose, besonders bei
geringer Schilddrüsen Vergrößerung und schweren Herzerscheinungen ab-
sch&tzen. Die Symptome der Myasthenie, der Vagotonie, ferner die
Abderhaldensche Reaktion geben zurzeit noch keine differential¬
diagnostisch brauchbaren Resultate. Die Operationserfolge der Schild¬
drüsen- und Thymusexcision bei Basedow’scher Krankheit sind im allge¬
meinen günstig. Echte Thymustumoren sind selten: sie verursachen
neben den für alle Mediastinaltumoren charakteristischen Symptomen
gelegentlich Myasthenie und auch Basedow Symptome.
C. v. Noorden (Frankfurt a. M.): Ueber Fettleibigkeit und ihre
Bdusdlnng. v. Noorden unterscheidet eine exogene (Maßfettsucht) und
eine endogene (konstitutionelle, thyreogene) Form der Fettsucht. Die j
erstere entsteht durch übermäßige Nahrungsaufnahme (Ueberfütterungs-
fettsucht) oder durch mangelnde Muskelbewegung (Faulheitsfettsucht) oder |
durch Kombination beider Faktoren. Die letztere ist entweder primär !
thyreogen, das heißt durch teils angeborene, teils erworbene Veränderungen
der Schilddrüse, wie Atrophie, Degeneration, funktionelle Schwäche, her- '
vorgemfen. oder sekundär thyreogen, indem die Hypofunktion der Schild- I
drüse von andern endokrinen Organen ausgelöst wird, z. B. vom Pankreas 1
(praktisch bedeutungslos) oder von den Keimdrüsen durch Ausfall der j
sogenannten Zwischensubst&nz (eunuchoider Typ der Fettsucht) oder von
der Hypophyse (Degeueratio adiposo-genitalis oder hypophysäre Fettsucht,
Typus Fröhlich oder vielleicht auch von der Glandula pinealis oder von
der Thymus. Kombinationen exogener und endogener Fettsucht sind :
häufig, besonders bei jugendlichen Personen. Therapeutisch ist die exo- I
gene Fettsucht durch diätetische Maßnahmen zu bekämpfen; zur Heilung |
der endogenen Fettsucht ist die Schilddrüsentherapie das souveräne j
Mittel welches bei sachgemäßer Verwendung (geringe Diätbeschränkung,
ausreichende Eiweißzuftihr, gleichzeitige Digitalisierung) keine Gefahren
bietet. Bergonies Entfettungsmaschine und Leptvnolinjektionen sind Ver¬
fahren von beschränktem Werte.
P. Ehrlich und H. Sachs (Frankfurt a. M.): Impfstoffe und
Heilsera. Zusammenfassende Uebersicht über die Anwendung und den
Mert (Schutzkraft und Heilwert) der Impfstoffe bei folgenden Erkran¬
kungen: Pocken, Typhus, Cholera, Diphtherie, Tetanus, Dysenterie, Pest,
•Mreptokokkeninfektionen und Pneumokokkeninfektionen. Die Gefahren der
>erurnkrankheit sind gering, die Gefahren der Anaphylaxie bei Re¬
sektionen lassen sich durch tropfenweise Injektion (Friedberger und
Mita) oder durch Vorinjektion einer minimalen Serummenge (Besredka)
mildern.
Schenderowi tsch (Bern): Die BehandlnngderGono-Blennorrhoe
der Neugeborenen nnd Erwachsenen an der Berner Universitiits«
Angenkllnlk. Seit 1907 wurde in der Siegristschen Klinik in Bern
dü' hono-Blennorrhoe der Neugeborenen nicht mehr mit Argentum nitri-
Cüra ' s °adern entweder mit Kollargol (3%ige Lösung zunächst stündlich,
■"pater alle zwei bis drei Stunden) oder mit Syrgol (5%ige Lösung in
jh-rselben Weise angewendet) behandelt. Beide Behandlungsmethoden
liefern nicht nur bei unkomplizierten Fällen, sondern auch bei schweren
lomhautkomplikationen vorzügliche Resultate, Kollargol hat den Nach- j
t( d der Schwarzfärbung von Exsudat und Verbandmaterial, Syrgol führt I
gelegentlich zu Magendarmstörimg. Ueher Sophoibehandlung liegen noch
lu fbt genügende Erfahrungen vor, um zu einem abschließenden Urteil zu
gelangen. Pringsheim (Breslau).
Zentralblatt für innere Medizin 1915, Nr. 7.
Arnheim: lieber die Behandlung subjektiver Ohrgeräusche.
berichtet über günstige Beeinflussungen von dauerndem Ohren-
[ : ' 1 , n - s ! n Otosklerose und Fällen ohne Befund durch monatelange inner-
I - larr '<’riin-r von Otosklerol (Cimicifugin, Brom, Phosphor.) K Hg.
Zentralblatt für Chirurgie 1915, Nr . 7.
B. Heile: Zur Technik der Appendektomie. An der Wurzel
des vom Mesenteriolum gelösten Wurmfortsatzes werden zwei eine Falte
fassende Haltezügel in die Längstänie des Kolon gelegt. Um eine voll¬
ständige Invagination des Amputationsstumpfes zu erzielen, wird central
von einer senkrecht zu den Haltezügeln angelegten Klemme durchtrennt.
K. Bg.
Zentralblatt für Gynäkologie 1915 , Nr. 5 bis 7.
Nr. 5. A s c h h e i in: Ueber den Glykogengehalt der Uternsschleim-
haut. Aschheim hat dieUterusssehleimhaut bei Ausschabungen und Total-
exstirpationen auf Glykogen mittels der Jodfärbung und der Bestschen
Kaliumkarmiufärbung untersucht. In der Uterusschleiinlmut der ge-
schlechtsreifeu Frau ist die zeitweise Ablagerung von Glykogen
ein physiologischer, an die Menstruation gebundener Vorgang. Gly¬
kogen fehlt postmenstruell und in der ersten Hälfte des Intervalls. In
den letzten Tagen des Intervalls tritt mit dem Einsetzen der Sehleim¬
sekretion Glykogen in den Drüsenzellcn der Schleimhaut auf, ferner
auch in den Stromazellen und den oberflächlichen Muskelschichteii. In
der Menstruation wird es ausgestoßen, bei Eintritt der Schwangerschaft
nimmt seine Bildung zu. Das Glykogen ist aufzufassen als Nährstoff
für das junge Ei und seine Ablagerung als Vorbereitung der Schloim-
haut zur Aufnahme des Eies.
Nr. 6. A. G i e s c c k e: Ueber die Muskel bindege websgeschwttlste der
Taginalwaud. Ausführliche Literatur und Mitteilung eines dieser seltenen
Geschwülste aus der Kieler Frauenklinik. Differentialdiagnostisch kommt
die Cystoeele in Frage, sowie auf Scheidcnprolaps auch die Beschwerden
der Patienten zunächst hinweisen. Doch gibt meist schon die scharf al>-
gegvenzte und derbe Geschwulst der Scheidenwand bei der Untersuchung
die Diagnose, wobei aber wegen der Möglichkeit larkomatöser Entartung
die Exstirpation und mikroskopische Prüfung zu fordern ist.
Nr. 7. E. Melchior: Zur Symptomatologie der sabentanen Kli-
torlsrapturen. Faustgroße, prall gespannte Geschwuilst von unversehrten,
aber blutig verfärbten Hautdecken umgrenzt rechts oberhalb der Symphyse,
aber ohne Beziehungen zu den inguinalen Bruchpforten. Bei der Operation
zeigt sich, daß das abgekapselte Hämatom unterhalb der Schambein¬
fuge mit dem eingerissenen Schwellkörper der Klitoris zusammenhängt.
Dazu paßt die Angabe der Kranken, daß sie mit der vorderen Becken¬
gegend auf einen Stein aufgeschlagen sei. K. Bg.
Zentralblatt für Herz - und Gefäßkrankheiten 1915 , Nr. L
R. van den Velden: Feldärztllcke Herzfragen. Gefährdet sind
die jungen Leute mit schlecht entwickeltem Herz und Gefäßen, was sich
röntgenologisch nicht selten mit dem „Tropfenherzen“ deckt, ferner die
älteren Leute mit emphysematosen Beschwerden (rechtes Herz) und
Atherosklerose und latenten Nierenkrankheiten (Imkos Herz) und’ mit
Myodegenerationen nach Infekten. Beim Versagen des Kreislaufs wird
geklagt über Erregung und Schwäche, Herzklopfen, Atemnot, Schwindel,
oft ohne faßbaren Befund. Leute mit früherer Neigung zu Verstim¬
mungen fühlen sich im Feld oft besser. Bei den akuten Infektionen von
Kriegsteilnehmern sind häufiger Herzmittel angezeigt.
J. G. Mönckeberg: Ueber die Atherosklerose der Kom¬
battanten (nach Obduktionsbefunden). Bei 53 Männern im Alter von
20 bis 30 Jahren wurde 23 mal = 43%, bei zwölf Männern von 31 bis
43 Jahren sechsmal = 50 % Atherosklerose an Aorta und Coronararterieu
gefunden: streifige und fleckige, weißliche und gelbliche, leicht
prominente Verdickungen an der Innenfläche, namentlich im An¬
rangsteil der Aorta oberhalb der Klappen und im Stamm und besonders
im absteigenden Ast der linken Kranzarterie. Also 9 /ao der jüngereii
Männer Atherosklerose an Aorta oder Kranzarterien. Beziehungen
zwischen Beruf und Gefäßveränderungcn bestanden nicht; dagegen in
20 Fällen (69%) Veränderungen als Folgen früherer Infektionen
(Endokarditis, Tuberkulose, Lues, Pleuraadhäsionen, Appendicitis). Aber
anderseits fanden sich derartige Zeichen häufig auch bei Leuten oliueAthero-
sklerose. Es muß demnach noch etwas anderes bei der Erzeugung von
Gefäßveränderungen hinzukommen. Ueberraschend ist jedenfalls bei
diesen Untersuchungen das ziemlich häufige Vorkommen beginnender
Atheroskler o se.
R. van den Velden: Rechtsseitige Kardioiyse. Bei 46 jährigem
Manne entwickelte sich nach rückfälliger rechtsseitiger Rippenfellentzün¬
dung Schwartenbildung und Schrumpfung mit Einziehung von
Mittel feil, Herz und Zwerchfell, Stauungsleber und Albuminurie.
Resektion der vierten bis siebenten Rippe vom SternaJarisatze bis
Rippenwinkel. Nach Versteifung der Deckungsfläche durch Narbengewebe
verlor sich die anfänglich nach der Operation bestehende Ateiubowog-
lichkeit des Herzens; trotzdem erhebliche Besserung der Leistungsfähig-
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UNiVERSUY OF IOWA
28. Februar.
258
1915 — MEDIZINISCHE KLINIIv — Nr. 9.
keit des Kranken und Beseitigung der Stauungen. Van den Velden
nimmt an, daß es sich um Blutstauungen an der Einmiindungs-
»telle der Vena cava inf. durch die narbigen Verwachsungen ge¬
handelt habe, die durch die Resektion beseitigt wurden. K. Bg.
Monatsschrift für Kinderheilkunde 1914 , Bd. 13 , Nr. 6.
K. Tergast: Zwei Fälle von Verblödung im späteren Säuglings¬
alter mit voriib ergehenden Halbs ei tenerscheinnngen (Apraxie
einer Hand). Beitrag zu einem umgrenzten, der Gruppe der Hirn¬
sklerosen zugehörigen Krank eitsbild an der Hand eines von Göppert
bis zum Ende verfolgten und eines jüngeren Falles. Um die Wende des
ersten Lebensjahres treten aus voller Gesundheit Symptome (entzünd¬
licher) Himreizung auf, Krämpfe, kurze Anfälle tonischer Art, bald Ab¬
wesenheit, Schläfrigkeit, bald Unruhe, Hirndruckerhöhung. Nach Wochen
bleibt eine cerebrale Halbseitenläsion, endlich noch eine ausgesprochen
psychische Lähmung (Apraxie) einer Hand zurück. Parallel mit der Re¬
paration der Lähmungen geht ein fortschreitender psychischer Verfall,
endet im einen Falle mit Verblödung, im andern ist gleiches Schicksal
aus dem Verlaufe vorauszusehen. Lues kann ätiologisch ausgeschlossen
werden. Anatomische Befunde fehlen noch zur Aufklärung der Pathologie.
F. Erbsen: Ein Fall von traumatisch entstandener Baibär«
paralyse im fünften Lebensjahre. Mitteilung eines Falles mit Sym¬
ptomen der Bulbärparalyse, Arm- und Beinparesen, erhöhtem Liquordrucke,
der innerhalb von acht Wochen letal endete und unter Ausschluß der
Annahme einer epidiphtherischen Bulbärlähmung und seltener Symptumen-
bilder bei spinaler Kinderlähmung auf eine traumatische Blutung der
Bulbusgegend zurückzuführen ist. Auch zu Lues steht das Auftreten
der Blutung ätiologisch nicht in Beziehung (negativer Wassermann).
E. Koch: Die Entstehung des dritten Stadiums der Rhinitis
luetica neonatorum. Auf Grund pathologisch-anatomischer Unter¬
suchung und klinischer Beobachtung weist die Verfasserin darauf hin,
daß bei luetischer Rhinitis, häufiger unter Grippeinlektion, ein plötzlicher
Uebergang aus dem ersten hyperplastischen Stadium in die schweren
eitrigen und ulcerösen Stadien stattfindet, wobei die ausgedehnten
Epitheldefekte eine Eingangspforte für Sepsis bilden. Da neben chroni¬
schem Verlauf und Uebergang dieser akute Verlauf nicht ganz selten
ist, befürwortet Verfasserin sorgfältige specifische Frühbehandlung und
Prophylaxe der Sekundärinfektionen.
H. Gebhardt: Der elektrische Nachweis der Spasmophllie bei
den Fällen von sogenannten Initialkrämpfen älterer Kinder. Die
interessanten Fragen, ob’die häufigen initialen Krämpfe bei fieberhaften
Erkrankungen der Kinder jenseits der Säuglingszeit auf latenter Spasmo-
philie beruhen und ob auch für dieses Alter bei der elektrischen Prü¬
fung die Standardwerte von Thiemich-Mann Geltung haben, werden
nach klinischen Untersuchungen bejahend beantwortet. Die erhöhte elek¬
trische Erregbarkeit besteht nachweisbar, klingt dann — ohne Therapie
— in wenigen Tagen ab; einmal war auch das Facialisphänomen nachzu¬
weisen. Die alsbald eintretenden Werte der normalen elektrischen Erreg¬
barkeit entsprechen den für den gesunden Säugling geltenden Werten.
L. Frank und E. Schloß: Die Nachhaltigkeit der Kalk-Leber¬
trantherapie bei der Rachitis auf Grund weiterer Stoffwechselver¬
suche. Anschließend an frühere Mitteilungen (1918/14), aus denen die
günstige Wirkung kombinierter Darreichung von Lebertran und Kalk¬
phosphorpräparaten bei Rachitis hervorging, berichten die Verfasser über
eine Serie von vier Stoffwcchselversuchen bei Kindern in verschiedenen
Stadien rachitischer Erkrankung, denen Tricalciumphosphat und Leber¬
tran gleichzeitig gegeben wurde. Das Resultat dieser ausführlichen
Versuchsreihen ist auch hier eine deutliche Verbesserung der Kalk- und
Pho.sphorbilanzen, die auch bei längerem Gebrauche der Medikation be¬
stehen bleibt, in dem Maße, daß auch nach Aussetzen in der Nachperiode
die Bilanz noch besser als in der Vorperiode bleibt.
E. Schloß: Zur Behandlung der Spasmophllie mit Lebertran
und Tricalciumphosphat. Analog der in der vorigen Arbeit gemachten
Erfahrung wurde Lebertran (10 g pro die) mit Tricalciumphosphat (i g
pro die) in vier Fällen bei Spasraophilie kombiniert gegebeu. Sowohl
die klinischen Erscheinungen wie die elektrische Uebererregbarkeit wurden
in kurzer Zeit völlig und dauernd beeinflußt. Usener.
Hvzienische Rundschau 1915, Nr . l,
T. A. Venema: Ueber die Differentialdiagnostik bei einigen
Baclilen der Typhus-, Paratyphus- usw. Gruppe mittels der Agglu¬
tination. Die Differenzierung der Typhus-, Paratyphus A-, Enteritidis-
bacillen sowie der Gruppe der Paratyphus B-Bacillen (Mäusetyphus- und
Schweinepestbacillen) mittels agglutinierender Sera gelingt in einwand¬
freier Weise. Die Mitagglutination ist so gering, daß sic diagnostische
Schwierigkeiten nicht, bereiten kann. K. Al.
Bücherbegprechimgen.
H. Henning, Der Traum ein assoziativer Kurzschluß. Mit ö Fi¬
guren im Text. Wiesbaden 1914, J. F. Bergmann. 66 S. M 1,80.
Der Verfasser sucht die mannigfachen Seiten des Traumlebens (der
Reizträume und Vorstellimgsträume) im Licht einer gesunden Psychologie
zu betrachten, die sich mit Geschick gegen die Entstellungen und Trug¬
schlüsse Freuds wehrt. Nach Musterung der typischen Traumformen
kommt Henning auf Grund eigner Untersuchungen (mittels Doppel¬
assoziationen) zu dem Resultat, daß sich eine sexuelle Symbolisierung
verbietet. Eine Wunscherfüllung ist in den lustbetonten Träumen (= 75%)
nicht nachweisbar. Von Robert wird der Traum als Notwendigkeit
erklärt. Die unfertigen Eindrücke des Tags werden im Traum erledigt,
der Traum ist ein „körperlicher Ausscheidungsprozeß, der in seiner
geistigen Reaktionserscheinung zum Erkennen gelangt“. Ergänzt wird
diese Lehre durch Hennings assoziativen Kurzschlußmechanismus, der
die Ladung unfertiger, in Bereitschaft liegender Vorstellungen beseitigt.
So werden wenigstens keine Anforderungen an die Gehirnmechanik ge¬
stellt, die nicht mit physiologischen Gesetzen und Analogien korrespon¬
dieren. Das aber tut die Lehre Freuds, Stekels, Fließ’ und Swo-
bodas. Darum ist solch ein kurzer und ernster, wenn auch lücken¬
hafter psychologischer Versuch wie der vorliegende immer wieder
dankenswert. Singer (Berlin).
H. Busch, Phantom der normalen Nase des Menschen. Drei
farbige Tafeln mit sechs Deckbildern und 34 Seiten erklärendem Text.
München 1914, J. F. Lehmanns Verlag. M 8,—.
Zur topographischen Orientierung ist dieses Phantom sehr ge¬
eignet. Besonders für Aerzte, die im Beginn ihrer rhinologischen
Studien stehen, wird das Büchlein ein rasches Verständnis ermöglichen.
Haenlein.
€. Adrian, Die praktische Bedeutung der Mißbildungen der
Niere, des Nierenbeckens und des Harnleiters. Sammlung
zwangloser Abhandlungen aus dem Gebiete der Dermatologie usw.
Halle 1914. Carl Markold. 88 S. M 1,20.
Adrian bespricht in seinem Vortrage die praktische Bedeutung
der Mißbildungen der Niere, des Nierenbeckens und des Harnleiters,
welche bei den Fortschritten der Diagnostik und Therapie des Harn-
systems erhebliches Interesse gewonnen haben. Mißgebildete und unvoll¬
kommen entwickelte Organe, und Organe, welche an anormalen Stellen
entwickelt, verdoppelt oder solitär sind, erkranken nach den Statistiken
häufiger als normale Organe. Heredität, Anamnese und genaue Unter¬
suchung der Kranken (Mißbildungen au andern Organen, besonders Ge¬
schlechtsorganen, zumal beim weiblichen Geschlecht!) führen oft zur
Wahrscheinlichkeitsdiagnose der Anomalie im uropoetischen System,
ferner bringt das Ergebnis der klassischen Untersuclnmgsmethoden der
Harnorgane wertvolle Aufschlüsse, aber nicht immer absolute Sicherheit;
Ureterenkatheterismus, Röntgenbilder und Pyelographie nicht zu ver¬
gessen. Recht häufig wird man aber doch das Ergebnis diagnostischer
Operationen für *die exakte Diagnosenstellung der Anomalie der Hnm-
organe abwarten müssen. Mankiewicz.
Therapeutische Notiz.
Die günstigen Wirkungen, die durch S&nocaloin erzielt wurden,
veranlaßten Dreuw, dieses Mittel in Verbindung mit Arsen bei der
Behandlung der Lues zu verwenden. Er gibt folgende Methode für die
Behandlung der primären und sekundären Formen an: Man beginnt mit
einer Hg.-Injektion (Rp. Hydrargyri salicylic. 1,0, Anästhesin 0.5, Paraffin,
liquid, ad. 10,0. Hiorvon ! /io Spritze). Zwei Tage darauf eine Arsen-
Sanocalcin-Injektion. wieder nach zwei Tagen eine Arsen-Sanocalcin-
Injektion, dazwischen können wöchentlich noch zwei bis drei Sanocalcin-
injektionen ohne Arsen gegeben werden. Diese Art der Behandlung
wird fünf bis acht Wochen hindurch fortgesetzt. Am Ende der Behand¬
lung noch wöchentlich eine Arsen-Sanocalcin-Injektion. Gottgetreu
hat sechs Fäll© von sekundärer Lues nach dieser Methode behandelt.
Gute Erfolge, Dauer der Behandlung meistens acht Wochen.
Ein Vorzug der Behandlung besteht darin, daß die Schmerzen nur
ganz geringfügig sind; es traten keine unangenehmen Nebenwirkungen
auf, keine Entzündung an der Injektionsstolle, kein Fieber, auch sonst
litt nicht das Allgemeinbefinden. Die Behandlung mit Arsen-Sanocalcin
(Goedecke & Co., Berlin) kann ambulatorisch durchgeführt werden. Die
Technik ist einfach und auch der praktische Arzt kann die Behandlung
in der Sprechstunde durchführen. (Ueber die Verwendung des Arsen-
Sam »calci n von Dr. Gut.teetreu, Ilerlin-Neuköllu. Allg. Med. Zentralztg.,
Berlin 1914. Nr. 52.)
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UNIVERSITY OF IOWA
28. Februar.
1915 —MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9.
259
Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfiragen.
Neue Folge der „Wiener Medizinischen Presse“. Redigiert von Priv-Dot. Dr. Anton Bum, Wien,
K. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien.
Sitzung vom 19. Februar 1915.
Jt Grassberger demonstriert einen Schntzanzng für
Eitliisnigsaktionen. Er besteht aus einer Hose ohne Schlitz
and aus einem Rock mit angenähter Kapuze, welche nur das
Gesicht freiläßt. l>er Rock ist sonst geschlossen und wird über
den Kopf angezogen, hierauf wird er durch das Hosenband fest¬
gebunden. Den Anzug vervollständigen Gummiüberschuhe und
Gummihandschuhe, er wird über den gewöhnlichen Kleidern ge¬
tragen. Vor Beginn der Entlausungsaktion wird mittelst einer
Perolinspritze der Anzug mit einer Emulsion von Anisöl bespritzt,
das Gesicht wird mit Laussalbe bestrichen. Vor dem Ausziehen
wird der Anzug mit 2%iger Ljsollösung bespritzt. Er besteht aus
Racksackstoff.
J. ?. Hochenegg: Zur Prothesenfrage. Wir haben noch
keinen klaren Ueberblick darüber, für wie viele Amputierte Pro¬
thesen werden beschafft werden müssen; man muß deshalb vom
Anfang an sparsam vorgehen. Unmittelbar nach der Amputation
soll man nicht eine definitive Prothese geben, da sich der Stumpf
verändert und die Prothese dann nicht paßt. Viele Amputierte
haben auch eine unzweckmäßige Formation des Stumpfes, so daß
dieser neu adaptiert werden muß, oder Dekubitus und Neurome
geben die Indikation für eine Reamputation ab. Mit der Anwen¬
dung des definitiven Kunstbeins soll man mindestens 3 /a Jahr nach
der Amputation warten; bis zu dieser Zeit soll man billige pro¬
visorische Prothesen geben. Die Amputierten mit provisorischen
Prothesen sollen eine Anweisung auf eine definitive Prothese sowie
einen Betrag in Form einer Rente für die Instandhaltung der
letzteren erhalten. Der Zweck der Prothese ist ein kosmetischer
and ein funktioneller, der letztere geht voran. Ersatzstücke für
eine obere Extremität sollen erst dann in Verwendung genommen
werden, bis der Amputierte gelernt hat, mit der gesunden Hand
möglichst gut zu hantieren, sonst besteht die Gefahr, daß er die
gesunde Extremität nicht einübt. Eine wichtige Aktion ist die
Schule für die Einarmigen; an dieser sollen auch Lehrkräfte für
Provinzschulen herangebildet werden. Der Beinstumpf soll schon
während der Wundheilung soweit gekräftigt werden, daß er eine
Prothese verträgt. Diese soll am besten den Typus eines Stelz¬
fußes haben; gegen die Verwendung kunstvoller Beine sprechen
der hohe Preis und der Umstand, daß sie leicht reparaturbedürftig
werden.
0. v. Frisch führt mehrere Fälle mit Gipsstelzen vor, wie sie
sot vielen Jahren an der Klinik v. Eiseisberg als provisorische Pro¬
thesen in \envendung stehen. Der Stumpf wird in einen Eisenbügel
»ufgenoramen, welcher gut gepolstert wird, und durch eine Gipsbinde
an diesem Bügel eine genaue Form für den Stumpf hergestollt,
üer hisenbügel ist mit einer einfachen Stelze fest verbunden. Mit der
^■it atrophiert der Stumpf, dann wird einfach die Prothesenhülse mit
atte aufgelegt. Die Gipsprothese wird an der Klinik selbst angefertigt
'i»d ist gehr billig.
ü. Engel mann weist darauf hin, daß die Amputationen an den
un eien Gliedmaßen, die in den Spitälern des Hinterlandes ausgeführt
«erden, teils wegen Gangrän, teils wegen fortschreitender infektiöser
rozes** notwendig werden. In beiden Fällen wird die Technik der Ope-
uon dahm beeinflußt, daß von allen komplizierten Lappenmethoden
gesehen werden muß; naturgemäß wird dadurch die Heilung des
«. umpies beträchtlich verzögert und das Ziel, ihn tragfähig zu machen,
* t mnansgeschoben. Wenn man solche Pat. bald gehfähig machen will,
u mn sie mit iJebergangsprothesen versehen, weiche in ihrer Kon-
7 „rn i. IOn -, die älteren “'direkten Prothesen mit freihängendem Stumpf
en ' Als solche rebergangsprothesen hat Redner für Ober-
II, 11 e ^P^erte eine Sitzringbrücke konstruiert, mit welcher der Pat. j
Der ct f l ^ m P utat * on mit granulierender Wunde herumgehen kann. |
~ u, m Uai ^ bekommt dabei die richtige Lago für die spätere Funktion, |
,,.j ? ur Abhärtung und Schwielenbildung der entsprechenden llaut-
Drnitie' 18 ^ aTtie - n ‘ Unterschenkelamputierte hat E. eine Universal-
mann^ ^’ n , stniier b welche aus einer eisernen Sohlenplatte nach Hoeft-
aoMpb. ■ r ’ V ° D zwei * n der Höhe verstellbare Seitenschienen
ilurrh !r -' d,e n . 0 ^ erei1 Enden der letzteren tragen zwei weichgefütterte,
siias iiK; nen , .!? en hxierbare Platten als Stützpunkte an der Tubero-
raiteinanl 6 ur *d hbulae. Die Seitenschienen sind durch zwei Halbzirkel
und ein» Cr 'T j deni we .^ e * n ihrer Weite verstellt werden können
liäni/t • ^ ert igte Kaschierung der Wade umspannen. Dabei
Vermut» tutionsstumpf frei in der Prothese, welche wegen ihrer
min aberd* fc p 0 lDe Y or i ier i^ es Maßnehmen angelegt werden kann. Will
so ee6fhioK? n a' '' Belastung seines Stumpfes herumgehen lassen,
<h68 mit Hilfe eines gepolsterten Riemenzuges, der mit
beliebig starkem Druck gegen den Stumpf angepreßt wird. Vor zu kompli¬
zierten Prothesen ist zu warnen. Man könnte jedem Amputierten einen
Stelzfuß zur Arbeit und ein Kunstbein für den Feierabend geben; wo das
aber nicht möglich ist. wäre ein Stelzbein mit maskierter Wade und
Fuß sowie einem in Streckstellung sperrbaren Kniegelenk zu empfehlen,
welches sieh beim Sitzen durch das Eigengewicht seines Unterschenkels
im Kniegelenk abbiegt und beim Aufsteheii durch einfache Gummiband¬
züge automatisch wieder in Streckstellung zurückgebracht wird. Mit dem
Unterschenkel ist ein Fuß in Verbindung, der mittelst einfacher Fede¬
rung die Dorsalflexion von Vorfuß und Fußspitze erlaubt, um beim Gehen
ein möglichst leichtes Abwickeln vom Boden zu ermöglichen. Redner
stellt zwei Pat. vor, welche die Universalprothese erst zweimal je
10 Minuten getragen haben; der eine Pat., welchem ein Bein amputiert
ist, geht ohne Stock, der andere, welchem beide Beine amputiert sind,
mit Zuhilfenahme eines Stockes sehr gut.
H. Spitzy bemerkt, daß vielfach unbrauchbare Prothesen den
Amputierten gegeben werden, außerdem werden oft definitive Prothesen
zu früh verwendet. Da der Staat für jeden Amputierten für die Prothese
250 K ausgesetzt hat, wäre es möglich, eine Immediatprothese für zirka
50 K und für den Rest dos Betrages eine definitive Prothese zu be¬
schaffen. Die provisorische Prothese sollte möglichst einfach sein. Die
Art der Prothese für eine amputierte obere Extremität richtet >ich
nach der Beschäftigung des Pat. Prothesen hei Personen mit Oberarm¬
amputationen dürften wohl meist nur einen kosmetischen Zweck haben:
zur Arbeit brauchbare Prothesen sind besonders am Unterarmstumpf anzu¬
bringen. Wichtig ist, daß jeder Prothesenträger seine Prothese reparieren
lernt, was auch in der Invalidensehule gelehrt wird. Daselbst unter¬
richten bereits jo ein einarmiger Feinmechaniker, Friseur, Photograph
und Tischler. Die Invalidenschule dient nicht nur dem methodischen
Unterricht, sondern auch der Arbeitstherapie. Der Gebrauch von Knicken
ist nicht anzuraten; diese sind durch einfache Stöcke zu ersetzen; be¬
sonders gut sind Bambusstäbe.
A. Lorenz: Die Konstruktion von Prothesen solle nach einheit¬
lichen Prinzipien vorgenommen werden. Die Richtung, einfache Prothesen
anzuwenden, ist durch die Orthopäden inauguriert worden, namentlich
durch Ho oft mann. Prothesen ohne Gelenk sind empfehlenswert, denn
auch ein aukylotisches Gelenk ist funktionell besser als ein insuffizientes.
Wenn man ein Kniegelenk an der Prothese anbringeu will, so sollte man
es so konstruieren, daß es beim Gehen und Stehen automatisch fest¬
gestellt wird. Gegenwärtig verzichtet man auf alle bewegenden Mittel
im Innern von Prothesen. Oberarmprothesen wären mit biegsamem und
stellbarem Ellbogengelenk auszustatten. Der funktionelle Wert der Pro¬
these geht dem kosmetischen Wert voran.
E. Ranzi bespricht die Herstellung eines tragfähigen Stumpfes.
Ein solcher wird, abgesehen von einer entsprechenden Operationstechnik,
dadurch erzielt, daß der Stumpf durch Druck auf eine feste Unterlage
widerstandsfähig gemacht wird. Vorzügliche Amputationsstümpfe werden
durch das Verfahren von Bunge erzielt. Der zweckmäßigste provisorische
Stelzfuß scheint die Gipsstelze zu sein. Diese wird schon verwendet, wenn
die Stumpffläche erst granuliert. Krücken soll man möglichst wenig
benützen; als Ersatz derselben dienen Stöcke oder Gehbänkchen. Defi¬
nitive Prothesen sollen erst ca. 3 Monate nach der Amputation angelegt
werden; während dieser Zeit benützt Pat. die Gipsstelze. Vor kompli¬
zierten definitiven Prothesen ist zu warnen, weil sie viel Reparaturen brauchen.
Sie sollen so beschaffen sein, daß der Stumpf auf eine feste Unterlage
auftritt; dies macht allerdings anfangs Schmerzen.
Frh. A. v. Eiseisberg hebt die große Bedeutung des tragfähigen
Stumpfes hervor, welcher besonders durch die Bungesehe Operation
erzielt wird. Bier deckt den Knochenmarkskanal mit einem Knochen¬
deckel und macht so den Stumpf ebenfalls widerstandsfähig Ein nach
dieser Methode vom Redner wegen Erfrierung an beiden Unterschenkeln
Amputierter konnte schon nach 14 Tagen herumgehen; er bekam zuerst
ganz kurze und dann allmählich immer höhere Prothesen, bis er in
6 Wochen seine normale Größe erreicht hatte. Die Gipsprothesen sind
von Es manch angeregt worden. Nach der B ungesehen Amputation ist
die Anlegung eines Kunstheiries leicht, weil der Stumpf tragfähig ist Die
Kosmetik ist bei der Prothesenbeschaffung nicht ganz außer acht zu lassen •
man soll etwas konstruieren, was dem Bein ähnlich sieht. Bei Verlust einer
oberen Extremität soll die übriggebliebene tunlichst ausgebildet werden
wozu jetzt Schulen vorhanden sind. Daneben bleibt noch das Bestreben
bestehen eine künstliche Extremität zu beschaffen, die auch funktionell
zu brauchen ist. Redner berichtet aus eigener Anschauung über die von
Carness in Amerika hergestellten kunstvollen Prothesen/welche freilich
bis auf loOO K zu stehen kommen. Der Erfinder ist ein Techniker welcher
einen Arm verloren hatte; er konstruierte sich selbst eine Prothese mit
welcher er die verschiedensten Arbeiten ausführen konnte. Es bildete
thesen sind derart konstruiert, daß die Amputierten mit der Kunsthand
sogar schreiben und zeichnen können. jj
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UNiVERSITY OF IOWA
260
1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9.
28. Februar.
Gesellschaft für innere Medizin and Kinderheilkunde
in Wien.
Sitzung vom 11. Februar 1915.
Fr. Wenckebach zeigt eine in seinem Hörsaal angebrachte
Vorrichtung zur Aufstellung und Demonstration einer großen
Zahl von Röntgen platten jeglicher Größe. Es ist dabei auch
möglich, stereoskopische Aufnahmen zur Betrachtung nebeneinander
aufzustellen.
W. Falta stellt einen 115jährigen Mann mit Akromegalie
und starker Behaarung vor. Pat. hat die Krankheit seit 12 Jahren
und weist folgende Veränderungen auf: Vergrößerung der Hände
und der Nase, stark vorspringende Augenbrauenbogen, große
Lippen, einen faßförmig verbreiterten Thorax, leichte Kyphose.
Seit Beginn der Akromegalie ist die Behaarung stärker geworden,
an den Extremitäten ist sie beinahe fellartig und am Fuß und an
der Hand manschettenartig abgesetzt. Die Sella turcica ist nach
unten erweitert, eine Sehstörung ist nicht vorhanden. Die Potenz
blieb lange erhalten. Vortr. möchte die abnorme Behaarung auf
einen hyperplastischen Zustand der Nebennieronrinde zurückführen,
welcher bei Hypophysentumoren manchmal gefunden wird. Da
Pat. über Kopfschmerzen klagt, wurde ihm die Operation ange¬
raten. — Ferner demonstriert F. einen Mann mit schwerem Dia¬
betes und Magenektasie. Pat. bekam vor S Wochen Koma, er
wurde mit ausschließlicher Kohlehydratdiät behandelt. Er hat eine
Magenektasie, die Entleerung des Magens ist normal, der Säure¬
gehalt etwas herabgesetzt. Magenektasien sind bei schweren Fällen
von Diabetes nicht selten, sie sind aber nicht auf Polyphagie
zurückzuführen, ihre Ursache ist unklar. Man findet bei Diabetikern
außerdem sehr oft spastische Obstipation und eine Empfindlich¬
keit der Niere gegenüber Diuretika. — Schließlich zeigt F. zwei
Frauen mit Pulmonalisgerauschen. Bei dem ersten Fall ist eine
Mitralinsuffizienz und -Stenose vorhanden. Außer den durch sie
hervorgerufenen Geräuschen hört man noch im ersten und zweiten
linken Interkostalraum bis in die Mitte des Sternums ein sehr
lautes systolisches Geräusch, dessen Charakter anders ist als der
des Geräusches an der Herzspitze. In der Lunge ist starke Blut¬
stauung vorhanden, im großen Kreislauf ist sie verhältnismäßig
gering. Pat. hat zeitweise Temperatursteigerungen und Schüttel¬
fröste: wahrscheinlich liegt eine Endokarditis vor, doch hat die
bakteriologische Untersuchung des Blutes vorläufig noch nichts
ergeben. Bei dem zweiten Fall ist eine Mitralinsuffizienz vorhanden,
über der Pulmonalis hört man ein lautes systolisches Geräusch,
ebenso ein Geräusch in der Höhe des Dornfortsatzes des 4. Dorsal¬
wirbels. Ein Schatten in der Gegend des linken Hilus weist im
Röntgenbild auf verkäste Hilusdriisen hin, die Kranke reagiert
auf Tuberkulin. Vielleicht ist durch den tuberkulösen Prozeß am
Hilus eine Lage Veränderung, leichte Knickung oder Kompression
der A. pulmonalis erfolgt, durch welche das Geräusch im 1. und
2. Interkostalraum hervorgerufen wird. Für eine Pulmonalstenose
fehlt in beiden Fällen ein Anhaltspunkt. Im ersten Fall könnte
vielleicht das Pulmonalisgeräusch durch eine Erweiterung der
A. pulmonalis bedingt sein. Derartige Geräusche in der Pulmo¬
nalis wurden auch bei Chlorose und Anämie beobachtet. Das
Pulmonalisgeräusch verändert mit der Atmung seine Intensität.
J. Sorgo hat bei Tuberkulose öfter Gelegenheit gehabt, in der
Nähe der Herzbasis systolische Geräusche zu hören, für deren Entstehung
kaum eine andere Erklärung übrig bleibt als die durch Abknickung von
pulmonalen Gefäßen durch schrumpfende Prozesse. Die Lokalisation des
Geräusches resp. das Maximum von dessen Intensität liegt bald benach¬
bart der Pulmonalis, bald weiter nach links und oben. Nicht selten läßt
sich eine Beeinflussung des Geräusches durch die Respiration beobachten,
z. B. Zu- oder Abnahme auf der Höhe der Inspiration oder Zunahme der
Intensität bei der ersten Hälfte der Inspiration und Verschwinden des
Geräusches auf der Höhe einer besonders tiefen Inspiration, bolche Beob¬
achtungen sprechen ziemlich eindeutig für die Möglichkeit der Ent¬
stehung solcher Geräusche in den pulmonalen Gefäßen unter dem Ein¬
fluß schrumpfender Lungenprozesse.
H. Köniirstein bemerkt, daß er bei einem Fall von Hypophysen¬
tumor, welcher ihm von O. Hirsch zur Untersuchung überwiesen wurde,
eine außerordentlich intensive Behaarung an den Prädilektionsstellen der
Primaten-Haarbildung fand. Außerdem zeigte Pat. eine sehr ausgedehnte
Akanthosis nigricans.
Fr. Wenckebach macht einige Bemerkungen über die Schwierig¬
keit, Vorhofs- von Pulmomilgeräiischen zu unterscheiden. Das Vorhofs¬
geräusch ist bei Mitralinsuffizienz sicher sehr selten, während das
Pulmonalisgeräusch auch bei sicher berzgesunden Pat. sehr häufig ge¬
funden wird. Es ist dann häufig sehr schwankend sowohl bei der Atmung
als auch in verschiedenen Lagen, meistens intensiver im Liegen, abwesend
oder viel schwächer im Stehen. 1
Diskussion zum Vortrage von A. v. Müller: Ueber die
Klinik und Therapie der Dysenterie.
G. Singer teilt aus seiner Erfahrung' mit, daß bei autoptisch
sichergestellten Dysenteriefällen manchmal erst bei der dritten oder
vierten Untersuchung ein positiver bakteriologischer Befund erhoben
werden konnte: eine hakteriologische Frühdiagnose ist daher nicht in
allen Fällen möglich. Wichtig ist der Nachweis der Gesehwürsbildung
im Rektum mittelst der Rektoskopie; man findet da schon am fünften
oder sechsten Krankheitstag typische Geschwürsbildungon. Die Rekto¬
skopie ist auch für die Beurteilung des Verlaufes und der Heilung des
Prozesses sehr wichtig. Es gibt auch torpide Geschwüre in den unteren
Partien des Rektums, die Pat. können sich dabei ganz gesund fühlen.
Bei Dysenterie kommen Myalgien, besonders im Pektoralis und Kukul-
laris vor, die allen therapeutischen Maßnahmen trotzen, daneben nicht
selten Schmerzen in den Röhrenknochen und im Sternum. Bei der
jetzigen Epidemie hat S. 7 Fälle gesehen, welche in ihrem klinischen
Verlauf dem genuinen Gelenksrheumatismus sich gleich verhielten.
Therapeutisch verwendet er Blutkohle und Bolus alba. letztere in
großen Dosen, um besten in Milch oder Kalkwasser: die Kohle wird in
Glühwein oder Tee bis zu 9 Eßlöffeln täglich gegeben. Diese Medika¬
mente sollen außerhalb der Mahlzeiten gereicht werden, da die Gefahr
vorliegt, daß die Sekretion des Magens und Darmes beeinträchtigt
werden und es zur Dyspepsie kommen könnte. Bei Verwendung der
Bolus alba soll alle 3 —4 Tage ein Abführmittel gereicht worden, am
besten Rizinusöl, Kalomel ist bei einem Massen he trieb wegen der Intoxi¬
kationsgefahr weniger empfehlenswert. Die Spülungsbehandlung ergibt
gute Resultate, besonders mit einem doppelläufigen weichen Rohr,
welches Vortr. demonstriert: am Schluß der Irrigation kann man einen
Teil des Spülmittels im Rektum zurücklassen. Als Spülmittel werden
Salepdekokt. bei Diarrhöen und Tenosnuis Kalium bypermanganicum,
ferner Protargollösungen (1—5%„) benützt. Bei starken Blutungen hat
Vortr. physiologische Kochsalzlösung mit Adrenalin verwendet. Bei
schweren Shiga-K ruse-Dysenterien hat er die Serumtherapie ange¬
wendet: ihre Wirkung auf die Blutungen und auf das Allgemeinbefinden
war augenfällig, die Stühle wurden fäkulent, dagegen war ein wahr¬
nehmbarer Einfluß auf den Heilungsverlauf der Geschwüre nicht zu
konstatieren. In einigen Fällen wurde normales Pferdeserum angewendet,
auch dieses hat sich gut bewährt; in einem Fall wurde eine Ausheilung
der Geschwüre autoptisch nachgewiesen. ln einer Reihe von Fällen hatte
das Serum kein wahrnehmbares Resultat. Bei geeigneten Fällen wurden
kleine hypertonische intravenöse Kochsalzinfusioneu augeweudet, zuerst
in einer Konzentration von 1,8%, mit welcher bis auf 25°/ 0 gestiegen
wurde: die injizierte Menge betrug 10 ccm. steigend bis auf 50 ccm. Man
muß achten, daß nichts in die Umgebung der Vene gerät, weil sonst
Nekrose entstehen könnte. Auf diese Weise konnten kritische Fälle über
das toxische Stadium hinübergobracht werden.
W. Schlesinger hat 130 Falle von schwerer Dysenterie beob¬
achtet; außerdem wurden ihm noch viele Fälle zur Konstatierung zuge¬
wiesen, die früher eine Dysenterie Überstunden hatten und Veränderungen
an irgend welchen Organen aufwiesen. Bei der Diagnose muß das klini¬
sche Bild im Vordergrund stehen, besonders wichtig sind die Stühle.
Hohe Temperaturen sind nicht häufig: Vortr. hat solche bis zu 41° be¬
obachtet, sie gingen jedoch nach einem Tag vorüber. Zwischen dem
fünften und siebenten Krankheitstag kam öfter eine Temperaturerhöhung
bis 37,8° vor: im Anschluß daran wurde oft Eiter im Stuhl gefunden.
Der bakteriologische Befund war in ca. einem Drittel der Fälle negativ,
in einem Drittel der Fälle fanden sieb Shiga-K ruse-, in einem
Drittel Fl ex ne r-Bazillen. Verschleppte Fälle mit relativ wenigen
Stühlen fanden sich nur bei Shiga-K ru so -Bazillen, letztere ver¬
schwanden längstens in 10 Tagen. Fl e x ne r-Bazillen waren auch noch
nach 3 Wochen im Stuhle nachweisbar. Gelegentlich findet man Shiga-
Kruse- und Floxn er-Bazillen zusammen oder nacheinander bei dem¬
selben Fall vor. In manchen eitrigen Stühlen wurden auch Eiterkokken
gefunden fMischinfektion) Das Vorkommen von Stühlen, welche infolge
ihres Gallenreichtums grün, rot und gelb gefärbt sind, läßt darauf
schließen, daß bei der Dysenterie auch die höheren Darmpartien funk¬
tionell geschädigt sein müssen. Redner hat einige Rekonvaleszente ge¬
sehen, welche große Massen von unverändertem Darinschleim abge¬
schieden haben, und möchte solche Fälle als Sekretionsueurose auffassen.
In der Behandlung der Dysenterie ist für den Kranken gleichmäßige
Wärme sehr wichtig. Er soll eine Leibschüssel benützen, welche ent¬
sprechend bedeckt werden muß. damit die Fliegen zu den Fäzes keinen
Zutritt haben. Von den vom Redner beobachteten 130 Fällen ist kcinei
gestorben, obwohl auch sehr schwere Fälle unter ihnen waren. AL
Medikamente wurden Rizinusöl, Ipekakuanha und Opium, ferner Bolus
alba angewendet. Kohle wurde nicht gegeben, um nicht Blutungen in
den Fäzes durch die schwarze Farbe zu verdecken. Seruminjektionen hat
Redner nicht oft angewendet: er sali von ihnen kein Kupieren des Pro¬
zesses, auch keinen besseren Verlauf als unter anderer Therapie. Es
wurden nur wenige Fälle von Gelenksrheumatismus und Neuritiden be¬
obachtet. Parästhesicu kamen öfter vor. Fälle, welche vom beide nu
Rheumatismus heimkehren, bekommen bei Ruhr leicht rheumatische Er¬
scheinungen. Herzneurosen wurden öfter beobachtet, ebenso eine Keine
von Basedowoiden. Häufig kam Icterus catarrhalis zur Beobachtung, ferner
in einer großen Zahl von Fällen Anazidität des Magens. Die Dysentene
ist nicht absolut auf den unteren Abschnitt des Darmes beschränkt, e.
können auch höhere Darmpartien funktionell verändert sein.
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Original frorn
UNIVERSITY OF1ÜVW
28. Februar.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9.
261
Wiener Dermatologische Gesellschaft.
0. Sachs stellt einen 62jährigen Mann mit Dermatitis
herpetiformis Döring vor. Man sieht Erythemplaques mit grup¬
pierten Erosionen, welche Krusten, stellenweise Blasenresiduen
tragen. Aeitere abgeheilte Herde mit intensiver Pigmentierung.
Der Juckreiz der ein Jahr lang bestehenden Affektion ist sehr
intensiv. — Dann zeigte S. einen 58jährigen Pat. mit Epitheliom
an der Nasenwnriel, welches seit 2 Jahren besteht.
H. Popper führt einen 39jährigen Mann mit ausgedehnten
tuberkulösen Geschwüren der Oberlippe und Mundschleim¬
haut vor. Der Wassermann ist positiv. Mit Beginn einer milden
Qaecksilberbebandlung trat eine deutliche Besserung im Allgemein¬
befinden auf.
0. Neugebauer zeigt 1. einen Pat., der vor 4 Monaten eine
Sklerose am Präputium bekam. Spirochätenbefund positiv. Wasser¬
mann negativ, sonst keine Symptome. Als Abortivkur vier Neo-
salvarsaninjektionen und dann eine Salizyl-Hg-Kur. Die Sklerose
war Bald vernarbt. Vor 2 Wochen Auftreten einer Erosion des
inneren Vorhautblattes neben der Narbe. Zahlreiche Spirochäten.
Wassermann negativ. Man könnte an eine Reinfektion denken.
2. Fall von hartnäckig rezidivierendem Gumma scroti. Lues
seit 18‘AS. 1907 Knoten in der Skrotalhaut. Das Skrotum zeigt
neben subkutan eingelagerten Knoten narbige Einziehungen und
sebarfrandige typische Exulzerationen. 3. 04jähriger Mann mit
maligner Lues. Dezember 1913 Tonsilionsehanker und papulo-
pnstulöses Syphilid am Stamm und Kopf. Abheilung nach 11g.
Derzeit ulzeröses Syphilid am Kopf, Augenbrauen und Glans
penis. 4. Pat. mit Epitheliom der Kopfhaut am rechten Scheitel,
das seit 14 Jahren besteht und zum größten Teile vernarbt ist
M. Oppenheim führt einen 60jährigen Mann mit einem
eigentümlichen luetischen Exanthem vor. Lues vor 30 Jahren
akquiriert, ungenügend behandelt. Man sieht als Residuen zahl¬
reicher Gninmen polyzyklische, weiße, braunumsiiumte, atrophische
Narben au den Armen und am Stamm. Am Rücken in großem
Umkreis eine mit zahlreichen kleinen Narben iibersätc Partie eiu-
schließend, eine Aussaat von zerfallenen, braunroten Tubercula
cutanea: am linken Trochanter ein atrophischer Hautbezirk,
braungelb, zigarettenpapierartig gefältelt, absehilfernd (idiopathi¬
sche Hautatrophie). Am rechten Unterschenkel ein Naevus ver-
rvcosns pilosus. Das Zusammentreffea von Nävus mit Atrophie,
andrerseits die Neigung zur Bildung von atrophischen Narben
sprechen für die Theorie O.s vom Angeborensein der Anlage zur
idiopathischen Hautatrophie, veranlaßt durch intrauterine Druck¬
verhältnisse. — Dann zeigt 0. einen 25jährigen Pat. mit isoliertem
Uehcn ruber planus der Mundschleimhaut. Beide Wangen,
Uppen, weicher Gaumen, Seitenwände der Zunge und Uebergangs-
falten sind reichlichst befallen. Die Körperhaut ist vollkommen frei.
Nobl führt vor 1. 40jährigen Mann mit Lichen ruber ver¬
rucosus an den Oberschenkeln und gyrierten Formen an den
Puterschenkeln. Vor längerer Zeit eine Ausbreitung über den
Körper in Form einer diffusen Dermatitis, jetzt traten wieder
einzelne Effloreszenzen am Stamm auf. 2. 43jährigcr Arbeiter mit
Liehen ruber verrucosus an Handrücken und Handtellern und
fflünzeßfönnigen Gruppen an den Unterschenkeln. Auch an den
rujgern kleinste, feinwarzige Knötchen. 3. 28jähriger Tuberkulotiker
mit tuberkulösen Uautgeschwiiren. Nasenspitze und angren¬
zende Teile des häutigen Septums und linken Nasenflügels durch
eiDen ksf kieuzergroßen Substanz Verlust zerstört. Das Ulkus zeigt
unterminierte Ränder, seine Basis ist von miliaren Knötchen durch-
ha V^ ähri £ e . Frau init tuberkulöser Kerato-Iritis. Erythema
iQuratuin ®®*in der Unterschenkeln und subkutanem Sarkoid
an den Oberarmen. Das gleichzeitige Bestehen einer tuberkulöson
ngenerkrankung und der Knoteubildung an den Extremitäten
! e ! ht auf ^ en . Zusammenhang des Erythema induratum Bazin mit
™lose hin, doch ist derselbe nicht in allen Fällen herzustellen.
iml < jKlirmann stimmt der Diagnose Erythema induratum Bazin
weist a ?l Darier-Rousay zu. Das Zusammentreffen ist häufig und be-
.Sit 7 in aB e f. s ‘ c h llIn identische Prozesse handelt, die nur durch ihren
Bann V r8c h 1( *denen Hautschichten sich unterscheiden. Das Erythema
'•ewh'nat Im J >anu,< ‘ulus adiposus und führt zur kolliquativen Fctt-
Sobkniia r0l i e i ? as Sarkoid lokalisiert sich an der Grenze der Kulis und
&nbkul « führt nur zur Verkäsung.
der \fifi l r ze ^ zuerst ein lDjähriges Mädchen mit Sklerose
diekna dann einen . Mann mit sklerodermieartiger Hautver-
Skorhnt ,anj , rec .^ eri Unterschenkel. Diese entwickelte steh nach
tune im a” T, tiv kurzer 3Cßit und dürfte auf bindegewebige Yerhär-
Anschluß an subkutane Blutungen entstanden sein. Es
ist dies der dritte, von L. beobachtete Fall von Zusammenhang
von Skorbut mit Sklerodermie. — Ferner demonstriert L. einen
48jährigen Mann, der vor 6 Monaten einen Ausschlag an der Kopf-
und Schläfehaut bekam. Man sieht teilweise deprimierte, von
kleinen Gefäßen durchzogene Narben, teilweise blaurötliche Infiltrate,
teilweise Bildung von Krusten, unter denen sich kraterförmige Ge¬
schwüre befinden; histologisch findet sich Einlagerung von Epithe-
loid- und RundzeUentuberkcln. Pirquet positiv. — Schließlich
führte L. einen 24jährigen Mann mit typischer Acne telean-
giectodes Kaposi vor. Pirquet positiv. !
Nobl hat diesen Fall auch histologisch untersucht. Die Knötchen
zeigen keine Beziehung zum Follikel und sind am dichtesten in der Um¬
gebung einer frischen Skrofulodenuanarbe. Da sie typischen tuberku¬
lösen Bau aufweisen, dürfte der Prozeß eher den Namen Lupus miliaris
disseminatus verdienen.
H. Königstein zeigt eine Frau mit Basedow, deren Haut
besonders an den Unterschenkeln pastöse Schwellung aufweist,
starr und stellenweise an die Unterlage fixiert ist. Die mit Schild -
drüsenerkrankungen in Beziehung gebrachten Hautaffektionen sind
Myxödem, Sklerodermie und Skicrem der Erwachsenen. Der vor¬
liegende Fall schließt sich am ehesten an Myxödem an. Sonstige.
Anhaltspunkte für diese Erkrankung sind aber nicht vorhanden.
Nobl stimmt der Diagnose eines sklcrodieremlcn Uedem« der
tieferen Kutisanteile bei. Er h:it einen eben solchen Haiitzust.md bei
einer 26jährigen Pat. im Verlauf eines Basedow entstehen gesehen.
G. Scherber zeigt 1. einen jungen Mann mit rezidivierender
Follikulitis nur am behaarten Kopfe: zahlreiche Eiterpusteln,
teils oberflächlich, teils in die Tiefe gehend. Staphylokokken in
Reinkultur. Stellenweise alopezische Horde (Schädigung der Haar¬
papillen'durch den Prozeß). 2. Moulagen eines Pat. mit bilateraler
Tarsitis im Frühstadium der Lues. Der Prozeß begann mit
zerfallenden Papeln und Rupien. Auffallend ist die Doppelseitig-
keit. Die in späten Stadien auftretenden gummösen Tarsitiden
sind meist einseitig. Beide Tarsi waren zu dicken, blaurot ge¬
färbten Platten angeschwollen, der Lidrand stellenweise ulzerös
zerfallen, schließlich trat auch Zerfall der Konjunktiven auf. Iritis
papulosa. Nach energischer Neosalvarsan-Hg-Behandlung voll¬
kommene Heilung.
W. Kerl demonstriert 1. einen 39jährigen Pat. mit oinom
seit 2 Monaten bestehenden isolierten Lupus der Gingiva.
Histologisch ergibt sich typischer Lupus vulgaris: 2. eiue 54jährige
Pat. mit 13 Jahre Lues. Sie bekam wegen Kopfschmerzen fünf In¬
jektionen von Hydrarg. succinira. Derzeit finden sich in der Gluteal-
region subkutane Infiltrate, über denen die Haut lederartig und
grauschwarz verfärbt ist. Die nekrotischen Partien grenzen sich
scharf von der normalen Umgebung ab; 3. einOjähriges Mädchen,
bei dem nach einer Verletzung an der rechten Brustwarze vor
4 1 /o Monaten nach anfänglicher Schwellung eine Rötung auftrat,
die allmählich peripherwärts fortschritt und im Zentrum wieder
abheilte. Gegenwärtig findet sich am Oberkörper ungeläbr kreis¬
förmig um die Brustwarze ziehend, aufwärts bis über deQ linken
Oberarm, abwärts bis in Nabelhöhe reichend, ein großer, lebhaft
roter, % cm breiter Erythemstreifen. Das Krankhoitsbild wdrd als
Erythema migrans bezeichnet; 4. ein Tjähriges Mädchen, bei
dem im Sommer 1913 im Gesicht und an den Händen ein Blasen-
ausschlag auftrat, nach dessen Abtrocknung kleine Narben zurück¬
blieben. Derzeit sind nur kreisrunde, mäßig deprimierte Narben
besonders an den Streckseiten der Hände wahrzunehmen. Etw f as
zartere Närbchen finden sich auch an den Wangen. Es dürfte sich
um eine Hydroa vacciniformis handeln. Differentialdiagnostisch
käme ein papulonekrotisches Tuberkulid in Frage. Im Harne ist
Hämatoporphyrin nicht nachweisbar.
S. Ehrmann kann den Fall nicht als Hvdroa vacciniformis an-
sehen. besonders wegen des Fehlens von Effloreszenzen am Ohr, Nasen¬
spitze und Fingern. Es könnten auch andere Substanzen -- nicht bloß
da« Hämatoporphyrin - durch ihre Lichtempfindlichkeit ähnliche Aus¬
schläge hervüirtifen.
ju. oenraineK demonstriert zuerst
«men rau von Pilz-
erkninkung in den Füllen. - Sodann ein 15jähriges Mädchen
dessen Erkrankung zur Diagnosestellung demonstriert wird Die
klinische Diagnose schwankt zwischen Poikilodermie, Lupus erythe¬
matodes, Sklerodermie resp. Morphaea. J
L. Arzt stellt 1. einen 9jährigen Knaben mit Driisen-
tumoren am Hals und Ellbogen, Fungus am linken Knie, pupulo-
nekrotischen Tuberkuliden an den Extremitäten. Daneben
besteht ein Lichen scrophulosorum; 2. einen 8jährigen, hereditär
belasteten Knaben mit Liehen scrophulosorum am Rücken und
an den seitlichen Thorax- und Bauchpartien vor.
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UMIVERSITY OF IOWA
262
1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9.
28. Februar.
R. 0. Stein stellt eine Pat. vor, die schon seit Jahren an
einer beiderseitigen Lungenspitzentuberkulose leidet, und bei der
während der letzten Gravidität an der Innenseite der Unterlippe
ein zweikronenstückgroßes Ulkus sich entwickelt hat. Der Substanz¬
verlust zeigt alle Charaktere eines miliaren tuberkulösen Ge¬
schwürs.
K. Ullmann: Heber Xanthomatosis. (Demonstrationsvor¬
trag.) U. demonstriert an einer Reihe von Diapositiven und histo¬
logischen Präparaten verschiedene Xanthome, und zwar 1. Xanthoma
planum idiopathicum, 2. Xanthoma symptomaticum tuberosum und
exantberoaticum, von Erwachsenen und Kindern stammend, 3.xantho-
matös degenerierte Tumoren (Fibrome, Myelome oder Sehnen¬
scheidensarkome). In allen finden sich Xanthomzellen. Vortr.
wendet sich gegen den Ausdruck Endothelzellen des Binde¬
gewebes, da es sich nicht um wirkliche Endothelien, sondern um
xantbomatös degenerierte Bindegewebszellen aus dem Perithel der
Gefäße, Drüsen, Follikel etc. handelt. Eine histologische Trennung
von idiopathischem und symptomatischem Xanthom ist trotz der
klinischen Versctjiedenheiten nicht durchführbar. Wahrscheinlich
dürfte es sich auch um dieselben Stoffwechselanomalien handeln.
Der Ausdruck Xanthomatosis kann festgehalten werden, da er
wohl die hereditäre Veranlagung zuläßt, aber den Nävuscharakter
ausschließt. U.
Berliner medizinische Gesellschaft.
Sitzung vom 20. Jänner 1915.
Bruck demonstriert einen Pat. mit einem Aneurysma in der
Gegend der Arteria anonyma und durch dieses bedingter Stenose
der oberen Luftwege und doppelseitiger Stimmbandlähmung.
v. Hansemann: lieber die Kallusbildung nach Knochen¬
verletzungen. Die Vorstellung, daß gebrochene Knochen mit
Kallusbildung heilen, ist so sehr in unser Empfinden übergegangen,
daß wir uns gar nicht vorzustellen vermögen, daß ein Knochen
anders als durch Kallus heilen kann. Von dem Kallus selbst nahm
man an, daß er in größeren Mengen erzeugt wird, als nachher
notwendig ist, und man hat hiervon ausgehend eine Theorie für die
Heilung von Gewebsdefekten überhaupt durch übermäßig produ¬
ziertes, luxurierendes Gewebe geschaffen. Für die Untersuchung
der Verhältnisse des Kallus sind am geeignetsten die Präparate
aus älteren Sammlungen, in denen man viol schönere und bessere
Exemplare findet als in neuerer Zeit, wo die Röntgendiagnostik
ein besseres Anpassen der Bruchenden ermöglicht; denn je stärker
die Bruchenden abgeknickt sind, um so stärker die Kallusbildung.
Aber auch wenn die Knochen noch so genau adjustiert sind, so
wachsen sie doch mit Kallusbildung zusammen. Das könnte man
als luxurierende Gewebsbildung deuten. Aber wenn man berück¬
sichtigt, daß zur statischen Inanspruchnahme nicht nur der
Knochen, sondern auch der Muskelzug gehört — daher heilen
auch die Rippen mit Kallus — und bedenkt, daß das Kallus¬
gewebe von geringerer Dichte ist als der Knochen, so kommt man
zu der Ueberzeugung, daß nicht mehr Gewebe gebildet wird, als
zur Konsolidation des Knochens nötig ist. Die Kallusbildung wird
durch andere Einflüsse, wie Eiterungen, Entzündungen usw., ge¬
fördert. Wenn man nun erreichen könnte, daß statische Belastung,
Belastung durch Muskelzug, entzündliche Reizung usw. fern¬
gehalten werden, so müßte der Knochen ohne Kallusbildung heilen
können. Der Beweis hierfür ist experimentell nicht einwandfrei zu
erbringen. Die Natur liefert aber selbst Beobachtungen, die einem
Experiment gleichkommen, nämlich in der Heilung der Schädel¬
knochen. Es ist auffällig, daß nicht nur Sprünge im Schädel,
sondern auch weitgehende Verletzungen mit Destruktionen ohne
Spur von Kallusbildung heilen; ja kleine Fissuren heilen so voll¬
ständig, daß man später Mühe hat, sie aufzufinden, und zwar
heilen die Teile um so glatter, je weiter sie von der Stelle eines
Muskelansatzes entfernt sind. Frakturen des Nasenbeins heilen
ohne eine Spur von Kallus. Auch unter den ungünstigsten äußeren
Verhältnissen finden diese Heilungen statt. (Demonstration von
Knochenpräparaten, von denen einige aus Peru, und zwar aus der
präkolumbischen Zeit stammten.) Der Zweck der Demonstration ist
darin zu suchen, daß man sich von der Vorstellung frei machen
muß, der gebrochene Knochen könne nur mit Kallusbildung heilen.
Mit dieser Erkenntnis fällt aber auch die Stütze für die Theorie,
wonach jeder Gewebsdefekt mit der Bildung luxurierenden Ge¬
webes zur Heilung kommt. F.
Aerztlicher Verein in Manchen.
Sitzung vom 13. Jänner 1915.
Crämer: Militärische Jugenderziehung. Resolution. Der
ärztliche Verein begrüßt den Ministerialerlaß über die militärische
Jugenderziehung als einen aussichtsreichen Fortschritt in der Richtung
der Forderungen, welche der ärztliche Verein seit Jahren erhoben hat,
er erklärt seine Bereitwilligkeit, bei der praktischen Durchführung
mitzuwirken. Er spricht seine Uebezeugung aus, daß dieser Fortschritt,
welcher angesichts der an uns herantretenden Forderungen erreicht
werden muß, nur dann erreicht werden kann, wenn erhebliche Mittel
baldigst dafür bereitgestellt werden, wenn die militärische Jugend¬
erziehung als ein Glied der allgemeinen körperlichen Durchbildung
des Volkes nicht nur während des Kriegs gleichsam als Not¬
standsarbeit organisiert, sondern auch nach dem Krieg als bleibende
Einrichtung ausgeschaltet wird. Wenn demgemäß auch der Lebr-
und ErziehuDgsplau für unsere Mittelschüler dem Ziele unter¬
geordnet wird und der intellektuellen und sittlichen Ausbildung
noch viel mehr als bisher eine gründliche körperliche Schulung an
die Seite tritt. Um dieses Ziel zu erreichen, fordern wir im Hin¬
blick auf die ernsten Erfahrungen des Krieges neuerdings auf das
dringendste, daß alles das, was berufene Lehrkräfte als überflüssi¬
gen Ballast in der Ausbildung unserer Jugend bezeichnen, endlich
vollends über Bord geworfen wird und daß durch Wegräumung
von Rückständigkeiten im Lehrplan ausgiebig Zeit für die mög¬
lichst vollkommene auch körperliche Durchbildung unserer ge¬
samten Jugend geschaffen wird. Der ärztliche Verein beauftragt
seine Schulkommission, alle für dieses Ziel nötigen Schritte zu
tun und darüber später zu berichten.
Schede: Heber Verhütung von fibrinösen Gelenkver-
steifnngen nach Scbnßverletznngen (insbesondere die unblutige
Mobilisierung). S. demonstriert Apparate, welche auf dem Hebel¬
prinzip beruhen und sehr billig herzustellen sind; mit ihnen ge¬
lingt es, versteifte Gelenke zu beugen und zu strecken und
schmerzlos stundenlang in der gewünschten Stellung zu erhalten.
Salzer: Scbnßverletznngen in der Augengegend. Bei den
hundertfünfzig zur Beobachtung gelangten Fällen unterscheidet der
Vortr. solche mit Perforation der Bulbushüllen und solche mit ein¬
fachen Quetschungen und Kontusionen. Bei den ersteren ergab
sich meistens die Notwendigkeit der Enukleation des Bulbus, wobei
die sympathische Erkrankung des anderen Auges niemals auftrat.
Kriegschirurgische Abende zu Lille (Frankreich).
Sitzung vom 6. Jänner 1915.
Kolle (Bern) bespricht zwei Themata: 1. Die Erzeugung
aktiver Immunisierung bei Gesunden. 2. Die Erzeugung
passiver Immunisierung bei Verwundeten. In einem histori¬
schen Ueberblick bespricht Vortr. die klinischen Arbeiten Pasteurs
und Jenners, geht dann über auf die Vakzinetheorie und die
Arbeiten Eh rlichs über aktive Immunisierung. Esfolgen Haffkines
Versuche mit Choleravibrionen, sowie die grundlegenden Arbeiten
R. Pfeiffers und Kolles über Antikörper (bakterizide Körper)
bei Cholera und Typhus (1894). Aus den Arbeiten der beiden
letzteren resultiert im wesentlichen, daß die Einverleibung abge¬
töteter Typhusbazillen große Blut Veränderungen im Körper hervor¬
ruft und so eine „Umstimmung des Körpers“ bewirkt. Die prakti¬
schen Ergebnisse dieser Tatsache, betreffend Cholera und Typhus,
sind folgende: Nichtgeimpfte erkrankten 3—lömal öfter als Ge¬
impfte. Der Krankheitsverlauf ist bei Geimpften ein leichterer, be¬
sonders bei Typhus. Die Ergebnisse der statistischen Unter¬
suchungen gehen dahin, daß, wenn auch keine absoluten Beweise,
sondern nur sichere relative bis heute anzuführen, doch eine ge¬
ringere Morbidität, Mortalität sowie ein leichterer Verlauf festzu¬
stellen sind. Es kommen folgende Arten von Impfstoffen in Be¬
tracht: 1. Bouillonimpfstoffe. Bei diesen ist die Gefahr der Ver¬
unreinigung eine große. Außerdem macht sie die zuweilen vor¬
kommende Mischung mit Tetanus unbrauchbar. 2. Agarimpf Stoffe
(Pfeiffer und Kolle). Diese sind für Cholera und Typhus ver¬
wertbar und haben den Vorzug größerer Reinlichkeit, 3. gibt es eine
Menge neuer Impfstoffe, die nicht verwendbar sind wegen schlechter
Antikörperbildung, 4. die Schüttelextrakte, die darum nicht ver¬
wendbar sind, weil sie sehr starke Reaktion lokaler Natur gö b ® n
und wenig Antikörper bilden. Betreffs der Herstellung der Impfstoi e
für Cholera und Typhus macht Vortr. auf die Auswahl der Stamm
aufmerksam: Immunisierungsbreite, Antikörperbildung, Budungs-
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28. Februar.
1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9.
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kraft und Affinität; desgleichen ist bei der Herstellung auf Gleich¬
mäßigkeit des Impfstofis und absolute Sterilität zu achten. Der
Sehnte der Typhusschutzimpfung ist ein relativer (vier bis sechs
Monate) und hält keinen Vergleich mit der Pockenimpfung aus.
Vortr. kommt nun zur Tetanusimmunisierung. Dieses Serum ist
im Gegensatz zum Typhus- und Choleraserum ein passives Im-
munisieningsserum. Seine Wirkungsdauer beträgt 3 Wochen. Es
stellt ein Antitoxin von Pferden dar, die mit Tetanustoxin hoch
immunisiert sind. Das Antitoxin ist kein Heilmittel bei ausge¬
sprochenem Tetanus. Die Immunisierung mit Antitoxin ist eine
absolute und wissenschaftlich festgelegte, was durch Tierversuche
and durch Erfolge in den meisten chirurgischen Kliniken nach¬
gewiesen ist. Autor verteidigt den Standpunkt, daß jeder Ver¬
wundete gespritzt werden soll; denn das Vorkommen von Tetanus
betrog bei Schwerverwundeten 2—3%* bei Leichtverwundeten
2 - 30 / 00 . Das Tetanusserum wirkt in gleicher Weise gegen die
verschiedenen Stämme. Eine Polyvalenz ist nicht vorhanden, im
Gegensatz zum Typhus. Wir sind heute imstande, hochwertige
Sera herzustellen. Die Einspritzung von Tetanusserum muß außer¬
ordentlich rasch erfolgen, womöglich schon auf dem Hauptverband¬
plätze, da das Tetanusgift sich schnell verbreitet. Auch leichte
Fülle von Tetanus sind beobachtet worden, je nach der Menge des
Tetanustoxins, namentlich, wenn die Wunden gleich nach der Ver¬
letzung ausgewaschen wurden. Die örtliche Verbreitung des Te¬
tanus ist noch zu studieren, da sie sehr verschieden ist. Nach den
Kämpfen bei Mühlhausen sah Referent von 1700 Verwundeten
56 Tetanusfälle. Serum war damals leider nicht vorhanden, was
daran lag, daß bestimmungsgemäß nur vierfaches Serum verwendet
werden durfte und dieses schwer zu erhalten ist. Referent schlägt
darum vor, auch zweifaches Serum zu gebrauchen und dies dann
in größeren Mengen zu injizieren. Diesbezügliche Vorschläge seien
ergangen. Vortr. spricht die Hoffnung aus, daß das Behringsche
Tetanusserum den Tetanus im deutschen Heere mit der Zeit ver¬
schwinden läßt.
Hahn (Freiburg) weist als entschiedener Anhänger der Typhus-
schutzimpfung darauf bin, daß diese sich mit der Choleraschutzimpfung
nicht vergleichen läßt, da erste re ungleich besser ist. Beim Typhus
haben wir Bakterien im Blute, bei der Cholera nur im Darm.
Es kann aber der Darm nicht so immunisiert werden, wie das Blut.
Betreffs der Herstellung der Impfstoffe ist Redner mit Ref. einver¬
standen: Die Impfstoffe müssen gleich dargestellt und gleich konzentriert
sein. Die Konzentration kann mit dem Auge gut geprüft werden. Eine
dreimalige Impfung, wie sie Kolle verlangt, ist im Felde schwer durch-
aafähren. Der Vorschlag, auch schwaches Tetanusserum anzuwenden, ist
annehmbar.
Peters hat im Seuchenlazarett zu Douai zuerst wenig Typhus¬
fälle beobachtet, dann allmählich mehr, dann hinwiederum eine Ab¬
nahme und Beit 2 Wochen wieder eine Zunahme, namentlich von
schweren Fällen. Es könnte dies mit der Impfung Zusammenhängen.
Von 37 Geimpften erkrankten 12 an Typhus (sechs ganz einwandfrei),
und zwar fand die Infektion 8 Tage nach der Impfung statt. Von 44 Nicht¬
geimpften erkrankten neun an Typhus. Es scheint nach der Impfung ein
Stadium gesteigerter Empfindlichkeit einzutreten und daher impfe man
nur da, wo nachher Schutz gegen Infektion besteht. Eine Wiederimpfung
nach 6 Monaten (Kolle) ist aus praktischen Gründen nicht Tätlich. Bei
der Darstellung des Impfstoffs sind Fehler unterlaufen, wahrscheinlich
infolge des großen Absatzes.
1111 mann berichtet von seinen Erfahrungen aus dem Lazarett in
Roubaix, namentlich auf pathologisch-anatomischer Grundlage. Sämtliche
Fälle, die ad exitum kamen, wurden seziert. Dabei stellte sich heraus,
daß durch die Impfung ein leichterer Verlauf des Typhus nicht garan¬
tiert ist. Alle Fälle zeigten eine außerordentlich starke Allgemein-
iiuektion, keine Perforation oder Embolie usw. Die Morbidität kann
beute noch nicht beurteilt werden; die Statistiken reichen dazu uicht
wb. Auch ein „Non nocet“ bei der Impfung ist nicht zutreffend. Durch
die Impfung werden Erkrankungen erzeugt, deren Gesamtcharakter
ortr. als „Typhus en miniature“ bezeichnet. Durch die Impfung wird
eine größere Erregbarkeit für die Erkrankungsmöglichkeit hervorgerufen.
10 starb ein Mann 2 Tage nach der Impfung.
p, Kriedberger j 8 t der Meinung, daß durch die Impfung nie eine
Kränkung hervorgerufen wird. Eine gleichmäßige Dosierung der Impf-
Sii!f j 11 ^ ^wendig; auch sind die Impfstoffe jetzt im Kriege nicht
d echt dargestellt, da es sehr leicht ist, sie zu erhalten. Der Typhus
dil Wj! annten Bazillenträger ist ganz anderer Art, da sich bei ihnen
niA* ^ en nur * n ( * er Gallenblase vorfinden. Die Tetanusfrage ist noch
tam wie Kollo meint. Außer dem Nikolaischen Te-
j- ® ö * zl Uus kommen wahrscheinlich auch noch andere Bazillen in Frage,
016 Tetanus erzeugen.
dftr T^ e ^ er darauf aufmerksam, daß die Art und die Länge
rans P or t e der Typhuskranken bei einer Statistik berücksichtigt
*wden müssen. B.
Kleine Mitteilungen.
Kriegschronik.
Der praktische Arzt Dr. L. Pollak in Graz ist, nach Thaler-
hof einberufen, der Flecktyphusepidemie daselbst zum Opfer ge¬
fallen; der A.-A.-St. Dr. S. Grienauer des D.-R. Nr. 15 hat am
nördlichen Kriegsschauplatz don Heldentod gefunden.
Das Professorenkollegium der Wiener medizinischen Fakultät
hat in seiner Plenarsitzung vom 17. d. M. beschlossen, an den
Unterrichtsminister folgende Resolution zu richten: „Nachdem es
in den letzten Jahrzehnten gelungen war, die vereinzelten einge¬
schleppten Blatterninfektionen zu unterdrücken, bevor größere
Epidemien entstanden, hat sich jetzt unsere sanitäre Gesetzgebung
gegenüber dem durch den Krieg verbreiteten Blatternkontagium
als unzulänglich erwiesen. In Wien allein sind schon über sieben¬
hundert Fälle gemeldet, und in den meisten Kronländern sind
Blatternherde konstatiert. Die gegenwärtigen Verhältnisse liegen
ganz ähnlich wie jene Preußens im Jahre 1870: unsere Zivilbevöl¬
kerung ist, wie damals die preußische — im Gegensatz zur Ar¬
mee — ganz ungenügend durchgeimpft. Preußen erfuhr damals
eine Blatternepidemie, die über 240 000 Personen ergriff und erst
im Jahre 1872, lange nach dem Friedensschlüsse, ihren Höhepunkt
erreichte. Diese Epidemie wurde Veranlassung zum Deutschen
Impfgesetze, welches die Blattern in Deutschland mit dem Jahre
1874 vollkommen ausgerottet hat, während die Nachbarstaaten,
darunter auch Oesterreich, noch jahrelang unter den Ausläufern
jener Kriegsepidemie zu leiden hatten. Auf Grund dieser Ana¬
logie können wir mit großer Wahrscheinliche^ Vorhersagen, daß
die gegenwärtige Blatternepidemie sich nach und nach immer weiter
ausbreiten und jahrelang hinziehen wird, wenn ihr nicht durch eine
energische Maßregel Einhalt geboten wird. Unter den verschiedenen
Maßnahmen, welche im Laufe der letzten 120 Jahre gegen größere Blat¬
ternepidemien versucht wurden, hat sich nur das deutsche Prinzip
der gesetzlichen Verpflichtung zur Impfung im ersten und
Wiederimpfung im elften Lebensjahre vollauf bewährt. Zur Ein¬
führung einer gleichen gesetzlichen Maßregel ist jetzt der Zeit¬
punkt besonders günstig, weil sie ohne die Schwierigkeiten einer
parlamentarischen Beratung auf Grund des § 14 erlassen werden
könnte. Das Professorenkollegium der medizinischen Fakultät in
Wien bittet demnach das Ministerium für Kultus und Unterricht,
die Erlassung eines Impfgesetzes dringend zu befürworten.“
* *
*
Aus Budapest wird uns berichtet: Im Ministerpräsidium
trat unter Vorsitz des Leiters der Regierung Grafen Stephan
Tisza eine Enquete in Sachen der Kriegskrüppelfürsorge
zusammen. In 63 Kriegshospitälern der Haupt- und Residenzstadt
Budapest befanden sich zur Zeit der Aufnahme der Statistik
21 680 Kranke, unter welchen 816 als Kriegskrüppel zu betrachten
sind. Allgemein wurde die Notwendigkeit der Errichtung eines
orthopädischen Spitales betont, was, wie dies in Wien geschah,
Aufgabe des k. k. Kriegsministeriums wäre. Graf Alex. Apponyi,
der Präses des Kriegsfürsorgeamtes im Parlamente, hebt hervor,
das Prinzip der Wiener Anstalt, nach welchem die Nach¬
behandlung mit dem Unterrichte verbunden ist, sei nachahmens¬
wert, weil diese Methode außer großer Zeitersparnis auch auf die
Psyche durch Erweckung von Vertrauen zur Zukunft im Invaliden
von großer Bedeutung ist. In Wien erfolgt der Unterricht
bereits in 21 Industriezweigen. Notwendig erscheint auch die
Gründung eines Invalidenheimes und eines Waisenhauses. Der
seit 50 Jahren einhändige Virtuose Graf Geyza Zichy stellt den
Erfahrungssatz auf, daß Einhändige nur von gleich beschaffenen
Leidensgenossen unterrichtet werden können. Von Aerzten be¬
teiligten sich Generalstabsarzt Hofrat Prof. Julius Dollinger
und Hofrat Prof. Arpäd v. Bökay an der Diskussion. Letzterer
betonte, daß nach dem Beispiele unserer Verbündeten in Gro߬
deutschland eine Einigung der Arbeitgeber zur Placierung der
Kriegskrüppel dringend notwendig sei. Der Direktor des statisti¬
schen Amtes Julius v. Vargha hob hervor, daß bei uns das Gros
der Krüppel dem Bauernstände entstamme, die womöglich auch
weiterhin für den Ackerbau zu erhalten seien. Schließlich reassii-
mierte der Einberufer der Enquete Graf Steph. Tisza, daß eine
Statistik sämtlicher Kriegskrüppel in der Monarchie mit Berück¬
sichtigung der Magyaren, ferner eine Direktive für die Behand¬
lung leichterer FäUe in Spitälern zusammenznstellen und je früher
die Budapester Zentralanstalt zur orthopädischen Behandlung zu
errichten sei. _ S.
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UNIVERSUM OF IOWA
1915 MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 9.
28. Februar.
264
(Militärärztliches.) Im militärärzt liehen Offizierskorps
wurden ernannt zu Generalstabsärzten die O.-St.-Ae. I. Kl. Doktoren
A. Grossmann, v E. Kunze; zu Oberstabsärzten I.Kl. die O.-St.-Ae.
II. Kl. DDr. F. Sulda, H. Rump, Sanitätschef der II. I.-Div.; zu
Oberstabsärzten II. Kl. die St.-Ae. DDr. A. Szijärtö, Sanitätschef
der 31.1.-Div.; Z. Belschan des I.-R. Nr. 63, J. Reuss, AV. Fröh¬
lich des I.-R. Nr. 48, E. Sükösd, W. Ploc des l.-R. Nr. 73,
M. Prager, Sanitätschef in Bileöa, J. Ziembicki, Kommandant
des Feld-Sp. Nr. 9/11, S. Seidner, E. Starrach des I.-R. Nr. 8,
S. Haus, Kommandant des Feld-Sp. Nr. 2/16, L. v. Cserey,
A. Knobel, Kommandant der I.-Div.-San.-A. Nr. 16, H. Chajes
des Militärkmdo. Leitmeritz, S. Smidskal, T. Majewski, Kom¬
mandant des Feld-Sp. Nr. 4/4, M. Papp, Kommandant des Feld-Sp.
Nr. 8/11; zu Stabsärzten die Titular-St.-Ae. DDr. W. Snetivy,
des I.-R. Nr. 45, G. Tarnowski des Monturdepots Nr. 2, A. Speeh
des I.-R. Nr. 31, AV. Soltykiewicz des Militärinvalidenhauses
AVien, J. Kowozsewicz des I.-R. Nr. 55, J. Mandl des I.-R. Nr. 50,
E. Fiscbl, F. Rebentisch des F.-A.-R. Nr. 4, die Regiments¬
ärzte DDr. A. Reich des I.-R. Nr. 83, J. Ryba, Kommandant des
mob. Res.-Sp. Nr. 6/13, S. Gilewicz, J. Reich, Sanitätschef der
2. Gebirgsbrigade, R. Göbel, P. Geisler, Kommandant des Feld-Sp.
Nr. 4/1, M. Sertiö, Kommandant des mob. Res.-Sp. Nr. 2/13,
O. v. Leliwa, A. Grohmann des F.-K.-R. Nr. 2, D. Muszynski,
Kommandant der K.-Div.-San.-A. Nr. 8, J. Munzar, F. Baxa des
F. -A.-R. Nr. 1, F. Konkal; zu Regimentsärzten die O.-Ae. Doktoren
A. Tichy des Garn.-Sp. Nr. 5, Z. Bozän des F.-K.-R. Nr. 6,
D. Toth des I.-R. Nr. 61, A. Ronge und K. Schreiner des
Garn.-Sp. Nr. 1, L. Fischer des Garn.-Sp. Nr. 14, S. Grob des
Garn.-Sp. Nr. 27, J. Prccechtel des Garn.-Sp. Nr. 2, E. Paiker
des Garn.-Sp. Nr. 5, J. Pf anzag I des Garn.-Sp. Nr. 1, E. Fabian
des Garn-Sp. Nr. 21, E. Miziura des Garn.-Sp. Nr. 15, M. Ma-
terna des Garn.-Sp. Nr. 11, R. Kaldeck des Garn.-Sp. Nr. 2,
K. Fischelhamer des Garn.-Sp. Nr. 10, M. Nowotny des Garn.-Sp.
Nr. 3, A. Neumann des Garn.-Sp. Nr. 7, L. Nocar des Garn.-Sp.
Nr. II; zu Oberärzten die A.-Ae.-St. DDr. M. Duda, E. 01 ah,
A. Lackner, F. Pucher, E. AVegmann, E. 4 unger und J. Feny ü
der Militärärztlichen Applikationsschule; zu Stabsärzten d. Res.
der Titular-St.-A. d. Res. Dr. K. Feistmantel des Garn.-Sp. Nr. 16,
die R.-Ae. d. Res. DDr. F. Fronius des Garn.-Sp. Nr. 25, G. Hay
des Garn.-Sp. Nr. 1; zu Regimentsärzten der Reserve die O.-Ae.
DDr. L. Fischer des Garn.-Sp. Nr. 19, J. Galfi des Garn.-Sp.
Nr. 18, R. Chiari des F.-K.-R. Nr. 6, T. Kern des I.-R. Nr. 23,
P. Odelga des l.-R. Nr. 4, J. Qy örgy des I.-R. Nr. 43, R. Kort-
s.ik des I.-R. Nr. 32, E. v. Schneider des F.-A.-R. Nr. 1, P. Za¬
cher des I.-R. Nr. 67, E. Lenke derSchw. H.-Div. Nr. 5, O. Hesky
des I.-R. Nr. 75, D. Dörner des I.-R. Nr. <18, A. Galambos des
I.-R. Nr. 78, G. Kabdebo des F.-H.-R. Nr. 7, A. Jankulov des
I.-R. Nr. 82, V. Spörr des 1. R. der T.-K.-J., P. Lazic des
Garn.-Sp. Nr. 25, A. Spanyol des F.-H.-R. Nr. 10, E. Lisznay
des I.-R. Nr. 82, J. Ossadnik des I.-R. Nr. 40, A. Lörincz des
l.-R. Nr. 52, R. Nothdurft des I.-R. Nr. 42, E. Davida des
F. -K.-R. Nr. 35, A. Purjosz des I.-R. Nr. 23, M. Scheiner des
G. -A.-R. Nr. 6; zu Oberärzten d. Res. 45 A.-Ae. d. Res.; zu
Assistenzärzten d. Res. 211 A.-A.-St. d. Res.; zu Stabsärzten in
besonderen und Lokalverwendungen die Militärärzte des Ruhe¬
standes der Titular-St.-A. Dr. M. Grabscheid des Platzkmdo.
Przemysl, die R.-Ae. DDr. T. Madincea der Pulverfabrik in Blumau
und K. Peharc des Militärinvalidenhauses Wien.
(Hochschulnachrichten.) Prag. Dr. A. Löwenstein für
Augenheilkunde an der deutschen Fakultät habilitiert, dem Privat¬
dozent der Chirurgie an der tschechischen Fakultät Dr. J. Pet fi-
valsky der Titel eines a. o. Professors verliehen. — Wien. Die
Titularprofessoren Dr. S. Fraenkel (Med. Chemie), Prim. Doktor
AV. Türk (Interne Medizin), ferner Priv.-Doz. Dr. R. Maresch
(Pathologische Anatomie) zu a. o. Professoren ernannt; den Priv.-Doz.
DDr. J. Zappert, J. Fabricius, L. Freund, R. Kienböck,
M. Oppenheim, H. Lorenz, E. Stransky, J. Wiesel und dem
o. Professor an der tierärztlichen Hochschule Wien Dr. K. Schwarz
der Titel eines a. o. Professors verliehen.
(Prophylaxe der Infektionskrankheiten.) Am 22. Fe¬
bruar hat das Ministerium des Innern im Einvernehmen mit dem
Ministerium für Kultus und Unterricht eine Verordnung, betreffend
die Absonderung Kranker, Krankbeits- und Ansteckungsverdäch¬
tiger sowie die Bezeichnung von Häusern und Wohnungen er¬
lassen, deren wichtigste Punkte wir reproduzieren: Als krank
gelten jene Personen, bei denen die Krankheit bereits festgestellt
ist, als krankheitsverdächtig solche, die Erscheinungen zeigen, die
das Vorhandensein der Krankheit vermuten lassen, als ansteckungs¬
verdächtig solche, die zwar keine Krankheitserscheinungen auf¬
weisen, bei denen jedoch bakteriologisch nachgewiesen ist, daß sie
als Träger des Krankheitskeimes anzusehen sind, oder bei denen
sonst feststeht oder erfahrungsgemäß anzunehmen ist, daß sie der
Ansteckung ausgesetzt waren und die Weiterverbreitung vermitteln
können. — Die Absonderung oder Verkehrsbeschränkung der
Kranken, Krankheitsverdächtigen und Ansteckungsverdächtigen
hat auf die Dauer der Ansteckungsgefahr derart zu erfolgen, daß
eine Weiterverbreitung der Krankheit hintangehalten wird. Die
Absonderung besteht in der Unterbringung der betreffenden Per¬
sonen in gesonderten Räumen. Unter den Verkehrsbeschränkungen
können eine bessere Meldepflicht, die sanitätspolizeiliche Ueber-
wachung, die periodische ärztliche Untersuchung usw. als selbstän¬
dige Maßregeln an geordnet werden. Der Besuch von Lehranstalten,
öffentlichen Lokalen und Versammlungsorten, die Benützung
öffentlicher Transportmittel u. dgl., ferner Beschäftigungen, die einen
häufigen Verkehr mit anderen Personen bedingen, können verboten
werden. Durch entsprechende Vorkehrungen ist Vorsorge zu
treffen, daß nicht durch die Aus- und Abscheidungen des Kranken,
Krankheitsverdächtigen oder Ansteckungsverdächtigen die Krank¬
heit weiterverbreitet werde. Auch kann angeordnet werden, daß
Tiere, vor allem sofern eine Weiterverbreitung der Krankheit
durch diese in Betracht kommt, ferngehalten oder beseitigt werden.
Welche der vorstehenden Verfügungen zu treffen sind, ist nach
Maßgabe der Bestimmungen dieser Verordnung fallweise auf Grund
des Gutachtens des zuständigen, im öffentlichen Sanitätsdienste
stehenden Arztes anzuordnen. — Boi Scharlach, Diphtherie,
Abdominaltyphus, Ruhr (Dysenterie), epidemischer Genickstarre,
Flecktyphus, Blattern, asiatischer Cholera, Pest, Rückfalltyphus,
gelbem Fieber oder Rotz sind die Kranken oder Krankbeits ver¬
dächtigen abzusondern. Bei AVochenbettfieber, Aussatz (Lepra)
oder AVutkrankheit und, wenn eine besondere Gefahr der Ueber-
tragung besteht, auch bei ägyptischer Augenentzündung (Trachom)
oder Milzbrand sind die Kranken abzusondern oder nach den Um¬
ständen des Falles lediglich bestimmten Verkehrsbeschränkungen
zu unterwerfen. Die Maßnahmen zum Zwecke der Absonderung
oder anderweitiger bestimmter Verkehrsbeschränkungen können
auch auf die mit der Wartung und Pflege des Kranken, Krank¬
heitsverdächtigen oder Ansteckungsverdächtigen betrauten und
daher gleichfalls als ansteckungsverdächtig anzusehenden Familien¬
angehörigen und Pflegepersonen Anwendung finden. Sind in den
Ausscheidungen Genesener bakteriologisch Krankheitskeime noch
nachweisbar, so kann bis zum Ablaufe von 10 Wochen, vom Be¬
ginne der Erkrankung gerechnet, die Absonderung aufrechterhalten
werden, die periodische ärztliche Untersuchung sowie allfällige
anderweitige Verkehrsbeschränkungen können nötigenfalls auch
über diese Frist hinaus verfügt werden. Ferner kann derartigen
Personen (Dauerausscheidern) eine besondere Meldepflicht auferlegt
werden. Gleichartig ist auch hinsichtlich der Bazillenträger vorzu¬
gehen. Der Zutritt zu den Abgesonderten ist außer bei Wochen¬
bettfieber, Aussatz und ägyptischer Augenentzündung (Trachom)
nur den im öffentlichen Sanitätsdienste stehenden sowie den zuge¬
zogenen Aerzten, den Seelsorgern und den mit der Wartung und
Pflege der Abgesonderten betrauten Familienangehörigen und
Pflegepersonen gegen Einhaltung der gebotenen Vorsichtsma߬
regeln gestattet. Den Studierenden der Medizin können zum
Behufe des Unterrichtes Kranke mit Abdominaltyphus, Ruhr
(Dysenterie), epidemischer Genickstarre, Wochenbettfieber, Rückfall¬
typhus, Aussatz (Lepra), ägyptischer Augenentzündung (Trachom),
Milzbrand, Rotz, Wutkrankheit vorgestellt werden. Bei Scharlach,
Diphtherie, Flecktyphus, Blattern und asiatischer Cholera ist
ihnen der Zutritt in die Absonderungsräume nur bei Einhaltung
der vom Vorstande der Absonderungsabteilung angeordneten Vor¬
sichtsmaßregeln zu gestatten. Bei Flecktyphus, Blattern und
asiatischer Cholera hat hiervon der Vorstand der Absonderungs¬
abteilung fallweise die Anzeige an die politische Bezirksbehörde
zu erstatten. Bei Blattern ist der Zutritt nur solchen Studierenden
gestattet, die nachgewiesenermaßen mit Erfolg geimpft und zeit¬
gerecht wiedergeimpft sind. — Weitere Bestimmungen betreffen
das Pflegepersonal und den Transport Infektionskranker.
Sitzungs-Kalendarium.
Freitag , 5. März, 7 Uhr. K. k. Uesellschaft der Aerzte. (IX., I' nln ^
gasse 8.)
Herausgeber, Eigentümer und Verleger: Erbau & S'-h warzenberg, Wien und Berlin. - Verantwortlicher Redakteur für Österreich-Ungarn: Karl Urban, Wien.
Druck von (iottlieb (iistol d ('io., Wien, 111.. Mmizgasse 6.
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Original frn-m
UNIVERSUM OF IOWA
Nr. 10.
Wien, 7. März 1915.
XI. Jahrgang.
Medizinische Klinik
Wochenschrift für praktische Ärzte
redigiert von
ProffeMor Dr. Kurt Brandenburg
Berlin
INHALT: Die Versorgen* der Yerwundeten und Erkrankten im Kriege: OberstabsarztProf. Dr. Th öle, Ueber Dum-Dum-Verletzungen, ß lit
1 Tifel.) Hofrat Prof. Dr. C. v. Noorden, Ueber die Bekömmlichkeit der Krie»sgebäcke und die Herstellung reinen Weizengebäcks für Kranke.
Dr.Fritz Munk, Die Behandlung innerer Krankheiten im Felde. Dr. Munter, Ueber Herzveränderungen bei Soldaten. J. Voigt, Kriegsrhirurgisches
m den ersten Wer Monaten des Krieges. — Berichte Über Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren : San.-Rat Dr.Buschan, Die Sojabohne —
ein Volksnahningsmittel. Dr. Benno Stein, Zur Kenntnis der Aleukämien und zur Therapie leukämischer Erkrankungen. (Fortsetzung aus Nr. 9.) —
ForncliDDgwrgebniiJse ans Medizin und Naturwissenschaft: Dr. V. Franz, Die Vererbung erworbener Eigenschaften im Lichte neuerer Forschungen.
- Beferatenteil: Sammelreferat: Priv.-Doz. Dr. med. et phil. Heinrich Gerhartz, Lungentuberkulose. — Ans den neuesten Zeitschriften. —
Btekerbesprechongen. — Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen : K. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien. Gesellschaft für
innere Medizin und Kinderheilkunde in Wien. Königliche Gesellschaft der Aerzte in Budapest. — Kleine Mitteilungen.
Der Verlag UhAU tUh dm aussehHtßUche Rieht der Vervielfältigung und Verbreitung der to dieeer Zeitschrift mtm SrteMnen gelan gende n Originalbetträgs vor.
Verlag von
Urban & Scliwaraenberi
Wien
Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege.
Ueber Dum-Dn m-Verletzungen 1 )
von
Oberstabsarzt Prof. Dr. Thöle, ber. Chir. d. XVIII. Res.-Korps.
Hierzu 1 Tafel mit 6 Abbildungeu.
Um die Frage zu beantworten, ob und woraus man
eine Dum-Dum-Verletzung sicher diagnostizieren könne,
wurden über 100 Schießversuche angestellt auf lebende
Rinder und Pferde (nach Vorversuchen auf Marmorplatten,
Holzbalken, Konservendosen). Schußdistanz 50 m. Das Dum-
Dum war ein S-Geschoß mit abgefeilter Spitze oder Zer-
schellerm unition.
Am auffallendsten ist der Unterschied zwischen der
Wirkung des S und F (französisches Geschoß) einerseits, des
Dum-Dum anderseits bei reinen Fleischschüssen.
InFascien, platten und runden Sehnen,
Ligamenten,dickeren Nerven: bei S und F feiner
Schlitz, bei Dum-Dum schon am Einschüsse fiinfpfennig- bis
markstückgroßer Faseiendefekt mit fetzigen Rändern, fetzige
Zerreißung runder Sehnen und Nerven. Dum-Dum zerschellt
echon durch den Widerstand der Haut: kleine Bleistückchen
im subcutanea Fettgewebe, auf der oberflächlichen Fascie,
in den obersten Schichten der Muskulatur, Ränder der Fascien-
wunden von Blei grau gefärbt, in sehnigen Bauchdecken neben
dem Hauptdurchschusse multiple kleine Löcher durch Blei¬
splitterchen.
In der Muskulatur: bei S und F feiner Kanal;
das Geschoß an Sehne oder Nerv zum Querschläger
wurde, plötzliche starke Erweiterung des Schußkanals. Haut¬
einschuß linsengroß, Hautausschuß nicht wesentlich größer.
Bei Dum-Dum riesige, sofort nach dem Einschüsse sich in
15 0 erweiternde trichterförmige Höhle, in der zerfetzten und
verfilzten Wandung sind Blei- und Mantelstückchen und nicht
mehr sichtbares Blei chemisch nachzuweisen; feine Neben¬
gänge durch Bleisplitter. Röntgen (Abb. 1): in dreieckigem,
v '°m Einschüsse zum Ausschüsse sich verbreiterndem Bezirk
Aussaat von Bleistüekchen (bei S und F nichts). Hautein¬
schuß wie bei S und F, Hautausschuß fehlt ganz bei sehr
dicker Muskulatur, unter der Haut der Ausschußseite steckt
der leere Mantel oder das typisch zur Spinnenform deformierte
»eschoß: die Streifen des von vorn aufgerissenen Mantels
8 md nach hinten umgebogen, darauf sitzt der rundlich ausge-
0 l ) Vortrag in der Versammlung der Sanitätsoffiziere zu Lille am
-■üezember 1914. Der in Nr. 51, Jahrg. 1914 dieser Zeitschrift, an-
f ndigte Vortrag des Herrn Professors Thöle (Hannover) folgt hier
® etwa * verkürztem Umfange.
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breitete Bleikem. Bei dünnerer Muskulatur zwei- bis fünf¬
markstückgroßer, fetziger Ausschuß, die Fetzen an der Fett¬
seite von Blei grau gefärbt.
Zwerchfell und Oesophagus: bei S und F
kleine Schlitze oder Löcher, bei Dum-Dum ausgedehnte Zer¬
reißung.
H e r z : bei S und F zeigefingerkuppengroßer Einschuß,
markstückgroßer Ausschuß, bei Dum-Dum reißt die ganze
untere Hälfte des Herzens in Fetzen ab. Große Gefäße:
bei S und F feiner Lochschuß mit kaum linsengroßen Löchern,
bei Dum-Dum Ausreißen eines 4 bis 5 cm langen Stückes,
Ränder zerfetzt und gequetscht. Die parenchy¬
matösen Unterleibsorgane, Leber, Niere,
Milz, werden auch durch S und F auf 50 m infolge hydro¬
dynamischer Wirkung stark zerstört, Wirkung des Dum-Dum
aber noch viel intensiver; z. B. i n L e b e r: bei S und F
sternförmiger Einschuß mit centralem Defekt von Markstück¬
größe und vier bis sechs radiären Rissen von 2 bis 6 cm
Länge, Ausschuß sternförmig zerfetzt mit drei- bis fünfmark¬
stückgroßem Defekt und 2 bis 6 cm langen Rissen. Bei
Dum-Dum der Einschuß handtellergroß, Ausschuß handgroß,
anschließend lange Risse.
Die Wirkung auf Hohlorgane, Magen, Darm,
Harnblase ist sehr verschieden, je nachdem sie leer oder
mit trocknem oder feuchtem Inhalte gefüllt sind; z. B. im
Magen: bei S und F. schlitzförmiger, für einen Finger durch¬
gängiger Einschuß, Ausschuß dreimarkstückgroß bei trock¬
nem Inhalt, über handgroß bei feuchtem Inhalte. Bei Dum-
Dum 2,5 bis 5 cm Durchmesser des rundlichen Einschusses
(daneben wohl auch noch kleine Löcher). Ausschuß fehlt am
gefüllten Pansen ganz, wenn er im großen Durchmesser ge¬
troffen ist, das Dum-Dum zerschellt im Inhalte, der Schuß läuft
tot wie ein Schrotschuß.
Die Wirkung auf die Lunge ist auch verschieden, je
nach Flüssigkeits- und Luftgehalt. In atelektatischer Lunge:
bei S und F enger Durchschuß wie in Muskulatur, bei Dum-
Dum markstückgroßer Einschuß, Ausschuß von 7 cm Durch¬
messer mit Rissen, Schußkanal trichterförmig. In emphyse-
matöser Lunge Einschuß bei Dum-Dum klein wie bei S und F,
Ausschuß talergroß, das heißt: die Dum-Dum-Wirkung nimmt
mit Zunahme des Luftgehalts und damit verbundener Ab¬
nahme des Gewebswiderstandes ab.
Auf Diaphysen hat Dum-Dum eine intensivere, aber
weniger extensive Wirkung als S und F. Bei S und F centrale
Zertrümmerung in kleine Splitter und Grus in 3 bis 6 cm Aus¬
dehnung, anschließend nach oben und unten grobe Splitterung
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UNIVERSITY OF IOWA
266
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10.
7. Mürz.
in je 7 bis 10 cm Länge. Hautausschuß meist groß, 3 bis
5 cm, lappig fetzig, voll Knochengrus. S wird deformiert:
Basis platt gedrückt, Basalring des Mantels reißt ein oder ab,
Bleikern wird hinten zum Teil herausgequetscht. F ist oft
hirtenstabförmig verbogen, kleine Messingstückchen sind ab¬
gerissen. In der Muskulatur vor dem Knochen ist ein enger
Gang, dahinter liegt eine faustgroße Höhle. Bei Dum-
Dum ist die Zone der Zertrümmerung in kleinste Splitter
8 bis 9 cm lang, der Grus grau wie Erde, die Zone der groben
Splitterung ist nach beiden Seiten nur noch 4 bis 5 cm lang.
Hautausschuß fehlt an dicker Extremität, weil die Wirkung des
zerschellenden Geschosses sich im Knochen nahezu erschöpfte.
In der Muskulatur vor dem Knochen große trichterförmige
Höhle, dahinter zwar breite, aber nur noch flache Höhle
mit Nebengängen, in beiden Höhlen grauer Knochengrus und
Splitter, dazwischen Bleistückchen und Mantelfetzen
(Röntgen s. u.).
An weichen Epiphysen bei S und F: Lochschuß:
an festeren: trichterförmige Höhle voll Knochengrus; an noch
festeren: Splitterung fast wie an Diaphysen. Hautausschuß
beim Lochschusse klein, sonst zwei- bis fünfmarkstückgroß
und fetzig. In der Muskulatur hinter dem Knochen beim
Lochschusse nur eine mandelgroße Höhle, sonst große Zer¬
reißung. S und F werden auch an harten Epiphysen de¬
formiert. Dum-Dum macht nie einen Lochschuß, sondern
immer starke Zertrümmerung. Hautausschuß kann fehlen,
oder an der Ausschußseite finden sich mehrere kleine durch
Splitter erzeugte Wunden, oder der Ausschuß ist nicht größer
als der Einschuß. Vor dem Knochen markstückgroßer
Defekt in Fascie und platter Sehne, hinter dem Knochen
in Muskulatur faustgroße Höhle.
Der S c h ä d e 1 zerplatzt bei S und F im ganzen nicht,
Basis bleibt heil. Knocheneinschuß klein, meist ohne
Splitterung. Knochenausschuß zwei- bis fünfmarkstück-
groß. zackig mit unregelmäßigen Sprüngen. Die grobe
Gehirnverletzung ist umschrieben, ein daumendicker Kanal
herausgepflügt. Hautausschuß zwei- bis fünfinarkstück-
groß zerfetzt. S stark an der Basis deformiert, die
Spitze bleibt fast immer intakt. Dum-Dum setzt auf 50 m
Zertrümmerung des ganzen Schädels und Gehirns. Knochen¬
einschuß wenig größer als bei S und F, Knochenausschuß ge¬
waltig. Das ganze Schädeldach und die Basis in größere und
kleinere Stücke zerbrochen. Gehirn durch Knochen- und Ge¬
schoßsplitter total zertrümmert. Hautausschuß kann fehlen,
oder man findet nur kleine Wunden durch Splitter.
I n S u m m a ist also die Wirkung von S und F gleich,
nur wird das längere F leichter zum Querschläger. Dum-Dum-
Wirkung geht mehr in die Breite als in die Tiefe im Vergleiche
zum S und F. Durch die große Energieabgabe des sich defor¬
mierenden verbreiternden Geschosses sinkt die Durch¬
schlagskraft.
Für die klinische Diagnose Dum-Dum-Verletzung
kommt der Hauteinschuß nicht in Betracht, er verhält sich
wie bei S und F. Der Hautausschuß ist, wie gesagt, bei
Dum-Dum sehr verschieden. Bei reinen Fleisch¬
schüssen ist beweisend für Dum-Dum: 1. Vorhandensein
multipler kleiner Wunden an Stelle oder neben einem Haupt-
ausschusse; 2. Graufärbung derHautausschußfetzen durch Blei;
3. Stecken des von der Spitze her aufgesplitterten
Mantels in einer Wunde an der Ausschußseite; 4. auf dem
Röntgenbild Aussaat von Bleistückchen oder Schatten von
Mantelfetzen. Das alles ist beweisend, denn Zerschellen eines
normalen Mantelgeschosses kommt bei reinen Fleischschiissen
nicht vor. Nicht beweisend sind: 1. Fehlen eines Ausschusses
(kann auch bei S, auch bei kleinem Einschüsse Vorkommen);
2 . großer fetziger Ausschuß (ist auch vorhanden, wenn S und
F im Körper zum Querschläger wurden). Die Form des Aus¬
schusses ist zwar verschieden, aber mit Vorsicht zu bewerten.
Granatsplitter können natürlich Ausschüsse von jeder
Größe und Form machen, aber dabei ist der Einschuß nicht
klein und rund, wie er es gleichmäßig bei S, F und Dum-Dum
ist (wenigstens beim Beschießen von Rindern und Pferden).
Die Unterscheidung zwischen Dum-Dum- und Granat¬
verletzung stößt auf keine Schwierigkeit.
Unsicherer ist die Entscheidung zwischen S und F oder
Dum-Dum-Wirkung bei Knochenschüssen, denn auch
S und F setzen großen Ausschuß, wenn sie mit genügender
Kraft auftrafen, anderseits kann auch bei 8 und F ein Aus¬
schuß trotz großer Knochensplitterung fehlen. Nicht einmal
bleigraue Verfärbung von im Ausschüsse steckenden
Knochensplittern oder von Hautfetzen am Ausschüsse, Blei¬
stückchen oder Mantelfetzen in der Wunde, multiple Wunden
an der Ausschußseite sind beweisend für Dum-Dum, denn an
harten Knochen zerschellt auch das S.
Derklinische Beweis fürDum-Dum ist hier
ohne Röntgenphotographie nicht zu erbringen.
Beweisend sind im Röntgenbilde: 1. Das typische
Bild der Spinnenform (Abb. 3) — wie anderseits durch das
deutliche Bild der intakten Geschoßspitze Dum-Dum-Ver-
letzung ausgeschlossen wird.
2. Aussaat von Bleistückchen in dicker Muskulatur
vor dem Knochen vom Einschuß an — wie beim reinen
Muskelscluisse (Abb. 4) —, nicht beweisend wären einzelne
Bleischatten (zwischen Knochensplitterschatten) in 2 bis 3 ein
Breite vor dem Knocheneinschusse, denn wie die Knochen¬
splitter, so können natürlich auch Bleisplitter des erst am
Knochen zerschellenden S gegen den Einschuß hin eine
Strecke weit zurückgeschleudert werden. Dieser Beweis gilt
also nur, wenn vor dem Knochen eine genügend dicke
Muskelschicht liegt.
3. Massenhafter dichter Bleischatten bei Epiphysen¬
schuß, zumal bei Steckschuß (Abb. 3 oben), denn völliges
Zerschellen des S kommt an Epiphysen nicht vor (in Abb. 5
unten mir Knochensplitterschatten am Ausschuß!).
4. Massenhafter dichter Bleischatten hinter Diaphysen-
fraktur bei Steckschuß (Abb. 3 unten), denn wenn ein S in
dünner Extremität stecken bleibt, ist es mit geringer leben¬
diger Kraft eingeschlagen und wird nicht so deformiert, daß
das ganze Blei zerspritzt.
5. Ueberhaupt dürfte so massenhafter Bleischattcu
wenigstens beim Menschen für Dum-Dum sprechen, verein¬
zelte isolierte Bleischatten allein dagegen für S. — Hinter der
Fraktur sind auch bei S zahlreiche Bleisplitterschatten (Abb. tf
sieht hinter dem Knochen wie 4 und 2 aus). Aus Abb. 2
könnte niemand Dum-Dum diagnostizieren, da vor dem
Knochen, vielleicht nur infolge ungünstiger Projektion, die
Bleisplitterstraße fehlt, auch das Bild des typisch zur Spiimen-
form deformierten Geschosses fehlt. Einzelnen Mantelfetzen
kann man nicht ansehen, ob sie durch Aufreißen von vom
(Dum-Dum) oder von hinten (S) entstanden sind. Aus Art
und Grad der Knochensplitterung ist kein Schluß zu ziehen.
Die klinische Diagnose Dum-Dum-Ver¬
letzung ist also bei Knochen Schüssen ohne
Röntgen unmöglich, mit Röntgen meist
möglich, bei Fleisch Schüssen mit R ö n t g e n
i m m e r m ö g 1 i c h , ohne Röntgen m e i s t n i c h t.
Erklärung der Abbildungen.
1. Röntgenbild eines Dum-Dum-SchuSses in die Adductoren des
Pferdes. Muskeln zwecks Photographierens ausge¬
schnitten.
2. „ eines Pferdeoberschenkel- (Femur-) Schusses mit
Dum-Dum.
3. Oben. Röntgenbild eines Pfenleunterann- (Radius-) und Carpal¬
gelenkschusses mit Dum-Dum (letzterer Steck¬
schuß).
Unten. „ eines Pferdeunterschenkel- (Tibia-) Schusses
mit Dum-Dum (Steckschuß).
4. Röntgenbild eines Pferdeoberarm- (Humerus-) Schusses mit Dum-
Dum.
;) - » eines Pfrnleunterarm- (Radius-) und Carpalgrlcuk-
sclmsses mit S (PurehsehiisMM.
ü- » eines Pferdeoberarm- (Humerus-) Schusses mit S
(Durchschuß!
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UNIVERSUM OF IOWA
7. März.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10.
267
lieber die Bekömmlichkeit der Krlegsgebiicke
and die Herstellung reinen Weizengebäcks
für Kranke 1 )
von
Hofrat Prof. Dr. C. Ton Noorden, Frankfurt a. M.
1. Die Frage nach der Bekömmlichkeit der Kriegsgebäcke
läßt sich nicht allgemeingültig beantworten, da die Beschaffenheit
des Brots in hohem Maße von der Backteelinik abhängt. Die
Waren der verschiedenen Bäckereien sind ungleichwertig. Es
lagen hier Proben von auswärtigen Bäckereien vor, die bei weitem
nicht so befriedigten wie der Durchschnitt der in Frankfurt her-
gestollten. Die Unterschiede erstrecken sich auf Zähigkeit, Kau¬
barkeit, Feuchtigkeit und Haltbarkeit, ferner auch auf Schmack¬
haftigkeit. Es ist nicht zu verkennen, daß die Güte der Gebücke
jetzt, nachdem die Bäcker sich mit der Technik besser vertraut
gemacht haben, wesentlich zugenommen hat.
Die Frage, ob die Herstellung reinen Weizen-
pebleks für Kranke gestattet werden solle, betrifft nur
Patienten mit ernsten organischen Erkrankungen der Yerdauungs-
nrgaiu» und Fiebernde. Brot aus reinem Roggenmehl und solches
aus reinem Weizenmehle sind für die Ernährung dieser Kranken
nicht gleichwertig, da Roggenbrot meist eine etwas zähere Be¬
schaffenheit hat und sich nicht so leicht zu einem gleichmäßig
feine» Brei zerkauen läßt; es kann daher störende mechanische
Heize ausüben, die beim reinen Weizenbrote wegfallen.
2. Es ist nicht zu leugnen, daß auch bei anscheinend magon-
<md (larmgesundcn Personen — insbesondere bei solchen, die
früher nur Weißbrot aßen — gewisse Verdauungsstörungen nach
dein Genüsse des Roggen-KartofFelbrots vorgekommen sind, ins¬
besondere unerwünschte Gasbildung. Es war vorauszusehen, daß
ftald Gewöhnung eintreten werde, worauf muh schon N. Zuntz
Iiiuwies. Iu der Tat sind die Klagen, wenigstens hier, fast ganz
verstummt.
Ganz anders liegt die Sache hei Weißbrot, das aus 70 0 0
durchgemahlenen Weizenmehls und 30 °/ 0 durchgemahlenen
Koggcnmehls hergcstellt ist. Die hier in Frankfurt hergestellten
Writtbrötchen dieser Art befriedigen vollkommen, sowohl in bezug
auf Geschmack wie auf Kaubarkeit. Sie lassen sich zu einem
ebenso feinen Brei zerkauen wie das frühere Weißbrötchen aus
uinem Weizenmehle. Die Kaubarkeit wird noch erhöht, wenn man
das Gebäck in Scheiben schneidet und röstet, wozu es sich vor¬
trefflich eignet. Da es nur darauf ankommt, unter gewissen Um¬
wänden mechanische Reize auszuschließen und Gärungen größerer
Brocken vorzubeugen, ist damit vom ärztlichen Standpunkt aus
allen Anforderungen Genüge getan.
3. Durch kurzes Erwärmen im Backofen erhält das alt¬
backene Weißbrötchen vorübergehend wieder Konsistenz und Ge-
^hmack des frischen; doch muß es dann noch warm oder un-
mitrelbar nach dein Erkalten verzehrt werden. Sonst wird es
troekner und zäher als vorher.
hie Ansicht, daß von andern Gesichtspunkten aus roggen-
imhlhaltige Gebücke für Zwecke der Krankenkost gegenüber ent¬
brechende» Gebacken aus gleich feingemahlenem reinem Weizen¬
mehle minderwertig seien, muß als ein weitverbreitetes Vorurteil
^zeichnet werden. Die chemische Zusammensetzung beider
Mehle ist nahezu die gleiche. Weder aus ihr noch aus den bio¬
logischen Versuchen ergibt sich irgendein Anhaltspunkt, der auf
stärkere Belastung von Magen und Darm mit Verdauungsarbeit
'hirch Koggenmelil hinwiese. Das Roggenmehl enthält aber einen
g» wissen, für die Verdauungswerkzeuge völlig gleichgültigen Färb-
der ihm die graue Farbe verleiht und ihm in den Augen
mancher ein weniger unschuldiges Aussehen gibt. Nur darauf
, mi die Ansicht schwerer Verdaulichkeit — gleiche meeha-
liischt* Zerkleinerung vorausgesetzt! — gründen. Es ist diese An-
' 1( ht also ein Vorurteil, das gleichsam der Sinnesästhetik ent-
■“pnngt und das bis zu einem gewissen Grade bei der Beurtei-
,ln g des W< ißen und des dunklen Fleisches wiederkehrt.
Auf solche Gesichtspunkte brauchen wir in jetziger Zeit
Nücksicht zu nehmen. Die Frage, ob man nicht eine Be-
•'hinitiniiir f nvirken solle, daß auf ärztliche Bescheinigung hin
HiriC' A\ eizengehäck abgegeben werden dürfe., ist bereits in ärzt-
l<lu:ri erörtert worden. Auf eine Rundfrage, die kürzlich
'on d< i* Redaktion der Deutschen Medizinischen Wochenschrift
^ging. äußerte sich die zuständige Kommission des Aerztlichen
r ,, ’ ^ U( 'b einem Gutachten, erstattet ain '22. Januar 1915 in der
■-nKiurter Städtischen Lebensmittelkommission.
Vereins in Frankfurt a. M. verneinend. Eine solche Bestimmung
würde zu großem Mißbrauche führen, da das Publikum von einem
Standpunkt ausgeht, der nicht zutrifft, und den Arzt vielleicht
in vielen Fällen zur Ausstellung einer Bescheinigung drängen
würde, wo es nicht nötig ist. An mich ist in den letzten zwei
Wochen auch eine ganze Reihe von Gesuchen ergangen, ich möge
bescheinigen, daß dieser oder jener Patient nur reines Weizenbrot
oder Weizenzwieback vertragen könne. Ich habe sie sämtlich ab¬
gelehnt; es mag aber zur Kennzeichnung der Lage erwähnt sein,
daß die meisten solcher Gesuche nicht von Kranken mit wirklich
ernsten Magen- und Darmleiden ausgingen, sondern von nervösen
und überängstlichen Leuten, die sich einbildeten, nur feinstes
Weizengebäck vertragen zu können.
Was über Weißbrötchen gesagt ist, gilt auch für Zwieback
und ähnliche Gebäcke.
Falls man sich doch entschließen sollte, für Kranke reines
Weizengebäck herzustellen, möchte ich empfehlen, nicht das
Backen frischer Brötchen, sondern nur von Weizendauerware zu
gestatten (Zwieback), und mit deren Verkauf nicht die Bäckereien,
sondern die Apotheken zu beauftragen. Für das wohlhabende
Publikum müßten sie zu hohem Preise abgegeben werden; für
Bedürftige auf ärztlichen Vermerk hin zu entsprechend billigerem
Preise. Diese Weizenzwiebäcke dürften nur auf ärztliches Rezept
hin für bestimmte in dem Rezept genannte Kranke käuflich sein
und dürften nur in kleinen Mengen verschrieben werden.
Wenn es aus wirtschaftlichen Gründen vermeidbar ist,
möchte ich abraten, einen Zusatz von Kartoffelmehl zum Weizen-
Roggen-Weißbrötehen vorzuschreiben. Ein solcher Zusatz würde
vielleicht Mißtrauen gegen die Bekömmlichkeit des Gebäcks für
Kranke wachrufen. Es liegen keine Erfahrungen vor, womit man
dem begegnen könnte. _
Die Behandlung innerer Krankheiten im Felde
von
Dr. Fritz Munk,
Assistent der II. medizinischen Klinik der Kgl. Charite,
zurzeit Feldlazarett Schloß Th. ... i. E.
Zn einer Zeit, in der im Felde tägliche Märsche mit täg¬
lichen Gefechten abwechselnd die Truppen beschäftigen, beherrscht
das chirurgische Handeln die Stunde, und das Interesse an Inner-
liehkranken muß begreiflicherweise zurücktreten. Nur Leicht-
kranke, deren Zustand es erlaubt, können von der Truppe in be¬
schränkter Zahl mitgeführt werden, die übrigen werden auf
kürzestem Weg in rückwärtige Lazarette abgegeben. Tatsächlich
ist auch gerade in der Gefechtszeit die Zahl der Kranken verhält¬
nismäßig gering. Unwillkürlich hat der Arzt in dieser Zeit für
kleine Beschwerden und leichte Krankheitserscheinuugen kein Ohr
und keinen Sinn. Ebenso hat auch jeder Mann selbst das
Empfinden, daß angesichts des großen Vemichtens und des
Kampfes um Leben und Tod nicht allein auf dem Schlachtfelde,
sondern auch auf dem Verbandplatz und in den Lazaretten kleine
Störungen des Befindens überwunden und getragen werden müssen.
Haben die Truppen Ortsunterkunft bezogen, sind ihnen Ruhe¬
tage gewährt oder die militärischen Operationen für einige Zeit
zum Stillstände gekommen, so melden sich häufig in um so größerer
Zahl die Leichtkranken, die sich auf dem Marsche noch mitge¬
schleppt haben, mit Herz- oder Magenbesehwerden, mit Schmerzen
und Reißen da und dort, ohne daß es dem Arzt in vielen Fällen
gelingt, für die vielerlei Beschwerden objektive Befunde festzu¬
stellen. Bei dem durch ein echtes vaterländisches Empfinden ge¬
hobenen Geist und dem in der Erkenntnis der Gefahren des
deutschen Volkes von ernstem Pflichtbewußtsein durchdrungenen
Willen unserer Truppen kann von einer auch nur einigermaßen
generellen Neigung zur Drückebergerei wirklich nicht die Rede
sein. Es ergibt sieh darum die unabweisbare Pflicht für den Arzt,
I den Beschwerden vorurteilsfreien Glauben zu schenken und durch
eine gründliche Untersuchung Rechnung zu tragen, wenn er nicht
die schwere Verantwortung für die Folgen mancher unverdienten
! Kränkung auf sieh und den gesamten Aerztestand laden will.
| Die Beurteilung der Symptome und Beschwerden, die Pro-
| gnose der Krankheiten ist darum eine der schwersten Aufgaben des
Feldarztes, die mitunter an seine Geduld und Ausdauer, an seine
I Nerven größere Ansprüche stellt, als dte Tätigkeit bei der Vcr-
: wundetenfürsorge im Felde. Der Maßstab, mit dem die subjektiven
I Beschwerden der Kranken im Felde gemessen werden können,
1 unterscheidet sich naturgemäß von der im Zivilleben üblichen und
I möglichen Einschätzung derselben. Gemäß der Härte des Kriegs-
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UNIVERSUM OF IOWA
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10.
7. März.
268
lebens herrscht auch Ärztlicherseits unwillkürlich eine gewisse not¬
wendige Härte in der Berücksichtigung der Krankheitsbeschwerden.
Die praktische Grenze in dieser Hinsicht ist ja allerdings in der
Notwendigkeit der Bewegungsfähigkeit der Truppe gegeben, die
durch Kranke nicht behindert sein darf. Immerhin kommen für
den Truppenarzt außer den rein ärztlichen notwendigerweise auch
militärische Gesichtspunkte bei der Krankenfürsorge in Betracht,
sodaß er sich fast in jedem Fall in einem gewissen Konflikt be¬
findet. Einerseits muß es sein Bestreben sein, die Stärke seiner
Trappe zu erhalten und darum seine Kranken möglichst selbst zu
behandeln; anderseits stellen sich seinem Wunsche, dem Kranken
eine entsprechende Behandlung widerfahren zu lassen, häufig die
Unzulänglichkeit seiner Mittel entgegen. Dennoch ist in der Tat
dor Truppenarzt am besten in der Lage, den subjektiven und
objektiven Krankheitserscheinungen diejenige Berücksichtigung zu¬
kommen zu lassen, welche eine Zeit erlaubt, in der ein Mann für
das Leben des andern einzustehen hat und das Vaterland jeden
Mann im Felde braucht. Er kennt seine Leute, teilt mit ihnen
alle Anstrengungen, macht täglich die Erfahrung, wie oft ein
guter Zuspruch oder auch ein brüskes Abweisen genügt, um
Schmerzen verschwinden zu machen oder der erlahmenden Energie
wieder aufzuhelfen. Er sieht aber auch die Tapfersten und Willens-
siärksten fallen und dies läßt ihm nicht zu, den Willensschwfich-
ling zu begünstigen. Aus diesem kriegskameradschaftlichen Ver¬
hältnisse des Truppenarztes zu seinen Kranken erwächst eine Be¬
urteilung der Krankheitsbeschwerden, welche trotz der manchmal
unvermeidlichen Härte von den Soldaten selbst als durchaus gerecht
empfunden wird.
Unwillkürlich und psychologisch auch durchaus erklärlich
macht sich ein Unterschied in der Auffassung der Krankheits¬
erscheinungen seitens der Truppenärzte und der Aerzte in weiter
zurückliegenden Lazaretten geltend. Letztere stehen den Kranken
lediglich als Arzt gegenüber. Der Eindruck des harten blutigen
Knegslebens und dessen Anforderungen sind ihnen meist nicht in
unmittelbarem Maße vertraut. Das Bewußtsein, daß jeder fehlende
Mann für den zurückbleibenden Kameraden die Gefahr erhöht, ist
nicht so lebhaft wie beim Feldarzt. Selbst persönlich unbeteiligt
an den Anstrengungen des Felddienstes, bringt der Lazarettarzt
dem kranken Soldaten eine erhöhte Nachsicht und Mitleid ent¬
gegen. Dies alles zeitigt eine im Gegensatz zu dem rauhen
Kriegsleben wesentlich weichlichere Luft, die aber die Heilung der
Kranken nicht immer fördert, zumal dann nicht, wenn es sich
mehr um subjektive Beschwerden handelt, die eine Stärkung des
Willens erfordern. Dazu kommen auch bei dem Kranken selbst
Momente, die seinen Willen zur Genesung beeinträchtigen können.
Während im Operationsgebiete seine Gedanken mehr zu den Ka¬
meraden, zu seiner Truppe hingerichtet sind, neigen sie schon in
der Etappe mehr nach der Heimat hin and ohne wissentliche
oder absichtliche Aggravation seiner Beschwerden wird seine
psychische Widerstandskraft dabei in ungünstigem Sinne berührt.
Noch stärker werden in manchen Fällen gewisse Willenshemmungen
ausgebildet, wenn der Kranke in einem heimatlichen Lazarett eine
wohlgemeinte, aber in körperlicher und geistiger Hinsicht über¬
trieben verweichlichende, und darum unzweckmäßige Pflege erfährt,
oder gar in einem Erholungsurlaub die Familien- und Geschäfts¬
interessen für längere Zeit wieder in vollem Umfange betätigt hat.
In weiser Erkenntnis dieser natürlichen Tatsachen ißt darum
in der Kriegssanitätsordnung die Behandlung innerer Krankheiten
im Felde durch ausgezeichnete sachgemäße Vorschriften vor¬
gesehen. Mit Recht wird von militärärztlicher Seite die Zurück¬
haltung der Leichtkranken im Operationsgebiete mit großer Energie
di*rcbgoführt. Außer der Behandlung der Kranken in den Orts-
krankenstuben durch die Truppenärzte selbst kommen hierfür noch
die Einrichtungen der FeldsanitfttBformationen, der Sanitäts¬
kompagnie und des Feldlazaretts in Betracht, entsprechend dem
§ 66 der Kriegssanitätsordnung:
Bei längerer Ortsunterkunft wird der Sanitätsdienst ähnlich
wie im Friedensstandorte geregelt. Nach Bedarf richten die Truppen
Ortskrankenstuben, die Kommandobehörden unter Mitwirkung
der Korps- und Divisionsärzte sowie der Intendanturen Orts¬
lazarette — unter der Leitung von Chefärzten — ein, beides
unter Verwendung etwa vorhandener Krankenhäuser und ähnlicher
Anstalten oder im Anschluß an solche. Das Personal ist auf An¬
ordnung der Kommandobehörden der Truppe oder den Sanitftts-
formationen zu entnehmen. Für die Ortslazarette gelten die Be¬
stimmungen für Feldlazarette.
Gemäß diesen Bestimmungen und der an einem großen Teile
der Westfront herrschenden stationären Kriegslage ist hier die
Tätigkeit der Mehrzahl der Aerzte der Sanitätskompagnien und
Feldlazarette auf die Kraukenfürsorge in Ortskrankenstuben und
Ortslazaretten beschränkt. Der Stellungskrieg bringt es außerdem
mit sich, daß, abgesehen von gelegentlichen Angriffen, Verwundete
nur vereinzelt Vorkommen und an den meisten Orten die innerlich
Kranken das Hauptkontingent ärztlicher Fürsorge ausmachen.
Die Sanitätskompagnien sind für die Tätigkeit der Kranken¬
fürsorge vollkommen auf die vorhandenen Einrichtungen ange¬
wiesen. Demgegenüber gestatten die Einrichtungen und der Etat
der Feldlazarette zum Teil aus eignen Mitteln die Einrichtung von
Ortslazaretten in geeigneten Räumlichkeiten (Schulen, Fabriken,
Schlösser usw.). Natürlicherweise haben die militärischen Kom¬
mandos, denen die Feldlazarette angehören, das Hauptinteresse an
der Behandlung derjenigen Kranken, die in absehbarer Zeit wieder
felddienstfäbig werden und durch das Verbleiben innerhalb der
eignen Sanitätsformationen den Truppenteilen erhalten bleiben.
Dieses partikularistische Interesse ist neben den oben ausgeführten
allgemeinen ein weiterer Gesichtspunkt für die Bewertung der
Behandlung innerer Krankheiten im Operationsgebiete, deren Um¬
fang allerdings stets seine Grenze in den durch die örtlichen Ver¬
hältnisse gegebenen Möglichkeiten finden muß. Die Zahl der Tage
der Krankheitsdauer, welche bei den in das Ortslazarett aufzu-
nehmenden Kranken maßgebend sein kann, läßt sich bei gegebener
Bettenzahl beinahe mathematisch berechnen. Bei einer Belegstärke
von 100 und einem täglichen Zugänge von zehn Kranken darf die
durchschnittliche Krankheitsdauer der transportfähigen Kranken
nicht mehr als zehn Tage betragen. Dabei darf die Bereitschaft
des Lazaretts für die Aufnahme Verwundeter als der eigentlichen
Aufgabe des Feldlazaretts nicht beeinträchtigt werden. Außer den
Leichtkranken sind nichttransportable Schwerkranke ein Gegen¬
stand ärztlicher Fürsorge in den Ortslazarotten, während Kranke
mit zweifellos länger dauernden Krankheiten, die unbeschadet den
Transport vertragen, den rückwärtigen Lazaretten zugeführt werden.
Naturgemäß stellen sich in diesen improvisierten Lazaretten, ins¬
besondere bei ländlichen Verhältnissen, allerhand technische
Schwierigkeiten ein, die es mit sich bringen können, daß z. B. ein
Mann mit Kleiderläusen oder Krätze bei den erforderlichen Bade-,
Wäsche-, Schmier-, Desinfizier- und Separierm aßnah men einen
schwierigeren Krankheitsfall darstellt, als vielleicht eine Pneumonie.
Aber es ist erstaunlich, was sich mit den unter der Mannschaft
ja stets vertretenen und verfügbaren Handwerks- und technischen
Hilfskräften alles herstellen und einrichten läßt.
Wenden wir uns nunmehr im einzelnen den in der Haupt¬
sache vorkommenden Krankheiten zu, so muß zuerst noch hervor¬
gehoben werden, daß der Gesundheitszustand unserer Truppen
geradezu das Erstaunen eines jeden Arztes erregen muß. So ist
z. B. in dor Division unseres Reservekorp9 bei einer Stärke von
zirka 15000 Mann (weitaus in der Mehrzahl Landwehrleute und
ein großer Teil Landsturm) der Ausfall an Kranken durch Abgabe
an die Etappenlazarette durchschnittlich pro Tag nicht mehr als
vier Mann; worunter alle Kranko inbegriffen sind, die voraus¬
sichtlich mehr als 14 Tage zu ihrer Heilung nötig haben. Alle
übrigen Kranken der Division werden entweder in den Orts¬
krankenstuben von ihren Truppenärzten oder in unserm Orts¬
lazarett (Belegstärke 125 Betten in den Räumen eines Schlosses)
bis zur wiedererlangten Dienstfähigkeit behandelt. Und auch die
Zahl der letzteron überstieg z. B. im Monat Dezember nicht die
Zahl von 100 Mann.
Ganz besonders auffallend ist es, wie wenig Erkältungs¬
krankheiten in gewöhnlichem Sinne (Katarrhe usw.) Vorkommen,
wenn man bedenkt, welchen Anstrengungen und ungünstigen
Witterungsverhältnisson die Mannschaften auf Feldwachen und in
den Schützengräben ausgesetzt sind 1 ).
Von den Krankheiten selbst nehmen die Infektions¬
krankheiten, die sogenannten Heereskrankheiten, das ärzt-
liehe Interesse naturgemäß doppelt in Anspruch.
Als solche machte sich bisher an der Westfront in größerem
Umfange nur die Ruhr geltend. Bei dem Auftreten und der Be¬
kämpfung dieser Krankheit zeigtees sich — wenigstens in unserm
Reservekorps —, daß, um mit den Worten des Kriegsminißterhims
zu sprechen, auch „hier Theorio und Praxis, wie so oft im Kr 1 ®#?’
himmelweit verschieden ist“. Einesteils erwie9 sich die Krankheit
glücklicherweise als nicht so gefährlich, wie befürchtet wurde,
anderseits trat unverkennbar eine bei so ausgebreiteter Epidemie
gegebene Ohnmacht in der Anwendung der zur hygienischen
0 Dor Anfang Januar war wegen der naßkalten Witterung etwa?
ungünstiger.
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7. März.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10.
2(19
Bekämpfung bestehenden Vorschriften zutage, wie das folgende
Beispiel ergibt
Nach den schweren Kämpfen in den französischen Vogesen
Ende August und anfangs September bezogen unsere Truppen
Stellungen an der Grenze, in denen sie sich vom Ortsquartier,
einer elsässischen Stadt von zirka 8000 Einwohnern, aus tageweise
ablösten. Schon während der Gefechtszeit hatte es kaum einen
Mann gegeben, der bei der damals sehr unregelmäßigen Proviant-
Tereorgung, bei den übermenschlichen Anstrengungen und Auf¬
regungen, nicht mehr oder weniger unter Diarrhöe zu leiden
gehabt hatte. Auch die Offiziere und wir Aerzte hatten fast aus¬
nahmslos mit diesem Uebel Bekanntschaft gemacht. Während
vir jedoch uns damit als mit einer eben unvermeidlichen Kriegs¬
lage, so gut es ging, abzufinden suchten, war inzwischen bei
den in die rückwärtigen Lazarette abgeschobenen Fällen der
Y-Bacillus als der Krankheitserreger erkannt worden. Trotzdem
es sich also um „Ruhrkranke“ handelte, so war in jener Zeit eine
Durchführung der Gesetze betreffend Bekämpfung gemeingefähr¬
licher und übertragbarer Krankheiten, etwa eine Absonderung
krankheits- und ansteckungsverdächtiger Fälle usw., aus mili¬
tärischen Gründen einfach unmöglich. Die Notwendigkeit einer
Verbringung der Kranken in ein Seuchenlazarett war weder den
militärischen Behörden noch den Truppenärzten selbst, denen der
im allgemeinen leichte Verlauf der Krankheit aus eigner Erfah¬
rung bekannt war, hinreichend überzeugend. Eine bakteriologische
Differentialdiagnose einfacher Diarrhöefälle gegenüber den Fällen
mit Y- oder einem andern Bacillus war bei der Masse der Kranken
einfach undurchführbar. Es wurde darum vom Korpsarzt uns Aerzten
der Sanitätskompagnie die Aufgabe einer klinischen Sperre ge¬
stellt. wonach wir nur die klinisch schwereren Fälle dem Seuchen-
l&z&rett zuführen sollten. Es wurden uns in jenen Tagen anfangs
täglich zirka 200 Kranke zugeführt. Diese wurden nun in allen
verfügbaren Sälen: Schule, Theater usw. untergebracht, während
die vorhandenen Krankenanstalten als Hauptverbandplatz der Ver¬
wundeten* oder anderweitigen Krankenfürsorge dienten. Während
die weitaus in der Minderheit sich befindlichen Kranken mit er¬
höhter Temperatur auf Matratzenlager unterkamen, mußten sich
die nicht Fiebernden mit einfachen Strohlagern begnügen. Vor
allem wurde nun die Diät streng geregelt, und zwar: Am ersten
Krankheitstage nur Tee; am zweiten Tee, Haferschleim, Zwie¬
back; am dritten Haferschleim, Reis, Kartoffelbrei, Weißbrot, Ei,
Kakao, Rotwein; am vierten Fleisch und Schinkenzulage, Wei߬
brot; am fünften reichliche leichte allgemeine Kost; am sechsten
reichliche kräftige allgemeine Kost. Das Fortschreiten von einem
Diättage zum andern wurde natürlich nach Maßgabe der Krank-
heitaerscheinungen bestimmt. Als solche galten außer den All-
gemeinerscheinungen (Fieber usw.) die Zahl und Beschaffenheit
der Stühle. Die Kranken mit blutigen Stühlen wurden von vorn¬
herein einer besonderen Behandlung zugeführt und separiert.
Immerhin betrug in den weitaus meisten Fällen die Krankheits¬
dauer nicht mehr wie sechs biß acht Tage, nach denen die Kranken
wieder direkt zu ihrer Truppe kamen. Die Hauptscbwierigkeit
bestand in der rücksichtslosen Durchführung der Diät, die nur
möglich war, indem die Kranken ständig zum Liegen gezwungen
wurden. Man mußte, um dies zu erreichen, tatsächlich häufig
mehr Polizei als Arzt sein. Auf diese Weise gelang es aber auch,
ifl zirka drei Wochen fast ohne jede medikamentöse Behandlung
annähernd 2000 Diarrhöekranke wieder felddienst fähig zu machen, und
nur etwa 30 davon erwiesen sich als klinisch hartnäckigere Fälle und
mußten den rückwärtigen Lazaretten abgegeben werden. Anfangs
Oktober war die „Ruhr“ bei den Truppen beinahe vollkommen zum
Verschwinden gekommen oder hatte jedenfalls ihren epidemischen
Charakter verloren. Die freigebige Bezeichnung „Ruhr“ für be¬
kanntermaßen fast durchweg leicht oder jedenfalls durchaus
gutartig verlaufenden Darrakrankheiten ist vielleicht nicht ganz
zweckmäßig. Jedenfalls hatte die ominöse Bedeutung dieses
"Ortes anfangs große Bestürzung in der Bevölkerung her-
rorgerufen und uns die Arbeit wesentlich erschwert. Natürlich
war die Einrichtung und das Belegen von Ortskrankenstuben be¬
ziehungsweise Ortslazaretten mit Darmkranken, die an einer offen¬
bar epidemischen Krankheit litten, in einer größeren Stadt durch-
*2? hygienischen Vorschriften entsprechend. Dennoch
^forderte es die Zweckmäßigkeit und, nachdem die zahlreichen
lharrhöekranken schon tagelang in den Ortsquartieren gelegen
jaren, so hätte die Gelegenheit zur Verbreitung der Krankheit
aurch die Lazarette kaum mehr vergrößert werden können! Sehr
«merkenswert für das Wesen der Darmkrankheiten im Heere ist
16 lösche, daß wir trotz der geschilderten Verhältnisse ein
Uebergreifen der „Ruhr“ auf die Zivilbevölkerung nicht in nennens¬
wertem Maße beobachten konnten. Folgeerscheinungen der Ruhr
an andern Organen konnten wir in unsern Fällen nicht mit
Sicherheit feststellen. Bei der großen Verbreitung der Krankheit
unter den Truppen dürfte bei der Annahme eines Kausalverhält¬
nisses mit andern Erkrankungen (Herz usw.) jedenfalls die größte
Vorsicht am Platze sein. Ein Vergleich der Krankheitsdauer un¬
serer Diarrhöekranken gegenüber einer größeren Zahl anderer
derartiger Krankheitsfälle, die durch einen Alarmbefehl (also un-
ausgelesene Fälle) anfangs September aus den Ortßkrankenstuben
teils in Etappen-, teils in weiter zurückliegende Lazarette trans¬
portiert worden, zeigte unverkennbar, daß die Dauer derselben
Krankheiten sozusagen im Quadrat der Entfernung vom Truppen¬
teil zunimmt!
Die Meningitis epidemica kam bisher glücklicherweise
nur in ganz vereinzelten Fällen vor. Eine Behandlung dieser
Krankheit im Feld ist natürlich ausgeschlossen, vielmehr ist es
Pflicht, Meningitiskranke unverzüglich unter entsprechenden Vor¬
sichtsmaßregeln den meist relativ weit vorgeschobenen Seuchen¬
lazaretten zuzuführen.
Dasselbe gilt vom Unterleibstyphus. Hier ist die Haupt¬
aufgabe die möglichst frühzeitige Feststellung der Krankheit, um
unverzüglich die hygienischen Maßnahmen treffen und die zweck¬
mäßige Verbringung des Kranken anordnen zu können.
Dabei ist die klinische Diagnose der bakteriologischen
schon wegen der Dauer der letzteren unbedingt überlegen. Viel¬
mehr als im Zivilleben tritt beim Militär das eigenartige alterierte
psychische Verhalten gleich beim Beginne der Krankheit als ein
besonders auffallendes, beinahe führendes Symptom in Erscheinung.
Bei den uniformierten Kranken mit dem uniformkorrekten Ver¬
halten bei der ärztlichen Untersuchung, das ja selbst von den
Schwerverwundeten in rührender und manchmal recht unzweck¬
mäßiger Weise noch mit den letzten Kräften befolgt wird, fällt
eine gewisse Lässigkeit, eine Unbestimmtheit der Antworten, eine
Ungewißheit über den Beginn der Krankheit bei Typhuskranken
deutlich auf. Dieses eigenartige Verhalten, verbunden mit der
Temperatursteigerung, war mir auch ohne etwa vorhandene andere
klinische Erscheinungen ein sehr wertvolles differentialdiagnostisches
Moment gegenüber andern fieberhaften Erkrankungen und führte
dazu, daß wir schon die ersten vorkommenden Typhusfälle in der
Division gleich in der Krankensammelstelle feststellen konnten.
Von einem epidemischen Auftreten des Typhus konnte, soviel mir
bekannt ist, in den mittleren Vogesen nicht die Rede sein, es
ging vielmehr aus der Art der Verbreitung beziehungsweise aus
der Lage der einzelnen Herde mit großer Wahrscheinlichkeit her¬
vor, daß es sich um die Aussaat des Erregers durch Bacillen¬
träger handeln mußte. Die Zahl der Fälle blieb eine beschränkte;
weitaus die Mehrzahl fiel in den Monat Oktober, von welcher
Zeit an die Fälle beinahe bis zum Verschwinden selten wurden,
sodaß die Annahme eines meteorologisch-biologischen Optimums
des Erregers beim Auftreten der Krankheitsfälle vielleicht berechtigt
sein dürfte.
Wenn die Behandlung des Typhus demnach nicht dem Feld¬
arzte zukommt, so erfordern doch die prophylaktischen Maßnahmen
seine volle Aufmerksamkeit. Neben den hygienischen Vorkehrungen
wurde alsbald nach Ausbruch des Kriegs auch die Schutzimpfung
zur Bekämpfung dieser Krankheit vorgesehen. Man darf wohl
sagen, daß die Durchführung der Impfung bei den Truppen im
Felde keine kleine Aufgabe für die Aerzte bedeutete. Die Heran¬
ziehung der in den Schützengräben verbreiteten Mannschaften
bereitete große Schwierigkeiten und Störungen, die militärischer-
seits einiges Erstaunen über die Wahl des Zeitpunkts der Impfung
erregen und die Frage nach ihrer Notwendigkeit zulassen mußten.
Dabei konnten den Aerzten selbst keine hinreichenden Erfahrungen
über den Nutzen der Impfung zur Verfügung stehen, da in
Deutschland bisher ausgedehnte Beobachtungen fehlten. Der Hin¬
weis auf die Franzosen, Amerikaner usw. allein hatte aber doch
nur bedingte überzeugende Kraft. Wenn heute dennoch die
Typhusschutzimpfung im größten Teil der deutschen Armee durch¬
geführt ist, so darf dies als ein weiteres Zeichen der hervor¬
ragenden Energie und Organisation angesehen werden, mit der die
sanitären Maßnahmen in der deutschen Armee betrieben werden.
Im allgemeinen verlief die Reaktion der Impfung bei den von uns
geimpften Mannschaften sehr milde. Geringe Tempera tu rsteige-
rungen wurden besonders bei denjenigen Mannschaften beobachtet,
die z. B. nach der abendlichen Impfung Wachdienst auszuüben
batten. Jedenfalls hielt ein gewisses allgemeines Unbehagen
(Schwitzen, benommener Kopf usw.) nie so lange an, daß eine
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10.
7. März.
längere ärztliche Behandlung erforderlich wurde. Nur in einem
Falle wurde eine etwa acht Tage anhaltende hämorrhagische
Diathese der Mund- und Nasenschleimhaut nach der dritten Impfung
beobachtet. Von den Herren unseres Divisionsstabs blieben merk¬
würdigerweise gerade die älteren Herren (Divisionsgeneral- und
Divisionsarzt) bei jeder Impfung ohne die geringsten subjektiven
und objektiven Reaktionserscheinungen. Ueber den Wert und
Erfolg der Typhusschutzimpfung dürfte ein Urteil aus einzelnen
Beobachtungen im Felde heraus kaum zulässig sein, vielmehr
dürften hierfür die Erfahrungen in den Gefangenenlagern oder der
das Ganze überblickenden Stellen in Betracht kommen.
Unter den übrigen Krankheiten gehören zu den schwereren
noch die Pneumonie, und der akute fieberhafte Ge¬
lenkrheumatismus. Beide sind ebenfalls viel seltener, als
man in Anbetracht der Witterungsstrapazen der Truppen annehmen
sollte. Erstere wurde übrigens von uns in allen Fällen bis zur vollen
Heilung und Felddienstfähigkeit der Kranken im Feldlazarette
kuriert. Der akute Gelenkrheumatismus nahm in den meisten
Fällen einen milden Verlauf. Natürlich bleiben auch die Kranken
mit Grippe oder akuter Bronchitis bis zu ihrer wieder¬
erlangten Felddienstfähigkeit innerhalb des Operationsgebiets.
Das Hauptkontingent der Lazarettbesucher stellen diejenigen
Kranken, deren subjektive Beschwerden nicht so leicht oder nicht
so eindeutig durch einen objektiven Befund erklärt werden können.
Gerade diese Fälle erfordern meist eine besonders eingehende
Untersuchung und Beobachtung, die dem Truppenarzt in seiner
primitiven Revierstube nicht so leicht möglich ist. Es handelt sich
dabei sehr häufig, wenn nicht fast ausschließlich, lim Individuen,
die schon vor dem Krieg entweder schon an denselben Erschei¬
nungen gelitten, oder wenigstens die Anlagen der Krankheit in sich
hatten. Wenn man von Drückebergerei sprechen darf, so sind
ihre Vertreter naturgemäß unter dieser Krankengruppe zu suchen
und zu eliminieren. Man erkennt die alten Praktiker schon mit¬
unter an einer gewissen Routine oder Schulung in der Schilderung
ihrer Beschwerden, die sic sich als Kassenmitglieder erworben
haben, und die gegen die naiven treuherzigen Aussagen der Kranken
bäurischer Herkunft besonders auffällt. Einige? Tage Lazarett¬
beobachtung genügt in den meisten Fällen zur Erkennung etwaiger
Uebertreibungen und nach einer gründlichen Untersuchung und ein¬
gehenden gerechten Behandlung, verbunden mit dem nötigen Zu¬
spruche gelingt es leicht, daß die Kranken ihre übertriebenen Be¬
schwerden auf das wirkliche Maß reduzieren und, gestärkt an
gutem Willen, wieder zu ihren Kameraden zurückkehren.
Eine große Gruppe bilden die Herzkranken. Die Be¬
schwerden sind hier fast stets dieselben: Herzklopfen, Atemnot bei
Anstrengungen, Stiche in der Brust. Nur in den seltensten Fällen
lassen sich Geräusche oder dergleichen als Ausdruck einer or¬
ganischen Veränderung im Mechanismus des Herzens feststellen.
Meist sind die Töne durchaus rein, Perkussion ergibt häufig nor¬
male Verhältnisse und nur die Beschaffenheit des Pulses und die
bestehende Tachykardie deutete eine funktionelle Störung in der
Herzarbeit an. Bei den jugendlicheren Individuen handelt es sich
in einem großen Teil der Fälle um konstitutionell schwache
Herzen, die bei den erhöhten Anforderungen des Felddienstes ver¬
sagen; auch leichtere Fälle von Mitralstenose finden sich darunter,
die bei der Aushebung ja leicht übersehen w erden können. Bei den
Landw'ehr- und Landstunnleuten machen sich schon die Stadien
der Hypertension, die beginnende Präsklerosis geltc.id. Außerdem
spielen häufig nervöse Einflüsse großer Aufregungen eine große
Rolle unter den Herzleidenden. Die Aufgabe des Feldlazaretts ist
es nun hier, durch eine genaue Beobachtung der Erscheinungen
und deren Beeinflussung durch eine entsprechende Behandlung
(Ruhe, auch Medikamente) die felduntauglichen Kranken von denen
zu unterscheiden, die nach kürzerer Zeit im Feldlazarett selbst
ihre Dienstfähigkeit wiedererlangen können.
In ähnlicher Weise werden die Lungenkranken einige
Zeit der Beobachtung unterzogen, um einen etwa specifisehen Cha¬
rakter ihres Leidens beziehungsweise dessen Stadium festzustellen,
während die Fälle von Pleuritis wegen der längeren Dauer zweck¬
mäßig weitergegeben werden, sobald einigermaßen Entfieberung
eingetreten ist.
Der Einfluß der Witterung auf bestimmte chronische Krank¬
heiten trat in auffallender Weise bei den Magenkranken her¬
vor. Wie einberufen stellten sich in den feuchtkalten Tagen Mitte
und Ende November eine ganze Reihe von Kranken mit den
typischen Beschwerden und Erscheinungen des Magengeschwürs
ein. Von den meisten konnte man hören, daß sie schon früher, zum
Teil schon seit Jahren zeitweise an denselben Erscheinungen ge¬
litten hatten. Trotzdem hatten sie die Anstrengungen der Gefechts¬
zeit in den vorausgegangenen milderen Monaten trotz der doch
häufig sehr unregelmäßigen und groben Verköstigung ohne Anstand
ertragen und erst jetzt hatte sich plötzlich bei viel regelmäßigerer
Kost, aber ungünstigerer Witterung das Leiden wieder geltend
gemacht. In zweien unserer Fälle konnte sogar an der Diagnose
eines Magencarcinoms kein Zweifel sein.
Endlich bilden die Rheumatismus kranken noch eine ge¬
wisse Crux nicht allein für die Truppenärzte, sondern auch im
Ortslazarett. Tatsächlich handelt es sich ja meist um Menschen,
die schon zu Friedenszeiten mehr oder weniger an Rheumatismus
gelitten haben, und es ist kein Wunder, wenn sich nun im Felde die
Beschwerden wieder geltend machen. Aber man ist doch nur
ungern geneigt, im übrigen gesunde kräftige Männer, an denen
objektiv häufig keinerlei Krankheitserscheinungen festzustellen
sind, nun einfach wegen der subjektiven Schmerzen der Front zu
entziehen. Anderseits muß man aber auch so gerecht sein, sich
einzugestehen, daß man diesen Kranken bei den improvisierten
Einrichtungen der Ortslazarette und dem Mangel aller physika¬
lischen Heilmethoden nicht die entsprechende Behandlung zu¬
kommen lassen kann, selbst wenn man sich auch hier von den
Soldatenhandwerkem allerlei Heißluftapparate usw. herstellen läßt.
Immerhin kann man auch zahlreiche Rheumatiker soweit von
ihren Beschwerden befreien, daß sie wieder zu ihrer Truppe zu¬
rück können.
Es würde zu weit führen, auf Einzelheiten des Betriebs eines
Ortslazaretts noch näher einzugehen, das sich ja in manchem natür¬
lich nichtvon dem in andern Lazaretten unterscheidet, aber dennoch
durch die mitsprechenden gewissermaßen partikularistisch mili¬
tärischen Gesichtspunkte und die durch diese bedingten Auf¬
enthaltsbedingungen der Kranken doch ein eigenartiges Ge¬
präge hat.
Diese Ausführungen werden den Kollegen, die im Felde sind,
nicht viel Neues berichten, sie vermögen höchstens zu Vergleichen
anzuregen. Den Kollegen in der Heimat oder in den zurückliegen¬
den Lazaretten mögen sie aber zur Kenntnis bringen, daß die
Aerzte im Feld auch in einer stillen, gefechtslosen Zeit Gelegen¬
heit genug haben, sich dem Vaterlande nützlich zu erweisen, und
daß nicht allein die Verwundeten-, sondern auch die Krankenfür¬
sorge eine dankbare Aufgabe und eine umfangreiche Tätigkeit für
die letzteren darstellt, die man bei der reichen Ausstattung des
Feldlazaretts (Laboratoriumsmedikamente, Feld röntgen wagen usw.)
je nach Wunsch selbst bis zu einer gewissen klinisch-wissenschaft¬
lichen Höhe ausbauen kann. Gleichzeitig sollen diese Mitteilungen
auch zeigen, wie sehr wir uns hier im Felde um jeden Mann be¬
mühen, um ihn wieder möglichst bald an die Front zu bringeü,
eine notwendige vaterländische Aufgabe, die nur dann in gerechter
Weise von den Aerzten erfüllt werden kann, wenn auch in den
Heimatslazaretten und in den Ersatzbataillonen nach gleichen Ge¬
sichtspunkten und in gleich streng objektiver Sachlichkeit ge¬
handelt wird-
Ueber Herzveränderangen bei Soldaten
von
Dr. Munter, Stabsarzt, Chefarzt eines Feldlazaretts.
(Früher kommandiert zur I. Med. Klinik, Berlin.)
Kürzlich*) hat A. Magnus-Levy über leichte Herzver¬
änderungen bei Kriegsteilnehmern berichtet. Er bringt drei Deu¬
tungen für diese Erscheinungen. Es könne sich handeln um alte
Herzfehler, bei denen es unter den Einflüssen des Kriegs zu einer
Schwächung des Organs gekommen sei. Zweitens könnten diese
Störungen infektiös-rheumatischer Natur sein. Beide Möglich¬
keiten lehnt er im ganzen ab. Er tritt für das Obwalten einer
dritten im wesentlichen ein, daß eine Ueberanstrengung vorliege.
Letzterer Erklärung muß ich unbedingt zustiramen. Jedem
Militärärzte von geringer Erfahrung schon ist das Symptomenbild
geläufig: Klagen über Herzklopfen, Unbehagen in der Herzgegend,
sogar Schmerzen; Atemnot. Objektiv findet man: Verstärkten
Herz- oder Spitzenstoß; Verbreiterung des Herzens, sogar bis über
die Brustwarzenlinie hinaus; reine oder unreine Töne, auch systo¬
lische Geräusche, besonders an der Lungenschlagader; beschleu¬
nigten, zum mindesten sehr labilen Puls.
») B. kl. W. J915, Nr. 2.
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7. März.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10.
In jeder einzigen Kompagnie wohl treten diese Störungen bei
einzelnen einige Wochen nach Beginn der Rekrutenausbildung auf.
Nicht immer haben die Betroffenen das Gefühl, am Herzen zu
leiden, oft klagen sie über Beschwerden in der Magengegend oder
ganz allgemein auf der Brust. Neben der Hauptmasse derer, die ;
im ersten Teil der Ausbildung erkranken, kommen noch Ver¬
einzelte im weiteren Verlaufe der Dienstzeit.
Der Grund, weshalb andere Aerzte diese Erkrankung, die,
wie gesagt, uns Militärärzten geläufig ist, selten sehen, ist der, daß
sie im bürgerlichen Leben tatsächlich selten ist; selten deshalb,
weil hier bei starken Muskelleistungen es immerhin im Belieben
des einzelnen liegt, sich kürzere oder längere Erholungspausen
zu gönnen. Anders im Heere, wo Starke und Schwächliche im all¬
gemeinen den gleichen Anforderungen nachkommen müssen, eine
Erholungspause nicht in der Wahl des einzelnen steht. Uebrigens
ergibt eine genauere Anamnese zuweilen, daß auch schon vor der
Dienstzeit Herzbeschwerden nach Anstrengung bestanden, die aber
bald vorübergingeu und niemals zur Krankmeldung führten.
Noch eine andere bestimmte Menschenklasse zeigt diese Herz¬
störung in ausgesprochener Weise. Es sind dies ehrgeizige
Sportler, ganz besonders jugendliche, die allzuscharf trainieren.
Das sogenannte Radfahrerherz ist die gleiche Erkrankung.
Wieviele unserer Rekruten kommen zum Heer, oft schon im
Alter von 18 Jahren, äußerlich leidlich entwickelt, die, als Städter
zumal, eine geregelte, langgewohnte Muskelanstrengung nicht
kennen. Ist es ein Wunder, daß diese anscheinend gesunden jungen
Leute erkranken, deren Körper bei ihrem Alter durchaus noch
nicht auf der Höhe ist, die, vom Kontorschemel oder wenig an¬
strengenden Handwerk oder aus der Fabrik kommend, plötzlich
einer stundenlang betriebenen Muskelanstrengung ausgesetzt wer¬
den? Gewiß werden in der Ausbildung erst allmählich die An¬
forderungen verstärkt Immerhin geht es rasch vorwärts. Ander¬
seits sind auch unsere Anforderungen an die Militärtauglichkeit
angesichts der gewaltigen Schädigungen des Kultur- und Zivili¬
sationslebens unserer Zeit nicht übermäßig groß. Man braucht
nicht Athlet zu sein, um Soldat zu werden; man muß nur bei
leidlichem Kräftezustande gesunde Innenorgane haben. Die Zahl
der Militärtauglichen Berlins und Hamburgs war auf 30 ö / 0 ge¬
sunken. Erschütternde Zahlen, deren unser Volk sich schämen
müßte.
Diese Herzstörungen haben nun in der letzten Zeit deutlich
zugenommen.
Gewiß sind die Anforderungen der Dienstzeit hohe lind mehr
und mehr gestiegen. Wesentlicher ist meiner Ansicht folgender Ge¬
sichtspunkt: Der Uebergang vom Agrar- zum Industriestaat, un-
hygienisches Leben in der Großstadt, Wohnmisere in der Miets¬
kaserne, Unterernährung (auf dem Lande braucht niemand zu
hungern) haben Muskeltätigkeit, Muskel- und Körperentwicklung
geschädigt, sei es dadurch, daß der Beruf Körperkräfte nicht mehr
Y™gt, sei es. daß die Lebensweise überhaupt, auch außerhalb
der Berufsstunden, Uebungsgelegenheit nicht hinreichend bietet.
. Die gesunde Gegenreaktion, durch geregelte Muskeltätigkeit
m form von Turnen, Spiel und Sport gegen die zunehmende
kurperentartung anzukämpfen, wurde in frühen Entwicklungs-
Julien durch den Krieg unterbrochen.
.., die Kennzeichnung der beschriebenen Herzstörung be-
■!i man . ! lin 11 n d her geschwankt. Der Ausdruck chro-
iiyclie Herzinsuffizienz besagt zu viel. Vielfach nennt man das
•»‘men nervöse Störung der Herztätigkeit. Nervös deshalb, weil
'"-^r Ausland nie bedrohlich wird, nie zu Stauungen, zu Oedemen
r « n, J na( di einer gewissen Zeit verschwindet. Digitalis ist
° lne Dmfluß. Nervöse Einflüsse haben deutliche Wirkung auf die
ungemein labile Pulsfrequenz, falls der Zustand erst ausgebildet ist
, f dn funktionell-nervöses Leiden handelt es sich nicht. Es
»J ranken junge Leute, die weder nervös noch neurastheniseh
v " \v° ? krank 5. n iäfol&e von körperlicher Anstrengung im Laufe
l? n :) 0( ‘ ken - beim jugendlich-ehrgeizigen Sportler, ist auch
^ ^ er Steigerung von Muskelleistung ein zu jähes für ein
(r Herz. Die Leistungsbreite des Herzmuskels ist an sich
Ä enorm. Man sehe auf den Läufer der Marathonstrecke (42 km),
»r Mein drri Stunden und weniger durchmißt Und anderseits
ursche ein gesunder Ungeübter einmal 2—300 m in schärferem
zu durcheilen. Er wird Herzklopfen verspüren.
, bs ist ein Jammer, daß gerade wir Aerzte so wenig vom
fI m w? ^ 0I 1 verste hen. Wir haben vielfach sogar ein ganz
"jfd von ihm, weil wir immer nur Sportschädigungen sehen,
u NJrwjUtigende Mehrzahl von Gekräftigten jedoch uns entgeht j
iu unsere .Sprechstunde kommen. Wir sind viel zu
sehr Therapeuten und zu wenig Prophvlaktiker. Die Umstände
hatten es gezeitigt. Auch das muß anders werden.
Noch einiges über die Symptomatologie der Horzstörungen.
Man findet nicht selten — bei Gesundheitsbesichtigungen, bei
Krankmeldungen aus andern Gründen — Herzen, die die objek¬
tiven Veränderungen, wie oben ausgeführt, darbieten, die jedoch
keinerlei Beschwerden machen. Man findet Beschwerden
gleicher Art oft bei Herzen von regelrechter Größe und im Falle
von Erweiterung. Man findet reine, unreine Töne und Geräusche,
auch solche, die laut und konstant sind,'mit und ohne Beschwerden
verlaufend. Zumeist sind jedoch die Töne rein, Herztöne und
Pulswelle schwanken oftmals in Schlagstärke und Schlagfolge.
Der Blutdruck (Riva-Rocci) ergibt keine Abweichungen. Die
konstantesten Merkmale des Leidens sind die Verstärkung von
Herz- oder Spitzenstoß und der labile Puls. Leider verfügen wir
über keine objektive Methode, die Herzkraft zu bestimmen. Ein¬
gebürgert im Heer ist das Verfahren, die Leute zehn tiefe Knie¬
beugen mit Armestrecken vornehmen zu lassen uml dann ein bis
zwei und mehr Minuten lang den Puls in Perioden von 10 bis 15
Sekunden zu zählen.
Die Prognose des Leidens ist gut, vorausgesetzt, daß weitere
Schädigungen durch Ueberanstrengung — bei ehrgeizigen Soldaten
— fortfallen. Der Verlauf ist chronisch. Man tut gut, ausge¬
sprochene Fälle zu entlassen; leichte Fälle erhalten ein Schonungs¬
kommando (in die Küche, als Bursche, Ordonnanz u. dgl.).
Wir sind in der glücklichen Lage, beim Militär die Fälle weiter
regelmäßig beobachten zu können. Alle ein bis zwei Jahre finden
Nachuntersuchungen statt, hei denen Entlassung*- und Naehunter-
suchungsgutaehten sämtlich zur Stelle sind. Nach ein bis zwei
Jahren ist das Leiden zumeist behoben.
Die Behandlung des Leidens ist undankbar. Digitalis nützt
nichts. Auch Bettruhe hat nicht den zu erwartenden Einfluß. Oft
treten sogar nächtliche Anfälle von Herzpalpitatinnen auf.
Wie oftmals bei Herzleiden, so pfropfen sich auch hier, be¬
sonders bei Rentenjägern, rein nervöse Symptome dem primären
Leiden sekundär auf.
In diesem Zusammenhänge möchte ich noch auf eine zweite
häufige Herzstörung kurz hin weisen, ich meine die Herzstörungen
nach akutem Gelenkrheumatismus, dieser so häufigen Heeres¬
krankheit. (Es ist übrigens ganz auffallend, wie wenig Gelenk¬
rheumatismus hier auf dem westlichen Kriegsschauplätze zur
Beobachtung kommt. Von Lungenentzündung, einer zweiten sehr
häufigen Soldatenkrankheit, gilt dasselbe. Eine sichere Erklärung
für diese Wahrnehmung vermag ich nicht zu geben. Ich mochte
glauben, daß die aktiven Leistungen, körperliche Ueberanstren-
gungen der Muskulatur, geringer sind bei diesem westlichen
Stellungskrieg als daheim. Anderseits sind Schädigungen durch
Frieren, Schlafentziehung stärker. Die Verpflegung ist außer¬
ordentlich gut.)
Die Herzstörungen nach Gelenkrheumatismus führen und
führten sehr häufig zur Diagnose Mitiialinsuffizienz. Die Leute wer¬
den entlassen und kommen ebenfalls zur regelmäßigen Nachunter¬
suchung. Und mm besteht die auffällige, unbestreit¬
bare Tatsache, daß auch diese Herzstörungen, die in der Mehr¬
zahl der Fälle, früher mehr als jetzt bereits, als organische Mitral¬
insuffizienzen beurteilt wurden, nach wenig Jahren zur Besserung
und völligen Ausheilung gelangen. Die Klärung dieser Frage war,
soviel ich weiß, vor dem Kriege in umfassender Bearbeitung!
E i n e s Obduktionsbefundes entsinne ich mich nur, w t o eine
organische Klappenstörung, ein Herzfehler, der diagnostiziert war
nicht gefunden wurde. Obduktionsbefunde sind im Verhältnis
selten, weil das Leiden relativ selten den Tod zur Folge hat und
oftmals Einsprüche gegen Vornahme der Leichenöffnung vorliegen
Ich persönlich nehme relative funktionelle Mitralinsuffizienz durch
Erweiterung der linken Kammer an.
Um zum Ausgangspunkte der Frage zurückzukommen, so
möchte ich nochmals behaupten, daß Ueberanstrengung oftmals
das Herz unserer Soldaten schädigt; nicht das absolute Maß der
Arbeitsleistung w^ar ein zu großes, sondern der nicht durch Hebung
gekräftigte, namentlich der zu jugendliche Körper leidet Schaden.
Eine rationelle, auf breiter Basis betriebene Ertüchtigung
des Leibes gehört zu den Forderungen der großen kommenden
Zeit. In erster Linie ist die gesamte Jugend nach systematischem
Vorgehen zu ertüchtigen, Jungens und Mädels. Und auch der Er¬
wachsene muß sieh das sittliche Pflichtgebot aneignen, der I n-
! t o 11 e k t u e 11 e, der geistige Führer, voran, in der¬
selben Weise, wie er für geistige Weiterbildung sorgt, den Körper
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7. März.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10.
auf der Höhe der Leistungsfähigkeit zu erhalten. (Vergleiche die
Schrift des Verfassers „Die Pflicht, gesund zu sein“. 68 Seiten.
Verlag Stalling, Oldenburg 1914)
Das vielgebrauchte Wort, es ist der Geist, der sich den
Körper baut, entspricht nicht den harten Tatsachen der Erfah¬
rung. Es hat nur in durchaus eingeschränkter Auffassung Geltung.
Kriegschirurgisches aas den ersten Tier
Monaten des Kriegs
von
J. Voigt, Stabsarzt bei der Kriegslazarettabteilung XI.
Gegen die Bekanntgabe von Beobachtungen und Erfahrungen,
die von ärztlicher Seite in diesem Kriege gemacht worden sind,
scheint die Tatsache zu sprechen, daß denselben nur eine be¬
schränkte Anzahl von Fällen zugrunde liegen kann; so kommt
denn leicht nichts weiter zustande, als eine mehr oder weniger
interessante Kasuistik. Nimmt man aber das gesamte Material
einer Formation (z. B. eines Feldlazaretts) zusammen, so resultiert
daraus nicht selten ein statistisches Gepräge der ganzen Ver¬
öffentlichung. Beides wünsche ich nach Möglichkeit zu vermeiden.
Ich möchte vielmehr durch die Bekanntgabe einiger Beobachtungen
und Erfahrungen die Aufmerksamkeit der Kollegen, die kriegs¬
chirurgisch tätig sind, auf einzelne Punkte hinlenken, um eine
Aussprache über diese Fragen herbeizuführen. Muß doch nach der
Aeußerung eines unserer führenden Chirurgen hier im Felde selbst
der Fachchirurg in mancher Hinsicht umlernen und seine Ma߬
nahmen den gänzlich veränderten Verhältnissen an passen.
In der Regel wird der Sanitätsoffizier wohl während der
Dauer des Feldzugs bei seiner Formation bleiben und deshalb
meist die Verwundeten nur in einem ganz bestimmten Stadium in
Behandlung bekommen. Besondere Verhältnisse haben es mit
sich gebracht, daß ich im Laufe der verflossenen Monate sowohl
ganz frisch Verwundete in geräumten französischen Stellungen,
auf dem Truppenverbandplatz und im Feldlazarett verbinden
konnte, wie auch im Kriegslazarett solche versorgen konnte, deren
Wunden schon älteren Datums waren. In einem Etappenlazarett,
in welchem ich einige Wochen den ärztlichen Dienst zu versehen
hatte, befanden sich ausschließlich französische Schwerverwundete,
welche dort vor etwa sieben Wochen aufgenoramen worden waren.
Die bei der Versorgung der frischen Wunden gemachten Er¬
fahrungen decken sich ira großen und ganzen mit den von anderer
Seite bekanntgegebenen. Die Verbandpäckchen ermöglichen ein
schnelles und sicher aseptisches Arbeiten; die damit ausgeführten
Verbände genügen für Infanterie- und einfache Schrapnellkugel-
Verletzungen vollständig und können lange liegen bleiben. Um ein
Verschieben der Gazekompressen zu verhüten, empfiehlt es sich,
die Umgebung der Wunden mit Mastisol zu pinseln; doch ist
unbedingt dann mit dem Auflegen des Verbandmaterials so lange zu
warten, bis das Lösungsmittel der Harzsubstanz verdunstet ist,
sonst wird das Mastisol von demselben aufgesogen. Die sterili¬
sierten Gazestreifen, die in festen Paketen mitgeführt werden,
sind, um möglichst wenig Platz einzunehmen, stark zusammen¬
gepreßt worden; die Gaze läßt sich hier nicht ohne weiteres in
einzelnen Lagen abheben. Es ist deshalb dringend zu empfehlen,
gleich beim Einricbten des Verbandplatzes eine Anzahl dieser
Pakete zu öffnen, die sterilen Gazestreifen mit ausgekochten Pin¬
zetten zu entfalten und in sterilen Schalen zum Gebrauche bereit¬
zuhalten, Ist diese Vorbereitung versäumt worden, so ist leicht
eine ganz unnötige Verschwendung des kostbaren sterilen Ver¬
bandmaterials die Folge.
Will man die Umgebung der Wunden mit Jodtinktur pinseln,
so ist es nicht ratsam, die Jodlösung, wie es meist geschieht, vor¬
her in eine offene Schale zu gießen; der Alkohol verdunstet sehr
schnell, und es kommt zur Bildung der stark reizenden Jodsäure.
Nimmt man etwa 10 cm lange Stäbchen, die man sich leicht aus
weichem Holze schnitzen kann, und spaltet diese an einem Ende,
so kann man hier einen kleinen Gazetupfer einklemmen und mit
diesem die Jodtinktur direkt aus der Flasche auf die Haut bringen.
Auf diese Weise wird auch der Verbrauch an Jodtinktur nicht
unwesentlich vermindert. Auch sonst scheint es wichtig, bei aller
Fürsorge für die Verwundeten eine gewisse Sparsamkeit nicht
außer acht zu lassen. Mastisol oder Heftpflaster können, richtig
angewandt, viele Verbände mit Gazebinden ersetzen. Auch zum
Polstern der Schienen braucht man nicht immer Watte zu nehmen,
sondern kann ohne Nachteil für den Verwundeten anderes Material
dazu verwenden, z. B. reine Putzwolle, Holzwolle usw., was sich
gerade in der Nähe des Verbandplatzes auftreiben läßt.
Der berechtigten Forderung, keine Wunden mit den Fingern
zu berühren, wurde nach Kräften entsprochen, aber schon bei den
hier und da nötig werdenden Gefäßunterbindungen ließ sich dies
nicht mehr durchführen. Hier, wie bei allen Operationen, haben
mir starke Gummihandschuhe, die ich mit mir führte, gute
Dienste getan; sie lassen sich leicht und sicher sterilisieren und
können viele Male ausgekocht werden. Auch der das Arbeiten in
Handschuhen nicht Gewöhnte befreundet sich bald mit ihnen und
nimmt die anfänglichen Unbequemlichkeiten gern in Kauf für das
angenehme Bewußtsein, mit sicher sterilen Händen zu operieren.
Am meisten würde ich die Sorte empfehlen, die unter dem Namen
„leichte Sektionshandschuhe“ in den Handel kommt.
Das Bestreben, zu erhalten, was nur irgend möglich er¬
scheint, hat die Zahl der primären Amputationen ganz beträchtlich
vermindert; es ist erstaunlich, zu sehen, welch ausgedehnte Ge-
webszertrttmmerungen an den Extremitäten Vorkommen können,
ohne eine Gangrän zur Folge zu haben. Nicht selten ist es natür¬
lich notwendig, Teile der zerschmetterten Muskulatur und Knochen
zu entfernen, Resektionen auszuführen usw.; dann geht aber der
Heilungsprozeß meistens glatt vor sich. Neben dem Perubalsam
hat sich mir Milchzucker mit 5°/ 0 Kollargol recht gut bewährt,
wenn es sich darum handelte, eine schnelle Reinigung dieser
Wunden herbeizuführen. Die sehr ausgedehnten Zertrümmerungen
bedingen aber auch einen bedeutenden Säfteverlust, und dieser
scheint es nicht selten zu sein, dem die Verwundeten schließlich
bei vollständig fieberfreiem Verlauf erliegen, wie ich zu beobachten
Gelegenheit hatte. Für solche Fälle wäre ja die Amputation vor¬
zuziehen, doch ist die Entscheidung im einzelnen Falle schwer zu
treffen. Ueberhaupt stellt die Behandlung dieser ausgedehnten
Gewebszertrümmerungen keine leichte Aufgabe dar. Bei der¬
artigen Verletzungen der Hand, des Fußes, des Unterarms und
Unterschenkels sind langdauernde heiße Seifenbäder sehr zu emp¬
fehlen. Man hebt die verletzten Teile am besten mit einer ent¬
sprechend gebogenen Kramerschiene in das Bad hinein und heraus,
um jede unnötige Bewegung zu vermeiden; die Schiene kann ruhig
in dem Bade liegen bleiben, sie stört nicht. Für die schweren Ver¬
letzungen an Oberarm oder Oberschenkel kommt ja wohl ge¬
gebenenfalls nur die permanente Irrigation in Frage, wobei man
versuchen muß, mittels Billrothbatist und Mastisol eine möglichst
vollkommene Abdichtung der Umgebung zu erreichen.
Die nicht mit großen Wunden komplizierten Schußfrakturen
sind ja wesentlich leichter zu behandeln; in den meisten Fällen
genügen die üblichen Schienenverbände. Der Gipsverband, der ja
für die Frakturen der unteren Extremitäten wohl immer noch das
beste ist, verlangt viel Zeit und Assistenz. Um an Hilfskräften
zu sparen, habe ich verschiedentlich den Zug an dem gebrochenen
Bein in der Weise ausgeübt, daß ich einen Schubkarren, der um¬
gekehrt am Fußende des Tisches befestigt wurde, als „schiefe
Ebene“, sein Rad als Winde benutzte. War der gewünschte Grad
von Extension erreicht, so wurde das Rad mittels eines zwischen
den Speichen hindurchgesteckten Stabs festgestellt, während ein
Helfer, am Kopfende des Tisches stehend, den Verletzten festhielt,
und der Gipsverband konnte angelegt werden.
Bei den Extremitätenverletzungen ist noch des als Folge hier
und da beobachteten malignen Oedems zu gedenken. Bei dreien
dieser Fälle gelang es, durch sofort ausgeführte große Einschnitte
die Heilung herbeizuführen. Ein vierter Patient war auch durch
die hohe Amputation nicht zu retten, obgleich von der Amputations¬
wunde aus weiter nach oben zu noch ausgiebige Incisionen angelegt
worden waren. Daß zwei weitere Fälle gerettet wurden, waren
wir geneigt, gerade dieser Vereinigung von Amputation und In¬
cisionen zuzuschreiben. Die Zahl der sonst auszuführenden sekun¬
dären Amputationen war gering. Neben einigen Fällen von Gan¬
grän wurde diese Operation einmal nötig, weil von einem glatten
Weichteilschuß aus durch fortschreitende Eiterung trotz wieder¬
holter Incision und Drainage die Muskulatur des Ober- und Unter¬
schenkels vollständig unterminiert wurde; kompliziert war der
Fall noch durch einen Knöchelbruch.
Von den Bauchschüssen, die zu beobachten ich Gelegenheit
hatte, ist keiner durch die Operation gerettet worden, während
bei den Nichtoperierten einige auffallend schnelle Heilungen hei
vollständigem Enthalten der Nahrung durch acht Tage zu ver¬
zeichnen waren. Es muß hierbei aber bemerkt werden, daß keiner
dieser Fälle von Bauchschüssen innerhalb der ersten acht Stunden
in unsere Behandlung kam; nur dann soll ja nach neueren An-
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gaben ein operatives Vorgehen Aussicht auf Erfolg bieten. Von
Interesse dürfte ein Fall von Bauchverletzung sein, den ich zu
operieren Gelegenheit hatte. Der Patient war durch eine Granat¬
explosion, die ihm den einen Arm zerschmettert hatte, gegen eine
Mauer geschlendert worden. Nach Amputation des Armes war
der Kranke dann in unsere Behandlung gekommen. In den
nächsten Tagen bildete sich dann bei ihm ein so starker Meteoris¬
mus aus, daß die Atmung erheblich erschwert wurde. Nach Rück¬
sprache mit dem konsultierenden Chirurgen wurde bei dem Pa¬
tienten die Laparotomie ausgeführt, um eventuell einen Anus
praeternaturalis anzulegen. Beim Eröffnen des Peritoneums ent¬
wich aus der Bauchhöhle unter deutlich hörbarem Zischen eine
große Menge geruchlosen Gases, und der Leib fiel sofort zusammen.
Die Därme waren nicht besonders gebläht, das Peritoneum glatt
und glänzend, keine Spur von Magen- oder Darminhalt in der
Peritonealhöhle. Unter diesen Umständen wurde davon Abstand
genommen, eine Enterostomose anzulegen, und die Bauchhöhle nach
Einführen eines starken Drainrohrs bis auf den unteren Wund¬
winkel geschlossen. Der Kranke überstand den Eingriff gut und
fühlte sich durch denselben wesentlich erleichtert. Allerdings
stellten sich am zweitfolgenden Tage noch einmal mäßige Atem¬
beschwerden ein, die ihren Grund in einer starken Anfüllung des
Magens mit Luft hatten; nach Einführen einer Schlundsonde ent¬
wich dieselbe aus dem Magen. Der Kranke hatte sich das Luft¬
schlucken angewöhnt und hatte anscheinend durch eine minimale
Oeffnung in der Magenwand, die sich infolge der Kontusion allmäh¬
lich gebildet hatte, nach und nach die Luft in die Peritonealhöhle
gepumpt
Die Heilung der Lungenschüsse verlief in vielen Fällen ohne
jede Störung; hier und da kam es allerdings zur Vereiterung des
mtrapleuralen Blutergusses, die eine Eröffnung der Pleura mit
Rippenresektion nötig machte. Dies hatte dann in allen Fällen
Erfolg. Schwieriger war mit einem unglücklichen Verwundeten
zum Ziele zu kommen, dem eine Granatexplosion nicht nur die
beiden Unterarme bis zum Ellbogen zerschmettert, sondern auch
in die rechte vordere Thoraxseite ein etwa kleinhandtellergroßes
Loch gerissen hatte. Aus dieser Wunde entleerte sich bei jedem
Hustenstoß ein Quantum dünnflüssigen Eiters. Nach verschiedenen
vergeblichen Versuchen, diese Eiterung zu bekämpfen, führte
schließlich die wiederholte Injektion von 10°/ o igem Jodoform¬
glycerin nach vorheriger Ausspülung der Pleurahöhle zum Ziele.
Bei Tangentialschtissen des Schädels hat auch uns die Tre¬
panation und Entfernen der Splitter sehr erfreuliche Erfolge ge¬
geben. Selbst bei einem Falle, den ich erst zirka acht Wochen
nach der Verwundung operieren konnte, gingen darauf die Läh¬
mungen der Extremitäten auf der entgegengesetzten Seite und die
Sprachstörungen zusehends zurück.
Bei den französischen Verwundeten, welche ich etwa von der
siebenten bis zwölften Woche nach ihrer Verletzung zu beob¬
achten Gelegenheit hatte, stellte sich nach anscheinend ganz glatter
Heilung bei drei Fällen von Schußfraktur des Oberschenkels und
einer des Unterschenkels etwa in der neunten Woche Fieber mit
starken Schmerzen in der Frakturstelle ein. Es war eine Sequester¬
bildung im Gange; bei zwei Fällen konnte der Sequester bereits
entfernt werden, bei den beiden andern mußte man sich zunächst
damit begnügen, dem Eiter durch Incision Abfluß verschafft zu
haben; die Sequestrotomie mußte nachher von anderer Seite aus¬
geführt werden.
Es ist mir nicht bekannt, ob derartige Prozesse als Folge¬
erscheinungen von Schußfrakturen häufiger beobachtet worden
sind. Sollte das der Fall sein, so wäre vielleicht zu versuchen,
dem durch prophylaktisch ausgeführte intravenöse Injektion kol¬
loidalen Silbers zu begegnen. Durch experimentelle Unter¬
suchungen 1 ) habe ich nachgewiesen, daß ein beträchtlicher Teil
des intravenös injizierten kolloidalen Silbers im Knochenmark ab¬
gelagert wird. So könnte es bei Schußfrakturen hier seine des¬
infizierende und granulationsbefördemde Wirkung entfalten, die
man ja bei andern Wunden beobachten kann. Bei der anerkannten
Ungefährlichkeit der richtig ausgeführfcen Injektion kolloidalen
Silbers, wofür nach meinen Erfahrungen eine 0,5 °/ 0 ige Lösung
am meisten zu empfehlen ist, würde sich ein dahingehender Versuch
immerhin empfehlen.
Berichte Aber Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren.
Die Sojabohne — ein Yolksnahrungsmittel
von
San.-Rat Dr. Buschas, Stettin (z. Zt. Hamburg).
Fleisch, Mehl und Kartoffeln sind nach den Aussprüchen
unserer Nationalökonomen in Deutschland zurzeit noch in ge¬
nügender Menge vorhanden, sodaß unser Volk, sparsamen Ge¬
brauch vorausgesetzt — mit vollem Rechte hat die deutsche Re¬
gierung in der jüngsten Zeit diese Frage durch Gesetz geregelt —,
mindestens ein Jahr lang damit reichen kann. Aber ein anderes
wichtiges Volksnahrungsmittel scheint auf die Neige zu gehen,
das sind die Hülsenfrüchte: Erbsen, Bohnen und Linsen. Da ist
es Zeit, die Aufmerksamkeit unseres Volkes auf ein Nahrungs¬
mittel zu lenken, das seit undenklichen Zeiten im Haushalte
der Ostasiaten eine wichtige Rolle spielt und von dem zurzeit
auch bei uns noch große Mengen vorhanden sein sollen, wie man
bört (so z, B. hier in Hamburg), das ist die Sojabohne, die
Frucht eines Sehmetterlingsblütlers, einer unserer Bohne oder
Lupine verwandten Pflanze (Glycine hispida), deren etwa 5 cm
lange behaarte Hülsen drei bis fünf in ihrer Form und auch Farbe
voneinander abweichende Bohnen von etwa 5 mm Durchmesser
aufweisen.
Wie gesagt spielt die Sojabohne seit langem — in den alten
medizinischen Werken des Chinesen She-nou wird sie bereits vor
5000 Jahren erwähnt — bei den Chinesen und Japanern in wirt¬
schaftlicher Hinsicht neben dem Reis die wichtigste Rolle; unter
den Hülsenfrüchten nimmt sie sogar die erste Stelle ein. In Japan
beläuft sich ihr Jahresanbau etwa auf eine halbe Million Hektar
und die Jahresernte auf rund 385 000 Tonnen; davon wurden im
Jahre 1908 allein ziemlich ein Drittel ausgefühTt, und diese Aus-
™hf ist beständig im Steigen begriffen. Die Sojabohne macht
den Reisgenuß in der täglichen Nahrung erst vollwertig, denn
während dieser in der Hauptsache aus Stärke (Kohlehydraten) be¬
acht, besitzt die Sojabohne einen hohen Grad an
Eiweiß (Stickstoff) und Fett. Dieser außerordentlich große
Reichtum der Bohne an Fett oder Oel (etwa 20°/ 0 ) ist auch
hm uns seit ziemlich 20 Jahren in großem Stile technisch nutz¬
bar gemacht worden und hat einen immer steigenden Aufschwung
genommen. Unsere großen Seestädte (Hamburg, Stettin usw.)
führen alljährlich wachsende Mengen von Sojabohnen ein; in
Hamburg z. B. belief sich im Jahre 1912 der Import auf rund
500 000 Doppelzentner (1911: 327 000) im Werte von Über 8 l / 2 Mil¬
lionen Mark (1911 nur 5 8 / 4 ). Im ganzen Deutschen Reiche er¬
reichte die Einfuhr 1912 eine Höhe von 125 000 Tonnen im Werte
von ziemlich 24 Millionen Mark.
Noch höher als der Oelgehalt stellt sich der Eiweiß-
gehalt der Sojabohne, nämlich auf das Doppelte (etwa 40°/ o ).
Die Landwirtschaft hat sich diesen Vorteil auch bereits dienstbar
gemacht, insofern sie die Rückstände, die sich aus der Oelpressung
ergeben (Sojakuchen), als Mast- und Kraftfutter an das Vieh ver¬
abreichen läßt.
Die Technik ist hinter der Landwirtschaft in der Ausnutzung
des Eiweißgehaits unserer Bohne nicht zurückgeblieben. Durch
Zerreiben der gequollenen Frucht mit Wasser und darauffolgendes
Filtrieren gewinnt man eine milchige Flüssigkeit, die Soja-
milch, die sich äußerlich kaum von der Kuhmilch unterscheidet,
wohl aber ihrer Zusammensetzung nach, denn sie enthält im Gegen¬
satz zu dieser nur wenig Kohlehydrate, dafür aber um so mehr
Eiweißstoffe. Außerdem hat dieses Nahrungsmittel gegenüber
der Tiermilch den Vorteil, daß es bedeutend billiger ist. In ähn¬
licher Weise wie die Kuhmilch kann man die Sojamiich auch zum
Gerinnen bringen; es entsteht dann Casein oder Käsestoff. Aus
ihm hat die Technik nun ähnlich, wie aus dem entsprechenden
Galaktit der Tiermilch, einen Stoff gewonnen, der zur Fabrikation
von Elfenbeinersatz und Isolatorenmaterial sich nützlich erweist.
Die schlauen Japaner indessen verwenden die Sojamilch schon
lange im volkswirtschaftlichen Sinne; durch Zusatz bestimmter
Fermente stellen sie aus ihr einen richtigen Käse, Tofu genannt,
her. Um den diesem Käse noch anhaftenden hohen Wassergehalt
(90 °/ 0 ) herabzusetzen, lassen sie ihn dann weiter gefrieren und
später von der Sonne wieder auftauen. Dadurch verliert der
Käse etwa vier Fünftel seines ursprünglichen Wassergehalts; man
nennt ihn dann Eiskftse (Kori Tofu). Der Nahrungswert des
*) Biochem. Ztschr. 1914.
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10.
7. März.
frischen Sojakäses, der schon 2L°/o Eiweiß und 9,5% Fett auf¬
weist, wird durch den Gefrierprozeß noch erhöht, denn sein Fett¬
gehalt steigt dabei auf 80,9 % an.
In Japan gewinnt man aus der Sojabohne noch verschiedene
andere Genuß- beziehungsweise Nährmittel. Allen Hausfrauen ist
das unter der japanischen Bezeichnung „S c h o y o u“ in den Läden
zu kaufende Gewürz bekannt als Zusatz zu Suppen und Braten;
man bezog es früher aus England — Schoyou macht den Haupt¬
bestandteil der englischen (Worcester-) Sauce aus —, neuerdings
kommen aber auch vollwertige deutsche Erzeugnisse, die sich
billiger stellen, in den Handel. Den Suppen zu gesetzt, verleiht
diese Würze, eine durchsichtige braune Flüssigkeit, diesen einen
pilzähnlichen Geschmack. Doch von diesem Sojapräparat will ich
hier nicht weiter sprechen, wo es sich um eine volkswirtschaft¬
liche Nutzbarmachung der Frucht handelt, sondern von ihrer Ver¬
wertung als Volksnahrungsmittel. Denn wie man hört, sollen
ungeheure Mengen davon noch bei uns lagern, die sich in diesem
Sinne verwerten lassen.
Man kann die Sojabohne wie unsere Hülsenfrüchte gekocht
genießen. Man hat gesagt, daß ihr in dieser Zubereitung manch¬
mal ein bitterer Geschmack anhafte, indessen soll diesem Uebel-
stande neuerdings vorgebeugt werden können. Denn wie ich höre,
hat jemand ein Verfahren entdeckt, das der Bohne ihren Bitterstoff
vollständig nimmt. Nach den kürzlich von der Heeresverwaltung
in Altona angestellten Versuchen soll sich dieses Verfahren durch¬
aus bewährt haben. Sojabohnensuppen sind ein vollwerti¬
ges Nahrungsmittel, das nach den darüber vorliegenden Versuchen
absolut nicht die Verdauung beeinträchtigt, also keine Magen-
noch Darmbeschwerden verursacht. Sodann käme die zermahlene
Sojabohne, also das Sojamehl, für unsere Hausfrauen in
Betracht. Man könnte es zu Brot verbacken — allerdings
wird hier ein Zusatz von Kornmehl empfohlen — oder zu Kuchen
verarbeiten, in die Suppen rühren, zu Puddings verwerten und
anderes mehr. Das Sojamehl hat vor dem Weizenmehle sogar den
Vorzug, daß es etwa viermal soviel Eiweißstoffe und zwanzigmal
soviel Fett enthält, dafür allerdings etwas weniger Stärke (Kohle¬
hydrate). Diesem Mangel aber könnte man durch Zusatz von Reis
abhelfen, wie dies die Japaner schon tun. Sie mischen nämlich
angekochte, zerriebene Sojabohnen mit gegorenem Reis, Salz und
Wasser und überlassen das Ganze der Gärung; dadurch entsteht
ein eigenartiger Brei, Miso genannt, der das Volksnahrungsmittel
dor schlitzäugigen Söhne des Ostens im wahren Sinne des Wortes
ausmacht, denn es werden davon gerade ungeheure Mengen ver¬
zehrt, wie man sagt, in einzelnen Gegenden bis zu 120 g auf den
Kopf am Tage. Vielleicht erfinden unsere Hausfrauen, wenn sie
die Sojabohne einmal in den Bereich ihrer Kochkunst gezogen
haben, noch weitere Gerichte; mögen sie es nur versuchen.
Gefangenenanstalten, Volksküchen, Lazarette, Gefangenenlager und
ähßliche Anstalten sollten sich in erster Linie dieser neuen,
billigen Quelle recht bald annehmen. — Man hat auch den Vor¬
schlag gemacht, die Sojabohne bei uns anzubauen
und die grünen Triebe usw. als Gemüse zu genießen. Leider
will die Pflanze unter unserm Klima nicht recht gedeihen. Die
Mitteilungen über die durch ihren Anbau erreichten Erfolge wider¬
sprechen sich; die einen wollen eine zufriedenstellende Ernte er¬
zielt haben, andere nur Mißerfolge. Auf jeden Fall bedarf die
Sojabohne zum Gedeihen sehr viel Sonne und Wärme. Vorder¬
hand möge man daher erst die hier vorhandenen Bestände auf¬
brauchen. Um aber Spekulationen und Preistreibungen vorzu¬
beugen, wie sie bereits einsetzen sollen, möge die Regierung auch
hier ihre Hand beizeiten auf die Vorräte legen!
Aus der I. medizinischen Universitätsklinik in Wien.
Zur Kenntnis der Aleukämien und zur Therapie
leukämischer Erkrankungen
von
Dr. Benno Stein.
(Fortsetzung aus Nr. 9.)
Für das Verständnis der Aleukämien erscheint uns noch eine
Beobachtung wichtig, die, von andern Besonderheiten abgesehen,
im Verhalten des Bluts ein den eben referierten Fällen entgegen¬
gesetztes Verhalten zeigte.
IV. Fri., 66 Jahre alte Frau, aufgenommen am 14. Februar, ge¬
storben am 26. März 1914. Patientin, die schon einige Jahre schwer¬
hörig ist, fiebert seit November vorigen Jahreg. Seit Januar hat sie
Schmerzen in der linken Brusthälfce.
Status praesens: Otitis media bilateralis; Bronchitis diffusa; Pleu¬
ritis sinistra; keine retrosternale Dämpfang; Leber drei Qaerfinger unter
dem Rippenbogen p&lpabel; Milz bis zur Mittellinie und zwei Querfioger
unter den Nabel reichend, rückt im weiteren Verlaufe bis zur Nabelhöhe
zurück; sie ist von sehr derber Konsistenz; keine Drfisenscbwellungen;
mäßige Druckschmerzhaftigkeit des Sternums; Oedema retromalleolare.
Graufahle Hautfarbe; hochgradige Adynamie, fortschreitende Kachexie;
Temperatur in hoher Continua, nur an den letzten drei Tagen subnormal.
Inappetenz, Diarrhöen.
Im Harne deutliche Eiweißfällung, Spuren von Urobilin und
stark positive Diazoreaktion. Bei der Blutuntersuchung fanden wir
am 10. Febr.: 80 000 Leukocyten, und zwar:
Neutrophile polymorphe .... 11,5%
Eeosinophiie „ .... 1,5 N
Mastzellen.1,0 „
Mononucleäre Uebergangsformen . 3,0 *
Lymphocyten.2,0 „
Metamyelocyten.6,5 „
Neutrophile Myelocyten.65,5 „
Eosinophile „ .3,0 „
Myeloblasten.6,0 „
Erythrocyten blaß, mäßige Anisocytose, keine Poikilo-
cytose, vereinzelte Erythroblaaten, Blutplättchen sehr
zahlreich;
„ 3. März: 65 000 Leukocyten; Myeloblasten reichlicher;
„ 10. „ : 35 000 Leukocyten;
Myelocyten spärlich, vorherrschend neutrophile polymorph¬
kernige Zellen und Myeloblasten, vielfach mit atypischem
gelappten Kerne, ziemlich zahlreiche Splenocyten.
Wassermannreaktion positiv, Züchtung aus dem Blut ergebnislos
(Platten steril), Widal-Gruber negativ.
Aus dem Sektioosprotokoll sei folgendes angeführt: „In beiden
Langen finden sich diffus zerstreut hirsekorngroße, grau weißliche, über
die Schnittfläche vorragende Knötchen, dieLymphdrüsen am Hilus der
Lunge sind vergrößert, stark antrakotisch. Schon von anßen sind an
ihrer Oberfläche hirsekorngroße, weißliche Knötchen sichtbar, am Durch¬
schnitt ist das Centrum erweicht und enthält eine schleimige, grünlich¬
gelbe Flüssigkeit. Das erhaltene Lymphdrüsengewebe ist antrakotisch
mit zahlreichen, zum Teil konfluierenden gelblich weißen Knötchen. Die
Leber ist beträchtlich vergrößert, ihre Konsistenz erhöht, die Farbe
bräunlichgelb, die normale Zeichnung ist fast vollständig verdeckt durch
überaus dichtstehende, zum Teil konfluierende Knötchen. Die Milz ist in
allen Durchmessern beträchtlich vergrößert (20 x 15 x 8 cm). Kon¬
sistenz erhöht, der Durchschnitt hellrot, von zahlreichen grieskomgroßen
gelblichen Einlagerungen durchsetzt. In der NitrenSubstanz sieht man
mehrere unscharf begrenzte weißliche Herde von Hirsekorngröße. Die
Nebennieren sind beträchtlich vergrößert, ihre Konsistenz erhöht, die
Zeichnung verwischt. In der rechten Nebenniere findet sich ungefähr
in der Mitte des Organs ein unregelmäßig aber scharf gegen die Um¬
gebung abgegrenzter Herd von zirka Kaffeebohuengröße von glatter
trockener Schnittfläche und gelblichweißer Farbe. In der linken Neben¬
niere ein ebenso beschaffener Herd von Infarktform. Knochenmark graa-
rötlich.“
Unter dem Mikroskop (Färbung nach Giemsa) waren nicht nur
in Milz, Lymphdrüsen, Knochenmark, Leber und Nieren myeloisch-leuk¬
ämische Infiltrate zu sehen, sondern auch die Knötchen in den Lungen,
welche auf den ersten Blick als miliare Aussaat einer Tuberkulose im¬
ponieren konnten, sowie die eigenartigen Herde in den Nebennieren er¬
wiesen sich als myeloides Gewebe.
Dieser Befund, daß eine generalisierte Systemerkran¬
kung des hftmatoeoötischen Apparats sich auch in der
Lunge und in den Nebennieren lokalisiert, scheint ein
Unikum zu sein. Wir stehen nicht an, die außerordentliche
Adynamie, welche mit rapid progredienter Kachexie ein-
herging, auf die Veränderungen der Nebennieren zu be¬
ziehen. Ob sonst adrenale Ausfallerscheinungen bestanden,
können wir nicht sagen; die Haut war wohl bräunlich gefärbt,
aber auffällige Pigmentanomalien fanden sich nicht vor, Diar¬
rhöen sind ein zu häufiger Trabant von Blutkrankheiten, als daß
man sie hier in diesem Sinne verwenden könnte, eine Funktions¬
prüfung der endokrinen Drüsen unterblieb.
Der vorliegende Fall ist aber auch hinsichtlich des Blutbetandes
interessant insofern, als ein voll entwickeltes leukämisches
Bild spontan allmählich in ein subleukämisches, viel¬
leicht gar aleukämisches Stadium überging. Daß ein der¬
artiges Vorkommnis bei Interkurrenz von Infekten nicht selten ist»
haben wir oben schon besprochen. Solche spontane Remissionen
scheinen aber ein nicht sehr häufiges Ereignis zu sein. Erwähnt finden
wir sie in einer Diskussion zum Falle PI eh ns (10), dessen Beobachtung
selbst wir nicht hierher rechnen möchten, nachdem wir die Wirk¬
samkeit der Arsenmedikation kennen gelernt haben.
Hingegen finden wir in der Literatur zwei Beobachtungen an« der
v. JakschBchen Klinik (7, 8), über die wegen ihres interessanten ver-
hufa hier berichtet sei.
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Original frn-m
UNiVERSUY OF IOWA
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10.
275
7. März.
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Bei einem 99jährigen Manns fand sich bei der Aufnahme im Sep¬
tember 1896 neben einem enormen Milztnmor Leberschwellung und Ver-
grOferaog der Leistendrüsen. Die Blutzusammensetzung zeigte im Sep¬
tember folgende Schwankungen: Hämoglobin nach Fleischl 8,5 bis
5,6 g. Erythrocyten 1740000 bis 4 400 000, Leukocyten 295000 bis
560000. Der Kranke wurde zunächst mit Cuprum arsenicosum behan¬
delt, dieses aber am 5. Oktober ausgesetzt und an dessen Statt Thyro-
jodin verabreicht (im ganzen bis 22. Oktober 71,7 g Schilddrüsensnbstanz).
WKhrend dieser Zeit änderte sich daB Blutbild in ganz auffällliger Weise,
indem die Leukocytensahl von 600000 auf 80000 abfiel. Die Werte der
einzelnen Zellarten entnehmen wir der A dl ersehen (9) ergänzenden
Arbeit.
Leukocyten
6. Okt. 1896
20. Okt. 1896
80. Not. 1896
Poly. neutr. . . .
66,37
325218
74,04
25914
70,4
123 482
Mono, neutr.. . .
16,90
82810
10,71
3748
20,4
35 782
Buoph. gra&ul.. .
—
—
—
—
0,2
350
Eorin. granul. . .
2,10
10 290
0,70
245
1,6
2 806
( „ mono.) . .
(1,23)
(5978)
(0,35)
(122)
(0,8)
(1 403)
Lymphocyten. . .
14,63
! 71687 S
14,55
5093
7,4
12980
(gr. „ tu Uebergf.)
(1,91)
! (9359)
(3,70)
(1195)
(0,5)
(877)
Nach dreiwöchigem Aussetzen der Medikation stieg die Leuko-
cytenuhl nenerdiogB, ohne sich dann wiederum durch Schilddrüsenver-
ffltterong berabdrfleken zu lassen. Wir glauben nicht, dafi die Schwan¬
kungen des Blntbildes unter dem Einilasse dieser Therapie standen,
konnte man doch mit ihr später die gleichen Aenderungen nicht wieder
erreichen. Ueberdies verweisen wir auf unsere Beobachtung III, bei der
wir die Schiiddrflsentberapie durch längere Zeit, ohne ersichtlichen Ein¬
fluß tu erzielen, versucht haben. Die Leukocytenzahl zeigte eher noch
steigende Tendenz.
Mit dieser Feststellung gewinnt der Jakschsche Fall für
m aber eine besondere Bedeutung, weil er uns beweist, daß eine
schon typische, voll entwickelte Leukämie aus uns un¬
bekannter Ursache ein aleukämisches Stadium durch¬
laufen kann, um dann später wiederum das leukämische
Bild xu bieten.
Einen ganz analogen Verlauf nahm das Blutbild bei dem
von Jaksch als „multiple Periostaffektion mit Myelocythämie“ be¬
schriebenem Krankheitsbilde.
Die am 23. Juli 1900 in die Klinik aufge&ommene 24 jährige Frau
gib an, daß sie im Febu&r erkrankt sei mit Schmerzen in den Ellbogon-
nnd Handgelenken sowie in der linken Ferse, später auch iu der rechten.
Gleichzeitig sistierten die früher immer regelmäßigen Menses. Bei der
Patientin fielen vor allem neben der sehr blassen Hautfarbe, dem enormen
Milztumor, der Leberschwellung und dem Ascites an verschiedenen
Skeletteilen sitzende sklerosierende Bildungen auf, die vom Periost aus-
KiDgoo; Lymphdrttsen wurden nicht vergrößert gefunden. Im Harne koin
Eiweiß, keine Albumosen und Peptone; über Urobilin und Diazoreaktion
findet sich nichts vermerkt. Der Fieberverlauf zeigte intermittierenden
Tjpns. Am 10. Dezember starke Epistazis. Das Serum des an diesem
Tag entnommenen Bluts enthielt gelostes Hämoglobin. In den nächsten
Tagen wiederholte sich das Nasenbluten noch viermal. Am 12. Januar
1901 wurde starker Haaraasfall, besonders an den Schläfen, bemerkt;
tagi darauf wnrde die Phoaphortherapie eingestellt Am 6. Februar er¬
log die Patientin dem Leiden.
Bei der Sektion stellte Chiari folgende Diagnose: „Leucaemia
(Hjperplaaia lymphatica lienis et medallae ossium, intumescencia hepatis).
Aniemia et hydrops universalis, infarctus anaemici lienis, decubitus super-
acuui m regione sacrali, hyperoBtosis ossium inflammatoria multiplex“.
Alle Lymphdrflsen fanden sich mehr minder stark vergrößert und
* Ihrdadmitte von graurötlicher Farbe. Leber 26 X 9 X 11 cm,
3700 g; Milz 38 x 17 X 7 cm, 2750 g; ihre Kapsel verdickt, das Paren-
^ erb ’ . am Durchschnitte von blasser grauroter Farbe und
PÄChmißig lymphatischer Beschaffenheit mit einigen anämischen In-
Das Knochenmark von durchweg blasser, graurötlicher Farbe
weicher Konsistenz. Hyperostosen an mehreren Knochen.
1® gefärbten Knochenmarkabstrichpräparat fanden sich reichlich
nokwmge großkemige Zellen, iu deren Protoplasma bei Biondi-Hei-
Minnscher Färbung hier und da leuchtendrote, zomeist aber bläu*
Grinula zu sehen waren, die sich im Triazidpräparat als eosino-
Pju beziehungsweise neutrophil erwiesen; außerdem spärliche im Proto-
nichtgekörnte und auch gelapptkernige kleinere Zellen, reichlich
wythroblasten, gehr wenig Myeloplaxen, Die Milz bot das Bild „lym-
tLiln C ^ er FTP^lMie“: Ihre zelligen Elemente zeigten die gleiche Ver-
wi^a i ^ e * cben Charaktere wie die des Knochenmarks, vor-
wgwia also „mononucleare neutrophile Leukocyten“.
rv*«, lr i*^ ea w * r nun n °ch den Blutbefund nach: Die Zahl der Eryttaro-
JJt® ton 5380000 am 24. Juli mit Schwankungen allmählich ab
bt - e -bte am 3. Februar den Tiefstand von 990 000; reichlich Normo-
DontfiÄ ir. un< * Megaloblasten sowie polychromatische und basophil
^ythrocyten, starke Poikilocytose, mäßige AniBOcytose. Ent-
tnwr JW der Hämoglobingehalt. Die Leukocytenzahl be-
8 wi 24. Job 38 400, ging von da unter geringen Auf- und Abwärts¬
bewegungen langsam auf 10000 hinunter (16. November), stieg dann
wiederum auf 25 400 (20. Dezember) und fiel neuerlich auf 10 000 (15. Ja¬
nuar), erreichte daun von hier aus rapid die Höhe von 70000 (3. Februar,
drei Tage ante exitum).
Cytomorphisch fanden sich zu Beginn um 700 /q, zuletzt etwa 45%
polynucleare, 10 bis 30% mononucleare neutrophile, 2 bis 8% eoBino-
philgekörnte Leukocyten, unter ihnen auch polynucleare Formen, in keinem
Präparat basophil gekörnte Zellen, zirka 25% Lymphocyten und Ueber-
gangsformen; „bei den Lymphocyten fallen die vielen mittelgroßen Formen
mit äußerst stark basophil sich färbenden Plasma auf 4 — offenbar Myelo¬
blasten.
Hier also finden wir wiederum, daß ein subleukämisches
Blutbild vollkommen aleukämisch wird und schließlich
ins leukämische exacerbiert.
Diese zwei und unser in Zusammenhang mit ihnen be¬
sprochener Fall erscheinen uns für das Verständnis der Sache von
größter Wichtigkeit, weil sie uns lehren, daß die Aleukämie
keineswegs das Initialstadium einer Leukämie sein muß,
wie z. B. Rychlik gemeint hat, sondern daß Aleukämie und
Leukämie verschiedene Zustandsbilder derselben, wenn
auch ätiologisch differenten Krankheiten sind, die
ineinander Übergehen können unter der Einwirkung ver¬
schiedenartiger Faktoren, sei nun deren Natur uns unbe¬
kannt, mögen wir sie als Infekte erkennen oder lassen wir sie
selbst aus therapeutischen Gründen einwirken. Darum fällt es
auch nur leicht ins Gewicht, ob man das vorliegende Syndrom im
Sinne von Jaksch deutet oder ob man es als echte Leukämie auf-
faßt mit koordinierter oder gar sekundärer Knocbenorkrankung;
können doch offenbar verschiedene Insulte unter beson¬
deren Umständen den leukämischen Symptomenkomplox
aus lösen, wie wir das für die akute Leukämie bereits begründet
haben. (Pribram und Stein).
Wir möchten zur Illustration des eben Gesagten nur noch anf die
sehr interessante Beobachtung von Brown (11) hinweisen.
Ein 14jähriger, früher gesunder Knabe wnrde mit Antitetanusserum
prophylaktisch geimpft, nachdem er vor mehr als zwei Jahren eine gleiche
Dosis bekommen hatte. 36 Stunden nach der Reinjektion brach unter
Erbrechen und Fieber eine heftige Urticaria aus. In wenigen Tagen
konnte man bei Abklingen der anaphylaktischen Erscheinungen generali¬
sierte Lymphdrüsenschwellungen feststellen. Dabei wuchs Milz und Leber
rapid an, nach zwei Wochen reichte die Milz bis in Nabelhöhe. Es ent¬
wickelte sich eine schwere Anämie, das Fieber war von Prostration ge¬
folgt; zu Ende der vierten Woche starb der Kranke im Anschluß an
eine Hemiplegie. Eine Woche vor dem letalen Ausgang war das Blut
untersucht worden; es fanden sich 420000 weiße Zellen: 77% kleine
Lymphocyten, 18% neutrophile und 2% eosinophile polymorphkernige.
Unter den Erythrocyten fanden sich Megaloblasten in großer Zahl bei
Poikilocytose. Hämoglobingehalt 35%. Die Obduktion unterblieb.
Eine durch das Trauma oder die Injektion bedingte Infektion
dürfte wohl nicht übersehen worden sein, weshalb wir nicht an-
stohen, mit dem Autor den Blut- und Organbefund mit dem
anaphylaktischen Shock in kausale Beziehung zu setzen,
zumal auch die beträchtliche absolute Eosinophilie (8400 im emm!)
auf diese Aetiologie hinweist und gegen eine infektiöse spricht.
Und das ist eben das Merkwürdige, daß eine Noxe, die an den
hämatopoetiseben Apparat scheinbar keine besondern Ansprüche
stellt, ihn aber dabei offenbar doch schwer alteriert, eine solche
Reaktion auslösen kann. Dies ist nur unter besondern Bedin¬
gungen, die im betroffenen Organismus liegen, möglich; das jugend¬
liche Alter des Patienten läßt uns an eine thymisch-lymphatische,
wenn nicht primäre hämoblastische Insuffizienz denken.
Viel häufiger als die vorhin erörterten spontanen Re¬
missionen sind die bei medizinaler Beeinflussung dorLeuk-
ftmie, geht doch jetzt das Heilbestreben kaum viel weiter, als
eine Besserung des Blutbildes zu erzielen, mag man nun Röntgen¬
strahlen oder radioaktive Substanzen, Arsen oder Benzol heran¬
ziehen. Die durch diese Mittel erzielte „Besserung des Blutbildes u
hat allerdings nicht immer dieselbe Bedeutung: In der einen
Gruppe der Fälle drängt man gewissermaßen die Leuk¬
ämie in das aleukämische Zustandsbild und erreicht
dabei meistens auch eine allgemeine Besserung, in der
andern aber bedeutet die erreichte Remission eine Er¬
schöpfung der blutbildenden Organe, ein signum pessimi
ominis!
Da diese Alternative nicht nur für das Verständnis, sondern anch
lür die Therapie schon behandelter Fälle bedeutungsvoll ist, wollen wir
sie mit Beispielen belegen.
V. Th., 68jährige Bedienerin. Myeloische Leukämie. Die Krank-
heitsbeschreibong dieses Falles bis November.1912 haben wir (12) mit
Epikrise bei anderer Gelegenheit mitgeteilt: Ein Fall, der auf Benzol Ver¬
abreichung glänzend reagierte. Die Leukocytenzahl war von 225 000 auf
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UNIVERSUM OF IOWA
276
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10.
7. März.
9000 gefallen, dabei zeigte die Blutmischung ein der Norm näheres Ver¬
hältnis. Patientin wnrde dann mit Arseninjektionen weiter behandelt,
erholte sich immer mehr und worde vollkommen arbeitsfähig. Dabei
fielen aber die Leukocyten weiter ab und erreichten das tiefe Niveau von
2000, während die Cytomorphie keine weiteren nennenswerten Verände¬
rungen zeitigte und die Erythrocyten immer noch steigende Tendenz auf¬
wiesen.
Im Juni 1918 erschien Patientin, die inzwischen ihren Beruf wieder
aufgenommen hatte, an der Klinik. Der subjektive und objektive Befund
war kaum verändert, das Blut war aber allerdings wiederum sublenk-
Smisch geworden. Wir zahlten an Leukocyten am 4. Juni 39 800, am
20. Juni 29 400, am 23. Juni 25 000. Die neutrophilen Granulocyten
machten die Mehrzahl der Zellen aas: 43% polymorphkernige, 34%
einkernige; auf Myeloblasten entfielen zirka 5%, auf Mastzellen zirka
7%, während eosinophile Zellen nur spärlich vertreten waren (bis
zu 1%).
Nun begab sich die Patientin aufs Land, wo Bich Kopfschmerzen,
Fieber, Husten sowie Stechen in der Brust, angeblich nach einer Verkoh¬
lung, eimtellten. Sie fand daram am 14 Juli 1913 Aufnahme in der
II. medizinischen Universitätsklinik. Es wurde dort eine linksseitige
Pleuritis festgestellt; die Milz war drei Querfinger unter dem Kippen¬
bogen palp&bel. Während die Patientin anfänglich normal temperiert
war, stellte Bich am 16. August Fieber bis 38o C ein, das tags darauf
aber wiederum abfiel. Bei der an diesem Tage vorgenommenen Harn¬
untersuchung wnrde Gallenfarbstoff schwach positiv gefunden und am
leicheu Tage folgender Blutbefund erhoben: Erythrocyten 5 280000,
abli 54, Färbeindex 0,51, Leukocyten 58 900 und zwar 32% neutro¬
phile polymorphkernige, 39 % Myelocyten, 14% Mastzellen; der Rest
verteilte sich auf die übrigen Zellarten. Am 25. August wurde Patientin
entlassen; sie fühlte Bich jetzt wieder völlig beschwerdefrei.
Da sich aber neuerdings Kopfschmerzen und Schwindelanfälle ein¬
stellten, wurde sie bei uns am 5. September 1913 aufgenommen. Sie
machte keineswegs den Eindrack einer Schwerkranken. Der Milzpol war
eben palpabel, die Leber mäßig vergrößert; links eine pieuritische
Schwarte Am 7. September kam es zn einer Schwellung des linken
Unterschenkels mit mäßiger Schmerzhaftigkeit, die nach drei Tagen unter
BurrowUmschlägen verschwunden war. Der Urin zeigte keine patholo¬
gischen Reaktionen. Die Zahl der Leukocyten schwankte um 50 000, die
differentielle Auszählung zeigte keine nennenswerte Abweichung von den
früheren Befanden. Hingegen fanden wir bloß 3 Millionen Erythrocyten
bei einem Färbeindex von %, bei reichlicher Polychromatophilie und
Gegenwart von Normoblasten (um 200 im Kubikmillimeter) mit verein¬
zelten Mitosen. Es wurde vorübergehend Benzol und Arsen gereicht,
auch eine RöntgendoBis appliziert, und Patientin erholte sich wiederum
ziemlich rasch, erlag aber am 10. Dezember einer hinzugetretenen Pneu¬
monie. Bei der Obduktion fand sich das typische Bild myeloischer
Leukämie.
VT. F. S., 38 Jahre alte Frau, bei der vor 1 1 /-j Jahren die Dia¬
gnose auf Leukämie gestellt wnrde. Erythrocyten 4 Millionen, Leuko¬
cyten 150000 mit typisch myelfimischem Befund. Auf Atoxyl- und
Röntgenbehandlung nur ganz vorübergehende Besserung. Im Januar
1913 kam Patientiu an unsero Klinik in Beobachtung mit einer Lenko-
cytenzahl, die um 150 000 in nicht weiten Grenzen schwankte, bei nur
geringgradiger Chloranämie. Da Röntgenbestrahlungen effektlos blieben,
der Zustand sich eher noch verschlechterte, wurde die Kranke einer
Beuzoltherapie unterzogen, gegen die sie sich anfangs, von der gewöhn¬
lich beobachteten initialen Steigerung der Leukocyten abgesehen, sehr
refraktär verhielt, bis ein plötzlicher Absturz von 65 000 auf 36 000 im
Laufe von drei Tagen erfolgte. Von da ab besserte sich das Blutbild
allmählich weiter. Das subjektive Befinden der Patientin ging damit aber
keinesfalls parallel; sie fühlte sich umgekehrt eher weniger wohl, doch
wurden ihre Klagen nie Behr ernst genommen, nachdem sie hystero-
neorasthenisch schwer stigmatisiert war und ein organisches Substrat für
die Klagen sich nicht auffinden ließ. Als die Leukocytouzahl den Stand
von 16 000 im Kubikmillimeter erreicht hatte, brachen wir jede Therapie
ab, doch fielen die Lenkocyten spontan weiter bis auf 10 000. Patientin
wurde nun entlassen und mit Arsen ambulatorisch nachbehandelt, selbst¬
verständlich unter ständiger Kontrolle des Blutbildes, das einen Leuko-
cytengehalt von 6- bis 8000 aufwies.
Nach einiger Zeit begab sich die Kranke vollends in die Pflege ihres
Hausarztes, der günstig lautende Berichte uns zugehen ließ. Eines Tages
aber wurden wir von ihm wegen plötzlich aufgetretener stürmischer Er¬
scheinungen gerufen: Erbrechen, Nasenbluten. Fieber, bedeutende
Knochenschmerzh&ftigkeit. Ein flüchtiger Blutbefund ergab zirka
4000 Leukocyten; im Ausstrichprftparat erschienen die roten Blut¬
zöllen hypochrora, kornhaltige fanden sich nicht. Die Cyto¬
morphie der weißen Zellen war gegenüber den früheren Befunden völlig
verändert; während früher immer reichlich Granulocyten, mehr- und ein¬
kernige, vorhanden waren, zeigte das Blut jetzt einen ganz mono¬
tonen Charakter: es fanden sich fast nur segmentreiche
neutrophile Polynucleocyten und Iymphocytäre Elemente —
von jeder Art etwa die Hälfte—, also ein typischer „Erschöpfungs¬
befund“ im Sinne von Türck (13), in dem auch „neutrophile Riesen“
nicht fehlten und die neutrophilen Körnchen vielfach schlecht oder gar
nicht darstellbar waren.
Die Kranke wurde nun in die Klinik aufgenommen und hier rein
symptomatisch behandelt, da wir durch eine eingreifendere Therapie den
hämocytopoetischen Apparat nicht weiter alterieren wollten. Während
des jetzigen Aufenthalts entwickelte sich das Bild schwerer hämorrhagi¬
scher Diathese. Die Leukocytenwerte standen dabei sehr niedrig, um
1000 und darunter, ihre qualitative Zusammensetzung blieb gleich un¬
günstig. Der Zustand besserte sich nur langsam, aber allmählich schwanden
doch die Blutungen, die Lenkocyten hoben sich auf 2000, der qualitative
Erschöpfungsbefund aber war kaum verändert; in dieser Verfassung ver¬
ließ Patientin auf eignes Verlangen die Klinik, um sich einige Monate
später ins Rothschildspital aufnehmen za lassen. In der Zwischenzeit
nahm sie, wie wir von Spiegler (14) erfahren, dem wir den Bericht
Über den weiteren Krankheitsverlauf verdanken, wider unsem Rat und
ohne ärztliche Kontrolle noch durch fünf Wochen Benzol. Jetzt ergaben
die Bl ufcuntersuchungen den Befund einer noch schwereren Erschöpfung
der Hämocytopoese als wir ihn gesehen haben, indem bei einer Gesamt¬
zahl von 2200 bis 1400 bis 400 Leukocyten und schwer anämischem
Erythrocyteubefuude (2 bis 2'/a Millionen) im Trockenpräparat „fast nur
Lymphocyten, keine Myelocyten“ zu sehen waren. Dabei bestand neben
Störungen der Psyche wieder schwerste hämorrhagische Diathese; die
Gerinnbarkeit des Blutes erwies sich außergewöhnlich verzögert: einen
Tag nach seiner Entnahme war noch nichts von Gerinnung zn merken.
Eine Bluttransfusion vermochte das letale Ende nicht hinansznschieben.
Aus dem Obduktionsprotokoll: Violettgefärbte Hautblatungen der
Bauchhaut und der Streckseiten der oberen und unteren Extremitäten
vielfach mit abgehobener Epidermis. Am linken Epiglottisrand ein grau
belegtes Geschwür und Oedem der Umgebung. Keine Vermehrung und
keine Vergrößerung der cervicalen LymphdrüBen. Leber über handbreit
über den Rippenbogen hervorragend, blaßgelb, von teigiger Konsistenz,
LBppchenzeichnung verwischt. Milz 20 X 8 X 5 cm, keine Follikelver¬
mehrung, Trabekel deutlich. Kleinste Blutungen der Nierenbeckenschleim¬
haut beiderseits, Magenschleimhaut von einzelnen Blutungen durchsetzt.
Geschwüre rings um die Ileocöcalklappe. Das linke Ovar vergrößert,
enthält eine Blutmasse in einem cystisch präformierten Raum, ebenso das
Cavum uteri, die Harnblasenscbleimhaut weist einzelne punktförmige
Blutungen auf. Keine Vermehrung oder Vergrößerung der Lymphfollikel,
der retroperitonealen oder inguinalen Lymphdrüsen wie überhaupt des
lymphatischen Apparats. Knochenmark himbeergeleeartig.
Mikroskopischer Befund. Lymphdrüsen: Deutliche Trennung der
Rinden- und Markschicht nicht möglich, hingegen deutliche Differenzen
zwischen dem eigentlichen adenoiden Lymphdrüsengewebe und den so¬
genannten Flemmingschen Keimcentren; die unter normalen Verhält¬
nissen vorkommenden Lymphoblasten lassen sich nirgends nachweisen
und es entspricht das Bild einem durch chronisch*entzündliche Prozesse
bindegewebig verödeten Lymphdrüsenparenchym; niemals finden sich
Knochenmarkelemente. Milz: Vermehrung der roten Pulpa, hingegen
Malpighisehe Körperchen klein und spärlich; Verringerung der lympho-
cytären Elemente; von pathologischen Zellen Megakaryocyten und außer¬
dem herdweise, aber nicht häufig, Myeloblasten. Knochenmark: Dem
Alter nicht entsprechender zu geringer Fettgehalt; das geleeartige Mark
zeigt ein ödematös aufgequollenes Bindegewebsgerüsfc, in welchem in
Massen kernhaltige rote Blutkörperchen neben den gewöhnlichen Knochen¬
markelementen liegen; mitunter gruppenweise Myeloblastenhäufchen nnd
stellenweise Iymphocytäre Zellanhäufungen. Leber: Das Parenchym fast
völlig verschwunden, im Protoplasma der Leberzellen größere und kleinere,
vielfach koufluierende Fetttröpfchen; ein wohlerhaltener Leberzellbalken
kaum irgendwo zn sehen; entzündliche Veränderungen fehlen ebenso wie
leukämische. Niere: Keine entzündlichen oder leukämischen Prozesse,
das Bild entspricht vielmehr dem einer chronischen Intoxikation.
Es wurde also an keinem der untersuchten Organe irgend¬
eine leukämieverdäcbtige Stelle gefunden, im Gegenteil befand
sich der hftmatopoetische Apparat in einem Zustande
regressiver Metamorphose: Atrophie und Verödung —
der Effekt toxischer Benzolwirkung.
Wenn wir die letzten zwei Fülle genauer betrachten und die
Ergebnisse der Blutuntersuchung zu analysieren versuchen, so
müssen wir sagen: In beiden Fällen wurde durch die Ben¬
zoltherapie der gleiche Effekt der Leukocy tenverminde-
rung erreicht, aber wie verschieden war dieser Effekt
in seiner biologischen Wertigkeit! In dem einen Falle (V)
bedeutete er eine wirkliche Besserung des ganzen Krank-
1 heitsbildes, am auffälligsten repräsentiert durch das Zurück*
I treten in eine subleukämische Phase, eine Besserung, die
durch acht Monate voll anhielt und der Patienten die Ausübung
| ihres schweren Berufs ermöglichte und die erst später durch das
j Hinzutreten einer exogenen Noxe etwas verschleiert wurde — g®*
j wiß ein schöner therapeutischer Effekt, der leider durch die * n y r ’
I kurrente Pneumonie abgeschnitten wurde. In dem andern Faij 6
j wurde nur scheinbar die Aleukämisierung erreicht,
das aleukämische Blutbild wurde vorgetäuscht durch
1 schwerste hämocytoblastische Insuffizienz — ©s resu '
, tierte ein pseudoaleukämisches Blutbild,
Welche enorme praktische Bedeutung der Unterscheidung so
differenter Zufälle zukommt, leuchtet ohne weiteres ©in: Ist de 1 ’
eine doch, da er meist eine Besserung anzeigt, sehr erwünsch .
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UNIVERSUM OF IOWA
7 . März.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10.
277
während der andere das Signal höchster Gefahr bedeutet, das
rechtzeitig ins Bewußtsein des Arztes eindringen muß; einwand¬
frei ist es nur durch die Blutuntersuchung („Erschöpfungsbefund“;
siehe Fall VI) vorfahrbar, bei der der Nachweis gestörter Ge¬
rinnungsfähigkeit eine bedeutende Rolle spielt, gleichwie von klini¬
schen Symptomen der Ausbruch hämorrhagischer Diathese: Kurz¬
um das Bild der exogenen - medullären Anämie von
aplaBtischem Typus.
Es ist wohl wichtig, anzumerken, daß dieser unerwünschte
Ausgang bei jeder der vier üblichen Behandlungsformen der
Leukämie des öfteren beobachtet wurde. Freilich hat dabei den
Autoren bisher immer die Deutung des Blutbefundes gewisse
Schwierigkeiten bereitet; uns kommt es auch hier gleichwie bei
der Analyse der akuten Leukämie auf die Feststellung an, daß die
funktionell hochdifferenzierten Granulocyten zugunsten
agranulocytftrer Elemente verschwinden, und wir sehen
darin das Wesen des ganzen Prozesses. Parallel damit geht die
enorme Verminderung der Blutplättchen, wie sie bei der myeloischen
Aleukämie niemals anzutreffen ist. Hierbei möchten wir hervor¬
heben, daß wir die den Leukocytenabfall begleitende Plättchen¬
vermehrung bei Fall VI in noch eindeutigerer Weise gesehen haben
als bei V (12).
Bemerkenswert ist auch noch, daß wir trotz der
schweren Schädigungen der Eingeweide niemals patho¬
logische Harnbestandteile sahen. Wir beobachteten bloß
Nachdunklung des beim Lassen grünlichen Urins, was
uns um so mehr auffiel, als diese Erscheinung an den einzelnen
Tagen trotz gleicher oder gar höherer Benzolgaben verschieden
war, manchmal völlig fehlte; auch hatte der Urin nicht den
charakteristischen Phenolgeruch, bei der Analyse aber wurden
Phenole festgestellt; ein Befund, der kürzlich auf Grund quanti¬
tativer Methoden von Boruttau und Stadelmann (16) mitge¬
teilt wurde.
Wir versuchten allerdings auch die Darstellung von
Mukonsäure aus dem Harne nach Benzolverabreichung,
was uns trotz Verarbeitung großer Mengen nicht gelang. Damit
mußte auch unsere Vorstellung von dem Wirkungsmechanismus des
Benzols fallen oder zumindest unbegründet bleiben, da wir eben
Jaffeös (17) Befund der Sprengung des Benzolkerns im tierischen
Organismus beim Menschen nicht bestätigen konnten. (Schluß folgt.)
Forschungsergebnisse aus Medizin und Naturwissenschaft.
Die Vererbung erworbener Eigenschaften
im Lichte neuerer Forschungen
von
Dr. V. Franz, Leipzig-Marienhöhe.
In der Frage der Vererbung erworbener Eigenschaften
läßt das letzte halbe Jahrhundert ein recht bemerkenswertes Auf-
ond Niederschwanken der Meinungen erkennen, doch anscheinend
Dicht ohne daß wir dabei allmählich zu bestimmteren Erkenntnissen
kämen. Der Pendelschlag der Meinungen verkleinert sich nach
und nach, und wenn er endlich auf einem gewissen Nullpunkte
zur Rahe kommt, dann sieht — so will es jetzt schon deutlich
erscheinen — die Sache etwas anders aus als zuvor, dann er¬
kennen wir von ihrem Wesen schließlich viel mehr, als wir vorher
za finden erwartet hatten.
Bekanntlich gab es eine Zeit, wo niemand daran zweifelte,
daß die im individuellen Leben erworbenen Eigenschaften sich
vererben. Man wußte, daß eine Vererbung besteht und zweifelte
nicht daran, daß sie gleichsam in einer Konzentrierung der jeweils
sichtbaren Eigenschaften des Elternpaars bestehe. Aus dieser Vor¬
stellung fließt nicht nur der in GoetheB „Wahlverwandtschaften“
verwertete Glaube, daß beim geistigen Ehebruch das Kind die
Zöge des im Geiste Geliebten trage, nicht nur der Wunsch mancher
Mutter, dem noch ungeborenen Kinde die Züge eines lieblichen
Bildes zu verleihen, das sie selbst oft an schaut, nicht nur der
gelegentlich anzutreffende Aberglaube, daß eine Frau, die beim
Ackern auf dem Feld einem Junghasen die Schnauze spaltet, ein
Kind mit Hasescharte bekommen müsse — und da eine glücklich
zufriedene Stimmung der Schwangeren für das gute Gedeihen der
Frucht wesentlich ist, so kann in mancher von jenen Vorstellungen
ein Körnchen Wahrheit gefunden werden —, sondern aus der
gleichen Annahme floß auch jene Vererbungstheorie, welche sich
Darwin zurecht gemacht hatte: seine Theorie der „Pangenesis“
(das heißt Erzeugung aus dem Ganzen heraus) besagte, daß von
allen Zeilen des Körpers gewisse Partikelchen, Gemmulae zu
uennen, sich abspalten und den Zeugungsprodukten Zuströmen.
Bei einer derartigen, noch vor 50 Jahren nützlich gewesenen An¬
sicht würde allerdings die Vererbbarkeit des Erworbenen nicht auf
die geringsten Schwierigkeiten Btoßen.
Der eigentliche Strom des LebenB geht aber, in den mehr-
zelligen Lebewesen wenigstens, wie die Zoologen mit dem Fort¬
schreiten der Mikroskop- und Mikrotomtechnik erkannten, einen
direkteren Weg. Diejenigen zelligen Elemente, welche im reifen
Organismus Ei- und Samenzellen liefern, die „Keimzellen“, werden
bereits auf außerordentlich früher embryonaler Stufe, nämlich
spätestens auf dem Gastrulastadium, ausgebildet und zu vorläufiger
buhe deponiert. Sie treten also erst wieder in Aktion, wenn der
r ganismus, herangewachsen und herangereift, sich fortpflanzen
soll, dagegen tritt jenes sogenannte „Keimplasma“ mit dem ganzen
übrigen Organismus, doni „Soma“, in keinerlei nachweisbare Wech«el-
cnehung, abgesehen von den allgemeinsten Stoffwcchselvorgängen.
an natürlich auch die Keimzellen teilnohuien müssen. Die
Gesamtheit der übrigen Zellen, auf denen die Bildung des ganzen
Körpers und seine Lebensfunktionen beruhen, ist also gleichsam
nur ein auseinanderfließender und schließlich rasch versiegender
Seitenzweig des eigentlichen Lebensstroms, er kann auch auf¬
gefaßt werden als ein Mittel, den Fortbestand der Keimzellen von
einer Generation zur andern zu gewährleisten, oder anders aus¬
gedrückt: die Ausbildung des vielzelligen Körpers ist eine Art
Brutpflege, die nur im Reiche der Einzelligen nicht ausgebildet ist.
Wenn aber dem so ist, dann ist es zunächst schwer vorstellbar,
wie ein Reiz, der die Körperzellen des erwachsenen Individuums
trifft, noch auf die Keimzellen der nächsten Generation übergehen
könne. Von derartigen Anschauungen ausgehend, sind denn auch
den Forschern ernste Zweifel gekommen, ob man eine Vererbbar¬
keit des Erworbenen im Ernst annehmen könne; und bekanntlich
erwiesen sich nach und nach alle ehemals angeführten angeblichen
Beispiele, wonach z. B. eine Kuh, die sich ihr Horn abgestoßen
hatte, ein Kalb mit gleichfalls mißgebildetem Home geworfen habe
oder ein Stier mit verstümmeltem Schwänze schwanzlose Kälber
zeugte und schwanzlose Katzen von einer verstümmelten Mutter
herstammen sollten, als unverbürgte Anekdoten. Noch geringer
wurde die Zahl derer, die an Vererbung des Erworbenen glaubten,
als Weismann sich entschloß, 22 Generationen hindurch Mäusen
die Schwänze abzuschneiden und die Nichtvererbbarkeit dieser
Verstümmelung zu beweisen. Es kam damit eine Zeit, in welcher
nach und nach immer weniger Biologen eine Vererbung erworbener
Eigenschaften für unmöglich hielten, sondern selbst ehemalige treue
Freunde dieser Lehre sich von ihr abkehrten. So bekannte
A. Lang auf der Zoologenversammlung im Jahre 1909, daß auch
er zu den „getäuschten Aktionären“ gehöre.
Aber es haben sich im Laufe des letzten Jahrzehnts eine
Menge Beobachtungen angehäuft, wonach, wie man schließlich er¬
kannte, eine Vererbung des vom Individuum Erworbenen in be¬
stimmten Fällen auch bei Vielzelligen unzweifelhaft eintritt.
Es sind dieser Fälle jetzt schon so viele, daß wir uns hier
darauf beschränken müssen, nur die markantesten kurz zu er¬
wähnen. Der erste derartige Fall, dessen Entdeckung (1894) großes
Aufsehen erregte, war der durch Standfuß und durch Fischer
geführte Nachweis, daß Einwirkung von Kälte auf Schmetter¬
lingspuppen nicht nur zur Entstehung von dunkler gefärbten
Faltern führt, sondern daß auch eine von diesen künstlich be¬
einflußten Faltern gezeugte, unter normalen Bedingungen auf¬
gezogene Generation die ihren Eltern aufgezwungene Veränderung
noch in freilich abgeschwächtem Maße wiederum zeigt.
Groß ist auch die Zahl der Beispiele für Vererbung er¬
worbener Eigenschaften bei Amphibien, und Kämmerers Unter¬
suchungen über diesen Gegenstand sind wohl schon so bekannt,
daß wir sie nur noch in Kürze erwähnen dürfen. So sei denn in
Erinnerung gebracht, daß es Kämmerer gelang, unserm bekannten
schwarz- und gelbgefleckten Feuersalamander (Salamandra maculosa)
durch veränderte Lebensbedingungen einen veränderten, und zwar
t erblich veränderten Fortpflanzungsmodus aufzuzwingen. Entzieht
| man nämlich diesen Tieren das Wasser, dessen sie zur Ablage
, ihrer Larven gewöhnlich bedürfen, so verläuft ein immer größerer
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Nr. 10.
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Abschnitt der Larvenentwicklung im Mutterleibe, und es werden
schließlich fertig ausgebildete kleine Salamandor, aber nur in
geringer Anzahl (zwei bis sieben Stück) geboren. Diese nun haben,
auch wenn unter normalen Lebensbedingungen gehalten, noch die
veränderte Fortpflanzungsweise, wenn auch in abgeschwächtem
Maße. Mit der Veränderung der Fortpflanzungsweise geht eine
gleichfalls erbliche Veränderung der Farbe im Sinne des zu¬
nehmenden Schwarz einher. Mit einem Worte, der Feuersalamander
bekommt durch Darbietung der Lebensbedingungen des Alpen-
B&lamanders mehr oder weniger die Eigenschaften des Alpensala¬
manders aufgezwungen.
Aehnlich läßt sich z. B. beim Laubfrosch (Hyla arborea)
der Entwicklungsgang künstlich erblich modifizieren. Wie die
Frösche und Kröten, legt der Laubfrosch seine Eier in großer
Zahl ins Wasser. Entzieht man ihm dieses aber und stellt ihm
dafür gewisse Blattpflanzen mit dütenförmig eingerollten jungen
Blättern zur Verfügung, so legt er seine Eier in diese Blattdüten;
aus diesem Dütenei schlüpft die Larve erst auf einem viel späteren
Stadium als normal aus und entwickelt einen zwerghaften, doch
fortpflanzungsfähigen Laubfrosch. Diese Zwergfrösche legen, falls
man ihnen Wasser darbietet, zwar ihre Eier wieder ins Wasser ab,
trotzdem aber schlüpfen auch jetzt noch die Larven auf etwas
späterem Stadium aus. Es hat sich also auf sie der ihren Vätern
und Müttern aufgezwungene veränderte Fortpflanzungsmodus deut¬
lich, wenigstens teilweise, vererbt.
Noch ein ähnliches Beispiel sei erwähnt, die Geburtshelfer¬
kröte (Alytes obßtetricans). In Abweichung von den meisten
Fröschen und Kröten legt dieses Tier nur wenige relativ große
Eier mit dünner Gallerthülle, und zwar auf dem Lande ab, wo das
Männchen sich die Eierschnur um die Hinterschenkel wickelt.
Zwingt man nun durch ungewöhnliche Wärme die Geburtshelfer¬
kröten, das Wasser aufzusuchen, so legen sie ihre Eier wie gewöhn¬
liche Kröten ins Wasser, geben also ihre Brutpflege vollständig
auf, und die Larven schlüpfen wie bei den gewöhnlichen Kröten
auf früherem noch kiementragenden Stadium aus. Auch dies
Verhalten ist wiederum vererbbar, denn im Laufe mehrerer in
Wasser gehaltener Generationen wird die „Krötenähnlichkeit“ der
Geburtshelferkröte immer größer: Die Eier werden immer kleiner
(dotterärmer), bekommen aber immer dickere Gallerthüllen, ja
unter andern bekommen die Männchen schließlich sogar als An¬
passung an das schwierigere Festhalten der Weibchen im Wasser
rauhe Brunstschwielen, wie sie sonst für Frösche und Kröten,
nicht aber für die Geburtshelferkröte charakteristisch sind.
Endlich noch ein Beispiel aus den Kammererschen Ver¬
suchen: Durch Kombination verschiedener entwicklungshemmender
Faktoren (Dunkelheit, Kälte des Wassers, Mästung nach Nahrungs¬
verkürzung, vorzeitige, operative Entnahme des Embryos aus dem
Ei), ist es möglich, von der Geburtshelferkröte eine geschlechts-
reife große Krötenlarve zu erzielen, und diese vererbte dann auch
ihre Entwicklungsverzögerung wiederum auf ihre Nachkommen,
die jahrelang auf einem gewissen Larvenstadium stehenblieben.
In allen diesen und noch anderweitigen Fällen sind die
Eigenschaften der Tierarten künstlich durch abnorme Lebensbedin¬
gungen hochgradig, und zwar erheblich verändert worden; aller¬
dings ist in allen diesen Fällen sicher anzunehmen, daß bei fort¬
gesetzter Züchtung unter normalen Lebensbodingungen auch dio
normalen Eigenschaften in vollem Umfange wiederkehren werden.
Gegen die Standfuß-Fischerschen sowie gegen die
Kamm er er sehen Versuche sind verschiedene Einwände erhoben
worden; so machte Fischer schon selbst darauf aufmerksam, daß
bei scheinbarer Vererbung des Erworbenen in Wirklichkeit viel¬
leicht nichts anderes als eine versteckte Selektion vorliegen könne.
Es wurde ja immer nur dasjenige Tier zur Nachzucht verwendet,
welches eine besondere Abweichung aufwies, sodaß man sagen
könnte, gerade ihm sei diese Eigenschaft oder deren Entwicklung
angeboren gewesen. Es läge keine Vererbung erworbener, sondern
eine Vererbung angeborener Eigenschaften vor. Diesem Einwande
jedoch können die tatsächlichen Verhältnisse wenigstens bei den
Amphibien wohl kaum zur Stütze dienen.
Anders steht es um folgenden Einwand: Man hat gesagt, in
allen jenen Fällen handle es sich überhaupt nicht um Vererbung
neu erworbener Eigenschaften, sondern lediglich um die Her Vor¬
kehrung von Fähigkeiten, die von sehr alter Zeit her
bereits den betreffenden Tierarten innewohnten. Es sei
damit im Grunde etwas Aehnlicbes wie mit den Dimorphismen
oder Polymorphismen, welche in Abhängigkeit von den Lebens¬
bedingungen bei mancher Tier- und Pflauzenart ausgebildot sind.
Der Schmetterling Vanessa levana hat drei Formen, eine Sommer-,
Herbst- und Frühjabrsform, und je nach den Temperaturbediugungen
kann die Herbstform zur Ausbildung gelangen oder unterdrückt
werden. Manche Pflanze, wie z. B. Ranunculus purshii, hat
zwei Ausbildungsformen, und je nachdem sie im Wasser oder auf
feuchtem Sande gedeihen muß, erzeugt sie diese oder jene Blatt¬
form. Sollte die Sache vielleicht so liegen, daß die Geburtshelfer¬
kröte außer der uns allen bekannten Ausbildungsform auch noch
eine zweite annehmen kann, daß sie bei Wassermangel nämlich
veränderte Lebensweise und Instinkte annimmt? Sollte auch der
Feuersalamander von alters her die Fähigkeit besitzen, das Larven¬
leben unter Verminderung der Larvenzahl zu verkürzen? Dieser
„Einwand“ scheint mir nicht unberechtigt, er hat um so mehr für
sich, als jene erblichen Veränderungen bei den Amphibien
größtenteils Zweckmäßigkeitscharakter erkennen lassen; denn wenn
der Feuersalamander, in die Lebensbedingungen des Alpensala-
manders gebracht, dessen Fortpflanzungsmodus und auch zumTeü
dessen Farbe annimmt, so kann das für ihn nur zweckmäßig sein,
ebenso wenn umgekehrt der Alpensalamander im entgegengesetzten
Falle sich in seinen Eigenschaften dem Feuersalamander anähnelt,
oder wenn die Geburtshelferkröte unter denjenigen Lebensbedin¬
gungen, in denen sonst die gewöhnlichen Kröten leben, auch den
Fortpflanzungsmodus der gewöhnlichen Kröten annimmt. Es scheint
mir durchaus annehmbar, daß diese Tiere schon lange vor Ver¬
suchsbeginn mit der Potenz zur erblichen Umänderung ihrer Eigen¬
schaften je nach den Milieubedingungen belähigt sind, es läge
dann eine gewisse Verschiebbarkeit der ganzen Organisation
vor, eine Fähigkeit, gleich mit mehreren Generationen
zweckmäßig auf die veränderten Außenbedingungen zu
reagieren, und in jenen Versuchen bandelte es sich allerdings
nicht um Vererbung „neu“erworbener Eigenschaften. Trotz alle¬
dem bleibt es Vererbung erworbener Eigenschaften.
Daß ein derartiges Anpassungsvermögen im tierischen Or¬
ganismus wohnt und nicht verloren geht, auch wenn es jahrelang
und noch länger schlummert, scheinen mir auch die neuesten und
interessantesten Beobachtungen Kämmerers am Olm (Proteus
anguineus) gezeigt haben. Dieses blinde Tier, welches seit un¬
gezählten Generationen in der Adelsberger Grotte und in sonstigen
Höhlen des Karst lebt, jegliche Hautfarbe verloren und nur noch
ganz winzige rudimentäre Augen behalten hat, wird am Tageslicht
der Erdoberfläche nicht nur dunkelbräunlich gefärbt, sondern, wenn
man cs von Geburt ab im Hellen hält, wird das blinde Tier
sehend, bekommt schöne große Augen mit vorzüglich ausgebildeter
Retina, Linse und sonstigen Teilen des Augapfels, während im
gewöhnlichen rudimentären Olm äuge die Linse sich nach der Ge¬
burt bis zum völligen Schwunde reduziert; ein Anpassungs¬
vorgang, wie man ihn in der Höhezeifc des Weismannismus wohl
kaum für möglich gehalten hätte, denn damals hätte man das
Werden oder Vergehen eines Auges nur durch Variation und Se¬
lektion, nicht durch direkte Reiz Wirkung für möglich gehalten.
W'ir brauchen nun auch heute nicht an das „Wunder“ zu glauben,
daß das Licht imstande sei, ganz einfach durch Einwirkung auf
einen Organismus an diesem ein lichtaufnehmendes Organ, ein
Auge, hervorzurufen, wohl aber verstehe ich mich, nachdem wir
insbesondere beim Amphibienorganismus eine derartige Labilität
bereits kennengelernt haben, nicht ungern zu der Annahme, daß
dem Olm die Fähigkeit, je nach der vorhandenen Lichtmenge ent¬
weder ein Auge auszubilden oder es zu unterdrücken, eigen sei
und auch durch ungezählte Generationen nicht verloren gehen kann.
Derartige Erwägungen geben denn wohl auch die Erklärung
ab für einen merkwürdigen Fall aus dem Bereiche der Fische,
der unlängst von Thienemann beschrieben und geradezu als Art-
Veränderung aufgefaßt wurde. Im Laufe von nur 36 Jahren hat
sich im Laacher See aus vom Bodenseo importierten Felchen (Core-
gonu fera) eine neue Tierform, der Silberfelchen, entwickelt, die
sich von der Stammart unterscheidet durch schlankere und völlig
pigmentfreie Larvenstadien sowie durch viel stärkeren Silberglanz
(wie sie auch andern Felchenarten der Alpenseen im Gegensatz zu
der Art des Bodensees eigen sind), durch viel dichter stehende
Kiemenreusenzähne von erheblicherer Länge und anderes mehr.
Das verschiedene Aussehen der Larven und die veränderte Färbung
der Vollfische kann als Anpassung an das viel klarere, durch*
sichtigere und planktonärmere Wasser der Alpenseen aufgefa»
werden, die Veränderungen der Kiemenreuse als Anpassung an die
Ernährungsweise, denn die Tiere, die sich im Bodensee haupt¬
sächlich von grundbewohnenden Organismen ernähren, sind im
Laacher See zu Planktonfressern goworden. Es ist nicht mög¬
lich, die Entstehung dieser zweckmäßigen Veränderung vieler Eigen¬
schaften in 40 Jahren gleich sieben Generationen durch die Theorie
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der natürlichen Auslese (Darwin-Weismann) zu erklären, denn
dafür ist der Zeitraum offenbar viel zu kurz. Eine Erklärung ist
für diesen Fall überhaupt noch nicht aufgestellt worden. Mir
scheint, er erklärt sich am einfachsten durch die Annahme, daß
dem Organismus der Coregonus fera ein für allemal die Fähigkeit
innewohne, unter den einen Lebensbedingungen diese, unter
andern jene Beschaffenheit anzunehmen, daß also auch hier nicht
eigentlich eine Eigenschaft neu erworben, sondern eine seit alters
vorhandene Fähigkeit nur aufs neue hervorgekehrt ist.
Die im Vorstehenden erwähnten Beispiele kann man auch
dahin zusammenfassen, daß es offenbar eine zu weitgehende Aus¬
druckweise wäre, wollte man von eigentlichen Artveränderungen
im Sinne von Entstehung neuer Arten und von eigentlicher Ver¬
erbung des Erworbenen im Sinne yon Neuerworbenem sprechen;
und das ist die negative Seite der Sache. Die positive Seite liegt
darin, daß man, ohne den Gedanken an die Artkonstanz aufzu-
geben, doch innerhalb der einzelnen Tierart eine stärkere und
zvar erhebliche Schwankung als möglich erkennt, als man ehedem
je angenommen hat, Schwankungen, die als von alters her immer
vorhandene zweckmäßige Anpassungsfähigkeiten gegenüber den
Aenderungen der äußeren Lebensbedingungen aufzufassen sind.
Die Zweckmäßigkeit, die wir damit als dem Organismus
innewohnend erkennen, ist offenbar eine höcht erstaunliche. Das
wissen wir ja schon lauge, daß der einzelne Organismus auf allerlei
Einrichtungen zweckmäßig reagiert, wie das schon das Hart- und
Unempfindlichwerden unserer Haut an den Händen bei roher Arbeit
oder die Bräunung der Haut durch starken Sonnenschein lehrt.
Daß aber diese zweckmäßige Reaktion so weit geht, oder anders
ausgedriiekt: daß der harmonisch auf die Erhaltung der Art hin-
arbeitenden Zusammenhänge im lebenden Organismus so viele und
bo feine sind, daß eine Reaktion sich nicht auf das Individuum
beschränkt, sondern auch bei seinen Nachfahren noch wiederkehrt,
dies ist uns etwas Neues und Ueberraschendes, fast möchten wir
sagen etwas Wunderbares, wobei wir jedoch uns gegenwärtig
halten wollen, daß für den Darwinisten keine Zweckmäßigkeit
wirklich „wunderbar“ ist, sondern jegliche durch Auslese in hin¬
reichend langen Zeiträumen nach und nach entstanden sein kann.
Diese über das Individuum hinausreichenden zweckmäßigen
Reaktionen, die leicht als Vererbbarkeit des Erworbenen in die
Erscheinung: treten, sind übrigens möglichenfalls noch viel weiter
im Tierreich verbreitet, als wir ob bisher sicher wissen. So
gibt es denn auch einschlägige Beispiele aus dem Bereiche der
Säugetiere. Wir wollen da zunächst eines Hinweises von
R. Semon gedenken, indem wir erwähnen, was er Über die
Vererbbarkeit von anerzogenen Fertigkeiten bei Hunden nicht
gerade als erwiesen, aber doch als sehr diskutabel hinstellt:
wenn der Hundezüchter annimmt, daß sich die anerzogene Fähig¬
keit zum Apportieren oder zum Vorstehen bei Jagdhundrassen bei
der Nachzucht wiederhole, so könne hier kaum eine zufällige
Keimesvariation und Vererbung einer bloß angeborenen Fähigkeit
vorliegen, denn das Vorstehen unter Verzicht auf das eigene Ein-
greifen des Wildes, wie es wirklich guten Vorstehhunden eigen
ist, ist etwas der natürlichen Jagdart dieser Tiere so weuig Ent¬
sprechendes, etwas so auf das gemeinsame Jagen von Schützen
und Hunden Zugeschnittenes, daß das spontane Auftreten von In¬
stinktvariationen in dieser Richtung eine ziemlich unwahrschein¬
liche Annahme ist. Aehniiches gilt vom Apportieren, von fix und
jsrtig ererbter Fähigkeit, zu „bitten“ und „aufzuwarten“, wofür
Beispiele von zuverlässigen Beobachtern durch Lloyd Morgan
gesammelt wurden.
Beachtenswerter noch sind die experimentellen Untersuchungen
von Sumner an weißen Mäusen und von Przibram an Ratten,
welche übereinstimmend die Folgen der Temperatureinwirkung als
vererbbar erwiesen. In der Wärme aufgezogene Mäuse bekamen
Wien lichteren Haarpelz als die zum Kontroll versuche verwendeten
Kälwmäuse, welche ein dichteres Haarkleid und eine Vermehrung
der Zahl der Haare aufwiesen. Ferner erlangten bei den Wärme-
mausen Ohren, Schwänze, Füße eine Länge, die die der Kälte-
mause um 12 bis BO o/ 0 übertraf. Die Wärmemäuse erhielten so¬
mit Eigenschaften, wie sie im allgemeinen den Bewohnern wär¬
merer Gegenden eigen sind, und Entgegengesetztes gilt für die
äaltemäuse. Entsprechendes ließ sich bei den Hitzeratten Sumners
oezuglich des Haarkleids sowie einer gewissen Verringerung der
gesamten Körpergröße nachweisen. In manchen Fällen schon bei
er ersten, spätestens aber bei der vierten Generation wurde deut¬
et, daß die künstlich anerzogenen Eigentümlichkeiten auch bei
er Nachkommenschaft, wenn diese vom Moment der Empfängnis
a bcl normaler Temperatur aufgezogen wurde; wiederkehrten.
Man muß hiernach übrigens mit der Möglichkeit rechnen,
daß auch beim Menschen eine gewisse Vererbbarkeit erworbener
Eigenschaften vorhanden ist, denn was für das Tierreich und
Pflanzenreich in großer Ausdehnung und speziell auch für die
Säugetiere zutrifft, muß auch für Homo sapiens gelten. Eine
andere Frage ist, ob sich etwas Derartiges sehr deutlich und in
praktisch bedeutungsvollem Maße bemerkbar machen wird. Un¬
möglich wäre dies durchaus nicht. Beim Uebersiedeln in ein
anderes Klima könnten sich, obschon wir die natürliche Wärme¬
regulation des Körpers durch die Art unserer Bekleidung unter¬
stützen, immerhin in einigen Generationen eine Vererbbarkeit ge¬
wisser Klimaeinwirkungen ergeben. Schließlich erscheint es heute
wenigstens nicht mehr von vornherein unmöglich, daß die starke,
durch Uebung erworbene Muskulatur oder der verfeinerte Zustand
eines auf dem einen oder andern Gebiete besonders geschulten
Gehirns auch bei der Nachkommenschaft eine gewisse Veränderung
in gleichem Sinne bewirkt.
Manche neueren Erfahrungen deuten an, daß auch beim Ein¬
zeller scheinbare Neuerwerbungen und Vererbung des Erworbenen,
also scheinbare erbliche Artveränderungen in Wirklichkeit nur die
Bedeutung von Hervorkehrungen alter, längst innewohnender
Fähigkeiten haben.
Dafür wollen wir einige Beispiele anführen, teils aus den
Trypanosomen, teils aus den Bakterien, also aus den zwei
Protisten gruppen, die unter anderm durch eine häufige Unbestän-
i digkeit ihrer Arten berühmt sind und aus diesem Grunde bereits
i Anlaß zu verschiedenen Spekulationen über Artentstehung usw.
! gegeben haben, Spekulationen, die meist von dem Gedankon aus-
| gehen, daß bei den „niedersten“ Lebensformen die Beständigkeit
der Arten wohl „noch“ nicht in demselben Maße wie bei „höheren“
ausgebildet sein könnte.
Was zunächst die Trypanosomen betrifft, so ist behauptet
worden, daß diese Organismen in einer wenn auch nicht großen
Anzahl von Individuen gegen Arsenverbindungen wie das Atoxyl
giftfest, „atoxylfest“, werden können, und daß diese wenigen, gift¬
fest gewordenen Individuen von diesem Tag ab eine giftfeste
Rasse bilden, also durch Vererbung einer erworbenen Eigenschaft
eine neuo Organismenform geworden sind. Ebenso sollten die
Trypanosomen gegen die vom lebenden Wirtskörper ausgebildeten
Schutzstoffe (Toxine) „serumfest“ werden können.
Dies ist jedoch, wie neuere, über längere Zeit hin aus¬
gedehnte Beobachtungen gezeigt haben, nur der erste Anschein.
Wenn das durch die Tsetsefliege übertragene Trypanosoma brucei
der Huftiere oder das Trypanosoma equiperdum der Beschälseuche
(Dourine) der Pferde, oder das in Südamerika von Argentinien
bis zum Amazonen zu fürchtende Trypanosoma equinum, der Er¬
reger der „Kreuzlähme“ oder „Kruppenkrankheit“ („Mal de Ca-
deras“) der Pferde, wenn diese Trypanosomen wirklich serum fest
zu werden vermöchten, dann müßten ja, da diese Krankheiten bei
den Tieren meist chronisch verlaufen, schon die weitaus meisten
von letzteren gewonnen und in unserra Laboratorium in Mäusen oder
Ratten fortgezüchteten Trypanosoraonstämme gleichfalls serumfest
sein. Das ist indessen nie der Fall, und für diese Tatsache haben
neuerdings H. Braun und L. Teich mann die einwandfreie Er¬
klärung zu geben vermocht. Diese Autoren züchteten nämlich
anfänglich serumfeste Trypanosomenstämme in weißen Mäusen und
bemerkten, daß im Laufe eines halben Jahres, während welcher
Zeit die Protozoen von Maus zu Maus verimpft wurden, sie ihre
Festigkeit gegen Impfung mit Immunserum vollständig verloren
und wieder zum Ausgangsstadium zurückkehrten. Es wird also
von ihnen eine Eigenschaft (die Serumfestigkeit) nicht für immer,
sondern nur vorübergehend erworben, und man muß diesen Zu¬
stand als eine physiologische Variabilität auffassen (oder als „einen
Zwangszustand, dessen sich das Trypanosoma wieder zu entledigen
sucht“) und kann in der Fähigkeit, die Serumfestigkeit zu er¬
werben, nur eine den genannten Protozoen von alters her inne¬
wohnende, für die Erhaltung der Art natürlich äußorst zweck¬
mäßige Eigenschaft erblicken. Mithin liegt hier etwas ganz ähn¬
liches vor wie z. B. beim Laubfrosch, der, wie wir oben aus¬
führten, bei Wassermangel eine veränderte Fortpflanzungsweise,
wenn man will, eine „Festigkeit gegen Wassermangel“ annimmt,’
und zwar gleichfalls für mehr als eine Generation.
Noch nicht ganz so klar sehen wir z. Z. bei den Bakterien.
Hier ist vielmehr die Meinung, daß durch experimentelles Ein¬
wirkenlassen äußerer Faktoren erblich konstante neue Arten er-
i zeugt werden können, noch durchaus die herrschende. Dem „Pro-
, blem der experimentellen Artbildung“ stehon viele Tatsachen in
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diesem Sinne zur Verfügung 1 )* So gelingt es, das Bacterium pro-
digiosum, den Erzeuger des „Bluthostienwunders“, durch erhöhte
Temperaturen oder Gifteinwirkung (Kupfersulfat und anderes) zur
Einstellung der Farbstoffbildung zu veranlassen. Zunächst schlägt
er nach kurzem Aufenthalt im Brutkasten wieder ins Kote zurück,
und das spricht ja ganz im Sinn unserer hier dargelegten Auf¬
fassung. Nach sehr langem Aufenthalt im Brutkasten aber ist
di« Rasse dauernd und ins Weiße „transformiert“, desgleichen
nach Zusatz von Sublimat zum Nährboden, welches in einem
andern Fall auch eine Veränderung des Farbstoffs ins Dunkelrot
zur Folge hat: In diesen Fällen schlägt zwar ein Teil der Deszen¬
denten wieder zur Ausgangsform zurück, ein anderer Teil aber hat
die Veränderung anscheinend dauernd erworben.
Aus dem Darmkanal des Menschen hat man einen Spalt¬
pilz, Bacterium coli mutabile, isoliert, der folgendes Verhalten
zeigt: Auf milehzuckerhaltiger Nährlösung ausgesät, verhält er
sich anfangs ganz indifferent wie das ihm verwandte Bacterium
typhi, der Erreger des Unterleibstyphus; nach einiger Zeit aber
zersetzt er den Milchzucker unter energischer Bildung von Milch¬
säure und wird damit dem gewöhnlichen Bacterium coli (dem er
auch in seiner Gestalt äußerst nahe steht) sehr ähnlich. Aus dem
Bacterium coli mutabile ist damit — so sagt man im Sinne der
Annahme, daß eine experimentelle Artneubildung gelungen sei —
ein sogenanntes Bacterium coli mutatum geworden, welches diese
Fähigkeit zur Milchzuckerzersetzung dauernd beibehält, auf welchen
Substraten man es auch weiter züchtet.
Ebenso läßt sich aus Gras, Rinderkot usw. ein Bacterium
züchten, welches, Bacterium imperfectum genannt, in Malz- oder
Traubenzucker, den man dem Nähragar zusetzte, sauerst off frei zu
wachsen vermag, in rohrzuckerhaltigem Agar aber, wie cs zunächst
scheint, nicht. Am vierten Tag indessen sieht man, wie ein
kleiner Teil der Keime auch im Rohrzucker die Fähigkeit des
Wachstums im sauerstofffreien Raum auf Kosten des Zuckers er¬
langt hat, man nannte diese an den Rohrzucker angepaßte De-
scendens Bacterium perfectum. Die einmal erlangte Befähigung
zur Rohrzuckerzerlegung bleibt nun wiederum dauernd in vollem
Umfang erhalten, unabhängig von der Qualität des Nährbodens,
auf dem man das Bacterium perfectum weiter züchtet.
Aehnliche Fälle gibt es noch eine beträchtliche Anzahl.
Ihnen gegenüber ist aber immer noch die Frage berechtigt und
tatsächlich schon von den Untersuchern ausgesprochen worden,
ob cs sich wirklich um Neuerwerbung von Fähigkeiten handelt,
oder ob nicht vielmehr schon die Vorfahren die Fähigkeit, die
scheinbar neue Eigenschaft zu betätigen, z. B. die neue Zuekerart
zu verarbeiten, schon besessen haben und dieselbe nur im Laufe
der Zeit, infolge hierfür ungeeigneter Bedingungen, verloren ge¬
gangen ist. Hören wir weiter, daß diese Bakterien sich sogar an
solche Zuckerarten wie Rhamnose und Raffinose gewöhnen können,
also an Stoffe, von denen man annehmen darf, daß sie den Vor¬
fahren in der Natur wohl kaum jemals begegnet sein werden, so
ist doch immer noch die Annahme möglich, daß die Befähigung
zur Zerlegung der Rhamnose oder Raffinose zufällig auf denselben
uns noch unbekannten Eigenschaften des Protoplasmas beruht wie
zur Zerlegung irgendeines andern in der Natur häufigen Kohle¬
hydrats. Diese Vermutung liegt um so näher, als auch in zahl¬
reichen andern Fällen Stoffe, die in der Natur gleichfalls nur sein
selten Vorkommen, von vielen Mikroorganismen zersetzt werden
können.
Die nackten Tatsachen gestatten allerdings bis jetzt keine
Entscheidung in dieser Frage. Also haben auch wir hier nicht
die Aufgabe, eine bestimmte Entscheidung *zu fällen. Wohl aber
dürfen wir die e i n e Vermutung als wahrscheinlicher hinstellen als
die andere, wenn wir gewisse allgemeine Erwägungen dafür ins
Feld führen.
Mir scheint, wir stehen vor folgender Alternative: Wenn
man annimmt, daß die Bakterien die primitivsten Organismen seien
und daß aus diesem Grunde die Entstehung neuer Arten bei ihnen
ein Vorgang, den wir fast im ganzen Organismenreiche gegenwärtig
so gut wir nirgends zu verfolgen Gelegenheit haben, eher als bei
andern Organismen möglich sei, dann wird man auch die oben¬
erwähnten Fälle wirklich als gelungene Artbildungsexperimente zu
deuten geneigt sein.
Wenn man dagegen den Bakterien eine derartige phylogene¬
tische Jugend nicht zuerkennen will, sondern sich vielmehr zu
der Ansicht bekennt, daß alle heute lebenden Organismen und
Organismenstämme Endglieder unendlich langer Entwicklungs¬
reihen sind, da es kein „Höher“ und „Nieder“ gibt, dann wird
man Bedenken tragen, dem Bakterienstamme weitergehendere art¬
bildende Potenzen zuzuerkennen als irgendwelchen andern Or¬
ganismen, dann wird man lieber die Erscheinungen auch bei den
Bakterien so deuten, wie wir oben entsprechende Beobachtungen
bei Amphibien, Fischen, Säugern und — Trypanosomen deuteten
und deuten mußten. Dann müssen wir auch bei den Bakterien
die scheinbaren Artneubildungen als bloße Hervorkehrungen
altinnewohnender Fähigkeiten auffassen.
Von diesem Standpunkt aus muß es als das wahrscheinlichere
erscheinen, daß auch bei Bakterien nicht andere Verhältnisse in
bezug auf die Fähigkeit der Artveränderung herrschen, als bei
allen sonstigen Organismen. Nehmen wir also einstweilen an, daß
dies so ist, und formulieren wir dann unsere Schlußsätze.
Gibt es eine Vererbung des Erworbenen?
Ganz allgemein gewiß nicht, wohl aber haben zahlreiche
Organismen, die einen in höherem, die andern in geringerem Grad
— unter ihren vielen zweckmäßigen Eigenschaften auch d i e, d a ß
sie sichanveränderteLebensbedingungen durch
morphologische oder physiologische Verände¬
rung ihrer Organisation anpassen können und
daß diese Veränderungen über das Individuum
hinaus durch mehrere Generationen bestehen.
Es gi b t also eine Vererbung des Erworbenen im Rahmen
einer gewissen angestammten Variations¬
breite, von deren Vorhandensein wir früher
keine Ahnung hatten.
Wir wundern uns im allgemeinen nicht mehr allzusehr über
die Zweckmäßigkeit, die wir in der Organisation und in der
Funktionsweise der tierischen und pflanzlichen Organisation all¬
überall finden. Hier aber stoßen wir sozusagen auf eine Zweck¬
mäßigkeit höheren Grads. Die Organismen brauchen in geeigneter
Weise angepaßte Gestalten oder Tätigkeiten nicht erst im Daseins¬
kämpfe vieler Generationen zu erwerben, sondern sie reproduzieren
sie einfach gemäß alterworbener Wechselmöglichkeiten, und schon
diese Fähigkeit mögen sie im Kampf ums Dasein in urgrauen
Zeiten erworben haben.
Referatenteil.
Redigiert von Obermt
Sammelreferat.
Lungentuberkulose
von Priv.-Doz. Dr. med. et phil. Heinrich Gerhartz, (Med. Klinik, Bonn).
Der Krieg hat die Tuberkulosebekämpfung schwer gestört.
Die Schonung noch arbeitsfähiger Tuberkulöser, die bisher als
therapeutische Panaeee angesehen wurde, konnte nicht mehr auf¬
rechterhalten werden. Wohl werden zahlreiche Tuberkulöse, die
in den Heeresdienst eingestellt sind, die Anstrengungen des Feld¬
dienstes gut aushalten, viele jedoch werden sicherlich Schaden
nehmen. Jeder, der im Kriegssanitätsdienst mit tätig ist, wird
wohl solche Erfahrungen gemacht haben. Die Tuberkulösen, die
nicht eingezogen sind, sind auch zum Teil schlecht daran. Die
i) Vgb W. Benccke, Bau uud Leben der Bakterien. Leipzig 1912,
B G. Teubner. An die tatsächlichen Angaben in diesem Buche schließe
ich mich im folgenden eng an, die theoretische Bedeutung der Tatsachen
ist aber eine versehiedenc.
Dr. Waltor Wolff, Berlin.
meisten Aerzte, die in Heilstätten und Fürsorgestellen gearbeitet
haben, sind w r egberufen. Die Folge ist die Schließung zahlreicher
Institute, die sonst der Heilung und Versorgung der Tuberkulösen
dienen. Daß das große Schäden mit sich bringt, liegt auf der
Hand. Die bisherige schon recht weit reichende Isolierung der
Bacillenspucker ist durchbrochen und der Verseuchung mit Tuber¬
kulose sind jetzt wieder zahlreiche Familien, die davor mit großer
Mühe gesichert worden waren, ausgeliefert. Auch entbehren viele
Kranke ärztlicher Hilfe.
Das haben natürlich viele eingesehen, da die Schäden ja
klar zutage treten. Vor allem auch die Regierung (1). Das König*
lieh Preußische Ministerium des Innern und der
Reichskanzler haben bereits am 11. August 1914 durch
einen Erlaß an die Regierungspräsidenten dazu aufgefordert, daß
die Kranken mit offener Tuberkulose, die aus den infolge des
Kriegs geschlossenen Lungenheilstätten entlassen wurden, mög¬
lichst in den allgemeinen Krankenhäusern isoliert werden, und da
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möglichst viele Heilstätten, Auskunfts- und Fürsorgestellen in
Betrieb erhalten bleiben. Auch das Zentralkomitee zur Be¬
kämpfung der Tuberkulose hat auf eine Anregung der Kaiserin
hin in diesem Sinne gewirkt. Der Präsident des Reichs-
versicherungsamts hat den Vorständen der Landes-
versichenmgsanstalten folgende Direktiven empfohlen:
1. Der Kampf gegen die Tuberkulose darf während des Kriegs
nicht ruhen. Dies um so weniger, als infolge des Rück¬
gangs der wirtschaftlichen Lage, der Verschlechterung der
Emährungs- und besonders der Wohnungsverhältnisse ein
günstiger Nährboden für die Seuche und ihre Verbreitung
geschaffen wird.
2. Es ist deshalb darauf Bedacht zu nehmen, Kranke mit
offener Tuberkulose im Interesse ihrer Umgebung, besonders
der Kinder, unschädlich zu machen. Solche Kranke werden
nach Möglichkeit Heilstätten zu überweisen, und, falls sie
in solche bereits aufgenommen waren, dort zu belassen sein.
Dabei können Kranke aus verschiedenen Bezirken in einer
Heilstätte vereinigt werden. Soweit einer Versicherungs¬
anstalt eigne Heilstätten nicht oder nicht mehr zur Ver¬
fügung stehen, werden private Anstalten zu benutzen sein.
Aeußerstenfalls sind die allgemeinen Krankenhäuser in An¬
spruch zu nehmen.
3. Insoweit aus dringendem Anlaß, insbesondere wegen In¬
anspruchnahme der Heilstätten für Kriegssanitätszwecke,
von der Ueberweisung Kranker mit geschlossener Tuber¬
kulose in Heilstätten abgesehen werden muß, soll durch er¬
höhte Tätigkeit der Auskunfts- und Fürsorgestellen ein Aus¬
gleich geschaffen werden. Dabei werden diese Stellen, auch
wenn sie nicht von Versicherungsanstalten selbst errichtet
sind und betrieben werden, auf finanzielle Unterstützung der
durch sie entlasteten Versicherungsanstalten rechnen dürfen.
Sollte es an Aerzten oder Schwestern fehlen, so ist die
vom Deutschen Zentralkomitee vom Roten Kreuz im Reichs¬
tagsgebäude, Berlin NW 7, Sommerstraße, errichtete Zen¬
tralstelle für Kriegswohlfahrtspflege (Tuberkuloseausschuß)
bereit, soweit als möglich Ersatz zu vermitteln.
Mittlerweile ist auch seitens des Königlich Preußischen
Kriegsministeriums dafür gesorgt worden, daß alle
tuberkulösen und der Tuberkulose verdächtigen Soldaten auf
Orund des § 125 F.S.O. ausgemerzt, von der Truppe und der
Heimat femgehalten und in Lungenheilstätten sachgemäßer Be¬
handlung unterzogen werden (siehe Nachtrag).
Sehr zweckmäßig ist die Berliner Maßnahme, daß vor der Ein¬
quartierung die betreffenden Wohnungen seitens der Fürsorge-
Stationen daraufhin untersucht werden, ob sie auch nicht mit
Tuberkulose verseucht sind.
DieTuberkuloßeliteratur, die vor dem Krieg in¬
folge neu aufgetretener prinzipieller Dinge sehr groß geworden
* ar - soüaß zum Beispiel die Referate allein über die Pneumothorax-
hteratur Hefte füllten, geht nun erklärlicherweise auf einen ge¬
nügen Umfang zurück, gerade zu einer Zeit, in der die wichtigsten
aktuellen Fragen wohl ausreichende Klärung und Durcharbeitung
gefunden haben. Das gilt für die Typenfrage, die Röntgendia-
gnostik, die Tuberkulinreaktionen und für unsere jetzt gebräuch-
- n therapeutischen Methoden. Erfreulich ist es, in den Lifce-
raturübersicbten immer wieder zu erfahren, daß Deutschland in
J er w&sensehaftlichen und praktischen Behandlung der Tuber-
kuloseprobleme an der Spitze marschiert und also der Ausfall der
^ auB ^ n ^ se ^ en Forschungen für uns am wenigsten
p ^ möchte es vielleicht in Anbetracht des erheblichen
Wiekgangs der Tuberkulosesterblichkeit scheinen, als
auch eine lässigere Handhabung unserer Tuberkulosebekämp-
ongsemrichtimgen nicht viel schaden könne. Diese mag die jüngst
h m h 1 a (2) bekanntgegebene amtliche preußische Mortalitäts-
k ^ er Findertuberkulose eines Besseren belehren. Dar
hexieht sich die Abnahme der Tuberkulosesterbüchkeit haupt-
' au * das mittlere und höhere Alter.
Von 10000 Einwohnern starben an Tuberkulose:
1876 1912
m Alter von 36-60 Jahren . . 46 19
$ M » » 15—30 ,, . . 26 17
„ 10—15 „ . . 5,71 5,21
> * » » 5-10 „ . . 4,17 4,32
11 u v 1— 5 „ . . 11 8
lg, 1 " ^ , 51 ii _ « 0— 1 Jahr ... 21 18
- tot am Kindertuberkulose gar nicht abgenommen.
Eine Besserung ist vor allem von einer Erleichterung der
Frühdiagnose zu erwarten. Die Erkennungszeichen der Kinder-
speziell der Bronchialdrüsentuberkulose (3) sind bis¬
lang wenig zuverlässig. Sie fußen außer auf der positiven Tuber¬
kulinreaktion und dem typischen Röntgenbefund auf den Folge¬
erscheinungen, die der Druck der geschwollenen Drüsen auf die
Nachbarorgane ausübt. Von solchen Drucksymptomen kennen wir
bis jetzt folgende: Spinalgie, Exophthalmus, Venenerweiterung im
Gesicht, Cyanose und Oedem des Gesichts, weithin hörbare inspira¬
torische Dyspnoe bei vornübergebeugtem Kopf und geringen Larynx-
exkursionen, vom zweiten bis sechsten Monat ab keuchender inspira¬
torischer Stridor von hohem Klang und schnurrendem, schnarchen¬
dem Charakter (wie R-Sprechen) beziehungsweise pertussisähnlicher
Reizhusten, kreischender, schriller, hoher Husten, Veränderung des
Stimmtimbres, zeitweise Heiserkeit, Erstickungsanfälle, Asthma
(nachmittags), Schmerz bei der Sondenpalpation, Dämpfung auf
der oberen Wirbelsäule (5.—8. vert. thor.) und neben dem Ster¬
num, Verbreiterung der Zone des hilären Atmens, verstärkte
Bronchophonie in der Hilusgegend und über dem ersten bis
vierten Brustwirbel beim Schreien, deutlich hörbare Flüsterstimme
in demselben Bereiche bei leisem Sprechen. Röntgenologisch wer¬
den rechts und links vom Mittelschatten die vergrößerten Bron¬
chialdrüsen von rundlichen Schatten repräsentiert. Von All¬
gemeinsymptomen geben Fingerzeige: Blässe, Gewichtsabnahme,
Unruhe, leichte Ermüdbarkeit, Appetitstörung, geringes Fieber,
Lymphocytose und besonders Tuberkulide.
Mehrere der genannten Symptome sind bei den meisten Kin¬
dern nicht zu prüfen. Sie sind zudem selten vorhanden. Der
Röntgenbefund ist nicht immer eindeutig. Differentialdiagnostisch
kommen viele Prozesse in Betracht. Besonders oft wird die fort¬
geschrittene Kindertuberkulose für eine Bronchopneumonie gehal¬
ten. Brauchbaren Anhalt gibt also nur eine sorgfältige Untersuchung.
Die Prognose der Kindertuberkulose ist sehr schlecht. Die
bei Erwachsenen üblichen Mittel helfen hier nichts Rechtes.
Brown (4) sah von 650 Kindern unter zwei Jahren, die positive
Cutanprobe batten, 70 °/ 0 an generalisierter Tuberkulose sterben.
Hoffentlich führen bald die immer zahlreicher werdenden Be¬
mühungen gegen Tuberkulose zu immunisieren, zu einem
praktisch wertvollen Ergebnisse. Zurzeit ist noch kein sicheres
Urteil über den Wert der Tuberkuloseschutzimpfung zu gewinnen.
M a r a g 1 i a n o (5) schreibt, daß er sämtliche Mitglieder in be¬
reits zahlreichen tuberkulösen Familien schutzgeimpft und die
Ueberzeugung gewonnen hat, daß die unschädliche Tuberkulose¬
impfung tatsächlich nützt.
Zu der Bewertung der dispositionellen Momente
bei der Einnistung der Tuberkulose in den Lungen sind von
Kaiser und U I r i c i (6) Beiträge geliefert worden. Bei Lungen¬
tuberkulösen wurde um 10 °/ 0 häufiger eine Verknöcherung des
ersten Rippenknorpels gefunden als bei gesunden Individuen. Bei
»Schw-ertuberkulösen war die Verknöcherung des ersten Knorpels
nicht häufiger als bei Leichttuberkulösen. Das spricht gegen die
auch vertretene Auffassung, daß sie eine Folge der Lungentuber¬
kulose ist. Kaiser glaubt nach seinem Röntgenmaterial an¬
nehmen zu müssen, daß die Verengerung des ersten Rippenrings
, und die Verknöcherung des ersten Rippenknorpels die Festsetzung
der Tuberkulose in den Lungenspitzen wesentlich erleichtert, und
zwar, daß von irgendeinem primären Herd aus die nächsten Hilus-
drüsen infiziert werden, von da aus bei der in der angegebenen
Weise vorbereiteten Spitzendisposition die Ausbreitung der Tuber¬
kulose in der Richtung nach der Knorpelknochengrenze der ersten
Rippe hin erfolgt. Ulrici beobachtete Verknöcherung des
Knorpels der ersten Rippe bei nichttuberkulösen Individuen un¬
gefähr ebenso oft als bei tuberkulösen. Er sieht in der Verknöche¬
rung lediglich eine Alterserscheinung, keineswegs ein dispositio¬
nelles Moment, da sie bei jugendlichen Personen fast ausnahmslos
fehlt. Auch eine ätiologische Beziehung abnormer Formen der
oberen Thoraxapertur zur Tuberkulose ließ sich an seinem Material
nicht erweisen. Stern (7) gibt für die primäre Lokalisation der
Tuberkulose einer „unilateralen Disposition, die in einer
Schwächung der einen Körperhälfte besteht“, die Schuld. Diese
Disposition soll durch eine gewisse Degeneration bedingt sein, die
sich teils „durch primäre Bildungsanomalien, wie abnorme Pig¬
mentierungen, Naevi vasculosi oder pigmentosi, Verrucae (vitia
primae conformationis)“ zu erkennen gibt, teils durch erworbene
pathologische Veränderungen, wie Trauma, Drüsenerkrankung ver-
I ursacht ist.
Der Vorgang der Verkäsung ist durch einige Versuche von
J ob 1 i n g und Petersen (8) dem Verständnisse näher gebracht
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worden. Alle Gew< be, die steril aufgehoben sind, verfallen infolge
der Anwesenheit- gewisser Fermente der Selbstauflösung (Auto¬
lyse). Die einzigen Gewebsarten, die nicht autolvsiert werden, sind
die tuberkulösen und syphilitischen Prozesse. Das kann sowohl
daran liegen, daß autolytische Fermente fehlen, als daran, daß
Antifermente vorhanden sind, welche die Wirksamkeit der ersteren
aufheben. Nun ist das erstere in Anbetracht der Ubiquität der
autolytischen Enzyme kaum anzunehmen, die zweite Abnahme
also wahrscheinlicher. In der Tat haben denn auch J o b 1 i n g und
Petersen vorwiegend Körper, welche die GewebsVerdauung
hemmen, in den tuberkulösen Organen gefunden. Fermente waren
entweder gar nicht vorhanden oder inaktiviert. Die antifermen¬
tative Wirkung wurde durch ungesättigte, von den Tuberkel-
baeillen herstammende Fettsäuren bewirkt. Die Autoren nehmen
an, daß die Tuherkelhaeillen in den tuberkulösen Geweben
durch Lymphoeyten, die viel lipolytisehes Ferment enthalten
(B e r g e 11). gespalten werden. Dabei verschwinden die Bacillen,
aber ihre Fettsäuren bleiben. Sie wirken nun im tuberkulösen
Gewebe dem dort vorhandenen tryptisehen Ferment entgegen,
sodaß nicht eine Autolyse, sondern Verkäsung zustandekommt.
Setzten die Verfasser zu dem käsigen Material Jod zu, so wurden
die ungesättigten Fettsäuren abgesättigt. Damit ging dann die
antitryptisehe Wirkung verloren und die Gewebe wurden verdaut.
Auch Mischinfektion wirkte auflösend auf die Gewebe, wahrschein¬
lich dadurch, daß durch die damit auftretenden Exsudationen die
Antifermente verdünnt und beseitigt wurden.
Ein Fall eines bei uns äußerst seltenen akuten typhusartig
verlaufenden Tuberkulosetypus, der „Typhobacillose** L a n -
d o u z y s , ist von Reiche (9) ausführlich mitgeteilt worden.
In Lungen, Milz und Leber wurden vereinzelte miliare, nekroti¬
sierende und verkäsende Knötchen gefunden, die den Tuberkeln
wenig ähnlich sahen, aber Tuberkelbacillen in sehr großer Menge
enthielten. Als primärer Herd mußte (‘in großes, gelbgrünes,
nekrotisierendes, mediastinales Lymphdriisenpaket angesehen wer¬
den, in dem aber nicht wie in den septischen Metastasen ziel-
färbbare Tuberkelbaciilen, sondern nur nach M u c 1» tingierbare
Bakterien vorhanden waren. Das klinische Bild dieser akuten,
ohne typische Tuberkelbildung verlaufenden Tubcrkelbaoillen-
septikämie entsprach dem Berichte L a n d o u z v s : An Fnter-
leibstyplms erinnerten die große Mattigkeit, die geringen sub¬
jektiven Beschwerden, der Fieberverlauf, die Leukopenie (— 2200
Leukocyten im Kubikmillimeter), der Milztumor. Roseola, Puls¬
verlangsamung fehlten. Ferner sprachen gegen Typhus der negative
Ausfall der Agglutinationsprüfung, die früh auftretende und rasch
progrediente Anämie, hämophile Diathe.se (Haut- und .Schleimhaut¬
blutungen, starke Epistaxis, Augenhintergrundsblutungen, geringe
Darmblutung). Im Blutbild überwogen anfangs die kleinen
Lymphoeyten, später, vor dem Exitus, die großen. Dann trat
auch anstelle der Leukocyten Verminderung eine Hvperleukocytose.
Lieber die Häufigkeit der Nierenkomplikationen
bei Lungentuberkulose gibt eine Arbeit von Bernstein (10)
Aufschluß. Bei der Autopsie von 292 Fällen von aktiver und ge¬
heilter Lungentuberkulose wurden bei 3,4 ®/„ Nierenläsionen ge¬
funden. Von 100 Harnen von Phthisikern aller Stadien erwiesen
sich bei der Meerschweinchenimpfung zehn als tuberkelbacillen¬
haltig. In sechs von diesen letzten Fällen war Eiweiß vorhanden.
Sonstige Symptome von seiten der Harnwege fehlten durchweg.
Unter den therapeutischen Methoden hat die
Pneumothoraxbehandlung immer mehr Anklang ge¬
funden. Die Literatur darüber ist übergroß, bringt aber kaum neue
Gesichtspunkte. Immerhin macht sich die Tendenz nach Erweite¬
rung der Indikationen bemerkbar.
Meißen und Salzmann (11) beobachteten bei Kranken,
denen auf der linken Seite ein Pneumothorax angelegt worden
war, öfters eigentümliche Magen beschwerden: Aufstoßen,
Schmerzen im Epigastrium und dergleichen. Herzverdrängung
machte keine subjektiven Beschwerden.
Interessante Mitteilungen über den Wert des Verfahrens
liegen von Saugmann (12) vor, der vor kurzem über seine
ersten 5000 Punktionen berichtete.
1*V 4 bis 6 Jahre nach dem Anfänge der Behandlung waren
von den Kranken von den nicht
mit Pneumothorax- operativ
behänd lung Behandelten
ganz oder teilweise arbeitsfähig 52 °/„ 23°
arbeitsunfähig. 29 0 r , 34
g-estorben an Tuberkulose . . 19 ü ' n 40°/’
bacillenfrei.50 " ( 8,0 "
Fagiuoli (13) hat in einigen Fällen von schwerer doppel¬
seitiger fortschreitender Lungentuberkulose auf beiden Seiten einen
Pneumothorax von geringem Gasgehalt angelegt und glaubt davon
Nutzen gesehen zu haben.
Baer hat zur Behandlung von Kavernen empfohlen, mittels
Paraffin die Kompression auszuüben. Solche P a Taffinpro¬
thesen heilen im allgemeinen glatt ein. T u f f i e r und
W i 1 m s haben auch Fett (Lipom, Bauchdeckenfett) mit gleich
gutem Erfolge zur Kompression der tuberkulösen Lunge benutzt.
W i 1 m s (14) betrachtet beide genannten Methoden als einen
wesentlichen Fortschritt und der Pfeilerresektion überlegen, weil
der Eingriff weniger schmerzhaft und der Blutverlust geringer ist.
Stiirtz sah von der Baerschen Methode nicht so Günstiges als
die genannten Autoren.
Dagegen hält Stiirtz (lo), der diese Methode vorschlug,
daran fest, daß die Phrenikusdur c h schnei d u n g auch
hei schweren Unterlappenerkrankungen sehr gute Erfolge zeitigt.
S a 11 erb r uch (16) und Dell lecker haben ihm darin bei¬
gestimmt. Die Methode ist technisch leicht und gefahrlos.
Von der Thorakoplastik erhält man wesentliche Besserungen
nur bei fibröser Tuberkulose.
Während die operativen Methoden sich in der Therapie der
Lungentuberkulose immer mehr einbürgern, scheint die neueste
Tuberkulinära, wie aus der zunehmenden Zahl der Skeptiker her¬
vorgeht, ihren Höhepunkt schon wieder überschritten zu haben.
Das F r i e d m a n n sehe Mittel ist ad acta gelegt, weil man nur
Schäden und keinen rechten Nutzen erlebte. Wurde es gesunden
Meerschweinchen eingespritzt, gingen sie mitunter an Tuberkulose
zugrunde (Kaufmann, W o 1 f f (17)). Ich selbst habe das
Mittel indifferent gefunden.
A. M a y er (18) berichtete, daß er sowohl bei Tieren wie hei
Mensehen durch Anwendung von Gold, dessen tuberkelbacillen¬
tötende Kraft schon lange behauptet wird, in der Form des Aurum-
Kaliumevanatum eine specifisehe und direkte Wirkung auf den
Tuberkeibaeillus gesehen habe, wenn er es zusammen mit Bor-
clmlin gab. Ob darin begründete Aussichten auf eine nutz¬
bringende Weiterentwicklung der ('hemotherapie gegeben sind,
muß die Zukunft lehren.
Nach 11 * a g.
Die Verfügung des Kriegsministeriums bezüglich der Heil¬
behandlung tuberkulöser Soldaten während des Kriegs lautet:
„Nach Ziffer 67 beziehungsweise 73 D. A. Mdf. kann bei
Mannschaften, die wegen eines Leidens zur Entlassung kommen,
das die Einleitung eines Heilverfahrens angezeigt erscheinen läßt,
| mit Zustimmung der Kranken durch den Truppenteil dem Bezirks-
kommando, dem die Leute überwiesen werden, hierüber Mitteilung
gemacht werden.
Während im Frieden bisher diese Mitteilungen an die Be¬
zirkskommandos und die weitere Benachrichtigung der zivilen Ver¬
waltungsbehörden erst unmittelbar nach der Entlassung der Leute
erfolgte, diese also die Einleitung eines Heilverfahrens in ihrer
Familie usw. abwarten mußten, wird für die Dauer des Kriegs
hinsichtlich der an Tuberkulose leidenden oder tuberkulosever¬
dächtigen Mannschaften es für angezeigt gehalten, die Benach¬
richtigung der Bezirkskommandos usw. sofort nach Erkennung der
Krankheit vor Einleitung des DienstunbrauehbarkeitsVerfahrens
erfolgen zu lassen und die Kranken solange in militärärztlicher
Behandlung in den gemäß Verfügung vom 18. September 1914
Nr. 1927/9. 14 M.A. eingerichteten besonderen Abteilungen für
Lungenkranke (das sind die den Reservelazaretten angeschlosse¬
nen, für lungenkranke Soldaten bereitgestellten Lungenheilstätten
und »Sonderabteilungen für Lungenkranke in allgemeinen Kranken¬
häusern) zu behalten, bis ihre weitere Unterbringung in einer Heil¬
stätte oder die Einleitung eines andern geeigneten Heilverfahrens
sichergestellt ist. Erst nach Eingang einer diesbezüglichen Ent¬
scheidung würde dann das Dienstbrauchbarkeitsverfahren ein¬
zuleiten sein.
Voraussetzung bleibt auch bei dieser Regelung das Einver¬
ständnis des Mannes; ist dieses nicht, zu erreichen, so verbleibt cs
bei den bisherigen Vorschriften.
Zur Beschleunigung der Angelegenheit und zur Entlastung
der Ersatztruppenteile uud Bezirkskommandos sind die zivilen
Verwaltungsbehörden unmittelbar von den Lazaretten unter Bf'
nutzung des entsprechend abgeänderten Musters 3 D. A. Mdf. * u
>enacnrichtigon. Die seitens der Verwaltungsbehörden getroffene
mt.Noheidungcn sind bei der Dienstunbrauebbarkeitsineldung zu
i V i-mcikcn.- £l<). Oktober loi l.i
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7. März.
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Tbc.Forsch. 1914, Bd. 8, S. 203 bis 204.) — 13. A. Fagiuoli, Versuche einer
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560.) — 14. Wilms, Compression der tuberkulösen Lungen durch Paraffin und
Fett. (Naturhist.-med. Verein zu Heidelberg, 7. Nov. 1913; Ref. im Intern. Zbl.
f. Tbc.Forsch. 1914, Bd. 8, S. 207.) — 15. Stürtz, Allg. ärztl. Ver. zu Köln, 6. Okt.
1913.) Ref. i. Intern. Zbl f. Tbc.Forsch. 1914, Bd. 8, S. 206.) - 16. Dis¬
kussionsbemerkungen von Sauerbruch, Wilms, Friedrich zu Carl, Experi¬
mentelle Studien über Beeinflussung der Lungentuberkulose durch operative
Maßnahmen am Nervus phrenicus. (43. Kongr. d. 1). Ges. f. Chir. 1914; Ref.
i. Intern. Zbl. f. Tbc.Forsch. 1914, Bd. 8, S. 779 bis 780.) — 17. E. Kaufmann,
Die Virulenz des Friedmannschen Tuberkulosemittels. (Beitr. z. Klin. d.
Tbc. 1914, Bd. 32, S. 249 bis 255.) O. Mannheimer, Ergänzender Bericht
über Patienten, die vor über einem Jahre mit Injektionen der Fried-
mannsehen Vaccine behandelt wurden. (Zschr. f. Tbc, 1914, Bd. 22, S. 500
bis 565.) M. Wolff, Die Behandlung der Lungentuberkulose mit dem Heil¬
mittel von Friedmann. (B. kL W. 1914, Nr. 32.) — 18. Arth. Mayer,
Zur Chemotherapie der Lungentuberkulose. (Beitr. z. Klin. d. Tbc. 1914,
Bd. 32, S. 211 bis 238.)
Aus den neuesten Zeitschriften.
Berliner klinische Wochenschrift 1915, Nr. 8.
Posner (Berlin): Farbenanalyse des Brotes. Die schon früher
ausgesprochene Ueberzeugnng des Verfassers, daß die ursprünglich für
rein wissenschaftliche Zwecke bestimmte Methode der FarbenanaJvse auch
einer ausgedehnten Verwertung im Dienste der praktischen Medizin fähig
ist, hat durch die neu gefundene Tatsache, bezüglich welcher auf das
Original verwiesen werden muß, nicht allein eine Bestätigung gefunden,
sondern die Methode hat sich noch über diese Erwartung hinaus als
fruchtbar im Interesse der Volkswirtschaft erwiesen.
Siuger (Berlin): Wesen und Bedeutung der Kriegspsychosen*
Den Einfluß des Kriegs auf die Psyche sahen wir nicht nur während der
Zeit der Operationen, sondern schon in der Mobilmachungsperiode. In dieser
Zeit der Mobilmachung wurden, wie in jeder Zeit höchster Begeisterung,
gelegentlich Alkoholdelirien beobachtet, im wesentlichen dann aber krank¬
hafte Reaktionen auf dem Boden psychopathischer Veranlagung. Meist
handelte es sich um angstbetonte Erregungszustände, in deren Verlauf
die vorgestellten Kriegserlebnisse eine Rolle spielten, Schlaflosigkeit
unter dem Einfluß von Oppressionsgefühlen, funktionelle Krämpfe. Es ist
nicht auffallend, daß die Psychopathen, die Degeneres, besonders stark
und mit besonders heftigen Symptomen auf die Strapazen und die psy¬
chischen Eindrücke des Kriegs reagieren. Relativ häufig sehen wir auf
derselben Basis Zustände von vorübergehender Depression auftreten, oft
mit Angst, Schlaflosigkeit, Abgeschiagenheit. Spielen beim Auftreten
von Neurasthenie und akuter Halluzinose die körperlichen Strapazen eine
entscheidende, krankmachende Rolle, so greift bei andern Gruppen von
psychischen Erkrankungen das psychische Trauma, vor allem das akuteste,
der Schreck, entscheidend ein. Sicher ist auch, daß der Schreck oder,
allgemeiner gesagt, das psychische Trauma einen Einfluß hat auf die
Entstellung epüeptiscber Krämpfe.
Grundmann: Meine Beobachtungen Ober Tetanus im Frieden
■ud Im Felde* Das Wesentliche bei einer erfolgreichen Tetanusbehand-
luug ist die Prophylaxe, Frühdiagnose, konservative Wundbehandlung,
sofortige Anwendung des Tetanusserums (Einspritzung in die Umgebung
der Wunde, intravenöse und intralumbale Injektionen) und durchschnitt¬
liche Serumbehandlungsdauer von vier bis sieben Tagen, sofortige und
I'duerbehandlung mit Magnesium sulf. bis zum Verschwinden der Muskel-
zuckwogen und Muskelstarre.
Thom; Nottracheotomien. Bericht über vier Fälle von plötzlich
auftretender Atemnot, welche die Tracheotomie nötig machte.
; Partos (Genf): Leber die biologische Wirkung der konden-
dwtei Radinmemanatlon. Die Versuchsergebnisse zeugten davon, daß
die kondensierte Emanation die gleiche biologische Wirkung besitzt wie
di« Radi um salze. Der Emanationsträger besitzt in der Therapie gewisse
orteile: man kann die Emanation in Apparate von jeder Form und
einschließen. Dadurch kann man die Emanationsträger dem ge¬
gebenen Krankheitsfälle adaptieren. Ferner kann man, den fortschreiten-
en Zerfall der Emanation sich zunutze machend, eine sozusagen chro¬
nische Behandlung unternehmen und so die stärkere Wirkung hochaktiver
^zpräparate ersetzen.
Frugoni (Florenz): Herzsystoliseh-intermittlerende Exspiration
® negativer Brustpulg. Es besteht bei der Mundausculfcation eine
krzsjstolische Exspiration, unterbrochen durch vollständige Pausen; auf
e ‘ 8e kommt die exspiratorische herzdiastolische Mundatmung zu-
111 ' liegen ermöglicht die Auscultution der Trachea, das Vor- ,
handensein einer kurzen Atmung oder eines herzsystolischen trachealen
Pfeifens während des Inspiriums und des Exspiriums wahrzunehmen.
Wir können schließen, daß, wenn bei Schließung des Mundes gleich¬
zeitig eine solche der Glottis besteht, die Serien von herzsystolischen
Inspirationen, welche als negativer Thoraxpuls bezeichnet werden, durch
eine Serie von herzsystolischen Exspirationen ersetzt werden, welche als
positiver Nasen-, Mund-, Phaiynxpuls zu deuten ist.
Hueppe (Dresden): Ueber Entstehung und Ansbreitang der
Kriegsseuchen. (Schluß.) Die großen epidemiologischen Gesetze, die
seit Jahrhunderten erkannt werden können, sind durch keine Eiuzel-
forschung bis jetzt in ihrer Geltung abgeschwächt worden. Unsere
Kampfmittel aber haben ganz bedeutend an Kraft gewonnen, seit wir
nicht mehr bloß gegen die allgemeinen Schädigungen und die Miasmen
der Lokalisten oder die Endemizität der Krankheitsursache kämpfen,
sondern auch im einzelnen als wirkliche Aerzte den Kampf schon am
Krankenbette wieder aufnehmen und dadurch noch mehr beherrschbar
machen. Reckzeh (Berlin).
Deutsche medizinische Wochenschrift 1915, Nr. 8,
Karl Kisskalt (Königsberg i. Pr.): Schneiluntersuchungen
nnd provisorische Verbesserungen von Brunnen im Kriege. Sie
sind notwendig ganz besonders mit Rücksicht auf die Ausdehnung, die
die Cholera unter den Russen genommen haben soll und die für den
Sommer noch schlimmeres erwarten läßt. Jede hygienische Wasser¬
untersuchung hat zu bestehen aus der Lokalinspektion des Brunnens, der
chemischen und der bakteriologischen Untersuchung des Wassers. Leider
muß man oft bei der Kürze der Zeit auf die beiden letzten Methoden
verzichten; man kann, wenn es sich nur darum handelt, ob ein Brunnen
jetzt oder in der nächsten Zeit imstande seia wird, Cholera oder Typhus
zu verbreiten, mit der Lokalinspektion allein genügende Resultate haben.
In Betracht kommen allein Röhrenbrunnen (Abessynier) und Kessel-
brunnen (Schachtbrunnen). Das Ideal sind Röhrenbrunnen. Aber da der
größte Teil von Ostpreußen zu wasserarm ist, würden Röhrenbrunnen
viel zu wenig Wasser geben; hier kann man nur Kesselbrunnen bauen,
in denen sich nach dem Abpumpen langsam wieder genügend Wasser
ansammeln kann. Da die Infektionsgefahr von oben her weitaus am
größten ist, so sind offene Brunnen am gefährlichsten. Diese sind
aber noch in Deutschland gestattet (nach einer aus dem Jahre 1910
stammenden Bauordnung), obwohl von oben Schmutzwasser hineiugelangen
kann, obwohl am Brunnenrand oft Wäsche (auch Kranker) gewaschen
wird, obwohl der Entnahmeeimer auf den mit Kot beschmutzten Boden
neben dem Brunnen gestellt werden kannl Der Verfasser gibt dann an,
welche Brunnen in Kriegszeiten unverbesserlich und welche zu verbessern
sind. Für die letzte Art macht er dahingehende Vorschläge. Können
nicht alle Brunnen verbessert werden, so lasse man so viele bestehen daß
(auch in der heißen Jahreszeit) genügend Wasser für das Dorf vorhanden
ist, und mache die andern unbrauchbar (durch Zuschütten oder schneller
durch Einschütfcen von einigen Kilogramm Chlorkalk). Wird das Wasser
aber für das Vieh gebraucht, so empfiehlt es sich, Fluorescein zuzu¬
setzen, um es für den Menschen unappetitlich zu machen. Dieser
Körper ist kaum giftig. (Bekanntlich wird auch eine verwandte Sub¬
stanz, Eosin, mit der Futtergerste an Schweine verfüttert.)
Goldstein (Frankfurt a. M.): Beobachtungen an Schnßver-
Icizuugen des Gehirns und RUckentn&rks. Nach einer Demonstration
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UNIVERSUM OF IOWA
284
7. März.
1915" — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10.
im Verein für wissenschaftliche Heilkunde in Königsberg i. Pr. (Sitzung
vom 9. November 1914).
Noehte: lieber Streifschüsse an der Schttdelkapsel. Haben
sie die motorische Region affiziert oder eine andere Gegend mit greif¬
baren peripherischen Störungen (Nystagmus, Sprachstörung usw.), so
kann man die Gehimveränderung objektiv feststellen. Streifschüsse
machen aber auch Störungen allgemeiner Art, Puls- und Temperatur¬
anomalien, Apathie. Die Feststellung aller genannten Störungen ist
wichtig für die Beurteilung von später bleibenden nervösen Beschwer¬
den, die zu Versorgungsansprüchen führen können.
H. Töpfer: Der transportable Streckverband. Der Verfasser
empfiehlt von neuem seinen früher beschriebenen Streckverband bei kom¬
plizierten Frakturen mit der Neuerung, daß er das proximale Ende der
Schiene durch Gipsbinden festlegt. Aus drei Abbildungen ist zu
sehen, wie um das Becken, die Schulter und das EUbogengelenk ein
Gipsverband gelegt und an diesen das eine Ende der durch ein unter¬
gelegtes Brett verstärkten Cram er schiene angegipst ist. Bei den kom¬
plizierten Frakturen der oberen Extremität hat dieser Verband den
Vorzug, daß die Patienten nicht mehr aus Bett gefesselt sind.
J. Schumacher (Berlin); Zur Desinfektion des Operations¬
feldes mit Jodtinktur oder andern Arzneimitteln. Bei nicht vorhan¬
dener Jodtinktur dient als Ersatz die Komi»ination von; I. Kal. jodat. 2,0,
Aqu., Spirit, aa 5,0 und II. Ammoniumpersulfat 2,0, Aqu., Spirit, aa 5.0.
Man taucht einen Wattepinsel in die erste Lösung und bestreicht damit
die Haut. Mit einem andern, in die zweite Lösung getauchten, bestreicht
man alsdann die vorher behandelte Fläche. Der Jodanstrich. der sofort
entsteht, ist erst hellgelb; sobald jedoch die Umsetzung zu Ende ist —
nach 50 Sekunden — ist er von dem mit Jodtinktur gemachten nicht
mehr zu unterscheiden.
H. Ri mann (Liegnitz): Ein Beitrag zn den Fifegerpfeil-
verletzungen itn Kriege. Ein französischer Flieger hatte etwa 2000
Pfeile auf ein Dorf hinabgeworfen. Von allen diesen hatte nur ein ein¬
ziger eine leichte Verwundung eines Soldaten herbeigeführt. Dieser
verspürte plötzlich einen stechenden Schmerz im linken Fuß. Ein Pfeil
steckte senkrecht darin und wurde sofort herausgezogen. Er hatte
den Stiefel durchschlagen und war mit der Spitze in den Mittelfiiß auf
der Höhe des Fußrückens eingedrungen, ohne die Fußsohle zu durch¬
bohren. Der Knochen war nicht verletzt. Die unmittelbar nach dem Heraus-
zichen des Pfeiles vorhandene etwas starke Blutung stand auf festen Verband.
Paul Heinrichsdorff (Breslau): Ueber kardiopathlsche Hepa¬
titis. Bei Herzleiden wird die Leber nicht nur sekundär in Mitleiden¬
schaft gezogen, indem die Blutstauung zur Balkenkompression führt
(Stauungsleber), sondern auch primär dadurch, daß das Herzgift zugleich
auch ein Lebergift ist, das zu centraler Acinusdegeneration und Ent¬
zündung der Glisson sehen Kapsel führt (kardiopathische Hepatitis).
F. Salz mann (Bad Kissingen): Sekundärstrahlen in der
Röntgentiefentherapie als Ersatz radioaktiver Substanzen. Die in
der Tiefentherapie zur Verfügung stehenden Röntgenstrahlen regen nach
Filterung durch 3 mm Aluminium die Metalle der Silbergruppe, und
zwar unter diesen besonders das Cadmium, am ausgiebigsten zur Sekundär¬
st rahlung an. Diese Ausnutzung der sekundären Itöntgenstrahlen be¬
deutet einen Weg, der dazu führt, die an die radioaktiven Substanzen
„verlorene Position“ für die Röntgentherapie wieder „zurückzugewinnen“.
K. Mich eisen (Refsnes in Dänemark): Fünf Fälle der Calve-
Perthesschen Krankheit. Es handelt sich um ein specifisches Hiift-
lciden bei Kindern, das als Osteochondritis deformans juvenilis bezeichnet
wird. Dieser Name ist nicht glücklich gewählt, da in diesen Fällen
keine Entzündung vorliegt, auch keine Form der Arthritis deformans,
von der sich jene Krankheit in jeder Beziehung unterscheidet. Es handelt
sich vielmehr um Kinder, die nach einem Trauma oder ohne äußeren
Anlaß zu hinken und über leichte Schmerzen in der Hüfte zu klagen
anfingen und ein klinisches Bild zeigten, das durchaus mit dem hoi be¬
ginnender tuberkulöser Coxitis zu erwartenden stimmte. Röntgenbild
und Verlauf der Krankheit müssen aber schließlich die anfängliche
Diagnose Coxitis tuberculosa Umstürzen. Namentlich die Röntgenbilder
sind äußerst charakteristisch. Auch die negative Pirquet sehe Reaktion
ist für die Diagnose wichtig. Der Verlauf der Krankheit, die auch
doppelseitig auftreten kann, ist günstig.
A. Blaschko: Zur Bekämpfung der Läuseplage. Neben dem
Naphthalin, das seines intensiven Geruchs wegen oft abgelehnt wird,
empfiehlt sich das völlig geruchlose metallische Quecksilber, das
aber nur für die, die keine starken körperlichen Strapazen auszuhalten
haben, deren Haut also nicht durch Schweiß und Staub gereizt wird, an¬
wendbar ist. Für die große Masse der marschierenden Truppen kommt
also das Quecksilber nicht in Frage. Die graue Halbe ist aber für eine
länger dauernde Anwendung nicht zu benutzen. Eher könnte man
Hvdrargyrum cum Greta (1:4), etwa 30 g, in Säckchenform in jeder
Hosentasche tragen. Noch praktischer ist aber der Merkolinl schürz
(Beiersdorf), ein mit Quecksilber imprägnierter Brust- und Rückenlatz,
der entweder direkt auf der Haut oder über der Unterwäsche getragen
wird und der etwa vier bis sechs Wochen lang beständig Quecksilber¬
dämpfe unter der Kleidung ausströmen läßt. Zu Zeiten, wo eine Be¬
rührung mit Läusen gänzlich ausgesclilossen ist, kann der Schurz in
einer undurchlässigen Hülle aufbewahrt und dann bei Bedarf wieder
getragen worden. F. Bruck
Münchner medizinische Wochenschrift 1915 , Nr . 8.
H. Rieder (München): Ueber die Heilungs Vorgänge beim n&tür-
liehen Pneumothorax« Sie lassen sich ira Röntgenbilde sehr gut verfolgen,
wie Verfasser an einem ausführlich beschriebenen Falle zeigt, der tuber¬
kulösen Ursprungs war. In therapeutischer Beziehung läßt sich durch
Aspiration der Pneumothoraxluft eine rasche Wiederentfaltung der Lunge
ermöglichen.
Harry Koenigsfeld (Freiburg i. Br.): Ein neues Prinzip der
Serumtherapie bei Infektionskrankheiten mit besonderer Berück¬
sichtigung des Typhus abdominalis. Bei jeder Infektionskrankheit
kreisen Antikörper im Blute des Erkrankten, die sich durch serologische
Untersuchung nachweisen lassen. Werden diese Antikörper in eine wirk¬
same Form übergeführt, so dient das so präparierte eigne Serum des
Erkrankten zu dessen passiver Immunisierung. Um die Antikörper in
eine wirksame Form überzuführen, genügt es, das Blut des Erkrankten
zu entnehmen, zur Gerinnung zu bringen und den Blutkuchen vom Serum
absetzen zu lassen. Wichtig ist es, zu dieser Blutentnahme erst zu
schreiten, wenn man aus einem hohen Titer der Gr ub‘er-Wi dal sehen
Reaktion auf die Anwesenheit von Antikörpern schließen kann. Mit
dieser Methode wurden 18 Fälle von Typhus mit vielversprechendem Er¬
folge behandelt.
Karl Bollag (Basel): Klinische Erfahrungen über Novocain¬
anästhesie bei normalen Gebarten. Die Schmerzen der Aus-
treibiingsperiod e werden durch die Lokalanästhesie bei absoluter Un¬
schädlichkeit für Mutter oder Kind, soweit sie durch den Nervus pudendus
erzeugt werden, aufgehoben. Dammrisse lassen sich schmerzlos für die
Frau, daher in aller Ruhe nähen. Für die größten Schmerzeu, die
Wehen, eignet sich die Methode natürlich nicht, wohl aber für dasjenige
Plus der Geburt sschmerzen, das dem Gebiete des Nervus pudendus ent¬
spricht. Dieser gibt nämlich drei Zweige ab, die 1. die Pars analis und
den After (Nervus haemorrhoideus inferior), 2. Muskeln und Haut des
Dammes und einen Teil der Labien (Nervus perineus, Nervus labialis
posterior) und 3. die Klitorisgegend (Nervus dorsulis elitoridis) versorgen.
Diese Nerven lassen sich an einem leicht zu erreichenden Punkte finden.
Als Anästheticmn dient die 2%igo Novocain-Suprareninlösung (B) der
Höchster Farbwerke, die in Ampullen von 5 ccm erhältlich ist. Gewöhn¬
lich kommt man mit einer Ampulle für beide Seiten aus. Die Technik
wird genau beschrieben (als Spritze verwende man eine 5 ccm-Rekord-
spritze und eine mindestens 6 cm lango Nadel).
Edmund Saalfeld (Berlin): Ueber Thigan. Das Präparat ist
die haltbar gemachte Lösung von Thigenolsilber (1 ccm Thigan enthalt
1 mg Silber). Es empfiehlt sich bei Gonorrhöe, wobei 10 ccm Thigan
injiziert werden, die bis zu 15 Minuten in der Harnröhre verbleiben. Je
nach dem Studium der Gonorrhöe wird die Injektion drei- bis sechsmal
täglich wiederholt. Selbst bei akuten Fällen mit starker Sekretion kann
sechsmal am Tuge injiziert werden. Auch nach dem Verschwinden aller
objektiven und subjektiven Erscheinungen muß die Behandlung noch ein
bis zwei Wochen fortgesetzt werden. (Das Mittel wird von der Firma
Dr. Georg Henning, Berlin, in den Handel gebracht).
Victor Weizsäcker (Heidelberg): Nene Versuche zur Theorie
der Mnskelinaschine. (Schluß.) Der Verfasser stellt sich die Muskel¬
maschine als ein in sich abgeschlossenes System vor. Gibt ein solche*
System ( z. B. eine Muskelzelle) bei jeder Contraction Wärme und Arbeit
ab, so kann es zwar in gewisser Beziehung sein Gleichgewicht, immer
wieder hersteilen, allmählich muß es aber doch an Substanz und Loergie-
gehalt an bestimmten Stellen verlieren nnd damit zu andern Gleich-
gewichtsbedingimgen übergehen. Der Verfasser erörtert nur die elemen¬
tarsten Funktionen des Muskels, wie Oxydation, Wärmebildung und
Arbeitsleistung, und zwar bediente er sich hierbei in erster Linie der
myothermischen Untersuchungsmethodik (Untersuchung der Wärmebildung
mit Thermosäulen). Diese myothermischen Versuche wurden nach einer
neuen Methode in Salzlösuugen angestellt nnd haben neue allgemein-
physiologische und pharmakologische Ergebnisse geliefert, die zur „Zwei-
maschinentheorie“ führten. Danach kann der tätige Muskel als eine er
kopplung zweier Maschinen aufgefaßt werden. Die erste, die ® r ^ ei
liefernde, bewirkt die Umwandlung einer unbekannten potentie en
Energie auf nicht oxydativem Weg in Arbeit und Wärme, die zwei je,
die restitutive, bewirkt durch Ausnutzung der freien Energie von Oxya-
tionen eine Wiederergänzung jener potentiellen Energie der ersten Muse um
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UMIVERSITY OF IOWA -
7..März. _1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10. 2Sf>
Feldürztliche Beilage Nr. 8.
H. Fehling: Kriegschirnrgle früher und jetzt Vortrag, gehalten
in der Vereinigung der kriegsärztlieh beschäftigten Aerzte Straßburgs.
01 off (Kiel). Uebcr Kriegsschädigangen des Auges. Die Ursache
der erheblichen Zunahme der Augenschädigungen im jetzigen Krieg ist in
der Entwicklung der modernen Kriegstaktik und Waffentechnik zu suchen.
Die Tragweite unserer heutigen Geschosse und die Verbesserung unserer
optischen Bcobachtungsmittel erfordern, daß der Soldat in Deckung liegt»
wozu er vorher Seliutzwälle aufwirft oder sich direkt in dem Erdboden
eingrabt. Nur Kopf und Gesicht müssen zeitweise herausgenommen
worden und bieten dann den feindlichen Geschossen ein besonderes Ziel
dar. Daher auch mit der Zunahme der Augenvenvundungen gleich¬
zeitig eine Steigerung von Kopf- und Gehirnschüssen. Der Verfasser
weist besonders auf die Kontusion des Auges hin, die auch ohne
äussere Wunde zustande kommt. Denn hierbei können wir den innern Teil
des Augos zerreißen, sodaß erst eine genaue Untersuchung im Augeu-
inriern mit Hilfe der seitlichen Beleuchtung und des Augenspiegels Auf¬
schluß über den wahren Grund der Augenschädigung gibt. Zum Zustande¬
kommen einer Kontusionswirkung am Auge braucht aber weder der Aug-
apfel. noch die knöcherne Orbitalwand, noch die centrale Seilbahn direkt vom
iiesebosse getroffen zu sein. Es genügt, wenn dieses einen Schädel- oder
dodchtsknochen trifft; die hier umstehende explosive Wirkung kanu sich i
0 das Auge fortpflanzen und sehr charakteristische Augenstörungen
iservorrufen (Kontusion durch „indirekte Sprengwirkung"). Achnliche
Wirkungen am Auge können auch auftreten, wenn außerhalb des Körpers
idötzlich eine sehr starke Erhöhung des Luftdrucks stattfindet (z. B. bei
Dvmunitexplosionen). Dabei fehlt überhaupt jedes Anzeichen irgendeiner
Verletzung.
Saher (München): Ueber Schaß Verletzungen der Angengegend.
Vertrag, gehalten in der Sitzung des Aerztlichen Vereins München am
13. Januar 1915.
Karl Weiler (München): Eine Methode zur Danerdralnage
tiefer Wandhöhlen. Die vom Verfasser ersonnene Methode wird durch
einen genau beschriebenen Apparat ausgeführt, der als Saugheber wirkt.
Sie ist besonders bei Wunden anzuwenden, die keine Abflußmögliohkoit
des Sekrets unter der Wirkung seiner eignen Schwere darbieten. Ein
wesentlicher Vorteil dieser Dauerdrainage ist die Verbandstoffersparnis,
da nur die äußere Wunde von denUcingcführten Drainagcsehlauche mit
einer dünnen, (buch Heftpflaster befestigten Lage Gaze gedeckt zu werden
braucht und da diese meist tagelang auf der Wunde belassen werden
kann. Außerdem bringt die Methode noch für den Kranken den Vorteil der
dauernden Ruhe, da der Verbandwechsel in schonendster Weise möglich ist.
Krecke: Zur Anwendung der Wellerschen Ileberableitung.
Angelegentlichste Empfehlung des oben erwähnten Verfahrens. Dessen
Urteile sind: Einfachheit seiner Anwendung, Schmerzersparung und
Ersparung an Verbandstoffen. Wenn man einmal den Gumnüsclilauch
angelegt und die Heherleitung in Gang gebracht hat, gibt es kein ein¬
facheres Mittel, die Wunde dauernd trocken zu halten. Der Eiter fließt
ständig in den Gummischlauch ab. Die in der Umgebung der Wunde
aufgelegten Verbandstoffe brauchen gewöhnlich nur alle drei oder vier
Taire erneuert zu werden. Das in der Wunde liegende Gummirohr
wechselt mau am besten jeden vierten Tag.
F. Schede (München): Mobilisierung versteifter Gelenke. Als
Ergänzung der von ihm früher veröffentlichten Mobilisationsschienen be-
'direibt der Verfasser die auf denselben Prinzipien beruhenden Apparate
für Schulter- und Fingergelenke. Die Prinzipien sind: Mobilisation des
üi’li’nks durch abwechselnde, langdauernde Fixation in den äußersten er¬
reichbaren Stellungen in Verbindung mit aktiver und passiver Gymnastik
wahrend der Zwischenpausen.
Carl Walter: Yerelnfachter Fingerstreckverband. Ueber den
gebrochenen Finger wird eine Heftpflnsterschlingc gelegt wie lad jedem
Mrokverbände. Dann befestigt man eine Gram ersehe Schimm am
l nterarra und an der Mittelhand. Mittels einer mit zwei Haken ver-
f hen^n K*der (es genügt auch ein starker Guuuuisehlaucb) wird nun die
'un-kung ausgeführt. indem der obere Haken an einer Sprosse der Schiene
eingehakt wird, während der untere an der Heftpflasterschlinge angreift.
Mwcr; Ueber einen Fall von Lnngenverletzang durch Bajonett¬
stich mit komplizierendem Hämatothorax. Der Fall erforderte eine
'(iK'i'dehntv Rippenresektion, sodaß Verfasser mit der Hand in den
ru-traum gelangen konnte. Dieser enthielt eine große Menge mit Eiter
furchsotztea Bluts. Da nun nur zu leicht das aufgepilanzte Seiten-
gewehr beim Liegen und Vorspringeu mit dem Erdboden in Berührung
0111 Bajonettstich also nicht ohne weiteres als aseptisch angesehen
^erden kann, so empfiehlt es sich, bei einer solchen V erletzung stets
miu ersten Ansteigen der Temperatur ein Zugreifen und ausgiebige
nun.igc zu schaffei), mn es nicht erst zum ausgesprochenen Enipyen
ommen zu lassen. Im vorliegenden Falle wurde auch mit großem Nutzen
die Pleurahöhle mit Wasserstoffsuperoxyd ausgespült, das vor allem die
Eiter- und Delutusmassen mechanisch herausbeförderto.
Hans Friedenthal (Nikolassee bei Berlin): Ueber Massendesin¬
fektion hu Felde mit Hilfe von Heißdampf lokomobilen. Läuse sterben bei
70° Lufttemperatur augenblicklich, ihre Eier werden bei dieser Temperatur
ebenfalls vernichtet. Die Erreger von Cholera, Typhus und Ruhr werden
bereits bei 60° getötet. Das gelingt mit Hilfe "des Dampfes von Loko¬
mobilen und Lokomotiven, und zwar kann man leicht einen leeren Eisen-
bahn Waggon so abdichton, daß in zwei Stunden der gesamte Inhalt eine
Temperatur von etwa 90° angenommen hat. In Bahnhöfen, wo der Ab¬
dampf von Lokomotiven zur Verfügung steht, braucht man sich natürlich
niclit auf geschlossene Giilerwägen als Dcsinfektionsrauui zu beschränken,
sondern kann große geschlossene Räume von vielen Hunderten von Kubik¬
metern Inhalt durch Dampfzuleitung in Rieseudesinfekt ionsräu me ver¬
wandeln. In solchem Falle würde die Läusevertilgung der Kleider von
10 000 Mann in zwei Tagen beendet sein können. In derartige Räume
können ganze Bagagewagen, Sanitätswagen eingefahren und unausgepackt
im Ganzen desinfiziert werden.
Lach mann (Landeck i. Schl.): Seltener Verlauf eines Baach¬
schasses. Bei einer nur unerheblichen Empfindlichkeit des Leihs wurde
zehn Tage nach der Verwundung plötzlich mit dem Stuhl ein spitzes
Infanteriegeschoß entleert, das außer einer Schwärzung durch den Schwefel¬
wasserstoff des Darmes keinerlei Veränderungen zeigte.
Axhausen: Unser Feldoperationstisch. Der Verfasser hat nach
seinen Angaben von den unter seinen Mannschaften befindlichen Hand¬
werkern für sein Feldlazarett einen Tisch in einem Tage hersteilen
lassen, der eine Bewegung um seine horizontale Achse ermöglichte.
Der Tisch hat allen Anforderungen — auch bei Bauch- und Blasen¬
operationen — entsprochen. Er ist leicht auseinanderzunchraen und gut
transportabel. Drei Abbildungen erläutern die Konstruktion.
H. Mendelsohn: Zar Technik des Gips verbände» bei Schuß-
fraktaren des Oberschenkels. Man braucht dazu zwei starke, etwa
1,20 m hohe Holzböcke lind zwei 2,50 m lange, etwa 1 '/* cm dicke
Eisenstangen. Der Patient wird auf die gut ciugefetteten Stangen ge¬
legt Die Polsterung wird unter Einschluß der Stangen vorgenommen.
Darüber kommt der Gips verband. Ist er erhärtet, so wird der Kranke
mit den Stangen augehobeu. die dann durch Herausziehen entfernt
werden. Der Verband soll während des Gipsens über der Spinne fest ab¬
gezogen werden, nach Entfernung der Stangen ist dann noch genügend Spiel¬
raum vorhanden. Beim Gipsverband auf Stangen ist eine gleichmäßig
starke Extension während der ganzen Dauer des Gipsens gewährleistet.
Schnitter (Offenbach a. M.): Zar Frage der basophilen Gra¬
nulation im Blute von Schrapnellkugeltriigern. Wenn auch Blei¬
vergiftungen durch Schrapnellkugeln höchst unwahrscheinlich sind — die
eingcheilten Geschosse bleiben uuter dem festen Bindegewebsmantel cor
einer Desorption durch Oxydation oder durch allmähliche Lösung in der
Gewebsflüssigkeit bewahrt — so ist doch zu untersuchen, ob sich nicht im
Blute, dem empfindlichsten organischen Reagens auf Blei, gewisse Ver¬
änderungen (polychromatische und basophil punktierte rote BlutzöllenI
feststellen lassen. Für die Erkennung der basophilen Körnelung, der
charakteristischsten, durch Blei verursachten Blut Veränderung, dürfen
aber keine Doppelfärbungen, sondern nur einfache Azur- oder Mcthylen-
blaufärbungen, am besten Mansonsehe, erwartet werden. F. Bruck.
Wiener klinische Wochenschrift 191 5, Nr. 6.
II. Heyrovsky: Ueber Infizierte Gefäßschüsse. Die größte
Komplikation der infizierten Schußverletzuugen der Arterien ist die se¬
kundäre Blutung. Ihre Mortalität betrug 1870 81 %, in den vorliegenden
Beobachtungen zirka 14%; sie ist also auch heute noch nicht grade niedrig.
Die primäre Gangrän tritt am häufigsten nach Läsion der Arteria po-
plitea ein; wegen der Gefahr des Gasbrandes und des Tetanus soll die
gangränöse Extremität möglichst bald abgesetzt werden.
I. P. Karplus: Ueber Erkrankungen nach Granatexplosionen.
Was bei den „Granatkontusionen“ die Menschen schädigt oder tötet, ist
nicht das mechanische Trauma; es wurden immer „prämorbide“ Persön¬
lichkeiten befallen. Bei einer ganzen Reihe intelligenterer Kranken ließ sich
zeigen, daß die nervösen Symptome schon vor der Grauatexplosion be¬
gonnen hatten und daß diese nur die Rolle eines psychischen Traumas
spielte. Rief der Krieg bei Gesunden deutliche nervöse Symptome her¬
vor, so zeigten diese einen außerordentlich gutartigen Verlauf.
M. Kaliane: Ueber Hyperthyreoidismns vom Standpunkte der
Kriegsmedizia. Abmagerung, Tachykardie, Ilitzegefiihl, Tremor, Nei¬
gung zu Diarrhöen, gesteigerte Reizbarkeit, Unruhe usw., diese Sym¬
ptome des Hyperthyreoidismus sind häufige, vielfach noch verkannte Krank¬
heitserscheinungen, die die Kriegstauglichkeit herabsetzen. Für ihren objek¬
tiven Nachweis und die Beurteilung ihrer Intensität wird eine vom Verfasser
angegebene galvanornetrischc Methode, die Galvanopalpation, empfohlen
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UNIVERSUM OF IOWA
1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10.
7. März.
2 SG
St. Weidenfeld und E. Pulay: Einige Bemerkungen zur Pro¬
phylaxe der Pedlkuiosds» Die Hirtenbevölkerung - der Karpathen im*
ßrägniert ihre Kleider gegen die Läuscplage in aufgelöster Butter und
trägt sie so monatelang am Körper. Die Liiusecier haften an den fett-
durcbfcriinkten Klciderfäden nicht, an denen sic sonst von den Pedikuli
befestigt werden. Vielleicht wehrt auch der Geruch der sich entwickeln¬
den Fettsäuren die Pedikuli ab, wie die Erfahrungen der Soldaten cs von
Parfüms wie Nelkenöl, Orangenöl, Petroleum usw., behaupten. Von den
Verfassern wird hier nach günstigen experimentellen Untersuchungen die
Imprägnierung der Unterwäsche mit einem Gemisch von Paraffin und
Anisöl empfohlen. — Um welche monströse Läusemengcn es sich oft
handelt, zeigte ein Transport von 120 Mann, bei dem 15 Liter Pedikuli
gesammelt werden konnten. Misch. j
Wiener medizinische Wochenschrift IQ 15, Nr. 6. j
(Pathologen - Festnummer.)
Herrn Hofrat Weichselbaum zum 70. Geburtstage. Be¬
grüß mur des Nestors der Wiener Pathologen mit einer Porträtskizzo vmi
Olga Prager.
L. Aschoff: Zur Frage der Kriegsprosektureu. Auf Drängen |
des Autors ist in Metz eine Kriegsprosektur errichtet worden: ihre ■
Nachahmung wird empfohlen, obwohl in den Kriegssanitätsordmmgen der
verbündeten Armeen für sie keine Stelle vorgesehen ist. Wenn man
bedenkt, daß eine Leichenöffnung das etwaige Vorkommen ansteckender
Krankheiten oft schneller entscheiden kann als alle bakierioloLMschen
Untersuchungen, so erkennt man, daß der pathologiseh-anatomi>ehen
Arbeit im Krieg auch praktische Bedeutung zukommt. So ist denn auch I
in Metz der erste sichere Fall von Dysenterie und Typhus durch die j
Sektion erkannt worden. Auch für die Infektionswei.se des Tetanus er¬
gaben sich dem Autor wertvolle Anhaltspunkte aus seineu Kriegsheob-
achtungen. Danach sind es besonders die Knochen- und Weiehteilsteek-
selnisse, insbesondere die Granatsplittersteekschtisse, die zum Tetanus
disponieren. Die grundsätzliche prophylaktische Seruminjektion der¬
artiger Verletzungen wird empfohlen.
H. Cliiari: Hyphomyeosis ventriculi. Daß Schimmelpilze patho¬
gene Wirkungen entfalten, sind bisher seltene Beobachtungen. Der hier
mitgeteilte Fall ist dadurch bemerkenswert, daß die Fadonpilze bis an
die Serosa des Magens vorgedlangen und in dem dem Pilzherd
entsprechenden Exsudat, an der Außenfläche des Magens naehzmveisen |
waren. Es handelte sieh um ein zehntägiges syphilitisches Kind; die durch
die Hyphomyeosis des Magens verursachte Peritonitis wurde zur Todes- [
Ursache. Die Hyphomyeosis wird makroskopisch durch schwärzlich-graue '
Herde auffällig, die die Indikation zur bisher immer versäumten kulturellen !
Untersuchung geben sollten.
L. K. Glirtski: Beiderseitige UüDgenhypopIasie. Bisher ist
nur ein solcher Fall beschrieben. Die Autopsie des Neugeborenen ergab
eine ungemeine Kleinheit der Lungen bei sonst ganz normaler Entwich- I
Jung anderer Organe; daneben allgemeinen Hydrops und besonders -starken
Hydrothorax. Tm Gegensatz zu der bisherigen Auffassung meint der
Verfasser, daß der in früher Lebensperiode der Früchte sich entwickelnde
Hydrops die Hemmung der normalen Lunge non t w icklung und die daraus
resultierende Lungenhypoplasie verursacht.
N. v. Jagic: Zur Symptomatologie der Niereninfarkte. Ka¬
suistik mit Sektionsbefund.
F. Marchand: Ueber die Neubildung der elastischen Fasern
in Hautnarben, ein Beitrag zur Altersbestimmung von Narben. Die
Frage bekam für die Beurteilung eines forensischen Falles aktuelles Inter¬
esse. Eine ganz gleichmäßige Neubildung der elastischen Fasern findet
in Ilautnarben nicht statt. Im vorliegenden Falle war die Ausbildung
des Narbengewebes durch eiugelagerte Fremdkörper beeinflußt.
G. Pommer; Ueber A. Welchselbaums Knorpelstudien nebst
einem Beitrage zur Kenntnis der sogenannten Psendostrnktnren
und der basophilen interfibrillären Grundsubstanz Im kindlichen
Hippeuknorpel.
H. Ribbert: Ueber die subendokardialen Blutungen im Be¬
reiche des Atrioventrikularbündels. Diese Blutungen können klinische
Bedeutung haben. Sie werden besonders bei Eklampsie und Tetanus,
aber auch bei Hirntumoren, Schrumpfniere, bei Neugeborenen und nach
Darreichung gewisser Herzmittel beobachtet. Nach Ribbert dürften
aber die den Blutungen vorausgebenden Zerreißungen und Sehollen-
bildungen der Bündelfsiseru das Wesentliche für den Exitus sei?),
G. Singer: Ueber dyseuterlsclie Rheumatoide. Die rheumatischen
Gelenkerkrankungen sind oft nicht auf die gewöhnliche tonsillnre Ein¬
gangspforte. solidem auf dysenterische und andere ulrerativc Darm¬
prozesse zuriiekzufühnm. Kasuistisrhe Mitteilung eines Dysentmehdls.
hei dem sich schwere pulyartikuläre Veränderungen und Schwellungen bei
rdeidizeitigem Befallenen des Endokards ausbildeten.
N. Ph. Tendeloo: Ueber lymphogene Ausbreitung der Tuber¬
kulose beim Menschen. Untersuchungen über den Infektionsweg der
Nierentuberkulose. M is ch.
Zeitschrift für ärztliche Fortbildung 1915 , Nr. 3.
v. Wassermann (Berlin): Typhös abdominalis a's Kriegs-
seuche. Die bakteriologische Untersuchungsmethodo der Wahl für die
frühe Diagnose des Typhus ist die Blutkultur; nur der positive Befund
beweist. Hat eine Schutzimpfung stattgefunden, so ist die später vor-
gennmmene Grubor-Widalsche Probe nutzlos. Das zur Therapie ver¬
wendete Typhusscntrn bat noch keine eindeutigen Resultate geliefert.
Weber, Marine-Generaloberarzt (Berlin): Die Organisation des
Mnrinesanitätswesens und die Verwundetenversorguug an Bord. Eino
interessante Schilderung des Mannesanitätsdienstes, der Wirkungen der
zur See zur Geltung kommenden Waffen und Verluste herbeiführenden
Faktoren. Die Verletzungen sind ernster, die Infektionen häufiger, Ver¬
brennungen, Vergiftungen durch Gase zahlreicher. Zum Schlüsse werden
noch die Maßnahmen zur Vorbeugung besprochen (mechanischer Schutz
und Hintanhaltung der Wundiufektion). Gisler.
Zentralblatt für Chirurgie 1915 , Nr. 8.
Lanz: Abkühlung von Geweben nnd Organen. Die Unempfind¬
lichkeit der Hautdecken gegen die Einwirkung der Kälte veratdaßt« 1
Lanz bei Hunden ganze Organe (Niere, Muskel, Magen, Leber, Milz) im
Kreuzfeuer durchfrieren zu lassen. -Sämtliche Gewebe sind, nacli drei
Tagen untersucht, kaum geschädigt, nach drei Wochen ganz frei von
Veränderungen. Diese Unschädlichkeit der Abkühlung läßt sich aber fiir
die Behandlung nicht ausnutzen: z. B. für die Blutstillung ohne Nutzen.
Vielleicht ist die „Gefriermethode"* verwertbar zur zeitweisen Ausschal¬
tung oder Umstimmung endokriner Drüsen (Schilddrüse, Eierstöckc), ähn¬
lich wie die Diathermie.
W. Levy: E.vtensionsvcrband bei Verletzungen der Bicken*
gegend. Bei Verletzungen des Beckenrings, mit und ohne Knochen-
frakturen, und hei tiefen Wunden seiner Weichteilbedeckung ist das wirk¬
samste Mittel die Ruhigst ellung durch Extonsion des Beins der
verletzten Seite Diese Verankerung soll bereits beim ersten
Transport angewendet werden (Streckung mit Heftpflasterschlinge oder
ungeklcbtem Bindenstreifen und beschwerendem Gegenstände). K. Bg.
Zentralblatt für Gynäkologie 1915 Nr, 8 .
E. Ebel er: Ueber Mcnstruatlonsverhältoisse nach gynäkologi¬
schen Operationen. Bei 13 Fällen von Abort in den ersten vier Mo¬
naten der Schwangerschaft ist in 50% die Austastung ohne wesentlichen
Einfluß auf den Menstruationstypus gewesen. Die Unregelmäßigkeiten
schwanden bei den folgenden Regeln. Bei 14 Fällen von Metropathia
haemorrbagiea, mit Abrasio behandelt, war von Einfluß die Lage der
Menstruation sw eile: Im Intermenstruum geringe Beeinflussung, iw
Prämenstruum ausgesprochene Verspätung der ersten Menstruation.
(Fortsetzung folgt,)
M. Steiger: Bemerkungen zu dem Artikel Gessners in Nr. 4
der Zschr. f. Geburtsh. 1015: „Zur Behandlung der Schwangerschalts-
liiere und Eklampsie. Steiger faßt die Eklampsie als „Vergiftungs-
erscheinuug“ auf infolge von Verschleppung fötaler Elemente in den
mütterlichen Blutkreislauf im Gegensatz zur „mechanischen Schädigung de*
Harnapparats” nach Gossner. Bei Schwangerschaftsniere ist die
von Gessner vorgeschlngcne Einpflanzung eines Ureters in das Kolon
unnötig und abzulehnen, weil die Eklampsie bei diesen Zuständen zu
verhindern ist und eine nähere Indikation für den Eingriff bei Schwanger-
schaftsniere im einzelnen Falle nicht abzuleiten ist. K Hf?-
Bücherbesprediongen.
B. Möhring, Zur Indikation und Technik der Unterkiefer¬
resektion sprothese. (Heft 2, Sammlung Mcusser. Abhandlungen
aus dem Gebiete der klinischen Zahnheilkunde. Hcrausgegeben m
Gemeinschaft mit Prof. Dr. Williger von Priv.-Doz. Dr. Alle 1
Kantorowicz.) Berlin 1014. Herrn. Mousser. 68 S. M 4yy
Verfasser beschreibt die in der Berliner zahnärztlichen Klim
übten Methoden zum Ersatz von Suhstanzverlusten am Unterkielf pl ■ J
zeigt an Hand zahlreicher, vortrefflichster Abbildungen die in k^-nu * ,M
und funktioneller Hinsicht vollbefriedigenden Immcdiatprothesen un« V
ein beredtes Zeugnis ab von den glänzenden Erfolgen, die ^enr
mit der von ihm geschaffenen Behandlungsmethode durch die Hartguro
schiene hat. , ß
Da? Studium des vorliegenden Heftes ist jedem Interesse-
dringend zu empfehlen. Hoffen a
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7. Marz.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10
287
Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen.
Neue Folge der „ Wiener Medizinischen Fresse“. Redigiert von Priv -Doe. Dr. Anten Bum, Wien.
K. k. Gesellschaft der Aerxte in Wien.
Sitzung vom 26. Februar 1915.
H. KÖrbl stellt aus der Abteilung Clairmont 2 Fälle von
Nerven naht vor. In dem einen Fall wurde die Naht des Radialis
3Monate nach der Schußverletzung vorgenommen; Pat. ist jetzt-,
2MoDatenach der Operation, trotz fortgesetzter Nervonbehand-
(ung noch nicht geheilt. Im 2. Fall wurden 2 Wochen nach der
Schußverletzung der Ulnaris und Medianus genäht, jetzt, 4 Wochen
später, ist bereits eine weitgehende Besserung zu sehen. Unter
10 operierten Fällen wurde in 8 die Naht, in 2 die Neurolyse
&usgefübrt. Auch für die Kriegsverletzungen der Nerven sollte die
Kegel gelten, sie möglichst früh zu operieren, das Zuwarten hat
den Nachteil, daß es lange dauert, bis der Pat. aktionsläbig wird,
es können außerdem während dieser Zeit Mu«kelatrophien ent¬
stehen. Es sollen bei der Nervennaht identische Querschnitte mit¬
einander vereinigt werden, Nervenplastiken dürften keine so guten
Resultate ergeben. — K. stellt ferner einen jungen Mann vor, bei
welchem vor 2 Jahren eine Naht der Art. und V. axillaris
sowie des Plexus brachialis mit dem Erfolg ausgeführt wurde,
daß jetzt nur noch eine Ulnarislähmung vorhanden ist. Die Ver¬
letzung hatte sich Pat, durch Fall auf einen Glasscherben zuge-
zogen.
0. Marburg weißt darauf hin, daß die Frage der operativen
Narbent>ehnndlung durch die Prüfung der elektrischen Reaktion zu ent¬
scheiden ist. Fehlt diese, wird man möglichst frühzeitig operieren; ist
sie vorhanden, kann mau zuwarten. Die Frage über die Früh- und Spät¬
operation wird erst entschieden werden können, bis definitive Resultate
vorliegen.
E. Redlich hat unter ungefähr 300 Fällen von Schußverletzungen
der Nerven einen nicht unbeträchtlichen Teil spontan ausheilen gesehen,
darunter auch Fülle von Fazialislähmung. Die Frage der Operation bei
Nervenverletzung soll später ausführlicher besprochen werden. Bei Fnih-
uperationen hat man den Gewinn der Zeitersparnis: man kann auch bei
Spätoperationen eine Heilung erzielen.
H-Spitzy ist ein Anhänger der frühzeitigen Nervennaht, welche
vorzunehmen ist, wenn die Wimdheihmg erfolgt ist. Eventuell kann auch
eine Probeinzision gemacht werden, um den Zustand des Nerven und
seiner Umgebung zu prüfen. Sinkt die direkte elektrische Erregbarkeit
de* gelähmten Muskels unter ein Drittel, so ist die Indikation zur Frei¬
legung des Nerven gegeben.
A.Fuchs betont, daß man die Reaktion des Nerven auch ohne
rmiegung feststellen kann. Der vorgestellte spätoperierte Fall kann in
--•.(Monaten geheilt sein. Die Bestimmung des Zeitpunktes für die
prntion ist unter Zuhilfenahme der Elektrodiagnostik vorzunehmen.
Jerusalem hat mehrere Nervenfälle operiert und dabei nur
einmal einen durchschossenen Nerven gefunden. Sonst handelte es sich
immer um eine Einschließung des Nerven durch Kallus oder um Spießung
wen einen durchschossenen Knochen, dagegen hat Kör bl mehr Nervcn-
urcüschüsse gesehen. Eine Nervenoperation 3 Wochen nach der Ver-
etzttng ist nur bei reinen Schußverletzungen möglich; bei infizierten
allen dauert die Wundheilung allein 3—4 Monate, worauf dann erst
16 -Nenenoperation vorgenommen werden kann.
TY p- Körbl erwidert, daß nur die schwersten Fälle operiert wurden.
“ , urt(M lung. d 0r Notwendigkeit der Nervenoperation hängt von der
otartungsreaktion ab. Die frühzeitige Nervennaht gibt sehr gute Schluß-
j^iiltate. solche treten aber auch bei der Spätnaht ein; man muß jedoch
ei ihr längere Zeit bis zum Eintreten der Nervenfunktion warten und
sonnen Muskelatrophien eintreten. Vortr. ist überzeugt, daß auch der
on ihm vorgestelltc Fall von Spätnaht in Heilung übergehen wird. Bei
er rrobeinzision kann man sich von dem Zustande des Nerven und der
mgebung überzeugen und einen durchschossenen Nerven gleich nähen.
ine Durchschösse können frühzeitig operiert werden.
H. *Spitzy führt- mehrere Soldaten mit Beinprothesen vor.
lese sind provisorischer Natur, und zwar Gipsprothesen oder
Thesen: bei letzteren wird der Stelzfuß durch ein Korb-
genecht maskiert. Eine lange Tritt fläche nützt nicht viel, weil die
lat. doch meist nur mit dem hinteren Teil derselben anftroten.
| e Gipsprothese wird durch eine solche mit Lederhiilse ersetzt.
,p Kat. lernen dann unter entsprechender Anleitung gehen, damit
sie möglichst gleiche Schritte machen und nicht schwanken, damit
? so lar ^ a Dg niöglichst dem natürlichen ähnlich wird. Hierauf
onimen sie in die Invalidenschule und dann bekommen sie erst
dle definitiven Prothesen.
• , ^ Köderl demonstriert Extensionsschienen fiir Oberarm-
Moren. Eine einfache Extensionsvorrichtung wird durch Heft-
P asterstreifen hergestellt, welche zu beiden Seiten des Oberarms
^geklebt sind und unter dem Ellbogen einen Bügel mit einem
Gewichte tragen. Wenn die Pat. liegen, übt das Gewicht die
Extension unter Zuhilfenahme einer Rolle aus. Eine andere Ex-
tensionsvorriehtung ist die Brogersche Schiene mit Zahnantrieb,
welche ebenfalls mit Heftpflasterstreifen auf der Schulter und in
der Ellbogengegend fixiert wird. Vortr. hat eine einfache Modifi¬
kation dieser Schiene hergestelit, bei welcher die Distension durch
Gummizug ausgeübt wird.
Diskussion zum Vortrage von J. v. Hochenegg: Zur
Prothesenfrage.
Frh. v. Eiseisberg betont nochmals die Notwendigkeit der Her¬
stellung eines tragfälligen Stumpfes; ein solcher wird durch die Bunge¬
sehe Methode erreicht. Sobald der Pat. mit der Gipsprothese gut gehen
kann und der Stumpf sich nicht mehr verändert, soll dem Amputierten
eine möglichst gute Prothese gegeben werden. Seihst für einen verlorenen
Oberarm sollen Prothesen gegeben werden. Der zurückgebliebene Arm
soll zuerst gut ausgebildet werden, dann soll erst für den verlorenen
Arm eine tunlichst gute Prothese verwendet werden. Redner demonstriert
Lichtbilder, welche Amputierte, auch beider Arme Beraubte, bei Ver¬
richtungen mit Carnessehen Prothesen zeigen. Mit diesen können die
subtilsten Manipulationen vorgenommen werden, v. E. hofft, daß auch in
Oesterreich vorzügliche Prothesen hergestellt worden können; die Pro¬
these soll den Defekt möglichst unkenntlich machen.
H. v. Aberle berichtet über die Aufgaben der Versuchs- und Lehr¬
werkstätte im Reservespital Nr. 6 in der Mollardgasse. Diese Institution
hat den Zweck, durch Versuche das beste System von Prothesen heraus-
zufinden und alle technischen Fortschritte in den Dienst der Prothesen¬
fabrikation zu stellen. In dieser Werkstätte sind Chirurgen, Orthopäden,
Mechaniker und Bandagisten zur Durchführung dieser Aufgabe vereint.
Die Werkstätte wurde dieso Woche eröffnet.
J. v. Hochenegg stellt einen am Unterschenkel amputierten
Mann mit einer Prothese vor, welche so ausgezeichnet gearbeitet ist,
daß ihr Träger ohne Stock gehen. Stiegen steigen, springen, auf den
Fußspitzen stehen und tanzen kann Es ist überhaupt nicht zu entscheiden,
auf welchem Bein sich die Prothese befindet. Als Gegensatz dazu zeigt
Redner eine unbrauchbare Prothese. Jetzt sollten nur provisorische Pro¬
thesen gegeben werden, da der Stumpf sich ändert und die Herstellung
definitiver Prothesen gegenwärtig wegen Mangels an Arbeitern und an
Material schwierig ist. Es ist die Vornahme einer Statistik der Ampu¬
tierten geplant, da man gegenwärtig keine Uebersicht über die Zahl
derselben hat. Eine Prothese kann nicht fertig gekauft oder nach Maß
gearbeitet werden: sie muß nach dem Körper geformt werden. Die Lösung
der Prothesenfrago bedarf noch eines genauen Studiums, um die besten
Typen herauszufinden. Ein von Exz. W. Exner gebildeter Verein, dessen
Schöpfung die Versuchs- und Lehrwerkstätte ist, hat sich zur Aufgabe
gesetzt, das technische Problem der Prothesenfrage in großzügiger Weise
zu lösen, v. H. vereinigt seine Ausführungen und die in der Diskussion
zutage getretenen Ansichten in Schlußsätzen, die einem Komitee zur
Vorberatung und Berichterstattung an die nächste Plenarsitzung über¬
wiesen werden. jj
Gesellschaft für innere Medisin and Kinderheilkunde
in Wien.
Sitzung vom 25. Februar 1915.
A. v. Decastello demonstriert einen 60jährigen Mann mit
Diabetes mellitus, chronischer myeloischer Leukämie und
multiplen leukämischen Hautinfiltraten. Pat. erkrankte vor
2 Jahren mit zunehmender Schwäche, hochgradiger Abmagerung,
großem Durstgefühl, Polyurie, Pruritus am ganzen Körper und
Ausfall der Zähne. Im Harn fand sich Zucker. Seit einigen Wochen
hat Pat. zahlreiche pigmentierte Flecken auf der Körperhaut. Die
Untersuchung ergibt Anämie, Kachexie, Abmagerung, Benommen¬
heit, Oedeme au den unteren Extremitäten, Dyspnoe, linsengroße
und größere Hämorrhagien an den Oberschenkeln, Oberarmen und
am Bauche, auch am weichen Gaumen, außerdem an verschiedenen
Körperstellen papulöse braune, rundliche oder längliche, hanfkorn¬
große und erbsengroße Hautinfiltrate, Dämpfung über beiden
Lungenspitzen, diffuse Bronchitis, Verbreiterung des Herzens und
der Aorta, Vergrößerung der mediastinalen Lymphdrüsen und der
Lymphdrüsen an mehreren Körperstellen, Milztumor. Im Blute
finden sich 3 Millionen Erythrozyten, 149 000 weiße Blutkörperchen,
das Blutbild hat einen myeloischen Charakter. Patellarreflexe
fehlen. Die myeloische Affektion der Haut hat Vortr. in einem
Jahre bei 3 Fällen beobachtet.
H. Schlesinger zeigt einen Fall von Mobilisierung einer
latenten Malaria durch Typhusvukzination. Der vorgostellte
Soldat wurde unter der Diagnose Malaria dem Krankenhause über¬
wiesen. Es bestand ein deutlicher Milztumor, jedoch war kein
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288
1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10.
7. März.
typisches intermittierendes Fieber vorhanden und war das wieder¬
holte Suchen nach Plasmodien erfolglos. Da das Fieber allmählich
staffelförmig abklang, neigte man eher zur Annahme eines atypi¬
schen typhösen Zustandes, gegen welchen aber die Blut- und
Serumreaktionen sprachen. Nach lOtägiger völliger Entfieberung
wurde eine Typhusvakzination in der typischen Weise prophy¬
laktisch vorgenommen. In der auf die Impfung folgenden Nacht
trat Schüttelfrost mit anschließendem hohen Fieber auf; es ent¬
wickelte sich ein ausgesprochenes Tertianfieber und im Blute wurden
nun reichlich Malariaplasmodien (Tertianaparasiten) gefunden. Eine
kombinierte Chinin-Kakodyl-Therapie brachte Heilung. In diesem
Fall hat demnach die prophylaktische Typhusimpfung eine latente
Intermittens zum Ausbruche gebracht. Manche Autoren haben ein
Verschwinden der Plasmodien aus dom Blute beim Hinzutreten
einer Infektionskrankheit zur Malaria beobachtet, während im
Gegensätze dazu in Malariagegenden tätige Aerzte dem Vortr.
wiederholt erklärten, daß eine latente Intermittens durch Hinzu-
treten einer anderen Infektionskrankheit wieder manifest wird und
daß dann Plasmodien in der Blutbahn erscheinen. Vortr. sah bei
einem Fall von vollkommen abgeklungener Malaria reichliche
Plasmodien im Blute auftreten, als Pat. an einer Variola erkrankte.
A, v. Decastello bemerkt, daß man bei latenter Malaria durch
verschiedene Beeinflussung der Milz Anfälle provozieren kann, so durch
Faradisation, Auflegen eines Eisbeutels oder nach Pollitzer durch
Röntgenbestrahlung. Vielleicht sind es vasomotorische Veränderungen,
besonders Hyperämie der Pulpa, welche die dort eingenisteten Plas¬
modien in die Zirkulation führt. Akute Infektionskrankheiten könnten
in gleicher Weise wirken.
N. Ortner stimmt v. Decastello zu, er möchte nur noch auf
das Knochenmark als mögliches Depot der Malariaplasmodien hinweisen.
Er fragt den Vortr., ob nach der Typhusschutzimpfung nicht Erschei¬
nungen seitens der Milz oder des Knochenmarkes vorhanden waren.
H. Schlesinger erwidert, daß von Seite der Milz und des
Knochenmarkes keine Erscheinungen Vorlagen, auch das Blutbild nicht
verändert war. J
O. Porges hat einen Fall gesehen, bei welchem sich ein derber l
Milztumor bei einem Typhusrekonvaleszenten fand, es trat ein Schüttel¬
frost auf und es entwickelte sich klinisch eine Malaria mit Plasmodien
im Blute; die Fieberbewegungen verschwanden nach kurzer Chinin-
behaDdlung. Die Malaria war durch den Typhus wieder manifest ge¬
worden.
A. v. Müller hat in einem Fall von Psoriasis während einer
Typhuserkrankung ein vollständiges Verschwinden der Hauteffloreszenzen
gesehen, welche nach Ablauf des Typhus wieder auftraten.
W. Pi sek berichtet über einen Soldaten, welcher nach einem
chirurgischen Eingriff im Spitale Malaria bekam, die durch Chinin zum
Verschwinden gebracht wurde.
L. Rosenberg erinnert daran, daß schon vor 25 Jahren A. Klein
mehrere Fälle mitteilte, bei welchen eine latente Malaria durch akute
innere Krankheiten und auch durch Lues wieder erweckt wurde. Auch
R. sah bei einem Kinde eine seit 4 Jahren latente Malaria anläßlich
einer krupösen Pneumonie aufflammen.
# S* Fischer (Daruvar), welcher in einer Malariagegend praktiziert,
Bat die Erfahrung gemacht, daß eine durch viele Monate latente Malaria
durch ein kaltes Bad ausgelöst werden kann.
M. Ortner bestätigt die Angaben v. Müllers über Verschwinden
der Psoriasis unter dem Einflüsse akuter Infektionsprozesse. Mendel
hat auf Grund einer solchen Beeinflussung die Tuberkulintherapie bei
Psoriasis empfohlen.
K. Radoniöiö stellt einen Kranken mit einem Mediastinal¬
tumor in der Gegend des rechten Hilus vor. Die Geschwulst greift
auf die Lunge über, komprimiert die V. cava superior und
verursacht eine Lähmung des rechten Phrenikus. Pat. zeigt eine
vikariierende stärkere Atmung der gleichnamigen Thorax¬
hälfte als Zeichen der einseitigen Zwerchfellslähmung. Vortr. ]
hat bereits 7 Fälle, darunter einen mit Obduktion, beobachtet, welche i
alle dieses Symptom zeigten, und zwar sowohl bei Tuberkulose
als auch bei entzündlicher Zwerchfellslähmung und bei Tumoren.
Diskussion zum Vortrage von A. v. Müller: Ueher die
Klinik und Therapie der Dysenterie.
H. Schlesinger bemerkt, daß man über die Häufigkeit der Dys¬
enterie jetzt kaum ein Urteil sicli bilden kann, da einzelne Tnippen¬
körper von der Erkrankung verschont bleiben, andere fast ganz von ihr
ergriffen werden. Da die bakteriologische Diagnose in manchen Fällen
im Stiche ließ, wurde an der Abteilung des Vortr. jeder Kranke mit
häufigen blutigen Stuhlentleerungen und ausgesprochenem Tenesmus als
ruhrverdächtig betrachtet. Leichte, ambulante Formen scheinen unter
den Truppen sehr häufig gewesen zu sein. Sch. hat in der jetzigen Epi¬
demie ziemlich häufig Dyhenteriefälle mit mäßigem Fieber vom Typus
einer Kontinua beobachtet. Gelenkskomplikationen wurden nur einige Male
gesehen, sie waren schmerzhaft, botrafen vorwiegend die unteren Extre¬
mitäten und erinnerten in ihrem Verlauf an gonorrhoische Arthritiden.
Recht häufig wurden eigenartige Polyneuritiden beobachtet, welche vor¬
wiegend die sensible Sphäre betrafen, manche sogenannte Myalgien nach
Dysenterie dürften polyneuritischer Natur sein. Die Polyneuritiden äußer¬
ten sich in Parästhesien, Druckempfindlichkeit der Nervenstämme und
der Muskulatur, namentlich der Wade, Sensibilitätsstörungen, oft in sym¬
metrischer Anordnung. Motorische Erscheinungen waren relativ gering¬
fügig, Muskelatrophien wurden selten und nur in geringem Grade beob¬
achtet. Schwere Lähmungserscheinungen wurden nicht gesehen, sondern
nur mäßige Paresen, das Gehen war immer möglich. Die Sehnenreflexe
fehlten manchmal vorübergehend, trophische Störungen der Haut und
der Nägel spielten nur eine geringe Rolle. Die Prognose der Nerven¬
erkrankung war eine günstige. Bezüglich der in der Literatur so oft ge¬
nannten Rezidiven ist Redner der Ansicht, daß es sich recht oft nur um
Rekrudeszenzen eines noch bestehenden Prozesses handeln dürfte. Red¬
ner hat bei Obduktionen klinisch geheilter Dysenteriefälle noch weit¬
gehende Veränderungen im Dünndarm und im Dickdarm gesehen, welche
auf die anscheinend ausgeheilte Erkrankung zuriiekzuführen waren. Ein
wichtiges prognostisches Symptom ist bei der Dysenterie der Singultus.
Redner hat noch nie einen Dysenteriekranken durchkommen gesehen,
welcher Singultus bekam. Diese Erfahrung wurde auch von anderen
Aerzteil bestätigt. Jn einigen Fällen wurde als Abschluß einer Dysen¬
terie ein choleriformes Bild gesehen, ohne daß eine Komplikation mit
echter Cholera vorlag, in einem Fall fand sich B. coli. Bezüglich der
Mortalität ist jetzt noch keine Statistik möglich, weil das beobachtete
Material an den einzelnen Stationen zu ungleichmäßig ist. Redner ist
nicht ein Anhänger eines weitgehenden Gebrauches von Abführmitteln
bei der Dysenterie, außer bei frischen Fällen, da er einige Male nach
einer solchen Medikation einen Kollaps gesehen hat. Er verwendet Cal-
caria carbonica 100, Saccharin 0,15, zweimal täglich einen Kaffeelöffel
in .Milch oder in einem halben Glas Wasser, mit gutem Resultat. Auf
die % erabreichung von Bolus hat er in letzter Zeit ganz verzichtet, da
große Mengen erforderlich sind und das Mittel öfter refüsiert wurde.
Von der Tierkolile hat er keinen überzeugenden Erfolg gesehen. Nach
seinen Erfahrungen lindern Opiate, namentlich Pulvis Ipecacuanhae opi-
atus, in vielen Fällen die Beschwerden der Kranken, namentlich den Te¬
nesmus.
H. Salomon spricht sich ebenfalls nach seiner Erfahrung gegen
die übermäßige Anwendung von Abführmitteln aus. Dieselben sind an¬
zuwenden, wenn noch alte Kotmassen im Darme stagnieren, welche die
ulzerösen Stellen reizen, gewöhnlich sieht man jedoch Kranke, bei denen
sieh der Darm bereits gereinigt hat. Er hält es doch für zu gewagt,
die schon bestehenden Reizerscheinungen im Darme durch Abführmittel
noch zu verstärken. Derselben Ansicht ist Redner hinsichtlich der akuten
Darmkatarrhe. Audi bei anderen Infektionskrankheiten ist man vielfach
von der Kalomeltherapie abgegangen. Von großer Bedeutung ist die
diätetische Behandlung, die Verabreichung von Schleimsuppen gibt ein
günstigeres Resultat als die Reizbehandlung mit Laxantien. Man gibt
ungefähr 2 Tage ausschließlich eine Art von Schleimsuppe, z. B. von
Hafer, Gerste u. a., 6 —8mal pro Tag und wechselt dann wieder. Der
absoluten Warnung vor Opiaten möchte sich Redner nicht anschließen,
da sie den Tenesmus gut beeinflussen.
M. Woinberger hat mehrere hundert Fälle von leicht und schwer
Dysenteriekranken beobachtet, von welchen 6 gestorben sind, außerdem
hat er 26 Obduktionen anderer Fälle beigewohnt oder über sie Erkundi¬
gungen eingezogen. Unter deu anscheinend Dysenteriekranken fanden
sich auch katarrhalische Erkrankungen, bei welchen daher eine bakte¬
riologische Untersuchung negativ war. Diese hat bei Dysenteriefällen nur
in ganz vereinzelten Fällen vollkommen versagt, die Agglutination gab
einwandfreie Resultate. Bazillen wurden öfter in der Gallenblase vonLeichen
bei Fällen gefunden, bei denen sie in den Fäzes fehlten. Die Bazillen¬
träger soll man nicht gering achten: W. hat zwei Fälle von Uebertra-
gung gesehen, von denen einer starb. Die Dysenteriefälle verliefen akut,
subakut, chronisch oder subchronisch, außerdem kamen Rekrudeszenzen
vor: in letzteren Fällen sieht man bei der Obduktion ältere und jüngere
Darmgeschwüre sowie Narben nach solchen. Es gibt auch lenteszierende
Geschwüre. Unter den Komplikationen der Dyseateric beobachtete Red¬
ner katarrhalische Bronchitiden eitriger Natur, katarrhalische und krupöse
Pneumonien, Thrombosen großer Venen, Embolie der Pulmonalarte rien,
Thrombosen im Herzen: Nierenkomplikationen (Nephritis) wurden nur in
einem Falle gesehen. In schweren Fällen reichten die Darmgeschwüre
bis auf die* Muskularis und sogar auf die Serosa, manchmal waren
große Strecken der Schleimhaut zerstört; in derartigen Fällen fand sieb
als Komplikation eine Peritonitis in verschieden großer Ausdehnung.
Unter den besonderen Verl aufsarten der Dysenterie sah Redner eine
typhöse Form mit aufgetriebenein Abdomen, Meteorismus und Milzturnor.
ferner ein peritonitisches Krankheitsbild, welches jedenfalls durch Ge¬
schwüre verursacht war, die nahe an der Serosa saßen, bei der Obdu'
tion fand sich jedoch keine Peritonitis. Das choleriforme Krankheitsou
geht mit Erbrechen und Durchfällen einher. Es wurde auch eine Ao
plikation mit Abdominaltyphus beobachtet. Das wuchtigste Kennzeic
der Dysenterie bilden der Tenesmus und der häufige Stuhldrang. D 1 '
die Opiumbehandlung verlieren die Patienten nicht ihre Bescliwer -
adstringierende Behandlung bringt bei entsprechendem individuellen
gehen gute Resultate, leichte Fälle können ohne medikamentöse 1 .
pie bei entsprechender Diät ausheilen. Von der Anwendung von Aow
mittein hat W. gute Erfolge gesehen, auch die subjektiven Besch
wurden gebessert.
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7. März.
1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10.
289
0. Porges berichtet über seine Erfahrungen betreffs postdysente¬
rischer Magen- und Darmaffektionen. Viele Fälle von Dysenterie gehen
nicht in Heilung aus, sondern es bestehen noch Darmsymptome; die vor¬
handenen Diarrhöen werden als Zeichen von chronischer Dysenterie oder
chronischer Kolitis aufgefaßt. Bei systematischen Stuhluntersuchungen
konnte Redner feststellen, daß bei zwei Dritteln der Fälle der Stuhl die
charakteristischen Zeichen der Dyspepsie besitzt; es finden sich unver¬
daute. quergestreifte Muskelfasern, sehr häufig Gemüsereste, Bakterien
im Stuhl und saure Reaktion des letzteren. Ein großer Teil solcher Pa¬
tienten erwies sich bei Vornahme systematischer Magenausheberungen
als anazid. Nur etwa bei einem Drittel der Fälle fand sich normale Magen¬
azidität, dagegen waren Erscheinungen eines chronischen Dickdarm-
kttarrhs vorhanden. Viele Fälle von Diarrhöen nach Dysenterie trotzen
jeder Thempie; Redner vermutet, daß diese Fälle auf AnazidiUit beruhen.
Eine Therapie wie bei gastrogener Diarrhöe (Verabreichung von Salz¬
säure, diätetische Maßnahmen) hat bei den Fällen mit Anacidität einen
Erfolg. Auch bei den Fällen mit chronischem Dickdarmkatarrh und ohne
Äumdität findet man häufig eine Resistenz gegen die Therapie. In sol¬
chen Fällen hat sich die Behandlung mit Suspensionen von Kohle oder
Bolus im Klysma bewährt. Es ist anzunehmen, daß bei Patienten mit
Anazidität Dysenterie leichter auftreten kann als bei normalen Magen-
verhältnisBeu. __ H.
E. Csernel: Der Erfolg der Besredkascheu Vakzine ist auf
ihren Inhalt von lebenden oder durch nicht zu intensive Einwirkung
(0,5°/ 0 Phenol) abgetöteten Bazillen rückführbar. Dem zur Sensibilisierung
verwendeten Serum kommt nicht die Rolle als wirksamer Faktor zu.
denn sein Weglassen setzt die Wirksamkeit der Vakzine keineswegs
herab. Im bakteriologischen Institut des Ministeriums des Innern (Sani¬
tätsabteilung) erzeugen sie eine polyvalente Vakzine, in deren jedem Kubik¬
zentimeter 15 Millionen Typhusbazillen enthalten sind, emulgiert in 0,5%
Karbol enthaltenem physiologischen Wasser. Von diesem Serum sah er im
Sankt-Gerhards-Infektionsspital guten Erfolg. Kontraindiziert ist die Im¬
pfung bei Darmkomplikationen, bei sich auf Kardiakis nicht hebender Herz¬
schwäche, in ataxoadvnamischen Formen, bei konkommittierender Tuber¬
kulose.
E. v. Jendrassik: Die bei Besredka-Serum miunter auffallend
spät in die Erscheinung tretende Rezidive könnte auch eine Erneuerung
der latenten ersten Erkrankung sein, was wegen Bestimmung der Diät
wichtig ist.
A. v. Koränyi: Die intravenöse Applikation des Ichikawa-
Serum hat den Vorteil, die Krankheit rasch abzuschneiden, nach Kes-
redka tritt der Erfolg nur in einigen Tagen auf. Offen bleibt die Frage,
welche Methode hinsichtlich Häufigkeit des Erfolges resp. des Endresul¬
tates sich als besser erweisen wird. S.
Königliche Gesellschaft der Aerzte in Budapest.
Sitzungen vom 13. und 20. Februar 1915.
C. ?. Feistmantel: Spezifische Therapie des Bauch«
typhi*. Zur Behandlung des Abdominalis verwendet man in
der jüngsten Zeit sensibilisierten Impfstoff. Besredka sensibili¬
siert mit Tierserum, Ichikawa mit dem schwerer zu beschaffen¬
den Serum von Rekonvaleszenten. Letzterer spritzt intravenös
ein, Ersterer subkutan. Vortr. bemerkte schon früher, daß von
Typhuskranken stammender Typhus-Impfstoff, subkutan einge¬
spritzt, im Gegensatz zu manchen anderen prophylaktischen
Impfungen, ohne Reaktion verläuft; es war sohin zu gewärtigen,
daß bei sukzessiver Einverleibung größerer Dosen auf subkutanem
Weg der Vorteil zu erreichen sei, daß Vakzine intravenös in den
Kreislauf gelange. Seine Versuche bezweckten, die in der Literatur
bislang nicht präzisierte Höbe der wirksamen Dosis des Besredka-
schen Impfstoffes zu bestimmen. Er begann mit Injektionen, sobald
die bakteriologische Untersuchung, die Vi dal sehe Reaktion oder
die Kultur aus dem Blute die Diagnose bestätigten. Am ersten
Tag injizierte er Vs Platinöse, am zweiten eine ganze, am dritten
1 Vs» am vierten 2 Oesen des sensibilisierten Bakterienmateriales.
Seine Erfahrungen lauten: 1. Der in einer Va Oese aus schwach
virulenten Typhusstämmen gewonnene, in einer Menge von 1 ccm
dargereichte Impfstoff ist bei der beschriebenen Dosierung imstande,
die Dauer des Typhus auf D/s—2 Wochen zu reduzieren. 2. Die
in der Rekonvaleszenz mitunter auftretende neuerliche Fieber¬
erhöhung sinkt durch Applizierung der anläßlich der vierten Ein¬
spritzung angewandten Dosis. 3. Das Verfahren wirkt nicht so
abortiv, wie jenes von Ichikawa (s. Sitzungsbericht in Nr. 8,
S : 232), ist aber vom praktischen Arzt leichter ausführbar. 4. Für
die Behandlung sind Fälle am Ende der ersten Woche oder zu
Beginn der zweiten Woche am meisten geeignet. 5. Der Impfstoff
bewahrt seine Wirksamkeit nur 2 Wochen, ist daher nach seiner
Herstellung tunlichst rasch anzuwenden.
E. Szöesy: Ueber Typhusheflung mit der Besredka«
wmi Vakzine. Mit letzterer, 10—12 Tage alter (nicht älterer)
Vakzine, in deren 1 ccm V 2 Platinösen Typhusbazillen enthalten
and und aus der kuhikzentimeterweise 4 Tage nacheinander in
steigenden Tagesdosen von 1—4 ccm subkutan dem Pat. injiziert
»ffd, kann die Heilungsdauer des Abdominalis von Beginn der
Behandlung an gerechnet auf 4—6 Tage reduziert werden, wobei
w * e< kr subjektive noch objektive Nebenerscheinungen sah. 2. Die
Mch Vakzination in einem bestimmten Prozentsätze der Fälle
Reuden rezidiveartigen Temperatursteigerungen waren durch
wiederholte subkutane Injektionen der bei der Vakzination zuletzt
oenütaten, 4 ccm betragenden Dosis in Form einer Krisis, mit-
? w m Tage währender Lysis endgültig zu beseitigen.
• Wesentlich nahm die Zahl der Rezidiven ab, ja die klinisch
Jf 411 .? 8 den Typhusrezidiven ähnelnden fieberhaften Erkrankungen
w»nrit^ eü d urc h die wiederholte Injektion der zuletzt ange-
anatea Vakzinemenge diagnostisch zu sondern. 4. Durch die iu
geschilderten Weise und Stärke applizierte Besredka-Vakzi-
r-J die Mortalität wesentlich, in seinen Fällen auf 2%
wesentHrJ■ Aldor: Die Vakzinetherapie des Abdominalis bedeutet einen
möcrH^K ; r 5 ort *chritt; erwünscht ist ihre je frühere Anwendung, wo-
ua Präaggluünationsstadium des Typhus.
Kleine Mitteilungen.
(Wilhelm Winternitz.) Am 1. März hat der em.
Professor der inneren Medizin an der Wiener Universität
Hofrat Dr. Wilhelm Winternitz das achtzigste Lebensjahr
vollendet. Der Beginn seiner erfolgreichen wissenschaftlichen
und didaktischen Wirksamkeit fällt in jene Glanzzeit der
Wiener Schule, der Skoda, Oppolzer und Rokitansky
den Stempel ihres Genius aufgedrückt, in jene Zeit, in wel¬
cher die hohe Entwicklung der Diagnostik der Therapie wenig
Raum gegönnt hat. Welche Riesenarbeit ist hier dem Manne
erwachsen, der es unternommen hat, der physikalischen
Therapie Bahnbrecher und Förderer zu sein, der, auf streng
wissenschaftlicher Grundlage fußend, die Wirkung thermischer
und mechanischer Reize auf den Organismus studiert und, Stein
auf Stein legend, die Lehre fundiert und ausgebaut hat, der
er sein reiches Leben gewidmet! Da der unermüdliche For¬
scher auch ein hochbegabter Arzt ist, war es ihm gegönnt,
die Früchte seiner unabsehbaren wissenschaftlichen Arbeiten
den Kranken zu bieten, die er hingebungsvoll betreut, sie zum
Segen späterer Generationen als Lehrer dem großen Schü¬
lerkreise zu tradieren, der ihn umgibt und der sein Lebens¬
werk ausgestaltet für alle Zeiten. Medizinische Wissenschaft
und ärztliche Kunst begrüßen heute den Altmeister der Hydro¬
therapie, den begeisterten Lehrer, den genialen Arzt, der im
hohen Greisenalter sich jene volle geistige und körperliche
Frische bewahrt hat, welche die Götter nur Auserwähltcn
gewähren. _
(Militärärztliches.) In Anerkennung tapferen und aufopfe¬
rungsvollen Verhaltens bzw. vorzüglicher Dienstleistung vor dem
Feinde ist dem O.-St.-A. I. Kl. Dr. J. Vlöek der Orden der
Eisernen Krone III. KL mit der Kriegsdekoration, den 0.-St.-Ae.
H. KL DDr. M. Grabowski, J. Nejtek, San.-Chef des 19. Korps,
den St.-Ae. DDr. A. Vlach des Feld-Sp. Nr. 2/15, 0. Steinhaus,
San.-Chef der 1.1.-Div., A. Beran des L.-l.-R. Nr. 31, K. Breuner
des L.-I.-R. Nr. 32, E. Weinstein des mob. Res.-Sp. Nr. 3/13,
F. Marschenhofer des F.-K.-R. Nr. 41, den R.-Ae. DDr. A. Po-
lacco des Feld-Sp. Nr. 1/15, L. Baumbach des I.-R. Nr. 58,
J. Nowotny des L.-I.-R. Nr. 3 und dem O.-A. d. R. Dr. E. Jönäsz
des I.-R. Nr. 65 das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens am Bande
des Militärverdienstkreuzes, dem R.-A. Dr. E. Stiasny des L.-I.-R.
Nr. 1, O.-A. K. Obrälik des b.-h. I.-R. Nr. 4, den O.-Ae. d. Res.
DDr. J. Rathkolb des Ldsch.-R. Nr. II, A. Huber des I.-R.
Nr. 49, H. Weinberger des I.-R. Nr. 52, K. Hollitscher des
Epidemie-Sp. in Vinkovci, den Lst.-O.-Ae. DDr. M. Selz er des
U.-R. Nr. 2, A. Kofranyi des Lst.-I.-R. Nr. 13, dem O.-A. d. Ev.
Dr. E. Groh des Lst.-I.-R. Nr. 28, den A.-Ae. d. Res. Doktoren
S. Meister des I.-R. Nr. 60, M. Tischler des 106.1.-Div.-Kmdo.,
S. Takäcs der Schw. H.-Div. Nr. 4, den Lst.-A.-Ae. Doktoren
0. Freund des Lst.-L-R. Nr. 13, R. Silbermann des Res.-Sp. in
Volocz, J. Malinasin des Landwehr-Sp. in Czernowitz, F. Glanz
des Feld-Sp. Nr. 1/7, K. Schurz des mob. Res.-Sp. in Lukavac
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UNIVERSUM OF IOWA
290
1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 10.
7. März.
und dem A.-A. d. Ev. Dr. 0. Fuchs der I.-Div.-San.-A. Nr. 100 das
Goldeno Yerdionstkreuz mit der Krone am Bande der Tapferkeit s-
medaille, dem A.-A. d. Res. Dr. G. Pauchli des I.-R. Nr. 10 das
Goldene Verdienstkreuz am Bande der Tapferkcitsmedaille ver¬
liehen, den R.-Ae. DDr. K. Luttor des I.-R. Nr. 10. J. Rejmon
des l.-R. Nr. 20, F. Stach des I.-R. Nr. 74, den O.-Ae. d. Res.
DDr. K. Levitzky des I.-R. Nr. 20 und E. Szegö des F.-H.-R.
Nr. 6 neuerlich die a. h. belobende Anerkennung, den R.-Ae.
DDr. J. Martinek des I.-R. Nr. 24, fl. Meixner des 8. Gebirgs-
Brgdkmdo.', J. Sveö des 5. Gebirgs-Brgdkmdo, A. Jelinek des
I.-R. Nr. 21, E. Bänyay des I.-R. Nr. 25, R. Vejvoda des L.-I.-R.
Nr. 24, F. Widhalm des F.-K.-R. Nr. 42, J. Löwy des Lst.-I.-R..
Nr. 13, dem R.-A. d. Res. Dr. E. Thorsch des Ldsch.-R. Nr. I,
den R.-Ae. d. Ev. DDr. K. Schramek des L.-I.-R. Nr. 34, E.
Bayer, J. Gerstner und W. Linhart des Lst.-I.-R. Nr. 7, dem
O.-A. d. Res. Dr. Z. Wein des F.-H.-11. Nr. 0, dem Lst.-O.-A.
Dr. F. Hellauer des Lst.-I.-R. Nr. 2, dem O.-A. d. Ev. Dr. E.
Haim des Lst.-I.-R. Nr. 29, den Lst.-A.-Ae. DDr. A. Roth des
Lst.-I.-R. Nr. 36, R. Kronfeld und 0. Schulz der I.-Div.-San.-A.
Nr. 24, J. Foltys des Lst.-I.-R. 32, W. Karell des Lst.-I.-R.
Nr. 31 und P. Schilder des Lst.-B. Nr. 28 die a. h. belobende
Anerkennung ausgesprochen worden.
(Dio Wanderpraxis der Aerzte.) Der Verwaltungsge¬
richtshof hat jüngst über eine in Aerztekreisen viel erörterte
Frage entschieden. Der Wiener Zahnarzt Dr. Karl Lnger hatte
im Dezember 1913 bei der Bezirkshauptmannschaft Leoben die
Ausübung der zahnärztlichen Praxis in Eisenerz angemeldet und,
als dies zur Kenntnis genommen wurde, dortselbst ein Atelier ge¬
mietet. Die steiermärkische Statthalterei setzte jedoch dieso Ent¬
scheidung der Bezirkshauptmannschaft außer Kraft und unter¬
sagte dem Arzte die weitere Praxis in Eisenerz. Das Ministerium
des Innern wies den Rekurs Dr. ÜDgers zurück. Vorher war ihm
dasselbe in Gmünd passiert, wo ilnn ebenfalls die Praxis von der
niederösterreichischen Statthalterei untersagt werden war, weil die
Ausübung der ärztlichen Praxis ausdrücklich an dio Niederlassung
auf Grund erfolgter Anmeldung bei der politischen Behörde und
an dio vorausgegangone Berufung gebunden und ein Herumziehen
von Ort zu Ort unter Ausübung de- ärztlichen Dienstes unzulässig
sei. Ueber die beiden Beschwerden Dr. Ungers entschied nun der
Verwaltungsgerichtshof, indem er der Beschwerde wegen Unter¬
sagung der Praxis in Eisenerz stattgab, die Beschwerde wegen
des Verbotes der Praxis in Gmiind jedoch zurück wies, ln der
Begründung wird im wesentlichen ausgeführt, daß den Aerzten
das Recht zusteht, mit Vor wissen der tetreffenden Obrigkeit suh
allenthalben im Lande niederzulassea und iln c Kun>t uuszuiibeii.
Als ..Niederlassung“ sei aber die dauernde Stätte anzusehen, an
der oder von der aus der Arzt regelmäßig seinem Beruf naeii-
geht. Eine ärztliche Praxis ohne feste Niederlassung, die lediglich
im Umhej ziehen geübt wird, ist deshalb grundsätzlich ausgeschlossen.
Natürlich kommen Fälle, wenn ein Wiener Arzt zur Behandlung
von Patienten beispielsweise nach Prag reist, nicht in Betracht, da
er in Ausübung seiner ständigen Wiener Praxis und auf Grund von Be¬
rufungen die Reise unternimmt. Die Beschwerde gegen die Un¬
tersagung der Praxis des Dr. Unger in Gmünu wurde zuriiekge-
wiesen, weil er sich dortselbst Dicht niedergelassen hatte, sondern
nur zeitweise aufhielt, um zu praktizieren; dagegen war der Be¬
schwerde bezüglich Eisenerz stattzugeben, weil er sich regel¬
mäßig und an bestimmten Tagen dort aufhielt und die An¬
zeige an die Behörde den gesetzlichen Anforderungen entsprach,
was in der Anzeige an die Gmündnor Bezirkshauptmannschaft
nicht der Fall war. — Diese Entscheidung ist nicht geeignet, der
von den Aerztekammern mit Recht perhorreszierten „Ausübung
der ärztlichen Praxis im Umherziehen“ zu steuern. Sie erschwert
eine solche Ausübung nur insofern, als sie die Regelmäßigkeit
derselben verlangt und an bestimmte Tage bindet. Die Aerzte-
schaft hat eine klarere Interpretation eines Gesetzes erwartet, das
bestimmt ist, ihre Mitglieder vor solchem Wettbewerb zu schützen.
(Besuch des Wiener Infektionsspitals.) Die gegen¬
wärtig in Wien auftretendon Blattern- und Flecktyphusfälle geben
eine nur selten sich bietende Gelegenheit, diese Erkrankungen,
die vielen Wiener Aerzten nur aus Büchern bekannt sind, sehen
und damit praktische Kenntnisse erwerben und auffrischen zu
können. Im Einvernehmen mit der Direktion des k. k. Kaiser Franz
Josef-Spitals und dem Leiter der Infektionsabteilung Herrn Doktor
Morawetz veranstaltet das Permanenz-Komitee der Wiener
Aerztekammer und der Wiener wirtschaftlichen Organisation
Mittwoch den 10. März einen Besuch des Infektionspavillons
des k. k. Kaiser Franz Josef-Spitals. Die Kollegen werden ersucht,
die Anmeldung zur Teilnahme an diesem Besuche spätestens bis
Montag den 8. März der Wiener Aerztekammer entweder mittelst
Korrespondenzkarte oder telephonisch zwischen 5 und 7 Uhr abends
anzuzeigen. Die Zusammenkunft erfolgt beim Liebenberg-Denkmal,
von wo die Fahrt nach dom k. k. Kaiser Franz Josef-Spitale mit
Extrawagen der Tramway präzise 9 Uhr früh angetreten wird.
(Wiener Aerztekammer.) Der Vorstand dieser Kammer
versendet folgende Mitteilung: Die Firma Tiesel, Salomon & Comp.,
Badagisten, VI., Mari&hilferstraße Nr. 105, versenden an jene
Aerzte, welche ihnen Patienten behufs Ausführung von Bandagen
überweiseD, ein gedrucktes Zirkular, in welchem sie den betreffen¬
den Aerzten mitteilen, daß sie für die „überwiesene Kommission“
einen Betrag von 20% als Provision zuweisen, und senden den
betreffenden Betrag gleichzeitig per Postanweisung zu. Es ist wohl
überflüssig, darauf hinzuweisen, daß im Sinne der Standesordnung
(IV. Abschnitt) dio Annahme einer solchen Provision der Würde
des ärztlichen Standes unbedingt widerspricht und diebetreffenden
Aerzte zur Rücksendung dieser Provision verpflichtet sind. Es be¬
steht aber kein Zweifel, daß eine Firma, die durch ihr Vorgehen
eine auffallende Nichtachtung für das Ansehen des ärztlichen
Standes bekundet und den Aerzten durch diese Zuschrift eine
geradezu beleidigende Zumutung stellt, einer Unterstützung seitens
der Aerzteschaft nicht würdig ist.
(Aus Berlin) wird uns geschrieben: Auch in ärztlichen
Kreisen hat man mit Befriedigung die amtliche Mitteilung ent-
gegengenommen, daß unsere vielgerühmten sanitären Einrichtungen
und Maßnahmen, die schon in Friedenszeiten vortrefflich gewirkt,
auch jetzt, wo der Krieg mancherlei Gefahren für die Volks¬
gesundheit heraufbeschworen hat, eine besonders scharfe Feuer¬
probe rühmlich bestanden haben. Wir sind von einer wirklichen
Kriegsseuche bisher glücklich verschont geblieben — ein Er¬
gebnis, das gerade im Hinblick auf die in Rußland herrschende
Cholera- und Pestepidemie nicht hoch genug veranschlagt werden
kann. Die bei unseren Truppen ziemlich allgemein durchgeführten
Cholera- und Typhusimpfungen haben, wie Ministerialdirektor
Kirchner kürzlich anläßlich der Beratung über die soziale Kriegs-
fiirsorge in dem Budgetausschuß des preußischen Abgeordneten¬
hauses mitteilen konnte, einen hervorragend günstigen Einfluß
geübt. Nur das Fleck lieber bat sich - was bei der ungeheuren
Zahl von russischen Gefangenen nicht wundernehmen kann
da und dort unliebsam bemerkbar gemacht; in mehreren Gefangenen¬
lagern ist es nach dem amtlichen Bericht zu Fleckfieberausbrüchen
gekommen. Es sind dabei auch mehrere Deutsche erkrankt und
zum Teil dem Leiden erlegen, unter ihnen bedauerlicherweise aucli
einige Aerzte, so die bekannten Forscher Joch mann (Berlin) und
v. Prowazek (Hamburg). Gewöhnlich handelte es sieh um Personen,
die mit erkrankten Russen in besonders nahe Berührung gekommen
waren. Nach der jetzt allgemein anerkannten Auffassung vermittelt
die Kleiderlaus die Uebertragung des Infektionskeims. Auf dem
letzten kriegsärztlichen Abend nahin Prof. Hey mann vom hygie¬
nischen Institut der Universität in einem höchst lehrreichen Vor¬
trag Gelegenheit, die Naturgeschichte und die Lobensbedingungen
dieser gefährlichen Schmarotzer darzulegen. Wichtig ist, daß dm
Kleiderläuse bei einer Temperatur von 6Ö<> in etwa einer halben
Stunde sicher abgetötet werden. Am zuverlässigsten wirken
strömender Wasserdampf und trockene Hitze. Für den persön¬
lichen Schutz eignen sich am besten glatte Stoffe, etwa seidene
Wäsche; die Eingänge am Körper, Hals- UDd Aermellöcher e c.
sind zweckmäßig mit Leukoplast abzuschließen.
(Statistik.) Vom 21. bis inklusive 27. Februar 1915 wurden in
den Zivilspitälern Wiens 15.402 Personen behandelt. Hiervon wur
2829 entlassen, 214 sind gestorben (7°/ 0 des Abganges). In ^esom
raume wurden aus der Zivilbevölkerung Wiens in- und auöernalD
Spitäler bei der k. k. n.-ö. Statthaitorei als erkrankt gemeldet.
Blattern 90, Scharlach 119, Masern —, Röteln-, Varizellen--,
theritisTS, Keuchhusten—, Mumps—, Influenza—, Abdominaltyp *
Dysenterie —, Puerperalfieber —, Rotlauf —, Trachom 1, Muzbran /J?
Wochenbettfieber 1, Flecktyphus Cholera asiatica —, epidemiseo
nickstarre 1. In dor Woche vom 14. bis 20. Februar 1915 sind in
755 Personen gestorben (+ 5 gegen die Vorwoche).
Sitzungs-Kalendarium.
Donnerstag, 11. März, 7 Uhr. Gesellschaft für Innere Medizin und
Kinderheilkunde. Hörsaal Chvostek (IX., Alserstraße 4). L Bem 0 »-
strationen. 2. Diskussion über den Vortrag des Dozenten A. v. MiiJ ■
Ueber Klinik und Therapie der Dysenterie (gern.: Falta,
Pfibram, E. Freund, F. Spieler, A. Edelmann). „
Freitag, 12. März, 7 Uhr. K. k. Gesellschaft der Aerzte. (IX-> *
gasse 8.)
Herausgeber, Eigentümer und V- rleger:
Urban & Schwarzenberg, Wieu und Hc-rlin. -
Urtiok von Gottlieb UiM*! & Wi
Verantwortlicher Redakteur liVr Österreich-Ungarn:
en, III., Müuzgnwe 6 .
Karl
U rban,
Wien.
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Original frnrri
UNIVERSUM OF IOWA
Nr. 11.
XI. Jahrgang.
Wien, 14. März 1915.
Medizinische Klinik
Wochenschrift für praktische Ärzte
redigiert ron
Proftoflftor Dr. Kurt Brandenburg
Berlin
‘l INHALT: Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege: IGeneraloberarzt Prof. Dr. W. His. Ermüdungslierzen im Felde (mit
2> Abbildungen). Primarius Dr. Funke, lieber die Behandlung gangränöser und phlegmonöser Wunden mit dem künstlichen Magensatt nach Dr. Freund.
Privatdozent Dr. Feiler, Die Versorgung des Feldheeres mit zahnärztlicher Hilfe. Stabsarzt Dr. Mülhens, Zur Typhusdiagnose im Felde. — Kli-
nische Vorträge: Prof. Dr. med. Hermann Bich hörst, Ueber Diabetes mellitus im Anschluß an Vaccination. — Abhandlungen: Dr. Alfred Fein,
< 7 l eher das Vorkommen nervöser Symptome und vagotonischer Erscheinungen bei Gesunden. — Berichte über Krankheitsfälle und Behandlungs-
jf: rerfabren: Dr. Benno Stein, Zur Kenntnis der Aleukämien und zur Therapie leukämischer Erkrankungen. (Schluß.) Dr. Theodor Mayer, Zur Sal-
r varsantechnik. — Referatenteil: Sammelreferat: Stabsarzt Dr. Strauss, Strahlentherapie. — Aus den neuesten Zeitschriften, — BÜcherbespre«
ebingen. — Wissenschaftliche Verhandlungen« — Berufs- uni Standesfragen: K. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien. Kriegschirurgische Abende in
Budapest. Vortragsreihe des Zentralkomitees für das ärztliche Fortbildungswesen in Preußen. — Kieine-Mittellungen.
Ihr Verlag MM »ich im» au»mhHsßüehs Rieht der VervietfäiHpcn, und Verbreiten, der in dieser Zeitschrift mm Brecheinen planenden OritfnalMtrdg» vor.
Verlag Ton
Urban A Sehwarsenberf
Wien
f ,vf
1
A ;
| ’
Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege.
Ermödungsherzen im Felde
Generaloberarzt Prof. Dr. W. His,
Beratender Innerer Mediziner bei der Etappen-Inspektion 8.
M. H.l Die Marschleistungen unserer Armeen, ihre anhal¬
tende Gefechtsbereitschaft, ihre Ausdauer in allen Strapazen
erregen das Erstaunen der gesamten militärischen Welt; selbst
der Feind kann ihnen seine Bewunderung nicht versagen. Im
Vergleich zu diesen unermeßlichen Anstrengungen und Ent¬
behrungen ist der Gesundheitszustand unserer Truppen wider
Erwarten günstig; der Stand der ansteckenden Krankheiten
bleibt hinter den anfänglichen Befürchtungen weit zurück; die
Schrecken der Cholera und des Fleckfiebers sind unserer
8. Armee dank der Wachsamkeit unserer Sanitätsorgane er¬
spart geblieben. Ruhr ist selten, Typhus in mäßigen Grenzen;
die unausbleiblichen Erkältungskrankheiten beschränken sich
zumeist auf leichtere, rasch heilende Formen.
ausgezeichneten Gesundheitszustand des Heeres
dürfen wir auf zwei Ursachen zurückführen: das sind die durch
die gesteigerte Lebenshaltung der letzten Jahrzehnte bedingte
vortreffliche Ernährung des Volkes und die zu rechter Zeit
noch bei uns durchgedrungene Freude an körperlicher Be¬
rgung in Wanderung, Spiel und Sport.
Immerhin darf es kein Erstaunen erregen, wenn wir in
un * era Lazaretten einer Anzahl von Männern begegnen, die
. , er . “ en ungeheuren Anstrengungen zusammengebrochen
indem ihr Nervensystem oder ihr Herz den Dienst ver¬
sagen.
Wir kennen diese Zusammenbrüche sehr wohl vom Sport
^ ß ' e .^ ann er f°te en > wenn das einmalige oder
Anf üi ^ der Leistungen die Kräfte übersteigt, oder wenn
oraerungen, die an sich nicht unmöglich sind, von einem
werd U21 ^ eei £ neten °^ er unvorbereiteten Organismus verlangt
werdft« 16 «K <eiSfcl ? n ^ en a ^ er » ^ie unsern Truppen zugemutet
lichftTi v ü&er8 teigen bei weitem das höchste, was bei sport-
komüA franstaltungen jemals gefordert wurde. Von Training
Hehmhi ^^ ven Rede sein; die gToße
«otttA < * em bürgerlichen Beruf entrissen und
.J^u^Märsche von SO, 40, 50 km mit vollem Gepäck
'dw^Fe^u^D^ ^ anuar IÜ1B 21X11 Vortragsabend der
zurücklegen; Unterkunft und Nachtruhe waren naturgemäß
imvollständig, dazu kam, besonders bei den Offizieren, das
ständige Gefühl der Verantwortlichkeit, die andauernde Ge¬
fechtsbereitschaft, die Eindrücke der Gefechte und Schlachten,
die aufregenden Empfindungen des feindlichen Feuers. Manche
unserer Truppen sind zwei bis drei Monate nicht aus Gefecht
oder Gefechtsbereitschaft, nicht aus den Kleidern, nicht zur
ungestörten Nachtruhe gekommen, und auch der „stehende
Kampf“, der so wenige glänzende Siegesnachrichten zu zeitigen
vermag, bedeutet ein stilles tägliches Heldentum in Pflicht¬
erfüllung und Aufopferung, angespannter Wachsamkeit und
Aufmerksamkeit.
Unter solchen Umständen entwickelt sich beim einen
oder andern ein Krankheitsbild, das dieselben Züge in gleich¬
mäßiger Wiederkehr aufweist, dessen Ursachen aber doch
recht verschieden sein können, und das sich äußert in zuerst
seltener, dann häufiger auftretenden Zuständen von Herz¬
stechen, Herzangst, Aufregung, Schlaflosigkeit, verbunden
mit Pulsbeschleunigung, Gefühl von Unruhe, zuweilen Appe¬
titlosigkeit und Verdauungsstörungen. Manchmal treten die
Erscheinungen während des Marsches oder sonstiger An¬
strengungen, öfter des Nachts auf, oft auch in Anfällen, die
jedes äußeren Anlasses entbehren. Je nach Abstammung und
Veranlagung verhalten sich die Betroffenen recht verschieden:
der eine will sich nicht warten lassen, bis schließlich seine
Kräfte vollkommen versagen; der andere klagt lebhaft und
laut seine Beschwerden: so täuscht der eine den Arzt über da«
Maß seiner Leistungsfähigkeit, der andere erweckt den An¬
schein des Aggravanten und Drückebergers. Nur die genaue
Untersuchung ermöglicht ein richtiges Urteil und die Ein¬
leitung einer zweckmäßigen Behandlung. Zur Feststellung
namentlich leichterer Form- und Größenänderungen des
Herzens gehört außer den üblichen klinischen Methoden das
Röntgenverfahren. Ich begrüße es daher mit be¬
sonderer Freude, daß mir durch die große Zuvorkommenheit
und eifrige Mitwirkung der Herren Kameraden und Kollegen
in Elbing und Danzig Gelegenheit geboten wurde, die sämt¬
lichen in dortigen Lazaretten liegenden Kranken mit Herz¬
beschwerden klinisch und röntgenologisch zu untersuchen.
Vor allem spreche ich dem Chefarzte des Festungslazaretts.
Marine-Generaloberarzt Dr. B o e a e, und Herrn Stabsarzt d. R. Dr.
Scnirrmacher in Danzig, dem Reservelazarettdirektor Oberstabs¬
arzt Dr. Kirstein und dem Chefarzt San.-Rat Bart* in Elbing
für ihre aufopfernde Mitarbeit den herzlichsten Dank aus. nicht min der
n :
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UNIVERSITÄT OF IOWA
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11.
14. März.
294
Horm Prof. Krüger in Danzig, der sich der Mühe der Röntgen¬
aufnahmen selbst unterzog.
Unter den beobachteten Formen von Herzstörungen
nenne ich zunächst diejenigen, welche sich an im Felde
überstandene Infektionskrankheiten ange¬
schlossen haben. Für die banale Endocarditis rhemnatiea
genügt die Erwähnung; sie kommt übrigens nur äußerst selten
zur Beobachtung. Weniger bekannt sind die MyokardentZün¬
dungen nach Typhus, Diphtherie, Scharlach und Ruhr, die
deshalb besondere Aufmerksamkeit erfordern, weil sie zu¬
weilen erst in der Rekonvaleszenz Auftreten oder sich mit
in diese hinein erstrecken. Nach jeder Infektionskrankheit,
am auffälligsten bei Influenza, pflegt für einige Zeit eine Reiz¬
barkeit des Herzens zurückzubleiben, die sich in dauernd oder
bei geringer Anstrengung erhöhter Pulszahl, Herzklopfen,
leichter Atemnot äußert. Diese vorübergehenden Folge¬
zustände der Inanition und Vergiftung sind nicht identisch
mit den echten Myokarditiden: mir wer das Herz nachweislich
erweitert, wo Stauungssymptome vorhanden, der Puls dauernd
abnorm schnell, langsam oder unregelmäßig wird, darf
Myokarditis angenommen werden. Bei allen genannten Krank¬
heiten pflegen die Erscheinungen nach Wochen und Monaten
sich völlig zurückzubilden; nur nach Scharlach und echter
Ruhr wird gelegentlich Endokarditis mit Ausbildung von
Klappenfehlern beobachtet.
Als zweite Gruppe nenne ich die Herzstörungen,
die auf Arteriosklerose beruhen. Aeltere Offiziere,
Landsturm- und Landwehrmänner zeigen nicht selten jene
Form der Arteriosklerose, die so häufig im vierten bis fünften
Jahrzehnt einsetzt, mit Vorliebe vollsaftige, wohlgenährte, an
gutes Leben gewöhnte Individuen befällt, langsam fortschreitet,
bei ruhiger Lebensweise keine oder nur geringe Beschwerden
macht, aber an der Erhöhung des Blutdrucks, der Hypertrophie
des linken Ventrikels, gelegentlichem Eiweißspuren im Harne
kenntlich ist. Die peripheren Arterien pflegen weich, die
Herztöne rein, wenn auch zuweilen paukend oder klappend
zu sein. Ein Symptom aber fehlt selten: die Vergrößerung
der Leber, die beim Einatmen mit stumpfem, derbem Rand
dem tastenden Finger entgegenrückt.
1 . B.. 41 jähriger Landsturmmann, Mülhausen i. E. Eingezogen
21. September, krank gemeldet 23. November. Leidet seit fünf Jahren
jeden Winter an „Asthma“ mit Herzbeklemmungen, deshalb in ärzt¬
licher Behandlung. Erkrankt mit Husten, Kurzatmigkeit. Herz¬
dämpf ung links 2,5, rechts 1.5 cm verbreitert, an der Spitze blasendes
systolisches Geräusch. Leber hei Inspiration drei Querfinger unter dem
Rippenbogen tastbar.
Verheiratet, zwei Kinder, keine Aborte; angeblich nicht infiziert.
Vater war korpulent, starb 42 jährig an Herzleiden.
2 . L, 45 jähriger Magistratsbeamter, Landsturmmann, Mülhausen
i. E, Emgezogen 21. September, erkrankt 23. November mit Husten,
Atemnot, Beklemmung. Seit zwei Jahren wegen ähnlicher Beschwerden
öfter in ärztlicher Behandlung.
Herzdäropfung links 1 cm, rechts 2,5 cm verbreitert, Töne rein,
Puls regelmäßig. Leberrand zwei Finger unter dem Rippenbogen
tastbar.
Die Sklerose der Aorta, auf konstitutioneller Veran¬
lagung, noch häufiger auf Lues beruhend, ist ebenfalls m
reifen Mannesalter nicht selten. Die mittels Perkussion oder
Durchleuchtung erkennbare Verbreiterung des Aortenbandes,
systolische oder diastolische Aortengeräusche, bei Mitbeteili-
gung der Kranzgefäße stenokardische Schmerzen und Anfälle
kennzeichnen den Zustand.
3. Pr„ 49 jähriger Oberveterinär, hat von Mobilmachung bis Mitte
Dezember bei einem Husarenregiment anstrengenden Dienst: erkrankt
an Darmkatarrh mit hartnäckigen Durchfällen, nahm zirka 12 kg ah,
begab sich deshalb in Behandlung. Herzdämpfung links 1 cm ver¬
breitert, über Aorta und Sternum leises diastolisches Geräusch. Keine
Herzbeschwerden, wünscht ins Feld zurückzukehren.
Arteriosklerotiker mit objektiv nachweisbaren Herz-
und Gefäßveränderungen sind unter keinen Umständen feld¬
dienstfähig. Wohl aber können
sie, falls die Leistungsfähigkeit
des Herzens wenig gelitten hat, im Garnison- und Bureau¬
dienste verwendet werden, wie sie ja vielfach auch jahrelang
ihrem bürgerlichen Berufe naehgehen.
4. Als Kuriosum sei das gewaltig erweiterte Herz eines 34 jäh¬
rigen Landwehrmanns G. abgebildet, der vom 4. August bis IT. No¬
vember im Felde stand, wegen leichter Schußverletzung an Oberarm
und Beckenschaufel eingeliefert wurde und niemals über Herzbeschwer¬
den klagte. Die Herztöne sind rein, die Aktion regelmäßig. Stauunp¬
erscheinungen nicht vorhanden. Die Wassermann sehe Reaktion
negativ. Eine bestimmte Diagnose vermochte ich nicht zu stellen.
lieber Herzklopfen klagen vielfach die Patienten
mit Lungenschüssen und Ergüssen in einer
Brusthöhle. Die Verlagerung des Herzens, die Behinde¬
rung der Atmung, zuweilen auch toxische Resorptionsprodukte
schaffen abnorme Verhältnisse, die sich in Reizbarkeit und
Ermüdbarkeit des Herzens äußern.
Im Kriege am häufigsten, wegen der Entstelunigsweise
am interessantesten, diagnostisch und prognostisch am schwie¬
rigsten zu beurteilen sind jene anfangs genannten Herzstörun¬
gen, die sich ohne andere erkennbare Ursache, als sie in den
Strapazen des Krieges gegeben sind, entwickeln.
Die dabei auftretenden Beschwerden sind zunächst rein
subjektiv und unterscheiden sich in nichts von denjenigen,
wie sie von traumatischen und nichttraumatischen Neurasthe¬
nikern aus Friedenszeiten wohlbekannt sind; auch die ob¬
jektiv wahrnehmbaren Abweichungen: erhöhte Pulsfrequenz,
rasches Zunehmen derselben bei leichter Bewegung, mäßigt'
Atemnot bei Anstrengung, deuten nicht ohne weiteres auf eine
körperliche Störung in der Herztätigkeit. Ein allgemein er¬
regbares Nervensystem wird leicht auf dem Gebiete des
Herzens sich bemerkbar machen; anderseits sind die ver¬
schiedensten Zustände wirklicher Herzschwäche selten ganz,
ohne Einfluß auf das Allgemeinbefinden und lösen leicht durch
das Unbehagen, das sie bereiten, die Beeinträchtigung des
Schlafes, der Nahrungsaufnahme, die Angstgefühle und auch
durch die Sorge, die sie dem Kranken bereiten, einen nervös
übererregbaren Gesamtzustand aus. Zur richtigen Würdigung
der Beschwerden gehört sowohl eine Beurteilung des nervösen
Allgemeinzust&ndes als auch eine möglichst exakte objektive
Untersuchung und Funktionsprüfung des Herzens.
Nun gibt es bekanntlich keine Größe und keine Form
des Herzens, die als absolute Norm aufgestellt werden könnte.
Beide hängen ab von der Körperlänge, der Körperform, der
Masse und Beanspruchung der Körpermuskulatur. Es lassen
sieh nur für die Perkussionsfignr und den Röntgenschatte»
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gewisse Maße aufstellen, die alb normale Grenzen nach oben
und unten zu gelten haben (Moritz und Andere).
Von diesen Mittelmaßen weichen nach unten einige Herz¬
formen ab, die als angeborene Hypoplasien zu
deuten sind und die meist mit Unterentwicklung des Thorax,
der Körpermuskeln, oft auch der blutbildenden Organe ver¬
kettet sind: dasTropfen - und das Hängeherz. Ander¬
seits kommen bei stämmigen, muskelgeübten Individuen
Formen vor, die durch reichlichen Längs- und Querdurch-
messer, durch das Abheben der Spitze von der Zwerchfell¬
unterlage bereits dem Bilde der Herzhypertrophie gleichen
(Kugelherzen). Die Herzfonn steht zur körperlichen Leistungs¬
fähigkeit in enger Beziehung. K Ü 1 b s und Brust mann
fanden bei ihren Untersuchungen an Sportsleuten, daß die
..Steher“ und die „Flieger“ sich im Röntgenschatten deutlich
voneinander unterschieden. Nur sehr ausgeprägte Abnormi¬
täten der Herzform lassen ohne weiteres Schlüsse auf die
Leistungsfähigkeit zu.
So zeigt E., 23 jähriger Kriegsfreiwilliger bei einem Fuß-
artillrrieregiment, ein ausgeprägtes Hängeherz. Eingestellt am
12. August, meldete er sich im Dezember wegen Herzklopfen beim
Nclitii: er ist lang, schlank, von fast paralytischem Habitus, aber seines
Berufs Artist am Schwebereck, also erhebliche Muskelanstrengungen
gewöhnt.
Fatt 6 (2jOO m ftUhead). Fall q (2,00 m stehend)
6 . R,, 20 jähriger Landwirt, Kriegsfreiwilliger. Infanterieregiment
128. Eingestellt 9. August, im Felde 9. September; am 28. November
leichte Handverletzung; 4. Januar wieder im Felde; beim Marsch Atem¬
not, vom Arzt wegen Herzfehler zurückgesandt. Herzdämpfung nor¬
mal; an der Herzspitze musikalisches Geräusch bei der
Systole; keine Zeichen eines Klappenfehlers. Im Röntgenbilde hängen¬
des, kugelförmiges Herz. Puls 88—156—84.
Anderseits kommen auffallend kräftige, kugelförmige
Herzen mit abgehobener Spitze ohne alle krankhaften Er¬
scheinungen bei völlig gesunden, kräftigen Menschen vor.
Kaminer und Maase haben sie auf meiner Klinik ge¬
legentlich der Ausmusterung von Kriegsfreiwilligen nicht
selten beobachtet.
Ueber das Verhalten des Herzens bei großen Anstren-
pßgen wissen wir etwa folgendes: Einmalige übermäßige
Anforderungen beantwortet das Herz zunächst mit Pulsver-
Hiehrung, die, bei gesundem Herzmuskel, in der Ruhe innerhalb
einiger Zeit zur Norm zurückkehrt. Eine Erweiterung des
Herzens, die mau früher annahm, kommt dabei nicht vor: bei
manchen Personen zieht sich das Herz sogar stärker zu¬
sammen, sein Umfang auf dem Röntgenschirme nimmt ab.
Regelmäßig wiederkehrende starke körperliche Leistungen
führen zu einer Zunahme der Herzmuskulaturinasse, die sieh
am schönsten in PamUelversuchen ruhender und arbeitender
Tiere gleichen Wurfes demonstrieren läßt (K ü 1 b s). Das ist
an sich ein natürlicher Ausgleichsvorgang, der durchaus zweck¬
mäßig ist. Krankhaft wird er erst dann, wenn das hyper-
trophierte Herz anfängt, in seiner Leistungsfähigkeit nach-
inl;\s*en. Die Bedingungen, unter denen dies erfolgt, und die
l rsaehen, welche dazu führen, sind sehr wenig bekannt. Alko-
holisimis, Iufektioneu, Lues sind zuweilen, doch nicht immer
im Spiele. Bekannt ist nur, daß Berufsradfahrer, Athleten
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und ähuliche Professionelle nicht selten nach einer Reihe von
Jahren an fortschreitender Herzinsuffizienz erkranken.
Für den Eintritt dauernder Schädigung eines überan¬
strengten Herzens sind, außer dessen Zustand, mannigfache
Bedingungen maßgebend. Der Zustand der Körpermuskulatur,
die Oekonomie ihres Gebrauchs, die Art der Ernährung, Dauer
und Tiefe des Schlafs, seelische Erregungen, sexuelle Betäti¬
gung, Gebrauch von Alkohol und Reizmitteln: dies alles sind
Dinge, auf die der Trainer sorgsam achtet, wenn er aus einem
bestimmten Organismus zu bestimmter Zeit eine Maximal¬
leistung heraushoien will: deren mangelhafte Berücksichtigung
kann zum Zusammenbruche des Herzens und zu langdauernder
Schädigung führen. Diese zeigt sich nicht immer sofort, son¬
dern erst nach Tagen, in lästigeu Empfindungen in der Herz¬
gegend: Angstgefühl, Druck, Schmerz, Klopfen, die meist in
Anfällen auftreten, ganz spontan, oder im Anschluß an Be¬
wegungen, Mahlzeiten, zuweilen auch des Nachts. Dabei ist
das Herz ungewöhnlich erregbar, die Pulsfrequenz meist ge¬
steigert, nach geringer Anstrengung rasch zunehmend, nur
langsam zur Norm abrückend: der Puls Öfter unregelmäßig,
klein, schlecht gespannt und gefüllt. In seltenen Fällen schritt
die Insuffizienz des Herzens unaufhaltsam vor und führte zum
Tod: in weitaus der Mehrzahl bildet sie sich allmählich zurück,
so aber, daß monatelang die Reizbarkeit und das Versagen
gegenüber selbst mäßigen Ansprüchen zurüekbleibt. Noch
häutiger bilden sich die Erscheinungen innerhalb einiger Tage
zurück, und es hiuterbleibt nur auf kurze Zeit eine erhöhte Er¬
regbarkeit.
Diese vom Sport wohlbekannten Symptome sind es,
die auch bei uusern Soldaten zur Beobachtung kommen. Sie
zeigten sich teilweise schon während der Ausbildung oder bald
nach dem Auszug im Felde vor allem bei den jungen Kriegs¬
frei willigen, deren manche den erforderlichen Grad körper¬
licher Reife noch nicht erlangt hatten.
7. A„ 18 jähriger Seminarist, Kriegsfreiwilliger bei einem Infan¬
terieregiment. Zur Ausbildung eingestellt 1. September, ins Feld am
12. Oktober. Schon Anfang November Anfälle von Herzangst und
Beklemmung, tags oder nachts, ohne äußeren Anlaß. Herzbefund
normal, Puls 96—132—96.
8 . Gr., 18 jähriger Postbote. Kriegsfreiwilliger in einem Grenadier¬
regiment. Eingestellt 6. August, ins Feld 15. November. Erkrankt am
30. November nach längerem Marsche an Stechen in der Herzgegend,
das sich zunächst immer auf dem Marsche, später auch nachts einstellte
und mit Angstgefühl einherging. Jetzt noch Stiche und Atemnot.
Herzbefund objektiv normal.
Bei den Krankem die jetzt zur Besprechung kommen,
traten die Störungen weit .später, drei bis vier Monate nach
dem Auszug ins Feld ein.
In manchen Fällen sind sie von objektiv nachweisbarer
VolumVergrößerung des Herzens begleitet.
9. M.. 26 jähriger Unterarzt bei einem Infanterieregiment, aus¬
gezogen am 2. August-, marschierte und ritt mit seiner Truppe ohne
Beschwerden, zog sieh Mitte November eine akute Bronchitis zu,
spürte dabei Druck und Schmerzen in der Herzgegend, anfallsweise
besonders nachts. Röntgenaufnahme, die im Dezember in Essen auf-
getionunen wurde, zeigte den Herzschatten nach rechts und links er¬
heblich verbreitert. Behandlung: Bettruhe, Kareükur während einer
Woche. Digitalis. Zustand allmählich gebessert. Jetzt noch hier und
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da Druckgefühl in der Herzgegend. Hilfs- und Revierdienst im Stadt¬
krankenhause in Elbing.
Röntgenbild des Herzens: Verbreiterung nach rechts und links,
Spitze Btumpf, von der Unterlage abgehoben.
10. Str., 23 jähriger Förster, bei Radfahrkompagnie eines Jäger¬
bataillons. Ohne Beschwerde bis Mitte Dezember; damals spontan
Herzklopfen „bis zum Hals“ in Anfällen ohne äußere Veranlassung,
tags oder nachts; besonders häufig im Hunger.
Schlanker Mann von guten Verhältnissen, Perkussionsbefund
normal, Töne rein, Puls 84—108—68, mit der Atmung stark wechselnd,
einzelne Extrazuckungen Röntgenbild: stumpfe, stark abgehobene
Spitze.
11. B., Unteroffizier in einem Infanterieregiment. Am 20. August
verwundet, lag 6 Wochen, 15. Oktober von neuem ins Feld; keine über¬
mäßig anstrengenden Märsche. Mitte Dezember Erkältung mit, Tem¬
peratur bis 39.5. Erst im Lazarett begann Stechen in der Herz¬
gegend, besonders nachts und beim Liegen auf der rechten Seite; bei
mäßigem Gehen sind die Beschwerden geringer; schnelles Gehen ver¬
ursacht Atemnot. Puls 120—140—108. Röntgenschatten kugel¬
förmiges Herz mit stumpfer, scharf abgehobener Spitze.
Derartige Hypertrophien finden sich etwa im vierten
Teil der untersuchten Fälle. Meist ist Perkussionsfigur und
Herzschatten normal, obschon die geklagten Beschwerden die¬
selben sind. —
12 Sch 19jähnger Fahnenjunker oei einem crrenauierregi-
ment. Im Felde 19. Oktober, krank gemeldet 11. Dezember mit Herz¬
klopfen und völliger Erschöpfung. Seitdem in Behandlung; wesentlich
gebessert, doch fällt das Steigen noch schwer. Herzfigur normal.
13 T 21 jähriger Schlosser, Infanterist. Eingestellt 13. Oktober
1913, ausgerückt 29. Juli 1914; am 28 September Stiche in dar Here¬
gegend: jetzt gebessert, kann aber nicht schnell geben. Puls 108, nach
6 Kniebeugen über 180, kaum iühlbar. Herzgröle normal.
in der Herzgegend, später nächtliche Anfälle von Angst und Beklem¬
mung. Krank gemeldet 17. Dezember, jetzt gebessert, bei Anstrengung
noch Stechen und Atemnot. Puls 116—140—108. Herzgröße normal.
15. H., 30 jähriger Hafenarbeiter, Landwehr-Infanterist. Im Frie¬
den zuweilen Herzklopfen bei schnellem Gehen, konnte aber ange¬
strengt arbeiten. Trinkt mäßig, verheiratet, 3 gesunde Kinder, an¬
geblich nicht infiziert. Schmal, etwas blaß. Hatte von Anfang an nach
langen Märschen Stechen in der Herzgegend, deshalb im Oktober krank
gemeldet, ruhte einige Tage. 4. November neuerdings Herzbeschwer¬
den: seitdem Klopfen und Beklemmung bei schnellem Gehen und
abends beim Niederlegen, schläft deshalb erst gegen 10 oder 12 Uhr
ein. Puls 108—156—120; Herzgröße normal.
In einzelnen Fällen schlossen sich die Beschwerden an
nachweislich einmalige Uebermüdung, dann an Schwächung
durch Darmkatarrh an.
16. Egl., 21 jähriger Kriegsfreiwilliger bei einem Feldartillerie¬
regiment Plattfuß mäßigen Grades, mit Schwellung beider Knöchel¬
gelenke. Hatte beim Marschieren immer Herzbeschwerden. Herz
normal.
17. Eil., 25jähriger Bäckermeister, Gefreiter d. R. bei Infan¬
terieregiment. Dienst seit Kriegsbeginn ohne Beschwerden. 24. Ok¬
tober Schrapnellschuß in den Unterschenkel, nach langem Marsch und
Gefecht, marschierte damit in feindlichem Feuer noch mehrere Kilo¬
meter. Abends kam Blut aus Mund und Nase, starke Atemnot. Da¬
mit weitermarschiert bis zum Bagagewagen. Tags darauf Anfälle von
Stechen in der Herzgegend, die sieh fast täglich wiederholten und mit
Schweißausbruch und Angst einhergingen. Die Blutung kehrte nicht
wieder. Seit 2. November in Lazarettbehandlung.
Robuste Figur, trieb Schwimmsport. Rauchte bis zur Erkran¬
kung viel, ohne Beschwerden, seitdem abstinent. Puls 96—140—84.
voll, kräftig; Herzfigur normal.
14 K 36 jähriger Besitzer, bei reitender Ersatzbatterie eines
Mericregiments. Im Felde.seit 2. August. Mitte November Stechen
18. Kr., 16 jähriger Kriegsfreiwilliger, Infanterist. Eingestellt
1. Oktober, im Felde 15. November. Zunächst ohne Beschwerden.
20. Dezember blutiger Durchfall in Polen, der einige Tage dauerte-
Danach beim Marsch Herzklopfen und Beklemmungen. Puls 92 —104—yo.
Herzfigur normal.
Im folgenden Falle wirkte der Tetanus auslösend auf
die Herzbeschwerden.
19. Eich, 23 jähriger Ersatzreservist. Eingezogen 6. August,
am 15. September Schuß in den Unterschenkel mit Knochenbruc ,
27. September bis 15. Oktober in Brandenburg a. H. mit Tetanus, ö
zunehmender Besserung des Tetanus abends beim Einschlafen AngS'
gefiihl und Stechen in der Herzgegend. Puls 108—152—100; HerzftgfU
normal. Auffallende Dermograpliie, geringe Struma, geringer kJci ■
schlägiger Tremor der Hände. Keine Augensymptome, keine scnwci ■
Bei einer letzten Gruppe von Fällen endlich tritt n (
psychische Erregung bei der Auslösung und während des Be¬
stehens der Beschwerden deutlich in den Vordergrund.
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20. Dz., 25 jähriger Kisenbahnpraktikant, Vizefeldwebel d. R.
bei einem Grenadierregiment. Eingezogen 2. August, krank gemeldet
20. Dezember wegen häufiger Schwindelanfälle und Stechen in der
Herzgegend. Wacht nachts auf mit schreckhaften Träumen und Herz¬
angst. Seitdem wenig gebessert; Herzklopfen und Schwindel beim
Gehen, besonders auch beim Lesen und Schreiben.
Puls 76—112—SO. Herzfigur normal.
21. B., Oberarzt bei einem Infanterieregiment, im Felde seit
5. August. 20. November Fleischwunde, seitdem Beklemmungen in der
Herzgegend, nach ärztlicher Untersuchung angeblich Herzfehler.
Träume lebhaft bis zur Halluzination. Auch im Wachen Wahnvor¬
stellungen, also ob der Arm sichtbar anschwelle, wagt nicht hinzu-
sehen. Schon im Frieden nervös. Röntgenbild des Herzens normal.
22. Pio, 25 jähriger Tischler, Grenadier. Am 20. August
Granatschlag gegen die Brust; zunächst hysterische Lähmimg, später
-Krampfanfälle“ in den Gliedern, viel Herzklopfen ohne äußeren An¬
laß. ohne Angstempfindung. Blaß, nervöser Ausdruck. Herzbefund
normal.
23. Adr., 29 jähriger Leutnant in einem Infanterieregiment.
29.August verwundet, vom 2. Dezember bis 11. Januar wieder im Felde;
lag 16 Tage im Schützengraben mit Grundwasser, davon vier Tage mit
Flankenfeuer. Nun trat ein „körperliches“ Gefühl von Herzangst auf,
•las beim Ankommen, nicht mehr beim Platzen der Geschosse empfun¬
den wurde. Schlaflose Nächte, mit Träumen kriegerischen Inhalts und
Herzbeklemmung. Herz normal.
Fall 28.
Pall 24.
24. Kusch, 33 jähriger Arbeiter, Landwehrmann bei einem
Infanterieregiment. )m Felde seit 0. August; die Märsche strengten ihn
i. !*.Im November Streifschuß Kopf und Hüfte, zunächst bewußt-
??■ Seitdem Klagen über Kopfschmerz, Schlaflosigkeit, neuer-
üi)er Herznng??t und Herzklopfen. Herz normal: typischer
• Mruek der traumatischen Neurosen.
25. Ro., 47 jähriger Hauptmann d. R. Im Felde seit 2. August.
^ ntang Oktober Schlaf gestört durch Verantwortungsgefühl, gelegent¬
lich Empfindungen von Herzdruck. Am 13. November platzte eine
Granate auf zirka 1 m Entfernung und schlug gegen die Wand.
Zunächst sehr aufgeregt, brach nach zwei Tagen zusammen; seitdem
Depressionszustand mit Herzangst; Puls öfter sehr frequent. Zittern
in den Gliedern beim Stehen, Unsicherheit beim Gehen, rasches Er¬
müden beim Schreiben. Herz normal.
Hier sind nur solche Fälle
aufgenomjnen, deren Klagen nach
dem Urteil der Stationsärzte wahr¬
haft erschienen. Natürlich kom¬
men gelegentlich auch Individuen
vor, deren Verhalten unzweideutig
auf Simulation oder Aggravation
hinweist, doch bilden sie zweifel¬
los die Minderzahl. Die meisten
Patienten hatten durchaus den
Wunsch, gesund zu werden und
ins Feld zurückzukehren, nur
fehlte manchen die Zuversicht
auf Heilung. Aus den Kranken¬
berichten geht dann auch her-
fau 26 (2,00 m stehend). vor, d a ß Abnahme der Be¬
schwerden, sowohl der rein nervösen, als der durch den Herz¬
zustand hervorgerufenen, langsam vor sich geht, Wochen
und Monate in Anspruch nimmt und daß eine Reizbarkeit
des Herzens lange zurückbleibt, genau wie dies vom Sport¬
herzen bekannt ist.
Die Beurteilung derartiger Herzstörungen erfordert
zunächst ein sorgsames Eingehen auf die Anamnese und auf
den psychisch-nervösen Allgemeinzustand. Dann muß eine
sorgsame Untersuchung des Herzens ergeben, ob organische
Veränderungen vorhanden sind oder nicht. Der Puls ist bei
organischen wie bei rein nervösen Formen meist beschleunigt
und nimmt bei geringer Anstrengung noch zu; er kann nur
zeigen, ob die Erregbarkeit des Herzens im allgemeinen ver¬
mehrt ist. Wichtiger ist die Beobachtung der Rückkehr zur
Norm und etwaiger Dyspnöe und ihrer Dauer. Die Perkussion
ergibt nur bei ausgeprägter Hypertrophie oder Dilatation ein
positives Resultat; sie bedarf unter allen Umständen
der Ergänzung durch das Röntgenbild, das bei Atem¬
stillstand und auf solche Entfernung aufgenommen werden
muß, daß die absoluten Herzmaße gemessen wer¬
den können. Die Messung des arteriellen Druckes,
die in den vorliegenden Fällen aus äußeren Gründen nicht vor¬
genommen werden konnte, würde dann das Urteil beein¬
flussen, wenn sie abnorm hohe oder niedrige Werte ergeben
sollte.
Aber selbst wenn durch eingehende Untersuchung der
Zustand des Herzens genau ermittelt ist, steht die Pro¬
gnose noch nicht fest. Sie wird im ganzen quoad restitutio-
nem, falls nicht irreparable Veränderungen vorliegen,
günstig gestellt werden können; den Zeitpunkt aber, an
dem die Genesung zu erwarten ist, können wir aus dem Be¬
fund allein nicht bestimmen. Unsere Beispiele zeigen, daß die
Beschwerden in Fällen ohne anatomischen Befund nicht immer
kürzer dauern, als in solchen mit anormaler Herzgröße. Dar¬
auf hat, außer der Stärke und Dauer der Beschwerden, dem
Allgemeinzustand, der psychischen Veranlagung, jedenfalls
auch die Behandlung einen sehT erheblichen Einfluß.
Für die Behandlung ist die richtige Verteilung von
Schonung und Uebung der wesentlichste Punkt. Es
ist klar, daß ein überanstrengtes Herz zunächst völliger Ruhe
bedarf, mit ausreichender, aber leicht verdaulicher, namentlich
nicht blähender Kost: Enthaltung aller Reizmittel und mög¬
lichst aller psychischen Erregung. Der Schlaf ist therapeutisch
Hauptagens und muß nach Bedarf durch Brom oder andere
Hypnotica befördert werden. Indessen darf die Bettruhe, die
ja ein gesundes Herz schon zu schwächen vermag, nicht all¬
zulange ausgedehnt werden. Nach zwei bis drei Wochen sind,
immer unter sorgsamer Beobachtung der Folgen, die ersten
tastenden Versuche mit körperlicher Bewegung am Platze;
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11.
bei gutem Erfolg sollen Bie systematisch und unter allmäh¬
licher Steigerung der Anforderungen fortgesetzt werden, bis
im Laufe der Wochen oder Monate regelrechte Exerzitien vor¬
genommen werden können.
Digitalis und ihre Ersatzpräparate sind bekanntlich
bei rein nervösen Herzstörungen unwirksam: sie soll nur da
in Anwendung kommen, wo nachweislich Hyposystolie be¬
steht; kleinere Dosen auf längere Zeit werden meist wirksamer
sein als massive Mengen. Excitantien sind nur im
Kollaps ausnahmsweise erforderlich.
Valeriana, als Tinktur, Tee, oder kalter Aufguß,
und die ihr nahestehenden synthetischen Mittel Valyl, Validol,
Bomyval sind dagegen sehr am Platze und dürfen für längere
Zeit gereicht werden. Zuweilen bewährt sich auch die Kol a.
Nicht minder erfolgreich sind diekohlensaurenBäder
und die ähnlich wirkenden Wechßeistrombäder, die
in sorgsamer Abstufung von Stärke und Dauer frühzeitig an¬
gewandt werden sollen.
lieber der medikamentösen Therapie darf die P s y c h o -
therapie nicht zu kurz kommen. Wir sahen ja, daß manche
Kranke rein psychisch erkrankt sind, und daß die Nerven auch
bei den organisch Erkrankten in dem Krankheitsbild eine oft
ganz vorwiegende Rolle spielen. Den Mut der Kranken zu
heben, sie über anfängliche Mißerfolge und Rückfälle hinweg¬
zutrösten, ist ebenso wichtig wie dankbar. Das richtige Ver¬
hältnis von Schonung und Uebung, von passiver und aktiver
Behandlung im Einzelfalle zu finden, läßt sich nicht vor¬
schreiben; es ist die Aufgabe eines geübten und den Patienten
voll sich hingebenden Arztes.
Aus alledem geht hervor, daß sowohl die Untersuchung
und Beurteilung, als auch die Behandlung im Felde überan¬
strengter Herzen Hilfsmittel erfordern, wie sie nicht in den
improvisierten Lazaretten der vorderen Linie, Bondern nur in
wohleingerichteten großen Krankenanstalten zu Gebote stehen.
Es liegt daher im Interesse der raschen Wiederherstellung, daß
diese Kranken in solche Anstalten überführt und dort der
Untersuchung und Behandlung klinisch gut geschulter Aerzte
unterstellt werden. Es wird zweckmäßig sein, in jedem
Korpsbezirk des Heimatsgebiets eine oder mehrere Anstalten
speziell für diesen Zweck in Bereitschaft zu stellen.
Damit soll nicht gesagt sein, daß jeder Mann, der über
Herzbeschwerden klagt, nun alsbald aus dem Felde in die
Heimat zurückgesandt werden soll. Weitaus die meisten sind
ja durch wenige Tage der Ruhe in Revierstube oder Feld¬
lazarett von ihren Ermüdungsbeschw'erden zu befreien. Kehren
aber die Klagen wieder, ist nach Charakter und Verhalten des
Mannes ihre Glaubwürdigkeit wahrscheinlich, dann sollte keine
Zeit mit ungenügender Behandlung verloren, sondern der
Kranke der Stelle zugewiesen werden, an der er die aus¬
reichende Untersuchung und Behandlung finden und unter
sachverständiger Leitung seine Dienstfähigkeit in kürzester
Frist wiedererlangen kann. Sollte dies selbst nicht der Fall
sein, so wird eine exakte durch Röntgenbild unterstützte Un¬
tersuchung die beste Grundlage für Entscheidungen sein, die
bei etwaigen späteren Entschädigungsansprüchen erforderlich
werden. __
Aus der 1. chirurgischen Abteilung der k. k. Krankenanstalt
„Rudolfstiftung“ in Wien.
Ueber die Behandlung gangränöser und
phlegmonöser Wunden mit dem künstlichen
Magensaft nach Prof. Freund
von
Primarius Dr. Funke.
Die Frage der Behandlung gangränöser und phleg¬
monöser Wunden beansprucht gerade im gegenwärtigen Zeit¬
punkte, da wir täglich Gelegenheit haben, solche Wunden
schwerster Art zu sehen, unser regstes Interesse und jede
M. März.
neue Behandlungsmethode, die unsere Heilerfolge bessert, ist
daher freudig zu begrüßen. Zwei Momente beanspruchen bei
der Behandlung die größte Beachtung und zwar einerseits
biologische Einflüsse, durch welche die eitererregenden
Bakterien abgetötet werden und anderseits die Abstoßung der
gangränösen Fetzen und die möglichst rasche Reinigung der
schmierig eitrig belegten Wunden, womit so ziemlich jede
Gefahr für die Träger beseitigt ist. Wohl stehen uns heute
eine große Anzahl von Desinfektionsmitteln undMedikamenten
in Form von Pulvern und Salben zur Verfügung, die von ver¬
schiedenen Autoren mit gutem Erfolg angewendet und
empfohlen wurden und zahlreiche Vorschläge zur Behandlung
derartiger Prozesse sind gemacht worden. Tatsache ist, daß
die Behandlung derartiger Wunden, die wir ja auch in
Friedenszeiten oftmals zu sehen Gelegenheit haben, keine ein¬
heitliche ist und so ziemlich jede Schule besitzt ihre eigne
spezielle Behandlungsmethode.
Der auf meiner Abteilung herrschende Standpunkt bei
der Behandlung gangränöser und phlegmonöser mit schmierig
eitrigem Belag bedeckter Wunden ist im allgemeinen charak¬
terisiert durch größtmöglichste Ruhe der Wunden, also seltener
Verbandwechsel, der natürlich noch rigoroser gehandhabt
wird, wenn es sich gleichzeitig um Knochenverletzungen han¬
delt. Seit mehreren Jahren verwende ich ferner mit sehr gutem
Erfolge das permanente Wasserbad mit einem geringen Zu¬
satze von Jod. Die oft schweren septischen Erscheinungen, be¬
sonders das Fieber, werden äußerst günstig beeinflußt und
schwinden meist in wenigen Tagen, so daß es nicht selten
gelang, Extremitäten zu retten, die schier unrettbar schienen.
Es erscheint mir nun angebracht, gerade im gegenwärtigen
Zeitpunkte, da täglich Verwundete mit den fürchterlichsten
gangränösen und phlegmonösen Wunden in unsere Behandlung
kommen, das konservative Prinzip zu betonen, ein Standpunkt,
der heute so ziemlich Gemeingut aller geschulten Chirurgen
ist und zur Beseitigung dieser Leiden Amputationen der Glied¬
maßen wohl nur noch selten, bei besonders ungünstigen Fällen
ausgeführt werden.
Unter allen Umständen müssen wir heute selbst bei aus¬
gedehnten Zertrümmerungen der Knochen die Erhaltung der
Extremitäten anstreben und es ist geradezu staunenswert, was
man da mit den z .vei Faktoren: Ruhe und Geduld, erreichen
kann. Haben wir es doch fast durchwegs mit jungen kräftigen
Männern zu tun, deren Hera gesund ist und die sich oft un¬
glaublich rasch erholen, wenn sich die großen gangränösen
Wunden gereinigt haben. Aber gerade die Reinigung bereitete
bei den durch Granatsplitter und Dumdumgeschosse er-
: zeugten zerklüfteten und schmierig eitrig belegten gangrä-
S nösen Wunden die größten Schwierigkeiten und trotzte so
ziemlich jeder Behandlung. Da machte nun Prof. Freund,
der meine Abteilung frequentiert, den Vorschlag, den Ver¬
such zu unternehmen, diese schmierig eitrigen und grangrä-
nösen Massen, also ein nicht mehr lebensfähiges Material,
mittels eines chemischen Mittels zu entfernen und empfahl
dazu den künstlichen Magensaft. Bereitwilligst stellte ich
ihm mein gesamtes Material zur Verfügung, und sofort wurde
die neue Behandlung eingeleitet. Die Technik des Verfahrens
ist einfach und besteht im wesentlichen darin, daß Wunden im
Bereiche der Hand und des Vorderarms oder des Fußes direkt
in ein Salzsäure-Pepsinbad gelegt werden, das durch eine
Lampe auf Körpertemperatur erwärmt wird. Bei allen übrigen
Wunden, bei denen ein Bad teils wegen des Sitzes, teils wegen
der dazu erforderlichen allzu großen Menge von Verdauungs¬
flüssigkeit nicht angezeigt erscheint, genügt es, sterile Ver¬
bandstoffe mit der Flüssigkeit zu tränken und aufzulegen, n
diesem Falle sollen die Verbandstoffe mindestens zweistünd¬
lich erneuert werden.
Begonnen wurde die Behandlung mit einer Lösung voj
I 0,1 bis 0,2 °/ 0 iger Salzsäure und einem Gehalte von 2 bis J Io
| Pepsin. Diese Art der Anwendung hatte ®u Beginn *
i manchen Fällen mit starker eitriger Sekretion nicht den
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14. März. 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11. 299
warteten schnellen Erfolg, was Freundauf die rasche Neu¬
tralisierung der freien Salzsäure infolge der reichlichen
Sekretion zurückführte und daher den Vorschlag machte, zu¬
erst die Wunden mit körperwarmer 0,2 °/ 0 iger Salzsäure durch
mindestens eine halbe Stunde zu baden oder gründlich zu
spülen, wodurch das eitrige Sekret entfernt und die gangrä¬
nösen und nekrotischen Gewebsmassen sauere Reaktion er¬
halten und dann erst die Verdauungsflüssigkeit zu applizieren.
Diese wurde nach folgendem Rezept hergestellt:
B. Acid. bydrochlor. 0,2 °/o
1000,00
Prpsini germ. 20,00—50,00
Sol. ilimethvlamidoazobenzol. alkohol. 1 °/o
gtt. V.
M. D. S. Verdauungsflüssigkeit.
Den Zusatz von Farbstoff gibt Freund nur aus dem
Grund, um sich bei längerin Liegen der Verbandstoffe zu über¬
zeugen, ob noch freie Salzsäure vorhanden ist. Ist letztere
nämlich etwa durch die eitrigen Sekrete neutralisiert, so hört
die Verdauungswirkung auf. Die Flüssigkeit soll ferner nicht
länger als zwei Tage stehen, soll womöglich stets frisch be¬
reitet werden und darf auch nicht über 50 0 erwärmt werden.
Die Bedenken, daß durch die Einwirkung dieser Flüssig¬
keit auch gesundes Gewebe geschädigt werden könnte, hält
Freund nicht für gerechtfertigt, da die Versuche von
Ferm i und Math es bewiesen haben, daß durch die Ein¬
wirkung von Pepsin und Salzsäure auf gesundes Gewebe nur
dort eine Verdauung stattfand, wo das Gewebe entweder
mechanisch zerstört, oder durch allzu starke Salzsäure ge¬
schädigt ist, daß also nur das „Leben“ vor der Verdauung
schütze.
Freund äußerte sich gelegentlich der Mitteilung über die Salz-
siiure-Pepsinbehandlung in der K. K. Gesellschaft der Aerzte wörtlich:
„Aber dieses Resultat ist nicht nur in wissenschaftlicher, sondern
auch in praktischer Richtung w r enig befriedigend.
Jeder Praktiker weiß, daß in einem Magengeschwür ein Blut-
Pdäß, das doch nicht als tot angesehen werden kann, gelegentlich
arrndicit'irird, und jeder weiß, daß am Boden desselben Geschwürs die
Miix’ularis jahrelang dem Magensaft Widerstand leisten kann.
L* muß demnach doch eine andere Eigenschaft als das „Leben“
Jas Maßgebende für diesen Unterschied im Verhalten der Zellen sein.
Fine Anbahnung für das Verständnis dieser Verhältnisse schien mir
nun die Tatsache zu bilden, daß durch mechanische Verletzungen, ja
nur durch einen Messerschnitt, eine Zelle ihrer „Lebenskraft“ verlustig
werde; es ließ mich daran denken, ob nicht die physikalischen Ver-
hältnisse der lebenden Zelle das Maßgebende für den Schutz der Ver¬
dauung seien.
Ind tatsächlich kann man, wie ich im Jahre 1897 an dieser
%l!e demonstrieren konnte, jeder Eiweißflocke diese vermeintliche
UdifiiPgemeinsclutft verleihen, wenn man dieselbe durch Einbinden in
m Leinwandsäckchen mit quellendem Agar-Agar in eine künstliche
Mic verwandelt. Eine Bekräftigung dieser Erkenntnis hat sich dann
aus \ersuchen ergehen, die ich später mit Rudolf Kraus durch-
trefiihrt habe, die gezeigt haben, daß durch die gleichen physikalischen
y.-rhiiltnissc auch das Eindringen von Bakterien in solche künstliche
/>Hlen zu vermeiden ist, daß also auch die rätselhafte Eigenschaft der
Runden Darmwand, eine Grenzwand für die Darmbakterien darzu-
auf diese physikalischen Verhältnisse zurückzuführen ist.
Es ist also der physikalische, innere Spannungszustand der ge-
si-hlnspcneu Zelle, die von der Blutcirculation durch Produktion be-
>tuuiMn Substanzen immer wieder neu erzeugte Oberflächenspannung
-- medizinisch gesprochen — die Sukkulenz der Zelle, welche ihr eine
großo Inabhängigkeit gegenüber den osmotischen Einflüssen ihrer
U'gfbung verschallt und so auch gegen die Einwirkung der Ver-
nauungsfermente schützt.
dieser Erkenntnis ist unserm Vorgehen ein Fortschritt er-
moglicht. Wir brauchen nicht abzuwarten, daß die Verdauungslösung
•uits vMilaui. was nicht mehr unversehrte Zelle ist und halt macht
J 0r d° r gesunden Zelle; wir können die Grenze des Gesunden erweitern,
l’P Wlr mit möglichster Unterstützung des Kreislaufs herbeiführen,
nr li > ■ den matschen, verwässerten Charakter verliert,
li -Iv f 'P aTmiin #* erlangt- und so wird, wie die jungen Granulationen,
„ n e , DK 'm nur gegen Infektionen einen hohen Schutz besitzen, sondern
£ e k r( m die verdauende Wirkung besonders geschützt sind.“
Tatsächlich hat die praktische Anwendung des künst¬
ln Magensafts in zahlreichen Fällen, bei Wunden in den
verschiedensten Regionen, bei stunden-, ja tagelanger An¬
wendung die Ungefährlichkeit gegenüber dem gesunden Ge-
zur Genüge bewiesen. Immerhin wird es sich aber j
empfehlen, bei bloßliegenden Sehnen, Nerven und Blutgefäßen
dieselben durch eine vaselingetränkte, hydrophile Gaze ent¬
sprechend zu schützen. Zu befürchten waren ja wohl in erster
Linie Nachblutungen, und zwar nicht etwa infolge von
Arrosion der Gefäße, sondern infolge allzurascher Abstoßung
der nekrotischen Gewebsmassen, eine Befürchtung, die mich
veranlaßte, in einigen Fällen auf die Gefahr einer Nachblutung
aufmerksam zu machen und die entsprechenden Anordnungen
zu treffen. In keinem Fall ist aber eine solche eingetreten,
die der Einwirkung des künstlichen Magensafts zuzuschreiben
wäre.
Wohl beobachteten wir bei einem Tiroler Kaiserjäger, der einen
Schuß durch den Oberschenkel erhielt und bei dem die ganze linke
Gesäßhälftc gangräiiescierte und nach der Demarkation abgetragen
wurde, wodurch ein annähernd kreisrunder Substanzverlust mit einem
Durchmesser von zirka 20 cm resultierte, während der Behandlung eine
schwere Nachblutung, die aber sicher nicht eine Folge der Anwendung
des künstlichen Magensafts war. Schon bei der Operation habe ich
auf die Möglichkeit, ja sogar Wahrscheinlichkeit einer solchen hinge¬
wiesen. Die starke Blutung, offenbar aus der Art. glut., wurde durch
Umstechung gestillt und die Behandlung mit dem künstlichen Magen¬
säfte fortgesetzt, worauf eine rasche Abstoßung der gangränösen Fetzen
und Reinigung der Wundhöhle erfolgte. Heute ist der große .Substanz¬
verlust mit gesunden Granulationen ausgefüllt und wird plastisch ge¬
deckt "werden.
Das Verfahren der Behandlung gangränöser Wunden
mit dem künstlichen Magensaft ist, ich wiederhole es noch¬
mals, äußerst einfach. Die notwendigen Materialien sind die
Salzsäure-Pepsinlösung, die leicht zu beschaffen ist und zu
deren Herstellung Freund das Pepsin W i 11 e empfiehlt,
und ein Heißluftapparat oder Thermophor. Es empfiehlt sich
nämlich, die Verdauungsflüssigkeit lauwarm zu applizieren,
da sie sonst ziemliche Schmerzen verursacht. Wir ver¬
wendeten die Flüssigkeit in Form von Bädern, Umschlägen
und als permanente Irrigation, und erzeugten die gewünschte
Körpertemperatur durch elektrische Heißluftapparate. Damit
erscheint jedoch die Anwendung keineswegs erschöpft, auch
große Höhlen kann man, ohne dieselben breit zu eröffnen, der
Behandlung unterziehen, indem man die Flüssigkeit mittels
eines Dampfsprays auf die betreffenden Höhlen einwirken läßt.
Ich bin überzeugt, daß man bei jeder Wunde, ohne Rücksicht
auf den Sitz, durch entsprechende Lagerung des Kranken und
mittels kleiner technischer Hilfsmittel die Anwendung des
künstlichen Magensaftes ermöglichen kann. Recht gut be¬
währt hat sich speziell bei Wunden im Bereiche der Wade
eine ganz lose Umhüllung mit Billrothbatist, die ober- und
unterhalb der Wunde gegen den Unterschenkel mit einem
Heftpflaster gut abgeschlossen wurde und die nun, mit der
Verdauungsflüssigkeit angefüllt, vollkommen ein Bad ersetzte.
So plausibel mir auch die theoretischen Ausführungen
Freunds waren, so skeptisch war ich in bezug auf die
praktischen Erfolge, da es mir sehr unwahrscheinlich schien,
daß der künstliche Magensaft diese schmierigen und gangrä¬
nösen Wunden rascher reinigen könne, als unsere oft so"be-
währten und erprobten Mittel, insbesondere das permanente
Wasserbad. Um so mehr war ich überrascht, als ich mich
schon nach kurzer Behandlungszeit, in manchen Fällen schon
nach wenigen Stunden, von der Vortrefflichkeit dieses Mittels
überzeugen konnte. Große Wunden, die schon längere Zeit
behandelt wurden und die auch im permanenten Wasserbade
keine auffallende Aenderung zeigten, waren nach zweitägiger
Behandlung schon derart verändert, daß man diese Besserung
nur der neuen Behandlungsmethode zuschreiben konnte. Wir
sahen raschen Schwund des schmierigen Belags und ebenso
rasche Abstoßung der gangränösen Fetzen, wobei gleichzeitig
die oft schweren Allgemeinsymptome schwanden, das Fieber
oft kritisch abfiel. Die Granulationsbildung war eine äußerst
lebhafte, und ich muß gestehen, daß ich noch niemals durch
die Einwirkung irgendeines uns bekannten Mittels so lebhafte
und gesunde Granulationen entstehen sah, wie durch die Ein¬
wirkung des künstlichen Magensafts.
Ich erwähnte schon, daß wir das Mittel öfters auch tage¬
lang angewendet haben, ohne die geringsten Xebenorsohei-
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Original frnrri
UMIVERSITY OF IOWA
300
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11.
14. März.
nungen zu beobachten; nur bei einem der letzten Fälle traten i
so heftige Schmerzen auf, daß die Behandlung unterbrochen I
werden mußte. Es handelte sich um einen zirka handteller¬
großen, ziemlich frischen Weichteilschuß der Wade mit i
mäßigem eitrigen Belag.
Die Dauer der Behandlung war eine sehr verschiedene. !
Am raschesten reagierten natürlich jene Wunden, welche
direkt in ein Bad mit der Verdauungsflüssigkeit gelegt werden I
konnten, wo die Salzsäure also ihre Wirkung am intensivsten j
entfalten konnte. Legten wir nur mit Verdauungsflüssigkeit i
getränkte Tupfer auf, so mußten dieselben, je nach der ,
Sekretion, fleißig, oft zweistündig und öfter, erneuert werden, i
Zur Illustration der Wirkung lasse ich kurz den Auszug i
einiger Krankengeschichten folgen: !
M. R., Inf.-Reg. 21. Schußwunde des linken ITnterschenkfl& j
Einschuß vom, über zweihandtellergroßer Ausschuß an der Wade. 1
Die Wunde zerklüftet, schmierig belegt, stellenweise gangränös. Starke
jauchige Sekretion.
Beginn der Behandlung mit HCl-Pepsin am 5. November. Am
10. November fast die ganze Wunde gereinigt, die Abstoßung der
gangränösen Fetzen erfolgt ungewöhnlich rasch, ebenso lebhafte
Granulationsbildung.
Am 1. Dezember Wunde vollkommen gereinigt. j
J. R., Inf.-Reg. 21. Verletzt am 22. September durch Gewehr¬
schuß. Sehr großer Weichteildefekt, fast die ganze Wade betreffend.
Die Muskulatur und Sehnen hängen in Fetzen heraus, zum Teil voll¬
ständig nekrotisch. Die ganze Wunde schmierig belegt, starke jauchige j
Sekietion. !
Beginn der HCl-Pepsinbehamllung am 25. September. j
Am 29. September stoßen sich große nekrotisch^ Partien ab.
Beginn der Granulationsbildung.
Am 6. Oktober Wunde vollkommen rein granulierend. All- 1
gemeinbefinden sehr gut. Patient andauernd fieberfrei. j
A. L., T.K.J. Nr. 3. Verletzt am 11. September. Schrapnell- 1
schuß des rechten Unterkiefers mit Fraktur und ausgedehnter Zer- j
tilimmerung des Knochens. Geber handtellergroße, jauchig eitrige ;
Wundhöhle, die mit nekrotischen Massen bedeckt ist.
Vom 16. September bis 20. September HCl-Pepsinbehandlung. 1
täglich mehrmaliger Verbandwechsel. j
22. September. Sekretion hat merklich abgenommen. Wunde ,
beginnt sich zu reinigen.
8. Oktober. Wunde gereinigt, fast in ganzer Ausdehnung rein J
granulierend. Patient begibt sich in zahnärztliche Behandlung. j
D. J., Inf.-Reg. N r. 29. Verletzt am 28. August. Schrapnell- j
schuß am linken Vorderarme. Handtellergroße gangränöse Wundhöhle :
mit starker jauchig eitriger Sekretion, Muskel und Sehnen zerfetzt, j
Knochen intakt.
Vom 2. September bis 6. September permanentes Wasserbad. j
Am 6. September HCl-Pepsinbehandlung. Am 10. September
Wunde teilweise gereinigt, mäßige Sekretion. i
Am 16. September* Wunde rein granulierend. Salbenverband.
H. P., Landw.-Inf.-R eg. Nr. 9. Verletzt am 31. Oktober j
durch Gewehrschuß. Komplizierte Unterschenkelfraktur mit einem
apfelgroßen, zerfetzten, schmierig eitrig belegten Ausschuß.
Beginn der HCl-Pepsinbehandlung am 8. November. Getränke
Tupfer öfters im Tage gewechselt. Am 12. November nekrotisches
Oe webe abgestoßen. Abnehmende Sekretion. 18. November lebhafte
Oranulationsbildung. Geringe Sekretion.
S J Inf.-Reg. Nr. 6. Verletzt am 5. November. Granat¬
schuß in der linken Schultergegend. Großer, jauchender, 18 cm im
Durchmesser betragender Defekt der linken Schulter mit vollständiger
Zertrümmerung des Schultergelenks, dessen Fragmente bloßhegen.
Patient, der sich in einem sehr elenden Zustande befindet, wird ins
Wasserbett gelegt, wo er sich etwas erholt. Am 11. November Beginn
der HCl-Pepsinbehandlung. Am 19. November große nekrotische
Partien abgestoßen. Rasche Erholung. Am 25. November Wunde fast
in ganzer Ausdehnung granulierend, mäßige Sekretion. Salbenverband.
K. J., I n f. - R e g. Nr. 65. Verletzt am 4. November. Gewehr¬
schuß durch den rechten Handrücken. Die ganze Vola eine zerfetzte,
i'iuehig secernierende Wunde mit zahlreichen nekrotischen Knoehen-
oartikeln. Die Sehnen zerrissen und teilweise nekrotisch.
* Beginn der HCl-Pepsinbehandlung am 9. November, vom
14 November in Form von Handbädern. Am 18. November Abstoßung
der nekrotischen Partien. Beginnende Reinigung. Am 3. Dezember
Wunde vollkommen rein, lebhafte Granulationsbildung.
j I n f. - R e g. Nr. 67. Verletzt am 3. November. Gewehr¬
schuß des rechten Oberschenkels. Uebcr handtellergroßer, zerfetzter,
stark secernierender Ausschuß an der Beugeseite. Einschuß klein,
wenig secernierend. Vom 8. November bis 12. November im Wasser¬
bett Am 12. November Schwebeextension und Beginn der HCl-
Pepsinbehandlung. Am 18. November Wunde rein, lebhafte
Granulationsbildung. Trockenverband.
W\ H„ K a i s e r j ä g e r - R e g. Nr. 1. Verletzt am 22. November.
Gewehrdurchschuß durch den linken Oberschenkel mit Fraktur unter¬
halb des Trochanters. Gangrän der linken Gesäßhälfte. Am
25. November Extension im Wasserbett. Am 27. November Abtragung
der nektrotischen Haut und Glutäalmuskulatur.
Am 5. Dezember Beginn der HCl-Pepsinbehandlung, da Patient
hooh fiebert und die Wunde sieh nicht reinigt.
Am 7. Dezember Beginn der Abstoßung und Reinigung.
Am 11. Dezember bei teilweise gereinigter Wunde starke arterielle
Blutung, die durch Umstechung gestillt wird, Behandlung fortgesetzt.
20. Dezember Wunde rein granulierend.
B. A., Inf.- R e g. N r. 65. Verletzt am 23. November. Gewehr¬
schuß durch den rechten Unterschenkel mit Fraktur beider Knochen.
Handtellergroße gangränöse Wunde an der Wade mit jauchiger
Sekretion.
Vom 25. November bis 1. Dezember Schienenbehandlung. Hohes
Fieber. Am 2. Dezember Beginn der HCl-Pepsinbehandlung. Be¬
rieselung der Wunde, vom 4. Dezember getränkte Tupfer. Am
12. Dezember Wunde rein, Allgemeinbefinden gut.
F. B., Inf.-Reg. Nr. 21. Verletzt am 22. November. Granat¬
schuß des Vorderarms. Mehr als handtellergroßer Weich teildefekt
der Ulnarseite des Vorderarms, bis an das Ellbogengelenk reichend.
Die Wunde schmierig belegt, teilweise nekrotisch.
Vom 30. November wird die Wunde täglich mit in HCl-Pepsin
getränkten Tupfern bedeckt, die halbstündig gewechselt werden. Am
4. Dezember Wunde bereits gereinigt. Salbenverband.
Q. M.. H a n v. - R e g. N r. 9. Verletzt am 24. November.
Schrapnelldurchschuß durch den linken Oberarm. Großer Defekt der
Weichteile, der schmierig belegt, teilweise gangränös ist.
Am 29. November Einlegen von mit HCl-Pepsin getränkten
Tupfern, 4. Dezember Wunde fast rein, geringe Sekretion.
J. M., Inf.- Re g. Nr. 25. Verletzt am 20. November. Gewehr¬
schuß durch die linke Mittelhand. Einschuß an Vota hellergroß, Aus¬
schuß am Dorsum mit einem Defekt der Weichteile, der das ganze
Dersum betrifft. Die Wunde stark belegt und stark secernierend. HCl-
Pepsinbehandlung, halbstündlich werden die getränkten Tupfer ge¬
wechselt. Am 2. Dezember ist die Wunde gereinigt und gut
granulierend.
Bei allen diesen schweren Verwundungen hat sich die
Salzsäure-Pepsinbehandlung glänzend bewährt, und ich kann
wohl behaupten, daß sie in einigen Fällen direkt lebensrettend
wirkte, da Hand in Hand mit der raschen Reinigung der
Wunde die oft schweren Allgemeinerscheinungen rasch zurück¬
gingen. Wir verwendeten das Mittel nur bei offnen,
gangränösen, schmierig belegten Wunden, niemals bei
phlegmonösen Prozessen im akuten Stadium, für die (las
permanente Wasserbad auch weiterhin das souveränste Mittel
bleiben wird.
Seit mehr als vier Jahren bin ich ein unbedingter An¬
hänger dieses vorzüglichen Heilverfahrens bei schweren
phlegmonösen Eiterungen und habe mit keiner andern Be¬
handlungsmethode so günstige Resultate erzielt. Es wirkte
ebenfalls in zahlreichen Fällen geradezu lebensrettend. Erst
vor wenigen Wochen hat Riehl auf dieses von Hebra m
die Therapie eingeführte Heilverfahren aufmerksam gemacht
und betont, daß die glänzenden Resultate bei der Behandlung
schwerer Phlegmonen besonders den jüngeren Kollegen als
Novum imponierte. Riehl machte auch den Vorschlag, bei
dem großen Mangel an Wasserbetten — unser Spital besitzt
nur deren zw r ei — provisorische, kontinuierliche Bäder einzu-
riehten. w r as wohl im Interesse der Verwundeten sehr zu be¬
grüßen wäre. Die Hauptvorteile dieser Behandlung sinn-
gründlicher Abfluß der Sekrete und vor allem der Wegfall des
Verbandwechsels, der für die Kranken nicht nur sehr schmerz¬
haft, sondern unter Umständen auch schädlich sein kann, da
er nicht selten von Temperatursteigerungen gefolgt ist. Sehr
gut bewährt hat sich das permanente Wasserbad auch bei
phlegmonösen Prozessen, wo es noch zu keiner ausgesprochenen
Eiteransammlung gekommen war. Diese Fälle, bei denen oft
die Wahl schwer fällt, wo man incidieren soll, legte ich vor¬
erst ins Wasserbad und sah Phlegmonen vollkommen zurück-
gehen, oder aber es genügte in einigen Tagen eine kleine
Ineision, in keinem Falle sah ich eine Progredienz des
Prozesses. Nicht unerwähnt möchte ich auch lassen, daß die
oft heftigen Schmerzen durch das Wasserbad sehr günstig
I beeinflußt werden.
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301
11. März.
191S — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11.
Für die schweren Phlegmonen im Bereiche der Hand
und des Vorderarms habe ich mir längliche Gefäße anfertigen
lassen, die am Bettrand entsprechend befestigt werden und die
nur den einen Nachteil haben, daß das Wechseln des Wassers
mit einigen Umständen verbunden ist. Für alle übrigen
phlegmonösen Prozesse standen mir zwei gut eingerichtete
Wasserbetten zur Verfügung, die sich besonders bei den
schweren komplizierten Splitterfrakturen im Bereiche der
unteren Extremitäten mit starker eiteriger Sekretion glänzend
bewährten. Frakturen des Unterschenkels wurden mit einer
hinteren Holzsehiene, welche die Fragmente entsprechend
fixierte, die Wunden aber vollkommen frei ließ, in das Wasser¬
bett gelegt. Bei den Frakturen des Oberschenkels bewährte
sich aber bestens die Extensionsbehandlung, die genau wie
iin Extensionsbett ausgeführt wurde. An Stelle des Heft¬
pflasters wurde die Gradlbinde angelegt. Schon nach wenigen
Tagen waren die meist hochfiebernden Kranken fieberfrei,
und das Allgemeinbefinden, besonders der Appetit besserten
sich zusehends. Nur bei Patienten, bei denen es zu ausge¬
dehnten Nekrosen kam, hielten die Temperatursteigerungen
oft durch viele Wochen an. Auf diese Weise gelang es,
Extremitäten zu erhalten, die bei der ausgedehnten Zer¬
trümmerung der Knochen und Weichteile fast unrettbar
schienen.
Rei dem großen Verwundetenmaterial, das auf meiner Abteilung
aufgenomnien wurde, habe ich nur in zwei Fällen wegen schwerster
Zertrümmerung und Phlegmone des Unterschenkels die Amputation
ausgeführt, und zwar hauptsächlich wegen der schweren Allgemein-
rrsrheinungen, die auch im Wasserbette nicht schwanden. Beide Fälle
sind hei normalem Amputationsstumpfe gestorben, der eine 14 Tage,
der andere vier Wochen nach der Operation, und in beiden Fällen
fand man bei der Obduktion multiple Abscesse in den inneren Organen,
also Fälle, die wohl von vornhinein verloren waren.
Daß bei so schweren Verletzungen Verkürzungen der
Extremitäten, Contracturen und Ankylosen der Gelenke un¬
vermeidlich sind, ist wohl leider nicht zu vermeiden. Immer¬
hin bin ich der Ansicht, daß für die Mehrzahl der so schwer
Verwundeten schon mit Rücksicht auf ihre soziale Stellung
und ihren Wohnort am Lande, wo eine Reparatur der Pro¬
thesen ganz ausgeschlossen ist, die schlechteste eigne Ex¬
tremität ungleich vorteilhafter ist, als die beste Prothese.
Vorliegende Zeilen verfolgen nun hauptsächlich den
Zweck, die Aufmerksamkeit der Fachkollegen auf die neue
Freund sehe Behandlung gaigränöser Wunden mit dem
künstlichen Magensaft zu lenkei , deren große Vorteile und die
Inschädlichkeit gegenüber dem gesunden Gewebe auf meiner
Abteilung zur Genüge eq)robt wurden und die ich ihnen zur
Nachprüfung bestens empfehlen kann.
In Wien hat außer mir noch Gagstatter im Reservespital
>r. IV gangränöse Wunden mit der VerdauungsfJiissigkeit behandelt
lind äußerte sich im Anschluß an die Mitteilungen Freunds eben¬
falls äußerst günstig über die erzielten Resultate.
Die Versorgung des Feldheeres mit
zahnärztlicher Hilfe
Privatdozent Dr. Feiler, Breslau,
Oberarzt der Reserve und Bataillonsarzt (im Felde).
Die Versorgung des Heeres mit zahnärztlicher Hilfe im
frieden ist seit langem Gegenstand ausgedehnter Besprechungen.
7? muß unbedingt zugegeben werden, daß im letzten Jahrzehnt in
user Beziehung außerordentlich viel geschehen ist. Die Heeres¬
verwaltung hat sich durch Abkommandierung von Sanitätsoffi¬
zieren zu den zahnärztlichen Universitätsinstituten einen Stamm
1 0D approbierten Zahnärzten geschaffen, der in den größeren
><vrnisonlazaretten an eigens eingerichteten zahnärztlichen Sta-
p°hf D aus ?edehnte Tätigkeit ausübt; handelt es sich doch
!* nur um die Beseitigung akuter Beschwerden möglichst
H ( * er betroffenen Zähne, sondern vielmehr, und das
Richtigere, um die Erhaltung der Dienstfähigkeit hei Unter-
Mannschaften durch Erhaltung der vorhandenen
1 Ersatz verlorengegangener Zähne. In kleineren Garnisonen
leisten vertraglich verpflichtete Zahnärzte in ihrer Privatpraxis die¬
selben Dienste. Die Zahl der zahnärztlichen Hilfskräfte könnte
durch Abkommandierung approbierter Zahnärzte während ihrer
aktiven Dienstzeit erheblich vermehrt werden. Doch macht dies
und damit die Bereitstellung zahlreicherer zahnärztlicher Hilfskräfte
für das Friedensheer Schwierigkeiten durch die unklare Stellung,
in die die Zahnärzte während ihrer einjährig-freiwilligen Dienst¬
zeit durch Abkommandierung zur zahnärztlichen Station kommen.
Während der Mediziner selbstverständlich sein zweites halbes Jahr
als einjährig-freiwilliger Arzt im Rang eines Offizierstellvertreters
ableistet und danach zum Sanitätsoffizier befördert wird, ebenso
wie der Apotheker, der danach zum höheren Beamten mit Offi¬
ziersrang befördert wird, steht der in seinem zweiten Halbjahr ab¬
kommandierte Zahnarzt nur im Rang eines Gefreiten und ver¬
zichtet durch die Abkommandierung auf weitere Beförderung, so-
daß es naturgemäß schwer ist, freiwilligen Ersatz und freiwillige
Tätigkeit von Zahnärzten in den Garnisonlazaretten zu erlangen.
Das Bestreben der Zahnärzte geht nun seit langem dahin, ln An¬
betracht der notwendigen Versorgung des Friedensheeres mit zahn¬
ärztlicher Hilfe eine Aenderung der Stellung und Dienstpflicht der
Zahnärzte im Sinne der Dienstpflicht der Aerzte zu erlangen.
Im Feldheer ist diesen Bestrebungen bereits zum Teil
Rechnung getragen. Es sind bei jeder Kriegslazarettabteilung zwei
Zahnärzte vorgesehen, die an den Kriegs- beziehungsweise Etappen¬
lazaretten beschäftigt werden und mit einem „zahnärztlichen
Kasten“ ausgerüstet sind. Sie sind höhere Beamte mit Offiziers¬
rang und haben also hier eine ihrer sozialen Stellung entsprechende
Stellung, wenn auch mit Recht eine Gleichstellung mit den Aerzten
angestrebt wird. Um zu sehen, ob ihre Zahl und ihre Ver¬
wendung in der Etappe für die Versorgung des Feldheers mit
zahnärztlicher Hilfe genügt, muß man sieh die Aufgaben des Zahn¬
arztes im Felde sow ie die für seine Tätigkeit in Betracht kommen¬
den Formationen vergegenwärtigen.
Die Aufgaben des Zahnarztes im Felde sind erheblich viel¬
seitiger als die des Friedenszahnarztes. Sie zerfallen, ebenso wie
der Krieg und mit diesem, und ebenso wie die Tätigkeit der Sani¬
tätsformationen in diesem Krieg, in zwei grundverschiedene Teile.
Wie dieser Feldzug in den wohl bei allen Formationen gleichen
beiden Phasen des Angriffskriegs mit offner Feldschlacht und des
Stellungskriegs gänzlich verschiedene Anforderungen an sämtliche
Glieder stellt, so fordert er auch von dem Sanitätspersonal die
Erfüllung gänzlich verschiedener Aufgaben.
Die offne Feldschlacht erfordert nach der Kriegssanitäts¬
ordnung eine möglichst sofortige Versorgung der Verwundeten zur
Rückbeförderung an die Etappe, zur Evakuation aus dem Ope¬
rationsgebiete, der Stellungskrieg mit seiner relativ ganz geringen
Zahl von Verwundungen stellt an die Aerzte mit wenigen Aus¬
nahmen nur die Anforderungen und fordert die Ausübung nur
der Tätigkeit, wie sie sonst in der Garnison geübt w ird, Aufsicht,
und Anordnung hygienischer Vorkehrungen und Kranken-
behandlung.
So zerfällt auch der Dienst des Kriegszahnarztes in Ver¬
wundeten- und Krankenversorgung. Bei den Verwundungen
handelt es sich bei der Behandlung durch den Kriegszahnarzt im
wesentlichen um Gesichts- und Kieferschüsse, um Zusammen¬
arbeiten mit dem Chirurgen bei Versorgung derartiger Verwun¬
deter und um Sicherstellung ihres Transports zur Etappe und
in die Heimat. Sie besteht in der jetzt einmütig anerkannten mög¬
lichst sofortigen Anlage von Schienenverbänden, sofern nicht, wie
es allerdings nicht selten ist, große Weichteilverletzungen die so¬
fortige Anlage einer Schiene kontraindizieren. Der Beikasten zum
zahnärztlichen Kasten des Feldzahnarztes enthält eine große An¬
zahl fertiger, insbesondere der S c h r o e d e r scheu Schienen, deren
große Einfachheit ihnen ihre überragende Bedeutung verschafft hat.
Der Einwuirf, daß Gesichtsschüsse meist nach Vornahme eines
Verbandes der Weichteilwunden transportfähig sind, läßt sich
nach meinen Erfahrungen in einem Feldlazarett, w'o wir bei der
außerordentlichen Häufigkeit multipler Verletzungen durch In¬
fanterie- und Schrapnellschüsse mehrfach Gesichtsschüsse in Ver¬
bindung mit Oberschenkelfrakturen, Bauch- und Lungenschüssen
sahen, bei denen an sofortigen Abtransport nicht zu denken war,
nicht aufrechterhalten.
Auf dem Vormarsche wird wohl ein Bedürfnis nach Zahn¬
ärzten zwecks Konservierung der Zähne bei der kämpfenden
Truppe zu den Seltenheiten gehören und nicht anzuerkennen sein.
Dagegen macht sich beim Stellungskriege naturgemäß ein ver¬
mehrtes Bedürfnis hiernach geltend. Hier hat der Zahnarzt, ebenso
wie der Arzt, ähnliche Pflichten und ähnliche Tätigkeit wie in
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UNIVERSUM OF IOWA
ÜOä 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11. 14. März.
der Garnison; hier hat er wie der Arzt für Erhaltung der Gesund¬
heit und für Bekämpfung auftretender Krankheiten auf seinem
Spezialgebiete zu sorgen; die chirurgisch-technische Tätigkeit tritt
hier zurück hinter der rein zahnärztlichen, der konservierenden
Behandlung erkrankter Zähne und dem Ersätze verlorengegangener
beziehungsweise der Wiederherstellung zerbrochener und verloren¬
gegangener Zahnersatzstücke zur Erhaltung der Felddienstfähig¬
keit. l)ie Zähne der seit Monaten in den Schützengräben Hegenden
Soldaten sind trotz des dauernden Kauens von Kommißbrot, das
ja von vielen Zahnhygienikem als die für die Zähne zuträglichste
Nahrung bezeichnet wird, bei der mangelhaften Reinigung großen
Schädlichkeiten ausgesetzt. Dies macht sich in der großen Zahl
der sich wegen Zahnschmerzen beim Truppenärzte krankmeldenden
Soldaten bemerkbar, und die Anzahl derer, die durch Verlust oder
Beschädigung ihres Gebisses bis zur Wiederherstellung felddienst¬
unfähig werden, ist nicht unerheblich. In welchem Maß und an
welcher Stelle kann hier zahnärztliche Hilfe einsetzen und ver¬
langt werden?
Betrachten wir kurz die Sanitätsformationen, die hierfür in
Betracht kommen: Im Vormarsche: Truppenärzte mit Truppen¬
verbandplatz, Sanitätskompagnie mit Hauptverbandplatz, Feld¬
lazarett und Kriegslazarett. Im Stellungskriege gestaltet sich der
Sanitätsdienst etwas anders, da die Sanitätskompagnie häufig
nahezu ganz ausfällt, wenigstens was ihren ärztlichen Teil be¬
trifft. Sie wird hauptsächlich nur zum Transport von Verwundeten
und Kranken von der Truppe nach dem nunmehr stationären Feld¬
lazarett verwandt. Anderseits richten jetzt die meisten Truppen
Sanitätsunterstände beziehungsweise Revierkrankenstuben ein zur
Behandlung Leichtkranker, wie in der Garnison. Wir haben
hier also Truppenärzte mit Revierkrankenstuben, stationäres Feld¬
lazarett und Kriegslazarett.
Bestimmungsgemäß soll nun zahnärztliche Hilfe erst im
Kriegslazarett einsetzen, oder der Zahnarzt soll nötigenfalls mit
seinem „zahnärztlichen Kasten“ vom Feldlazarett angefordert
werden. Die Kriegslazarettabteilungen befinden sich nun aber
so weit hinter der Front, daß an eiue Ueberweisung von Mann¬
schaften der kämpfenden Truppe wegen Zahnschmerzen an den
Zahnarzt im Kriegslazarett nicht die Rede sein kann. Sie würden
dadurch für mehrere Tage dem Dienst entzogen werden. Ander¬
seits läßt sie sich nicht umgehen bei Leuten mit beschädigten
künstlichen Gebissen, da diese hierdurch felddienstunfähig werden,
nach den Bestimmungen, wie auch durch die Unmöglichkeit, das
sonst ungewohnte Kommißbrot zu zerkleinern. Diese müssen den
Kriegslazaretten überwiesen werden und werden für längere Zeit
der Front entzogen.
Wohl aber ließe sich dies mit Leichtigkeit im Feldlazarett
erreichen, falls diesem chirurgisch ausgebildete zahn¬
ärztliche Kräfte beigegeben beziehungsweise zur Verfügung gestellt
werden. Zu diesem Zwecke wäre es notwendig, daß bei jedem
Korps für die zu ihm gehörenden zwülf Feld lazarette zwei oder
drei Feldzahnärzte zur Verfügung stehen, entsprechend der
Mindestzahl der erfahrungsgemäß bei einem Korps gleichzeitig
eingesetzten Feldlazarette. Der Versuch der Einführung ließe
sich fürs erste auch mit einem Zahnarzte bewerkstelligen. Diese
werden am besten und einfachsten mit dem Automobil des kon¬
sultierenden Chirurgen, oder mit dem Beamtenwagen des Feld¬
lazaretts, beziehungsweise einem zu requirierenden Wagen (ein
Wagen ist notwendig zwecks Herbeischaffung des zahnärztlichen
Kastens) bei der Etablierung des Feldlazaretts dorthin gebracht
und bis zur Etablierung eines neuen bei diesem verbleiben. Im
Vormärsche würde auf diese Weise die rechtzeitige Anlegung von
Kieferschienen auch bei aus andern Gründen nicht transportfähigen
Verwundeten, im Stellungskriege würde damit für eine auch im
zahnärztlichen Sinne, der die Extraktion schmerzender Zähne als
Kunstfehler zu betrachten gewohnt ist, genügende zahnärztliche
Behandlung gesorgt sein, und es würden besonders im Stellungs¬
kriege dem Heer eine Menge Soldaten felddienstfähig erhalten
werden, die sonst für mehr oder weniger lange Zeit ausfallen. Die
größeren Kosten würden zum großen Teil wieder wettgemacht
durch Ersparnisse an Transportmitteln und Personal für die wenigen
Leute, die augenblicklich zahnärztliche Hilfe genießen, und die
Heeresverwaltung steht ja auch sonst stets auf dem Standpunkte:
Für die kämpfende Truppe ist das Beste gerade gut genug. Die
zahnärztliche Hilfe käme durch Einstellung von Zahn¬
ärzten bei d e n F e 1 d 1 a zarett e n mehr als bisher nicht
Smr den bei den Kolonnen beschäftigten Leuten zugute, sondern
vor allem der kämpfenden Truppe.
Diese Forderungen, die ja die bestehenden Bestimmungen
nur um weniges erweitern beziehungsweise ihre Ausführung er¬
leichtern wellen, werden wohl schon bei einzelnen Formationen
erfüllt, sicher nicht bei allen. Notwendig allerdings wäre vor
allem, daß die Oberaufsicht über die Feldzahnärzte durch in
höherem Range befindliche, dem Korps- oder Armeearzte direkt
unterstehende approbierte Zahnärzte ausgeübt würde, die allein be¬
urteilen können, welche Leistungen von den Feldzahnärzten ver¬
langt werden können und vor allen Dingen unbedingt verlangt
werden müssen. _
Aus der Ortskrankenstube der Res.-San.-Komp. 12
(Chefarzt: Stabsarzt Dr. H a s).
Zur Typhusdiagnose im Felde
von
Stabsarzt Dr. Mülhens, Eitorf (Sieg).
Zur Sicherung der Diagnose auf Typhus abdominalis hatten
wir [Oberarzt Dr. Feh res (Kreuznach) und Verfasser) hier im
Felde neben der Verwertung der klinischen Symptome in den
meisten Fällen die Blutuntersuchung auf Typhusbacillen zu Hilfe
genommen. Diese Untersuchung fand in einem nahegelegenen
Feldlazarett (Oberarzt Dr. Basten) statt; aber trotz möglichster
Beschleunigung konnte vor Ablauf von drei Tagen kein Resultat
erwartet werden. Gerade im Stellungskriege war bei den be¬
schränkten Unterkunftsverhältnissen unserer Sanitätskompagnie,
durch die alle typhusverdächtigen Erkrankungen der Divisen
gingen, im Interesse einer möglichsten Vermeidung von Kon¬
taktinfektionen eine schnelle Trennung der infektiösen und nicht-
ansteckenden Kranken notwendig.
Dazu kam, daß die zu untersuchenden Mannschaften bereits
seit über drei Wochen zum dritten Male gegen Typhus geimpft
waren. Die geimpften Fälle verliefen fast alle außerordentlich
leicht und ließen auch fast stets septische Erscheinungen vermissen,
sodaß von dem Ergebnis der Blutuntersuchung auf Typhusbacillen
eine völlige Klärung aller Fälle, ob Typhus vorlag, nicht mit voller
Sicherheit zu erwarten war. Infolge dieses leichten Verlaufs sahen
wir die Fälle meist frühestens in der zweiten Woche. Es war
demnach zu erwarten, daß die Diazoreaktion uns näheren Auf¬
schluß geben würde.
Um eine möglichst einfache Untersuchungsmethode zu haben,
führten w j ir die Untersuchung nach der von Weiß angegebenen
Modifikation aus, und zwar in der von Rhein 1 ) veröffentlichten
vereinfachten Form, die infolge ihrer Einfachheit und leichten
Ausführbarkeit im Feld außerordentlich gut anwendbar ist. (Divi¬
sionsarzt Generaloberarzt Dr. B ii c k e r machte uns auf den Auf¬
satz aufmerksam I ). Ob die W e i ß sehe Probe ein vollwertiger
Ersatz der Diazoreaktion nach Ehrlich ist, kann natürlich hier
nicht entschieden werden.
Wir verdünnten einige Tropfen des Urins mit destilliertem
Wasser bis zur Wasserhelle, fügten ein Krvstallchen «-Kalium per-
manganicum hinzu und schüttelten; bei positivem Ausfälle wird
die Probe goldgelb, bei negativem entsteht eine bräunliche Sus¬
pension.
Nun zeigte sich bei allen verdächtigen Fällen ein positiver
Ausfall der Probe; dies Resultat stimmte aber mit dem Ergebnisse
der Blutuntcrsuchung auf Bacillen meist nicht überein, was frei¬
lich auch aus den oben angegebenen Gründen nicht stets zu er¬
warten war. Daraufhin untersuchten wir den Urin aller durch¬
gehenden Kranken sowie auch Gesunder, darunter mehrerer
Aerzte, die niemals Zeichen von Typhus gehabt hatten. Wir
fanden bei fast allen deutlich positiven Ausfall, niemals negativen.
Nach den positiven Angaben Rheins konnte cs sich nicht
um einen Fehler der Probe, sondern eher um eine Fehlerquelle des
Harnes der Untersuchten handeln. Wir vermuteten, daß die er¬
folgte Impfung im Körper einen ähnlichen Vorgang auslöse, wie
es der Verlauf des Typhus tue, sodaß auch nach erfolgter Impfung
Diazoreaktion des Urins auf tritt. Dafür spricht auch die Beob¬
achtung Dünners 2 ), der bei den meisten Geimpften einen posi¬
tiven Ausfall der W i d a 1 sehen Reaktion fand. (Der Aufsatz
kam erst nach Abschluß der hiesigen Untersuchungen zu meiner
Kenntnis.)
Diese Vermutung bestätigte sich. Beim Eintreffen von Lr-
J ) FeldUrztl. Beilage der M. m. W. Nr. 13.
a ) B. kl. W. 1915, Nr. 3.
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14. März.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11.
3Ü3
satztruppen konnten wir den Urin von einem erst einmal und dreien
noch nicht geimpften Mannschaften untersuchen. Bei ersterem fiel
die Probe zweifelhaft, bei dein drei letzteren negativ aus.
Aus unsern Beobachtungen ergibt sich, daß die Weiß sehe
Probe bei geimpften Individuen zur Klärung der Typhusdiagnose
nicht beitragen kann. Es ist ihre Anwendung infolgedessen auch
Klinische
lieber Diabetes mellitus im Anschluß an
Vaccination
Von
Prof. Dr. med. Hermann Eichhorst, Zürich.
(Klinische Epikrise.)
M. H.l Wir haben uns vorgestern mit einem 26 jährigen
Soldaten beschäftigt, welcher am 29. September 1914 in
einem ähnlichen Zustande auf die Medizinische Klinik ge¬
schickt worden war, wie wir ihn vorgestern gemeinsam
durchforscht haben.
Der Kranke war tief bewußtlos und reagierte weder auf An¬
rufen noch auf starke Haut- oder Schleimhautreize. Selbst der
Coniealreflex ließ sich nicht auslösen. Die Körperlage war eine
vollkommen in sich zusammengesunkene Rückenlage. Die Augen
waren nur halb geschlossen.
Sofort fielen uns die eigentümlichen Atmungsbewe-
£ u n g e n auf. Sie waren ganz ungewöhnlich tief, mit deutlich
v< ilängerter Einatmung. Ihre Gesamtzahl binnen einer Minute
hielt sich zwar an die übliche Zahl von 20.
Die Gesichtsfarbe war blaß, aber auf der Stirn, auf der
Nase und den Wangen machte sich daneben noch eine bläulich¬
rote Verfärbung bemerkbar, die eigentlich mehr an die Farbe des
Bh is erinnerte. Eine ähnliche Farbe bot auch die Haut auf der
Sir. ckseite der Ellbogen, auf den Handrücken, über den Knie-
fcdnihen und auf den Fußrücken dar.
Die Hauttemperatur erschien, nach dem Gefühle be¬
urteilt, erniedrigt, aber auch die Achselhöhlentemperatur erreichte
nur 35,5 0 0.
Nicht gut entgehen konnte der durchdringende, eigentümlich
aromatische Geruch der Ausatmungsluft. Diese Er¬
scheinung brachte uns sofort auf den Gedanken, daß unser
Kranker an Diabetes mellitus und Coma diabeticum leide, und daß
die vorhin erwähnten tiefen Atmungsbewegungen nichts anderes
als die bekannten Kußmaulsehen Atmungen seien. Wir
wandten daher unsere Aufmerksamkeit sofort der Untersuchung
des Harnes zu.
Als wir nun erfuhren, daß in den letzten 24 Stunden 7800 ccm
Harn mit einem specifischen Gewichte von 1024 aufgefangen wor¬
den seien, wurde unser Verdacht fast schon zur Gewißheit. Nichts¬
destoweniger führten wir mehrere Proben auf Traubenzucker aus,
welche ohne Ausnahme Traubenzucker im Harn ergaben. Im
Laboratorium der Klinik war der Prozentgehalt des Zuckers auf
-■P- bestimmt worden, was also eine Gesamtmenge von 212,2 g
Traubenzucker in der 24stündigen Harnmenge ergibt.
Der Harn zeichnete sich durch denselben aromatischen Ge¬
ruch aus. der uns an der Ausatmungsluft aufgefallen war. Selbst¬
verständlich unterließen wir es nicht, die Gerhard sehe Eisen-
(hloridprobe auszuführen, bei der wir eine tief dunkelrote Ver¬
färbung des Harnes zu sehen bekamen. Der Ham enthielt seit
-4 Stunden Eiweiß und sehr zahlreiche kurze, gekörnte Nieren-
cvlinder.
Die Untersuchung der Brust- und Baucheingeweide ergab
nichts Auffälliges.
Aus der Anamnese unseres Kranken teilte ich Ihnen mit,
daß er von Beruf Kaufmann ist und aus gesunder Familie
■tammt. Sein Vater starb hochbetagt infolge eines Hirnschlags,
*! ne . Butter an Gallensteinkrankheit. Er hat fünf gesunde Ge-
senwister und weiß nicht, daß jemals in seiner Familie Zucker¬
krankheit vorgekommen sei.
krankte er an Masern, dann aber war er immer
gesund. Er war gern Militär und rückte in die Wiederholungskurse
sehr gern ein, weil er den Dienst ohne irgendwelche Beschwerden
ma , c ^ en Konnte und sich danach so frisch und wohl
u oaß er die Dienstzeit als eine Erholungszeit empfand.
im Feld ohne Wert, da die meisten Truppen gegen Typhus ge¬
impft sind.
Vielleicht lassen sich durch systematische Fortsetzung dieser
Versuche mit größerem Krankenmaterial und an gesunden Ge¬
impften aus dem mehr oder minder positiven Ausfälle der Probe
Schlüsse auf die Stärke und Dauer des Impfschutzes ziehen.
Vorträge.
Anfang August 1914 wurde er bei Ausbruch des Kriegs
wieder zum Militärdienst einberufen und wie alle Einberufenen
von einem Militärärzte geimpft, und zwar am 8. August 1914. Er
hat danach eine starke Schwellung und Rötung des linken Armes
mit starken Schmerzen und hohem Fieber bekommen und sich seit
dieser Zeit niemals mehr w r ohl gefühlt. Trotz der Empfindung großer
Ermüdung und trotz anhaltender Kopfschmerzen, namentlich rechter-
seits, suchte er doch noch zwölf Tage lang Dienst zu machen. In
den letzten Tagen wurde er namentlich durch unstillbaren Durst
gequält. Auch machte sich eine ungewöhnlich starke Eßlust be¬
merkbar. Dennoch magerte der Kranke mehr und mehr ab,
binnen vier Wochen angeblich um mehr als 10 kg.
Am 20. August wurde er zur Erholung aus dem Militärdienste
nach Hause entlassen. Das Ermüdungsgefühl nahm jedoch immer
mehr zu. Dazu gesellte sich noch starker Hustenreiz, namentlich
während der Nacht. Es wurde reichlich gelber Auswurf aus-
gehustet, in welchem mehrfach Blutspuren erkennbar gewesen
sein sollen. In der Nacht stellten sich nicht selten sehr reichliche
Schweiße ein. Nach dem Essen machte sich vielfach Aufstoßen
von bitter und sauer schmeckenden Massen bemerkbar.
Acht Tage vor der Aufnahme des Kranken auf die Medizi¬
nische Klinik wurde ein Arzt gerufen, welcher das Leiden sofort
erkannte und zunächst Bettruhe empfahl, dann aber den Kranken
auf die Medizinische Klinik schickte.
Nach seinen Lebensgewohnheiten befragt, machte der Kranke
die Angabe, er habe nur sehr wenig Alkoholica genossen, aber
ziemlich viel geraucht. Sorgen und Aufregungen hätten ihn nicht
getroffen. Er habe stets ein ruhiges und regelmäßiges Leben
geführt.
Als wir den Kranken am 19. September 1914 zum erstenmal
auf der Klinik zu sehen bekamen, bot er ein sehr ähnliches Bild
dar, wie wir es an ihm vorgestern beobachtet haben, nur war
die Benommenheit weniger hochgradig. Der Harn roch aromatisch,
zeigte eine sehr starke Eisenchloridreaktion, erreichte eine Tages¬
menge von 4000 ccm mit einem specifischen Gewichte von 1027
und enthielt 4,5 °/ n Traubenzucker, also 186,0. Der Harn war
eiweißfrei, zeigte aber zahlreiche kurze gekörnte Nierencylinder.
Man verordnete eine gemischte Kost, gab dreistündlich sub-
cutane Einspritzungen von Campheröl und 50,0 g Natrium bicarbo-
nicum für den Tag. Der Kranke erholte sich ziemlich schnell und
war schon nach drei Tagen bei vollkommen freiem Bewußtsein.
Eine Untersuchung des Bluts ergab am 1. Oktober 1914
0,28 % Traubenzucker. Das Blut fiel nicht durch ungewöhnliches
Aussehen auf. Gegen lästige Schlaflosigkeit wurden mit Erfolg
0,2 g Pantopon verordnet. Der Gebrauch des Natrium bicarbo-
nicum wurde bis 100,0 g täglich fortgesetzt.
Am 3. Oktober wurde die Wassermann sehe Reaktion
ausgeführt, wobei wieder an dem Aussehen des Bluts nichts auf-
fäUig war.
Als man am 15. Oktober 1914 zum dritten Male Blut ent¬
nahm, fiel das Blutserum durch undurchsichtiges milchiges Aus¬
sehen auf, und als man dann eine Augenspiegeluntersuchung vor¬
nahm, welche früher nichts Besonderes ergeben hatte, boten die
Netzhautgefäße nicht mehr eine rote, sondern eine weiße Farbe
dar, nur die Blutgefäßränder sahen blaßrot aus. Es hatte sich
also bei unserem Kranken Lipämie entwickelt. Dabei war das
Körpergewicht seit dem Aufnahmetag um 1 kg gestiegen.
Am 23. Oktober betrug der Zuckergehalt des Bluts 0,32 0 ...
Der Kranke fühlte sich so wohl, daß er bat, das Bett verlassen
zu dürfen. Das Körpergewicht war wieder um 0,5 kg gewachsen.
Am 31. Oktober 1914 wird über Kopfschmerzen geklagt und
am 2. und 3. November über Schmerzen in der linken'Bauchseite.
Am 5. November 1914 stellte sich morgens um 5 Uhr plötzlich
starker Kollaps ein. Der Kranke verbreitet einen ganz ungewöhn¬
lich starken Chloroformgeruch und wird bald tief benommen. Es
stellt sich eine eigentümliche Hautfarbe ein. die Sie vier Stunden
: pater selbst zu sehen bekommen haben. Die Atmungen werden
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11.
14. März.
sehr tief. Der Puls geht von 88 auf 122 Schläge in die Höhe und
wird sehr klein.
Als wir dann den Kranken gemeinsam untersucht hatten,
stellten wir die Vorhersage als sehr ungünstig, und in der Tat ging
der Kranke 2 l / 2 Stunden später zugrunde.
Bevor ich auf die Sektion zu sprechen komme, will ich noch
in bezug auf die Harnverhältnisse erwähnen, daß die Harnmenge
meist über 6000 ccm binnen 24 Stunden betrug und an einem
Tage (19. Oktober 1914) sogar 14 000 ccm erreichte. Das speci-
fische Gewicht des Harnes wechselte zwischen 1022 bis 10:30.
Nur am 19. Oktober betrug es 1016. Der Prozentgehalt des
Traubenzuckers im Harne schwankte zwischen 4,1 °/ 0 bis 7,7 °/ 0
und die Tagesmenge zwischen 155 und 795 g. Unter dem Ge¬
brauche von Natrium biearbonicum wurde der Harn nur ganz vor¬
übergehend schwach alkalisch. Man fand an ihm täglich sehr
starke Eisenchloridreaktion. Die Acetonmengen im Harne wurden
zwischen 0,0022 °/ 0 bis 0,008 °/ 0 bestimmt.
Bei der Sektion machte uns Herr Prof. Busse sofort auf
die bräunliche, schokoladeuähnliche Farbe des Bluts aufmerksam,
die sich bei Abnahme der Kopfkappe am Schädel bemerkbar
machte. Ein gleich gefärbtes Blut, untermischt mit käseähnlichen
Gerinnungen findet sich auch in den Sinus der Dura mater. Dabei
fällt an beiden Oertlichkeiten die schmierige Konsistenz des Bluts
auf. Ein ganz ungewohnter Anblick trat uns entgegen, als die
Dura mater an der Oberfläche des Gehirns abgehoben wurde. Die
Venen der Pia mater waren zwar reichlich gefüllt, aber sie be¬
herbergten kein rotes, sondern vollkommen weißes Blut, das dem
Aussehen einer unabgerahmten Milch glich. Dasselbe Verhalten
boten auch die Venen des Netzes und der meisten andern Ein¬
geweide dar. Die Blutgefäße unter dem Epikard treten als
blendend weißes Geäder zutage. Aus den Hohlvenen quellen ge¬
ronnene, quarkähnliche Massen heraus. Das ganze Herz wird un-
eröffnet in Formollösung getan und nach eingetretener Erhärtung
im frontalen Durchmesser in zwei Hälften geteilt. Rechter Ven¬
trikel und rechtes Atrium enthalten weiße, quarkähnliche Massen,
während die Räume des linken Herzens von braunrotem Blut
erfüllt sind.
Aus den durchschnittenen Arterien und Venen der Lungen
entleeren sich weiße, quarkähnliche Massen. Ebenso sind die Hals¬
venen mit Inhalt von der oben angegebenen Beschaffenheit gefüllt.
Die MHz fällt durch blasse, braungelbe Farbe auf, welche an
das Aussehen von Milchschokolade erinnert.
Die Bauchspeicheldrüse ist nicht ungewöhnlich klein, ent¬
leerte aber auch sehr reichlich aus den durchschnittenen Blut¬
gefäßen rahmähnliche Massen. Auf der Oberfläche ihres Schwanz¬
teils liegt ein rahmähnlicher, geronnener Ueberzug. Sie ist 19 cm
lang, 3,5 cm breit und 2 cm dick. Ihre Läppchenzeichnung ist
deutlich ausgesprochen.
Die Nieren zeigten eine milchkaffeeähnliche Farbe; das von
der Nierenoberfläche abgestrichene Blut war von schmieriger Be¬
schaffenheit und braunroter Farbe.
Die Nebennieren sind sehr dünn; es läßt sich an ihnen weder
Pigment noch Markgewebe erkennen.
Die Blutgefäße der Serosa der Flexura sigmoidca sind wieder
prall mit milchähnlicher Flüssigkeit gefüllt.
Die gleiche Füllung der Blutgefäße ergibt sich auch an der
Serosa des Magens.
Die Leber ist groß, besitzt deutliche Läppchenzeichnung und
zeigt auch in ihren Blutgefäßen gelbweißen Inhalt.
Ein sehr ungewöhnliches Bild gewähren die Hüllen der
Hoden durch die starke Füllung der Blutgefäße mit milchiger
Flüssigkeit.
Auch in den Venen der Netzhaut war ein milchähnlicher
Inhalt deutlich zu erkennen.
Der Chemiker unseres Laboratoriums, Dr. Herzfeld, hat
das milchige Blut chemisch untersucht und dabei gefunden, daß es
4,17 °/ 0 Fett, Cholesterin und Phosphatiden enthält.
Wenn wir uns nun einen Rückblick auf unsere Beobach¬
tung gestatten, so stoßen wir dabei auf verschiedene
Punkte, weiche unsere Aufmerksamkeit in hohem Grade
fesseln müssen. Unter diesen hebe ich zunächst den schnellen
Verlauf der Krankheit hervor. Die Richtigkeit der Anamnese
vorausgesetzt (und es läßt sich kein zwingender Grund an¬
führen, um an ihrer Zuverlässigkeit zu zweifeln), so endete
die Krankheit am Ende der elften Krankheitswoche mit
dein Tode. Als wir den Kranken in der sechsten Krankheits¬
woche zu sehen bekamen, lag er schon in tiefem Coina
diabeticum, von welchem wir ihn für mehrere Wochen wieder
befreien konnten. Eine strenge antidiabetische Kost wagten
wir bei der immer sehr starken Eisenchloridreaktion des
Harns nicht durchzuführen. Erwähnen will ich übrigens
noch, daß der Patellarsehnenreflex dauernd fehlte.
Ein zweiter Punkt, dem wir unsere Aufmerksamkeit
widmen wollen, ist die hochgradige L i p u r i e. Das verhält¬
nismäßig häufige Vorkommen von Lipurie bei Diabetes mellitus
ist nicht unbekannt. Hat man doch sogar die Entstehung
des Coma diabeticum auf Lipurie zurückführen wollen, eine
Ansicht, welche meines Erachtens schon deshalb keine allge¬
meine Bedeutung haben kann, weil in der Mehrzahl der Fälle
Lipurie bei Coma diabeticum vermißt wird. Immerhin muß
man sich doch bei einer so ungewöhnlich hochgradigen
Lipurie, wie sie unser Kranker darbot, fragen, ob diese nicht
einen großen Anteil an den Gehirn- und Atmungsstörungeii
gehabt hat, die wir bei dem Kranken zu sehen bekamen. Es
gelang uns, diese Lipurie schon während des Lebens zu er¬
kennen, als dem Kranken am 15. Oktober aus der Armvene
etwas Blut entnommen wurde und als wir, durch die eigen¬
tümliche Beschaffenheit des Blutserums aufmerksam gemacht,
noch die Netzhautgefäße mit dem Augenspiegel untersuchten.
In bezug auf letzteren Punkt muß ich bemerken, daß schon
früher II e y 1 und W h i t e die gleichen Verfärbungen an den
Netzhautgefäßen bei Lipurie im Gefolge von Diabetes mellitus
beschrieben haben.
Ich muß noch einen letzten Punkt berühren, welcher
für die Hinterlassenen des Kranken von großer praktischer
Bedeutung ist. nämlich die Frage über die Ursachen des
Diabetes mellitus bei unserm Kranken. Nach der
Anamnese trat der Verstorbene in den ersten Tagen des
August 1914 gesund in den Militärdienst ein. Er wurde ge¬
impft und erkrankte schwer an einer fieberhaften schmerz¬
haften Entzündung des geimpften Armes. Knapp 14 Tage
später verspürte er die ersten Erscheinungen der Zuekerharn-
ruhr, den unstillbaren Durst. Unter solchen Umständen er¬
hebt sich begreiflicherweise die Frage, ob die voraus¬
gegangene Impfung die Ursache für den Diabetes mellitus
war. Wird diese Frage bejaht, so sind die Hinterlassenen be¬
rechtigt, an den Staat Entschädigungsansprüche zu stellen.
Wenn Sie der Literatur über die Impfschädigungeu
nachgehen, so werden Sie dabei, soweit meine Kenntnisse
reichen, dem Diabetes mellitus nicht begegnen. Ich muß
Ihnen nun freilich bekennen, daß nach meiner Ansicht hier
und da Impfsehäden nicht bekannt gegeben zu sein scheinen,
welche eine Veröffentlichung verdient hätten, vielleicht, um
nicht den Gegnern der Impfung Material in die Hand zu
liefern, welches geeignet wäre, ihrem unvernünftigen Kampfe
gegen die Kuhpockenimpfung einen Schein der Berechtigung
zu geben. Ich selbst halte diesen Standpunkt für unrichtig,
denn wenn Impfschädigungen noch sehr viel häufiger und
ernster vorkämen, als dies in Wirklichkeit der Fall ist so
läge bei dem großen Segen, den die Schutzimpfung bringt,
noch immer nicht der geringste Grund vor, ihr Ausdehnung?-
gebiet irgendwie zu beschränken.
Mitteilungen über Körperschädigungen nach der Schutz-
Pockenimpfung beschränken sich meist auf äußerliche Schädi¬
gungen. In jüngster Zeit sind namentlich jene Zustände mehr¬
fach besprochen worden, die sich dann entstellten, wenn frisch
Geimpfte mit Ekzemen Lymphe aus ihren Impfpusteln auf die
ekzematöse Haut brachten und dadurch einen allgemeinen
Kuhpockenausschlag erwarben, oder wenn Personen aus der
Umgebung von frisch Geimpften Lymphe auf Wunden ihrer
Haut oder gar ins Auge brachten und dadurch schwere Haut¬
veränderungen oder Augenerkrankungen, mitunter sogar den
\ erlust des Sehvermögens davontrugen.
Von einer Erkrankung innerer Gebilde im Anschluß an
die Schutzpockenimpfung ist kaum jemals die Rede. Soviel
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14. März.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11.
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ist sicher, daß solche Vorkommnisse ganz ungewöhnlich selten
sind, aber behaupten zu wollen, daß sie überhaupt nicht vor¬
kämen, wäre zu weit gegangen. Wir wissen, daß mitunter
auch zu den gutartigsten Infektionskrankheiten, wie beispiels¬
weise zu Varicellen, ernste Komplikationen hinzutreten,
warum sollte dies bei der Vaccination anders sein, welche
doch auch nichts anderes als eine absichtlich beim Menschen
hervorgerufene und in der übergroßen Mehrzahl der Fälle harm¬
lose Infektionskrankheit ist? Und in der Tat liegen einige
wenige solcher Beobachtungen vor. Bednar beispielsweise
sah sich an die Vaccination Peritonitis und Perikarditis an¬
schließen. Auch Meningitis ist beobachtet w orden. S m i 1 e v
beschrieb Oculomotoriuslähmung und TrÖm m e r Polio¬
myelitis acuta als Folge der Schutzimpfung. In einer von
Call um angestellten Umfrage wird unter 2 500 000 Schutz¬
impfungen einmal chronische Nephritis als Folge angeführt.
Wenn namentlich amerikanische Aerzte bis in die letzten
Jahre hin mehrfach Tetanus einer vorangegangeneu
Vaccination folgen gesehen haben, so haben wir darin selbst¬
verständlich keine unmittelbare Folge der Impfung zu er¬
blicken. Das Vorkommnis beweist nur, daß man in Amerika
nicht immer mit der nötigen Vorsicht bei der Herstellung des
| Impfstoffs zu Werke gegangen ist, sodaß eine Verunreinigung
mit Tetanusbacillen möglich wurde.
Der Ausbruch des Kriegs hat unserer Medizinischen
Klinik eine größere Anzahl von Soldaten gebracht, welche be-
I sonders oft an Angstzuständen der verschiedensten Art und
| an deren Folgen litten, ohne daß eine anatomische krankhafte
| Veränderung an ihnen nachweisbar war. Starke psychische
| Aufregungen w r erdeu nun aber auch mit Recht als Ursachen
j des Diabetes mellitus angesehen. Sollte vielleicht die Zucker-
j hamruhr bei unserm Kranken auch auf psychische Erregung
j zurückzuführen sein und nur zufällig sich zeitlich an die
j Impfung angeschlossen haben? Ich glaube nicht, daß gerade
j für unsern Kranken diese Annahme sehr wahrscheinlich ist.
Unser Kranke hat den Militärdienst immer mit großer Freude
j auf sich genommen und ihn als eine Art von Erholungszeit an-
gesehen, und auch die Einberufung bei Kriegsausbruch hat
i darin bei ihm keine Aenderung hervorgerufen. Ist aber
i unsere Auffassung die richtige, daß der Diabetes mellitus die
Folge der vorausgegangenen Vaccination war, dann haben
i wir in diesem Vorkommnis eine offenbar sehr seltene, aber
bisher ganz unbekannt gewesene Impfschädigung kennen
1 gelernt.
Abhandlungen.
Aus der Medizinischen Universitätspoiikiinik in Tübingen
(Vorstand: Prof. Dr. Nägeli).
lieber das Vorkommen nervöser Symptome und
vagotonischer Erscheinungen bei Gesunden
von I
Dr. Alfred Pein.
Gewisse nervöse Stigmata, wie Erloschensein oder Steigerung
von Reflexen, Abnormitäten der Herzaktion oder Pulszahl, vasu- ;
motorische und sekretorische Abweichungen vom Durchschnitte,
leichtere Störungen der Sensibilität, spielen in der Beurteilung der
Frage nach dem Bestehen von Neurasthenie und Nervosität eim*
>ehr große Rolle.
Zwar wurde schon von vielen Seiten auf die Gefahr der LYher-
schätzung dieser nervösen Stigmata hingewiesen: auch hat die
Erfahrung der letzten Dezennien uns gelehrt, daß es falsch wäre,
allein auf Grund des Vorhandenseins einer gewissen Anzahl dieser
nervösen Symptome die Diagnose Neurasthenie, Nervosität oder
Hysterie zu stellen, wie dies viel zu häufig noch allerorts geschieht.
Trotzdem wird diesen nervösen Stigmata noch eine viel zu große
Bedeutung beigelegt; namentlich auch bei den Begutachtungen
nher traumatische Neurosen, gelegentlich seihst- von Autoritäten
ersten Ranges.
^ie wenig gerade bei traumatischen Neurosen diese Ab¬
normitäten ins Gewicht fallen, lehren besonders die Nachunter¬
suchungen von Nägeli 1 ), die eine über alle Erwartung rasche
v olle Erwerbsfähigkeit nach Erledigung der Rechtsansprüche er¬
geben haben. I
' M wichtiger ist zur Entscheidung der Frage, ob eine funk¬
tionelle Neurose vorliegt oder nicht, die Beurteilung des ;
I' $ y c h i s c h e n V e r h a 11 e n s des Patienten. Dieses psychische
>erhalten ist bei vielen von den nervösen Kranken sehr eharak- j
tenstisch und äußert sich bei den einzelnen auf sehr verschiedene
weise. ;
Ohne jeden Anspruch auf Vollzähligkeit der Erscheinungen
»löchten wir etwa die folgenden erwähnen. Bei manchen ist schon
!'Ü. u ‘ lrs depressiva auffällig. Andere Charakteristica sind das
au f?eregte Wesen, die leichte affektive Erregbarkeit dieser
umusen Patienten, die außerordentlich zahlreichen lind mannig-
alhjrcn Klagen und Beschwerden, die bei Ablenkung der Auf merk-
>amkcie des Patienten oft völlig verschwinden.
o citer ist neben der Beobachtung des psychischen Ver-
lannis wichtig, zur Sicherstellung der Diagnose den letzten Ur-
mn nachzugehen, die auf die Psyche so ungünstig eingewirkt
ia )m ' Baustellen, welche Einflüsse es waren, die ungünstig ein-
r i. v * J Nachuntersuchungen bei traumatischen Neu- J
*0- iXorr. Bl. Schweizer Ae. MIO. Rongr. f. in». Med. MIO.) >
gewirkt haben. In selteneren Fällen ist es eine plötzliche heftige
Gemütserschütterung, ein psychisches Trauma, das den Ausgangs¬
punkt bildet für die Entstehung der nervösen Erscheinungen. Ge¬
wöhnlich spielen in der Aetiologie der Neurasthenie und Nervosität
andauernde seelische Erregungen, viele Aufregungen im Geschäft
oder in der Familie, Kummer und Sorgen, geistige lYber-
aristreugungen die Hauptrolle. Die Ermittlung der Aetiologie, die
genaue Nachforschung nach den die Krankheit hervorrufenden
ungünstigen Verhältnissen ist auch in therapeutischer Hinsicht für
das ärztliche Handeln von großer Bedeutung.
Die genaue Kenntnis der Aetiologie einerseits, das psychische
Verhalten der Patienten anderseits sind für die Frage, ob Neur¬
asthenie, Nervosität vorliegen, diagnostisch wertvoller als das
Fehlen oder Gesteigertsein dieser oder jener Reflexe; gleichwohl
kommen natürlich hei allen Neurosen derartige leichtere neuro¬
logische Befunde sehr oft vor. Es konnte daher nicht wunder-
nchmen. wenn schon früher über derartige Befunde bei anscheinend
Gesunden Eihebimgen angestellt wurden, um über Wert. Bedeutung
und Häufigkeit nervöser Stigmata schon unter anscheinend nor¬
malen Verhältnissen Aufschluß zu erhalten.
In der Literatur konnten wir denn auch die folgenden An¬
gaben finden:
Z u s a m in e n fass u n g der E r g e b n i s s e der
Literatur J ) :
I. < on juncti valreflex bei Gesunden:
O p p e n h t* i m : Der Reflex ist oft sehr schwach ausgesprochen und
kann auch willkürlich unterdrückt werden.
B i n s w a n g e r : Der Lidschußreflex ist kein verläßliches Mittel zur
Feststellung der Diagnose Hysterie.
II. (’o r n e a 1 r e f 1 e x bei Gesunden:
Oppenheim: Fehlen des Reflexes ist pathologisch, jedoch ist er
ausnahmsweise bei Gesunden sehr wenig ausgeprägt.
S. E r 1) e» : Die Cornea ist fast bei einem Drittel gesunder
Menschen überempfindlich gegen Berührung.
III. Rachenreflex bei Gesunden:
* r r v “ ** ' * naun aus* wenig empumi
lieh sind gegen Berührungen des Gaumens.
L e w ando w sky: Der Reflex kann auch bei Gesunden fehlen, is
deshalb ohne praktisch-diagnostische Bedeutung.
B i n s w a n g e r : Rachenreflex kann vorhanden sein bei hysterische)
Individuen und kann fehlen bei ganz Gesunden
Engelhardt: 20—26% Fehlen ^ n
17—18"/. Herabsetzung) 1,01 GSpfoimlen,
siebenmal vorhanden bei zehn Hysterischen.
IV. Tremor hei Gesunden:
Oppenheim: Die geringeren Grade finden sich auch bei Gesunden.
Kollarits: Tremor läßt sich graphisch bei fast allen Gesunden
feststellen.
M Eingehende. Angaben und Literaturzitate siehe Fein, Jnaug.-
Diss. Tiibingm MH.
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3üß
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11.
14. März.
V. Lidflattern bei Gesunden:
Oppenheim: Die stärkeren Grade kommen bei Gesunden wohl
kaum vor.
VI. D e r m o g r a p h i s m u s bei Gesunden:
Oppenheim: Dermographismus ist ein pathologisches Zeichen.
K r e f f t: „ „ hysterisches Stigma.
Stadfipr. I Dermographismus kommt auch bei Gesunden vor, ist
> deshalb zur Diagnose bei funktionellen Neurosen
btursberg:j völl] . g wert , os
Polonsky: Dermographismus hat eine allgemein-diagnostische
Bedeutung zur Feststellung von Störungen des
Nervensystems.
VII. Pulsschwankungen bei Aenderung der Körperlage bei
Gesunden:
Jossilewsky und Langowoy kommen zu dein Resultat, daß
* kein Unterschied besteht zwischen Gesunden und
funktionell Erkrankten in der Differenz der Pulszahl
beim Wechsel der Körperlage.
In neuester Zeit spielt der Symptomenkomplex der Vago-
tonie und Sympathicotonie eine große Rolle.
Schon seit längerer Zeit wissen wir auf Grund der Ergebnisse
der Physiologie, daß der Vagus und Sympathicus, die einen großen
Teil des vegetativen Nervensystems beherrschen, Antagonisten sind,
das heißt, daß die Wirkung des einen Nerven entgegengesetzt der
Wirkung des andern ist. Wo der eine reizt, hemmt der andere. Sollen
nun die Organe, die vom autonomen Vagussystem und vom
sympathischen System innerviert werden, normal funktionieren, so
müssen diese beiden Systeme sich in einem gewissen Gleichgewichts¬
zustände befinden. Hat das eine System, zum Beispiel das autonome,
das Uebergewicht über das sympathische, so werden alle Symptome der
Vagusreizung vorhanden sein.
Diese Steigerung des Vagustonus nennt man Vagotonie, ent¬
sprechend der Steigerung des Sympathieustonus Sympathicotonie.
Dieser Hypervagotonus kann sich auf alle Aeste des Vagus erstrecken:
allgemeine Vagotonie, oder er kann gewisse einzelne Aeste aus wählen:
lokale Vagotonie. — Pharmakologische Untersuchungen haben nun
ergeben, daß es Gifte gibt, die elcktiv auf das autonome System wirken,
andere auf das sympathische System. So wirkt zum Beispiel Pilokarpin
ausschließlich auf das autonome System im Sinne der Reizung, Atropin
im Sinne der Lähmung.
Adrenalin ist ein specifisch sympathicuserregendes Mittel für
hemmende und fördernde Fasern.
Es ist eine alte klinische Erfahrung, daß die Wirkung gewisser
Arzneimittel (zum Beispiel Jod) individuell sehr verschieden ist. Auch
Pilokarpin und Adrenalin zeigen diese auffallende Tatsache.
Es gibt Menschen, die eine sehr starke Empfindlichkeit
gegen Pilokarpin besitzen. Schon eine geringe Menge subeutan
injiziert ruft bei einzelnen starken Speichelfluß, Schweiße,
Pulsverlangsamung, Beschwerden von seiten des Magens,
Atemstör ungen, Pupillen Verengerung, Diarrhöen!
Stuhl und Harndrang hervor, während das Adrenalin hei ihnen
mir eine geringe Wirkung ausübt. Diese starke Pilokarpinwirkling ist
dadurch zu erklären, daß bei diesen Menschen eine Hyperfunktion im
autonomen System besteht und infolge davon eine Hyperfunktion im
sympathischen System. Diese Menschen nennt man V a g o t o n i k e r.
Ebenso gibt es Menschen — Sympathicotoniker —, die eine sehr
starke Affinität zu Adrenalin besitzen und fast gar keine zu Pilokarpin.
Adrenalin erzeugt bei ihnen sehr starke Tachykardie, Steigerung des
Blutdrucks. Pupillenerweiterung, Exophthalmus, Polyurie. Glykosurie.
Eppinger und Heß 1 ) haben zum erstenmal diese auf
pharmakologischem Wege gewonnenen Tatsachen an klinischem
Material geprüft und auf das häufige Vorkommen eines Hypervagotonus
besonders bei nervösen Individuen hingewiesen.
Welches sind nun die klinischen Erscheinungen der
Vagotonie?
Am Auge sind die enge Pupille und die enge Lid-
spalte Symptome der Vagusreizung, beides hervorgerufen durch
Lähmung der sympathisch innervierten Muskeln des Auges. Der
starke Speichelfluß rührt von einer Reizung der autonomen
Fasern her, die in der Chordatympani zu den Drüsen der Mund¬
höhle verlaufen.
Ueber starke Schweiße klagen die Vagotoniker oft. Die
Schweißdrüsen und Vasomotoren der Haut müssen
auf Grund pharmakologischer Tatsachen als a u t o n o m innerviert
angesehen werden.
Sehr auffällig ist bei Vagotonikern die starke Akro-
cyanose der Hände (seltener auch der Füße und des Ge¬
sichts). Die cyanotisch verfärbten Hände fühlen sich meistens sehr
feucht und kalt- an. Die kalten und feuchten Hände und Füße
bilden sehr oft die Klagen von Vagotonikern.
*) Cf. E p p i n g v r und H c ß , Die Vagotonie. Berlin 1JM0.
Diese Akrocyanose beruht auf einer venösen Hyperämie,
wahrscheinlich hervorgerufen durch Reizung der autonom inner¬
vierten Gefäßdilatatoren. Von vasomotorischen Störungen ist noch
zu erwähnen der starke Dermographismus.
Am Herz ist Bradykardie schon längst bekannt als ein
Symptom von Vagusreizung. Pulszahlen von 50, 60 sind nicht so
selten beim Vagotoniker.
Respiratorische Arhythmie kann ausgesprochen
sein, sodann Aschnersches 2 ) Phänomen : Druck auf die
Augen erzeugt Pulsverlangsamung.
Zustände von A n g i n a p e c t o r i s , für die eine organische
Grundlage fehlt, beruhen vielfach auf einem Krampfe der Coronar-
gefäße. Das Atropin, oft von ausgezeichneter Wirkung, ist der
beste Beweis dafür.
Ein wichtiges Symptom von Vagusreizung ist der
Laryngospasmus. Bei verschiedenen Krankheiten kommen
Laryngospasmen vor. Jedoch kann Laryngospasmus auch selb¬
ständig bei nervösen Individuen auftreten. Diese Leute klagen
dann über plötzlich auftretende Anfälle von Kurzatmigkeit mit Er¬
stickungsgefühl und Krämpfen im Halse.
Einen typischen Krampf im Vagusgebiete stellt das
Asthma bronchiale dar.
Auch in den Bauchorganen spielt die Steigerung des Vagus¬
tonus eine große Rolle.
Der Magen zeigt röntgenologisch bei Vagotonikern die so¬
genannte Stierhornform (im Gegensatz zur Hackenform).
Autonome Reize steigern die Sekretion des Magens. Die Folge
ist Superacidität und Supersekretion. Neben den
Beschwerden, wie saures Aufstoßen, viel wäßriges Aufstoßen,
Schmerzen im Magen, klagen Vagotoniker sehr oft über Druck
im Magen nach dem Essen, die Speisen liegen ihnen wie ein Stein
im Magen, über Völle im Leibe; charakteristisch ist, daß der
Appetit meistens gut ist, andere klagen darüber, daß sie die
Speisen nicht hinunterbringen, sie haben das Gefühl, als bleiben
dieselben in der Speiseröhre stecken. Bei solchen charakteristischen
Beschwerden müssen wir bei nervösen Leuten an Spasmen im
Bereiche des Magens denken.
Besonders wenn noch andere vagotonische Symptome vor¬
handen sind, nach denen immer gesucht werden sollte, ist es sehr
wahrscheinlich, daß es sich hier um einen Spasmus der
K a r d i a oder des P y 1 o r u s handelt als Ausdruck des erhöhten
Vagustonus. Der Pylorusspasmus kann so stark sein, daß der
spastisch kontrahierte Pylorus durch die Bauchdeeken hindurch
palpiert w erden kann.
Schon lange bekannt ist den Aerzten die spastische
Obstipation mit dem harten, kleinkugligen Stuhl als Sym¬
ptom der Vagusreizung.
Hierher gehört auch die C o 1 i c a nmcosa, die von jeher
als eine Sekretionsneurose des Darmes aufgefaßt w'urde.
Im Blut ist Eosinophilie der Ausdruck des erhöhten
Vagustonus.
Die Feststellung, ob Vagotonie vorliegt, ist klinisch deshalb
von besonderem Werte, da wir in dem Atropin (täglich zwei
bis drei Pillen ä 1 / 9 mg) ein Mittel besitzen, das die Symptome
sehr günstig beeinflußt.
Es ist nach unserer Auffassung und speziell nach den Er¬
fahrungen der medizinischen Poliklinik Tübingen ein entschiedener
Fortschritt, daß wir für viele nervöse Erscheinungen, die früher
einfach als allgemeine Zeichen der Neurasthenie oder Nervosität
gedeutet wurden, eine befriedigende Erklärung im Sinn einer
Aenderung des visceral-nervösen Tonus gefunden haben. Zweifel¬
los liegt vielen der sogenannten nervösen Herzbeschwerden, der
nervösen Magen- und Darmerscheinungen eine Tonussteigerung
im autonomen System zugrunde, auch wenn wir zugeben, dali
psychische Momente, besonders für die Auslösung vagotonischer
Symptome, eine erhebliche Bedeutung haben.
Im Sinne des Antagonismus zw ischen Vagus und Sympathien
werden wir bei der Sympathicotonie das Gegenteil der
Erscheinungen finden wie bei der Vagotonie. . .
Das Hormon des sympathischen Systems ist bekanntlich da>
Adrenalin, das Produkt des chromaffinen Systems. . ,
Die Zeichen des erhöhten Sympathieustonus smo
Protrusio bulbi, weite Pupille, Trockenheit im Munde, geringer
Dermographismus, hoher Blutdruck, Tachykardie, trockne Hau ?
Hackenform des Magens, Fehlen der Eosinophilie im Blute.
s ) Cf. B. A s c li n o r. W. kl. W. HKI8, Nr. 44.
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UNIVERSITÄT OF IOWA
14. März.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11.
307
Es ist naheliegend, auch für das autonome System ein Hor¬
mon anzunehmen, das diese Steigerung’ des Vagustonus verursacht,
entsprechend dem Hormon Adrenalin, wie es Eppinger und
Heß getan haben, und die Vagotonie als eine Störung innerer
Sekretion aufzufassen.
Wir wollen hier nicht weiter darauf eingehen und nur er¬
wähnen, daß bei vielen neueren Untersuchungen häufig Misch-
formen von Vagotonie und Sympathicotonie gefunden wurden und
der Antagonismus also oft nur in den einzelnen Aesten ausgeprägt
und in verschiedenen Nervengebieten beim gleichen Menschen ver-
• schieden sein kann, sodaß ein gewisser Abbruch gegenüber den
' 1 ■ Ausführungen von E p p i n g e r und Heß erfolgt, ist. Tatsächlich
sind nun Erscheinungen von Vagotonie und Sympathicotonie oft
vorhanden und auch bei Leuten, die durchaus keinen nervösen
Eindruck machen. Sie spielen eine Rolle als allgemein nervöse
Erscheinungen wie als umschriebener eigner Symptomenkomplex.
Es ist deshalb notwendig, sich auch bei anscheinend
Gesunden über das Bestehen vagotoniseher
;: und «ympathicotonischer Zustände Rechen¬
schaft zu geben. Erst dann können diese Symptome klinisch
K richtig eingeschiiizt und verwertet werden.
Sulche Untersuchungen liegen unseres Wissens in der Lite¬
ratur bisher nicht vor, sind aber durchaus notwendig, wenn wir
den Wert der Krankheitsbilder Vagotonie und Sympathicotonie für
die Klinik richtig würdigen wollen.
Ich habe daher auf Veranlassung meines Chefs, Herrn Prof.
U Dr. Nägeli, eingehende Untersuchungen bei anscheinend Ge¬
sunden vorgenommen und dabei auf alle nervösen Stigmata über-
A haupt und ganz speziell auch auf vagotonische und sympathico-
1 : tonische Symptome geachtet Es wäre wichtig, solche Unter¬
suchungen in verschiedenen Gegenden auszuführen, da sicher
i lokale Verschiedenheiten Vorkommen werden.
j Die eignen Untersuchungen betreffen zunächst 100 Studenten.
Ausgeschlossen sind sämtliche, die wegen nervöser Krankheiten
den Arzt aufgesneht haben, sondern es wurden die Leute wahl¬
los herangezogen. Studierende repräsentieren freilich eine be¬
sondere Klasse nach Bildung und Arbeit; es wäre deshalb eine
Generalisierung der Ergebnisse nicht gestattet. Zur Ergänzung
wurden deshalb herangezogen Soldaten, Sprechstundenpatienten
aus den bäuerlichen Schichten, die wegen einer leichten organischen
Affektion den Arzt aufsuchten, sich als durchaus nicht nervös er¬
klärten und dem Arzt bei längerer Prüfung nicht als nervös er¬
schienen.
Unsere Untersuchungen wurden nach folgendem Schema aus-
geführt:
8. Fall: Starke Hypalgesie auf Brust und Extremitäten.
9. Fall: Starke Hypalgesie auf Dorsum beider Hände und Finger,
Brust und Gesicht.
10. Fall: Starke Hypalgesie auf Armen, Brust, Rücken, Gesicht,
Finger (Dorsalfläche), (Hohlhand außer Hvpothenar normal).
11. Fall: Hypalgesie im Bereiche der Dorsalfläche beider Hände und
Finger.
12. Fall: Hypalgesie auf dem Dorsum beider Hände und Finger.
13. Fall: Hypalgesie auf dem Dorsum beider Hände und Finger und
Vorderarme.
Auffallend ist, daß auf der Dorsalfläche der Hände und
Finger die Schmerzempfindung in allen 13 Fällen herabgesetzt war,
während die Vola manus und besonders die Fingerspitzen gute
Sensibilität aufwiesen (außer Hyperalgesie in einem Falle). Die
individuelle Verschiedenheit der Schmerzempfindung war in den
untersuchten Fällen groß.
Die Herabsetzung war jedoch nie so stark, daß nicht sehr
tiefe Einstiche mit der Nadel Schmerzempfindung ausgelöst hätten.
Besonders die Fälle 9, 10 und 11 wiesen starke Sensibilitäts-
Störungen im Sinne der Herabsetzung der Schmerzemplindung auf.
III. Vasomotorische Erscheinungen. Dermo¬
graphismus wurde auf Brust und Rücken geprüft und war bei allen
Untersuchten in einem gewissen Grade vorhanden.
Bei 10 Studenten war Dermographismus sehr schwach, kaum
sichtbare Rötung trat nach Bestreichen auf. Die Mehrzahl der Fälle
zeigte schwaches, blaßrotes Verfärben der bestrichenen Hautstellen,
23 Fälle zeigten starkes Nachröten der bestrichenen Hautstellen, ln
einem Falle w’ar der Dermographismus sehr stark. Zuerst trat nach
Bestreichen Erblassen auf, dann immer stärker werdender Dermo¬
graphismus, der sich nach etwa zwei Minuten zu typischer Demo¬
graphie elevata mit heftigem Jucken und Beißen auf der Haut ent¬
wickelte. Vor dem Abklingen des Phänomens verbreitete sich die?
Rötung konfluierend über die ganze Brust und über den Rücken.
Der Dermographismus war in den noch bleibenden 22 erwähnten
Fällen immer scharf begrenzt, nie elevatus, nie konfluierend, er trat
nach 20 bis 30 Sekunden auf und verschwand nach ungefähr 1 bis
2 Minuten wieder.
Eine sehr ausgesprochene Urticaria confluens mit sehr un¬
scharfen Rändern und stärkerer Ausbreitung, als dem Strich ent¬
spricht, sodaß es zu Konfluenz zwischen einzelnen Strichen kommt,
haben wir nie gesehen.
IV. Pulsabnormitäten. Die niedrigste Pulszahl, die
beobachtet wurde, war 49 im Sitzen, die höchste 100 im Sitzen.
Zwei Studenten hatten einen Puls von 54 im Sitzen. Eine Puls¬
zahl von 56 wurde einmal festgestellt, ebenso ein Puls von 58 Schlägen
in der Minute, Pulszahlen von 60 waren häufiger, und zwar bei sieben
Studenten.
1 ’unjunctivalreflex
( V»mt*alrefl(\x
Rachenreflex
Rat. s. refl.
Achi/ies.sphnenreflex
Eußklo/jus
Resp.
Herzklopfen
Dermographi
Sensibilität
Gesichtsfeld
Schweiße
Speichelfluß
Akrocyanose
Arhythmie
Magensymptome
Lidflattern
Tremor
Puls im Sitzen
Puls im Atmen
Puls im Stehen
Puls nach 10 Rumpf¬
beugen, sofort und
nach 1 Minute.
Die Ergebnisse sind die folgenden:
100 Studenten. I. Reflexanomalien: a) Schleimhaut-
wtxe: l Conjunctivaireflex fehlt in 52 Fällen (52 °/ 0 ), zweimal
2. Coinealreflex fehlt in 7 Fällen (bei 75 Untersuchten)
.;'A\ ,ri ^ I allen ist er herabgesetzt, in 1 Fall gesteigert.
• Mienreflex fehlt in 31 Fällen (31 °/A zweimal ist er schwach
-Hi^cprägt.
1 ‘ s, '| lne,, reflexe. 1. Patellarsehnenreflex ist lebhaft bei
2. Acbillessehnenreflex ist lebhaft in 12 Fällen
~ FußkJonus w r ar in richtiger Weise nie vorhanden. Der
,'r, falsche Fußklonus in Form von zwei bis drei Zuckungen
,n 2 Jollen nachweisbar.
h ir ni* ie ,? s| kilifäts8törungen. Die Tastempfindung
J l u ,. or [\ } Herabsetzung der Schmerzempfindung für Nadel-
,L n j -/ r in , 13 Fällen nachweisbar. Die Sensibilität wurde an
l F Pn . \ 6n Extremitäten, auf Brust und Gesicht geprüft,
norma? ^NPalgesie auf dem Dorsum beider Hände, sonst
FhäwV >Ä ^ ß1e8 * e aUf öorsum beider Hände, Finger bis zweite
a lg(‘s/e.' ^ a ^ es ^ e: Dorsum beider Hände, Fingerspitzen Hyper-
UaJJ: Dorsum beider Hände und Unterarme.
“• Fall; HvLjfesiV P 0rsui 3?. beider Hände und Finger.
.T>algesi(. Dorsalflache und Volarfläche beider Hände.
Es muß hervorgehoben werden, daß der Puls nachher direkt
nach dem Uebergange vom Sitzen zum Stehen, ebenso nach den
10 Rumpfbeugen gezählt wurde.
Das ganz normale Verhalten des Pulses im Sitzen, Stehen und
nach Bewegungen möge folgendes Beispiel zeigen: Puls im Sitzen
66, Asehner 60, Stehen 71, 10 Rumpfbeugen 77, nach einer Minute
Erholung 65.
Bei einer ziemlichen Anzahl von Fällen zeigte der Puls im
Sitzen, Stehen und nach 10 Rumpfbeugen erhebliche Schwan¬
kungen.
Dies mögen die folgenden Beispiele lehren:
Puls
im Sitzen . . .
72
62
76
68
67 unregelmäßig
Asehner . .
74
60
74
66
„ Stehen . . .
84
82
82
78
82
nach
10 Rumpfbeugen
87
96
102
97
100
i?
1 Minute . .
82
72
84
76
93
Mitunter fanden sieh auffällig geringe, anderseits sehr große
Schwankungen, z. B.: b
Puls im Sitzen ... 72 64 76 68
Asehner .... 54 70
,, „ Stehen. 56 86
nach 10 Rumpfbeugen . . 61 108
„ 1 Minute. 52 86
Wegen des negativen oder stark positiven
genden Fälle bemerkenswert:
67 unregelmäßig
64 68
80 76
80 103
66 90
Asehner sind die fol-
ruis im Sitzen . . ,
Asehner
„ „ Stehen . .
nach 10 Rumpfbeugen
„ 1 Minute . .
Der höchste Anstieg; des l’ulscw beim Uebergange vom Sitzen
zum ^teilen betrug 20 Schläge, die andern Elevationen waren 18.
io, ld, 12 Schlage.
. 67
82
60
. 72
7t)
70
. 87
80
80
. 108
88
104
. 87
77
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•UMIVERSITY OF IOWA
308
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11.
14. März.
Bei sämtlichen übrigen Fällen zeigte der Pulsanstieg vom
Sitzen zum Stehen erheblich geringere Werte.
Die höchsten Steigerungen zwischen Puls im Stehen und nach
10 Rumpfbeugen betrugen 27, 26, 24, 22, 20 Schläge. Jedoch gingen
die Pulszahlen nach 1 Minute alle sehr schön zur Norm zurück, außer
in 1 Fall, wo die Pulsdifferenz am größten war.
Auffallend ist, daß in 1 Fall die Pulszahl im Stehen und nach
10 Rumpfbeugen konstant auf derselben Höhe blieb.
Das Aschnersehe Phänomen ergab unter 99 untersuchten }
Fällen (1 Student weigerte sich, den Reflex an sich vornehmen 1
zu lassen) folgende Werte:
13 Fälle zeigten keine Differenz. '
Positiven Aschner (Pulsverlangsamung) hatten 64 Fälle:
in der j
Minute I
| A k r o c y a n o s e schwach,
,, / keine vagotonischen Syni-
„Jptomo außer einmal Schweiße
»
„ keine vagotonischen Symptome
,, (ohne alle vagotonischen Sym¬
ptome)
Negativen Aschner (Pillsbeschleunigung) hatten 22 Fälle, und
zwar:
13 Fälle Pulsbeschleunigung von 2 Schlägen I
4 „ „ * 4 „ I
o r, i
1 Fall „ „ 3 „
1 „ „ 1 Schlag
1 „ ,, 10 Schlägen
Der Fall mit Aschner — 10 hat folgende Pulsabnormitäten:
Puls im Sitzen 60, Aschner 70, Puls im Stehen 80, 10 Rumpf¬
beugen 104, nach 1 Minute 72, respiratorische Arhythmie fehlt. Herz¬
klopfen gering + beim raschen Treppensteigen. (Außerdem bestehen
sehr starke Schweiße, geringer Tremor, C’onjunctivalreflex
und Rachenreflex fehlen.)
Von den 100 Fällen zeigten 3 Fälle deutliche
Arhythmien nach 10 Rumpfbeugen. |
Die Arhythmie, die nach Bewegungen aufgetreten war. ver- *
schwand jedoch sehr rasch wieder, und zwar bei 2 Fällen schon
während der zweiten Minute.
2 Studenten hatten Pulsarhythmie auch in der Ruhe. Die Arhyth¬
mie hatte einen sehr unbestimmten Charakter. Einer der beiden
Studenten machte selbst vor der Untersuchung auf seinen unregel¬
mäßigen Puls aufmerksam. Uebrigens haben beide absolut keine Be¬
schwerden von seiten des Herzens.
Respiratorische Arhythmie zeigten 10 Studenten,
davon wiesen 3 eine sehr starke Pulsverlangsamung bei tiefer j
Exspiration auf.
Herzklopfen gaben 5 Studenten auf Befragen an; sie j
sagten, sie bekommen manchmal Herzklopfen bei Aufregungen
oder bei sehr raschem Treppensteigen oder bei schweren An¬
strengungen.
V. Gesichtsfeld, Lidflattern, Tremor. 1. Ge-
sichtsfeldehischränkung bei grober Prüfung war in keinem Falle
vorhanden. 2. Lidflattern war bei 25 Studenten nachweisbar. Bei
19 schwach ausgesprochen, bei 6 deutlich stark vorhanden.
3. Tremor zeigten 27 Studenten, 23 geringen, feinschlägigen Tre¬
mor, 4 deutlichen grobwelligen Tremor mit größeren Exkursionen,
3 hatten den geringen, feinschlägigen Tremor nur an der aus-
gestreckten rechten Hand.
VI. Vagotonischer Sympto menkomplex.
1. Schweiße waren bei 22 Studenten vorhanden. Bei einem
Studenten außerordentlich stark. Auch hat derselbe Student noch
andere charakteristische vagotonische Symptome, wie Akroeyanose
der Hände, Pulsverlangsamung. 2. Speichelfluß gaben
13 Studenten an. 3. Spastische Obstipation war nur
bei 1 Studenten in typischer Weise vorhanden, bei 3 andern an¬
gedeutet. '
Er äußerte auf Befragen, er habe oft nur alle 3 Tage Stuhlgang,
der Stuhl sei immer hart, kleine Knötchen. Auf Senncsblättertee nur
vorübergehende Besserung. Derselbe Student hat als zweites vago-
tonisehes Symptom noch sehr starke Akroeyanose der Hände und des |
Gesichts (Nasenspitze). _ j
3 Studenten gaben auf Befragen an. sie hätten unregelmäßigen
Stuhlgang, manchmal ganz hart, kleine Ballen, dann wieder normal. I
20 Fälle
19 ,
9
6
3 „
2
I Fall
1 „
1 „
1 »
1 „
Pulsverlangsamung
von 2 Schlägen
„ 4 »
* 6 „
8 „
„10
.. 7
,, 1 Schlag
,, 3 Schlägen
« 5 »
„ 9 „
« 12 „
4. Akroeyanose der Hände. In 2 Fällen seltr
stark, dabei kalte, feuchte Hände, bei einem auch im Gesicht
(Nasenspitze).
Auffallend ist, daß in dem einen Fall außer dieser sehr starken
Akroeyanose kein einziges vagotonisches Symptom vorhanden ist. Der
Student sagte selbst, seine blauen Hände seien ihm schon oft auf¬
gefallen. Bei dem zweiten Falle besteht neben Akroeyanose spastische
Obstipation.
In 4 Fällen deutliche Akroeyanose, dabei feuchte, kalte Hände.
„ 3 „ ,, „ ohne ,, ,, „
„ 5 „ schwache ., dabei kalte Hände.
„ 1 Fall sehr kalte, feuchte Hände.
„ 3 Fällen kalte Hände.
In 14 Fällen war also Akroeyanose nachweisbar, zweimal sehr
stark, siebenmal deutlich, fünfmal schwach.
5. Magensymptome. In 4 Fällen wurden auf Befragen
geringe Magenbesehwerden geäußert: Sodbrennen, ab und zu saures
Aufstoßen, Aufstoßen mit Blähungen, jedoch in keinem Falle lagen
die typischen vagotonischen Magenbeschwerden vor. In 2 Fällen
wurde in der Anamnese angegeben, bei Aufregungen bestehen
Diarrhöen, in 1 Fall, es bestehe Neigung zu Durchfall.
Weiter wurden in gleicher Weise untersucht 25 Männer
zwischen 20 und 34 Jahren, die w r egen einer leichten organischen
Affektion die Sprechstunde der Medizinischen Poliklinik aufgesucht
haben, und 50 Frauen, die an leichten organischen Affektionen
litten.
Ein Vergleich über das Vorkommen allgemein-nervöser Stig¬
mata und speziell vagotonischer Symptome bei den ver¬
schiedenen Klassen ergibt folgendes:
I. Nervöse Stigmata (ohne vagotonische Erscheinungen).
| 2$ Männer ! 60 Frauen
100 Stedeatea
j aus der Sprechstunde
sehr oft
sehr oft j sehr oft
Conj.-Refl. * / 52 Fällen; I
| |2mal gesteigert
Cornealrefl. \ I 7 Fallen j
. fehlt in t (bei 75 Unters.)
Rachenrefl,
i i
P&tell&r sehnen-
reflex
Achillessehnen¬
reflex
Fußklonus
| lebhaft in |
81 Fällen;
2 mal schwach
20 Fällen
fehlt
in
lebhaft I
ln 1
18 Fällen
4 *
9 »
3 *
\ fehlt ln
3t Fällen
9 ▼. 33 FlUen
27 Fällen
lebhaft
in
23 .
9 .
SensJbilitätsstOrnngen:
Geringe Hypalgesie in
18 Fällen
Dermographfe: 22 mal stark
lm8l elevata
Pulsabnormitäten:
7 Fälle starke Schwan¬
kungen des Polses bei
Wechsel der Körper¬
lage und nach Bewe¬
gungen
Gesichtsfeld: —
Lidflattern: 19mal schwach
6mal deatlich
gerinne bis sehr
starke Hypalgesie in
10 Fällen
18 mal stark
3 Fälle
6 mal schwach
3 mal stark
Tremor:
23 mal gering fein¬
schlägig
4 mal deutlich grob¬
wellig
4 mal gering
feinschlägig
geringe bis starke Hyp-
algesie in 15 Fällen
22 mal stark
6 Fälle
(bes. hohe Pulszahlen)
16 mal schwach
6 mal stark
11 mal gering, feJnscbUg
1 mal deutlich grob-
wellig
II. Vagotonische Symptome.
100 Studenten
selten
26 Männer
60 Frauen
aus der Sprechstunde _
selten
[ ziemlich häufig
a) Spastische Obstipation:
1 ausgesprochen
3 angedeutet
| 2 ausgesprochen
16 ausgesprochen
3 angedeotet ^
b) Akroeyanose: 9 deutlich
6 schwach 1
4 kalte Hände
i 9 mal deutlich 1
2 sehr kalte Hände
10 deatlich
4 schwach ,
7 feuchte kalte Bände
o) Magensymptome: Keine typischen
Vagotonien
11 mal typische vagot.
] Magensymptome
7 mal typische *agoU>o.
Magenbescb werden
d) Schweiße: 22mal
[ 11 mal
16 mal__
e) Speichelfluß: 13 mal
| 4 mal
6mal
Allgemein nervöse Stigmata s i n d a 1 s o h i
z u lande r e c- h t häufig, so häufig, daß b e i
gut a ch tu n g große Vorsicht geboten ist- *
Digitized b
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UNIVERSUM OF IOWA
14. März.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11.
das Vorkommen sehr zahlreicher Ein zei¬
he fände and starke Ausprägung derselben
darf Anspruch auf besondere Beachtung er¬
heben.
Vagotonische Erscheinungen dagegen sind
im Gegensatz zu dem häufigen Vorkommen all¬
gemein nervöser Stigmata bei Männern hier¬
zulande recht selten, bei Frauen doch immer¬
hin ziemlich häufig.
Da nun ein großer Unterschied in bezug auf die allgemein
nervösen Stigmata zwischen den einzelnen Klassen (Studenten,
Arbeiter aus dem Volke, Frauen der Landbevölkerung) nicht be¬
stellt. dagegen ein recht auffallender Unterschied in bezug auf
vagotonische Verhältnisse, so dürfte das unbedingt für eine erheb¬
liche Sonderstellung der Vagotonie sprechen und für die relative
Selbständigkeit und ziemlich starke Unabhängigkeit der Vagotonie
von allgemein nervösen Momenten und daher den starken Einfluß
innersekretorischer Momente nahelegen.
Man könnte daran denken, für die spastische Obstipation,
eines der wichtigsten vagotonischen Symptome, das bei den Frauen
der Landbevölkerung ziemlich häufig vorkommt, besondere Ver¬
hältnisse der Arbeit verantwortlich zu machen.
Eine Zusammenstellung der 50 Patientinnen nach den Be¬
rufsarten ergibt jedoch, daß die spastische Obstipation bei Frauen
mit sitzender Beschäftigung gerade so häufig vorkommt wie bei
Frauen, die schwere körperliche Arbeit zu verrichten haben, wie
folgende Tabelle zeigt:
Bei den Frauen mit sitzender Beschäftigung, und zwar:
Fabrikarbeiterinnen . 12
Nähterin.1
Lehrerin der M usik . 1
zusammen 14
war 5 mal spastische Obstipation vorhanden (darunter 1 mal ange-
deutet).
Bei den Frauen mit erheblieher körperlicher Arbeit, und zwar:
Haushaltung .... 24
Feldarbeit.4
Dienstmädchen . . . 8
zusammen 36
war 13 mal spastische Obstipation vorhanden (darunter 2 mal ange¬
deutet).
Berichte Aber Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren.
Aus der L medizinischen Universitätsklinik in Wien.
Zur Kenntnis der AleukSmien und zur Therapie
lenkSmlscher Erkrankungen
von
1 ” Dr. BennO Stein« (Schloß aas Nr. 10 .)
Wenn wir uns im Anschluß an diese therapeutischen Er-
wägungen über die Behandlung der Aleukämien äußern wollen, so
möchten wir vor der Verwendung des Benzols und
—- ebenso der energi sch wirkenden radioaktiven
Stoffe, vor allem des Thorium, warnen. Ist doch hier die Ge-
fahr einer Insuffizienz der Hämatopoese offenbar besonders groß.
c i Hingegen scheinen VersuchemitRöntgenbestrahlung
nnij Arsen präpara t e n am PI a t z e zu sein. Eine im Ver-
laufe therapeutischer Beeinflussung leukämischer Zustände sich
.i - twa manifestierende Knochenmarkerschöpfung ist
j a ni besten ein N o 1 i me tangere.
Die Splenektomie der Aleukämiker ist
kontra indiziert; denn abgesehen davon, daß sich für eine
• 1 solche — derzeit wenigstens — keine plausible Begründung geben
läßt, sind die bis jetzt vorliegenden Erfahrungen äußerst un-
"“ästige. Alle infolge Fehldiagnose auf AI. Banti splenekto-
mierten Aleukämien endeten in kürzester Frist letal.
v Kff ^ U8 .^ le ? cm Gtondc erscheint es uns gerade wichtig, auf die
MerentiaIdiapo.se dieser zwei Zustände einzugehen, wobei wir J
'Mer B a n t i scher Krankheit den ganzen Komplex liyper- |
spanischer Hämophthisen [Pribram (18)], auch die megalo-
- tyeimschen Cirrhosen [E p p i n r (20)| zusammenfassen. Welche
erlegenheiten die Unterscheidung mitunter bereiten kann, lehrt
an jüngst aus der C h v o s t e k sehen Klinik von H ö s e 1 e l ) in
' e f Gesellschaft für innere Medizin und Kinderheilkunde clemon-
' n( ™ T Fall, wie auch Hirschfelds Beobachtungen, unsere
und vor allem Steinzeugs (19) Beobachtung 2 ).
AußprrÜl" r V - n »fahren, erkrankt mit Milz- und Leberschwellung.
^ srlirti Arr era, ? ( ? eniJ lß' en des Bluts, auf Erkrankung des hämatopoeti-
b*iL \\S nt n ^ mvv . e,send - Blutbild ohne charakteristische Beschaffen-
Mdefui .0 all* r i eiDe ^“hoevtenVermehrung noch quantitative Vcr-
ünthrmviaJ, ,^yteflfurroen. Hingegen starke Verminderung der
v orgin/rp hinWpüf Veränderung derselben, die auf Kegenerations-
^iikänäe .^ er,ai ? f /« Jahre, Exitus. Sektion: Myeloische
OMüktioa bnisch atypischem Verlauf. Aufklärung nur durch die
doch bei knt ischer Verwertung aller Befunde
iy j? 8 . wer den kann, beweist wiederum unser zweiter Fall.
^schichte Wustner™^ 611 ^ Sei * noch an fol ^ en(Jer Kranken-
Mll tüneitnoph^l d ^^ r ? au8iere f* Zuletzt aufgenommen am 23. Mai
ErkraakunLen Kamilienanamnese belanglos, speziell
Kinder an ff , oder 7kt erus. Gesunde Frau.
f, 7 ). i/iäfi#V (T a r k /... ,J dreimal Abortus. Keine venerischen Affektio-
vorher .Schm«!*? ** , . 8 ^ a J kpr Buuclier. Ln 44. Lebensjahre Tvphus. :
f — Ä trz# ' n 1,1 der Milzgegend, die jetzt stärker wurden; i
r! 1914, S. 823. i
• a »s d. ZbJ. f. d. ges. Med. Bd. 10, S. 509. c
auch kam es jetzt zu Milz- und Leberschwellung. Damals zum erstenmal
in der Klinik, die er nach zweimonatlichem Aufenthalt mit verkleinerter
Milz und Leber verließ. Vor zwei Jahren in einem Warschauer Spital:
auf Injektionen Besserung. Ueber ärztlichen Rat zu Hause befolgte Obers
und Butterdiät förderte die Besserung. Am 28. Mai 1911 zum zweitenmal
in der Klinik: nach drei Wochen in unverändertem Zustand entlassen.
Seither ist Milz und Leber wieder bedeutend gewachsen und Patient
hat jetzt beträchtliche subjektive Beschwerden: Atemnot, bei längerem
Stehen und Gehen Schmerzen im Gesäß, die in die Beine ausstrahlen,
oft auch Parästhesien in den Beinen; häufig Kopfschmerzen: lästiger
Husten; Appetit gut, Stuhl unregelmäßig: Schlaf durch Atemnot und
Wadenkrämpfe gestört. Daraufhin neuerliche Aufnahme: 6. November
bis 29. November 1911. Damaliger Status: Haut blaß, dunkel pigmen¬
tiert, Milz drei Querfinger unter dem Rippenbogen, sehr hart, druck-
schmerzhaft, Leber zwei Querfinger unter dem Rippenbogen, glatt,
druckschmerzhaft, mit stumpfem Rand, von derber Konsistenz. Wegen
Veischlechterung seines Zustandes stellte sich Patient am 28. Februar
d. J. wieder vor, verweigerte aber die Aufnahme. Seither hat sich sein
Bclinden außerordentlich verschlechtert. Die Atemnot hatte weitere
Fortschritte gemacht und Patient magerte stark ab.
Aus diesem Grunde ließ er sich nun doch wiederum aufnehmen.
Wir haben jetzt einen sehr abgemagerten Mann vor uns: seine Haut¬
decke erscheint s u b i k t e r i s e h , die Skleren deutlich gelb gefärbt,
was früher viel geringer, manchmal auch nur eben angedeutet war.
Keine retrosternale Dämpfung. Die linke Lunge schallt bis auf die
1 Spitze intensiv gedämpft mit entsprechender pai «vertebraler Dämpfungs¬
zone auf der andern Seite. Ueber den gedämpften Partien Stimmfrenitus
und Atmungsgeräusehe fast völlig aufgehoben, Herztöne dumpf. Das
Abdomen vorgewölbt, links stärker als rechts: freie Flüssigkeit nicht
mit Sicherheit nachweisbar: der derbe Milztumor na cli u n t e n
bis zur Nabel höh v und nach rechts über die Mittellinie reichend,
bei deutlich palpablen Incisuren; L e b e r v i e r Q u c r f i n g e r u n t e r
dem Rippenbogen, derb, stumpf, glatt, druckschmerzhaft: kein
Kollateralkreislauf. Keine Knochen Schmerzhaftigkeit,
kein Zungenbrennen, lymphatischer Kachenappa-
rat normal, Drüsen am* Halse und in inguine pal-
p a b e 1, aber nicht vergrößert.
Magensaft normal, Magendarmmotilität nicht gestört. Der Duo¬
denalsaft durch Galle intensiv gefärbt. Er enthält
kein Urobilinogen.
Bei Röntgendurchleuchtung links intensiver pleurilischer Schat¬
ten hingegen keine Verrliehtungsherde und keine mediastinale Ver¬
dunklung. 23. Mai: Probepunktion des Exsudats fördert eine sPuke
getrübte rötlichgelbe Flüssigkeit: nach dem Absetzen der artcfizicllen
Angulus scapulae. Beim Einstoßen des Troikarts kämen wir auf einen
Widerstand, der nur schwer zu überwinden war.
Stuhl wie früher immer normal konfiguriert und eofärbt Im
Urin auch letzt WP srmftt L-nit» _ . «V. 1 “ 101 ’ lm
^ ^tiuBeruracmiicn reichlich Urate Di*
Aufenthalt in der Klinik angestellte Was.s<Tmannrelktion e^wiei sich
stciffonlngf A " f pr,,, ’ ator,!i< ‘ hc TubcrknHnimpfiiiiK keine Fieber-
Mäßige Antaoeytoac (vornHimlick mtkrocvtärk
chromasie. Der Hämoglobingehalt variiert sehr Ä jleUn^an"
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Gck 'gle
Original from
UNiVERSITY OF IOWA
14. März.
310 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11.
- ■ ■ ■■ ■
6. November
23. Mai
24. Mai
1911
1914
1914
Erythrocyten.
4 500000
Nicht
1740000
Sahli.
Färbeindex.
56
0,6
bestimmt
nicht
bestimmt
43
1,0
Leukocyten.
3000
3000
8900
Neutroph. polym.
60%
67,60 %
72,0%
£o«n. „ ....
l°/o
1,00 %
1 . 6 %
Mastzellen.
—
vereinzelt
vereinzelt
Mono. Uebergangsf.. . .
5 o/o
7,75 %
22,25 o/ 0
7 . 5 %
Lymphocyten.
33 0/o
16,5%
Neutropb. myel.
—
1,00 %
2,6%
Eosin. *
1%
0,25 %
—
Myeloblasten.
0,25 %
vereinzelt
Reiznngsformen ....
vereinzelt
vereinzelt
vereinzelt
Färbung.
Morphologie der Erythro¬
?
Geringgradige
May-Giemsa
Triacid
cyten .
Poikilocytose,
keine kernhal¬
tigen, Geld-
roUenbildong
vermindert
Zellen anfierordentlich intensiv gefärbte, so zwar dafi der Durchschnitt
hyperchrom erscheint. Trockenpräparat: Ganz vereinzelte basophile
Punktierung. Auf 100 Leukocyten vier Normoblasten = zirka 150 im
Kubikmillimeter. Subvitalfftrbung: In sehr zahlreichen Zellen subst.
granulofilamentosa. Resistenz der Erythrocyten gegen Koch-
Salzlösungen an der unteren Grenze der Norm.
Betrachten wir resümierend dieses Krankheitsbild, so haben
wir es mit einem Manne zu tun, bei dem sich im Laufe vieler
Jahre ganz langsam eine Milz- und Leberschwellung entwickelte,
was durch eine Typhuserkrankung scheinbar sehr gefördert wurde.
Allmählich kam es auch zur Ausbildung eines chronischen acho-
lurischen Ikterus und schließlich wurde eine Anämie manifest,
anfänglich von chlorotischem, später von hyperchrom-regenerativem
Typus, der die mäßige Ausschwemmung unreifer Leukocyten, das
Ergebnis der Subvitalfärbung, die Urobilinogenurie, vor allem auch
das Verhalten des Duodenalsafts entsprach, während die Resistenz¬
bestimmung der Erythrocyten kein deutbares Resultat zeitigte,
alles Befunde, die das Bestehen einer aleukämischen Myelose un¬
wahrscheinlich machen mußten, zumal auch die Diazoreaktion fehlte.
Fassen wir die diagnostischen Richtungslinien zu¬
sammen: Gehäufte genaue Untersuchung des Bluts und kritische
Verwertung der gewonnenen Ergebnisse, die Probe auf Urobilinurie
und der Ausfall der Diazoreaktion; Nachweis erhöhter, normaler
oder verminderter Zerstörung von Blutrot durch die Bestimmung
des Stuhlurobilinogens [Eppinger (21)] und vor allem durch die
Untersuchung des Duodenalsafts auf Pleiochromie [Medak und
Pribram (22)]; Resistenz der Erythrocyten und deren subvitale
Färbbarkeit (subst. Granulo filamentosa): diese Untersuchungs¬
methoden worden im Zusammenhalte mit dem klinischen Bilde
meist die Entscheidung zwischen Aleukämie und hyperplenischen
Erkrankungen treffen lassen; falls doch nicht, so ist die Exstir¬
pation und histologische Untersuchung einer etwa zugänglichen
Lymphdrüse zu empfehlen, während vor der Milzpunktion zu
warnen ist, zumal sie nicht immer das gewünschte Resultat fördert.
Nachtrag: Nach Fertigstellung dieser Arbeit sahen
wir noch zwei wohl hierhergehörige Patienten (VIII und IX) im
Alter von 84 beziehungsweise 45 Jahren, bei denen vor allem die
enorme Blässe auf fiel. Bei beiden fand sich eine mäßige Milz-
vergrößerung; im Harne war kein Urobilinogen, beziehungs¬
weise Urobilin nachzuweisen, die Diazoreaktion war negativ. Im
übrigen bei beiden Patienten sehr chronischer Krankheits¬
verlauf bei höchstens subfebrilen Temperaturen. Das Blut zeichnete
sich in beiden Fällen durch starke Ausschwemmung großer
Agranulocyten aus, sodafi das Blutbild dem einer akuten Leukämie
glich; die großen Zellen hatten die Charaktere, wie sie den „My¬
eloblasten“, beziehungsweise „Lymphobl&sten“ zugeschrieben werden
(in der Tabelle als „Myeloblasten“ rubriziert). Dabei nur mäßige
Myelocytenausschwemmung (Triacid!).
Blutbefunde bei
Pall VIII
Fall IX
i
Erythrocyten.
Sahli, Färbeindex.
i 2100000
!
1900000
45 %, cca. 1
54% >1
Leukocyten.
34 000
17000
Neutrophile polymorph. . .
i 27,2 %
mo/o
Eosinophile „ . .
1 —
1>2 „
Mono- und Uebergangsformen
1 2,0 „
2,6 „
Kleine Lymphocyten....
18,4 „
22,0 „
Neutrophile Myelocyten. . .
2,2 „
3,0 „
„Myeloblasten“.
50,2,!
«4,8,!
Normoblasten.
21 anf 1000 Leukocyten =
370 im Kubikmillimeter
Megaloblasten.
—
Vereinzelt
Mäßige Anizocytose und Polychromasie, vereinzelt basophil
punktierte Erythrocyten.
Die im Fall VIII vorgenommene Duodenalsondierung förderte
farbstoffanne Galle. Im Fall IX, den wir nur flüchtig sahen,
fand sich kein Anhaltspunkt für eine metastatische Knoehen-
karzionis; im Laufe einiger Wochen stieg die Leukocytenzahl auf
etwa 70000 bei nahezu gleichbleibender prozentueller Verteilung
und sichtlicher Besserung der Anämie sowie des subjektiven Be-
fimdens (Arsenkur!). Im Fall VIII kam es zu einer Vermehrung
auf 200000 Leukocyten, wobei Myelocyten in den Vordergrund
traten, während das klinische Bild unverändert blieb.
Literatur: 1. H. Hirschfeld, Zschr. f. klin. M. Bd. 80, H. 1 u. 2. -
2. St. Klein, Die Myelogonie. (Berlin 1914.) — 3. E. Rychlik, Casop. 16t
denk. 1907, Nr. 7 n. 9. — 4. 0. Naegeli, Blufckrankheiten und Blutdiagnostik.
(Leipzig 1912.) — 5. B. 0. Pribram u. B. Stein, W. kl. W. 1913, Nr. 49. -
6. M. Litten, B. kl. W. 1877, S. 257. - 7. R. v. Jaksch, Prag. m. Wschr.
1890, S. 510. — 8. Derselbe, Zschr. f. Heilk. (Int. Med.) 1901, S. 259. -
9. E. Adler, Ebenda 1901, S. 221. — 10. Plehn, B. kl. W. 1904, S. 68. -
11. E. J. Brown, J. of Am. ass. 1914, Nr. 9. — 12. B. Stein, W. kl. W. 1912,
Nr. 35. — 13. W. Türok, Vorlesungen über klin. Hämatologie, Bd. 2, R 1,
Wien 1913. - 14. F. Spiegler, W. kL W. 1914, S. 458. - 15. F. Kraus,
B. kl. W. 1913, Nr. 31. — 16. H. Boruttau n. E. Stadelmann, Biochem.
Zschr. Bd. 61, S. 372. - 17. M. Jaffee, Zschr. f. physiol. Cbem. Bd.62,
S. 58. - 18. B. O. Pribram, W. kl. W. 1913, S. 1607. - 19. A Steinzeug,
Ein Fall atypischer Leukämie. (Dias., Berlin 1914.) — 20. H. Eppinger,
B. kl. W. 1913, Nr. 33 u. 34. — 21: Derselbe, 1. o. u. (mit Cbarnass)
Zsck. f. klin. M. Bd. 78. — 22. E. Medak u. B. 0. Pribram (noch nicht ver¬
öffentlicht). - 23. C. Sternberg. W. kL W. 1911, S. 1628. - 24. J. Citron,
D. m. W. 1914, S. 629. — 25. A. Pappenheim, Fol. haemat 1914, S. 227. -
26. 0. Naegeli, Leukämie und Pseudoleukämie. (Wien und Leipzig 1914.)
Zur Salvarsantechnik
von
Dr. Theodor Mayer, Berlin.
Die Einführung der Hohlnadel in das Venenlumen geschieht
am zweckmäßigsten so, daß Venenachse und -nadel möglichst
parallel bleiben: es wird so am leichtesten eine Läsion der Gefä߬
wand oder ein Durchspießen der Vene vermieden. Da nun bei
wohl allen Injektionsspritzen größeren Kalibers ßchon die Breite
der Spitze selbBt ein derartig centrisch-paralleles Einatechen er¬
schwert, empfiehlt sich die Verwendung von Nadeln, die in
leichter Kurve über die Schliffseite gebogen
sind ! ). Sie bedingen eine wesentlich erleichterte Einführung und
sichere Ruhighaltung sowohl der Nadel wie der manipulierenden
Spitze, und gestatten so die Möglichkeit der Infusion selbst bei
schwaoh entwickelten, schwer sicht- und fühlbaren Gefäßen.
Referatenteil.
Redigiert von Oberarzt Dr. Walter Wolff, Berlin.
Uebersichtsreferat.
Strahlentherapie 1 )
von Stabsarzt Dr. Strauß, Berlin
(zurzeit beim Feldlazarett 2).
Die Verwendung strahlender Energie bei der Behandlung
der verscbiedentlicbsten Erkrankungen ist heute eine derartig all-
') Vgl Nr. 15, 16, 29 u. 35 dioser Wochenschrift.
gemeine geworden, dafi man in der kritischen Bewertung der *
geteilten Erfolge gar nicht vorsichtig genug sein kann.
Strahlentherapie hat gegenwärtig einen so großen Umfang vW"
nommen, sie findet in Gebieten Verwendung, in denen
nicht blühen kann, sodaß die Gefahr besteht, daß ein Rückscn ag
erfolgt, ein Rückschlag, der bedauerlich wäre um des vielen v
l / Die erwähnten Nadeln werden von der Firma L. u. H. Löwenste^-
Berlin, hergestellt.
Digitized b"
■v Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF IOWA
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Gutachten umseifig!
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URTEILE AUS DER PRAXIS UBER UNSERE
HEIMRÖHRE
Wien, den 26. Jänner 1Q14.
Löbl. ELEKTRISCHE GLÜHLAMPENFABRIK «WATT» A. G.
(Pönfgen-Abfeilung)
Wien XIX., Heiligensfädtersfraße 142.
Die Helmröhre ist seil zirka zwei Jahren an der Ersten chirur¬
gischen Klinik und an der Unfallstation im Betriebe und hat sich als
ganz außerordentlich leistungsfähig und konstant im Vakuum auch bei
hohen und langen Belastungen bewährt. Sie eignet sich besonders
auch für Tiefentherapie. Hochachtungsvoll
(Im Aufträge des Herrn Hofrafes Prof. v. Eiseisberg)
Prof. Dr. G. RANZI, Assistent der Klinik
An die ELEKTRISCHE GLÜHLAMPENFABRIK «WATT» A. G.
(Röntg en- A bf eilung)
Wien XIX.
Seit Ausgabe Ihrer Wattröhren (Helmröhren) mit automatischer
Wasserkühlung verwende ich dieselben für therapeutische Zwecke.
Das Vertrauen, das ich diesen Röhren entgeaenbrachfe, habe ich
nicht zu bereuen gehabt.
Die Anforderungen in meinem Institut, das mit einem Hoch-
spannungsgleichrichfer arbeitet, der direkt an Wechselstrom ange¬
schlossen ist und nach meinem Systeme den Betrieb mit 25 Impulsen
gestattet, sind sehr große.
In der Serie der von Ihnen bezogenen Röhren haben die beiden
ältesten 145 Lichtstunden und 102 Lichtstunden gebrannt und brennen
noch weiter. Sie scheinen geradezu unverwüstlich zu sein.
Ich habe die verschiedensten Röhrenfypen für Aufnahmszwecke,
ebenso auch für die Bestrahlung ausprobiert, doch'hat keine Röhre
so hohe Lichtstundenanzahl erreicht. Nebenbei will ich noch erwähnen,
daß ich alle meine Röhren mit Bauerregulierung ausstatte.
Wien, 12. November 1Q14.
Dr. SCHONFELD AUG.
Vorstand des Röntgen-Institutes im Kaiser-Jubiläums-Spifal in Wien
URTEIL AUS DER PRAXIS ÜBER UNSERE
«WATT»- NORMAL-WASSERKÜHLRÖHRE
Wien, 7. Oktober 1014.
Löbl. ELEKTRISCHE GLÜHLAMPENFABRIK «WATT» A. G.
(Königen-Abteilung)
Die mir gelieferte <<Waft»*Normal* Wasserkühlröhre läuft im Tiefen-
therapiebefriebe neben einer .älteren, noch nicht sehr in Anspruch
genommenen wasserkühlröhre anderen Fabrikates und nimmt täglich
an Belastungsfähigkeit zu. Schon jetzt läßt sich sagen, daß sich Ihr
«Waft»-Normal*Wasserkühlrohr den besten ausländischen Röhrentypen,
was seine Leistungsfähigkeit anbelangt, ebenbürtig zur Seite stellt, und
da dieselbe bedeutend billiger ist, dürfte die Wahl in der Anschafluna
der Röhren nicht schwer sein.
K. k. Primararzt Prof. Dr. GUIDO HOLZKNECHT
Vorstand des Zentral-Rönfgenlaboraforiums im k. k. allg. Krankenhaus
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UNIVERS1TY OF IOWA
14. März.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 31.
311
hgft Guten willen, was erreicht worden ist. Die Jagd nach der
Krebsheiluog beherrscht gegenwärtig so absolut die ganze Strahlen¬
brechung, daß daneben alles übrige beinahe verschwindet. Die
Tiefentberapie ist heute der ausschlaggebende Faktor für alles
geworden, die ganze Technik ißt nur noch von dem Gedanken
beherrscht, enorme Mengen von X-Einheiten in die Tiefe zu
werfen, ohne dabei zu bedenken, daß es an einem richtigen
einwandfreien Meßverfahren auch heute noch fehlt! Die Aerzte-
schaft ist erfüllt von der Idee, daß nichts einfacher ist als diese
Tiefenbestrablungen, ohne zu wissen, daß diese enormen Dosen,
welche man an gewissen Stellen verabreicht, technisch nur ganz
sehwer beschaffbar sind. Von den radioaktiven Präparaten ganz
abgesehen, ist auch die Möglichkeit, Röntgendosen in dieser Menge
zu applizieren, durchaus nicht so einfach, wie es oft nach den Ver¬
öffentlichungen erscheinen mag. Mit leider viel zu viel Recht sagt
Holzknecht (1): „Um jene äußersten Leistungen, welche uns ge¬
statten, an die Frage der Bestrahlung operabler Tumoren heran¬
zutreten, zu erzielen, ist es zurzeit nicht genügend, die in den
Arbeiten niedergelegten technischen Rezepte tunlichst zu befolgen.
Ein strahlentherapeutischer Betrieb, welcher heute sich anschickt,
die obigen Leistungen zu kopieren, muß über die besonderen tech¬
nischen Mittel verfügen, welche — zugestandenermaßen oder nicht
— an jenen Stellen zur Verfügung stehen. Dort sieht man außer
den Aerzten und Schwestern Tag für Tag die Techniker der fabri¬
zierenden Finnen ein- und ausgehen, mit umgeheuren, meist von den
Finnen selbst getragenen Kosten, die in ununterbrochener Kette
anftretenden Abschwächungen und Defekte der aufs äußerste au¬
gespannten Maschinen beheben und Ersatzteil um Ersatzteil her¬
beischaffen. Und oft stehen alle Genannten vor dem Rätsel einer
plötilicben Minderleistung der Apparatur, deren Folge natürlich
eine unzulängliche, nicht wieder einzuholende effektive Tiefendosis
ist, welche der Kranke an mehreren Stellen bis zur Konstatierung
des Mangels erhalten hat.“
Es ist also keine einfache Technik, die hier zur Verwendung
gelangt, gar nicht vergleichbar mit der Myombestrahlung oder den
einfacheren Fragen der Röntgentherapie. Die gewöhnlichen
Röntgeneinricbtungen genügen dazu nicht. Man vergesse auch
nie, daß unzulängliche Dosen eine Wachstumsbegünstigung der
Metastasen bilden. Was sind aber ungenügende oder beßser ge¬
sagt, was Bind genügende Dosen? Aus alledem ergibt sieb, daß die
Bestrahlungstherapie des Carcinoms noch durchaus nicht so weit aus¬
gebaut ist, daß sie allgemein geübt werden kann. Infolgedessen sind
die erzielten Resultate auch gar nicht miteinander vergleichbar. Viele
Mißerfolge sind zweifellos auf unzulängliche Technik zurückzufübren.
Aber die da und dort erzielten Erfolge sollten nicht dazu ver¬
führen, mit unzulänglichen Mitteln CarciDombestrahlung zu ver¬
wehen. Da es Carcinome gibt, welche auch schon auf kleine
Dosen ausgezeichnet reagieren, so winkt auch öfters bei be¬
scheidenen Einrichtungen der Erfolg, doch gebe man sich hierüber
keiner Täuschung hin und vergesse nie, daß in unserer an Röntgen-
prozessen 60 überreichen Zeit [vergleiche Kirchberg (2)] dem
Praktiker auch bei einer Unterdosierung gerichtliche Gefahren
drohen. Was die Carcinombestrahlung selbst betrifft, so habe ich
zo dieser Stelle zu wiederholten Malen darüber gesprochen. In
Ergänzung dieser Ausführung möchte ich nur das eine sagen, daß
auch wieder die Ergebnisse des diesjährigen Röutgenkongresses ge¬
zeigt habfln, daß die entschiedensten Anhänger der Bestrahlungs¬
therapie des Carcinoms nicht aus dem Kreise der Röntgenologen
selbst stammen. Die Idee, das operable Carcinom zu bestrahlen,
geht nicht von röntgenologischer Seite aus und wird auch von
keinem Röntgenologen von Bedeutung verfochten.
Die außerordentliche und überragende Stellung, welche die
Tiefenbestrahlung in der ganzen Strahlentherapie beute einnimmt,
hat es mit sich gebracht, daß man überhaupt mehr und mehr zu
ihr übergebt und die Oberflächentberapie, das heißt die Verwen-
flung ongeülterter Strahlen, einschränkt. Ich glaube sehr zu Un¬
recht. Die Domäne der Oberflächentberapie bildet die Behandlung
«er Hautkrankheiten. Diese Therapie, welche anknüpft an die
Kamen von Freund, Gocht, Schiff, Albers-Schönberg und
f l6 ® öen i ißt gerade das erfolgreichste Kapitel der ganzen
otrablentlierapie. Man kann wohl ohne Uebertreibung sagen, daß
w Erfolg der Strahlentherapie bei Psoriasis und Ekzem ein ab¬
soluter ist. Hier kommt man meistens schon mit Vs bis Va Ery-
flmdose (nach Sabouraud-Noirde) bei einer Rohrhärte von
öQf bis sieben Wehnelt zum Zioie. Stärkere Dosen sind schon
) Favus, der Trichophjtie und der Sycosis nötig, doch geht auch
m dl68e & Leiden H. E. Schmidt (3) nicht über eine Volidosis
bei einer Rohrhärte von zehn Wehnelt hinaus. Wetter er (4)
nimmt beim Favus den ganzen behaarten Kopf in einmaliger
Sitzung in Angriff und exponiert denselben in siebenstelliger Total¬
bestrahlung. Er appliziert pro Bestrablungsfeld vier bis fünf
Holzknechtsche Einheiten, also gleich H. E. Schmidt sine
Volldosis. Bei der Sycosis betont Wetterer, daß die Rezidive
nach Röntgenbehandlung selten bei frischen Fällen sind, daß je¬
doch die Aussicht auf Rezidivfreiheit je mehr schwinde, je älter
der Fall ist. Während bei der frischen Sycosis eine einzige Total¬
epilation schon meistens die Heilung herbeiführt, ist es bei den
lauge (10, 12 und 15 Jahre) bestehenden Fällen schon zu einer
Miscbinfektion gekommen und die Prognose wird quoad Rezidiv¬
freiheit schlechter. — Die ganze bisherige dermatologische Strahlen¬
therapie war ihrem Wesen nach eine Oberflächentherapie mit
kleinen Dosen und vorwiegend mittelweichen Strahlen, nur die drei
zuletzt erwähnten Hautleiden (Favus, Sycosis, Trichophytie) machten
eine Ausnahme. Auf jeden Fall erreichte man bei der Mehrzahl
der Hautkrankheiten mit der einfachen Strahlentherapie ganz aus¬
gezeichnete Resultate. Es war nun die Frage, ob wir angesichts
der Erfahrungen, welche wir bei der Tiefentherapie gemacht haben,
nicht dazu übergeben wollen, die ganze Oberflächentherapie zu
vorlassen und auch bei den Hautkrankheiten gefilterte Strahlen in
Anwendung zu bringen. Warum soll man nun aber etwas Be¬
währtes und technisch sehr leicht Ausführbares verlassen? Die
bisherige Oberflächentherapie in der Dermatologie war mit den
ältesten Apparaten durchführbar, sie verursachte infolge ihrer
kleinen Energiemengen wenig Kosten, alles Dinge, die sich bei der
Verwendung gefilterter Strahlen ändern werden. Und dennoch ist
nicht in Abrede zu stellen, daß zugunsten der Anwendung ge¬
filterter Strahlen in der Dermatologie sehr gewichtige Gründe
sprechen. Erstens wird die Schädigung der Haut bei filtrierter
Strahlung sich eigentlich vermeiden lassen. Wer bei der Ober¬
flächentherapie gewissenhaft dosierte, hat allerdings auch Schädi¬
gungen nie erlebt und dennoch — man orientiere sich hierüber
nur in dom oben schon erwähnten Buche Kirchbergs — kamen
gelegentlich Ueberrasehungen vor. Vor diesen ist man eigentlich
bei der Filtertherapie behütet. Das Schreckgespenst der Röntgen¬
verbrennung ist seit der Filtertechnik so gut wie verbannt. Wir
wissen, daß gefilterte Strahlen erst in außerordentlich großen
Dosen überhaupt auf der Haut Erscheinungen hervorrufen, daß
diese Erscheinungen selbst aber ganz anders verlaufen, als dies
bei den weichen, ungefilterten Strahlen der Fall war. Das Erythem
der gefilterten Strahlen ist fast schmerzlos und kurzdauernd, das
klassische Röntgenerjthem bei ungefilterter Strahlung war sehr
quälend und dauerte drei Wochen. Die Verbrennung zweiten Grades
mit ihren sattsam bekannten Hautatrophien und Teleangiektasien
ist gleichfalls bei gefilterter Strahlung einem fast harmlos zu nennen¬
den Zustande gewichen, indem es einfach zur Blasenbildung kommt,
die nach einiger Zeit bei indifferenter Behandlung restlos abheilt.
Selbst die stärksten Gattungen von Verbrennungen sind bei der
Verwendung gefilterter Strahlen gar nicht mehr mit dem trostlosen
Krankheitsbilde der alten Verbrennung dritten Grades zu ver¬
gleichen. Das Martyrium dieser Kranken, den endlos langdauern¬
den Krankheitsprozeß, den die extremen Fälle von Röntgenver-
brennungen bei mittelweicber Strahlung aufwiesen, kennt man
jetzt nicht mehr. Inwieweit man infolgedessen heute schon be¬
rechtigt ist, die ganze Frage der Röntgenschädigung nunmehr der
Geschichte zuzuweisen und kurzer Hand auszusprechen, daß die
Verwendung gefilterter Strahlen überhaupt jede Schädigung aus-
scbließe, erscheint mir immer noch nicht entschieden, sicher ist
nur das eine, daß die menschliche Haut selbst bei hohen Graden
von Radiosensibilität von einer Strahlentherapie bei gefilterter
Strahlung nur geringen Schädigungen ausgesetzt ist. Von diesem
Standpunkt aus wäre also der prinzipiellen Verwendung der harten
gefilterten Strahlung das Wort zu reden. In zweiter Linie käme
aber auch noch der Umstand in Frage, ob nicht überhaupt die
harte Strahlung auch an der Oberfläche viel wirksamer ist als die
mittelweiche und ob nicht außer den sicherlich ja sehr wichtigen
Gründen des Schutzes des Patienten auch noch rein therapeutische
und biologische Erwägungen zugunsten der Filtertherapie sprechen.
Ich habe schon vor längerer Zeit an dieser Stelle (Jahrgang 1918,
Nr. 4, S. 144) auf die Veröffentlichungen der beiden Kieler Hans*
Meyer und Ritter (5) hingewiesen, welche uns anhanden
ihrer Versuche mit Erbsenkeimlingen den Beweis erbrachten, daß
harte Strahlen biologisch viel wirksamer sind als weiche, wenn sie
überhaupt nur zur Absorption gelaugen. Heute sind diese Sätze
Allgemeingut geworden, man wundert sich eigentlich, daß man
jemals hierüber anders gedacht hat, aber es ist ein bleibendes
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11.
14. März.
\erdienst von Hans Meyer und Ritter, dies experimentell
bewiesen zu haben. Es w*ar selbstverständlich, daß die harte Strah¬
lung nun auch in der Dermatologie Verwendung fand, und es ist
neben Frank -Schulz (6), dessen Ableben seine Versuche früh¬
zeitig unterbrach, besonders Fritz M. Meyer (7) (Berlin) zu
nennen, der bei Ekzem und Psoriasis gefilterte Strahlung appli¬
zierte. Fritz M. Meyer hat bei 16 Patienten Ekzembestrahlun¬
gen ausgeführt und dabei so vorteilhafte Resultate erzielt, daß er
ganz dazu überging, die chronischen Ekzeme mit harter Strahlung
zu behandeln. Er rühmt als deren Vorzüge die Kürze der Behand¬
lung; sie führt schneller und sicherer zum Ziele. Die bestrahlten
Patienten hatten teilweise schon eine lange Krankheitszeit (10 bis
15 Jahre) hinter sich und waren klinisch zu den schweren Fällen
zu rechnen. Minder befriedigt war Fritz M. Meyer von den
definitiven Heilerfolgen mit harter Strahlung bei Psoriasis. Es
gelang ihm nicht, damit die Rezidive zu verhüten. Interessant
sind überdies bei der Psoriasistherapie auch die neuen Versuche
von Ritter und Tamm (8), mit Encytoleinspritzungen heilend
auf dieses Hautleiden zu wirken. Daß das Encytol (beziehungs¬
weise Cholin) nicht als ein pharmakologisches Mittel, sondern als
ein Teil der Strahlentherapie anzusehen ist, habe ich früher schon
an dieser Stelle ausgeführt (1914, Nr. 16, S. 697), infolgedessen sind
die R i 11 e r - T a m m sehen Ausführungen hier zu erwähnen. Die
beiden Autoren haben mit Encytol Erfolge in der Psoriasisbehand¬
lung erziel^ befürworten indessen die Verwendung dieses Mittels
nicht, da diese verhältnismäßig leichte Erkrankung nicht die Ge¬
fahr der Anwendung eines so differenten Mittels, wie es das
Encytol darstellt, rechtfertigt. Da das Cholin eine elektive Wir¬
kung im Sinn einer Zerstörung auf die samenbildenden Zellen
des Testikels auszuüben imstande ist, so wird man beiden Autoren
in ihrem ablehnenden Urteile zustimmen müssen und die Eneytol-
therapie der Psoriasis auch in extremen Fällen nicht anwenden.
Wenn ich zum Schluß über die ganze Frage der Oberflächen- oder
Tiefentherapie der Hautkrankheiten meine eigne Ansicht sagen
darf, so kann ich in voller Würdigung des entgegengesetzten
Standpunkts mich nicht entschließen, zur Tiefentherapie über¬
zugehen. Ich bevorzuge beim Ekzem ganz besonders noch die
kleinen Dosen mittelweicher Strahlen und habe bei der Psoriasis
von der harten Strahlung keinen größeren Nutzen gesehen als
von der mittelweichen. Die vielfach empfohlene Kombination der
Strahlentherapie mit hyperämisierenden Mitteln (Hochfrequenz,
Licht, Kohlensäureschnee) ist sicher in refraktären Fällen sehr
empfehlenswert. Hinsichtlich der Behandlung des Favus, der
Trichophytie und der Sycosis möchte ich der gefilterten Strah¬
lung das Wort reden, ganz besonders aber auch bei der Be¬
strahlung des Hautcarcinomß. Bei dieser Carcinomart, die eben
etwas ganz anderes darstellt als die Carcinome innerer Organe,
ist die Strahlentherapie fast ein souveränes Mittel. Wenn bei einer
Carcinomform die Strahlentherapie die Operation ohne Schädigung
des Kranken ersetzen kann, so ist es hier, obgleich auch beim
Hautcarcinom strahlenrefraktäre Fälle Vorkommen. Natürlich ist
auch die Bestrahlung der Hautearcinome eine Kunst und erfordert
eine ziemlich große Erfahrung. Ob man die Hautearcinome mit
mittelweichen Strahlen zunächst bestrahlen will, ob man dazu über¬
geht, die Behandlung durch energische Vereisung mit Kohlen¬
säureschnee zu kombinieren oder ob man sich gleich der Tiefen¬
bestrahlung zuwenden soll, ist sicherlich eine Frage der persön¬
lichen Erfahrungen. Die glänzenden Erfolge, die H. E. Schmidt
mit der ersteren Methode erzielt hat, zeigen, daß dieser Weg zum
Ziele führt, wenn ich auch persönlich der Tiefenbestrahlung mehr
das Wort reden möchte. Wetterer empfiehlt, papillomatöse
Epithelialkrebse mit blumenkohlartigen Wucherungen besser chir¬
urgisch zu entfernen und unter starker Filtration nachzubestrahlen.
Die Hautepitheliome sind es auch, bei welchen die radioaktiven
Stoffe ihre heilende Wirkung entfalten. Die ersten Versuche mit
der Radiumbestrahlung von Hautepitheliomen stammten von
D a n 1 o s, dem dann zahlreiche andere Autoren folgten. Beson¬
ders nahmen sich W i c k h a m und D e g r a i s (9) dieser Therapie
an, und sie konnten 1913 an Hand eines mehr als 1000 Fälle be¬
tragenden Beobachtungsmaterials berichten. Wiek harn und
D e g r a i s anerkennen dem Radium in der Behandlung der Haut¬
epitheliome eine gewisse Superiorität zu und haben in einer großen
Anzahl von Fällen, die andern Mitteln getrotzt haben, günstige
Erfolge gesehen. Nach Wetterer sind für die ausschließliche
Radiumbehandlung alle nicht rein oberflächlichen operabeln Haut-
carcinome kontraindiziert. Sehr bewährt haben sich die Bestrah¬
lungen bei den Epitheliomen am Lid und der Hornhaut, ja
F1 e m m i n g (10) spricht sogar von Behandlungserfolgen, wie sie
mit keinem andern Heilmittel, auch nicht mit dem Messer, hätten
erzielt werden können. (Fortwtmg folgt)
Ans den neuesten Zeitschriften.
Berliner klinische Wochenschrift t92S % Nr. 9. j
Unna (Hamburg): Kriegsaphorismen eines Dermatologen. Die I
beste Behandlung der Furunkel ist das Ausbrennen des centralen Kokken- 1
herds mit einer glühenden Nadel. Bei Furunkulose empfiehlt sich die
Anwendung einer Paste aus Bolus 20, Glycerin 10, Ichthyol 5.
Kuznitzky (Breslau): Ueber eine besondere Abhellaagsform
der Alopecia areata. In den beschriebenen Fällen bestand der Ersatz
nicht in einer Depigmentierung, sondern in einer schließlichen Hyper¬
pigmentierung der erkrankt gewesenen kahlen Partie, sodaß sich bei
diesen Leuten jeder Alopecieherd als dunklerer Haarbezirk schon von
fern abbob.
Heinsius (Berlin-Schöneberg): Ueber die operative Behandlung
and Heilung der totalen Blasenektopie. Beim Weibe findet sich
neben den beschriebenen Mißbildungen nicht selten auch eine Spaltbildung
der inneren Genitalien. Während eine Spaltbildung, die nur einen Teil
der anfangs genannten Organe betrifft, therapeutisch wenig Schwierig¬
keiten macht, ist die Behandlung einer totalen Spaltbildung ungemein
schwierig. Mitteilung eines einschlägigen, mit gutem Erfolg operierten
Falles.
Cohn (Berlin): Ueber nervöse Retentto urlnae. Drei positive
Symptome waren in den drei Fällen gleichmäßig vorhanden: 1. eine aus- 1
geprägte Balkenblase, 2. erhöhte PateUarreflexe und 3. ein verminderter
Blaseninnendruck. Der geringe intravesicale Druck, festgestellt durch
die Manometrie, ist geeignet, die Diagnose Retentio urinae ohne organi¬
sche Ursache zu sichern.
Schmey (Berlin): Das perirenale Oystoid bei Mensch und
Tier. Es darf als vollkommen sicher angenommen werden, daß in keiner
dieser drei Beobachtungen ein Hämatom, dessen Blutfarbstoff allmählich
zur Resorption gelangt ißt, als Quelle dieser Cystenbildung angesehen
werden kann.
Fleischhauer (Düsseldorf): Ueber Nervenverletzungen. Als
Hauptsymptome zeigten die besprochenen Beobachtungen motorische
Lähmung und sensible Ausfallserscheinungen. Die Grenzen trophischer
Störungen der Haut können mit dem Verbreitungsbezirke der sensiblen
Fasern zusammenfallen, während die Ausbreitung vasomotorischer Stö¬
rungen andern Gesetzen folgt. T T eber die Verbreitung trophischer Stö¬
rungen der Knochen bei der Läsion einzelner Nerven können dagegen
bestimmt lokalisierende Angaben noch nicht gemacht werden.
Boenheim (Bensheim): Zur Lokalisation des Tastsinns. Die
Anlage des Krönleinsehen Schemas am Kopfe des Patienten ergab,
daß die Wunde unmittelbar vor dem Sulcus centralis Rolandi lag. Die
am unteren Ende der Wunde stattgefundene Zersplitterung des Knochens
ließ an dieser Stelle eine Blutung ins Gehirn annehmen.
Reckzeh (Berlin).
Deutsche medizinische Wochenschrift 1915. Nr. 9.
Th. Rumpf (Bonn): Weitere Mitteilungen ttber oscilliereiide
Ströme und ihre strahlende Energie. Vortrag, gehalten in der Nieder¬
rheinischen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde am 13. Juli 1914.
Leonor Michaelis (Berlin): Die praktische Yerwertbarkeit
der SInreagglntlnation für die Erkennung der TyphnsbacIHea. Die
vom Verfasser vor Jahren beschriebene Säureagglutination der Bacillen
der Typhus-Coligruppe ist nächst der specifischen Serumagglutination
dasjenige Artmerkmal des Typhusbacillus, das am meisten Konstanz
und Eindeutigkeit in sich vereinigt und deshalb für die Typhusdiagnose
verwertbar ist.
Felix Hirschfeld (Berlin): Die Ernährung großstädtischer
Arbeiter und der Eiweißbedarf des Menschen. Es wurde die Kost
zweier großstädtischer Arbeiter genau untersucht. Während nun bei
dem einen die Fleischmenge der Nahrung und deren Eiweißgehalt durch¬
aus der Voitsehen Norm von 120 g Eiweiß entsprach, lag sie bei dem
andern tief unter diesem Satze; sie enthielt nämlich im Durchschnitte
täglich 88 g Fleisch oder Fisch und 87 g Eiweiß, von denen 71 g ver.
daulich waren. Dabei war der zweite Arbeiter bei dieser Kost dauernd
gesund und körperlich sehr leistungsfähig. Die Forderung Voits, ein
j gesunder Arbeiter solle bei mittelschwerer Arbeit etwa 120 g Eiweiß zu
j sich nehmen, ist, trotzdem sie von Hübner und Andern wieder angenommen
I wurde, nicht als berechtigt anzuerkennen. Der Verfasser bekämpft dann
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14. Märe.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11.
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noch die Forderung Rubners, es solle nicht nur eine Ersparnis an
Xaturbiitter. sondern überhaupt an Fett angebahnt werden, weil an sich
der Verbrauch daran zu groß sei lind die wahren Bedürfnisse über¬
schreite. Er wendet sich ferner gegen die Ansicht desselben Autors,
daß eine Enteiweißung der Kost durch Fette, Zucker und Alkohol sehr
bedeutend sein könne. Diese Befürchtung, es könne durch reichlichere
Verwendung von Fetten und von Zucker eine gefährliche Eiweißverarmung
der Kost infolge Verdrängung von Vegetabilien herbeigeführt werden, ist
aber durch keine tatsächliche Beobachtung gestützt und sehr unwahr¬
scheinlich. Soweit uns diese Nahrungsmittel zur Verfügung stehen, ver¬
bessern sie die Kost, namentlich weil sie im Darme gut uusgenutzt
werden und dadurch schwerer verdauliche Vegetabilien ersparen können-
M. Rubner: Bemerkung zn vorstehender Mitteilung von Prof.
Hfrschfeld. Per Verfasser protestiert dagegen, daß man ihm eine blinde
Stellungnahme für eine allgemeine Normierung jeglicher menschlicher
Ernährung auf der Höhe von 120 g Eiweiß zuschreibt. Er schließt sich
im Gegenteil Thomas an, der den Beweis einer Reduktion des Eiweiß-
verbrauchs bis auf 30 g täglich erbracht hat. Auch stellt die Zufuhr
z. B. von 110 g Eiweiß kein Eiweißminimum dar, sondern vielmehr
einen mäßigen Ueberschuß, den der Verfasser in der Regel, wenn nicht
gerade Not oder dergleichen vorliegt, für zweckmäßig hält. In Gefäng¬
nissen kann man es rechtfertigen, wenn man auch weniger Eiweiß gibt;
da bleibt noch immer der Gefängnisarzt zur Hand, wenn Unzukömmlich¬
keiten bei einzelnen auftreten. Dem deutschen Arbeiter im Durchschnitte
wird man aber nicht die Gefängniskost als Vorbild geben können. Der
Verfasser betont dann noch einmal die von ihm auf Grund praktischer
Beobachtungen zuerst ausgesprochene Ansicht, daß die drei Stickstoff-
faien Komponenten der Kost, Fett, Zucker und Alkohol, reichlich ge¬
nossen, einen so großen Anteil der Calorien decken, daß der Rest an
Nahrung deu nötigen Stickstoff nur dann noch bringt, wenn man als
Restnahmng eben Fleisch, das heißt eiweißreiche Äniraalien, nimmt.
Schließlich weist er von neuem darauf hin, daß sich der Fettverbrauch
in einzelnen Teilen Deutschlands außerordentlich gesteigert und vielfach
m überfetteten Kost ausgewachsen hat, sodaß er also aus medizinischen
und nationalökonomischen Erwägungen zu vermindern ist.
Joseph Lewinsohn (Breslau): Lähmung des Atmangscentrums
ln Anschluß an eine endolnmbnle Neosalvarsanlnjektloo. Es wurden
0,15 Neosalvarsan in 300 ccm steriler physiologischer Kochsalzlösung auf-
getat und hiervon 6 ccm, mit der gleichen Menge Liquor vermischt,
intniliimbal einem 41 jährigen Tabiker injiziert. Die Lähmung des
Almnngscentrums setzte ganz akut ein. Der Fall, der eingehend be¬
schrieben wird, kam zur Heilung. Der Patient hatte etwa 5 Minuten
vor dem plötzlichen Aussetzen der Atmung 0,02 Morphium erhalten
*egen einer gastrischen Krise. (Das Neosalvarsan war 24 Stunden vorher
injiziert worden.) Der Verfasser nimmt aus bestimmten, näher ange¬
gebnen Gründen an, daß eine latente Schädigung des Atraungscentrum s
öd o ^e der Tabes) durch die Wirkung der intraduralen Neosalvarsan-
in Je tion zusammen mit dem die Erregbarkeit des Atmungscentrums
erabsetzenden Morphium erst manifest geworden sei.
, 11 *, raul Neuenahr): Tetanie im Verlauf einer Gallenstein-
j° 1 ’ ^ ^ er Höhe des Kolikanfalls kam es zur typischen Tetanie.
' eine Tetaniekonstitution gegeben, so werden die Reize, die
{|p °hk auslösen, reflektorisch die übererregbaren nervösen Organe
on * c * ie Ganglien des Rückenmarks, der Rinde, peripherisches sen-
j' 1 . 0 ' ® uron j Z1,m Abreagieren in irgendeiner Form der Tetanie veran-
j>mh ( ie letaniedisposition beruht auf fehlerhafter oder mangelhafter
un tion der Epithelkörperchen. Die Organe mit innerer Sekretion legen
rh Crer f e j * jinie d * e die Krankheitsbereitschaft des Men-
> nen nach den verschiedensten Richtungen hin fest. Die Glandulae para¬
llel T • k eraiDen nun Erregungsfähigkeit bestimmter Neuronen.
• unktion oder Dysfunktion steigert die Erregungsfähigkeit).
SrhnR kl ^ raund Auerbach (Frankfurt a. M.): Zur Behandlung der
®Terle™gen Poripherischer Nerven. Erörtert wird die Frage,
.«on konservativ zu behandeln ist und wann nach der Heilung der Ein-
u^ebußöffnung der lädierte Nerv operativ freigelegt weiden muß.
ic c irargisdien Methoden sind von Fall zu Fall: einfache Neurolyse
even üt-jl folgender Einbettung in gesundes Muskelgewebe, Nerven-
»imd erv ,f D ^ as Gki Nervenresektion. Nach der Heilung der Operntions-
L. n j } e n, e ‘ ne systematische elektrische und mediko-mechanische Be- !
handlung Platz greifen. |
^Berlin): Die Gasphlegmone Im Felde. Die Pro- i
]j„ n “ n e ! er Gasphlegmone (besser: Gasgangrän oder Emphysema ma- |
siec! t 18 f SC ^ S ^ ^ 8e ^ r weitgehender Gasentwicklung, keineswegs j
Zone v i ma ° 8c ^ ne ^ großen Incisionen bis in die gesunde (
folgen ° f t '- Amputation hat nahe der Grenze der Gangrän zu er- 1
Operaf .® UD K e ^ nes brauchbaren Stumpfes muß gleich bei der j
wie mM', glommen werden und eine Sekundärnaht sobald j
J gich, noch innerhalb der ersten Woche, angeschlossen werden.
1 Philippsthal und S. Rummelsburg: Die Gefahren des Gips-
verbandes nnd ein Vorschlag zn seinem zweckmäßigen Ersätze. Der
gefensterte Gips verband, der die Brochenden fixiert und zugleich eine
, Wundbehandlung ermöglicht, bewährt sich nur da, wo der komplizierte
! Bruch reaktionslos heilt. In den meisten Fällen tritt aber nach Ansicht
| des Verfassers zur komplizierten Fraktur die Infektion. Bei infizierten
Frakturen ist aber der Gipsverband kontraindiziert. Die eitrige Sekretion,
i die sich in der Gegend der Bruchenden bildet, kann in ihrer Ausdehnung,
I auch wenn das Fenster groß genug erscheint, nicht überblickt werden. So
kommt es denn, daß der Moment zur Anlage einer Incision verpaßt wird,
[ sodaß dann plötzlich die Indikation zur Amputation gegeben ist. Diese
i Schädigung des Gipsverbandes vermeidet der von den Verfassern für die
i Brüche des Beins angegebene „gefensterte Schienenverband“, der zugleich
die Notwendigkeit eines häufigen Verbandwechsels ausschließt. Denn
; infizierte Brüche heilen nur durch absolute Ruhigstellung. Die Technik
des empfohlenen Verbandes wird genau beschrieben. F. Bruck.
Münchner medizinische Wochenschrift 1915, Nr. 9 ,
j Ch. Bäumler: Ueber Pneumothorax Im späteren Verlaufe von
i im Krieg erlittenen Lungen Verletzungen. Nach eiuem am 19. Novera-
j her 1914 in Freiburg i. Br. gehaltenen Vortrage.
M. Kaufmann (Wiesbaden): Zur Therapie der croupÖsen
j Pneumonie. Der Verfasser empfiehlt das Optochinum hydrochloricuin 0,25
| innerlich als Pulver, und zwar alle 4 Stunden gleichmäßig über
I 24 Stunden (Tag und Nacht) verteilt, das heißt also 1,5 pro die. Die.
[ Dosen werden 1—2 Tage über die derzeitige Entfieberung hinaus gereicht-
! Hoi dieser Dosierung beobachtete der Verfasser selbst niemals Amaurose.
Von manchen Patienten wurde über Ohrensausen und Schwerhörigkeit
| geklagt wie beim Chinin.
| Wilhelm Sternberg (Berlin): Eine neue Position zur
I ösophagoskopischen Untersuchung. Empfohlen wird die Bauchlage
i erhöhtem Tisch, lind zwar in Knie-EUbogensenkung, wobei die Knie
auf hohem Kissen liegen und der Kopf möglichst das Tischende über¬
ragt. Diese Untersuchungsstellung kombiniert die Vorzüge der
sitzenden Stellung mit denen der Rückenlage, ohne ihre Nachteile
zu haben. W orin die \ orteile der neuen Position bestehen, wird genau
angegeben.
M. Nonne (Hamburg-Eppendorf): Das Problem der Therapie der
syphilogenen Nervenkrankheiten im Lichte der neueren Forschung»«
[ Ergebnisse. (Schluß.) In dieser ausführlichen Uebersicht bekämpft der
Verfasser die diagnostisch-prognostischen provokatorischen Salvarsan-
infusionen. Er tritt für die kombinierte (Salvarsan- + Quecksilber-) Be¬
handlung ein. Nach ihm ist die größte Gefahr des Salvarsans bei der
Therapie der Syphilis des Nervensystems in der Möglichkeit des
Auftretens der Herxheim ersehen Reaktion zu erblicken, weil eine syphi¬
litische Erkrankung an einer wichtigen Stelle (Medulla oblongata, Rückea-
marksquersehnitt) sitzen kann, ohne sich uns durch Svmptome zu ver¬
raten. Aus diesem Grunde soll man die Behandlung zunächst mit
Quecksilber beginnen, dann das Salvarsan folgen lassen und schließlich
beide Mittel abwechselnd geben. Doch sollte bei einer Kur eine Ge¬
samtdosis von 3—4 g Salvarsan nicht überschritten werden. Sind auch
dann die klinischen Symptome noch nicht geschwunden, so soll man
zunächst mit Hg und Jod weiterbehandeln, dann aber die Therapie für
Wochen oder Monate unterbrechen. Bei der Syphilis cerebrospinalis hat
man die besten Erfolge, weniger gute hei Tabes und Paralyse. Beide sollen
zwar zunächst mit Quecksilber und danu mit Salvarsan behandelt werden
der Verfasser warnt aber eindringlich vor einem allzu energischen auti
syphilitischen Vorgehen. Denn bei Spätsyphilitischen ist der inuere
Stoffwechsel oft erheblich gestört. Hier sind nach Alter „die wichtigsten
entgiftenden Organe meist so hochgradig defekt und unzulänglich ° daß
man die Toleranz und die entgiftenden Fähigkeiten solcher Kmnkcn
grundsätzlich gar nicht niedrig genug einschützen kann“ Auf keinen Fall
ist es bei echter Tabes und echter Paralyse angängig, immer weiter zu
behandeln, weil Blut- und Liquorreaktion noch Widerstand leisten.
A. Jesconek (Gießen): Lichtbehandlung des Tetanus. Vier
Patienten mit Tetanus wurden in der Weise der Lichtbehandlung unter
worfen, daß die Wunden den Strahlen der Quecksilberquarzlampe aus-
gesetzt wurden. Die Entfernung der Wunde von der Lichtquelle die
Dauer der Belichtung und deren Wiederholung wurden abhän^r gemacht
von den Qualitäten der Wunde. Bezweckt wurde, möglichs? rasch eine
heftige Ueberschwemmung der Wunde mit entzündlichem Serum herbei¬
zuführen. Alle vier Patienten sind von ihrem Tetanus geheilt worden
Braunschweig: Kurze Mitteilungen über die epidemische
Hemeralopie im Felde. Der Verfasser sah in vier Wochen 23 Nacht¬
blinde. Nach Eintritt der Dunkelheit sind die Kranken nicht mehr imstande.
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11.
14. Man.
sich im Gelände zurechtzufinden, sie erkennen keine Hindernisse, stürzen
in Granatlöcher am Wege, sie sehen kein Ziel, müssen sich an den
nächsten Kameraden festhalten, ja von ihnen fortziehen lassen. Fahrer
können nachts ihren Wagen nicht mehr lenken. Da objektive Symptome
in seinen Füllen fehlten, war der Verfasser lediglich auf die Prüfungen
subjektiver Beschwerden angewiesen. Die veränderte Produktion der¬
jenigen Chemikalien der Netzhaut, die der Bilderzeugung dienen, in erster
Linie des Sehpurpurs, bewirkte die Herabsetzung des Lichtsinns sowie
die aufgehobene Dunkeladaptution. Diese Ausfallserscheinungen werden
mittels des Photometers geprüft. Als Ersatz dieses dient im Felde die
Kadi um uh r; deren Zeiger und die die Stunden bezeichnenden Punkte
sind mit einer Leuchtfarbe bestrichen und leuchten im Dunkeln auf
ziemlich weite Entfernung. Normale Augen erkennen die Zeichen im
Dunkeln nur nach einigen Sekunden Anpassungszeit auf mindestens
80—150 cm, Hemeralopen kommen auch nach längerer Anpassung nicht
über 50 cm hinaus. Da die Leuchtkraft der einzelnen Uhren wechselt,
wird man für jede das Maß an normalen Augen vorher festzustellen
haben. Mit der Möglichkeit der Simulation oder mit suggestiver Ueber-
tragung der Krankheitserscheinungen muß man rechnen. Die Hemeralopie
stellt einen Erschöpfungszustand dar, Ruhe im Lazarett ist daher er¬
forderlich.
Velhagen: Eine sehr wichtige Kriegsverletzung der Augen.
Es handelt sich, wie au einer Reihe von Beispielen erläutert wird, um
den Verlust eines Auges infolge indirekter Gewalt durch Fernwirkung
eines das Orbitalskelett irgendwo treffenden Schusses aus einem klein-
kalibrigen Gewehr. Es dürfte dabei durch die lebendige Wucht des
Geschosses beim Aufschlagen eine Sprengwirkung ausgeübt werden. Wird
also die knöcherne Wandung der Augenhöhle irgendwo getroffen, bo muß
eine augenblickliche Kaumbeengung des Inhalts dieses eintreten und der
Bulbus nach vorn geschleudert werden. Dabei Zerreißen im Innern des
Augapfels, der nicht genügend ausweichen kann, unter anderm Blutgefäße,
Netzhaut, Aderhaut.
Kurt Lossen (Frankfurt a. M.): Ein Beitrag zur rationellen
Behandlung von Hautabschürfnngen und Verbrennungen zweiten
Grads. Nässende Hautabschürfungen und geöffnete Brandblasen behandle
inan durch Aufstreuen von Tannoform. Es entsteht dabei ein auf der
Unterlage fest und trocken haftender Schorf, der diesen bald vor
mechanischen Insulten schützt, sodaß ein Verband nach 1 bis 2 Tagen
fort «Hassen werden kann; nur muß der Schorf die ersten Tage vor
Feuchtigkeit geschützt werden.
B. Heile (Wiesbaden): Zur chirurgischen Behandlung der
durch Schußverletzung hervorgernfenen Mundsperre. Ist der dis¬
lozierende Kieferteil fest in seiner falschen Stellung fixiert, so muß er
vor Anlegung der Schiene und vor der Extension mobilisiert werden.
Das geschieht durch einen einfachen operativen Eingriff, der genau be¬
st“!) rieben wird. Immer aber muß danach eine energische und lang-
dauernde Nachbehandlung mit Distraktionsraanövern einsetzen, in Form
eines Holzkeils oder auseinanderzusperrenden Kieferspatels oder noch
besser mit Hilfe der Dauerdistraktionsschiene oder schiefen Ebene des
modernen Zahnarztes.
Siebert (München): Ueber Feldaborte. Man stellt einen Sitz
quer über den Graben, sodaß Besucher gezwungen ist, sich in die Mitte
über den Graben zu setzen. Die Möglichkeit, daß durch die Sitzstange
eine Verschleppung geschieht, läßt sich dadurch erheblich vermindern,
daß man bei der Sitzgelegenheit wohl die Stange zum Anlehnen des
Kückens durchgehend macht, aber die Sitzstange in der Mitte auf 15 bis
o() cm unterbricht, sodaß der Harn die Stange nicht verunreinigen kann.
Will man ein einfaches Häuschen über dem Abort errichten, so muß es
an seiner Hinterwand eine Ausbuchtung in Form eines Entenschnabels
erhalten, um jede Verunreinigung durch spritzenden Kot hintanzuhalten.
Solche Häuschen lassen sich durch Haken, wo die Tragebalken eingehakt
werden, leicht tragbar machen.
Schneidt und Seitzinger: 14 000 km mit dem bayerischen
Hilfslazarettzug Nr. 2. (Erfahrungen and praktische Winke.) Aus¬
führliche Beschreibung aller Einrichtungen des Zuges. Die Verfasser
stehen auf dem Standpunkte, daß im fahrenden Zuge nur in dringendsten
Füllen operiert werden solle, also bei Blutungen aus arteriellen Gefäßen,
bei Gefahr des Erstickungstods, Glottisödem (Luftröhrenschnitt). Aber
auch hei Blutungen aus großen arteriellen Gefäßen operieren sie nur dann,
und zwar unter Bevorzugung der rascheren Methode, der Arterienligatur
in der Wunde, wenn es nicht möglich sein sollte, den Patienten mit an¬
gelegter elastischer Binde innerhalb zweier Stunden einer Klinik zu über¬
geben. Bauchoperationen und Amputationen im fahrenden Zuge vorzu-
nehmen, liegt nicht im Interesse der Kranken. Der Lazarettzug hat
stets Gelegenheit, einen derartigen, der Operation bedürftigen Patienten
rechtzeitig im Feindesland einem Kriegs- oder Etappenlazarett, im Hei¬
matland einem größeren Krankenhause zu übergeben. Zur Vornahme einer
größeren Operation den Zug längere Zeit halten zu lassen, ist unstatt¬
haft. Das liegt auch nicht im Interesse der übrigen Schwerverwundeten.
da diese so rasch wie möglich der Heimat zugeführt werden sollen. Es
werden übrigens nur solche Verwundeten aufgenommen, die voraussicht¬
lich einen zweitägigen Bahntransport ohne Schaden und ohne größeren
operativen Eingriff ertragen können. Frischoperierte dürften nicht einer
mindestens 48stündigen Fahrt auszusetzen sein. Die Verfasser warnen
besonders davor, erst wenige Tage alte Brust- und Bauchschüsse in den
Zug aufzunehmen, weil dabei leicht frische Blutungen auftreten, die mir
durch größere Eingriffe gestillt werden können. Da während ihrer Er¬
fahrungen bei zu rasch fahrendem Zuge die Sekretion der Wunden be¬
deutend gesteigert, Tetanus schon in wenigen Stunden sehr rasch ver¬
schlimmert wird, sehen die Verfasser streng darauf, daß der beladene
Zug die vorgesehriebene Fahrtgeschwindigkeit von 30 km nicht über¬
schreitet und daß sich das Bremspersonal (der Zug wird durch Haml-
breraser bedient) stets auf der Plattform und nicht im Wageninnem anf-
hält. F. Bruck.
Wiener klinische Wochenschrift 1915 , Nr, 7 ü, 8.
Nr. 7. W. Trendelenburg: Ein neues Verfahren zur Raum-
messnng an stereoskopischen Aufnahmen, insbesondere an Röntgen-
Aufnahmen.
O. Buiwid und L. Arzt: Ueber Choleraschatzimpfung. Wie¬
viel Prozent der Geimpften von der Krankheit überhaupt nicht befallen
werden, diese Frage ist zurzeit naturgemäß nicht zu lösen. Ueber die
Gestaltung des Krankheitsverlaufs und den Ausgang der Erkrankung hei
den Geimpften liegen aber heute schon Erfahrungen vor und sic zeigen
einen weitgehenden, günstigen Einfluß in bezug auf Morbidität und Mor¬
talität. Auch Impfungen in der sogenannten „negativen“ Phase oder
selbst bei bereits im Beginne der Erkrankung stehenden Individuen, die
keine schwereren klinischen Erscheinungen von Cholera zeigen, scheinen
keinerlei besonders nachteilige Folgen zu haben.
H. Hinterstoisser: Ueber die Behandlung des Wundstarr¬
krampfs. Zusamraenfassende Uebersicht.
G. Engel inann: Einige technische Behelfe znr Behandhrog
von Schnßfraktnren der unteren Extremität. Empfehlung einer sehr
zweckmäßigen Feldextensionsschiene für den Transport und einer Reifen¬
bahre des Verfassers.
!
Nr. 8. K Walko: Ueber kombinierte Infektionen mit epidemi¬
schen Krankheiten. Es gibt kaum Infektionen, die sich nicht miteinander
▼erfragen; die häufigsten Kombinationen sind die von Cholera, Typhus
und Ruhr. Per Ausgang der Doppelinfektionen ist durchaus nicht immer
tödlich, bei gleichzeitiger Erkrankung öfters sogar günstiger als hei zeit¬
lich aufeinanderfolgenden Prozessen. Bestimmend für Verlauf und Aus¬
gang ist nicht die Schwere der Infektion, sondern hauptsächlich der
Kräftezustand des Patienten vor der Erkrankung. Daff Bild auch eines
schweren Typhus wird bei Hinzutreten einer Cholera von dieser voll¬
kommen beherrscht. Die Tj-phuscontinua zeigt dabei Abstürze von
3 bis 4°. Auffällig häufig sind Darmblutungen beim Iliuzutreten der
Cholera zum Typhus. Gesunde Vibrionenträger sind für Typhus beson¬
ders disponiert. Nur die bakteriologische Gesamtuntersuchmig < 1 ^ er
Kranken aller Spitalsabteilungen macht den Hausinfektionen ein Ende.
(Schluß folgt.)
E. Weil und W. Spät: Die Bedeutung der Widalschea Be*
aktion für die Diagnose des Flecktyphus. Bei manchen Abdominal-
typhen treten die Hautveränderungen so in den Vordergrund, daß man
einen Flecktyphus vor sich zu haben glaubt. Die serologische l ater-
Buchung allein führt hier auf den richtigen Weg; wenn die WidaDche
Reaktion durch die Typhusschutzirapfung an Beweiskraft verliert, vir
die bakteriologische Untersuchung des Bluts die Diagnose sichern müssen
P. Kirsch bäum: Znr Technik der Schutzimpfung
Typhus. Zur Vermeidung der Impfstörungen werden vor allem größere
— mindestens zweiwöchige — Pausen zwischen den einzelnen Impfungcs
empfohlen.
II. Eggorth: Ceber die Behandlung des Typhus «todomlnalfs
mit Typhnsvacclne. Intravenöse Injektion von 0,5 bis 1 ccro Jv *
redkascher Typhusvaccine in die Cubitalvene. Bei 38 von IS L* j- n
wurde ein geradezu verblüffender Effekt beobachtet. Sechs bis zebn
Stunden nach der durch die Injektion bedingten Temperaturerhöhum, *-
durchweg dauernde kritische Entfieberung und bedeutende Besserung e
cerebralen Erscheinungen. Am besten reagierten die Fälle in den ers cd
zwei Krankheitswochen. Die wenigen Fälle, die nicht reagierten. ' va ^ r
durchwegs Kranke der vierten bis fünften Krankheitswoelie mit soll wer*.
Lungenkomplikationen. Die beobachteten beiden Todesfälle t-r.itcn 11
Stunden nach der Einspritzung ein. Mi' 1 ' 1 '
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UMIVERSITY OF IOWA
14. März.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11.
315
Wiener medizinische Wochenschrift 191 5, Nr. 7 u. 8 .
Nr.7. St. Weidenfeld und E. Pulay: Einige Beobachtungen Uber
jUttkrankheiten im Kriege. Das Verhältnis der hautkranken Soldaten
zu den andern Kranken betrug 10:100. Hauptsächlich handelte es sich
nm Schwielen* mit Rhagadenbildung an den Füßen, um Furunkulose,
Pediculosis und Scabies und Verbrühungen. Ekzeme wurden auffallender
Weise nur selten beobachtet und dann auch nur an schon früher ekzem¬
kranken Soldaten; auch „Schuhdruck u Verletzungen ereigneten sich selten,
was mit dem guten Schuhwerke der österreichischen Armee in Zusammen¬
hang gebracht wird. (Schluß folgt.)
St. Weidenfeld u. E. Pulay: Beitrag zur Pathologie der Er-
frlerug* An den Er/ricrungssymptomen beteiligen sich die Knochen in
form regressiver Veränderungen, die noch lange persistieren, wenn sich
die Veränderungen an den Weichteilen schon zurückgebildet haben. Eine
große Reihe von Geh- und Sensibilitfitsstörungen finden in diesen Tat¬
sachen ihre Erklärung.
J. Zilz: Dte zahnärztliche Tätigkeit im Kriege. Daß der Zahn¬
arzt chirurgisch denken und handeln und ein bedeutendes Talent als Im¬
provisator besitzen muß, soll er im Krieg Ersprießliches leisten können,
zeigen die Fälle der mitgeteilten verschiedenen und eigenartigen Kiefer-
verletzuugen. Fast allen Kieferverletzungen folgte ein recht schwerer
Shock, der jedoch niemals nachteilige Folgen hatte. Fast bei allen Ver¬
letzungen durch Artilleriegeschosse traten Wundinfektionen auf, wodurch
jeder Schuhkanal breit und tief freigelegt werden mußte. Die häufige Ver¬
unreinigung der Wunden mit Erde, Pferdemisfc usw. macht die prophy¬
laktische Anwendung von Tetanusserum in großem Umfang erforderlich.
Nr.8. St. Weidenfeld und E. Pulay: Einige Beobachtungen über j
Hutkrantheiten im Kriege. In Fortsetzung des in der vorigen Nummer i
Berichteten sei erwähnt, daß es sich hei den meisten Erkrankungen der ]
Soldaten nur um banale Hauterkrankungeu handelte, die sich von den
Haoterkrankungen im Frieden nur durch die Massenhaftigkeit ihres Auf- |
tretens unterschieden. Eine Zeitlang wurde ein gehäuftes Auftreten von :
Alopecia areata an Soldaten aus verschiedenen Gegenden und Truppen- j
körpern beobachtet, was die Annahme einer Infektionskrankheit wahr- |
scheinlicb macht. Die Ekzeme w r urden am häufigsten infolge chemischer j
und physikalischer Reize beobachtet. Der größte Teil der Geschlechts- |
krankheiten war während der Mobilisierung akquiriert. !
R. RezniSek; Leber die Verletzungen der peripheren Nerven *
ia Krieg und deren Behandlung. Die Prognose erscheint nicht un- j
günstig. Was die chirurgische Behandlung betrifft, so ist auch nach j
Monaten die Zeit für die Vornahme einer Nervennaht oder Neurolysis
Dicht verpaßt. In den ersten Wochen soll man zuwarten, selbst wenn
jede Erholung ausbleibt, wenn nur die Erregbarkeit der Muskulatur nicht 1
»inkt; es bessern sich bis zur fast vollkommenen Heilung auch Fülle, wo j
die elektrische Untersuchung komplette EaR ergibt. Misch. ,
The Journal of the American Medical Association, Bd. 63 ,
Heft 24 , 25, 26 ,
Heft 24. Martin E. Rehfuss imd Philip B. Hawk: Gastro-
Utf&tUale Stadien. Direkte Anschanlichmachung der Sekretion
riaes Magensafts von konstanter Sänrekonzentration beim Menschen.
Luter Wiedergabe der Experimente in kurzen Notizen mit Kurven be¬
weisen die Verfasser, daß im menschlichen Magen ein Magensaft von
konstanter Acidität produziert wird und daß bei pathologischen Abwei¬
chungen diese häufig von subjektiven Symptomen begleitet sind.
William M. Spitzer: Continuierliche schmerzlose Nieren-
blntuDg “ad deren Behandlung. Erfahrungen an acht derartigen
Eillcu. Es handelt sich um eine Folge passiver Nierenkongestion, die
verursacht ist durch eine Behinderung des Blutabflusses bei zu kurzem
ttiel, Die Blutung ist keine Folge von Nephritis, wenngleich bei an¬
dauernd fort bestehender Blutung es Vorkommen kann, daß sich patholo-
gibdie Zeichen einer chronischen interstitiellen Nephritis entwickeln. Ein
operativer Eingriff ist nur indiziert bei zunehmender sekundärer Anämie,
eine Spaltung der Niere ist kontraindiziert.
Eugen Füller: Extraperitoneale Blasenruptur und deren
culrirgUche Behandlung. Operative Methode mit genauen Abbildungen.
Walter G. Stern: Die drei Kardinalzeichen der Frakturen
* iahe von Gelenken. Verfasser betont, daß in vielen Fällen das
jewicht zu sehr auf das [crepitorische Geräusch gelegt wird, empfiehlt,
ein besonderes Augenmerk auf den Druckschmerz zu legen, der als eiu-
wges Symptom manchmal so heftig sei, daß Verfasser das Wort „Blei¬
stiftempfindlichkeit“ geprägt hat, das heißt, er setzt an der vermutlichen
ruchstelle leicht einen Bleistift auf, dessen Druck selbst als schmerz-
tfh empfunden wird. Bei Beachtung dieser Tatsache und der Schwellung
llrl( »erfärbung sei ein Erzwingen des Crepitus überflüssig mul viele
Frakturen wurden nicht verkannt. Die Arbeit ist mit einer Anzahl
Röntgenbilder belegt, die häufig ialschdiagnostizierte Frakturen zeigen.
J. H. Bl ach: Prophylaktische Impfung gegen epidemische
Meningitis. In den meisten Fällen wird mit der prophylaktischen
Impfung ein hoher Grad von Immunität bis zu zwei Jahren erreicht.
Ausnahmen freilich kommen vor. Die Impfung dürfte sich als guter
Schutz bei Meniugitisepidemieu empfehlen.
Heft 25. Robert N. Wilson: Das Herz bei akuten Infektionen.
Zusammen fassen de Darstellung der Herzkrankheiten und Erscheinungen
bei akuten Infektionen mit Rücksicht auf Therapie und Prognose.
Charles Metcalfe Byrnes: Die intradurale Anwendung
mercuraiisierten Serums in der Behandlung der cerebrosplnalen
Syphilis* Verfasser gibt dem mercuraiisierten Serum vor dem mit
Salvarsan behandelten den Vorzug, da die Reaktion nicht so heftig sei wie
bei letzterem und die Zellzahl in der Spinalflüssigkeit schneller abnehme.
Auch sei das mercuralisierte Serum haltbarer, sodaß Hoffnung bestehe, daß
es in Zukunft in Dauerpriiparaten in verschlossenen Ampullen hergestellt
werden könne und so die ganze intraspinale Therapie vereinfacht werde.
Edwin E. Hirsch: Eine morphologische und chemische
Studie Über die doppelbrechenden Fette In den Nebennieren bei
Delirium tremens* Durch mikroskopische und chemische Unter¬
suchung der Nebennieren an Delirium tremens Verstorbener wurde
im Vergleiche mit den Nieren anderer plötzlich Verstorbener festgestellt,
daß der riio]e>tn'iagehalt vermindert war. Daraus schließt Verfasser,
daß irn Delirium tremens der ganze Körper von einer toxischen Substanz
von noch unbekannter Zusammeiwtzung überschwemmt, ist und daß
noch etwa» anderes als der Alkohol allein das Delirium verursacht, da
ähnliche Dorische Sc hädigungen der Nebennieren beim chronischen Alko-
holismiis nicht gefunden werden.
•J. P. Hoguet: Beobachtungen über Kriegs Chirurgie in den
ersten Wochen des Krieges. Verfasser gibt seine in französischen
Lazaretten in diesem Kriege gemachten Erfahrungen, begleitet von guten
Röntgenbildern.
Homer K. Xicoll: Der Gebrauch von Äutistrcptokokken-
sernm bei Arthritis chron. Verfasser lehnt auf Grund seiner Erfahrung
unter augenblicklich erroiohbareu Bedingungen die Anwendung von Anti¬
streptokokkenserum bei Arthritis chron. als gefährlich ah.
Heft 2G. Arthur L. Chute: Ein Wort fiir die ausgedehntere
Operation bei Blasenkrebs. Verfasser empfiehlt, jederzeit bei Krebs¬
operationen an der Blase die Beckenlymphdrüsen einzubeziehen, da nur
so ein Totalerfolg wie bei der Mammaexstirpation durch dio Achsel-
driiseneiitfernung garantiert werden könne.
P. G. Skillern: Verschiedene kleine Cysten der metncarpaleii
Knochen nach einem Trauma und deren klinische Erkennung.
Verfasser gibt die Geschichte zweier diesbezüglicher Fülle und schließt,
daß Ivnoeheucysteu möglichst in den ersten Stadien vor Zerstörung des
Markes erkannt werden müssen, da nur eine frühzeitige Operation
Deformitäten und notwendig werdende ausgedehnte Knoehenplastiken ver¬
hindert. Auf lokalisiertes Trauma folgende anhaltende leichte Schmerzen,
Druckempfindlichkeit sollten den Verdacht auf Kuochencyste anregen und
die Diagnose sollte zeitig durch das Röntgenogramm gesichert werden.
Kent Ne 1 sou: Betrachtungen der Erlahrungsresultate während
siebennionatiger Syphilisbehnndlung mit Salvarsan. Verfasser zieht
das Salvarsan wesentlich dem Neosalvarsan vor. Vier Salvarsaninjek-
tionen in Vereinigung mit intensiver <)ueek.silberbehanrllung ergaben
zweimal so viele negative Seruinreaktioneu als fünf Neosalvarsaninjek-
tionen. Während mit Salvarsan 04% negative Serumreaktionen erreicht
wurden, ergab Neosalvarsan nur 33,3.
New York medical journal , 23. Januar und 6. Februar 1915 .
23. Januar: G. Wythe Cook (Washington): Die Geschichte
der medizinischen Ethik.
L. Wo 1 har st (New York): Wie sollen wir erkennen, wann
eine Gonorrhöe beim Manne geheilt ist? 1. Durch mikroskopische
uud bakterielle Untersuchung des zentrifugierten Morgenharns, des Spül¬
wassers von der vorderen Urethra, des Ausflusses aus der Urethra, des
aus der Prostata und den Vesiculae seminales herausmassierten Sekretes.
2. Urethroskopischc Untersuchung. 3. Komplementäre Fixationsprobe.
4. Hautreaktion und hypodermatische Injektion mit Gonokokkeiivaccine.
G. Torrance (Birmingham, U. St.): Frühdiagnose und Opera¬
tion bei Gallensteinen. Torrance führt unter andern an, daß Mayo
bei 4000 Fällen eine Mortalität von 2.75 % gehabt habe. 11 % aller
Todesfälle seien vorgekommen bei Krebsfällen, bei unkomplizierten stellt
sich die Zahl auf 0,5%.
6. Februar: Oppenheimer und Gottlieb (New York): Die
aktive Immunisierung bei Heufieber. Zuerst müssen die das Heu lieber
hervnmthmden Pollonkörner irespekrive ihre Mutterpflanze; festge-tellt
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UNIVERSUM OF IOWA
316
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 11.
14. März.
werden. Dies geschieht durch Eintriiufeln eines Tropfens von schwachem
Pollenextrakt von einer Reihe von Pflanzen in den Conjunctivalsack des
an Heufieber Leidenden. Dasjenige Extrakt, das Schwellung und Rötung
der Caruncula und der Schleimhaut zustande bringt, ist weglcitend für
die Immunisierung. Aus den betreffenden Pollenkörnern wurde ein Präparat
hergestellt, in Lösung gebracht und unter die Haut gespritzt. Die Re¬
sultate sollen sehr befriedigend sein. Die Methode bedarf weit eren Ausbaues.
S. Neuhof (New York): Digitalistherapie. Die wohltätige Wir¬
kung der Digitalis hängt hauptsächlich ab von der Erzeugung vermehrter
Contractionskraft des Herzmuskels. Das Auftreten einer geringen
Arhythmie geht gewöhnlich Hand in Hand mit vollem klinischen Effekt
der Droge. Bei empfindlichen Patienten kann der Brechreiz, das Brechen,
bei Digitalisverabreichung verhindert werden durch gleichzeitig verab¬
reichtes Atropin, 0,0004 bis 0,0006 innerlich oder subcutan. Gisler.
Zentralblatt für innere Medizin 1915 , Nr. 9 .
W. Stern b erg: Vegetarische Küche und Fieischkttche. Die
Lehre der Küche ergänzt die chemische und physikalische Betrachtung
der Nahrung durch die sinnphysiologische und psychologische.
Die Gegensätzlichkeit der beiden Küchen wird durch ein Schema er¬
läutert: Der Fleischküche eignet Leichtverdaulichkeit, größerer Nährwert
hei geringerem mechanischen Reiz, größere Schmackhaftigkeit und
Mannigfaltigkeit des Rohstoffs, aber das Sättigungsgefühl ist bei ihr
schwieriger zu erreichen und sie widersteht leichter bei manchen Zu¬
ständen (Schwangerschaft, Magenkrebs). K. Bg.
Zentralblatt für Chirurgie 1915 » Nr. 9.
A. Tietze: Zur Extraktion von Granatsplittern durch den
Elektromagneten. Bei einem Falle von Granatverletzung des Hinter¬
hauptes ergab nach der Trepanation und Entfernung von Knochensplittern
das Röntgenbild in der Tiefe von etwa 6 cm einen nicht tastbaren
Granatsplitter. Es gelang, das 375 mg wiegende Eisenstückdien zwei
Tage später herauszuziehen mittels eines von der Telegraphenabteilung
hergestellten Elektromagneten, der von einem fahrbaren Dynamo und
Benzolmotor gespeist wurde. K. Bg.
Zentralblatt für Gynäkologie 1915, Nr. 9.
F. Ebel er: Heber Menstruatlonsverhültnisse nach gynäkolo¬
gischen Operationen. (Schluß aus Nr. 8.) Bei acht Fällen von
Alexander-Adamsscher Operation wurde die Menstruation kaum be¬
einflußt. Bei 21 Laparotomien wurden großo Unregelmäßigkeiten in
allen Menstruationsstufen gefunden. Dagegen trat bei der Mehrzahl der
19 Ovarienresektionen die erste Periode nach der Operation mit aus¬
gesprochener Verspätung ein. Die späteren Perioden folgten dann
regelmäßig. Neben der Lindenthalschen Hypothese (der entfernte
Eierstock enthält den reifenden Follikel) ist der Operationsskock als ver¬
zögernde Ursache anzunehmen. K. Bg.
Bücherfoesprecliungen.
Festschrift dem Eppendorfer Krankenhause zur Feier seines
25jährigen Bestehens gewidmet, von den Oberärzten und
leitenden Aerzten der Anstalt, uutor Redaktion von Prof.
L. Brauer. Mit 49 Abbildungen im Text und einer farbigen Tafel
Leipzig und Hamburg 1914, Leopold Voss, 290 Seiten.
Das Eppendorfer Krankenhaus in Hamburg hat am 13. Juni 1914
sein 25jähriges Bestehen gefeiert. In diesen 25 Jahren hat der Name
Eppendorfer Krankenhaus einen guten Klang gewonnen, nicht nur in den
enteren Grenzen der Heimat, sondern im ganzen Deutschen Reich und
über dessen Grenzen hinaus, soweit überhaupt ärztliche Wissenschaft und
Kunst gepflegt wird. Eine Anzahl Zeitschriften hat zu dieser Feier dem
Eppendorfer Krankenhaus einen Festbani gewidmet: Virch. Arch., D. Z.
f Nervhlk., Beitr. z. klin. Chir., Beitr. z. Klm. d. Tbc., Beitr. z. Klin.
Infekt. Krkh. Diese Bände zeigen am besten, wie fruchtbar der
Boden dieses Hauses für die Entwicklung wissenschaftlicher Kräfte ist.
Eine Reihe größerer Werke ist dom Krankenhause zu seiner Feier zuge¬
eignet worden von Bier, Braun und Kümmcll, von Brauer,
Schroeder und Blumenfeld, von Kümmell und Graff, von Much,’
Nonne, Wilbrand und Saenger, Gekler.
In der mir vorliegenden Festschrift schließen sich diesen Arbeiten
noch zahlreiche Veröffentlichungen an, deren Würdigung ich mir auf
diesem engen Raume versagen muß. Dagegen möchte ich kurz auf den
Teil des Bandes eingeheu, der sich mit der Entwicklung des Kranken¬
hauses und mit den Männern befaßt, die diese Entwicklung bestimmt
haben. In den offenbar mit viel Liebe und Verständnis gezeichneten
Lebensbildern von Eisenlohr, Schede, Glaeser, Kart, Lenhartz
und vor allen Curschmann wird die Geschichte des Hauses uns zum
persönlichen Erlebnisse. Wir sehen, wie das Krankenhaus mit der Zeit zu
einem Komplex von Häusern auswächst, in denen eine großzügige Ver¬
waltung Arbeitsstätten errichtet nicht nur zur Befriedigung der unmittel¬
baren Erfordernisse eines Krankenhausbetriebs, sondern zur Erforschung
der zahlreichen schwierigen Probleme ärztlicher Wissenschaft, die häufig
mit der praktischen Heilkunde zunächst kaum in Zusammenhang zu stehen
scheinen und doch die Grundlagen für alle Entwicklung ärztlicher Kunst
bilden. So erfahren wir, daß im Verein mit einem neuen pathologischen
Institut eine Abteilung für Serologie, für physiologische und klinische
Chemie, daß eine Abteilung für experimentelle Diagnostik, für experimen¬
telle Chirurgie, ein physiologisches Laboratorium geplant oder schon ge¬
schaffen sind. Institute für Krebs- und Tuberkuloseforschung, für PUz-
forschung, für die Erforschung der Pathologie der Haut, der Nerven¬
krankheiten, ein Strahlenforschungsinstitut sind oder werden errichtet.
Daß eine besondere Diätküche, eine Säuglingsabteilung, die letzten Er¬
rungenschaften der physikalischen Therapie, daß den täglichen Arbeitern
in diesem großen Betriebe, den Aerzten und Schwestern, ein würdiges
Heim geboten wird, erscheint in diesem Zusammenhänge selbstverständlich.
So ist diese Festschrift weit mehr als ein Bericht über das
25jährige Bestehen eiues Krankenhauses. Sie ist ein interessantes Zeugnis
für die gewaltigen Fortschritte auf dem Gebiete der Medizin und Natur¬
wissenschaften und läßt auch den Laien ahnen, in welchem Maße die
Forderungen an die Kenntnisse und Leistungen des Arztes gestiegen sind,
sie ist aber auch ein Zeugnis von den hohen Ansprüchen, die hier der Arzt
an sich selber gestellt hat, denn seiner Initiative sind doch alle diese für die
Vertiefung unseres Wissens und den Ausbau unseres Könnens bestimmten
Einrichtungen entsprungen; sie ist schließlich, das soll nicht vergessen
werden, ein Zeugnis von dem weiten Blick und dem tatkräftigen Verständ¬
nisse der alten Hansestadt für die Forderungen der Gegenwart. Edens.
R. Höher. Physikalische Chemie der Zelle und der Gewebe.
4. neubearbeitete Auflage. Mit 75 Textfiguren. Leipzig und Berlin
1914. Wilhelm Engelmann. 808 Seiten.
Es genügt, auf die neue Auflage dieses wertvollen Buches, das
zur Verbreitung der physikalischen Biochemie“ wesentlich beigetragen
hat und beiträgt., hiuzuweison. Da die Aufgabe, die der Verfasser seinem
Werke gesetzt hat, in der Ordnung, Zusammenfassung und Bewertung
der Tatsachen und Anschauungen eines noch in voller Entwicklung be¬
griffenen Forschungszweiges besteht, so ist es verständlich, daß jede
Neuauflage eine erhebliche Umarbeitung und Erweiterung erfordert. So
auch die vorliegende, die besonders in der Lehre der Adsorption, der
Kolloide und der Zellpermcabilitut erhebliche Erweiterungen gegenüber
den früheren Auflagen bringt. Es erscheint sicher, daß zahlreiche
Biologen und Mediziner dem Verfasser für die sachgemäße Einführung
in die Lehren der physikalischen Chemie und die Kenntnis der zahl¬
reichen wichtigen Probleme, an deren Lösung physikalische Chemie und
Biologie gemeinsam interessiert sind und zu deren Beantwortung beide
Disziplinen gemeinsam berufen sind, dankbar sein werden. Waltber Lob.
Lobedank, Das Wesen des menschlichen Geisteslebens und das
Problem der Strafe. Halle a. S. 1914. C. Marhold. 89 S. M. 2,10.
Der Verfasser wirft die Frage auf, ob bei Beurteilung des Wesens
und Zweckes der Strafe der „Indeterminist“ oder der „Determinist“ im
Rechte sei; eine Frage, deren Kernpunkt nach ihm in der Stellungnahme zur
Abhängigkeit des Seelenlebens vom Gehirne zu suchen ist. Er selbst hat zu
den Beziehungen zwischen Geistigem und Materiellem schon früher in
der Abhandlung „Das Problem der Seele und der Willensfreiheit“ (Berlin,
J. Guitentag, 1911) in einem sowohl die Wechselwirkungstheorie wie die
Theorie des psychophysischen Parallelismus usw. ausschließenden Sinne
Stellung genommen. Er bekämpft auch den reinen Spiritualismus ufld
Materialismus, sowie die Energielehre Ostwalds, die er als einen ver¬
geblichen Versuch bezeichnet, die Welt durch ein einziges Prinzip zu
erklären. Im übrigen steht er auf entschieden deterministischem Stand¬
punkt und wünscht diesem auch für die künftige Gestaltung des Straf¬
rechts wie für die Praxis des Strafvollzugs größere Geltung zu ver¬
schaffen, hält daher auch die (von Köhler geforderte) grundsätzliche
Scheidung zwischen Straf- und Sicherungsmaßnahmen für unhaltbar.
Schuld- und Sühnetheorie muß vielmehr allmählich durch die Sicherungs*
theorio verdrängt und ersetzt werden, auf Grund deren einerseits gegen
die Unverbesserlichen rücksichtslos verfahren werden muß (selbst auf dem
Wege dauernder Unschädlichmachung) —, während anderseits (den ein¬
malig Fehlenden usw. gegenüber) vielfach Milde geübt werden kann.
Lobe dank fordert vor allem auch bessere berufliche Vorbildung des
Strafrichters, für den eingehendes Wissen von der Menschennatur un¬
erläßlich sei, der nicht mehr nur Jurist sein dürfe, sondern sozusagen
eine neue Berufsklasse bilde, für die die als Kriminalbiologie neuerding»
zusammengefaßten Wissenschaften ein selbstverständliches Erfordernis
seien. A. Eulenburg (Berlin).
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UNIVERSUM OF IOWA
14 Marz.
1915 — MEDTZTNTROHE KLTNIK — Nr. 11.
317
Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen.
Neue Folge der „ Wiener Medizinischen Presse**, Redigiert von Priv - Doz. Dr. Anton Bum, Wien .
E. k. Gesellschaft der Aerzte ln Wien.
Sitzung vom 5. März 1915.
ln der letzten Sitzung hatte J.v. Hochenegg au! Grund
seines Vortrages und der sich anschließenden Diskussion Schlu߬
sätze als Grundlage für eine von der Gesellschaft zu fassende
Resolution über die Prothesenfrage vorgelegt. Das zur Formu¬
lierung der Resolution eingesetzte Komitee empfahl folgende
Fassung derselben, weiche auch angenommen wurde:
„Um das nach dem Kriege unvermeidliche Krüppelelend in
sozialer, moralischer und materieller Beziehung auf ein möglichst
geringes Maß einzuschränketi, muß dio Fürsorge für die Kriegsinvaliden
schon beizeiten in geordnete Bahnen gelenkt werden. Aus diesem
Grande hat die K. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien folgende
Kundgebung beschlossen:
I. Es ist im allgemeinen nicht zweckmäßig, wenn Invalide
mit amputierten Gliedmaßen frühzeitig Dauerersatzglieder erhalten;
sie sollen vielmehr zuerst nur mit Kotersatzstücken, sogenannten
provisorischen oder Immediatprothesen, beteilt werden. Die Dauer¬
ersatzstücke oder definitiven Prothesen sollen ihnen erst einige Zeit
nach der Heilung beigestellt werden. Denn:
1. sind die Amputationsstiimpfe anfangs noch Veränderungen
der Form unterworfen, so daß Dauerersatzstücke in kurzer Zeit nicht
mehr passen und unverwendbar werden würden;
2. sollen die Invaliden vor der Verwendung von Dauerersatz¬
stücken in eigenen Einarmigen- und Invalidenschulen im Gebrauche
ihrer erhalten gebliebenen Gliedmaßen vervollkommnet und arbeits¬
fähig gemacht werden;
3. steht zu erwarten, daß durch die Bestrebungen der neu¬
errichteten Werkstätten für künstliche Glieder in absehbarer Zeit
bessere und vollkommenere Ersatzstücke erzeugt werden können, als
jetzt möglich ist und
4. fehlt es gegenwärtig an Zeit, Arbeitskräften und Arbeits¬
material, um die Dauerprothesen in der nötigen Vollkommenheit
hersteilen zu können.
II. Weiters wäre es zwecks Verhütung von Zersplitterung
wünschenswert, recht bald bei der Heeresverwaltung eine mit Sammel¬
tätigkeit nicht beschäftigte Zentralstelle zu schaffen, die alle bisnun
auf die Kriegsinvalidenfürsorge bedachten Vereinigungen unseres
Vaterlandes zu gemeinsamer Arbeit zusammenzufassen oder wenig¬
stens in Fühlung zueinander zu bringen hätte. Dieselbe Stelle
könnte auch unter ständiger Mitwirkung berufener ärztlicher Fach- j
leute die Richtlinien für die Behandlung aller einschlägigen Fragen
, Rodor zeigt eine Extension s Vorrichtung für Oberarm-
fräkmren, welche er im Jahre 1885 angegeben hat. Sie besteht
aas zwei parallel liegenden, übereinander verschieblichen Schienen,
welche durch ein um Knöpfe laufendes Gummiband auseiuander-
gezogen werden und so die Frakturstücke distendieren. Eine zweite
osung der Extensionsschiene wäre mit Hilfe des Parallelogramms
mit beweglichen Ecken möglich. Durch einen elastischen Schlauch
, e en zwei gegenüberliegende Ecken einander genähert und da-
arch Wlr( * die Längsachse des Parallelogramms verlängert.
tmm V^ eD dem . onstri «rt ein objektives Symptom der Myo-
l j, ’ v zwei . SoMatefl yor, welche an partieller Myotonie
«rhJu ui a ^ s ob i ektivres Symptom die Reaktion des myotoni-
!L . * ke s a . u * den galvanischen Strom angegeben. Vortr. ver¬
ruß ZQm ob i ektiven Nachweise der Myotonie den Umstand,
g ■ ?! n “Ironischer Muskel auf mechanische Reize leichter an-
iLm , , em normaler; beim Beklopfen desselben tritt oft ein
tritt- -u aU *' Per ! kutiert man die kurze Muskulatur des Daumens,
tr nur e .* ne Muskelzuckung, sondern auch eine länger
Mnsknia! j 1 ^aktion der Muskulatur auf. Beklopft man die
zieh™ d t- 08 ^ es ^ tes ’ 80 bekommt man ein tetanisches Vor¬
bei Rektion am Daumenballen kommt nicht
tonUrh • vor ’ das Gesichtsphänomen ist konstant. Der myo-
Alle \iJy? eDde Muskel ist nicht immer der Sitz der Myotonie,
das hJ 5 0n li e u we * cbe Vortr. untersucht hat, waren pbthisisch;
erhöht« p r ^ ^ulose Körper entstehende Toxin dürfte die
der Muskulatur bedingen. Auch die beiden
Fieberh«® 611 * ae sind Phthisiker, denn der eine Pat. hat geringe
Reaktion e fI 1D ^ en, der andere hat eine positive Pirquetsche
Bereit« a * 2we ‘ te Pat. zeigt die myotonische Reaktion im
eicüe der Augenmuskulatur.
letiBalen e v US& v m stelit mebrere Soldaten mit Schußver-
J — ® Nerven aus dem Reservespital Nr. 3 vor und
Röntgenaufnahmen. Bisher hat er auf seiner
Abteilung 24 Nervenverletzungen beobachtet, von welchen 8 ope¬
riert wurden, 2 werden in nächster Zeit operiert werden, 2 haben
die Operation verweigert. Die Fälle sind folgende: 1. Schußfraktur
des rechten Oberarmes mit starker Kallusbildung und Radialis-
lähmung; bei konservativer Behandlung entschiedene Besserung.
2. Radialislähmung ohne Entartungsreaktion; da im Laufe von
3 Monaten keine Besserung eingetreten ist, ist die Indikation zur
Operation gegeben, diese ist aber jetzt noch nicht möglich, weil
an der Frakturstelle noch eine sezernierende Fistel vorhanden ist.
3. und 4. Aehnliche Fälle mit kompletter Entartungsreaktion, die
Operation wird ausgeführt werden, sobald die Fistel geschlossen
ist. 5. Radialislähmung mit Entartungsreaktion; vor einem Monat
Auslösung des Radialis aus Kallusmassen und Naht des fast ganz
durchschossenen Nerven. Jetzt ist die Sensibilität normal, nur die
| Schmerzempfindung ist herabgesetzt, Pat. kann die Finger strecken
i und den Daumen abduzieren, die Bewegungen im Handgelenk
sind noch eingeschränkt. Die Muskeln reagieren gut auf elektrische
Reizang. 6. Parese des linken Plexus brachial is infolge Schuß-
Verletzung, galvanische Erregbarkeit mit Ausnahme des Radialis
vorhanden. Da eine zweimonatliche Behandlung keine Besserung
brachte, wurde vor D/a Monaten die Neurolyse vorgenommen, eine
Besserung hat sich bereits eingestellt. 7. Rechtsseitige Plexus¬
lähmung, Neurolyse aus dem Kallus, weitgehende Besserung, nur
der Radialis funktioniert noch nicht. Im Falle 8 wurde zweimal
operiert, da Pat. links eine Schulterverletzung, rechts einen Durch¬
schuß durch den Oberarm hatte. Es trat erst spät eine Besserung
ein. Die Pat. mit Radialislähmung tragen die von Spitzy ange¬
gebene Bandage, welche sich in allen Fällen sehr gut bewährt hat.
Bei der Neurolyse wurde in einem Fall zur Umhüllung des Nerven
Peritoneum vom Bruchsacke eines anderen Pat. mit gutem Resul¬
tat verwendet, man kann es auch zu Sehnenscheidenplastiken
benützen. Man muß Fälle mit vollständiger Durchtrennung der
Nerven von solchen mit Einbettung der Nerven in Narbenmassen
unterscheiden. Bei reinen Durchschüssen soll man möglichst bald
operieren. Gerade die reinen Fälle, wo man sofort operieren könnte,
bedürfen jedoch häufig nicht der Operation, weil sie leichter Natur
sind; dagegen verbietet sich bei schweren Fällen oft die Operation,
weil man auf die Heilung von sezernierenden Fisteln warten muß.
J. v. Wagner bemerkt, daß man durch neurologische Untersuchung
nicht immer mit Bestimmtheit entscheiden kann, ob eine Durchtrennung
des Nerven vorliegt. Die Sensibilitätsstörung gibt nicht eindeutige Resul¬
tate. Für die Durchtrennung spricht das Fehlen eiuer Reaktion. Bei
Armnerven kann man sich mit der Palpation behelfen, da sie derselben
leicht zugänglich sind. Besonders der Radialis kann au! dem Oberarm
weit verfolgt werden; man kann feststellen, ob er über einen Kallus
verläuft oder in ihm verschwindet. Ebenso kann man das Auftreten der
exzentrischen Sensation beim Druck auf den Nerven zur Diagnose be¬
nützen.
M. Benedikt weist darauf hin, daß die Entartungsreaktion an
der Peripherie für die Funktionsstörung nicht maßgebend ist, da die
Funktionen eines motorischen Nerven von dessen Leitungsfähigkeit ab-
hängen und nicht von seiner peripheren Reizbarkeit. Bei der Bleilähmung
kommen Fälle von Heilung vor, wo die Leitung vollständig hergeßtellt,
die elektrische Reaktion aber noch lange Zeit verloren ist oder über¬
haupt nicht wiederkehrt. Wenn man oberhalb der Verletzung reizt und
dabei im peripheren Gebiet unterhalb der Verletzung eine Reaktion
hervorrufen kann, so ist damit das Vorhandensein einer Leitung auch
bei momentan fühlender Leitungsfähigkeit gegeben. Bei schweren trau¬
matischen Lähmungen ist es in der Regel unnütz, in der ersten Zeit zu
behandeln; Redner hat sehr oft erst nach 6 Monaten begonnen und auch
dann, wenn sich in kurzer Zeit keine Spur von Besserung einstellte,
noch weiter zugewartet. H.
Kriegschirurgische Abende in Budapest.
Sitzungen im Dezember 1914.
S. v. Gerlöczy: Ueber Flecktyphus. Anläßlich der Fleck¬
typhusepidemie in den Jahren 1908 und 1910 beobachtete er im
St. Gerhardt-Infektionsspital 500 Fälle. Fälle mit 40,7 0 C Tempe¬
ratur oder darüber heilen nicht mehr. Die jetzt herrschende
Epidemie bietet schlechtere Prognose, weil die Infektion sehr er¬
schöpfte Personen, vom Schlachtfelde angekommene Soldaten be¬
trifft. Groß ist die Gefahr der Ansteckung. Im Jahre 1908 fand
er unter 203 behandelten Flecktyphuskranken bei mit der Behand¬
lung und Wartung betrautem Personal eine Erkrankung eines
Arztes, zehn bei Wärterinnen, eine bei einer Badefrau, zwei bei
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Spitalsdienern und eine bei einem mit der Desinfektion betrauten
Individuum. Den Läusen glaubt er bei der Verbreitung der In¬
fektion keine allzu große Wichtigkeit zuschreiben zu sollen.
R. Bälins: Es ist zweifellos erwiesen, daß die Kleiderlaus die
Krankheit auf Affen übertragen kann, doch auch die Infektion durch un¬
mittelbare Berührung kommt in Betracht. Isolierungsspitaler sind nicht
an der Peripherie des Landes, woher die Kranken aus strategischen
Gründen noch vor Ablauf der Isolierungsfrist wegtransportiert werden,
sondern im Zentrum mit einer Isolierungsfrist von 14 Tagen zu errichten.
C. Preis ich: Der Flecktyphus ist nach seinem Dafürhalton eine
septißche Krankheit.
E. v. Rottenbiller: lieber Nachblutungen in der Mund-
Chirurgie. Er lobt das Koagulen von Kocher-Fonio, das er
schon längst bei Nachblutungen nach Zahnextraktionen erprobt
hat. Gegen die gesteigerte Speichelproduktion bei Kieferverletzun¬
gen empfiehlt er Darreichung von 1 / 2 —2°/i>lg'er Eumydrinlösung,
stündlich 20—30 Tropfen. Mundhöhleninfektionen heilen bei An¬
wendungeiner doppeltschwefelsauren Chininlösung oder von letzterem
Mittel 0,30 g zweimal täglich pro os. Zur Desinfektion der Mund¬
höhle bewähren sich an der stomatologischen Klinik: 1°/ O o Chlor¬
wasser, 5°/ 0 Wasserstoffsuperoxyd, Formamiat-Tabletten.
A. Fischer: Behandlung der Sehädelschiisse. Bisher
galt als Satz, daß bei perforierenden Schüssen eine zu wartend
konservative Behandlung, bei tangentialen Schüssen jedoch der
aktive Eingriff am Platze sei. In 2 Fällen von perforierenden
Schädelschüssen mußte er dennoch umgreifen. Beide waren in der
Gegend des Stirnlappens und boten unerträgliche Kopfschmerzen,
Schwindel, eigentümliche Benommenheit des Sensoriums und geringe
Temperatursteigerung dar. Bei der Freilegung der Ein- und Aus¬
schußöffnung fand er eingekeilte Knochensplitter und die llirn-
substanz zerstört, ja seihst geringen Eiter. Am besten wird die
Ein- und Ausschußöffnung einfach erweitert, weil die Hirnläsion
lokalisiert ist und so auch die Nachbehandlung einfacher wird.
Tangentialschüsse beobachtete er vier; in einem interessanten Fall
war die Dura unverletzt, trotzdem entstand durch Vermittlung
der eitrig infizierten Venen der Diplot 1 im linken Scheitellappen
ein Abszeß, der heftige Anfälle von Rindenepilepsic auslöste, die
nach Freilegung des Abszesses wohl ausblieben, doch ist der Pat.
noch immer sehr somnolent.
A. v. Sarbö: lieber Nervenshok durch Schrapnell* und
Granatexplosionen. Es gibt Fälle, wo die Symptome seitens des
Nervensystems ohne sichtbare äußere Verletzung durch die infolge
des Luftdruckes entstandene Erschütterung ausgelöst werden. Der
Explosionsdruck kann durch Hirnblutung wirken und Tod herbei¬
führen, andrerseits nur momentane Gleichgewichtsstörung hervor-
rufen. In einem Fall beobachtete er bewußtloses Zusammenstürzen,
später Gehörsabnahme, Sausen, Schwindel; in einem anderen
Gehörsabnahme und Vagussymptome, wie »rhythmische, frequente
Herztätigkeit, aussetzenden Puls, durch doppelseitige Rekurrens¬
lähmung bedingte Aphonie und lokalisiert den Sitz des Leidens
im verlängerten Mark, das durch die Explosionserschütterung in
das Foramen magnum eingekeilt wird: andrerseits werden durch
den gesteigerten Liquordruck im vierten Ventrikel die Akustikus-
kerne und der Vagus gelähmt. Die eingetretene Besserung in
beiden Fällen bestätigte die Diagnose. Häufiger kommt unter Ein¬
wirkung des Explosionsdruckes bewußtloses Zusammenstürzen mit
nachträglicher Amnesie und Sprachstörungen, spastische Läh¬
mungen der Extremitäten der einen oder anderen Seite, außerdem
geringer Nystagmus bei der Seitenfixation, geringe^ Fazialis- oder
Hypoglossusparese auf der Seite der gelähmten Lxtiemität mit
distalwärts zunehmender Sensibilitätsstörung auf letzterer vor. Zu
Beginn Symptome des Gehirndruckes: Erbrechen, Bradykardie.
Hierbei hat er stets Perkussionsempfindliehkeit des Felsenbeins
auf der den gelähmten Extremitäten entgegengesetztem Seite kon¬
statieren können, was auf den Sitz des Leidens deutet. Er nimmt
in solchen Fällen mikroorganische Läsionen, die aus mikro¬
skopischen Lageveränderungen, Blutungen und Kontusionen be¬
stehen können, an, die zwischen den molekularen Abweichungen
von Charcot und den organischen Läsionen stehen und mit der
Hysterie nichts gemein haben. Die Prognose dieser Fälle ist gut.
Die einschlägigen leichten Fälle werden fälschlich oft für Simula¬
tion gehalten, die schweren vielsymptomigen Fälle für Hysterie.
Er tritt für die Annahme mikroorganischer Läsionen ein, wodurch
der Begriff der traumatischen Neurose, mit dem wir zu Friedens¬
zeiten freigebig sind, eingeschränkt wird.
P. v. Kuzmik: lieber Nervenverletzungen, ln vollständige
Lähmung darbiet enden Fällen braucht der Nerv in seiner Konti¬
nuität nicht unterbrochen zu sein, es kann die Lähmung auch
durch einen Bluterguß oder Exsudat verursacht sein. Den lädierten
Nerv muß man nicht sofort vereinigen, sondern vorher den Verlauf
der meist gleichzeitig entstandenen Infektion und das Entstehen
der definitiven Veränderung abwarten. Bei der operativ zu er¬
folgenden Vereinigung der Nerven erscheint es wichtig, das ganze
NarbeDgewebe des Nerven zu exszindieren. Die Nervenvereinigung
erfolgt durch perineurale Naht und durch die von Bruns emp¬
fohlenen, verschiedenen plastischen Verfahren. Der zu vereinigende
Nerv ist gut zu isolieren, damit die Nervenwunde sich mit der
Nachbarschaft nicht verwebt. Die Vereinigung wird gefördert durch
ein auf den vernähten Nerven gelegtes Magnesiumröhrchen, dureh
eine paraffinierte Kalbsarterie oder durch ein dem Kranken Irisch
entnommenes Venenstück.
G. v. Lobmeyer: Einiges über Tetanus. Aufgabe der
Heiluug ist: 1. Das Tetanusgift zu neutralisieren. Dies wird er¬
reicht durch die Antitoxinbehandlung und durch Schaffung mög¬
lichst einfacher Wundverhältnisse. 2. Den toxischen Reiz abzu¬
stumpfen. Geschieht durch Narkotika, doch nur in viel größeren
Gaben wirksam, als bisher benützt. 3. Die Ernähruüg des P&t.
Hierbei sah er von der nouestens empfohlenen Gastrostomie gut«
Erfolg. Bei Uebergreifen der Lähmung auf Atmungsmuskulatur und
Zwerchfell wirkt nur die künstliche Atmung nach bilateraler
Phrenikusdurchschneidung. Der kleinste Eingriff, selbst die Punk¬
tion vermag Krampfanfälle auszulöson, deshalb stets vorheriger
hochgradiger Morphiumdämmerschlaf.
M. Paunz: Kriegsverletzungen der Nebenhöhlen dw
Gesichtes. Am häufigsten sind verletzt — wegen oberflächlicher
Lagerung: Die Stirnhöhle, die Kieferhöhle und die vorderen Sieb¬
beinhöhlen. Die Diagnose ist leicht, weil der Schußkanal orientiert
und das Röntgenbild die mit Blut gefüllte dunklere Höhle, die
Frakturierung der knöchernen Wand, die in die Höhle gelangten
Knochensplitter, eventuell das eingekeilte Geschoß anzeigt. Im
Falle eiternder äußerer Fistelbildung kann auch sondiert werden.
Die Therapie geschieht nach allgemeinen chirurgischen Regeln-
Reine, aseptische Verletzungen werden verbunden und in Rune
gelassen. In Fisteln fühlbare Knochensplitter können entfernt
werden; schließt sich trotzdem die eiternde Fistel nicht, so müssen
wir mit den usuellen Radikaleingriffen die Höhle eröffnen und
nach Entfernung der Knochensplitter und der eiternden Schleim¬
haut gegen die Nasenhöhle eine breite Abflußöffnung bereiten.
Th. v. Mutschenbac h er: lieber Hoden schlisse. Auf Grund
von zehn beobachteten Fällen teilt er sie in die Haut nicht pene¬
trierende sogenannte subkutane, in penetrierende sogenannte per-
kutane und in die Haut zerreißende, mit Vorfall der zertrümmerten
Hodenteile einhergehende Schußverletzungen. Bei subkutanen ge
niigt die konservative Therapie: nur in Fällen von rasch zunehmen¬
den Hämatomen muß operativ vorgegangen werden. Penetrierende
Schußprojektile werden nach Aufsaugung des Blutergusses mb
Lokalanästhesie entfernt. Bei die Haut zerreißenden und mit
fall der zertrümmerten Hodenteile einhergehenden Schußyerlet2nngw
beeinflußt der Zustand der Hoden den aktiven Eingriff, im
i intakter Albuginea werden wir den luxierten Hoden r ®P on l /
Die verletzte Albuginea ist zu vernähen, weil sonst die
dieselbe hervorquellenden Hodenkanälchen rasch absterben,
orebitiseho Hoden pflegt gleich dem enkephalitischen Hirn i S
des zunehmenden inneren Druckes in immer größerem tm wg
zu prolabioren, welcher Prozeß nur durch Zugrundegellen
licher Hodenkanälchen zum Stillstand gelangt, da das
gewebe zu Infektion stark disponiert. Ist außer Hodenvene «e
auch die Harnröhre verletzt, so wird ein Dauerkatheter app
Bei zertrümmerten Hoden und drohender Phlegmone ist me
stration am Platz. Sonst soll man aber stets konserva vr
gehen, da die Möglichkeit einer inneren Sekretion der Hoaen »
steht und die in Verlust gegangenen Hoden auf.die Psy 0 * 10 P
mierend einwirken. Selbst bei stumpfer Ge waltein Wirkung
es infolge Blutungen im Inhalt der Hoden zu Bindegewe
diekungen und konsekutiver Atrophie des Hodengewebes,
Zeugungsfähigkeit vernichtet. Noch mehr gilt dies bei
quellung der llodensubstanz und nachträglicher Eintrocknu g^
selben. Wiederholte Spermauntersuchungen ergaben ^ el “f r , r ,jj f
Verlust der Samenfädchen im Sekret. Zur Zeugung sind aa g
hodenverletzten Individuen unfähig.
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VwtriHC»rpibe des Zentralkomitees fiir <las ärztliche Fort-
bildvngswesen in Preußen.
Nachbehandlung der Verletzungen des Bewegungsapparates.
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Bier (Berlin): Prophylaxe des Kriegskrüppel turas vom
fhir*fgi8ehen Standpunkte. Um eine gute Behandlung durch-
züfßhTeo, ist die Röntgenuntersuchung unbedingt erforderlich. Bei
Operationen soll man von der lokalen Anästhesie absehen und iu
Narkose operieren, da die Dauer der Eingriffe zumeist lang ist,
der Knochen gewöhnlich beteiligt ist und die narbig veränderten
Gewebe große Empfindlichkeit zeigen. Stets muß der Entfernung
der Geschosse die Tiefenbestimmung vorausgehen. Möglichste
Schonung der verletzten Glieder ist zu empfehlen. Nur schwere
Infektion oder Gangrän darf als Indikation für die Amputation
gelten. Verbände sollen nicht zu häufig gewechselt werden, da fast
immer der Verbandwechsel mit Fieberanfällen verbunden ist. Nie-
mais die Wunden spülen, keine Antiseptika anwenden; feuchte
Verbände sind zuweilen zweckmäßig, aber nur ungefährliche Lö¬
sungen, auch nicht einmal essigsaure Tonerdelösung. Die Opera¬
tion bei Nervenverletzung soll man frühzeitig vornehmen, freilich
erst nach Heilung der Eiterung, weil die Operationswunde per
primam intentionem heilen muß. Bei Anschwellungen soll man
stets an ein Aneurysma denken und dio Pat. der technisch
schwierigen Operation nur unterziehen, wenn man chirurgisch ge¬
schult ist. Spätabszesse im Schädel sollen schnell operiert werden.
Bei Anwesenheit von kleinsten Knochensplittern im Gehirn kommt
es zur Jackson sehen Epilepsie. Bei Rückenmarksschüssen so viel
wie möglich operieren. Man findet zuweilen eine einfache Kom¬
pression des Rückenmarks, die sich leicht beseitigen läßt. Bei
Bauchschüssen sieht man oft noch spät Abszesse. Die Verkürzun-
gan an den Gliedmaßen bei Frakturen können unter allen Um¬
ständen durch die mit dem Röntgenverfahren kontrollierte Be¬
handlung vermieden werden, auch wenn die Verwundeten erst
nach 10—12 Tagen in das Lazarett kommen. Die Massage wird
am besten durch die Hand des Arztes ausgefübrt.
Lange (München): Prophylaxe des Kriegskrüppeltums
to» orthopädischen Standpunkte. Die Orthopädie ist vor un¬
geheuer große Aufgaben durch diesen Krieg gestellt worden.
Wegen der vortrefflichen Aseptik und der großen Fortschritte der
Chirurgie ist das KrOppeltum ein viel zahlreicheres, da viele
Glieder erhalten bleiben, die früher amputiert, werden mußten,
r- : Der Transport ist sehr wichtig. Man muß häufig improvisieren,
weil die bequemen Lazarettzüge bei großen Truppenverschiebungen
immer benatzt werden können. Bewährt haben sich die Zelt-
: bahnen, die wie Hängematten in den Lastautomobilen angebracht j
werden; auch die Militärtragbahren sind brauchbar, wenn man
mehrfache Gurte für die Beine und den Rücken anbringt. Beson¬
dere Beachtung beansprucht die Oberschenkelfraktur, für die eine
gute Polsterung mit Filzbinde und ein am Sitzbein gefensterter
und mit Watfepolster unverschieblich gemachter Gipsverband,
Mtor starker Extension angelegt, das beste Mittel ist. Aber die
wt fehlt hierfür im Felde gewöhnlich. Man muß sich daher mit
•Schienen behelfen. Solche Schienen werden aus Pappe und Band-
weo, mit mehrfachen Gurten fixierbar, fiir alle Verletzungen an-
pferfigt, und zwar hauptsächlich in Cambray und Lille, wo
iranziisisches Material dafür verwendet wird und andauernd be- |
HYia/jigfc W Arbeiter kaum den Bedarf liefern können. Es scheint,
8ö d/e französischen Aerzte neuerdings die Methode der Schienen-
madlung für den erste n Verband und Transport nachgemaeht
wea. Wenn eine offene Wunde vorhanden ist, soll man in den
jjpsverband ein oder mehrere Fenster schneiden, deren Rand man
m Bohnerwachs gegen das Eindringen von Eiter in die Gips-
wfochten abdichten kann. Zur Nachbehandlung ist neben der
örteren Hand des Arztes doch die maschinelle Behandlung nicht
p gehren. Die einfachsten Vorrichtungen genügen oft. Auch
, iapparate s * D d se ^ r nützlich. Eine vortreffliche Einrichtung
r Lockerung von Gelenksteifigkeiten hat ein Assistent L.s an-
^geoen, wobei der Pat selbst durch Anziehung eines Fadens die
•, Schienen ruhenden Teile, die durch zwei mit einem
rerbundene Stangen verschiebbar sind , einander langsam
un¬
wesentlichste ist hierbei, daß die Sehnen äußerst empfindliche
Gebilde sind, die weder langen Druck, noch Blutungen oder auch
nur uuzartes An fassen mit Pinzetten vertragen, und daß sic nicht
in eigentlichen Sehnenscheiden liegen, sondern mit einem Gleit¬
schutz versehen sind, der aus Fett, lockerem Bindegewebe, aber
auch an einzelnen Stellen aus mit Flüssigkeit gefüllten Räumen
besteht. Diese Vorrichtungen muß man bei der Sehnenverpüanzung
genau beachten, wenn man Erfolg haben will, und auf diesen
Untersuchungen beruht auch die vom Vortr. angegebene neue
Methode der Sehnenschcidenauswechslung im Gegensatz zu der
tendinösen Methode (Verpflanzung von Sehne auf Sehne) und der
Langeschen periostalen Verpflanzung. Andreisehr gut geheilten
Fällen aus der Kinderpraxis zeigt B. den Erfolg seines Ver¬
fahrens. In einem nach dem Kriege erscheinenden Werke wer¬
den die sehr bemerkenswerten Versuche über den Zug der Muskeln
an den Gliedmaßen im einzelnen und in ihrem Zusammenwirken
niedergelegt werden.
Nagelschmidt (Berlin): Vorstellung einer Reihe von
Offizieren und Mannschaften, bei denen durch elektrische Be¬
handlung der Wundverlauf und die Heilung von Kallusbeschwer¬
den glänzend beeinflußt wurden. Fisteln und Eiterungen werden
schnell durch Bestrahlung mit der Quarzlampe beseitigt, auch
Dermatosen heilen gut bei dieser Behandlung und auch bei der
Bestrahlung mit Röntgenlicht. Auch Radium und Thorium X
sollen in dieser Beziehung wirksam sein. Besonders wirksam ist
aber die Diathermie, durch die die harten Kallusmassen aufge¬
löst werden, wodurch die Beseitigung der oft unerträglichen
Neuralgien erzielt wird. Parästhesien werden mit dem Kondensator
behandelt und Muskelerkrankungen mit rhythmischer Elektrizität,
die eine ungleich stärkere Stromerzeugung gestattet als die ge¬
wöhnlichen elektrischen Apparate. Die Diathermie ist auch ver¬
wendbar, um bei Knochenfrakturen eine schnelle Kallusbildung zu
ermöglichen, da der Strom zu einer starken Wärmeentwicklung in
den behandelten Teilen führt.
Helbing (Berlin): Ueber Pseudarthrosen und die Nach¬
behandlung von Frakturen. Psoudarthrosen sind im Kriege
selten, weil die starke Knochenspitterung und die stets vorhandene
Infektion kallusbefördernd wirken und bei der Jugend der Soldaten
allgemeine Ursachen für die schlechte Knochenheilung fortfallen.
Einspritzung von Alkohol, Jodtinktur, Osmiumsäuro, auch von
frischem Blut in die Narbentnasse wird empfohlen und schließlich
die Operation nötig werden, für die es viele Methoden gibt. Ent¬
weder wird nach der Anfrischung der Knochenenden eine Naht
angelegt oder es wird eine lebendige oder aus totem Material her¬
gestellte Brücke eingepflanzt. Die Infolge sind häufig gute. In
bezug auf die Nachbehandlung der Frakturen ergeben sich im
Kriege wesentliche Abweichungen von den Erfahrungen des
Friedens, weil die Knochenbriiche der Verwundeten fast immer
mit langdauernden Eiterungen aus den Weichteilwunden verbunden
sind. Man soll daher die Kranken lange liegen lassen. Auch ge¬
heilte Frakturen sind noch, wenn ohne Verband gelassen, ge¬
fährdet, z. B. die Schenkelhalsfraktur nach neun, die Unter -
schenkelfraktur nach sechs und diejenige des Oberschenkels noch
nach acht Wochen. Besonders die Gelenke und Sehnen der oberen
Extremität neigen sehr zur Versteifung, wenn nicht frühzeitig Be¬
wegungen gemacht werden, am besten durch dauerndes Ballen
und Rollen eines Zeitungsbausches. Die Fraktur der oberen Ex¬
tremität heilt bei den starken Eiterungen unter gewöhnlicher
Exlension stets mit erheblicher Verkürzung. Als das beste Ver¬
fahren zur Vermeidung der Verkürzung, das auch hei bereits ein¬
getretener schlechter Heilungnoch nach vorheriger Osteotomie oder
Osteoklase wirksam ist, gilt das Hackenbruchsehe Verfahren
der Eingipsung von verstellbaren Eisenklammern.
t . t t wvi nuJ • Sebnenbehandlung. Auf Grund eigener
f m s . ejfle/n Assistenten Meyer gemeinschaftlich vorgenommener
■rsüchungen gibt der Vortr. eine sehr interessante Schilderung
. j. SIO J 0 &sohen und anatomischen Verhältnisse der Sehnen und
ez/ennngen zu Muskel fund anliegendem Gewebe. Das
Kleine Mitteilungen.
Kriegschronik.
Aus den off, Verlustlisten.
1. Tot:
A.-A. d. Res. Dr. Siegfried G rienauer, D.-R. Nr. 15 (Liste Nr. 137).
2. Verwundet:
A.-A.-St. Dr. Wilhelm K iss, T.-J.-R. Nr. 1 (Liste Nr. 127).
V. Kriegsgefangen:
A.-A. d. Res. Dr. Silvius Fortuna, I.-R. Nr. 97 (Liste Nr. 129).
A.-A. Dr. Rudolf Suchanek, I.-R. Nr. 98 (Liste Nr. 13u).
R.-A. Dr. Ernst K raus, Lst.-I.-R. Nr. 3 (Liste Nr. 132).
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1915 — MFmZTNTSOHF, KLINIK — Nr. 11.
14. März.
A.-A.-St. Dr. Emil Marschall, F.-J.-B. Nr. 21 (Liste Nr. 183).
A.-A. Dr. Zsigmond Weisz, u. Lst-*Etapp.-B. Nr. III/31 (Liste
Nr. 134).
A.-A. Dr. Otto Freund, Lst.-I.-R. Nr. 13 (Moskau — Liste
Nr. 135).
O.-A. Dr. Adolf Kofranyi, Lst.-I.-R. Nr. 13 (Petropawlowsk, Ru߬
land — Liste Nr. 135).
A.-A.-St. Dr. Sigmund Maurer, F.-J.-B. Nr. 18 (Tomsk, Rußland
- Liste Nr. 135).
R.-A. Dr. Emil Kutschera, R.-A.-Div. Nr. 2 (Liste Nr. 136).
* *
*
Am 5. März ist der Sekundararzt des Wiener Allgemeinen
Krankenhauses Dr. 0. A. Leszlenyi in Ausübung seiner Feld¬
dienstpflicht gestorben. — Im Res.-Spital zu (Jjverbas ist der
Assistent der Wiener Allg. Poliklinik Dr. Heinrich Sprinzeis
einer im Felde akquirierten Typhuserkrankung zum Opfer ge¬
fallen. — Im Interniertenlager Thalerhof-Kalsdorf ist der Bezirks¬
arzt Dr. Emil Mayr einer Flecktyphusinfektion erlegen. — Ehre
ihrem Andenken. _
(Militärärztliches.) In Anerkennung tapferen und
aufopferungsvollen Verhaltens bzw. vorzüglicher Dienstleistung
vor dem Feinde ist dem O.-St.-A. Dr. L. Szyjkowski, Kom¬
mandanten des Feldspitals Nr. 2/11, das Offizierskreuz des
Franz Josef-Ordens mit dem Bande des Militärverdienstkreuzes,
den 0.-St.-Ae. II. Kl. DDr. F. v. Zhuber beim 4. Armee-Etappen-
Kommando, E. Friedlieber, Kommand. des mob. Res.-Sp. Nr. 1/6,
den St.-Ae. DDr. J. Kan der, Kommand. der K.-Div.-San.-A.
Nr. 6, A. Melzer des F.-K.-R. Nr. 26, A. Meller, Kommand. des
Deutschen Ordens-Vereins-Sp. Nr. 4, F. Ballner des Armee-
Etapp.-Kmdo., M. Sertic, Kommand. des mob. Res.-Sp. Nr. 2/13,
den R.-Ae. DDr. W. Kfiz des F.-J.-B. Nr. 6, W. Spät des mob.
Epidemie-Laboratoriums Nr. 5, dem R.-A. d. Res. Dr. L. Läufer
des I.-R. Nr. 60, dem R.-A. i. P. Dr. L. v. Podsonski des Res.-Sp.
in Bielitz und dem Lst.-A.-A. Dr. A. Gottlieb des u. L.-I.-R.
Nr. 27 das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens am Bande des
Militärverdienstkreuzes, den R.-Ae. Dr. G. Styblik, Kommand. des
Feld-Sp. Nr. 4/14, G. Schnopfhagen des F.-J.-B. Nr. 1, A. Ga-
zarek, Kommand. des mob. Res.-Sp. Nr. 6/6, L. Janeöek des
mob. Res.-Sp. Nr. 4/6, dem R.-A. d. Res. Dr. J. Jirkowsky des |
L.-I.-R. Nr. 10, Lst.-R.-A. Dr. M. Schramek der I.-Div.-San.-A.
Nr. 24, O.-A, S. Mizsey der mob. Krankenstation Nr. 2/6, Lst.-0.-A.
J. Pdter des Feld-Sp. Nr. 5/2, A.-A. d. Res. A. Somweber des
2. R. der T.-K.-J., den A.-A.-St. d. R. DDr. L. Land an des I.-R.
Nr. 55, T. Fajdiga des I.-R. Nr. 58, Z. Epstein des L.-I.-R.
Nr. 5 und den Lst.-A.-Ae. DDr. J. Klein beim 4. Armee«
Etapp.-Komdo., A. Saxl der I.-Div.-San.-A. Nr. 11 das Goldene
Verdienstkreuz mit der Krone am Bande der Taplerkeitsmedaille
verliehen, dem St.-A. Dr. R. Göbel des 4. R. der T.-K.-J., den
R.-Ae. DDr. K. öemf des 17. Korpskmdo., F. Seidl des I.-Div.-
San.-A. Nr. 11, G. Petri des I.-R. Nr. 2, V. Pilger des F.-J.-B.
Nr. 14, K. Binder des U.-R. Nr. 3, R. Halle des I.-R. Nr. 96,
J. Hackel der Brigade-San.-A. Nr. 11, dem R.-A. d. R. Dr. S.
Korphof des L.-I.-R. Nr. 29, den R.-Ae. d. Ev. DDr. A. Neumann
des L.-I.-R. Nr. 14, J. Koenig des L.-I.-R. Nr. 29, L.Tschur-
tschenthaler des Ldsch.-R. Nr. III, den O.-Ae. Doktoren
J. Kutschera des 1. R. der T.-K.-J., J. Adamek des F.-J.-B.
Nr. 18, P. Skopik des D.-R. Nr. 12, den O.-Ae. d. Res. Doktoren
A. Arnstein des I.-R. Nr. 55, J. Boratynski des I.-R. Nr. 95,
J. Spörr des 1. R. der T.-K.-J., V. Bunzl des Ldsch.-R. Nr. III,
A. Töpfer des I.-R. Nr. 14, den O.-Ae. d. Ev. DDr. A. Petrina
und H. Peter ka des Lst.-I.-R. Nr. 2, den A.-A. d. Res. Doktoren
J. Kaaserer des 2. R. der T.-K.-J., S. Schwarz des F.-K.-R.
Nr. 42, M. Ogörek des I.-R. Nr. 55, M. Juda des I.-R. Nr. 95,
E. v. Mautner des 1. R. der T.-K.-J., K. Isbert des 4. R. der
T.-K.-J., J- Kaiplinger des F.-J.-B. Nr. 27, F. Kothny des U.-R.
Nr. 3, B. Paul des F.-K.-R. Nr. 41, K. Schnur der Reitenden
A -Div. Nr. 10, J. v. Elzenbäum des Ldsch.-R. Nr. II, T. Scoma-
zoni des Ldsch.-R. Nr. III, A. Ganglbauer und L. Strauss des
I-R. Nr. 14, L. Derschmidt des I.-R. Nr. 59, S. Menestrina des
3 R. der T.-K.-J., H. Faschingbauer des Geb.-A.-R. Nr. 14,
C Hauser des Garn.-Sp. Nr. 10 und dem Lst.-A.-A. Dr. M. Bo-
binac des mob. Res.-Sp. Nr. 3/13 die a. h. belobende Anerkennung
ausgesprochen worden. — O.-St.-A. I. Kl. Dr. J. Steiner und
0 -St.-A. II. Kl. Prof. K. Biehl erhielten das Ehrenzeichen I. Kl.
vom Roten Kreuz mit der Kriegsdekoration. — Ernannt wurde
zum Oberstabsarzt II. Kl. der St.-A. Prof. K. Biehl des
Armee-Oberkommandos. — Im Landwehrärztlichen Offiziers¬
korps wurden ernannt zum Oberstabsarzt II. Kl. der St.-A.
Dr. S. Fersten, Sanitätschef der 46. L.-I.-Div.; zura Stabs-
- ~ „.„„W Eigentümer und Verleger: Urban & Schwarzenberg, Wien und
Herausgeber, » » Druck von GottJieb Gistel
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arzt der Titular-St.-A. Dr. A. Cyppl des L.-Kmdo. Wien;
zu Regimentsärzten die O.-Ae. DDr. S. Innosza-Borkowski
des L.-I.-R. Nr. 35, M. Weiss und F. Fischer des L.-I.-R.
Nr. 24; zu Assistenzärzten d. Res. 11 A.-A.-St.; zu Stabsärzten
d. Ev. die R.-Ae. d. Ev. DDr. V. Malfer, R. Binder; zum
Regimentsarzt d. Ev. der O.-A. d. Ev. Dr. F. Mayr; zu Oberärzten I
d. Ev. die A.-Ae. d. Ev. DDr. J. Bader, E. Zielinski, H. Gold-
berg, H. Gans; zu Regimentsärzten a. D. die O.-Ae. a.D. Doktoren '
J. Sklenarz, A. Prager, B. Neumann, A. Nikoloric,D. v.Hor-
dynski, J. Stern, R. Hoff mann, J. Reichelt, J. J ellinek,
G. Moch, A. Opluätil, A. Maly, E. Schick; zu Oberärztena.D.
die A.-Ae. a. D. A. Fath, J. Mauer, A. Wolf, J. Goldberger,
K. Bergmann, R. Kamprath, J. Standacher, E. Weitzmann,
L. Krüger, F. Slabihoudek, W. Skörkowski, F. Katz,
E. Tippelt; zu Landsturmregimentsärzten die Lst.-O.-Ae. Doktoren "
A. Brzoräd, J. Finger, R. Hinze, 0. Lenhardt, A. Mayer,
K. Neuraann, L. Pollak, D. Teliiaziö; zu Landsturinober¬
ärzten 54 Lst.-A.-Ae. — Ernannt wurden außer der Rangstour
der St.-A. Dr. W. Michl, Kommandant des Garn.-Sp. Nr. 15, zum
O.-St.-A. II. Kl., der R.-A. Dr. N. Nürnberger, Kommandant des
Deutschen Ordens-Sp. Nr. III, zum St.-A. — Die St.-Ae. DDr.
J. Sternschuss des I.-R. Nr. 101 und F. Hornisch des L-R.
Nr. 7 sind in den Ruhestand versetzt worden.
(Wiener Aerztekammer.) Am 2. März 1. J. hat die Haupt¬
versammlung der Wiener Aerztekammer stattgefunden, welche der
Präsident Prof. Finger mit einem tief empfundenen Nachruf für s
den verstorbenen ehemaligen Kammervizepräsidenten Regierungsrat
Dr. Svetlin eröffnete. Nach Verkündigung von zwei Entscheidun¬
gen der k. k. n.-ö. Statthalterei, mit welchen zwei Ehrenratserkennt-
nisse wegen Verjährung aufgehoben wurden, brachte der Vor¬
sitzende alle behördlichen Erlässe zur Verlesung, welche seit Be¬
ginn des Krieges im Zusammenhänge mit den durch die gegen¬
wärtigen Verhältnisse bedingten Fragen erflossen sind. Der
Schriftführer Dr. Frey erstattete den Bericht über die Tätigkeit
der Wiener Aerztekammer im Jahre 1914, Kassen direkter Doktor
v. Hauschka den Bericht über den Jahresabschluß pro 1914.
Dr. Gruss erstattete unter Beziehung auf die oben erwähnten
Statthaltereientscheidungen ein ausführliches Referat über die Ver¬
jährung von der Disziplinargewalt der Aerztekammer unter¬
liegenden Tatbeständen. Auf Antrag des Referenten wurde der
Beschluß gefaßt, au die k. k. n.-ö. Statthalterei wegen der rechts-
irrtümlich erfolgten Aufhebung von Ehrenratserkenntnissen aus
dem Titel der Verjährung Vorstellung zu erheben und die Zurück¬
nahme der oben erwähnten Statthaltereientscheidungen zu beau-
tragen. Schließlich referierte Dr. Grün über die jüngste Judikatur
des Verwaltungsgerichtshofes in der Frage der Zulässigkeit der
Wanderpraxis. Im Sinne des Referentenantrages wurde be¬
schlossen, bei den kompetenten Stellen ein Verbot der Waader-
Praxis zu erwirken.
(Infektionskrankheiten.) In der Woche vom 14.—20.Fe¬
bruar waren in Oesterreich-Ungarn folgende Infektionserkrankungen
zu verzeichnen: Cholera 1 Erkrankung (mit tödlichem Ausgangj
in Ropa (Galizien), 25 (10) in Ungarn. Hiervon betrafen 5 (3)
Personen, die vom nördlichen Kriegsschauplatz eingelangt sind,
17 (4) in loco stationierte Militärpersonen und 3 (3) die einheimische
Bevölkerung. — Blattern: In Wien 104 Fälle (hiervon 4 bei
Militärpersonen), seit Kriegsbeginn in Wien 819 Fälle mit 172 Todes¬
fällen. Außerdem in Oesterreich 103 Blatternfälle. — Flecktyphus
388 Erkrankungen, und zwar 4 Fälle in Wien, 31 Fälle in RabeD-
stein (Bez. St. Pölten) und 1 Fall in Großau (Bez. Waidhofen
Thaya) in Niederösterreich, 1 Fall in Linz, 22 Fälle in Freist* •
40 Fälle in Kleinmünchen (Bez. Linz), 7 Fälle in Mauthauseoi * •
Perg) und 11 Fälle in Marchtrenk (Bez. Wels) in OberÖsterrei <
je 1 Fall in Graz und Köflach (Bez. Voitsberg), 16 Fälle in IM
hof-Kalsdorf (Bez. Graz), 13 Fälle in Knittelfeld (Bez. Judenb°V
31 Fälle in St. Michael (Bez. Leoben), 4 Fälle in Oberwolz (^
Murau) und 2 Fälle in Wurmberg (Bez. Pettau) in Steier .
20 Fälle in Wofsberg in Kärnten, 5 Fälle in Prag, ^ ^
Budweis, je 1 Fall in Brüx und Platten (Bez. Komotau), l 0 ^
in Milowitz (Bez. Jungbunzlau) und Pernlesdorf (Bez. F
sowie 4 Fälle in Josefstadt (Bez. Königinhof a. d. Elbe),
1 Fall in Schönichel (Bez. Freistadt) in Schlesien un
in Dalmatien.
Sitzungs-Kalendarium.
0 . /tv yiauk-
Freitag, 19. März, 7 Uhr. K. k. Gesellschaft der Aerzte.
gasse 8.) Hauptversammlung. _ _ _"
Berlin. —Verantwortlicher Redakteur lür Österreich-Ungarn: Karl Urban,
& Cie., Wien, ITT., Miinzgagpe 6.
Original from
UNiVERSiTY OF IOWA
Nr. 12.
Wien, 21. März 1915.
XI. Jahrgang.
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t Kc.
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Medizinische Klinik
Wochenschrift für praktische Ärzte
redigiert von
Preftwor Dr. Kort Brandeftbug
Berlin
Verlag yon
Urb«« Sl Schwaneaberf
Wien
INHALT: Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege: Prof. Dr. Karl Walko, Typhus abdominalis mit hämorrhagischer Diathese.
Dr. IV. Burk. Die Behandlung infizierter Weichteilwunden. Dr. med. et jur. Franz Kirchberg, Die Aufgaben der medico-mechnnischen Nachbehandlung
der Kriegsverletzungen und ihre Durchführbarkeit. Dr. W. Böcker, Die Behandlung der Gasphlegmone im Felde. — Abhandlungen: Prof. H. Hohl-
wei'. Der Reststickstoff des Bluts unter physiologischen Bedingungen, sein Verhalten bei Nephritis, Urämie und Eklampsie, sowie seine Bedeutung
für die Prüfung der Nierenfunktion. — Berichte über Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren: Dr. E. Adler, Ueber die Behandlung ruhrartiger
Dirmerkranktmgen mit Papaverin und Jodtinktur. — Forschungsergebnisse ans Medizin und Naturwissenschaft : Marine-Stabsarzt der Reserve
Dr. Georg Felise nfeld, Ueber Haarverletzungen durch Ueberfahren (mit 4 Abbildungen). — Aärztliche Gutachten aus dem Gebiete des Versiche¬
rungswesens: Dr. Hermann Engel, Gerichtlicher Schutz ärztlicher Gutachten. — Referatenteil: Sammelreferat: Stabsarzt Dr. Strauß, Strahlen-
dterapie (Schluß aus Nr. 11». — Ans den neuesten Zeitschriften. — Therapeutische Notiz. — Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufe- und
SUsdesfragen: K. k. Gesellschaft der Aerzte. Vortragsreihe des Zentralkomitees für das ärztliche Fortbildungswesen in Preußen. — Kleine Mitteilungen.
Der Verla, beUlt rieh iat auteohürßUeht Recht der VervieVätHgunf und VerhreOtm§ der tm dieser Zetiedkrift mm Erscheinen felanpndan OrifinalbeUrd^ vor.
Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege.
' Aas dem k. und k. Reservespital in Brcka, Bosnien.
Typhös abdominalis mit hämorrhagischer
Diathese
yon
Prof. Df. Karl Walko, k. k. Landsturm-Oberarzt.
Einem Reservespital des südlichen Kriegsschauplatzes
fagefeiit, habe ich Gelegenheit, eine große Zahl von Typhus¬
tölleo während ihres ganzen Verlaufs zu verfolgen und die
außerordentlich komplexe Natur der typhösen Erscheinungen
zu beobachten. In der Mehrzahl der Fälle verlief der
Typhus nicht unter dem gewöhnlichen Bilde der abdominellen
form, sondern als proteusartige Erkrankung mit stets
wechselnden Erscheinungsformen, die man unter normalen
Jerhältnissen nur ganz selten zu Gesicht bekommt. Zu
diesen gehört der hämorrhagische Typhus mit dem
Sjmptomcnkomplex der hämorrhagischen Diathese, der zu
den größten Seltenheiten gehört.
Dieie Form war schon den filteren Autoren, wie z. B. Griesinger,
ironsseiö, bekannt ond wurde auch spfit^r einigemal beschrieben,
^oikow batte unter 6500 Ffillen nur vier mit hämorrhagischer Diathese.
■y rieh mann berichtete vor einigen Jahren in der M. m W. über
einige Fade, bei denen sich schon im Beginne der Erkrankung ein
^toorrWisrhes Eianthezn einstdlfe, darunter auch Ober einen Fall von
JMeabildong _^rJgbäiDörihagiscben Inhalts. Auch Schottmüller ,
wßacbtetfl bei Fällen von hämorrhagischem Typhus teils kleinere ober-
.jehe Bimorrhagien, teils größere subkutane Blutungen an den Ex-
«lU i» n“ ( * er der Gelenke, selten auch intramuskuläre und
- kalire Blotu ngen. Ausgedehnte Blutungen in der Maskulatur des
_ rectas a bdomin/8 siad auch von v. Jaksch nnd Pichler beim
J ?phüB mitgeteilt worden.
Eine genauere Beschreibung der Fälle von hämor-
f agischem Typhus hat nicht allein ein kasuistisches Inter-
>S6 ' n ^° D ^ ern auc h einen prinzipiellen Wert für die Auf-
n " se iner Pathogenese und hinsichtlich der Differential-
“ Typhus exanthematicus.
* , ße - ^ em 8 e hä u ft en Auftreten des hämorrhagischen
JPms innerhalb von wenigen Wochen ergab sich vor allem
besaßen. Anderseits zeigte der Typhus bei Soldaten des¬
selben Regiments, derselben Kompagnie zumeist einen un¬
gleichartigen Verlauf. Dies ist um so bemerkenswerter, als
die Infektionsmöglichkeit im modernen Kriege sowohl durch
Verunreinigung des Feldlagers, als namentlich durch die
Verseuchung der Deckungen, der Schützengräben, in denen
die Soldaten oft wochenlang auszuharren haben, eine sehr
große ist. Anamnestisch habe ich wiederholt festgestellt,
daß Soldaten oft 8 bis 14 Tage mit Fieber in den Deckungen
aushielt en, ehe sie sich krank moldeten. Dabei ist die Tatsache
von Bedeutung, daß der Typhusbacillus sich in feuchter Erde
lange lebend erhält. Außerdem kommen in Serbien und Bosnien
Doch die großen Mengen von Fliegen in Betracht, unter denen
wir im Sommer sehr zu leiden hatten und deren Bedeutung
als Infektionsüberträger auch in andern Kriegen, z. B. im
Burenkriege, richtig erkannt wurde. Trotz dieser überaus
günstigen Vorbedingungen für die Infektion in einer für
diese besonders günstigen Zeit, dem Herbst, ist bisher die
Zahl der Typhusfälle und der Todesfälle an Typhus in der
südlichen Armee eine relativ geringe im Vergleiche zu den
entsetzlichen Verlusten früherer Kriege und eine relativ
sehr geringe im Verhältnisse zu den andern Erkrankungen
und Verwundungen. Es spricht dies für eine zielbewußte
Durchführung hygienischer Maßnahmen auch im Felde, und
nicht zuletzt spielt auch die gute Verpflegung und Aus¬
rüstung unserer Soldaten eine große Rolle dabei. Ein
gruppenweises Auftreten von hämorrhagischem
Typbus konnte nicht beobachtet werden, es handelte
sich durchweg um sporadische Fälle. Auch die ge¬
legentlichen Infektionen des Wärterpersonals, das ständig
mit diesen Kranken beschäftigt war, zeigten stets ein
anderes Verhalten, sodaß neben der besonderen Virulenz
des Infektionserregers eine individuelle Disposition für
das Auftreten des hämorrhagischen Charakters anzu¬
nehmen ist.
In folgendem seien nun elf Fälle von hämorrhagischem
VVO . CÜ0n erg ?° ßIC \TL,* liem i TyP bua und de Resultate unserer Beobachtung bis Endo
ielle. am L d * bei . aw ? ,De gemeinsame Infektions- Number 1914, soweit diese in einem improvisierten Spitalc
ndle. Wpnn W J kUDg u 1Qe I besonderen Typhusstammes I in Kriegszeiten eben möglich war, kurz beschrieben.
^erster Inf oha ^ a . acb gruppenweise Auftreten I Ich möchte nicht unterlassen, hier herrorzubeben, daß durch die
Dpi Gestionen in bestimmten Gegenden , Z. B. in „nennOdiiche Fürsorge des Spitalleiters, dos Stabsarztes Dr. Karl
ecKUDgen am Drinaßusse, ferner am Crny Vreh in l Böhm, die Einrichtungen des Reservespitals in Brcka, das seit dem
7I( ‘ D konstatieren konnten 80 rnnß die früher gestellte I 20 • August einen Beleg von durchschnittlich 1000 Kranken hatte, sowohl
|ß doch vfirnnt .. zr _ u _I für die Krankenbehandlnng als für die Krankenuntersuchung in muster-
wrbem iS? 1 l deüf da die Kranken mit hämor- m Woile getroffen “^den.
ten I alfe verschiedenen Truppenkörpern an- Der erste Fall von Pelioma typhosum, der sur Beobachtung kam,
UQQ Somit einen gemeinsamen Infektionsherd nicht I betraf den 34 jährigen Kanonier Joeip V., aufgenommen am 22. Sep-
Digitized b, GOOQle ° ngiral frDm
UNIVERS1TY OF IOWA
324
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12.
21 Mürz.
testier 1914; seit acht Tagen Appetitlosigkeit, Mattigkeit, Kopf- und
Gliederschmerzen, die so heftig waren, daß er mit der Diagnose Rheu¬
matismus dem Spitale zuging. Der Mann ist mittelgroß, kräftig, mager,
an den Bauchdecken vereinzelte Roseolen, die Milz perkussorisch ver¬
größert, der Milztumor tastbar; Temperatur 39,5, Puls 90, kräftig, regel¬
mäßig, die Zunge trocken, borkig belegt, Stuhl fest, regelmäßig. In
den nächsten Tagen nehmen die Kraukheitserscheinungen zu, der Kranke
klagt namentlich über Hals- und Kopfschmerzen, allmählich entwickeln
sich Benommenheit des Sensoriums, Schwerhörigkeit und Bronchial¬
katarrh, Febris continua zwischen 39 und 40° C, Pnls 90 bis 100,
dikrofc. Die Nahrungsaufnahme ist sehr gering, sodaß der Kräftezustand
rapid heruntergeht. Anfang Oktober ist das Sensorium vollständig be¬
nommen, der Kranke sehr unruhig, delirierend. Die Abmagerung nimmt
stark zu, die Haut ist sehr blaß, dünn und trocken, reichliche Roseola,
harter und großer Milztnmor, die Zunge trocken, mit blutigem Belag
bedeckt, die Bronchitis beiderseits stark ausgebreitet Am 5. Oktober
treten profuse-Blutungen aus Mund und Nase auf, die nur schwer
stillbar sind, das Zahnfleisch geschwollen und aufgelockert, sodaß es bei
jeder Reinigung des Mundes Bofort blutet. Stuhl fest.
6. November. Der Kranke ist völlig bewußtlos, sehr unruhig, der
Puls wird klein, unregelmäßig, schwer tastbar. Frequenz 120, Temperatur
andauernd hochfebril.
Auf wiederholte Digalon- und Campherinjektionen bessert sich vor¬
übergebend die H* rztätigkeit. Der Allgemeinznstand verschlechtert sich
zusehends; öfter Nasenbluten tagsüber. Obstipation. Klistiere.
8 November. Die bakteriologische Untersuchung des Bluts
(Anreichenirg auf Riuderpallenröhrchen uud Aufstriche auf Conradi-
D r i g al s k i platten), vorgonommen vom Epidemielaboratorium (Doz. Dr. R u s s
und Dr. Folgenreich), ergab das Vorhandensein von Typhus¬
bacillen im Blute.
9. November. Auf der ganzen Brust, desgleichen an den
Armen und im Rücken traten plötzlich zahlreiche punktför¬
mige bis zweihellergroße dunkelblau gefärbte Hautblutungen
auf. Temperatur hochfebril, Puls kaum tastbar, sehr uuregelmäßig. voll¬
ständige Bewußtlosigkeit, starke Blutungen ans Mund und Nase,
Blutbrechen. Die Untersuchung des Urins ergibt das Vor¬
handensein von Eiweiß im Blute.
10. November. Während der Nacht haben die Blutungen an Zahl
und Ausdehnung am Oberkörper stark zugenommen, auch an
den Extremitäten und vereinzelt im GesicLte, die Haut über der Brust
und den Armen ist blauschwarz vorfärbt. Um 3 Uhr p. u. Exitus.
Eine Obduktion konnte der Verhältnisse wegen nicht vorgenommen
werden.
Der überaus schwere und rasche Verlauf der Krank¬
heit zeigte nicht das Bild des Typhus abdominalis, sondern
da9 einer schweren Sepsis und eine Unterscheidung der
beiden nur auf Grund der klinischen Erscheinungen wäre
selbst in Berücksichtigung des gleichzeitig gehäuften Auf¬
tretens von Typhus ohne bakteriologische Untersuchung un¬
möglich gewesen 1 ). i
Der zweite Fall wurde 14 Tage später ins Spital auf- I
genommen.
Zugführer Stefan V., 24 Jahre alt, aufgenommen am 4. Ok¬
tober. Seit dem 30. September mit Fieber, Brustschmerzen und Husten
krank.
5. Oktober. Großer kräftiger Mann. Temperatur 39,7° C, Puls 108,
beiderseitige Bronchitis.
7. Oktober. In den abhängigen Partien des Thorax beiderseits
reichlich feuchte Rasselgeräusche, stellenweise dichtes klingendes Rasseln
mit stark verschärftem Atmen (bronchopneumonische Herde).
8. Oktober. Temperatur hochfebril zw. 39 bis 40.5, PuIb 104. Pa¬
tient sehr unruhig, Delirien, am Abdomen einzelne Roseolen, Obsti¬
pation.
10. Oktober. Febris continua, stärkere Roseola, Milz tum or.
12. Oktober. Sensorium stark benommen, Delirien, Nahrungsauf¬
nahme sehr gering.
Die schweren klinischen Erscheinungen dauern in den nächsten
Tagen unvermindert an, die Herztätigkeit wird sichtlich schwächer. Puls
120; Febris continua; zunehmende Heiserkeit, Husten, Nasenbluten, Ob¬
stipation.
Am 22. Oktober tritt plötzlich stark apfelgroße Schwellung
der Parotisgegend links, sowie eine handtellergroße Stelle ent¬
sprechend dem linken unteren Rippenbogen auf, welche, sich
kissenartig vorwölbend, Fluktuation zeigt und den Anschein eines großen
Abscesses erweckt, die Haut darüber heiß und gerötet; die Probepunk¬
tion ergab nur wenig seröse Flüssigkeit. Aehnliche aber kleinere Schwel¬
lungen zeigen sich in rascher Aufeinanderfolge in der Becken- und Kreuz¬
gegend sowie an mehreren Stellen des linken Oberschenkels, namentlich
aber an jenen Hautpartien, die durch darunterliegende Knochenvorsprünge
i) Di e bakteriologischen und serologischen Untersuchungen sind zum
Teil von dem früher iu Bröko befindlichen Epidemielaboratorium (Regi¬
mentsarzt Dozent Dr. Rubs und Dr. Felsenreich), zum Teil vom Epi-
rleniielaboratorium Nr. 3 in BC-lina (Dozent Dr. Wiosner, Dozent Dr.
Erdheim und Kegimcntsarzt Dr. Schoppor) ausgeführt.
einem stfirkeren Druck ausgesetzt sind. Die Hautgefäße zeigen eine
gri-ße Labilität und die durch Streifen oder Reiben der Haut entstandene
Rötung bleibt sehr lange bestehen.
Am 23. Oktober früh waren die Schwellungen im Gesicht,
an der Brust nsw. gänzlich geschwunden, an deren Stelle be¬
fanden sich aber in der ganzen Ausdehnung der früheren An¬
schwellungen ausgebreitete Hämorrhagien, von denen die an der
Brust der Konfiguration eines Herpes zoster entsprachen. Pols 128,
schwach
24. Oktober. Die Widalsche Probe bis zu einer Verdün¬
nung von 1:200 komplett positiv.
Im Urin Eiweiß stark positiv. Blutprobe positiv.
Am 25. Oktober sind die früheren Hautblutungen stark zurück¬
gegangen, hiugc-gen zeigen sich neue solche au der Brnst, dem linken
Ober- und Unterschenkel ohne Schwellung.
26. Oktober. Der Kräftezustand in rapider Abnahme. Die At¬
mung beschleunigt, 46, die Stimme vollständig heiser, die Exhalationsluft
aashaft stinkend. Blutig-eitriger Auswurf. Puls 140, unregelmäßig.
Am 27. Oktober alle jene Stellen der Haut, an denen früher eine
Schwellung bestand, zeigen neuerlich eine ödem&töse Schwellung, doch
in geringerem Maß &1 b früher.
Am 28. Oktober früh Exitus.
Klinische Diagnose. Typhus abdominalis mit septischem Cha¬
rakter. Pelioma typhosum. Ulcera Laryngis, Bronchitis, Pneumonia lo*
bularis. Parotitis sinistra.
Die Obduktion am 28. Oktober (Dr. Felsenreich) ergab: Die
linke Parotisgegend stark hervortretend. Ein Einschnitt daselbst ergibt
im linken Massetorbauche starke Blutungen, ebenso in einer be¬
nachbarten Lymphdrttse, die Parotis selbst ist frei. Zwischen der nennten
und zehnten linken Rippe entsprechend der Stelle der früheren Schwel¬
lung am linken Rippenbogen findet sich beim Einschnitte seröße Durch-
tränkung nebst Hautblatnng, in noch größerem Aasmaße Hä¬
morrhagien in dor darunterliegenden Muskulatur. — Ferner
besteht eine ödematöse Schwellung des Zungengrundes, des weichen
Gaumens und der Uvula, daun eine nekrotisierende Entzündung des
wahren und falschen linken Stimmbandes und Uebergreifen auf die Um¬
gebung in einem Ausmaße von 2 mal 3 cm, dann ein sich vorbereitender
Durchbruch in den Recessns piriformis sinister. Lobulär pneumonische
Herde in beiden Lungen, besonders im linken Unterlappen. Ausgebrei¬
tete flächenhafte H ftmorrhagien der ganzen Pleura, besonders
in den abhängigen Partien.
Vereinzelte Blutungen am Peritoneum, subaknter Milztnmor; ans¬
gebreitete Geschwüre bis Fünfkronenstückgröße in den unteren Ab¬
schnitten des Ileum, gereinigte Geschwüre mit unterminierten Rändern
im Coecum, leichte hämorrhagische Nephritis, parenchymatöse Degene¬
ration der Organe, besonders des Herzens und der Milz.
Diagnose: Typhus mit hämorrhagischer Diathese.
In diesem Falle sprachen wohl die klinischen Symptome
eindeutig für Typhus. Aber auch hier trat der septische
Charakter in den Vordergrund Dieser kam, abgesehen von
den schweren Allgemeinerscheinungen der hämorrhagischen
Nephritis, durch das Verhalten der Haut zum Ausdruck, so
durch das flüchtige purulente Oedem, bestehend in plötz¬
lich auftretenden und wieder rasch verschwindenden teigigen
Schwellungen mit starker Rötung der darüber befindlichen
Hautpartien mit hämorrhagischer Umwandlung; ferner Schwel¬
lungen der Haut in der Art eines Erythema exsudativum
multiforme, alles Symptome, wie wir sie häufig als Begleit¬
erscheinung einer Sepsis und sehr selten eines Typhus
finden.
Ein durchaus anderes Bild bot folgender Fall: Infanterist StefanT.,
26 Jahre alt, aufgenommen am 23. Oktober 1914 in das Lagerspital. An¬
geblich schon seit drei Wochen mit Fieber krank; großer kräftiger Mann.
Temperatur 39,7 o C, Puls 107, dikrot, leicht unterdrückbar. Magengegend
und Bauch druckschmerzhaft, Roseola, sehr großer Milztumor, Heiserkeit,
beiderseitige Bronchitis, Schwerhörigkeit, Delirien. Decubitus. Patient
läßt Stuhl und Urin unter Bich.
24. Oktober. Nasenbluten, desgleichen Zahnfleischblntnngen.
An der Brust eine zirka handtellergroße, landkartenförmig aus¬
gebreitete Hanthämorrhagie, in deren Mitte sich
Blasenbildungen befinden, die mit hellrotem Inhalte gef0
sind. Auch am Bauch eine kleinere Hautblutung von zir J. a * r. 1 ! *
kronensttickgröße mit hämorrhagischen Blasen. Der Decu di
ad nates beiderseits zunehmend. Pnls zeitweilig inaequal. wid»»
Probe positiv. . . .
25. Oktober. Heute auch oberhalb der Symphyse eine “ ufelB -I
förmige Hauthämorrhagie, in deren Mitte sich mehrere,
serösblutigem Inhalte gefüllte Blasen befinden. Zanlre
Durchfälle. Im Urin Eiweiß und Blut vorhanden.
26. Oktober. Die Hämorrhagien zeigen der Umwandlang <
| farbstoffs entsprechende F«irbenverändeningen: hellrot, dunkelrot, ’
braun und grünlich; die Blasen sind gesprungen, an deren Stellen
1 Beläge.
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UNiVERSlTT OF IOWA
21. März.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12.
M 5
27. Oktober. Der Fall nimmt einen schweren Verlauf: Febril con-
tiiroi livischen 89 bis 40,3, Pols 120, völlige Bewußtlosigkeit, große
Unrahe, aphonische Stimme, im rechten Unterlappen beginnende
Pneamonie.
28. Oktober. Im rechtenHjpochondrinm neuerlich mehrere
Bissen gelblichen Inhalts, welche sich samt der umgebenden
Bant bis zum nächsten Tage hämorrhagisch umwandeln. Der
Decabitns ad nates et ad sacrum weithin ausgebreitet. Puls über 100,
schwach, etwas unregelmäßig.
31. Oktober. Rapide Krftfteabnahme, zahlreiche Dnrchf&Ue, starker
Tremor der Hände, Delirien, Pneumonie in beiden Unterlappen, Puls un¬
regelmäßig, kaum tastbar.
1. November. Unter andauernden blutigen Durchfällen starb
Patient nm 9 Uhr vormittags.
Die Obduktion am 2.November (Dr. Bozi6kovi6), Einschnitte
ia die Stellen der früheren Hantblntongen ergeben nur oberflächliche
Hlmorrhagien mit seröser Durchtränkung des subcutanea Bindegewebes.
Im Laryni einzelne Geschwüre, beiderseitige Unterlappenpneumonie, mit
starkem fibrinösen Exsudat an der Oberfläche. Parenchymatöse Degene¬
ration des Herzens und der Milz. Sehr großer Milztumor.
Anf der Oberfläche der Leber ausgebreitete fibrinOse Exsudation.
Im ganzen üenm zahlreiche ovale, tiefgreifende Ulcera in Reinigung be¬
griffen, starke Schwellung der mesenterialen Lymphdrüsen. Beginnende
hlmorrhagische Nephritis.
Diagnose: Typhös abdominalis.
Dem vorstehenden ziemlich ähnlich verliet folgender
Fall, welcher auf der Abteilung des Dr. Lottmann lag:
Leonhard P., Schmied, 25 Jahre alt, aufgenommen am 19. Oktober.
Starker kräftiger Mann. Früher stets gesund.
Die Untersuchung am 19. Oktober ergab hohes Fieber, Roseola,
Milztumor, leichte Bronchitis. Am 22. Oktober Beginn nervöser Reiz-
encheinuogen, Zittern und Unruhe. Delirien. Nahrungsaufnahme dabei
gut, Puls kräftig, langsam. Stuhl- and Urinentleerung normal.
Im weiteren Verlaufe dauern die schweren Erscheinungen un¬
verändert an, Febril continua zu 39 bis 40° C, Benommenheit deB
Se&torioms. Delirien. Anfangs November stellten Bich an denHänden,
Unterarmen, Schaltern, zuletzt an der Baachhaut einzelne
linsen- bis kronengroße Hauthämorrhagien mit pustulösen
Abhebungen der Epidermis ein. Gleichzeitig mit diesen Erschei¬
nungen wird der früher stark gespannte und kräftige Puls kleiner und
ichwlcher, Decubitusbeginn an den starken Malleolen, Ellbogen und am
Kreuzbein. Dabei fortwährend neues Aufschießen zahlreicher
hämorrhagischer Blasen. Unter zunehmender Herzschwäche Btarb
der Kranke am 5. November 1914. Obduktion wegen Zeitmangels un¬
möglich.
Die beiden Fälle sind einander ziemlich gleich bezüg¬
lich des schweren Verlaufs als der Hautaffektionen. Das
klinische Bild, die Febris continua, die Roseola, der Milztumor
osw. kennzeichnet sie als Typhus. Nur die hämorrhagi¬
schen Blasen sind beim Typhus eine der größten Selten¬
heiten und kommen häufiger bei septischen Erkrankungen,
namentlich bei der Pyocyaneussepsis vor.
Franjo K., Infanterist, 28 Jahre alt Aufgenommen am 5. No¬
vember 1914, Vor vier Wochen am Cray Vrch in Serbien mit Kopf-,
wuitr und Beinschmerzen und Schwftchezustand erkrankt. Großer, sehr
«gemagerter Mann, blaß mit hohlen Augen, eingefallenen Wangen,
baiorium etwas benommen, Schwerhörigkeit, Heiserkeit, Zunge trocken,
hoseola, Milztumor, Bronchitis, Temperatur 40,2°, Puls 120. Stuhl fest,
regelmäßig.
9. November. In den abhängigen Lungenpartien beiderseits Rasseln.
Rmperatur zwischen 39 bis 40°, Puls 112 bis 120.
,,. D- November. Plötzlicher Temperaturabfall anf 37° C, Puls 120,
uem Milztumor im Rückgang. In den nächsten Tagen die Tempera¬
tur« lehr niedrig, zwischen 36,8 bis 37° C, die Pulszahl stetig im Zu-
14. November 148. Die Blutuntersuchung (Färbung
“«Jenner) ergibt eine auffallend starke LeukocytoBe, vorwiegend nur
geßAt 0Äre ’ neQ ^ ro l ) k^ e Leukocyten. Das native Blut fast schwarz
n , 1k November, früh, neuerliche Temperatursteigerung auf 39,5°,
’ «hr schwach. Ueber den Unterlappen beiderseits Knister-
namentlich rechts. Am 16. November Temperatur 39.5°, Puls 152,
4 m kA C d* ’ UDr ®8elmäßig und ungleichmäßig, ln der Gegend
in ? Kippenbogens zahlreiche blanschwarze Hämorrhagien
otecknadelkopfgröße. Starkes Erbrechen.
Temperatur 39,8° C, Puls 152 bis 158. Sehr
tsfoiL’ut u^ n < * er Brust und am Bauche neuerliche aus-
Meteoriimus ÜÄmorr ^ a KT®u« Beginnende Pneamonie rechts. Cyanose.
Di® Widalsche Probe (Blut vom 14. November) 1: 100 j nacl
Stmdfiii l a * .. 1 : 200j
Menwfti, ü? Positiv. Die Harnuntersuchung ergibt ger
positiv ° n die Hellersche Blutprobe ganz schi
19. November. Hochgradige Macies, zunehmender Meteoris-
mas, Sensorium benommen. An den Augen streifenförmige Anstrock¬
nung der Hornhaut durch das ständige Offenstehen der Augen. Zunge
trocken, borkig belegt. Am Thorax zahlreiche neue dunkelblaue
Hämorrhagien.
Die Herztätigkeit trotz aller analeptischen Nüttel sehr schlecht.
Puls ganz anregelmäßig, kaum tastbar. Cyanose. Exitus um 1 Uhr
mittags.
Die Obduktion fünf Stunden nachher (Dr. Bofcifckovifc) ergab:
An der Haut der Baachdecken und der Brust, namentlich anf der linken
Seite, zahlreiche kleinere wie größere Hämorrhagien. Im rechten
Unterlappen Bronchopneumonie, beiderseits starke Bronchitis. An der
Pleara viscer&Us und parietalis rechts zahlreiche kleinere und größere
flächenhafte Hämorrhagien, links die Erscheinungen einer älteren
adhäsiven Pleuritis.
Das Herz groß und kräftig, das Fleisch fest, nicht zerreißlich, die
Klappen zart, keine Zeichen einer parenchymatösen Degeneration. Die
Milz mäßig vergrößert, die Pulpa mit dem Messer abBtreifb&r. Die
Schleimhaut des Magens aufgelockert, geschwollen, an zahlreichen Stellen
größere Schleimhautblutungen. Die Darmschlinge sehr stark ge¬
bläht, die Schleimhaut des ganzen Dünn- and Dickdarms blaß,
intakt, ohne Zeichen eines Katarrhs oder einer frischen oder
älteren Geschwürsbildnng. Die mesenterialen Lymphdrüsen des
ganzen lleums stark geschwollen, vereinzelte Drüsenschwellungen an der
Radix mesenterii. Die Nieren zeigen das typische Bild einer akuten
hämorrhagischen Nephritis mit zahlreichen kleinen Blatungen an der
Nierenoberfläche.
Der Fall ist schon deshalb bemerkenswert, als die Ob¬
duktion die sonst für einen Typhus charakteristischen Darm¬
erscheinungen vermissen ließ, wiewohl der Patient
sicher schon über vier Wochen krank war. Es waren
eigentlich nur die Bronchitis, die Bronchopneumonie rechts,
die akute hämorrhagische Nephritis, der Milztumor vor¬
handen, welche Erscheinungen zusammen mit den inneren
und äußeren Blutungen nur die Diagnose einer Sepsis
erlaubten. Die klinische Beobachtung und der positive Wi-
dal lassen aber an der Diagnose Typhus keinen Zweifel.
Es handelte sich also offenbar um eine typhöse Bakteri¬
ämie. Leider war mir eine Züchtung aus dem Blut un¬
möglich.
Auffallend war ferner das Fehlen makroskopischer Ver¬
änderungen am Herzmuskel, trotzdem intra vitam die Zeichen
einer hochgradigen Myodegeneration bestanden. Sonst war
bei allen schweren Fällen von Typhus, die zur Obduktion
kamen, weicher, leichter zerreißlich oder direkt schwächer.
Es wäre immerhin möglich, daß bei der hohen Viru¬
lenz und Toxinbildung die Gefäßlähmung namentlich im
Splanchnicusgebiete den Exitus mit herbeigeführt hat. Ob
auch der starke Meteorismus damit im Zusammenhänge steht,
ist fraglich. Jedenfalls muß er mangels einer andern Er¬
klärung als sogenannter toxischer Meteorismus durch
Lähmung der Darmmuskulatur betrachtet werden.
- (Fortsetzung folgt.)
Die Behandlung infizierter Weichteilwunden
von
Dr. W. Burk, Stuttgart (z. Z. Mannestabsarzt in Kiel).
Die besondere Häufigkeit infizierter Weichteil wunden im
Kriege zwingt heute den Praktiker, sich mit diesem Teilgebiete der
allgemeinen Chirurgie eingehender zu befassen als in Friedens¬
zeiten. Nicht nur die speeifische Entstehungsweise der Kriegs¬
verletzungen durch Projektile aller Art, sondern vor allem ihre Aus¬
dehnung und der häufig schwer infizierte Zustand lassen es ange¬
zeigt erscheinen, die leitenden Gesichtspunkte in der Wundbehand¬
lung herauszuheben. Außerdem möchte ich einiger praktischer
Erfahrungen Erwähnung tun, die sich mir bewährt haben und die
in den Lehrbüchern der allgemeinen Chirurgie meist nicht zu
finden sind.
Einerseits sind Art und Schwere der Infektion, anderseits
physikalische und mechanische Gesetze bei der Behandlung in¬
fizierter Weichteilwunden für den Enderfolg maßgebend. Erstere
sind abhängig vom Verletzungsmechanismus und der Art und
Anzahl der eingedrungenen Bakterien, Dinge, die meist als ge¬
geben zu betrachten sind und sich dem Einflüsse des Behandelnden
entziehen. Letztere dagegen ermöglichen durch ihre strenge Be-
Qrigircal from
UNIVERSITY OF IOWA
326
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12.
21. März.
folgung den Kampf gegen die Infektion selbst und die Erreichung
einer raschen Wundheilung.
Eine Besprechung der für die infizierten Weichteil wunden in
Betracht kommenden einzelnen Bakterien und ihre speeifische
Wirkungsweise überschreitet den Rahmen dieser Arbeit. Größere
Wichtigkeit beanspruchen speziell mit Rücksicht auf die zahlreichen
Kriegsverletzungen die Erreger des Tetanus, der Gasphlegmone und
Gasgangrän, des Erysipels sowie der Pyocyaneus, auf die ich weiter
unten zu sprechen komme.
Vor allem haben wir uns vor Augen zu halten, daß jede
sekundär heilende Wunde, also auch jede Schußwunde, selbst
wenn sie primär nicht infiziert ist, die Gefahren der sekundären
Wundinfektion quasi immanent in sich trägt. Diese Ucberlegung
ist zwar vor dem Erscheinen sicherer Zeichen eingetretener In¬
fektion nicht für die Wahl des Verbandes maßgebend, wohl aber
bestimmt sie zur Beachtung obenerwähnter physikalischer und
mechanischer Regeln.
Selbstverständlich ist, daß der verletzte
Gliedabschnitt nach Möglichkeit ruhig ge¬
stellt wird. Wo dies durch den Verband allein nicht zu er¬
reichen ist, müssen Schienenverbände aller Art, vor allem die leicht
für jeden Gliedabschnitt herzustellenden Gipsbindenschienen, zu
Hilfe genommen werden. Das gilt namentlich dann, wenn entzünd- ,
liehe Erscheinungen in der Umgebung der Wunde oder gar eine |
sekundäre Phlegmone auftreten. Hier entscheidet absolute Ruhig-
stellung oft über das Leben des Patienten. Bei phlegmonösen Pro¬
zessen an der oberen Extremität ist das übliche Dreiecktuch allein
zur Fixierung meist ungenügend. Damit komme ich auf die Frage
der Lagerung und der dadurch bedingten CirculationsVerhält¬
nisse, ein Punkt, der neben Ruhigstellung bei infizierten Weichteil¬
wunden die größte Rolle spielt.
Das erkrankte Glied muß nach Möglichkeit
hochgelagert werden, um venöse Stauung zu vermeiden
und die arterielle Zufuhr und damit die Zufuhr der natürlichen
Abwehrstoffe im Blute zu begünstigen. Daß dieser Forderung die
Lagerung im Dreiecktuche nicht entspricht, ist. klar. Versucht
man, in diesem wenigstens eine Hochlagerung des Vorderarms und
der Hand zu erreichen, so muß das Ellbogengelenk spitzwinklig j
gebeugt werden, was den Abfluß des Venenbluts aus dem besagten i
Gliedabschnitte verhindert. Es ist also nach oben Gesagtem auch
als Kunstfehler zu betrachten, einen Patienten mit einer infizierten
Weichteilwunde an der untern Extremität außer Bett zu lassen.
Lymphangitis, Thrombophlebitis und eventuell pyogene Allgemein-
infektion sind hier die nicht zu unterschätzenden Gefahren.
Ganz abgesehen davon, daß die Wundheilung selbst unter den
ungünstigen Circulationsverhältnissen nur langsame oder gar keine
Fortschritte macht.
Die Rücksicht auf die Beweglichkeit benachbarter Gelenke
macht es zur Pflicht, sobald die entzündlichen Erscheinungen ab-
klingen, bei jedem Verbandwechsel aktive und passive Be¬
wegungen vorzunehmen. Ist die Wundinfektion so hochgradig,
daß ihre Ausheilung Wochen und Monate in Anspruch nimmt, so
läßt sich die Beweglichkeit der Gelenke durch Verbandanlcgung
in verschiedenen Stellungen, heiße Seifenbäder, Heißluftbehand¬
lung, Massage und medico-mechanische Hebungen erreichen.
Natürlich dürfen letztgenannte Maßnahmen erst dann Platz
greifen, nachdem, wie oben erwähnt, die Entzündungserschei-
nungen abgeklungen sind. In den Fällen, in welchen von vorn¬
herein mit einer Versteifung der Gelenke gerechnet werden muß
— meist Fälle, welche mit Frakturen kompliziert sind — ist die
Versteifung des Gelenks in der für die Ge¬
brauchsfähigkeit günstigsten Lage anzustreben:
Finger läßt man am besten in halber Beugestellung in allen Ge¬
lenken versteifen, wo sich der Patient der Abtragung widersetzt,
das Handgelenk in Mittelstellung zwischen Beugung und
Streckung, das Ellbogengelenk in rechtwinkliger Beugestellung
mit Mittelstellung des Vorderarms zwischen Pro- und Supination,
das Schultergelenk in Abduction von 45°. Das Fußgelenk ver¬
steift am besten in der Mittelstellung zwischen Beugung und
Streckung. Die für das Ab wickeln des Fußes günstige, leichte
Spitzfußstellung stellt sich durch das Ueberwiegen der Waden¬
muskulatur über die Streckmuskulatur des Unterschenkels von
selbst ein. Das Kniegelenk ist in vollkommener Streckstellung
am funktionsfähigsten; bei Versteifung in leichter Beugestellung
ist die Ausbildung einer weiteren Beugecontractur, wie z. B. nach
Kniegelenksresektionen, besonders häufig. Die Hüfte ist in
leichter Beuge- und minimaler Abductionsstellung am gebrauchs¬
fähigsten. Wichtig für die Funktion der Gelenke ist auch die
Regel, bei erforderlichen Ineisionen dieselben, wenn irgend möglich,
in der Spaltrichtung der Haut anzulegen, wodurch sich die ge¬
ringste Bewegungsbehinderung ergibt und die Narbe am schönsten
wird.
Es ist bekannt, von welch ausschlaggebender Bedeutung das
Moment der Sekretstau ung für den Wundverlauf ist. Die
Ursache ihrer schädlichen Wirkung ist noch nicht mit Sicherheit
festgestellt. Vielleicht darf man hier auf den Begriff des Re¬
sorptionsfiebers, das früher eine große Rolle spielte, zurückgreifen.
Jede derartige Sekretverhaltung macht sich nicht nur lokal, son¬
dern auch im Allgemeinbefinden des Patienten bemerkbar durch
Temperatursteigerung von wenigen Zehnteln bis 2 bis 3 Grad,
Pulsbeschleunigung usw. je nach der Virulenz der Infektions¬
erreger. Daß bei der Entstehung des Erysipels auch solche
Sekretverhaltungen., beziehungsweise chemische und mechanische
Reizungen der Wunde ätiologisch in Frage kommen, ist anzu¬
nehmen, aber nicht mit Sicherheit bewiesen. Zweckentsprechende
auf saugende Verbände, speziell bei starker Sekretion die Verwen¬
dung von Zellstoffwatte an Stelle der weißen Watte, ausgiebige
Drainage der Wunde. Vermeidung der Tamponade mit nicht ange-
feuc-hteten Gazestreifen, bei sehr großen Weich teilwunden eventuell
ganz offene Wundbehandlung, wie sie jüngst aus der Klinik von
Professor Lange in München empfohlen wurde, vermögen die
Sekretstauung zu verhüten. Eine besondere Berücksichtigung er¬
fordern die Abflußverhältnisse bei starker Eiterung. Hier kann
vor allem nicht genug betont werden, daß jede abgeschlossene
Absccßhöhle nur dann unter günstigen Heilungsbedingungen
steht, wenn der Sekretabfluß am tiefsten Punkte der Höhle möglich
ist. Alle übrigen Incisionen bleiben auf die Dauer wertlos, wenig¬
stens überall da, wo es nicht gelingt, durch eine Incision von
einem Ende der Absceßhöhle zum andern alle Taschen zu be¬
seitigen und eine flächenhafte Wunde zu erzielen. Bei allen
I Phlegmonen, speziell bei der mit Recht gefürchteten Sehnen¬
scheidenphlegmone, muß das centrale Ende des Krankheitsherds
freigelegt werden, falls mit glatter Wundheilung gerechnet werden
soll. Bei letzterer sind kleine, aber entsprechend zahlreichere
Incisionen empfehlenswert, um eine Austrocknung der freigelegten
Sehnen zu vermeiden. Zu diesem Zweck empfahl ich schon im
Jahre 1904 an den Fingern seitliche Einschnitte
zur Eröffnung der Sehnenscheiden. In diesem Zu¬
sammenhang muß noch gesagt werden, daß die Tatsache der In¬
fektion einer Wunde schon an sich jedes Sondieren und jegliche
mechanische Gewebsschädigung in Gestalt von gröberen Mani¬
pulationen, Eröffnung von Gefäß- und Lymphbahnen durch Ab-
schneiden nekrotischer Gewebsteile usw. verbietet. Eine ein¬
zige Ausnahme bilden trockne Nekrosen der Haut wie sie bei
Brandschorfen und Drucknekrosen Vorkommen. Die Abtragung
dieser ist erforderlich, wenn sich die Abstoßung des Schorfs lange
hinauszögert oder w’enn sich unter dein derben Schorfe eine Eiter-
ansaimnlung gebildet hat.
Selbstverständlich müssen in der Wunde zutage liegende
Fremdkörper sowie grobe Verunreinigungen, soweit sie sich
schonend entfernen lassen, beseitigt werden. Das Ausspülen der
Wunden mit großen Mengen antit optischer Flüssigkeiten ist in
diesen Fällen mit Recht verpönt. Richtiger und zugleich die Ab¬
stoßung nekrotischer Gewebsteile befördernd ist das Betupfen der
Wunde mit Jodtinktur oder Lugolscher Lösung, beziehungsweise
protrahierte, lauwarme Schmierseifenbäder.
Es würde natürlich zu weit führen, auf alle einzelnen Er¬
scheinungsformen der pyogenen Allgemeininfektion einzugehen. h'l) be¬
schränke mich daher auf die Anführung einer Anzahl
technischer Hilfsmittel.
Der Moment, von welchem an eine Wunde als infiziert 7,u be¬
trachten ist, ist gekennzeichnet durch das Auftreten lokaler nw
allgemeiner Entzündungserseheinungen. Er bedeutet für unsere
Therapie das Ueberwiegen antiseptischer Maßnahmen gegenii er
dem bis dahin angewandten trocken-aseptischen Verband, ha
der in der Wundbehandlung allgemein anerkannte ooji ‘
a n s t r i c h der Umgebung der Wunde eine Infektion
nicht zu verhüten vermocht, oder bestehen Zweifel darüber, o)
eine solche vorliegt, so empfiehlt sich die Anwendung des Peru*
b a 1 s a m s, und zwar bei trockenen und feuchten Verbänden.
Billiger und ebenso wirksam ist P e r u g e n. Es verhindert das
Verkleben der Verbandstoffe mit der Wundfläche und damit tn
Sekret Stauung. Außerdem wirkt es stark chemotaktisch und i*
durch granulationsfördernd. Bei seiner Anwendung sind selige 1
akute Nephritiden beobachtet worden. Es ist daher angezcig -
den Urin von Zeit zu Zeit zu untersuchen.
Digitized b'
■V Google
Original fro-m
UNIVERSITY OF IOWA
21. März.
327
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12.
Bei ausgesprochenen Entzündungserscheinungen tritt der
feuchte Verband in sein Recht. Seine Ausdehnung ist be¬
dingt durch den Entzündungsprozeß selbst. Die Wahl des
Adstringens, mit welchem die Verbandstoffe getränkt werden,
spielt keinerlei Rolle. Betonen möchte ich, daß bei Lymphangitis
und Thrombophlebitis neben strengster Ruhigstellung und Hoch-
lagermig große, womöglich die ganze Extremität einschließende
fruchte Verbände zu verwenden sind. Die Wunde selbst wird am
zweckmäßigsten mit einem einfachen Gazeschleier bedeckt, dessen
Ränder mit Mastix beziehungsweise Mastisol-
l ö s u n g an der umgebenden Haut angeklebt werden. So wird
die Maeeration der Haut und das Ueberw'andern von Bakterien in
die Wunde verhütet. Auch der saprophytisch auf der Haut lebende
und in feuchter Wärme gedeihende Bacillus pyocyaneus wird am
Wachstum und am Eindringen in die Wunde gehindert, wenn die
Maeeration der Haut durch besagten Mastixanstrich hintan ge¬
halten wird. Der Gazeschleier bleibt beim Verbandwechsel liegen
und schließt so das Verkleben der Verbandstoffe mit der Wunde
aus. Im Kampfe gegen den Pyocyaneus hat sich mir der
l ehergang zur trockenen Wundbehandlung und Einpulvern des
Verbandes initreinerBorsäure nach gründlicher Reinigung
der Umgebung der Wunde mit Benzin und Hautanstrich daselbst
mit Mastix besonders bewährt. An Stelle des ziemlich teuren
Mastisols empfehle ich Selbstherstellung der Lösung, wie folgt:
Mastixkömer ... . 40,0
Aether oder Chloroform 100,0
Leinöl gtt. X. —
Filtra
oder folgende Ersatzpräparate:
Aether sulph.
Coloph. äa .... 50,0
Terebinth venet. . . 1,0
beziehungsweise:
Coloph.50,0
Spirit, vin.10,0
BenzoL. 50,0
Paraff. liqu. 4,0
Zur Ausspülung der Wundtaschen und eingelegten Drain¬
rühren wendet man am besten eine H., (VLösung an, da durch
Sauerstoff in statu nascendi abgestoßene Gew r ebspartikel und
Eiteransammlungen aus der Tiefe der Wunde herauf befördert wer¬
den. Die Lösung verliert bei längerem Stehen an Wirksamkeit;
es empfiehlt sieh daher ihre frische Bereitung mit den Merck-
srhen Perhydritpräparaten.
Bei abgesackten Eiterhöhlen ist nach deren Eröffnung das
Austupfen mit konzentrierter Carbolsäure und deren
Neutralisation nach V 2 bis 1 Minute mit Alkohol (nach P h e 1 p s)
empfehlenswert. Der erzeugte Schorf verhindert weitere Re¬
sorption toxischen Materials vom Absceß aus und beschränkt die
Sekretion, sodaß der Verbandwechsel bis zum fünften bis siebenten
Tage unterbleiben kann. Auf die offene Behandlung stark eitern¬
der Wunden habe ich bereits hingewdesen. Will man die Wunde
'or Berührung mit Bettstücken usw. schützen, so kann
man sie mit einem Ring aus Schusterspan umgeben, über den ein
Gazeschleier, den man mit Mastix an der umgebenden Haut fest¬
klebt, zu liegen kommt Bei ausgiebiger Drainage, wo Drains von
einer Ineisionsöffnung zur andern reichen, werden die Röhren am
besten mit sterilen Seidenfäden armiert und so die Wiedereinfüh¬
rung nach Reinigung erleichtert. Bei endgültiger Entfernung der
Drainage bleiben die Fäden, zur Schlinge geknüpft, noch einige
£mt liegen, falls da oder dort Sekretverhaltung eine Wiederein¬
führung des Drains nötig machen sollte. Bei schweren Phlegmonen
erweisen sich Gazestreifen, mit Antiseptica in öligen
Vehikeln getränkt (Perubalsam, 10%iges Jodoformöl), be¬
sonders wirksam. Ich habe dadurch selbst in verzweifelten Fällen
noch einen Stillstand des phlegmonösen Prozesses erreicht. Worauf
p Wirksamkeit der in dieser Form verwendeten Antiseptica
wntht, kann ich nicht sagen. Zur Beschränkung der Sekretion
ment heim Abklingen des Entzündungsprozesses Bepulvern der
^ unde mit Bolus alba und geglühter Tierkohle nach
i} a r k e i) s t e i n unter trockenem Verband. Ein Gemisch von
me. oxyd.. Glycerin und Wasser zu gleichen Teilen, zu dickem
ywührt, verhütet die Reizung der umgebenden Haut. Zur
Weckung der Paste dient der schon mehrfach erwähnte einfache
azesehleier, der mit Mastix festgeklebt wird.
, selten treten im Verlauf schwerer Phlegmonen bei dem
okräfteten Patienten Blutungen auf der Basis einer hämor-
na ? 1 sehen Diathese auf. Aus den glasigen, hyper¬
trophischen Granulationen der Wundhöhle blutet es wie aus einem
Schwamm, ohne daß größere, blutende Gefäße zu sehen sind.
Lokale Blutstillungsmittel, wie Coagulen und Suprarenin, helfen nur
für Stunden. Glänzende Erfolge sah ich in verschiedenen Fällen
nach Einspritzung menschlichen Blutserums von 5 ccm subcutan
oder intravenös, ein Verfahren, wie es Kronheimer 1 ) be¬
schreibt.
Stammt die Blutung aus einem größeren Gefäß, so ist die
Unterbindung in der Wunde selbst wegen der Gefahr neuer
Arrosionsblutungen meist wertlos. Sicherer ist die Unterbindung
des Stammes, zentral vom Entzündungsgebiet. An der unteren
Extremität ist bei fortschreitender entzündlicher Phlebitis die hohe
Saphenaunterbindung zur Verhütung der Emboliegefahr anzuraten.
Die septische Allgemeininfektion dokumentiert
sich durch das Auftreten von Schüttelfrost, gleichzeitig mit dem
Einbruch der Bakterien in die Blutbahn. Oft wird rechtzeitige
Abtragung eines Gliedes diesem deletären Ausgang Vorbeugen
können. Bedingung ist jedoch, daß vor jedem derartigen Eingriff
eine Blutuntersuchung vorgenonimen w f ird, natürlich nur, wenn
der Zustand das Abwrarten des Untersuchungsergebnisses erlaubt.
Ergibt die Untersuchung reichliches Bakterienwachstiim, so ist der
Eingriff zwecklos.
Die früher sehr beliebte Stauungshyperämie ist
gegenüber den andern Behandlungsmethoden etwas in den Hinter¬
grund getreten. Meine Erfahrungen darüber, welche ich bereits
im Jahre 1904 an dem großen Phlegmonenmaterial im Eppendorfer
Krankenhause gesammelt habe, gehen dahin, daß bei sämtlichen
auf Staphylokokken beruhenden Infektionen, wie Panaritien
usw\, die Stauung den Verlauf günstig beeinflußt hat. Bei
schweren Infektionsformen dagegen, speziell bei Sehnenscheiden¬
phlegmonen und intramuskulären Phlegmonen infolge von Strepto¬
kokkeninfektion, war eine deutliche Verschlimmerung des Wund¬
verlaufs zu konstatieren. Die Stauungshyperämie ist daher nur
mit Vorsicht anzuwenden.
Bestrahlung mit der künstlichen Höhensonne, wie
sie jüngst von Thedering angegeben w r urde, vermag profuse
Eitersekretion zu vermindern und die Granulationsbildung zu be¬
schleunigen. Von einer rascheren und solideren Ueberhäutung der
Wunde habe ich ebenso w r ie bei der früher üblichen Sonnenbestrah¬
lung nichts bemerken können. Vorzuzielien ist hier die Ver¬
wendung von Scharlach- oder besser Pellidolsalbe. Am wirk¬
samsten erweisen sich dachziegelartig sich deckende Streifen des
alten amerikanischen Heftpflasters, das unter leichtem Zug direkt
auf die Wunde gelegt wird.
Zum Schlüsse möchte ich noch auch im Hinblick auf die
Kriegsverletzungen der häufigsten Wundkomplikationen in¬
fektiöser Art Emähnung tun. Es handelt sich um das Erysipel,
den Tetanus, die Gasphlegmone und Gasgangrän. Mit Rücksicht
auf den zur Verfügung stehenden Raum kann ich nur die Behand¬
lungsmethoden der genannten Erkrankungen kurz streifen.
Bei Erysipel habe ich mit der Stauungshyperämie durch¬
wegs schlechte Erfahrungen gemacht. Die Lymphstauung in den
Gewebsspalten scheint der Ausbreitung Vorschub zu leisten. Von
lokalen Mitteln haben mir Tbigenol „R och e“, beziehungsweise
Ichthyol die besten Dienste getan. Die erkrankten Partien werden
mit einem Anstrich eines dieser Mittel versehen und ein Gaze¬
schleier unter leichtem Zug darüber festgeklebt.
Ueber die in letzter Zeit von P o 1 ä k empfohlene intramuskuläre
beziehungsweise intravenöse Injektion von Antidiphtherieserum —
3000 bis 4000 A. E. je nach Schwere des Falles mit ein- bis zweitägiger
Pause — habe ich keine Erfahrung.
Symptomatisch kommt bei großer Schmerzhaftigkeit die An¬
wendung ausgedehnter feuchter Verbände zur Schmerzstillung in
Frage. Nicht zu vergessen ist eine frühzeitige Anwendung von
herzstärkenden Mitteln, speziell Campher in kleinen Dosen, da
schwere Insuffizienzerscheinungen des Herzens mit hochgradiger
Pulsverlangsamung häufig sind.
Die Flut der T e t a n u s literatur der letzten Monate zu
vermehren, kann hier nicht meine Aufgabe sein. Der Wert der
prophylaktischen und therapeutischen Antitoxinbehandlung ist,
w f enn auch nicht sicher erwiesen, so doch immerhin so wahrschein¬
lich, daß für den Arzt die Pflicht besteht, die Tetanusinfektion
wenigstens therapeutisch mit Antitoxin zu bekämpfen. Da die
Resorption des Toxins in der Hauptsache auf dem Wege der Muskel¬
nerven erfolgt und die Affinität zu den Vorderhorazellen eine
*) M. m. W. 1915, Nr. 1.
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UNIVERSUM OF IOWA
328
1915
MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12.
21. März.
starke Verankerung des Giftes im Rückenmarke bewirkt, so darf
man sich nur von Methoden Erfolg versprechen, welche große
Mengen A. E. rasch und sicher an das Centralnervensystem
heranbringen. Es sind deshalb intralumbale, intravenöse und
endoneurale Einspritzungen (400 beziehungsweise 600 A. E.) beim
Ausbruche der Erkrankung und bis zu deren Nachlaß 200 bis 500
A. E. pro die zu empfehlen.
Charakteristisch für Gasphlegmone ist die braunrote
Verfärbung der Haut in der Umgebung der Wunde, verbunden mit
dem bekannten Knistern der subcutanen Gasansammlung bei
schweren lokalen und allgemeinen Erscheinungen. Durch zahl¬
reiche kleine Incisionen in der Umgebung des Krankheitsherde
bis auf die Fascie, reichliche Verwendung von H 2 0 2 , sowie durch
intramuskuläre Sauerstoffeinblasungen nach S u d e c k — central
vom Krankheitsherd — ist es in einzelnen Fällen gelungen, diese
schwere Komplikation zu beseitigen und das betreffende Glied zu
erhalten.
Bei der Gasgangrän, der gefürchtetsten Wundinfektion,
kann nur rasche Amputation ganz im Gesunden das Leben er¬
halten. Trotzdem ist die Mortalität eine erschreckend hohe. Ihre
Erscheinungen sind neben denen der Gasphlegmone die grünliche
nekrotische Verfärbung unter der Haut, herrühend von dem
rapiden Verfall der Muskelsubstanz und ein wachsartiges Aussehen
der Teile in der weiteren Umgebung, sowie foudroyantes Fort-
schreiten des Prozesses nach allen Richtungen.
Die Aufgaben der inedico-mechanischen Nach¬
behandlung der Kriegsverletzungen und ihre
Durchführbarkeit
von
Dr. med. et jur. Franz Kirchberg,
leitendem Arzt des Berliner Ambulatorium lür Mussage,
2 urzelt Stationsarzt im Reservelazarett Technische Hochschule Charlottenburg
und Leiter der dortigen medico-mech&nischen Abteilung.
Es ist ohne weiteres jedem Sachverständigen einleuchtend,
daß die Eigenart der Kriegsverletzungen in einer großen Zahl der
Fälle nach der eigentlichen Wundheilung eine Nachbehandlung der
übrigbleibenden Funktionsstörungen erfordern wird. Diese Funk¬
tionsstörungen sind, abgesehen von psychisch bedingten Leiden
(Nervenerkrankungen durch Erschöpfung, Shock usw.), entweder
mechanisch bedingt (Versteifungen, Contracturen durch Narbenzug,
Verstümmelungen) oder durch Nervenverletzungen hervorgerufen
(Nervenschuß, Quetschung, Narbenumklammerungen durch Narben¬
zug usw.).
Bei Funktionsstörungen nach Verletzungen im Zivilleben
handelt es sich für den Krankenkassen-, Gewerkschafts- respektive
Unfallversicherungsarzt einmal um die Frage der Möglichkeit einer
mehr oder minder völligen Wiederherstellung, dann um die Frage
der Rentenbestimmung-, bei den Kriegsverletzungen kommt für den
Sanitätsoffizier diese doppelte Frage nun wieder noch von einem
zweifachen Gesichtspunkt aus zur Beurteilung: Wiederherstellung
der Dienstfähigkeit — wieder mit den Unterabteilungen der Feld¬
dienstfähigkeit und Garnisondienstfähigkeit — und der Wieder¬
herstellung der Erwerbsfähigkeit für den bürgerlichen Beruf —
\öilige ofler teilweise — und dann die Beurteilung der Dienst¬
beschädigungen in bezug auf die Pensions- und Rentenfestsetzung.
Diese Gruppierung muß uns nun auch von vornherein leiten
bei den Aufgaben der medico-meehanischen Nachbehandlung der
Kriegsverletzungen und der Frage ihrer Durchführbarkeit. Lassen
wir hier mal alle Fragen der Humanität und des Mitleids beiseite —
es ist selbstverständlich, daß die obersten Stellen unseres Sanitäts¬
wesens wie alle ihr unterstellten Behörden als Aerzte nach diesen
Prinzipien handeln — und prüfen wir diese Fragen mal nur vom
praktischen nationalen Gesichtspunkte, so kommt für uns in erster
Linie bei der Prüfung jeder Verletzung respektive ihrer Folgen die
Frage in Betracht: Wird der Mann wieder dienst¬
fähig, und zwar möglichst felddienstfähig.
Das ist die Hauptfrage, und für ihre Bejahung muß in jedem mög¬
lichen Fall alles nur Denkbare geschehen, sowohl vom Standpunkte
der Höhe der Zahl unserer kriegsfähigen Soldaten, wie vom allge¬
meinen sozialen Standpunkt aus. Der wieder kriegsfähig gemachte
Verwundete wird in seinem Empfinden ohne weiteres oinsehen, daß
er auch im bürgerlichen Leben wieder erwerbsfähig ist und meist
keine Rentenansprüche machen; der nur garnisondienstfähig Ge¬
wordene wird sich sagen: Ich bin nicht wieder ganz gesund ge¬
worden, folglich habe ich Anspruch auf eine Kriegsdienstentschädi¬
gung. Der Geldpunkt wird aber selbstverständlich noch nach dem
Kriege bei uns lange Zeit eine sehr hohe Rolle spielen; dann aber
haben uns doch die unerwünschten Folgen unserer ganzen sozialen
Gesetzgebung seit Jahren gezeigt, wie aus einer als Volkswohltat
gedachten und geplanten Gesetzgebung nur zu leicht allgemeine
soziale Mißstände sich ergeben können: Fast für jeden Menschen,
nicht nur für den Arbeiter, sondern auch für fast jeden andern
Menschen ist bei uns mit dem Begriff Unfall und Krankheit un¬
trennbar verbunden der Begriff der öffentlichen oder gesellschaft¬
lichen Versorgung in irgendeiner Form: Unfall gleich Rente,
Krankheit gleich Krankengeld. Welche unheilvollen Folgen das
oft für den einzelnen und seine Familie hatte, kann nur der in
der Krankenkassen- und Unfalltätigkeit tätige Arzt beurteilen,
wie es für unsere Generation fast dahin gekommen war, daß vielen
die Erlangung einer Rente höher dünkte, als die Wiederherstellung
der völligen Arbeitsfähigkeit. Daß aber nur die völlige Arbeits¬
fähigkeit und ihre ununterbrochene Ausnützung den Menschen
wirklich gesund erhält, ist doch jedem Arzte klar. Diese Gesichts¬
punkte müssen sich auch der Sanitätsoffizier und die jetzt im Militär¬
dienste stehenden vertraglich verpflichteten Zivilärzte bei der Be¬
urteilung jedes einzelnen Falles von vornherein klarmachen:
Jedes falsche Mitleid ist da nicht nur ein Vergehen an unserer
Gesamtheit — denn sie muß die Kosten für die Renten später auf¬
bringen —, sondern erst recht an dem einzelnen, jeder Renten¬
empfänger wird früher oder später Neurastheniker, er schont sich
selbst, wird von seiner Familie geschont und verwöhnt und verliert
so einen Teil seiner vollen Tatkraft.
Erstes Prinzip ist also für uns die Wiederherstellung der
Felddienstfähigkeit, respektive die Wiederherstellung der völligen
bürgerlichen Erwerbsfähigkeit, zwei Begriffe, die sich meist, aber
nicht immer decken.
Wir werden also auch bei der Frage der Durchführbarkeit der
medico-mechanischen Nachbehandlung und ihrer Notwendigkeit die
Verletzten von vornherein in zwei Gruppen trennen:
1. Solche, bei denen die völlige Wiederherstellung möglich
oder wahrscheinlich ist, und zwar:
a) die Wiederherstellung der Felddienstfähigkeit;
b) die Wiederherstellung der völligen bürgerlichen Erwerbs¬
fähigkeit: der Wiederhergestellte wird nicht Rentenemp¬
fänger und nicht pensionsbedürftig.
2. Solche, bei denen die völlige Wiederherstellung nicht
wahrscheinlich oder von vornherein unmöglich ist
Diese Gruppe zerfällt wieder in solche, bei denen-.
a) die Garnisondienstfähigkeit erreicht werden kann und durch
eine Nachbehandlung eine Verminderung der Rente erzielt
werden kann;
b) solche, die für den militärischen Dienst völlig ausscheiden
oder mehr oder minder Krüppel bleiben.
Für die letzte Gruppe kommt eine medieo-mechanische Nach¬
behandlung nur insoweit in Frage, als dadurch in irgendeinem
Sinn eine gewisse Arbeitsfähigkeit erzielt werden kann, daneben
(soweit man das noch als medico-mechanische Behandlung be¬
zeichnen kann) die Beschaffung künstlicher Glieder und die Unter¬
weisung in ihrer höchstmöglichen Ausnützung für die Erlernung
eines Berufs. Ich meine, daß für diese Kategorie die gegebenen
Vorbilder unserer Krüppelheime und für die Tätigkeit bei diesen
Kranken die Aerzte der Krüppelheime allein oder hauptsächlich
in Betracht kommen.
Es fragt sich nun, wo und wie die erste Gruppe und dje
Gruppe 2 a behandelt werden soll. Für die erste Gruppe wird m
vielen Fällen eine unter Umständen recht lange Behandlung not¬
wendig sein; die Kosten dafür aber müssen aufgewendet werden,
wenn das Ziel der Wiedererlangung der Felddienstfähigkeit nm
der völligen Wiedererwerbsfähigkeit erreichbar erscheint. Die Be¬
urteilung dieser Frage w'ird entweder zu erfolgen haben dn^ 1
eigens dafür bestellte Konsiliarien, die mir ebenso notwendig ej
scheinen wie die beratenden Chirurgen — eignen würden sieb dari
unsere bekannten Mechanothcrapeuten, vor allein die Leiter <
größeren Berufsgenossenschaftsinstitute —, oder durch die t >
ärzte der Lazarette in gemeinsamem Konsil mit den Stationen,
und den aufsichtführenden Generaloberärzten 1 ).
*) Nicht nur, aber hauptsächlich mit von diesem Gesicb P
aus dürfte cs sich empfehlen, die vertraglich verpflichteten A,v ‘
und die jüngeren Reservesanitätsoffiziere dringend auf das g
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Gck igle
Original frnm
UNIVERSUM OF IOWA
2i. Mürz.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12.
32!»
Für diese mcdico-meehanische Behandlung wären mm meines
Krachten« eigne Sonderinstitute notwendig, die eine Art Mittel¬
ding darstellen zwischen Lazarett und Kasernenbetrieb. Sie sind
einzurichten mit eignen Krankenstationen und für ambulanten
Betrieb. Dieser ambulante Betrieb ist aber nur für die Leichtver-
uiimleten-SammelsteUen respektive die Ersatzbataillone, nicht
aller für Benutzung für andere Lazarette, da sonst meines Er¬
achtens wenigstens bei dem jetzt üblichen Betriebe, wo in vielen
derartigen Lazaretten Quarantänestationen respektive Infektions¬
stationen vorhanden sind, die nicht streng abgeschlossen werden
können, doch leicht Uebertragungen von dort auf diese Institute
erfolgen könnten, die dann von da aus außerordentlich leicht
weiter verbreitet werden können.
Für die Einrichtung derartiger Soliderinstitute spricht einmal
der 0 e 1 d p u n k t. In diesen Instituten kann nämlich der ganze
Betrieb erheblich billiger eingerichtet w r erden als wie in einem
Lazarett; für die meisten, jedenfalls für die nicht bettlägerigen
Patienten wird die Kasernenkost nicht nur billiger, sondern meist
auch erheblich zuträglicher sein als die etwas weichliche Lazarelt-
kost ( vor allem Kommißbrot an Stelle von Weizenbrot). Die Frage
der Versorgung mit Schwestern käme nur in Betracht für die bett¬
lägerigen Patienten (Kniegelenks-, Hüftgelenksversteifungen usw.).
Für die andern Hausinsassen wäre nach Art des Kasernen-
dienstes ein Krankenrevierdienst einzurichten, wo die notwendigen
Verbände gemacht und der Gesundheitszustand im allgemeinen
iitHTwaclit wird.
Ein weiterer, sehr wichtiger Grund für die Notwendigkeit
dieser Institute ist die Di szi p 1 i n f rage. Halb- oder Drei-
viertelgesunde, die eventuell monatelang in Lazaretten liegen,
werden psychisch und physisch verweichlicht und verbummeln.
Bei dem jetzt z. B. in Berlin herrschenden Betriebe, wo ein an
>'uh ja erklärliches, aber in seinen Aeußerungen weit über das Maß
hinaus ehießendes Mitleid der Bevölkerung zweifellos recht häufig
sehr ungünstig auf das Disziplinempfinden der verwundeten Mann¬
st haften einwirkt, ist es für die Lazarette außerordentlich schwierig,
bei den Rekonvaleszenten Disziplin zu halten. Aber auch im
gesundheitlichen Interesse dieser Mannschaften liegt es, sie bald-
möglicli einer strengeren militärischen Ordnung zu unterwarfen.
Bei dem Mangel an körperlicher Ausarbeitung und der psychischen
Einwirkung des Lazarettaufenthalts müssen sie verweichlichen.
Barum eignen sich auch die sogenannten Genesungsheime nicht
für diese Behandlungen. Aus diesen Gründen denke ich mir diese
Institute einem Militärgouverneur unterstellt (inaktivem Offizier,
der möglichst schon früher bei der Aushebung tätig w ar), der mit
dem leitenden Arzt gemeinsam über den Dienst zu bestimmen hat.
Bie Patienten sind einer täglichen Behandlung zu unterziehen.
Baneben ist aber eine Art militärischen Dienstes zu organisieren,
hauptsächlich bestehend im Turnen, wenn irgend möglich auch im
Studium der Dienstanweisung zur Beurteilung der Militärdienstfähig*
kc'it usw. hinzuweisen. Um hier nur einen Punkt horvorzuheben, der
mir in niriner jetzigen Tätigkeit sehr häufig aufgefallen ist: Es werden
nit'iws Erachtens zu wenig Amputationen vorgenomnien von Finger-
ciwdtrn respektive Fingern. Ein einzeln stehengebliebenes Fingerglied,
vor allem am kleinen Finger, bleibt in fast allen Fällen steif und bietet
einer medico-mechanisehen Nachbehandlung zur Erzielung der vollen
wlinuichsfiihigkeit der Hand ungleich größere Schwierigkeiten, als
wHin der Finger vollständig entfernt ist. Außerdem habe ich in diesen
r«llt'n häufiger eine (aufsteigende, erst später einsetzende) Ncrven-
«jgcneratiun beobachtet, als nach Entfernen des Fingerstlumnels. Ich
pümbe, es diinie sich empfehlen, die Acrzte darauf hinzuweisen, bei
ln , r °der minder völliger Zertrümmerung des oberen oder der beiden
ob»ren ringerglieder, den Finger vollständig möglichst frühzeitig zu
'■xartikuli^rcn, vor allem weil wir da auch eine bessere Wund- und
> imipfversorgung erzielen können. Später nach Heilung der Wunde
|(*n "' r kein Recht mehr, von dem Manne die Duldung einer nocli-
^hgen Operation zu verlangen, selbst wenn dadurch die Erzielung
< Pr jriddien.stfähigkeit, oder die dauernde Minderung der Rente erreicht
'culen kann. Ein stehengebliebener steifer Fingerstumpf ist aber von
•Huen Gesichtspunkten aus erheblich ungünstiger als die völlige Ent-
iemung dea Fingers (vgl. hier auch D. A. 1 06, 1 A, 1 B, 1 D und 70,
1 B und 1 Ü). Eine Ausnahme in diesem Falle macht meines Er-
i ns nu , r ^ e . r Daumen, von dem man unter allen Umständen ver-
zu S i ^ Zertrümmerung des oberen Gliedes das zweite Glied
^ as Studium der Dienstanweisung ist aber auch schon
j u ngeheurem Werte für die Beurteilung bei der Entlassung aus
hrn Der jetzt meines Erachtens viel zu häufig ge-
^sungsausdruck: „Nicht mehr der Lazarettbehaiidlung
dp«'« zwar rec ht bequem, wird aber für die spätere Beurteilung
entsprechenden Falles meist erhebliche Schwierigkeiten machen.
Schwimmen l ), bei der überaus großen Anzahl von Arm- und Hand¬
verletzungen auch in einem gewissen Fußexerzieren. Für die
Frage der Disziplin ist auch wichtig, daß die Leute wieder ihren
regelrechten Stubendienst und -betrieb haben, der ja in den Laza¬
retten auch wegfällt.
Für den sanitären Betrieb sind notwendig meines Erachtens
ein leitender Arzt, Physiotherapeut oder ein Arzt, der aus der
Unfallberufsgenossenschaftstätigkeit mit allen in Betracht kom¬
menden Fragen genau Bescheid weiß, aber gleichzeitig Sanitäts¬
offizier gewesen sein muß oder jetzt wenigstens .so lange in der
Front respektive im Ersatzbataillon Dienst getan hat, daß er mb
der Frage der Beurteilung der Dienstfähigkeit genau Bescheid
weiß, aber auch sonst die für den Dienst als Sanitätsoffizier son¬
stigen nötigen Eigenschaften besitzt.
Ihm unterstehen die nötige Anzahl von Hilfsärzten; i< h
glaube, es werden für je 150 Kranke mindestens immer ein Arzt
genügen. Von diesen Aerzten muß ein Arzt ein Chirurg respektive
ein chirurgisch ausgebildeter Orthopäde sein, ein anderer Neurologe.
Die therapeutische Tätigkeit besteht in Medieomeelianik
(Apparatbehandlung), vor allem aber in der manuellen Ma-süge-
behandluug, die in allen diesen Fällen einfach unersetzlich ist und
durch wirklich ausgebildetes Personal zu erfolgen hat, nicht etwa
durch Helferinnen, die hierin von einem Arzt, der selbst nichts
von Massage versteht, unterwiesen werden, weiter ist notwendig
eine intensive Bäderbehandlung, vor allem Dampf- und Wechsel¬
bäder und Lichtbehandlung.
Nach diesen Forderungen ergibt sich auch die Einrichtung der¬
artiger Institute, die pekuniär durchaus keine sehr großen Anforde¬
rungen an das Sanitätsamt stellen werden, da ja der Hauptwert
zu legen ist auf die manuelle Massagebehandlung. Erforderlieh
sind aber in erster Linie genügend große helle Räume. Ein der¬
artiges Institut w'ürde außerdem später durchaus erforderlich sein
zur Ausbildung von Sanitätsoffizieren in diesen Behandlnngs-
zweigen, vor allem in der Massage, die wohl von seiten des Su-
nitätsamts bisher ebenso stiefmütterlich behandelt worden sind,
wie von unsem Universitätsbehörden.
Zusammenfassende Leitsätze. 1. Für die modico-m c <• h » -
n i s c h e Nachbehandlung der Verletzten sind diese
in verschiedene Gruppen einzuteilen je nach der
Möglichkeit des Grades der Wie d e r h e r s t.e 11 b a r k e i t :
Felddienstfähigkeit, G a r n i s o n d i c n s t f ä h i g k c i t .
1) i e n s t u n t a u g 1 i e h k e i t (V o 11 e r w e r b s f ä h i g e , T e i 1 -
r e n tner, V o 11 r e n t n e r). 2. Aus disziplinär e n . p e k u -
n i ä r e n u n d t h o r a p e u t i s c h c n Gründen s i n d m c d i <* o -
rn c c li a ni.se li c S o n d e r i n s t i t u t e mit Station ä r c m u n d
ambulantem Betriebe n o t w e n d i g.
Die Behandlung der Gasphlegmone im Felde
von
Dr. W. Böcker, Berlin
Chirurg und Stabsarzt im Feldlazarett 9 des Gardekorps.
Der Krieg ist eine mörderische Waffe, und besonders sind es
die Granaten aus den modernen schweren Feldgeschützen, die den
Soldaten auch weit über die Front hinaus gefährlich und verderb¬
lich werden können. Ihre Verletzungen sind, falls sie nicht un¬
mittelbar zum Tode führen, dadurch so gefahrdrohend, daß sie in
breiter Fläche die Weiehteile umfassen und häufig eine Zer¬
schmetterung und Zermalmung des Knochens zur Folge haben. Die
Schwere der Wunden führt in der Regel zur Eiterung und Nekrose
des Gewebes. Trotzdem kann der Prozeß nach Reinigung und Ab¬
stoßung beziehungsweise Entfernung der abgestorbenen Weichteile
und Knochensplitter zur Ausheilung gelangen, solange nicht
pyogene Wundinfektionen hinzukonnnen. Derartige flächenhaflc
Wunden sind erfahrungsgemäß zur Aufnahme von Bakterien am
geeignetsten und erfordern darum die größte Aufmerksamkeit und
gewissenhafteste Pflege von seiten des Arztes. Ich ziehe die Be-
pinselung der die Wunde umgebenden Haut- mit 5 °j n Jodtinktur
und eventuelle Spülung mit 3 % Wasserstoffsuperoxyd, das eine
eminent reinigende Wirkung hat, aber zu beschaffen', weil nicht
etatmäßig, bisweilen schwierig war, sowie einen trocknen
sterilen Verband jeder andern Wundbehandlung vor und warne
geradezu vo r feuchten Verbänden nach dem, was ich andernorts
*) Das Schwimmen ist für viele derartige Patienten ja an sieh
eine ausgezeichnete Gymnastik, z. B. in der Nachbehandlung von Knie-
vevletzungen, wo der Schwund der Oherschenkelimiskulatur im Vorder¬
gründe steht-, in manchen Fällen von Sensibilitätsstörungen nach
Nervenverletzungen usw.
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12.
21. März.
davon gesehen habe. Hierdurch lassen sich pyogene Wundinfek¬
tionen bei verschmutzten Wunden oft vermeiden, während feuchte
Verbände die Weiterentwicklung von Bakterien begünstigen.
Nischen und Höhlen sind offen zu halten zur Ableitung des Wund¬
sekrets und um die Ansiedlung von Bakterien zu verhindern. Der
Verbandwechsel wird abhängig gemacht von den Schmerzen, vom
Fieber und der Sekretion. Man hüte sich vor unnützen Verbänden
und vorzeitigem Transport, da Ruhe und Fixation die beste’
Heilung sind. Solange wir trocknes Wetter hatten, wie es in den
ersten Monaten des Kriegs der Fall war, habe ich kaum bösartige
Wundinfektionen unter den Verwundeten beobachtet. Indes die
Fälle mehrten sich, als im Spätherbst sich eine Regenperiode ein-
stellte und die schmutzignasse Erde und die Bekleidung der
Soldaten, besonders durch den Aufenthalt im Schützengraben, die
Wunden stärker verunreinigten. Bei aller Sorgfalt und Vorsicht
in der Ausführung der oben angegebenen Wundbehandlung gelang
es jetzt weit weniger, die Bakterien von der Wunde fernzuhalten
beziehungsweise aus derselben zu beseitigen und damit dem Ein¬
tritte bösartiger Wundinfektionen Vorschub zu leisten. Am be¬
kanntesten ist ja die Staphylokokken- und Streptolokokken- so¬
wie die Tetanusinfektion, welch letztere im gegenwärtigen Krieg
in relativ großer Zahl auftritt und trotz Einspritzung mit Tetanus¬
antitoxin meist den Exitus herbeiführt.
Seltener ist die G a s p h 1 e g m o n e , deren eigentlicher Er¬
leger der Bacillus phlegmonis emphysematosae
F r a e n k e 1 i i ist, wenn auch durch andere Bakterien, so zum
Beispiel das Bacterium des malignen Oedems, sich Gas im Körper
bilden kann. Dieser F r a e n k e 1 sehe Bacillus, der stark anaerob
ist, kommt sowohl allein in den schmutzigen Wunden als auch —
und das ist das häufigere — in Verbindung mit andern Bakterien
vor und vermag unter Umständen eine Allgemeininfektion hervor¬
zurufen.
Unschwer ist die Diagnose zu stellen, wenn man nur auf die
aus der Wunde strömenden Gasblasen und das Emphysemknistern
achtet. Dazu kommt die bisweilen auftretende, eigenartig kupfer¬
farbene Haut, das rapide steigende Oedem und in den schwersten
Fällen als Schreckgespenst die Gangrän. Eine große Gefahr be¬
steht begreiflicherweise in dem schnellen Fortschreiten des
Prozesses. Sind auch von Schottmüller bei Aborten bis¬
weilen die F r a e n k e 1 sehen Bacillen im Blute gefunden, ohne ein
letales Ende herbeigeführt zu haben, so sind sie doch äußerst
maligne. Schätzungsweise beträgt die Mortalität mindestens 4 / ß .
Weitaus am gefährlichsten sind die mit Gangrän einhergehenden
Gasphlegmonen und geben eine durchaus schlechte Prognose.
Hieraus resultiert, daß nur ausgiebige operative Maßnahmen
einen Erfolg versprechen können. So wird man bei schon vor¬
handener Gangrän die sofortige Absetzung des erkrankten Glieds
im Gesunden vornehmen, und wenn noch keine Gangrän eingetreten
ist, ohne Aufschub große Incisionen zur Ermöglichung von Sauer¬
stoffzufuhr ausführen und die Ablatio als ultimum refugium
lassen.
Im Feldlazarett ist von mir in den drei bisher beobachteten
Fällen nach diesen Grundsätzen verfahren, teils mit, teils ohne den
gewünschten Erfolg. Es handelt sich in diesen drei Fällen um
mehr oder weniger erhebliche Granatverletzungen der Weichteile
des Unterschenkels, die eine tiefe Höhle aufwiesen, ohne Mit¬
beteiligung der Knochen.
In einem Falle zeigte sich bereits am Tage nach der Verwundung
abends eine beginnende Gangrän des Fußes, die so rapide zugenommen
hat, daß dieselbe am nächsten Morgen bis zur Mitte des Unterschenkels,
da, wo die von nekrotischen Ge websfetzen umgebene, stinkende
Wundhöhle saß, gestiegen war und die typischen Symptome einer Gas¬
phlegmone bis handbreit über das Knie sicht- und fühlbar waren.
Nach diesem Befunde konnte nur eine Amputation den Ver¬
wundeten retten, die unter allen aseptischen Kautelen sofort im oberen
Drittel des Oberschenkels mit Circulärschnitt ohne Naht vorgenommen
wurde. Im Feld ist augenscheinlich das einfachste zugleich das beste.
Obwohl völlig im Gesunden operiert wurde und die Operationswunde
selbst nach mehreren Tagen frisch aussah, konnte der Amputierte doch
nicht am Leben erhalten werden. Denn am vierten Tage p. oper.
trat Fieber auf, das abends allmählich auf 41° stieg, um morgens
wieder auf 37,5 bis 38,5 herabzugehen. Dazu kam am zehnten Tage
p oper. ein plötzlich auftretender Durchfall mit wäßrigen Stühlen von
dunkelgrüner Farbe und stinkendem Geruch. Der andauernde Durch¬
fall der durch keine Diät und innerliche Mittel (Tannalbin, Opium,
Bismuthum subnitr. usw.) behoben werden konnte, brachte den
Kranken so herunter, daß etwa drei Wochen p. oper. der Exitus
letalis erfolgte. Dies war um so schmerzlicher, als wir glauben
konnten durch die hohe Amputation der Infektion Herr geworden zu
sein wofür das frische Aussehen der Wunde und das anfänglich gute
Allgemeinbefinden sprachen. Der Eintritt und die allmähliche Ver¬
schlimmerung des Durchfalls läßt die Annahme gerechtfertigt er¬
scheinen, daß die hohe Temperatur und Darmerscheinungen die Folge
einer Allgemeininfektion waren, um so mehr, als für sonstige infektiöse
Erkrankungen, Ruhr, Typhus usw., keine Anhaltspunkte Vorlagen.
In den beiden andern Fällen, wo die übelriechenden Wunden mit
tiefer Höhle etwa in der Mitte des Unterschenkels zwischen Tibia und
Fibula sich befanden, zeigten sich bald, und zwar ohne daß Gangrän
eingetreten ist, die typischen Erscheinungen der Gasphlegmone mul
dehnten sich im Vergleich zum vorigen Falle niehfc centralwärts, sondern
nur peripherwärts schnell bis zum Fußgelenk aus, die mehrere breite
Ineisionen mit Spülung von Wasserstoffsuperoxyd oder Kali hyper-
manganieum als Sauerstoffüberträger und Einführung von Gummidrain?
erforderten. Während im ersten Falle Gasbildung und Gewebszerfall
ohne Eiterung, wie es dem Fraenkel sehen Bacillus eigen ist, vo*.
handen war, lassen die beiden andern Fälle eine Anaerobieninfektion mit
andern Bakterien annehmen, wofür neben den typischen Erscheinungen
der Gasphlegmone die stark entzündlich gerötete Haut und die
Eiterung mit hohem Fieber sprechen, obwohl bakteriologische
Untersuchungen nicht vorgenommen werden konnten. Beide Fälle, wo¬
von der eine bereits auf dem Wege der Besserung befindlich über¬
nommen wuirde, verliefen günstig, wenn auch die schweren lokalen Er¬
scheinungen erst allmählich schwanden.
Kommt man mit breiten Incisionen aus, so ist der Vorteil
ohne weiteres einleuchtend, nämlich die Erhaltung des Glieds,
während die Erwerbsfähigkeit noch leiden kann. Verlangt aber
der schwere Zustand, der Eintritt der Gangrän, die Absetzung des
Glieds, so besteht für den Kranken immer die Möglichkeit, am
Leben zu bleiben, es müßte denn sein, daß, wie in unserm Falle,
der Körper von einer Allgemeininfektion befallen ist, die zu iiber-
stehen der Organismus wobl selten imstande ist.
In letzter Zeit hat nun Müller auf dem Chirurgenkongreß
1913 nach dem Verfahren von T h i r i a r, der nach der Amputation
in das gesunde Gewebe ringsherum Sauerstoff einblies, seine Ver¬
suche mit Sauerstoffeinblasung bei Gasphlegmone vor¬
getragen. Diese Methode besteht darin, daß er bei einer selbst
schweren Gasphlegmone ohne vorherige Amputation oder
Incisionen das gesunde wie kranke Gewebe mit Sauerstoff anfüllte
und dieselbe zur Ausheilung brachte. Solche günstigen Erfolge
mahnen zur Nachprüfung und weiteren Versuchen, die sicherlich
von verschiedener Seite angestellt sind. Soweit mir die Literatur
im Felde zur Verfügung steht, hat kürzlich Sudeck 1 ) an drei
Verwundeten mit Gasphlegmone am Arme diese Methode erprobt
und allen dreien sogar nach längerem Transport in die Heimat
noch das Leben gerettet.
Der eine Fall zeigte bereits eine Gangrän bis über das Ell¬
bogengelenk hinaus und kam nach hoher Amputation und Sauer¬
stoffeinblasung zur Heilung, während die beiden andern Fälle ohne
jeden operativen Eingriff durch Sauerstoffeinblasung genasen.
Es ist natürlich, daß solche günstigen Ausgänge kein
Zufall, sondern allein der Behandlung mit Sauerstoff-
insufflation zuzuschreiben sind.
Da wir aber wissen, daß die Gasphlegmone einen rapide fort¬
schreitenden bösartigen Charakter zeigt und die Gangrän sehr
schnell eintreten kann, wofür unser Fall ein lehrreiches Beispiel
liefert, darf man mit einer solchen, ich möchte sagen, lebens-
rettenden Behandlung nicht so lange warten; denn das leuchtet
ohne weiteres ein, je früher die Sauerstoffinsufflation geschieht, uni
so leichter ist die Verhütung einer Gangrän und um so geringerdie
Notwendigkeit eines operativen Eingriffs.
Schon nach den bisherigen in der Literatur niedergelegten
Erfahrungen kann die Müller sehe Methode für den Verwundeten
mit Gasphlegmone nicht hoch genug bewertet werden, um so mehr,
als dadurch der Verletzte seine Erwerbsfähigkeit beziehungsweise
Dienstfähigkeit wiedererlangen kann, vorausgesetzt, daß die Ver¬
letzung an sich keine Einbuße bedingt. Und ich möchte glauben,
daß eine anschließende Behandlung mit Sauerstoffinsufflation, die
ohne Schaden an den nächsten beiden Tagen erforderlichenfalls
wiederholt werden kann, auch unserem Amputierten noch da s
Leben gerettet hätte.
Darum rollt sich mir die wichtige Frage auf: Soll man nicht
auch im Felde die Verwundeten mit Gasphlegmone einer solchen
Behandlung zugänglich machen? Diese Frage ist ohne weiteres mi
„ja“ zu beantworten, da Sauerstoffbomben von den mobilen
Sanitätsformationen auf ihren Wagen mitgeführt und den u *
mobilen im Feld erforderlichenfalls durch Eisenbahnztige zug ■*
führt werden könnten.
Auch bei den verschiedenen Intoxikationen, wie sie er
gegenwärtige Krieg mit sich bringt, so z. B. durch Kohlenoxydgas
*) M. Kl. 1941, Nr. 47.
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UNIVERSITÄT OF IOWA
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12.
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21. März.
infolge Entwicklung von Explosionsgasen bei Granatfeuer und im
Minenkriege, durch Chloroform bei der Narkose, ferner durch
Kohlensäure bei Verschüttungen infolge Einsturzes von Unter¬
ständen, Schützengräben, Gebäudeteilen u. dgl. m., wäre als Rüst¬
zeug für die Sanitätsformationen im Felde die Sauerstoffbombe
von eminenter Bedeutung.
Ich verkenne nicht die Schwierigkeiten, alle Sanitäts¬
formationen mit Sauerstoffbomben zu versehen. Ein Ausweg wäre
vielleicht der, die Feldlazarette, die nicht zu weit von der
fechtenden Truppe entfernt liegen und im allgemeinen leicht er¬
reichbar sind, damit auszustatten. Bei dem guten und schnellen
Transport der Verwundeten im Auto beziehungsweise Kranken¬
auto, das sich ln jeder Beziehung hervorragend bewährt,
wenigstens auf dem westlichen Kriegsschauplatz, ist auch hier
noch eine frühzeitige, erfolgreiche Behandlung mit Sauerstoff
möglich.
Abhandlungen.
Aus der Medizinischen Klinik Gießen (Prof. Voit).
Der Keslstickstoff des Bluts unter physio¬
logischen Bedingungen, sein Verhalten bei Ne¬
phritis, Urämie und Eklampsie, sowie seine
Bedeutung für die Prüfung der Nierenftinktion
von
Prof. Dr. H. Hohlweg, Oberarzt der Klinik.
Zahlreiche Arbeiten der letzten Jahre, welche sich mit
dem Studium des nicht koagulablen Anteils der N-haltigen
Klutbestandteile, des sogenannten Reststickstoffs be¬
schäftigten, haben das Interesse der Physiologen und Kliniker
für sein Verhalten wachgemfen. Einmal glaubte man daraus
Aufschluß über manche Fragen der Eiweiß verdauung
und namentlich der Eiweißresorption bekommen zu können,
und anderseits wurde schon seit langem die Anhäufung N-
luiltiger Endprodukte im Blute vielfach mit bestimmten Er¬
krankungen, namentlich mit der U r ä m i e , in ursächlichen
Zusammenhang gebracht.
Das Studium des Rest-N begegnete gleich anfangs recht
erheblichen Schwierigkeiten, die zunächst in der Methodik
seiner quantitativen Bestimmung lagen. Von vornherein war
zu bedenken, daß unter physiologischen Verhältnissen, z. B.
während der Verdauung, gar keine großen Schwankungen in
der Größe des Rest-N erwartet werden können. Bergmann
und Langsteint) haben rechnerisch dargetan, daß eine
Erhöhung von 0,005 g N in 100 ccm Blut im Pfortaderkreislaufe
während einer drei- bis vierstündigen Verdauungsperiode aus¬
reichend ist, um dem gesamten, für den Eiweißstoffwechsel
nötigen Transport zu genügen, unter der Voraussetzung, daß
die Aufnahme und Assimilation in den Organen mit der
Resorption gleichen Schritt hält.
Notwendig war deshalb vor allem eine Methode, welche
einen sicheren und exakten quantitativen Nachweis des
Rest-N ermöglichte. Daß die einzelnen Autoren bei ihren
Untersuchungen häufig zu ganz verschiedenen Resultaten ge¬
langten, lag vor allem in der Verschiedenheit und Ungleich¬
wertigkeit der angewandten Methodik. Die Schwierigkeit
iR'fft bei der Koagulation vor allem in der Einhaltung des
richtigen Säuregrads. Einerseits ist ein gewisser Säuregehalt
zur völligen Koagulation der Bluteiweißkörper nötig, ander¬
st* kann ein Ueberschtiß von Säure sehr leicht zur Bildung
löslicher Acidalbumine Veranlassung geben, die dann ins
Filtrat übergehen.
Ich habe im Jahre 1907 in Gemeinschaft mit
H. Meyer 2 ) eine Methode ausgearbeitet, welche eine
sichere quantitative Trennung der koagulablen von den nicht
koagulablen N-haltigen Körpern ermöglicht. Sie besteht
‘tonn, daß Blutserum mit einer Mischung gleicher Teile
1 °lo iger Essigsäure und 5 °/ 0 iger Monokaliumphosphatlösung
hi* zur sauren Reaktion gegen Lackmus, aber noch neutralen
Reaktion gegen Kongo versetzt und nach entsprechender
V erdüimung mit Wasser unter Zusatz von Kochsalz bis zur
Halbsättigung der Gesamtflüssigkeit koaguliert wird. Die
’) Bergmann und Langstein, Hofm. Beitr. z. chem. Pbys.
1995, Bd. 6, S. 27. . Phvq 190 8
r *) Hohlweg und H. Meyer, Hofm. Beitr. z. chem. Phys. W
Bd. 11, £ 381.
Gefahr einer Bildung von löslichen Äcidalbuminen kommt
hierbei kaum in Frage, da der nötige Säuregrad nur zum Teil
durch Essigsäure, zum andern Teil durch saures Kalium-
phosphat hergestellt wird, dem die Fähigkeit, aus Serumeiweiß
Acidalbumin zu bilden, nahezu abgeht. Zudem wird eventuell
gebildetes Acidalbumin durch die großen zugesetzten Salz¬
mengen sicher gefällt. Im Filtrat wird dann der N-Gehalt
durch Doppelbestimmungen nach K j e 1 d h a 1 ermittelt.
Die Methode entspricht tatsächlich allen Anforderungen,
die an sie gestellt werden müssen, und ist auch bei Nach¬
prüfung durch andere Untersucher [M i c h a u d 3 ) und
Andere] als zuverlässig befunden worden.
Gegen alle Koagulationsmethoden ist gelegentlich
immer wieder angeführt worden, daß das Hämoglobin schon
bei Zusatz ganz geringer Säuremengen Globin abspalte. Da
das Globin nur sehr schwer zur Koagulation gebracht werden
könne, gehe es ins Filtrat über und täusche infolge seiner
albumosenähnlichen Eigenschaften die Anwesenheit von
Albumosen vor. Dagegen ist aber einmal zu sagen, daß wir
im nicht eingeengten Filtrat niemals eine positive Biuret-
reaktion bekommen haben, und weiter gelingt es, namentlich
mit dem unten beschriebenen Verfahren, wie ich es in den
letzten Jahren regelmäßig anwende, fast ausnahmslos, ein
vollkommen ungefärbtes Serum zur Verarbeitung zu ge¬
winnen.
Ich habe deshalb an dieser Methode auch in den ganzen
Jahren festgehalten. Sie gewährleistet jedenfalls die voll¬
kommene Sicherheit, daß aller Nichteiweiß-N ins Filtrat
übergeht.
Ob diese Garantie wirklich auch andere Methoden, wie z. B.
die von'Oszaki 4 ), für die Rest-N-Bestimmung empfohlene Uranilacetut-
füllung bieten, erscheint mir nicht genügend sichergestellt. Die von
Philipp 6 ) bei Vergleichsuntersuchungen mit der UranUacetatmcthode ge¬
fundenen Werte sind jedenfalls beträchtlich kleiner als die mit der
Koagulation nach Hohlweg-Meyer festgestellten Zahlen. Zweifellos;
ist es aber, worauf auch Strauss 6 ) hinweist, von Bedeutung, wirklich die
Größe des Gesamt-Rest-N zu bestimmen.
Zur Gewinnung eines vollkommen farblosen Serums hat
sich mir nachfolgendes Verfahren bewährt. Aus der gestauten
Armvene werden etwa 50 ccm Blut entnommen und in einem
trockenen Maßcylinder (von 50 bis 100 ccm) aufgefangen.
Setzt sich nach ein bis zwei Stunden bei Zimmertemperatur
noch gar kein Serum ab, so wird der Blutkuchen mit einem
dünnen trockenen Glasstabe vorsichtig von der Wand des
Cylinders ringsherum abgelöst. Nach dieser Zeit wird der
Cvlinder für 6 bis 24 Stunden in den Eisschrank gestellt. Es
stehen dann immer 20 bis 25 ccm ungefärbten Serums zur
Verfügung. Wenn ausnahmsweise z. B. nach unvorsichtigem
Manipulieren mit dem Glasstabe das Serum wirklich einmal
noch rötlich gefärbt war, habe ich vor seiner Verwendung die
roten Blutkörperchen erst scharf abzentrifugiert. Zur Ver¬
arbeitung gelangen dann 20 ccm Serum. Mit kleineren Mengen
zu arbeiten erscheint mir wegen der damit verbundenen
geringeren Genauigkeit der erhaltenen Werte, namentlich in
den Händen weniger geübter Untersucher, nicht zweckmäßig.
In der erwähnten, in Gemeinschaft mit H. Meyer aus-
») Michaud, Korr. BL Schweizer Ae. 1913, Nr. 46.
Oszaki, Zbl. f. hm. M. 1912, Nr. 47, und Zschr. f. klm. M.
^ **?’phjlfpp, Zschr. f. physiol. Chem. 1913, Bd. 86, S. 498.
«} Strauss, Zschr. f. Urol. 1913, Nr. 7.
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21. März.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12.
geführten Arbeit wurde zunächst das Vorhalten des Rest-N j
unter dem Einfluß des Hungers uml der V erd a. u u n g !
studiert. Wir haben dabei nicht nur den Gesamt-Rest-N be¬
stimmt, sondern diesen durch Tanninfällung und gesonderte
Hamstoffbestimmung noch in drei Fraktionen aufgeteilt. Man
erhält so einen mit Tannin fällbaren Anteil „Albumosen¬
fraktion“, einen mit Tannin nicht fällbaren Anteil „Amino¬
säurenfraktion“ und schließlich die „Hamstofffraktion“. Wir
dachten nämlich daran, daß bei dieser Aufteilung des Rest-N
sich unter verschiedenen Bedingungen vielleicht konstante
Beziehungen in der Größe bestimmter Fraktionen mit der
Nahrungsaufnahme nachweisen ließen.
Die Versuche ergaben, daß im Blute des verdauenden
Tiers (nach reichlicher Fleischfütterung) gegenüber dem
Ilungerzustand eine meist recht deutliche Erhöhung des
Rest-N eintritt. Die Mittelzahlen für 100 ccm Berum betragen:
Hunger Verdauung
Gesamtreststickstoff . . 53 mg 79 mg
Es machte dabei keinen merkbaren Unterschied aus, ob
die Blutentnahme 2 oder 6 bis 7 Stunden nach der Nahrungs¬
aufnahme vorgenommen wurde.
Was die einzelnen Fraktionen anlangt, so fiel zunächst
auf, daß der Anstieg des Rest-N auf der Höhe der Ver¬
dauung vornehmlich durch eine Zunahme des Harnstoffs er¬
folgte. Die Mittelzahlen für 100 ccm Serum betragen:
Hunger Verdauung
Hamstoffanteil ... 38 mg 57 mg
Die Steigerung des Harnstoffgehalts beträgt somit
während der Eiweißresorption etwa 50 °/ 0 . Das Verhältnis
des Harnstoffs zum Gesamt-Rest-N ist im Hunger fast ganz
das gleiche wie während der Verdauung: der Harnstoff macht
beide Male etwa drei Viertel des Gesamt-Rest-Stickstoffs aus.
Das letzte Viertel des Rest-N besteht im Hungerzustande
zu gleichen Teilen aus Tannin fällbaren und Tannin nicht-
fällbaren Körpern. Während dev Verdauung steigt die Tannin
nichtfällbare „Aminosäurenfraktion“ deutlich an, im Mittel
von 6 mg im Hungerserum auf 13 mg im Verdauungsserum.
Im Gegensatz hierzu weist die Albumosenfraktion ein in¬
konstantes Verhalten auf; sie zeigt in einigen Versuchen eine
deutliche Zunahme, in andern aber eine ebensolche Abnahme;
sie steht also mit der Eiweißresorption in keinem deutlich
erkennbaren Zusammenhänge. Selbst nach Verbitterung
größerer Mengen von Albumosen war keine derartige Zu¬
nahme der Albumosenfraktion im Blute zu bemerken, daß sich
daraus ein Uebertritt- derselben in unverändertem Zustand ins
Blut hätte entnehmen lassen, obwohl zur Zeit der Blut¬
entnahme nachweislich ein großer Teil der verfütterten
Albumosen zur Resorption gelangt sein mußte.
Die regelmäßig gefundene Vermehrung der Amino-
säurenfraktion legt natürlich die Vorstellung nahe, daß es sich
hier um einen Transport von Eiweißendprodukten vom Darme
zu den Organen handelt. Die absolute Erhöhung ist zwar
schließlich nicht erheblich — im Mittel etwa 7 mg in 100 ccm
Serum — und es war selbst durch reichliche Zufuhr von nicht
mehr durch Tannin fällbaren Eiweißabbau Produkten eine
weitere wesentliche Erhöhung der Aminosäurenfraktion nicht
mehr zu erreichen. Halten wir uns aber die oben erwähnte
Berechnung von Bergmann und Lang stein vor
Augen, so können wir gTößere Differenzen überhaupt nicht
erwarten.
Jedenfalls zeigen die Untersuchungen, daß beim Hunde
nach tagelangem Hunger die gleichen Fraktionen des Rest-N
— vom Harnstoff abgesehen — im Blute sich nachweisen
lassen wie in der Verdauung. Es bestehen also zwischen
Hunger und V e r d a u u n g nach dieser Richtung nur
quantitative, nicht qualitative Verschiedenheiten.
Es kann daraus mit Wahrscheinlichkeit der Schluß gezogen
werden, daß diese Fraktionen als Produkte des intermediären
Stoffwechsels auf dem Blutwege von Organ zu Organ den
Körper durcheilen und daß sie durch die bei der Darm¬
resorption zuströmenden Stoffe nur eine Steigerung erfahren.
In weiteren Untersuchungen habe ich dann das Ver¬
halten. des Rest-N bei Nephritis und Urämie studiert.
Um Vergleichswerte zu gewinnen, habe ich zunächst an
Nierengesunden die Normalwerte für den Rest-N fest¬
gestellt. Da nach dem Vorausgehenden die Nahrungsauf¬
nahme von Einfluß auf die Größe des gefundenen Rest-N-
werfcs ist, erfolgte die Blutentnahme stets unter den gleichen
äußeren Verhältnissen — zwischen 10 und 11 Uhr vormittags
— nachdem die Patienten bis dahin nur gegen 7 Uhr morgens
eine Tasse Milch und ein Brötchen zu sich genommen hatten.
Der Rest-N schwankte dabei zwischen 41 und 61 mg N in
100 ccm Serum und betrug im Mittel 51 mg. ,
Bei Nephritiden zeigten meine Untersuchungen
regelmäßig einen bald mehr bald weniger deutlichen Anstieg
des Rest-N. Die gefundenen Werte schwankten bei Fällen,
in denen sonst keine Erscheinungen von Niereninsuffizienz
vorhanden waren, zwischen 63 und 99 mg. Bei der paren¬
chymatösen Nephritis war die Erhöhung durchschnittlich etwas
| niedriger (73 mg) als bei der interstitiellen Form (81 mg).
Volhard 1 ) hat auf Grund der in seiner Monographie
niedergelegten Einteilung* der B r i g h t sehen Nierenkrank¬
heit für die einzelnen Formen ein ganz bestimmtes Verhalten
der Rest-N-Größe festgestellt. Er hat ebenso wie
von Monakow 2 ) nicht bei allen Nierenkranken eine Er¬
höhung des Rest-N feststellen können und hat sie beispiels¬
weise vermißt bei den degenerativen Erkrankungen der Niere,
den von ihm sogenannten Nephrosen. Bei den durch
Schwangerschaft bedingten Nephrosen (siehe unten) habe auch
ich keine Erhöhung des Rest-N gefunden. Im übrigen habe
ich bei Nephrosen Rest-N-Bestimmungen anzustellen keine
Gelegenheit gehabt und es mag hierin wohl der Grund liegen,
weshalb ich Fälle mit völlig normalem Rest-N unter meinen
Beobachtungen sonst nicht verzeichnet habe.
Von Interesse ist vor allem das Verhalten des Rest-N
bei den entzündlichen Nierenerkrankungen in ihrem späteren
Verlauf und bei der Urämie.
Es zeigen meine Untersuchungen, daß bei schweren,
letal endenden Nephritiden der Rest-N in den letzten Lebens¬
wochen (eventuell -monaten) bald langam, bald rascher bis
zu den höchsten Werten ansteigt. Es fanden sieh dabei Werte
von 120 bis 340 und 370 mg N in 100 ccm Serum. Die Er¬
höhung des Rest-N wird um so größer gefunden, je kürzer
vor dem Tode das zur Untersuchung verwendete Blut ent¬
nommen ist.
Dieser enorme Anstieg des Rest-N ist vor allem durch
eine starke Zunahme des Harnstoffs bedingt, der bei den
maximalen Werten auch relativ — bis auf etwa 80 °/ 0 des
Gesamt-Rest-N — ansteigt. Ebenso zeigt auch die durch
Tannin nicht, fällbare ..Aminosäurenfraktion“ eine deutliche
Erhöhung, von 10,4 mg auf 33,6 bis 39,8 mg in 100 ccm
Serum. Dagegen läßt der durch Tannin fällbare Anteil auch
bei dem höchsten Anwachsen des Rest-N keinerlei Erhöhung
erkennen, das heißt, daß im Gefolge von schweren Nieren-
erkrankungen diejenigen Bestandteile des Rest-N im Blut an-
steigen, die sonst als Endprodukte aus dem Blute durch die
Nieren eliminiert werden — Harnstoff und in geringen Mengen
auch die Aminosäuren. Ihr Anstieg im Blut ist demnach ein
Zeichen des Unvermögens der Nieren, diese Stoffe aus dem
Organismus zu entfernen, ist also der Ausdruck der Nieren¬
insuffizienz.
Wenn aber wirklich die Größe des Rest-N uns einen
sicheren und brauchbaren Indikator für den Grad der be¬
st ebenden Niereninsufiizienz abgeben soll, so ist zu fordern,
daß die starken Anhäufungen des Rest-N tatsächlich nur
in den Endsladien der Nephritis Vorkommen und nicht hei
I 7 ) Volhard und Fahr, Die Bri^htsche Nierenkrankheit. Beili«
I 10U, J. Springer.
8 ) v. Monakow, ]) Arch. f. klin. Med. 1914, Bd. 115 und 116
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UNIVERSITÄT OF IOWA
21.März. _1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12. 335
Kranken, die aus andern Ursachen, wie z. B. an schweren
Herzleiden, zugrunde gehen. Tatsächlich zeigen meine dies-
heziigliehen Untersuchungen, daß bei Kranken, die überhaupt
keine Veränderungen an den Nieren aufweisen, noch kurz vor
dem Exitus Zahlen gefunden werden, wie ich sie bei Nieren-
gesuuden als Normal werte festgestellt habe. Und Nephritiker,
die nicht an ihrer Nephritis, sondern aus anderen Ursachen
zugrunde gehen, zeigen noch in den letzten Lebensstunden
kein irgendwie nennenswertes Ansteigen des Rest-N.
Einen recht charakteristischen Fall hatte ich vor kurzem zu beob¬
achten (jelegenheit. Bei einem Patienten mit chronischer Nephritis hatte
ich im November 1909 einen Rest-N von 91 mg festgestellt. Er wurde
damals gebessert entlassen und war in den folgenden Jahren mit kurzen
Unterbrechungen in seinem Beruf als Bäcker arbeitsfähig. Am 23. April
19U erkrankte er plötzlich mit Schüttelfrost und Fieber und kam am
29. April 1914 an einer croupösen Pneumonie zum Exitus. Eine
24 Stunden vor dem Tode vorgenommene Blutuntersuchung ergab einen
Rest-N von 94 mg, das heißt fast genau den gleichen Wert wie vor
4‘/a Jahren.
Es sind also die starken Anhäufungen des Rest-N tat¬
sächlich eine für in Bälde letal endende Nephri¬
tiden specifische Erscheinung.
Dieses Verhalten des Rest-N begründet seinen großen
Wert für die Stellung der Prognose und in manchen
Fällen auch der Diagnose.
Bei Kranken, die nicht über 100 mg Rest-N in 100 ccm
Serum aufweisen, ist die Prognose relativ günstig zu
stellen, vorausgesetzt, daß keine andern schweren Er¬
krankungen, wie von seiten des Herzens, den Fall kompli¬
zieren. Sie sind, wie namentlich auch aus den Beobachtungen
von Volhard hervorgeht, bei entsprechender Therapie
häufig einer weitgehenden Besserung ihres Zustandes fähig.
Werte von 120 bis 140 mg ab geben nach meinen Erfahrungen
eine unbedingt schlechte Prognose und es ist bei diesen
Fällen eine nochmalige wesentliche Besserung des Zustandes
nicht mehr zu erwarten. Bei wiederholten Bestimmungen läßt
sich in solchen Fällen ein mit der zunehmenden Verschlechte¬
rung des Zustandes parallel gehender Anstieg des Rest-N bis
zu den höchsten Werten nachweisen.
Aber auch für die Diagnose kann uns die Rest-N-
Bestimmung in manchen zweifelhaften Fällen manchmal einen
wertvollen Fingerzeig geben.
So konnte ich in einem Falle, der klinisch als echte Urämie im¬
ponierte. einen Wert von nur 44 mg Rest-N feststellen. Die Diagnose
Iriimie mußte danach äußerst fraglich erscheinen. Tatsächlich zeigte
dfh später, daß es sich um eine vorübergehende Psychose gehan¬
delt hatte.
In einem andern durch die Sektion bestätigten Falle ließ sich
bei einem Rest-N-Werte von 52 mg ein apoplaktisches Koma von einem
urämischen abgrenzen.
Diese von mir aus meinen Untersuchungen gefolgerten
Anschauungen haben seitdem eine ausgedehnte Nachprüfung
durch andere Untersucher und im wesentlichen jedenfalls eine
volle Bestätigung erfahren. Auf Grund umfangreicher Unter¬
suchungen haben sich namentlich bezüglich des Wertes der
Ibst-X-Bestimmung für die Prognosenstellung M i c h a u d
( J- p ‘) tutd Andere und mit geringfügigen Abweichungen auch
^ t r a u s s °) meinen Schlußfolgerungen angeschlossen. Eben¬
so sicht Volhard den Re.st-N-Gehalt des Bluts als einen
sicheren Maßstab für den Grad der bestehenden Funktions-
*hmmg an und steht bezüglich des Wertes der Rest-N-
Bestimmnng für die Prognosenstellung ungefähr auf demselben
Standpunkte, den ich bereits 1911 vertreten habe.
^ Was mm die U r ä m i e anlangt, so läßt gerade die Rest-
VBestiimmmg zwei Formen, die sonst nicht mit genügender
Sicherheit unterschieden werden können, scharf voneinander
hinnen. Als urämisch bezeichnet Volhard nur diejenigen
Erscheinungen, die ausschließlich bei Niereninsuffizienz, das
leißt hei erhöhtem Rest-N-Spiegel im Blut auftroten. Er
reolniet dahin enge Pupillen, dyspeptische Erscheinungen.
Müdigkeit, Hinfälligkeit, Schwäche. Apathie und Be-
9 ) Strauss, 1). A. f. klin. Mod. 1912. Bd. HW. 219.
nommenheit, urinösen Foetor ex ore, allgemeine Uebcrregbar-
keit und Ueberempfmdlichkeit der Muskulatur mit Muskel¬
zucken und Sehnenhüpfen, große Atmung und Temperatur¬
abfall; er faßt diese Erscheinungen als Zeichen chro¬
nischer Harnvergiftung, als echte Urämie
auf. Auch ich habe bei dieser Form der Urämie, namentlich
in den Endstadien, ausnahmslos recht beträchtliche Erhöhungen
des Rest-N im Blute gefunden. V o 1 h a r d trennt hiervon
diejenigen Erscheinungen, die auch ohne Niereninsuffizienz,
das heißt ohne Erhöhung des Rest-N im Blute Vorkommen
und daher nicht auf diese zurückgeführt werden können. Es
sind das vor allem cerebrale Reiz- und Ausfallerscheinungen,
insbesondere die bekannten großen epileptiformen Krämpfe.
Er bezeichnet diese Form als sogenannte eklamptische
Urämie und bringt sie mit einer Steigerung des Hirndrucks,
einer Himschwellung, in ursächlichen Zusammenhang. In
diesem Sinne sprechen die günstigen therapeutischen Erfah¬
rungen, die Volhard und Frey 10 ) bei diesen Formen mit
mit der Lümbalpunktion gemacht haben. In Parallele läßt
sich die eklamptische Urämie mit der Eklampsie der
Schwangeren setzen, die, wie unten noch ausgeführt werden
wird, gleichfalls ohne Erhöhung des Rest-N-Spiegels im Blut
einhergeht, und für die vor einigen Jahren Zange-
meister 11 ) die cerebrale Druckentlastung durch Trepana¬
tion angegeben hat. Ich hatte bisher nur einen Fall von
eklamptischer Urämie zu beobachten Gelegenheit gehabt.
Der Rest-N betrug dabei 66 mg in 100 ccm Serum. Der
anfangs hohe Eiweißgehalt des Urins (S 1 ^ °/ 00 ) ging rasch
zurück, der Blutdruck sank im Verlauf einer vierwöchigen
klinische^ Beobachtung von 165 auf 110 mm Hg. Zwei
Monate später fanden sich im Urin nur mehr Spuren Eiweiß:
der Blutdruck betrug 108 mm Hg, der Patient war völlig
arbeitsfähig.
Es erhebt sich nun noch die Frage: Läßt sich die An¬
häufung N-haltiger Körper im Blute mit der echten Urämie in
ursächlichenZusammenhangbringen? Bemerkenswert ist jeden¬
falls, wie auch Volhard hervorhebt, daß die tödliche Nieren-
insuffizienz regelmäßig mit einem Anstieg des Rest-N einher¬
geht und daß umgekehrt, wie es meine Beobachtungen lehren,
bei tödlich endenden Fällen dann, wenn keine wesentliche
Erhöhung des Rest-N sub finem vitae nachweisbar ist, der
Tod nicht infolge Niereninsuffizienz, sondern aus andern
Ursachen eingetreten ist. Daß also Anhäufung N-haltiger
Körper und das Bild echter Urämie regelmäßig parallel gehen,
daran ist meines Erachtens nicht mehr zu zweifeln. Ob frei¬
lich ein bestimmter Anteil des Rest-N selbst als ätiologischer
Faktor in Frage kommt, oder ob uns der Rest-N nur die
Größe der Retentionen im Blute ganz im allgemeinen anzeigt,
also auch die Retention anderer Stoffe, deren Natur uns zu¬
nächst noch völlig unbekannt ist, das muß vorerst noch dahin¬
gestellt bleiben.
Die bei Nephritis und Urämie gefundenen Resultate
legten den Gedanken nahe, auch bei der Eklampsie der
Schwangeren und Kreißenden den Rest-N-Gehalt des Bluts zu
verfolgen, zumal namentlich in früheren Jahren vielfach
Eklampsie und Urämie in eine gewisse Parallele zueinander
gesetzt worden waren.
Zangemeister**) hatte bereits in eingehenden Untersuchungen
die Frage geprüft, ob die Eklampsie eine Folge unvollkommener Nieren¬
funktion ist, ob sie demgemäß auf eine urämische Intoxikation zurück¬
geführt werden muß oder nicht. Er fand den Rest-N im Eklampsie-
Kerum im Mittel etwas erhöht (0,285 %o gegenüber 0,200— 0,202 %o bei
gesunden Schwangeren und Kreißenden). Die Erhöhung war aber keines¬
wegs konstant und im Vergleich zu den bei Urämie gefundenen Zalilen
ganz unbedeutend.
Durch das liebenswürdige Entgegenkommen der Herren
Prof, von Fraquö und Prof. O p i t z war ich in der Lage,
bei einigen Eklampsien den Rest-N des Bluts zu bestimmen.
i«) Frey, Korr. Bl. f. Schweizer Ae. 1912, Nr. 17.
1 ) Zange meist er. D. m. W. 1911, 1879.
vi ) Zange meist er. Zsclir. f. ClelmrtsJi. 1903, Bd. 50, S. 385.
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UMIVERSITY OF IOWA
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12.
331
Die nachstehende Tabelle gibt die Resultate dieser Unter¬
suchungen wieder.
Tabelle.
Fall
Nr.
Rest-N
mg in
100 Serum
Bemerkungen
1
! 53 !
i
1 1 Anfall am 4. Wochenbettstage; gehellt entlassen.
0
022/7911
i, " |
!
20 12. 1911, 7h a.m.: Spontan entbunden.
10» 1. Anfall. Dauer iy t Minuten.
11« 2. Anfall. Dauer 2 Minuten.
6» Aderlaß. Behandlung nach Stroganoff. Ge¬
heilt entlassen.
3
532 W 12
20
16 12 1912: Sectio caesarea wegen schlechter kindlicher Herz¬
töne. 16. 12. 3 eklamptische Anfälle innerhalb Va Stunde
Aderlaß, Stroganoff. 4. 1. 1913 auf eignen Wunsch ent¬
lassen.
4
46
26. 4 1914: 2 Anfälle außerhalb der Klinik, 3 Anfälle in der
| Klinik. Erst Aderlaß und Stroganoff Dann künstliche
Entbindung. Danach noch 1 Anfall. Rasche Erholung der
Nieren. 9. 6. entlassen. Im Urinsediment ganz vereinzelte
Cjlinder. Eiweiß kaum V« */<».
6
GS
27. 4. 1913, 7 ha. m.: Spontangeburt einer lebensunfähigen
Frucht im 7. Monat. 11 h p. m 1. Anfall. Am 28. 4. einige
weitere Anfälle. Gebessert entlassen.
0
68
12. 7. 1911: Außerhalb der Klinik schon schwere Anfälle.
11 h a. m. Blutentnahme. 13. 7., II 80 a. m. Exitus.
7 ;
66
10. 7. 191i: Spontan entbunden. 11.7. stark gehäufte Anfälle.
9» a. m.: Aderlaß. 4 h p. m. Eil us.
8 '
44
26. 4. 1914: Schwere Eklampsie. Exitus ‘/i Stunde nach Ein¬
lieferung in die Klinik.
Die in vorstehender Tabelle gefundenen Werte für den
Rest-N halten sich, abgesehen von Fall 5, wo die Erhöhung
aber nur eine ganz unbedeutende war, in völlig normalen
Grenzen; die in Fall 4 gefundene Größe — 26 mg — ist
sogar der niedrigste Wert, den ich bisher überhaupt mit
meiner Methode je gefunden habe. Ein Anstieg des Rest-N,
wie er bei Nephritis und Urämie die Regel darstellt, wird bei
der Eklampsie völlig vermißt. Es bestätigen meine Resultate
also die erwähnten Untersuchungen von Zange meister
und zeigen gleichfalls, daß die Eklampsie mit einer Retention
von X-haltigen Körpern nicht in kausalen Zusammenhang
gebracht werden kann. Selbst in denjenigen meiner Fälle
(Fall 6, 7 und 8), wo die Untersuchung des Blutserums kurz
vor dem Tode vorgenommen wurde, ergibt die Rest-N-Be-
stimmung normale Werte. Es besteht damit im Verhalten des
Rest-N bei Eklampsie einerseits und bei chronischen Nephri¬
tiden und Urämie anderseits ein prinzipieller Unterschied. Die
mit der Eklampsie verbundenen Nierenschädigungen führen
eben nicht zu einer Niereninsuffizienz, wenigstens nicht zu
einer Insuffizienz fiir die Ausscheidung N-haltiger End¬
produkte.
Die Nierenveränderungen bei der Eklampsie sind, wie ich
mit Z i n s s e r 13 ) und Andern annehmen möchte, rein sekun¬
därer Natur und es erscheint deshalb schon aus rein theore¬
tischen Gründen eine Therapie der Eklampsie von der Niere
allein aus nicht besonders aussichtsreich. Wesentlich anders
gestalten sich die Verhältnisse, wenn bei einer Frau, die an
chronischer Nephritis leidet, eine Schwangerschaft eintritt.
Ich hatte einen derartigen Fall zu beobachten Gelegenheit.
22jährige I-Para. Mit 4 Jahren Scharlach; im Anschluß daran
Nierenentzündung. Patientin war damals angeblich vier Monate bett¬
lägerig. Graviditas mens. VII. Cor nach links stark verbreitert Lautes
diastolisches Geräusch, namentlich über dem Sternum. Blutdruck 220 mm
11". Pulsus celer. Seit vier Wochen starke Anschwellung der Beine
und äußeren Genitalien. Im Urin reichlich Albumen, anfangs 4%n. zur
Zeit der Aufnahme 20—30 %o reichlich hyaline und granulierte Cylinder.
Retinitis albuminurica. Am 5. Februar 1913 Einleitung der künstlichen
Frühgeburt in der Frauenklinik. Am 6. Februar Rest-N: 89 mg in 100 ccm
Serum Nach Ablauf des Wochenbetts am 14. Februar zur Medizinischen
Klinik verlebt Urin mengen 1500 - 2100; spezifisches Gewicht meist
1010—1012. Albumen 2—3Vs 0 /». Blutdruck 160—180 mm Hg. Rest-N
am 19. Februar 1913: 85 mg in 100 ccm Serum. Am 7. März gebessert
entlassen Am 24. Juli 1914 ambulante Vorstellung. Leidliches Wohl-
1 -'finden Im Urin etwa 1 %o Albumen. Reichlich hyaline und granu¬
lierte Cylinder. Blutdruck 190 mm Hg. Rest-N: 106 mg in 100 ccm
Serum. .
In diesem Falle hatte also eine chromsehe Nephritis, wie
gewöhnlich, zu einer beträchtlichen Erhöhung des Rest-N
,3 ) Zinsser, B. kl. W. 1913, Bd. 9, S. 388 und hier zitierte
frühere Arbeiten.
21. März.
(89 mg) geführt. Urämische oder eklamptische Erscheinungen
bestanden nicht. Die im Urin ausgeschiedenen Eiweißmengen
stiegen während der Schwangerschaft enorm an und gingen
im Wochenbette wieder rasch zurück. Es kamen offenbar zu
der chronischen Nephritis die Veränderungen der Schwanger¬
schaftsniere hinzu. Der Rest-N war 14 Tage nach dem Partus
ungefähr ebenso groß wie direkt nach dem Partus. Es hatte
also offensichtlich die durch die Schwangerschaft bedingte
Nierenschädigung keinen weiteren Anstieg des Rest-N zur
Folge gehabt. Vielmehr war sogar 1*/ 2 Jahre später, zu einer
Zeit leidlichen Wohlbefindens, der Rest-N deutlich höher
(106 mg) als er während der Schwangerschaft 1913 ge¬
funden war.
Ich zweifle nicht daran, daß man an der Rest-N-Größe
ein brauchbares Hilfsmittel hat, um eine chronische Nephritis
in der Schwangerschaft von einer Eklampsie- oder einer
Schwangerschaftsniere zu unterscheiden. Beides sind sicher¬
lich ganz verschiedene Dinge. Der hier festgestellte Unter¬
schied zwischen beiden läßt die von H o f m e i e r uml
Fehling hervorgehobene Tatsache (zitiert bei Zange¬
rn e i s t e r) verständlich erscheinen, daß nämlich Schwangere
und Kreißende mit chronischer Nephritis im Gegensätze zu
jenen mit typischer Schwangerschaftsnephritis keineswegs
besonders zu Eklampsie disponiert sind.
Nach dem Vorstehenden lag es nahe, die Rest-N-
BestimmungalsFunktionsprüfungsmethode
auchbeichirurgi8chenNierenerkrankungen
heranzuziehen, und meine Untersuchungen waren bereits im
Gang, als S t r a u s s (1. c.) dem gleichen Gedanken in einer
ausführlichen Besprechung meiner Arbeit Ausdruck verlieh.
Zu umfangreicheren Untersuchungen kam ich erst da¬
durch, daß mir Herr Prof. P o p p e r t und Prof. Opitz ihr
Material an chirurgisch Nierenkranken zur Verfügung stellten.
Ich konnte damit, namentlich durch den Vergleich des Rest-N
bei den gleichen Patienten vor und nach der Operation, die
ganze Methode auf eine breitere Basi§ stellen.
Selbstverständlich wurden die Patienten auch sonst einer
genauen Untersuchung — Cystoskopie und Ureterenkatheteris-
mus — unterzogen, und es wurde in den meisten Fällen auch
eine Funktionsprüfling mit Indigocarmin ausgeführt und der
Gefrierpunkt des Serums festgestellt.
Meine Beobachtungen zeigen nun, daß bei Patienten
mit einer kranken und einer gesunden Niere
— in den meisten Fällen handelt es sich um Tuberkulose —
der Rest-N des Blutserums in den gleichen Grenzen sieh hält
wie bei Personen mit zwei gesunden Nieren. Die gefundenen
Werte schwanken zwischen 44 und 61 mg in 100 ccm Seruni:
in fast genau denselben Grenzen bewegen sich die bei völlig
Nierengesunden gefundenen Normalzahlen (41 bis Gl mp-
Sehr bemerkenswert erscheint mir dabei, daß die
anatomischen Veränderungen an der kranken Niere in den ver¬
schiedenen Fällen sehr verschieden stark waren.
So war z. B. bei einem Falle von Nierentuberkulose auch auf
Medianschnitte durch die Niere zunächst gar keine sichere Erkrankung
zu erkennen, sodaß bei der Operation sogar Zweifel an der Ricntipci.
der Diagnose auftauchten. Erst die genauere anatomische Untersm'limu
zeigte einen kirschkerngroßen, ins Nierenbecken durchgebrocheneu en
und diffuse Knötchenaussaat auf der Nierenbeckenschleimhaut.
Bei andern Fällen wieder zeigte sich schwerste De¬
struktion der exstirpierten Niere, sodaß von erhaltenem
Nierenparenchym überhaupt nichts mehr zu erkennen war.
Zwischen diesen extremen Fällen finden sich dann solche nn
mittelschweren Veränderungen. Bei allen diesen Beobiu»
tungen aber hält sich der Rest-N in normalen Grenzen. - ali
kann nicht einmal sagen, daß bei den Fällen mit schwer* e
Veränderungen der Rest-N sich der oberen und bei denen un
leichten Prozessen sich der unteren Grenze der Norm nähe-
Die Schwankungen sind eben individuell und genau 1
gleichen wie bei völlig Nierengesunden.
Rein einseitige N i e r e n e r k r a n k u n g e 1
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UNIVERSUM OF IOWA
21. März.
1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12.
m
führen demnach zu keiner E r li ö h u n g des Rest-N im
Serum.
Für die Frage, ob im Einzelfalle die Entfernung der als
kr;uik erkannten Niere gestattet ist oder nicht, spielt nach
diesen Erfahrungen die Größe des Rest-N eine sehr bedeut¬
same Holle. Wir haben auf Grund unserer Resultate in der
letzten Zeit auch bei einigen Fällen, wo der sichere Nachweis
der völligen Intaktheit der andern Niere durch den Ureteren-
katlieterisnms wegen ausgedehnter Blasentuberkulose nicht
erbracht werden konnte, wo aber der Rest-N sich in normalen
Grenzen bewegte, im Vertrauen auf die Zuverlässigkeit der
Methode zur Operation geraten. In keinem unserer Fälle sind
nach der Nephrektomie auch nur die geringsten urämischen
Erscheinungen aufgetreten.
Diese Erfahrungen stehen in vollem Einklänge mit der
schon bekannten Tatsache, daß nach der Nephrektomie die
zuriickgelassene, allerdings absolut gesunde Niere, die von ihr
geforderte Exeretionsarbeit in vollem Maße zu leisten ver¬
mag. Es war deshalb von Interesse, das Verhalt en des Rest-N
an Leuten, dieüberhauptnurei ne, abergesunde
Niere-besitzen, zu beobachten.
Es handelt sich dabei um Patienten, bei denen längere
Zeit nach Exstirpation der kranken Niere die Untersuchung
angestellt wurde, nachdem also schon eine gewisse Gewöhnung
der zurückgelassenen Niere an die gestellten Mehranforde¬
rnden eingetreten war. In der ersten Zeit nach der Operation
steigt nämlich, worauf ich gleich noch zu sprechen kommen
werde, der Rest-N bald mehr, bald weniger deutlich an. Etwa
nach sechs Wochen, mitunter auch schon früher, manchmal
aber auch erst später, finden sich dann wieder normale Werte.
Offenbar treten also nach einem vorübergehenden Stadium
gestörter Kompensation, im allgemeinen etwa sechs Wochen
nach der Nephrektomie, bei zurückgelassener gesunder Niere,
wieder normale Verhältnisse ein.
Bei acht Kranken, bei denen die Exstirpation der
kranken Niere genügend lange Zeit zurück lag und bei denen
die zurückgelassene Niere nach dem Resultat der Harnunter¬
suchung als völlig gesund angesehen werden mußte, fanden
wh für den Rest-N Zahlen von 41 bis 59 mg auf 100 ccm
>erum berechnet.
Es zeigen also diese Untersuchungen, daß auch nach
der Nephrektomie, wenn nur die zurückgelassene Niere völlig
gesund ist, es zu einer Anhäufung des Rest-N im Blute nicht
kommt, daß also eine gesunde Niere die geforderte
Exeretionsarbeit — wenigstens was die N-haltigen harn-
fahigen Körper anlangt — i n v o 11 e m U m f a n g e zu leisten
vermag.
Anders gestalten sich die Verhältnisse, wenn nach Ent¬
fernung einer Niere auch eine Erkrankung der zuriiekge-
lassenen Niere eintritt.
So war es z. B. in einem Falle, wo im November 1912 die linke
•Xiere we^n eines Hypemephroms entfernt worden war, acht Monate
später offenbar zu einem Rezidiv in der anfangs gesunden Niere ge¬
kommen, das mehrmals zu Blutungen und temporärem Verschluß des
reters durch verstopfende Blutgerinnsel führte. Hier ergab die Rest-N- j
«Mimmung einen deutlichen Anstieg: 77 mg in 100 ccm Serum.
Es zeigt also ein erhöhter Rest-N bei Ein-
51 ierigen eine Erkrankung der zurückge-
a s s e u e n N i e r e an. Diese Tatsache kann namentlich in
flehen Fällen eine praktische Bedeutung erlangen, wo es sich
duruiu handelt, zu entscheiden, ob eine nach einseitiger
* °phrektomie bestehende Eiterung aus den Harnwegen nur
au * ^ er Blase oder auch aus der zurückgelassenen Niere
•stammt. Hier wird die Rest-N-Bestimmung besonders wert-
Hill weil man naturgemäß in solchen Fällen, wenn irgend
jMghch, den Ureterenkatheterismus wegen der damit ver¬
ladenen Infektionsgefahr für die Niere zu umgehen
suchen wird.
elseitigenNierenerkrankungen
Eiterungen oder einseitiger Eiterung mit
Beidopp
(doppelseitigen
toxischer Schädigung der andern Seite) ist der Rost-X gegen¬
über der Norm erhöht. Ich fand Werte von 02 bis 73 mg X
in 100 ccm Serum. Allerdings ist hier der Anstieg durch¬
schnittlich nicht so hoch wie ich ihn in meinen früheren Unter¬
suchungen bei doppelseitigen parenchymatösen und inter¬
stitiellen Nephritiden gefunden hatte (OB bis 93 mg). Das
wird aber verständlich, wenn wir bedenken, daß in den hier
vorliegenden Untersuchungen die Erkrankung der zwei len
Niere, die ja nach unsern vorausgegangenen Beobachtungen
überhaupt erst den Anlaß zur Erhöhung des Rest-N ahgibt,
stets nur eine relativ geringfügige, und wie wir uns bei
mehreren Fällen mit Sicherheit überzeugen konnten, eine
völlig reparable war (toxische Nephritis der zweiten Niere,
die nach Entfernung des primär erkrankten Schwesterorgans
zur Ausheilung kam).
Entsprechend der relativ geringen Steigerung des Rost-X
im Serum hielten wir die Exstirpation der kränkeren Seite
auch in allen bisherigen Beobachtungen für erlaubt. In einem
Falle wurde die Operation vom Patienten abgelehnt, in zwei
Fällen kam man mit einer Nephrotomie aus und in den übrigen
vier Fällen wurde die Exstirpation der kränkeren Niere mit.
gutem Erfolge für die Patienten ausgeführt; bei keinem sind
auch nur die geringsten urämischen Erscheinungen im weiteren
Verlaufe beobachtet worden.
Nach den vorliegenden Erfahrungen stellen also
mäßige Erhöhungen des Rest-N, wie ich sie hier beobachtet
habe, keine Kontraindikation gegen die Aus¬
führung der Nephrektomie dar.
Es erhebt sich natürlich die Frage, von welcher Höhe
des Rest-N ab die Exstirpation (1er kränkeren Seite nicht
mehr vorgenoimnen werden darf. Eine bestimmte zahlenmäßige
Angabe darüber kann ich zurzeit leider noch nicht machen,
weil mir doppelseitige schwere Niereneiterungen bisher nicht
zur Verfügung standen. Nach meinen früheren Beobach¬
tungen zeigen Werte von 100 bis 120 mg ab schwere irreparable
Prozesse an den Nieren mit absolut ungünstiger Prognose 1
an. Ein Rest-N von 100 mg ab verbietet deshalb wohl unter
allen Umständen die Exstirpation der kränkeren Seite.
Offen bleibt vorerst nur die Frage, wie man sich bei
Fällen mit etwa 75 bis 100 mg Rest-N in 100 ccm Serum
verhalten soll. Ihre Beantwortung wird zunächst jedenfalls
nur nach sorgfältiger, eingehender Prüfung des jeweiligen
Falles und Berücksichtigung der Resultate anderer Funktious-
prüfungsmethoden erfolgen können. Dabei wird es allerdings
einen Unterschied machen, ob wirklich eine doppelseitige
Eiterung besteht oder nur eine einseitige Eiterung mit
toxischer Nephritis der andern Seite. Bei letzteren Fällen
wird man mit dem Rate zur Operation nicht allzu ängstlich zu
sein brauchen. Solche Nephritiden der zweiten Niere sind ja
nur durch die primär erkrankte Niere unterhalten und
kommen durch deren Entfernung häufig zur völligen Aus¬
heilung. Man kann also in solchen Fällen damit rechnen, daß
nach der Nephrektomie der Rest-N sogar niedriger wird wie
vor der Operation. Derartige Beobachtungen habe ich tat¬
sächlich machen können.
Die Verfolgung der Rest-N-Größe nach der
Operation mußte überhaupt von Interesse sein. Denn es
war von vornherein anzunehmen, daß die zurückgelassene
Niere nicht von Anfang an allen Anforderungen, die an sie
gestellt würden, gerecht werden würde. Es war zu erwarten,
daß durch den mit der Nephrektomie verbundenen Wegfall
von noch funktionierendem Nierengewebe wenigstens vorüber¬
gehend eine gewisse Störung des Gleichgewichts eintreten und
erst nach einer bestimmten Zeit, vielleicht erst nach dem Zu¬
standekommen einer Hypertrophie der zurückgelassenen
Niere, wieder normale Verhältnisse sich einstellen würden.
In der Tat zeigt nach meinen Untersuchungen der
Rest-N in den erstenTagen nach der Nephrektomie in der
Mehrzahl der Fälle einen deutlichen Anstieg, in mehreren
Fällen um 20 bis 25 mg auf 100 ccm Serum. Wenn manch-
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12. 21. März.
mal nur ein geringes oder gelegentlich überhaupt gar kein
Anwachsen des Rest-N nach der Operation gefunden wird, so
ist das bei ganz schweren, einseitigen Zerstönmgsprozessen
der Niere am ehesten verständlich. Die zurückgelassene
Niere mußte schon vor der Exstirpation des Schwesterorgans
die ganze Excretionsarbeit leisten, war also an die Mehrarbeit
bereits gewöhnt und vielleicht im Augenblicke der Operation
schon hypertrophisch.
Nach vier bis sechs Wochen etwa, manchmal auch schon
früher, ist der Rest-N wieder auf seinen ursprünglichen Wert
gesunken. Offenbar treten also nach einem zwei- bis sechs¬
wöchigen Stadium vorübergehender Kompen-
sationsstörung wieder normale Verhältnisse ein.
Bei einigen Fällen konnte ich sogar beobachten, daß im
späteren Verlaufe nach der Nephrektomie der Rest-N geringer
wurde als vor der Operation. Es erklärt sich dieses Ver¬
halten ungezwungen mit der Annahme, daß nach Exstirpation
der kränkeren Seite, also mit der Entfernung des ursprüng¬
lichen Krankheitsherds, die toxische Nephritis der andern
Seite zur Ausheilung kommen konnte und die zurückgelassene
Niere nun größeren Anforderungen gewachsen war als vor
der Operation.
Leichtere Erkrankungen der zweiten
N i e re mit mäßigen Erhöhungen der Rest-N-Werte geben
also für die Exstirpation der kränkeren Seite keine
Kontraindikation ab, im Gegenteil, die Rest-N-Be-
stimmung zeigt uns in solchen Fällen, daß mit dem Ver¬
schwinden von Eiweiß und Cylindem nach der Operation
auch funktionell günstigere Verhältnisse eintreten können wie
vorher.
Berichte über Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren.
Aus dem k. u. k. Barackenepidemiespital, Salzergut bei Olmütz |
(Kommandant: Stabsarzt Dr. S e d 1 a k). |
lieber die Behandlung
rnhrartiger Darmerkrankungen mit Papaverin
und Jodtinktur
von
Dr. E. Adler.
I.
Mit dem Beginne des Kriegs sind in der Abteilung Prof. Pal
im k. k. Allgemeinen Krankenhause Wien, welcher ich damals zu¬
geteilt war, Falle von ruhrartigen Darmerkrankungen aufgetaucht.
Die bakteriologische Untersuchung hat uns insofern Neues ge¬
bracht, als wir in den Fällen mit anscheinend klinisch gleichartigen
Erscheinungen, wenigstens soweit die Stuhluntersuchungen lehrten,
keine einheitliche Bakterienart naehweisen konnten. Es wurden
in den Fällen Shiga-Kruse, Paratyphus A, Paratyphus B, mitunter
Flexner oder Coli nachgewiesen. Die Untersuchungen wurden
sämtlich im pathologisch-anatomischen Institut des Allgemeinen
Krankenhauses (Hofrat W e i c h s e 1 b a u m) durchgeführt. Die
gemeinsamen klinischen Erscheinungen waren der schmerzhafte
Tenesmus und die schleimig-blutig-eitrigen »Stühle, wie sie für die
Ruhr charakteristisch sind. Die peinlichste dieser Erscheinungen
war der quälende Tenesmus, der in erster Linie den Patienten
erschöpfte.
Von diesem Moment ausgehend, hat Prof. Pal eine sympto¬
matische Therapie dieser Erkrankung eingeleitet, über die bisher
nicht berichtet wurde, welche aber derart erfolgreich war, daß
Prof. Pal den Wunsch hatte, diese Behandlungsmethode an einem
größeren einheitlichen Material überprüft zu sehen. Die Methode
besteht in folgendem: Der Kranke erhält, sobald siel»
Tenesmus ei ns teilt, 0,00 b i s 0,08 g Papaverin
muriaticum per o s , eventuell s u b e u t a n.
Der Tenesmus hört nach 20 bis 30 Minuten auf, worauf sieh
der Patient wesentlich erleichtert fühlt. Die zahlreichen Stuhl- j
entleerungen hören gleichzeitig auf und der Patient ist einer
lokalen Therapie ganz anders zugänglich als vorher.
Es ist bekannt, daß der Stuhldrang mit gutem symptomati¬
schen Erfolge durch Opium bekämpft wird. Das Verhalten des
untersten Darmabschnitts ist unter der Opiumwirkung nach der
Untersuchung Pals jedoch ein solches, daß die Herbeiführung
dieses Effekts einer rationellen Behandlung der Dysenterie gerade
entgegen steht, weil, wie man sich durch Indagation überzeugen
kann, unter der Opiumwirkung eine Art Krampfstellung des End-
darm’s eintritt und damit die Ruhigstellung dieser Partie. Diese
Beschaffenheit bildet geradezu ein Hindernis für die lokale Be¬
handlung, da die Schleimhaut sich nicht leicht entfaltet. Nach
unsern Kenntnissen ist die Dysenterie eine im Enddarme lokali¬
sierte und von hier aufsteigende Infektion. Wenn irgendwo, so
ist hier der Versuch einer lokalen Beeinflussung der erkrankten
Partie anzustreben.
Die weitere Behandlung besteht darin, daß der Kranke ein-
bis zweimal täglich einen Einlauf mit 30 bis 40 Tropfen
der 5°/ 0 igen Jodtinktur in 1 J. 2 bis 3 /< 1 Wasser erhält.
Gleichzeitig bekommt er zwei- bis dreimal täglich 10 Tropfen der
5 oig Cn Jodtinktur in Vs Glas WaS8er per os.
Die möglichste Entleerung ist ein gewiß nicht nebensächliches
Erfordernis dieser Erkrankung und wird am zweckmäßigsten
durch die Irrigation erreicht, da Abführmittel nicht leicht ertragen
werden. Es sei noch hinzugefügt, daß durch dieses Verfahren die
Darreichung von Tierkohle, Bolus alba, ebenso wie die Serum¬
behandlung in keiner Weise behindert wird. Es wurde jedoch,
ohne das Ergebnis der bakteriologischen Untersuchung abzuwarten,
die Papaverin-Jodtinkturbehandlung eingeleitet und die Patienten
waren meist bis zum Bekannt werden des Resultats von ihren
wesentlichen Beschwerden befreit.
Opiumdarreichung wurde prinzipiellunter¬
lassen.
Selbstverständlich wurden die diätetischen Maßnahmen ein-
geleitet und bei eventuellen fortbestehenden katarrhalischen Folge-
zuständen Deeoct. simanibae oder Decoct. myrtill. gegeben.
Auch bei akuten Darmerkrankungen anderer Aetiologie hat
sich die Jod-Papaverintherapie bewährt. Die interne Darreichung
von Jodtinktur wurde schon vor längerer Zeit speziell bei Cholera
empfohlen.
n.
Auf Grund dieser Erfahrungen ging ich im k. u. k. Epidemie¬
spital in der Landeskavalleriekaserne und später im k. u. k. Ba¬
rackenepidemiespital in S a 1 z e r g u t bei Olmütz daran, diese
Therapie bei einer größeren Reihe von Ruhrkranken anzuwendeD.
Es wurden zirka 400 Fälle, bei denen der Tenesmus im Vorder¬
gründe stand, nur mit Papaverin behandelt. Ich habe 0,02 bis
0,05 g Papaverin muriaticum Roche zwei- bis viermal täglich ge¬
geben und in keinem Fall einen Mißerfolg gesehen. Die Wirkung
tritt sehr bald ein und dauert in manchen Fällen bis zu zwölf
Stunden. Die quälenden Schmerzen des Tenesmus verschwinden,
wodurch der Patient weniger oft das Bett zur Defäkation ver¬
lassen muß. Besonders für die Nacht war dieser Effekt sehr wert¬
voll. Ich mußte leider mit dem Präparat sehr sparsam umgehen,
da ich mir vorher keine genügende Menge sicherstellen konnte.
Man kann 0,08 g Papaverin pro dosi und darüber ohne jedwede
Gefahr für den Patienten geben. Eine Abstumpfung habe ich ui
meinen Fällen nicht gesehen.
Was die interne Jodmedikation betrifft, so wurden 145 Fälle
mit Papaverin und Jodtinktur, davon 48 Fälle mit Jodspiiluugen.
die nach Ansicht Pals den wichtigeren Teil der Therapie bilden,
behandelt. Ich habe den Patienten 30 Tropfen der 5 °/ n igen Jod¬
tinktur in 250 g Wasser und etwas Kognak als Corrigens geben
lassen, mit der Weisung, die Medizin in drei Portionen im Lank
des Tags zu nehmen. Jodspülungen konnten aus äußeren Gründen
nur bei den schweren Fällen (48) vorgenommen werden. Erschei¬
nungen von Jodisnms habe ich auch bei längerer Anwendung uu
beobachtet, obgleich darauf sehr geachtet wurde. Zur Jodbclian^*
lung eignen sich nach meinen Erfahrungen alle Fälle
nihrartigen Dannerkrankungen, selbst solche, die nicht mehr ga
akut sind. Es scheint allerdings, daß frische Fälle erheblich ra*«.
günstig beeinflußt werden. Hervorzuheben ist noch, daß sich ^ ^
hcrabgekoimneno Patienten nach der Spülung wohlfühlen unn
Flüssigkeit, wenn sie unter Papaverinwirkling eingeführt wun ’
eine bis fünf Stunden ohne Schwierigkeit halten. Die Zan ''
Entleerungen geht meist in kurzer Zeit herunter und es
zu geformten Stühlen. In manchen Fällen dauert es etwas lanjj ■
bis das Abklingen der akuten Erscheinungen zutage tritt.
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21. März. 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12. 337
habe fliese Behandlung auch in Fällen eingeleitet, bei denen die
■vuraiisgegangene Opiumtherapie nicht zum Ziele geführt hatte.
Die I'apaverin-Jodmedikation gab dann einen raschen Erfolg.
In nachfolgendem sollen nur einige wenige Beispiele angeführt
werden:
Fall 7. Infanterist 8. H. Erkrankt am 8. November, am 12. No¬
vember ins Epidemiespital gekommen. 7—8 Stühle flüssig, blutig. Bolus,
Opium. Am 22. November 5 Stühle. Jod vom 23. November an. Vom
9. Dezember 1 Stuhl täglich, breiig.
Fall 24. Infanterist E. H. Erkrankt am 21. November ins
Krankenhaus, am 29. November ins Epidemiespital gekommen, am
30. November 4—5 Stühle täglich. Jod, Papaverin seit 4. Dezember.
Am 12. Dezember: 1 fester Stuhl seit 6 Tagen täglich.
Fall 26. Jäger Sch. E. Erkrankt am 6. November, in W. bis
28. November, ins Epidemiespital gekommen am 30. November. 8—10
Mutig schleimige Stühle täglich. Starker Tenesmus. Papaverin. Jod
seit 4. Dezember; am 12. Dezember: Seit 3 Tagen 3 Stühle täglich,
kein Blut, kein Tenesmus.
Fall 27. Kanonier A. R. Erkrankt am 28. Oktober, in W. bis
28. November, ins Epidemiespital gekommen am 30. November. 10—12
Stühle täglich, starke Abdominalschmerzen. Jod seit 1. Dezember am
13. Dezember: Seit 3 Tagen 1 Stuhl täglich fest. Subjektives Wohl¬
befinden.
Fall 43. Infanterist J. K. Erkrankt am 22. November, in K.
bis 29. November, ins Epidemiespital gekommen am 30. November.
8 Stühle, starker quälender Tenesmus. 0,02 Papaverin 2 mal, am t. De¬
zember: 3 Stühle.
Fall 91. Infanterist L. A. Erkrankt am 28. Oktober, am 31. Ok¬
tober ins Epidemiespital gekommen. 20 Stühle täglich. Jod seit 31. Ok-
tol>er intern und Spülung. Am 8. November 2—3 Stühle, seit 26. No¬
vember 1 Stuhl täglich.
Fall 92. Infanterist J. Z. Erkrankt am 8. Oktober, in T. bis
10. Oktober, am 13. Oktober ins Epidemiespital gekommen, 17 Stühle
täglich. Jod seit 15. Oktober. Spülung 8. November 8 Stühle, 24. No¬
vember 1 Stuhl, 12. Dezember 1 Stuhl.
Fall 93. Infanterist O. P. Erkrankt am 2. November, in O. bis
21. November, ins Epidemiespital gekommen am 21. November, 30—46
Stühle täglich. Schmerzen. Zwang. Papaverin, Jod seit 21. November,
am 28. November: 8 Stühle, Schmerzen gering, 12. Dezember: 2 weiche
geformte Stühle.
Fall 101. Jäger E. Z. Erkrankt am 3. Oktober in K., am
30. November ins Epidemiespital gekommen. 14 Stühle täglich. Jod
seit 1. Dezember, am 12. Dezember: 2—3 Stühle seit 3 Tagen.
Fall 111. Infanterist J. H. Erkrankt am 1. Oktober, in R. bis
23. November, ins Epidemiespital gekommen am 25. November.
10 Stühle täglich, Papaverin, Jod seit 25. November. Am 1. Dezember
3 Stühle. Am 9. Dezember 1 Stuhl, 12. Dezember 1 Stuhl. Wohl¬
befinden.
Aus meinen Beobachtungen geht hervor:
1. Daß Papaverin prompt den Tenesmus beseitigt und den
Patienten einer lokalen Therapie zugänglich macht;
2. daß Jodtinktur, als Spülung und per os gegeben, bei ruhr¬
artigen Erkrankungen des Darmes von guter Wirkung ist.
Forschungsergebnisse aus Medizin und Naturwissenschaft.
üeber Haarverletzungen durch Ueberfahren
von
Marine-Stabsarzt der Reserve Dr. Georg Fehsenfeld,
Neuruppin, zurzeit Danzig.
Die Untersuchung von Haaren in geriehtsärztiieher Beziehung
hat den Beweis ihrer großen Bedeutung längst erbracht. Der
Befund von Haaren an Werkzeugen, Kleidungsstücken, in der Hand
des Opfers, am Tatorte hat oft erst den Sachverhalt eines Ver¬
brechens geklärt und auf die Spur des Täters geführt. Die
forensische Untersuchung befaßt sich heute nicht allein mehr mit
grob sichtbaren Verletzungen der Haare, sie beschäftigt sich mittels
der mikroskopischen Betrachtung mit der Unterscheidung von
Menschen- und Tierhaaren, mit der Ermittlung der Herkunft der
gefundenen Haare und forscht nach der Art der Verletzungen und
ftrukturveränderungen, welche die Haare unter der Einwirkung
^on Schädigungen aller Art. sowohl im Leben wie nach dem Tod,
erleiden können. Von einschneidender Bedeutung wäre es ja,
wenn es gelänge, durch die mikroskopische Untersuchung charakte¬
ristische Verletzungen und Strukturveränderungen an den Haaren
festznstellen, die mit Sicherheit anf die Art des verletzenden Werk-
wigs oder der verletzenden Gewalt hinwiesen.
Zahlreiche Autoren haben sich eingehend damit beschäftigt,
"oldie Befunde an Haaren festzustellen, aber mit dem Ergebnisse,
'laü sie im allgemeinen weder vital noch postmortal Vorkommen,
'laß ein sicheres Urteil über Herkunft der Haare, über die Ursache
der Verletzung nur bei Berücksichtigung der begleitenden Um-
stäiKle und des gesamten Obduktionsbefundes ermöglicht werden
kann. Nur bezüglich der GewalteinWirkung durch Ueberfahren
wd von Lo c h t e und seinem Schüler H i 8 c h e Befunde erhoben
J^rden. welche als charakteristisch für diese Art der Haarver-
mngen von ihnen angesehen werden. Da bisher weitere Mit¬
teilungen über Haarverietzungen durch Ueberfahren nicht vor-
l ' ^ eQ ' habe ich eine Reihe von eignen Untersuchungen dieser Art
angestellt, deren Ergebnis in folgendem mitgeteilt sei.
Die Untersuchungen wurden angestellt an hellblonden und
unkelblonden Haaren, welche ich von der Eisenbahn, ferner von
-astwagen und Droschke auf Pflaster und auf der Landstraße
unerfahren ließ.
, schwersten Veränderungen fanden sich, schon makro-
* opiso-h sichtbar, bei Ueberfahren mit der Eisenbahn: Völlige
irmalmung. 7.u kleinsten Trümmern an den Stellen, wo die Ge-
Y m stärksten eingewirkt hatte, quere.Zerreißungen mit ge-
J j r ’ toppenfomiiger Trennungsfläche, Knickungen des Haar-
u VN schräge Spalten in das Haar hinein, lamellöse Aufspaltung,
mal uT e ^Weiterungen. die das Drei- bis Fünffache der nor-
aien Klicke erreichen konnten.
Einige Messungen mögen die Größe der quetschenden Gewalt ver¬
anschaulichen:
1. Haar.
a) an normaler vStolle gemessen
., verbreiteter Stell«* gemessen
h) normaler Stelle gemessen
„ verbreiteter Stelle gemessen
„ 5* V *'
c) „ normaler Stelle gemessen
,, verbreiteter Stelle gemessen
II. Haar:
a) an normaler Stelle gemessen
b) ., verbreiteter Stelle gemessen
c) ,, „ „
d) m » t» ??
III. Haar:
a) an normaler Stelle gemessen
bj .. der stärksten Verbreiterung
0,0728 mm
0,1110 „
0,1874 „
0,1041 „
0,1499 „
0,1156 ,
0,0916 „
0,1457 „
0,3053 „
0,1024
0,1536
0,1920 „
0,2499 „
0,0624 „
0,2915 M
ln die Spalten der Haare waren Schmutz und Erde hinein¬
gepreßt. Mikroskopisch sali man weiter, wüe an den Enden der
Bruchstücke die Rindenschicht oft in langen Spitzen hervorragte,
deren Ränder wie angesägt erschienen, vielfach aufgesplittert
waren. Vereinzelt fanden sich im Haarschafte halbkreisförmige
Lücken, die wie angenagt aussahen. Die Konturen des Haar¬
schafts w r aren in andern Fällen durch Ablösung der Cuticula rauh
und uneben. Bei den queren Verletzungen, welche das Haar
größtenteils durchtrennt hatten, konnte man oft Drehungen des
eignen Fragments um 180 0 finden.
Vereinzelt fand icli kurze, spindelförmige, rosenkranzartig
aneinander gereihte Verbreiterungen des Haarschafts. Es ent¬
spricht das den Bildern, die Puppe beschreibt bei der Wirkung
von Instrumenten mit gewölbter Fläche auf ein Haar, das auf einer
gewölbten Schädelpartie lag. Auch Eisenbahnrad und Schiene
stellen zwei gegeneinander gewölbte Flächen dar.
Die Messungen dreier Tosenkranzartig angeoTdneter Verbreite¬
rungen ergaben folgende Maße:
Haar an der normalen Stelle ...... 0,0833 mm
,, ,, spindelförmiger Verbreiterung . . . 0,1249 „
» n „ . . . 0,1387 „
» « „ „ . . . 0,2081 „
Ein einziges Mal fand ich bei den Verletzungen durch die
Eisenbahn eine Andeutung von Haarwellen, niemals aber die von
Lochte beschriebenen Haarlocken.
Diese Gebilde beobachtete ich dagegen beim Ueberfahren
durch eine Droschke auf Pflaster (siehe Mikrophotogramm 1. 2).
Während das Rad über die einen halben Finger dicke Haarsträhne
hinwegging, rollte diese sich gleichzeitig um sich selbst. Die An¬
sicht Löchtes, daß bei der Entstehung der Haarlocken außer der
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12.
21. März.
quetschenden auch eine drehende Gewalteinwirkung von Bedeu¬
tung ist, findet dadurch ihre Bestätigung. Von Bedeutung für
das Zustandekommen der Haarlocken scheint mir auch die seit¬
liche Beweglichkeit der Vorderräder entsprechend den Bewegungen
der Lenkstange zu sein. Beim Fahren auf unebenem Boden, wie
ihn das Pflaster darstellt, namentlich beim Anziehen, schlagen die
Räder hin und her und
bewirken dadurch ein par¬
tielles Reiben oder Rutschen
auf der Fahrfläche. Es ist
damit die Bedingung vor¬
handen, die Lochte for¬
dert zur experimentellen
Erzeugung von Haarlocken:
Reiben von Haaren zwi¬
schen zwei glatten, harten
Flächen.
Durch die Eigen¬
drehung wird das einzelne
Haar von verschiedenen
Seiten der Quetschung
ausgesetzt, es kommt da¬
durch an entgegengesetz¬
ten Stellen, wie das mi¬
kroskopische Bild zeigt,
Abb. i. zur Einreißung und Ein-
Traumatische Haarlocken und Haarwellen knickuilg der Cuticula und
durch lebcrfnhren. . ,.
Rindensubstanz, woraus die
eigenartige Wellen- und Lockenbildung resultiert. Je nach der ge¬
ringeren oder stärkeren Biegung des Haares an der Rißstelle ist die
wellenartige oder lockenartigeBildung steileroderflacher. (Siehe Abb.
2 und 3.) Sie kann an irgendeiner Stelle des Haarsebafts oder auch an
Abb 2. Abb. 3.
Traumatische Haarlocken und Haar- Tjauwaiische Haarlocken und Haar-
wellen durch Ueberfahren. wellen durch Ueberfahren.
dem Ende einer Trennungsstelle liegen. An den Enden ist die Locken¬
bildung oft so ausgeprägt, daß das Haar geradezu aufgerollt erscheint.
Einige Messungen der Haarbreite an den Wellen und Locken
seien angesehen:
1. Normalhaar. 0,0833 mm
verletzte Stelle 0,1110 ,,
. 0,0833 „
.0,0916 „
.0,1041 .,
2. Normalhaar. 0,0554 ,,
verletzte Stelle.0,1041 „
.0,1110 „
” .0,1165
” .0,0916 „
3. Normalhaar. 0,0554
verletzte Stelle.0,1041 .
. 0,0830 „
’.0,0916 ..
.. 0,0750 ..
4. Normalhaar. 0,0750
verletzte Stelle. 0,0750 ,,
, . 0,0729
. 0,0625 „
„ .0,0916 „
Aus den Zahlen der vierten Messung ist ersichtlich, daß die
Breiten der Haarlocken auch hinter der als normal angegebenen
Haarbreite Zurückbleiben können, daß also schmalere Stellen Vor¬
kommen. Nach den Mitteilungen Löchtes handelt es sich in
allen diesen Fällen — es sei denn, daß infolge von Absplitterungen
echte Verschmälerungen entstanden sind, welche leicht zu erkennen
sind — um scheinbare Verschmälerungen, hervorgerufen durch
Drehung des Haarschafts. Ich kann diese Angaben bestätigen.
Auch am übrigen Haarschafte finden sich diese scheinbaren Ver¬
schmälerungen. Verschiebt man bei mikroskopischer Betrachtung
vorsichtig das unter dem Deckglase liegende Haar derart, daß
es sich um die eigne Achse rollt, so kann man erkennen, daß
die eben noch schmale Stelle sich verbreitert und eine andere,
vorher breite Stelle sich nunmehr als schmale darstollt. Durch
künstliche Drehungen des Haars läßt sich sehr leicht veranschau¬
lichen, wie solche Verschmälerung über das ganze Haar hinweg¬
läuft. Die Verschmälerung ist entsprechend den Angaben Löchtes
j eine Folge des ovalen Querschnitts des Haars, in dem sich bald
der eine, bald der andere Durchmesser im mikroskopischen Bilde
darbietet. Aus einer Verschmälerung kann man daher schließen,
daß das Haar gedreht worden ist; weiter zu folgern, daß das Haar
überfahren worden ist, ist aber nicht ohne weiteres zulässig. Denn
überall, wo die Bedingungen für eine Drehung des Haars gegeben
sind, sind auch diese scheinbaren Verschmälerungen festzustellen.
Das ist z. B. der Fall bei Frauenhaar. Das Frauenhaar wird ge¬
flochten und gewickelt; dabei wird zweifellos eine Drehung um
die Längsachse Vorkommen, also auch scheinbare Verschmälerungen
festgestellt werden können.
Die Beurteilung der Verschmälerungen in bezug auf die
Frage des Ueberfahrens wird daher mit Vorsicht zu geschehen haben.
Die von mir fest gestellten Haarverletzungen erstrecken sich beim
Ueberfahren mit der Eisenbahn auf eine Haarschaftlänge von zirka 2 cm,
1 bei Droschken und Lastwagen auf etwa Vs bis 1 cm, schließen sich also
den Angaben Löchtes darüber an.
Die Breite der Eisenbahnschiene betrug 57a cm. Die Radbreite
des Lastwagens 8 l /a cm, die der Droschke 5‘/a cm. Daraus geht hervor,
daß die Länge der Verletzungen erheblich hinter der Breite der quetschen¬
den Flächen zuröckbloibt.
Verletzungen des Haarschafts von 1 bis 2 cm Länge kommen
aber auch bei anderer stumpfer Gewalteinwirkung vor, wie Löchtes
Untersuchungen ergeben haben und ich durch meine Unter¬
suchungen bestätigen kann. Irgendein wichtiger Unterschied ist
da nicht festzustellen.
Die Verletzungen der von mir quer überfahrenen Haarsträhne
lagen, wie auch bei
Löchtes Unter¬
suchungen, natur¬
gemäß alle an der-
selbenStelle.in der¬
selben Höhe der
Haare. Ist daraus
eiu Schluß auf
Ueberfahren zu zie¬
hen? Bei Schnitt¬
verletzungen des
Haarschafts liegen
] die Verletzungen
i auch alle an der-
1 selben Stelle; eben-
! so kann nach
Lochte eine an¬
dere stumpfe Ge¬
walt, ein Schlag,
gelegentlich eine
Verletzung einer
Haarsträhne an
gleicher Stelle der
Haare verursachen,
wenn die Strähne
zufällig über einen Gegenstand, z. B. Metallkamm, gelegen war-
Es wäre also verkehrt, allein deshalb an Ueberfahren *
denken. Wäre dagegen an zahlreichen Haaren eines dicken Zope»
an derselben Stelle dieselbe Verletzung zu finden, dann
Ueberfahren eher in Betracht. Eine andere traumatische bew
würde nicht so „massige“ Haarverletzungen an einer Stelle mac J •
Meine Versuche und Untersuchungen bestätigen demnach g*®*
Angaben Löchtes, daß beim Ueberfahron von Haaren trauma i .
Haarlocken und Haarwellen entstehen können, die bei anderer
walteinwirkung bisher nicht beobachtet wurden.
Abb- 4
Haarlocke dureb Verbrennen mit verkohlten Haartrflmnie
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I
icfctüe, 4J,
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i ia i:
ifopfil'
datev
U dis^v
n-k
i Hür ; .-
* fe¬
in Anschluß an diese Untersuchungen von Haarverletzungen
durch Ueberfahren habe ich zur Prüfung der Frage, ob nicht auch
durch ändere Gewalteinwirkung den traumatischen Haarwellen und
Haarlocken ähnliche Gebilde entstehen können, experimentell Haar-
rerletiüngen durch stumpfe Gewalt (Hammerschlag auf Haare, die
auf eine eiserne Unterlage gelegt waren) und durch Hitze (An¬
zügen an einer Flamme) verursacht und untersucht. Bei den
Verletzungen durch Hammerschlag fanden sich vor allem Ver¬
breiterungen des Haarschafts oft um mehr als das Doppelte der
normalen Haarbreite, Ablösungen des Oberhäutchens, lamellöse
Auflockerungen, Einrisse und Spalfcbildungen in der Rindensubstanz,
rollige , quere, gezackte Zerreißungen, Zerquetschungen und Zer¬
trümmerungen, kurz alle Arten von Verletzungen, wie sie bei
jeder stumpfen Gewalteinwirkung Vorkommen können.
Wellen- und Loekengebiide fehlten dagegen völlig. Nur bei
Einwirkung von Hitze entstanden Gebilde, welche ohne Zweifel
als Locken angesprochen werden müssen. (Siehe Mikrophotogramm
Abb. 4.) Doch sind diese in ihrem Aussehen ganz verschieden
ron den sogenannten traumatischen Locken Löchtes. Man sieht
eine Aufquellung- des Haarscbafts bis zu dem Dreifachen der nor¬
malen Dicke und erkennt an der maschenartigen Zeichnung, daß
diese Aufquellung durch Ausdehnung von Luft innerhalb des i
Haarschafts zustande gekommen ist, die bei noch stärkern Graden
der Verbrennung schließlich zur Loslösung von kleinen verkohlten I
I Haartrümmern Veranlassung gibt, wie sie auch im Mikrophoto¬
gramm zu sehen sind. Die Verbrennung führt außerdem eine
Veränderung der Haarfarbe herbei, welche um so dunkler ist, je
stärker die Verbrennung war, bei Verkohlung tiefschwarz. Das
Aufrollen von Locken ist hierbei eine einfache Hitze Wirkung, ein¬
mal beruhend auf der verschiedenen Ausdehnung der in den Haaren
enthaltenen Luft, anderseits auf Ausdehnungs- und Schrumpfungs¬
vorgängen in der Haarsubstanz selbst.
Ich fasse zusammen: Durch Ueberfahren von Haaren können
an ihnen Verletzungen entstehen, welche charakteristisch für diese
Art von Gewalteinwirkung sind. Es sind dies die von Lochte
so benannten traumatischen Haarlocken und Haarwellen; sie sind
von Verbrennungslocken sicher zu unterscheiden.
Literatur: 1. Walter Röitger, Ueber Haarverlctzungen und über
die postmortalen Veränderungen der Haare in forensischer Beziehung. <Inaug>
Diss. Göttingen 1911.) — 2. Ed. v. Hofmann, Lehrbuch der gerichtlichen
Medizin. 7. Aufl. 1907. — 3. A. Schmidtmann, Handbuch der gerichtlichen
Modizin. 9. Aufl. 1907. — 4. Lochte, üober Haarverletzungen bei Nahe¬
schüssen mit rauchschwachem Pulver. (Vortrag in der Abtlg. f. gorichtl. Med.
auf der Naturforscherversamml. in Königsberg 1910.) — 5 Schwalbe, Die
Kriterien des Naheschusses bei Verwendung rauchschwachen Pulvers. (Diss.
Berlin 1910.) — 6. Heinecker, Zur Frage der Specifit^t der Haarverletzungon
durch scharfe und stumpfe Gewalt. (Diss. Königsberg 1906.) — 7. Lochte,
Ueber Haarverletzungen durch Ueberfahren. (Vrtljschr. f. gerichtl. M.) —
8. Hi sc he, Ueber Haarverletzungen durch Ueberfahren. (Diss. Gfittingou
1912.) — 9. Puppe, Ueber Haarvorletzungen. (Jkurs. f. ärztl. Fortbild, Sept.-
Heft 1913.)
fr-
I
Aerztliche Gutachten ans dem Gebiete des Versicherungswesens (Staatliche und Prlvat-VersichernDg).
Redigiert von Dr, Hermann Engel. Berlin W 30.
Gerichtlicher Schutz ärztlicher Outachten
von
Dr. Hermann Engel,
für die Gericht« der Landgerichtsbezirke I, II und III sowie für das Kamroergericht
in Berlin beeidigter Sachverständiger für Unfall- und Verletzungsfolgen.
Bekanntlich gehört es zur Gepflogenheit manches Rechts¬
vertreters, ein seinem Klienten nicht günstiges Sachverständigen¬
gutachten nicht etwa kritisch zu widerlegen, sondern durch un¬
würdige Angriffe auf den Sachverständigen selbst die Einholung
eines weiteren Gutachtens als notwendig hinzustellen. Läßt sich
der Arzt durch derartige Pöbeleien auch nicht in seinem Streben
nach Objektivität beirren, so ist es doch mit Freuden zu begrüßen,
wenn sich ein Gerichtshof Zeit und Mühe nimmt, derartige An¬
griffe geböhrend zu charakterisieren, wie es in folgender, im Aus¬
züge wiedergegebenen Urteilsbegründung der Fall war.
„Der Beklagte will allerdings dieses Gutachten nicht gelten
lassen. Er hat sich aber nicht nur darauf beschränkt, die sach¬
liche .Richtigkeit des Gutachtens anzuzweifeln, sondern hat es
aach für richtig gehalten, die persönliche Glaubwürdigkeit und
Objektivität des Sachverständigen in Zweifel zu ziehen. Wenn
nämlich der Beklagte in seinem Schriftsätze vom 16. März 1914
unter anderm ausffibrt:
„Warum ist, während doch sonst alles so genau wieder-
gegeben wird, nicht auch noch die weitere Feststellung ge¬
troffen, wie Beklagter das erstemal das Haus verließ und
wie er das zweitemal kam. Waren da die Feststellungen
vielleicht günstiger für den Beklagten?“
so ist in dieser Frage der versteckte schwere Vorwurf enthalten,
daß der Sachverständige die hier vermißten Feststellungen mög¬
licherweise bewußt und absichtlich nicht gemacht haben könnte,
weil sie dem Beklagten günstiger sein könnten. Dieser Vorwurf
jst aber um so schwerer, weil der Gutachter sein Gutachten unter
Berufung auf seinen allgemein geleisteten Sachverständigeneid
abgegeben hat, sodaß darin der Verdacht bewußter Eidesverletzung
ausgesprochen worden ist. Schon der Sachverständige selbst hat
sich in seinem Nachtragsgutachten in voller Erkenntnis und zu¬
treffender Beurteilung dieses Vorwurfs dagegen verwahrt, und in
fehlt es auch an jeder Unterlage dafür, die einen solchen
wtte rechtfertigen können. Ja, das Gegonteil ist der Fall, das
SUft Gutachten in seiner Ausführlichkeit und Gründlichkeit be-
nst klar, daß der Sachverständige ernstlich bemüht gewesen ist,
u Zustand des Beklagten objektiv zu ergründen. Es erschien
aber unter diesen Umständen dem Gerichte geboten, besonders
daß die versteckte Verdächtigung gegen den Sach-
nir?* f D * au °k zur Rechtswahrung seitens des Beklagten
kfl l ^ war i in keiner Weise gerechtfertigt ist und
oachverständigen voller Glauben zu schenken war.
; Auch inhaltlich wirkt das Gutachten überzeugend, sodaß das
Gericht nicht mehr nötig hatte, noch einen weiteren Sachverstän¬
digen zu hören; insbesondere bot auch das vom Beklagten bei¬
gebrachte Gutachten des Prof. Dr. M. R. keinen Anlaß, noch einen
weiteren Gutachter zu hören, zumal letzteres nicht annähernd so
ausführlich gehalten ist, wie das des gerichtlichen Sachverstän¬
digen, und auch keinerlei Anhaltspunkte dafür gegeben sind, daß
der gerichtlich bestellte Gutachter einen geringeren Grad von
Sachkunde besäße als der Privatgutachter.
Der Sachverständige hat auch zu den sachlichen Bemänge¬
lungen Stellung genommen und diese in seinem Nachtragsgutachten
widerlegt, insbesondere hat er auch von den in das Wissen des D.,
der Frau K. und des A. gestellten Tatsachen Kenntnis erhalten
und sie bei seinem Nachtragsgutachten beachtet, was aus ihrer
Erwähnung hervorgeht. Wären diese Umstände dem Gutachter
für sein Gutachten bedeutsam erschienen, so hätte er sicherlich
auf ihre Klarstellung durch entsprechende Beweisaufnahme hin¬
gewirkt. Der Umstand aber, daß es der Beklagte für sich wegen
einer etwaigen späteren Untersuchung beziehungsweise Beob¬
achtung von größter Wichtigkeit hält, nicht mit dem Verdachte der
Unwahrheit belastet zu sein, kann natürlich keinen beachtenswerten
Grund abgeben, in eine Beweisaufnahme einzutreten, die lediglich
von der Erheblichkeit mit Rücksicht auf den geltend gemachten
Anspruch bestimmt wird. Ebenso unerheblich ist auch die Ver¬
nehmung der Ehefrau des Beklagten darüber, ob der Sachver¬
ständige den Beklagten ausdrücklich gefragt hat, ob er friere, denn
die Schlußfolgerung, die der Beklagte daran knüpft, daß dem
Sachverständigen, weil er danach gefragt habe, auch aufgefallen
sein müsse, daß or (Beklagter) gefroren habe, ist so offensichtlich
abwegig, daß sie keiner besonderen Erörterung bedarf; denn es
liegt auf der Hand, daß ein Arzt bei der Untersuchung nach
mancherlei Krankheitsanzeichen fragt, die mit dieser oder jener
Krankheit, mit deren Vorliegen er rechnet, verbunden sind, ohne
daß er damit auch ihr Vorhandensein feststellt. Im Gegenteil,
Krankheitsanzeichen, deren Existenz er ohnehin von selbst erkannt
hat, wird er nicht mehr durch Befragen besonders fest stellen. Auch
die Widersprüche, die der Beklagte hinsichtlich des Fingorzitterns
aus dem Gutachten herausgelesen hat, sind tatsächlich nicht vor¬
handen, sondern in gekünstelter Weise von ihm erst hi neingetragen
worden. Um diesen Gegensatz zu ermöglichen, führt der Beklagte
in seinem Schriftsätze vom 6. Mai 1914 an, der Sachverständige
habe auf Seite 11 seines Gutachtens festgestellt, „die gespreizten
Finger zitterten grobschlägig“, während er dies auf Seite 22 dahin
verneine: „Die gespreizten Finger zittern nicht mohr, vor allem
nicht mehr so stark“. Hätte aber der Beklagte die fragliche Stelle
auf Seite 11 richtig angeführt, so hätte er gar nicht umhin ge¬
konnt, ihre inhaltliche UebereinstimmuDg mit der Ausführung auf
Seite 22 zugeben zu müssen. Nur dadurch, daß Beklagter in
Original ffom
UNIVERSITY OF IOWA
340
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12.
ersterer Stelle das Wort „zuerst“ und den Nachsatz: „Dann
gar nicht mehr“ unterdrückt hat, ist ihm die Konstruktion des
Widerspruchs möglich geworden.
Eine Intelligenzprüfung, die Beklagter vermißt, hat nach der
ausdrücklichen Erklärung des Sachverständigen ebenfalls statt¬
gefunden; sie iBt auch hier, wo dem Beklagten zugemutet wird,
nur 30% seines Unterhalts durch Annahme einer Stellung selbst
zu verdienen, gar nicht von der Wichtigkeit, die ihr Beklagter
beimißt; denn danach kommt hier gar nicht eine Stelle in Frage,
die eine volle Arbeitskraft verlangt, sondern eine solche, die durch
21. März.
I nicht mehr voll arbeitsfähige Leute ausreichend versehen werden
kann, so zum Beispiel eine Aufseherstelle in größeren Gärten und
Parkanlagen, bei der allein schon die Anwesenheit des Aufsehers
genügt, um Ausschreitungen zu verhüten.
Im Hinblick auf diese Erwerbsmöglichkeit in Verbindung
mit der vom Sachverständigen vorgenommenen Einschätzung der
Erwerbsffthigkeit des Beklagten ist die von der Klägerin begehrte
Herabsetzung der Rente wohl begründet.
Danach war dem Klagebegehren uneingeschränkt statt¬
zugeben.“
Referatenteil.
Redigiert von Oberarzt Dr. Waltor Wolff, Berlin.
Uebersichtsreferat,
Strahlentherapie
von Stabsarzt Dr. Strauß, Berlin
(zurzeit beim Feldlazarett 2). (Schluß aus Nr. 11.)
Weniger befriedigend sind die Ergebnisse der Bestrahlung
bei Keloiden. Dore(ll) berichtet über zwei Fälle von Narben-
keloid, in welchen mit 11 Sabourauddosen Heilung erzielt
wurde, Bissdri6 und Mezerette (12) haben unter 25 Fällen
14mal eine schöne Narbe erzielt, Wickham und Degrais
heben die günstige Wirkung des Radiums hervor. Das Narben-
keloid ist eine medizinische Crux. Exstirpiert man es, so
kommt leider gar zu oft nicht nur ein Rezidiv, sondern das
wiederentstandene Keloid ist auch noch größer und häßlicher als
das vorher exstirpierte. Ich hatte bis jetzt nur Gelegenheit,
bereits operierte Narbenkeloide zu bestrahlen, der Erfolg war
unbefriedigend. Auch prophylaktische Bestrahlung der Narbe un¬
mittelbar nach der Excision ergab kein gutes Resultat. Hingegen
bilden Warzen ein dankbares Objekt der Bestrahlung. Daß
Warzen durch Röntgenbehandlung verschwinden können, auch
wenn nur ein Teil derselben bestrahlt worden war, hat Halber¬
städter (13) beobachtet. Ebenso erwähnt Delbanco (14) einen
Fall, in welchem die Warzen beide Hände befallen hatten, aber
nach Bestrahlung der einen Hand auch an der andern schwanden.
Wickham, Degrais und Belot (15) haben bei sich refraktär
verhaltenden Warzen eine ausgezeichnete Wirkung des Radiums
beobachtet. Stellt somit die Strahlentherapie in der Dermatologie
einen großen und unbestreitbaren Gewinn dar, so läßt sich nicht
dasselbe sagen von den zahlreichen andern Versuchen, die man
bei einer Reihe von Krankheiten mit der Applikation von strahlen¬
der Energie gemacht hat. Daß bei Organen, die in entwicklungs¬
geschichtlicher Hinsicht dem Ektoderm nahestehen, die Strahlen
ähnlich günstig wirken wie auf die Haut selbst, ist ein neuer¬
dings vertretener Gesichtspunkt, welcher jedoch sehr der ernsten
Nachprüfung bedarf. Praktisch von Bedeutung wird diese Frage
für die Bestrahlung des Oesophaguscarcinoms. Wir haben ge¬
sehen, wie außerordentlich wirksam die Strahlentherapie beim
Hautcarcinom ist, sollte sie ähnlich erfolgreich beim Speiseröhren¬
krebs verwandt werden können, weil hier eine gewisse, genetisch
zu erklärende Beziehung zwischen Haut und Speiseröhre besteht?
Mit dieser Frage beschäftigt sich Guisez (16). Man muß diesem
Autor die Verantwortung dafür überlassen, wenn er sagt, daß das
Oesophaguscarcinom mit den Hautkrebsen die allergrößten Analo¬
gien zeige, und zwar sowohl was seine Struktur als seine Ent¬
wicklungsgeschichte betrifft. Bestände diese von Guisez ver¬
tretene Ansicht zu Recht, dann könnte man über die Behandlung
des Oesophaguscarcinoms heute schon das letzte Wort sprechen.
Wie wenig wirklichen Erfolg die chirurgische Therapie des Oeso-
phaguskrebses gehabt hat, ist allgemein bekannt. Mag auch die
Statistik von Gauß mit einer primären Mortalität von 100% und
einem Dauererfolge von 0% sehr einseitig aufgestellt sein, sicher
ist dieser Zweig der Chirurgie zwar ein glanzvolles Betätigungs¬
feld für die operative Technik, aber keine Arbeit des Heilerfolges
gewesen. Es bleibt also die Strahlentherapie als Ultima ratio
übrig aber auch sie ist bis jetzt nicht allzu reich an Er¬
folgen. Sagt doch Wetterer in seinem Handbuche ganz offen,
daß die Ergebnisse der Röntgenbestrahlung hier nicht dazu
angetan sind, allzu große Hoffnungen zu erwecken. Ich kann mich
nicht des Argwohns enthalten, daß man sich hinsichtlich des
Oesophaguscarcinoms an vielen Stellen einer Täuschung hingibt.
So ist es geradezu ein Dogma geworden, daß der Speiseröhren¬
krebs eine Sonderstellung einnehme, daß er relativ gutartig sei
und lange Zeit keine Metastasen bilde. Auch Guisez befindet
sich ganz im Banne dieser Ansicht, indem er sagt, „der Oesophagus
ist von einer ektodermischen Mucosa ausgekleidet und, wenn sich
auf dieser ein Carcinom entwickelt, so zeigt dasselbe eine ganz
eigenartige, langsame Entwicklung und keine Tendenz zur Gene-
ralisation“. Dies ist nur mit großer Einschränkung richtig. Ueber
die Krebserkrankung der Speiseröhre hat unsere Zeit in vieler
Hinsicht die bisherigen Ansichten revidiert. Was einst Tanchou
auf Grund einer größeren Statistik feststellte, nach welcher das
Oesophaguscarcinom tief unter einem Prozent (0,14%) beträgt,
das ist heute längst dahin abgeändert, daß dieses Leiden kein
seltenes ist, daß im Gegenteil sogar eine gewisse Häufigkeit be¬
steht. Nach dem Ergebnis der Charite-Annalen sind es rund 8° o,
nach der Zusammenstellung des Komitees für Krebsforschung 5°/o,
in denen man das Speiseröhrencarcinom beobachtet. (Letztere
Angabe deckt sich auch ungefähr mit der Friefsehen [6,4°/o]
und As cho ff sehen [4,9 %] Statistik.) Wie mit der Häufigkeit, bo
geht es auch mit der Metastase. Die Ansicht, daß die Metastase
selten sei — und dies ist noch der leitende Gedanke der Guisez-
schen Ausführung, alle andern genetischen Deduktionen sind da¬
von erst sekundär abgeleitet —, stammt von Billroth, kann aber
heute nicht mehr aufrechterhalten bleiben. Wir wissen jetzt,
daß die Metastase sogar häufig ist (60%) und daß sie besonders
an der oberen Umschlagsfalte des Perikards, in den ösophagealen,
bronchialen, trachealen, bifurkalen und epigastrischen Lympb-
drüsen, sowie am Magen, der Leber und den Lungen ihren Sitz
hat, daß also mit einem Wort Guisez von falscher Voraussetzung
ausgeht. Guisez hat nun 85 Fälle von Oesophaguscarcinom mit
Radium behandelt, indem er eine mit dem Radiumträger versehene
Sonde mitten in die carcinomatöse Stenose einführte, also im
Prinzip dasselbe, was schon V. Czerny und Caan (17), sowie
Exner (18) bei ihren Therapieversuchen verwandten. Während
sich nun sonst die Berichte über die damit erzielten Resultate
vorsichtig aussprechen, hat Guisez glänzende Erfolge erzielt.
Palliative Wirkung war immer vorhanden, in einem Drittel der
Fälle bestand so große Besserung, daß die Ernährung wieder nor¬
mal möglich war, einige Male beobachtete er direkte Heilungen.
Guisez beobachtete bei den wenig granulierenden, mehr in¬
filtrierenden Carcinomformen, Bowie dem Scirrhus eine ausgiebigere
und dauerhaftere Wirkung des Radiums. Die Guisezschen Mit¬
teilungen sind ja sicherlich sehr erfreulich, doch sind sie mit
großer Reserve aufzunehmen. In erster Linie hat Guisez nur da
günstig gelegenen Fälle für seine Therapie ausgesucht, in denen
es auch wirklich gelang, die mit dem Radiumträger versehene
Bonde mitten in die carcinomatöse Stenose einzuführen. Zweitem»
scheint er seine Resultate mit großem Optimismus zu beurteilen
und er führt vieles auf die günstige Wirkung der Bestrahlung
zurück, was andere, mit den Erkrankungen des Oesophagus se r
vertraute Beobachter nicht in gleichem Maße gemacht hätten. *
kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die Sfcrahleutherapie ®
Oesophaguscarcinoms nur bescheidene Erfolge auf weist. Wernen
hat bei 19 Fällen einmal erhebliche Besserung gesehen,
Pin sch (20) hat unter 14 Oesophaguscarcinomen keine. 1™°»
und viermal Besserung beobachtet, Ridder (21) spricht in
wahrhaft klassisch geschriebenen Monographie der Speisero
erkrankungen auch nur von Besserungen durch Strahlentne P
in einzelnen Fällen und verhält sich der Dauerheilung ,
absolut skeptisch. Der Standpunkt Ridders dürfte dem
liehen Sachverhalt am meisten entsprechen. Man wird na
stets berechtigt sein, bei Oesophaguskrebs die Bestrahlung
radioaktiven Körpern vorzunehmen, ohne daß man jedoch sic
allzu optimistischen Standpunkt Guisez’ anzueignen brauen
Nicht völlig geklärt ist zurzeit die Bedeutung der
therapie für die Erkrankungen der Prostata. Die Prosta
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Original frnm
UNIVERSITÄT OF IOWA
21. März.
341
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12.
welche hier inFrage kommen, sind die Hypertrophien und maligne Neu¬
bildungen. Oefters ist der Praktiker im Einzelfall in die Lage versetzt,
entscheiden zu sollen, ob die chirurgische oder die bestrahlende The¬
rapie anzuempfehlen ist. Die Prostatahypertrophie ist heute eigent¬
lich eine chirurgisch zu behandelnde Erkrankung. Technische
Schwierigkeiten hat diese Operation nicht, indessen ist die Nach¬
behandlung nicht einfach nnd immer tritt die alte Streitfrage, ob
man das Prostatabett tamponieren soll oder nicht, in Erscheinung,
wenn ein Operierter an den Folgen der Operation zugrunde geht.
In diesen zeitig auftretenden Mißerfolgen liegt es begründet, daß
man doch immer wieder den Versuch macht, auf nichtoperativem
Wege zum Ziele zu gelangen. Wie ich bereits früher an dieser
Stelle hervorgehoben habe, ist es auffällig, daß gerade in Amerika,
wo doch die Freyersche Operation zuerst allgemein ausgeführt
wurde, auch wieder die nichtchirurgische Therapie zuerst an Boden
gewann. Die Erfolge der Myomhestrahlung wiesen ja eigentlich
sogar gebieterisch den Weg der Strahlenbehandlung auch bei der
Prostatahypertrophie und dennoch hat man sich ihr bei uns nie so
recht mit Entschiedenheit zugewandt. So hat ein so versierter
und in seinen Mitteilungen bo zuverlässiger Röntgenologe wie
H.E. Schmidt nur über einen einzigen Fall berichtet, in welchem
er eine Beseitigung der Harnbeschwerden und eine deutliche, wenn
auch nicht erhebliche Verkleinerung der Drüse durch Bestrahlung
erzielte. Schlaginweit macht darauf aufmerksam, daß bei dieser
Behandlung wohl Erfolge zu erzielen sind, daß jedoch Rezidive
auftreten und daß bei diesen Rezidiven bemerkenswerterweise sich
die Röntgenbehandlung noch als wirksam zeigt. Hänisch und
Hahn konnten bei einem Prostatiker klinische Besserungen durch
Bestrahlung erzielen, die jeweils sechs bis acht Monate anhielt.
Schlaginweit (22) berichtete 1903 über 53 bestrahlte Fälle, von
denen sich 23 als refraktär erwiesen, und kommt dabei zu folgen¬
dem Schlüsse: „Die starke Einwirkung der Strahlen auf die Prostata
ist, wenn auch bislang scheinbar regellos und unbeständig, zweifels¬
ohne oft sicher vorhanden, genügt aber nicht zur dauernden Be¬
seitigung des Resturins, was mir das Endziel aller Prostatiker¬
therapie erscheint.“ Hänisch (23) bezeichnet seine mit der Be¬
strahlung erzielten Erfolge als ähnlich denen anderer Autoren,
„wenn auch nicht so eklatant, wie sie manche gehabt haben“
(wobei zu berücksichtigen ist, daßHänischs Beobachtungen sich
stets durch große Zuverlässigkeit auszeichnen!). Hänisch betonte
auch damals schon, daß die dicken, weichen, glandulären Formen
sich besser zur Behandlung eignen als die fibrösen. 1911 haben
Wilms und Posner durch Hodenbestrahlung eine Prostata¬
schrumpfung erzielt, 1912 Ehrmann mit diesem Verfahren kli¬
nische Besserung beobachtet. In neuerer Zeit berichtet Har et (24)
(Paris) über eine Reihe von Fällen und erörtert im Anschluß daran
eine genaue Indikationsstellung für die Bestrahlung. Es sind für
letztere die mit Drüsenhypertrophie einhergehenden Formen ge¬
eignet, während die bindegewebige Form kontraindiziert erscheint,
also im wesentlichen dasselbe, was bereits Hänisch 1907 aus-
führte. Nach Haret sind besonders die beginnenden Fälle Ob¬
jekte für die Bestrahlung, die Heilwirkung der Röntgenstrahlen
ist hier schnell, dauernd und ausgezeichnet. Als Technik habe
sich Haret einfache Bestrahlung vom Damm aus bewährt.
Es steht somit augenblicklich die Frage der Bestrahlung der
Prostatabypertrophie so, daß w»»* die beginnenden Fälle zunächst
einer Bestrahlung zu unterwerfen berechtigt ist und die Behand¬
lung im Falle nicht genügender Wirkung nach kurzem abbricht.
H. E. Schmidt erwähnt, daß im Anschluß an die Bestrahlung
Eieber und stenokardische Anfälle auftreten können, die durch die
toxische Wirkung der infolge der Röntgenbestrahlung entstehenden
Zerfallsprodukte bedingt sind und bald wieder vorübergehen. Ich
persönlich neige nicht dazu, einem Prostatiker die Bestrahlungs¬
therapie vorzuschlagen, wenn nicht ganz bestimmte Gründe all¬
gemeiner Art gegen die Operation sprechen. Gerade der begin¬
nende Fall bietet die besten Aussichten für die chirurgische Be¬
handlung und man wird im Falle eines ungünstigen Ausgangs
immer den Vorwurf erhalten, daß man durch die Bestrahlung den
besten Zeitpunkt für die Operation verpaßt habe. Weiterhin ist
ute Unterscheidung, ob sich eine Prostatahypertrophie zur Be¬
strahlung eignet oder nicht, ob die parenchymatöse oder die binde¬
gewebige Form vorliegt, auch nicht so einfach. Und schließlich ist
es noch ein besonderer Einwand, der mir die Bestrahlung nicht
als empfehlenswert erscheinen läßt. Die Prostatektomie ist nur
s® lange eine einfache Operation, als sich die Drüse leicht aus
w Kapsel ausschälen läßt. Ist die Auslösung erschwert, so hört
Operation auf einfach zu sein. Da nun die Erfahrung gelehrt
daß Bestrahlungen zur Kapsel Verdickung führen, so werden
die bestrahlten Fälle der Operation wesentlichere Schwierigkeiten
bereiten als die nicht bestrahlten. Ich bin daher kein Anhänger
der Bestrahlungstherapie der Prostatahypertrophie. Wesentlich
anders liegt die Sache beim Prostatacarcinom. Dieses Caroinom
bietet chirurgisch keine gute Prognose und man kann hier von
der Strahlentherapie schon eher etwas erwarten. Man vermag
das Prostatacarcinom durch geschickte Verwendung von in das
Rectum und die Blase eingeführten Trägern radioaktiven Sub¬
stanzen direkt einem Kreuzfeuer auszusetzen und es hat insbeson¬
dere Hugo Schüller (25) (Wien) diese Technik vervollkommnet.
Ueber außerordentlich günstige Erfolge der Radiumtherapie der
Prostatatumoren berichten Degrais und Pasteau (26). Ob
die Beobachtung beider Autoren, daß vorher inoperable Fälle
durch die Bestrahlung operabel wurden, sich als wirklich zu¬
treffend erweist, bedarf noch sehr der Bestätigung.
Für die Strahlentherapie bei Basedowscher Krankheit nimmt,
wie schon früher, auch neuerdings wieder Holzknecht sehr ener¬
gisch das Wort, indem er hervorhebt, daß die Wirkung mit An¬
wendung der neuen Technik noch evidenter geworden, die Schäd¬
lichkeiten noch weiter zurückgetreten seien. Auch H. E. Schmidt
ist mit den Erfolgen der Bestrahlung bei Basedowscher Krank¬
heit so zufrieden, daß er in jedem Falle den Versuch der Röntgen¬
therapie anempfiehlt. Die Bestrahlung der Strumen kam durch
v. Eiseisberg in Mißkredit, der hei bestrahlten Fällen binde¬
gewebige Verwachsungen an der Kapsel beobachtete und darin
ein Operationshindernis erblickt. Holzkneoht (27) hat sich in
einer früheren Veröffentlichung dagegen gewandt, indem er sagt,
daß jede Bindegewebswirkung ausgeschlossen erscheint und es
sich nur um den Strumarest des zur Resorption gebrachten ober¬
flächlichen Parenchyms handeln könne. Der Ein wand Holz-
knechts mag pathologisch-anatomisch richtig sein — neuere For¬
schungen über die Prostatakapsel ließen sogar Analogieschlüsse
zu —, aber im Wesen besagt der Holz kn echt sehe Ein wand
eigentlich nichts gegenüber den Eiseisbergschen Feststellungen.
Wenn tatsächlich die Nachwirkung der Bestrahlung die Operation
erschwert, so ist dies ein so ernst zu nehmender Umstand, daß
er in erster Linie erörtert werden muß, ganz gleichgültig, ob dabei
ein pathologisch-anatomischer Befund richtig oder falsch gedeutet
ist. Es ist eben dann nötig, vorher viel genauer die Indikationen
festzulegen, welche Strumen für die Bestrahlung geeignet sind, und
alle zweifelhaften Fälle von der Strahlentherapie auszuschließen.
Diesen Versuch, genaue Indikationen aufzustellen, hat allerdings
Holzknecht früher auch gemacht, indem er für die akuten und
perakuten Basedowfälle die Bestrahlung, für die chronischen mit
drohender Myodegeneratio cordis die chirurgische Behandlung emp¬
fiehlt. Ob jedoch diese Aufstellung von Indikationen für die Be¬
strahlung einfach ist, muß indessen bezweifelt werden, denn auch
die anscheinend zunächst gut auf Bestrahlung reagierenden Strumen
zeigen nur eine vorübergehende Besserung. So berichtet auch
0 eli ler (28), daß die Bestrahlungserfolge bei Strumen ein befrie¬
digendes Resultat nicht gehabt haben. Auch Oehler betont, daß
die jungen parenchymatösen Kröpfe, besonders im Pubertätsalter,
sich für die Bestrahlung eignen, daß hingegen Kropfbnoten, die
die Erscheinung der Kompression und Verdrängung der Luftröhre
aufwoisen, ungeeignet erscheinen. Indessen traten bei den erfolg¬
reich behandelten Fällen doch wieder Rezidive auf, sodaß Oehler
im gesamten zu einem ablehnenden Urteil über die Strahlen¬
therapie der Struma gelangt. Selbstverständlich wird die Be¬
strahlung der Basedowfälle Immer wieder in Anwendung ge¬
langen, wenn die Patienten die Operation ablehnen oder wenn die
Operation zu große Gefahren bietet, ein Umstand, der seit An¬
wendung der Lokalanästhesie immer mehr in den Hintergrund tritt.
Erfreulich sind einige Ausblicke, welche sich für die Therapie der
Thymushyperplasien ergaben. Die Schwierigkeiten, die Thymus¬
hyperplasien richtig zu diagnostizieren, stehen ja der Bewertung
der Erfolge insofern noch im Wege, als man immer zu dem Ein¬
wand berechtigt ist, daß es sich im erfolgreich behandelten Falle
nicht um eine sichere Thymushyperplasie gehandelt habe. Die
Thymushyperplasie, deren klinische Diagnose sich auf den Nach¬
weis von Dyspnöe, Erstickungsanfällen und Stridor sowie auf das
Röntgenbild stützt, wird immer in vielen Fällen nicht diagnostiziert
bleiben, es wird aber die Möglichkeit, dieses Leiden gefahrlos zur
Heilung zu bringen, zweifellos dazu führen, daß man sich allgemein
mehr mit den Thymuserkrankungen beschäftigen wird und daß
man sich nicht erst durch den plötzlichen Todesfall des davon be¬
troffenen Individuums von der Tatsache einer Thymushyperplasie
überraschen läßt. Seit Heinecke 1903 die erhöhte Empfindlich¬
keit des lymphoiden Gewebes gegen Röntgenstrahlen beschrieb,
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Gck igle
Original frnm
UNIVERSUM OF IOWA
342
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12.
21. März.
hat sich eine Reihe von Autoren mit. dem Problem der Thymus- i
Beeinflussung durch Bestrahlung befaßt. Tierversuche von I
Lange, Rudberg sowie von A u b e r t i n und Bordet er- I
gaben, daß der Thymus unter dem Einflüsse der Bestrahlung j
leicht zum Schrumpfen zu bringen ist. Es war somit der Weg ;
geschaffen für eine ungefährliche Therapie dieses Leidens.
Während die operative Behandlung der Thymushyperplasie mit
einer Mortalität von einem Drittel der Fälle rechnen mußte, i
konnten jetzt sehr günstige Heilresultate veröffentlicht werden. |
Große Ziffern sind bis jetzt noch nicht mitgeteilt. So spricht !
W eil (2hi 11112 von elf bisher in der französischen Literatur mit-
getcilten radiologisch erfolgreich behandelten Fällen. Regaud
und U r e m i e u (30) berichten 1914 über acht beobachtete Thymus-
hvpertrophien, bei welchen sehr gute Resultate durch Strahlen-
Üu rapie erzielt wurden (bei zwei Kindern ist der verlier festgestellte
Thymusschatten auf der Röntgenplatte verschwunden), Sidney
Lange (31) gibt die Gesamtzahl der bis jetzt bekanntgewordenen,
erfolgreich mit Röntgenstrahlen behandelten Patienten auf nahezu
30 an, also alles sehr kleine Zahlen. Indessen dürfte an der
Wirksamkeit der Strahlen therapic kein Zweifel bestehen, während
es nicht sicher ist, daß es sich um Dauerresultato handelt. So hat
Eggers (32) beobachtet, daß der Rückbildung der Drüse sehr
rasch eine Neubildung von Drüseusubstanz folgt, eine zutreffende
Beobachtung, die Lange indessen nicht so hoch bewertet, daß
sie als Kontraindikation gegen die Bestrahlung verwendet werden
könnte. Man ist also berechtigt, in allen Fällen von Tlivmus-
hypertrophie, deren diagnostische Feststellung durch die Röntgen¬
untersuchungen Revhers (33) eine bemerkenswerte Förderung
erfahren haben, die Bestrahlung zu versuchen. Als Dosierung
wird sieh schon eine kräftige Dosis empfehlen. Da in vielen Fällen
von B a s e d o w scher Krankheit ein vergrößerter Thymus besteht
(die Angaben sprechen von 75, sogar von 95 °/ n ), so empfiehlt
L a n g e vor Basedowoperationen eine präoperative Röntgen¬
behandlung. um dadurch eine Thymusverkleinerimg zu erzielen.
In welcher Weise die Strahlung das Gewebe und die Vorgänge
im Körper selbst beeinflußt, hierüber liegen eine Reihe kleinerer
Arbeiten von Hassel bald) (34). Louis Wiekham (35),
F a 11 a (3b) und Bordier (37) vor. Das Licht kann als Kataly¬
sator wirken, das heißt einen freiwillig verlaufenden Prozeß mehr
oder weniger stark, mitunter kolossal beschleunigen. Dieser Pro¬
zeß verläuft auch im Dunkeln ebenso, nur unendlich viel langsamer
als bei Bestrahlung. Neben dieser Katalysatorwirkung kann das
Licht — und zwar ganz besonders das Licht von bestimmter
Wellenlänge — aber auch chemische Arbeit leisten, welche zu Pro¬
zessen führt, die sich im Dunkeln nicht vollziehen können, sich
wohl aber im Dunkeln zurückzuhilden vermögen —, mithin rever¬
sibel sind. Außer dieser direkten (chemischen) und indirekten
(katalytischen) Lichtwirkung kennen wir noch eine sensibilisie¬
rende. Ganz außerordentlich ist die Lichtwirkung auf die Haut, die
das Licht absorbiert. Hasselbalch bat diese Permenbilität der
Haut für kurzwelliges Licht zahlenmäßig festgestellt. Wir ersehen
daraus, daß das sehr kurzwellige Licht die Haut nicht mehr als
0.1 nun Tiefe durchdringt, daß jedoch wirksame Lichtstrahlen in
genügender Menge bis zu den gefüßführenden Papillen des Coriums
gelangen, wo sie bei ungestörter ('ireulation vom Blute verschluckt
werden. Da es nun eine blastogene Eigenschaft der Haut ist, licht¬
empfindlich zu sein und sie auf bestimmte pigmentophore Reize hin
Pigment zu bilden vermag |vgl. Jesiorek (38) |, so ist es ganz
selbstverständlich, daß die Haut in erster Linie die Effekte der Be¬
strahlung aufweist, die sich kundgeben in vier Aeußerungen: 1. ver¬
mehrtes Wachstum der Horngebilde, 2. vermehrte Pigmentbildung
nach reichlicher Ultraviolettbestrahlung (wobei zu bemerken ist,
daß das Pigment von den Kernen «1er Zellen selbst gebildet wird
und vollkommen unabhängig vom Blut entstehen soll), 3. werden
die Endotheben und Muskeln der cutanen und subcutancn Gefäße
durch die Lichteinwirkung mehr oder weniger dauernd erweitert,
infolgedessen auch das Lichterythem auftritt. (Vielleicht sind auch
die Teleangiektasien als Folge von übermäßigen Röntgenbestrah¬
lungen. die ja auch nur an präexistente Capillaren anknüpfen und
nicht Gefäßneubildungen darstellen, in diesem Sinne zu deuten, und
mir erscheint diese, meines Wissens noch nie ausgesprochene Er¬
klärung dieser Erscheinung ungezwungener zu sein als die sonst
üblichen Darlegungen der Ursachen der Teleangiektasiebildung.)
4. Werden noch die Nervenendigungen der Haut von verschiedenen
Wellenlängen verschieden beeinflußt, sodaß dadurch eine Beein¬
flussung der von der Haut ausgehenden Reflexe entsteht. Soweit
die örtliche Wirkung der Bestrahlung auf die Haut in der Dar¬
stellung Hasselbalcbs, die an sich nichts Neues bringt, aber
bekannte Dinge sehr anschaulich resümiert. Nun bemißt aber
Hasselbalch dem Lichte neben dieser örtlichen Einwirkung
noch eine weitere Bedeutung im Sinn einer Fernwirkung bei. indem
er den Einfluß des Lichterythems auf das Atemcentrum zum
Gegenstand eingehender Untersuchungen gemacht hat. Als das
Ergebnis dieser außerordentlich interessanten Spezialforsehung, die
H a s s e 1 b a 1 c h im Verein mit L i n d h a r d unternahm, ist die
Feststellung der Tatsache anzusehen, daß eine Ultraviolett¬
bestrahlung eines mäßig großen Hautbezirks bei einer Stärke, die
zum Erythem führt, eine Frequenzabnahme der Atmung und eine
Tiefenzunahme der Atemzüge herbeiführt. Diese Atemwirkung
kann Monate andauern und nach oft wiederholten Bestrahlungen
permanent werden. Ferner ist eine Erniedrigung des arteriellen
Blutdrucks gleichzeitig mit dem Eintreten des Lichterythems fest¬
stellbar gewesen, eine Beobachtung, die gerade jetzt eine erhöhte
Aufmerksamkeit verdient. Wir haben bis jetzt im Banne der
machtvoll ausgebauten Lehre der inneren Sekretion uns alle Bhu-
druckveränderungen nur denken können im Anschluß an Ver¬
änderungen in der Funktion der mit Hormonbildung ausgestatteten
Organe. Es hat nicht an Beobachtungen gefehlt, nach denen eine
Bestrahlung der Nebennieren die Hypertension herabsetzte und
Salle und v. Domarus (39) haben ja tatsächlich auch den
Nachweis geliefert, daß z. B. Thorium X in großen Dosen er¬
schöpfend auf die specifische Sekretion der Nebennieren wirkt und
daß also das chromaffine System durch Bestrahlung zweifellos
beeinflußbar ist. Mit sehr großem Rechte bezweifelten schon
Salle und v. Domarus, daß die Blutdrucksenkung nach Tho-
rhim-X-Applikation einzig und allein auf die Veränderungen im
Adrenalsystem zurückzuführen seien und es erscheint wirklich, daß
es sich außerdem noch um eine allgemeine Lichtwirkung handelt.
Da das Licht primär reduzierend, auf den Blutfarbstoff sekundär,
aber oxydierend wirkt, so wäre es schon denkbar, daß eben das
bestrahlte Hämoglobin einen schnelleren Verbrauch des im Blute
vorhandenen Adrenalins herbeiführt und so die Biutdrucksenkung
nach Bestrahlung sich erklären lasse.
Mit der Frage der Einwirkung radioaktiver Stoffe auf Fer¬
mente beschäftigt sich F a 11 a in einer Betrachtung der chemischen
und biologischen Wirkung der strahlenden Materie. Bekanntlich
wird eine solche Wirkung überhaupt bestritten. GudzenUdf
betont, daß ein Einfluß von ß- und y-Strahlen radioaktiver
Substanzen auf fermentative Prozesse nicht erwiesen ist, Paul
Krause (41) leugnet ihn gleichfalls. Falta hält es nun für
möglich, daß die Strahlen den Molekularverband labiler orga¬
nischer Substanz direkt zu lockern vermögen und daß nun die
Fermentwirkung nach dieser stattgehabten chemischen Labili¬
sierung eine erhöhte ist, daß wir es also mithin gar nicht mit einer
Fei ment beeinflussimg im engeren Sinne zu tun haben, sondern nur
mit einer Wirkung auf das Substrat, an welchem man die Er¬
scheinung beobachtet. Falta macht einen Unterschied zwischen
diesen Fermenten und den endocellulären Fermenten. Diese er¬
fahren durch Bestrahlung immer eine Förderung, besonders wenn
pathologische Gewebe (Uareinome, pneumonische Lungen) be¬
strahlt werden. Ob es sich dabei tatsächlich um eine Aktivierung
der intracellulären Fermente oder nur um chemische Labilisierung
des Substrats handelt, diese letzte Entscheidung wagt Falta
auch nicht auszusprechen.
Literatur: 1. Holzknecht. (Jahreskurse l ärztliche Fortbildung IWi
Aogustheft.) — 2. Kirchberg, Rechtliche Beurteilung der Röntgen- u. lUd'um-
Schädigungen. (Arch. u. Atlas d. normal, u. path. Anat in typischen Röntge*
bildern Bd. 32.) - 3. H. E. Schmidt, Röntgentherapie. (1913.) - 4. Weiterer,
Handbuch d. Röntgentherapie. (1914) — 5. Hans Meyer und Ritter, Experten*
teile Untersuchung zur biologischen Strahlenwirkung. (Kongr. d. Deutsch.
Röntgengesellsch. 1912) — C. Frank-Schulz. (Kongr. d. Deutsch. RöntgeDgeselUch.
1912) — Fritz M. Meyer, Zur Anwendung d. Rönfcgenstrahlen in der Der®*"'
logie. (Strahlenther. H. 11, S. 227.) — 8. Ritter und Tamm, Weitere Beiträge
zur Cholin-Wirkung. (Strahlenther. H. 11, S. 231.) — 9. Wiekham und Degri»,
Verwendung des Radiums bei der Behandlung der Hautepitheliome. (Laxarus,
Handb. d. Radiumbiologie 1913.) — 10. Flemming. Radium und Mesothorium
der Ophthalmologie. (Strahlenther. 1914, Bd. 4, H. 2.) - 11. Dore, Anwjodfflj
und Wirkung der Röntgenstrahlen bei Psoriasis und andern HautkranM®* 18 ,
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radiotherapeutiijuc. (Ann. de derm. 1905.) — 13. HaiberatÄdter, Verschwino™
sämtlicher Warzen nach Röntgenbehandlung einer kleinen Anzahl dorse •
(Derm. Woch. 1912, Nr. 50.) — 14. Delbanco, Verschwinden dor Warzen bei
Hände nach Röntgenbestrahlung einer Hand. (Derm. Woch. 1912, Nr.
15. Wiekham, Degrais und Belot, Wirkung des Radiums auf gewisse i .F_
trophien der Epidermis. (F. d. Röntg. Bd. 21, S. 316.) - 16. öaisei, Kafliu»
therapeutische Behandlung des Oosopbaguscarcinoms. (Strahlenther. Bd- '
— 17. Czerny und Caan, Radiumwirkung auf Carcinome und Sarkome. (Bai j
Handb. d Radiumbiologie 1913.) — 18. Exner. (Wr. kl. Woch. 1904, Nr J
HE Werner, Bericht über die therapeutische Tätigkeit des Samariter _
(Strahlenther. Bd. 5, H. 1.) — 20. Hayward Pinsch, Arbeitsbericht. a. d. W<uu
Institut in London. (Strahlenther. Bd. 5. H. 1.) — 21. Rldder, Die Erkrank«?
der Speiseröhre. (Kraus-Brugsch, Spezielle Pathologie a. Therapie lDBn
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UNIVERSUM OF IOWA
21. März.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12.
Krankheiten ) - 22. ScbUrintweft, Die Behandlung der Prostatahypertrophie
mit Rßnt^nstralilen. (Zt f. ürol. 1907, Bd. 1, 8. 61.) - 23. H&nisch, Ueber
die Röntgenbehandlung der Protatahypertrophie und ihre Technik. (M. med.
Woch 1907, Nr. 14.) — 24. Hayet, Behandlung der Prostatahyportrophie durch
die Radiotbenpie. (Strahlenther. Bd. 3, H. 2, S. 537.) — 25. Schüller, Technik
der Radium-Meaothoriumbestrahlung in der Urologie. (Strahlenther. Bd. 3, H. 2,
S 531) — 26. Degrals und Paateaa, Behandlung der Prostatatumoren durch das
Radiom (Strahlenther. Bd. 8, H. 2 . 8. 542.) — 27. Holzknecht (Jahreekurse
UntL Portbild. 1910. H. 8.) - 28 . Oehler. (M. med. Woch. 1914, Nr. 40, S. 2027.)
- 29 Well. (J. de Physiother. Dez. 1912.) — 30. Rdgaud und Cremleu, Ex¬
perimentelle Grundlagen der röntgentherapeutischen Behandlung der Thyraus-
hypertrophie. (Strahlenther. Bd. 4, fl. 2, 8. 708.) — 81. Sidney Lange, Gegen-
wirtig« Stand der Röntgenbehandlung der vergrößerten Thymus. (Strahlenther.
H. 11, S. 295.) - 82. Eggers. (Zt 1. Röntg. Bd. 15, H. 1 u. 2. - 33. Reyher,
Röntgenverfahren in der Kinderheilkunde. (Bibi, a physikal.-roed. Techniken
1912, Bd. 4.) - 34. Haaselbalch, Chemische und biologische Wirkung der Licht¬
strahlen. (Strahlenther. 1913, Bd. 2, H. 2.) — 35. Louia Wlckham. (4 Intern.
Kongr. f. Physiother. 1913.) — 36. Falta, Chemische und biologische Wirkung
der strahlenden Materie. (Strahlentbfer. 1913, Bd. 2, H. 2.) — 37. Bordier.
(4. Intern. Kongr. f. Physiother. 1913.) — 39. Jeaionek, Lichttherapio. (Jahres¬
kurse f. ärztl. Fortbildung 1912, Augustheft.) — 39. Salle und v. Domarus, Zur
biologischen Wirkung von Thorium X. (4. Intern. Kongr. f. Physiother. 1913)
40. Gudzent, Experimentelle Untersuchungen über die Beeinflussung von Fer¬
menten durch radioaktive Substanzen (Strahlenther. 1914, Bd. 4, H. 2.) —
41. Paul Krause. (10. Kongr. d. Deutsch. Röntgengesellsch. 1914. Kongreß-
bericht bBi Abfassung dieses Referats noch nicht im Drück erschienen.)
Aus den neuesten Zeitschriften.
Berliner klinische Wochenschrift 1915, Nr. 10. der Narkose (c
Goldscheider (Lille): Klinische Beobachtungen Aber Tetanus eine *Verrin
|m Felde. Häufig wurde beobachtet, daß der Tetanus die der Eintritts- ^ ^
pforte zunächst gelegenen Mtiskclgrappen zuerst befällt, daß auch bei j
entwickelten Allgemeinerscheinungen eine örtliche Bevorzugung derselben Gesellschaft in
erkennbar ist, und daß bei den zur Heilung gelangenden Fällen die ört- Fritz i
liehen Tetanussymptome sich zuletzt zuriickbilden. Die Reflexsteige- neues Sedativt
rangen bilden eine der auffälligsten Merkmale des Tetanus. Der Ba- dar°-estel
binskische Reflex findet sich bei Tetanus zum Teil als lokales Symptom, w j r j. en p® '
znm Teil als Zeichen einer allgemein gesteigerten Erregbarkeit. Der j ticum 0
Unterkiefer-Reflex ist gewöhnlich sehr erhöht. Zuweilen ist auch hier J ^i^^enform in
infolge spastischer Spannung der Masseteren die Auslösung des Reflexes | f o i^ en( j 0n ^age
unmöglich. Einen eigenartigen Anblick gewährt eine öfter zu beob- , g j n( j
achtende starke Contraction des Platysma beim leichten Klopfen auf den i j £Qnntc ^
Unterkiefer oder auf die Wangengegend. Ein bisher bei Tetanus nicht bc- j f es to-estel
achtete« Symptom besteht in der gesteigerten mechanischen Erregbarkeit j Uhlonh
der .Vervenstämme, wie wir sic von der Tetanie her kennen. Ein ziemlich I Bakferiennähr
häufiges Symptom ist eine Druckschmerzhaftigkeit hinter dem Kopfnickcr in CVmisch-Bakte
der Richtung gegen die Querfortsätze der Halswirbel. (Schluß folgt.) j Un^emac
J eg er (Breslau): Eine vereinfachte Methode der Intravenösen j • n] - J v
Zifikr von Medikamenten. Die Injektion geschieht in der Weise, daß .^o.^ben Si(
man die Nadel der Spritze in das äußere Ende eines in der Vene be- j ‘ W erik*n
festigten Schlauches einsticht und wie gewöhnlich injiziert. i ‘ ‘ on \r-
Münzer: Die Psyche des Verwundeten. Bei fast allen Schwer- J vor b Pl !
verwundeten macht sich zunächst die sogenannte Shockwirkung geltend, aus ir e"os.scn N-
die als eine nervöse Erschütterung stärksten Grads zu charakterisieren } • ~ ^V, .v /
ist. Der Sbockzustand hält nicht länger als 12 bis 24 Stunden an. Eine I eiD ^ j 1
zweite Gruppe umfaßt alle jene Verwundeten, die wir am besten vielleicht j u beschrieb
als traumatische Neurastheniker bezeichnen können. Ein endgültiges j beziehende App
Urteil über die psychische Widerstandskraft der Kriegsteilnehmer kann j ^ ßi oc k sc bäl c ,
erst auf Grund einer genauen Statistik nach Beendigung des Kriegs ab- I p . '
gegeben werden. I - Trnhna li
Vollmer: Ueber leichte Herzveränderungen bei Krfegstell- I j azaret t^ n der
aehmern. Es ist sehr wahrscheinlich, daß es sich bei den Beschwerden j p* c indes lande
und Erscheinungen bis zu deutlichsten Herzerweiterungen hin um rein i S t r( «kt haben I>
physikalische Vorgänge am Herzmuskel und seinem Klappenapparat j typhusschut
handelt ohne Mitspielen infektiöser Ursachen, lediglich als Folge einer
Ja«de» ungewohnten Anstrengung. 'Kn.nkheitXrch
Hasebrock (Hamburg): Ueber extrakardiale Krefslauftrieb- i u rin j )ie jj
trifte and Ihre Beziehung zum Adrenalin. Die Beobachtungen lassen j jj erz ’ ens (durch
keinen Zweifel mehr zn, daß das Adrenalin eine specifische Rolle auch bei der j hängig zum Teil
Nephritisdrucksleigening spielt, und zwar im nur maximalen Blutdrücke, i zwe j tens ( ^ e £ r
Fischer (Berlin): Ueber die generalisierte Form des Eccenin | Gentralnervensvs
nirgfnatuni. Die Mykose tritt an den freien Körperflächen im wesent- |
liehen in zwei Formen auf. Einmal als erythematöse, diffus schuppende I
I’fa^ues, meist in großer Anzahl, die zweite Form verläuft langsamer
«nd tritt als richtiger herpetischer Fleck auf mit eleviertem Rand und i
mehr oder weniger centraler Hoiiungstendenz.
Kottmaier (Hannover): Ueber Pellidol. Es empfiehlt sich,
woe, nicht eiternde Wunden in zweitägigem Wechsel mit Pellidolsalbe
ZTJ handeln. Sollte auf diese Weise ein Fortschritt in der Ueber-
hautnog nicht mehr zu konstatieren sein, so wird ein indifferenter,
trockener oder feuchter Verband die Wundgranulation wieder erneut auf
Pellidol reagieren lassen. Reckzeh (Berlin).
Deutsche medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. 10.
Rudolf Höher (Kiel): Reue Versuche uur Theorie der Narkose.
der Narkose (das heißt Hemmung der Erregbarkeit) eine Hemmung der
die normale Erregung charakterisierenden Permeabilitätssteigerung. also
eine Verringerung der Permeabilität der Zellen sei.
C. T. Xoaggerath: Beobachtungen aus der Freiburger Kinder¬
praxis. Festvortrag, gehalten in der Stiftungssitzung der Medizinischen
Gesellschaft in Freiburg am 17. November 1914.
Fritz Streblow (Berlin-Lichterfelde): Ueber Diogenal, ein
neues Sedativum und Hypnotlcum. r Das Präparat (von E. Merck in Dann¬
stadt dargestellt) ist ein Veronal mit einer Dibronpropylgruppo. Sedativ
wirken Dosen von 3mal täglich 0,5 bis 3mal täglich 1,0. Als Ilypno-
I ticum empfiehlt sich 1.0. Das Mittel kommt in Substanz- sowie in Ta-
| blettenform in den Handel. Die Mattigkeit und Abgeschlagenheit, die am
I folgenden Tage die Wohltat der meisten Schlafmittel wieder aufheben,
| sind beim Diogenal niemals aufgetreten. Auch eine kumulierende Wir-
! kung konnte bei den zahlreichen Füllen trotz protrahierten Gebrauchs
nicht festgestellt werden.
I Uhlonhuth und Messerschmidt: In Büchsen konservierte
Bakterlennährböden für den Feldgebranch. Sie werden von dem
Chemisch-Bakteriologischen Laboratorium der Elsiissischen Konserven¬
fabrik Ungemach A.-G., Schiltigheim bei Straßburg-Els., unter Kontrolle
in ähnlicher Weise wie Gemüse- und Fh'ischkonserven in Bleehbüebsen
abgegeben. Sie sind sofort gebrauchsfähig. Zum Anfertigen von Petri¬
schalen werden die Büchsen im Dampftopf oder im kochenden Wasser
etwa 20-30 Minuten lang gehalten, dann mit einem Büchsenöffner, des en
Schneide vorher abgebrannt wurde, aufgeschnitten und direkt in die Schalen
ausgegossen. Nach den Erfahrungen der Verfasser ist der Büchsemuihrboden
ein guter Ersatz der frisch im Laboratorium gekochten Nährböden.
L. Neumayer (München): Die Agglntinationsbatterlc. Der
genau beschriebene, von der Firma Lautenschliiger (München-Berlin) zu
beziehende Apparat beseitigt die hauptsächlichsten technischen Mängel
der Blockschälchenmethode.
Grober (Jena): Besonderheiten in Verlauf und Behandlung
des Typhus Im Felde. Die Fälle von Typhus, die heute in den
Lazaretten der deutschen Grenzländer liegen, sind solche, die sich im
Fe indeslande, das nicht hygienisch durchgearbeitet worden ist, ange-
stcckt haben. Die Widalschc Reaktion ist wenig brauchbar, sobald es sich
um typhusschutzgeimpfte Menschen handelt. Unbedingt wichtig bleibt
die bakteriologische Feststellung für die endgültige Genesung von der
Krankheit durch den notwendigen Nachweis der Bacillenfreiheit von Kot und
Urin. Die Haupttodesursache des Typhus bleibt einmal das Versagen des
Herzens (durch entzündliche und degenerative Vorgänge daselbst, ab¬
hängig zum Teil von den Bakterien seihst, zum Teil von ihren Giften),
zweitens die Erkrankung der Lungen und endlich die Beteiligrang des
Centralnervensystems, verursacht durch die Bakteriengifte. Beobachtet
Man kann zwar den Vorgang der Narkose in einem physikalisch oder Bäder strengen aber den Kreislauf ganz besonder
chemisch durchsichtigen Modell nachbilden. Aber nach den Modellstudien zeige zur Bäderbehandlung der Typhuskrynken 1
müß ,Da o immer wieder auf das Objekt der intakten Zellen zuriickgm’fen nommenheit und in der mangelhaften Atmung,
'ind das Anwendungsbereich der Modelle prüfen. In diesem Sinne hat begünstigen. Dazu genügen aber Bäder von 32
unter Leitung des Verfassers Vprsuche unternommen. Das Zell- ; 25° C abgekühlt werden mit Uebergießungcn
#*t für die Untersuchungen waren rote Blutkörperchen. Aus den i genannten Temperatur. Medikamente soll man m
P>DM beschriebenen Versuchen schließt der Verfasser, daß das Wesen ■ geben. Aber Pyramidon (sieben bis achtmal je 0
wurden im Felde zahlreiche ganz leichte Fälle, die in wenigen Tagen
beendet waren, allerdings oft genug mit Rückfällen verliefen, eine erhebliche
Anzahl mittelschwerer Erkrankungen (Dauer von 8 bis 14 Tagen), end¬
lich auch schwerere Fälle. Nicht selten war die erste Erkrankung leicht
oder mittelschwer, der Rückfall aber bedenklich. Darmerscheinungen
können stark in den Hintergrund treten, Blutungen wurden selten beob¬
achtet. Die stärkere Beteiligung des Kreislaufs ließ Venenthrombosen
mit ihren Folgen häufiger auftreten. Auch das Mittelohr, sogar beider¬
seits, war öfter beteiligt. Der Verfasser hat mehrere, allerdings später
ausheilende Erkrankungen"nach Typhus gesehen. Es empfiehlt sich, allen
Typhuskranken, bei denen auch nur der Verdacht auftaucht, daß während
eines längeren Transports das Herz nachlassen könnte, vorher Digitalis
zu geben. Wichtig ist auch Campheröl bei den ersten Anzeichen des
Nachlassens der Kreislauftätigkeit. Häufige Bäder und namentlich kühle
Bäder strengen aber den Kreislauf ganz besonders an. Die einzige An¬
zeige zur Bäderbehandlung der Typhuskrynken liegt in der starken Be¬
nommenheit und in der mangelhaften Atmung, die Lungenaffektionen
begünstigen. Dazu genügen aber Bäder von 32 oder 30° C, die bis zu
25° C abgekühlt werden mit Uebergießungcn von Wasser der letzt¬
genannten Temperatur. Medikamente soll man mir in bestimmten F.ill- n
geben. Aber Pyramidon (sieben bis achtmal je 0,1 g) stellt erhöhte An-
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344
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12.
21. März.
Sprüche an den Kreislauf, die bei den Typhuskranken verschiedene Male
zum Kollaps geführt haben.
Käthe: Steckschuß der Vena cava inferior. Mitgeteilt werden
die Krankengeschichte und das Sektionsprotokoll eines Falles von Schrap¬
nellbauchschuß (in der Lebergegend). Es war die Leber durchbohrt und
die Vena cava inferior verletzt worden. Es entwickelte sich eine wahr¬
scheinlich durch gasbildende Bakterien verursachte tödliche Peritonitis.
Der Darm aber erwies sich als unverletzt. In der Hohlvene fand sich
ein kirschkerngroßer, der Wand ziemlich fest anhaftender Thrombus.
Distalwiirts davon lag, eingebettet in einem napfförmigen, wandständigen
Thrombus, das Geschoß. Die Kugel rollte im Lumen des Gefäßes einige
Zentimeter abwärts und blieb an einer Stelle liegen, an der sich der
kirschkerngroße Thrombus befand. Später, vielleicht während des Trans¬
ports, rollte sie noch etwas weiter nach abwärts und setzte sich dort
fest, wo der napfförmige Thrombus zur Entwicklung kam. Der Tod ist
nicht durch Verblutung aus der Hohlveue erfolgt, was darauf zurück -
zuführen war, daß die zunehmende Drucksteigerung im Abdomen einen
Verschluß des Wanddefekts durch den sich gegenpressenden lieberlappen
bewirkt. (Außerdem ist infolge der ansaugenden Wirkung des Thorax
der Druck in der Hohlvene negativ oder recht gering.) Das Geschoß
aber hatte keinen totalen Verschluß der Cava herbeigeführt. Auch Blut¬
gerinnsel hatten das Loch in der Cavawand nicht verschlossen. Gleich¬
wohl ist anzunehmen, daß trotz der Wandverletzung ständig Blut die
Vene durchflossen hatte.
Galewsky (Dresden): Zur Behandlung und Prophylaxe der
Kleiderläuse. Für den einzelnen empfiehlt sich am besten: Ol. berga¬
mott. 10,0, Tinct. calami (30%ig) 90,0. Diese Lösung wird am Körper
und in die Kleider eingerieben. Ebenso dürften sich kleine Brustbeutel
Entzündungsreaktion um den tuberkulösen Herd, ungünstig die Folgen
der Allgemeinvergiftung, insbesondere die Herabsetzung der lokalen
Tuberkulinempfindlichkeit. Dagegen würde eine Herabsetzung der
allgemeinen Tuberkulinempfindlichkeit bei Erhaltung der lokalen
etwas Günstiges darstellen: es besagt, daß bei erhaltenem Vermögen
tuberkulöses Gewebe zu bilden, der Gehalt des Organismus au tuberkulösem
Gewebe genügend geworden ist, das heißt, daß tuberkulöse Herde zur
Abheilung gelangt sind. Die Tuberkulintlierapie verlangt daher: sehr
vorsichtiges Ansteigen der Dosen unter möglichster Verhütung von
Allgemeinreaktionen; leichteste Herdreaktion, um vor allem keine brüske
Absenkung und lokale Tuberkulinempfindlichkeit hervorzurufen. Die
Tuberkulinbehandlung ißt keine passive Immunisierungsmethode, das beißt,
es werden mit dem Tuberkulin keine fertigen Scbutzstoffe eingeleitet,
sie stellt jedoch auch — streng genommen — keine aktive Immunisie¬
rung dar. Der Weg, auf dem die Tuberkulinbehandlung unsere Heil¬
bestrebungen unterstützt, ißt die Herdreaktion mit ihren allerdings auch
schädlichen Nebenwirkungen; ihr Ziel: die Abheilung tuberkulöser Herde
bei vollem Vermögen, tuberkulöses Gewebe zu bilden, also unter Wahrung
des ßpecifi8chen Tuberkuloseschutzes.
Hauff (Bardenberg bei Aachen): Ein Fall von ansgedehnter
Darmruptar infolge von Preßluft. Dem Patienten war von einem Ar¬
beiter eiu Preßluftschlauch in den After eingeführt worden, sodaß die
Luft unter einem Drucke von sechs bis acht Atmosphären eindrang. Es
kam zur Kotperitonitis und zum Exitus.
H. E. Schmidt (Berlin): Zur Bewertung des Eisen-Elarsons.
Es handelt sich um eine Verbindung, in der das Eisen an einen Fett¬
körper gebunden ist. Eine jede der kleinen Tablettelien enthalt ’/a ing
(0.0005) Arsen und S cg (0,03) Ferrum reductum. Das Arsen dürfte hier
dazu eignen mit einer Filzeinlage, die ab und zu mit dieser Lösung an¬
gefeuchtet wird. Diese Lösung ist aber ziemlich kostspielig. Z\u* Be¬
handlung von Truppenmassen, für Gefangenenlager, empfiehlt sich daher
mehr, jedem einzelnen einen Naphthalinbeutel umzuhängeu oder ihm
kleine Mengen Naphthalin in die Kleider zu schütten. Außerdem muß in
die Strümpfe und Hosen 15%iger Naphthalinpuder eingostreut werden
und der Körper damit eingepudert werden, da, wenn man nur den Ober¬
körper mit Naphthalin behandelt, die Läuse bis in die Strümpfe aus¬
wandern, um dem Gerüche zu entgehen. Salben verwirft der Verfasser,
da sie verschmutzen, man auch die Läuse durch die Salbe nicht aus den
Kleidern vertreiben kann, während sich Puder und Spiritus in die
Kleidung bringen lassen.
Felix Hirschfeld (Berlin): Nochmals der Eiweißbedarf des
Menschen. Ein höherer Eiweißverbrauch ist zwar keineswegs schäd¬
lich, er ist aber auch nicht notwendig, und ein bedeutend niedrigerer
ist nicht nachteilig. F. Bruck.
Hermann Lüdke (Würzburg): Die Behandlung des Abdominal-
typhns mit intravenösen Injektionen von Albamosen. Die von Merck
bezogene Denteroalbumose wurde in 2 °/o iger und 4 % iger Lösung intra¬
venös zu 1 ccm injiziert. Bemerkenswert war eine schnelle, kritische
Entfieberung danach. Damit ging in mehr als der Hälfte der Fälle eine
Abkürzung des Krankheitsprozesses, eine schnellere Abheilung der orga¬
nischen Schädigungen einher. Diese künstlich herbeigeführte kritische
Entfieberung beim Typhus hat unmittelbar eine ähnliche Wirkung im
Gefolge wie die pneumonische Krise: unter starkem Schweißausbruche
tritt ein rapider Temperatur^ und Pulsabfall ein, auf den die Heilung
erfolgt, ohne daß der anatomische Krankbeitsprozeß abgeheilt wäre. Ro¬
seolen, Milzschwellung, Diazoreaktion, Leukopenie, leichtere Darmer-
schweningen wurden noch tagelang nach der Entfieberung nachgewiesen.
Georg Bessam (Breslau): Ueber die biologischen Vorgänge
bei der Tnberknlinbehandlnng. Es ist ein fundamentaler Fehler, durch
Tuberkulinbehandlung die lokale Tuberkulinüberempfindlichkeit herab¬
setzen zu wollen. Es kann vielmehr nur das Ziel sein, die lokale Re¬
aktionsfähigkeit zu steigern. (Die Allgemeinreaktion ist die Feine
des bei der Herdreaktion entstehenden und von hier in den Kreislauf
gelangenden Giftes, die Herdreaktion ist der Ausdruck der Reaktion
zwischen Tuberkulin und dein vorhandenen tuberkulösen Gewebe, die
Lokalreaktion ist der Ausdruck des Vermögens, auf Tuberktilinreiz
tuberkulöses Gewebe zu bilden.) Das Tuberkulin ist aber leider nur in I
sehr beschränktem Umfang imstande, die lokale Reaktionsfähigkeit zu '
steigern. Dafür aber vermag es doch in hinreichenden Dosen stets
die 'tuberkulöse Entzündung zu erhöhen, nämlich dadurch, daß es an |
tuberkulöses Gewebe herantritt und hier Herdreaktionen aus- I
löst. Durch Herdreaktionen können tuberkulöse Herde zur Aus- 1
Heilung gelangen. Herdreaktion führt aber auch zur schädigenden
A11 gern e i n reak tiou. So wird also mit jeder Herdreaktion gleich¬
zeitig etwas Günstiges und etwas Ungünstiges bewirkt: günstig ist die
Münchner medizinische Wochenschrift J915, Nr. 10.
gewissermaßen als „Katalysator“ wirken und die Eisenmenge durch die
Mitwirkung des Arsens einen sonst ihm nicht zukommenden Einfluß auf
das Knochenmark ausüben. Während das Arsen die Peristaltik des Darmes
lebhaft anregt, paralysiert das beigegebene Eisen anscheinend diese Wir¬
kung. Das .Mittel ist empfehlenswert.
Max von Gruber: Kriegsbereitschaft des Ernährungswcsens
und Biererzengnng. Im Gegensatz zu Eltzbacber fordert der Ver¬
fasser die Einstellung der Alkoholproduktion und insbesondere der Bier¬
erzeugung. Man solle die zur Herstellung des Biers erforderliche Gerste
nicht verbrauen, sondern für Brot und Mehlspeisen verwerten, ferner die
jetzt der Biergewinnung dienenden Bodenflächen zum Anbau einer ertrag¬
reichen Feldfrucht (Kartoffel) verwenden. Auch wenn wir die vom Bier¬
lande geerntete Kartoffel der menschlichen Ernährung nicht direkt, son¬
dern nur indirekt, indem wir sie an Schweine verfüttern, zuführten,
würden wir noch einen Gewinn an Calorien gegenüber dem Anbau von
Braugerste und Hopfen (der gar keine Nährstoffe liefert) erzielen. (Der
Verfasser betont noch bei dieser Gelegenheit, daß der Genuß von Alkohol
selbst schon eine Vergeudung von Energie, also von Nahrungsstoffen zur
Folge bat, da nach Versuchen von Durig schon die Menge von 30 g
Alkohol die Ausnützung des Nährwerts der zersetzten Nahrungsstoffe für
die Muskelarbeit um ein Achtel verringert.)
Feldärztliche Beilage Nr. 10,
Walther Straub (Freiburg i. Br.): Tetannstherapie mit Magne*
simnsulfat. Erfahrungen am tetanuskranken Menschen bei inter-
venöser Einführung des Magnesinmsulfats. Bisher wurde eine 3 %ige
Lösung benutzt, und zwar erhält der Patient etwas Magnesium inter¬
mittierend. Dabei werden Mengen zwischen 50 und 150 ccm iu ‘1 Mi-
nuten pro Infusion verwendet, diese Infusion wiederholt man nach Bedarf.
Das Auftreten von Schweiß ist ein sicherer Vorbote des wieder bevor¬
stehenden Maximums der Anfälle. Die im Krampfe befindliche Musku¬
latur wird durch das Magnesium vor der Normalen gelähmt, und zwar
nicht vollständig, sondern nur bis zu ihrer normalen Funktionsfiihiiikeit
W. Spielmeyer (München): Zar Behandlung „traumatischer
Epilepsie“ nach Hirnschußrerletzung. Durch regelmäßige und V st |'"
matische Abkühlung der Himoberflüche nach dem Vorschläge von V i -
heim Trendelenburg lassen sich die Rückenkriimpfe und epilepM‘ n
Anfälle günstig beeinflussen, namentlich, wenn ein Defekt im Sclni
knochen vorliegt und dadurch die Kühlung wirksam werden kann. Esvrui w
lange Zeit hindurch täglich eiu- bis zweimal eine halbe Stunde Kühlung 111
mit einem Eisbeutel oder auch nur mit Tüchern, die iu sehr kaltes NV a^er
getaucht waren, vorgenommen. Hat das Kiihlungsverfnhren keitica
folg und wird der Zustand bedrohlich, so soll man die Untersennei
der Rinde nach Wilhelm Trendclenburg in Erwägung ziehen. ^
lieh wird mau sich dazu leichter dort entschließen, wo parelhcln ^
scheinungeu schon vorhanden sind, wo also die Unterschneidniu: ‘
Rinde keine oder doch keine wesentliche Steigerung des
Ausfalls bewirken wird.
H Lehmann (Würzbürg): In8ektenpuIve^wertbestill^»^ ,n ?• *
kommt darauf an, ob das Insektenpulver nur aus geschlossenen 11
\
Ü
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21. März.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12.
315
knpfoheo von Chrysanthemum cinerarüfolium hergestellt wird, oder auch
jT t vf[iu'tt> Bliitenköpfohcn oder gar Stielteile zur Vermahlung verwandt
werden. Di«* insekticideu Prinzipien ßitzen ganz besonders in den
Sdieilienbliiten der Blütenköpfchen. Da nun in den geschlossenen Blüten-
köjifrlien noch alle Pollenkörner vorhanden sind, während sie in den
geöffneten nach und nach verstäuben und schließlich die ganzen Blüten
ausfallen, so hat man, wenn durch eine vom Verfasser genau beschrie¬
bene mikroskopische Methode die Pollenkörner gezählt werden, einen
euten Anhaltspunkt, ob es sich um ein wirksames oder schlechtes In-
Aitenpulver handelt, vorausgesetzt, daß das Pulver wirklich von Chry-
t i 7 - ■ s inthemiun cinerariifolium stammt. Der Verfasser gibt für dalmatinisches
Insektenpulver die Zahlenwerte genau an.
M. zur Verth: Heber Verwertbarkeit von Filtrierpapier and
chinesischem Papier statt Mull als Verbandstoff. Mull hat die beste
:2 Aulajinguiursfäliigkeit. Demnächst kommt Filtrierpapier und erst dann
das ungefärbte graugelbe chinesische Papier. Bei leicht und mittelstark
iitewulemden Wunden erwies sich das Filtrierpapier wie das chinesische
Papier als Mullersatz in zusammengeknüllfcem Zustande gut brauchbar.
Es empfiehlt sich aber, zwischen Papier und Wunde eine trennende Lage
jj, w Null an zu bringen.
Walk hoff (München): Ueber die Notwendigkeit sofortiger und
ausreichender Hilfe bei Kieferverletzten. Wichtig ist hierbei teils
ein«* richtige Schieiiung der Bruchstücke, teils Ersatz durch Gesichts-
prothescn der verlorengegangenen Teile, die auf chirurgischem Wege be-
[ki-l m der notwendigen Form nicht immer zu ersetzen oder in der
Form zu erhalten sind. Dazu müßten aber die maßgebenden Behörden eine
. systematische Organisation zahnärztlicher Hilfe im Kriege schaffen,
nmi zwar von den Feld- und Kriegslazaretten an bis zu den Heiraat-
liizaretten.
G. Krebs (Hildesheim): Ohrbeschädigangen Im Felde. Be¬
sprochen werden die selbständigen Ohrenkrankheiten im Felde, die Ver¬
letzungen des Ohres (direkte und indirekte) und die akustischen Schädi¬
gungen ohne jede äußere oder innere Verletzung.
rai ,„ Lewitt (Dresden): Ueber Nachbehandlung der im Kriege ver¬
wundeten Heeresangehörigen. Der wichtigste Teil dieser Nachbehand¬
lung ist die Massage und Krankengymnastik. Beides wird genau be¬
schrieben.
E. Vogt (Dresden): Sernmexanthem nach Tetannsantitoxln-
Injektion. Es trat in einem Fall am zehnten Tage nach der Injektion
ein. Das Allgemeinbefinden war nur leicht gestört. Der Verlauf ent¬
sprach vollkommen dem Bilde der Serumkrankheit, wie sie viel häufiger
nach der Einspritzung von Diphtherieheilserum beobachtet wird.
Eyselt: Ein einfaches Vorbereitnngsmittel gegen Verlausung
uud ihre Folgen. Der Schwefel an sich ist zwar geruchlos, entwickelt
aber in Berührung mit menschlichen Hautsekreten langsam Schwefel¬
wasserstoff. der auf die viel feineren Geruchsorgane der Insekten einen
abstoßenden Einfluß ausübt. Von diesen Erwägungen ausgehend, emp¬
fiehlt der Verfasser angelegentlichst Sulfur praecipitatum. In die
uniirewendete („links gemachte“) Unterkleidung wird der gefällte Schwefel
eineebüretet. Man braucht für ein Wolihemd zwei gehäufte Eßlöffel des
Pulvers, je einen für die Vorder- und einen für die Riickenfläche, kleinere
Mengen sind in die Aermel des Hemdes und in die Innenfläche der
f uterhosen rinzubürsten. Die Kleidungsstücke sind aber mindestens
-4 Stunden früher anzuziehen, als man mit verlausten Personen in Be-
nilimog kommt, da der Schwefel erst dann wirkt, wenn Schweiß genügend
auf ihn eingewirkt hat. Wird Sulfur praecipitatum auf verlauste
Kleider gestreut, so fallen die Läuse erst ab, wenn die geschwefelten
Kleidungsstücke eine Zeitlang getragen worden sind. Auch Wanzen,
Hohe, stechende Zweiflügler dürften durch diese Maßnahme abzuschrecken
'•iü. Der Schwefel kann wochenlang seine Wirkung entfalten, ohne die
Ihuit zu reizen, was man weder vom Naphthalin noch von den ätherischen
'Hu sagen kann. Denn diese beiden Mittel müssen, da sie sich zu
^bnell verflüchtigen, recht oft aufgetragen werden, was außerdem noch
^erlichen Geruch zur Folge hat und auch sehr kostspielig ist.
Springer: Offene Behandlung eifernder Wunden. Sie führte
eiflem Falle von komplizierter Fußgelenkverletzung, wo die Amputa-
,ll -' n ln ehr vermeidbar schien, mit einem Schlage zur Besserung
j SM schließlich zur Heilung.
V. Blumenthal: Der truppenärztlfche Bienst bei der Ka-
'alleriedtvislon. Ausführliche Schilderung des hier in Betracht kom-
■'nt'Eiden ärztlichen Dienstes, für den charakteristisch ist, daß alles in
K, ßter File zu geschehen hat. Hinter der Division stehen nicht, wie
•im Armeekorps, wohlorganisierte Sanitätskoinpagnien und nach Bedarf
•■' r ?Mog»*oe Feldlazarette. Was nicht von der eignen Truppe aus ver-
y "‘ r ' n Müßte Unter Umständen liegen bleiben.
1 Finch-h; Mitteilungen aus französischer Gefangenschaft
insbesondere ans einem französischen ßeserveiazarett. Der
* ( “c-ser kam mit seinem Truppenverbandplatz in die Hände der Fran¬
zosen. Er berichtet ausführlich über seine Erlebnisse und liebt diu
großen Mißstiinde hervor, die in dem französischen Lazarett herrsch len.
Persönlich wurde er von den französischen Aerzten durchaus kollegial
und auch von dem übrigen französischen Personal des Hospitals mit
großer Achtung behandelt. Seine Beköstigung aus der französischen
Küche des Hospitals war vorzüglich und unentgeltlich. Daneben bekam
er das Gehalt eines französischen Assistenzarztes voll ausgezahlt (192 M).
F. Bruck.
Therapeutische Notiz.
Ueber Erfahrungen mit Jodostarin
von Dr. W. Zeuner, Berlin.
In den Fällen, in denen es auf eine längere und gleichmäßigere
Jodwirkung ankommt, wird man sich organischer Präparate bedienen,
die nicht so leicht die Symptome einer Jodintoxikation hervorzurufen
pflegen. Von diesen organischen Jodpräparaten hat mir nun «las
Jodostarin bei der Jodbehandlung chronischer Leiden recht gute
Dienste geleistet.
Jodostarin „Koche“ ist das Dijodadditionsprodukt der Taririnsäure
mit einem Jodgehalte von 47,5 %. Es sind feine, geruch- und geschmack¬
lose, weiße Kiystallscbuppen, die in Wasser unlöslich, wenig löslich in
kaltem, leicht löslich in warmem Alkohol, Aether, Chloroform, Schwefel¬
kohlenstoff und Benzol sind. Was seine pharmakologischen Eigenschaften
anbetrifft, so ist außerordentlich wichtig, daß es den Magen unzersetzt
passiert und im alkalischen Darmsafte gespalten und also erst vom
Darm aus resorbiert wird. Die Resorption erfolgt vom Darm aus äußerst
prompt und vollständig.
Aus der Tatsache, daß in vielen Versuchen fast niemals in den
Faeces auch nur Spuren von Jod gefunden werden konnten, ergibt sich
als großer Vorzug, daß das Jodostarin vollständig vom Darm aus resor¬
biert und durch den Ham ausgeschieden wird, seine Ausnutzung und
Verwertung somit eine vollständige ist. Versuche betreffs Toxizität des
Präparats zeigten, daß 3,5 g pro Kilogramm Körpergewicht noch gut
vertragen wurden und erst 5 g pro Kilogramm bei Kaninchen eine tötende
Wirkung entfalten. (Bachem.)
Als besonders prägnante Eigenschaften des Jodostarins seien seine
Haltbarkeit, sein hoher Jodgehalt und sein außerordentlich
angenehmer Geschmack hervorgehoben. Die Jod-Taririnsaure ist
geruch- und geschmacklos, sodaß es möglich war, das Mittel in einer
angenehm schmeckenden Tablettenform herzustellen. Nach neuerlicher
Verbesserung des Geschmacks müssen die Jodostarintabletten sogar als
ganz besonders wohlschmeckend bezeichnet werden. Weiter ist seine
leichtere Resorbierbarkeit nebst völliger Ausnutzung, sowie
intensiver Wirkung und seine geringe Giftigkeit hervorzuheben.
Meine Erfahrungen mit der therapeutischen Kraft des Jodostarins
erstrecken sich über eine Beobachtungszeit von zwei Jahren; während
dieser Zeit wurden zirka 100 Fälle mit Jodostarin behandelt. Die
Kranken litten an solchen Leiden, bei denen sonst Jod angezeigt ist.
Demgemäß handelt es sich um Arteriosklerose, alte Lues und Kranke
mit Asthma und gewissen tuberkulösen Affektionen. Es ist natürlich
schwer, bei diesen Fällen den therapeutischen Erfolg kritisch rinzu¬
schätzen, da diese chronischen Leiden stets unregelmäßigen Schwan¬
kungen unterworfen sind. Ich kann deshalb nur mit Sicherheit das
Negative in den Vordergrund stellen und immer wieder betonen, daß ich
Schädigungen bei Gebrauch dps Jodostarins in keinem Falk* gesehen
habe. Stets wurde das-Jodostarin von meinen Patienten gern genommen
und ohne die Zeichen eines Jodismus während längerer Zeit vertragen.
Die vorteilhafte Form der kleinen Jodostarintabletten hat eine längere
Darreichung stets sehr bequem gestaltet. Ihre leichtere Resorbierbarkeit
führte niemals zu belästigenden Erscheinungen von seiten des Magen-
und Darmkanals. Ich habe stets die Beobachtung gemacht, daß
Jodostarin in analoger Darreichungsmenge wie die gebräuchliche sonstige
Jodkalimedikation von gleichem therapeutischen Effekt begleitet war.
Die Ursache beruht wohl vorwiegend auf der langsamen Ausscheidung
des Jodostarins aus dem Körper. Wenn nämlich das Jodostarin erst nach
Ablauf von 72 Stunden den Körper passiert hat, ist das Jodkali bereits in
einem Drittel der Zeit wieder vollständig aus dem Körper ausgeschieden.
Für die kassenärztliche Praxis kommt in Betracht, daß die Ta¬
bletten wegen ihres nicht hohen Preises auch von den Berliner Kranken¬
kassen freigegeben sind. Meine Erfahrungen basieren zum größten Teil
auf der Beobachtung an Patienten, bei denen häufige therapeutische Ver¬
suche konsequent und zuverlässig angestellt werden können. Wir er¬
blicken im Jodostarin ein zuverlässiges organisches Jodprii parat, das
wegen seines hohen Jodgehalts eine kräftige und gleichmäßige •lodtberapie
gewährleistet. Da es die Verdauuugsorgane in keiner Wei>r ungünstig
beeinflußt, sind die Jodostarintabletten besonders für die langfortgesetzte
Jodmedikation geeignet. *
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UNiVERSUY OF IOWA
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1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12.
21. März.
Wissenschaftliche Yerhandlnngen. — Berufs- und Standesfragen.
Neue Folge der „Wiener Medizinischen Presse“. Redigiert von Friv.-Doz . Dr. Anton Bum , Wien.
K. k. Gesellschaft der Aerste ln Wien«
Sitzung vom 12. März 1915.
V. Hecht demonstriert mehrere Soldaten, an welchen die
Behandlung der Gelenkskontraktnren sowie die Maßnahmen
zu ihrer Verhütung im Gipsverband gezeigt werden. Zur Be¬
handlung der Gelenkskontrakturen wird eine aus drei Teilen be¬
stehende Winkelschiene verwendet, welche um das Gelenk herum
angelegt wird; durch elastischen Zug wird die erwünschte Beu¬
gung oder Streckung erzeugt. Dieser Apparat, welcher leicht im¬
provisiert werden kann, eignet sich für fibröse und muskuläre
Kontrakturen, dagegen nicht für knöcherne. Um die Gelenkver¬
steifung im Gipsverband einzuschränken, läßt Vortr. die Finger
und Zehen frei und weist die Pat. an, sie zu bewegen. Da dies
von den Kranken manchmal nicht durchgeführt wird, so verwendet
er zur Erzeugung von Muskelkontraktionen den faradischen Strom,
die Applikation desselben erfolgt durch Fenster des Gipsverbandes,
die über den wichtigsten Nervenpunkten angelegt werden. Auf
diese Weise wird eine Art von Muskelgymnastik ausgeübt.
W. Neutra führt aus dem Nervenambulatorium des Garnison¬
spitals in Baden zwei Soldaten vor, bei welchen er eine hysterische
Astasie-Abasie durch Hypnose beseitigt hat. Bei einem Kranken
ist das Unvermögen zu gehen und zu stehen nach einem über¬
standenen Rheumatismus eingetreten. Pat. hatte dabei Schmerzen
und Zittern im ganzen Körper. Die Untersuchung ergab eine
Hypästhesie der ganzen Unken Körperhälfte, stark gesteigerte
Patellar- und Sehnenreflexe sowie Tachykardie. Pat. konnte nur
mit Hilfe von zwei Stöcken sich unter heftigem Zittern kurze Zeit
auf den Beinen erhalten. Es wurde ihm in Hypnose suggeriert,
daß er keine Schmerzen habe und gut gehen könne. Nach dem
Erwachen aus der Hypnose konnte er 20 Schritte unter Zittern
und Herzklopfen gehen; nach 12 Hypnosen war er vollständig ge¬
heilt. Der zweite Pat. hat eine fieberhafte Erkrankung durch¬
gemacht, worauf er nicht mehr gehen konnte. Er hatte Zittern
und Krämpfe am ganzen Körper, die durch eine fünfwöchentliche
Behandlung mit den verschiedensten Mitteln nicht behoben werden
konnten. Die Reflexe waren gesteigert. Durch eine einmalige
Hypnose wurde Pat. geheilt. In beiden Fällen traten die hysteri¬
schen Erscheinungen erst einige Zeit nach einer wirklichen Er¬
krankung auf.
H. R ei mann demonstriert aus dem Militärspital in Baden
2 Fälle von Kontrakturen des Ellbogen gelenkes nach Schu߬
verletzung, welche dorch Persuasion gebessert wurden. Die
Kontrakturen konnten durch keine Therapie beseitigt werden. Der
zweite Pat. hatte eine Krallenstellung der Finger. Durch Zureden
gelang es, die Pat. zu überzeugen, daß ihr Leiden nicht auf
organischer Basis beruht]; die Besserung trat hierauf sehr rasch ein.
W. Denk stellt mehrere Fälle vor, welche die Behandlung
infizierter Knochen- und Gelenksschüsse illustrieren, und
demonstriert zahlreiche Röntgenbilder. Bei Knochenschüssen, welche
mit Fistelbildung ausheilen, kommt das Debridement oder die
sekundäre Fisteloperation in Betracht, Bei dem ersteren Eingriff
werden die Knochensplitter entfernt, bei der sekundären Fistel¬
operation ist das Verfahren von Esmarch und Bier, welches für
die chronische Osteomyelitis angegeben wurde, am zweckmäßigsten.
Es wird der Knochen muldenförmig ausgemeißelt. Bei infizierten
Gelenkverletzungen soll man streng konservativ Vorgehen; es ge¬
lingt oft, durch Fixierung und hohe Salizyldosen eine Eiterung zu
verhüten. Wenn letztere aber doch eintritt, so muß man das
Gelenk aufklappen oder resezieren, letzteres namentlich in dem
Fall, wenn große Teile des Gelenkes weggerissen wurden. In
manchen Fällen muß die Amputation vorgenommen werden, wenn
die konservativen Methoden nicht zum Ziele führen.
E. Urbantschitsch stellt einen Knaben mit Tonsillitis
keratosa punctata vor. Pat. hat niemals an Halsbosch werden ge¬
litten. ln der letzten Zeit bekam er Schluckbeschwerden; die
Untersuchung ergab kleine weiße, harte, in einen Stachel aus¬
gehende Auflagerungen auf den Tonsillen. Die mikroskopische
Untersuchung ergab geschichtete verhornte Substanz, welche von
Plattenepithel überkleidet ist und Bakterien der Mundflora enthält.
0. Chiari bemerkt, daß die Fälle nicht gar selten sind; sie sind
meist chronisch. Die Affektion verursacht eigentlich keine Beschwerden.
M. Hajek weist darauf hin, daß die Pat. sehr schwer krank zu
sein glauben, wenn ihneif der Arzt nicht die Harmlosigkeit der Affektion
erklären kann. Wenn die Stachel ausgezogen werden, so wachsen sie
wieder nach. Eine Therapie ist nutzlos, die Affektion heilt nach einiger
Zeit von selbst,
M. Weil bespricht einen Fall, in welchem diese Hyperkeratosis
als Ursache von Fieber angesehen wurde. Die Untersuchung ergab, daß
Pat. an einer Pneumonie litt.
S. Gross und Vesely besprechen die Länsebekämpfiug
durch Texan. Die Bekämpfung der Läuse ist im Kriege sehr
wichtig, da sie den Flecktyphus übertragen. Zu ihrer Bekämpfung
dienen ätherische Oele, Benzin und Kresole. Die Anwendung der
läusevertreibenden oder läusetötenden Substanzen erfolgt in Salben,
in alkoholischer Lösung, in Einblasungen von Pulvern, z. B.
Naphthalin, oder Imprägnation der Unterwäsche mit einer Mischung
von Paraffin und ätherischen Oelen. Diese Methoden sind gut, sind
aber für die Massenprophylaxe weniger geeignet. Vortr. verwendet
zur Entlausung von Personen ein Gemisch von verschiedenen
ätherischen Oelen, welche von resinoiden Substanzen, Ketonen
und Aldehyden aufgenomtnen sind, wodurch die Verdampfung der
ätherischen Oele verlangsamt wird. Die Versuche bei fast
5000 Mann ergaben, daß dieses Gemisch, welchem die Vortr. den
Namen Texan gaben und welches, in zwei Säckchen eingenäht, auf
der Brust und auf dem Rücken getragen wird, die Läuse vertreibt.
Die Entlausung war in 4—5 Tagen vollzogen. Das Mittel ist
leicht herzustellen und anzuwenden. In vitro gehen Läuse, welche
ätherischen Dämpfen aasgesetzt sind, in einigen Tagen zugrunde:
wenn man den Luftzutritt gestattet, leben sie länger. Die Ver¬
suchssoldaten, bei denen das Texan dauernd angewendet wird,
sind bis heute läusefrei geblieben. Es behält seine Wirksamkeit
einige Monate.
W. Falta stellt einen 22jährigen Mann vor, welchen er
durch Kohlehydrat zuckerfrei gemacht hat. Pat. schied bei
Probekost 4 g Azeton und 230 g Zucker aus. Vortr. gelang es,
durch Abwechslung von strenger Kost mit Kohlehydraternährung
den Pat zucker- und azetonfrei zu machen. Pat. verträgt jetzt
eine größere Menge von Kohlehydraten täglich, ohne Zucker im
Harn zu bekommen.
S. Fränkel berichtet über ein neues Entlausungsmittel,
das Anisol. Zur Vertilgung von Läusen dienen verschiedene Mittel.
In den Kleidern werden Läuse durch eine l%ige Lösung von
Chlorkalk unter Zusatz einer äquivalenten Menge von Salzsäure
sofort getötet, die Nisse dagegen nicht, ebenso nicht durch Schwefe¬
lung. Die ätherischen Oele vertreiben die Läuse, ohne sie za töten.
Vortr. hat das Nelkenöl, dessen wirksamer Bestandteil das Eugenol
ist, das Anisöl mit dem wirksamen Bestandteil Anethol und
Safrol, welches aus Sassafras dargestellt wird, untersucht. Unter
diesen Substanzen ist Safrol die giftigste. Durch Buttersäure werden
Läuse in ] /2 Stunde abgetötet; auf dieser Substanz beruht wohl
die Wirksamkeit der Methode, Läuse durch fettimprägnierte Wäsche
abzuhalten. Als das beste Mittel zur Läusevertilgung wurde durch
Zulall das Anisol gefunden. Es ist für höhere Organismen indiffe¬
rent, auf niedrige Organismen wirkt es sehr toxisch, indem es
z. B. Läuse binnen wenigen Minuten abtötet. Es kann in größerer
i Menge hergestellt werden und wirkt nach Versuchen in vitro
| läusetötend, während die anderen Mittel nur die Läuse vertreiben.
St. Weidenfeld bemerkt, daß Bewohner der Karpathen ihre
Wäsche in ranziges Fett eintauchen, um so die Läuse abzuwebren. lhs
Wirksame ist hier die freie Fettsäure, welche die Läuse tötet, außerdem
können auf dem fettimprägniertiMi Stoff die Nisse von den Läusen mir
schlecht angeklebt werden. Es bedeutet einen großen Unterschied, «
die Läuse abgetötet oder nur vertrieben werden. Redner hat alyause
abhaltendes Verfahren die Imprägnierung der Wasche mit Paraffin an¬
gegeben, welchem Anisöl und andere ätherische Substanzen ziigosetxtsin-
A. Pick berichtet über die Versuche mit verschiedenen Substanz-
zur Entlausung. Es wurden Anisöl, Rosmarinöl, Oleum betuloo emp'
rheumaticum, welches zur Bereitung des Juchfcenpapiers verwendet wi .
geprüft. Die Läuse leben ohne Nahrungsaufnahme ca. 4 Tage, binir
ebenso langer Zeit kriechen aus clen Nissen die jungen Läuse ner •
es müssen also diese Substanzen längere Zeit angewendet werden. ^
wirksamsten erwiesen sich bei Versuchen in vitro das Anisöl tw .
Rosmarinöl. Das Oleum betulae brauchte längere Zeit zur Abtölung^
Läuse. Mit jeder der genannten Substanzen kann man eine j nl .
kung erzielen. Man bestreicht mit ihr entweder die Wäsche
prägniert mit ihr Papierstücke, welche unter der Wäsche getragen
Am wirksamsten hat sich die Salbenforni erwiesen; durch das k - a i en
wird nämlich auch das Saugen der Läuse erschwert und außerdem ^
ihre Atmungssfcigmen verstopft. Bei Anwendung von Salben gemifc
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UNIVERSUM OF IOWA
21 Marz.
1915 —MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 12.
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1 , creringere Konzentration des läusetötenden Mittels; bei den Versuchen
wurden 5°.„ige Salben angewendet. Von dieser Salbe genügen für einen
mehrtägigen Schutz 5g; es werden verschiedene Körperstellen jeden
3 .- 4 . Tag betupft. Um Verlauste zu entlausen, muß man größere Quan¬
titäten der Salbe, bis 20 g, anwenden ; unter Durchführung einer 2- bis
Utägigen Schmierkur sind die Läuse binnen 4 Tagen verschwunden. Wenn
jedoch der Entlauste dann nicht ein Entlausungsmittel wieder prophy¬
laktisch anwendet, so würde er wieder lausig werden. Zur Prophylaxe
— genügt die Anwendung von imprägnierten Papierstilckchen oder das Be-
tropfen mit ätherischen Oelen.
S. Gross weist darauf hin, daß Versuche in vitro nicht immer
7 , mit denen in vivo stimmen. Läuse saugen auch dort, wo ätherisches Oel
J ' aufgetropft wurde.
J. v. Winter bemerkt, daß Monturen, welche zur Desinfektion
■ i:7; - mittelst Dampfes oder Salfarkose eiDgeliefert werden, sich in sehr zer-
’U: knittertem Zustand befinden und nach der Desinfektion gewöhnlich ge-
i Pr-- bügelt werden. Dieses Bügeln soll energisch durchgeführt werden, da es
1 ein einfaches und sicheres Verfahren zur Abtötung von Nissen ist. H.
rV-
\ ortragsreihe des Zentralkomitees für das ärztliche Fort«
bildungswesen ln Preußen.
^ > Nachbehandlung der Verletzungen des Bewegungsapparates.
H;. n.
k i Rothmann (Berlin): Nachbehandlung der Verletzungen
U des centralen und peripheren Nervensystems. Die Beobach¬
te ■ taugen in diesem Kriege bestätigen vielfach die früheren Erfab-
wLU rangen and Experimente. Der Verlauf ist im allgemeinen ein sehr
Im:: günstiger, weil die Geschosse nicht so sehr große Defekte setzen
and schwere Störungen des Gehirns, wie bei den im Frieden be-
handelten Kranken, z. B. Arteriosklerose, fehlen. Ausfallserschei-
; V nungen verschwinden, weil die erhaltenen Teile die Funktion der
verletzten übernehmen durch Umgewöhnung und unter Vermitt-
lang von anderen Muskeln. Die Sprache, weil ursprünglich doppel-
3pj- . seitig angelegt, wird von der anderen Seite her ermöglicht. Das
: Großhirn tritt für das Kleinhirn ein. Ja, es können auch Zentren
; . ans der früheren Entwicklungsperiode des Menschen wieder in
, r Funktion treten. Oft ist der Schußkanal so klein, daß nur wenig
"... Substanz verloren geht, oft handelt es sich überhaupt nur um
eine Erschütterung. Anders ist es natürlich, wenn es zu großen
Abszessen gekommen ist. Sonst gibt es keinen Fall von Lähmung,
der nicht zurückginge. Am Bein dauert die Rückbildung zumeist
Wochen, am Arm 2—4 Monate. Man soll die Kontraktur-
f bildang vermeiden und muß dafür sorgen, daß am Arm die
- Strecker gekräftigt, das heißt durch Schienen unterstützt werden,
am Bein die Beuger, damit nicht durch das Ueberwiegen der
: Antagonisten eine dauernde Schädigung entstehe. Uebung ist in
allen Fällen rechtzeitig anzuwenden und stets beim Arm die ge¬
sunde Extremität zu kräftigen, da das dem Zentralorgan der Be¬
wegungen nützlich ist. Beim Rückenmarke sind die Verhältnisse
nicht so günstig wie beim Gehirn, aber auch hier kommt es, eben
weil die Lähmungen zumeist nur partielle sind, zu guten Resul-
Von der Operation rät R. energisch ab, wenn nicht das
Höntgenbild unzweifelhaft Anwesenheit von Sequestern ergibt.
Aach bei den Lähmungen der peripheren Nerven soll man lange
warten, weil noch nach 7—8 Monaten Restitution eintreten kann.
Der zweifellos durchschnittene Nerv soll natürlich zusammengenäht
werden. Aber in der Heilung befindliche verletzte Nerven werden
durch chirurgische Manipulationen schwer geschädigt. Das Nerven-
'jstem der Verwundeten ist oft ein sehr labiles. Energie des
Arztes, die auf den Pat. übergeht, leistet hier Großes. Es wäre
wünschenswert, daß die schlimmen Erfahrungen, die wir in der
UfaJlversicherung mit den Neurosen gemacht haben, uns nach
diesem Krieg erspart blieben.
Schütz (Berlin): Massage and medikomechanisehe Be-
nandlong. Die Methode der mechanischen Behandlung ist so sehr
physiologisch begründet durch lange Uebung in Friedenszeit, daß
Sle J efzt zum großen Nutzen für die Kriegsverwundeten ange-
^endet wird. Die träge Zirkulation der Blut- und Lymphbahnen
J ^ Stauung in den infiltrierten Narbengebieten durch
| trejchang in zentripetaler Richtung angeregt, die Ernährung ge¬
ordert und die Produkte der Ermüdung werden fortgeschafft,
energischer wirkt die Massage, die auch die flüssigen Exsudate
? dön Gelenkhöblen beseitigt. Die Schmerzen werden gemildert,
Ie Schwellung wird verringert und die Atrophie der Muskeln ver-
nnaert. Das ist alles durch Experimente am Tier erwiesen. Aehn-
f wirken Klopfen und gymnastische Uebungen. Die Hand des
4 rz * es ist nicht immer so exakt und nicht so ausdauernd, wie die
Apparate, die durch Zander eine große Vollkommenheit erlangt,
haben. Die Auswahl der Uebungen und die strenge Ueberwachung
ist natürlich erforderlich. Vibrations- und Klopfapparate sind durch
die Leistung der Hand nicht zu ersetzen. Die Krukenbergschen
I Pendelapparate leisten gleichfalls Außerordentliches. Nach der
Massage empfiehlt es sich, eine komprimierende Binde für 4 bis
6 Stunden anzulegen. Bei Lähmungserscheinungen sind stets
Streckbretter anzulegen, um die Kontraktur der Antagonisten zu
vermeiden. Bei Reizzuständen am Fuße sind Plattfußsohlen, even¬
tuell mit Ausschnitten für die empfindlichen Stellen, nützlich. Die
medikomechanisehe Behaudlung soll erst beginnen, wenn die
Wunden geschlossen sind. Eine genaue Untersuchung, auch mit
dem Röntgenapparat, ist immer erforderlich und eine sorgfältige
Aufnahme des Status, um später unterscheiden zu können, was
Kriegsverwundung war, was frühere Verletzung, was auf allge¬
meinen inneren Ursachen beruhend. Die Kriegsverwundeten unter¬
scheiden sich von den Unfallverletzten der Friedenszeit rühmlich
durch ihren Eifer und ihren lebhaften Wunsch, gesund zu werden.
Dafür ist ein Beweis, daß sie immer stärkere Gewichte bei den
Widerstandsbewegungen verlangen, während den Unfallverletzten
alle Widerstände zu schwer sind, ferner die Tatsache, daß unter
800 behandelten Kriegern durchschnittlich eine 25malige Behand¬
lung ausreichte, um völlige Heilung zu erzielen.
A. Laqueur (Berlin): Elektrisation, Heißlnftbehandlung,
Diathermie, Bäder« Die physikalischen Behandlungsmethoden
wollen die Schmerzen lindern, die Muskelentspannung bewirken
und Exsudate sowie Narbeninfiltrate beseitigen. Hierzu dienen
warme Bäder (von 35° C), Armbäder mit Staßfurter Salz und
Fußbäder. Wünschenswert wäre auch die Benutzung der öffent¬
lichen Schwimmbassins für die Kriegs verwundeten. Zur Behand¬
lung von Eiterungen und Fisteln eignen sich besonders Diathermie
und feuchte Wärme, diese besser als die trockene Wärme, weil
die Tiefenwirkung eine größere ist. Die Dampfdusche, die Hei߬
luftdusche, die Fangopackung wirken schmerzstillend und erweichend
auf die Kallusmassen. Sehr wirksam ist die künstliche Höhen¬
sonne. Zur Behandlung der Atrophie der Muskeln eignet sich die
Faradisation ebenso wie die Galvanisation, besser eine Kombination
beider Stromarten. Bei erloschener faradischer Erregbarkeit der
gelähmten Nerven kommt aber nur der galvanische Strom zur
Anwendung, und zwar bei vorhandener Anodenzuckung mit vor¬
wiegender Benutzung der Anode, im anderen Falle mit Verwen¬
dung der Kathode über dem gelähmten Muskelgebiete. Bei Neur¬
algien empfiehlt sich Anodengalvanisation mit 2—4 Milliampere
ohne Unterbrechungen, bei Parästhesien das faradische Zwei¬
zellenbad. Für Fälle hochgradiger Erregbarkeit, in denen man
nichts mit faradischer Wärme ausrichtet, empfiehlt Vortr. die
Blaulichtbehandlung, die ein mildes Wärmegefühl hervorruft. Die
Rotlichtbehandlung erzeugt noch mehr W % ärme und hat größere
Tiefenwirkung. Sie ist sogar bei pleuririschen Ergüssen von Nutzen.
Kleine Mitteilungen.
(M i 1 i t ärä r z 11 i c h e s.) An Stelle des verstorbenen Gen.-O.-St.-A.
Dr. Peck ist Gon.-St.-A. Dr. Erich Kunze zum Vorstand der
14. Abteilung im Kriegsministerium ernannt und Gen.-St.-A.
Prof. Dr. Robert R. v. Töply, Sanitätschef des 3. Armee-Etappen¬
kommandos, mit der Führung der Dienstagenden des Chefs des
militärärztlichen Korps betraut worden. — In Anerkennung tapferen
und aufopferungsvollen Verhaltens bzw. vorzüglicher Dienstleistung
vor dem Feinde ist dem Gen.-St.-A. Dr. L. Steinitzer des
5. Armee-Etappenkmdo. das Komturkreuz des Franz Josef-Ordens
am Bande des Militärverdienstkreuzes, dem St.-A. Dr. J. Schäffler
des Feld.-Sp. Nr. 5/3 das Offizierskrouz des Franz Josef-Ordens
mit dem Bande des Militärverdienstkreuzes, dem St.-A. Dr. H. Biso
der 17. I.-Div., R.-A. Dr. J. Seemann des I.-R. Nr. 90 und O.-A.
d. Res. H. Michelitsch des 1.-R. Nr. 4 das Ritterkreuz des Franz
Josef-Ordens am Bande des Militärverdienstkreuzes, dem A.-A.-St.
P. Sereg^ly des I.-R. Nr. 83 und Lst.-A.-A. Dr. O. Nagel des
Lst.-B. Nr. 29 das Goldene Verdienstkreuz mit der Krone am
Bande der Tapferkeitsmedaille verliehen, den O.-Ae. d. Res.
DDr. A. Eisenstädter des I.-R. Nr. 83, R. Friede des I.-R.
Nr. 93, dem St.-A. Dr. J. Fischer und A.-A. d. Res. Dr. A. Zanko
des I.-R. Nr. 84, Lst.-O.-A. Dr. V. Bonapace des Ldsch.-R. Nr. II
und Lst.-A.-A. Dr. R. Wilheim des Lst.-Etapp.-B. Nr. 111 die
a. h. belobende Anerkennung ausgesprochen worden. — Gen.-St.-A.
Dr. J. Majorkovits ist auf eigenes Ansuchen in den Ruhestand
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UNIVERSITÄT OF IOWA
1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. V>.
348
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versetzt worden. — Dem Gen.*St.-A. Dr. G. Kaodt wurde
anläßlich der Versetzung in den Ruhestand neuerlich die a. h. Zu¬
friedenheit bekanntgegeben.
(Dr. Josef Scholz.) Bin verdienstvoller Veteran des ärzt¬
lichen Standes, Dr. Josef Scholz, hat am 13. März das 80. Lebens¬
jahr vollendet. Der Jubilar, dereinst ein Führer des freisinnigen
Bürgertums, ist seinen Idealen bis in das hohe Greisenalter treu
geblieben. Auch im ärztlich-sozialen Leben Wiens hatte er stets
dort eine leitende Stelle inne, wo es galt, für die Prärogativen der
Aerzteschaft mannhaft einzutreten. Seit Dezennien leitet er einen
der rührigsten ärztlichen Vereine, jenen der südlichen Bezirke,
mit Takt und Tatkraft. Seine Opferwilligkeit für die Interessen
der Aerzteschaft, seine Korrektheit wird nur von jener persön¬
lichen Bescheidenheit übertroffen, die Auszeichnungen, Titel und
Ehrenstellen und auch heute jede laute Sympathiekundgebung der
Kollegen ablehnt. Möge ihm ein langer, ungetrübter Lebensabend
beschieden sein!
(Wiener Aerztekammer.) Leber Anregung des Perma¬
nenzkomitees der Wiener Aerztekammer und der Wiener wirt¬
schaftlichen Organisation hat am 10. März d. J. ein korporativer
Besuch des neuen Infektionsspitales in Meidling statt¬
gefunden, an welchem über 100 Wiener Aerzte und als Gäste der
Stadtphysikus Dr. Ludwig Petz und der Chefarzt des Franz Josef-
Spitals Dr. Teil aus Raab sowie mehrere amerikanische Aerzte
teilnahmen. Die Teilnehmer an der Exkursion wurden im Baracken-
spitale vom Sanitätsreferenten für Niederösterreich Hofrat Doktor
R. v. Kelly, vom Direktor des Kaiser Franz Josef-Spitales
Dr. Frieding er und vom gegenwärtigen Leiter der Infektions¬
abteilung Dr. Mora wetz erwartet. Letzterer begrüßte die Herren,
schilderte an der Hand eines Planes die Anlage des Baracken-
spitales und die in demselben getroffenen sanitären Maßregeln,
worauf die Teilnehmer in Gruppen sich zu den einzelnen Baracken
begaben, woselbst aus dem reichen Materiale von Blatternfällen —
das Spital beherbergt gegenwärtig 154 Patienten — eine Reihe
außerordentlich instruktiver Fälle von Bl&tternerkrankungen aller
Stadien und verschiedener Intensitäten zur Besichtigung kam.
Dr. Morawetz und die Aerzte des Spitals gaben hierzu die
entsprechenden wissenschaftlichen Erläuterungen. Zum Schluß der
für alle Teilnehmer außerordentlich instruktiven Exkursion sprach
der Kammerpräsident Prof. Dr. Finger im Namen der anwesenden
Aerzte Herrn Dr. Mora wetz den wärmsten Dank aus. Von der
beabsichtigten Demonstration von Flecktyphusfällen mußte abge¬
sehen werden, nachdem gegenwärtig sich kein zur Demonstration
geeigneter Fall im Spitale befindet und Herr Dr. Morawetz mit
Recht darauf hinwies, daß die Diagnose „Flecktyphus“ nicht aus
dem Exanthem, sondern nur aus der genauen Untersuchung des
Patienten, Verlauf der Fieberkurve, Blutuntersuchung etc. zu
stellen sei. #
(Wiener medizinisches Doktorenkollegium.) Montag,
22. März, 7 Uhr abends findet die diesjährige ordentliche General¬
versammlung des Kollegiums in dessen Lokalitäten, I., Franz
Josefs-Kai 65, statt. Ebenda wird um 6 Uhr die ordentliche I
Generalversammlung des Unterstützungsinstitutes abgehalten werden.
(Haftet der Militärarzt für den durch ärztliche Be¬
handlung einer Militärperson der letzteren verursachten
Schaden?) Diese Frage wurde jüngst durch den Obersten Ge¬
richtshof verneint. Der zu einem Landwehr-Infanterieregimente
eingerückte Kläger machte Schadenersatzansprüche gegen einen
Stabsarzt geltend, der ihn angeblich gegen seinen Willen und
ohne Einwilligung seines (des minorennen Klägers) Vaters im
Landwehrtruppenspital operiert hat. Die erste Instanz verwarf die
Einrede des Geklagten gegen die Unzulässigkeit des Rechtsweges,
da er als Staatsbeamter eine Amtshandlung vorgenommen habe.
Das Rekursgericht gab dieser Einrede statt und wies die Klage
ab. Der Oberste Gerichtshof hat dem Revisionsrekurse des kläge-
rischen Infanteristen aus nachfolgenden Gründen keine Folge
gegeben: Wie in der Klage angeführt wird, hat der Kläger bei
einem Landwehrinfanterieregimente Militärdienst geleistet; wegen
Krankheit wurde er ins Truppenspital geschafft und von dem
Beklagten als Leiter dieser Sanitätsanstalt einer Operation unter¬
zogen Bezüglich der Ausführung dieser Operation wird dem Be¬
klagten ein Verschulden zur Last gelegt und deshalb wird gegen
ihn Schadenersatzanspruch erhoben; die Sanitätspflege an den
Militärpersonen wird von der Militärverwaltung durch die Militär¬
ärzte und deren Hilfspersonal besorgt. Die Operation, die der
Beklagte vorgenommen hat, hat er in Ausübung seines öffentlichen
Sanitätsdienstes ausgeführt. Denn die erkrankte Militärperson ist
nach den Dienstes Vorschriften in das Truppenspital gewiesen und
wird daselbst von den dort hinkommandierten Militärärzten in
Ausübung ihres öffentlichen Sanitätsdienstes ärztlich behandelt;
hier kann also von einem privatrechtlichen Verhältnisse zwischen
der erkrankten Militärperson und dem behandelnden Militärarzt
nicht gesprochen werden. Vielmehr kommt die Bestimmung des
Hofdekrets vom 14. März 1806 zur Anwendung, wonach Staats¬
beamte ihrer Amtshandlungen wegen bei den Zivilgerichten niemals
belangt werden können. Mit Recht, hat das Rekursgericht der Ein¬
rede der Unzulässigkeit des Rechtsweges stattgegeben und nach
§ 42 der Jurisdiktionsnorm die Klage zurückgewiesen. Zugleich
wurde die Eintragung des folgenden Rechtsgrundsatzes in das
Spruchrepertorium beschlossen: „Forderungen gegen einen Militär-
arzt auf Ersatz des durch die ärztliche Behandlung einer Militär¬
person in dem Truppenspital entstandenen Schadens ist der
Rechtsweg verschlossen.“
(Aus Budapest) wird uns geschrieben: Das kön. ung. Mini¬
sterium als oberste Sanitätsbehörde hat zur ärztlichen Beobachtung
der vom nördlichen Kriegsschauplatz rücklangenden kranken
Soldaten in zwölf nordungarischen Städten Barackenspifcäler mit
einem Belagraum für 2000—5000 Betten errichtet und sucht zur
Bestreitung des ärztlichen Dienstes bürgerliche Aerzte, denen es
ein Diurnum von 30 K, Wohnung und Verpflegung anbietet. Das
Ministerium wandte sich diesbezüglich mit einem Zirkulare und
Fragebogen an die hauptstädtischen Aerzte. Falls der Aufruf nicht
zu befriedigendem Resultate führen sollte, wird auf Grund des
Kriegsleistungsgesetzes jeder männliche Arzt bis zum 50. Lebens¬
jahr zur militärischen Dienstleistung in diesen Beobachtungsspitälern
herangezogen werden. S.
(Aus Berlin) wird uns berichtet: Der Einfluß der neuen
Mehl- und Backvorschriften auf die Krankendiät wardt*
kürzlich in einer von Geh.-R. Schwalbe einberufenen Versamm¬
lung von Aerzten im Universitätsinstitut für Hygiene eingehend
erörtert. Der Versammlung wohnten Vertreter der Staats- und
Kommunalbehörden, der Bäckerinnung, der Landwirtschaftlichen
Hochschule und andere an dieser Frage interessierte Persönlich¬
keiten bei. Das Referat hatte Prof. Rosenheim (Berlin) über¬
nommen. In der Debatte nahmen die Geheimräte Flügge, Zuntz,
Klemperer, Ewald, Schmidt (Halle), die Professoren Albu,
Kuttner, Rosin, Kraus u. a. das Wort. Die überwiegende
Mehrzahl der Redner stimmte darin iiberein, daß — von wenigen
Fällen abgesehen - zu einer Aenderung der gegenwärtigen Kriegs¬
bestimmungen bezüglich des K-Brotes keine Veranlassung vor¬
liege. — Die deutschen Militärärzte, die seinerzeit vom Pariser
Militärgericht wegen Plünderns zu empfindlichen Gefängnisstrafen
verurteilt und in zweiter Instanz mit 4 gegen 3 Stimmen freigespro¬
chen worden waren, sind auf dem Wege über die Schweiz in der
deutschen Heimat eingetroffen. Sie werden der Vorgesetzten Militär¬
behörde genaueren Bericht erstatten.
(Statistik.) Vom 7. bis inklusive 13. März 1915 wurden i"
den Zivilspitälern Wiens 14.770 Personen behandelt. Hiervon wurden
2528 entlassen, 221 sind gestorben (7*8% des Abganges). In diesem /ert¬
räume wurden aus der Zivilbevölkerung Wiens in- und außerhalb der
Spitäler bei der k. k. n.-ö. Statthaitorei als erkrankt gemeldet: An
Blattern 76, Scharlach 105, Varizellen —, Diphtheritis 73, Mumps
Influenza —, Abdominalfcyphus 10, Dysenterie 1, Rotlauf —, Trachom -■>,
Milzbrand —, Wochenbettfieber 1, Flecktyphus 1, Cholera asiatica <
epidemische Genickstarre 2. In der Woche vom 28. Februar bis C Marz
1915 Bind in Wien 817 Personen gestorben (+ 44 gegen die ' or
woche).
(Mattonis Moorsalz.) Von den Leitungen vieler V. um •
Reserve- und Kriegshilfsspitäler und Spitäler dos Roten Kreuzes s
der Heinrich Mattoni A.-G. anerkennende Schreiben zugekommen
die vorzüglichen Erfolge, welche durch Anwendung von Mattums .
salz bei Ischias, Rheumatismus. Gelenksversteifungen,
Prozessen, zur Aufsaugung von Exsudaten und Nachbehandlung *-■
digter Knochen und Gelenke erzielt wurden.
Sitzungs-Kalendarium.
Dienstag, 23. Mürz. 7 Uhr. Oesterreichlsche Gesellschaft
hygiene. Hörsal v. Pirquet (IX., Lnzarettgasse 14). lro -
q not: Wesen und Wert der Impfung gegen Blattern.
Freitag, 26. Marz, 7 Uhr. K.k. Gesellschaft der Aerzte. l lX -’ lrJur
gasse 8.) ___
Herausgeber Eigentümer und Verleger : Urban & Schwarzenberg, Wien und Uerlin. Verantwmtlicher lb dakU ur li
Druck von (Jnttlieb (Untel & Cie., Wien, III., Müu/.gass« 0.
■ Österreich-Ungarn : Karl Urbau, U " n
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UNIVERSUM OF IOWA
Jfr. 13.
Wien, 28. März 1915.
XI. Jahrgang.
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Medizinische Klinik
Wochenschrift für praktische Ärzte
redigiert von D
Verlag von
Professor Dr* Kort Brandenburg |
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INHALT: Die Versorgung der Verwundetes und Erkrankten im Kriege: Prof. Dr. Emil Gotschlich. üeher Flerkfieber. Direktor Prof. Dr.
P. Treupel. KriYgsärztliehe Herzfragen. Priv.-Doz. Dr. Paul Hoffmann, Feber eine Methode, den Erfolg einer Nervennaht zu beurteilen (mit 2 Al>-
IfiEiin^enl rinfrage über die sympathische Ophthalmie im Zusammenhänge mit den Kriegsverletzungen des Auges. Prof. Dr. Karl Wal ko, Typhus abdo¬
minalis mit hümorrhagiseher Diathese (Schluß aus Nr. 12). Prof. Dr. F. Neu feid. Zur Bekämpfung des Fleckfiebers. — Referatenteil: Sammelreferat:
Prri. Dr. L Langstein und Dr. W. Usener, Aus dem Gebiete der Pädiatrie. Erkrankungen der Respirationsorgane. 11. Lunge und Pleura. — Aus
den neneaten Zeitschriften. — Bficherbesprechungen — Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Stundesfragen : K. k. Gesellschaft der
•b'izti’ in Wien. Kriegscbinirgische Abende in Budapest. Niederrheinische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde in Bonn. — Kleine Mitteilungen.
Dtr Verlag beh&U sieh dos ausschließlich* Recht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dieser Zeitschrift tum Erscheinen gelangenden Originalbeiträge vor.
Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege.
'v Ueber Fleckfieber
!; i
von
. v Prof. Dr. Emil Gotschlich,
1 ‘ v zurzeit in Halle a, S.
||,P -
ery:' Während meiner 18jährigen Tätigkeit als Ohof ries
i F: städtischen Gesundheitsamts von Alexandrien (Aegypten)
hatte ich öfter Gelegenheit, Beobachtungen über Fleckfieber
zu machen, das dort in manchen Jahren — zuletzt im Frtih-
phr 1914 — in Form größerer oder kleinerer Epidemien auf-
frat. Da meine Erfahrungen über Fleekfieber manches riar-
i'ictcu, das von der herkömmlichen Schilderung dieser In-
Hfionskrankhcit abweicht, so dürfte ihre kurze Mitteilung
®n so mehr gerechtfertigt- erscheinen, als das Fleckfieber
: gegenwärtig im Vordergründe des Interesses ärztlicher Kreise
v ' : >u ^ l!; doch diese Iseuche in mehreren Gefangenenlagern
llnffT ȟssisehen Gefangenen aufgetreten, und wenn es auch
'Mier stets gelungen ist. — dank den zielbewußten und ener-
-fxiiei) Maßnahmen, die sogleich von der Militärverwaltung
griffen wurden —, das Fobergreifen der Infektion auf die
/ä\iIIi!*volkcnmg zu verhindern, so ist immerhin mit der Mög-
f'ltkrit des Auftretens vereinzelter solcher Fälle zu rechnen
l,1 ‘ * d‘dialb die genaue Kenntnis des Fleckfiebers für den
piaktisriion Arzt gegenwärtig von besonderer Wichtigkeit.
; ll|p kurze Zusammenfassung der Forschungen über Fleck-
m ° r a,,s ;ien letzten Jahren ist vielleicht auch deshalb
mancfiein Kollegen willkommen, weil die Resultate dieser
"rx-lmugen zum großen Teil in ausländischen Zeitschriften
!l . ( n, aiKlin)aI in schwer zugänglichen Veröffentlichungen
j'iedergelegt sind und manche interessante Einzelheiten des-
u *'nicht zur Kenntnis eines größeren Leserkreises gelangen
konnten.
F! P as tfGftmwärtige V e r b r e i t u n g s g e b i e t des
‘‘ckfifl.iers in Europa erstreckt sieh auf Rußland. Galizien.
J ^ halkaiihinder und Irland, wo die Seuche endemisch herrscht
‘(‘'Jährlich in Form größerer oder kleinerer Epidemien atif-
n < ni liußimid sollen im Jahre 1013 über 120 000 Personen
Gm t leckfieber erlegen sein. Aus außereuropäischen Län-
( rn hegen Berichte über Fleekfieber vor: aus Asien in Palä-
iinlnh ,l ^ n lln( ^ Ja l )an ’ ans Nordafrika in Aegypten, Tunis
* iv ro .^°* aus Nordamerika in New York unter Einwanrie-
n jr ‘ll- s olie Krankheit), in Mexiko (dort „Tabarriillo“ ge-
Y ^ Eine dem Fleekfieber nahestehende, aber von ihm
0 (nrc l 1 das klinische Bild (Auftreten von Hautknoten
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und Drüsensehwellungen) als auch durch die Aetiologie (Ueber-
tragung durch eine Zecke, den Dennacentor venustus) streng
geschiedene Infektionkrankheit sui generis ist das nordameri-
kanisehe „Fleekfieber der Felsengehirge“ („Rocky-mountain-
fever", Spotted fever"). Ob übrigens das Fleckfieber selbst
eine ätiologisch vollständig einheitliche Infektionskrankheit
darstellt oder ob nicht — ähnlich wie bei Recurrens (und auch
beim „Spotted fever“) — eine Gruppe ätiologisch und klinisch
sehr nahe verwandter Infektionen unter dem Sammelnamen
„Fleekfieber" zusammengefaßt werden, wäre noch eingehend
zu untersuchen; auf diese Möglichkeit, die das Bestehen man¬
cher Differenzen in den Berichten der Beobachter aus ver¬
schiedenen Ländern erklären würde, hat bereits Naunyn 1 )
hingewiesen. Allerdings bietet sieh für die Erklärung eines
verschiedenen Verlaufs des Fleckfiehers in verschiedenen Län¬
dern auch eine andere, näherliegende Möglichkeit, nämlich
nach dem verschiedenen Grade der Durchseuchung der Be¬
völkerung. In Alexandrien z. B. tritt das Fleekfieber un¬
zweifelhaft unter der (mehr oder minder durchseuchten) ein-
g‘ bereuen Bevölkerung in viel milderer Form auf als unter
den (niehtriurehseiielUeii) Europäern: ich sah von den mir
unterstellten beamteten Aerzton im Laufe der verschiedenen
Fleckfieberepidemien, die ich dort verfolgen konnte, vier er¬
kranken, davon zwei Europäer und zwei Araber; die beiden
Europäer starben, die beiden Araber gena-en. -- Noch einige
Worte zur Nomenklatur der Krankheit; mit Recht hat
man in den letzten Jahren, nach dem Vorgänge von V u r s e h - ?
m a n n . dir allere Bezeichnung „Flecktyphus“ fallengelassen,
die noch aus einer Zeit stammt, da mail das Fleckfieber mit
dem Abriominaltyphiis zusammenwarf: auch in der neueren
französischen Literatur bürgert sieh (zuerst bei N i c o 11 e) der
Name „f'mvre exanthematique" statt des früher gebräuch-
liehen „tvollus exanthematique“ ein (Während der Abdominal¬
typhus als ..fievre typhoide“ oder „dothienenterie“ bezeichnet
wird); die Engländer bezeichnen das Fleekfieber immer noch
kurzweg als „typhus", während der Abdominaltyphus dort
„enteric fever“ heißt.
Das klinische Bild des Fleckfiebers findet meist
folgende herkömmliche Schilderung. Nach einer Inkubations¬
zeit von meist 10 bis 14, ausnahmsweise bis zu 20 Tagen (ich
selbst habe einmal einen Fall konstatiert, bei dem die Inkuba¬
tion sicher mindestens 20 Tage betrug), beginnt, die Erkran¬
kung plötzlich mit hohem Fieber, oft mit
D D. tu. W. 1913, S. 2388.
Original frnrri
UNIVERSITY OF IOWA
852
28. März.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr.13.
Schüttelfrost; der Puls ist von Anfängen
stark beschleunigt und es besteht auch, sogleich
in den ersten Tagen, ein schweres allge¬
meines Krankheitsgefühl mit starker A b g e -
schlagenheit, Kopf - und Gliederschmerzen.
Die Conjunctiven sind stark gerötet, das Gesicht rot und
gedunsen, die Zunge dick bräunlich belegt; oft besteht An¬
gina und Bronchitis. Unter zunehmender Schwere der
Allgemeinerkrankung (Benommenheit, Delirium) tritt am
dritten bis sechsten Tage nach Beginn der Krankheit das
Exanthem in Form Stecknadel- bis linsengroßer Roseolen
auf, die — zum Unterschied von Abdominaltyphus — meist
viel massenhafter und auf einen Schub auf treten und in ihrer
Lokalisation sich nicht nur auf Brust und Bauch beschränken,
sondern auch auf die Extremitäten verbreitet sind, während
Hals und Kopf frei bleiben; ein Teil dieser Roseolen erfährt
nach wenigen Tagen eine petechiale Umwandlung
durch Blutaustritt in ihrem Centrum; daneben treten auch
richtige kleine Haut- oder subconjunctivale Blu¬
tungen auf. Die Milz ist vergrößert, der Bauch
nicht aufgetrieben, der Stuhl meist angehalten. Das
Fieber bleibt meist eontinuierlich auf der Höhe zwischen 39
und 40 °; gegen Ende der zweiten Krankheitswoche tritt ent¬
weder unter zunehmender Verschlimmerung aller Symptome
(insbesondere der cerebralen) der Tod im Koma oder durch
Herzschwäche ein, oder das Fieber fällt kritisch ab
und der Zustand des Kranken bessert sich. Nach der Ent¬
fieberung folgt oft eine mehrtägige Periode mit subnor¬
malen Temperaturen bis zu 85°. Die Genesung
selbst erfolgt meist langsam; ja manche Kranke gehen noch
später unter Erscheinungen von Marasmus oder durch
Decubitus zugrunde. Unter den Komplikationen
sind am häufigsten solche von seiten der Atmungswege zu
nennen: Parotitis, Angina, Bronchitis, Bronchopneumonie.
Von diesem klassischen Krankheitsbilde, dessen einzelne
Züge ich nach meinen Erfahrungen in Alexandrien im großen
ganzen bestätigen kann, habe ich nun sehr häufig Ab¬
weichungen beobachtet. Das Fieber zeigt durchaus nicht
immer den typischen Verlauf, wie er in den Handbüchern ge¬
schildert ist; der Beginn der Erkrankung ist nicht immer so
akut. Das Fieber kann zuweilen erst innerhalb einiger Tage
bis über 39 0 steigen, die Temperaturkurve kann ganz unregel¬
mäßig sein, gelegentlich tiefe Remissionen zeigen, und die
Entfieberung lytisch erfolgen. Gelegentlich kommt es vor,
daß derselbe Patient gleichzeitig oder unmittelbar nachein¬
ander an Fleckfieber und Rückfallfieber erkrankt, wie denn
bekanntlich diese beiden Infektionskrankheiten häufig in der
gleichen Epidemie vergesellschaftet Vorkommen; in solchen
Fällen zeigt die Fieberkurve natürlich ein ganz unregelmäßiges
Bild. — D as Exanthem trat in den von mir in Alexandrien
beobachteten Fällen häufig nur in Form vereinzelter Roseolen
auf oder fehlte bei vielen Fällen gänzlich; hierbei ist aller¬
dings nicht zu verschweigen, daß die Erkennung spärlicher
Roseolen auf der bräunlich pigmentierten — und bei
den Angehörigen ärmerer Klassen durch Schmutz und
Ungeziefer oft arg verwahrlosten — Haut der Ein¬
geborenen große Schwierigkeiten macht. — Das größte
Gewicht muß ich aber nach meinen Erfahrungen in
Alexandrien auf das sehr häufige Vorkommen
leichtester Fälle legen, die innerhalb weniger Tage
ohne Exanthem und ohne schwerere Allgemeinerscheinungen
verlaufen und die außer leichtem Fieber, Angina, Abge-
schlagenheit und Gliederschmerzen keinerlei Symptome dar¬
bieten und daher sehr leicht mit Influenza zu
verwechseln sind. Solche Fälle kommen besonders am
Anfang einer Epidemie vor und können, wenn nicht rechtzeitig
erkannt, zu weitester unkontrollierbarer Verbreitung der
Seuche Anlaß geben. Ich beobachtete diese leichten
Formen des Fleckfiebers bei Erwachsenen, was ich
deshalb besonders betonen möchte, weil in den letzten Jahren
von mehreren Autoren über den leichten Verlauf des Fleck¬
fiebers bei Kindern berichtet wurde: so aus Tunis von Ni¬
co 11 e und Conseil 1 ), ferner aus Oesterreich von
Kulka 2 ) und Ganghofner 3 ). Eine indirekte Bestäti¬
gung dieser Erfahrungen betreffs des gutartigen Verlaufs des
Fleck fiebere bei Kindern kann ich auch für Alexandrien
geben, indem ich mich kaum daran erinnere, erkrankte
Kinder in unsern Fleckfieberbaracken gesehen zu haben; wahr¬
scheinlich waren die Kinder, wenn überhaupt, nur so leicht
erkrankt, daß ihre Erkrankung übersehen wurde; die ärmere
Bevölkerung im Orient nimmt ärztliche Hilfe ja nur in schweren
Fällen in Anspruch! Einmal sah ich eine Anzahl fieberhafter
Erkrankungen in einem arabischen Waisenasyle, die mir aus
epidemiologischen Gründen verdächtig auf Fleckfieber er¬
schienen, aber sämtlich so leicht und rasch abliefen, daß eine
sichere Diagnose unmöglich war. Von der verschiedenen
Empfänglichkeit verschiedener Rassen gegenüber dem Fleck¬
fieber, je nach de i Grade der Durchseuchung, habe ich schon
oben gesprochen.
Pathologische Anatomie. Die Leicheneröff-
nung ergibt nichts für den Krankheitsprozeß Charakteristi¬
sches. Abgesehen von den auf der äußeren Haut und gelegent¬
lich auf den serösen Häuten vorhandenen Blutungen habe ich
am bemerkenswertesten das Verhalten der Milz und der
Atmuiigsorgane gefunden. Die Milz zeigt ein wechselndes
Verhalten; manchmal ist sie nur wenig verändert, in der Mehr¬
zahl der Fälle aber fand ich — im Gegensatz zu Berichten
mehrerer Beobachter in Europa — die Milz stark vergrößert
und vor allem sehr blutreich und zerfließlich, von fast brei¬
artiger Konsistenz. An den oberen Atmungswegen finden sich,
entsprechend den im Leben beobachteten klinischen Sym¬
ptomen, stark entzündliche Prozesse; öfter fand ich an den
Tonsillen und im Larynx Geschwüre mit mißfarbenen, manch¬
mal fast an Diphtherie erinnernden Auflagerungen, eine Se¬
kundärinfektion, die meist durch Streptokokken bedingt war.
In den Lungen finden sich oft Hypostase und Bronchopneu¬
monie. Herr Prof. Dr. Kartulis in Alexandrien unter¬
suchte auf meine Bitte in zwei Fällen am Lebenden exeidierte
Hautstückchen aus Roseolen und konnte das Vorhandensein
der kleinzelligen Infiltration in den Wandungen der kleinsten
Arterien, wie sie von E. Fraenkel 4 ) beschrieben ist, be¬
stätigen.
Nach allem Vorangegangenen ist die Diagnose des
Fleckfiebers und seine Unterscheidung von andern ähnlichen
Infektionen nicht leicht. Sehr richtig sagt M ü h 1 e n s ), die
Hauptsache sei, daß man gegebenenfalls überhaupt an die
Möglichkeit von Fleckfieber denkt; gerade bei der Häufigkeit
leichtester imd atypischer Fälle kann ich nicht genug betonen,
daß an einem Orte, wo bereits Fleckfieber oder auch nur fleek-
fieberverdächtige Erkrankungen vorgekommen sind, oder
unter Verhältnissen, die eine Einschleppung der Seuche ar-
wahrscheinlich annehmen lassen, jeder Fall unaufgeklärter
fieberhafter Erkrankung — selbst leichtester Natur — aa
weiteres als verdächtig auf Fleckfieber anzusehen und dem
entsprechend zu behandeln ist. In differentialdiagnostiso
Beziehung macht bei leichten Fleckfieberfällen, wie
Influenza, die größten Schwierigkeiten; eventuell ' a
die bakteriologische Untersuchung des Sputums kan
schaffen. Schwerere Fleckfieberfälle mit atypischem, a ?
samerem Fieberbeginne und spärlichem Exanthem können
Abdominaltyphus verwechselt werden, wie ja * ^
überhaupt beide Krankheiten unter dem Namen „Typnus
sammengeworfen wurden; auch hier ist als sicherstes
rium die bakteriologische Untersuchung des durch ^
punktion entnommenen Bluts heranzuziehen, die bei
1 ) Gaz. dos Höpitaux 1912. Nr. 42. nK
2 ) Das östorr. Sanität swoson 1913, Jahrg. 35, S. louo.
3 ) Prag. m. Wsehr. 1913, Nr. 50.
4 ) M. m. W. 1914.
6 ; M. m. W. 1914, Nr. 44 u. 45.
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UNIVERSUM OF IOWA
28. März.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13.
353
dominaJtyphus im Beginn lind auf der Höhe des Fiebers fast
j D jedem Fall ein positives Kulturergebnis liefert; man ver-
gezse auch nie, ein Blutausstrichpräparat auf Recurrens-
u.‘- Spirochäten zu untersuchen (am einfachsten durch Färbung mit
konzentrierten) Z i e h I sehen Carbolfuchsin während mehrerer
Sekunden, nach Fixierung in Alkohol)! N i c o 11 e ! ) macht
auch auf die Möglichkeit der Verwechslung von Fleckfieber
mit gewissen eruptiven Formen der Malaria aufmerksam, eine
Eventualität, der gleichfalls mit Sicherheit durch Untersuchung
des Blutausstrichs (Giemsafärbung) zu begegnen ist. — Sehr
schwer verlaufende Fleckfioberfälle können, besonders wenn
man den Patienten erst sub finem vitae zu Gesicht bekommt
(wie das im Orient oft der Fall ist), zur Verwechslung mit
Lungenpest oder septikämischer Pest Anlaß
gehen, übrigens auch umgekehrt; ich hatte in Alexandrien ge-
migsam Gelegenheit, beide Krankheitsbilder zu sehen und kann
versichern, daß in solchen Fällen die klinische Differential-
diagno.se oft überhaupt unmöglich ist: dieselben schweren cere¬
bralen Erscheinungen, Apathie und Koma einerseits oder wilde
Delirien anderseits, derselbe Zustand von ausgesprochener
Herzschwäche, dazu im einen wie im andern Fall ein hämor¬
rhagisches Exanthem! Ganz besonders schwierig wird die
Differentialdiagnose, wenn der an Fleckfieber Erkrankte, wie
so oft, schwere Erscheinungen von seiten der oberen Atmungs¬
wege darbietet: Parotitis (täuscht Pestbubo vor!), Broncho¬
pneumonie, womöglich noch mit blutigem Sputum, das an
Lwigenpest. denken läßt; die einzige Sicherheit bietet die
bakteriologische -Untersuchung des Sputums
oder Rachensekrets (oder, falls ein Halsbubo vorhanden, des
durch Punktion des Bubos gewonnenen Saftes): auch hierbei
darf man sich nicht etwa mit derbloßen mikroskopischen Unter¬
suchung des Sputums begnügen, da zuweilen im Auswurfe
massenhaft Kapselbacillen Vorkommen, die durch Polfärbung
ganz wie Pestbacillen aussehen können; die kulturelle Unter¬
suchung und die Prüfung im Tierversuche nach den für die
Pestdiagnose geltenden Regeln führen unbedingt zum Ziele.
Ich selbst sah einmal inmitten einer kleinen Fleekfieberepi-
demie in einem Gefängnis einen solchen Fall mit blutigem
Auswurfe, der im Originalpräparat ein sehr pestverdächtiges
Bild hot: die weitere Untersuchung klärte den Fall voll¬
ständig auf.
Leider bietet die bakteriologische Untersuchung — die
sidi. wie wir gesehen haben, zur Erkennung der mit Fleck-
I" her zu verwechselnden ähnlichen Infektionen als so wert-
'"llos Kriterium bewährt — für die Erkennung des Fleck-
ii'btrs selbst nur negative Ergebnisse. Der Erreger des
Hcckfiebers ist nach seiner morphologischen i
N ‘i| e n °ch völlig unbekannt und vieles spricht dafür, 1
'PB wir es mit einem i n v i s i b 1 e n Virus zu tun haben 2 ). 1
V ,J i' n llns also die morphologische Erkenntnis des Fleck- I
fi« lirivrregers vorläufig verschlossen bleibt, so sind wir doch ^
' lll ' , r die biologischen Eigenschaften des i
‘ r u s, über die Verhältnisse der Ueber- *
f gung, ja sogar über den Sitz des Erregers im s
r k ra n k t c n Menschen, dank den Forschungen der f
' *Wire, in erster Linie durch N i c o 11 e und seine <
[ 'i. ;ir,, ‘it f, r ) sowie durch die amerikanischen Forscher
1 '* koj t s und Wilder,Anderson und Goldberger,
»avino und Gi rar d, 80 genau orientiert, daß sich auf
^^biologischen Erkenntnis eine zielbewußte rationelle
‘j Ann. Pasteur 1912.
I . p, ,\ ? b hetroffs der Beurteilung der von verschiedenen Autoren
I ' *■ o*t*ktieher erhobenen Bakterien- und .,Protozoen“-Befunde meine
<r'ttlkuijr j m „Handbuch der Hygiene“ von (trüber, Teubner
ijj’ ‘/‘äer. Bd. 3, 2. Abt.. S. 504 ff. Kurz ziisammenfasscnd läßt sieh
Klfi! - i 6 ® e ^ un( * e a ussagen. daß die naehgewiesenen Bakterien bei
■a] I 1118 sekundären Infektionen ihre Anwesenheit verdanken,
sfliri.j ° ^riienlu-funde darstellen, und daß die bei Kleektteber he-
M »Protozoen" in Wirklichkeit keine Mikroorganismen sind.
nilj! ^™ als Degenerationsprodukte der Blutzellen angesprochen werden
J ) Ann. Pasteur 1910, S. 243; 1911, S. 1 u. 97; 1912. S. 250 u. 332.
t Prophylaxe der Seuche sicher auf bauen läßt. Die Verhältnisse
- liegen hier ganz ähnlich wie beim Gelbfieber, dessen Erreger
- ja gleichfalls der direkten mikroskopischen Beobachtung un-
b zugänglich, aber in seinen Lebenseigenschaften inner- und
r außerhalb des erkrankten Menschen, insbesondere bezüglich
1 der Uebertragung durch eine Stechmücke (Stegomya) genau
• erkannt ist; bekanntlich hat ja auch die auf dieser Erkenntnis
i basierte Prophylaxe des Gelbfiebers bereits die schönsten
praktischen Erfolge gezeitigt. — Daß der Erreger des Fleck¬
fiebers im Blute des Erkrankten vorhanden sein müsse, ging
ja schon aus den positiven Resultaten der Blutübertragung
von Mensch zu Mensch, die Motschukowsky (Selbst¬
infektionsversuch) und Y e r s i n und V a 8 s e 1 anstellten, mit
aller Sicherheit hervor. N i c o 11 e bestätigte diese Erkenntnis
und schuf zugleich die Möglichkeit zum experimentellen Stu¬
dium des Fleckfiebers durch den Nachweis der U e b e r t r a g -
barkeit auf denAffen;alsam empfänglichsten erwies
sich der Schimpanse, bei dem schon nach subcutaner Ver¬
impfung eines Bruchteils eines Kubikzentimeters Blut vom
erkrankten Menschen eine der menschlichen Fleekfieber-
erkrankung recht ähnliche Infektion zustandekommt: nach
einer etwa zweiwöchigen Inkubationszeit erkrankt der Affe
mit Fieber von etwa acht- bis zehntägiger Dauer und einem
rotfleckigen Exanthem und Conjunctivitis; das Fieber endet
entweder mit dem Tode des Versuchstiers oder geht in Heilung
über, wobei aber auch nachträglich durch Marasmus (ganz
ähnlich wie beim Menschen) ein tödlicher Ausgang Zustande¬
kommen kann. Niedere Affen sind erst nach der Passage
des Virus durch den Anthropoiden oder direkt vom Menschen
nur durch Verimpfung größerer Blutmengen zu infizieren;
[ auch beim Meerschweinchen gelingt die Infektion, aber nur
I durch intraperitoneale Verimpfung von 4 bis 5 ccm des Bluts
von Fleckfieberkranken; auch beschränken sich die Symptome
dieser Infektion nur auf Fieber. Die andern gebräuchlichen
Laboratoriumstiere erwiesen sich als unempfänglich. Diese
Tierversuche haben nicht nur ein theoretisches, sondern auch
ein sehr erhebliches praktisches Interesse, weil sie ermög¬
lichten, die zeitliche Dauer der Infektiosität des Bluts beim
Fleckfieberkranken und sogar die Lokalisation des Erregers
in den verschiedenen Elementen des Bluts zu bestimmen: es
ergab sich, daß der an Fleckfieber erkrankte Mensch während
der ganzen Dauer des Fiebers und noch während der ersten
zwei Tage nach der Entfieberung infektiös ist. Nie olle
vermochte ferner durch getrennte Verimpfung der sorgfältig
voneinander geschiedenen Bestandteile des Bluts den Nach¬
weis zu führen, daß das Fleckfiebervirus mit
größter Wahrscheinlichkeit ausschlie߬
lich im Innern der weißen Blutkörperchen
lokalisiert ist. Das klare, vollständig von Zellen und
Zelltrümmern freie Blutserum enthält den Erreger nicht, wie
N i c o 11 e sowohl durch Tierversuche als auch durch 1 den
negativen Ausfall der Verimpfung eines solchen Serums an
sich selbst feststellen konnte (desgleichen erwies sich der
zellfreie Liquor cerebrospinalis als nicht infektiös). Das Virus
mußte also ausschließlich im Innern der geformten Elemente
des Bluts enthalten sein; durch geeignete Zentrifugierung des
Bluts gelang es Nie olle ferner, festzustellen, daß die die
Leukocyten enthaltende Schicht schon in winziger Dosis
(1 emm) sich als sicher infektiös erwies, während die (vom
Grunde des Zentrifugenglases entnommenen) roten Blut¬
körperchen für sich allein — ohne Beimischung von Leuko¬
cyten — selbst in einer mehr als 2000 fach größeren Dosis
im Tierversuche wirkungslos blieben.
Wichtiger noch für die Praxis als diese Tierversuche
mit experimenteller Blutverimpfung war aber noch der gleich¬
falls N i c o 11 e zuerst geglückte und seitdem von mehrfacher
Seite bestätigte Nachweis des natürlichen Ueber-
tragungs m o d u s der Infektion durch die Kleider¬
laus. Auch die Kopflaus vermag als Ueberträger zu
fungieren, wie später von Goldberger und A n d e r -
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UNiVERSUY OF IOWA
354
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13
28. März.
s o n ’) in Nordamerika naohgewiesen wurde. Es handelt sich
dabei nicht etwa um eine rein mechanische Lebertragung des
im Blut enthaltenen Virus: vielmehr findet im Körper der
Laus ganz sicher eine Vermehrung und Reifung des Fleck¬
fiebererregers statt, wie daraus hervorgeht, daß die Laus erst
frühestens fünf Tage nach dem Saugen von Fleckfieberblut
die Infektion zu übertragen vermag: auch erklärt sich nur so
der scheinbare Widerspruch, daß bei direkter Verimpfung
des Bluts vom Kranken auf niedere Affen zur Erreichung
eines positiven Resultats mehrere Kubikzentimeter Blut über¬
tragen werden müssen, während bei dem natürlichen Leber-
traguugsmodus durch die Laus eine so minimale Menge von
Material, wie sie durch den B i ß e i n e r e i n z i g e n L a u s
übertragen wird, zur Infektion a u s re i e h t \). Ob
auch die aus den Eiern (Nissen) infizierter Läuse aus¬
kriechende neue Generation von Lausen infektiös ist, steht
noch dahin: für das dein Fleekfieber sehr nahestehende, dureh
eine Zeeke übertragene Spotted fever“ ist dieser Nachweis
mit aller Sicherheit erbracht: auch würden in diesem Sinne
bei Fleckfieber vielleicht gewisse epidemiologische Erfah¬
rungen sprechen, die zu beweisen scheinen, daß das Virus
des Fleckfiebers in infiziertem Material (Kleider, Lumpen,
Bettstroh) lange Zeit haltbar ist: doch sind die biologischen
Verhältnisse der Läuse vorläufig noch zu wenig bekannt, als
daß über diese Frage schon gegenwärtig eine Entscheidung
getroffen werden könnte.
Die e p i d e m i o 1 o g i s e h e n E r f a h r u n g e n über
Fleekfieber stehen in voller Hebereinstimmung mit dem Re¬
sultate der andern ätiologischen Forschung, daß die natürliche
Uebertragung des Fleckfiebers durch die Läuse zustande-
kommt. In diesem Sinne spricht insbesondere die Tatsache,
daß die Ansteckungsfähigkeit des Fleekfiebers so überaus ver¬
schieden ist, je nach den äußeren Verhältnissen, unter denen
sich der Kranke befindet: während die Seuche bekanntlich
in elenden, schmutzigen und verlausten Wohnungen — und
insbesondere da., wo viele Menschen unter mangelhallen Be¬
dingungen der Reinlichkeit zusammengepfercht sind — rasend
schnell um sich greift und, wo sie sieh einmal eingenistet hat,
schwer nieder ausztirotten ist. zeigt dieselbe Infektionskrank¬
heit unter günstigen sozialen Bedingungen, da. wo Schmutz
und I ngeziefer ausgeschlossen sind, eine nur ganz geringe
oder überhaupt keine Kontagiosität. Aus Alexandrien kann
ich über zweierlei Erfahrungen berichten, die durchaus in
diesem Sinne sprechen. Erstens konnte ich zu wiederholten
Malen selbst beobachten, wie Patienten in reinlicher l m-
gt bung (z. B. die bereits erwähnten Fälle bei Aerzten) nie¬
mals zur Infektionsquelle für ihre Angehörigen wurden, und
das, obgleich häufig genug fortdauernd ein innig’r Kontakt
zwischen dem Kranken und seiner Eingebung staufand: da
damals auch keine gesetzliche Handhabe zur Isolierung von
Fleckfieberkranken vorhanden war (seit den letzten Jahren
hat sieh das mit dem Inkrafttreten eines Seuchengesetzes ge¬
ändert), so wurden die Patienten in der eignen Wohnung ver¬
pflegt und es kam vor. daß die Angehörigen den Kranken um¬
ringten, ja den Sterbenden u m a r m t, e n und küßt e n ,
ohne daß. wie gesagt, je ein Fall von Ansteckung in rein¬
lichem Milieu vorgekommen wäre. Mau konnte das nicht
etwa damit erklären, daß die Angehörigen der hygienisch
< »mistig bestellten Klassen dank ihrer besseren Ernährung von
der Seuche verschont geblieben wären: denn dieselben gut
ernährten Personen (Aerzte) erkrankten ja, sobald sie sieh der
Ansteckung an unreinlichen Orten aussetzten. Zweitens spricht
in demselben Sinne die zunächst sehr auffallende Tatsache,
daß in Alexandrien das Fleekfieber während der 18 Jahre, in
denen ich die Verhältnisse aus eigner Anschauung kenne, fast
immer nur als Gefängnisepidemie und nur ein einziges Mal
in Form einer größeren Epidemie in der Stadt selbst auftrat
uunl zwar dieses eine Mal ohne jeden Zusammenhang mit Ge-
r i PiiMic he*i111 1 Reports Bd. '27.
jl <• gl »> r und R r o w a % e k .
Nr. 0.
B. kl. \Y. 1013,
8. 20:15.
fängnisepidemien, sondern nach mehrfacher Einschleppung
von außen), sowie daß von den Gefängnisepidemien (obgleich
wiederholt die Seuche daselbst mehrere Hundert der Insassen
ergriff) meist nur sporadische Fälle in die Stadtbevölkerung
übertragen wurden. Im Lichte der neugewonnenen Erkennt¬
nis von der ätiologischen Bedeutung der Läuse als lieber träger
erklären sich diese Verhältnisse ungezwungen. Die Gefäng¬
nisse waren der Infektion deshalb sehr ausgesetzt, weil da¬
selbst Angehörige der niedersten Bevölkerungsschichten aus
den Dörfern des Nildeitas, wo das Fleekfieber endemisch
herrscht, zusammenströmten: wenn diese Leute aber entlassen
wurden, so geschah es nach Reinigungsbad und Desinfektion
der Kleidung, sodaß eine Uebertragung der Seuche durch
Läuse nach außen bin so gut wie ausgeschlossen war.
Sehr charakteristisch sind auch die von Conseil in
T u n i s gemachten Erfahrungen, daß die — sonst so ge¬
fürchteten — S p i t a 1 i n f e k t i o n e n mit Fleekfieber aus¬
nahmslos u u r a u f der A u f n a h in e s t a t i o n vorkanicn.
wo die Leute mit ihren verlausten Kleidern ankamen, dagegen
niemals im Innern des Hospitals, wohin die Kranken erst nach
erfolgter Entlausung und Wechsel der Kleider verbracht wor¬
den waren. — Die genannten epidemiologischen Erfahrungen
erlauben, in voller Uebercinstimmung mit der ätiologischen
Forschung, den Schluß, daß die Läuse in praxi die
e i n z i g e n Leb e r t r ä g e r des F 1 e c k f i e b e r s dar¬
stellen. Die Möglichkeit, daß durch direkte Blutübertragung
eine Ansteckung Zustandekommen kann, soll damit natürlich
nicht geleugnet- werden: aber das ist eben — genau wie hei
Malaria und Gelbfieber — nur eine theoretische Möglichkeit,
die unter den natürlichen Bedingungen der Uebertragung sich
nur selten verwirklicht finden dürfte. Früher hat man einer
(lin kten Ansteckung, namentlich durch die Luft, das Wort
geredet, und deshalb auch immer die Notwendigkeit einer mög¬
lichst intensiven Ventilation der Räume, in denen Fleckfieber¬
kranke isoliert werden, betont. Daß eine solche direkte Au-
steckung von Mensch zu Mensch (etwa durch Tröpfchen¬
infektion) unter natürlichen Verhältnissen nicht stattfindet,
dafür sprechen ganz unzweideutig die oben mitgeteilten epi-
demielugisi heu Tatsachen: und wie sehr die Rolle der Venti¬
lation überschätzt wurde, dafür als Beispiel aus meiner eignen
Erfahrung nur. daß ich eine Floekfieberepidemie auch unter
offenen Zelten auf einem Hafenquai sah. das heißt unter
dauernder intensiver Luftbewegung! Wir sehen ja an den
Beispielen der beiden durch ihren natürlichen l cbertragungs-
modus dem Fleekfieber analogen Infektionskrankheiten Ma¬
laria und Gelbfieber, wie sehr unter dem Einfluß irriger theo¬
retischer Voraussetzungen an sieh richtige Beobachtungen doch
zu falschen epidemiologischen Schlußfolgerungen fiihien
können; bei diesen beiden Krankheiten nahm man die bnt-
stchungsursaehe als in einem ..sieehhaften“ Boden liegend an
und glaubte an Uebcriraguiig dureh die Luft, bis der Iolt¬
seh ritt. der ätiologischen Erkenntnis dartat. daß die Über¬
tragung einzig und allein durch gewisse Miickenarten Satt
findet und daß Boden und Luft nur insoweit in betau it
kommen, als die lokalen Verhältnisse für die Entwicklung w«
den Transport der Mücken mehr oder minder günstig«? K
hältnissc bieten. Beim Fleekfieber ist der Ursprung dei fiü' 1 '
(und bis heute noch) so verbreiteten Anschauung u>11 u '
Lebertragamg durch die Luft offenbar in der an sich dun u' u
richtigen Beobachtung zu suchen, daß zuweilen schon < l
ganz kurz dauernder Aulenthalt im Krankenzimmer z,, i ‘ ^
steckung genügte: daraus glaubte man auf ein -Hii« 11 -’
Kontagium". ähnlich wie bei den akuten Exanthemen '*■
sein, Scharlach, Pocken, Windpocken) — denen das y
lieber ja früher angereiht wurde —, schließen zu müssen- ^
genannten akuten Exantheme zeigen aber nicht J enl ‘
| lallende Versrhiedenhrit .der Ansteckungsfähigkeit untm ^
sehiedenen äußeren Bedingungen, wie sie das Ideckfie >u ‘
raktevisiert: dieses Verhalten deutet auf die Mitwirkung
vom Kleekfichervirus unabhängigen äußeren Faktors. (
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UMIVERSITY OF IOWA
28. März.
Vorhandensein oder Fehlen die verschiedene Ansteck migs-
f/iliigkeit bedingt, und dieser Faktor ist eben durch die ätio-
l^isrlie Forschung in der Laus gefunden, die den einzigen
praktisch in Betracht kommenden Ueberträger des Fleckfiebers
darstellt.
I m m u 11 i tiit und Serumreaktione n. Das
l'hckfieber hinterUißt bekanntlich eine langandauernde Im¬
munität. eine Tatsache, die durch die Tierversuche N i c o 11 e s
voll und ganz bestätigt wird. Leider lassen diese' Tier¬
versuche die Hoffnung, daß es gelingen werde, eine Schutz¬
impfung mit allgeschwächtem Virus zu erzielen, nur als ge-
rfurr erscheinen: Xi co 11 e fand nämlich, daß eine sichere,
hi Uganda uernde aktive Immunität nur nach schweren Infek¬
tionen statthatte und daß nach erfolglosen Impfungen z. B.
mit inaktiviertem Virus (durch Erhitzen auf 50 °) die Immu¬
nität völlig ausblieb. Dagegen ergab der Tierversuch die Mög- i
lidikeit einer passiven Immunisierung durch Injektion von
Jh konvaleszentenserum; das Serum muß zwischen dem neunten
und zwölften Tage nach der Entfieberung entnommen werden,
da sich die Schutzwirkung später bald wieder verliert. Auch
eine gewisse Heilwirkung gegenüber der bereits ausgebrochenen
Infektion ließ sieh im Tierversuche nachweisen; doch waren
die Ergebnisse, die X i c o 11 e bei Heilversuchen an Menschen
hatte, fast völlig negativ. — Verschiedene Autoren haben
l’iitersuclumgcii über die Existenz einer Komplement-
I) i n d u n g zwischen Serum von Fleckfieberkranken einerseits
und nrganextrakt von Fleckfieberleiclien anderseits angestellt.
Die erste kurze Notiz über positive Reaktionen stammt von
tat hoi re aus Tunis; bei Fleckfieberfällen aus den Balkan-
liinderii fand Mar kl*) nur geringe specifische Komplement-
hindniig und Arzt und Kerl 2 ) hatten sogar durchaus nega¬
tive Ergebnisse. Ich habe im Frühjahr 1914 durch Herrn
Dr. ('. Delta, Vorstand des bakteriologischen Laboratoriums
am städtischen Gesundheitsamt in Alexandrien, Versuche über
Konipleiiientbindung—teils mit speeifisehem Organextrakt von
Fhrkfieber. in der Mehrzahl der Fälle mit luetischem Leber¬
extrakt — ansteilen lassen, aus denen sich ergab, daß fast in
allen Fällen von Fleckfieber eine deutliche Komple*
m eii 11) i n (1 u n g mit dem Krankenserum nachweisbar war,
doch fa stim mererstin der Defervescenz oder
g a r e r s t nach der Entfieberung; das macht natür¬
lich die Verwendbarkeit der Reaktion für die Frühdiagnose
wofür eine zuverlässige serologische Methode gerade am
meisten willkommen wäre) illusorisch; doch wäre die Methode
vielleicht beim Ausbruch einer Epidemie für die nachträgliche
Aufdeckung verdächtiger erster Fälle brauchbar. Auch hier-
Imi ist jedoch zu bedenken, daß nach unsern Erfahrungen bei
•Imi ägyptischen Fällen die Reaktion rasch wieder ver¬
schwindet. spätestens binnen einiger Wochen.
Die T h e r a p i e des Fleckfiebers ist bisher rein sympto¬
matisch. da ein specifische* Mittel gegen das Virus noch un-
bekannt ist. Salvarsan, Adrenalin und Emetin sind von X i -
rn 10 ohne jeden Erfolg versucht worden; desgleichen hatten
M ii h 1 e n s mit Arsalyt, sowie (I a v i n o und Girard mit
Lypanblau durchaus negative Ergebnisse. Daß auch die In¬
jektion von Rekonvaleszentenserum nach X i c o 11 e beim er¬
krankten Menschen so gut wie wirkungslos ist, wurde schon
'•l'cn erwähnt: da einige praktische Aerzte über günstige Er-
h'lgc dieser Methode berichten (Angaben bei X i c o 11 e und
^ ü h 1 e n si, su wäre immerhin ein Versuch zu machen; selbst-
r ‘ 'Aämllieh müßte das Rekonvaleszentenserum, um die lieber-
fragnng anderer Infektionen (Lues!) zu verhüten, keimfrei
filtriert und mit einem Desiufiziens versetzt sein. — In sym¬
ptomatischer Beziehung ist besonders auf drei Punkte zu
achten; l. Hebung der Herztätigkeit (durch kühle
Abwaschungen, Darreichung von Alkohol, Campher und der-
-lrichein. 2. V e r h ii t u n g s e k u n d ä r e r I n f e k t i o n e n
b W. kl. W. 11)13. s. 12:54.
9 kl. W. 1013, Nr. 20.
855
V U 11 | C 1 U' II U C I U U C i C II t\ t 111 ti II ^ o T. V. r - V..
Mundpflege), 3. Verhütung des D e c u b i t u s.
Die Prophylaxe des Fleckfiebers ist jetzt, dank den
Resultaten der neueren ätiologischen Forschung, auf eine
sichere Basis gestellt. Als Leitsätze für d i e Bc-
k ä m p f u n g u n d V e r h ü tun«: d e s F1 c c k f i e b e r s
müssen gelten: 1. alle Erkrankungsfälle recht¬
zeitig zu erkennen und zu i s o 1 i e r e n : 2. s o -
vv o h 1 die E r k r a n k te n a 1 s au c h alle m i t i h n e n
in Berührung kom m e n d e n P e r so ne n z u ent-
1 a u s e n.
Die größte Schwierigkeit, die sich der rechtzeitigen Er¬
kennung aller Erkrankten entgegenstellt, besteht im Vor¬
handensein der leichten Fälle, von denen schon oben
die Rede war. Das beste Mittel, um sich zu vergewissern, daß
solche Fälle nicht der Beobachtung entgehen, besteht darin,
daß man sämtliche Personen, die mit dem Erkrankten in Be-
riihning waren, während zwei bis drei Wochen täglich mit dem
Thermometer untersucht und jeden (nicht etwa anderweitig
völlig klargestellten) Fall mit Temperaturerhöhung über 38°
sofort als verdächtig behandelt.
Die Entlausung der Erkrankten und ihrer Um¬
gebung erfolgt am besten durch Entkleiden, A b -
waschen und A b s e i f e n des Körpers und
Dampfdesinfektion der Kleider. (Die Kopf¬
läuse werden in bekannter Weise durch Abscheren des
Kopfhaars und Anwendung von Sabadillessig, Petroleum
und dergleichen beseitigt.) Beim Erkrankten soll die Ent¬
lausung auf einer besonderen Aufnahmestation erfolgen; in¬
fektionsverdächtige Personen werden gleichfalls am besten in
einer besonderen, hierfür geeigneten Centrale (am einfachsten
in Verbindung mit der Desinfektionsanstalt) entlaust; im Not¬
fall aber, z. B. bei einer weiteren Verbreitung des Fleckfiebers
unter der Bevölkerung (wie das in Alexandrien im Frühjahr
1914 der Fall war), können diese Maßnahmen auch in der
Wohnung selbst, gleichzeitig mit der Wohnungsdesinfektion,
vollzogen werden. Ich ging dabei in der Weise vor. daß eine
besondere Desinfektionsmannschaft, mit einer tragbaren Bade¬
wanne ausgerüstet, in die Wohnung des Erkrankten geschickt
wurde und daselbst — nach Transport des Erkrankten ins
Hospital — alle Insassen der Wohnung entkleidet, abge-
wasehen und abgeseift wurden (weibliche Personen unter Auf¬
sicht einer beamteten Pflegerin!): hierauf erhielten die Leute
lös zur Rückkunft ihrer unterdessen nach der Desinfektions¬
anstalt gesandten Kleider reine (von der Desinfektionsmann¬
schaft in einem besonderen Sacke nutgeführte) Reservekleider
(baumwollene Unterkleidung). Selbstverständlich wurden auch
Matratzen, Bettzeug und alle andern der Berührung mit dem
Kranken oder mit Läusen verdächtigen Effekten der Dampf¬
desinfektion zugeführt. Für die W o h n u n g s d e s i n f e k -
ti on selbst bewährte sich mir bei Fleckfieber am besten eine
5 °/ 0 i g e wäßrige Lösung von reiner € a r b o 1 -
s ä ure, die mittels eines Verstäubungsapparats in alle Ritzen
und Spalten zu bringen ist. Die genannten Desinfektions-
maßnahmen ließen sieh in Alexandrien selbst unter ganz pri¬
mitiven Verhältnissen mit Erfolg durchführen.
Von andern Desinfektion*verfahren kommt zunächst die
Anwendung der schwefligen Säure in Betracht, ins¬
besondere für Ledersachen und Pelze (die bekanntlich der
Dampfdesinfektion nicht ausgesetzt werden dürfen). Zu
diesem Zweck empfiehlt G r a ß b e r g e r 1 ) den Schwefel, mit
Spiritus überschüttet, in flachen Pfannen zu verbrennen, um
eine vollständige Verbrennung zu erzielen; ferner werden
neuerdings Präparate, wie „Salforkose“, „Forniakosin“, emp¬
fohlen, die im wesentlichen aus Schwefelkohlenstoff bestehen
und denen eine gute Wirksamkeit nachgerülimt wird. Die
Menge des zu verbrennenden Schwefelpräparats ist so zu he-
v ) W. kl. W. 1014, Nr. 51.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13.
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13.
28. März.
messen, daß mindestens ein Gehalt von 4 °/ 0 S0 2 in der Luft
des Raums erreicht wird; auch soll das Gas einige Stunden
einwirken und Gasverluste müssen durch Abdichtung des
Raums tunlichst vermieden werden. Die zu desinfizierenden
Sachen müssen jedenfalls locker aufgehängt oder gelagert wer¬
den, da sonst zu befürchten steht, daß das desinfizierende Gas
nicht überall eindringt. Ganz besonders energische Wirkungen
lassen sich — nach meinen Erfahrungen in Alexandrien —
durch Anwendung des Clayton-Apparats erzielen; in
diesem Apparat wird Stangenschwefel unter reichlichem Luft¬
zutritte verbrannt und das erzeugte Gas (S0 2 ) nach Kühlung
mittels eines mächtigen Ventilators in den zu desinfizierenden
Raum hineingedrückt, während gleichzeitig an einer andern
Stelle des Raums Luft abgesaugt und dadurch eine intensive
Verteilung und tiefes Eindringen des S0 2 gewährleistet wird.
Aber nur große Clayton-Apparate mit maschineller Ventilation
erwiesen sich als zuverlässig, während kleinere Apparate mit
Handbetrieb eine genügende Tiefenwirkung vermissen ließen.
Der allgemeinen Anwendung des Clayton-Apparats steht
freilich sein hoher Preis im Wege.
Schließlich ist noch der Maßnahmen zu gedenken, durch
die sich gesunde, läusefreie Personen, die mit verlausten Fleck¬
fieberkranken Zusammenkommen, der drohenden Infektion mit
Läusen und Fleckfieber erwehren könnten. Für Aerzte und
Pfleger ist das Tragen eines am Hals und an den Handgelenken
dicht anschließenden Leinenmantels zu empfehlen; die Bein¬
kleider sind gleichfalls unten fest zuzubinden und durch Ein¬
streuen von Insektenpulver vor dem Eindringen von Läusen zu
sichern. In letzter Zeit ist mehrfach — auch schon durch Ver¬
suche von Dr. Delta im Frühjahr 1914 in Alexandrien —
die Möglichkeit der Bekämpfung der Läuseplage
durch Riechstoffe in Angriff genommen worden;
Dr. Delta konnte durch Vorversuche im Laboratorium
zeigen, daß durch Anwendung ätherischer Oele Läuse
nicht nur femgehalten, sondern auch direkt abgetötet werden;
legt man z B. in die Mitte einer (etwa 18 cm im Durchmesser
haltenden) Drigalskischale, auf deren Boden sich Kleiderläuse
befinden, einen kleinen Wattebausch, der mit Anisöl oder mit
einer Lösung von künstlichem Moschus getränkt ist, so er¬
weisen sich binnen einer Stunde sämtliche in der Schale befind¬
lichen Läuse als abgetötet. Eine andere Frage, auf deren
Bedeutung bei allen für die Entlausung in Betracht kommen¬
den Maßnahmen neuerdings FI ti g g e ! ) hingewiesen hat, ist
es freilich, ob auch die Nissen abgetötet werden; auch wäre
bei fortdauernder Gefahr der Verlausung das Verfahren oft
zu wiederholen oder überhaupt dauernd anzuwenden, und es
fragt sich, ob durch die Einwirkung ätherischer Oele nicht
Hautreizungen hervorgerufen werden. Blaschko empfiehlt
neuerdings zum gleichen Zwecke das Einstreuen von Naphtha¬
lin in die Kleider. _
Aus der Medizinischen Klinik (Reservelazarett VI) am Hospital
„Zum heiligen Geist“, Frankfurt a. M.
Kriegsärztliche Herzfragen*)
von
Direktor Prof. Dr. G. Treupel, Frankfurt a. M.,
zurzeit konsult. Arzt im Bereiche der Res.-Lazarette des 18. Armeekorps.
M. H.! Als ich das letztemal hier vor Ihnen über
die neueren Methoden in der Diagnostik der Herz¬
krankheiten und über die Funktionsprüfung
des Herzens sprach, da habe ich betont, daß trotz der unleug¬
baren Fortschritte, die wir in der Erkenntnis der Herzkrank¬
heiten in den letzten Jahren gemacht hätten, doch bei der Be¬
urteilung der tatsächlichen Leistungsfähig¬
keit des Herzens große Vorsicht und Zurückhaltung geboten
sei. Der Krieg mit seinen ungeheuren Anforderungen an
“ «) Zeitschr. f. ärztl. Fortbildung 1914, Nr. 23.
*) Nach einem im Aerztlichen Verein am 1. Mürz gehaltenen
Vortrag.
die körperliche Konstitution und die seelische Verfassung der
Kämpfenden hat uns eine Funktionsprüfung des
Herzens im größten Stile gebracht.
Es verlohnt sich wohl, die Erfahrungen, die wir bis dahin
gesammelt haben, hier zur Diskussion zu stellen. Auf der
einen Seite sehen wir die Träger ganz zweifelloser, aber in
der Friedenszeit gut und dauernd kompensiert ge¬
bliebener Klappenfehler die Anstrengungen des Krieges ohne
nennenswerte Einbuße überwinden, auf der andern Seite in
der Blüte des Lebens stehende Männer, die sich bis dahin für
herzgesund hielten, mit erheblichen Herzbeschwerden zu¬
sammenbrechen.
Zur ersten Gruppe gehören nach unsem Erfahrungen
besonders solche Leute, die schon in Friedenszeiten an ein be¬
stimmtes Maß täglicher körperlicher Arbeit ge¬
wöhnt waren (Gelegenheitsarbeiter, Taglöhner, Handwerker
und dergleichen), mit einfacher und seit Jahren trotz der
Arbeit kompensiert gebliebener Mitral¬
insuffizienz. Die Frage, ob man diese Leute in den
zwanziger und dreißiger Jahren, die gern und mit Begeiste¬
rung hinausziehen, schon deshalb zurückstellen soll, weil sie
einen solchen Klappenfehler haben, ist nicht einfach zu be¬
jahen. Allerdings scheint mir dabei auf das psychische
Moment des „In-den-Kampf-ziehen-W o 11 e n s“ besonderer
Nachdruck zu legen zu sein.
Die anfänglich vielleicht vorhandenen Herzbeschwerden
werden unter dem Einfluß des Willens bald Überwunden, und
das Herz paßt sich den größeren Anforderungen verhältnis¬
mäßig rasch an. Die Anpassungsfähigkeit der
Kreislauforgane an die neuen Lebensbedingungen
oder an veränderte Widerstände, die sich im Körper aus¬
bilden, z. B. bei Lungenschüssen und ihren Folgen, Pneumo¬
thorax usw., die wir ja auch in Friedenszeiten bereits
kannten, geht weit über das Erwartete hinaus.
Aber ich kenne auch Fälle folgender Art: Der Träger
eines gut kompensierten Klappenfehlers wird bei der Aus¬
musterung wegen des Herzens zurückgestellt, und nun geht
ein solcher Mann täglich auf die Jagd. Stundenlang marschiert
er da durch hügeliges Gelände, schleppt seine Jagdbeute im
Rucksack und kehrt nach vielstündiger, nicht geringer An¬
strengung wohl und munter wieder heim.
„Wer das kann, der könnte auch wohl draußen im Fehle
sein“, heißt es da wohl. Ich glaube dennoch, daß man solche
Leute nicht einstellen soll. Denn es ist etwas anderes, ob je¬
mand freiwillig und nach seinem Behagen eine solche Arbeit
leistet oder ob er sie Tag und Nacht, mehr der Not gehorchend
als dem eignen Triebe, mit Herausgabe der letzten Kraft tun
muß. Hier werden zweifellos sich gar bald subjektive Be¬
schwerden einstellen, und es muß dann doch, da ja die objek¬
tive Grundlage nicht fehlt, zum mindesten Felddienstunfähig*
keit attestiert werden.
H. K., 27 jähriger städtischer Beamter, Reserve-Gefreiter. In¬
fanterist. Häufig Anginen. Gelenkrheumatismus. Schon wahren
seiner aktiven Dienstzeit „wegen seines Herzfehlers '
Bureau beschäftig t“. Jetzt eingestellt. Nach vier Marscowg
bereits Zusammenbruch: Herzstiche, Herzklopfen, Atemnot.
Das Herz, kaum vergrößert (3,7 :8,7), hat an der Spitze ne *
dem ersten Ton ein langes, blasendes, systolisches Geräusch, der
Pulmonalton ist akzentuiert. Die Herzaktion ist frequent und '
Keinerlei Dekompensationserscheinungen. Der Puls, von nom
Spannung, regelmäßig, schwankt zwischen 98 und 120 während sie
wöchiger Bettruhe. Blutdruck: 130 :105. R. R. , .
Hier haben wir also eine einfache Mitralinsuffizienz,
der der Herzmuskel jedenfalls noch nicht wesentlich in *
leidenschaft gezogen ist (Herzmaße!), die sofort versagt ■
Der Wille allein tut es natürlich auch nicht, ^vl*
uns einfache und kombinierte Klappeinen '
Mitralinsuffizienzen ohne und mit Mitralstenosen, g 01 Jr
deren Träger durchaus als Freiwillige haben mitka®P
wollen. Wenn solche Herzen versagen, dann hat das vor * r
darin seinen Grund, daß neben dem Klappen i e ^
auch der Herzmuskel mehr oder weniger angegrin
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28. März.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13.
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Infektionskrankheit
ln: I
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E
ie ;
v-;
oder durch eine kurz voraugegangene
neuerdings geschädigt war.
J. W., 23 jähriger Schlosser, Reserve-Infanterist. Häufig An¬
ginen. Gelenkrheumatismus. Wenige Wochen vor der
Mobilmachung vierwöchiges Rezidiv! Vom Oberstabs¬
arzt als untauglich erklärt, meldet er sich dennoch als Freiwilliger,
weil er durchaus in die Front wollte. Kaum im Feld, erkrankt er mit
Herzbeschwerden und beginnender Dekompensation. Nach einigen
Wochen Bettruhe Besserung. Während unserer Beobachtung bestand
immer regelmäßige, aber frequente Herzaktion. Der Puls, sonst ohne
Besonderheit, schnellte beim Aufsein auf 100 bis 120 hinauf. Das
Herz (4:8) ließ an der Spitze ein den ersten Ton fast ganz
ersetzendes lautes, blasendes Geräusch erkennen. Der
zweite Pulmonalton war akzentuiert.
H. W., 22 jähriger Kaufmann, Ersatz-Reservist, Infanterist.
Trotz ausgesprochener Mitralinsuffizienz und -steno.se ein¬
gestellt. Nicht ganz zwei Wochen in der Front. Mit hochgradigen
Herzbeschwerden und beginnender Dekompensation ins Lazarett über¬
führt.
Das Herz (4,5:10) hat besonders über der Spitze ein lautes |
systolisches und präsystolisches Geräusch. Der zweite Pulmonalton j
ist klappend. Sonst beginnende Stauung in allen Organen, die aber |
bei Bettruhe rasch wieder zurückgeht. j
Die Kombination einer Mitralinsuffizienz mit |
Mitralstenose, wie sie das letzte Beispiel zeigt, gehört I
zu den schweren Vitien und sollte von vornherein die Ein- |
Stellung in den Felddienst ausschließen. Es ist wohl möglich, I
«laß bei e i n e r Untersuchung das präsystolische Geräusch [
übersehen wird, aber dann sollte die klappende Be¬
schaffenheit des ersten Tones, die fast immer
vorhanden ist, und die Vergrößerung der Herz¬
silhouette, die auch bei der Perkussion nicht entgehen
kann, stutzig machen. Ueberhaupt alle kombinierten
Vitien, und unter den einfachen die A o r t e n i n s Uf¬
fizien zen, bei denen ja stets der linke Ventrikel neben
der Hypertrophie auch eine deutliche Dilatation auf weist,
sind nach unsern Erfahrungen bei der Musterung zuriickzu-
stellen. Für die Aorteninsuffizienz kommt außer¬
dem noch hinzu, daß hier viel häufiger, als bisher angenommen
wurde, eine luetische Grundlage des Prozesses mit
im Spiel ist.
Die Mitbeteiligung des Herzmuskels
durch sch wie lige Prozesse in seiner Muskulatur ist
ja sehr häufig. Es sind das entweder die Folgen von u n -
mittelbar vom Endokard auf das Myokard
übergegangenen Entzündungen oder die Be¬
gleitzustände umschriebener athero sklerotischer
Veränderungen an den Gefäßen des Herzens selbst.
Wir sind schon seit langem der Meinung, daß die infolge
der verschiedensten Infektionskrankheiten er¬
worbenen atherosklerotischen Verände¬
rungen am Anfangsteil der Aorta und an den
Gefäßen des Herzens in der Aetiologie der Herz¬
beschwerden und der Herzmuskelstörungen, wie man sie so
häufig nach Infektionskrankheiten beobachten kann, die
Hauptrolle spielen. Kürzlich hat Mönckeberg 1 ) gezeigt,
daß fast neun Zwanzigstel der in der Blüte
des Lebens stehenden Männer, im Alter von 20
bis 43 Jahren und aus den mannigfachsten Berufen Athero-
s k 1 e r o s e derAorta oder der Kranzarterien
°der beider Gefäße erkennen lassen.
Es ist auch nach seinen Untersuchungen wahrscheinlich
geworden, daß vorangegangene Infektionskrank¬
heiten in der Pathogenese der Athero¬
sklerose von großer Bedeutung sind. Dabei ist allerdings
zu beachten, daß nicht jede schwere Infektionskrankheit eine
Atherosklerose unbedingt zur Folge haben muß.
Man kann also wohl sagen, daß da, wo neben den bis
dahin kompensiert gebliebenen Klappenfehlern die Residuen
früherer Infektionen, z. B. von Syphilis, Tuberkulose, pleu-
ntischen Verwachsungen, arthritischen Prozessen, septischen
Infektionen usw. nachweisbar sind, das Herz den Anstren-
. *) lieber die Atherosklerose der Kombattanten (nach Obduktions-
wden). Zbl. f. Herz- u. Gefäßkrkh. 1915, Bd. 7, Nr. 1.
gungen des Felddienstes nicht gewachsen sein wird. Denn
wenn auch bei der jetzt geübten Untersuchung nicht immer
nachweisbar, muß hier doch mit dem Vorhandensein einer
Atherosklerose in obigem Sinne und daraus sich entwickelnder
Herzmuskelstörungen gerechnet werden.
0. W., 26 jähriger Schiffer, Reserse-Infanterist. 1910 Gelenk¬
rheumatismus. Damals und auch nachher keinerlei Herzbeschwerden.
Jetzt vier Monate im Felde. Wegen Herzklopfen, Herzstichen und
Atemnot zurück.
Das Herz (5:10,5), mit rollendem, systolischem Geräusch neben
dem ersten Ton über allen Ostien und Verstärkung der zweiten Töne,
hat eine sehr frequente und labile Aktion. Blutdruck im Durchschnitt
160 bis 125. R. R. Auch in der Ruhe immer hohe Pulslage, die nach
körperlichen Anstrengungen noch höher hinaufschnellt, ohne innerhalb
der nächsten zwei Minuten auf die anfängliche Höhe zurückzukehren.
Hier drückt sich also die Mitbeteiligung des Herzmuskels
im Perkussions-, Auskultationsbefund und im Verhalten des
Pulses deutlich aus.
Hierher gehören auch alle diejenigen Fälle, bei denen
das Herz, und zwar der Herzmuskel, bei intaktem
Klappenapparat aus andern Gründen bereits
stärker, als es dem Alter des Trägers entspricht, „verbraucht“
ist. Also die Fälle, bei denen erhöhte Widerstände
im kleinen oder großen Kreisläufe bestehen, ohne
daß bis dahin erheblichere Beschwerden aufgetreten sind:
das Lungenemphysem und die chronischen Katarrhe der Luft¬
wege, die Atherosklerose auf luetischer Grundlage, latente,
interstitielle Prozesse an Leber, Nieren und am Herzmuskel
selbst und die Fälle von dauernd erhöhtem Blutdruck.
P. Schm., 24 jähriger Steinhauer, Reserve-Infanterist.
Früher nie Herzbeschwerden und durchaus leistungsfähig. Seit zwei
Monaten im Felde, bekam er bald Herzstiche und anfallswei>** auf-
tretende Atemnot.
S t e i n h a u e r 1 u n g e ! Das Herz (4 :10.5) hat ein den ersten
Ton begleitendes kurzes, rollendes systolisches Geräusch an der Spitze.
Die zweiten Töne sind akzentuiert.
Der Puls, entsprechend der Herzaktion, ist frequent, irregulär
und inäqual. Die Pulslage ist erhöht, mit dem charakteristischen Aus¬
schlag nach Bewegung.
Bei all diesen Leuten ergibt die Untersuchung stets ein
vergrößertes Herz.
Demgegenüber steht eine nicht unbeträchtliche Zahl von
jugendlichen, also an sich nochunverbrauchten
Herzen, die versagen, weil sie zu klein sind oder weil sie
für die großen Anstrengungen, die draußen ihrer warten,
nicht genügend und nicht lange genug vor¬
bereitet sind. Der eigenartigen Herzsilhouette, die man
als „T r o p f e n h e r z“ bezeichnet hat, sind wir auch jetzt
wieder häufiger bei den jungen Freiwilligen begegnet. Die
mittels Röntgenstrahlen oder durch Schwellenwertsperkussion
gewonnene Herzfigur zeigt sich, besonders in den Quermaßen,
z u k 1 e i n. Es ist ohne weiteres verständlich, daß solche
Herzen versagen. Denn außer dem kleinen Herzen findet sich
meistens auch eine schwächliche Gesamtkonstitution
und eine allgemeine reizbare Schwäche, sodaß der
Träger dieser Trias weder den körperlichen Strapazen noch
den seelischen Erregungen des Kriegs gewachsen bleibt.
Bei diesen Herzen und bei den nicht genügend
vorbereiteten Herzen Jugendlicher hört man
sehr häufig an der Spitze oder an der B a s i s ein kurzes
rollendes systolisches Geräusch neben dem
erstenTone. Man muß sich hüten, aus dem Vorhandensein
dieses Geräusches, das den ersten „Ton“ begleitet, aber nicht
ersetzt, gleich auf einen organischen Klappenfehler zu
schließen. Systolische, auch präsystolische Geräusche treten
nach meiner Erfahrung beim wachsenden Herzen häufig
auf, und sie deuten entweder auf eine Störung am Klappen¬
apparat relativer Art oder auf eine funktionelle
Störung in der normalen Abwicklung der Herztätigkeit hin.
P. Kn., 19 jähriger Kellner, Kriegsfreiwilliger, Infanterist. An¬
geblich nie krank, nie Herzbeschwerden. 12. Oktober ins Feld, vier
Wochen später beim Sturmangriff Ohnmachtsanfall, seitdem
Herzstiche und Herzklopfen.
Grazil gebauter, hochgewachsener, schwächlicher Patient. Das
Herz (4,7:8,2) hat kurzes rollendes systolisches Geräusch neben dem
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358
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13.
28. März.
ersten Tone. Puts in der Ruhe 95, nach gelingen Anstrengungen stark
beschleunigt und* deutlich irregulär. Nach einem Uebungsspaziergange
von einer Stunde Puls trotz Bettruhe 142.
Ich habe schon vor zehn Jahren *) und, glaube ich, da¬
mals als erster darauf hingewiesen, wie häufig wir bei der
Untersuchung einen unreinen ersten Ton oder das !
eben charakterisierte kurze systolische Geräusch
hören, auch wenn dabei «alle Klappenfehler
und alle anämischen Geräusche ausge¬
schlossenwerden. So haben wir jetzt aus dem gegen¬
wärtigen Bestände der Klinik 100 Fälle (Soldaten, Zivilisten
aus allen Berufen) mit sonst normalem Herzen auf das Vor¬
handensein dieses Geräusches hin untersucht. Es fand sich
in 76 Prozent dieser Fälle. Gewiß ist schon mancher, bei
dem sich z. B. unter der nervösen Erregung bei der erstmaligen
Untersuchung ein solches Geräusch fand, als „herzfehler-
krank stigmatisiert worden, der es in Wirklichkeit nicht war.
Das sind also rein funktionelle, vorüber¬
gehe n d e Störungen am Herzen, die sich früher oder
später ausgleichen.
Sie führen uns hinüber zu einer Gruppe von Fällen, die
wir besonders in den ersten Monaten des Kriegs zu
beobachten Gelegenheit hatten: Fällen mit funktionellen
Störungen am Herzen auf nervöser Grundlage und durch
akute Uebera n streng ungen. Sie stellen sich
dar als Bradykardien, Tachykardien und
A rhythmien.
Zunächst haben wir gleich zu Beginn des Kriegs, im
August vorigen Jahres, mehrere Fälle von „llitz-
schläge n“ lind deren Folgen bekommen. In drei dieser
Fälle stand die Bradykardie ganz im Vordergründe.
Die Pulsverlangsamung schwankte zwischen
42 bis 60, und ihr entsprach die ebenso verlangsamte Herz¬
aktion. Der Puls blieb dabei stets regelmäßig und gleich¬
mäßig. Herzgröße und Blutdruck hielten sich während der
ganzen Beobachtung innerhalb normaler Grenzen. Die
Bradykardie dauerte zwischen 10 und 27 Tagen und
machte dann einer kürzeren Periode der Pulsbesehleunigung
Platz (80 bis 112), ehe wieder alles ganz normal wurde und
blieb.
K. G., 25 jähriger Steinhauer, Reservist, Jägerbataillon. Am
12. August 1914 „Hitzschlag“, im Anschluß daran stechende Schmerzen
in der Herzgegend. Außer einem kurzen rollenden, systolischen Ge¬
räusch an der Spitze, Verstärkung des zweiten Pulmonaltons und dei
verlangsamten, gleich- und regelmäßigen Aktion (48) ist an dem
Herzen nichts nachzuweisen. Gelegentlich auch nur 42 Pulse. Arterien-
wand und Pulsspannung o. B. Blutdruck nie erhöht. Dieser Zu¬
stand dauerte bis zum 8 , September 1914. Dann wurde der Puts leb-
hafter, gelegentlich bis 112 (17. September 1914)* In den nächsten
Wochen bei Bettruhe und ohne jede Medikation Rückkehr zur Norm.
Viel zahlreicher als solche Bradykardien haben wir
Tachykardien gesehen. Die Fälle sind sich alle sehr
ähnlich. Der tachykardische Anfall stellt sich nach einer
erheblichen körperlichen Anstrengung, meist des Marsches
ein. Auch während der Krankenhausbehandlung bleibt d i e
Pulslage meist hoch und schnellt bei nur gering¬
fügiger Bewegung, oft nur durch schnelles Aufsitzen im Bett
veranlaßt, in die Höhe. Wie sehr sich die Fälle im einzelnen
gleichen, dafür hier zwei Beispiele: , A
v F *0 jähriger Student, Kriegsfreiwilliger, Infanterist. An¬
geblich nie krank. !m. Oktober 1914 ins Feld. Bei großer Marsch¬
leistung plötzlich Herzstiche und Herzklopfen.
H L (4 5-9) mit hebendem Stoß und kurzem rollenden, systo-
Geräusch über allen Ostien. Der erste Ton leicht paukend.
Dte ist gleich- und regelmäßig aber sehr labil. Puls in
fW Ruhe 85 nach leichter Bewegung 120. bonst o. B.
der R p ^ iübriger Landwirt, Artillerist. Nie krank. Am 31. Oktober
hei körperlicher Anstrengung plötzlich HerzBtiche, Herzklopfen und
Zusammenbruch^ ^ ( 4 . 9 ) m it hebendem Stoß und kurzem rollenden
irtrotfriisehen Geräusch über allen Ostien. Der erste Ton leicht pau-
rnd Aküon gleich- und regelmäßig, labil. Puls in der Ruhe 90,
Lch leichter Bewegung 120. Sonst 0 . B.
ix rj Treupel, Bemerkungen zur Diagnose, Prognose und
Therapie der Herzkrankheiten. (M. tu. W. 1905, Nr. 41.)
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Mit diesen letzten Fällen haben wir uns schon dem
großen Gebiet der Herz- und K re i slau f neurosen
genähert. Ich hatte schon früher Gelegenheit, auch vor
Ihnen über Herzneurosen zu sprechen, sodaß ich mich hier
kurz fassen kann, indem ich auf eine früher gegebene Dar¬
stellung dieses Kapitels verweisen darf 1 ).
Die Diagnose ist nur bei längerer Beobach¬
tung zu stellen und nur auf Grund wiederholter und
genauer physikalischer Untersuchung des
Herzens. Das psychische Moment spielt bei der Aus¬
lösung der Anfälle und in dem Aufbau des Krankheits¬
bildes die größte Rolle.
Bei den Herzneurosen steigern sich die im Vorder¬
gründe stehenden subjektiven Beschwerden anfalls¬
weise: Angst- und Druckgefühl auf der Brust, Herzklopfen.
Stiche, meist etwas nach unten und außen von der Herzspitze
lokalisiert, vasomotorische Störungen, mit Schweißaus¬
brüchen und gelegentlichen Ohnmachtsanfällen. Alle
Formen der Arhythmie kommen vor. Die
arhythmisehe Herztätigkeit besteht bisweilen monatelang und
kann sich mit kürzeren oder längeren Pausen normaler Herz¬
tätigkeit ablösen. Vielfach besteht eine Abhängigkeit
der Beschwerden vom Füllungszustande des
Magens und Abdomens, und häufig ist die Herz¬
neurose mit einer Neurose des Magendarmkanals
(Hvpersekretion, Gastro- und Colospasmen) vergesellschaftet.
Die H e r z g r ö ß e hält sich innerhalb der normalen
G renzen. Im tachykardischen Anfall und unmittel¬
bar danach kann das Herzvolumen vermindert sein.
Nicht selten begegnet man hier der Tropfenform des
Herzens und abnormer Beweglichkeit beim Lage¬
wechsel. Fast immer hört man neben dem auffallend stark be¬
tonten ersten Tone das kurze rollende systolische Ge¬
räusch, von dem schon vorhin die Rede war. Puls-
Beschaffenheit und Blutdruck sind sehr wechselnd,
entsprechend der Labilität des Vasomotoren-
Systems. .
Es war interessant, zu erfahren, wie sich solche Herzen
den körperlichen Strapazen und seelischen Erregungen des
Kriegs gegenüber stellen würden. Nach dem, was ich dariibei
bei mir bekannten Herzneurotikem habe in Erfahrung bringen
können, halten sich viele dieser Herzen überraschend gut-
veränderte Umwelt mit ihren ganz neuen Ansprüchen an
Körper und Seele hat hier meist im Sinne der dauernden
und sicheren Ablenkung von den subje -
t i v e n Beschwerden und damit zu einem sehr )voi -
tuenden Erstarken des Vertrauens in die korper
liehe Leistungsfähigkeit geführt. Versager kommen a>er
auch vor.
Kann man also die Einstellung solcher Leute nur
billigen, so hat es mich einigermaßen gewundert, bei den a
kriegstauglieh Befundenen häufiger Fällen zu begegnen.
denen die zwei hier mitgeteilten als typisch gelten können.
G. Oh, 21 jähriger Portefeuiller, Infanterist. Mit elf ■D ,r ..
Chorea minor. Vor vier Jahren ,,L u n g e n s p i t z e n k a• • ,
Zur Ausbildung eingestellt. Beim Laufen, Turnen und
tiges Herzklopfen und Herzstiche. Gelegentlich einer solche
auf dem Kasernenhofe bewußtlos zusammengebrochen. ,
Struma, Exophthalmus, Tremor der ■
Schweißausbrüche. an
Das Herz (4,8 :8,0) mit deutlichem systolischen {lt , r
der Spitze, der zweite Pulmonalton ist akzentuiert. Ger ru ?
Bettruhe 54 bis 96, geht bei ganz leichter Bewegung una
Aufsitzen auf 100, bei ganz kurzem Laufen auf 156 ninaui.
leicht erhöht (140:100. R. R.).
Blutbild: Lymphocyten 41%
Neutrophile 55%
Eosinophile 3%
Basophile 1% - t i«
J. K., 21 jähriger Fabrikarbeiter, Infanterist. 1912 P . e ' <r PI1 .
und Pneumonie. Im Dezember 1914 zur Ausbildung *^
Wegen Herzbeschwerden und Erschöpfung bald ins Revier p
| D G. Treupel, Ueber Jlerzneurosen. (M. m. V. l-Hi.K -
Original from
UNIVERSUM OF IOWA
28. März.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13.
359
|v.
felr
M’
-Ife
, •
Struma, geringer Exophthalmus, Tremor.
Das Herz (4.2:8.5) ist stehend, langgestreckt, die Piilmonnlis
stark ausgelun iitet. Deutliches systolisches Geräusch an der Spitze,
der zweite Pulmonalton akzentuiert.
Der Puls schwankt in der Bettruhe zwischen 58 und 96 und
schnellt beim Aufsitzen auf 108 und bei leichter Bewegung auf 168
hinauf.
Blutbild: Lymphocyten 45%
Neutrophile 53%
Eosinophile 2%
Also in beiden Fällen — und das sind nicht die einzigen
dieser Art — die typischen Symptome des Base¬
dow und Erscheinungen am Herzen, die eigent¬
lich nicht übersehen werden können. Der Massenandrang hei
deu Untersuchungen und die kurze, nur einmalige und unter
den denkbar ungünstigsten Bedingungen vorgenommene
körperliche Untersuchung erklären solche Irrtümer zur Genüge, j
M. H.! Ich bin am Ende meiner heutigen Ausfüh-
rangen, und ich schließe mit den Worten, mit denen ich auch,
als ich hier das letztemal über die neueren Untersuchungs-
niethoden des Herzens zu Ihnen sprach, geschlossen habe:
Nichts ist schwerer, als ein Herz richtig zu beurteilen
und in seiner Leistungsfähigkeit abzuschätzen. Irrtümer nach
der positiven und negativen Seite sind da wohl kaum zu ver¬
meiden. Nie aber sollte man die B e g u t a c h t ti n g eines
Herzens nur auf eine einmalige Unter-
suchungstützen.
Aus der Medizinischen Poliklinik zu Wiirzburg.
Es bleibt also nur übrig, festzustellen, ob unterhalb der
Nahtstelle durch Reizung des Nerven eine Empfindung her¬
vorgerufen werden kann, die in das sensibel gelähmte Gebiet
lokalisiert wird, und es wäre damit der Nachweis erbracht,
daß die Nahtstelle leitet, daß also ein Auswachsen der Fasern
wirklich erfolgt. Die Stelle der Naht ist unzweifelhaft die
kritische Stelle, hat der wachsende Nerv diese überwunden,
so ist die Restitution der Funktion äußerst wahrscheinlich
geworden.
Versuche haben mir nun gezeigt, daß dies Verfahren
bei passenden Fällen durchaus gangbar ist. Ich will sein« 1
Eigenheiten an zwei typischen Vergleichsfällen darstellen.
I. Unteroffizier, 22 Jahre alt, verwundet am 20. August 1914.
Oberarmschuß rechts. Durchtremiung des N. radialis. Leichte
Splitterung des Humerus, die Unterbrechung des Nerven liegt 8 cm
von der Ellenbeuge (siehe Abb. 1). Sensible Lähmung des
N. radialis im Handgebiete desselben deutlich nachweisbar. (Es
empfiehlt sich zur schnellen Feststellung einer derartigen Einplin-
dungslähmung mehr die Prüfung des Kaltsinns als des Drucksinns.
Bei der Driicksinnprüfung in der klinisch üblichen Methode täuscht
uns die Uebertragung der Deformation auf die Umgebung sehr oft
vor, daß keine völlige Lähmung bestellt. Es ist durch v. F r e v
nachgewiesen worden, daß diese Uebertragung der Deformation im
größten Ausmaße fähig ist, derartig«' Untersuchungen zu er¬
schweren; ist doch die ganze Annahme eines „Tiefendrueksinns 4 *
lediglich auf die Vernachlässigung dieser mechanischen Ueber¬
tragung zurückzuführen.)
Nervennaht am 8. Oktober 1914. Völlige Durchtrennung fest-
gestellt.
Ueber eine Methode, den Erfolg einer Nervennaht
zu beurteilen
von
Priv.-Doz. Dr. Paul Hoffmann.
Die nachstehenden Erörterungen beziehen sich auf Be¬
obachtungen an Verwundeten, die sich in Würzburger Laza¬
retten befinden, und von denen ein Teil in der Medizinischen
Poliklinik daselbst regelmäßig elektrisiert und beobachtet
wurde.
Nervenverletzungen stellen an die Geduld sowohl des
Arztes als des Patienten große Ansprüche. Selbst nach ge¬
lungener Nervennaht ist erst nach vielen Wochen eine Resti¬
tution zu erwarten. Es wäre ein großer Trost für den un- |
geduldig wartenden Patienten, wenn man den Erfolg der Naht
>fhon früher beurteilen könnte. Die nachfolgenden Zeilen
werden zeigen, daß dies in vielen Fällen in sehr einfacher
^ eise möglich ist.
Nehmen wir an, daß der Nervus radialis etwa in der
Mitte des Oberarms durchschossen wurde und daß die Nervcn-
uäht erfolgte, so vergeht naturgemäß eine längere Zeit, bis
sich wieder eine Bewegung in den gelähmten Muskeln ein-
Ntellen kann, denn die Nervenfaser muß vom centralen
Mnnipfe bis zum Muskel hin wachsen. Während dieser Zeit
im'is.soi] wi r einfach Zusehen und können eigentlich über den
Erfolg der Naht nichts aussagen.
Ls ist zweifellos sowohl für den Arzt, wie für den
1 atienteii von der größten Wichtigkeit, festzustellen, ob der
• erv an der Stelle der Narbe leitfähig ist, also ob die Fasern
''achsen oder nicht. Fast immer sind nun bei schweren
Visionen des Nerven neben motorischen Ausfallserschei¬
nungen auch sensible vorhanden, ja das Ausbleiben der sen-
H 1,4,1 Störung ist gelegentlich dafür als Beweis angeführt
""rdeu. daß keine Kontinuitätstrennung vorliegt. Mag dem
wolle, in den meisten Fällen vollendeter Nerven-
nau *j n, J erhebliche sensible Störungen vorhanden.
für die sensibel gelähmte Stelle sind im centralen
Rumpfe des verletzten Nerven nun auch Fasern mit dem ent-
■Mwrhenden Lokalzeichen da, und Reizung dieser Nerven-
eine Empfindung hervorrufen, die in das un¬
endliche Gebiet verlegt wird. Nun gehören diese Fasern
Zu Gien, die nach der erfolgten Nervennaht auswachsen.
Stelle, von der
Empfindung hervor¬
gerufen werden kann,
die ins anästhetische
Gebiet verlegt wird.
15. Januar 1915. Durch mäßigen Fingerdruck auf das in
Abb. 1 bezeiehnete Gebiet des Unterarms ist eine prickelnde
Empfindung auszulösen, die in das sensibel gelähmte Handgebiet
des Radialis verlegt wird. Weiter peripher ist die Empfindung
nicht auszulösen. Die Grenze des Gebiets ist ziemlich scharf. Zur
Auslösung eignet sich am besten der Fingerdruek, auch faradisch
ist ('s möglich, doch geht es nicht so gut.
15. Februar. Be¬
ginn der Wiederherstel¬
lung der Funktion, Pa¬
tient kann die Hand
in klein wenig strecken.
Hier konnte also
schon vier Wochen vor
der Wiederherstellung
der Funktion mit völli¬
ger Sicherheit nachge¬
wiesen werden, daß die
Nahtstelle leitfähig war.
II. Leutnant, 20 Jahre, verwundet am 20. August. Schuß an
der gleichen Stelle, nur ausgedehnter Splitterbruch des Os humeri
(ileiche sensible Störung-. Es wirrt länger gewartet, da sich ein
starker Callus an der Bruchstelle entwickelt. Nervennaht und
Lösung vom Gallus an
14. Dezember 1914. Seit An,is )« h *i t , i . s * h(is ; ste,,e > von . rf © r Empfindung
Stelle der Verletzung und Naht.
Abb. 1.
hervorgerufen werden kann,
die ins anästhetische
Gebiet verlegt wird.
dieser Zeit keine Verände¬
rung des motorischen Be¬
fundes, doch ist am 15. Fe¬
bruar 1915 deutlich etwas ,
distal von der Ellenbeuge
durch Druck auf die in
Abb. 2 angezeigte Stellt
eine Empfindung hervorzu¬
rufen, die in das sensibel
gelähmte Gebiet der Hand
verlegt wird. Es dokumen¬
tiert sieh dadurch mit physiologischer Sicherheit, daß die Naht
gelungen und die Nahtstelle leitfähig ist.
Es handelt sieh, wie aus dem vorstehenden ersichtlich
ist, einfach um eine Reizung der neuauswachsenden Fasern.
Das eigentümliche ist, daß sie durch Druck am besten gereizt
werden können, für gewöhnlich ist die faradische Reizung
von Nerven die am leichtesten zu bewirkende, die jungen
Fasern sind aber offenbar in hohem Maße mechanisch er¬
regbar.
Stelle der Verletzung und Naht
Abb. 2.
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UNiVERSUY OF IOWA
3W 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13. 28. März.
Es ist keineswegs starker Druck notwendig, um die
Empfindung hervorzurufen, am allerbesten erreicht man es
durch Klopfen mit dem gestreckten Finger (wie man es bei
der Perkussion nicht machen soll). Die falsche Lokalisation
wird von den Patienten mit vollkommener Sicherheit ange-
zeigt, es gehört dazu offenbar nur eine sehr geringe Aufmerk¬
samkeit, eine viel geringere, als sie bei der Hautsinnprüfung
notwendig ist.
Dies ist insofern wichtig, als daher diese Methode auch
dann Wert hat, wenn man theoretisch eine Restitution durch
Verkleinerung der sensibel gelähmten Fläche feststellen
könnte. Die Wiederherstellung einer derartigen Empfindungs¬
lähmung zu verfolgen, erfordert eine sehr große Mühe und
eine gespannte Aufmerksamkeit des Patienten, sie ist des¬
halb in der Klinik kaum anzuwenden. Ich zweifle so auch
nicht, daß bei den beiden beschriebenen Fällen eine Empfin¬
dungslähmung am Unterarm bestand (bei Fall t ist sie sicher,
bei Fall 2 nicht vollkommen sicher beobachtet), aber die Ver¬
folgung der Wiederherstellung ist vorläufig zu schwierig und
langwierig für klinische und vor allem poliklinische Verhält¬
nisse. Ein derartiges positives Zeichen der vorhandenen
Restitution, wie es die hier beschriebene Methode innerhalb
weniger Sekunden ermöglicht, ist also auch da von Wert, wo
die genaueste Verfolgung der Empfindungslähmung die Wie¬
derherstellung ebenso früh ermöglichen würde.
Es ist klar, daß die Methode nicht für alle Fälle paßt.
Es fallen vor allem die keineswegs seltenen Fälle fort, in
denen im anästhetischen Gebiete Parästhesien und Schmerzen
vorhanden sind.
Es ist ferner klar, daß man diese Methode auch dazu
benutzen kann, um gegebenenfalls zu erweisen, daß eine
Restitution des Nerven auch ohne Naht erfolgt. In solchem
Falle würde der Nachweis einer derartigen Druckfläche
peripher von der Verletzungsstelle beweisen, daß ein Aus¬
wachsen des Nerven erfolgt und daß daher eine Nervennaht
nicht notwendig ist.
Umfrage
über die
sympathische Ophthalmie im Zusammenhänge mit den Kriegsverletzungen des Auges.
Die Kriegsverletzungen des Auges schaffen vielfach Zustände, die die Befürchtung erwecken, daß das gesunde Auge
durch eine sympathische Entzündung mit Erblindung bedroht wird. Die sympathische Augenentzündung mit ihren verhängnis¬
vollen Folgen kann verhütet werden durch rechtzeitige Entfernung des verletzten Augapfels. Nun ist die Enucleation eines
Auges, das noch eine leidlich erhaltene Sehkraft besitzt, ein Schritt, zu dem der Arzt und der Kranke sich nicht leicht und nicht
ohne dringende Anzeige entschließen werden. Die Aufstellung der Anzeigen aber zu einem operativen Eingriff pflegt um so
einfacher und leichter zu sein, je vollständiger die Entstehungsweise und der Verlauf der Krankheit bekannt ist. Die sympathische
Ophthalmie ist nun ein in klinischer und theoretischer Beziehung schwieriges Kapitel, bei dem die Zusammenhänge nach ver¬
schiedener Richtung hin noch ihrer Erklärung harren. Daher ist es wohl auch zu verstehen, daß die Frage, ob und wann
enucleiert werden soll, in vielen Fällen nicht leicht zu beantworten ist und nicht einheitlich beantwortet wird.
Angesichts der großen praktischen Bedeutung der sympathischen Ophthalmie erschien es angezeigt, von einer Reihe von
namhaftem Augenärzten über verschiedene wichtige Fragen eine Auskunft zu erbitten. Innerhalb des Rahmens einer solchen
Umfrage kann das Thema nicht erschöpfend behandelt werden, es war vielmehr geboten, die Umfrage auf einzelne vorwiegend
klinische Fragen zu beschränken. Diese Fragen lauteten:
L Welche Kriegsverletzungen des Auges halten Sie für geeignet, sympathische Ophthalmie hervorzurufen?
2. Bei welchen Zuständen halten Sie das gesunde Auge für gefährdet und die Entfernung des verletzten für angezeigt?
3. Wie lange Zeit nach der Verletzung glauben Sie ohne Risiko , wie auch immer der Zustand ist, mit der Enucleation
warten zu können?
4. Worin erblicken Sie am nichtverletzten Auge die Zeichen einer drohenden sympathischen Ophthalmie?
5. Worin erblicken Sie die ersten Zeichen einer ausgebrochenen sympathischen Ophthalmie?
6 Halten Sie die Enucleation des verletzten Auges noch für angebracht, wenn bereits sympathische Ophthalmie besteht?
7 . Wie behandeln Sie die sympathische Ophthalmie?
8. Haben Sie Beobachtungen gemacht, welche für die Frage der Aetiologie der sympathischen Ophthalmie vertoertet werden
können?
Dank der Unterstützung erfahrener Augenärzte ist auf diesem Weg ein Stoff gesammelt worden, der geeignet ist, über
die an den verschiedenen Stellen geltenden Anschauungen zu unterrichten und auch den nicht augenärztlich Geschulten zu
belehren und anzuregen.
Wir geben im folgenden in gewohnter Weise die Antworten, nach dem zeitlichen Eingänge geordnet, wieder:
Geh. Med.-Rat Prof. Dr. C. v. Heß, Universitäts-Augenklinik,
München:
1. Alle, bei welchen es zur Perforation des Augapfels ge¬
kommen und im Anschluß an diese eine Entzündung des letzteren
aufgetreten ist.
2. Siehe Frage 1.
3. Wenn das verletzte Auge nur durch wenige Tage ciliare
Reizung und Iritis zeigt, ist es s o f o r t zu enucleieren.
4. Eine drohende sympathische Ophthalmie ist überhaupt
nicht zu erkennen; eine ausgebrochene zeigt sich im Beginn
als leichte Iritis mit Tränen, Druckempfindlichkeit, Lichtscheu,
ciliarer Injektion.
5. Siehe unter 4.
6. Nein.
7. Energische Schmier- und Schwitzkur, Atropin, heiße Um¬
schläge.
8. Nein. _
Prof. Dr. L. Heine, Universitäts-Augenklinik, Kiel:
1. Alle die Bulbushüllen perforierenden.
2. Wenn sich das verletzte Auge nicht — je nach der Schwere
der Verletzung — innerhalb von zwei bis vier Wochen beruhigt
und abblaßt.
3. Hängt ganz von dem Heilungsverlauf ab. Ist keine Hoff¬
nung auf Erhaltung eines gewissen Sehvermögens, so enucleitre
oder exenteriere man sobald wie möglich.
4. Lichtscheu und andere subjektive Symptome. Es kann
auch ohne alle subjektiven Symptome eine sympathische Ophtha -
mie drohen. r
5. Descemetsehe Beschläge, Glaskörpertrübungen, Nennt 1 ?
optici.
6. Wenn die Funktionen erloschen sind — ja, sonst nit
da das sympathisierende Auge das bessere bleiben kann.
7. Hg, Jod, Salvarsan, Tuberkulin. Lokal: möglichst wen*
chirurgisch. ,
8. Die große Aehnlichkeit mit Tbc. scheint mir für die ß
fektionstheorie zu sprechen.
Prof. Dr. Birch-Hirschfeld, Universitäts-Augenklinik)
Königsberg i. P.: , ,.i 0 .
1. Jede den Bulbus perforierende Verletzung, die xu
cyclitis führt. .. .. {e[
j 2. Sobald das verletzte Auge Zeichen von Iridocyclitis ^
j fpericorneale Injektion, Irishyperämie, hintere Synechien,
1 cipitate), halte ich das gesunde Auge für gefährdet,
j 3. Nicht länger als zwei Wochen.
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9 s. März. • 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13.
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l Leichter — oft vorübergehender — Reizzustand, Vermin¬
derung der Akkommodationsbreite.
5 . Pericorneale Injektion, Zeichen von Iritis und Cyclitis.
6. Das hängt von der Sehschärfe beider Augen ab. Ist das
verletzte Auge erblindet und schwer entzündet, so würde ich es
auch nach Ausbruch der Erkrankung des andern Auges entfernen,
bat es bessere Sehschärfe als das zweiterkrankte, so ist es unbe¬
dingt zu erhalten.
7. Intern: Calomel; Einreibungskur mit Quecksilber, Salicyl-
präparate.
8. Ich halte die sympathische Ophthalmie für eine infektiöse
Erkrankung, nicht für einen anaphylaktischen Prozeß oder eine
reine Toxin Wirkung. Hierfür scheint mir in erster Linie das ana¬
tomische Bild der Veränderungen zu sprechen, die denen der
Tuberkulose recht ähnlich sind.
Prof.Dr. A. ßielschowsky, Universitäts-Augenklinik, Marburg a.L.:
1. Aus allen Verletzungen, die zu einer, wenn auch noch so
kleinen Eröffnung des Bulbus führen, kann sympathische Ophthal¬
mie entstehen. Je unregelmäßiger die Wunde ist, je näher der Iris-
wurzel oder dem Ciliarkörper sie liegt, um so größer ist die Gefahr.
Auch bei stumpfen Tratunen, die eine anscheinend subkonjunkti-
vale Bulbusruptur erzeugen, ist an die Möglichkeit zu denken, daß
die Bindehaut in Wirklichkeit nicht unversehrt ist, sondern daß
eine feinste Spalte den Mikroorganismen Zutritt ins Bulbusinnere
gestattet.
2. Wenn die im Anschluß an die Verletzung entstehende
Iridocyditis trotz rationeller Therapie nicht innerhalb von zwei bis
drei Wochen abklingt, sondern der Reizzustand (Rötung, Licht- j
scheu, Tränenfluß) fortbesteht, und das verletzte Auge namentlich j
Es kann aber auch gelegentlich zuerst die Papille leichte "Ver¬
änderungen zeigen.
6. Ja, wenn das verletzte Auge erblindet ist. Ist noch Seh¬
vermögen vorhanden und die sympathische Erkrankung noch im
Beginne, dann entferne ich auch das sehende verletzte Auge. Ist
! dagegen die sympathische Erkrankung schon weit fortgeschritten,
sodaß schwere Sehstörung vorliegt, so habe ich das verletzte Auge,
besonders wenn es noch bessere Sehkraft hatte als das sym¬
pathisch erkrankte, erhalten.
7. Schmierkur, hohe Gaben von Aspirin; auch Salvarsan und
Tuberkulin haben wir versucht.
8. Nein. _„ (Fortsetzung folgt.)
Aus dem k. und k. Reservespital in Bröka, Bosnien.
Typhus abdominalis mit hämorrhagischer Diathese
von
Prof. Dr. Kar! Walko, k. k. Landsturm-Oberarzt.
(Schluß aus Nr. 12)
Ein besonderes Interesse beansprucht folgender Fall
wegen der hochgradigen B r a d y k a r die:
Infanterist Petracic St„ 25 Jahre alt, aufgenonmwn am 5. No-
vmnber 1914. Seit 14 Tagen Fieber. Brustschmerzen. Husten. Schmerzen
in den Beinen. Schwerhörigkeit: erkrankt an (’rny Yrch in Serbien.
Mittelgroßer, sehr magerer Mann. Temperatur 87.5. Zunge stark belegt.
Bauch aufgetrieben, sehr druekemplindlich, Nalnung.-aiilnähme sehr
gering, Puls 90. schwach.
6. November. Temperatur sehr niedrig, nicht über 87.5 hinan -
gehend, Milztumor, Puls sehr klein, etwas inägnial. A n d e r B r u s t
z a h 1 r e i e h e H ä m o r r h a g i e n.
9. November. Zunehmende Schwäche. Puls sehr lam^ain,
schwach, Tempelatur niedtig.
im Bereich des Ciliarkörpers gegen Berührung empfindlich ist. Je
rascher dabei das Sehvermögen sinkt, um so früher kann man
oiakleieren.
3. Da es (frühestens) schon acht Tage nach der Verletzung
mul bei einem sehr milden Verlauf der traumatischen Iridocyditis
zu einer schweren sympathischen Erkrankung des andern Auges
kommen kann, muß inan in jedem Falle von infizierter Verletzung
die Enukleation — Eviszeration bei Panophthalmie — so früh wie
möglich machen, namentlich wenn die Herstellung eines brauch¬
baren Sehvermögens am verletzten Auge ausgeschlossen erscheint. '
4. In Klagen des Patienten (die allerdings oft erst bei Be- J
fragen geäußert werden) über rasche Ermüdung des Auges I
(Akkommodationsschw’äche), über Lichtscheu und Tränen, sowie
im Nachweis einer zunächst nur temporären Ciliarinjektion.
o. Ciliarinjektion, Hornhautpräzipitate, Verfärbung der Iris,
verengte und schwerfällig reagierende Pupille, Bildung hinterer I
Synechien. |
6. Ja, außer in Fällen, wo die Funktion des verletzten Auges i
noch wesentlich besser ist, als die des sympathisch erkrankten. |
7. Salvarsan- und Hg-Kur (kombiniert), eventuell Diaphorese
mit großen Dosen von Benzosalin. j
11. November. Schwerer Verlauf. Audi auf <1 >* r Bauch-
h a U t z ah 1 r e i e h e klein p H ä m orrhag i e n . 11 e r z t ä I i -
keit unregelmäßig, starke Schmerzen in den dütlcni
(Knochen).
10. November. Hochgradiger Schwiichezustand. Bronchitis. ;:ul.c
Abmagerung, Cvanose. Extiemitäton kühl, blau. Puls 1'r ii li IS.
T e m p e r a t u r 87.5. a b e u d s 8S.2, Puls 80. klein. C n »n jiher-
i n j e k t i o n. W i d a 1 s e h e Probe 1:50. 1:100. 1 : 2<KI. 1:8110
sofort prompt positiv.
17. November. Die Untersuchung des Bluts (Färbung
üaeh Jenner) ergibt starke Leukopenie, vorherrschend kleine und
große Lymphocyten. Die Urinuntersuchung ergibt weder Eiweiß mu h
Zucker.
18. November. Sehwächeznstand etwas besser. Morgontemperatur
37 ü C. Puls 40 bis 44. nachmittag* 88° C. Puls 80 bis 90. Setzt man
len Patienten während der niedrigen Pulszahl auf. so steigt der Puls
iuf 90 bis 100. bleibt aber in gleicher Intensität. Zweiter Aortenton
dark akzentuiert.
19. November. Patient, sehr blaß, cyanotisch. Extremitäten kühl,
[laut trocken. Am B r u s t k o r b a n d e n b e i d e n Seit e n z a h 1 -
• e i e h e n e u e s t r e i f e n f ö r mi g e II a u t b 1 u t u n g e, n von rotv r
Air ho, die dein Drucke der Hemdfalten oder der Unterlage entsprechen.
)ie Temperatur schwankt zwischen 86,8 und 87.6° C. der Puls zwischen
10 und 68 abends. Cvanose.
20. November. Im Hypogastrium beiderseits z a h 1 -
Prof. Dr. Hertel, Universitäts-Augenklinik, Straßburg i. Eis.
L Alle die, hei denen durch Perforation der Bulbuskapsel die
Möglichkeit der Infektion des Augeninnern vorliegt. Wegen der
diagnostischen Schwierigkeiten möchte ich besonders auf im
Kriege häufiger auftretende Fälle hinweisen, in denen die Bulbus-
perforation im hinteren Abschnitt innerhalb der Orbitahöhle erfolgt
81. zum Beispiel durch seitlich durch die Lider oder Schäricl-
Ivnochen eindringende Geschoßteile, aber auch durch Splitter von
Knochen oder durch Kontusion usw. Die Infektionsgefahr ist in
'hVsen Fällen besonders dann groß, wenn gleichzeitig eine Nasen¬
nebenhöhlen Verletzung eintrat.
2. Wenn die Zunahme des Reizzustandes, der iritischen Svm-
pfome, die Abnahme des Druckes dafür sprechen, daß das ver-
ir izte Auge einen chronisch verlaufenden, infektiösen Prozeß
d'irrhzumachen hat und die therapeutischen Bestrebungen keine
■ sening erzielen können.
3. Zwei, höchstens drei Wochen nach der Verletzung.
I- Das Auftreten von Lichtscheu und Ermüdbarkeit beim
sind zuweilen die ersten subjektiven Symptome einer
1 fohenden sympathischen Ophthalmie. Objektiv lassen sich der
iwizzustand, Abnahme des Akkommodationsvermögens, manch-
!' ja] a,,c b leichte Druck Veränderungen im Auge nachweisen. Es
8t aber daran zu erinnern, daß oft jedes Prodromalzeiehen fehlt.
Feinste Beschläge an der Descemet sehen Membran, :
teilen noch bei reizfreiein Auge und nur mit Lupe zu erkennen. |
reiche n c u v d u n k c I v i o 1 e 11 e Hautblutung e n , starke
vasomotorische Labilität. Puls früh 44, nachmittags 48, Tomuerntur
zwischen 86.9 und 37.6.
22. November. Der Gesamtzustand bessert sieh, die Cvanose
verschwindet, der Puls vormittags und nachmittags gleich langsam 40
(86.4). nachmittags 46 (87.2).
23. November. Puls früh zwischen 38 und 40. Temperatur
36.7, die Herztätigkeit regelmäßig klüftig, der Blutdruck dem Gefühle
na-h normal, Herztöne: der systolische Ton über der Herzbasis unrein,
der zweite Aortenton stark akzentuiert. Nach mehrmaligem Aufsetzen
steigt die Pulszahl auf 64.
Der Verlauf dieses Falles war ein sehr schwerer, und
der Kranke war beinahe aufgegeben. Infolge der stetig zu¬
nehmenden Schwäche und der geringen Nahrungsaufnahme
konnte er sieh allein nicht mehr erheben. Die Herztätigkeit
war von allein Anfang an eine schlechte, ihre Unregelmäßig-
i keit in der ersten Woche ließauf degenerative Ver-
| änderungen des Herzmuskels schließen ; die
j Kreislaufstörungen äußerten sieh in starker Cvanose, Kühle
! der peripheren Körperteile, Verringerung der Urinsekretion:
dabei waren die Temperaturen subfebril mit einem einmaligen
Maximum von 38,2 0 C. Nach der ersten Woche stellte sich eine
zunehmende P u 1 s v e r 1 a n g s a in u n g ein. wobei die
geringste Schlagzahl in den Morgenstunden bestand, durch¬
schnittlich 40 bis 44. Da der Kranke nur anfangs einige
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13.
28. März.
Digaleninjektionen, später nur Campher bekam, ist die
Bradykardie nicht auf die Rechnung der Digitalis zu
setzen, sondern eher auf die funktionellen Störungen
respektive die anatomischen Veränderungen des
Herzens durch das Typhusgift zu beziehen.
Mit zunehmender Kräftigung der Füllung und Span¬
nung des Pulses und Besserung des Allgemeinbefindens,
Sinken der Temperatur verlangsamte sich der Puls auch
tagsüber und am Abend immer mehr, sodaß schließlich die
Pulszahl zwischen 38 und 44 in der Minute schwankte
(23. November); dabei war die Herzaktion etwas verstärkt,
der zweite Aortenton stark akzentuiert, der Blutdruck
dem Gefühle nach ein normaler. Es entspricht dieses Bild
vollständig den Angaben Ortners, der diese Erscheinungen
als kompensatorische Zeichen für die toxische Lähmung der
Vasomotoren der oberflächlichen und tiefen Blutgefäße
(Splanchnicusgebiet) hält. Auch bei den übrigen Fällen von
Typhus gelangte die Bradykardie öfter zur Beobachtung,
allerdings nicht während der eigentlichen Erkrankung selbst,
sondern meist nach der Entfieberung bis in die späte Re-
konvalescenz andauernd. Die Pulsverlangsamung ging auf
GO, in vereinzelten Fällen auf 50 und 44 herunter. Am
Herzen zeigten sich ähnliche Erscheinungen wie die des
oben beschriebenen Falles.
Stabsfeldwebel Franz BL, 42 Jahre alt, angenommen am
30. Oktober. Vor zwei Wochen am Cray Vreh in Serbien mit Fieber
und Hasten erkrankt. Großer, kräftiger Mann, schweres Krankheitsbild,
hohes Fieber, 39,6, trockene, belegte Zunge, Roseolen, Milztnmor.
Magenschmerzen, Appetitlosigkeit, Bronchitis, Nasenbluten. Im weiteren
Verlaufe nehmen die Erscheinungen an Intensität zu, besonders die
Bronchitis; am 4, November tritt unter Schüttelfrost eine linksseitige
Pneumonie im Unterlappen auf; hochgradige Atemnot. Puls 110,
schwach. In den nächsten Tagen über dem linken Unterlappen Dämp¬
fung, reichlicher, rein blutiger Auswurf. Unter starkem Tempe-
rAturabfall erfolgt am 8. November eine hochgradige Darmblutung
von 1 bis l 1 /» 1. Nachher Kollaps, der durch wiederholte Digalen-,
Ergotin- und Campherinjektionen wieder behoben wird. Der Puls bleibt
klein und frequent, die Temperatur sehr niedrig. Am 9. November
stärkere Hämoptoö, die den ganzen Tag und die Nacht andauert,
zunehmende Schwäche, Puls 120, klein, schwach, blutige Stühle.
11. November: Ausgebreitete Bronchitis beiderseits, auch rechts iu den
abhängigen Partien Dämpfung, katarrhalische Pneumonie, Sputum
rein blutig, hochgradige Atemnot, Temperatur wieder subfebril, großer
Milztumor, blutige Diarrhöen. 13. November hohes Fieber, Sen-
8orium benommen, starker Husten mit eitrig-blutigem Auswurfe, Puls 130,
klein. Die Widalsche Probe positiv.
Am 15. November leichte, öftere Kollapse mit Temperaturabfall,
Puls über 140, sehr schwach, Atemnot, Sensorium zeitweilig völlig be¬
nommen, neuerliche Hämoptoö, die den ganzen nächsten Tag an¬
dauert. Am Abdomen und an Brusthaut zahlreiche kleinere
stecknadelkopfgroße bis bohnengroße Hamorrhagien hellrot
gefärbt.
Die Untersuchung des Bluts (Färbung nach Jenner) ergibt
eine auffällige Leukopenie, vorwiegend kleinere und große Lymphocyten.
Die Urinuntersuchung ergibt normale Verhältnisse.
18. November. Großer Schwächezustand. Sensorium benommen,
Puls 140, starke Bronchitis, trache&les Hasseln, Temperatur 35,9.
Durchfälle.
19. November. Puls 120, kräftiger, die Blutungen am Bauch im
Rückgänge. Widalsche Probe 1:50 sofort positiv, 1:100 inkompl.
positiv.
20. November. Der Rücken mit zahlreichen erbsengroßen Eiter¬
blasen bedeckt, die nach dem Aufspringen kraterförmige Vertiefungen
hinterlassen. . .
21. November. Sputum nicht mehr blutig, aber eitng, aashaft
stinkend, Kräfteverfall, Puls 140, klein. Starke Durchfälle von licht¬
brauner Farbe mit blutigen Beimengungen and reichlich Schleim.
Unter zunehmender Herzschwäche erfolgt am 24. November früh
der Exitus.
Die Obduktion am 24. November vormittags (Dr. BoziSkoviö).
Die Schleimhaut des Kehlkopfs und der Luftröhre blaß, beiderseits
Bronchitis, im linken Unterlappen Bronchopneumonie, der rechte Unter¬
lappen in eine gangränöse Masse umgewandelt. Fibrinöse Pleuritis. Das
Herz weich, leicht zerreißlich. An der Aorta und den Aortenklappen
kleine, gelblich gefärbte Verdickungen. Sehr großer Milztumor, paren¬
chymatöse Degeneration. Im ganzen Ileum Schwellung der Peyer¬
sehen Plaques und zahlreiche typhöse Geschwüre, zum größten
Teil in Heilung begriffen. Die Wand des ganzen Dickdarms verdickt,
knirscht beim Durchschneiden. Die Schleimhaut allenthalben entzündlich
geschwollen, blaurot verfärbt, mit grauem Schleime bedeckt, stellenweise
unregelmäßig begrenzte, tiefergehende Schleimhautnekrose (Dysenterie).
Der Verlauf der Krankheit war ein ungemein schwerer,
offenbar bedingt durch die Doppelinfektion von Typhus
und Dysenterie sowie durch das Hinzutreten einer Lungen¬
entzündung mit Lungengangrän, die schließlich unter Herz¬
schwäche zum Tode führte. Doppelinfektionen beider Er¬
krankungen sind auf Grund der Beobachtungen in meiner
Abteilung keineswegs eine Seltenheit. In der Mehrzahl der
Fälle, auf welche ich in einer späteren Arbeit ausführlicher
zurückkomme, überstanden die Kranken zuerst Ruhr und
infizierten sich nachher mit Typhus; nur in einzelnen Fällen
traten beide gleichzeitig auf. Die hämorrhagische Dia-
these äußerte sich in Nasenbluten, rein blutigem Auswurfe
während der Pneumonie mit zweimaliger Hämoptoe und
abundante Darmblutungen durch drei Tage, schließlich durch
die Hautblutungen.
Infanterist Z. Branko, Freiwilliger, 17 Jahre alt, anfgenommen am
29. September 1914. Erkrankt vor 14 Tagen bei Amalja in den Deckungen
an der Drina mit Fieber; schlanker, kräftiger Bursche, Temperatur zwischen
39 und 40° C.
2. Oktober. Milztnmor, Bronchitis, Obstipation.
3. Oktober. Widalsche Probe positiv.
5. Oktober. Febris continua. Pnls zwischen 80 und 90, kräftig,
Roseola. Benommenheit des Sensoriums, Unruhe, Delirien.
10. Oktober. Linke Parotisgegend geschwollen, hochgradige Schwäche,
Bewußtlosigkeit, andauernd Erbrechen, Nahrangsverweigerung, Temperatur
zwischen 89 und 40° C, Puls 90 bis 100.
14. Oktober. Durchbruch des Abscesses an der Wange, starke
Anämie. Blntuntersuchnng ergibt im nativen Präparat starke Anämie
der Blutscheiben, Poikilocytose, starke Leokocytose, im gefärbten Prä¬
parat (Jenner) auffallende Leokocytose, vorwiegend polynucleäre neutro-
phüe, vereinzelte mononucleäre neutrophile Lenkocyten und Lymphocyten,
20. Oktober. Die Temperaturen seit einigen Tagen intermittierend,
Sensorium noch getrübt. Puls 96 bis 100, sehr schwach und klein.
21. Oktober. Mehrere multiple Blasenbildungen und Ab-
scesse am rechten Ober- and Unterschenkel mit rasch eintre¬
tender Lymphadenitis in in^nine.
Gleichzeitig aasgebreitete H&ntblntangen am rechten
Oberschenkel, Unterschenkel undFuß, bestehend aus dicht neben¬
einanderliegenden punktförmigen Hämorrhagien. Nach Incision sämtlicher
Abscesse und deB Bubos in mgnine geht die Temperatur rasch herunter
und hält sich eine Woche auf mittlerer Höhe.
Am 30. Oktober sind die Hämorrhagien verschwunden. Der Kranke
sehr schwach und hinfällig.
Anfang November treten öfter leichte fliegende Oedeme and
Infiltrationen auf, so am 8. November eine ausgebreitete Infiltration
der rechten Wange, die nach Jodpinselung wieder zurückgeht Die Eite*
i rang Bämtücher Wanden noch andauernd.
Am 10. November Oedem des rechten Fußrückens und Knöchel«,
am nächsten Tage verschwunden. Es besteht hochgradige Anämie and
Schwäche. Widalsche Probe JooJ nach drei Stunden komplett pos.
1:200 inkomplett
Von Mitte November ist der Kranke fieberfrei, die Wunden in
Heilnngstendenz.
Am 18. November treten zwei typische epileptische Anfälle mit
allen charakteristischen Erscheinungen auf.
In der weiteren Folge zunehmende Besserung und Genesung.
Die Infektion bei diesem Falle war gleichfalls eine
sehr schwere, auch hier zeigte das Krankheitsbild mehr die
Erscheinungsform der Sepsis als eines Typhus.
InfanteristJohannL.,33 Jahre. Aufgenommen am 16. September 191 j
Seit drei Wochen krank mit Fieber und Gliederschmerzen. Patient mittel¬
groß, schwächlich, anämisch. Temperatur febril, Puls 130, leicht unter¬
drückbar. Blutungen ans dem Zahnfleisch, aus Mund und Na«e.
An der Haut des ganzen Körpers zahlreiche Hämorrhagien
In der nächsten Zeit Febris continua zwischen 89 bis 40°, Puls stets
über 100, schwach, Roseola, Milztnmor, öftere Nachschübe kleiner
hellroter Hantblutungen an verschiedenen Teilen des Körper«.
Anfang Oktober beiderseits Schwellung der Parotis; die rasch entstan¬
denen Abscesse wurden gespalten, doch es folgte außerdem noch beider¬
seits eine Perforation in die “äußeren Gehörgänge.
15. Oktober. Zunehmende Anämie und Schwäche, inter¬
mittierendes Fieber mit tiefen Remissionen. Puls zwischen 96 und iw
starke Eiterung aus beiden Parotis wanden. Dieser Zustand besteht ®
gleicher Weise mehrere Wochen fort, die Anämie nimmt zu, das natir
Blut erscheint hellrosa gefärbt. , ,,
Die hohen Temperaturen gehen allmählich herunter, die rnis**
hinauf. Die Herztätigkeit sehr schlecht, Bewußtlosigkeit, Delirien.
Am 8. November. Auf beiden Handrücken zahlreichekleii 1
Hauthämorrhagien, die Haut sieht wie mit Blut bespritzt»™-
Puls 120, klein, große körperliche Schwäche. In den nächsten
neuerliche Hämorrhagien an der Haut von Brust, ö» ncu '
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28. Marz.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13.
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ii-meu aod Beinen. Temperaturen normal, Puls sehr frequent, klein,
tfidi einigen Tagen sind die Hämorrhagien größtenteils geschwanden.
Am 14 .November. Zusammenfallend mit neuerlichem Tem-
peratnranstieg auf 39,5 bis 40» nnd starker Eiterung aus den
Wanden auf der ganzen linken Brustseite bis zur Mitte des Bauches
öin macnlopapulöses Exanthem von rötlichvioletter Farbe mit ziemlich
dichtstehenden linsengroßen Efflorescenzen, die sich bis zum nächsten
7ige hämorrhagisch nmwandeln. Am 17. ist Brust, Bauch und Röcken
m dem gleichen Exanthem bedeckt, das unter starkem Hautjucken nnd
dem Gefühl des Brennens hervortrat. Temperatur zwischen 37 und 38,2 o,
Pali kräftig. Stuhl fest. ,
Blatantersuchung ergab im nativen und gefärbten Präparat
eine starke Leakocjtose, vorwiegend polynucleäre neutrophile Lenkocyten.
1:50 )
Widtlsche Probe 1:100 > prompt positiv.
1:2 OO)
Harnnntersuchung ergibt keine abnormen Bestandteile.
18. November. In der Nacht erfolgte starker Schweißausbroch,
das£jytbem hat zugenommen nnd beginnt sich auch auf die Extremitäten
iDszabreiten, die dichtstehenden Efflorescenzen sind blutrot gefärbt, so-
drf das Bild dem der hämorrhagischen Masern gleicht, Tem-
peratar 37,3 bis 38°.
19. November. Die Arme and Beine allenthalben mit den blau¬
roten Efflorescenzen bedeckt, die stellenweise confluieren, die Haut ist
bdfl, targescenter, an einzelnen Stellen kleine Bläschen mit tröbem Inhalte;
starker Juckreiz. An der Ellbogengegend, an den Oberschenkeln und an
den Knien zahlreiche Hämorrhagien, auch an beiden Handrücken
mehrere frische linsen- bis bohnengroße Blntnngen. Starke Eite-
rarg der ParotiBwunden.
20. November. Das Erythem überall stark vorhanden.
21. November. Dasselbe im Abblassen mit Hinterlassung von kleinen
Haatblatnngen and bräunlichen Stellen. Temperatur normal. Pals fre¬
quent. klein.
22. November. An zahlreichen Stellen am Körper sind Bläschen
and Pusteln zurückgeblieben. Der ganze linke Handrücken neuerlich von
ßlatnngen bedeckt. Auch in den nächsten Tagen treten immer wieder
neue Haatblatnngen an beiden Handrücken und an der rechten
Toraiseito auf.
25. November. Der Puls 96, kräftiger. Temperatur normal, sub¬
jektives Wohlbefinden.
Auch hier ist die schwere Infektion und die erhöhte
Toxin Wirkung durch das langdauernde starke Fieber, die
rasch zunehmende Schwäche und Anämie, die Eiterungen
und die immer wiederkehrenden Hautblutungen ersichtlich.
Besonders deutlich war hier zu verfolgen, wie ein einfaches
Erythem sich unter dem Einflüsse der Noxe hämorrhagisch
c umwandelfce.
ß. Nikols, Zivilarbeiter, 19 Jahre alt, aufgenommen am 9. No¬
vember 1914. Seit fünf Tagen mit Fieber, Appetitlosigkeit mit Glieder¬
schmerzen krank. Der Kranke mittelgroß von schwächlichem Körperbau,
mager, blaß. Temperatur 39,6. Milztumor. In den nächsten Tagen kon¬
tinuierliches Fieber zwischen 39 und 40° C. Zange trocken, belegt. Puls
Aber 100, dikrot, Sensorium benommen. 16. November Roseola, großer
Miktomor, Delirien. 18. November. Ausgebreitete Bronchitis, dichtes Ras¬
seln in den unteren Partien. Temperatur andauernd hoch. Puls 120,
schwach. 21. November. Sensorium stark benommen, Schwerhörigkeit,
Temperatur 40,7 y C, Pnls 129, klein; Stuhl weich, erbsenbreiartig.
21. November. Bewußtlosigkeit, Delirien, Pnls 112 bis 130, sehr
schwach, unregelmäßig. Sämtliche Roseolaflecken zeigen eine
deutliche hämorrhagische Umwandlung.
22. November. Starker Kräfteverfall. Puls sehr schwach, unregel¬
mäßig, in den abhängigen beiderseits dichtes feuchtes Rasseln, bronchiales
Atmen, großer Milztumor.
Widalsche Probe: Die Urinuntersuchung ergibt normale Ver¬
hältnisse.
23. November. Die Roseolen von blauschwarzer Farbe,
tracheales Rissein, Cyanose, Pnls unregelmäßig, kaum tastbar. 24. No¬
vember frflb Exitus,
Die Obduktion am 24. November vormittags (Dr. Bofcickoviß).
An der Haut von Brost und Bauch vereinzelte schwärzlichblaue Flecken.
Bie Lungenspitzen beiderseits adhäreat, daselbst mehrere frische und
altere tuberkulöse Herde und bulböses Emphysem. In beiden Unterlappen
Pneumonie (rote Hepatisation). Das Herz weich, leicht zerreiß lieh,
klappen zart ; großer Milztumor mit starker parenchymatöser Degene¬
ration. Im Magen ein ausgebreiteter Katarrh. Die Schleimhaut des
ganzen ileums und Coecums durchsetzt von zahlreichen frischen Ge¬
schwüren, die regionären Lymphdrüsen geschwollen.
Die retroperitonealen Lymphdrüsen von Naßgröße, verkalkt mit
Zerfall im Innern. Die Schleimhaut des Dickdarms normal,
jroße Hufeisenniere, Parenchym nicht verändert.
Pathologisch - anatomische Diagnose: Typhus abdominalis in der
ntteu Woche, Tuberculosis spicum pulmonum, Pnenmonia bilateralis,
UMrcalosis in gland. Iymph. retroperit.
Da« Bemerkenswerte dieses Falles ist die hämorrha¬
gische Umwandlung der Roseolen selbst, die beim Ty¬
phus zu den seltensten Erscheinungen zählt.
Infanterist Stefan S, 36 Jahre alt, aufgenommen am 9. September.
Vor acht Tagen an der serbischen Grenze mit Fieber, starken Magen-
und Bauchschmerzen erkrankt, schwächlicher kleiner Mann, Temperatur
über 40° C, Puls 96, Mageugegend vorgetrieben, Äußerst druckempfind¬
lich, Meteorismus, auch perkussorische Schmerzemptindung, beiderseitiger
Bronchialkatarrh. Diese Erscheinungen dauerten in gleicher Intensität
weiter au. Keine Roseola, kein Milztumor. Obstipation. In den Vorder¬
grund treten die starken Magenschmerzen, daß Patient Tag und
Nacht schreit; diese halten auch nach der Entfieberung (23 Septembbr)
weiter an. 1. Oktober. Widalsche Probe positiv. Erst am 6. Ok¬
tober lassen die Schmerzen nach und der Kranke fängt wieder zu essen
an, fieberfrei, hochgradige Abmagerung und Blutarmut. 8. Oktober. Am
linken Oberschenkel, Brust, Bauch und Lendengegend zahl¬
reiche pnnktförmige Hämorrhagien, die in den nächsten
Tagen an Größe und Ausbreitung zunehmen. Puls 100 bis 110,
sehr labil. Temperatur normal. Obstipation später regelmäßig. Stuhl. Die
Haulblutungen verlieren sich allmählich, der Patient beginnt sich zu er-
holon, ist aber noch sehr schwach. Am 6. November, also 44 Tage
nach der Entfieberung Beginn des Rezidivs mit hohem Tempe¬
raturanstiege, Puls über 100, kräftig. Neuerlich Febris continua, nur
hie und da kommt es zu tiefen Remissionen, Zunahme des Schwäche¬
zustandes, hochgradigste Abmagerung, Patient gleicht einem mit Hant
Überzogenen Skelett. 16. Oktober. Puls sehr klein, inäqual., Herztätig¬
keit schwach, am ganzen Rücken zahlreiche kleine frische Hä¬
morrhagien, vereinzelt auch an Armen nnd Beinen.
Die Blutuntersuchung. Natives Präparat: Ganz blasse Schei¬
ben, PoikiJocytose, Leukopenie in jedem 15. bis 20. Gesichtsfeld ein Leuko-
cyt. Färbung nach Jenner: Polynucleäre und neutrophile Leukocyten
in gleichem Verhältnisse, hauptsächlich kleine Lymphocyten.
Die Urinuntersuchung ergibt normale Verhältnisse. Durch
längere Digitalisverabreichung gelingt es, die Herztätigkeit zu bessern.
18. November. Temperatur noch andauernd hoch gegen 39°, Pols 100
bis 110 kräftiger.
Allmählich erfolgt lytischer Fieberabfall. Die körperliche Schwäche
ist so hochgradig, daß der Kranke nur mit Mühe die Hände heben kann.
Langsam zunehmende Besserung.
Die Krankheit dauerte bis zur Entfieberung nach dem Rezidiv zwei¬
einhalb Monate und war eine der schwersten, die wir hier hatten.
Ein Ueberblick über die beschriebenen elf Fälle zeigt
uns trotz des vielfach recht verschiedenen Krankheitsbildes
vor allem das Gemeinsame — die schwere Infektion. Ob
diese nun zu rasch tödlichem Ausgange führt oder einen
monatelang protrahierten Verlauf nimmt, immer sehen wir
den Typhus in seiner Wechsel vollen Gestaltung als Allge¬
meininfektion des Körpers. Diese war auch in 75°/ 0
aller andern Typhusfälle ersichtlich, bei denen die sonst
vorwiegenden Darmerscheinungen klinisch so gut wie ganz
fehlten. Und in der Mehrzahl der beschriebenen Fälle von
hämorrhagischem Typhus entsprach der Verlauf auch klinisch
dem Bilde einer septischen oder pyämischen Er¬
krankung mit Ausbreitung der Infektionserreger in die
Blut- und Lymphbahnen des Körpers, öfters mit Bildung
von metastatischen Entzündungen oder Eiterungen in den
verschiedensten Teilen desselben. Dies Verhalten entspricht
vollkommen der Auffassung Schottmüllers über die Patho¬
genese des Typhus überhaupt. Der Typhus abdominalis ist
keine Erkrankung des Darmes, sondern eine Erkrankung des
Lymphgefäßsystems, durch welche es zu einer Allgemein¬
erkrankung des Körpers kommt, und zwar infolge der stän¬
digen Anwesenheit der Typhuskeime in der Lymphe und im
Blute. Der Verdauungstrakt ist nur die Eingangspforte des
Typhus. Die schwächere oder stärkere Ausbreitung der
Typhusbacillen in den einzelnen Teilen des Organismus er¬
klärt uns zusammen mit der Toxinwirkung am einfachsten
jede Erscheinungsform oder Komplikation der Krankheit.
Diese Annahme ist auch als Erklärung für das Auf¬
treten der Eiterungen hinreichend, die in manchen Ländern
eine ungemein häufige Komplikation des Typhus bilden. Wie
nun in zahlreichen Fällen nachgewiesen ist, kann der Typhus¬
bacillus unter günstigen Bedingungen allein die Eiterungen
bedingen, selbst zum Eitererregor werden. Dafür spricht
das frühe Auftreten der Abscesse, z. B. der Parotisabscesse
schon in der zweiten Woche. Auch in zahlreichen andern
Fällen von Typhus, die hier zur Beobachtung kamen, sah
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13.
28. März.
Ich gleich zu Anfang die Bildung von Abscessen, die ganz
den Eindruck von kalten Abscessen machten. Bakterien-
fftrbungen des Eiters ergaben keine Eiterkokken, eine Züch¬
tung war mir leider unmöglich.
Das ausgesprochene Bild des Typhus septicus ist
wohl zu unterscheiden von der posttyphösen Sepsis,
die sehr häufig erst nach dem Abklingen des eigentlichen
typhösen Prozesses mit Schüttelfrösten, Absceßbildungen,
Vereiterungen von LymphdrÜsen, Venenthromben, Infarkten
usw. auftritt. Hier handelt es sich zumeist um Misch¬
infektionen mit Eitererregern, in vielen Fällen können aber
auch hier noch Typhusbacillen im Eiter nachgewiesen
werden.
In sporadischen Fällen hat die frühzeitige Unter¬
scheidung eines septischen Typhus von irgend¬
einem andern septischen Prozeß auch eine große
praktische Bedeutung hinsichtlich der Infektionsgefahr. Es
besteht mitunter eine vollständige Gleichartigkeit des
Krankheitsbildes, bei beiden kommen Roseola, Milztumor,
hohes, selbst kontinuierliches Fieber, trockene, belegte Zunge,
Durchfälle, Störungen des Bewußtseins usw. vor. Auch der
Puls gestattet meist keine Differentialdiagnose, da bei sep¬
tischem Typhus die relative Puls Verlangsamung nur selten
und nicht von langer Dauer ist, da bald schwere Störungen
des Herzens und Gefäßsystems hinzutreten. Fast immer
vermißte ich bei den Fällen von septischem Typhus
Schüttelfröste und das Vorhandensein einer frischen
Endokarditis. Die Leukocytenzählung (Hyperleukocytose
bei Sepsis, Leukopenie beim Typhus) ist infolge der häufigen
Aenderungen des Bildes durch Komplikationen beim Typhus
nicht absolut sicher. Eine verläßliche Unterscheidung ge¬
statten nur die Züchtung der Bakterien aus dem Blut und
die Agglutination.
Auf den septischen Charakter des Typhus (Bakteriämie
und Toxinwirkung) sind auch die Veränderungen der Haut
und die Erscheinungen der hämorrhagischen Diathese zu be¬
ziehen.
Die hämorrhagische Diathese ist der Ausdruck
einer Erkrankung der Gefäße. Fast in jedem Falle
von halbwegs schwerem Typhus finden wir Störungen im
Bereiche der Kreislaufsorgane der verschiedensten Art, deren
genauere Kenntnis wir in der letzten Zeit den eingehenden
Arbeiten Ortners verdanken. Ist doch schon die Dikrotie
des Pulses, eines der charakteristischen Zeichen des Typhus,
bereits der Ausdruck einer Erschlaffung der Gefäßwand.
Und je nach der Schwere des Typhus, nach dem Grade der
Infektion und Toxinwirkung können wir fast ausnahmslos
die verschiedensten Erkrankungen des Gefäßsystems und des
Herzens feststellen, angefangen von der vasomotorischen
Lähmung bis zur schwersten anatomischen Schädigung der
Gefäßwand selbst. Je schwerer die Infektion, desto früher
und stärker treten diese Erscheinungen hervor. Das Auf¬
treten von Hämorrhagien an der Haut und in inneren Or¬
ganen, die hämorrhagische Umwandlung der Roseolen usw.
sind der Ausdruck einer toxischen Schädigung der Ge¬
fäße, namentlich der Endothelien der Kapillaren,
die nicht mehr imstande sind, die korpuskularen und flüs¬
sigen Bestandteile des Bluts zurückzuhalten. Daher sehen
wir neben den Hämorrhagien auch das Auftreten von serös
hämorrhagischen Exsudaten. Sehr selten erfolgten die Haut¬
blutungen noch während der Zeit einer gesteigerten Herz¬
aktion, die Ortner als kompensatorische Leistung für die vaso¬
motorische Lähmung der oberflächlichen und auch der tiefen
Gefäße (Splanchnicusgebiet) auffaßt, trotzdem dabei oft ein
Pulsieren der feineren Arterien, ein Capillarpuls, ja sogar
ein dikroter Capillarpuls (Ortner) vorhanden ist.
Es war fast in allen von mir beobachteten Fällen von
Typbus haemorrhagicus auffallend, daß die Blutungen
der Haut oder anderer Organe zeitlich mit dem
Nachlassen der Herzkraft zusammentrafen. Darauf
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aufmerksam geworden, untersuchten wir in allen schweren
Fällen von Typhus beim Auftreten eines kleinen, unregel¬
mäßigen Pulses den Körper genau auf Blutungen und fanden
so in der Tat wiederholt die ersten Hämorrhagien. Das gilt
nicht allein für die letal endigenden Fälle, sondern auch
für die andern, bei denen die Krankheit einen monatelangen
schleppenden Verlauf nahm.
Eine Gefäßwandschädigung als Ursache der Blutungen
war auch daraus ersichtlich, daß in den schweren Fällen
von septischem Typhus nach mechanischen Einwir¬
kungen auf die Haut, Kratzen, Reiben, Druck sich im
ganzen Ausmaß des gereizten Gebiets binnen kurzer Zeit
Hämorrhagien einstellten.
Die hämorrhagische Diathese ist keine selbständige
Erkrankung, sondern eine Begleiterscheinung aller jener
Krankheiten, bei denen es zu Schädigungen der Gefäßwand
kommt oder der Chemismus des Bluts schwere Veränderun¬
gen akfweist, so bei der chronischen Nephritis, bei allen
septischen Erkrankungen, bei rasch eintretendem Marasmus
bei allen Blutkrankheiten im Verlauf schwerer Infektionen,
z. B. bei der hämorrhagischen Form der Masern, Blattern,
des Scharlachs und Flecktyphus.
Ein in der letzten Zeit beobachteter Fall von Purpura
variolosa veranschaulicht den Vorgang sehr deutlich. Der
Krauke wurde mit einem scarlatinösen Initialexanthem ein¬
geliefert, das sich über Nacht hämorrhagisch umwandelte.
Innerhalb von 12 Stunden kam es zu einer enormen Ver¬
mehrung und Ausbreitung der Hautblutungen, sodaß die
Haut auf große Strecken dunkelblauviolett verfärbt war.
Erst dann stellte sich unter mächtiger Schwellung der Baut
der Pockenausschlag ein. Am dritten Tage erlag der Patient
der bösartigen Krankheit.
Wichtig ist die Kenntnis des hämorrhagischen Typhus
abdominalis bezüglich der Differentiaidiagnose mit dem
Flecktyphus. Der klinische Verlauf und die Symptome
können ziemlich gleichartig sein, so die Ausbreitung der
Roseola über den ganzen Körper, die petechiale Umwandlung
dieser und die allgemeine hämorrhagische Diathese, was für
den Flecktyphus besonders typisch gilt. Die Roseolen bei
letzteren sind weniger scharf begrenzt, meist blässer, zahl¬
reicher und zeigen keine Nachschübe; öfters tritt auch eine
leichte Schuppung auf. Iu zweifelhaften Fällen ist der
Nachweis der Typhusbacillen im Blute oder die Agglutination
das einzig Beweisende. Erscheinungen der hämorrhagischen
Diathese findet man nicht selten auch bei Darmkrankheiten
besonders im Kindesalter. Derartige Fälle von Purpura
mit Darmkoliken hat seinerzeit Henoch beschrieben. Die
Aetiologie ist unbekannt, v. Jaksch beobachtete ein hämor¬
rhagisches Exanthem auf gonorrhoischer Basis.
Beim hämorrhagischen Typbus kommen Blutungen
der verschiedensten Art und Lokalisation vor, besonders
aber in jenen Organen, die an und für sich durch den
Krankheitsprozeß gewöhnlich schon schwer in Mitleiden¬
schaft gezogen sind, wie die Schleimhaut des Verdauungs¬
und Respirationstraktes und des Nierenbeckens.
Am häufigsten trat (auch bei andern Typbuskranken)
Nasenbluten in der ersten oder zweiten Woche auf, viel¬
fach auch Blutungen aus dom Zahnfleisch, d e m
Rachen und den Lungen. Unter 400 Fällen von Typhös
sah ich viermal Hämoptoe, zweimal im Beginne, zweimal
während des Verlaufs der Krankheit. Diese unterschied
sich aber von der gleichen Erscheinung beim hämorrha¬
gischen Typhus dadurch, daß sie nur einmal von kurzer
Dauer erfolgte, während bei diesem die Blutung tagelang
dauerte und in profuser Weise verlief. ...
Auch die andern Blutungen zeigten bei einzelnen FaH
von hämorrhagischem Typhus ausgesprochenen hämophi‘ e
Charakter, so die Blutungen aus dem Zahnfleisch und e
Nase, ebenso die langdauernden Darmblutungen. Eine N<ß*
gung zu Blutungen, familiäre Veranlagung, wurde von keinc ra
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UNIVERSITV OF IOWA
28 . Marz.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13.
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Patienten zugegeben; gleichwohl ist es bekannt, daß in be-
■«aa, c* stimmten Familien Darmblutungen beim Typhus häufiger und
starker auftreten 1 ).
*pai« ; Magen- und Darmblutungen waren nur in zwei
sofidfiB l, rauen vorhanden und stellten sich bei dem einen terminal
■niMaife ein. Bei den schwereren Fällen fand sich auch Blut im
Urin, meist einer hämorrhagischen Nephritis entsprechend.
xktBl® Bei der Sektion fanden sich zweimal ausgebreitete flächen-
xtm'i hafte Blutungen auf der Pleura und dem Peritoneum,
che: b im Falle V. auch starke Hämorrhagien in den
Mt Muskeln und kleine Blutungen in der Schleimhaut des
-en fa®; Nierenbeckens.
Am konstantesten waren beim hämorrhagischen Typhus
•inesfc die Hantblut ungen, die an Größe, Farbe und Verteilung
u eine große Verschiedenheit aufwiesen,
der In einigen Fällen sah die Haut wie mit frischem,
■refe hellrotem Blute bespritzt aus und zeigte bei neuen
.ntis. k Blutungen immer wieder dieselbe Art des Auftretens; dies
idem fc: war namentlich bei sehr anämischen Kranken mit sehr
rer Mc dünner Haut und wäßrigem lichten Blute der Fall. Bei
;rnJ.i: andern kam es zu kleineren und größeren violetten bis
blauschwarzen Flecken; bei diesen zeigte auch das ent¬
hob nommene native Blut eine auffallend dunkle, fast schwarze
r dei: Farbe und schien bei äußerer Betrachtung direkt eingedickt.
Jeiariii Bei diesen Patienten bestand meist auch Cyanose. Anfangs
:t (heu: hegin^oD wir einigemal einen diagnostischen Irrtum, als wir
sogenannte Täches bleues für leichte Blutungen ansahen. 1
Ten,;:. Sehr bald aber belehrten uns die zahlreichen Läuse eines i
wie sich solche kleine hämorrhagische Blasen aus der Roseola
entwickelten.
Die Prognose beim hämorrhagischen Typhus ist immer
eine sehr ernste, doch ist der Ausgang nicht immer tödlich.
Von 400 Typhusfällen verliefen elf mit hämorrhagischer
Diathese, also nicht ganz 3°/o, von denen sieben starben
(57%).
In den Epidemiespitälern von Schabatz und Ujvidek
konnte ich später unter weiteren 360 Fällen von Typhus
abdominalis sechs Fälle von hämorrhagischem Typhus fest¬
stellen, von denen vier starben.
Bei der Behandlung spielt die möglichst frühzeitige
Berücksichtigung der rasch eintretenden Störungen der Kreis¬
lauforgane die Hauptrolle. Demzufolge verabreichen wir bei
jedem halbwegs schweren Falle von Typhus während der
Akme Digitalisinfus innerlich oderDigalen, Gampheröl, Coffein
subcutan mit dem besten Erfolge. Es gelang uqs damit sehr
häufig, schwere Herzstörungen zu beseitigen und einer Herz¬
schwäche vorzubeugen.
Zusammenfassung:
Der hämorrhagische Typhus ist nicht der Aus¬
druck einer eigenartigen Infektion, sondern kenn¬
zeichnet den Typhus nur als eine schwere Allge¬
meininfektion des Körpers septischen Charakters.
Die hämorrhagische Diathese ist durch Gefä߬
schädigungen infolge erhöhter Einwirkung des
Typhusgifts und individueller Disposition verur¬
sacht; ihr Auftreten fällt zeitlich mit Störungen
der Herztätigkeit und des Kreislaufs zusammen.
I;- r : In der Regel zeigten die Hämorrhagien einen rötlich- i
.jujjif:, braunen Farbenton, der nach einigen Tagen ins bräunliche
5 verblaßte; nur die größeren und tiefer gelegenen Blutungen I
blieben längere Zeit unverändert bestehen, ehe sie die be- j
: kannten Farben Veränderungen des Hämoglobins zeigten. j
. Fast bei allen Fällen erschienen die Blutungen an der Haut |
des Bauches und der Brust, erst später auch an den Ex- |
tremitäten, an den Händen und Armen häufiger als an den
; Beinen und mit Vorliebe in der Nähe der Gelenke.
Neben den Blutungen bestanden beim hämorrhagischen
Typhus noch die verschiedensten andern Hautver-
änderungen, so Exantheme, Dermatitiden, Erytheme,
Crticaria, fliegende Oedeme, Furunkeln, Abscesse,
ja ausgebreitete Hautgangrän.
Diese Hauterkrankungen sind zum Teil Folgen der
vasomotorischen Störungen und der degenerativen Verände¬
rungen der Gefäßwand durch das Typhusgift, zum Teil Ent-
zündungserscheinuDgen durch die lokale Anwesenheit von
Typhusbacillen in den erweiterten BlutcapiHaren und Lymph¬
en, Ein charakteristisches Beispiel hierfür bietet der
Zusammenhang von Entzündung und Blutung der Haut bei
der hämorrhagischen Umwandlung der Roseolen, die
ich in drei Fällen beobachtete, und anderer Hautaffek¬
tionen.
So traten z. B. im Falle V. an verschiedenen Stellen
des Körpers starke Schwellungen der Haut mit Rötung auf,
an deren Stelle sich am nächsten Tag ausgebreitete Blutungen
befanden.
Im Falle L. entwickelte sich ein maculo-papulöses
Exanthem, das nach und nach den ganzen Körper befiel
und bei dem sich zahlreiche Efflorescenzen in Hämorrhagien
oder hämorrhagische Blasen um wandelten. Auch in andern
Fällen von septisch-hämorrhagischem Typhus schossen zuerst
^serkiare Blasen auf, deren Inhalt und Umgebung sich
°‘t über Nacht blutig verfärbte. Wie die Roseolen dürften
auch diese Blasen als metastatische Ansiedlungen der Typhus-
bacjilen gelten. In einem Falle konnte ich direkt beobachten,
, . *1 Neben einer individuellen Veranlagung können hämophiie Eigen-
* ■*. p öc ^ aQ ^ toxischer Basis beruhen. Das Auftreten von ander-
b Fällen hämorrhagischer Diathese, Skorbut usw. wurde nicht
Aus dem Kgl. Institut für Infektionskrankheiten „Robert Kooh u
zu Berlin.
Zur Bekämpfung des Pieckfiebers
von
F. Neufeld.
1. Die Maßnahmen zur Entlausung.
Die Uebertragung des Fleckflebers ist allen Beobachtungen
zufolge au die Gegenwart von Kleiderläusen gebunden; gegen diese
richten sieb daher unsere Abwehrmaßnahmen 1 ).
Die Läuse und ihre Eier finden sich ganz überwiegend an
der Wäsche und den Kleidern, insbesondere da, wo die Kleidung
i eng anliegt (Halsbinde, Kragen, unter den Hosenträgern), ferner
I in den Betten: bei starker Verlausung muß man auch mit dem
Vorkommen der Tiere auf dem Fußboden und den Wänden
rechnen. Läßt man aufs stärkste verlauste Personen sich aus-
ziehen, so ist man Überrascht, wie schwer es gelingt, einzelne am
Körper zurückgebliebene Läuse aufzufinden.
Zur Befreiung der Kleider von Läusen und Läuseeiern
dient vor allem die feuchte Hitze (Desinfektion mit strömendem
Wasserdampfe), ferner die unten näher besprochene schweflige
Säure. Auch kann man die trockne Hitze (eigne Trockenschränke,
Bügeln von Kleidern und Wäsche mit heißem Eisen) anwenden.
Ueber derartige Apparate und ihre Improvisierung hat kürzlich
Hey mann (Kriegsärztlicher Abend im Langenbeckhaus am
23. Februar) ausführlich berichtet; bei dem langsamen Eindringen
der trocknen Hitze dürfte dieses Verfahren aber da, wo es sich
um schnelle Entlausung größerer Mengen von Kleidern handelt,
mit den andern nicht konkurrieren können. Welches Verfahren
das zweckmäßigste und billigste ist, richtet sich im übrigen ganz
nach den Umständen.
Zur Entlausung der Wäsche kommen dieselben Verfahren
') Wenn wir die Uebertragung durch Kleiderläuse offenbar als
den normalen Infektionsweg anzusehen haben, so ist deshalb nicht aus¬
geschlossen, daß in seltenen Fällen einmal eine Infektion auf andere
Weise, zum Beispiel dnreh unmittelbare Uebertragung des infektiösen
Bluts durch Stich mit einem spitzen Instrument, erfolgen kann. Aus
Tierversuchen wissen wir, daß das Blut den Infektionsstofl enthält: ob
derselbe etwa (wie beim Recurrens) auch durch die unverletzte Haut
eindringen kann, und wie lange etwa das Leichenblnt infektiös bleibt,
wissen wir noch nicht. Fälle derartiger Uebertragung sind bisher nicht
bekannt geworden, immerhin wird Vorsicht bei Blutentnahmen and
Sektionen zu empfehlen sein
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13.
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in Frage, außerdem das Waschen mit heißer Lauge, sowie etwa
(‘inständiges Einlegen in 5%ige Lysol- beziehungsweise Kresol-
seifenlösung. Alle diese Verfahren gewährleisten
eine sichere Abtötung der Läuse einschlie߬
lich ihrer Brut.
Die am Körper befindlichen Läuse (im Vergleich zu den
in der Wäsche und den Kleidern sitzenden sind es nur wenige)
werden durch Abwaschen mit Schmierseife entfernt; aus prak¬
tischen Gründen wird es sich in der Regel empfehlen, bei der¬
selben Gelegenheit etwa vorhandene Kopf- und Filzläuse mit den
bekannten Mitteln zu beseitigen.
Die Räume, die mit Läusen von Fleckfieberkranken in¬
fiziert oder verdächtig sind, können nach Abdichten (wie bei der
Formalindesinfektion) durch Einleiten von schwefliger Säure von
den Läusen und ihrer Brut befreit werden; oft wird es zweck¬
mäßig sein, die infizierten Kleider, Wäsche und Betten in dem
Zimmer zu belassen und gleichzeitig auszuschwefeln. Die schwef¬
lige Säure kann durch Verbrennen von Stangenschwefel nach
Uebergießen mit Brennspiritus in geeigneten Pfannen (Technik
siehe Grasberger, W. kl. W. 1914, S. 1615) oder durch Ver¬
brennen der (zu etwa 90% aus Schwefelkohlenstoff bestehenden)
„Salforkose“ (Technik bei Bischoff, D. militärärztl. Zschr.
1912, S. 681) oder aus einer Bombe mit komprimiertem Gase ge¬
wonnen werden. Das erstgenannte Verfahren ist das billigste;
dabei dürfen aber, ebenso wie beim Salforkoseverfahren, im Um¬
kreise von etwa 1 m Entfernung vom Apparat keine leicht brenn¬
baren Gegenstände sich befinden.
Zur Orientierung über die Technik und die Kosten der ver¬
schiedenen Methoden sowie zur Berechnung des Prozentgehalts
der Zimmerluft an S0 2 bei den einzelnen Verfahren mögen fol¬
gende Angaben dienen.
Will man zum Beispiel einen Raum von 25 chm auf einen Ge¬
halt von 4 % schwefliger Säure bringen, so braucht man dazu 1 chm
des Gases; 1 cbm SO* ist aber annähernd gleich 3 kg *). Diese Menge
entsteht durch Verbrennen von VA kg Stangenschwefel (0.88 bis 0,52
Mark), der mit 60 ccm Brennspiritus übergossen wird, da er sonst nicht
völlig ausbrennt; die Verbrennung geschieht in einer eisernen Pfanne, die.
damit das Eisen nicht angegriffen wird, mit Schamotte oder dergleichen
ausgekleidet und genügend groß sein muß. sodaß der brennende
Schwefel nicht überlließt. Eine solche Pfanne, in der nach Gras-
b c r g e r in zwei Stunden bis zu 8 kg Schwefel verbrennen, kostet
fertig bezogen etwa 20 Mark, läßt sich aber billiger hersteilen.
Von der Salforkose, die von der Firma A. S c h o 11 z in Ham¬
burg, Schulterblatt, vertrieben wird, sind zur Gewinnung von 1 cbm
SOU etwa 2 kg erforderlich (Preis 8 Mark): der Apparat dazu kostet
;}(j Mark und faßt 2A kg, die in etwa % Stunde ausl»rennen; zur
Erzeugung größerer Mengen Gas muß man mehrere Apparate gleich¬
zeitig verwenden. Im Augenblick des Anzündens schlägt eine Sticli-
(lammc hoch, dann brennt die Flüssigkeit gleichmäßig weiter. Als
billigerer Ersatz wird eine Mischung von 90 Teilen Schwefelkohlenstoff
und je fünf Teilen Wasser, Brennspiritus empfohlen.
Die komprimierte schweflige Säure kommt in Bomben zu 50 kg
in den Handel, eine solche Bombe kostet etwa 30 Mark (dazu 2 Mark
monatliche Leihgebühr für die Stahlfla-sche), 1 kg also etwa 0,60 Mark,
1 cbm 1,80 Mark. Das Gas wird von außen durch das Schlüsselloch
eingeleitet; man stellt die Bombe auf eine Wage und liest direkt ab,
wieviel Kilogramm ausströmen. In unsern Versuchen flössen bei einer
Außentemperatur von 15° in zwei Stunden zirka 5 kg aus: um das
Ausströmen zu besclileunigen und die bei längerer \ ersuchsdauer cin-
tretemle Abkühlung, die zum Einfrieren des Gases an der Austluß-
miindung führen kann, zu verhüten, kann man die Bombe mit heißem
Wasser übergießen und darin stehen lassen.
Gotschlich fordert in dem auszuschwefelnden Raum
eine Konzentration von wenigstens 4% S0 2 , für Salforkose wer¬
den bei sechsstündiger Einwirkung auf 100 cbm Raum 2;>00 g vor¬
geschrieben, was eine Konzentration von 1,25% SO, ergeben
würde; für kleinere Räume wird relativ etwas mehr vorgeschrieben.
Im Institut wurden in den letzten Monaten eine Reihe von
Versuchen über die Wirkung der schwefligen Säure in einem
40 cbm großen Raum ausgeführt, in dem eine größere Anzahl von
Uniformen, alten Kleidern und Wolldecken untergebracht war; da¬
bei tritt eine gewisse Absorption des Gases ein. Die Kleider wurden
an Haken oder Bügeln mehrfach übereinander gehängt
und die Proben von Läusen und Eiern in mit Watte verschlossenen
Reagenzröhrchen in den Hosen- und Rocktaschen untergebracht.
Bei einem Gehalte von etwa 33/2 bis 4% SO, trat in drei bis vier
Stunden (einschließlich der Zeit der Einleitung des aus einer Bombe
entnommenen Gases) Abtötung ein. ln einem andern Versuche
packten wir einen großen Wäschekorb voll wollener Kleider und
*) Genauer entsprechen 3 kg SO» bei 0” I.U.». bei 20" t' 1.125 cbm. 1
legten noch zwei dicke Wolldecken darüber; in der Mitte des
Korbes wurden die Proben, teils in Reagenzröhrchen, teils in ge¬
schlossenen Petrischalen, untergebracht. In diesem Falle
leiteten wir etwa 1% Gas ein; innerhalb vier Stunden waren alle
Läuse nebst Eiern abgetötet
Wir haben Versuche unter derartig schweren Bedingungen
aus dem Grund ausgeführt, weil es in der Praxis gelegentlich einen
großen Unterschied ausmacht, ob man einem Desinfektor die ge¬
fährliche Aufgabe 1 ) zumuten muß, die Kleider lose auf Bügeln
auszubreiten oder ob man die Bachen von den Leuten selbst ein¬
fach in einen Korb werfen lassen kann, der dann zweckmäßig
mit einem in Kresolseife getauchten Tuch auszulegen und zuzu¬
decken wäre.
Von sonstigen Mitteln zur Bekämpfung der Läuse in den
Wohnungen hat Gotschlich die Verstaubung von 5 %iger
Carbolsäure als wirksam erprobt Ferner wird gründliches Auf¬
wischen des Fußbodens mit reichlich Kresolseifenlösung und
Tünchen der Wände mit frischer Kalkmilch empfohlen; Berichte
ans der Praxis sind darüber meines Wissens nicht mitgeteilt wor¬
den. Sublimatlösung ist gegen Läuse unwirksam, ebenso Form-
aldehydräuchenmg in den üblichen Konzentrationen.
Wie aus dem Gesagten hervorgeht, verfügen wir über
mehrere ausgezeichnete Methoden zur Läuse Vertilgung: Sache des
leitenden Arztes wird es sein, die Maßnahmen, die sieh auf die
Entlausung der Personen, der Kleider und der Unterkunftsräuine
beziehen, richtig ineinandergreifen zu lassen, sodaß nicht in¬
zwischen wieder eine Einschleppung stattfinden kann.
2. Ueber persönlichen Schutz vor der An¬
steckung.
Ein persönlicher Schutz der Aerzte und des Wartcpcrsonal
erscheint nur da notwendig, wo noch Läuse vorhanden sind, also
in einem gut geleiteten Krankenhaus in der Regel nicht mehr am
Krankenbette, sondern bei der Aufnahme, vor allem aber natür¬
lich, wenn inan verlauste Kranke in ihren eignen unsauberen Quar¬
tieren aufsucht. Hier ist die Gefahr der Ansteckung bekanntlich
sehr groß und sie wird um so größer sein, je dunkler die
Räume sind; alsdann fehlt nicht nur jede Möglichkeit einer Kon¬
trolle, sondern die Läuse sind auch im Dunkeln viel beweglicher
als im Hellen, man sollte solche Räume daher möglichst nicht
ohne eine helle Acetylenlaterne betreten. Die Ansteckung geht
in der Regel wohl so vor sich, daß die Läuse auf die Kleider
da übergehen, wo man (am leichtesten vielleicht am Ellbogen
und an den abstehenden Teilen des Rockes oder Mantels) ver¬
lauste Kleider oder Betten streift: von hier kriechen sie mit großer
Schnelligkeit bis zu einer Umschlagstelle der Kleidung und gehen
dort auf die Wäsche und den Körper über. Vereinzelte Läuse
hier wiederzufinden, ist offenbar kaum möglich; ebensowenig
fühlt man (ganz anders wie bei Flöhen und Wanzen) einzelne
Läusestiehe!
Für das einzige wirksame persönliche
Schutzmittel in solchen Fällen halte ich
ohne darin einen absoluten Schutz zu sehen — das Tragen
einer Schutzkleidung aus völlig glatten
Stoffen, w r ie Oeltuch; auf solchen Stoffen
vermögen die Läuse, wie ich mich durch Ver¬
suche überzeugt habe, sich nicht dauernd fcst-
zu halten und nicht auf- und abwärts, vor
allem nicht an den Umschlagstellen a u f die
Innenseite zu kriechen. Personen, die sich IänSj‘ re
Zeit in solchen Räumen aufhalten, insbesondere
infektoren, die mit verlauster Wäsche usw. hantieren
sollten vollständige Anzüge aus Oeltuch tragen. Die Naj» ^
werden am besten durch Gummihandschuhe geschützt. 1
Anwendung der üblichen weißen , ! ”
mäntel möchte ich für zwecklos hal ,l *
da die Läuse gern auf solche Stoffe übergehen, und bevor <
Mantel nachher desinfiziert wird, längst Zeit gefunden n* 1
auf die Wäsche und an den Körper zu gelangen.
*) Nach Gotschlich (llandb. d. Hygiene von K ^ .
r uber-Ficker, B. III. 2) wurde in Alexandrien an . ,(, \-wp
efährdeten Stellen, insbesondere in der Aufnahmestation jo J ^
ieberhospitälern. d u
liier solches zu Gebot
lahme zu 1 reffen
nesiHH'ui «v.. -
• c hs (II eh t e S P e rsonal verwendet:
1 stellen sollte, würde unbedingt die g* 0
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UNIVERSUY OF IOWA
. März.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13.
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7 Am zweckmäßigsten und haltbarsten fand ich Anzüge aus
al? - üfbwantem Oeltuche, die sich über die andere Kleidung überziehen
. j assW i. von der Firma Peek & Cloppenburg, Berlin C, Gertraudten-
,^ straße [Preis 20 bis 25 Mark] *); sie sind haltbar und haben den großen
Vorzug. nicht auffallend auszusehen, sondern ganz ähnlich wie die
schwarzen (Leder-) Uniformen der Kraftfahrertruppen. Ebenfalls gut,
PS fu-. ater weniger haltbar und etwas auffallender sind die in verschiedenen
• Geschäften unter der Bezeichnung „Aegirin“ erhältlichen gelben Oel-
’.Y: tuche. Ja jedem Falle muß man die ganz glatten ..geschliffenen“
11 “ ’ Stoffe fordern. Unter den Hosen sind am besten hohe Stiefel zu tragen.
® pj e Aermel sollen am Handgelenk eng abzuschließen sein, sodaß man
* nicht unversehens sich eine Laus in die Aermelöflfnung hineinwischt;
.ix >*-. einen so festen Abschluß der Kleider an Armen und Beinen zu er-
reichen, daß keine Läuse hineinkrieehen können, halte ich dagegen
nicht für erreichbar. Der Kopf wird am sichersten durch eine Lotsen¬
kappe aus glattem, geöltem, „geschliffenem“ Seidenstoffe
f („Srhlnngenhaut“), die an den Ohren und am Nacken fest an liegt,
!<■ geschützt; ich erhielt solche zum Preise von 5 Mark bei Rochlitz, Char¬
lottenburg. Joachimsthaler Straße 1 ). Meist wird auch eine Mütze aus
irgendeinem glatten Stoffe genügen.
(, , Für Personen, die sich nur kurze Zeit in infizierten Räumen
aufbalten, dürfte ein nicht zu kurzer Mantel aus denselben Stoffen (Preis
V etwa 12 bis 15 Mark) oder aus geölter Seide („Schlangenbaut“. Preis
L ' 40 bis 60 Mark), wie er als Regenznantel vielfach benutzt wird, bereits
einen weitgehenden Schutz gewähren, besonders wenn zugleich hohe
Stiefel getragen werden. Vor der (meist wohl nicht allzu großen) Ge¬
fahr, daß vom Fußboden aus Läuse aufkriechen. schützen auch Gummi-
' ' schuhe; lange Hosen bieten aber immer die Möglichkeit, daß die von
einem glatten Mantel herabgleitenden Läuse daran haften bleiben.
Eine eigentliche Desinfektion der Schutzanzüge nach dem Ge¬
brauche dürfte kaum notwendig sein; sie sollten aber, bevor man sie
1 altlegt, genau darauf nachgesehen werden, ob sieh nicht etwa an
«'teilen Stellen (auf den Schultern) oder in Falten doch einzelne Läuse
r . , linden, die man dann natürlich nicht durch Abschütteln, sondern mit
einem Watte- oder Gazebausche leicht entfernen würde.
Was die vielbesprochene Anwendung von ätherischen
v Oelen (insbesondere Anisöl) und andern Riechstoffen be¬
trifft, so töten dieselben, wie ich aus einer Reihe eigner Versuche
■i und aus den Mitteilungen anderer Beobachter entnehme, die Läuse
■ selbst in hoher Konzentration nur langsam. Auch habe ich nicht
finden können, daß Stoffe, die mit solchen Mitteln imprägniert
sind, von den Läusen etwa vollkommen gemieden würden. Dabei
gingen die angewandten Konzentrationen sehr weit über die in
der Praxis möglichen hinaus. Ich glaube daher, daß solche Mittel
für die persönliche Prophylaxe nicht in Frage j
kommen; in demselben Sinne sprechen wohl auch die kürzlich |
v «m Hey mann mitgeteilten Beobachtungen.
Eine andere Frage ist es, ob man durch derartige Mittel Per-
> ( 'nen davor bewahren kann, von ihrer Umgehung her dauernd verlaust
zu werden; hierzu könnten auch langsam wirkende Stoffe vielleicht
g'-riü^n. Diese Frage kann wohl nur durch praktische Versuche in
gj( ! ß«-rem Maßstab entschieden werden; überzeugende Beobachtungen
fper Art habe ich in den zahlreichen Mitteilungen, die in letzter Zeit
i 'er diesen Gegenstand erschienen sind, nicht gefunden.
3. Absonderungsmaßnahmen bei Fleckfieber.
Hesinfektions- und Absonderungsmaß-
«ahmen sind, soweit sie sich nicht auf den
‘ N . (; nutz vor Ungeziefer erstrecken, beim Fleck-
lr ‘berim Grund überflüssig, zum mindesten ist darauf
zu achten, daß durch solche Maßnahmen nicht, wie das bekannt- I
if 'b weist geschieht, die Aufmerksamkeit von dem, was wirklich '
Notwendig' ist, abgelenkt wird. Bezüglich der Absonderung dürfte
»otschlich das Richtige getroffen haben, wenn er sagt:
^‘ f, Kfieberkranke (und -verdächtige) sind so ab-
■^sondern, daß eine Verschleppung von Läusen
ausgeschlossen i s t.
Hiernach erfordert also das Fleekfieber ganz andere Be-
'^iiphmpmaßnahmen als die meisten andern Infektionskrank-
!'/ pn: 'Mier ist es bei der Seltenheit seines Auftretens und bei
!.\ r großen Verantwortung', die dabei dem Arzte zufällt, begreif-
lf '• gelegentlich unzweckmäßige und überflüssige Maß-
jMbnien getroffen werden. Dazu kommt noch, daß die vom
»'lnile.srat erlassene „Anweisung zur Bekämpfung des FJeok-
l'V^ a,r * ^ ein # Jahre 1904 stammt, also aus einer Zeit, wo die
' Hrtra gungsweise der Krankheit noch unbekannt war.
7<ht eei ' a * jer Leiiaorkt, daß es zurzeit anscheinend nicht, ganz
■“a-eit ■ • Gegenstände in den betreffenden Geschäften,
Jl| :jßj„ rt zufällig noch vorrätig sind, schnell und in gleich-
'^ r Kwchaffpnhrit zu erhalten.
Insbesondere sind in den in letzter Zeit hier leider nicht selte¬
nen Fällen von Berufsinfektionen mancherlei Härten vorgekommen,
die sich wohl leicht hätten vermeiden lassen; da wir mit dem Vor¬
kommen weiterer derartiger Infektionen rechnen müssen, so er¬
scheint es zweckmäßig, einiges davon hier zur Sprache zu bringen.
So wurde bei der Erkrankung eines bekannten Gelehrten den aus
dem Auslande herbeigeeilten Eltern der Zutritt zu dem Erkrankten
verweigert, sodaß sie während der letzten Lebenstage ihres Sohnes
am gleichen Orte weilten, ohne ihn sehen zu können; dem Vater
wurde seitens eines Vertreters der Ortspolizeibehörde sogar das
Ehrenwort abgenommen (l), die Isolierbaracke nicht zu betreten.
Ein solches Vorgehen ist nicht nur zwecklos, da ja ein in einer
sauberen Baracke isolierter Patient für seine Umgebung un¬
gefährlich ist, sondern es widerspricht auch der gesetzlichen
Vorschrift, wonach Angehörigen der Zutritt zum Kranken zu ge¬
statten ist, soweit es zur Erledigung wichtiger und dringender An¬
gelegenheiten geboten erscheint.
In einem andern Falle wurden die Familie und die Haus¬
genossen eines erkrankten Arztes zwangsweise im Krankenhaus
isoliert, und es gelang nicht, den zuständigen beamteten Arzt
zu bewegen, statt dessen die gesetzlich zulässige mildere Ma߬
nahme der Beobachtung anzuordnen. Eine solche Beobach¬
tung ist — im Gegensatz zu der Absonderung (das heißt
Einsperrung), die, besonders wenn sie den ganzen Haushalt eines
den gebildeten Ständen Angehörigen betrifft, eine überaus harte
Maßnahme darstellt! — nach dem Gesetz in schonender Form vor¬
zunehmen, ohne daß dabei die Bewegungsfreiheit der Betreffenden
beschränkt wird; sie soll sich in der Regel darauf beschränken, daß
täglich Erkundigung über den Gesundheitszustand der über¬
wachten Personen eingezogen wird. Es dürfte kaum zweifelhaft
sein, daß, da das Gesetz eine solche milde Maßnahme überhaupt
zuläßt, kein FaH dafür geeigneter ist, als die Erkrankung eines
Arztes, der eine geräumige, moderne und gewiß nicht verlauste
Wohnung bewohnt — wobei ich von der aus menschlichen Gründen
naheliegenden besonderen Rücksichtnahme gegenüber der Infektion
eines Arztes im Berufe völlig absehe —; sind doch offenbar die
gesetzlichen Vorschriften im allgemeinen darauf zugeschnitten,
daß das Fleckfieber in der Regel nur in ganz verwahrlostem Milieu
auf tritt, wo die zeitweise Evakuierung der Hausgenossen gewiß
meist schon deswegen sehr zweckmäßig sein wird, weil sie die
Vorbedingung für die Entlausung der Wohnung darstellt. Neuer¬
dings ist übrigens in einem-Erlasse des preußischen Ministeriums
des Innern vom 27. Januar 1915*) vorgesehrieben, daß die mit
Fleckfieberkranken und -verdächtigen in Wohnungsgemeinschaft
befindlichen Personen („Ansteckungsverdächtige“) erforderlichen¬
falls zu entlausen und sodann einer 14 tägigen Beobachtung
zu unterwerfen sind; hier wird also die mildere Maßnahme (nach¬
dem durch die Entlausung die eigentliche Gefahr für die Um¬
gebung beseitigt ist!) gewissermaßen als das normale Verfahren
angegeben.
Mehrfach sind weiterhin Zweifel darüber entstanden, ob die
Vorschriften über Absonderung und Beobachtung der mit Fleck-
fiobcrkrankeii in Berührung gekommenen Personen auch auf Aerzte
auszudehnen sind, und es ist sogar einmal die Absonderung
eines Arztes versucht worden. Natürlich können solche Ver¬
suche nicht von Erfolg sein, weil sich sonst kein Arzt mehr bereit
finden würde, einen Fleckfieberkranken zu behandeln; es wäre ab<T
zweckmäßig, wenn die gewiß vorhandene Absicht des Gesetz¬
gebers, die behandelnden Aerzte von Zwangsmaßregeln jeder
Art frei zu lassen, einmal ausdrücklich zum Ausdruck gebracht
würde.
Auch bezüglich des Pflegepersonals bestehen meines Wissens
keine besonderen gesetzlichen Vorschriften, und es sind Kranken¬
schwestern, die — läusefreie — Kranke gepflegt hatten, einer
Absonderung unterworfen worden. Meines Erachtens würde in
solchen Fällen eine Beobachtung durchaus genügen; eine solche
Schwester dürfte für ihre Umgebung eine viel geringere Gefahr
bieten, als wenn sie Diphtherie- oder Typhuskranke gepflegt hätte.
Wer selbst Fleckfiebcrepidernien beobachtet hat, wird nicht
leicht in den Fehler verfallen, die Ansteckungsgefahr zu unter¬
schätzen und irgendeine energische Maßnahme, sobald sie wirklich
den Kern der Hache trifft, abzulehnen; zur wirksamen Seuchen¬
bekämpfung gehört es aber auch, Uebertreibungen und Ma߬
nahmen an falscher Stelle zu vermeiden, die erfahrungsgemäß
immer den Blick von der Hauptsache ablenken.
Minist. Blatt f. Med. Angel. S. 4L
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UNIVERSUM OF IOWA
368
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13.
Referatenteil.
Redigiert von Oberarzt
Aus dem Gebiete der Paediatrie
Erkrankungen der Respirationsorgane II Lunge und Pleura
(Literatur 1913/1914)
von Prof. Dr. L. Langstein and Dr. W. Usener (Berlin).
Auf Grund umfangreicher Messungen hat Zeltner (1) über
die Entwicklung des kindlichen Thorax bis zur Reife berichtet.
Als Maße dienen Brustumfänge (über die Mammillen und den
Rippenbogen), Form des Rippenbogens und Länge des Sternums.
Die emphysematöse Form des Thorax bei Säugling und Neu¬
geborenem mit überwiegend breiter Basis entspricht der Form
und Entfaltung der Lungen zu dieser Zeit, ein Rippenbogen
ist noch nicht vorhanden. Umformung und Längenwachstum
setzen im dritten Lebens Vierteljahr ein, dann, wenn das Kind sitzen
lernt, und sind im zweiten Lebensjahre zur Zeit des Stehen- und
Gehenlernens am stärksten. Die Entwicklung der Thorax-, Rücken-
und Schultermuskeln und der Zug der Bauchorgane wirken dabei
wesentlich mit, es entwickelt sich der Rippenbogen und die ge¬
streckte Thoraxform. Vom dritten Lebensjahr ab ist das Wachs¬
tum des Thorax stabil und tritt hinter dem des übrigen Körpers
sehr zurück, bis in der Pubertätszeit ein zweites, stärkeres Thorax¬
wachstum unter bedeutendem Knorpelansatz am Rippenbogen einsetzt.
Die Lungen wachsen zu gleicher Zeit (12.—20. Lebensjahr) auf
das Doppelte ihres Volumens an. Zunächst beginnt stärkere
Streckung und Längenwachstum des Thorax, dann erst Breiten¬
wachstum, gleichzeitig wächst das Sternum bedeutend in der Länge.
Die Rachitis übt einen bestimmenden Einfluß vor allem auf das
Längenwachstum des Thorax aus infolge der Muskelschlaffheit, der
Rückständigkeit der statischen Funktionen und des Froschbauchs;
dies gilt allerdings nur für schwerere Formen, von denen ein
großer Teil die schwerste Zeit der Erkrankung im Liegen durch¬
macht, um nachher das Versäumte nachzuholen. Und wenn auch
ästhetische Defekte bleiben, gleichen sich funktionelle Defekte nur
bei schwersten Fällen nicht mehr ganz aus. Anders dürften na¬
türlich die gleichzeitigen funktionellen Störungen für die Atmung
(bei Lungenaffektionen) zu bewerten sein.
Die direkte Laryngoskopie und Bronchoskopie sind inzwischen
auch für das Säuglings- und Kindesalter erfolgreich verwendet
worden. Mitteilungen von Paunz (2), Turner, Logan und
Fraser (3) und Mouret und Burques (4) orientieren über das
Anwendungsgebiet: Fremdkörper, lebensgefährliche Asphyxie infolge
Durchbruchs verkäster Lymphdrüsenstlicke in Trachea oder rechten
Bronchus (sechs Fälle von Paunz gerettet), Diagnostik tracheobron-
chialer Affektionen und Therapie der Bronchialschleimhaut. Ein sub¬
glottisch fest sitzendes Muschelstück konnte mit Hilfe des Escat-
schen Zungenspatels entfernt ^werden. Paunz empfiehlt auf Grund
seiner Erfahrung die obere Bronchoskopie in Narkose bei sitzendem
Kinde, nicht durch die Tracheotomiewunde, während Turner,
Logan und Fraser letzteres bei Kindern unter sechs Jahren
vorziehen.
Mit den Ursachen und der Prophylaxe der Bronchial- und
Lungenerkr&nkuDgen des Kindesalters beschäftigen sich mehrere Ar¬
beiten. Uebereinstimmend wird die Bedeutung der Kontaktinfektion
und der Erkrankungen der oberen Luftwege für die Entwicklung
der BronchitiB und Bronchopneumonie hervorgehoben. Kruse (5)
orweist an der Hand großen statistischen Materials, daß die
Häufigkeit der Pneumonicorkrankungen sicher nicht den Rauch- und
Rußschäden (entsprechend Aschers Hypothese) parallel geht;
dagegen entspricht die Häufigkeit der Pneumonien, z. B. in Münster,
ganz der der Kinderinfektionskrankheiten, und die Häufigkeit der
Pneumonien bei Erwachsenen der bei Kindern. Die Bedeutung der
Erkältung als Gelegonheitsursache geht aus der Statistik der Leip¬
ziger Ortskrankonkasse hervor, da von Erwachsenen die Stuben¬
hocker bedeutend seltener an Lungenkatarrh erkrankten. Die
wichtigste Aufgabe der Prophylaxe bleibt die Verhütung der Kinder-
pneuroonien, besonders auch der die Infektionskrankheiten kom¬
plizierenden. Wohnungshygiene und strenge Isolierung, wo irgend
nötig im Krankenhause, sei das wichtigste. Auch Feer (6) legt
großen Wert auf die Isolierung Grippekranker, die den Haupt-
anteil an der Uebertragung haben, und verlangt, daß grippekranke
Kinder wie Maseru- und Keuchhustenkranke isoliert werden sollten.
Neh,»n den gleichen Gesichtspunkten der strengen Trennung von
Grippekranken, auch Erwachsenen, bespricht Vogt (7) die thera-
pv-uU-cho Bedeutung der Ernährungstberapie, die Verhütung der
Inanilion einerseits und die Erzielung eines kräftigen Muskellonus
r. Waller Wollt, Berlin.
anderseits. Er hebt hervor, wie wichtig kräftige BauchmuBkulatur
für die Regulation der Zwerch fellatm ung und kräftige Muskulatur
des ganzen Rumpfes bei der Paravertebralpneumonie sind. Einen
besondern Wert will er dem Fette beigemessen haben, da es die
Immunität hebt im Gegensatz zu einer vorwiegenden Kohlehydrat-
ernährung. Es wiederholen sich hier naturgemäß alle die Gesichts¬
punkte, die schon in der Therapie und Prophylaxe (Hospitalismus!)
der Erkrankungen der oberen Luftwege besprochen wurden. Es
erübrigt sich daher, hier nochmals näher darauf einzugehen.
Sutherland und Jubb (8) heben zudem noch den Wert der
Freiluftschulen in der Behandlung der häufigen chronischen
Pneumokokkeninfektionen und der Abtrennung dieser Kinder von
gesunden hervor.
In der Behandlung der akuten Bronchitis, Broncheolitis und
Bronchopneumonie empfiehlt Arneth bei jungen Säuglingen und
Kindern mit abgeküblten Extremitäten mehrmals täglich heiße
Bäder, bei einer Körperwärme von unter 39° mit zehn Minuten
und über 39 () mit fünf Minuten Dauer; am Schlüsse folgt eine
kurze kühle Abgießung. Allgemeinbefinden, Schlaftiefe und Atmung
werden günstig beeinflußt; Temperaturerhöhungen infolge des Bads
kommen nicht vor; so lange die Kinder husten, werden die Bäder
fortgesetzt. Seine guten Erfahrungen werden von Stepp (10) be¬
stätigt, der die gleiche Wirkung auch mit heißen (42—43°) Ab¬
reibungen erzielt. Kalte Uebergießungen nach warmem Bade will
er für nachteilig halten. Indessen dürften die Vorteile der An¬
regung der Respiration und der Haut etwaige Nachteile überwiegen.
Mehrere Arbeiten bringen Neues und Beachtenswertes über
Folgezustände der Bronchialerkrankungen des Kindesalters. Aus
Beobachtungen, die Lederer berichtet (11), geht hervor, daß nicht
selten chronische Lungenkrankheiten des Kindes- und Reifealters
auf solche der Säuglingszeit zurückgehen. In der Teilnahme der
traeheobronchialen Lymphdrüsen und in ihrer chronisch entzünd¬
lichen Hyperplasie sieht er ein Moment, das zum Wiederaufflammen
entzündlicher Lungenkatarrhe disponiert; daneben spielen bleibende
Indurationen eine auslüsende Rolle. Eine Beobachtung im letzteren
Sinne teilt Bahr dt (12) mit: bei einem Säuglinge bestand eine
rechtsseitige Oberlappenpneumonie ein halbes Jahr lang und kom¬
plizierte sich sekundär mit Atrophie, Bronchiektase und Trommel-
schlägelfingern. Nach der Ausheilung nach einem Jahre bestand
noch Schallverkürzung.
Göppert (13) berichtet über Lungenblähungszustände bei
chronisch hustenden Kindern, die besondere Beachtung verdienen,
da sie Zustände darstellen, die zu Emphysem «disponieren, ander¬
seits aber in diesem Alter noch einer erfolgreichen Therapie zu¬
gänglich sind. Neben jenen bekannteren Fällen, die bei Unter¬
suchung schon eine nachweisbare Lungenblähung haben, weist
Verfasser besonders auf solche hin, die erst bei Aufforderung, tief
zu atmen, eine deutliche Erweiterung der Lungengrenzen um
mehrere Centimeter zeigen (latente Lungenblähung), die mit der
Ausatmung von ihnen nicht mehr spontan überwindbar ist Es
ergibt sich hieraus die Annahme einer bereits bestehenden erwor¬
benen Insuffizienz der Exspiration, welche, wenn sie nicht noch
therapeutisch beeinflußbar wäre, das Bild des beginnenden emphy¬
sematosen Dauerzustandes bietet. Nun zeigt sich aber, dsß beide,
sowohl der manifeste wie der latente Zustand, durch systematische
Uebung gesteigerter, durch Thoraxkompression von seiten des
Arztes oder der Eltern gleichsinnig unterstützter Exspiration, bei
gleichzeitiger Anleitung zu geringer, auf das notwendige Maß be¬
schränkter Inspiration zu überwinden sind. Häufig stellt sich er
unter solchen Uebungen Überhaupt oder vermehrt Auswurf ein.
Die Häufigkeit exsudativ-diathetiseber Zeichen bei den befallenen
Kindern weist in erster Linie auf den Anteil des konstitutione
Moments für die Entstehung hin. Die Vermehrung des Aus w ur
unter der Ausatmungsübung deckt in chronisch-katarrbalisc
Schwellungen der Bronchialschleimhaut eine weitere Ursache •
Nicht erweisbar ist, etwa aus anfallsweisen Steigerungen
Beschwerden, eine Beziehung zu asthmatischen .Zuständen. 01
spielt die Art oder Schwere der primär den Zustand bedinge
Infektion keine Rollo Als dritter Faktor ist eine Herabae
der Elastizität der Lunge und eine Schwächung des die ^
rationsphase versehenden muskulären Apparats anzuuehmen.
fasser kommt zu dora Schlüsse, daß für die Dinercidial i ^
der den chronischen Husten bedingenden Zusiäude der
Ein- und Ausatmungsversuch den Wert eit er funktionellen 1 ”
der Exspii atiouskratt hat und daß bei nachweisbarer iu^u
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UNIVERSITÄT OF IOWA
28. Marz.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13.
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die systematische Exspirationstherapie die Kinder vor ernsten
chronischen Dauerzuständen bewahrt: zwei- bis dreimal am Tage
werden jedesmal mit Pausen von zwei bis drei Minuten Ruhe je
drei- bis viermal drei Exspirationen unter Aufsicht und Mithilfe
in der Exspirationsphase vorgenommen. Bei stärkerer Expekto¬
ration läßt man zehn Minuten lang nachher Eucalyptusdämpfe
trocken durch eine Maske einatmen. Bei schwereren Fällen ist
Aufenthalt an der Nordsee oder im Hochgebirge mit dieser The¬
rapie zu verbinden.
Hutinei hält Bronchiektasen bei Kindern für häuf^er als
bekannt. Außer akuten und protrahierten bronchopneumonischen
Erkrankungen (besonders chronisch indurierender Form) spielen
Kompression der Bronchien und Pleuraadhäsionen, ferner die
Kombination von Tuberkulose mit Lues eine Rolle, während Tu¬
berkulose allein, da es sich meist um verkäsende, nicht indurie-
rende Prozesse handelt, selten zu Bronchiektasen führt. Bei
gutem Allgemeinbefinden und intermittierendem Verlaufe findet er
Dämpfung der unteren Lungenpartien, Verschärfung des Atem-
geräusohs und grobe Ronchi. Er behandelt diese Kinder mit
Freiluftkuren and Atemgymnastik.
Zur Theorie und Genese des Asthmas äußern sich Ephraim
(15) und Weber (16). Der erstere fand stets da, wo asthmatis he
Anfälle Vorlagen, in der Ruhezeit mittels Bronchoskopie einen
sicher nachweisbaren chronischen Entzündungszustand der Bron-
chisischleimhaut. Bei Aufstäuben von Adrenalin sah er dann ein
zähgraues Sekret entstehen, in dem kleine, aus abgestoßenen
Flimmerepithelien bestehende Partikel suspendiert waren. Der
Asthmaanfall ist nach seiner Anschauung durch eine zeitweise
Steigerung dieses Schleimhautkatarrhs bedingt, der einen nervösen
Reflexreiz ausübt, wahrscheinlich analog dem von Quincke be¬
schriebenen Auftreten sensibler Reize in den oberen Luftwegen
bei Reizung der Bronchialschleimhaut von einer Lungenfistel aus.
Weber konnte außer durch elektrische Reizung des Vagusendes
mit Muscarin eine Erregung der Bronchialmuskeln erzielen. Die
verengende Wirkung des Muscarins ist central, sie wird besonders
durch Nicotin unterbrochen, außerdem durch Nitroglycerin, Morphin
und Alkohol. Außer diesem experimentellen Bronchialmuskel-
krampfe konnte er experimentell durch aktive Erweiterung der
Lungengeßße Asthma hervorrufen, das einzig durch Adrenalin er-
!'i& : folgreicb behoben werden konnte. Ebenso wie Ephraim wendet
k - sich auch Stäubli (17) gegen die Ueberschätzung des psychischen
s -,P Faktors bei Entstehung des Asthma. Sowohl bei der broneho-
spastischen wie bei der vasomotorisch-sekretorischen Form des
Asthmas kommt es zu der „fehlerhaften“ Atmung im Anfalle, zu
«Der Verschlechterung des Ventilationskoeffizienten (Verhältnis der
«»geatmeten, vermehrt durch die in den Alveolen retinierte Luft,
n der ausgeatmeten). Eine konstitutionelle Uebererregbarkeit der
die Bronchialmuskulatur und Schleimhautinnervation regelnden
Centralapparate ist bestimmend für die Entstehung. In der Therapie
ist die ausgezeichnete Wirkung des Hochgebirges zu erwähnen
neben einer Adrenalintherapie in Form der Inhalation mit von ihm
angegebenem Apparat.
Smith (18) berichtet über 36 Fälle von Asthma im Kindes¬
alter. Nur in sechs Fällen war keine Erkrankung an Asthma in der
Ascendenz nachweisbar. Fast in zwei Dritteln der Fälle war der
Beginn im Säuglingsalter nachzuweisen. Auffallend hoch war im
Verhältnis zur sonstigen Zusammensetzung seiner Klientel der
Prozentsatz von Kindern jüdischer Abstammung. Der infantile
Typus der Erkrankung vor dem fünften Lebensjahre kann in zwei
klinischen Formen auftreten. Einmal, das Kind kann unter Husten
eine intensive Dyspnöe bei geringem physikalischen Befunde mit
graubläulicher Gesichtsfarbe, einer an Katzenschnurren erinnernden
keuchenden Atmung bei wenig gestörtem subjektiven Wohlbefinden
aaf weisen; solche Anfälle können Stunden bis Tage dauern; oder
aber es kommt zu akut einsetzender, oft hochgradiger Dyspnöe
Mit anschließender Bronchitis von 2—3 Wochen Dauer. Schwer
sind solche Fälle, bei denen sich die Attacken häufen und sich
eine zweite Attacke vor Ablauf der Bronchitis ein stellt. Die
oberen Lungenteile sind dabei erweitert, die unteren eher ver¬
kleinert; während des verlängerten Exspiriums sind Ronchi zu
hören. Oft setzen die Attacken nach Mitternacht ein (während
f sf'Udocroupanfälle häußger vor Mitternacht sich ereignen). Einige
fälle zeigten gleichzeitig Ekzem oder Urticaria oder funktionelle
'eurosen. Für die Differentialdiagnose ist an Stridor laryngis
ongenitus, Diphthorie und Pseudocroup , Masernlaryngitis, Keuch-
usfen, Bronchialdrüsenhusten , Retropharyngealabsceß und Ge -
hwüre oder Fremdkörper im Uarynx zu denken. Der asthma-
che Zustand des älteren Kindes gleicht dem des Erwachsenen.
Häufige Attacken oft nach Mitternacht mit starker Dyspnöe hei
nachweisbarem Volumen pulmonum auctum und verlängertem Ex-
spirium, selten mit Ronchi; meist mehrere Stunden dauernd und
das Allgemeinbefinden für einige Tage alterierend. Klimatische
und psychische Therapie ist die wichtigste; medikamentöse Therapie
ist nur im Notfall anzuwenden. Caiciumsalze haben keinen Ein¬
fluß; während der akuten Attacke haben sich ihm heiße Bäder
und Adrenalin (0,2—0,3 mg subcutan) bewährt. Bei nächtlichen
Attacken gibt er abends eine Mixtur aus Jodkali, Tinctura Bella-
donnae und Tinctura Lobeliae aether.
Als spastische Bronchitis zeichnet Göpp er t (19) ein Krank¬
heitsbild ähnlich der zweiten Form des nach Smith oben be¬
schriebenen frühinfantilen Asthmatypus. Sie wird von Comby
zum Asthma, von Czerny zu den typischen Manifestationen der
exsudativen Diathese gerechnet. Die Erscheinungen hochgradiger
Dyspnöe und qualvoller Erregung stehen im Vordergründe, An¬
zeichen von Bronchitis können schon vor dem ersten Anfalle da
sein, deutlich wird eine Bronchitis stets anschließend an den Anfall.
Die wichtigste therapeutische Indikation ist nach seiner Ansicht
die Bekämpfung des qualvollen, durch ängstliches andauerndes
Schreien gesteigerten Erregungszustandes. Hierzu bewährt sich
am besten das Urethan, ein Sedativum und Schlafmittel, das in
wirksamen, nur verhältnismäßig großen Dosen gegenüber dem
Chloral für das erste Lebenshalbjahr als unschädlich bezeichnet
werden darf. Im ersten Lebensvierteljahr ist 0,5, im Verlaufe des
ersten Lebensjahrs bis 1,5 und im zweiten Jahre bis 2,0 per os
als Einzeldose nötig, um gute Schlafwirkung zu erzielen. Per
Klysma gegeben ist statt 0,5 bis 1,0, statt der größeren Dosen das
IV 2 fache zu wählen.
Czerny (20) sucht anschließend an frühere Untersuchungen
seiner Schüler und neuere Erfahrungen die Zusammenhänge in der
Entstehung und Paravertebralpneumonie der Säuglingszeit aufzu-
klären. Bartenstein und Tada hatten nachgewiesen, daß es sich
primär nicht um einen Entzöndungsprozeß, sondern um Blutungen
im Lungenparenchym handelt, in deren Peripherie erst sich ein¬
gewanderte (nachgewiesenermaßen häufig der Stuhlflora genau ent¬
sprechende) Bakterien ansiedeln und entzündliche Veränderungen
setzen. Nun konnte Behrend inzwischen den Nachweis führen,
daß dieser primäre Prozeß in die Zeit des rapiden Gewichtssturzes
(infolge einer Ernährungsstörung) fällt (von Thomas bestritten).
Das weitere wichtige Symptom der Paravertebralpneumonie, das
Volumen pulmonis auctum, ist nach pathologisch-anatomen Befunden
als Steigerung des Blutgehalts und Oedem der Lunge zu erklären. Da
nun, im Gegensatz zu der gleichen Häufigkeit der Grippe und der bron-
chitischen und bronchopneumonischen Erkrankungen, eine deutliche
Abnahme der Fälle der auftretenden Paravertebralpneumonien parallel
den Fortschritten in der Ernährungstechnik festzustellen ist, kommt
Czerny zu der Ueberzeugung, daß die vermittelnde Ursache in
einer Herabsetzung des Muskeltonus, speziell in einer Alteration
der Funktion des Zwerchfells zu suchen ist, welche ihrerseits die
Veränderung der Blutverteilung zugunsten der Lunge bedingt.
Der normale Zwerchfelltonus wird durch den intraabdominellen
Druck wesentlich mitbedingt: bei Meteorisraus Anspannung, bei
Erschlaffung der Bauchdecken Entspannung. Wie es einerseits
gelingt, bei gewöhnlicher Pneumonie den gefürchteten, die Zwerch¬
fellatmung hindernden Meteorismus durch Einschränkung des
gärungsfähigen Nahrungsanteils zu mindern, so gelingt os auch,
durch Vermeidung der Inanition bei akuten Ernährungsstörungen
Gewichfcssturz, conseeutive Herabsetzung des Tonus und der Zwerch¬
fellfunktion und somit hypostatische Pneumonie zu verhüten.
Thaysen (20) behandelt die akuten nicht speciflschen Pneu¬
monien der drei ersten Lebenstage hinsichtlich ihrer Pathologie und
pathologischen Anatomie. Der größte Teil entgeht ohne mikro¬
skopische Untersuchung bei der Sektion der Diagnose (42% Pneu¬
monien bei sorgfältiger Untersuchung gegen 8% sonst im gleichen
Institut). Bei in den ersten 14—15 Stunden Verstorbenen sind
nur mikroskopisch erkennbare Infiltrate vorhanden, später sind die
Herde deutlicher mit Leukocyten durchsetzt. Verwechslung der
einfachen Reaktion auf Fremdkörper (besonders aspiriertes Frucht¬
wasser) ist kaum möglich, da Leukocytenemigration hier im wesent¬
lichen fehlt. Die hauptsächliche Aetiologie wird die Aspiration
von Vaginalkeimen während des Goburtsverlaufs sein. Ver¬
fasser gibt vier Typen an, und zwar: 1. placentare Infektionen
meist Lues, Tuberkulose und Pneumokokkeninfektion, während
Streptokokken und Staphylokokken selten placentar übertragen
werden, 2. Aspirationspneumonien, die entweder als septische vom
infizierten Uterusinbalt, oder von den Geburtswegen oder auch
post partum von Milchaspiration ihren Anfang nehmen, 3. aerogene
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UNIVERSUM OF IOWA
370
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13. 28. Man
Infektionen, die gewiß in den ersten acht Lebenstagen seiten sind
und endlich 4. metastatische so früh jedenfalls auch äußerst
seltene Infektionen.
In gewissem Gegensatz zu der in der deutschen Literatur
vertretenen Auffassung glaubt Pironneau (22), daß die croupöse
Pneumonie beim Säuglinge häufiger sei. Stets fand er Pneumo¬
kokken, einen kurzen, höchstens einwöchigen Verlauf und fast
immer Befallensein des Oberlappens. Säuglinge der ersten Wochen
sterben am ersten oder zweiten Krankheitstage.
Wertvolle, durch den radioskopischen Vergleich gesicherte
Beiträge geben Weill und Mouriquand (23) zum Verlauf und
Sitze der Pneumonie. Danach nehmen auch sie die Häufigkeit
der croupÖsen lobären Pneumonie beim Säugling an. Ihr Sitz ist
überaus häufig der rechte Oberlappen, mit meist günstiger Pro¬
gnose. Die röntgenoskopische Form ist ein dreieckiger Schatten,
dessen Basis stets dem Hilus abgewandt, cortical und meist in der
Achselhöhle liegt,. Diese seitliche Schattenbasis kann sich im Ver¬
laufe verbreitern, verschwindet bei der Lösung dann zuerst.
Bronchopneumonien sollen nie diesen Schattentypus geben. Auf
Grund von tausenden von Röntgenbildern geben sie in einer
weiteren Mitteilung an, daß sie im Röntgenbilde nie eine centrale
Pneumonie gesehen haben, daß vielmehr stets der Hauptteil, die
Basis des Herdes, der Außenfläche der Lunge angehört und ins¬
besondere, daß sie diesen Röntgenschatten auch in Fällen ohne
jeden physikalischen Befund antreffen konnten. An Beispielen
weisen sie nach, daß schon zur Zeit der Allgemeininfoktion, der
Ueberschwemmung des Körpers mit Pneumokokken ohne lokalen
Befund sich röntgenoskopisch diese Herde nach weisen lassen.
Auch weiterhin fanden sie die rechte Spitze prädisponiert, was sie
mit einer besonders schlechten Lüftung des rechten Oberlappens er¬
klären wollen. Jedoch haben sie auch bei nachweisbarem pneumo¬
nischen Herde den typischen Schatten vermißt, oder dort, wo nach
dem physikalischen Befunde zwei Herde Vorlagen, nur einen
Schatten gesehen, ohne daß deshalb die Diagnose Broncho¬
pneumonie berechtigt wäre. Diese Befunde lohnen eine weitere
Nachprüfung.
Von Komplikationen der akuten Pneumonie sind besonders
die Miterkrankung des Darmes und der Meningen beschrieben.
Triboulet (24) nimmt an, daß die Pneumokokken auf der
Blutbabn in den ganzen Körper dringen, aber eine besondere
Affinität zur Lunge haben. Im günstigen Falle bleibt dann die
Lunge das Organ, in dem sie sich specifisch krankheiterregend
halten, während sie sonst untergehen. Im ungünstigen Falle sehen wir
fortlaufende Durchfälle und neben ihnen noch Pleuritis, Empyem,
Peritonitis, Otitis media auftreten: alle diese Komplikationen deuten
auf ein Fortbestehen der Blutinfektion, durch Pneumokokken. In
allen septischen Fällen besteht eine Neigung zur Infektion des
Magendarmkanals. Auch Joch mann (25) sah sehr häufig bei
Kindern Durchfälle auftreten. Während noch Lenhartz alle
Pneumoniefälle mit positivem Bakterienblutbefund als septische
deutete, lehnt Jochmann und ebenso Schottmüller diese Be¬
zeichnung ab wegen der überwiegenden Häufigkeit der positiven
Blutbefunde (Bakteriämie). Nur Fälle mit metastatischen Pneumo¬
kokkeneiterungen sind nach Jochmann als septische zu be¬
zeichnen; das entspricht auch dem strengeren Sepsisbegriffe, wie
ihn SchottmAller auf Grund klinischer und bakteriologischer Be¬
funde analysiert hat. Riva-Rocci (26) sah am vierten bis fünften
Tag einer croupÖsen Pneumonie eine starke Enterorrhagie auf¬
treten. Alle andern ätiologisch in Frage kommenden Erkran¬
kungen glaubt er ausschließen zu können, es lag keine Aenderung
der Blutzusammensetzung vor. Er glaubt, daß es sich um einen
embolischen Prozeß gehandelt habe.
Edgeworth (27) fand unter 63 Fällen von croupöser Pneu¬
monie des Kindesalters acht mit ausgesprochen cerebralen Sym¬
ptomen, Erbrechen, Kopfschmerz intensiver Art, Konvulsionen,
positives Kernigsches Symptom, Babinski und Nackenstarre,
mehrfach bald komatöse bald manische Zustände. Die Cerebro-
spinalflüssigkeit soll aber in allen Fällen normal gewesen sein.
Nach dem kasuistischen Beitrag an meningitischen Symptomen,
besonders bei croupöser Pneumonie, welche Blühdorn (28) als
„Meningitis serosa“ zusammengestellt und beschrieben hat, darf
man annehmen, daß es sich auch bei Edgeworth um Fälle von
Meningitis serosa gehandelt hat. Blühdorn definiert das Krank¬
heitsbild der Miningitis serosa als eine Hirnhauterkrankung mit
selbständigem klinischen Verlaufe, deren Merkmale neben den
klinischen Symptomen der Meningitis (mehr weniger ausgeprägt),
von denen insbesondere auch die Neuritis optica nicht so selten
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ist, in einer Erhöhung des Liquordrucks bei chemisch und bakte¬
riologisch normalem Liquor bestehen (keine Erhöhung des Eiwei߬
gehalts, vorhandene Zuckerreaktion, Fehlen von Zellen und
Bakterien). Es ist nicht das Bild, wie es Boeninghaus als
Uebergangspha8e zur eitrigen Meningitis beschrieben hat. Aller¬
dings fand sich in einem der drei von ihm mitgeteilten Fällen, der
letal endete, am siebenten Beobachtungstag, am Tage vor dem
Tode bei dem dritten vorgenommenen Lumbalpunktat ein positiver
Pneumokokkenbefund, der durch den Tierversuch noch sicher-
gestellt wurde (hohe Virulenz und Tod des Versuchstiers, während
das mit dem Liquor der zweiten Lumbalpunktion sechs Tage vor
dem Tode des Kindes behandelte Versuchstier nicht erkrankte).
Dieser Liquor zeigte nun erhöhten Eiweißgehalt und fehlenden
Zuckergehalt; auch Osazonprobe negativ. Alle drei Fälle hatten
klinisch ausgesprochen meningitische Symptome, Kernig, Nacken¬
starre, Papillitis, Benommenheit; zwei von den dreien starben.
Der eine mit rein serösem Liquorpunktat wurde seziert: Sub¬
arachnoidalflüssigkeit vermehrt. Piaödem, mikroskopisch keine ent¬
zündlichen Veränderungen.
Von neuen Behandlungsmethoden der croupÖsen Pneumonie
sind das Neufeld-Händelsche Pneumokokkenserum und die
Optochintherapie bemerkenswert; beide allerdings stehen noch zur
Diskussion und bedürfen für die Bestimmung ihres Wertes der
Nachprüfung. Bei dem Neufeld-Händel sehen Pneumokokken-
serum handelt es sich um ein am Pferde gewonnenes Immunsermn.
Neu fei d und Händel haben nun nachgewiesen (Arbeiten aus dem
Kaiserlichen Gesundheitsamte, Bd. 34), daß bei der Pneumokokken¬
infektion das Gesetz der Multipla nicht gilt und daß (und dies
scheint auch für das Römersehe Serum zu gelten) nur große
Serumdosen auch sicher gegen große Kulturmengen wirken. Sie
empfehlen deshalb auch die schneller und gleichzeitig wirkende intra¬
venöse Applikation. Weitz nur an Erwachsenen und Gdronne(29)
auch bei drei Kindern haben Erfolge mit intravenöser Darreichung
erzielt. Die injizierte Menge für das Kind waren 10 ccm, für den
Erwachsenen 20 ccm. Der Erfolg bestand in Besserung des
Allgemeinbefindens, freierer Atmung und in einigen Fällen wahr¬
scheinlich auch in Abkürzung der Fieberdauer, während der Ab¬
lauf des Lungenprozesses unbeeinflußt blieb. Die gleiche Er¬
fahrung machte Reuss (30) mit meist 20 ccm Serum: Die Ent¬
fieberung trat etwa zwei Tage früher ein, einmal auch kritische
Entfieberung kurz nach der Injektion, dagegen wurde weder die
Schwere des klinischen Bildes noch die Mortalität beeinflußt und
das Fortschreiten der Erkrankung auf weitere Lungenteile und die
Pleura (Empyem) wurde nicht verhütet. Er hofft mit höheren
Dosen bessere Resultate zu erzielen, entsprechend den Erfahrungen
von Weitz (20 bis 40 ccm auch zweimal am Tage bei Er¬
wachsenen). Unangenehme Nebenerscheinungen sind nicht be¬
obachtet.
Die Chemotherapie der Pneumonie und der Pneumokokken-
infektion mit Optochin (Aethylhydrocuprein) ist von Morgenroth
1912 angegeben und vielfach angewandt worden. Während im
Tierversuche (Maus) bei relativ größeren Dosen eine sichere
Wirksamkeit des Optochin auf die Pneumokokken (Abtötnng)
nachweisbar war, ist der Anwendung beim Menschen wegen der
toxischen Nebenerscheinungen (insbesondere Amblyopie) eine Grenze
gesetzt. Die ganze über die Dosierungsfrage und optimale Dar¬
reichung handelnde Literatur findet sich in einer letzten zusammen-
fassenden Arbeit von Morgenroth (31) über die bisherigen Er¬
folge und therapeutischen Gesichtspunkte. Die Gefahr der ner¬
vösen SehStörung ist danach einmal durch Frühbehandlung mit
Optochin wesentlich einzuschränken, anderseits glaubt Morgen¬
roth für sie ein Ineinandergreifen individueller Idiosynkrasie mit
besonderen, durch die Infektion als solche bedingten Momenten
verantwortlich machen zu können. Auch er hält die Dosierungs¬
frage noch nicht für geklärt: Bei einer bisher üblichen Einzeldosis
0,5 (in einer 5%igen Sesamöllösung) soll man keinesfalls über
eine Tagesdosis 1,5 herausgehen und im ganzen nicht mehr 81 ®
4 bis 5 g geben. Das gilt für den Erwachsenen. Optimal® 1111 “
Grenzdosis für das Kind sind noch nicht bestimmt. Von ®m ein
andern Gesichtspunkt ausgehend, sind Boehncke (32) im l ier '
versuch und Lennd (33) in klinischtberapeutischen Beobachtungen
zu gleich günstigem Resultat gekommen. Neufeld und Hün ®
hatten schon gezeigt, wie wichtig die Erreichung einer Schwellen
Wertkonzentration ihres Pneumokokkenserums für di®
kokkeninfektionsbehandlung sei. Da nun das Serum nur *
Toxine unschädlich macht, das Optochin dagegen die P ne, J! n
kokken abtötet, so versuchen sie eine therapeutische Kombina i* •
Boehnke sah an weißen Mäusen mit kleinen Dosen Optoc
Original from
UNIVERSITY OF IOWA
28. März.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13.
371
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wmisdi; oder Serum allein 89 o/o Mortalität nach Pneumokokkeninfektion,
ÄH?*-- cflteris paribus sah er, bei einer Kombination von gleichen Dosen
m'h, : Serum mit gleichen (sehr kleinen) Dosen Optochin kombiniert, nur
Imlm. 17% Mortalität. Je früher die kombinierte Behandlung einsetzte,
rieben t : desto besser war der Erfolg. Gleiche Resultate hatte auch
ettil&fc Engwer (34). Lennö fand bei der Kombination von Serum und
Mlf Optochin 16,5 o/ 0 (gegen 30o/ 0 bei unspecifischer Behandlung)
ttbti;.. Mortalität, mit Serum allein 38 °/ 0 . Da er bei Optochinbehand-
m® ■:>: lang nur 11,8% Mortalität hatte, glaubt er allerdings, diesem
uchstisift die größere Bedeutung beimessen zu müssen. Sein für statistische
id sechs b Abschätzung etwas kleines Material enthält keine Kinder (der
iib: ?r: jüngste Patient, zwölf Jahre alt, starb). Nun haben inzwischen
alt 3 iä Wolff und Lehmann (84) über drei Fälle von Pnenmokokken-
■ drei Fü* infektion und Optochintherapie im Kindesalter berichtet,
fe: , Der erste, 14 Jahre alt, mit schwerer Pneumokokken-
?d die:*:-: meningitis, bekam, neben wiederholter Ausführung der Lumbal-
rde m punktion und intralumbaler Injektion von sechsmal je 10 ccm
kpiV-.i. Pneumokokkenserum (Römer) in acht Tagen mit je einer Unter¬
brechung, am vierten und siebenten Tage sechsmal 0,75 Optochin
(dreimal 0,25 am Tage) per os. Aber auch noch bei der letzten
Lombalpunktion wurden Pneumokokken virulent gefunden, ein
Zeichen, daß eine Einwirkung des Optochins hier nicht statt-
gefanden hatte. Der zweite Fall betrifft einen acht Monate alten
Säugling, der an Pneumonie und vom elften Tag ab an Meningitis
erkrankt war. Im Lumbalpunktat wurden Pneumokokken gefunden.
Sofort wurde mit dem Römer sehen Serum (10 ccm intralumbal,
20 oem intramuskulär) behandelt und an den drei folgenden Tagen
noch je 10 ccm intralumbal injiziert; ohne Erfolg. Nunmehr
wurden an 20 hintereinander folgenden Tagen mit viermal je einen
Tag Pause in 16 Injektionen zweimal intralumbal (0,03), einmal
intraventriiuJär (0,07), sonst subcutan von 0,06 aufwärts bis 0,15
pro Tag, im ganzen 1,25 g Optochin angewandt, mit dem Erfolge,
daß aus dem typisch (chemisch-bakteriologisch) meningitischen
Lumbalpunktat allmählich ein normales wurde, und der Säugling
genas. Im dritten Falle handelte es sich um ein 12% jähriges
Kind mit Pneumokokkensepsis, ausgehend von einer Angina und
^ r Otitis media mit positivem Pneumokokkenbefund auch in der Blut-
Kultur. Etwa 14 Tage wurde mit Collargol und Serum ohne Er-
- folg behandelt. Da die zweite Blutkultur wieder positiv ausfiel,
a j : wurde jetzt sechs Tage lang zweimal täglich 0,5 (!) Chinin sulfur.
D r: . • os gegeben. Vom fünften Tag ab Entfieberung, im Laufe des
i[ > sechsten Tags verschwanden alle (vorher noch schweren) menin-
gidschen Symptome. Der zweitgeheilte Fall erlag aber, nachdem
er gesund entlassen war, einer späteren Grippeinfektion mit
Mutigem Schnupfen und Pachymeningitis haemorrhagica mit
Hydrocephalus internus. In beiden Paukenhöhlen war Eiter mit
grampositiven Diplokokken.
Die mitgeteilten Krankenberichte können wohl einen Anhalt
rar Frage der Dosierung, noch nicht dagegen den Beweis der
Wirksamkeit der angewandten Dosen erbringen.
Klinik und Therapie des Pleuraempyems, speziell beim
Säuglinge, hat Zybell (35) zusammenfassend bearbeitet. Das
oäoglingsempyem ist nicht metapneumonisch (Gerhardt), son-
deru synpneumonisoh (Finkeistein) oder parapneumonisch
(A elf er, Lemoine), das heißt es entwickelt sich stets als früh-
^^-gleichzeitiger Prozeß und entsteht durch entzündliche, auf
dem Bronchial- oder Lympbwege nach der Lungenperipherie fort-
geleitete Prozesse, Die Diagnose ist in häufigen atypischen i
men schwer , die wichtigsten Hilfsmomente sind Aenderungen I
Allgemeinbeßnden, im Pneumonieverlauf, und die Punktion dort,
wo ein Verdacht erweckt ist. Bakteriologisch wurden bei
-v Fällen Pneumokokken, sonst Streptokokken und Staphylokokken
gefunden. Die Prognose ist abhängig von der Virulenz der Bak¬
terien, der Lokalisation und Multiplizität der Herde. Therapeu¬
tisch wird die Rippenresektion gänzlich verworfen und die Punk-
tionsbehandlung empfohlen. Der Einseitigkeit dieser Auffassung
sjud mit Recht Buttermilch und Stettiner (36) entgegen-
getreten. Gegenüber der rein therapeutischen Frage gehen sie
auf einige der wichtigen diagnostischen Fragen ein, die für die
Prognose ausschlaggebend sind: auf die Bakterienvirulenz und die
'eitlicben und genetischen Beziehungen des Empyem verlaufe zu
cm der Pneumonie. Die Virulenz wollen sie nach der Reaktion
Punktionsstich kanals, eventuell nach dem Tierversuch ab-
tffen und befürworten Je nach dem Ausfälle Punktionsbehandlung
vergessen, daß für den Erwachsenen ähnliche Gesichtspunkte
gelten, daß aber gerade die diagnostischen Schwierigkeiten, nicht
minder die prognostischen (Abgrenzung von septischen Prozessen),
beim Säuglinge größer sind. Während Zybell die ungewöhnlich
hohe Zahl von 84,5% Mortalität (116 Fälle) hat, fand Werner
(87) bei 178 Fällen beim Säugling und jungen Kinde 21,9%.
Besonders häufig fanden sich septische Erkrankungsformen, bei
denen jede Therapie beim Säuglinge wirkungslos wird. Schon
während des Hautschnitts starben drei. Hirano (88) hat unter
98 Kindern, davon 17 im ersten, 86 im zweiten Lebensjahre, nur
14% Mortalität bei ausschließlicher Anwendung der Rippen¬
resektion. Cannata (89), Savariaud (40), Dunlop (41) wenden
individualisierend in leichteren Fällen Punktion, in schwereren
Fällen (Bestimmung nach bakteriologischem und klinischem All¬
gemeinbefunde) Thoracotomie und Rippenresektion an. Dunlop
hatte bei diesem Verfahren bei Kindern unter zwei Jahren 36%,
Über zwei Jahre 13 % Mortalität. Bei 40% der Todesfälle sah
er eitrige Perikarditis. Die Statistik von Zybell muß also als
ungewöhnlich ungünstig und durch Faktoren mitbedingt bezeichnet
werden, die weiterer Aufklärung bedarf, da z. B. auch Finkei¬
stein bei seinem Material ungünstiges sah. Die Aufklärung ist
im Sinne fortschreitender Diagnostik (vielleicht zum Teil durch
das Röntgenbild), vielleicht auch der technischen Details zu
suchen. Spontanen langsamen Durchbruch eines Empyems durch
den Bronchus haben Ad. Schmidt (42), danach auch Maillet
und Aime (43) beschrieben.
Literatur: 1. Zeltner, Die Entwicklung des Thorax. (Jb. f. Kindhlk.
Bd. 78, Erg.-Bd.). — 2. Pauni, Verwendung der direkten Laryngoskopie und
Tracbeobronchoskopie bei Kindern. (Pest. m. chir. Presse 1913, Bd. 49.) —
3. Turner, A. Legan und Fraser, Direct laryngoscopy, tracheobronchoscopy and
oesoplagoscopy. (Edinburgh ined. j. 1913, Bd. 10.) — 4. Mouret und Burgues,
Quelques cas de tracheobronchoscopie. (Montpellier med. 36.) — 5. Kruse, Ur¬
sachen der Lungenentzündung. (Zbl. f. allg. Gesundheitspfl. 1913, Bd. 32.) —
6. Feer, Broncheolitis und Bronchopneumonie bei kleinen Kindern (M. Kl.
1912. ) — 7. Vogt, Prophylaxe und Ernährungtberapio der Lungenkrankheiten im
Kindesalter. (Ther. Mh. 1912, Nr. 26.) — 8. Sutherland und Jub, Chronic
pneumocncc. infection of the lungs in children. (Br. med. J. 1913, Nr. 2735.) —
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bei Säuglingen und jungen Kindern speziell mit heißen Bädern. (D, m. W. 1913,
Nr. 39.)— 10. Stepp, Zur Behandlung der Bronchitis und Pneumonie bei Kindern.
(Fortschr. d. M. 1914, Bd. 32.) — 11. Lederer, Ueber chronische nichttuberku¬
löse Lungenprozesse im Säuglings- und frühesten Kindesalter. (Jb. f. Kindhlk.
1913, Bd. 78.) — 12. Bahrdt, Chron. Bronchopneumonie mit Bronchiektasen
beim Säugling. (Verein für innere Medizin und Kinderheilkunde Berlin, 11. No¬
vember 1912.) — 13. Göppert, Ueber manifeste und latente Insuffizienz der
Exspiration im Kindesalter. (B. kl. W. 1914, Nr. 30.) — 14. Hutinel, Dilatation
des bronchies cliez l’enfant. (Clinique, Paris, August 1913.) — 15. Ephraim,
Zur Theorie des Bronchialasthma. (B. kL W. 1913.) — 16. Weber, Experimen¬
telles Asthma. (Arch, f. Anat, Pbys. 1914.) — 17. StXubli, Beitrag zur Kennt¬
nis und Therapie des Asthma. (M. med. W. 1918.) — 18. Smith, Asthma in
children. (Pract. 1913, Bd. 90.) — 19. Göppert, Zar Behandlung der akuten
spastischen Bronchitis des frühesten Kindesalters im Anfall. (B. kl. W. 1912.) —
20. Czerny, Paravertebrale hypostatische Pneumonie. (D. in. W. 1914.) —
21. Thayssen, Die akute nichtspecifische Pneumonie der ersten Lebenstage.
(Jb f. Kindhlk. 1914, Bd. 79.) - 22. Pironneau, La pneumonie franche du
nourrisson. (Clin, infant 1913. Bd. 11.) — 23. Weill et Monriquand, 1. Notes
clinique8 et radiologiques sur la pneumonie du nourrisson, 2. Les foyers d'he-
patisation pneumonique „silencieux“ de la radioscopie, 3. Les loealisations
pneumonairs de la pneumococcie sans images radiologiques. (Bull de la soc. de
Pädiatrie de Paris 1913, Bd. 15, S. 182, 187, 193.) — 24. Triboulet, Pneumo¬
coccie et reaction intestinale (Bull, et mem. de la soc. med. de Paris 1913,
Bd. 29) und Les manifeetations congestives sur le tractus digestif au cour des
toxi infections (ebenda 1913. Bd. 29). — 25. Jochmann, Infektionskrankheiten
1914. — 26, Riva-Rocci, Una complicazione rara della polmonite crupale infan¬
tile. (Gazz. mod. ital. 1914, Bd. 65.) — 27. Edgeworth, On the oerebral Symp¬
toms of Iobar pneumonia in children. (Br. med. J. 1913, Bd. 31.) — 28. Blühdorn,
I Meningitis serosa und verwandte Zustände im Kindesalter. (B. kl. W. 1912
1 Nr. 28.) — 29. Glronne, Die Behandlung mit dem Neufeld-Händelschen Pneumo^
kokkenserum. (B. kl. W. Nr. 49.) — 30. Reuas, Beiträge zur Behandlung mit
dem Neufeld-Händclschen Pneumokokkenserum. (D. m. W. 1914, Nr. 40.) —
81. Morgenroth, Die Chemotherapie der Pneumokokkeninfektion. (B. ki. W.
1914, Nr. 47/48.) — 32. Boehncke, Beobachtungen bei der Chemotherapie der
Pneumokokkeninfektion. (M. m. W. 1913, Nr. 8.) — 33. Lenn6, Zur Behandlung
der Pneumonie mit Aethylhydrocuprein und Pneumokokkenserum, (B. kl. W
1913.) — 34. Wolff und Lehmann, Ueber Pnenmokokkenmeningitis und ihre
Behandlung mit Optochin. (Jb. f. Kindhlk. 1914, Bd. 80.) — 35. Zybell, Zur
Klinik und Therapie des Pleuraempyems beim Säugling (Mschr. f. Kindlik. 1912,
Bd. 9) und Das Empyem im Säuglingsalter (Erg. d. Inn M 1913, Bd. 11) —
36. Buttermilch, Stettiner, Zur Empyembehandlung im Säuglings- und frühen
Kindesalter. (Verhandlungen der deutschen Ges. f. Kinderhlk., Wien 1913) —
37. Werner, Resultate der operativeu Therapie des Pleuraempyems der Kinder.
(D. Zscbr. I. Chir. 1918, Bd. 124.) — 88. Hirano, 118 operativ behandelte
Empyem fälle. (D. Zschr. f. Chir. Bd. 124.) — 89. Cannata, Contributo alle
pleurife purulenta nell’infantia. (Pediatria 1913, Jg. 21.) — 40. Savariand,
Les pleurösies purulentes cbez l’enfant leur traitement Chirurg. (J. de med.
1913.) — 41. Dunlop , Empyema in children. (Edinburgh möd. j. 1914, Bd. 143.)
— 42. Ad. Schmidt, Ueber langsamen Durchbruch Meiner Pleuraempyeme in
die Lunge. (M. m. W. 1912 ) — 43. Maillet and AhnL Vomiquee ofaez l’enfant.
■ i „ u:_ -truo d j . i-r \
■ r bei hoher Virulenz sofortige Rippeuresektion . Man darf nicht 1 (Ann. de med. et Chirurg, inf. 1913, Bd. 17.)
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Original frn-m
UNiVERSUY OF IOWA
372
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13.
28. MRrz.
Berliner klinische Wochenschrift 1915 . Nr. 11.
Oppenheim: Der Krieg und die traumatischen Neurosen. Wenn
von Begehrungs'Vorstellungen die Rede sein konnte, waren sie gerade in
den typischen Füllen nicht auf die Krankheit und nicht auf die Invalidi¬
sierung, sondern auf die Genesung gerichtet.
Meitzer (New York): Magnesiumsulfat bei Tetanus. Die An¬
wesenheit des Magnesiums zwischen den Neuronen unterbricht die Kon-
duktivität in der Neuronenkette sowohl in efferenter als auch inefferenter
Richtung, was selbstverständlich auch für die X e tiron e n ve rb i n dun gen des
Cortex cerebri seine Gültigkeit hat. Daher die Narkose, Analgesie und
Erschlaffung nach der intraspinalen Einspritzung einer Losung des
Magnesimnsalzes. Intraspinale Einspritzungen von Mugnesiumlösungen
sind vielleicht nicht nur eine symptomatische, sondern in einem gewissen
Sinne auch eine kausale Therapie. Das Magnesium dringt in die Zwischen¬
räume der Neuronenkette ein und blockiert den Weg für weitere loxin-
nachschübe. Die subcutano Einspritzung des Magnesimnsalzes, welche
ihre W irksamkeit nur langsam entfaltet, bewirkt auch beim erwachsenen
Menschen in relativ kleinen, scheinbar unwirksamen Dosen schließlich
einen definitiven hemmenden Effekt und kann, offenbar durch eine
kumulative Wirkung, zur Heilung führen.
Hirschfeld (Berlin): Der Eiweißbedarf des Menschen. Der Eiwei߬
bedarf eines kräftigen Mannes von 70 kg ist auf etw a 40 g Gesamt ei weiß
täglich zu veranschlagen, wobei durch Verbrennung von Eiweiß im Or¬
ganismus etwa ß% der gesamten Wärmemenge gedeckt werden. Die
Festsetzung von 70 bis 80 g verdaulichem Eiweiß-, entsprechend 80 bis
100 g Gesamteiweiß, als notwendige Eiweißnorm, ist nicht gerechtfertigt,
auch wenn bisher selbst bei Arbeitern, die unter den beschenk u>ten
Verhältnissen lebten, nicht unter 70 g verdaulichem Eiweiß gefunden
wurden, weil gegenwärtig bei der reichlicheren Verwendung von Kar¬
toffeln und der geringeren von Fleisch der Eiweißumsatz sieh voran!*
sichtlich in weiteren Kreisen noch etwas geringer stellen wird. \ on
physiologischer Seite ist der Anbau von Kartuffeln, Hackfrüchten und
Zuckerrüben als möglichst wünschenswert zu bezeichnen, der von llidsen-
friiehten dagegen nur insoweit, als die Erfahrung ihre Unentbehrlichkeit
für die Konservenfabrikation ergibt.
Goldscheider (Lille): Klinische Beobachtungen über Tetanus im
Felde. (Schluß) Die Regel: lange Inkubationszeit, leichter Verlauf, hat
auch Ausnahmen. Für die Prognose ist ferner von Bedeutung, in
welchem Maße die Atmung, das Schluckvermögen, der Kehlkopf be¬
troffen sind. Endlich ist gute Reaktion der Krampfzustände auf die
Nurkotiea prognostisch günstig, wahrend das Gegenteil zwar nicht gerade
ungünstig ist, aber doch auf einen schweren Verlauf deutet. Die ver¬
hütende Wirkung der prophylaktischen Antitoxininjektion scheint ge¬
sichert zu sein. |
Enger (Berlin): Zur Bekämpfung des Pyocyaneuseiters. Man j
setzt einer Kochsalz- oder Essigsauretonerdelösung einige Tropfen reiner
Salzsäure zu (fünf bis acht Tropfen auf einen halben Liter), verbindet !
mit dieser Flüssigkeit auf 24 oder 48 Stunden die Wunde feucht, und i
fast stets verschwindet die grünblaue Farbe des Eiters aus den Verband- |
stoffen, die Sekretion ist erheblich eingediimmt und rote, frische Granu- 1
lat innen kleiden die Wunde aus. Die Wirkung ist so zu erklären, daß I
der Pyocyaneus gern auf alkalischem Nährboden wächst, aber auf saurem ]
nicht gedeiht. Reckzeh (Berlin) j
Deutsche medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. 11. j
Albers-Schönberg und Lorenz (Hamburg): Die Schutzmittel
für Aerzte und Personal bei der Arbeit mit Röntgenstrahlen. Zunächst |
wird besprochen, wie sich der Röntgenarzt schützen soll gegen die Aus¬
beutung von seiten der Patienten, die, ohne daß ein fahrlässiges Verfehlen
seinerseits vorliegt, durch Röntgenstrahlen geschädigt worden sind oder
sich eine solche Schädigung einbilden. Da es nun nach gewiesen ist, daß
trotz Beachtung aller Vorschriften und trotz Anwendung aller Vorsichts¬
maßregeln Verbrennungen von Patienten vorgekommen sind, scheint eine
gewisse Idiosynkrasie einzelner Individuen gegen Röntgenstrahlen be¬
wiesen zu sein. Um sich gegen solche Fülle zu schützen, muß man sich
in eine Haftpflichtversicherung gegen Röntgenschädenanspriiche aufnehmen
lassen. Da der Röntgenarzt auch für den Schutz seines Personals ver¬
antwortlich ist und ferner für die Fehler seiner Angestellten haftet, so
muß die Versicherung dementsprechend ausgedehnt werden. Der Inhalt
einer Police wird angegeben. Empfehlenswert ist der Abschluß mit rück¬
wirkender Kraft, ferner die Ausdehnung der Versicherung auf Vertretungs¬
fälle. Dann werden die direkten Schutzmaßregeln eingehend angeführt
und der „absolute Röntgenschutz 14 von neuem gefordert, und zwar im
Anschluß an eine ausführliche Beschreibung des im Krankeuhauso
St. Georg in Hamburg neuerrichte ton Instituts.
Aus den neuesten Zeitschriften.
P. Schmidt (Gießen): Hygienische Winke Ihr Senchenabteilinfen.
Zu beachten sind ganz besonders alle Typhusfälle, bei denen eine
Massenausscheidung von Bacillen stattfindet, noch dazu, wenn die Stühle
diarrhoisoh sind und leicht verspritzt werden. Wichtig ist ferner die
typhöse Angina, wobei in und auf den Tonsillen Unmengen von Typhus¬
bacillen gefunden werden, die, falls Husten besteht, durch Tröpfchen¬
infektion leicht verbreitet werden. Auch beim Erbrochen kann das Er¬
brochene, besonders wenn es gallige Beimengungen und damit große
Mengen von Tvphusbacillen enthält, häufig zur Infektion Anlaß geben.
Also die besonders gefährlichen Fälle müssen in erster Linie beachtet
werden. Auch sollte das Pflegepersonal davor gewarnt werden, etwas
lässiger zu sein, weil cs gegen Typhus geimpft ist. Ein solches Gefahren
hat sich in vielen Fallen bitter gerächt.
A. Kissmeyer (Kopenhagen): Agglutination der Spirochäte
pal 1!da. Serum von Syphilitikern agglutiniert in specifischer Weise die
Spirochaete pallida. Die Reaktion ist nicht konstant vorhanden, aber in
allen Stadien von Syphilis nachgewiesen. Durch intravenöse Injektion
von Kulturen der Spirochaete pallida auf Kaninchen kann man eine
kräftige Agglutininbilduug in deren Blut erzeugen.
J. Schumacher (Berlin): Ucber Entgiftung von Diphtherie- wd
Tetanotoxin. Dem Ammoniumpersulfat, einem sehr starken Oxydations¬
mittel, kommt, wie sich auf Grund von Tierversuchen nachweisen läßt,
kraft seines Sauerstoffgehalts eine große toxinzerstörende Fähigkeit zu.
Thedering (Oldenburg): Ucber Teerbehandlung des chronischen
Ekzems. Bei sehr veraltetem Ekzem mit mächtig entwickelter Infiltration
der Haut sind die Uöntgenstrahlen absolut dominierend. Sonst empfiehlt
sich der Teer als Uäutrei/uiitte], wobei bei möglichst geringer Heizung
der Haut eine nämlichst große Tiefenwirkung zu erzielen ist. Dazu ist
ein Verbot der Seife notwendig. Auch ist die eingeteerte ekzem-
kranke Haut äußerst empfindlich gegen Wasser. Man verfahre daher
folgendermaßen: Vier Tage lang wird der Ekzemherd mit Teer morgens
und abends eingopinselt ohne Seifenwaschung. Die nächsten drei
Tage morgens und abends Einreibung mit 2%iger Salicylsalbe ohne
Se i f enw asc h u n g. Am achten Tag einmalige Waschung mit Kali¬
seife zur Entfernung des gelösten Tecrsehorfs. Dann kann der gleiche
Turnus wiederholt werden. Selbst nässende chronische EkzemherJe
trocknen auf diese Weise fast immer überraschend schnell aus.
Albert Wolff (Berlin-Grunewald): Eine medizinische Verwend¬
barkeit des Ozons. Zur Gewinnung des Ozons dient eine Siemenssclie
Ozonrölire. Der Verfasser empfiehlt das Ozon bei allen ärztlichen Unter¬
suchungen, bei denen sich unangenehme Gerüche bemerkbar machen, mr
allem bei Untersuchungen jauchender Mastdarmcarcinome. Für Unter¬
suchungen in der Nasenhöhle ist es jedoch nicht zu empfehlen, weil
dabei zu leicht Ozon vom Patienten eingeatmet wird,
j Schottelius (Freiburg i. Br.): Der Wert des Kaninchenfleisch«
j für die Volksernährung. Das Kaninchenfleisch ist nicht billig: denn die
Aufzucht von Kaninchen ist wesentlich teurer als die des Großviehes,
1 namentlich aber als die der Schweine. „Kleinere Tiere gebrauchen bei
i einem lebhafteren Stoffwechsel für dasselbe Körpergewicht mehr Nähr-
j stoffe als große Tiere“ (König). Das Schwein dagegen nützt die au-
, genommene Nahrung mehr als doppelt so gut aus wie das Kaninchen.
| Daher müssen in jetziger Zeit die Abfälle nicht etwa zur Kaninchenzucht,
j sondern als Schweinefuttcr verwendet werden. Zur Anreicherung eiwci
| reicher Nahrungsmittel sollten die großen Mengen Blut aus den Schlacht-
i häusern in Form von Blutwurst, Bhitbrot, Blutkuchen verwendet werden.
Der Verfasser empfiehlt schließlich das Pferdefleisch, um so mehr, als iw
Kriege viele gesunde, kräftige Pferde altgeschossen werden. Nur um «
Fleisch solcher rasch verendeter Tiere würde es sich handeln, nicht a u
um das von Pferden, die an Entkräftung oder an schweren \ erletzungen
eingegangen sind. Während der kalten Jahreszeit steht dem Iran»!*^
und der Konservierung großer Mengen Pferdefleisch nichts im 'W
(namentlich für die Ernährung der Kriegsgefangenen 1). Auch die aib
Pferdefleisch hergestellten Dauerwaren kämen in Betracht.
Kirschnev (Königsberg i. Pr.): Ueber SchußverietzMJ*® * r
peripherischen Nerven. Die klinischen Zeichen sind: motorische, seasm«
Lähmungen, ausstrahlende Sehmerzeu, vasomotorische und tropbiscitf
Störungen. Besprochen werden die bei der operativen Freilegung w
hobenen pathologisch-anatomischen. Befunde. Nach diesen richten sic
die operativen Maßnahmen. Wann solche indiziert sind, wird genau an
gegeben. Sie sollen aber wegen vorhandener motorischer Lähmung nie'
vor Ablauf von sechs Wochen einsetzen. Wichtig ist, daß m c ^ F .
durch einen Schuß hcrvorgeruiene Nervenverletzung von einem lunk l0IL
I ausfalle gefolgt ist.
S. Korach (Hamburg): Der Torfmoosverband in der Kn^
j Chirurgie. Vor allem geeignet sind die zerkleinerten Moosblätter,
I GazüSäckcken gefüllt, ein sehr weiches, elastisches Verbandmaterial na-
*
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28 . März.
1015 — MEDIZINISCHE KEIN TIC — Nr. 13.
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stellen (Tor/mooskissen). Tor/moos ist außerordentlich aufsaugungsfähig
and ermöglicht eine rasche Verdunstung der aufgenommenen Flüssigkeit,
rodurch einer Zersetzung des Wundsekrets vorgebeugt wird. Das Ein¬
trocknen des Wundsekrets im Torfmoosverband erfolgt so rasch, daß,
selbst wenn nach der Operation eine stärkere Blutung erfolgt war, bereits
nach 24 bis 36 Stunden der Verband vollständig trocken gefunden wurde.
Daher eignet sich Torfmoos vorzüglich zu Dauer verbänden.
Thomas von Marschalkö (Koloszvär): Die Bekämpfung der
LiMsepiigt im Felde. Bei der Behandlung der Pediculi hat sich dem
Verfasser seit 17 Jahren Oleum terebinthinae rectificatum ausgezeichnet
bewfihrt, und zwar auch zur Vertilgung jedes andern Ungeziefers. Die
Respirationsorgane der Insekten sind außerordentlich empfindlich gegen
Terpeotindämpfe (Tod durch Erstickung I). Auch die Eier werden da¬
durch getötet. Nur rohes Terpentinöl reizt die Haut. Das Einatmen
der Dämpfe von reinem Terpentinöl, wenn man für genügende Luft¬
zufuhr sorgt, ruft beim Menschen auch keine Nierenreizung hervor. Bei
Ped/cnli capitis wird die Kopfhaut tüchtig mit dem reinen Oel benetzt
und außerdem ein in dieses eingetauchter Flanellappen mit einer Mull¬
binde über dem Kopf lose befestigt (während der Nacht). Man trägt das
Mittel gegen Kleiderläuse am besten mit einem Spray oder auch mit
einem Wattebausch auf. Auch Salben, die 50 bis 65 % reines Terpentinöl
enthalten, in Tuben dürften empfehlenswert sein. Schafpelze könnten
mittels Terpentinsprays leicht vom Ungeziefer befreit werden.
H. Strauss (Berlin): Sparsamkeit mit Oelküstferen während des
Kriegs. Oliven-, Sesam- und Mohnöl sollten nicht mehr zu Klistieren
benutzt werden, da sie für Nahrungszwecke wertvoll sind. An ihrer
Stelle sollte für Klistiere Rüböl (nicht ranzig!) verwandt werden. Im
allgemeinen können aber die Oelklistiere jetzt eingeschränkt werden. Meist
genügen Klistiere aus Wasser. Aber auch beim Oelklistier kann das
Quantum Oel reduziert werden (50 bis 100 ccm wirken meist aus- ,
reichend). F. Bruck.
Ludwig Thieme (Adorf im Vogtland): KriegsdlensttaugHchkelt
ehemaliger Lungenheilstfltfenpfleglinge. Der Verfasser konnte feststellen,
daß aus seiner Heilstätte fast 9 Prozent aller Verpflegten für kriegsdienst¬
tauglich erklärt worden seien. Das spreche für die Brehmersehe Lehre
von der Heilbarkeit der Tuberkulose.
Eis (Bonn): Einseitige renale Hämaturie infolge Kresolschwefel-
säureintoxikation, geheilt durch Dekapsulation. Der Kranke hatte in den
letzten Wochen eine große Menge von seuchenverdächtigen Viehwagen
zu desinfizieren und mußte daher die Eisenbahnwagen mit einem Kresol-
schwefelsäuregernisch ausspritzen, sodaß er vom Morgen bis Abend in
der Sprayfliissigkeit stand. Es kam zu Sehstörungen. Schwarzfarbung
des Urins, Geruch des Atems nach der inhalierten Substanz. Die eine
Niere lieferte beim Ureterenkatheterismus absolut klaren, eiweiß-, zylinder-
und blutfreien Urin. Trotzdem muß die Möglichkeit konzediert werden,
daß auch sie mitergriffen war; denn das Gegenteil kann nur anatomisch
bewiesen werden. Praktisch jedoch stand nur die andere Niere mit ihren
starken, bis ins Gesäß ausstrahlenden Schmerzen und ihrer abundanten
Blutung im Vordergründe des Bildes. Die Therapie und die Gründe, die
zu dem operativen Eingriff führen mußten, werden zum Schlüsse be¬
sprochen.
Feldärztliche Beilage jVr. 11.
J. Kaup (München): Ueber den Wert der Choleraschutzimpfnng
im Felde. Der Impfstoff bestand aus Choleravibrionen, aufgeschw T emmt
Münchner medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. 11.
R. Gaupp (Tübingen): Hysterie and Kriegsdienst Im großen und
ganzen bat sich das Nervensystem unserer Soldaten als kräftig und gut
gezeigt, Ausnahmen jedoch sind hervorgetreten. So bei Personen, in
deren nächster Nähe Granaten geplatzt waren. Hier kann es zu krank¬
haften Erregungszuständen und nervösen Zusammenbrüchen kommen,
einzig und allein herbeigeführt durch den Anblick der toten Kameraden.
Hut sich der Zustand soweit gebessert, daß den Kranken vorgeschlagen
wird, es wieder mit dem Dienst zu versuchen, so kommt es mitimter
sofort zur Angst vor der erneuten Gefahr, zum Grauen vor dem Kriege.
Fällt aber diese Angst weg, indem man die Kranken ihrem bürgerlichen
Beruf überläßt oder ihnen im militärischen Dienst einen Posten zuweist,
der sie von der Front fernhält, so werden sie voll erwerbsfähig. Andern¬
falls, wenn man sie in dem Glauben läßt, von neuem zum Kriege heran¬
gezogen zu werden, bleibt die traumatische Hysterie bis zum Friedens¬
schluß und dann kommt das Verlangen nach der Kriegsrente. Daher
rechtzeitig — noch zur Zeit des Kriegs — Rückverweisung des im
Feld Erkrankten nnd von den akuten Hysteriesymptomen wieder Geheilten j
zur Berufsarbeit. Solange der Krieg dauert, ist der also Behandelte froh,
der erneuten Gefahr entronnen zu sein und wieder im bürgerlichen
Berufe zu arbeiten. Neben der Gruppe der im Kriege hysterisch Erkrankten
tntt eine Zahl bisher ungedienter Soldaten (eingezogener Landsturm ohne
^Vaffe, Ersatzreserve), bei denen bald nach der Einstellung hysterische
•Vmptome auftreten. Auch hier verschlimmert oft der nach einer Pause
wieder au/genommene Dienst die Symptome. Dagegen tritt Heilung ein,
wenn man diese hysterischen Menschen am richtigen Ort in richtiger
♦veise tätig sein läßt, ihren Kenntnissen entsprechend. Mit der Wahl
dieses passenden Postens sollten sich die Aerzte der Reservelazarette,
unter ihnen namentlich die Nervenärzte, von Amts wegen zu befassen
naben. Deren Rat sollte nach dem Vorschläge des Verfassers an das
stellvertretende Generalkommando eines Armeekorps weitergegeben
werden, das eine Art von militärischem „Arbeitsnachweisbureau“ für diese
albtauglichen nervösen Mannschaften bilden müßte.
Erich Leschke (Berlin): Dfe Tuberkulose im Kriege. Ausführlich
roitgeteüt werden drei Fälle von Ausbruch der Tuberkulose im Kriege
«j bisher gesunden Leuten. Sie sprechen für die Auffassung der Tuber-
uose als einer metastasierenden Autoinfektion infolge des Aufflammens
f er mehr O( * 0r weniger ausgedehnten latenten tuberkulösen Herde, die
as jeder Erwachsene in seinen Bronchialdrüsen (oder Lungenspitzen)
■ V auc k Möglichkeit einer Erstinfektion oder einer Neu-
e ton im Felde nicht geleugnet werden kann, so ist doch eine solche
iogene Infektion eine sehr große Seltenheit. Auch die nur ganz leicht
. ul torkulose Erkrankten sollen znöglicht umgehend in die Heimat
^^portiert werden und hier am besten Heilstätten oder Tuberkulose-
an tf eQ 40 Kliniken und Krankenhäusern überwiesen werden. |
in steriler, 0,5 %ige Carbolsäure enthaltender Kochsalzlösung, die durch
einstündiges Erhitzen auf 53° im Wasserbade abgetötet waren. Der Wert
der Choleraschutzimpfung hat sich auch in diesem Kriege bei der An¬
wendung an Millionen Personen der österreichisch-ungarischen Heere
deutlich gezeigt. Bei einigen Armeen wurde ein Teil der Mannschaften
in den Schützengräben geimpft, oft im Bewegungskriege während be¬
sonders anstrengender Aktionen. Eine neuerliche Impfung der Armeen
in verseuchten Gebieten ist erst sechs Monate nach der ersten Impfung
[ in Aussicht zu nehmen.
Stursberg und Klose: Zur Frage der Bewertung der französi¬
schen Typhusschatzimpfung und der diagnostischen Bedeutung der Gruber-
Widalschen Reaktion bei Typhusgeimpften. Die Impfung gewährt keinen
unbedingten Schutz gegen Typhus, scheint aber das Haften der Infektion
einigermaßen zu erschweren und den Verlauf einer Erkrankung zu
mildern. Die Gruber-Widalsche Reaktion läßt sich auch bei gegen
Typhus Geimpften, wenigstens in vielen Fällen, sehr wohl zur Diagnose des
Typhus und Paratyphus verwerten, wie die Verfasser auf Grund der
Feststellungen der Agglutinationswerte nachweisen.
Werner Rosenthal (Göttingen) und Emil Werz (Nürnberg):
Vibrionenträger im deutschen Heer. Auch Individuen mit leichtesten
Darmerkrankungen, die eine abortive Cholera darstellen, und auch Leute
ohne jedes Krankheitszeichen können Choleravibrionen ausscheiden. Auf
diese Weise kann unvermutet die Cholera eingeschleppt werden. Ab¬
sonderung aller irgendwie Ansteckungsfähigen, Heraussuchung aller
Vibrionenträger und deren Einschließung, bis sie sicher vibrionenfrei
geworden sind, können das Unheil abwehren.
Carl Mirtl (Graz): Beitrag zum Kapitel Herzbefunde bei Ver¬
wundeten und krank vom Felddienste Heimkehrenden. Die Größe der
absoluten Herzdämpfung ist insofern leicht trügerisch, als ungemein
häufig eine aus Strapazen hervorgegangene Lungenblähung vorhanden ist.
Es ist also die Größe der relativen Herzdämpfung, besonders in leicht
vorgebeugtem Stehen, verläßlicher, als die der absoluten in Rückenlage.
Auf diese Weise läßt sich in einer Reihe von Fällen eine Ueberdehnung des
Herzmuskels, eventuell mit den Geräuschen der relativen Klappeninsuffizienz
feststellen. Hier muß man ähnliche Reparationsbedingungen schaffen
wie beim physiologisch - hypertrophierten Herzen der Wöchnerinnen,
also die ersten Wochen größte körperliche Ruhe, auch bei Leicht
verletzten.
H. Pape (Nordhausen): FunkHonelle Stimmbandlähmung im Feld.
In sechs Fällen, die an starker Heiserkeit, ja fast völliger Aphonie litten
und dem Verfasser innerhalb einiger Tage begegneten, handelte es sich
um eine typische funktionelle Stimmbandlähmung. Bei der laryngoskopi-
schen Untersuchung zeigte sich niemals ein anatomischer Befund; die
Stimmbänder bewegten sich und konnten vorübergehend zu völligem
Schluß gebracht werden. Es ist einleuchtend, daß ein Feldzug mit
seinen vielfachen psychischen Traumen zu funktionellen Nervenstörungen
verschiedenster Art Anlaß geben kann.
Rudolf Pichler (Villach): WasserstoHsuperoxydsalbe zur Be¬
handlung der Kriegsverwundungen. Angelegentlichst empfohlen wird eine
1 und 2 o/o ige Peraquinsalbe, namentlich bei jauchigen Wunden.
Ernst Holzbach (Tübingen): Vom Truppenverbandplatz. Für
den Ort der ersten Hilfeleistung im Gefecht dürften sich wohl Oertlich-
keiten finden — ein Haus, ein Hohlweg, eine Waldlichtung —, die unter
den Infanterie geschossen nicht viel zu leiden haben. Dagegen kennt der
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moderne Krieg keinen Truppenverbandplatz mehr, der vor dem feind¬
lichen Artilleriefeuer Schutz gewährt. Bei der Einrichtung des Truppen¬
verbandplatzes muß unterschieden werden zwischen dein ärztlichen Ver¬
halten bei Positionskämpfen und dem in der Bewegung, beim Begegnungs¬
gefecht zum Beispiel. Beides wird genau besprochen. Enter den rein
ärztlichen Maßnahmen wird betont, daß, wenn glatte, perforierende Bauch¬
schüsse imoperiert drei bis vier Tage lang unter Morphium und rigorosei
Nahrungs-und Flüssigkeitsentziehung mit einem einfachen Deckverband aufs
Stroh gelegt wurden, der Patient wiederholt mit völlig weichem Leib, ruhigem,
vollem Pulse und beginnender Flatulenz an die Sanitätskompagnie ab-
goliefert werden konnte. Die Verwendung der Jodtinktur hält der Vei-
fasser hei Bauch feil verlet zungen direkt wünschenswert. Denn nichts
unterstützt die Einschließung und Verklebung des Gehihrherdes dim h
die plastischen Produkte des Bauchfells, also die Abkapselung, mehr als
die Jodtinktur, die sofort reizt und Adhäsionen hervorruft.
Madelung: Kriegsärztliche Erfahrungen ln England und Frank¬
reich. Schluß. Ein sehr ausführlicher Bericht. Den wertvollsten Teil
seines Materials gewann der Verfasser aus einigen ihm zugänglich ge¬
wordenen nordamerikanischen medizinischen Wochenblättern, die Berichte
aus der Kriegszeit“, Briefe aus London und Paris, vor allem Referate
über den’Inhalt mehrerer wichtiger englischer Journale brachten.
H. Lief mann (Dortmund): Zur Behandlung der Rückenmarks¬
verletzungen Im Kriege. Gegen die bei Kückenmarksverletzungen infolge
einer Infektion des uropoetischen Apparats durch das Bacterium coli
bestehende Gefahr empfiehlt der Verfasser prophylaktische Immunisie¬
rungen mit einer Vaccine, hergestellt aus einer Kolireinkultur au» den
Faeces des Patienten. . .
Grützner: Ueber eine Fliegerpfeil Verletzung. Berichtigung be¬
treffend die Durchschlagskraft der Pfeile. ^ • Bmick.
Wiener klinische Wochenschrift 1915 , Nr. 9.
E. Csernel und A Märton: Die Therapie des Abdominaltyphus
mit nicht sensibilisierter Vaccine. An der Königlich ungarischen Uentral-
üntcrsuchungsstation des Ministeriums des Innern hergestellte (Kaiser-
Csernelschc) Vaccine. In einigen Fällen wurde kritische Entfieberung
heihemeführt, in andern wurde die Continua unterbrochen und die Inten¬
sität der Krankheit herabgesetzt. Darmkomplikationen, irreguläre Herz¬
tätigkeit und starke Delirien kontraindizieren die Anwendung der Vaccine.
C. Feistraantel: Ueber Prophylaxe und Therapie des Typhus
abdominalis mittels Impfstoffen. Es wird gleichfalls über sehr günstige
Erfolge berichtet. , _ . _ , .
E Haim: Ueber Gangrän der Lunge nach Schußverletzungen
derselben. Eine gar nicht so seltene Komplikation, die chirurgische
Behandlung — oft mit gutem Erfolge — verlangt.
Mathilde und Dr. R. Grassberger: Ein laussicheres Ueber-
g-ewand. Nach dem beigegebenen Schnitte kann der Anzug von jeder
Näherin hergestellt werden. Die Kosten betragen 18 Kronen. Abbildun¬
gen und Angabe von Bezugsquellen. .. . .
K. Wal ko: Ueber kombinierte Infektionen mit epidemischen
Krankheiten. (Schluß.) Dysenterie und Cholera, Recurrens und Cholera.
Typhus und Dvsenterie sind in ihrer Kombination nicht vereinzelte
Kuriosa, sondern häufige schwere Komplikationen epidemischer Krank-
liciten. Es wurden bis zu JO % Mischinfekt innen beobachtet. Am
schwersten verliefen die Fälle bei gleichzeitigem Bestehen von Typhus und
Ruhr doch war ihr Ausgang oft günstiger, als wenn die zweite Infektion
einen schon mehr oder weniger geschwächten Menschen befiel. Misch.
Wiener medizinische Wochenschrift 1 915, Nr. 9 u. 10.
Xr 9 0 Zajicek: Die Schutzimpfung gegen Typhus und die mit ihr
in der amerikanischen Armee erzielten Erfolge Statt aller Worte me»
„ur folgende Zahlen aus dem amerikanischen Armeejournal vom Januar 191.,
angeführt, die den Wert der Vaccination illustrieren:
n Zahl der Tvnhimfjül*» heil
Soldaten lypliusfalle an Typhu9
1 Spanisch-amerikanischer Krieg 18U8 (kt ine ^
I,“ viele Farntyplmufälle als Typlms diagnostiziert werden, wird
empfohlen, eine bivalent« Vaccine zu gebrauchen, die gegen beide Krank¬
heiten y'iyyyT Ueber d | e Befreiung der Truppen von Kleiderläusen.
Der Eisenbahnzug als Desinfektionszug. Ein Güterwagen durch liinein-
h-iten des Dampfes der Lokomotive zu einem Dainpfdesinfektionstewren
nimrestaltet Das Verfahren hat sich bereits gut bewährt.
h T Fodor: Pfrysikalische Heilmethoden in der Verwundetenfürsorge
und Organisation dieses ärztlichen Hilfsdienstes. Es ist geplant, eine
Centralstelle der ärztlichen Hilfsorganisation für physikalische Medizin za
schaffen, in welcher eine Liste aller dienstbereiten Aerzte mul Institute
mit Angabe ihres speziellen Fachgebiets und ihrer Kurbt helfe aufliegen soll.
Nr. 10. v. Pirquet: Wesen und Wert der Schutzimpfung gegen die
Blattern. Der Vortrag will fiir die obligatorische Einführung der Impfung in
Oesterreich Propaganda machen. Wie unpopulär muß aber die Impfung in
Oesterreich sein, wenn die Veröffentlichung dieses elementaren Vortrags
an so führender Stelle notwendig ist.
P. Saxl: Ueber das Vorkommen und den Nachweis von Pepsin
im Blutserum. Ira Serum 20 normaler Menschen konnte Pepsin nach-
gewiesen werden*, es verdauten noch l /s Vis ccm Serum. Die klinische
Bedeutung dieses Befundes soll noch näher studiert werden.
A.^Kron fehl: Zur Impftechnik. Empfehlung eines neu kon-
struierten Impftrepan, für dessen Einführung aber — wenigstens in
Deutschland — keine Veranlassung vorliegt. Misch.
Zentralblatt für Herz- und Gefäßkrankheiten 1915 , Nr. 3 u. 4.
F. Gaisböck und L. Jurak: Klinische und anatomisch-
histologische Untersuchungen über einen Fall mit Adams-Stokesschcm
Symptomenkomplex. a) Klinischer Teil. 71 jähriger Manu mit
Arteriosklerose der fühlbaren Gefäße, hohem Blutdruck (200 mm 11g),
arteriosklerotischen Aortengeräuschen und Nierenveränderungen. Bradv-
kardie (20-82 Schläge) bekommt zeitweise schwere Anfälle von Be-
wußUosigkeit, Stillstand von Herz und Atmung mit folgen¬
der stoßweiser tiefer Atmung und Tachykardie bis 100 Schläge, Wahrend
der Bradykardie wird nur jeder vierte Vorhofschlag von der Kammer auf-
genommen, also Lei tungsst ö rung in V cbergangsbiindel. Bei der Tachy¬
kardie handelt es sich um gehäufte Kammerextrasystolen infolge Aecelemus-
reizung. Adrenalin (zweimal täglich 1 mg) machte gleichfalls
schnelleren Puls und zugMfch Besserung der Beschwerden. b) Ana*
tomisch - bis t o 1 ogiseher Teil. I>ie Autopsie ergab: schwere
Atherosklerose der Aorta, (’oronar- und Uehirnarterien, . chronische
Nicrenentartunu: tuberkulöse Pleuritis und Peritonitis. Die histahgisdie
Untersuchung des U eberlei tun gssyste ms ergab: Das atrioventri¬
kuläre Verbimlungsbiindel ist bis zur Teilungsstelle intakt, dagegen ist der
linke Sehenkel im Anfangsteil unterbrochen durch sklero¬
tisches Gewebe, das von der rechten Aortenklappe bis zum Septum
membranaceum reicht.
C. Fromberir: Historische Korrektur. Frmnberg stellt durch
Quellenstudien fest, daß Leonardo Botallo das offene Forainen ovale be¬
schrieben hat. das aber sehon Galen und Vesal bekannt war, den Rnctus
arteriosus Botalli aber wahrschoinlieh gar nicht gekannt, bat. Die in der
deutschen Literatur übliche Bezeichnung ist also falsch, richtiger ist »fe
im Französischen und Italienischen übliche Trou de Botal ouyert für da>
offene Foramen ovale. Am zutreffendsten wäre es, den Nu inen ces
Botallo zu streichen, da ihm für keines der foetalen BluQeh-'*
Verbindungen eine Priorität zukommt. k. bg.
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282
2060
11H
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22
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Zentralblatt für Chirurgie. 191 5, Nr . 10.
F. Neugebauer: Seltene Gefäßveränderungen nach Schuft-
v&rletzung. In zwei Fällen von Schuß durch den Oberschenkel miur-
halb der Leistenbeuge fand sich unter dem Poupnrtschen Band über
-roßen Gefäßen eine liandtellerhreite Pulsation mit fühl- und barhaM»
Schwirren ohne jede Geschwulstbildung. Die Freilegung der groben .*•
fiiße zeigte derbe narbige Verwachsungen zwischen Arterien um
Venen, keim* Aneurysinabildung. Ibis Schwirren aus den ay*
Verwachsungen zu erklären war nicht möglich bei einem dritten a v
von Schußverletzung der Kieferhöhle mit Bruch des Felsenbein, m
Taubheit durch Zerstörung des Nervus eochlearis, wo über dem 1
fort salze Pulsation und Schwirren gefunden wurde ohne Aneiinsnun ^
Unterbindung der Arteria oc.cipitalis und Carotis externa beseiti-
übergehend das Schwirren. ... ■«
Hasse: Ein verbesserter Amputations-Refraktor. Zwei ^ >' ^
refraktoren werden dadurch miteinander verbunden, daß du em» .
in einem Falz des andern verschiebbar ist, wodurch die Mitte o m ^
verschiedener Größe einstellbar wird (C. und G. Streißgut i- , :tm ^
Zentralblatt für Gynäkologie 1915, NgJO;
L. Proctiownick: Ein Beitrag zu den Vergehen
Befruchtung beim Menschen. Die Unfruchtbarkeit der Ehe a*i c ^ (
kann auf Bildimgsfehlern des Mannes oder auf vei min ( < r ^ yx
beruhen, bei den Frauen mit normal gebildeten Zeugung^» 1
Folgezust linden von Entzündungen der Anhänge. Bei dei e . ( |
uterine Einspritzung des Sperma mit Bvaunscher Spi ityO '*
legen auf rasches Arbeiten, auf ruhiges Verhalten der I»au *'^ • lfV w
Wiederholungen des Versuchs) und auf günstigen Zcitpun'
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MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. VA.
j; T n r„) 22. Tag nach Beginn der letzten Regel). Am entschiedensten
|. !f ,j,, r \*crstic/i versagt hei Unfruchtbarkeit infolge von Adne.verkram
. jt'i.'iire/i der Frau.
?!* joh. Untre: Neues über die Klammern v. Herffs. Angaben
ijjier neiierd/ngK vorgenommene Verbesserungen: Kreisbogenform der ab-
^•keeiMi ^Vhenkefteile. Abplattung des Domes.
Th e Journal of the American Medical Association, Bd. 64, Nr. 1.
**' L Harris: Erfahrungen der New Yorker Abteilung für öe-
sundhe’'<pflege über Typhusframunisierung. Nur in vereinzelten Fällen,
l„ i ,|envji darin eine Zunahme von Morbiiität und Mortalität zti konsta-
(i,war. zeigten sieb Mißerfolge der Immunisierung.
He/tUe Beaktienen waren selten: diese wurden begünstigt durch
Krankheit. Tuberkulose usw, Als llauptiegel muß festgebalten
«-■nkri. mir gesunde Personen zu immunisieren. Die Punktion von
Vrjieü, ebenso die intramuskuläre Injektion muß vermieden, auch sollen
Shwafigorc. Menstruierende nicht geimpil werden.
Am besten ist eine Reinigung der Impfstelle mit Jod, auch soll
bei wirderboltrr Impfung die verhärtete erste Impfstelle vermieden werden.
Ki/jiler müssen vor Sonne g«sehiitzt, Alkohol und härte Arbeit
miili dem Beimpften verluden werden. Nach begonnener Inkubation ist
die Zeit fiir Tyjduisimmunisiening' vorbei.
b'ei engem Kontakt mit Typhwsknmken (Epidemien) läßt die Wirk-
^.utrNt der Schutzimpfung nach und eine Infektion kann dann trotz
iiielirnialiger fmmiuiisierung erfolgen.
Jiii grüßen und ganzen kann die Immunitätsdauer von zwei Jahren
.u'gvir-mmeii werden.
A. .1. Parlson: Beiträge zur Physiologie des Magens. XXL Die
den bitteren Ton/ca zugeschriebene Wirkung auf die Magensaftsekretion
beim MenscJ-en und Bund. Verfasser weist im Menschen- und Tier-
vrr'iirbt 1 tini,;}]. daß die häufig verordneten Tonira (('liiui/i und Striehiiin,
»♦m«? dir init Alkohol gemischten ausgenommen) keinerlei Wirkung auf die i
.Mu.viis.dtsckretion haben, meint indes, daß ihnen eine psychische Wirkung
find rin manchmal dadurch erreichter Erfolg nicht ubzusprerhen ist.
A. RaudaII: Die endoskopische Behandlung nächtlicher Pol¬
lutionen. Randall gibt einen Ueherbliek über (’rsarlien «ler niicfit-
••'■•ca R'dhitioneii und ist der Ansicht, daß die cndoskopiM-hr I ’ntcr-
sniiiiiig in ihip meisten Fällen die Ursache des Leidens aufdeekt uml
'iii' 1 zur Heilung führende Behandlung ermöglicht. Cordes (Dresden».
getreulich wiedergibt. Das ist wohl die beste Empfehlung, die man dem
Werke mit auf den Weg geben kann. Der erste Teil behandelt in 20 Ka¬
piteln die allgemeine Chirurgie. Die Anordnung des Stoffes ist dabei so
gewählt, wie sie den Bedürfnissen des praktischen Arztes am meisten
entspricht. Die Einrichtung des Operationsraums, das notwendigste
Instrumentarium, die Vorbereitungen zu einer Operation, die üblichen
Verfahren zur Schmerzbetäubung werden in den ersten Abschnitten be¬
sprochen. Es folgen Kapitel über die Wundbehandlung und die Storungen
des normalen Wundverlaiifs durch Infektionen. Besondere Abschnitte
sind der Behandlung der Phlegmone, der Lymphgefäß- und Lymphdrüsen¬
entzündung, der Furunkel und Carbunkel und der septischen Allgemein-
infektion gewidmet. Im allgemeinen Teil werden auch die Verletzungen
und akuten Entzündungen der Gelenke, die akute Osteomyelitis und dm'
Diabetes in der Chirurgie in besonderen Kapiteln ahgehandelt. Den Schluß
des allgemeinen Teils bilden die Behandlung der chirurgischen Tuberkulose
[ und eine Besprechung der praktisch wichtigen Gesichtspunkte für die
Diagnose und Therapie der Geschwülste. 90 teils farbige, sehr gute Ab¬
bildungen tragen vielfach zum Verständnisse des Textes bei.
Der zweite Band, der 400 Seiten umfaßt und auch reich mit guten
Abbildungen ausgestattet ist, enthält die spezielle Chirurgie, die hier,
wie in den meisten Lehrbüchern, mit dem Kopfe beginnt und mit den
Extremitäten aufhört. Wir finden in diesem Band in gedränut«'!’ Ueber-
sielit die wichtigsten Krankheiten behandelt, die Gegenstand chirurgischer
Eingriffe werden können. Dabei wird nicht nur der Gang der Operation
bi*>proe!ien, sondern es finden sich auch überall Hinweise auf die Diagnose
und Differcntiuldiagnose, alles dies auf Grund einer reichen persönlichen
Erfahrung und mit einem nicht gewöhnlichen Blicke für das Wesent¬
lichste. Das Buch ist als Leitfaden für Aerzte. chirurgische Assistenten
und M' dizinalprakt ikanten geschrieben und erfüllt diese Aufgabe wie
selten eins. Es wird aber auch darüber hinaus manchem dienen, der
sich über die bewährten Methoden eines so bedeutend«*!) Chirurgen wie
Körte orientieren will. Ein zuverlässiges Sachregister am Schlüsse dos
zh eiton Bandes erleichtert dies. Brentano (Berlin).
Dermatologisches Zentralblatt , 1915, Nr. 5.
Willy Lohn: lieber vier Fälle von Pifyriasis lichenoides chronica.
eVLdi. S. 66-— (18.). Die histologische Untersuchung ergab Parakera-
("W liful Jeiehlcs perivaskuläres Infiltrat. Bei der DiffcrentialfJiagno.se
i't an /Wiasis und an Syphilis zu denken. Die Therapie mit Salvarsan
#@| äußeren Mitteln war erfolglos.
Hygienische Rundschau 1915, Nr. 3.
fUiiifind: Die Bolusfherapfe bei infektiösen Darmerkrankungen
ond Cholera asiatica im Licht experimenteller Forschungen. Ver-
'•S-'cr erinnert an frühere Untersuchungen von Emmerich und ihm,
'och «ieii<*n bestimmte Lehmarten in vitro eine stark bactericide Wirkung,
li ’ 1 S'n«lrTs auf Oml«*ravibrionen ausüben. Die Wirkung ist nicht durch
ui U«ung gehende Substanzen bedingt. Sie muß «iaher als mechanische
«nbLUt werden, vielleicht in der Weise, daß durch die Toiipart ikdehen
!:e Dherfläclie der Bakterien verletzt und dadurch Plasmolyse liorvor-
i.'‘ : 'iif»‘n wird. Für diese Annahme spricht die Beobachtung, daß in fester
"Etine. die die Vibrionen und die Lehmpartikelrhen immobilisiert, «lie
•\n< tum' nicht erfolgt. Für die Praxis ist von Bedeutung, daß di«* bac-
r "! icide Wirkung der einzelnen Leb märten verschieden stark ist. Sehr
- r,, ß ist sie bei Ilaidhau-oner und Deggendorfcr Lehm. Eie übertrifft
l * , ' r Ik'bts alba bedeutend, sodaß die therapeutische Anwendung
::: K - ser L‘hmart«»n an Stelle der Bolus zu versuchen wäre. Iiei der natiir-
‘'J'en iLdem-cjniguug dürfte die bactericide Wirkung der Lehmarten
»t nichtige Rolle spielen. _ Jv. M.
ßücherbesprechuiigea j
0* Nordmann, Praktikum der Chirurgie. Ein Leitfaden für Aerzte
!! fHl y'hulieionde. Erster Teil: Allgemeine Chirurgie. Zweiter Teil:
Chirurgie. Mit 251 teils farbigen Abbildungen. Berlin und !
, iefl 11H5. Urban & Schwarzenberg. 032 S. Broschiert M 15, — , ;
gebunden M lß.50. '
di- V ^ rUD, ^ a - e des Nord mann sehen Buches bilden die Lehren.
sCH . er ) ‘ asser ; er in der Einleitung sagt, als Assistent Kört es im
j/ ll “ c en Krankenhaus am Urban zu Berlin empfangen hat. Referent !
Da aüÄ 01 o Der Erfahrung bezeugen, daß das Praktikum diese Lehren ,
F. Pels-Leusden, Chirurgische Opera t i onslehre für St. mlierendo
und Aerzte. 2. wesentlich verbesserte Auflage. Mit 7ßß Abbildungen.
Berlin und Wien 1915. Urban A Schwarzenberg. 7SS S. M 20. — .
Die zweite Auflage dio>er ausgezeichneten Operationslolire ist
wesentlich verbessert und erweitert. Ihr Ilaupt.vorteil gegenüber ähn¬
lichen Werken bestellt darin, daß nicht nur die Technik der Operationen
an «ler Leiche beschrieben. ist, sondern auch die klinische Vor- und
Nachbehandlung der Kranken eingehend geschildert ist. Die Sprache ist
klar und verständlich', die Abbildungen sind gerade dadurch, dal sie
schematisch gehalten sind, anßerordentlieh instruktiv. Verfasser hat auf
die I >urslellimg der ge.sehirlitlirhcH Entwieklunu wichtiger Operations-
Verfahren besonderen Wert gelebt, wodurch das Werk für den Chirurgen
sehr interessant wird. Es kann in jeder Hinsicht gar nicht genug emp¬
fohlen werden. 0. Nord mann (z. Z. Lötzen).
G. Harter, D as Rätsel der denkenden Tiere. Wien und Leipzig
1914. Wilhelm Bruumiiller. 7(i S. AI 1,40.
Harter macht in diesem sehr interessanten Schriftchcn auf eine
neue Erklärungsmöglichkeit der bei den sogenannten „denkenden Tieren“
(den Elberfelder Pferden, dem Mannheimer Hund Rolf usw.) beobachteten
Phänomene aufmerksam, die sich seiner Ansicht nach als die einfachste
uml nächstliegemle darbietet. Diese Phänomene sind nämlich nach ihm
nicht aus der tierischen, sondern vielmehr aus der menschlichen
Psyche heraus zu begründen. Die vermeintliche „Intelligenz” dieser
Tiere gleicht durchaus der der klopfenden Tische der spiritistischen
Seancen: wie das vom Tische Geklopfte dem unterbewußten Ideen-
kreis einer am Tische sitzenden Person entstammt (uud keineswegs
einem dafür verantwortlich gemachten „Geiste”) — so entstammt auch
das von den denkendeu Tieren Geklopfte lediglich dem instinktiv erken¬
nenden Unterbewußtsein der mit ihnen Arbeitenden, es ist so zu sagen
ein Echo des menschlichen Unterbewußtseins: die Antworten der Tiere
sind „tatsächlich nichts anderes, als der Widerhall des unbewußten
Gedankens der Fragesteller“. Um diese Hypothese konsequent durch -
zufiihren, muß der Verfasser allerdings die Möglichkeit einer äußer-
sinnlichen, telepathischen Gedankeniibertragung• als erwiesen
annelimen, und zwar nicht bloß aus dem Unterbewußtsein von Mensch
zu Mensch, sondern ebenso auch von Mensch zu Tier — ja sogar auf
leblose Objekte und durch deren Vermittlung erst wieder auf damit in
Berührung kommende Personen: Verfasser beruft sich dafür besonders
auf die Versuche von Nauni Kotik, sowie auch auf eigne Beobachtun¬
gen („psychometrische“ Gedankenübertragung durch in die Hand genom¬
mene Objekte, Ringe, Spielkarten). — Daß diesem wie auch immer
plausibel gemachten Erklärungsversuche noch manche Schwierigkeiten
und Bedenken entgegenstehen, ist dem Verfasser selbst vermutlich am
wenigsten entgangen. A. Eulen bürg (Berlin).
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UNIVERSUM OF IOWA
376
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13.
28. März.
Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen.
Neue Folge der „ Wiener Medizinischen Presse**, Redigiert von Priv.-Doz. Dr . Anton Bum, Wim.
K. k. Gesellschaft der Aerxte in Wies.
Jahresversammlung vom 19. März 1915.
Pregl (Graz) bespricht das Entlausungsverfahren durch
Ammoniak, welches er mit Prof. Stummer erprobt hat. Bei den a ]
Versuchen wurden Läuse in einer Eprouvette durch einen in der Z(
Mitte derselben befindlichen Wattebausch abgeschlossen, über dem ß
letzteren wurde in einiger Entfernung ein Wattepfropf eingeführt, g
welcher mit ein paar Tropfen Ammoniakflüssigkeit getränkt war. w
Das sich verflüchtigende Ammoniak durchdrang den Abschluß- d;
pfropf und tötete die Läuse in höchstens 2 Minuten. Dadurch war g
erwiesen, daß das Ammoniak wegen seiner leichten Diffusion auch s j
durch dickere Stoffe durchdringen und das Ungeziefer abtöten g
kann. Bei der praktischen Erprobung hat sich diese Annahme be- ^
stätigt gefunden. Im Garnisonspital Nr. 7 in Graz wurde eine ver- \
lauste Abteilung dadurch entlaust, daß die unreinen Kleidungs- e
stücke mit 25°/ 0 iger Ammoniaklösung besprengt und in einer j
Kiste verschlossen wurden. Nach einer Stunde waren die Läuse >
und die Nisse abgetötet. Die Soldaten wuschen sich den Körper \
mit Seife und ammoniakhaltigem Wasser und zogen darauf die <]
gereinigten Kleider sofort an. Uniformen, Lederzeug und Pelzwerk a
werden durch Ammoniak nicht geschädigt. Beim Reinigen von c
Zimmern ist das Waschen des Bodens mit Ammoniaklösung und ^
Seife empfehlenswert. Größere Stücke, wie Matratzen, werden mit ^
Ammoniaklösung bespritzt und 4 Stunden in einem geschlossenen ]
Raum liegen gelassen. Das Verfahren ist für große Entlausungs- j
aktionen empfehlenswert. Die Entlausung nasser Kleider durch ,
Ammoniak ist nicht vorteilhaft, weil Wasser viel Ammoniak bindet.
J. Wagner v. Jauregg: Versuche über die Kropfötio-
logie. Vortr. hat im Verein mit Landsteiner und Schlagen¬
hau f er Versuche über die Aetiologie des Kropfes vorgenommen.
Die Häufigkeit des letzteren ergibt sich daraus, daß im Militär¬
territorialbezirk Graz im Lauf von 12 Jahren unter 1000 zur
Assentierung vorgeführten Männern 144 wegen Kropfes ausge¬
schieden wurden, abgesehen von denjenigen, welche einen Kropf
hatten, aber wegen anderer Gebrechen zurückgestellt wurden. In
derselben Zeit fand sich im Militärterritorialbezirk Zara unter
10000 Stellungspflichtigen nur ein Kropfiger. Bezüglich der Aetio¬
logie des Kropfes steht nur die Tatsache fest, daß der Ort eine große
Rolle spielt; was den Kropf erzeugt, ist nicht bekannt. Hierüber
gibt es mehrere Theorien, den größten Anklang hat bisher die
Trinkwassertheorie gefunden. Vortr. hat vor allem letztere experi¬
mentell geprüft. Der Versuch mußte nach zwei Seiten geführt
werden: 1. ob es gelingt, in Kropforten Tiere durch Aenderung
des Trinkwassers kropffrei zu erhalten, und 2. ob Tiere an einem
kropffreieu Ort durch das Trinkwasser aus einem verseuchten
Ort kropfig werden. Als Versuchstiere sind Hunde und Ratten
geeignet, Katzen, Meerschweinchen und Kaninchen bekommen sehr
schwer einen Kropf. Vortr. hat zu seinen Versuchen weiße Ratten
benützt, und zwar wurden diese aus Berlin eingeführt, wo sie
immer kropffrei sind, während in Wien gezogene Ratten sehr oft
einen Kropf haben. Auch an Menschen sind bereits Versuche an¬
gestellt worden, so von Breitner und Bircher sen. Letzterer
kam zu der Ansicht, daß der Kropf von der geologischen Forma¬
tion des Bodens abhängig ist und daß das Trink wasser auch dabei
eine Rolle spielt; es hat sich aber herausgestellt, daß manche
geologische Formationen in der Schweiz einen Kropf tragen, in
anderen Ländern dagegen nicht. Bircher hat in Rupperswyl
einen Versuch im großen angestellt. Der Ort liegt auf Meermolasse !
und es war daselbst Kropf in Menge vorhanden; es wurde nun
eine neue Wasserleitung aus einer kropffreien geologischen For¬
mation (Jura) eingeleitet, worauf der Kropf nahezu verschwand.
Nachuntersuchungen ergaben jedoch, daß die Angaben nicht
stimmen; das früher gebrauchte und das eingeleitete Wasser
stammten beide aus derselben Formation und die Kinder bekamen
ebenso wie früher einen Kropf. Bei den Versuchen hat V ortr sich
stets durch die Obduktion von dem Zustand der Schilddrüse
überzeugt. Als Ort des Versuches wurde ein von Kropf ver¬
seuchtes alleinstehendes Bauernhaus in einem Seitental des Mur¬
tales in Obersteiermark gewählt, das Wasser des Hausbrunnens
kam aus Schiefergestein. Alle Einwohner des Bauernhauses hatten
entweder einen Kropf oder waren Kretins. Es mußte nun außer¬
dem zu dem Versuch ein kropffreier Ort gewählt werden. Ganz
kropffrei ist die Meeresküste; es ist unentschieden, ob dies die Folge
davon ist, weil dort die den Kropf erzeugenden Schädlichkeiten fehlen,
oder ob dort eine den Kropf verhindernde Substanz vorhanden ist,
z. B. Jod. Als relativ kropffreier Ort wurde vom Vortr. Wien gewählt.
Bei den Ratten liegt die Thyreoidea zu beiden Seiten der Trachea !
als kleine Knoten, welche durch einen Isthmus verbunden sind. Sie
zeigt große Alveolen mit weitem Lumen, welche mit kubischem
Epithel ausgekleidet und von einem mit Eosin sich färbenden
Kolloidkörper ausgefüllt sind; der Rattenkropf weist enge Alveolen
mit kleinem Lumen, reichliche Gefäße und eine dicke Kapsel auf,
das Kolloid färbt sich mit Hämatoxylin. Wurden Ratten auf dem
Kropf ort durch 6 Monate mit Kropf wasser gefüttert, so bekamen
sie Kröpfe, ebenso wenn sie dort mit gekochtem Wiener Wasser
getränkt wurden. Es ergab sich also in bezug auf die Kropfbüdung
kein Unterschied zwischen dem Kropf wasser und dem Wiener
Wasser, der Kropf muß daher nicht notwendig durch Trinkwasser
entstehen, sondern er kann auch unabhängig davon am Ort der
Endemie auftreten. In Wien mit Kropfwasser oder mit gekochtem
Wiener Wasser getränkte Ratten bekamen keinen Kropf. Bei diesen
Versuchen könnte vielleicht nur der Einw^and gemacht werden,
daß das Kropf wasser durch die Verschickung an kropferzeugender
Wirkung verliert.— v. Kutschera hat die Theorie aufgesteilt,
daß der Kropf durch Uebertragung entstehe. Vortr. hat auch diese
Theorie nachgeprüft. Es wurden Ratten an den Kropfort gebracht,
wo sie kropfig wurden. Dann wurden sie mit gesunden Berliner
Ratten in demselben Käfig gehalten und alle mit Wiener Wasser
getränkt. Die normalen Ratten bekamen dabei keinen Kropf, bei
den kropfigen Ratten hat der Kropf sogar etwas abgenommen,
selbst bei Tränkung mit ungekochtem Wiener Wasser. Dieser
Versuch beweist, daß Wien als relativ kropffreier Ort zu be¬
zeichnen ist, ferner daß die Uebertragung kaum eine Rolle spielt.
Durch Fortzüchtung von Ratten auf dem Kropfort pflanzte sich
der Kropf in den folgenden Generationen fort, er trat sogar sehr
frühzeitig auf. Vortr. hat ferner au dem Ort der Endemie Ver¬
suche bezüglich der Einwirkung des kropfigen Menschen au! die
Versuchstiere angestellt. Es wurden normale Ratten in einer Hütte
in der Nähe des Wohnhauses, ferner im Bauernhaus und in ent¬
fernteren Gebäuden gehalten. Die Versuche wurden zwar durch
den Krieg gestört und sind noch nicht beweisend, ergaben aber
schon bis jetzt, daß die Kropfbildung mit der Entfernung vom
kropfigen Menschen abnimmt; sie müssen noch ergänzend fort¬
gesetzt werden. Die Tiere wurden dabei mit Wiener Wasser und
zur Kontrolle mit Kropfwasser getränkt. In der Hütte abseits des
Wohnhauses trat weder bei Tränkung mit Wiener Wasser noch
mit Kropfwasser Kropfbildung auf, dagegen wurde eine solche bei
Tieren im Wohnhause und in einem Nebenhause in mehreren
Fällen beobachtet. Es ist noch daran zu denken, ob nicht die
Uebertragung durch Ungeziefer erfolgt. Vortr. hat einen Vor¬
versuch gemacht, weitere Versuche sind notwendig. In Brasilien
gibt es eine Krankheit, bei welcher die chronische Form mit
Kropfbildung oder mit kretinischem Habitus einhergeht. ie
Krankheit ist endemisch und wird durch den Stich einer Wanze
erzeugt, durch welchen eine Flagellate ins Blut übertragen ■
Dies würde einen Hinweis für weitere ätiologische Forschung«
geben.
Rriegschirorgische Abend© in Budapest.
Sitzungen im Januar 1915.
J. Dollinger: Ueber InvalidenfiirBorge. Obwohl
Krieg noch andauert, hat die segensreiche Aktion znr
Stützung der invalid gewordenen Soldaten bereits • er
Stefan Tis za, der Leiter der Regierung, hat nämlich i
Eigenschaft als Präsident der Kriegsfürsorgekommission
Rundschreibens an die Kliniken und Kriegshospitäler
skription der Invaliden unter den in Budapest in Pfleg 6 ^
liehen Soldaten angeordnet. Eine gleiche Initiative S lfl ? ^
Kriegs Verwaltung aus, die für Prothesen der Extremi ^
I mechanische Behandlung zur Reduktion der Invalidität J en
schließlich vom Roten Kreuz-Verein, der Invalidenheime z g ^
bestrebt ist. Nicht nur durch Verletzungen, SOI £? rl[1 a ,, ^er la-
interne Leiden kann der Soldat invalid werden. Die Aa ^
validen kann verringert werden durch gut geschulte A.
reichlichst zur Verfügung gestellte Heilbehelfe. Sowohl ^
heilung als auch die Nachbehandlung ist wichtig. B®
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UNiVERSITY OF IOWA
28 März.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13.
377
% kommt der Massage, der fleißigen aktiven Gelenkbewegung und der
zur Muskelübung dienenden sogenannten schwedischen Gymnastik,
den elektro- und baineotherapeutischen Prozeduren durch Warm-
^ k wasser- und Schlammapplikation eine Rolle zu. Zu Massageproze-
. duren verwendet D. über Vorschlag des Okulisten v. Szily Er-
r . hlindete wegen ihres feineren Tastgefühles. Zur Nachbehandlung
i.der Verletzten ist eine Zentralisation der Invaliden in Haupt- und
Universitätsstädten ratsam, wo Spezialärzte und Institute der Uni-
versität, die hier etablierten orthopädischen Privatinstitute, in
'~ 1 Budapest die vielen Schwefelthermen und deren eingeübtes Per-
Ä ./-‘ sonale zur Verfügung stehen. Zu diesem Zweck sind die Invaliden
rt 7 in hauptstädtischen Heimstätten unterzubringen. Auch unsere auf
p- “' dem Gebiet der Knochen- und Gelenkheilung einen Weltruf ge-
*fließenden Badeorte sind in Anspruch zu nehmen, da die Kriegs-
! ' r . : Verwaltung für jeden kranken Soldaten pekuniär auf kommt. Hier-
durch wird ein Teil der Invaliden ihre alte Beschäftigung wieder
aufnebmen können, ein anderer Teil wird durch Berufswechsel für
® v sich sorgen können. Der staatliche Gewerbeinspektor wird mit
; 5are ^* jedem einzelnen der letzten Kategorie, die ein anderes Gewerbe
ergreifen müssen, verhandeln und für ihre Unterweisung in Go¬
towerbeschulen sorgen. — Die zweite Gruppe der Invaliden bilden
ik?'- die Amputierten, die wieder in solche zu sondern sind, denen
1 die untere Extremität, und in jene, denen die obere Extremität
J (Arm, Hand) amputiert worden ist. Den ersteren ist durch ein
fkri c Runstbein leicht zu helfen, das bei der heutigen Technik schon
nr i : um 100—250 K in dauerhafter und kosmetisch entsprechender
Form zu beschaffen ist. Bei der Bestellung des Kunstbeins ist die
J*.::: Beschäftigung des Invaliden in Betracht zu ziehen. So ist für einen
^ • Landbauer der künstliche Stelzfuß z weckmäßiger als ein mit Schuhen
iici versehenes Kunstbein. Der Arzt hat einfach von der amputierten ,
rviüt unteren Extremität ein Gipsmodell zu machen, worauf der Bandagist
r auf Grund der ebenfalls eingesandten Maße des anderen gesunden
• / Beins in 1—2 Wochen aus Stahl und Leder ein Kunstbein an-
fertigen kann, ohne den Pat. sehen zu müssen. Komplizierter ist
- : : aber die Aufgabe bei Kriegskrüppeln, denen die obere Extremität
e: ;j : amputiert worden ist. Die Hand ist nämlich maschinell nur schwer
; zu ersetzen und ist bei der Anschaffung eines Kunstarras stets
die Beschäftigung des Amputierten za berücksichtigen. Am Ende
der künstlichen oberen Extremität wird eine kosmetische Hand
::j . ; augehängt, die je nach Bedarf des Arbeiters durch einen Haken
, ' resp. eine Schraube ersetzt wird, in der er ein Instrument be¬
festigen kann. Bei Verlust der ganzen oberen Extremität wird der I
Rimstarm nur schwer vertragen, eher noch die Hand der vorhan-
denen Extremität zur Fingerfertigkeit soweit ausgebildet, daß der
Einbändige das Auslangen findet. Künstliche Extremitäten werden
laut Gesetz anf Rechnung des gemeinschaftlichen Kriegsministe- I
rinms, aber auch vom Roten Kreuz gekauft, ja die Kosten selbst I
aiB der Privatschatulle des Erzherzogs Franz Salvator bestritten.
Für invalid bleibende Soldaten hat bei uns nach dem Muster des I j
Wiener Vereins eine Hilfskommission zu wirken, die aus Privat-
wobltätigkeit namhafte Summen auf bringen kann. — In die dritte ]
Gruppe der Invaliden gehören die vollständig Erwerbs- I j
unfähigen. Diese sind in Invalidenhäusern unterzubringen. Bis I *
zur Gründung derselben können sie aber in einigen gut adjustierten I g
KriegshospitäJern ein Asyl finden. Die Konskription der Invaliden I f
auch auf die in der Provinz und in Oesterreich befindlichen I t
invaliden, die ungarische Staatsangehörige sind, auszudehnen und I ^
lief aus Gefühlsgründen die Behandlung der Ungarn resp. Oester- n
reicher iß ihrer engeren Heimat stattzufinden. I K
E. v, Grosz beschäftigt sich mit dem Lose der an beiden Augen I g\
erblindeten Invaliden. Er sandte Zählbogen an die Spitäler Oesterreich- I
Lngiinis und konskribierte auf Grund der eingelangten Antworten etwa |
up mg ungarländische doppelseitig Erblindete. Letztere können sich mit I __
Korbflechterei, Bürstenbinden ihr Brot verdienen. Auf Grund eines I —
Alliierten Gesetzes aus dem Jahr 1875 wird ein doppelseitig er- I
'linder Soldat mir mit 360 K jährlich beteilt , dagegen in Bayern laut
aus dem Jahr 1906 mit vollen 1500 K pro Jahr. Bis zur
'ungend notwendigen Revision unseres Gesetzes tut eine soziale Für- I
rire Not. Es gelang ihm , bisher 60000 K zu sammeln. I
•V. v. Horvath: Großdeutschland verfügt über 111 Krüppelheime I
ml Vereine, die mit 221 Werkstätten versehen sind und in 51 Hand- J
x&keiten unterrichten. In Ungarn besteht hierfür leider nicht einmal I
r ^te Anfang. I
J- Donäth: Konsultierende Spezialisten , insbesondere Neurologen, I
f,ac b Muster des deutschen Heeres auch bei unserer Armee zu vei- I
den. I
Kv.Kopits: Schulen sind in medikomechanischc Institute zu I
andeln. ^ |
P v. Knzmik: Die Umgestaltung größerer Spitäler in der Haupt- /
und Provinz in orthopädische Anstalten sei notwendig.
E. Deutsch tritt ira Sinne Biesalskis (Berlin) für die Pro"
paganda durch illustrierte Hefte und Wanderausstellungen zur Aufklä¬
rung des Volkes ein.
A. v. B6kay: Die Fürsorge der Invaliden bleibe Sache des Staates,
in dessen Interesse der Soldat sich die Invalidität zuzog. Die Gesell¬
schaft wird das zu kreierende Gesetz mit Sympathie aufnehmeu. Die
materiellen Mittel sind durch Besteuerung zu beschaffen.
J. Do Hing er: Der Staat allein vermag die Frage nicht zu lösen.
Unumgänglich notwendig sei die Mithilfe der Gesellschaft. Das Rote
Kreuz ist berufen, die Aktion in dieser Richtung zu organisieren. Da
maschinelle Anlagen mangeln, sind die freiwilligen Krankenpflegerinnen
in mechanotherapeutischen Prozeduren zu unterrichten. S.
3* Niederrheinische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde
r- in Bonn.
■ r Sitzung vom 18. Jänner 1915.
it Finkelnburg stellt einen Soldaten vor, der infolge eines
e Rückenschusses an Blasen-Masfcdarmlähmung und Lähmung beider
>- Beine litt. Einige Wochen nach der Aufnahme wurde neben der
n Wirbelsäule, etwa der Höhe der zweiten bis fünften Lendenwirbels
n entsprechend, eine fluktuierende Geschwulst bemerkt. Bei stärkerem
t Druck auf die Geschwulst tritt Gefühl von Schwindel, bei noch
a stärkerem ein typischer epileptischer Anfall auf. Auch die Unter-
i suchung der durch Punktion gewonnenen wasserhellen Flüssigkeit
p ließ keinen Zweifel darüber, daß es sich um eine Meningokele
0 spinalis traumatica handelte. — Sodann spricht F. über Knochen-
i Veränderungen nach Neuritis, die er in einer Reihe von Schuß-
i Verletzungen der peripheren Nerven beobachtet hat, und zwar
l hauptsächlich an den Knochen der Hand und Finger sowie der
; Epiphysen der Unterarmknochen. Es handelte sich um eine Knocheu-
l atrophie, welche im Röntgenbild durch die scheckige Aufhellung
und Lückenbildung im Knochen sich darstellt. Diese Verände¬
rungen sind praktisch wichtig, denn sie führen zu hochgradiger
Versteifung der betroffenen Gelenke.
Schnitze: Ueber Typhus und Typhusimpfung. Unter
anderem wies er darauf hin, daß der Typhus gelegentlich mit einem
Schüttelfrost beginnen kann, der sich auch im Verlauf der Krank¬
heit noch mehrmals wiederholen kann. Sehr häufig ist Kopfweh;
möglicherweise verursachen die Toxine eine Vermehrung der
Liquormengen und dadurch die Kopfschmerzen, oder dieselben
wirken direkt auf die Meniugealnerveu. Mau kann aber auch an
eine Zunahme der Gehirnmasse durch Schwellung oder durch
Oedem denken. Schließlich ist auch noch eine Wirkung auf peri¬
phere sensible Nerven, z. B. den Trigeminus, möglich. Schwindel¬
gefühl beim Typhus ist häufig, Nasenbluten nicht selten, Herpes
aber sehr selten. Für die frühzeitige Diagnose ist wichtig, daß
die Bazillen gleich in den ersten Tagen im Blutstrome kreisen,
sehr wichtig die Leukopenie, die bei keiner anderen Krankheit
vorkommt. Die Widalsche Reaktion tritt erst sehr spät auf,
I bleibt aber lange nachweisbar. So wurde sie von Widal selbst
noch 7 Jahre nach der Erkrankung festgestellt. Sch. selbst hat
vor 43 Jahren Typhus überstanden; jetzt ist bei ihm die Widal¬
sche Reaktion bei 1: 50 noch positiv. Für die Behandlung ist die
flüssige Diät in erster Linie zu empfehlen, doch können mit Vor¬
teil größere Mengen konsistenter Nahrung gegeben werden. Sch.
wendet zur Bekämpfung des Fiebers Pyramidon in kleinen regel¬
mäßigen Gaben gern an. Eine spezifische Therapie gegen die
Krankheit gibt es nicht, doch scheint die Schutzimpfung von
gutem Erfolg zu sein. Wichtig ist, daran zu denken, daß nach
der Schutzimpfung die Widalsche Reaktion positiv werden kann.
Ls.
Kleine Mitteilungen.
Kriegschronik.
Aus den off\ Verlustlisten .
1. Tot:
A.-A.-St. Dr. Franz Primsar, I.-R. Nr. 89 (Liste Nr. 144).
O.-A. Dr. Mor. Günsz, u. L.-I.-R. Nr. 29 (Liste Nr. 144).
2. Verwundet:
A.-A.-St. Dr. Eugen Weissberg, I.-R. Nr. 85 (Liste Nr. 139).
A.-A. d. Res. Dr. Heinrich Urbanek, I.-R. Nr. 56 (Liste Nr. 142).
O.-A. Dr. Adam Majewski, L.-F.-K.-D. Nr. 43 (Liste Nr. 143).
Lst.-A.-A. Dr. Georg Pavlinec (Liste Nr. 143).
O.-A. d. Ev. Dr. Gottlieb Ruzicka, Lst.-I.-R. Nr. 25 (Liste Nr. 143).
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 13.
28. März.
3. Kriefjsgefamjcn:
R.-A. Dr. Walter Fuchs. L.-I.-R. Nr. 33 (Sehitta-Riißland, Liste
Nr. 142).
A.-A. Dr. Josef Wiesor, L.-I.-R. Nr. 34 (Riisk-Rußland, Liste
Nr. 1431.
R.-A. Dr. Johann Braun, l.-R. Nr. 45 (Nishnij Nowgorod-Rußland,
Liste Nr. 143).
A.-A. d. Res. Dr. Leo Tausig, I.-R. Nr. 45 (Nishnij Nowgorod-Ru߬
land, Liste Nr. 143).
R.-A. Dr. Emmerich Török, H.-R. Nr. 1 (Omsk-Rußland, Liste
Nr. 143).
R.-A. Dr. Zoltan Zsigmondy, u. L.-H.-R. Nr. 1 (Korsun-Rußland,
Liste Nr. 144».
R.-A. Dr. S. Wächter, U.-R. Nr. 1 (Tomsk-Rußland, Liste Nr. 145).
* *
*
In Knittelfeld (Steiermark) ist der dem dortigen russischen
Gefangenenlager zugeteilt gewesene Distriktsarzt Dr. Karl Krautner
(St. Marein) einer Flecktyphusinfektion erlegen. - Ehre seinem
Andenken!
(Militärärztliches.) In Anerkennung-tapferen und aufopfe- den (
rungsvollen Verhaltens bzw. vorzüglicher Dienstleistung vor dem
Feinde ist den O.-St.-Ae. I. Kl. DDr. A. v. Pattantyus, San.-Chef lllld 2
des 5. Korps, A. Pausz beim 4. Korpskmdo. und den O.-St.-Ae. so UJ]
II. Kl. DDr. J. Scheidl beim 1. Armeekmdo., H. Retschnigg, UDSer
Kommand. des I.-Div.-San.-A. Nr. 6 das Offizierskreuz des Franz schal 1
Josef-Ordens mit dem Bande des Militärverdienstkreuzes, dem ull te
St.-A. Dr. R. Doerr des 1. Armee-Etapp.-Kmdo. die Kriegsdekora- jeden
tion zum Orden der Eisernen Krone I1L KL, den O.-St.-Ae. ]Aste
II. KL DDr. J. Arzt, San.-Chef des 24. I.-Div., A. Knobel, 5 ak
Kommand. der I.-Div.-San.-A. Nr. 12, K. Karowski, Kommand. kläru
des mob. Res.-Sp. Nr 2/4, L. Dabrowski der 12. I.-Div., den Q esc
St.-Ae. DDr. J. Zini des Garn.-Sp. Nr. 10, L. Kolbe der s(dbs
24. I.-Div., B. v. Zadurowicz, Kommand. der I.-Div.-San.-A. Ruft 1
Nr. 12, J. Fischl der 31. I.-Div., A. Bakowski. Kommand. des und
Feld-Sp. Nr. 1/1, 11 . Kropf, Kommand. des Feld-Sp. Nr. S/2, durc
B. v. Sandor, Kommand. des mob. Res.-Sp. Nr. 1/4, A. v. Söter, Q esl
Kommand. des mob. Res.-Sp. Nr. 9/4, dem St.-A. d. Res. Dr. Z. unse
Köszeghy des l.-R. Nr. ST. den R.-Ae. l>Dr. J. M ii l ler des don
Feld-Sp. Nr. 1/5, H. Koder, Kommand. des Feld-Sp. Nr. 3 2, A. (j e f a
Dögl des 2. Armee-Etapp.-Kmdo., R. Schultert des 2. Korpskmdo. ordl
und dem R.-A. d. Res. Dr. I.. Wicherek, Kommand. der Brigade- druc
S.-A. Nr. 1, das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens am Bande des ba {
Militärverdienstkreuzes, den R.-Ae. DDr. 0. Kasparek des Feld-Sp. ( j er
Nr. 3. P. Metzger des H.-R. Nr. (I, den R.-Ae. d. Res. DDr. A. ud t 2
Neudörfer der I.-Div.-San.-A. Nr. 44, S. Cukor des I.-R. Nr. DO, koni
dem R.-A. d. Ev. Dr. E. Steinschneider der I.-Div.-San.-A. ent ^
Nr. 31, R.-A. i. P. Dr. S. Sikowski des L.-Marodenhauses in Neu- Kr j
Sandec, O.-A. Dr. J. Bardocz der I.-Div.-San.-A. Nr, 33. den O.-Ao. s j cb
d. Res. DDr. N. Dregan des u. L.-I.-R. Nr. 24, B. Dedek des ein ^
l.-R. Nr. 75, Z. Wurmfeld der I.-Div.-San.-A. Nr. 33. F. Hampel den
des F.-J.-B. Nr. 31, R. Strisower des I.-R. Nr. 77, M. Sogar noc
des L-Div.-San.-A. Nr. 14, J. Mayer und E. Stein der l.-l)iv.- n - ir
San.-A. Nr. 2, den O.-Ae. d. Ev. DDr. S. Kostlivy der I.-Div.- k;v?
San.-A. Nr. 31, E. Zielinski des L.-Marodenhauses in Neu-Samlcc, ij c j,
J. Popper des Feld-Sp. Nr. 4/1, den A.-Ae. d. Res. DDr. L.
Plasoller des Epidemie-Sp. in Mitrovica, A. Hacke» des I.-R. j^ a
Sr. 2b, L. Dienes des 2. Ärmee-Etapp.-Komdo., A. Bilz d<>s I.-R. arz
Nr. 31 und dem Lst.-A.-A. Dr. E. Benda der L-Div.-San.-A. cnt
Nr. 12 das Goldene Verdienstkreuz mit der Krone am Bande der aD(
Tapferkeitsmedaille verliehen, dem St.-A. Dr. J. Buril des I.-R. j kr
Nr. 12, den R.-Ae. DDr. E. Bekey des F.-K.-R. Nr. ID, W. Müller c , n1
des I-R Nr. 04, A. Rozsvpal des F.-K.-R. Nr. 30, A. Stöhr des
J-R Nr 4 M. Rozner des U.-R. Nr. 5, F. Grotte des F.-J.-1L dii
Nr 10, R. Blümel des F.-J.-B. Nr. 31, K. Dobnigg der I.-Div.- an
San-A Nr. 44, L. Tichy und E. Novak des Ldsch.-R. Nr. I, den sc ]
ll-Äe d Res. DDr. P. Kortsak des l.-R. Nr. 32, A. Morus des ab
L.-I.-R. Nr. 16, den R.-Ae. d. Ev. DDr. J. Hubik und A. Jonza „ r
des Lst-l.-R. Nr. 25, R. Bukowski des L.-I.-R. Nr. 2, dem O.-A.
Dr. J. Bazai des D.-R. Nr. 4, den O.-Ae. d. Res. DDr. J. Horak be
des D.-R. Nr. 1, V- Cernarin des I.-R. Nr. 31, H. Glanz des y A
I.-R. Nr. 10, B. Hochstetter des F.-J.-B. Nr. 5, L. Dumitz des ^
I -R. Nr. 29. P. Erlacher des L.-I.-R. Nr. 3, R. Pfeifer des rc
L.-I.-R. Nr. 24, den O.-Ae. d. Ev. DDr. W. Neumann der I.-Div.-
San.-A. Nr. 31, A. Winder des L.-l.-R. Nr. 21, P. G meiner des
L.-I.-R. Nr. 21, den A.-Ae. d. Res. DDr. A. Weisz des I.-R. Nr. 79,
G Kalocsav des I.-R. Nr. 5, J. Segall des I.-R. Nr. 77, K.
Tschiassny des D.-R. Nr. 12, G. Graciun des I.-R. Nr. 04,
Tmraunffebor, KigontrtWer und VeilcRor: Urban & Sehwarftcnliarg, Wien und Heidin.
Druck von (iottlieb GUtel <S Cie..
J. Krist des F.-J.-B. Nr. 17 und S. Stein des I.-R. Nr. 99 die
a. h. belobende Anerkennung ausgesprochen worden.
(K. k. Gesellschaft der Aerzte.) In der am 19. März ab¬
gehaltenen diesjährigen Hauptversammlung dieser Gesellschaft
erstattete der Sekretär Reg.-R. Prof. 0. Bergmeister den Bericht
über die wissenschaftliche Tätigkeit der Gesellschaft im abgelaufenen
Vereinsjahr, Prof. Paschkis den Bibliotheksbericht. Zu korrespon- .
dierenden Mitgliedern wurden Prof. H. Albrecht (Graz) und !
Prof. R. Kraus (Buenos-Aires), zu ordentlichen Mitgliedern die
Doktoren J. Bauer, A. Böhm, R. Ekler, F. Groak, J. Hass,
Frau A. Hirsch, J. Kowarschik, M. Kraus, A. Perutz, R.
Rezniöek, J. Schneyer und Prof. K. H. Wenckebach, zu Vor¬
sitzenden der wissenschaftlichen Sitzungen die Professoren S. Klein,
CI. Frh. v. Pirquet und J. Schaffer gewählt. ~“
(Wiener medizinisches Doktorenkollegium.) Die am
22. März abgehaltene ordentliche Generalversammlung hat den
Stadtphysikus Dr. Rudolf Jahn zum Präsidenten und den Primarius
Dr. Siegmund Politzer zu einem der Vizepräsidenten neu-,sowie
die abtretenden Mitglieder des Geschäftsrates wiedergewählt. In
den Geschäftsrat wurde ferner Dr. Max Morgenstern berufen.
(Aus Berlin) wird uns geschrieben’. Es ist eine auffallende
und zugleich betrübliche Tatsache, daß der jetzige Krieg, der schon
so unendlich viele Opfer an Gut und Blut gefordert hat, auch 1
unser Sanitätskorps in ganz ungewöhnlichem Maße in Mitleiden¬
schaft zieht. Die Zahl der Verwundeten und Gefallenen
unter den Aerzten ist eine erschreckend große, sehr viel größer
jedenfalls als in irgend einem Kriege bisher. In den amtlichen ^
Listen sind bis Mitte Jänner mehr als 200 Aerzte als gefallen,
5 als verunglückt und 210 als verwundet gemeldet. Die Er¬
klärungen liegen auf der Hand. Einmal reichen die modernen
Geschosse so weit, daß die Tätigkeitssteilen der Aerzte und diese
selbst nicht mehr gesichert sind; dann aber fordern gerade die
Luftwaffen — Fliegerbomben und Fliegerpfeile — manche Opfer,
und schließlich hat ja auch die Mißachtung des Genfer Abkommens
durch unsere Gegner verschiedentlich deutschen Sanitätsoffizieren
Gesundheit und Leben gekostet. Nicht vergessen werden soll, daß
unsere Aerzte selbst auch unter den schwierigsten Verhältnissen
den Verwundeten ihre Hille zuteil werden lassen und vor keiner
Gefahr zurückschrecken — ein Verhalten, das schon in der außer¬
ordentlich en Zahl von Ordensdekorationen seinen Aus¬
druck findet. Eine nicht ganz unbeträchtliche Zahl von Aerzten
hat sogar das Eiserne Kreuz erster Klasse erhalten. — Die Not
der Zeit hat auch im Schoße der Aerzteschaft mancherlei gemein¬
nützige Wohlfahrtseinrichtungen erstehen lassen. Keine von ihnen
kommt den durch die Kriegslage bedingten Verhältnissen mehr
entgegen als das jetzt ins Leben gerufene Kuratorium für
Kriegsentschädigung Groß-Berliner Aerzte. Es handelt
sich dabei um eine von der Berlin-Brandenburger Aerztekammer
eingesetzte Zentralstelle, deren Aufgabe es sein soll, den Schaden,
den Groß-Berliner Aerzte durch den Krieg erlitten haben oder
noch erleiden werden, wenigstens zum Teil zu ersetzen. Die hier¬
für erforderlichen Mittel sollen besonders durch Zuschüsse der
kassenärztliehen Vereinigungen aufgebracht werden. Ein anselin-
' lieber Grundstock ist von der Aerztekammer seihst in Form einer
Zuwendung von 55 000 Mark gestiftet worden. Der Verein Beniner
Kassenarzt.! wird 5°/,> und der Verein der freigewählten Kassen
äizte 10" o der ärztlichen Honorare für die Zwecke der Krieg;
ent Schädigung beisteuern. Es besteht kein Zweifel, daß auch iw
r anderen kassenärztlichen Gruppen — je nach ihrer Größe un
*• ihrem Vermögen — sieb an dem edlen Werk beteiligen und eine
r entsprechenden Teil des kassenärztlichen Honorars an die Acn
s stelle, mindestens für ein Jahr, abfiihren werden. NVahrschem
dürften auch begüterte Kollegen, die daheim geblieben sin • -
an Zuwendungen nicht fehlen lassen. Die Verteilung der >
11 Schädigungsgelder soll erst nach Beendigung des Krieges erfolg
- s abgesehen von dringenden Fällen, in denen ein sofortige»
a greifen für notwendig erachtet wird. Die Festsetzung von ^
\ führungsbestiminungen über die Verteilung der Gelder blei
behalten; doch soll gerade den größeren Verbänden em ,.
es Zuschüssen entsprechender Einfluß auf die Verteilung
es werden. Alles in allem eine großzügige Organisation, die sw
es reichen Segen stiften und manche Kriegsnot lindern ^ ir •
Sitzungs-Kalendarium.
Osterf e rien.
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— Verantwortlicher Redakteur itir Österreich Ungarn : Karl Urban,
Wien, 111., Münssgsispe 6.
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UNiVERSITY OF IOWA
Nr. 14. Wien, 4. April 1915. _XI. Jahrgang.
382
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14.
4. April.
und Schulter. Hysterisches Wesen, konfabuliert. phantasiert nachts
über seine Kriegserlebnisse. Im übrigen frei, keine Anfälle mehr.
5. K., Gefreiter. Vater nervös, sonst keine Heredität. Brüher
stets gesund. Im Kriege verschiedene Traumen hintereinander. Ueber-
fahren durch einen Bagagewagen (keine Fraktur, vorübergehende
Hämaturie), hierauf Schuß in den linken Oberschenkel, dann in Kleidung
durch den Marnekanal geschwommen und am andern Ffer durchnäßt
neun Stunden liegengebliehen. Seit dieser Zeit Lähmung beider Beine
psychogenen Charakters. Schmerzempfindung an den unteren Extremi-
täten aufgehoben. Sphineteren, Reflexe usw. normal. Jetzt rechts
noch Parese, die links fast ganz verschwunden ist. Nach operativer
Entfernung der Kugel aus dem Oberschenkel stundenlanger Dämmer¬
zustand. , .. „
(i. R., Soldat Keine Heredität, stets leicht erregbar, schlaff,
energielos, Sturz vom Bagagewagen auf Kopf und Rücken. Hierauf
Lähmung beider Beine, Kopfschmerzen. Schwindel. Kommt hier ge¬
lähmt an, etwas theatralisches Wesen. Analgesie an den Beinen.
Reflexe usw, normal. Schnelle Besserung, konnte bald mit s tocken,
ietzt ohne Stütze gehen. Sensible Störung noch vorhanden.
7. P., Soldat, Ein Vetter geisteskrank. Bruder des Vaters
nervös. Patient litt schon früher zeitweilig an „nervösem Erbrechen .
Nach Verwundung mit Granatsplitter am rechten Handrücken bei
(Jefahr der Gefangennahme allgemeines Zittern, besonders des rechten
Beins. Tachykardie. Jetzt noch grobschlägiges Zittern der oberen
Extremitäten.* Sensibilitätsstörungen, Analgesie des rechten Armes,
Neigung zu Brechanfällen.
8 II Musketier. Stets schwächlich. Im zehnten Jahre vorüber¬
gehend Gesichtszucken“, öfters Bettnässen. Nach starker Erschöpfung
Tm Kriege (Durchfälle, Erbrechen. Husten mit Auswurf) Auftreten von
allgemeinem Köiperzittem. Dieses hier zuerst in sehr intensiver Weise
vt -ihandelt, es kommt zu förmlichen Schlittel- und Zitteranfällen zeit- ,
wedig Tachvkardie: gesteigerte Sehnenretlexe. Cyanose der Hantle, all¬
gemeine Hyperästhesie. Auf suggestivem Wege schnelle Besserung,
jetzt fast völlige Heilung. Nur selten noch leichtes Zucken im
M. h“ 01 ^ p Soldat, Vater nervenleidend. Patient selbst stets nervös.
Leichte GranatspUtterverletzung am linken Kniegelenk. Danach
Zittern sehr große Schreckhaftigkeit. Tachykardie (Tu s 1.10 bis 140).
DermographitL allgemeine Hyperalgesie. Beim I ntersuchen Zuckungen
am ganzen Körper. Schnelle Besserung. Noch hypochondrisches,
wehleidiges Wesen.
10. L., Reservist, Stets sehr reizbar. Graiiatsplitterverletzung
an linker Schulter und Gewehrschuß im Nacken. Nach Heilung der
Wunden andauernd steife, unbewegliche Haltung von Kopf und Hals.
Diese Zwamrsstellung anscheinend unbeeinflußbar. Marke Hyper¬
ästhesie der Haut an Hals und Nacken. Keine Narbcneontraetur.
Wirbelsäule auf dem Röntgenbild intakt, #
11 V. Offizierstellvertreter 1 ). Mutter sehr nervös, Patient selbst
stets leicht erregbar und ermüdbar. „Angewohnheit“ die Mim oft m
Palten zu legen. Sonst gesund. Verwundungen am 8. September am
Fuß und Oberschenkel. Die Wunden heilten gut. Im Lazarett sehr
schlechter Schlaf, beängstigende Träume von Knegsbildern. Bei den
ersten Gehversuchen Auftreten des Gesichtzuckens. Es besteht ein
sehr lebhafter Tic der Gesichts- und Halsmuskeln, dabei ist der Kopf
meist nach der Seite und hinten geneigt. Das Gnrnassieren ist an¬
dauernd, durch den Willen nur wenig beeinflußbar. Keine Sprach¬
störung kein zwangsmüßiges Ausstößen von Lauten, per Gang is
langsam tripprind, starker Tremor der oberen Extremitäten. Mitunter
ergreift das Zittern den ganzen Körper.. Le.chto Hemihv^e astbes e.
Sehr lebhafte Sehneim-flexe. Vasomotorische Störungen (Kältegefühl.
Schweißausbrüche).
io g Reservist. Stets nervös gewesen. Erkrankte infolge von
Granalexplosion in seiner Nahe, durch die mehrere Kameraden g.dWet
wurden War zuerst eine Zeitlang völlig stumm. Allinahluh stellt,.
S die Sprache in ihrer jetzigen gestörten W Oise wieder ein. Die «
Sprache zeigt die Erscheinung des „hysterischen Motte«.»>»t al.pi- j
hackt explosiv. Worte und Silben werden wiedeiholt. Heu jeder Er- i
rojmng z.nkende Ilcwegmigen in Gesichts- und Korju-rmuskHlatur, die j
mitunter einen ticartigen Charakter »tagen. Gang zittrig, mit kleinen |
■ trippe mlen Sehritten, mitunter auch schwankend und taumelnd. Keine ,
SensibÜ'isitätsstörungen. Sehnenreflexe gesteigert. Mitunter lacbykardte ,
(Puls 120 Ins ^ (lwelirmann Kcine Belastung, früher angeblich stets
gesund' Tm Schützengraben beim Platzen.einer Granate m seiner Nähe
fon Erde Überschüttet. Hierauf zirka vier Woeb.-n voll.« sprachlos,
mußte alles aufschreiben. Als die Sprache wiederkam. zeigte sie die
Z.h letzt bestehende Störung. Patient, spricht aphomseh, etwas an- i
stoßend mit leiser piepsender Stimme. Cyanose der Hände. Tachy-
kardie. ’ Keine SensibiUätRstörungen.
Diese Fälle zeigen in deutlicher Weise das Vorkommen
mannigfaltiger und recht verschiedenartiger nervöser Er¬
krankungsformen bei Kriegsteilnehmern. Hie stellen nur einen
kleinen Teil der hier wegen nervöser Krankheitserscheinungen
i, An m während der Korrektur. Dieser Patient ist
ict/.t Bis auf geringfügige tn-artigo Zuckungen im M. frontalis geheilt.
zur Beobachtung gelangten Soldaten dar, von denen uns fast
jeder Tag neue Fälle liefert, sodaß nach unseren Erfahrungen
das Auftreten von „traumatischen Neurosen“ im Kriege
keineswegs ein seltenes oder kaum vorkommendes Ereignis
darstellt, wie es Horstmann auf Grund seines Kranken-
materials anzunehmen geneigt ist. Eine weitere Frage ist es,
ob diese Erkrankungen ausschließlich oder vorwiegend Indi¬
viduen betreffen, bei denen hereditäre Belastung eine Rolle
spielt, bei denen schon vor dem Kriege nervöse Erscheinungen
bestanden haben, oder ob sie auch bei vorher ganz gesunden
Personen zur Entwicklung kommen. Meine Erfahrungen
hierüber stimmen, wie auch aus den Anamnesen der demon¬
strierten Fälle hervorgeht, durchaus mit denen Oppen¬
heims überein, daß diese nervösen Störungen des Kriegs
„zwar nicht ausschließlich, aber fast durchweg 1, bei
Disponierten aufzutreten pflegen. Nur bei vereinzelten Fällen
waren wir nicht imstande, Momente nachzuweisen. weiche auf
eine endogene krankhafte Veranlagung des Nervensystem*
hinwiesen. Enter den auslösenden Ursachen scheint n ir in
Uebereinstimmung mit den Erfahrungen W o 11 e n h e r g l.
Bonhöffers und Anderer die psychische Einwirkung
von in der Nähe platzenden Granaten, auch wenn eine Ver¬
letzung nicht stattgefunden hat, von besonderer Bedeutung zu
sein. Wir finden unter den demonstrierten Fällen diese
i Schädigung wiederholt hervorgehoben,
i D i es e s o genannte ..U r a n a t k o m m o t ioir
stellt eine so intensive E i n wir k u n g auf das
Nervensystem dar, daß sie auch bei vorher
nicht n a c hweishar nervösen I n d i v i d u n
j schwere nervöse K r a n k h e i t ^ e r s c h e i n u u g e n
l h e r v o r z u r u f e n imstande ist , wie Beobachtungen
| () p p e n h e i m s und einige meiner Fälle zeigen,
j Ueberblieken wir die demonstrierten Fälle, so treten un*
1 recht mannigfaltige nervöse Erscheinungen von vorwiegend
I hysterischem Charakter entgegen, wie die Patienten m
Abasie, Lähmungserseheinungen an den Extremitäten M
und 6), den verschiedenen Formen eines allgemeinen oder
mehr lokalisierten Tremors (Fall 7, 8, 9), den Störungen der
Sprache (Stottern) (Fall 12) oder der Stimmbildung (lall w
(Aphonie), die sich aus einem Mutismus entwickelt hatten,
usw. zeigen. Auch der Fall von eigenartigem Contraeuu
zustand der Halsmuskeln (Fall 10) ist zweifellos psychogener
Natur 1 ). In dem Falle von ausgebreiteter schwerer in-
Erkrankung (Fall 11) handelt es sich um einen hereditär be¬
lasteten, stets nervösen Mann, bei dem vielleicht schon nt
dem Trauma ganz leichte Andeutungen des Leidens M
runzeln) vorhanden waren.
Die vier ersten Fälle stellen Dämmerzustände dar, ™
denen Fall 2, 3 und 4 nach Art und Verlauf der Bewußheuv
Störung, nach der Natur der Anfälle sowie der hegen 1
körperlichen Störungen (Herabsetzungen der Gonieamn_
usw.) hysterischer Natur sind. Eine besondere ^ ’
scheint mir Fall 1 einzunehmen. Die lange Dauer un »-
ders die Tiefe der Bewußtseinsstörung, bei einem bui ‘
scheinend stets gesunden Mann, im direkten Aiw
schwere äußere emotive Schädlichkeiten, macht es nu *
scheinlieh, daß es sieh um einen der sogenann en _ ^
epilepsie nahestehenden Dämmerzustand gc nnn .
i Aelmliche Beobachtungen sind 1870/71 im Warnas ^
unseres Heeres, im Russisch- Japanischen
I Awtokratow, jetzt von Bonhöffe r und i 11 _
! schildert worden. Die mannigfachen, nach Au i
| Dämmerzustandes bestehenbleibenden nervösen ^ ^
I innigen machen es mir wahrscheinlich, daß m ui s?
j konstitutionelle endogene Momente neben en
Schädlichkeiten eine Rolle gespielt haben.
In sämtlichen demonstrierten Fällen konn
J ) IVbcr seltene Formen von Gontraoturzustänfien ,
Natur bei Kriegsteilnehmern weide ich an anderer -
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Original frn-rri
UNiVERSUY OF IOWA
L April.
1015
MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14.
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hysterischen Symptomen mannigfache n e u r asthe¬
nische Erscheinungen, besonders Kopfschmerzen, Schwin¬
del. Schlaflosigkeit, vasomotorische Störungen, am häufigsten
Tachykardien, beobachtet werden, sodaß die Kombination
dieser Symptome das bekannte Bild der traumatischen
Neurose 1 ) in ihren verschiedenen Gestaltungsforme»
wiedergiht. In einer Reihe von Fällen, besonders solchen von
sogenannter „Granatkommotion“, war eine bald allgemeine,
bald mehr lokalisierte sensible und sensorische Hyperästhesie
eine auffallende und oft lange anhaltende Erscheinung.
Die Prognose der traumatischen Neurose des Krieges
scheint mir nach meinen bisherigen Erfahrungen für einen
Teil der Fälle eine günstigere zu sein, als die der Rentcn-
hysterie im allgemeinen. , Die demonstrierten Fälle zeigen,
daß auch Fälle mit ausgesprochenen Lähmungs- und Reiz-
ereeheinungen mitunter schnell zur Heilung gelangen — ein
Erfolg, der bei dem Bestehen von Entschädigungsansprüchen
gewiß nicht häutig zu konstatieren ist. Endgültiges über die
Prognose dieser Kriegsneurosen, besonders auch mit Hinsicht
auf die nach dem Friedensschluß zu erwartende schwierige
Frage der „Kriegsrente 44 kann erst die Zukunft lehren.
Bei einigen Fällen von Schußverletzungen des Nervensystems,
smA' nhl des Gehirns wie der peripherischen Nerven, konnten
wir interessante Ueberiagerungen von organisch bedingten
Symptomen durch psychogene Störungen beobachten, so in
einem Falle von motorischer Aphasie -) (großes Projektil im
Hemisphärenmark links, etwas hinter der Brokasehen
Stelle; einen Contracturzustand der linken Zungenhälfte, der
sich durch die in ihr auftretenden Zuckungen und durch die
suggestive Beeinflußbarkeit als ein hysterischer herausstellto:
in finem Falle leichter Verletzung des N. ulnaris bestand
komplette Armlähmung mit charakteristisch hysterischer j
NMbibilitätsstörung, hysterischen Anfällen usw.
hu Vethältnis zu der Häufigkeitdernervösen *
^ ll r u n g e n und der sogenannten Grenzfälle bei j
Kursteilnehmern, ist die Zahl der bisher hier zur Beobachtung !
gHiiiigteii Fälle von Psychosen im engeren Sinn eine |
relativ geringe. 1
Die Formen der Kriegspsychosen sind dieselben wie die i
Frieden zu beobachtenden, aber die Symptome erhalten
mitunter eine bestimmte Färbung durch den auf die Kriegs-
erlchnisse eingestellten Gedankengang. Besonders deutlich
plkgt bei manisch-depressivem Irresein die Ideenflucht und
der Betätigungsdrang der manischen Phase an die Kriegs-
erkbnisse anzuknüpfen, während im depressiven Stadium die
Wahnideen häufig mit dem Krieg in Zusammenhang stehende
^erarmungs- und Verkleinerungsvorstellungen zum Inhalte
haben. Mit sehr starkem AngstafTekt, großer motorischer
Unruhe, völliger Schlaflosigkeit einhergehende Fälle kamen
vereinzelt zur Beobachtung. Verhältnismäßig selten sahen
w ir in das Gebiet der Dementia praecox gehörige Fälle, eine
bei den vorwiegend in Frage kommenden jugendlichen Alters-
&hifen der Soldaten bemerkenswerte Erscheinung. Dreimal
beobachteten wir Fälle von stürmischer Erregung, großer
motorischer Unruhe, deliriöser Verwirrtheit und Benommen¬
heit, die sämtlich in akuter Weise zugrunde gingen, ohne daß
die •Sektion eine Erklärung des Krankheitsbildes brachte. Die
mikroskopische Untersuchung der Gehirne steht noch aus'D.
3er Krankheitsverlauf entspracli dem Bilde des sogenannten
«Delirium acutum“. Anamnestische Angaben fehlten leider,
sodaß die Fälle ätiologisch nicht geklärt sind. Für das Be¬
stehen einer alkoholischen Grundlage lagen keine Anhalts¬
punkte vor, ohne daß eine solche mit Bestimmtheit auszu-
sehließen war. Es ist in dicker Hinsicht bemerkenswert, daß
\i Anmerkung während der Korektur. Vgl. die Aus¬
führungen Oppenheims. (B. kl. W. 1915, Nr. 7, S. 167.)
D Vgl. die Verhandlungen der Berliner Gesellschaft für
‘o’cbiatrie und Nervenkrankheiten. (Neur. Zbl. 1915, Nr. 2, 8. 7o)
./) Aebnliche in akutester Weise tödlich verlaufende Psychosen
Word 01 Halkankriege von Oekonomakis (Athen) beobachtet
W o 11 e n b e r g (1. c.) bei Kriegsteilnehmern alkoholische
Delirien beschrieben hat, die durch besondere tiefe Bewußt¬
seinsstörung, sehr starke motorische Erregung, Fehlen
der charakteristischen Tierhalluzinationen ausgezeichnet
waren und zum nicht geringen Teile schnell tötlich
endeten. Es ist daran zu denken, daß ein Teil unserer Fälle
vielleicht solchen atypischen Alkoholdelirien entspricht. In
das Gebiet der Amentia gehörige Fälle konnten wir bisher
nicht mit Sicherheit feststellen. Die Aufmerksamkeit wird
sich bei der Häufigkeit der erschöpfenden, infektiösen und
I toxischen Schädlichkeiten des Krieges, der Frage des Vor-
i kommens und der Verlaufweisen dieser im Frieden hei unserem
Krankenmateiial nur sehr selten zu beobachtenden Fälle be¬
sonders zuzuwenden haben.
Was schließlich die „metasyphilitischen“ Erkrankungen
des Centralnervensystems betrifft, möchte ich nur kurz er¬
wähnen, daß ich mehrere Fälle sah, bei denen die ersten
paralytischen respektive tabisehen Symptome (Größenwahn,
lauzinierende Schmerzen, Augenmuskellühmungen usw.) irn
Felde zuerst hei Männern auftraten, bei denen früher niemals
psychische oder somatische Störungen irgendwelcher Art
beobachtet worden waren. Es ist leicht verständlich, daß
die Summation der schädigenden Einflüsse eines Feldzugs hier
als auslösendes Moment gewirkt hat. (Schluß foigrt.)
Aus der 111. medizinischen Abteilung des k. k. allgemeinen
Krankenhauses in Wien.
Dysenterische Polyneuritis bei Kriegsteilnehmern
von
Prof. Dr. Hermann Schlesinger.
(Mit 2 Abbildungen.)
Die Nervenentzündungen bei Ruhr und ruhrartigen
Affektionen haben, soweit ich die Literatur überblicken kann,
nur wenig Beachtung gefunden.
Die meisten großen Bearbeitungen der Polyneuritis, so die
von W e r t h e i in , S a 1 o m o n s o n . H e in a k - F1 a t a u , Oppen¬
heim und Andern erwähnen entweder überhaupt nicht die Ruhr als
ätiologischen Faktor oder zählen sie nur nebenbei auf. ohne nähere
Angaben zu machen. Auch die Monographien über die Bacillenruhr,
so die von L ü d k e , Rüge, V a i 11 a r d , S h i g a erwähnen nur
gelegentlich das Vorkommnis. Rüge teilt mit, daß in den Tropen
sieh nicht selten an Bacillendysenterie eine multiple Neuritis an¬
schließe, welche an Bm-Beri ei innere. Brav ton Ball hat nach
i Ruhr vorwiegend motorische Lälimungsor.scheiniuigen centraler (nicht
peripJirier; Natur und nur sehr selten sensible Störungen gesehen.
Auch Liidko hat nur Symptome im Bei eiche der motorischen Sphäre
beobachtet;-nie war Paraplegie, nur mitunter Schwäche der Beine vor-
j handen. Einmal wurde von ihm eine erheblichere atrophische Parese
! an einer oberen Extremität mit Entartungsreaktion gesehen. Akute
| neuritische Eiseheimmgen im Peroneus- und (’ruralisgehiete sollen
| noch R u g e L u c e und M e i n e c k e beschrieben haben. Die andern
: Beobachtungen betreffen die ältere, namentlich die französische
j Literatur, in welcher einige Male das Auftreten sekundärer Lähmungen
l nach Ruhr mitgeteilt wird, so bei Trous.se au, A. Laveran,
| B a r a 11 i e r und Andern. In manchen Fällen scheint eine Erkrankung
des Rückenmarks Vorgelegen zu haben (Gärtner und Andere).
Wenn man die vorliegenden Mitteilungen durchsieht,
kommt man zu dem Ergebnisse, daß bis nun charakteristische
Nervenstörungen nach Dysenterie nicht beschrieben sind und
daß auch gute Kenner dieser Krankheit nervöse Folgeerschei¬
nungen für selten halten. Und doch gibt es ziemlich häutig
nach Ruhr eine Form der Polyneuritis, welche in den von
mir beobachteten Fällen im wesentlichen gleiche Züge auf¬
wies und anscheinend in der Literatur noch nicht beachtet ist.
Im September und Oktober 1914 wurden meiner Ab¬
teilung wiederholt kranke Soldaten mit unbestimmten, an¬
scheinend rheumatischen Beschwerden überwiesen, bei wel¬
chen die genauere Untersuchung das Bestehen einer Polynou-
vitis ergab. Mit Arbeit überlastet, konnten wir keine ein-
D Historisch ist es nicht uninteressant., fostziistellciu daß im
Sanitätsberichte des deutschen Heeres vorn Jahre 1870/71 uno r 10')
Fällen von Tabes sich nur 7 11% fnödeii. „bei welchen möglich. rwrDc
eine luetische Prädisposiliou vorlag'
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Google
Original frnrri
UMIVERSITY OF IOWA
1916 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14.
gehenden Anamnesen erheben. Bei einem gelegentlichen E:
Gespräch erwähnte Kollege A. v o n M ü 11 e r, welcher ein m
großes Epidemiespital leitet, daß er jetzt auch wiederholt E:
eigenartige Polyneuritiden nach Dysenterie beobachte. Da- fä
durch aufmerksam gemacht, forschten wir bei den noch in ui
Pflege befindlichen Kranken anamnestisch nach Ruhr und si
konnten wirklich feststellen, daß in allen Fällen eine, zumeist A
leichte ruhrartige Erkrankung (mit blutigen, häufigen Stuhl- zi
entleerungen und Tenesmus) im Felde vorausgegangen war. si
Bald hatte ich auch Gelegenheit, bei Kranken, deren Dys- U
enterie unter meiner Beobachtung abgelaufen war, die Ent- g
Stellung von Polyneuritiden zu beobachten. Diese Nerven- ä:
entzündungen verhielten sich ganz wie die früher von mir li
beobachteten. Die Gesamtzahl der von mir im letzten halben A
Jahr untersuchten Fälle dürfte mehr als zwanzig (durchwegs S
Soldaten) betragen. Ich bin davon überzeugt, daß viele so- li
genannte Myalgien nach Dysenterie nichts anderes als mul¬
tiple Nervenentzündungen sind. Die Polyneuritis dysenterica
ist also kein seltenes Leiden, sondern einer der häufigeren
Folgezustände der bacillären Dysenterie. Wahrscheinlich ist
sie toxischen Ursprungs, da sie in der Regel zu einer Zeit auf-
tritt, zu welcher in den Faeces Dysenteriebacillen nicht mehr
nachweisbar sind. Wir können zurzeit noch nicht angeben,
ob Polyneuritis häufiger nach Flexner- oder Kruse-Shiga-
Dysenterie auftritt, da wiederholt das bakteriologische
Ergebnis der Stuhluntersuchungen in unseren Fällen negativ
war. Es ist möglich, daß die vorangegangenen schweren
körperlichen Anstrengungen im Verein mit rheumatischen
Schädlichkeiten den Organismus für die Entwicklung einer
Polyneuritis präpariert und daß dann die hinzutretende
Infektionskrankheit die Nervenentzündung auslöst. Doch
selbst wenn dies nicht der Fall sein sollte, ist es nicht wahr¬
scheinlich, daß die früher erwähnten Momente ganz ohne Ein¬
fluß auf das Nervenleiden sein sollten. Vielleicht bestimmten
sie den eigenartigen Typus der Polyneuritis in unsem Fällen.
Die dominierenden Symptome sind Schmerzen, Parästhe-
sien und auch objektiv nachweisbare Sensibilitätsstörungen,
während wenigstens in unsem Fällen die Erscheinungen im
Bereiche der motorischen Sphäre auffallend zurücktreten.
Die Schmerzen sind namentlich an den unteren Extre¬
mitäten heftig, jedoch hatten wir auch Kranke, bei welchen
die Arme stärker betroffen waren. Bisweilen hatten sie den
Charakter von Ischialgien, häufiger lokalisierten die Patienten
die Schmerzen in die Muskulatur, besonders in die der Wade.
In einigen unserer Beobachtungen waren hauptsächlich die
Gelenkgegenden der Sitz schmerzhafter Sensationen. In
keinem unserer Fälle waren Schmerzen im Gesicht oder auf
dem Kopfe vorhanden.
, Die Parästhesien fehlten fast in keinem Falle. Zumeist
waren sie an den distalen Extremitätenabschnitten lebhaft.
Die Kranken klagten über ein Vertotungsgefühl der Finger
und Zehen, öfter über intensives Hitze- oder Kältegefühl an
diesen Körperregionen. Die Parästhesien stören nicht selten
den Schlaf, scheinen aber doch zumeist nachts schwächer zu
werden. Bewegung scheint sie ungünstig zu beeinflussen. I
Bettruhe und ein Watteverband an den Extremitäten pflegten
die Heftigkeit der sensiblen Reizerscheinungen zu vermin¬
dern, Kälteeinwirkung hingegen dieselbe noch zu steigern.
Die Nervenstämme an den oberen und unteren Extre¬
mitäten sind druckempfindlich; fast nie erreicht die Druck¬
schmerzhaftigkeit excessive Grade. Auch der Plexus brachia-
lis war öfter gegen Druck empfindlich, hingegen fehlten in
der Regel paravertebrale Druckpunkte, auch war keine Rigi¬
dität der Wirbelsäule vorhanden. Die Extremitätenmuskula¬
tur ist in der Regel gegen Kneifen empfindlich, besonders gilt
dies von der Waden- und Oberschenkelmuskulatur. Eine
besondere Empfindlichkeit der Rumpfmuskulatur habe ich nie
gesehen.
Sensible Ausfallerscheinungen sind häufig. Sie sind oft
vollkommen symmetrisch an beiden oberen und beiden unteren
Extremitäten entwickelt, sind aber mitunter auch mehr oder
minder asymmetrisch. Mehrmals waren nur an den unteren
Extremitäten Anästhesien ausgebildet. Die Sensibilitätsaus¬
fälle sind an den gipfelnden Abschnitten am hochgradigsten
und nehmen gegen den Rumpf zu allmählich ab, verhalten
sich also in dieser Hinsicht so wie Polyneuritiden anderer
Aetiologie. Die Empfindungsstörung betrifft alle Qualitäten
ziemlich gleichmäßig. In keinem einzigen unserer Fälle war
sie sehr ausgedehnt, sondern klang in der Regel schon am
Unterschenkel respektive am Vorderarm ab. Die bei¬
gedruckten Abbildungen zeigen die Ausdehnung der An¬
ästhesie in einem Falle, welcher sich jetzt an meiner Abtei¬
lung befindet. (Die schraffierten Stellen entsprechen der
Ausdehnung der Hypästhesie, dlÖ' dunklen der Anästhesie.)
Selten ist das Territorium der Empfindungsstörung umfäng¬
licher als in dieser Beobachtung.
1 Analgesie.
Hypalgesie.
Im auffallenden Gegensätze zu den deutlichen sensiblen
Störungen standen in meinen Fällen die relativ geringfügigen
auf motorischem Gebiete. Schwere Lähmungen sowohl
ganzer Extremitäten wie größerer Muskelgruppen wurden
nicht beobachtet. Die Paresen waren mäßigen Grads und
behinderten nur die Bewegungen, ohne sie ganz aufzuheben.
So konnten alle unsere Kranken herumgehen, w r enn dies auch
nur mühsam und mit Hilfe eines Stockes möglich war. Auch
die Bewegungen der oberen Extremitäten waren nur ein¬
geschränkt, nie aufgehoben. Ein Prävalieren der Paresen
in bestimmten Muskelgruppen, so in den vom N. radialis oder
peroneus versorgten, konnte nicht festgestellt werden. Die
Amyotrophien hielten sich in mäßigen Grenzen. In unsem
Fällen war nie hochgradiger Muskelschwund ausgebildet, je¬
doch war öfter die ganze Untersehenkelmuskulatur, beson¬
ders an der Vorderseite des Unterschenkels, etw r as dürftig.
Fibrilläre Zuckungen waren nur bisweilen vorhanden, nie sehr
reichlich, Spontanbewegungen der Extremitäten bisher nicht
gesehen worden. Die elektrische Untersuchung ergab in einer
Reihe von Fällen — es wurden nicht alle Kranken geprüft
normales Verhalten. Entartungsreaktion haben wir bisher
bei dysenterischer Polyneuritis nicht beobachtet. Die Sehne'!'
reflexe, namentlich die Patellarr^iftexe, fehlten in einem h !
der Fälle, aber auch dann nur höchstens einige Wochen. n
etwa der Hälfte der Fälle waren aber die Sehnenreflexe >0
wohl an den oberen als auch an den unteren Extremitäten
während der ganzen Beobachtungsdauer erhalten gebhe en.
Trophische Störungen waren nur einige Male
worden und erwiesen sich als ziemlich geringfügig. wb*
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4. April.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14.
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sahen wir Glarizhaut an den Fingern, einmal wurde Abstoßung
der Nägel an den Zehen wahrgenommen.
Der Verlauf der Erkrankung war ein ziemlich gut¬
artiger. In wenigen Wochen pflegten die sensiblen Reiz- und
Ausfallserscheinungen abzuklingen, die motorische Schwäche
zu verschwinden, sodaß klinisch Heilung anzunehmen war.
Die Therapie beschränkte sich auf leichte Schwitz-
und Salicylkuren. Die Kranken machten eine strenge Ruhe¬
kur durch, bekamen häufig lauwarme Bäder und, wie früher
erwähnt, einen Watteverband um die schmerzenden Glied¬
maßen. Gegen die Schmerzen erwies sich bisweilen auch eine
Mischung von Pyramidon-Phenacetin und Coffein natr. sal.
als vorteilhaft. , f .
Die weitere Beobachtung muß lehren, ob es neben
diesen, wie früher erwähnt recht häufigen, leichten Formen
der Ruhr-Polyneuritis noch schwerere, prognostisch infaustere
gibt. Auch wird man darauf achten müssen, ob die dys¬
enterische Polyneuritis sich bei körperlich überanstrengten
Kriegsteilnehmern anders verhält als die im Frieden er¬
worbene.
Literatur: H. Lüdke. Die Baelllenruhr. (Jena 1911. G. Fischer.) —
R. Rüge. Baeillenruhr. (Menses Handbuch der Tropenkrankheiten. 2. Bd.
Leipzig 1905.) — L. Vaillard, Dysenterie. (Nouveau Traitö de Mödecine. v.
Brouardel-Gilbert. Paris 1906.) — K. Shiga, Bacillary Dvsentery. (A System
of Medieine by Osler and Mc Crae. Volume 11. London 1907.) — Oppen¬
heim. Uhrbuch der Nervenkrankheiten. (6. Aufl. Berlin 1913.) — I. K. A.
Wertheim Salomonson. Neuritis und Polyneuritis. (Handbuch der Neu¬
rologie. 2. Bd. von Lewandowsky. Berlin 1911.) — J. Babinski, Les Poiy-
nevrites. (Traitf de Mldecine. T. VI. Chareot-Bouchard.) — Brayton
Ball, Symptome und Komplikationen der Dysenterie. (Therapeutic Gazette
1S92. Juli-August) — Gärtner, Generalsanitätsbericht über die Kaiserliche
Schutztruppe. (Arb. Kais. Ges. Bd. 13.)
lieber Sepsis 1 )
von
Stabsarzt a. D. Dr. Fuhrmann.
In den kriegsärztlich-wissensehaftliehen Abenden und auch
in der diesbezüglichen Literatur hat bis jetzt das Feld wohl die
Tetanusfrage behauptet. Aus der Fülle der Vorschläge, die sich
zwischen völlig negativem therapeutischen Verhalten und mehr
minder eingreifenden chirurgischen Maßnahmen (Tracheotomie,
doppelseitige Phrenicotomie) bewegten, hat sich im Laufe des Aus¬
tausches der Erfahrungen eine ziemlich bestimmte Therapie heraus-
gesehält.
Sie gipfelt in einer kausal-specifisehen Behandlung mit
großen Dosen Antitoxin, das dem Körper auf den verschiedensten
Wegen, subcutan, intraarteriell, intravenös, intradural zugeführt
wird und in einer nebenhergehenden symptomatisch allgemeinen
Behandlung, bei welcher wiederum die 40 °/ 0 ige Bittersalzlösung-
injektion Melzer-Auer die Hauptsache ist. Immerhin ist er¬
reicht, daß die furchtbare Mortalität von 96,7 °/ 0 gefallen ist, in
den Erlanger Reservelazaretten z. B. auf etwa 35 °/ 0 .
Ich selbst, hatte in Landau im August und September eine
Mortalität von 84,8 °/o.
Die italienische Mortalitätsziffer von 20 °/o lasse ich als nicht
beweisend außer acht.
Wenn also die Erörterungen über Tetanus nach Kriegsver-
jetzungen uns als Frucht einigermaßen bestimmte Richtlinien ge¬
bracht und dadurch dieser Krankheit den unheimlichen Charakter
teilweise genommen haben, so tritt dafür eine andere Infektions-
£r'ippe in den Vordergrund, ein Symptomenkomplex, der kaum
minder unheimlich ist, dessen erschreckend hoher Mortalität wir
J! 1 ! derselben Ohnmacht gegenüberstehen wie dem Tetanus beim
änegsausbruch, ich meine die Sepsis.
Ich habe in der mir im Felde zugänglichen Literatur oder durch
kh II n< . n ^’ n Kollegen eine Mortalitätszahl nicht erfahren
. nat ‘h allem ist sie wohl nicht geringer als diejenige des
11 P r K^ nne Krieges, das ist zwischen 90 und 100 %.
rr. Le[) erhaupt sind ja die septischen Erkrankungen nach
Rnr e ? Ver etzun ^ en noc ^ pfcht Gegenstand eingehender Be-
liU° t n,g: ^ ewesen ’ un d auw in der jüngst enstandenen feldärzt-
lte [ atur sicher Beitrag. Angesichts dieser Tat-
AsenV'- v raan beinahe das Wort wagen, daß man über der
* e ^e die Sepsis fast vergessen habe. Angesichts eines
l__ en Franken ist man sich auf den ersten Blick über die
Jnnua r ° r i g i^ e ^‘ l ^ eD “ n Kriegsärztlichen Abend in Lille am
Situation im klaren. Auch ohne Einsicht in die großzackige Tem¬
peraturlinie, ohne Prüfung des frequenten, kleinen Pulses, ohne
Untersuchung der mehr weniger übelriechenden Wunde läßt uns
das Aussehen des Verletzten über sein Schicksal nicht im Zweifel.
Der charakteristische Gesichtsausdruck des Schwerkranken mit
seinen tiefliegenden Augen, die ledertrockne Zunge, von der nur
die Spitze und die Ränder rote Schleimhaut zeigen, und vor allem
die gelbliche Gesichtsfarbe, die einen Stich ins Grün¬
liche hat, sagen uns genug. Diese bezeichnende Farbe des Ge¬
sichts und auch der übrigen Körperhaut, ein Signum pessimi
ominis, hängt offenbar mit der schweren Veränderung, die das Blut
erfahren hat, zusammen. Diese Blutfarbenänderung zeigt sich auch
dort evident, wo wir die Blutflüssigkeit selbst sehen können, ich
meine an der Wunde. Sie sieht dort anders aus, als wir gewohnt
sind, sie an Blutgesunden zu beobachten; sie ähnelt weder dem
hellen arteriellen noch dem dunkeln venösen, sondern hat eine
Mittelfarbe angenommen, einen bräunlichen Ton, und ihre Kon¬
sistenz ist wäßriger geworden.
Offenbar hängt mit dieser Blutveränderung auch die Beob¬
achtung zusammen, daß das Blut Septischer seine Gerinnungs¬
fähigkeit beinahe oder ganz eingebüßt hat, was man aus den
üblichen Nachblutungen aus Wunden Septischer wohl schließen
darf. Ob nicht auch die beschleunigte Atmung mit dieser Blut¬
änderung zu tun hat, ist keineswegs ausgemacht. Wenn es der
Fall wäre, so hätte man damit einen Hinweis auf das Wesen der
Veränderung, nämlich eine Verringerung des Hämoglobingehalts,
des O-Trägers im Blut, also eine Zerstörung der roten Blutzellen,
womit auch die blässere Blutfarbe erklärt wäre. An dieser Stelle
sei auch erwähnt, daß zu diesem typischen pathologischen Blut-
befund auch die Hyperleukocy tose gehört, genau wie etwa
bei der eitrigen Appendicitis.
Beim pathologisch-anatomischen Befund ist charakteristisch
für die Sepsis eigentlich nur die Milz, der „Milztumor“. Der
septische Milztumor ist weich und zeigt eine ganz leicht abstreif¬
bare Pulpa, ähnelt dem typhösen Milztumor, dem wir jetzt öfter
auf dem Sektionstische begegnen und der allerdings weniger weich
ist, mit weniger zerfließender Pulpa. Ob diese für die Sepsis
charakteristische Milz die Folge der Blutveränderung ist oder
etwa ihre Ursache oder ob beide das Resultat des septischen Pro¬
zesses, das heißt der Arbeit der Bakterien, sind, erscheint nicht
ausgemacht.
Neben der Milz interessiert uns, bei dem auffallenden, immer
vorhandenen Blutbefunde, noch Knochenmark und Kreislauf¬
organe. Der Knochenmarkbefund enttäuscht, wenn
man so sagen darf. Er zeigt die erwartete Entzündung oder die
Abscesse nicht, selbst dann nicht, wenn die Quelle der Sepsis
eine Gelenkeiterung ist, ja auch dann nicht, wenn eine Knochen¬
wunde selbst der Ausgangspunkt ist. In diesem Falle sehen wir
höchstens in unmittelbarer Nähe des septischen Ursprungsherds
eine streckenweise Osteomyelitis.
Das Gefäßsystem weist schon positiveren Befund auf, wenn
auch nichts, was für die Sepsis specifisch wäre. Das Herz ist
schlaff, mit den Zeichen ulceröser Klappenentzündung der linken
Hälfte, die rechte ist frei. An den kleinen Gefäßen finden sich die
bekannten embolischen Abscesse, aus welchen die Krankheits¬
erreger, also meist Streptokokken-, seltener Staphylokokkenarten,
in Reinkulturen zu züchten sind.
Bei zwei in R. Verstorbenen, bei welchen es sich überein¬
stimmend um eine Sepsis aus einer infizierten Knoehenwunde der
unteren Extremität handelte, habe ich das betreffende Hüftgelenk in
dem einen Falle vereitert, in dem andern leer gefunden. Und gerade
der Verletzte mit freiem Hüftgelenk war einer Kniegelenkseiterung —
trotz Arthrotomie und breiter Spaltung der weit hinauf eitrig einge¬
schmolzenen Oberschenkelweichteile — erlegen. Also auch nichts
Charakteristisches. Ja, noch mehr; es kommt vor, daß das nächste,
ja alle proximalen Gelenke frei bleiben, während ein distales Gelenk
(vom Eiterherd aus gerechnet) vereitert.
Prof. Herxheimer kennt einen Fall, bei welcher eine Sepsis
vorlaff, ausgehend von einer Verletzung des oberen Drittels des Ober¬
schenkelknochens ganz nahe am Gelenk. Aber das Hüftgelenk war
frei, das Kniegelenk derselben Seite aber vereitert.
Woran sterben nun die Septiker? Gibt uns der pathologische
Anatom darauf die Antwort oder etwa der Bakteriologe? Geben
sie uns einen Anhaltspunkt für unser therapeutisches Handeln?
Mit andern Worten, treiben wir mit dem, was wir jetzt bei einer
Sepsis zu tun pflegen, treiben wir mit ihm rein symptoma¬
tische Therapie oder handeln wir kausal? Wir pflegen
infizierte Wunden breit zu erweitern, zu drainagieren und die” so
behandelte Wunde — an der eventuell immobilisierten Extremität
— trocken oder auch feucht zu verbinden. Daneben pflegen wir
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Analcptica zu verabreichen, um, wie wir sagen, die Re-orvekräfte
des Herzens heranzuziehen. Damit handeln wir — das ist keine
Frage — rein symptomatisch. Wir hätten auch keinen Grund,
an dieser Therapie Kritik zu üben, wenn sie genügte; aber sie ge¬
nügt n i e h t; denn alle unsere Septiker verfallen demselben |
Schicksal. * Wie bei jeder Besprechung einer Therapie die Pro¬
phylaxe berücksichtigt wird, soll diese auch hier, wenn auch nur
ganz kurz, gestreift werden.
So zweifellos richtig der Satz ist. daß der erste Verband und
der Transport das Schicksal eines Kriegsverletzten entscheidet,
so gilt er offenbar nur für Verletzungen, die nicht infiziert ihren
ersten Verband erhalten, l'nser erster Verband im Krieg ist ein
aseptischer und vermeidet hei reiner Wunde eine Infektion, hei
infizierter Wunde ändert er nichts. Die eingedrungenen Keime
machen unter ihm ungestört ihre Arbeit und ihren Weg. Wir
k ö nnen daran nichts ändern, denn erstens kann man einer frisch-
gesetzten Wunde nicht ansehen, ob sic rein ist oder nicht, und
zweitens können wir bei den Verhältnis en im Kriege keine andere
Behandlung vornehmen, als eben rasch einen Verband anlegen.
Prophylaktische Maßnahmen lassen hier also im Stich,
und wir haben mit infizierten Wunden und ihrer Folge, der Sepsis,
zu rechnen.
Damit hin ich auf die Frage zuriickgckominen. ob wir nicht
anstatt oder neben unserer symptomatischen Therapie eine
kausale anstreben sollten. Die einzige charakteristische Verände¬
rung findet sich im Blut in Blutbereitungs- und Blutbefönlerungs-
organen: Hyperleukocytose und Abseesse, aus welcher die Sepsis¬
keime darstellbar sind. Beide Befunde, ßakterionabscesse und
Hyperleukocytose, stehen natürlich im Kausalzusammenhänge,
die letztere ist die Folge der erstcren; sie ist als eine Reaktion,
eine Abwehrmaßregel des Organismus aufzufassen, die wir auch
hei andern Sopscn. bei der eitrigen Appendicitis und der Endo¬
metritis puerporalis, beobachten. Können wir den Körper dabei
nicht unterstützen, die etwa ungenügende Hyperleukocytose ver¬
mehren oder die fehlende hervorrufen, anregen?
Tatsächlich haben wir ein solches Mittel, das auch bei
septischen Erkrankungen verschiedener Herkunft häufig ver¬
wendet, von vielen Aerzten gepriesen, von andern allerdings ab¬
gelehnt wird. Daß das Mittel., ich meine das Argentum eolioidale
Crede, das Kollargol, eine Hyperleukocytose macht, ist einwand¬
frei nachgewiesen. Daß es hei Sepsis — intravenös gegeben -
imstande ist, unter Schweißausbruch die hohe Temperatur kritisch
abfallen zu lassen, ist hundertmal beobachtet. Allerdings steift
das Fieber — meist allmählich wieder an, aber eine neue In¬
jektion hat einen neuen Abfall zur Folge. Und so kann man mit
einem halben Dutzend oder wenig mehr Injektionen (die einzelne
Ampulle enthält 10 cem einer 2 " ( ,igen Emulsion) doch viele
Septiker über die ersten stürmischen Tage oder Wochen seiner
Infektion hinwegbringen. Störend macht sieh, wenn viele Injek¬
tionen bei ein und demselben Patienten nötig sind, bemerkbar, daß
für eine neue Injektion kaum mehr eine geeignete Stelle an einer
Vene aufzufinden ist. Um so mehr, als es sieh ja meist um Pa¬
tienten in elendem Zustande mit dünnen, schlecht gefüllten (;<>-
füßclien handelt. Die alte Injcktion>stelle ist dann thmmhosiert,
die Vene kollabiert, und man muß sieh wohl oder übel um eine
andere umsehen; denn das Kollargol neben die Vene unter
die Haut gespritzt macht erhebliche Beschwerden. Diesem Uobel-
stand ist durch zwei neuere Präparate, das Elektrargol einer franzö¬
sischen und das Fulinargin einer deutschen Firma, begegnet. Man
kann sie beide siibeutan einverleihen. Ich will aber nicht ver¬
schweigen, daß auch sie — intravenös gegeben -- prompter zu
wirken scheinen.
Jedenfalls — und deswegen erlaube ich mir eine ausgedehnte
Anwendung dieser Kolloidpräparate der Erwägung anheimzugehen
— jedenfalls kann man damit nichts schaden, eine Gewißheit, die
wir bekanntlich hoi einem andern., ähnlich wirkenden Silbermedi¬
kament, dem Argatoxyl, nicht haben, weil nach seiner Injektion,
wie bei seinem Verwandten, dem Salvarsan. Erblindungen beob¬
achtet sind. Die sogenannte ..innere Desinfektion“ durch intra¬
venöse Injektion von 5 mg Sublimat tibergehe ich, weil ich mir
nicht denken kann, daß Sublimat in der 1000 fachen Verdünnung
der als bactericid erkannten 1 °/ 0l( -Lösung noch wirken kann.
Wenn man das Bestreben der Kausaltherapie auf den Aus¬
gangsherd, also auf die infizierte Wunde, überträgt, so erscheint,
wie beim Tetanus, wieder als das wirksamste die Desinfektion der
Wunde, das heißt die Vernichtung der eingedrungenen Schädlinge.
Daß wir unter den FeldvorhältnLsen nicht imstande sind _selbst
wenn es anatomisch möglich wäre —, die v< rletzte Stelle sofort
nach der Verw undung zu desinfizieren, die Keime sozusagen au!
der Tat zu ertappen und unschädlich zu machen, habe ich ohen
schon gesagt; später aber, bei ausgebrochener Sepsis, haben die
Streptokokken und Staphylokokken die Pforte bereits über¬
schritten und vermehren sieh bereits im Innern. Immerhin könnte
man sich vorstellen, daß die infizierte Wunde als Keimnest, von
dem aus immer neue Nachschübe an schädlichstem Material
(Bakterien, chemische Gifte, Thromben) erfolgen, sich als beson¬
ders übel erweist und deshalb besondere kausale Maßnahmen er¬
fordert.
Von diesem Gesichtspunkt aus könnte man die Entfernung
des Herdes erlangen, deren mildeste Form die von Voelker 1 '
(all» rdings für Tetanuswunden) empfohlene energische Actzung
mit konzentrierter Carbolsäure (Add. garbolieum liquefactum) nach ■
breiter Erweiterung der Wunde (lur^h Hilfsschnitte ist. „Die*., .
Vorgehen“, sagt Voelker, „hat sehr zu einer raschen Reini¬
gung der Wunde beigetragen und die Oarholätzung dringt bekannt¬
lich viel mehr in die Tief»* der Gewebe ein. weil sie keinen festen
Schorf erzeugt wie andere Aetzmittel und damit ihre eigne Wir¬
kung in die Tiefe nicht begrenzt.“ Die Reinigungs- und Tiefen¬
wirkung des Mittels wäre ja gerade das, was wir in unserm Falle
wünschen, und es ist nicht einzusehen, warum wir von ihm nh-lu
ausgiebigen Gebrauch machen sollen, auch schon in den Verband- ’
plätzen der vorderen Linien bei nur verdächtigem Wunden.
Auf ein anderes Mittel, das dasselbe Ziel anstrebt, darf ich
vielleicht die Aufmerksamkeit lenken, ich meine das von
Riehl-) (auch für Tetanuswunden) empfohlene Gemenge von
Chlorkalk-Bolus alba (Calcium hvpochlorosum 1 : Bolus alb;i 9).
Das Mittel ist ein Pulver, kann also bequem auf oberflächliche
Wunden aufgestreut und in die Tiefe eingeblasen werden und ent¬
wickelt langsam Chlorgas. Das Chlorgas aber zerstört Bakterien
der verschiedenstem Art rasch und ,,es erfolgt nach kurzer b\\
Abstoßung nekrotischer Gowebsteile, Desodorisierung und Onuui-
lationshildung hei Verringerung der Sekretion".
Auch der ausgiebigem Anwendung dieses beejuem trans¬
portablen. unter den ungünstigsten äußeren Umständen applikahkr
Mittels stände werhl nichts im Wege. Allerdings würde, wie idi
glaube, nicht eine unterschiedlose Anwendung dieser beiden Mittel
sich empfehlen, sondern das Chlorkalk-Boluspulver wäre mehr für
oberflächliche Wirkung, die konzentrierte Carholsäure mehr für
Tiefenwirkung, also älterer Wunden (im allgemeinen) geboten.
Gerade für Wundem älteren Datums, die widerlich riecht),
überreichliches Sekret haben und deren Sehleierbelag allen feuchten
Verbände n trotzt, während Fieber und Puls beunruhigender m
werden beginnen, habe ich eine jüngste Empfehlung bewährt
fundeii: eine 0,2 “ ige sterile Salzsäurelösung, eine Llii.-igkö
also, w ie sie chemisch der menschliche Magensaft (ohne Lerntet!'
darstelU. Feuchter Verband damit ändert schon nach 24. imA
deutlicher nach 48 Stunden Aussehen, Geruch und Sekretion dif
Wunde völlig. Der hartnäckige golblichgraue Schleier ist ver¬
schwunden und hat einer gesunden, roten Granulationsfarbe Platz
gemacht.
ln einem Falle war eine Amputation w r cit im Gesunden ver¬
nommen. und der Stumpf hatte trotzdem ein ominöses Aussehen nach,
einigen Jagen angenommen. Puls. Temperatur und Verholten
Operierten legten einem das Wort ..Sepsis“ sozusagen föuiuiel» aoi
die Zunge, da nahm der Verlauf durch zwei Verbände mit 0.2",'oigvr
HCl-Eosung und nachfolgender Lufthehandlung der Stumpfwor.de da*
unerwartet günstige Wendung.
Eine Phlegmone am Unterarme nach Weicbteilsehuß mit alh-u
Zeichen der < kispblegmoiie — auch das Rasiermesser!ünen fehlte M ! !
nahm nach Reinigung der mißfarhigoii schmierigen Munde im’
dem Mittel ebenfalls einen guten Verlauf.
enn man eine Erklärung für diese günstige Wirkung <k'
Chlorwasserstoffgascs sucht, so besteht sie wohl zunächst in der
bactericiden Wirkung der ( hlorkomponente, die wir ja auch vnin
Magensäfte kennen und die Riehl bei seiner Chlorkalk-lUhi--
misehung auch benutzt. Oh die reinigende Wirkung unddic AnnguiiL
gesunder Gewehshildung auf eine Zerstöru ng des Uelags inio
der oberflächlichen Wundsehieht wie heim Lhlorgase der Rj' 1 * 1 '
sehen Mischung oder hei der konzentrierten Carbolsäure^' 1 '
kers zurüekführbar ist oder aber ob die verdauendem^
der Salzsäure eine Rolle spielt, weiß ich nicht. Man müßte. '" !l
dahinter zu kommen, »las spärliche Wundsekret auf AbbauproÄ
des Eiweiß»*? (AUuunos»‘n, Albumine) untersueh»*n.
Bei einem Vortrag über Behandlung septischer Kriegs" r
. L ^ eelk »-r. Zur Behamllung des Tetanus. (M. m. F e '*d
l'.l] t, Ar.
K i «.■ h 1, Zur Tctanusbohainllung. (M. Kl. 1515, Nr. 2.)
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letzungen darf die radikalste Therapie, die Amputation, nicht un¬
erwähnt bleiben. Ich meine damit nicht die primäre Amputation,
die der sozusagen anatomischen Indikation genügt, sondern die
sekundäre, aus der Indicatio vitalis heraus, das Ultimum refugium
unserer konservativen Therapie. Es fragt sich, ob wir recht
daran tun, den Eingriff als Ultimum refugium aufzusparen. Es
fragt sieh, ob wir nicht besser täten, bei Extremitätenverletzungen,
die wir offenbar infiziert erhalten, statt unter allen Umständen mit
der (sekundären) Absetzung zu warten, bis ein Zweifel über die
drohende Katastrophe nicht mehr besteht, ob wir nicht besser
täten, aus unserm Zögern herauszutreten und frühzeitig zu ampu¬
tieren. Jetzt begegnet es so häufig, daß man im Glauben, weit im
Gesunden zu sein, beim Weichteilschnitt unangenehm überrascht
ist, auf das ominöse wachsgelhe, saftreiche Unterhautzellgewebe
zu treffen, das sich dann na'dh der Amputation nicht mehr erholt.
Nichts braucht diesen Zustand des inneren Gewebes zu verraten,
krine Rötung, kein Oedern, keine Empfindlichkeit der äußeren
Haut, Versucht man das kranke Gewebe zu vermeiden und legt
den Weichteilschnitt weiter oben, so steht man vor derselben Kala¬
mität. und mancher Operateur will eine tiefe Oberschenkelampu-
tation machen und sieht sich einer Exartikulation des Hüftgelenks
gegenüber. Bei der hohen Mortalität dieses großen Eingriffs aber
scheut er davor zurück, ohne den schlimmen Ausgang aufzuhalten.
Hätte er den Entschluß früher gefaßt, so wären die Bedingungen
günstiger gewesen.
Natürlich ist es ein schwerer Schritt, dem Verwundeten die
verstümmelnde Operation Voranschlägen, wenn noch nicht jede
Hoffnung, daß es vielleicht auch so noch geht, geschwunden ist;
um so schwerer für den Arzt, wenn ihm, wie hier, jedes eindeutige
Anzeichen für die unabwendbare Gefahr fehlt. Er ist rein auf
sein subjektives Gefühl, das heißt seine Erfahrung, angewiesen.
Und es sei Zweck dieser kurzen Ausführungen, die Kriegs-
chirurgen mit großer Erfahrung darum anzugehen, bei infizierten
Verletzungen uns die! Indikation zu geben, wann wir die ultra-
konservative Therapie verlassen dürfen, um einen rechtzeitigen,
das heißt frühzeitigeren Eingriff vorzunehmen.
Daß der Allgemeinbehandlung — mit und ohne chirurgischen
Eingriff — eine große Rolle zufällt, ist Regel geworden. Neben
peinlichster Mundpflege, auf die besonders aufmerksam gemacht
sei. sorgfältiger Reinhaltung der Haut durch tägliche Alkohol¬
waschungen oder 32 0 ige Vollbäder, eventuell bei abgenommenem
Wundverband, ist die Ernährung der erste Gesichtspunkt, 35 Ka¬
lorien pro Kilogramm und Tag ist nach Romberg 1 ) das Mindest¬
maß für Schwerkranke, 40 bis 50 Kalorien seien wünschenswert;
damit kommt man auf etwa 2500 Kalorien in 24 Stunden, eine
Menge, die auch von Strauß als genügend erachtet wird. Die
Form der zuzuführenden Nahrung kann natürlich nur flüssig oder
dünnbreiig sein. Am besten genügt immer noch die Milch allen
Ansprüchen. Pj 2 bis 2 1 neben vier bis fünf Eiern bringen die
genannte Kalorienmenge auf. Begegnet die Milch Widerwillen
oder macht sie Durchfall, dann treten Zusätze auf den Plan:
Natrium bicarbonicum, Kognak, Rum, Zucker, besonders Milch¬
zucker (50 g pro Tag), Zwieback, Mehl, Opium. Katzen-
stein sehe Tropfklystiere mit 0,9 °/ 0 iger Kochsalzlösung (2 bis
3 1 im Tag) oder wegen der bestehenden Eiweißtrübung im Urin
besser isotonische Traubenzuckerlösung (4 %\g) mit Colodal- oder
besser Abderhaldens Ereptonzusatz sind, wenn keine septi¬
schen Durchfälle bestehen, ein vorzügliches Mittel zur Erhaltung
der Kräfte und Vermeidung des quälenden Durstes.
Mit Herzreizmitteln würde ich zurückhaltend sein und auf
die Herzreizung verzichten zugunsten der Herzkräftigung (eben
durch Betonung der Nahrungszufuhr). Tritt trotzdem die Indi¬
kation zur Heranziehung der Herareserve auf (das heißt unregel¬
mäßiger, dabei kleiner Puls, dauernd 120 und darüber, Größer¬
werden der absoluten Dämpfung), so halte ich es mit der Appli-
zierung allmählich anschwellender Reize. Beginnend mit 1 g
Campheröl, achtstündlich intramuskulär, geht man bei Bedarf über
auf 1 dg Coff. natriobenzoic., achtstündlich subcutan, weiter auf
1 cg Digalen, achtstündlich subcutan oder intravenös, um schlie߬
lich als stärksten Reiz 1 mg Strophantin intravenös zu ver¬
abreichen (nicht vor 36 Stunden zu wiederholen).
Gegen die erschöpfende Schlaflosigkeit halte ich die auch
sonst indizierten Waschungen oder Vollbäder als das beste: sieht
man sich wider Willen zu einem medikamentösen Schlafmittel
veranlaßt, so vermeide ich das die Temperaturkurven störende
Pyramidon und gebe Veronal, allerdings zusammen mit einer
halben Tablette Digipuratum, weil doch eingestandenermaßen alle
Schlafmittel Lähmungserscheinungen im Gehirn erzeugen und eine
— durch Vagusparese bewirkte — Pulsbeschleunigung her-
vorrufen.
Die Bewahrung absoluter Ruhe im — womöglich Einzel-
Krankenzimmer eines Septikers ist ein Teil der Allgemeinbehand¬
lung, eine Forderung, der man nur im Kriegs-, Etappen- oder
Resevelazarett genügen kann. Eine weitere Forderung, die
keineswegs an letzter Stelle stehen sollte, ist die Durchführung
einer weiten Belegung bei Kranken mit Allgemeinsepsis und auch
schon mit lokaler Infektion. Gerade die Gewährung eines splen¬
diden Luftraums bei täglich zweimaliger Lufterneuerung im
Krankenzimmer, wobei die Erniedrigung der Temperatur des
Raums durchaus nicht zu fürchten, starke Bewegung der Luft aber
zu vermeiden sein wird, dürfte günstigste Wirkung äußern. Un-
sern Verwundeten allerdings die Wohltat eines Sonnenstrahls auf
der Bettdecke angedeihen zu lassen, bleibt unter diesem Himmels¬
striche zu dieser Jahreszeit ein pium desiderium.
Umfrage
Über die
sympathische Ophthalmie im Zusammenhänge mit den Kriegsverletzungen des Auges.
Wir wiederholen die Fragen: (Fortsetzung aus Nr. 13 .)
1. Welche Kriegsverletzungen des Auges halten Sie für geeignet, sympathische Ophthalmie hervorzurufen?
2. Bei welchen Zuständen halten Sie das gesunde Auge für gefährdet und die Entfernung des verletzten für angezeigt?
3 Wie lange Zeit nach der Verletzung glauben Sie ohne Risiko , wie auch immer der Zustand ist, mit der Enudeation
warten zu können?
i Worin erblicken Sie am nichtverletzten Auge die Zeichen einer drohenden sympathischen Ophthalmie?
5 Worin erblicken Sie die ersten Zeichen einer ausgebrochenen sympathischen Ophthalmie?
6 Halten Sie die Enucleation des verletzten Auges noch für angebracht, wenn bereits sympathische Ophthalmie besteht?
7. Wie behandeln Sie die sympathische Ophthalmie?
8 . Haben Sie Beobachtungen gemacht, welche für die Frage der Aetiologie der sympathischen Ophthalmie verwertet werden
können?
Wir geben im folgenden in gewohnter Weise die Antworten, nach dem zeitlichen Eingänge geordnet, wieder:
Prof. Dr. A. Elschnig, Uni vereitäts-Augenklinik, Prag:
v f besonders gefährdet erscheinen mir die unerwartet
Fr ! 'r! 1 - von Augenv<erletzungen mit kleinen und kleinsten
(•nrnkorpern, und zwar besonders dann, wenn sie, wie es vielfach
let 7 t° nimt p n * C * lt 80 * 0rfc * n angenärztliche Behandlung kommen. In
erem Falle bleiben die Fremdkörper oft unerkannt im Auge,
eintritf 6 ! 11 £? eic h e * ne schmerzhafte Entzündung der Uvea
es leicht zur sympathischen Ophthalmie kommen.
> Die Behandlung des Unterleibstyphus. (M. m. W.
2. Mit Rücksicht auf die Arbeitsüberhäufung und die an den
stabilen Augenstationen reduzierte Aerztezahl soll man alle ver¬
letzten erblindeten Augen in der Regel sofort entfernen; meist
sind die Verletzungen ja so schwer, daß nicht einmal an Ex¬
enteration zu denken ist. Im übrigen sind erfahrungsgemäß be¬
sonders die Fälle schleichender Iridocyclitis nach Verletzung be¬
sonders gefährlich für das Auftreten'sympathischer Ophthalmie,
und zwar um so mehr, je mehr krankhafte Allgememerscheinungen,
konstitutionelle Anomalien und dergleichen nachweisbar sind,
welche die Grundlage für das Auftreten der Sympathischen bHden.
3. Es kommt hier überhaupt nur die erstgenannte Kategorie
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4. April.
von Fällen in Betracht, da man bei allen schweren Verletzungen
mit Erblindung sofort enucleieren soll. Bei der erstgenannten
Kategorie ist unbedingt, auch wenn noch etwas Sehvermögen vor¬
handen ist, zu enucleieren, sofern eine, wenn auch leichte, Irido-
cyclitis eintritt und das Sehvermögen (Lichtempfindung und Pro¬
jektion) abnimmt. Sehr suspekt halte ich auch insbesondere Fälle,
in denen eine rasch zunehmende Verfärbung (Depigmentierung) der
Iris eintritt.
4. Solche Zeichen gibt es meines Erachtens nicht.
5. In manchen Fällen, wenn die sympathische Affektion in
der Uvea des hinteren Bulbusabschnitts beginnt, ist die erste
Erscheinung eine Hyperämie der Papille-Retina. Hier gehen auch
mitunter subjektive Sehstörungen dem Ausbruche der Er¬
krankung voraus. Ebenso kann in solchen Fällen die kleinfleckige
Chorioditis svmpathica zuerst sichtbar werden. In den häufigeren
Fällen des Beginns im vorderen Uvealteile sind neben Ciliar¬
injektion, Verfärbung der Iris und Verengerung der Pupille Prä-
cipitate an der C'orneahinterfläche die erste Erscheinung.
6 . Jedenfalls. Ausgenommen den seltenen Fall, wenn das
verletzte Auge noch ein relativ gutes Sehvermögen hat (wenigstens
Kerze in 6 m bei normaler Lichtlokalisation).
7. Je nach den durch eventuelle Allgemeinanomalien ge¬
gebenen Grundsätzen; fehlen ausgesprochene Allgemeinerkran¬
kungen, so wird die gewöhnliche Therapie der lridocyelitis un¬
bekannter Aetiologie, hinter denen sich zweifellos eine große Zahl
von durch Autointoxikation bedingten Fällen verbirgt, angewendet.
8 . Im Kriege nicht. Im übrigen stelle ich nach wie vor auf
dem durch meine Untersuchungen über die Aetiologie der sym¬
pathischen Ophthalmie bekanntgewordenen Standpunkte, daß die
sympathische Ophthalmie durch specifische Sensibilisierung der
Uvea des zweiten Auges zufolge antigener Resorption von Uvea¬
gewebe (Pigment) im ersterkrankten verursacht wird, und daß das
auslösende Moment der „anaphylaktischen Ophthlamie a in patho¬
logischen Zuständen des Gesamtorganismus (Stoffwechselstörun¬
gen, Autointoxikation, insbesondere vom Gastrointestinaltrakt aus.
Konstitutionsanomalien, aber auch das gaVze Heer anderer besser
bekannter und studierter Erkrankungen) gegeben ist.
Prof. Dr. S. Klein (Bäringer), Allgem. Poliklinik, Wien:
1. Jene:
a) bei welchen Fremdkörper — die keine Eiterung erregen,
also niehtinfizierende — dauernd im Augeninnern
bleiben (Eisen-, Kupfer- und dergleichen Splitter).
Linsentrümmer sind Fremdkörpern gleich zu achten,
und das um so mehr, je älter das Individuum an
Lebensjahren ist;
b) welche mit ausgedehnter Spaltung oder Zertrümmerung
des Bulbus ohne übermäßige Entleerung von Augapfel¬
inhalt, aber mit Vorfall und Einklemmung der
Iris oder des Ciliarkörpers einhergehen;
c) welche mit Scleralruptur verbunden sind;
d) welche mit Linsenluxation verbunden sind;
e) welche trotz geringfügiger Continuitätstrennung sehr
bald von Iritis oder Iridoeylitis gefolgt sind;
folglich:
f) jede Form von perforierender Schnitt-,
Stich-, Schußverletzung, sowie von stumpfer, den Aug¬
apfel zum Bersten bringender Gewalt, insofern die Ver¬
letzung nicht sehr bald zu Panophthalmitis oder zu
eitriger Schmelzung der Hornhaut führt.
2. Beantwortet sich von selbst durch das in Punkt 1 Gesagte.
3. So wenig als möglich; bei derartiger Zerstörung des Au»es,
welche jedes zukünftige Sehvermögen ausschließt, soll sofort
enueleiert werden. Beiläufig eine Woche kann man in den meisten
— nicht in allen — Fällen w arten, länger als zwei Wochen ist
immer bedenklich. Je weniger Zeichen von Iritis (Cyclitis) am ver¬
letzten Auge sichtbar sind, um so länger kann die Wartezeit he-
messen werden. Das erste Zeichen von selbst leichtester Ciliar-
reizung am nichtverletzten Auge ist auch ein Zeichen von Ueber-
schrittensein des Wartetermins. In einem Falle (von mir nritgetcjfg
„Wiener medizinische Presse" 1874 Oktober; „Ueber sympathische
Ophthalmie") schien die sympathische Erkrankung schon in den !
ersten Stunden nach der Verletzung sich anzukündigen.
4. In Asthenopie, die vorher nicht da war und die nicht !
durch die gewöhnlichen Ursachen der Asthenopie begründet ist. i
In Lichtscheu, selbst minimalster Intensität.
In Ciliarinjektion.
In abnormen, das heißt subjektiven spontanen Lichterschei¬
nungen.
In zweifelloser Herabsetzung der zentralen Sehschärfe.
In Einschränkung des Gesichtsfeldes. j
Alles beim Fehlen deutlicher Symptome von
Entzündung im vorderen Augapfelabsclmitto. !
Entschiedener Druckschmerz ist sehon mehr als ;
Drohung, ist schon die Erkrankung selbst. j
Leichte Spontanschmerzen sind unzuverlässig.
5. In stärkerer Ciliarinjektion, also Rötung mit oder ohne
Schmerzen, sowie charakteristischem Druckschmerz auch ohm*
Rötung.
6 . Ja. Das habe ich durch Demonstration eines ein¬
schlägigen Falles in der Wiener ophthalmologischen Gesellschaft
1904 (oder 1905?) erhärtet.
7. a) Enucleation des verletzten Auges.
b) Durch alle gebräuchlichen lokalen und allgemeinen
Methoden, die für Iritis (Cyclitis) gangbar sind. ri
gibt keine für sympathische Ophthalmie spezielle
Therapie, wenigstens ist mir keine bekannt.
8 . Leider sehr wenig. Alle meine zahlreichen klinischen Be¬
obachtungen lassen die Antwort auf diese Frage noch immer in
j tiefstem Dunkel. Außer etwa konstantem, durch sonstiges nicht
motiviertem Kopfschmerz 1 ), der in der dritten Woche hei-
läufig einzusetzen pflegt, der aber mehr für die Pathogenese mul
für den Verbreitungsweg verwertet werden kann, als für die
Aetiologie, und der ein viel sichereres Zeichen der
d rohe n d e n sympathischen Ophthalmie ist, als alle Svmptoim-
am gesunden Bulbus.
Prof. Dr. R. Kümmel, Universitäts-Augenklinik, Erringen:
1. Sämtliche, die mit Zertrümmerung von Teilen der Uvea
einhergehen.
2. Bei schleichenden Entzündungen der Uvea de? verletzten
Auges.
3. Risiko besteht immer.
4. Ist vor Ausbruch nicht festzustellen. Die vielfrch als Vor¬
zeichen angegebenen Symptome sind bereits Zeichen der aus-
brechenden sympathischen Ophthalmie.
. ,r J' * n ( l° n Erichen der Irido-cyclo-chorioiditis oder eine-
. , derselben. Ebenso Neuritis optica in Verbindung damit fudd
isoliert).
6 . Nur im Einzelfalle zu entscheiden. Nie, wann das ver¬
letzte Auge noch einen Rest irgendwelchen Sehvermögens hat.
7. Mit Schwermetallen (Quecksilber, Silber) und lokal, W
andere Lveitiden. (Vorübergehend Benzosalin.) Schwitzkur.
--- (Schloß folgt.)
Abhandlungen.
Ueber die Basedowsche Krankheit
von
Prosektor Dr. C. Hart, Berlin - Schöneberg.
Ueber das rätselhafte Leiden, auf dessen charakteri¬
stischen Symptomenkomplex zuerst der Merseburger Arzt
Basedow unsere Aufmerksamkeit gelenkt hat, herrschten
früher die verschiedensten Anschauungen, bis schließlich
mehr und mehr die vonMoebius verfochtene und glanzend
begründete die Oberhand gewann. Nach ihr ist die Base¬
dowsche Krankheit der Ausdruck einer Funktions¬
störung der Schilddrüse und die wissensclu ftliche For¬
schung^ hat es sich angelegen sein lassen, diese inutinaß-
liehe Funktionsstörung näher zu ergründen. In diesem 1k*
streben aber stieß sie zunächst auf schier unii »erwindlichc
Schwierigkeiten. Gehört doch die Schilddrüse zu jenem
jor noch gar nicht langer Zeit sehr vernachlässigten und
teilweise überhaupt noch unerforschten System \ on Organen.
(10 xvir kurz als endokrine bezeichnen und deren.
uml^lOiT K L* in, Grundriß der Augenheilkumri, Wien 1^'
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4. April.
1915 __ MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14.
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wie wir jetzt wissen, außerordentlich wichtige Funktion in
,l,. r Alnrabe specifischor Produkte direkt an das Blut (daher
'utd'Tsektvtorische) und weitgehenden regulatorischen Ein-
Clibscn auf den gesamten Stoffwechsel des Organismus be¬
ruht. Ist uns nun auch von diesen Organen die Schilddrüse
(H j{ das best bekanntes* so dürfen wir doch keineswegs ver-
kcuiKMi. daß wir auch heute noch keinen vollen Einblick in
iuiv Funktion und Bedeutung für den Organismus gewonnen
hüben, was sich naturgemäß auch in der speziellen Ergrün-
,tim- des Wesens der Basedowschen Krankheit geltend
nnihiM) muß. Immerhin scheint, heute als ein wesentliche»
Ergebnis langen Forschens sich die Tatsache darzustellen,
dni; hei der Basedowschen Krankheit nicht eine Hyper-
futskiion. wie man eine Zeitlang annahm, sondern eine Dys¬
funktion der Schilddrüse in Frage kommt, was neuerdings
auch Kraus an aus dem Prager pathologischen Institut
stammenden histologischen Untersuchungen wahrscheinlich
gemacht hat.
Die Moebiusschc Lehre von der thyreogenen Natur
der Basedowschen Krankheit setzt sich im (1 runde gar
nicht in einen allzu großen Gegensatz zu der Anschauung
jener, denen das Leiden als eine Nervenkrankheit galt und
teilweise noch heute gilt. Denn wir kennen jetzt den innigen
Zusammenhang, der zwischen dem Nervensystem und den
eirdiikrinen Organen im einzelnen wie in ihrer Gesamtheit
besteht, und insbesondere hat in letzter Zeit Münzer nach¬
drücklich betont, es lasse sich das Wesen der zwischen dem
endokrinen und dem Nervensystem bestehenden Wechsel¬
beziehungen so erklären, daß die Sekrete der Blutdrüsen
dazu dienen, den Tonus der beeinflußten Nerveiigehiete zu
regulieren. Da eine gegenseitige Beeinflussung statt findet
und für ein dauerndes physiologisches Gleichgewicht zu
sauren strebt, kann man sich also bald vorstellen, daß ner¬
vosa peripherische und centrale Einflüsse die Schilddriisen-
fmiktion stören, bald meinen; daß umgekehrt eine primäre
Krkrankung der Schilddrüse insbesondere Sympathien« und
Vagus alteriore. So ließe sich eine Brücke zwischen An-
»hauungen schlagen, die sich früher schroff gegenüber-
standen.
Aber zu der Zeit, als Moebius mit seinen Ausfüh-
nmmm hervortrat, fehlten diese Kenntnisse, die seiner Lehre
fiK/Jiidi sein konnten. Was ihr dennoch schnell den Weg
g*-balmt hat, war vor allem der Umstand, daß sie die Uausa
uiorbi in das einzige, sichtbar und jedem leicht erkenntlich
■anatomisch veränderte Organ, die Schilddrüse, verlegte und
ni'hr mul mehr sich auf die Ergebnisse der chirurgischen
Therapie stützen konnte.
In dem Maße, als man sich zu der heute so glänzend
aussrehauten und segensreichen operativen Inangriffnahme
der Basedowstruma entschloß, stieg seither die Erfahrung
zur (iewißheit, daß der strumosen Erkrankung dieses Or-
-ans eine wesentliche ätiologische Bedeutung für den Morbus
Basedowii zukomme, wenngleich auch gewisse Mißerfolge
immer wieder auf Lücken unserer Erkenntnis hinwiesen.
Doch dem praktischen Arzt und im wesentlichen auch
dem Chirurgen schien mit der Moebius sehen Lehre Ge-
mim* getan. In der Fülle der klinischen Erscheinungen wies
S!t auf eine lokale Veränderung hin, die direkt zugänglich
JJ? r un d eine ätiologische Therapie gestattete, sofern sie die
U i'rzei alles Uebels war. Wieweit Erfüllung dieses idealen
dunsches cingetreten ist, dürfte jedem Arzte wohlbekannt
' j n Zieles muß ihn dennoch nachdenklich stimmen. Je
l(11 . !I ' die Erfahrung wird, um so deutlicher treten Ver-
^'hiedenheiten der einzelnen Fälle hervor, die bald in aus-
kc^proenener Weise den vollkommenen typischen Svniptomen-
omiplex, bald nur einzelne Symptome in so leiser Andeu-
ang zeigen, daß sie nur bei geübtem Blick und sorgfältigster
■"'naditung erkennbar werden, die unabhängig von der
v Neigung des Krankheitsbildes bald schwer, bald leicht
^laufen, Remissionen zeigen oder gar ausheilen, während
bei andern alle ärztliche Kunst sich vergeblich erweist, die
endlich bald anscheinend spontan und langsam entstehen,
bald stürmisch sich im Anschluß an schwere wie leichte, an
körperliche wie psychische Traumen entwickeln. Wenn die
in anatomischen Veränderungen sich kundgehende Erkran¬
kung der Schilddrüse zur Ausprägung dieser Krank heit s-
bilder führt, worauf beruht denn dann die erstere? Tn dieser
Frage nach der unserer Erkenntnis letzten Ursache, der
Basedowschen Krankheit begegnen sich Praktiker und
Forscher, wie denn auch Moebius selbst schon es als die
allerwichtigste Aufgabe bezeichnet hat, die Ursache der
Schilddrüseiierkrankung festzustellen. Nicht immer hat man
sich vor Augen gehalten, daß hinter dieser ein uns dunkles
Prinnim movens steht. Und dazu kommt noch etwas. So
schön die Erfolge der chirurgischen Therapie waren und so
sehr sie sich mit dem Ausbau der Technik steigerten, so
unbehaglich muß jedem Praktiker zu Mute sein beim Ge¬
denken an die plötzlichen Todesfälle während und bald nach
der Operation, die lange Zeit ebenso unerklärlich wie allen
Chirurgen ein Schrecken waren. Denn sie erkannten wohl,
daß hier nicht mit den Worten Narkosetod“ und „Opcra-
tionsshock„“, die ja heute überhaupt ihren Wert verloren
haben, auszukommen war, sondern, daß ein Rätsel seiner
Lösung in exakter wissenschaftlicher Forschung harre. Und
in der Tat leiten sich aus dem Bemühen, diese* unglück¬
lichen und gefürchteten Zufälle zu erklären, wesentlich die
Fortschritte unserer Kenntnis vom Wesen der Basedow¬
schen Krankheit her. Dazu kam noch die Gunst der Zeit,
in der nicht allein das Interesse für die Gruppe der inner¬
sekretorischen Organe und namentlich auch für die so stief¬
mütterlich behandelte Thymus erwacht war, sondern man
auch begonnen hatte, die Bedeutung der Konstitution zu
würdigen, die nach unsern jetzt fest begründeten Vor¬
stellungen als sogenannte „innere Krankheitsursache.“ ein
wichtiger Faktor bei allen Erkrankungen des menschlichen
Organismus ist.
Schon wiederholt war mail auf abnorme Thymusbefunde
hei der Sektion Basedowleidender aufmerksam geworden und
kein geringerer als der weitblickende Moebius selbst
schreibt in seiner Monographie über die Basedowsche
Krankheit: „Sollte die Größe der Thymus bei Basedow-
kranken mehr sein als ein zufälliger Befund, so würde damit
dargetan, daß angeborene Bedingungen vorhanden sind,
wenn auch die Basedowsche Krankheit erst relativ spät
im Leben zu beginnen scheint,“ Dieser fast prophetische,
erst von mir später ausgegrabene Satz blieb zunächst unbe¬
kannt, aber Schlag auf Schlag folgten sich plötzlich be¬
merkenswerte Abhandlungen, aus denen hervorging, daß
eine abnorm große Thymus wirklich kein Zuiällsbefund hei
Basedowscher Krankheit ist, sondern im Gegenteil in
solcher Häufigkeit vorkommt und in so enger Beziehung zu
der Schwere und dem Ausgange des Leidens steht, daß der
Zusammenhang zwischen Thymusanomalie und Morbus Base-
dowii sich geradezu aufdrängt. Insbesondere erbrachte die
Arbeit Capelles den statistischen Beweis, daß eine abnorm
große Thymus um so häufiger bei diesem Leiden gefunden
wird, je schwerer die klinischen Symptome sind, und daß
sie vor allem fast nie in solchen Fällen fehlt, in denen es
sich um den Tod an der Magnitudo morbi oder nach einer
Strumaoperation handelt. Ein Zweifel konnte kaum noch be¬
stehen, daß die Thymus einen sehr deletären Einfluß auf den
Verlauf der Krankheit ausübt, wobei ihm namentlich die Wider¬
standslosigkeit des Herzens zur Last fällt. Zwar hat es
nicht an Versuchen gefehlt, die abnorme Thymusgröße als
eine harmlose sekundäre Erscheinung darzustellen und eine
Parallele zu der häufig bei Basedowkranken nachweisbaren
lokalen, ausgebreiteteren und selbst allgemeinen Lympli-
drüsenschwellung zu ziehen, aber offenbar verkannte'diese
Vorstellung den epithelialen- Charakter, die drüsige, mit
specifischer Funktion ausgestattete Grundnatur des Organs
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und fand daher fast allgemeine Ablehnung. Auch der an¬
fängliche Versuch Reh ns, den postoperativen Basedow! od
rein mechanisch zu erklären, derart, daß infolge der Struma¬
resektion eine kollaterale Fluxion die Thymus vergrößere
und sie befähige, durch Druck auf die Trachea einen Er- ;
stickungstod herbeizuführen, erwies sich nur zu schnell als
verfehlt. Es blieb kaum eine andere Möglichkeit, als eine
Giftwirkung der Thymus anzunehmen, über die freilich die
Meinungen auseinander gingen und eine Klärung nicht
brachten. Es lag das daran, daß die Natur der Thymus
noch umstritten war, man so gut wie nichts Sicheres über
ihre Funktion wußte und daher auch alle ätiologischen Be¬
trachtungen außerstande waren, in die als revisionsbedürftig
anerkannte Frage des Thymustods Licht zu bringen.
Vor einiger Zeit habe ich auch in dieser Zeitschrift
diese Frage auf Grund meiner eigenen langjährigen Unter- I
Buchungen besprochen und dargelegt daß der sogenannte
Thymustod — abgesehen von verhältnismäßig seltenen Füllen,
in denen die mechanische Theorie zu Beeilt besteht — auf
eine Vergiftung des Organismus durch die übermäßig und
krankhaft funktionierende Thymus (Hyper- und Dvsthyini-
sation) zurückzuführen ist und daß auf dieser chronischen
Vergiftung ein körperlicher Zustand der mehr oder weniger
ausgesprochenen Minderwertigkeit beruht, den wir als Status
thymicolymphaticus beziehungsweise besser thymicus be¬
zeichnen.
Schon bald nach Beginn meiner Untersuchungen über
die Thymus fiel mir nun auf, daß eine große Aehnliclikeit
zwischen dem sogenannten Thymnstod und dem post opera¬
tiven Basedowtode bestehe, daß ferner die schworen Herz¬
symptome der Basedowkranken sieh aus der speeifischcn
Thymuswirkung erklären lassen, während zugleich der Be¬
fund der abnorm großen Thymus als das sichtbare Zeichen
einer pathologischen Konstitution gelten kann. Und als ich
über einen plötzlich verstorbenen jungen Mann, dessen Or¬
gane bis auf eine große Thymus sämtlich der Norm ent¬
sprachen. nachträglich in Erfahrung bringen konnte, daß er
an basedowartigen Beschwerden gelitten hatte, stellte ich
meine Lehre des Thymusbasedow auf. die jetzt so erfreuliche j
und weitgehende Anerkennung gefunden hat. '
Meine Meinung war die, daß die Thymus allein im- j
stände ist, durch abnorme Funktion diejenigen klinischen j
Symptome seitens des Herzens im Bilde der Basedowschen
Krankheit zu erzeugen, die man bisher ausschließlich der j
krankhaften SchiUldrüscnfnnktion zur Last gelegt batte, daß j
man also von einem „Thymusherz“ sprechen dürfe, wie man
vom „Kropfherz“ zu reden gewohnt war. Es stützt sich
diese Anschauung auf die pulsbesehleunigende und blutdruck-
erniedrigende Wirkung des Thymussafts. Für die Mehr¬
zahl der Basedowfälle nahm ich eine sekundäre. Erkrankung
der Schilddrüse an teils unter dem direkten Einflüsse der
Thymus, teils auf dem Boden einer durch die abnorme Größe 1
dieses Organs gekennzeichneten abnormen Konstitution. ;
Schon damals aber erkannte ich, daß die Thymustheorie der i
Basedowschen Krankheit nicht zu verallgemeinern sei und
schrieb entsprechend den Anschauungen von Moebius: I
„Bei dieser Frage darf man aber nicht vergessen, daß die
Basedowsche Krankheit keine einheitliche Erscheinung ist.
sondern ganz unzweifelhaft ein krankhafter Symptomen-
komplcx, welcher den verschiedensten Ursachen entspringen
kann.“ Diesem Satze wird man immer Rechnung tragen
müssen.
Indem ich nun zunächst zu zeigen suche, welche hohe
ätiologische Bedeutung dem konstitutionellen Moment in der
Pathogenese der Basedowschen Krankheit, zukommt, will
ich einleitend die Worte des bedeutenden Wiener Klinikers
Chvostek anführen, der in neuester Zeit diesem Problem
eine eingehende Studie gewidmet hat.
Krnnken mit Morbus Basedowii“, so schreibt er, „findet siel»
in der Ascendenz eine Reihe von Momenten, durch welche die Möglich¬
keit gegeben ist, daß abnormes Reimplasina zum Aufbau zur Verwendung
gelaugte. Als solche sind in erster Linie Erkrankungen anzuführen, die
mit Anomalien in der Konstitution im Zusammenhänge stehen: Gicht.
Diabetes, Fettleibigkeit, Asthma, Chlorose und degenerative Erkrankungen
des Nervensystems. Diese Momente lassen sich so häufig Auffinden. daß
ein bloß zufälliges Vorkommen auszuschließen ist. Als Ausdruck der
stattgehabten Behaftung finden sich dann in der Anamnese solcher
Kranken Daten über abnorme Entwicklung und über das Auftreten von
Erkrankungen, die mit abnormer Konstitution in Verbindung gebracht
werden (Chlorose itsw.). Wir finden schließlich in einer so großen Zahl
dieser Fälle, daß auch hier eine bloße Zufälligkeit ausgeschlossen ist.
anatomisch nachweisbare Veränderungen an den Organen, die als Aus*
druck einer abnormen Verfassung gedeutet werden müssen.
Alle diese Momente lassen nur den einen Schluß zu: Tn der Patho¬
genese des Morbus Basedowii kommt konstitutionellen Momenten ein
hervorragender Einfluß zu. Als solche haben wir bereits die im Ge¬
le blechte gelegenen physiologischen Differenzen in der Körpervcrfassiuur
und die. durch das Alter bedingten angeführt. Diesen müssen wir ab
weiteres Moment von maßgebender Bedeutung, ohne welches uns das
Zustandekommen und die Eigenart der Erscheinungen des Morbus Ba>e-
dowii unverständlich blieben, anfiihren: die durch die degenerative An¬
lage bedingte abnorme Körperverfassung.“
Wendet man nun diesem bisher wenig gewürdigten
Momente, fiir das sieh unser Blick erst mit dem modernen,
streng wissenschaftlichen Aushau der Konstitutionslehre zu
schärfen begonnen hat. die Aufmerksamkeit zu und sucht
entsprechend meiner Forderung nach einem anatomisch-
funktionell prädominierenden Stigma gerade für die Anlage
zur Basedowschen Krankheit, so kommt man fast unwillkür¬
lich auf die Thymus. In ihrer abnormen Größe gilt sie
heute vielen Klinikern und Pathologen als das Zeichen einer
konstitutionellen Anomalie, die sich weiterhin in der äußeren
Erscheinung (z. B. auffallende Körperlänge), in Hypoplasie
des Herzens und Aortcnsystcms, des chromaffinen Systems
und des Geschlechtsapparats kundgibt: auch bei psychisch
nicht vollwertigen Individuen (psychischer In fantilismus
nach Anton) begegnen wir der abnorm großen Thymus,
und immer häufiger stößt man auf sie bei jugendlichen
Selbstmördern, seitdem man. auf das Organ zu achten ge¬
lernt hat. Und wenn wir uns schließlich auch hier wieder
des PaItaufscheu Status thymicolymphaticus erinnern und
wie bei diesem, so auch hei der Basedowschen Krankheit
die Uymphdriisonhyperplasie als ein von der abnormen
Thymusfunktiun abhängiges Kriterium der pathologischen
Konstitution betrachten, so sind Anhaltspunkte genug für
die Annahme der konstitutionellen Bedeutung der Thymus
auch für die Basedowsche Krankheit gegeben.
Zugleich stellt damit aber auch eine überaus wichtige
Tatsache fest. Wir wissen, daß die Thymus im frühesten
Kindesalter auf der Höhe ihrer Funktion steht, wir sehen
die abnorme Konstitution schon zu dieser Zeit sich geltend
machen und erkennen in ihr einen angeborenen Zustand, in
denn die Thymus demnach eine gleichfalls angeborene, be¬
herrschende Holle spielt. Aber von der Schilddrüse wissen
wir so etwas nicht, sie verändert sich nachweisbar krank¬
haft erst in späterer Zeit, und so dürfen wir schließen, daß
die Thymus das primär abnorme Organ, die Basedowstrunia
aber erst ein sekundär verändertes darstellt. In diesem
Sinn ist es vielleicht nicht unwichtig, wenn Rössle und ich
die nicht seltenen Befunde einer abnorm großen Thymus bei
einfachem Kropfe so deuten, daß wir zwar nicht an einen
latenten Morbus Basedowii, wohl aber an ein Vorstadium
1 des Leidens denken, das ja auch Kocher als wahrscheinlich
an nimmt. Jedenfalls muß man auf die Erfahrungstatsache
j das größte Gewicht legen, daß man der Hyper- und Dys*
| thvmisation bereits bei Kindern begegnet, nicht aber dem
I Hyper- und Dysthyreoidismus, der vielmehr erst zu einer
( Zeit, autzutreten pflegt, zu der gewöhnlich die Thymus ihre .
j Überwiegende Bedeutung verliert. Und wenn man nun ge* j
rade in diesen Fällen abnormer Schilddrüsenfunktion dm (
physiologische Thymusinvolution nicht cintrcten sieht su ;
scheint damit ein Hinweis auf die Ursache der Schilddrüsen* ,
erkrankung gegeben, deren Ergründung Moebius so nach- ;
1 drücklich gefordert hat. An Erfahrungen der Wissenscbai .
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4. April.
— MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14.
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und menschlichen Pathologie, aus denen die Beeinflußbarkeit
der Schilddrüsenfunktion durch die Thymus hervorgeht, fehlt
es nicht.
Ich muß aber hier des beschränkten Raums wegen darauf ver¬
zichten. sie aufzuziihlen, und begnüge mich mit dem Hinweis auf meine
zahlreichen Thymusarbeiten in Virch. Arch. und meine im Arch. f. klin.
Ohir. erschienene erschöpfende Abhandlung über die Bedeutung der
Uiviiuis für Entstehung und Verlauf des Morbus Basedowii.
Neben den interessanten Tierversuchen Birchers, der
durch Implantation von Basedowstruma bei Hunden außer
dcrSehilddrüscnvergrößerungcharakteristischeErscheinungen,
wie Tachykardie, Exophthalmus, Tremor und Lymphoeytose
hervoiTufen konnte, werden immer die Erfolge der Thymus¬
exstirpation beim basedowkranken Menschen ausschlaggebend
bleiben.
Indem ich mich nun der Beantwortung der Frage zu-
wernlc, in welcher Weise die Thymus das klinische Bild
und den Verlauf der Basedowschen Krankheit beeinflußt,
muß ich hervorheben, daß es kaum leicht ist, im Einzelfalle
Thymus- und Schilddriisenwirkung zu erkennen und scharf
zu scheiden. Die Bedeutung der Thymus ist gewiß eine
vielseitige. Fast mit jeder einzelnen Erscheinung der
Basedowschen Krankheit finden wir Persistenz beziehungs¬
weise Hyperplasie der Thymus vereint auftreten, ohne daß
gerade das Kranklieitsbild in seiner typischen Form in Er¬
scheinung tritt, so die Struma, die Adrenalinämie, Verände¬
rungen des Herzens, Tachykardie, präkordiale Angstzustände,
Lymphoeytose, hypoplastische Zustände an Genitalien und
Nebennieren, Labilität des Nervensystems. Müssen und dürfen
wir nun bei Ausprägung des klassischen Symptomenkomplexes
alle diese Erscheinungen und Veränderungen der Thymus zur
Last legen? Das wäre sicher viel zu weitgegangen und
anderseits auch zweifellos falsch, wollte man nun der Schild-
drüsenerkrankung eine ganz untergeordnete Bedeutung bei¬
messen.
Schon aus den. ersten Arbeiten über die Basedow¬
thymus ging der deletäre Einfluß des Organs hervor, und
im wesentlichen darf auch heute noch der Ausspruch
Capelles Anspruch auf Gültigkeit machen, das Verhalten
der Thymus sei als ein Indikator für die Schwere der
Basedowschen Krankheit anzusprechen und die Basedow¬
thymus sei sozusagen pathognomoniseh für ein widerstands¬
loses Herz. Aber diese Labilität des Herzens beruht nicht
auf einer unbestimmten Beeinflussung durch die Gesamt¬
konstitution dos Organismus, sondern auf der specifischen
Giftwirkung der Thymus. Diese Giftwirkung, wie sie
namentlich. beim sogenannten Thymustode zur Geltung
kommt, läßt sich nicht nur experimentell zeigen, sondern
iteht namentlich aus den schönen Erfolgen, welche Chirurgen,
wie Garr&, Kehn, Bireher, Sauerbruch und v. Haberer,
mit der Thymektomie erzielt haben, hervor. Gerade die
schweren Herzsymptome und die postoperativen Aufregungs¬
zustände, wie die sich bis zum Tode steigernde Tachykardie,
werden durch Entfernung der Thymus günstig beeinflußt
oder ganz zum Schwinden gebracht, und nach den jüngsten
Ausführungen v. Haberers lassen sich auch durch vorauf¬
gehende Thymusresektion jene transitorischen Erscheinungen j
nach Strumektomie in leichteren Basedowfällen vermeiden,
oio man bisher mit einer Mobilisation des Schilddrüsen-
fcokreis zu erklären versuchte. Somit scheint es zweifellos,
als schädige die Thymus das Herz direkt und seien auf ihre
toxischen Stoffwechselprodukte die Herzerscheinungen bei
Basedowscher Krankheit zurückzuführen. Darüber hinaus
, a , 2 ehen zurzeit unsere Kenntnisse nicht, und ich
palte den Versuch, im Sinne der von Epp in ge r und Hess
inaugurierten Lehre je nach dem Vorherrschen der Tbymus-
0 er der Schilddriisenwirkung eine vagotonische und eine
svmpathikotonische Form des Morbus Basedowii zu unter¬
scheiden, für verfehlt, besonders da die Aufstellung solcher
°nnen an sich keine allgemeine Anerkennung gefunden hat.
Einen weiteren unmittelbaren Einfluß der pathologisch
funktionierenden Thymus darf man in der Vermehrung der
Lymphocyten erblicken. Faßt man, wie ich das früher
mehrfach ausgeführt und zu begründen versucht habe, beim
Status thymico-lymphaticus die Lymphdrüsensehwellung als
eine sekundäre, von der Thymus abhängige Erscheinung
auf, sodaß man also besser nur von einem Status thymicus
spricht, so ist es nur folgerichtig, wenn man auch die bei
der Basedowschen Krankheit zu beobachtende Hyperplasie
des lymphatischen Apparats, mag sie lokal oder allgemein
sein, auf die Thymuswirkung zurückführt. Namentlich aber
kommt diese in der Veränderung des Blutbildes in einer so
typischen Weise zum Ausdrucke, daß dessen Verhalten zur
Diagnose einer abnorm großen Thymus verwertet werden
kann. Besonders Klose hat die Abhängigkeit der Blut-
lymphocytose, die wir beim Morbus Basedowii als Kocbar¬
sches Blutbild kennen, von der Thymus bewiesen. Die Ent¬
fernung der Thymus mindert bei den Versuchstieren die
Zahl der Blutlymphocyten herab, Injektion von Thymus-
preßsaft, namentlich von Basedowthymussaft, steigert sie,
die partielle Thymusresektion bei Status thymicus der
Kinder wie bei Basedowkranken reduziert gleichfalls die
Blutlymphocytose. wie namentlich auch die Erfahrungen
Garres und Sauerbruchs gezeigt haben. Auch hat so¬
eben noch Heirnann in Uebereinstimmung mit Kloses,
Birchers und meinen eignen Tierversuchen gezeigt, daß
die Thymus dem Blute Stoffe übermittelt, welche die Lympho¬
eytose anregen.
Nun hat sich in letzter Zeit mehr und mehr gezeigt,
daß das Kochersche Blutbild weder eine konstante Er¬
scheinung bei der Basedowschen Krankheit ist, noch bei
dieser ausschließlich vorkommt. Im Gegenteil haben wir
es mit einer ziemlich weitverbreiteten Erscheinung zu tun.
die nicht allein bei der Erkrankung der verschiedensten
endokrinen Drüsen festzustellen ist, sondern vor allem bei
livpoplastisclior Konstitution sich findet. So dürfen wir
auch in der Veränderung des Blutbildes einen Beweis für
die Behauptung erblicken, daß die Thymus beim Morbus
Basedowii ein primär verändertes Organ ist, und zwar nicht
auf irgendeine Specifität schließen, wohl aber über das ein¬
zelne Leiden hinaus in ihr das Kriterium einer pathologischen
Konstitution erkennen, das allerdings die Einzelkrankheit,
wie z B. den Morbus Basedowii, in einem besonderen Lieht
erscheinen läßt,
Ucber diese Feststellungen hinaus läßt sieh vorerst ein
sicheres Urteil über den Einfluß der Thymus auf das kli¬
nische Bild der Basedowschen Krankheit nicht fällen.
Unsere noch immer mangelhaften Kenntnisse dieses Organs.
! anderseits die Gewißheit, daß sich im endokrinen System
weitgehende Wechselbeziehungen von erheblicher Bedeutung
für alle Lebensäußerungen der zu ihm gehörigen Organe
geltend machen, heischen die größte Vorsicht des Urteils.
Hierauf soll hier ebensowenig näher eingegangen werden,
wie auf die für die ätiologische Bedeutung der Thymus hoch¬
wichtige anatomische Untersuchung des Baues der Basedow¬
thymus.
Die bisherigen Ausführungen werden aber genügen,
meine Anschauungen über die Basedowsche Krankheit ver¬
ständlich zu machen. Ich unterscheide drei große Formen¬
gruppen:
I. Der reine thyreogene Morbus Basedowii
beruht nicht auf einer pathologischen, hypoplastischen Kon¬
stitution, eine pathologische Thymus läßt sich bei ihm nicht
nachweisen und seine Aetiologic dürfte, soweit die Störung
in Bau und Funktion der Schilddrüse zu erklären ist, eine
mannigfaltige sein. In Uebereinstimmung mit v. Haberer
habe ich die Ueberzeugung, daß in vielen Fällen von Morbus
Basedowii die Thymus nicht die geringste Rolle spielt, was
kein Beweis etwa gegen die Richtigkeit der soeben dar-
geJcgten Thymusthcorie ist; denn es gibt eine ganze Menge
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1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14.
4. April.
von Krankheitserscheinungen, wie beispielsweise den Diabetes
mellitus, die bald au! konstitutioneller Basis, bald auf
während des Lebens irgendwie entstandenen Organverände-
rimgen beruhen und sich völlig gleichen, vielleicht mit dem
einzigen Unterschiede, daß erstere Formen die schwereren sind.
II. Der reine thymogene Morbus Basedowii, der
auf dem Boden einer pathologischen Konstitution entsteht,
ist selten, kommt aber zweifellos vor und zeigt dann einen
besonders bösartigen Charakter. Daß hier die Thymus allein
das Krankheitsbild beherrscht, lehren die Erfahrungen der
Chirurgen, die Schilddrüsenoperationen ohne jeden Erfolg
Vornahmen, dann aber mit der Resektion der Thymus alle
Krankheitserscheinungen wie mit einem Schlage zum
Schwinden brachten. Ein Fall v. Haberers ist besonders
überzeugend, während auch die Rehnsche und Garrösche
Schule das Vorkommen des thymogencn Morbus Basedowii
anerkennen. Hier handelt es sich um reinen Dysthymismus
und es bestehen die allerengsten Beziehungen zwischen dem
Basedowtod und dem plötzlichen Thymustode. Bei den
letzterem verfallenden Individuen treten zu Lebzeiten charak¬
teristische Symptome nicht hervor, könnten wir aber ihr
Schicksal vorhersehen und würden wir sie eingehend unter¬
suchen, so kämen wir vielleicht zu dem Schlüsse, daß sie
nach der geläufigen Auffassung als Basedowkranke zu be¬
zeichnen wären, oder es kämen die Erscheinungen der
Basedowschen Krankheit zum vollen Ausbruche, wenn sie
nicht einem plötzlichen Herztode verfielen. Offenbar ist bei
ihnen das Herz besonders widerstandslos, sodaß es bei an
sich schon geringfügigem Anlasse versagen kann.
III. Der thymo-thyreogene Morbus Basedowii ist
die häufigste Form, bei der Thymus und Schilddrüse in
gleicher Weise toxisch auf den Organismus wirken und ent¬
sprechend an der Erzeugung der klinischen Erscheinungen
beteiligt sind. Die Thymus ist das primär veränderte Organ
und Stigma der abnormen Konstitution. In der Intensität
der krankhaften Organfunktion kann jeder nur mögliche
Grad gegeben sein und so könnte man die rein thyreogene
und rein thymogene Form der Basedowschen Krankheit als
die Endglieder einer Reihe von 0 bis 00 ansehen, in der
alle nur denkbaren Kombinationen Vorkommen. Je mehr
aber die Thymuswirkung prävaliert, um so schwerer ist
wahrscheinlich das Leiden, um so größer die Gefahr für den
Kranken. Aber auch überwiegend thyreogene Formen können
schwer verlaufen. Wollen wir der Schilddrüse wie der
Thvmus gleiche Bedeutung zugestehen, so wird es gut sein,
die besondere Gefährdung der Thymusträger in der Gesamt-
konstitution des Organismus zu erblicken und etwa anzu-
nehmen, daß die Thymuswirkung eine um so intensivere ist,
je mehr der hypoplastische Charakter der Körperbeschaflen-
heit ausgesprochen ist. Je früher das Krankheitsbild deut¬
lich wird um so höher dürfte das konstitutionelle Moment
im allgemeinen in seiner Pathogenese zu bewerten sein. ,
Deshalb können wir auch die reine thymogene Form be- j
sonders bei Jugendlichen erwarten, während die thymo-
thyreogene Form in jedem Lebensalter jenseits der Pubertät
eine Bedeutung besitzt.
Man wird aus diesen Darlegungen erkennen, daß sich
die von mir aufgestellte Thymustheorie von jedem Schema¬
tismus fernhält und dennoch allen Erscheinungen der rätsel¬
haften Basedowschen Krankheit, im wesentlichen gerecht
wird. Noch einmal muß betont, werden, daß es sich nicht
um eine ätiologisch einheitliche Erscheinung handelt, wie ja
schon oft von Moebius und vielen andern Autoren hervor-
gehoben ist. Die Abartung der.; Schilddrüse behält ihre Be¬
deutung, aber sie, der sich bisher wegen ihres scharfen
anatomischen Hervortretens das Hauptaugenmerk zuwandte,
findet nun in tieferliegenden Momenten eine Erklärung,
von der man hoffen darf, daß sie uns dem vollkommenen
Verständnisse des Morbus Basedowii näher führt.
Aber auch vom rein praktischen Gesichtspunkt ist der
Gewinn, der sich aus der Berücksichtigung des Verhaltens
der Thymus ergibt, ein ganz außerordentlicher und hoch-
erfreulicher. Seitdem man die deletäre. Bedeutung der
Thymus erkannt hat, sind die Chirurgen mit vollem Erfolge
darangegangen, bei Basedowkranken auch dieses Organ
operativ anzugreifen. Ich kann auf die Erfahrungen Rehns,
Garrös, Sauerbruchs, v. Habere^,und anderer nam¬
hafter Chirurgen verweisen. Wie aus‘.der Mitteilung des
letztgenannten hervorgeht, dürfte sich eine Thymusresektion
nicht nur bei Basedowkranken empfehlen, sondern immer
bei solchen zu operierenden Individuen angebracht sein, die
Thymusträger von pathologischer Konstitution sind. Für die
Basedowsche Krankheit selbst aber wird, in Zukunft ment
die reine Thymektomie, sondern die kombinierte Verkleinerung
der Thymus und Schilddrüse in Betracht kommen, ^
Klose und v. Haberer näher begründet haben. Dieses
Vorgehen hat schon heute den praktischen Nutzen unserer
Erfahrungen über die Bedeutung der Basedowthymus un¬
verkennbar gemacht und scheint berufen zu sein, den ge¬
fürchteten Thymustod bei der Basedowschen Krankheit aus
der Welt zu schaffen. Indem jetzt der erste chirurgische
Eingriff der Thymus gilt, kann man auch den schwel-
leidenden Basedowkranken Hilfe bringen, die man noch 101
wenigen Jahren wegen abnorm großer Thymus von jedei
Operation ausgeschlossen wissen wollte, und damit sozusagen
ihrem Schicksal überließ.
Berichte über Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren.
Aus der Inneren Abteilung des St.-Georg-Krankenhauses
zu Breslau.
Gehimabsceß nach Zahnerkrankung.
Mißerfolg der Leitungsanästhesie?
Von
Dr. Bannes, Primärarzt der Abteilung,
z. Zt. Stabsarzt und Bataillonsarzt.
Gehirnabscesse sind embolisch-metastatischenUrsprungs, oder
riu vei danken ihre Entstehung einem Infektionsvorgange, der sieh
in der Nähe des Gehirns abspielt (T).
rnter den auf die letztgenannte Art entstandenen Abscessen
'-iml die otirischen und traumatischen weitaus die häufigsten. In
'weitem Abstande folgen diejenigen, welche nach eitrigen Er¬
krankungen der Schädelknochen und -höhlen (Siebbein, Keilbein,
(Vbita'i oder dev Sehädelweichteile (Erysipelas faciei) sieh ent¬
wickeln. . , . . ~. .p,,
Fast ausschließlich pflanzt sieh die Eiterung in diesen Fällen
längs der Blut- und Lymphwege fort (2), selten nur scheint es vor¬
zukommen, daß der Infektionsprozeß dem Wege von Nervenbahn^
folgt, wie es Oppenheim (3) für den Acusticus und ra<w
erwähnt.
Eigenartigerweise ist hoch niemals ein Gehimabsceß nad
einer Zahnerkrankung beobachtet worden, obwohl diese Er¬
krankungen doch häufig unter sehr lebhafter Eiterung verlauf' 1
sehr zahlreich sind, und wegen ihrer nachbarlichen Lage w 11
Schädelinhalt theoretisch ein Zusammentreffen beider Erkran
kungen erwarten lassen müßten. Offenbar liegt dies. an <<\
anatomischen Verhältnissen, insbesondere soweit die Fascien a
in Betracht kommen. ;
Um so mittei lens werter erscheint mir ein Fall von Gehirn
absceß im Anschluß an eine Zahmrrkrankung, der auf meineT L.
teilung zur Beobachtung gekommen ist, und den ich h^" n
auch deswegen beschreiben will, weil er zu gewichten ^
wägungen über die Anwendung der Leitungsanästhesie bei 01 iv
1 Zahnerkrankungen Veranlassung gibt. Schließlich ist er auch
j halb interessant, weil er einer der seltenen Fälle ist» in ^ e( v
sieh die Eiterung am Nerven — und zwar hier dem Nervus ma
| bularis — entlang fortpflanzt.
UNIVERSITY OF IOWA
4 April.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14.
393
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Vorgeschichte: Am 12. Januar 1912 wurde der 27 Jahre
alte Landwirt J. T. aus Kr. auf die innere Abteilung des St-Georg-
Krankenhauses aufgenommen.
Der Kranke gab damals an, daß sein Vater nervenleidend sei;
Mutter und Geschwister seien gesund. Er selbst habe als Kind zweimal
Lungenentzündung durchgemacht, sei sonst niemals ernstlich krank
gewesen und habe in der Landwirtschaft seines Bruders bis zum Herbst
1911 tüchtig mitgearbeitet
Im November 1911, also zwei Monate vor seinem Eintritt ins
Krankenhaus, habe er sich fünf Zähne ziehen lassen. Dabei habe er
eine Einspritzung in den linken Unterkiefer bekommen, und seit diesem
Tage datiere sein Leiden. Es seien damals Schmerzen in der linken
Seite des Kopfes aufgetreten, die außerordentlich heftig noch jetzt
anhielten und ihn gar nicht sqhlafen ließen. Seit Ende Dezember 1911
bähe er nichts mehr beißen ktonen. Damals habe sich auch heftiges
Erbrechen eingestellt, zumeist’ bald nach der Mahlzeit. Er sei schon
ärztlich behandelt worden, aW’Mittel hätten aber nichts geholfen.
Potus, Morbus sexualis, abusus nicotini negantur.
Aufnahmebefund: T., ein mittelgroßer Mann in leidlichem
Ernährungszustände, von kräftigtem Knochenbau und gut entwickelter
Muskulatur, macht einen schwerkranken Eindruck und liegt mit
schmerzlich verzogenem Gesicht im Bett
Es besteht eine leichte linksseitige Ptosis. Die Pupillen reagie¬
ren gut auf Lichteinfall und Konvergenz. Augenbewegungen gut, kein
Xvstaginus. Starke Druckempfindlichkeit auf der ganzen linken Kopf¬
hälfte, besonders an dem Foramen suprar und infraorbitale, vor dem
linken Ohr und am Foramen mentale. Die Haut ist auf der linken Ge-
siehtshälfte gegen Berührung und Stich überempfindlich, während da«
Zahnfleisch und die Lippen auf der linken Seite eine leichte Ver¬
minderung der Empfindlichkeit zeigen.
Das Gebiß ist sehr defekt, in den großen Zahnlücken sind ver¬
schiedene stark gerötete und gedunsene, granulierende Stellen sicht¬
bar. besonders im hinteren Abschnitt des linken Unterkiefers. Dort
quillt aus den sehr druckempfindlichen Stellen, an welchen die hinter¬
sten Backzähne gesessen haben, Eiter heraus.
Rachenschleimhaut leicht gerötet.
Der Befund der inneren Organe bietet nichts besonders Regel¬
widriges dar.
Puls: mittelvoll, etwas weich, regelmäßig, gleichmäßig, im
Liegen 80.
Temperatur (Achselhöhle) vormittags 8 Uhr: 37,5°.
Kniesehnen- und Achillessehnenreflexe beiderseits lebhaft.
Babinski und Romberg negativ. Bauchreflexe lebhaft, ebenso die
Periost- und Sehnenreflexe der oberen Extremitäten.
l T rin frei von Eiweiß und Zucker.
Der Augenhintergrund ist (Augenarzt Prof. Dr. Groenouw)
frei von Veränderungen.
Diagnose: Neuritis infectiosa n. Trigemini sin.
Therapie: Warme Kompressen, Antipyrin-Brom-Morphium-
Piüver. Desinfizierende Mundspülungen.
Verlauf: Die Klagen des Kranken wurden zunächst vor¬
übergehend besser, das Erbrechen trat am ersten und dritten Behand¬
lungstage je einmal auf, blieb dann ganz weg, um sich am sechsten
und neunten Tage erst wieder einzustellen. Bald wurden die Schmerzen
auch wieder lebhafter. Zuzeiten verlegte der Kranke sie in das linke
(, br. das aber ebenso wie die Stirn- und Oberkieferhöhlen von otologi-
■'dier Seite als gesund befunden wurde (Prof. Dr. B ö n n i n g h a u s).
Vorübergehend schwoll die Gegend des linken Kieferwinkels an,
der Knochen war dort verdickt. Dies schwand auf feuchte Verbände.
Stetig blieben die offenbar sehr starken Schmerzen in der linken Kopf¬
hälfte mit den geschilderten Druckpunkten. Der Kranke lag zumeist
wimmernd im Bett, teilnahmslos gegen seine Umgebung. Für die
^aeht waren zur Erzielung einiger Ruhe fast tägliche Morphiumein-
"pritzungen nötig.
Am 24. Januar (13. Behandlungstage) war eine Andeutung von
•Vickemstarre vorhanden; ebenso in den nächsten Tagen wiederholt,
wr nicht ständig. Auch Kernig trat einige Male auf. Dabei schwankte
w* Achselhöhlentemperatur zwischen 36,8 und 38,1, der Puls zwischen
w U P ( 1 98. Stuhlgang war angehalten und konnte nur durch Einguß
• rzjfiit werden. 066
Am 25. Januar trat wiederholt Erbrechen auf, ebenso am 26. Ja¬
nuar.
Spinalpunktion am 26. Januar ergab: klare Flüssigkeit, Druck
-ou mm Wasser (Quincke). Vom hygienischen Institut der Universität
, Hu . r<len " m ^ro8kopisch und bei Kultur auf den gebräuchlichen Nähr-
vden Mikroorganismen nicbli »darin gefunden“. Das Seiisoriuni be-
sjch zii trüben, die Temperatur stieg an und bewegte sich jetzt
V( |p Ch ® n . 3^ und 39. Erbrechen trat nicht mehr auf. Der Kranke lag
wig teilnahmslos wimmernd da und klagte auf Anrufen immer nur
1 ber den Kopf. -•
T i ^P ?na lp un ktion am 31. Januar ergab das gleiche Resultat wie am
- • Januar, Augenhintergrund frei.
Tt Februar verlangsamte sich der Puls bei gleichbleibender
P ratur stark/ Es wurde wegen dringenden Verdachts eines Ge-
hirnabscesses in der Gegend des Gass ersehen Ganglions zur Tre¬
panation geschritten.
Operation (Prof. Dr. Mos t): Unter lokaler Anästhesie mit
Zuhilfenahme einiger Tropfen Chloroform Schnitt nach Krause mit
der Basis am Os zygomaticum, Zurückklappen des Haut-Knochen-
lappens, Abtragen des unteren Knochensaums bis zum Niveau der
Schädelbasis.
Die Dura ist überall in der Knochenliicke prall gespannt;
nirgends Pulsation. Matter Glanz. Nahe dem vorderen Kamin, etwa
zwei Zentimeter oberhalb der Basis, wölbt sich an umschriebener Stelle
die Dura zeltförmig vor, erscheint verdünnt und etwas mißfarben.
Aufheben des Gehirns mit Dura mittels Spatels. Es ist nicht möglich,
die Gegend des Ganglion Gasseri zu übersehen, da die Spannung
groß ist. Auf der Unterfläche pulsiert das Gehirn. Nirgends Eiter,
überall normale Färbung der Gewebe.
Nach Einschneiden der Dura an der vorgewölbten Stelle quillt
weiche, matsche Gehirnmasse unter großem Druck vor. Gehirnober¬
fläche glänzend, ohne Auflagerungen, Pia zart.
Punktion des Gehirns an dieser Stelle mit Neigung der Kanüle
nach der Schädelbasis ergibt in der Tiefe von 4 bis 5 cm 8 ccm
dünnen, sehr mißfarbenen, stark stinkenden Eiters (an Parulis-Eiter-
geruch erinnernd!). Man hat das Gefühl, mit der Nadel in einer Höhle
1 zu sein. Nacbsondieren mit Pean an der Nadel entlang, Einschieben
eines Drainrohrs in die Absceßhühle.
Sofort nach der Entleerung des Eiters pulsiert die freigeb*gte
Dura in ganzer Ausdehnung 1 ).
Fixierung des Haut-Periost-Knochenlappens unter Herausleitung
des Drains am hinteren Lappenende, aseptischer Verband.
Bald nach der Operation ist der Puls auf 104 gestiegen, das
Sensorium bleibt getrübt.
Weiterer Verlauf: Eine Aufhellung des Bewußtseins trat
auch in der Folge nicht auf. Am nächsten Tage Lähmung der rechten
Extremitäten. Beim Entfernen des Drainrohrs am 2. Februar war die
Wunde reizlos, der Tampon mäßig durchtränkt; es entleerten sich nur
einige Tropfen Eiter.
Der Zustand blieb unverändert, nur der Puls verschlechterte sich
rasch. Am 3. Februar ging der Kranke unter den Erscheinungen der
Herzschwäche im Lungenödem zugrunde.
Obduktion (12 Stunden post mortem): Wunde ohne Be¬
sonderheiten, Tampon mäßig serös durchtränkt.
Der Schädel wurde in typischer Weise eröffnet. Dabei zeigten
sich die Blutleiter sowie die Blutgefäße der harten Hirnhaut und der
Gehirnoberfläche strotzend mit Blut gefüllt In der Nähe der Ope-
rationswunde waren in den Gefäßfurchen einige fibrinös-eitrige Auf¬
lagerungen sichtbar, sonst erwies sich die weiche Hirnhaut überall als
glatt und spiegelnd. Bei der Herausnahme des Gehirns zeigte sich »1er
linke Schläfenlappen im medialen Teile der mittleren Schädelgrube
in einem etwa pfennigstückgroßen Bezirk adhärent. Der linke V. wurde
möglichst nahe der Schädelbasis durchschnitten, die Verwachsung da
neben vorsichtig stumpf abgelöst, wobei Eiter auf der Ablösungsfläche
sichtbar wurde.
Bei der Betrachtung der Gehimbasis erschien der linke Sehiidel-
lappen diffus aufgetrieben und leicht eingesunken. In der Nähe der
Ablösungsstelle waren auf dem Gehirn einige fibrinöse Auflagerungen
zu sehen.
Es fehlte jede weitere Veränderung der Hirnhäute.
Nun wurde die harte Hirnhaut nach Eröffnung der stark blut¬
gefüllten Blutleiter sorgfältig von der Schädelbasis im Bereich der
linken vorderen und mittleren Schädelgrube abpräpariert. Dabei quoll
aus dem Foramen rotundum ebenso wie aus dem Foramen ovale Eiter
heraus. Darauf wurde die Schädelbasis der mittleren linken Schädel¬
grube in einiger Entfernung um die genannten Durchtrittsstellen des
zweiten und dritten V.-Astes durchgemeißelt und nebst den darunter¬
gelegenen Weichteilen entfernt. Bei der Betrachtung konnte fest¬
gestellt werden, daß Eiter lediglich in den Nervenscheiden der Tri-
geminusäste vorhanden war, die umgebenden Weichteile (Muskeln usw.)
erschienen unverändert.
Da« Gehirn und die abgelösten Dura-Nerven-Muskel-Knochen-
teile wurden zur weiteren Untersuchung in 4 °/ n ige Formalinlösung ein¬
gelegt
Der Durchschnitt durch da« gehärtete Gehirn ergab, ..daß es
sich um eine etwa 2 cm in die Substanz hineinragende flächenartige
Eiterung handelte, die in den Seitenventrikel durchgebroehen wir“
(Pathol. Inst der Königl. Universität Breslau).
J ”P ie mikroskopische Untersuchung des Ramus mandibularis in
der Nahe des Ganglion Gassen zeigt eine sehr starke Leukocvten-
infiltration des epineuralen Bindegewebes.
Da« Ganglion selbst zeigt diese Rundzelleneinlagerung in be¬
sonders schöner Weise, sowohl um die Ganglionzellen herum wie um
die Nervenfasern. Manchmal liegen die Leukocvten so dicht' daß die
normale Struktur des Knotens völlig verwischt wird.
.. Der Nervus ophthalmicus bietet völlig normale Verhältnisse dar“
(Pathol. Inst, der Kgl. Universität- Breslau).
*) Die bakteriologische Untersuchung des Eiters ist leider infolge
eines Mißverständnisses unterblieben. ö
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Gck igle
Original frnrri
UMIVERSITY OF IOWA
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14. _ 4. April,
Es handelt sich demnach in dem vorliegenden Fall um einen
Gehirnabsceß, der im Anschluß an eine Zahnerkrankung entstanden
ist, und zwar nach dem pathologisch-anatomischen und mikro¬
skopischen Befunde durch Fortleitung des Infektionsprozesses in
der Nervenscheide des Ramus mandibularis trigemini.
Ob die tödliche Erkrankung durch spontanes Uebergreifen des
infektiösen Zahnleidens auf die Nervenscheide des Nervus mandi¬
bularis entstanden ist, oder ob die an den Zähnen vorgenommen en
Eingriffe, insbesondere die Injektion zum Zwecke der Mandibular¬
anästhesie dabei ursächlich mitgewirkt haben, läßt sich nicht
kurzerhand entscheiden.
Das Gebiß des Kranken scheint vor der zahnärztlichen Be¬
handlung im Herbste 1911 in sehr schlechtem Zustande gewesen
zu sein.
Der Zahnarzt, in dessen Behandlung sich T. befand, teilte
mir auf Anfrage mit, daß der Kranke am 1. November 1911 in seine
poliklinische Behandlung getreten sei. „Es wurden ihm an diesem
Tage 1x7"’ zum wegen Periostitis oder deswegen,
weil die Wurzeln nicht mehr zu erhalten waren, unter Anwendung
der Leitungsanästhesie extrahiert. Am 8. November wurde im
linken Unterkiefer der 3. Molar, der ebenfalls tief cariös war, wieder
unter Leitungsanästhesie, extrahiert. Am 8. Oktober 1912 und
16. November wurden außerdem noch--— 2 —wurzol-
behandelt und gefüllt.“ In der ganzen Behandlungszeit sei von
gestörtem Wundverlauf oder einer sonstigen Besonderheit nichts
bemerkt worden. „Für die Extraktionen im Unterkiefer wurde
die Leitungsanästhesie am Nervus mandibularis mittels einer
2 u / 0 igen Novocainlösung mit Suprareninzusatz vorgenommen.“
Der Kranke hatte also sehr umfangreiche Zahnerkrankungen,
welche die Möglichkeit der spontanen Fortpflanzung eines an und
für sich progredienten infektiösen Prozesses auf die Nervenscheide
offenlassen.
Möglich wäre es auch, daß die vielfachen Eingriffe, die ohne
Weichteil- und Knochenverletzungen nicht denkbar sind, im Sinn
einer Mobilisierung von Keimen gewirkt und die Weiterwanderung
auf verletzten Unterkieferknochen und schließlich Nervenstamm
verursacht haben.
Mindestens ebenso möglich ist es aber auch, daß die Ein¬
schleppung von Keimen in die Nervenseheide durch eine Injektion
zum Zwecke der mehrfach angewandten Mandibularaiiüsthesie er¬
folgt ist. Der Kranke gab, ebenso wie seine besonders befragten
Angehörigen, immer an, daß unmittelbar nach einer Einspritzung
die iieuiitisehen Symptome einsetzten. Das muß doch hei der
langsam verlaufenden Krankheit, berücksichtigt werden, wenn man
auch dem bei allen Kranken vorhandenen Bestreben Rechnung
trägt, Aenderungen, und zwar hauptsächlich gerade Verschlechte¬
rungen, in ihrem Befinden auf ärztliche Eingriffe zurückzuführen.
Daß nun in einer modernen und gut geleiteten großstädti¬
schen Zahnpoliklinik alle sterilisierbaren Materialien, die bei einer
solchen Einspritzung gebraucht werden (Nadel, Spritze, Lösung),
auch wirklich sterilisiert in Anwendung kommen, erscheint mir
selbstverständlich. Schwieriger ist es schon, auch bei sorgfältiger
Isolierung des Operationsfeldes und Anwendung des Jodstrichs,
die für Operationen wünschenswerte Asepsis in der Mundhöhle
zu erreichen. Ganz unmöglich ist es aber, die Verschleppung von
Infektionsmaterial zu vermeiden, wenn man genötigt ist, bei einer
Injektion durch infiziertes Gewebe mit der Kanüle hindurch¬
zugehen. Damit ist die Möglichkeit der Nervenscheideninfektion
durch die Einspritzung zum Zwecke der Leitungsanästhesie ge¬
geben, und im beschriebenen Fall erscheint mir diese Möglichkeit
als die wahrscheinlichste.
Häufig ist dieser Vorgang sicher nicht, sonst müßte bei der
doch täglich angewandten Mandibularanästhesie wohl einmal ein
ähnlicher Fall beobachtet worden sein. Die zahnärztliche Literatur
kennt allerdings Mißerfolge der Leitungsanästhesie, die fast aus¬
schließlich der Infektionsverschleppung zugeschrieben werden
müssen.
So berichtet Parts eh (4) schon 1908 über nach Mandibulav-
anästhesie entstandene lange dauernde Kieferklemme, die durch Ent¬
zündungsprozesse im M. ptei ygoideus oder an den Oberflächen des
Knochens im Bereiche seines Ansatzes erklärt wird.
Alfred ('oh n stein (5) sah (1909) nach demselben Eingriff
einen Fall von a 11 g e m e i n e r I n f e k t i o n , die eine nach zwei
.Iahten noch nicht geschwundene Lähmung der Beine infolge von
Embolie des Lumbalmarks zur Folge hatte.
t i eigentliche S c h 1 u e k - und S e h l i n g b e s e h w e r d e n
werden auch von Bünte und Moral (6; als unbeabsichtigte Folgen
der Mat dibulataiiästhesio angegeben.
L u n i a t s c h e k (7) spricht von Verletzungen größerer Ge¬
fäße, Schluck- und Schlingbeschwerden, Parästhesien, Sprach¬
störungen von langmonatlicher Dauer, Geschmacksstörungei),
Funktionsstörungen der Glandula submaxillaris und sublingualis.
Schaff endlich beschreibt (8) eine Daueranästhesie,
welche nach sechs Monaten noch einen talergroßen anästhetischen
Bezirk hinterlassen hatte.
Im Vergleich zu einem Gehirnabsceß sind diese Mißerfolge
der Mandibularanästhesie — vielleicht mit Ausnahme der Cohn¬
heim sehen Allgemeininfektion — allerdings ziemlich geringfügig.
Dieser Umstand erklärt es wohl auch, daß die meisten Autoren die
Gefahren der Leitungsanästhesie als gering betrachten. Sie führen
die Mißerfolge zumeist auf die ja gut vermeidbare mangelhafte
Technik und unzureichende Sterilität von Lösung, Nadel und
Spritze zurück. Einige nennen als Kontraindikationen schon
schwere eitrige Periostitiden und Phlegmonen, so besonders
Fischer in seinem Lehrbuche (7). Anderseits gibt z. B. Froh-
mann ausdrücklich an, daß er auch bei eitrigen Prozessen die
Lcitungsanästhesie mit gutem Erfolg angewendet habe.
Gerade darüber gibt unser Fall sehr zu denken. Daß eine
schwere Infektion im Bereiche des linken Unterkiefers vorlag, die
bei den Eingriffen wohl schon nicht mehr ganz oberflächlich war,
als deren Reste noch zwei Monate nach der Zahnbehandlung
eiternde Wunden vorhanden waren, und in deren Folge periosti-
tische Vorgänge auftraten, ist nach dem zahnärztlichen Befund
anzunehmen. Aus dem infizierten Gewebe wurde offenbar der
Krankheitsstoff mit der Kanüle in die Nervenseheide fortgefiihrt
und bei der Injektion noch weiter hineingepreßt In derartig
liegenden Fällen die Leitungsanästhesie am Mandibularis auch
nach Bekanntwerden unseres Falles noch anzuwenden, dürfte wohl
trotz Froh in a n n s Optimismus nicht mehr als ratsam erscheinen.
Wenn man also aus dem Vorstehenden nur die entfernte Mög¬
lichkeit der Entstehung eines Gehirnabscesses durch Mandibular¬
anästhesie ersieht, so wird man die Folgerung daraus ziehen
müssen, daß die Lcitungsanästhesie bei infektiösen Prozessen in
der Nähe des Foramen mandibulare absolut kontraindiziert ist.
Literatur: 1. H. Oppenheim und H. Cassirer, Der Hirnabsceß.
(2. Aufl. Wien und Leipzig 1909, S. 3ff.) — 2. M. Lewandowsky. Hand¬
buch der Neurologie. (3. Bd. Spee. Neurol. II. Berlin 1912, S. 199ff.) -
3. Oppenheim. Lehrbuch der Nervenkrankheiten f. Aerzte u. Studierende
U. Aufl. Berlin 1905. S. 858.) -**•■-. 4. D. Mschr. f. Zahnhlk. XXVI. Jahrg.
(Berlin I90S. S. 002.) — 5. Verh. des V. internat. zahnärztlichen Kongr. (Berlin
1909. Bd. 2. S. 31.) — 0. H. Bünte, und H. Moral, Die Leitungsanaesthesie
im Ober- und Unterkiefer auf Grund der anatomischen Verhältnisse. (Berlin
1910. S 5S.) 7. Ergebnisse der gesamten Zahnheilkunde. (Wiesbaden 1910.
I. dahrg.. 3. Heft. S. 1218.) — 8. Guido Fischer. Die lokale Anaesthesiein
der Zühnneilkundc mit spec. Berücksicht, der Schleimhaut- und Leitungs-
anaesthesic. (Berlin 1911, S. 40)
Die Technik der Thermalbadekuren beim
funktionsuntfichtigen Herzen 1 )
von
Dr. Jul. Havas,
Kurarzfc in Bad Pöstyön.
Sollen Leute, deren Herz durch Krankheit, Alter, unzweck¬
mäßige Lebensweise und dergleichen einen Teil seiner Leistung
fäliigkeit eingebüßt hat., Thermalbadekuren mitmachen oder nicht-
ist eine Frage, die sich dem Praktiker oft aufdrängt,^ sich atw
kategorisch nicht beantworten läßt. Auf der einen Seite steht
das Leiden, welches die Thermalbehandlung fast unausweichlich
erheischt, auf der andern Seite die begründete Furcht, daß durch
„zu starke“ Prozeduren das Herz geschädigt werden könnte. -
Tatsächlich gibt es eine ganze Reihe von Krankheiten, bei welchen
mit Thermalbädern die besten, fast specifische Erfolge zu erzielen
sind, ich nenne nur die chronischen Gelenkleiden, Muskelknink-
heiten, Gicht und Neuralgien, anderseits aber bedeuten diese Binler
für ein schon geschwächtes Herz weitere ungünstige Bedingung-
die eventuell zu einer Herzschädigung führen können, und dw>
um so eher, als wir zur Erzielung der bestmöglichen Heilwirkung
meistens je höhere Temperaturen anwenden möchten.
Letzteres Moment, die Laien durch seine scheinbare PlätisibilM
bestechend, erklärt jene Fälle von Herzschädigung, welche ent^n* •
wenn die Kranken stärkere Bäder benutzen oder in den Bädern lan?'
Zeit verweilen, als vom Arzt verordnet, oder gar ohne ärztliche x
i trolle baden, wie es liier und da noch geschieht. Es kann nicht gt
; „ L . V) Vortrag, gehalten auf dem 35. Balneologenkongreß, Hamburg.
1 1L bis 16. März 1914.
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UNIVERSITT OF IOWA
4. April.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14.
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Itctont werden, wie wünschenswert es ist, daß der behandelnde Arzt den
in das Thermalbad reisenden Kranken aufmerksam mache, die Anord-
mmoeii des Kurarztes streng einzuhalten. — Unzulässig erscheint cs
mir auch, daß Kranke in den Kurort mit strikten Anweisungen betreffs
Qualität Intensität der Bäder oder Dauer der Kur geschickt werden.
Per Charakter eines Heilbads ist in allen Fällen ein solch specifischer.
daß die zweckentsprechendste Applikation seiner Kurbehelfe dem Kur¬
arzt Vorbehalten sein muß.
Die Symptome der Ueberanstrengung sind in den aus¬
gesprochenen Fällen eindeutig. Vorausgesetzt, daß wir den Status
der Kreislauforgane zu Beginn der Badekur pünktlich aufgenommen
haben, wird die Diagnose durch den Nachweis einer Verschlim¬
merung des klinischen Befundes gesichert sein.
So beobachtete ich z. B. Verbreiterung der Herzdämpfung. dumpfe
Hentene, Verdoppelung des systolischen Tons, funktionelles Ge¬
räusch, Irregularität des Pulses, gesteigerte Frequenz und große Labili¬
tät derselben, Bradykardie, Extrasystolen nnd auch tachykardische
Anfälle.
Zwei Symptome möchte ich besonders hcrvoiheben. Das eine ist
diesturzartigeBlutd rucksenk ung: Der Blutdruck in der
Sprechstunde erscheint im Vergleiche zu der letzten Messung um 20
bis 30 min Hg oder mehr gesunken. Ich habe dieses Symptom einigemal
in der zweiten bis vierten Badewoche beobachtet und erklärte es da¬
durch. daß die negative Nachperiode — die Zeitspanne, während wel¬
cher der durch die Thermalprozedur gesunkene Blutdruck wieder zum
Anfangswerte zuriiekkehrt, durch die überanstrengenden Bäder sich
pathologisch verlängert und zirka 6 bis 10 Stunden andauernd, in der
Sprechstunde eine sturzartige Blutdrucksenkung vortäuscht. Diese
gleicht sich bis zum nächsten Tag immer wieder aus. Sie ist ein
sicheres Zeichen einer Herzüberanstrengung, und zwar um so eher,
je mehr Zeit zwischen der letzten Thermalprozedur und der Blutdruck¬
messung verflossen ist.
Ein weiteres wichtiges Symptom sind die nervösen
Störungen: Die Kranken klagen über Mattigkeit, leichte Er¬
müdbarkeit, Erregbarkeit, Kopfweh, Schwindel, Herzklopfen,
welche wir erkennen können, ob das einzelne Thermalbad von
bestimmter Intensität das Herz innerhalb der Grenzen seiner
Leistungsfähigkeit trifft oder es angestrengt hat.
Wenn dies gelingt, wird es nicht zur Summierung von überan¬
strengenden Bädern kommen und wir werden die Kur zu Ende leiten,
ohne daß die vorher beschriebenen Symptome auftreten würden.
Indem ich betreffs Einzelheiten der Untersuchungen und Motivie¬
rung auf das Original verweise 1 ), wiederhole nur kurz das Wichtigste.
Ich lasse den in der 23 bis 25 °C warmen Badezelle entkleideten
Kranken eine Zeitlang liegend ruhen, zähle dann den Puls und be¬
stimme mit dem Tonometer den Anfangswert des Blutdrucks. Im Bade
messe ich ein- bis zweimal. Hernach folgt eine leichte Trockenpaekung
von 25 bis 30 Minuten Dauer, welche die die Blutdruckmessung stören¬
den äußeren Einwirkungen auszusehalten gestattet, die sonst entstehen
würden, wenn der Kranke sich nach dem Bade sofort ankleiden winde.
Hier wird in Abständen von zehn Minuten gemessen. Die wichtigsten
sind die End werte.
Während des Bads selbst besteht in dem Verhalten von Puls
und Blutdruck zwischen gesundem und insuffizientem Kreisläufe
kein wesentlicher Unterschied.
Charakteristische Unterschiede finden wir nur nach dem
B a d in der Trockenpaekung. Während nämlich beim Gesunden
der Blutdruck, nachdem er zu Beginn der Packung seinen Tief¬
punkt erreicht, allmählich ansteigt und am Ende derselben nie
tiefer als 15 bis 20 mm Hg unter dem Anfangswerte steht, ist d i e
Differenz zwischen Anfangs- und K n d wert bei
dun funktionsuntüchtigen Herzen nach einem überanstrengenden
Bade mindestens 20 respektive 25 mm Hg < der noch größer, je
nachdem der Anfangswert unter respektive über 110 mm Hg war.
In solchen Fällen klagen die Kranken oft zu Beginn der Packung
über Herzklopfen, Beklemmungen, was wahrscheinlich eine Begleit¬
erscheinung des hier exzessiv gesunkenen Blutdrucks und ebenfalls
als Insuffizienzsymptom aufzufassen ist.
Einige Kurven werden dieses Verhalten besser demonstrieren.
Abb. 1. Normales Verhalten.
(Vollbad 39° 0 18 Min. Puls zu Beginn 76.)
BI).-Diff. am Ende d. TP < 20 mm Hg.
w ZC 30 f V So 6oJ6^n %
Ahb. 2. Verhalten bei Insuffizienz.
(Vollbad 36° C 20 Min. Puls zu Beginn 80.)
a) Anfanuswert d BHs. < 110 mm Hg.
BD.-lMit am Ende d. TP > 20 mm Hg.
40 10 Jo Vo SO 60&H+
Abb 3. Verhalten bei Insuffizienz.
(Volllmd 38 0 C 16 Min. Puls zu Beginn 62.)
bi Anfangswert d. BDs. > 110 mm Hg.
BD -D;iT. am Ende d. TP > 25 mm Hg.
eil S :
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frt -
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rti :
hr-K;
schlechten Schlaf, Atembesclnverden. Es muß wohl zugegeben wer-
den, daß bei vasomotorischen Neurasthenikern durch Thermal¬
bäder — besonders in den warmen Sommermonaten — gelegentlich
Fälle von nervöser Abspannung Vorkommen können; es sind dies
aber meistens jüngere Personen mit neurasthenischen Merkmalen
und intakten Kreislauforganen, wohingegen bei den andern
Kranken neben den nervösen Störungen fast immer auch eines oder
mehrere der obenerwähnten objektiven Symptome zu finden sein
werden.
Die nervösen Störungen sind wertvolle Hinweise auf die be¬
ruhende Uebermüdung des Myokards und fehlen nur selten, wenn
s * c h tatsächlich darum handelt. Ohne andere Zeichen ermäch¬
tigen sie uns aber noch nicht zur Annahme einer Ueberanstrengung
dw Herzmuskels.
Dies erklärt auch, daß eine leichte Ueberanstrengung manchmal,
wenn sieh die Kontrolle nur auf die Untersuchung in der Sprechstunde
beschränkt, eine Zeitlang übersehen werden kann, weil es zu den objek-
,ven fyniptomen noch nicht gekommen ist.
p n.. *. s * übrigens charakteristisch, daß bei unserm Kurpublikum in
Bad Postycn die Meinung verbreitet ist, daß die Bäder „nervös“ machen,
h?. S i db-^ yine Art Brunnenrausch sein, der aber meines Erachtens,
esonders hoi Kranken jenseits des 40. Lebensjahrs, meist auf eine Herz-
J ^ranMrengimg zurückzuführen ist.
"ir können uns aber nicht begnügen, die Symptome der
„h entwickelten Ueberanstrengung zu erkennen, sondern wir
müssen trachten, daß es so w r eit überhaupt nicht komme. Ich habe
Vorjahr an dieser Stelle eine Untersuchungsinethode angegeben,
le ,( di funktionelle Herzkontrolle nannte, durch
Aus diesen Kurven ist aber noch ein zweites diagnostisches
Merkmal ersichtlich. Pulsfrequenz und Blutdruck sind beim Ge¬
sunden sehr leicht veränderliche Weite: Abb. 1 zeigt graphisch,
wie rasch der Kreislauf sich den veränderten Verhältnissen anzu¬
passen sucht. Bei Insuffizienz (Abb. 2 und 3) sehen wir hingegen
eine auffallende T r ä g h e i t d i e s e r Werte, der zweite
Teil der Kurve nähert sich der geraden Linie; ein Zeichen, daß die
Anpassungsfähigkeit des Herzmuskels abgenommen hat.
Die funktionelle Herzkontrolle ist daher geeignet, durch ihre
zwei Kriterien: Blutdruckdifferenz und Charakter der Puls- und
Blutdruckkurven, Insuffizienzen auch leichteren
Grads rasch erkennen zu lassen. Zeigt sie uns, daß ein be¬
stimmtes Thermalbad gut vertragen wurde, so wird auch eine län¬
gere Serie Bäder derselben Intensität das Herz nicht anstrengen;
diese bedeuten sogar ein Training für die stärkeren Bäder. Ergibt
aber die Kontrolle, daß das Bad das Herz angestrengt hat, so
kehren wir zu den schwächeren Bädern zurück oder verordnen
andere, leichtere Prozeduren.
* *
*
In welchen Fällen sollen wir die funktio¬
nelle Herzkontrolle im Thermalbad ausführen?
Durch eine gründliche Untersuchung der Kruslauforgane zu Beginn
der Badekur konnte ich — nach Ausscheiden der jungen kräftigen
herzgesunden Personen — folgende drei Gruppen aufstellen, "bei
welchen die Herzkontrolle nötig ist.
v ) M. Kl. 1913. Nr. 32, S. 1293.
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UMIVERSITY OF IOWA
390
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14.
4. April.
1. Kranke mit organischen Veränderungen der Kreislauf- . nüg«
organe: Vitium, Hypertrophie, Arteriosklerose usw. Va\i
2. Kranke, hei welchen ohne nachweisbare anatomische und erze
klinische Zeichen andere UroBtände die Möglichkeit einer Insuffi- Blu^
zienz nahelegen, z. B. hohes Alter, Potus, Verdacht auf Arterio- Kon
sklerose, niederer Blutdruck, ausgesprochene Fettsucht, durch das ®im
Grundleiden verursachte Temperaturerhöhungen, wenn in der in 1
Anamnese Herzsymptome, Dyspnöe erwähnt werden und ähn¬
liches. er *j
3. Bei Neurasthenikern, furchtsamen Patienten, anämischen
Frauen und Kindern.
Ad 1. Alle inkompensierten Zustände Bind von Thormalbadekuren __
auszuschließen. Aber auch kompensierte Zustände erheischen große Vor-
sicht. Arteriosklerose bildet keine Kontraindikation, solange das Herz
gut ist und man mit Vollbädern nicht über 39 0 C geht. Da der Blut- ^
druck in solchen Bädern sinkt, ist Apoplexie nicht zu befürchten. Im
Stadium der Präsklerose scheinen Thermalbadekuren auf den Kreislauf ^
günstig zu wirken. — Im allgemeinen vertragen Kranke mit erhöhtem nj
Blutdruck die Bäder besser, als solche mit niederem.
Ad 2. Bei älteren Personen mit anscheinend intaktem Kreisläufe ^
zeigt die Herzkontrolle manchmal unerwarteterweise Insuffizienz. — Potus ^
vermindert die Leistungsfähigkeit des Herzens auffallend. — Niederen | ö
Blutdruck fand ich a) als Folge von Herzmuskelschwäche; solche Kranke I
vertrugen Vollbäder über 37° C schlecht; b) als Folge einer großen In- a
aktivität des Muskelsystems, z. B. bei einer ankylosierenden Polyarthritis, l c
bei schwerer chronischer Ischias usw. — In diesen Fällen wurden die <
Bäder in vorsichtig steigender Dosierung sehr gut vertragen; es konnte l ]
sogar öfter ein Ansteigen des Blutdrucks gegen den Normalwert beob- (
achtet werdeD. Hier sind die Thermalbäder ein fein dosierbares Training
des schlaffen Herzmuskels.
Fettsüchtige vertragen oft das Nachschwitzen schlecht. — Leichte
Temperaturerhöhungen, z. B. bei einer subchronischen Polyarthritis, be¬
einflussen bei sonst intaktem Kreisläufe die Leistungsfähigkeit im Bade
fast gar nicht, sodaß auch heiße Prozeduren ohne Bedenken appliziert
worden können. Fieber über 38 0 C kontraindiziert Vollbäder über 37« C,
meist schon wegen der Aknität der Erkrankung. Nach akuten Poly¬
arthritiden ist an die Möglichkeit einer symptomlosen Herzmuskelschwäche
zu denken.
Ad 3. Hier geschieht die funktionelle Herzkontrolle teils zur Be¬
ruhigung des Kranken, teils um uns Belbst zu vergewissern, daß der
Kreislauf suffizient ist und daß eventuelle nervöse Symptome nicht von
einer Ueberanstrengung des Herzens stammen.
Bei allen insuffizienzverdächtigen Kranken sollen die ersten
Vollbäder nicht über 30 bis 37° C und 10 bis 15 Minuten Dauer
sein. Sie können dann gradatim verstärkt werden, solange es die
genügend oft wiederholte Herzkontrolle gestattet, respektive die
Krankheit erheischt; über 40° C zu gehen, ist aber im allgemeinen
nicht zu empfehlen.
StärkereVollbäder können eventuell durch Lokalprozeduren
(Halbbäder von 38 bis 42 o C, Schlammpackungen und Umschläge
von 40 bis 50° C) ersetzt werden.
Ihr Einfluß auf die Größe der Herzarbeit hängt neben der Tem¬
peratur iu erster Linie von der Größe der Körperober fläche ab, die mit
dem heißen Medium in Berührung ist. Eine Ganzpackung mit Schlamm
oder Moor bedeutet für das Herz eine kaum geringere Anstrengung als
ein gleichtemperiertes Vollbad, weil sie eine Wärmestauung ebenso ver¬
ursacht. Die Teilprozeduren hingegen fordern vom Herzen eine um so
geriogere Mehrarbeit, je kleiner die eingepackte Körperoberfläche ist; sie
steigern den Blutdruck nie, sind daher betreffs Wirkung auf den Kreis¬
lauf den Vollbädern bis zu 39 bis 40° C gleichzustellen. — Gut haben
sich mir die Lokalprozeduren abwechselnd mit Vollbädern bewährt: Die
Kranken bezeichneten es als angenehm, wenn „leichtere“ Tage mit
.schwereren“ abwechselten. Aber auch solche Kuren, die vollends aus
Lokalprozeduren bestehen, lassen sieb besonders bei älteren Leuten gut
und mit entsprechendem Erfolg anstellen. Mein ältester Patient, der so
gebadet hat, war 76 Jahre alt Die Kur dauert dann etwas länger, weil
*?• _i:_ur;.i,nn n onf Orannismus trerinerer ist. — Auch di«
die umstimmende Wirkung auf den Organismus geringer ist. — Auch die
Einschaltung von COa-Bädern (nicht unter 34° C), besonders in der
zweiten Hälfte der Badekur, unterstützte in mehreren Fällen kräftig das
empfindliche Herz. — , . ,
Erleichtern können wir die Thermalprozedur, indem wir
auf das Nachschwitzen verzichten.
Der Kranke soll dann nach dem Bad einige Minuten auf dem Ruhe¬
bette leicht zugedeckt liegen, bis die normale Blutverteilung zwischen
Peripherie und inneren Organen teilweise wieder zustande gekommen ist.
Es ist dies besonders bei korpulenten Personen empfohlen, weil sonst
beim Ankleiden leicht Schwindel oder gar ein Ohnmachtsanfall entstehen
kann. Wollen wir aber auf das therapeutisch oft sehr wertvolle Nach-
schwitzen nicht verzichten, dann müssen wir das Bad selbst entsprechend
abschwächen.
Die Hirnanämie, die besonders bei Lokalprozeduren der
untern Körporhälfte, sowie bei schwächlichen, nervösen Kranken
mit niederem Blutdruck leicht eintritt, bekämpfen wir durch ge¬
nügend oft gewechselte kalte Kompressen auf den Kopf. Auch
Validol, in die Haut der Stirn und Schläfen leicht eingerieben,
erzeugt ein andauerndes Kältegefühl, wahrscheinlich auch ein«
Blut Verschiebung in gleichem Sinne wie die Kompressen. Kalte
Kompressen oder der Leitersche Kühler auf das Herz haben
eine vorzügliche Wirkung auf den Kreislauf und sind besonders
in der Trockenpackung sowie bei Lokalprozeduren empfohlen.
1 Diese Wirkung läßt sich nach Hirschfeld und Lewin dadurch
erklären, daß die Hautgefäße der gesamten Körperobetfläche sich auf
reflektorischem Wege kontrahieren, wodurch es zum Steigen des Blut¬
drucks kommt. Wir befördern daher diirch Berzktthlung das Heri in
dem Bestreben, die optimalen KreislaufverhältnisBe wieder herzustellen.
— Vielleicht bewirkt die Herzkühlung auch eine bessere Durchblutung
des Myokards im Weg einer Erweiterung der Coronargefäße. Diese Mög- .
lichkeit ergibt sieb aus dem bekannten Antagonismus zwischen Haut- I i
und tiefen Gefäßen. \
Bei der funktionellen Herzkontrolle sind alle Kompressen zu meiden. )
da sie den Blutdruck beeinflussen würden.* Die Trockenpackung muß
natürlich aus denselben Ursachen beibehalten werden.
Bei Kranken mit hohem Blutdruck lasse ich Lokalprozeluren
| der untern Körperhälfte gern in halb aufgerichteter oder sitzender j
t Stellung applizieren. \
3 I Die Thermalprozeduren geschehen am besten früh morgens j
- I auf nüchternem Magen, weil es nicht erwünscht ist, daß durch \
i, I die Verdauung dem Gehirn noeh mehr Blut entzogen werde. Soll
o dennoch etwas genommen werden, so empfehle ich schwächlichen
6 Personen ein Glas Milch, bei Kranken mit niederem Blutdruck
)_ eine Tasse Tee, mindestens eine Stunde vor dem Bade. Ansonsten
8 soll die Diät kräftig, reizlos und ohne Alkohol sein, unbeschadet
^ der speziellen Vorschriften, die wegen der Gicht, Diabetes, Vor-
e _ fettung u. dergl. notwendig sind. — Wichtig ist, für tägliche
DaTmentleerung zu sorgen. Wenn Abführmittel notwendig,
:rt sind dio saUuischen, besonders bei Korpulenten, am Platze.
C, Ein Gemisch von Magnesium und Natrium sulf. sa, davon ein
ly- Kaffeelöffel auf ein Glas unseres Thermalwassers knapp vor dem
he Bade genommen, hat sich mir am besten bewährt. Die Wirkung
tritt nach drei bis fünf Stunden ein. Abmagerungskuren in Yer-
j e \ bindung mit Thermalkuren, wie es manche Kranke gerne sehen
* er würden, sind bei herzgeschwächten Personen vollends zu ver¬
werfen.
Nach dem Bad ist eine längere Bettruhe bis zu zwei bis drei
j6n Stunden von guter beruhigender Wirkung. Die Nachtruhe soll,
wenn nötig, durch Analgetica gesichert werden, deren Wirkung
! e ich gerne mit kleinen Dosen Morphin oder Kodein verstärke. —
16 Sehr erfrischend und den Kreislauf fördernd wirkt eine leichte
11611 allgemeine Muskelmassago oder passivo maschinelle Gymnastik.
Ruhetage, wie sie bei Thermalkuren oft gehalten werden,
ren verordne ich gewöhnlich nur einmal in der Woche. Von dem
üge Prinzip ausgehend, daß auch das einzelne Bad die Leistungsfähig¬
keit des Herzens nicht übersteigen soll, sind Ruhetage für da»
Herz nicht nötig. Zur Erholung des Nervensystems genügt meist
wöchentlich ein Ruhetag; nur Neurasthenikern gestatte ich, be-
lD al8 eonc ^ ers im Hochsommer, mehr.
ver _ Die geeignetste Zeit für Thermalkuren für Kranke mit weniger
n g0 leistungsfähigem Herzen sind bei uns die Monate Mai, Juni und ^p-
. s j e tember. Die erfrischende Wirkung der kühleren Luft auf den von den
reis- warmen Prozeduren, Schwitzen und Bettruhe ermatteten Kranken ist &u -
a j, en fallend. Nicht verschweigen möchte ich auch jenes praktische Momep.
Die daß * n dieser Zeit die Aufmerksamkeit des Arztes sich eher dem ein-
zelnen Kranken zuwendon kann, weil der große Strom der Heilsachen en
an a noch fehlt-, respektive schon stark abgenommen hat. Die pünktliche
obachtung des Kreislaufs und die funktionelle Herzkontrolle erfordert vi
> r so Zeit und Geduld.
weil Sollte es trotz dieser Vorsichtsmaßregeln oder aus andern
hdie Ursachen zu einer Herzüberanstrengung kommen oder so e
der der Kranke sich mit einer schon entwickelten Ueberanstrengur-
; das Torstellen, so schwinden deren Symptome meist in zwei bi» 1 *!
Tagen Ruhe. Strenge Bettruhe ist schon wegen der stark depr
mierenden Wirkung auf den vorher mobilen Kranken nur aui <
zu beschränken, wo sie unvermeidlich ist. So mußte ich nur oi
mal, und zwar bei einer paroxysmalen Tachykardie, zu dies*.
Mittel greifen. Sonst verordnete ich kalte Kompressen au ‘
Herz, dreimal täglich nach den Mahlzeiten auf je eine btw ■
eventuell etwas Morphin, und erreichte damit jedesmal, d*
objektiven Symptome der Ueberanstrengung schon am ^ac -
Tage verschwunden w T aren. Die nervösen Störungen dau ^
meist etwas länger. »Sind auch diese gewichen, und so ^
Wiederaufnahme der Bäder geschritten worden, dann , ffer t n vor .
nach den besprochenen Prinzipien vorsichtig einschleicnen
gehen.
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pöügle
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UN1VERSITY OF IOWA
307
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14.
4. April.
Mit solchen Maßregeln wird es uns meistens ge¬
lingen, Thermalkuren auch bei Kranken mit weniger
leistungsfähigem Herzen durchzuführen, und wird der
gute Erfolg, den wir oft erreichen werden, uns für die größere
Habe und gesteigerte Aufmerksamkeit entschädigen.
Ueber die Epidemie der Maul- und Klauenseuche
in der Frankfurter Milchkuranstalt 1915
von
Eugen Cahen-Brach, Frankfurt a. M.
Indem ich der Aufforderung der Schriftleitung dieser Zeit¬
schrift nachkomme, über die letzte Epidemie von Maul- und Klauen¬
seuche zu berichten, die anfangs Januar in dem Gehöfte der
Frankfurter Milchkuranstalt ausbrach, möchte ich betreffs dieser
Molkerei einige Bemerkungen vorausschicken.
Die erwähnte Anstalt, die von einer Kommission des Aerzt-
lichen Vereins seit über 30 Jahren überwacht wird, hat sich ver¬
pflichtet, mustergültige Milch und einen ebensolchen aus ihr be¬
reiteten Yoghurt zu liefern. Dieser Aufgabe, zu der im wesent¬
lichen Höhenvieh herangezogen wird, kommt man in dem Maße
nach, daß bei minimalem Schmutzgehalt und einem zwischen 3,5 und
4 % schwankenden Fettreichtume der Bakteriengehalt der selbst
in Sommerhitze stundenlang herumgefahrenen Milch selten mehr
als einige Tausend Keime im Kubikzentimeter beträgt. Solange die !
Anstalt für denVertrieb einer solchen Mustermilch in dem Weich- i
bilde von Frankfurt allein in Betracht kam, konnte die Produktion
bis zu 1200 1 pro Tag bei einem Stande von über 100 Kühen ge¬
steigert werden. Die zunehmende Konkurrenz, die ungünstigere
wirtschaftliche All gemein läge, vor allem nach Ausbruch des Kriegs,
brachten eine erhebliche Reduktion mit sich, zumal da bei den
strengen, vom Aerztiichen Vereine festgesetzten Vorschriften für
den Bezug und die Haltung der Kühe und die Wahl des Futters von
dem ziemlich hohen Preise von 0,60 M für 1 1 Milch, 0,20 M für
1 4 1 Yoghurt nicht abgegangen werden konnte. So kam es denn,
daß zu Anfang Januar dieses Jahres, da die Maul- und Klauen¬
seuche hereinkam, der Stall nur noch über einen Bestand von
47 Kühen mit einer täglichen Milchabgabe von etwa 550 1 verfügte.
Die erwähnte Krankheit, die seit längerer Zeit den Kreis
Frankfurt heimsucht, steht im Zusammenhänge mit der großen
Seuche, die 1910 aus Rußland und Rumänien einbrach und inner¬
halb zwei Jahren alle kontinentalen Staaten erfaßte. Bekanntlich
befällt die Affektion vorzugsweise das Rindvieh, weit weniger
Schweine, Schafe und Ziegen. Nach einer Inkubation von etwa
zwei bis sieben Tagen tritt nach vorherigem Fieber eine Eruption
von Bläschen an der Mundschleimhaut und den Klauen auf, die
platzen und zu Erosions- und Geschwürsbildung Veranlassung
geben. Bei Rindern wird auch das Euter häufig ergriffen, und es
kann sich ein Katarrh der Milcbgänge anschließen, der zu einer
starken Verminderung und colostrumäbnlichen Veränderung der
Milch führt.
Während die Krankheit zumeist günstig verläuft und in zwei
bis drei Wochen oder noch rascher abheilt, gibt es auch Fälle, in
denen der Tod unter den Erscheinungen der Intoxikation eintritfc.
Die Mortalität dieser bösartigen Aphthenseuche beträgt 50 bis 70 %
gegenüber 0,2 bis 0,3% bei der gutartigen Form.
Welche Bedeutung der Maul- und Klauenseuche für die ge¬
samte Volkswirtschaft zukommt, zeigt der vorhin berichtete, augen¬
blicklich immer noch nicht beendete große europäische Seuchen-
von dem bereits im zweiten Jahre nach der Invasion in
Deuischland 29877 Gemeinden mit 3% Millionen Rindern, 1 % Mil¬
lionen Schafen, Über 50000 Ziegen und 2V 2 Millionen Schweinen be¬
troffen wurden. Die Verluste, die den Besitzern der erkrankten
Tiere durch deren Arbeitsunfähigkeit, Abnahme des Körper¬
gewichts, Verminderung der Milchproduktion, ferner die Beschrän¬
kung des Viehverkehrs sowie den Abgang an Nutztieren erwachsen,
werden in Deutschland auf etwa 30 Mark pro Rind geschätzt. Die
Bekämpfung dieser Krankheit bildet darum auch seit langem die
borge der verschiedenen Staatsregierungen. Hierzu dient eine
,“ B ve terinärpolizeilicher Maßnahmen, wie strenge Hof- und Ge-
memdesperre, die Verfügung, die Milch aus verseuchten Molkereien
wir in abgekochtem Zustand oder nach Erwärmung auf 8 o 0 in
Verkehr zu bringen.
Während eine specifische therapeutische Beeinflussung dos
rankheitsprozeafies, dessen Erreger wir nicht kennen, noch nicht
gelungen ist, haben Immunisierungsversuche, wie sie unter Andern
von Löffler erfolgreich angestellt wurden, zu einem gewissen be¬
friedigenden Abschluß geführt. Da jedoch die Kosten pro Kuh
sich auf 20 bis 30 Mark, pro Schwein auf 2 bis 3 Mark belaufen,
so ist an eine Anwendung in großem Maßstabe noch nicht zu
denken.
Um nun auf den Verlauf der Seuche in der Frankfurter Milch¬
kuranstalt zu kommen, so wurde sie am 7. Januar d. J. zuerst fest¬
gestellt, nachdem acht Tage vorher frische Kühe eingebracht wor¬
den waren. Letztere waren wahrscheinlich auf dem Transport
infiziert worden. Im Gegensatz zu früheren Epidemien verlief die
Krankheit diesmal gutartig. Nach zwei Wochen waren sämtliche
Tiere durchseucht. Acht Tage später waren die Munderosionen
bei sämtlichen Kühen abgeheilt. Kein Tier ging ein. Nur eine Kuh
mußte wegen Entzündung der Klauenhaut geschlachtet werden.
Bei sieben Tieren kam es zu parenchymatösen Veränderungen der
Milchdrüse mit ihren Folgen, Verhärtung, Atrophie, infolgedessen
sie bei der Milchproduktion später vollständig ausschieden. Nach
Ablauf des Krankheitsprozesses erholten sich die übrigen Tiere
sehr bald.
Der Milchertrag, der vor Ausbruch der Seuche 12 1 pro Kopf
ausmachte, war auf der Höhe der Krankheit um 50% zurück¬
gegangen. Er betrug Mitte Februar wieder 10 1 und hat sich
bis jetzt, Ende Februar, sogar auf 12 1 pro Kopf gehoben.
Die Milch, die während der Seuche mittels Dampf auf
85° erhitzt wurde, ist polizeilich längst (seit 27. Januar) wiedor
! freigegeben und wird wieder roh in den Handel gebracht. Daß
keinerlei Klagen über schlechte Bekömmlichkeit der Milch seitens
der Abnehmer bekannt geworden sind, muß man zum Teil darauf
zurückfiihren, daß von den am stärksten erkrankten Tieren die
Milch überhaupt nicht zur Ausgabe gelangte. Um den Ausfall an
Milch zu decken, mußte zeitweilig aus einer auswärtigen Sanitäts¬
milchkuranstalt Milch in Kannen bezogen werden, die in bezug auf
Fettgehalt, Keimzahl zwar nicht die Frankfurter Milch erreichte,
jedoch immer ein befriedigendes Ergebnis aufwies.
Aus dem Reservespitale vom Roten Kreuz in Icici bei Abbazia.
Ortizon in der Wundbehandlung
von
Chefarzt Kais. Rat Dr. Franz Tripold.
Angeregt durch die Abhandlung Prof. Dr. Walters
[„Wasserstoffsuperoxyd und seine Präparate in der Wundbehand¬
lung“ 1 )] habe ich Ortizon von der Firma Farbenfabriken vorm.
Friedr. Bayer & Co. in Leverkusen erbeten und erhalten, wofür ich
genannter Firma sogleich an dieser Stelle meinen verbindlichsten
Dank ausspreche.
Das Ortizon ist ein zirka 34 %iges Wasserstoffsuperoxyd
in fester, dauernd haltbarer Form und kommt als Ortizontabletteu,
Ortizonwundstifte, Ortizonpulver und als Ortizon-Mundwasser-
kugeln in den Handel.
Für meino Zwecke, die Behandlung im Krieg erfolgter Ver¬
letzungen, dienten mir ausschließlich nur die Ortizonwundstifte
und das Ortizonpulver.
Die Ortizonstifte sind in dreierlei Größen von 15 bis 22 Milli¬
meter Länge und 2,5 bis ö Millimeter Dicke vorrätig, während das
Ortizonpulver eine feinkörnige, weiße Masse darstellt. — Die Wirkung
der Präparate ist eine zweifache, eine stark oxydierende auf totes
Eiweiß, Blut, Gewebstrümmer durch reichliche Abspaltung von aktivem
Sauerstoff, und eine mechanische, bedingt durch die unter mäch¬
tiger Schaumbildung sich vollziehende Sauerstoffentwicklung.
Die Anwendung des Ortizons ermöglicht die streDge Ein¬
haltung der wichtigsten Grundsätze moderner Wundbehandlung:
Trockenverfahren, möglichste Vermeidung der Tam¬
ponade.
Für Wundflächen eignet sich besonders das Ortizonpulver.
Zeigt die Wunde nach Abnahme des Verbandes viel eitriges Sekret-,
so wird dasselbe mit sterilem Tupfer abgesaugt, die Wunde darauf
mit Ortizonpulver bestreut und rasch trocken verbunden. Bei
geringer Absonderung kann das Abtupfen wegbleiben und Ortizon
sogleich zur Anwendung kommen.
Höhlen- und Fistelwunden erheischen die Ortizonwundstift-
*) Feldärztliche Beilage zur M. m. W. 1Ü14, Nr. 44.
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Gck igle
Original frnm
UMIVERSITY OF IOWA
398
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14.
4. April.
behandlung. Ohne weitere Hantierungen wird der Wundstift ein¬
geführt und raschestens sterile Gaze darüber gelegt und fixiert.
Raschheit ist deshalb vonnöten, weil sonst die gewaltige Seluium-
bildung den Stift schon nach wenigen Sekunden aus dem YYund-
kanale heraustreiben würde.
Durch die mächtige Sauerstoffentwicklung wird eine aus¬
giebige Reinigung des Wundkanals und Tiefenwirkung erzielt; e s
entfällt die Notwendigkeit der Einführung von
Gazestreifen oder Drains, da der Gasdruck den Wund¬
kanal offenhält, die Schaumbildung Eiter und Geweb partikel an
die Oberfläche befördert. Da der Sauerstoff keine ge webs¬
zerstörenden Eigenschaften, keine eigentliche Aetzwirkung hat,
können die Wundstifte ruhig im Wundkanale belassen werden.
Die von mir reichlich geübte Ortizonbehandlung hat mich
das Präparat außerordentlich schätzen gelehrt und veranlaßt mich,
das Ortizon allen chirurgisch tätigen Kollegen bestens zu emp¬
fehlen.
Seine Vorzüge sind: Einfachheit der Anwendung; Zeit¬
ersparnis; energische Reinigung der Wunde ohne Gcweb Schädi¬
gung, ohne Aetzwirkung; Ungiftigkeit; ausgiebige, verläßliche
Tiefenwirkung; rasche Granulationsbeförderung; Wegfall der Ein¬
führung von Gazestreifen oder Drains.
I Literatur. 1. Blessing, Ortizcn. ein festes Wasserstoffsupmxyd-
1 präparat. (1). zahnärztl. \V. 1012. -Jg. 15. Nr. 52.) 2, Strauss, Ortizon. ein
! neues Wasserstoffsuperoxydpri pnrat in fester Perm. (Allg. med. Zentralzeit.
1013. Nr. H.) 3. Blessing, GjrirlZon-Wurdstehi hen. (I). zahnärztl. \V. 1913.
' -)g. 16, Nr. 30.) 4. Engelhard. Ueber Verwendung von Ortizon usw.
(I). Medizinalzeit. 1013, Nr. 41.) 5. Trümmer. Uel:er Ortizon. tM. m. W.
1013. Nr. 40) 0. Kranke. Ein Beitrag zur Behandlung der Ul cm miris.
(Ther. d. Gegemv. 1914. Jg. 10. 11. !.) 7. Derselbe. Ueher Mundpllege.
(Allg. med. Zentralzeit. 1014. Nr. 22) 8. Walther. Wasserstollsuperoxyd
und seine Präparate in der Wundbehandlung. (M. m. W. 1014. Nr. 44.) -
0. Ruhemann. Ueber Ortizon-Wumistilte. (1). in. W. 1014. Nr. 45.) -
10. Müller. Einige Ratschläge lür die Behandlung des Wundstarrkrampf«,.
(M. m. W. 1014. Nr. 40.) — 11. Rindfleisch. Ortizon. (M. m. \V. IHR.
| Nr. 40.) -- 12. Sehellenberg. Ueber Ortizon. ein festes Wassmtoffsupor-
oxvdpräparat. (Württ. med. Korr. Bl. 1014.) - 13. Weintraud, Zur He-
handlung des Tetanus mit besonderer Berücksichtigung der Magnes. sulfat,-
Tlierapie. (B. kl. W. 1014. Nr. 42.) — 14. Hans, Technisches und Thera-
, peutisches aus <’em Reservelazarett zu Limburg. (M. K\. 1014. Nr. 51.) -
| 15. Strauss. Die Behandlung der Gasgangräu im Felde. (M. Kl. 1014.
Nr. 52.) — 10. Fraenkel. Ueber die Verwendung des Wasserstoffsuperoxyds
bei der Wundbehandlung. (D. m W. 1015. Nr. 3.) - 17. Krecke. Ortizou.
(M. m. W. 1015. Nr. 8. Ther. Notizen.) 18. Rapp. Ortizon. tEbenda.t -
10. Hinterstoisser, Behandlung des Wundstarrkrampfs. (W. kl. \V. 1915,
j Nr. 7.)
Forschungsergebnisse aus Medizin und Naturwissenschaft.
Zum 10jährigen Jubiläum der Entdeckung der
Spirochaeta paliida
von
Dr. med. R. Kaufmann, Frankfurt a. M.
Unterm 10. April 1905 machten Schaudinn und E. H o f f -
mann in der Abhandlung „Vorläufiger Bericht über das Vor¬
kommen von Spirochäten in syphilitischen Krankheitsprodukten
und bei Papillomen“ l ) zuerst Mitteilung: von der Entdeckung des
Syphiliserregers. Daß eine so ansteckende Krankheit wie die
Syphilis nur von einem lebenden Organismus verursacht werden
konnte, war im Zeitalter der Bakteriologie selbstverständlich, und
es fehlte natürlich nicht an Bemühungen, den Erreger mit Hilft* der
bakteriologischen Methoden nachzuweisen. Erwähnung verdienen
in dieser Richtung die von Lustgarten 1884 zuerst beschriebe¬
nen säurefesten Bacillen, die lange Zeit als Syphiliserreger galt tau
bis Alvarez und Tavel sowie Kieniper er naihwksen,
daß es sich um Saprophvten handelte. Auch die von J o s e p h
und Piorkow ski beschriebenen Bacillen hielten der Nach¬
prüfung nicht lange Stand, ebenso wie der von N i e ß e n sehe
Bacillus. Weiter verdienen Erwähnung die von Do chic 1892
beschriebenen geißeltragenden Protoplasmagebilde in Sehauker-
geschwiiren. Aufsehen erregten dann die von John Siegel
im Jahre 1904 als Cytorrhyctes luis beschriebenen Protozoen. B< i
Nachprüfung der Siegel sehen Befunde wurde dann von F r i t z
Schaudinn bei gemeinsamer Arbeit mit Erich Hoff in a n u
die Spirochaeta paliida in einer fast geschlossenen Genitalpapel
entdeckt, und dann konnten sie auf Grund ihrer Untersuchungen,
die in Gemeinschaft mit N e u f e 1 d und G o n d e r im Februar
1905 begonnen worden waren, die Spirochäten in syphilitischen
Papeln, Primäraffekten und indolenten Leistendrüsen in frischem
und gefärbtem Zustande nachweisen. Wie jede große Entdeckung
begegnete auch diese anfangs vielem Zweifel und Widerspruch.
i e i_.4.- „v. io* ir-rmitsülie "Rpmorkmio- ries; Vor.
I
und charakteristisch hierfür ist die ironische Bemerkung des Vor¬
sitzenden der Berliner medizinischen Gesellschaft, Ernst von
Bergmann, in der Sitzung vom 17. Mai 1905 nach Schluß der
an den Vortrag von Schaudinn und Hoffmann geknüpften
Debatte- „Damit ist die Diskussion geschlossen, bis wieder ein
anderer Syphiliserreger unsere Aufmerksamkeit in Anspruch
nimmt“ Ater die Nachprüfung ergab bald die Richtigkeit der
Entdeckung S c haudinns und nicht nur bei der menschlichen
Syphilis sondern auch bei der experimentellen Syphilis wurde die
S’n roclrlte nachgewiesen, und die hervorragendsten Syphili-
dX™ U E. besser, Frankel. Met.chnlkoff und
vor allem A Neisser traten warm für die Entdeckung ein, so-
daß der kurz darauf allzu früh für die Wissenschaft versuldedene
Fritz Schaudinn (gestorben am 2. Juni l'JOIn die An-
i rL-iiminc seiner Entdeckung noch erlebte.
r *' Hatte wie Neisser zutreffend bemerkte, die Syphilis-
forsehung am Ende des 19. Jahrhunderts an einem toten Funkte
-<7 Arbeiten aus dem Kaiseriielien liesundheitemnt 22. IM. liviii,
Seite 527.
gestanden, so eröffnete neben der Entdeckung der Uehortragbar-
keit der Syphilis auf Tiere durch Roux und MetschnikoH
im Jahre 1903 die Entdeckung des Syphiliserregers eine Fülle un¬
geahnter Erkenntnisse.
Naturgemäß beschäftigten sieh die Forscher zunächst mittler
Morphologie und dem Vorkommen von Spirochäten im Gewebe
und Verbesserung der ITitersuehungsmelhoden. Während Schau*
d i n n und E. H off m a n n nur im Ausstrichpräparat die Spiro-
| (-bäten nachweisen konnten, bedeutete die Einführung der Siltet-
imprägnierung von V o 1 p i n o und B e r t a r e 11 i einen wichtigen
Fortschritt, da es dadurch möglich wurde, die Spirochäten im Ge¬
webe nachzuweisen. Heute bedient man sich zu diesem Nachweis.* j
fast ausschließlich der von Levaditi angegebenen Silber- "
lm thode. einer Modifikation des R a m o n - V - U a j a 1 sehen Yw- j
fabrens zur PuvsOUung von Nervennitrillen. Zur Darstellung von
Ausstrichpräparaten wurden eine Ruhe von Färbemethoden emp¬
fohlen. Am he.den bewährt sieh di** schon von Schaudinn
und E. Iloffniann empfohlene Untersuchung mit Giemsn-
Lösuug. Doch erzielt man wirklich gute Resultate nur climh
längt re Fäilmng. Daher war sehr bedeutsam die von
K. 11 e rxheimer im Jali.tr* 19t', 5 zuerst eingeführte DuukelfcW-
ini thode. die auf dem von Z s i g m o n d i und S i e d e n t o pf o-
fundenen Prinzip des ITtramikroskops beruht. l)h*se Methode p-
stattet in geradezu idealer Weise in wenigen Minuten den Nach¬
weis lohender Spirochäten. Weit, weniger leisten das von Burn
1909 angegebene Tuscheverfahren und die KoVlargolmethodo.
Mittels diiser Verfahren sind dann die Spirochäten rtudkrt
worden. Von S e h a u d i n n und K. H erxh e i m c* r wurden qu¬
erst (h ißeln heseliriehen. In neuester Zeit hat dann Meirowsk,.
Feinheiten in der Struktur der Spirochäten in mühsamen Arbeite''
nachgewiesen. Doch steht eine Bestätigung dieser Funde von #-
derer Seite noch aus.
Weiter ist bemerkenswert die Heinzüchtung der Spirochad.i
paliida. Es gelang zuerst E. H o f f m a n n die Züchtung der Spn«-
chaeta paliida im Kaninchenaugi* bis zur dreißigsten l’assag''- "■
Jahre 1909 gelang es dann S e h e r e s c h e w s k >; auf erstarrten
Ff erdesei um die Spirochäten zu züchten. Seine Kulturen mm
aber Mischkulturen. M ü h 1 e n s , W. A. H o f f m a n o und '
N o g u c h i konnten dann wirkliche Reinkulturen von Spircc u i. •
paliida züchten. Und X o g u c li i glückte es dann 1911. m\ * ^
kulturen typische syphilitische Läsionen bei Kaninchen ^
zeugen. Mithin sind dadurch die von Robert Koch u
Aetiolcgie einer Infektionskrankheit- auf gestellten Fostuia a \ ^
und damit die Kette der Beweise, daß die Spirochaeta P <1 ‘
Erregerin der Syphilis ist, geschlossen. Noguchi ‘
weiter aus Spiroehätonreinkulturen ein(*n von ihm m p :■
nannten Körper extrahiert, der, ähnlich wie die ( utiroa ^ ^^
Tuberkulose, auf der Haut eine Reaktion lu vvorrutt. die Au ;
W a s s e r m a nnreaktion für die Diagnostik h
schliisso vor allem bei tertiärer Lues zu gehen schein •
Medizin wurde diurh dm ; •
efordert, Iruher^
Aber auch die praktische
deckung der Spirochaeta paliida mächtig
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14.
auch dem geübtesten Svphilidologen nicht möglich, vor dem Auf¬
treten von Exanthemen mit Sicherheit Syphilis zu diagnostizieren,
and es galt daher als Regel, bis zum Auftreten unzweifelhafter
sekundärer Erscheinungen auch mit der Therapie zu warten.
Welche seelischen Qualen durch eine Wartezeit, die sich oft auf
mehrere Monate erstreckte, die Patienten durchmachten, davon
kann jeder ältere Praktiker erzählen. Nicht minder groß war der
Gewissenskonflikt nicht nur für den Patienten, sondern auch für
den gewissenhaften Arzt, wenn es sich z. B. um die Frage des Ehe-
konsenses bei frisch Infizierten oder bei Patienten mit zweifel¬
hafter Syphilisanamnese handelte. Mittels der oben bereits be¬
schriebenen Untersuchungsmethoden kann man fast immer in
kurzer Zeit die Diagnose stellen. Aber auch für die Therapie ist
damit viel gewonnen. Während frühere Svphilidologen, vor allein
die der Wiener Schule, rieten, mit der specifischen Behandlung bis
zum sicheren Auftreten des Exanthems zu warten, gilt jetzt die
Regel, sofort nach Feststellung der Diagnose mit der Behandlung
zu beginnen, und es erscheint jetzt schon als fast sicher, daß man in
der Mehrzahl der Fälle mit einer Kur die Syphilis heilen kann.
Die Entdeckung der Spirochäte warf aber auch ein ganz
neues Licht auf die Beziehung der Syphilis zu andern Krank¬
heiten. Es stellten sich nahe Beziehungen heraus zum RUckfall-
fieher (Fehris recurrens), zur Schlafkrankheit und zur Frambösie,
die gleichfalls durch zur Gruppe der Treponemen gehörige Mikro¬
organismen hervorgerufen werden. Aus der Tierpathologie sei
dann noch erwähnt die Hühnerspirillose. Nun wurde von Robert
Koch und von Laveran zuerst nachgewiesen, daß die durch
Trypanosomen hervorgerufene Schlafkrankheit von Arsenikalien,
vor allem vom Atoxyl günstig beeinflußt wird. In Konsequenz
dieser Beobachtung hat dann Uhlenhuth in Gemeinschaft mit
Groß und Bickel im Jahre 1907 die Tiersyphilis mit Atoxyl
erfolgreich behandelt, und Salmon, Lassar und Andere er¬
zielten auch bei menschlicher Syphilis mit diesem Arsenpräparat
gute Erfolge. Bekannt sind dann die erfolgreichen chemotherapeu¬
tischen Versuche Paul E h r 1 i c h s , die schließlich zur Ent¬
deckung des Salvarsans führten. Somit ist die Großtat von Paul
Ehrlich auch als eine Folge der Entdeckung der Spirochaete
pallida zu betrachten.
Schließlich sei noch erwähnt die Erledigung der alten
Streitfrage über die Beziehung der Paralyse und Tabes zur Syphilis.
Wohl hatten Fournier, Erb und N e i s s e r auf Grund eines
reichen statistischen Materials einen Zusammenhang dieser Krank¬
heiten wahrscheinlich gemacht. Aber ein so hervorragender
Kliniker wie E. von Leyden hatte diesen Zusammenhang be¬
stritten und selbst ein Rudolf Vircho w betrachtete diese
Fälle als ein .,non liquet“. Wenn auch die W a s s e r m a n n sehe
Reaktion einen weiteren Schritt zur Klärung dieser Frage be¬
deutete, so ist doch erst durch die Entdeckung von Noguchi,
der im Februar 1913 unter 70 Fällen von Paralyse zwölfmal und
unter zwölf Fällen von Tabes einmal Spirochäten im Gehirne be¬
ziehungsweise Rückenmark nachwies, die Sache entschieden, und
wir müssen nach diesen, auch von anderer Seite bestätigten Fest¬
stellungen heute die Paralyse und Tabes als Spirillosen des Hirnes
und Rückenmarks bezeichnen (Nonne).
Somit können wir heute schon die Entdeckung des Syphilis¬
erregers als eine der wichtigsten und folgenreichsten auf dem Ge¬
biete der Medizin bezeichnen, und mit Stolz dürfen wir darauf hin-
weisen, daß wir sic deutscher Forschung verdanken.
Referatenteil.
Redigiert von Oberarzt
Sammelreferat
Arbeiten aus dem Gebiete der Hämatologie 1914
von Dr. roed. Werner Schnitz, Oberarzt der II. inneren Abteilung
des Krankenhauses Charlottenburg-Westend.
Von klinischen Arbeiten sei zunächst eine ausführlichere
Mitteilung über Ergebnisse der Milzexstirpation b e i
perniziöser Anämie wiedergegeben. Kohan (1) be¬
richtet über 14 Fälle, die auf der Abteilung G. K 1 e m p e r e r s
beobachtet und durch Mühsam splenektomiert wurden. A on
den Operierten starben drei im Anschluß an die Operation: eine
61jährige Frau mit eitriger Bronchitis, eine 28 jährige Patientin
mit schwerer hämorrhagischer Diathese und eine 52 jährige Frau,
die im Anschluß an den Eingriff eine schwere Pneumonie bekam.
Die (ihrigen elf Kranken überstanden die Operation als solche
snit. Bei neun Patienten war ein Besserungserfolg zu
verzeichnen. Im Blutbefunde wurden Hb-Werte bis zu
bis 80 ° n erzielt, während die Erythrocytenwerte nicht in
Reichem Maß anstiegen, sodaß es noch zu einer weiteren Erhöhung
des an sich bei perniziöser Anämie hohen Färbeindex kam. ^ Auf¬
fallend war die gleich nach der Operation einsetzende Ucbcr-
*<h\ymnmng des Bluts mit kernhaltigen roten Blutkörperchen
»wie das Auftreten zahlreicher Jollykörper in den Ervthrocyten
«h Zeichen einer ungewöhnlich starken Reizung des Knochen¬
marks, welche zur Ausschwemmung zahlreicher unreifer Element!’
fährt. Es ist unentschieden, ob die Milzexstir¬
pation durch den Ausfall eines die Erythro-
P o iese hemmenden Hormons wirkt, oder d u r c li
0 dp nutritive Reizungdes Knochenmarks durch
Schlacken von Erythrocyten, welche nicht
mehr wie vorher in der Milz abgefangen, ab*
gebaut und der Leber zugeführt werden. Koh an
empfiehlt die Therapie in allen Fällen von perniziöser Anämie,
"° andere Behandlungsmethoden nicht vorwärts führen. Die Ope¬
ration dauerte durchschnittlich 20 Minuten.
Einen eigenartigen, als „akute ap 1 as ti s ch e An-
ä m i e“ bezeiclmeten Fall beschreibt F. P a r k e s W e b e r (2). Es
handelt sich um einen 18 jährigen früher gesunden, nicht
wischen jungen Mann, der an Gingivitis und phlegmonöser
nduration der rechten Wange fieberhaft erkrankte. Von diesen
Affektumen erholte er sich. Jedoch entwickelte sich seit Beginn
‘- r MiindafLktion eine schwere fortschreitende Anämie, du* in
Wochen zum Tode führte. Salvarsaubehandlung war ohne
We $cnt)icheu Einfluß. Das Blutbild zeichnete sich durch nahezu
r. Walter Woltt, Berlin.
vollständiges Fehlen regenerativer Elemente (Megalo-, Ervthro-
biasten, Polychromatophilen) aus, auch waren Poikilocytose und
Anisocytose gering. Der Färbeindex schwankte zwischen
und 1. Die Leukocytenzahlen bewegten sich um 2000. Es be¬
stand beträchtliche relative Lymphocytose (74,7 °/ n bis 43,4 °/ w ) und
Verminderung der Blutplättchen. Aus den pathologischen Be¬
funden sei erwähnt, daß keine Lymphdrüsenveränderungen nach¬
weisbar waren und daß das beinahe vollständig als Fettmark
imponierende Oberschenkel- und Humerusmark lediglich am
oberen Ende eine leicht rötlichbraune Färbung aufwies. Im
Diaphysenmark wies besonders der Humerus einige wenige rote
Flecke auf. In gefärbten Schnitten fand man außer Fettzellen und
Erythrocyten Erythroblasten, wenn auch ein großer Teil von
diesen fast nur aus Kern mit kaum sichtbar umgebendem Proto¬
plasma bestand. Einige waren Megablasten, viele hatten
polychromatophiles oder basophiles Protoplasma. Ferner fanden
sieh hier mommucleäre eosinophile Zellen und Megakaryocyten.
An Stelle der Bezeichnung „akute apiastische Anämie 4 .* wird der
Ausdruck „Aplastikämie“ vorgeschlagen, der Ausdruck Hypo-
plastikämie für chronische Formen und Hyperplastikämie für Zu¬
stände abnormer hämopoetischer Knochenmarks-reaktion.
Durch therapeutische Darreichung von „P h y t i n“
(inositphosphorsauremCalcium und Magnesium) glaubt W ol p e (3)
in Fällen von Anämie, Chlorose und Neurasthenie eine Erhöhung
der Erythrocyten- und Leukocytenzahl erreicht zu haben.
Atypische Leukämiefälle beschreiben P a n t o n
und Tidy (3). In vier Fällen sind die Zellen vom Typus der
Myeloblasten oder Lymphoidocvten, in vier weiteren vom Monu-
cytentvpus der Monocyten des Normalbluts. Der neunte Fall
ist durch große, den Abbildungen nach breitleibige Lympho-
cytenformen ohne Agargranula ausgezeichnet. Der letztere
Fall ist besonders dadurch bemerkenswert, daß die Krank¬
heitsdauer mindestens fünf Jahre betrug, während
sonst großlymphocytäre Formen akut zu verlaufen pflegen. Das
Alter des Patienten betrug 47 Jahre. Als beobachtete Leuko¬
cytenzahlen sind 84 000 bis 107 000 pro Kubikmillimeter ange¬
geben. Bei den Monocytenleukämien gleichen die Zellen
am meisten den Monocyten des Normalbluts. Sie sind oft azurophil
granuliert, und die Kerne sind gewöhnlich stark gekerbt und
lappig. Einzelne Myeloblasten finden sieh meist in den Präparaten,
ferner Zellen mit Myeloblastencytoplasma und Monoevtenkern.
Diese Zellen zeigten in einem hierauf geprüften Falle Fhagocytose
für Kokken im Gegensatz zu Myeloblasten. Von den M velo-
b 1 a s t e n 1 e u k ä m i e n ist Fall 2, eines 12 jährigen jungen
Menschen, ausgezeichnet durch die seltenen Mikromyelo-
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4. April.
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b 1 a s t e n. Diese Zellen zeigten im Protoplasma einen purpur-
ähnlichen Ton, der möglicherweise ein Frühstadium von Granula¬
produktion darstellt. Einige der Zellen zeigten undeutliche purpur¬
farbige Granula. Bei der zwei Tage vor dem Tod angestellten
Blutuutersuchung fanden sich 30 00t) Leukocyten pro Kubikmilli¬
meter. Die Differentialzählung ergab: 88,5 °/ 0 Myeloblasten, 9,5 °/ 0
kleine Lvmphocyten und 2 °/ 0 Polynucleäre. Vorher wurde zwei¬
mal ein leukopenischer Blutbefund erhoben: 3400 bis 4600 Leuko¬
cyten pro Kubikmillimeter. Gefärbt w T ar nach Lei sh man.
Ueber eigenartige Einschlüsse in den Leber¬
zellen in einem Falle von Lymphocytenleuk-
ä m i e bei einem 13 jährigen Knaben, deren Beschreibung hier ein¬
geschaltet sei, berichtet Krjukow (5). Es handelt sich um
eigenartige Einschlüsse im auf gequellten Zellprotoplasma in Form
von rundlichen oder ovalen Gebilden, die in vielen Exemplaren
eine deutliche konzentrisch geschichtete Struktur aufweisen. Die
Substanz nimmt häufig die Form von Fasern und Fäden an,
welche ein Netz bilden, in dem auch rundliche Gebilde enthalten
sein können. Bisweilen sieht man im Protoplasma nur einzelne
Bruchstücke der Fäden in Form von Häkchen und Kommas. Die
Dimensionen der Einschlüsse sind ziemlich einförmig, jedoch sind
manche sehr klein, andere dagegen so groß, daß sie bisweilen die
Größe des Zellkerns erreichen. Die Gebilde färben sich deutlich
mit Hämatoxylin, bei Färbung mit Methylgrün-Pvronin rot-
violett, mit May-Giemsa bläulich. Außerdem gibt es noch solche
Gewebspartien, wo das Protoplasma der Leberzellen in unregel¬
mäßige, eckige und rundliche, kleinere oder größere homogene
Schölleben zerfällt, die dem Farbstoffe gegenüber sich ebenso ver¬
halten wie die beschriebenen Einschlüsse. Diese sind
also wahrscheinlich protoplas ma tischen Ur¬
sprungs und auf dem Weg einer Nekrose ent¬
stände n.
Einen eigenartigen Fall, der in das Gebiet der plasma-
cellulären Form von Pseudoleukämie gehört, be¬
schreibt L. K r e i b i c h (6). Es handelt sich um den Erkrankungs¬
fall einer 78 jährigen weiblichen Person, dessen Krankheitsdauer
vom Beginne bis zum Tode nicht ganz 8 l / 2 Monate betrug. Die
Affektion begann mit einer „Watze“ des Nasenrückens,
zu der sich dann davon unabhängig Infiltrationen der Nasenflügel
hinzugesellten. Allmählich wurde das ganze mittlere Gesicht in¬
filtriert. Acht Wochen später traten am rechten Unterschenkel
Knochenveränderungen auf, die zu Spontanfraktur
führten, während sich gleichzeitig wieder neue Tumoren über der
rechten Wange und in der Haut des Oberarms ausbildeten. Dann
folgten Knochenveränderungen im rechten Sprunggelenk, in der
linken Ulna, Tumoren in der Exeisionsnarbe der Oberaruihaut.. Ge¬
schwülste im Gesicht, Tumoren im rechten Humerus und Radius
und an verschiedenen Hautstellen. Die Sektion konstatierte dann
noch Tumoren in der linken Fibula, in den inguinalen und in
einigen Drüsen am Halse. Das Blut war fortgesetzt normal. Nach
dem mikroskopischen Befunde lagenTumoren von plasmacellularem
Typus vor. Da es auch plasmacelluläre Myelome gibt, könnte der
Fall als medulläre plasmacelluläre Pseudoleuk¬
ämie mit lokal malignem, mehr blastomatösem
Charakter gedeutet werden.
Die Cytologie der Blutzellen bei Malaria behandelt
Rieux (7). Seine Beobachtungen beziehen sich hauptsächlich
auf Rezidive von Tertiana- und Tropicafieber, beziehungsweise auf
deren gemischte Krankheitsform. Das rote Blutbild steht unter
dem Zeichen einer sekundären Anämie mit regenerativen und
de generativen Elementen. Sehr selten wurden leere Erythrocyten
mit Schüffnertüpfelung beobachtet. Die Plättchen sind meist ver¬
mindert. Den Anfällen selbst folgt eine Vermehrung der Plattchen-
zahl (Plättchenkrise). Das weiße Blutbild, das zuweilen etwas im
\ r n e t h sehen Sinne nach links verschoben ist, zeigt eine
1 eukonenie (meist 2000 bis 4000 Leukocyten im Kubikmilli¬
meter) d e auf der Höhe des Fieberanfalls einer Hyperleukocytose
Platz macht, in dem Moment, in welchem die Merozoiten m die
Blutkörperchen eindringen. Wenn Leukopenie besteht, kommt
l ese auf Kosten der polynucleären Leukocyten zustande bei
«lMfrivoi- T vmnhocvtose und M^>nocytose. Die Mono-
evten ( können außer* andern Einschlüssen Melanin enthalten.
‘ yelien sind häufig. Nach Rieux dauert die Leukopenie
bei so lange wie die Malariainfektion. Man findet sie noch, wenn
ln Vnfälle auf gehört haben und die Parasiten verschwunden sind.
■ \flnnrui c 1 posc (bis 25 %) kann besonders bei Anwesenheit von
di« Diagnose der latenten Malaria
führen.
•fl
Ueber Knochenmarksriesenzellen im strö-
mendenBlute werden von H. O e 1 h a f e n (8) Beobachtungen
mitgeteilt. Man teilte die Knoehenmarksriesenzellen nach Hoff¬
man n und Langerhans ein in echte Riesenzellen mit
mehreren Kernen und Riesenzellen mit einem stark gelappten
Kerne, die man heute nach dt o b i n als ,,M y e l o p 1 a x e n“
oder nach Ho well als „Megakary ocy ten“ bezeichnet
Normalerweise sind nach der Literatur Kuochenmarksrie&enzellen
m den Capillaren der Lunge zu finden, ferner im myeloisch-meta¬
plastischen Gewebe in Milz, Leber und Lymphdrüsen. Bei
myeloischer Leukämie sind sie im Knochenmarke meist vermehrt.
Im Blutausstriche werden die Riesenzellen nach Oelhafen ent¬
weder in relativ kleinen Exemplaren angetroffen oder in vor- j , v
zerrter Form, beziehungsweise nur in ihren einzelnen Teilen,
Kernen oder Plasmaresten, die aber noch genügend Unterschei¬
dungsmerkmale besitzen, um identifiziert zu werden. 0 e 1 h a f e n
fand Riesenzellen bei c h t o n i s c h e r M y e 1 o s e 11 mal positiv,
1 mal negativ, bei aleukämischer Myelose2mal positiv,
2 mal negativ, bei P o 1 y c y t ä m i e 2 mal positiv, 1 mal nega¬
tiv, bei Leukocytosen 1 mal positiv, sonst negativ. Bei
lymphatischen Hyperplasien und bei akuter
myeloischer Leukämie wie bei Infektions¬
krankheiten (Pneumonie, Lymphogranulom) waren die Be- '
funde negativ. Bezüglich des Zusammenhangs der
Blutplättchen mit Abschnürungsvorgängen m
Protoplasma der Riesenzellen neigt der Autor der Ansicht
zu, daß zwar Differenzen besonders im Kaliber der Granulierung
beider Gebilde bestehen, daß aber in den Plättchen ein Ver¬
schmelzen einzelner Granula der Riesenzellen zu gröberen Körn¬
chen angenommen werden kann. Weitere Ausführungen enthält
St. Kleins 1914 erschienene Monographie über die „Myelo-
gonie“.
Als Beitrag zur Cytologie der Exsudate beschreibt
R. Kipp (9) einen Fall von tuberkulöser Pleuritis mit wech¬
selndem eytologiselien Befunde bei einem 66 jährigen Manne. Die
durch Probepunktion gewonnene, fast klare und bernsteingelbe
Flüssigkeit zeigte 17 °/ 0 Erythrocyten, 83 °/ 0 weiße Elemente.
Letztere zerfielen in 46,3 °/ 0 Neutrophile, zum Teil atypische
Formen (Pseudomvelocyten, das heißt große neutrophile Zellen mit
breitem Protoplasma und einem kleinen, centralen pyknotischen
Kerne, ferner Neutrophile mit zwei bis drei meist getrennten, zu¬
weilen noch miteinander verbundenen kleinen pyknotisdien
Kernen, Zellen, die degenerierte polymorphkernige Neutrophile
darstellen, aus denen als Teilungsprodukte die Ehrlich sehen
sogenannten Pseudoly mphocy ten hervorgehen), jedoch
keine echten Myelocyten, 0,2 °/ 0 zum Teil einkernige eosino¬
phile, 0,1 °( fl basophilgekörnte und 53,5 °( ft lym-
phoide Zellen, unter denen man Endothelien, Myeloblasten
und Ly mphocy ten unterschied, also ein m y e 1 o 1 e u k ä m o i d e s
Bild. Bei der zweiten Punktion fanden sich vorzugsweise auf Kosten
der Neutrophilen besonders die Lymphocyten vermehrt, sodaß
von einem lymphocytär-myeloleukämoiden Bilde
gesprochen werden konnte.
Bei einer weiteren Punktion wurde ein lymphocv t-är-
eosinophiler Befund erhoben, mit 7 °/ 0 Eosinophilen und
0.5 Basophilgekörnten, auch deren myelocytären Formen. Bei
der letzten Punktion bestand fast reine Ly mph ocy tose.
Z.ur Erklärung dieses wechselnden Verhaltens erinnert Kipp an
die Beziehungen der verschiedenen Leukocytenformen: der Neu¬
trophilen zu Bakterieneiweiß und Nucleoproteiden, der Eosino¬
philen zu Wurmgiftabbauprodukten und den bei Anaphylaxie au-
tret,enden Produkten allgemein, schließlich der Lymphocyten w
Bacterienlipoiden.
Mit Untersuchungen über die Viscosität des Bluts 1*
schäftigt sich M. Waisser (10). Die Bestimmungen gescham '
mit dem Heß sehen Viscosimeter. Außerdem wurden Hämog o'
gehalt des Bluts sowie die Zahlen der roten und weißen
körperchen festgestellt. Ferner wurde im Anschluß an He
Bachmann mittels Division des Hämoglobingeualts
durch die Viscosität (*?) der Quotient —— berechnet, welcher
Gesunden infolge eines weitgehenden Parallelismus beider’
ziemlich konstant zwischen 17 und 21 liegt (normale > isc •
Hb __ 96 — -20.
normaler Hb-Gehalt 85 bis 90 % (Sahli), — 4 5
Neben den bekannten Beziehungen, welche zwischen Ep
zahl und Hämoglobin einerseits
und V iscositätswert anders« 1 *
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nglHäl rr;n
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4. April.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14.
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bestehen, wandte W a i s s e r seine Aufmerksamkeit dem Verhalten
der weißen Blutkörperchen zu. Nur bei hohen Leukocytenzahlen,
speziell bei Leukämien mit großen, myeloischen Elementen, war
ein Einfluß im Sinne einer Viscositätssteigerung konstatierbar.
Die Holmgrensehe Angabe, daß der Viseositätswert mit dem
Quotienten Polymorphkernige : Lymphocyten steigt und fällt,
glaubt Waisser nur für Tuberkulose zugeben zu dürfen, obwohl
seine Beobachtungen sich mit denen Holmgrens zum Teil
decken. Bei Diabetes mellitus wurden meist erhöhte Werte ge¬
funden, desgleichen bei Ikterus. Bei kompensierten chronischen
Nephritiden waren die Werte normal, bei dekompensierten, die mit
Hvdrämie einhergingen, herabgesetzt. Schilddrüsenerkrankungen
zeigten herabgesetzte Werte, vielleicht in Zusammenhang mit ver¬
mehrtem Jodgehalte des Bluts. Die medikamentöse Herabsetzung
der Viscosität durch Joddarreichung gelang Waisser in drei
von vier Fällen. Blutkrankheiten, speziell Anämien, wiesen die
Viscositätsveränderungen auf, die nach dem Verhalten von Hb
und Ervthrocytenzahl zu erw r arten waren. Careinomfälle zeigten
nichts Charakteristisches.
Klinische Untersuchungen über das Resistenzverhal¬
ten menschlicher Erythroeyten bringt eine Arbeit
von F. Ottiker (11).
Die angewandte Methode ist die von Widal modifizierte
Hamburger sehe Resistenzprüfung: Eine Anzahl von Zentrifugen¬
rührehen werden mit NaOl-Lösung von verschiedener Konzentration
beschickt und in die Lösungen mit der S a h 1 i sehen Pipette, die mit
einem kleinen Gebläse versehen wurde, je 20 emm Blut gebracht. Nach
einer Stunde wurde zentrifugiert und totale. Hämolyse dann ange¬
nommen, wenn bei verschiedenen Präparaten in je zehn Gesichts¬
feldern keine intakten roten Blutkörperchen mehr gefunden wurden.
Bei Temperaturdifferenzen zwischen 15 bis 37 0 änderte sich
weder die minimale (0,50 °/ 0 bis 0,46 °/ 0 ) noch die maximale
(0.26 0 (1 bis 0,22 °/ 0 ) Resistenz. Defibriniertes Blut zeigte gegenüber
Capillarblut eine leichte Erhöhung der minimalen Resistenz, zum
Beispiel von 0,48 °/ 0 auf 0,46 °/ 0 . Erythroeyten, die in physio¬
logischer Kochsalzlösung oder im eignen Serum unter sterilen Kau-
telen 24 Stunden auf bewahrt waren, zeigten eine hochgradige
Rcsistenzverminderung (auf 0,56 °/ 0 bis 0,58 °/ 0 bi s
M'VJ. Erwärmen auf 47° bewirkte ebenfalls Resistenzvermin-
deruiig. Einwirkung minimaler Saponinmengen erzeugte keine
sichere Veränderung der osmotischen Resistenz. Hierzu ist eine
Saponinnienge nötig, die derjenigen, welche eine beginnende
Himolyse zu erzeugen vermag, ziemlich nahe steht. Bedeutend
größer ist die osmotische Resistenzverminderung beim gemein¬
samen Einwirken von Saponin und C0 2 auf die Erythroeyten. ln
zwei klinischen Fällen (Haemoglobinuria paroxysmalis, Anaeinia
pcrnic.j fand sich normale Resistenz im Capillarblute, stark ver¬
minderte im defibrinierten. Möglicherweise beruht dies auf
Hiimolysinverankerung während der Bearbeitung in vitro, und zwar
in einer Menge, die an sich noch nicht genügte, Hämolyse zu er¬
zeugen. Auch die Saponinresistenz der Erythroeyten wird durch
vermehrten CO s -Gehalt derselben herabgesetzt. Herabgesetzte
osmotische Resistenz der Erythroeyten ist irreversibel, wenn
de durch Erwärmen auf 45° oder C0 2 -Wirkung herbeigeführt war.
öffenbar bewirken die betreffenden Agentien eine direkte chemische
Prämierung der Erythroeyten, beziehungsweise irgend eines
Kunstituanten der Mischung von absorbierenden Kolloiden des
Stromas, die zu einer Aenderung der Adsorptionsfähigkeit für
Hämoglobin führt. Auch die Verminderung der Saponinresistenz
Erythroeyten durch C0 2 -Einwirkung ist nicht reversibel, so-
daß auch für die Saponinhämolyse kolloidchemische Verhältnisse
anzunehmen sind.
Eine weitere Arbeit auf diesem Gebiete führt in das Kapitel
der experimenellen Physiologie und Pathologie.
A. Kagan (12) stellte Versuche über die Erythro-
eytenresisten zgegenüber Saponin in verschiedenen
Medien sowie bei Vergiftung mit Saponin selbst an. Es wurden
‘Vrien von Saponinlösungen in 0,9°/ (1 iger CINa-Lösung sowie in
IfcOtonischer) 8°/„iger Rohrzuckerlösung hergestellt und die
Resistenz von gewaschenen normalen Kaninchen- und Hamrnel-
erythroeyten gegenüber ersteren festgestellt. Es ergab sich eine
erhöhte Saponinzuckerresis tenz gegenüber der
Saponinkochsalzresistenz. Nach teils subcutaner,
teils intravenöser Einverleibung von 35 mg Saponin
fand sich beim Kaninchen keine R e s i s t e n z s t e i g e r u n g
der Erythroeyten gegenüber Saponin, dagegen eine geringe Ver¬
minderung. Auch nach Cyclaminvergiftung war eine Resistenz-
Steigerung gegenüber Saponin nicht feststellbar. Auffallende
morphologische anämische Veränderungen konnten im saponiu-
vergifteten Tiere nicht nachgewiesen werden.
Zur Pathogenese des hämolytischen Ikterus
bringen Daumann und Pappenheim (13) experimentelle
Beiträge. Sie fanden, daß beim Hunde die Injektion von
arteignem Lackfarbenblute, defibriniertem Blut oder gewaschenen
arteignen Erythroeyten nicht zu Cholurie führt. Wohl aber läßt
sich Cholurie herbeiführen, wenn man mit der Einverlei¬
bung von defibriniertem oder gewaschenem
Blut eine Toluylendiamininjektion kombiniert,
beziehungsweise der ersteren Applikation folgen läßt, und zwar in
einer Dosenhöhe des Toluylendiamins, die für sieh allein nicht zu
Cholurie führt. Der negative Ausfall, das heißt das Ausbleiben
der Cholurie, bei Verwendung von lackfarbenem Blut und
kleiner Toluylendiamindosis wird auf zu schnelle Diffusion des ge¬
lösten Hämoglobins durch das Milz- und Nierenfilter zurückgeführt.
Auf die ausführlicheren Erörterungen der Autoren über hämo¬
lytischen Ikterus kann hier nur verwiesen werden.
Während durch Applikation genügender Dosen von Toluylen¬
diamin beim Hund eine Vergiftung hervorgerufen wird, die mit
Ikterus einhergeht, fehlt hei der Toluylendiaminvergiftung des
Kaninchens die Gelbsucht, und zwar auch dann, wie Versuche
A. L. v. Friedrichs 1 ) zeigen, wenn man der Einverleibung des
genannten Giftes Kollargolinjektionen vorausgehen läßt.
Das Toluylendiamin gehört zu den sogenannten ..p las-
mo tropen“ Giften, das heißt solchen, welche nicht direkt hämo¬
lytisch wirken, sondern auf indirektem Wege. Die Erklärung des
T o 1 u y 1 e n d i a m i n i k t e r u s beim Hunde wurde in
Frankreich zum Teil in der Annahme einer Leberhyperaktivität
und der Entstehung einer besonders hohen Fragilität der Erytliro-
cyten gesucht, des näheren in einer besonders starken hämo¬
lytischen beziehungsweise resistenzherabsetzenden Wirkung der
Milz und des Knochenmarks; auch die Leber kam in Krage. Ls
zeigte sich in Reagensglasversuchen von Milos Netou-
§ek (14), daß der Milzextrakt toluylendiaminvergifteter (und nor¬
maler) Hunde weder eine hämolytische noch eine resistenzverän¬
dernde Wirkung auf arteigne normale oder giftanämische Erythro-
cyten hat. Dagegen hümolysiert Toluylendiaminhundeserum nor¬
male Hundeerythrocyten, sodaß es anscheinend gewisse iin Blut¬
plasma suspendierte Stoffe sind, die eine zum Ikterus führende
Hämolyse verursachen. Nach Milos Net o u s e k tritt deutliche
Hyporesistenz der Erythroeyten nur bei schweren Toluylendiamin-
Vergiftungen der Hunde auf, sonst zeigt das Verhalten der
Resistenz keine wesentliche Abweichung von der Norm.
Mit der Frage der experimentellen myelois c h e n
Milzmetaplasie und der Wirkung von Toluylen¬
diamin beschäftigt sich eine Arbeit von R. Hertz (15). Der
Autor steht auf dem Standpunkte, daß die extramedulläre
B 1 u t b i 1 d u n g keine vicariierende regenerative
Erscheinung darstellt, sondern auf die m y e 1 o m e t a -
plastische Wirkung eines Giftes zurüekzuführei. ist.
Bei 11 a m i s Versuchen, der Kaninchen durch Aderlässe anämisiert
und dann lackfarbenes Kaninchenblut injiziert hatte, scheint
diese Giftwirkung durch Erythroeytenzerfallsprodukte hervor¬
gerufen zu werden. Hertz fand keine myeloische Milzmetaplasie
in Kaninehenversuchen, w r enn er Tiere anämisierte und körpereignes
Blut intraperitoneal oder subperitoneal injizierte oder körper¬
fremdes Kaninchenblut wiederholt injizierte, auch dann nicht, Avenn
Aderlässe des Versuchstiers vorgenommen wurden. Dagegen
w r urde myeloische Milzinetaplasie nachgewiesen bei Kaninchen,
denen zwecks Erzeugung von Hvperglobulie ganz kleine Mengen
Toluylendiamins subcutan injiziert waren.
Chemische Untersuchungen über die Zusammensetzung der
Heinzkörperchen der Erythroeyten, welche bei Tieren auf-
treten, die mit Phenylhydrazin vergiftet sind, enthält eine
auf Veranlassung von Morawitz durchgeführte Arbeit von
F. Heuer (16), welche über die Zusammensetzung der genannten
Gebilde zu andern Gesichtspunkten gelangt als die vorigjährige
(1913) Arbeit K u n k e 1 s. Heuer nimmt an, daß die Heinz¬
körperchen bildung fast ausschließlich aus Eiweißstoffen erfolgt,
die keinen Phosphor enthalten, daß der gefundene Nueleinphosphor
daher auf das Stroma zu beziehen ist. Der Gehalt des Sediments
an Phosphorsäure (P 2 O ß ) schwankt zwischen 0,6 und 2 0 „ der
Trockensubstanz. Davon dürften über 50 % Nueleinphosphor
sein, etw r a 5 bis 20 °/ 0 sind Lipoidphosphor, der Rest anorganischer
Phosphor. Der Gehalt an Cholesterin beträgt 2 bis 6,5 der
') Fol. lmemat. Bd. 18. H. 4. f
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UNIVERSUM OF IOWA
402
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14.
Stickstoffgehalt 9,8 bis 14,2 °/ 0 der Trockensubstanz. Ein Phosphor¬
proteid (Nueleo-Albmnin) scheint nicht vorhanden zu sein.
Während man im allgemeinen die hauptsächlichste Quelle
für die Entstehung des Urobilinogens in der Reduk¬
tion des Bilirubins durch die Darmbakterien annimmt, entbehrt
die Frage der Möglichkeit der direkten Bildung
von Urobilinogen und Urobilin aus Hämoglobin
noch genügender experimenteller Unterlagen. Versuche in der
letzteren Richtung bringt eine Arbeit von Giovanni
Q u a d r i (17). Dieser Autor mischte Hämoglobinlösungen aus ge- !
waschenen Ochsenblutkörperchen mit Kulturbouillon und säte in |
jede Röhre eine Oese einer 24 sttindigen Bouillonkultur von
Typhus, Paratyphus A und B, Colibacillus, M. melitensis, B. dys-
enteriae (S h i g a - K r u s e), Streptococcus, Staphylococeus, Ba¬
cillus aeidi lactici und Diplococcus Fraenkel. Die Röhren wurden
bei 37° im Dunkeln gehalten und in wechselnden Abständen, an¬
fangs in Tagen, bis zu einem Monat sowohl spektroskopisch wie
chemisch untersucht. Die Umwandlungen, welche das Hämoglobin
erfuhr, gingen in keinem Fall über das Methämoglobin und das
Schwefelhämoglobin hinaus. Es wurde durch die Einwir-
4. April.
k u n g der Bakterien in vitro k eine U rn w a n d 1 u n g
von Hämoglobin in Urobilin erhalten.
Beobachtungen über das Verhalten des normalen
j Hundeblutes sind in einer Arbeit von J. H. Muss er mul
! L. B. Krumbha a r (18) enthalten. Bei 47 Hunden wurden 5,978
Millionen Erythrocyten und 98% Hb (nach Fleischl) als
Durchschnittszahlen festge: eilt. Als durchschnittliche Lcuko-
eytenzahl wurde 15 900 gefunden. Die Leukocytendifferential-
zählung ergab von 22 Hunden folgendes Durehschnittsbild: Poly-
nucleäre 66,6 °/ n , Lymphocyten (kleine) 22,1°/ n , große Mononucleäre
und Uebergaugsformen 0,8 °/ 0 , Eosinophile 5 °/ 0 , Mastzellen
selten. Die« durchschnittliche Resistenz von ungewaschenen Ery¬
throcyten 22 normaler Hunde war wie folgt: Beginnende Hämo¬
lyse bei 0,462 °/ 0 OlNa, vollständige bei 0,33 °/ 0 CINa.
Die Fehlerquellen der Blutkörpe'rchenzählung und
deren Vermeidung behandelt Roerdansz (19). Der Autor be¬
schreibt sein neues Instrument, welches nach dem Prinzip der
Thoma-Zeißschen Pipette konstruiert, aber mit einem besonderen
Mischraum oberhalb des oberen (kurzen) Capillarrohrs ver¬
sehen ist. (Schluß folgt.)
Aus den neuesten Zeitschriften.
Berliner klinische Wochenschrift 79/5, Nr. 12.
Unna (Hamburg): Kriegsaphorismen eines Dermatologen. Aus
der an und liir sich guten antiekzernatösen Diachylonsalbe Hebras läßt
sich eine Paste nicht herstellen, wohl aber aus der Zinksalbe Wilsons,
und zwar einfach durch Hinzufügen von je 10% Schwefel und Kreide.
Gegenüber den Ekzemkokken versagt nicht bloß die Borsalbe, sondern
jedes gewöhnliche Antisepticum. Dagegen sterben diese ab unter dem
Einflüsse von eintrocknenden und reduzierenden Mitteln.
Meyer (Königsberg): Die Frage der Laminektomie bei Schuß-
verletznngen vom neurologischen Standpunkt In allen Fällen von Schu߬
verletzungen der Wirbelsäule mit spinalen Folgeerscheinungen sollte,
wenn nicht sehr bald weitgehendste Besserung eintritt, ein frühzeitiger
operativer Eingriff zum mindesten sehr ernstlich erwogen und, wenn
irgend angängig, ausgeführt werden.
Salkowski (Berlin): lieber die Deckung des Eiweißbedarfs im
Kriege. Die größere Morbidität und geringere Lebensdauer der ärmeren
Bevölkerung unter andern hängt auch von einer zu geringen Zufuhr des
teuren Eiweißes ab. Die Quellen des Eiweißes für die ärmere Bevölke¬
rung sind, abgesehen vom Fleisch und den Kartoffeln, die Aufnahme des
Eiweißes im Brot, ferner Magermilch und Magerkäse, Heringe. Relativ
billiges Eiweiß ist in den Hülsenfrüchten vorhanden. Ein gutes Fleisch- 1
ersatzmittel ist schließlich das Blut der geschlachteten Tiere und die ;
daraus herstellbaren, für die menschliche Ernälirung geeigneten Produkte.
Pel (Amsterdam): Familienmagenkrebs. In einer Familie, in
welcher bisher niemals Krebsfälle vorkamen, starben von sieben Kindern
fünf i durch Magenkrebs, ohne daß für die Entwicklung der Krankheit
disponierende Momente (Alkoholmißbrauch, Trauma) mitwirkten. Der
Verfasser behandelte außerdem eine Kranke, welche mit Symptomen von
Oesctphaguskrcbs kam, von deren acht Geschwistern eine Schwester im
Aitel von 66 .Jahren an Magenkrebs und ein Bruder, 68 Jahre alt, nn
Oesojphnguskrebs starben; von der gesund gebliebenen Schwester starb
gleichfalls eine Tochter, 40 Jahre alt, an Magenkrebs und zwei Brüder
jhrei Mutter an Carcinoma faciei und Carcinoma faciei et linguae, während
der Vater (40 Jahre alt) an Magenkrebs und drei Brüder des Vaters
irlcichfalls an Krebskrankheit gestorben sind; das sind also neun bis zehn
Fülle} von Krebs in einer Familie, davon sechs in zwei Generationen.
Bekannt ist außerdem die Disposition zu Krebs in der Familie Bonaparte.
Die statistische Krcbsuutersuchung (1900 in Holland 878 Personen) konnte
in 10% der Fälle bei den Eltern und Großeltern Krebs nachweisen, und
in 1^,1% in der Familie überhaupt.
Wiewiorowski: Die Blutstillung auf dem Schlachtfelde. Not¬
wendige Unterbindungen müssen in der Wunde vurgenommen werden;
es ist jedoch ein Fehler, auf dem Truppenverbandplatz in der Wunde j
sehe
offizi
oder
dom Truppenverbandplatz ist zu widerraten. Der Abtransport bei jeder
Blutung ist vorsichtig, möglichst durch Tragen, zu bewerkstelligen, doch
sind die Grenzen der Transportfähigkeit möglichst weit zu stecken. Auf
ruhige Lagerung (eventuell fixierender Verband) und sorgfältige Aus¬
füllung der Verwundetentäfelchen ist besonderer Wert zu legen. Bei
Venepblutungen ist in die Wunde ein Tampon einzulegen und die äußere
zuzerren und geronnene Blutmassen auszur.mmen. in einzelnen !
läßt man am besten eine angelegte Klemme liegen. Die Esnmrch- !
Blutleere ist nur durch Aerzte oder sehr geübte Sanitätsunter- j
»re anzulegen; vor der Anlegung der Blutleere durch Krankenträger
Laien ist zu warnen. Die Unterbringung am Orte der Wahl auf
Wunde fest zusammenzuziehen. Im Feldlazarett ist unmittelbar nach der
Einlieferung Ausgebluteter die Kocbsalzinfusion zu empfehlen.
Indemans (Maastricht): Hypertrophia congenita glandularum
salivarium cum lymphomate colli congenito. In den mitgeteiltcn Fällen
fand sich eine angeborene starke Hypertrophie der Speicheldrüsen neben
einer cystischen Lymphgeschwulst im Halse. Das Kind war stertorös
und beim Zappeln und Schreien entstand sofort eine ziemlich heftige
Cyanose des Gesichts. Es starb an akutem Magendarmkatarrh.
Gigon (Basel): Bemerkungen über die Kost der Arbeiter. Wichtig
ist weniger die quantitative (Gesamtstoffbedarf, Gesamtgewicht) als die
qualitative Zusammensetzung der Kost. Reckzeh (Berlin).
Deutsche medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. 12.
Hugo Ribbert (Bonn): Die funktionelle Brauchbarkeit nekroti¬
scher Gewebe. Während Weichteilnekroson als tote Massen nichts mehr
leisten, sondern lediglich zu unbrauchbaren, als Fremdkörper wirkenden
Substanzen geworden sind, und als solche, wenn sie rings in lebende
Teile eingeschlossen sind, resorbiert oder durch neugebildetes Binde¬
gewebe ersetzt werden, kann die abgestorbene Knochensubstanz auch im
toten Zustand ihren mechanischen Anforderungen genügen. So ist es
auch bei der Transplantation. Als weitere Beispiele führt der Verfasser
an: Die mit zunehmendem Alter so häufige Verkalkung des Tracheal-
und Bronchialknorpels, der, soweit er Kalk enthält, abgestorben ist. Auch
hier sieht man nicht die geringsten Anzeichen einer Sequestierung, wohl
aber einen teilweisen Ersatz der verkalkten Teile durch Mark- und
Knochengewebe. Aber in seinem größten Umfange bleibt der abgestor¬
bene Knorpel bestehen und genügt den Ansprüchen eines Stützapparats.
Ebenso ist es mit den verkalkten Abschnitten der Media von Arterien.
Es handelt sich dabei ebenfalls um nekrotisches Gewebe, das, wie nach
Entkalkung deutlich hervortritt, in die Continuität eingefügt bleibt und
die äußeren Formen der Wand erhalten und stützen hilft. Die hierdurch
erwiesene Möglichkeit einer dauernden mechanisch-fuDktionellen Einfügung
toten Gewebes in lebendes erfährt noch durch experimentelle Unter¬
suchungen des Verfassers, die eingehender erwähnt werden, eine weitere
Stütze.
Heinrich Loeb (Mannheim): Salvarsannatrium. Das Präparat,
das ebenso leicht und bequem anwendbar ist wie das Neosalvarsan, hat
sich dem Verfasser sehr bewährt, und zwar meist in Dosen von 0,3 oder
0,45. Immer wird gleichzeitig Quecksilber verabfolgt, meist in Form von
1 [ydrargymm salicylicum- oder Mercinolinjektionen, und zwar wöchentlich
zwei Hg-Injektionen und eine Salvarsannatriuminfusion auf die Dauer
von 4 bis 5 Wochen.
H. Weitz (Bardenberg b. Aachen): Zar sabdiaphragmafischen
Herzmassage. Da sie sehr angreifend, sogar gefährlich ist, darf sie erst
dann angewandt werden, wenn Zungentraktionen, künstliche Atmung,
präkordiale Herzmassage (rhythmische Stöße mit der flachen Hand auf
die Herzgegend!) nicht mehr zum Ziele führen. Gelegenheit dazu gab
dem Verfasser eine Chloroformnarkose, bei der es nicht zu der respira¬
torischen, blauen, sondern zu der ungleich gefährlicheren circulatori-
schen, weißen Synkope kam. Darauf: Desinfektion des Epigastriums
mit Jodtinktur, Laparotomie durch Mittelschnitt, bei dem keim Tropfen
Blut floß, Eingehen mit der rechten Hand gegen das Zwerchfell hin, da9
vollständig schlaff war, Erfassen der Herzspitze mit der rechten Han
und Ausführung der subdiaphragmatiachen Herzmassage, die teilweise
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UMIVERSITY OF IOWA
L April. 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14. 403
binianuell war, indem die auf die Präkordialgebend aufgelegte linke Hand
die im Bauche befindliche unterstützte. Nach etwa drei Minuten plötz¬
licher Schlag gegen tlie Hand des Massierenden: Das Herz schlug wieder.
Auch die Atmung setzte wieder ein. Der Erfolg hielt aber nur
30 Stunden an. Dann trat der Exitus ein
\V. Gross (Harburg-E.)' Zur Behandlung von Rippenbrücheru
Empfohlen wird ein einfacher Heftpflastcrverband, der in der Form eines
Laagsstreifens von Heftpflaster unterhalb der Bruchstelle beginnt und
dann über die entgegengesetzte Schulter zieht.
Tietze und Korbsch: Zum Kapitel der Gasphlegmone („Gas-
phlegmone der Pia mater“). An der Hand eines recht seltenen Falles
von Tangentialschuß der linken Stirnseite, wobei es zu einer durch
direkte Einimpfung erzeugten „Gasphlegmono der Pia mator“ kam,
empfehlen die Verfasser, bei jedem Tangentialschuß, der frisch zur
Behandlung kommt, die Wunde zu erweitern oder zu exzidieren. Ergibt
die Revision des Knochens eine auch nur oberflächliche Verletzung
dieses, so solle man trepanieren. Handelt es sich um eine Hirnzertrüm¬
merung, so müssen die zertrümmerten, mit Blut versetzten und ver¬
backenen Massen reinlich, aber schonend (durch Ansaugen, Berieseln mit
Wasserstoffsuperoxyd) entfernt werden.
Heppe (Guntershausen bei Kassel): Vereinfachung und Verbesse¬
rung der maschinellen Gymnastik durch die Heermannschen Apparate.
Es handelt sich hierbei um ein neues System von Bewegungsapparaten,
das vor den Zanderapparaten und ähnlichen Systemen außerordentliche
Vorzüge aufweist, die der Verfasser hervorhebt. Einige dieser He er¬
mann schon Apparate werden beschrieben und durch Abbildungen er¬
läutert. Während die Anschaffung der notwendigsten Zanderappnvate
wenigstens 1500 M kostet, werden die sämtlichen Heermannschen
Apparate in dauerhafter Ausführung von B. Braun in Melsungen zum
Preise von 300 M geliefert.
Richter (Königsberg i. Pr.): Die Bekämpfung der Kriegsseuchen.
Vortrag, gehalten im Verein für wissenschaftliche Heilkunde zu Königs¬
berg i. Pr. am 21. Dezember 1914.
Hilmar Teske: Die Bekämpfung der Läuseplage, insbesondere
mit Behelfsdampfdesinfektionsapparaten. v. Drigalski warnt vor An¬
wendung der ätherischen Oele gegen Läuse, weil man damit die Läuse
von einem Befallenen durch die ganze Kompagnie treiben könne.
Resser ist cs, wenn Läuse in einer Truppe drin sind, die Besatzung des
ganzen Schlafraums (Unterstands) herauszuziehen. Der Unterstand wird
dann dadurch gereinigt, daß man das ganze alte Stroh entfernt, Wände,
Decken und Boden mit Spaten abschabt, den Kehricht mit Sublimat
besprengt und ihn dann vergräbt. Die befallenen Mannschaften werden
in einen Revierraura gebracht, wo sie sich gründlich abseifen, dann er¬
halten sie reine Hemden und werden in die Decken des Sanitätswagens
gebettet. Ein gutes Mittel ist auch das Bügeln der Kleider über einem
feuchten Tuche, wobei der entstehende Dampf auch die Nissen abtötet. Es
ist aber zeitraubend und verlangt einen guten Bügler. Am sichersten
wirken die Dampfdesinfektionsapparate. Der beste Behelfsapparat besteht
aus einer Lokomobile, aus deren Kolbcncylindcr der Dampf mittels Blei-
rohrs in einen Desinfektionsvaum geleitet wird. Dieser wird genau be¬
schrieben. Der Verfasser erwähnt dann zum Schlüsse die von ihm her-
gestelite „Lauseahwehrkanone*. Ein französischer Kochkessel mit Unter-
feuening wird mit Wasser beschickt, auf den Hand kommt eine Tonne
160 cm Bodendurchmesser). Der Boden der Tonne ist durchlöchert, der
Dockei aber nicht Mit zwei solchen Apparaten hatte der Verfasser die
Kleider von 20 Leuten in fünf Stunden desinfiziert. Wenn man die
Kleider einige Zeit in einem warmen Raum läßt, bevor sie in den
Apparat kommen, ist Kondenswasser nicht zu fürchten. Tornister (das
Leder) werden mit Sublimat abgerieben. Man darf nicht vergessen,
die Kleider nach dem Desinfizieren auszuklopfen.
F. Rabe (Sonderburg): Zur Bekämpfung der Läuseplage. An-
peiegenüichstc Empfehlung von gemahlenem schwarzen Pfeffer zur Ver-
tveibung von Ungeziefer fast jeder Art. Das unverfälschte Pfefferpulver
'yrd in "Wäsche und Kleidung gestreut (nicht auf den nackten Körper).
L-> ist auch das idealste Mottenpulver in Kleiderschränken, für Stoff-
n "ibd, Pelzwaren. Man soll daher jedem Feldpo.st.paket eine Zehnpfennig-
Rk'cliscliaditel voll Pfefferpulver mit kurzer Gebrauchsanweisung bei-
fücen Gegen Filzläuse ist 30°/ 0 iges Unguentum cinereum (in Blech-
schachteln) am bequemsten. F. Bruck.
Münchner medizinische Wochenschrift 1915, Nr. 12.
"W.Pfeiler und G. Scheyer (Bromberg): lieber die gleichzeitige Var«
Wendung des Hämolysins and Hämagglutinins als Indikatoren bei der Kom-
plementablenkungsreaktion zur Peststellung der Syphilis. Die Verfasser he-
nutzten für ihre Versuche Pferdekomplement in Verbindung mit alko-
10 *»chcm Ochsenherz-Cholesterinextrakt uad Rinderserum und verwandten
2ur Sichtbarmachung des Eintritts der Ablenkung eine l ü /o igo Meer¬
schweinchenblutaufschwemmung, und zwar nur einen Tropfen. In dieser
Weise prüften sie eine ganze Anzahl von Seren, die teils von Gesunden,
teils von Syphilitikern oder andern Kranken stammten, und erhielten fast
stets Resultate, die mit den Ergebnissen der Komplementablenkung nach
Wassermann übereinstiramten. Ja sie fanden sogar, daß bei der
Kombination von Komplementbindung und Hämagglutination der Anti¬
körpernachweis bei allen positiven Seris noch bei bedeutend kleineren
Serummengen deutlich wird, als dies bei der Ablenkung allein der Fall ist.
W. Plange und H. Schmitz (Dresden): lieber das Vorkommen
und die Verbreitung von Diphtheriebacillen im menschlichen Körper. Zur
Erzielung einwandfreier Resultate ist äußerst wichtig, daß die Organe
unmittelbar nach der Entnahme aus dem Körper untersucht, also sofort
aus dem Sektionsraum und von der Diphtherieleiche entfernt werden.
Auch besteht ein Unterschied bei traeheotomierten und nicht tracheoto-
raierten Füllen, da durch den Luftröhrenschnitt eine leichtere Verbreitung
der Krankheitskeirae über den Körper möglich ist. Auf Grund ihrer
Untersuchungen ziehen die Verfasser den Schluß, daß bei tödlich ver¬
laufenden Diphtherien die Bacillen wohl in die Organe des Körpers ein-
dringen können, daß dies aber bei nicht traeheotomierten Fällen zum
mindesten zu den Ausnahmen gehöre.
Rail (Eppendorf): lieber das Vorkommen von Diphtheriebacillen
in Herpesbläschen bei Diphtherie. Der Nachweis gelingt bei einer relativ
großen Zahl von Patienten, und zwar bei leichten, ganz besonders aber
bei schweren Fällen. Irgendwelche prognostische Bedeutung kommt aber
diesem Befunde nicht zu. Die Bacillen sind auch nicht das ausschlag¬
gebende Moment für das Auftreten eines Herpes, sondern ganz andere
Einflüsse (mechanische, toxische oder neuritische). Die Infektion der an
sich sterilen Herpesblasen mit Diphtheriebacillen kann nur sekundärer
Natur sein, sie erfolgt auch nicht au! dem Blut- und Lymphwege — nur
äußerst selten fanden sich im Blute Diphtheriekranker Bacillen — sondern
von außen her. Durch das Aufschießen von Blasen wird nämlich die
oberste HauDchichfc durch Lockerung des ZeUverbandes geschädigt, auch
wird die Umgebung von Mund und Nase mit reichlichem Sekret bespült
und dadurch die Haut erheblich raaceriort.
V. Engelmann (Hamburg): Zar Frage der sogenannten Diphtherie-
bacillenträger. In erster Linie muß die Nase untersucht werden. In
dieser finden sich oft bei klinisch gesunden Individuen reichlich Diphtherie¬
bacillen.
Georg B. Gr über (München): Zur Kasuistik und Kritik der
umschriebenen Muskelverknöcherung (Myositis ossilicans circumscripta).
Es handelt sich um Verknöcherungen im Bereiche von Muskelschüssen
oder Muskelstichverletzungen. Dabei kann gelegentlich das Projektil
oder der Metallsplitter im Gewebe liegen bleiben und hier von einem
Knochenmantel umschlossen werden. Für die Entstehung der Muskel¬
knochen ist die traumatische Einwirkung als ursächlicher Faktor be¬
kannt. Doch ist das Trauma nicht der alleinige Grund zur Muskel¬
verknöcherung. Anscheinend spielt der Kalksalzwechsel im Organismus
eine große Rolle bei der Disposition zur Verknöcherung.
L. W. Weber (Chemnitz): Zur Entstehung der Unfallneurosen.
Das Schicksal der „Unfallncurosen“ wird durch die erste Untersuchung
und Begutachtung bestimmt: was dabei an Erweckung von Krankheits¬
vorstellungen durch den Arzt zuviel getan oder an Erhebung eines ge¬
nauen Nervenstatus versäumt wird, kann später kaum mehr gut gemacht
werden. Die Nachuntersuchungen gipfeln ja immer in der Frage, ob seit
der letzten Begutachtung eine Besserung eingcirctcn sei: wenn aber das
vorausgehende Gutachten überhaupt keine objektiven Symptome enthält,
ist es schwer, eine Besserung zu konstatieren.
Hans L. Heusner (Gießen): Ueber die Verwendung von Pikrin¬
säure bei Verbrennungen and Erkrankungen der Hanf. Da die Pikrin¬
säure auf der Haut eine gerbende Wirkung ausübt, empfiehlt sie sich
bei Verbrennungen. Der Verfasser verordnet: Pikrinsäure 2,0 GIvkasine
(Beiersdorf) ad 100,0. Eine solche fertig zusammengesetzte Mischung
kommt in Tuben als „Pikrasine“ in den Handel. Ara besten ist es, das
Präparat,, ehe noch Blasenbildung entsteht, unmittelbar nach der Ver¬
brennung aufzutragen. Es tritt dann meist gar keine Blasenbildung ein.
Man streiche die Pikrasine auch noch auf dio Umgebung der Brandstelle
dünn auf. Nach 10 bis 15 Minuten kann man den Uebersehuß weg-
wischen. Dio gelbliche Verfärbung der Haut verschwindet allerdings erst
nach längerer Zeit. Auch bei schwereren Verbrennungen kann man auf
eine bereits bostehende Wuudfläche das Präparat aufstreichen. Es kommt
dann zur Schorfbildung. Auch bei Furunkulose, Ulcera cruris, nässenden
Ekzemen und dergleichen hat sich die Pikrasine bewährt.
Fehl ärztliche Beilage Nr. 12 .
H. A. Gins und E. Selig mann. Zur Bakteriologie des Typhus
im Kriege. Es scheint, als ob unter den Bedingungen im Felde die
Typhusbacillen die Tendenz haben, länger im Blute selbst zu verweilen
als in Friedenszeiten. Man findet sie in allen Stadien der Erkrankung
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UNiVERSUY OF IOWA
404
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14.
4. April.
relativ häufig im Blute. Damit rückt die Blutkultur an die erste Stelle
aller bakteriologischen Untersuchungsmethoden; die Stuhluntersuchung
bleibt als Hilfsuntersuchung bestehen, gewinnt ihre Hauptbedeutung aber
erst als Kontrolle der bakteriologischen Genesung. In einer groben
Zahl von Fällen fand sich ein erheblich verspätetes Auftreten der Typhus-
agglutinine im Blutserum der Erkrankten. Daraus folgt, daß auch ein
längeres Negativbleiben der Gruber-Widnlschen Reaktion durchaus nicht
gegen die Typhusnatur der vorliegenden Erkrankung zu sprechen braucht.
Otto Jüngling: Zur Versorgung der Oberschenkelfrakturen Im
Felde. Man soll sobald wie möglich immobilisieren, nicht nur, um dem
Verwundeten Schmerzen zu ersparen, sondern um dem Ausbruche der
Infektion vorzubeugen, ln den vom Verfasser beschriebenen ungenügend
immobilisierten Fällen konnte die nachweisbare Temperatursteigerung nicht
auf Sekretverhaltung zurückgefiihrt, mußte vielmehr der mangelnden Ruhig¬
stellung zugeschrieben werden. Die richtige Versorgung der Oher-
schenkelschußfraktur ira Felde, die nur für den Heimtransport genügen
soll, kann aber nicht durch irgendeine Schienenkonslruktion erfolgen.
Es empfiehlt sich vielmehr einzig und allein eiu Gipsverband in Semi¬
flexion mit Fenster und offene Wundbehandlung. (Bei der Semiflexion
nach Zuppinger wird eine gleichmäßige Entspannung aller Muskel-
gnippen erreicht und die Gelenkfunktion am wenigsten geschädigt.) Durch
den gefensterten Gipsverband läßt sieh eine vollständige Ruhigstellung
erzielen, die auch beim Verbandwechsel nicht gestört wird.
Albert Angerer: Zur Behandlung der Oberschenkelfrakturen.
Verwundete mit Oberschenkelfrakturen sollen möglichst rasch in stabile
Lazarette transportiert worden, wo sie bis zur endgültigen Heilung
bleiben können. Daselbst sollen sie durch Extension in Semiflexion be¬
handelt werden.
Wilhelm Danielsen (Beuthen O.-Schl.): Zur Behandlung der
Oberschenkeibruchc im Felde: der Drahtschienen-Gipsverband. Es handelt
sich um eine Verbindung des Gipses mit einem Drahtgeflechte, das durch
einen Strebepfeiler verstärkt wird und so eine ungeheure Festigkeit er¬
hält. Der Verband fixiert und extendiert den Bruch. Er läßt lange
und schwierige Transporte zu und kann bis zur Aufnahme in ein Heimat-
lazarett liegen bleiben.
K a h 1 e y s s (Dessau): Apparat zur leichten und sicheren Reposition und
Fixation schwerer Frakturen der Extremitäten. Nach einer auf dem Kriegs¬
ärztlichen Abend der Leipziger Lazarettärzte gehaltenen Demonstration.
Lenz (Gießen): Zur Behandlung der Kriegsbrüche des Ober¬
schenkels. Empfehlung der Bruns sehen Schiene für den Oberschenkel.
Sie stemmt sich mit einem gepolsterten Ringe gegen das Becken. Unter¬
schenkel und Fuß werden als Angriffsstelle der Extension benutzt, die
ihren Halt an dem die beiden Längsstäbe der Schiene verbindenden
Querholze findet. Die zwischen den beiden Stäben durchgezogenen Gurte
sichern dem verletzten Gliede bequeme Auflage. Der Apparat scheint
für den ersten Transport das einzige bis jetzt wirklich praktische Hilfs¬
mittel zu sein. (Außerdem braucht mau nur noch ein paar Streifen Heft¬
pflaster.) ln wenigen Minuten kann so ein komplizierter Oberscheukol-
bruch transportfähig gemacht werden.
Arnold Wittek: Zur Behandlung der Erfrierungen. Die Be¬
handlung der Erfrierungsnekrosen besteht in dem Verfahren, das Noesske
zur Verhütung der Nekrose schwer gequetschter und nur an einer
schmalen Hautbrücke hängender Finger angegeben hat: Queres Ein-
sohneiden über die Fingerkuppe bis auf den Knochen, der Ausdehnung
der Endphalange entsprechend. Dadurch wird die venöse Stase behoben
und ein zentrifugaler Blut-und Saftstrom ermöglicht. Bei dieser Methode
tritt die phlegmonöse Komplikation der Erfrierungen gar nicht ein. Es
entsteht so die Möglichkeit, den Zeitpunkt der Abtragung der endgültigen
Nekrose beliebig weit hinauszu.schieben. Schließlich trägt man eine, von
gesunden Granulationen wohl abgegrenzte Nekrose von nur geringer
Ausdehnung ab.
Ed. Bundschuh (Freiburg i. B.): Ueber die Behandlung der Er¬
frierungen von Fingern und Zehen. Empfehlung der Noesskescheu
Methode, wodurch die drohende Gangrän nach Erfrierungen vermieden
wird. Der Gedanken gang, der dieser Behandlung der Erfrierungen zu¬
grunde liegt, ist, dem venösen Blute, das gestaut ist, durch Incisionen
Abfluß zu verschaffen; das arterielle Blut kann dann ungestört zufließen,
die erfrorene Partie wird dadurch richtig ernährt. Der Eingriff, der
ohne jedes Betäubungsmittel gemacht werden kann, da die erfrorenen
Teile gefühllos sind, wird genauer beschrieben. Die Schnitte bluten
meist nicht sofort, weil eben die Blutcirculation schon völlig stillsteht.
Um dem Verkleben der Incisionswunden vorzubeugen, werden diese mit
in steriles Del (z. B. Campherül) getauchter Gaze tamponiert. Dann wird
mit einer Fiugersnugglocke unter mäßigem Druck das venöse Blut ab-
uud das arterielle Blut angesaugt.
A. Neisser (Breslau): Syphilisbehandlung mit Mcrcinol (01. einer.)
im Felde. Das beste Quecksübermittel ist nach dem Verfasser das Oleum
cinereum, und zwar wegen der Nachhaltigkeit der Hg-Wirkung, ent-
! sprechend der Langsamkeit der Hg-Resorption aus den Mercinoldepots
(das Salieylqueeksilber wird zwar in ungelöster Form injiziert, aber fast
ebenso rasch wie ein gelöstes Salz resorbiert und ausgeschieden). Es wird
wöchentlich eine. Injektion gemacht (fünf bis sieben Injektionen genügen
im ganzen). Man benutze dazu die Spritze von Zieler oderBarth£lemv.
Eiu Teilstrich dieser enthält 1 cg Hg. Man injiziere bei Männern pro
dosi zehn Teilstriche ( = lOeg Hg), bei Frauen sieben Teilstriche (= 7cg Hg).
Die Einstichstelle ist außen oben in der Glutäalgegend (sodaß der Kranke
nicht auf dem eingeführten Depot sitzt), in der Linie von dem höchsten
Punkte der Crista der Beekenschaufel zum oberen Ende der Crena ani.
Das Depot soll nicht ira Muskel, sondern auf derFascie liegen. (Sticht
man nicht gar zu gewaltsam ein, so fühlt man deutlich den Widerstand
der Nadel, wenn sie auf der Fascie aufstößt.) Nach dem Einstiche muß
man die Spritze von der Nadel abnehmen, um zu sehen, ob Blut aus der
Nadel austritt. oder man zieht den Stempel der nicht ganz gefüllten
Spritze etwas zurück, um eventuell Blut anzusaugen. Nadel und Spritze
bewahre man dauernd in Paraffin, liquid, auf. Bei schwerer Stomatitis
muß an jedem Zahn, auch an den hinteren Backenzähnen der Kaum
zwischen Zalm und Zahnfleisch mit einem spitzen, mit Watte umwickelten
Holzsfäbchen, das dann mit unverdünnter Karbolsäure getränkt wird,
gereinigt werden.
B. Coglievina (Graz); Behandlung des Fleckfiebers mit Hexa¬
methylentetramin. Empfohlen wird, am ersten Tage dreimal, ani zweiten
viermal und von da an fünfmal je 1,0 g Urotropin zu geben. Das Mittel
spaltet bekanntlich im Körper Formaldehyd ab. Es empfiehlt sich, bei
dieser Medikation den Harn täglich zu kontrollieren.
P. Schrumpf und W. F. v. Dettingen: Das Pyoktanin Inder
Kriegschirurgie. Das Mittel wird angelegentlichst empfohlen, seine An-
wendungsweise an einigen Beispielen erläutert. Die Methode hat auch
den Vorzug der großen Einfachheit und Billigkeit, da sie häufigen Ver¬
bandwechsel unnötig macht. Der einzige Nachteil der Behandlung ist
die durchdringliche Farbe des Mittels, namentlich bei ungeschickter Hand¬
habung. Flecken in der Wäsche verschwinden jedoch beim Waschen
dieser mit Soda. F. Bruck.
Wiener klinische Wochenschrift 1915 t Nr. 10.
R. Pal tauf; Ueber das Vorkommen von Influenza bei Flecktyphus.
Die bakteriologisch nachgewieseno Kombination mit Influenza erklärt
nicht mir den häufig zu beobachtenden Beginn des Flecktyphus unter
katarrhalischen, inlluenzaartigen Erscheinungen, sondern auch die noch
immer verbreitete Ansicht mancher Aerzte von der Bedeutung der Luft-
Infektion beim Flecktyphus, gegen welche Respiratorien, Gesichtsmasken
empfohlen und getragen werden. Für diese Anschauung gibt es aber
weder epidemiologisch noch experimentell Anhaltspunkte. Nur die Kleider¬
laus ist der Ueberträger des Flecktyphus.
P. v. Wa lzel: Zur Frage der operativen Tätigkeit und des Verband¬
wechsels auf Spitalzügen. Namentlich für die Phlegmonen und putriden In¬
fektionen bewährte der Spitalzug sich, aber auch für alle andern Eingriffe
wird über gute Operatiunsmögliehkeit während vollster Zugfahrt berichtet.
V. Plant er: Ueber die Behandlung schwerer Erfrierungen. Es
wird konservative Behandlung bis zuin äußersten empfohlen; die ulte
Erfahrung, daß bei Erfrierungen im Anfang eine PrognoscnstUlung
möglich ist, hat sich wieder bestätigt. Die Gefahr der Sepsis ist bei
Erfrierungen wegen der Jugend der Patienten durchaus nicht so groß
wie bei andern Gangränformen. Für die Behandlung bewährter sich be¬
sonders warm und kühl wechselnde Luftduschen als schmerzstillend und
die gelähmten Hautgeläße belebend. — Auffallend ist die außerordentlich
selten beobachtete Erfrierung der oberen gegenüber der Häufigkeit der
Erfrierungen der unteren Extremität.
M. Maroseh: Zur Kasuistik der Peripherieschüsse. Jcr Sto߬
spiegel eines Schrapnells, eine Eisenscheibe von 58 mm Durchmesser und
7 min Dic ke, war neben der Wirbelsäule in den Körper eingcdrmigen
und hatto seinen Weg über der achten, neunten, zehnten Rippe ziuiiek-
gelegt, um endlich unterhalb der Mammilla stecken zu bleiben; das Gescko
batte also fast die halbe Thoraxperipherie berührt. Misch.
Die Therapie der Gegenwart , März 1915. _
Schmidt (Hallt»): Volksernährung und Diätetik in Kriegs zelten.
Daß Leute mit Nierenleiden und Stoffwechselkrankheiten, die e uer sün¬
digen diätetischen Behandlung bedürfen, nicht als diensttauglich angese in
i werden können, ist seihst verständlich. Es läuft alles darauf hi.iaus, |£M
| wir uns in dem Konsum der liclmewurdenen und wohlschiueckem
I Speisen, speziell von Fleisch, Eiern. Butter und Mehlspeisei, die zu-
i gleich die leichtest verdaulichen und nahrhaftesten sind, einschrünken um*
J uns dafür an den minder begehrten und gröberen Dingen, nämlich Schwaiz
I brot. Kartoffeln, Gemüsen und Obst, sattessen müssen. Das Pi'obleim
I unserem in bezug auf das Essen zweifellos verwöhnten Volke die neue
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4. April.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14. 405
Ernährungsweise mundgerecht und verträglich zu machen, ist vor allem
ein Küchenproblem.
Klemperer (Berlin-Reinickendorf): Ueber intravenöse Jod«
tberaple. Hei den großen Dosen von 20 bis 50 g Jodnatrium wurde
regelmäßig eine nicht lange anhaltende Pulsbeschleunigung konstatiert,
sonst aber keinerlei Nebenerscheinungen, weder von seiten des Nerven¬
systems, noch der Nieren, noch des Magendarms. Die Verträglichkeit
des Jodnatriums bei der intravenösen Injektion war eine außerordentlich
gute, eine größere als bei der Eingabe per os. Es empfiehlt sich, alle
Fülle von innerer Lues — des Centralnervensystems, auch Tabes, der
Circulationsorgane, der Leber usw. — neben Quecksilber beziehungsweise
Salvarsan von vornherein mit Jod zu behandeln und dabei in allen ernster
gelegenen Fällen größere Dosen als die bisher gebräuchlichen, im all¬
gemeinen Dosen von 5 bis 10 g Jodnatrium täglich, zu verwenden.
Dabei wird oft von der intravenösen Beibringung Gebrauch gemacht
werden können. Die intravenöse Jodtherapie beschränkt sich nicht auf
die Fidle von Lues.
Levy (Berlin) und Wolf! (Berlin-Wilmersdorf): Camphertherapie
mit künstlichem Campher. Wir besitzen im künstlichen Campher ein
Präparat, das in den allermeisten Fällen den früher allein verwandten
Japancampher ersetzen kann. Nur bei der Verwendung von Dosen, die 1 g
Campher pro dosi überschreiten, sei man bei dem künstlichen Campberöl
etwas vorsichtiger, als es bei dem natürlichen erforderlich gewesen ist.
Kisner (Hothau i. E.): Ueber die kombinierte Bolus-alba-Blut-
Ticrkohle- Behandlung diarrhoischer Prozesse. Die Bolus-Tierkohlebchand-
limg ist eine Immunotherapie, und zwar eine neue, überaus aussichts¬
reiche. da es ihr bei den ersten Versuchen schon gelungen ist. Gifte zu
binden, die der Serumtherapie unzugänglich waren und schon im ersten
Anläufe die Mortalität einer schweren Erkrankung, wie der Cholera,
t$tf erheblich zu verringern.
Lauritzen (Kopenhagen): Blutzuckerbestimmungeti (Ivar Bangs
Alikromethode) bei Diabetikern and ihre klinische Bedeutung. (Schluß.)
Nach den vorliegenden Resultaten kann man ohne Uebortroibring sagen,
daß Ivar Hangs neue Mikromethode eine große klinische Bedeutung
erlangen wird 1. bei der Differentialdiagnose: Diabetes mit Hyperglykämie
oder Diabetes ohne Hyperglykämie, die wiederholte Bestimmungen des
Blutzuckers erfordert. 2. Bei der Beurteilung der Prognoso in den Fällen,
wo die Acetonurio und Diaceturie uns keine Aufklärung über die schlechte
Prognose geben. B. Zur Kontrolle der Resultate unserer therapeutischen
Bestrebungen, wo gerade die häufigen Blutzuckeranalysen notwendig sind.
Mährend wir uns früher mit der Aglvkosurie als Richtschnur für unsere
Behandlung begnügen mußten, können wir jetzt die Diät fest stellen, die
keine Hyperglykämie nach den Mahlzeiten macht, und diese Diät müssen
die Patienten so lange, wie sio sich durchführen läßt, beibehalten.
Linck (Königsberg): Das Wesen und die Grundlagen des Ohren-
kopf schmerz es und seine Feststellung durch die ärztliche Unter¬
suchung. (Schluß.) Der Kopfschmerz in seiner mancherlei Gestalt wird
häufig auch durch Erkrankungen im Ohrgebiete hervorgerufen, unter
denen die entzündlichen Prozesse im Mittelohre praktisch eine sehr be¬
deutsame Rolle spielen. In zahlreichen Fällen kann die Ohraffektion
ohne Schwierigkeiten als Kopfschmerzursache diagnostiziert werden, aber
nur wenn man an dio Möglichkeit eines solchen Zusammenhangs denkt
und daraufhin eine genauere Untersuchung des Ohrgebiets vornimmt.
Klemperer (Berlin-Reinickendorf): Caramelkuren bei Diabetikern.
Carainel verdient als willkommene Zugabe zum Kohlehydrattisch An¬
wendung bei allen Diabetikern; bei den leichteren Fällen vermehrt es die
diätetischen Möglichkeiten in sehr vernünftiger Weise: bei den schweren
Ldkn kann es außerdem, in ähnlicher Weise wie die Mehlsuppen, zur Ver¬
minderung der Acidosis und zur Hebung der Toleranz beitragen. Die indi¬
viduelle Bekömmlichkeit wird in jedem Falle besonders zu prüfen sein.
Gerson (Schlachtensee): Ein einfacher Handgriff zur Auslösung
des Pateliarreflexes. Man setze sich an die rechte Seite des sitzenden
Patienten, dessen Füße auf dem Boden ausruhen, führe den linken Unter¬
em unter den rechten Oberschenkel des Patienten und lege die linke
Hand auf seinen linken Oberschenkel oberhalb des Knies. Alsdann prüfe
ffian den Patellarreflex auf die übliche Weise.
Stern (Bad Reinerz): Zur Behandlung der Rhinitis sicc. ant.
hirch Anwendung einer 5—10%igen Europhensalbe erreicht man, daß
!r Absonderung geringer wird und die Schleimhaut normale Farbe und
succulenz annimmt. Reckzeh (Berlin).
Zeitschrift für ärztliche Fortbildung 1915 , Nr. 2 u. 4.
c ^ ^tedberger (Berlin): Die Pocken als Kriegsseuche. Statisti¬
scher Nachweis der Wirkung der Schiitzpockenimpfung; ihre Verhältnisse
tß den kriegführenden Staaten. Die Zivilbevölkerung stobt in größerer
jefahr, von einer Pockenepidemie heimgesucht zu werden als das Militär.
0 die letzte Impfung zehn Jahre zurückliegt, muß wieder geimpft
werden. Die Guarnieri sehen Körperchen sind zwar nicht die Pockcu-
erreger, ihr Nachweis stellt aber die Diagnose sicher.
A. Schloßmann (Düsseldorf): Die Grundlagen der Ernährungs¬
physiologie des Säuglings als Richtlinien für die praktische Diätetik. Muß
im Original naehgelesen werden, eignet sich nicht zu einem kurzen Referat.
Nr. 4. H. Oppenheim (Berlin): Ueber Kriegsverletzungen des peri¬
pheren und centralen Nervensystems. Der Vater des Ausdrucks „traumatisch#
Neurose“ sagt hier, daß er nach 25jähriger Erfahrung im Blick auf die
Kriegsbeobachtungen daran festhalte, „daß es sich bei den nach Traumen
auftretenden Krankheitsbildern der Hysterie, Neurasthenie und Hystero-
ncurusthenie um durchaus reelle Krankheitszustände handle, bei denen
wohl einzelne Symptome und Symptomenkomplexe auf psychogenem Weg
entstanden seien, aber nicht Kunstprodukte und auch nicht Ergebnisse
vun Begehrungsvorstellnngen bildeten“.
Ewald (Berlin): Ein bemerkenswerter Fall von Abdomlnaltyphus.
Ein Typhusbacillenträger hatte eine penetrierende Schußwunde der rechten
Schulter erlitten. Er hatte vier Wochen mit mäßigem Fieber im Lazarett
gelegen, als die Wunde erweitert, Abscesse gespalten und nekrotische
Knochenstücke entfernt wurden. Tags darauf 40° Fieber, nach sechs
Tagen Exitus. Befund: Typhöse Geschwüre älteren Datums, im Absepß-
eiter Typhusbacillen in Reinkultur. Gisler.
Korrespondenzblatt für Schweizer Aerzte 7.915, Nr. 7.
Bleuler: Die senilen Psychosen. Eine Gruppe von Symptomen
der senilen Geisteskrankheiten ist die Folge der diffusen Reduktion der
Hirnmasse. Dazu gehört die Gedächtnisschwäche (Merkfähigkeit), die
sich mit zunehmender Erkrankung auf immer ältere Ereignisse erstreckt.
Dio Kranken ersetzen die Leere im Gedächtnis durch willkürlich ge¬
schaffene Zusammenhänge (Konfabulationen). Die Associationen sind ab¬
hängig von den gerade herrschenden Affekten, unbekümmert um logische
Erwägungen. Labilität, das heißt abnormer Ablauf der Affekte, ist
weiterhin charakteristisch. Als akzessorische Symptome kommen Gesichts-
und Gehörshalluzinationen, besonders unsinnige Wahnideen sowie inter-
currente Zustände schwerer Verwirrtheit in Betracht. Verfasser bespricht
zunächst das arteriosklerotische Irresein, dessen Symptome durch
„lakunäres“ Auftreten sich auszeichnen. Die Persönlichkeit kann dabei
lange erhalten bleiben. Bei der Dementia senilis kommen als akzesso¬
rische Symptome melancholische und VerfoJgungsvorstellungeu vor. Das
modernste senile Krankheitsbild, die Presbyophrenie, verläuft rasch mit
Erregungszuständen psychischer und motorischer Art. Im Gehirne hat
Fischer „Drusen“ entdeckt. Kn.
Zentralblatt für Chirurgie 1915 , Nr. 12.
Riedel: Erfahrungen über die Benutzung des künstlichen Beins.
Patient soll sofort mit einer guten Prothese anfangen, die erst drei bis
sechs Monate nach Heilung der Amputationswunde an zu fertigen
ist wegen der Schrümpfung des Stumpfes. Dabei empfiehlt sicli von
Anfang an ein bewegliches Kniegelenk ohne den vorderen elastischen
Gurt. D«*r obere Rand der Oborsehenkelhülso ist horizontal zu schneiden,
weil der Stumpfs trumpf um den Rand außen befestigt werden muß.
Der lange wollene Stumpfst rümpf liegt, innen auf einem in Gaze ein¬
gewickelten Gummischwamm. Auf den gut zu polsternden oberen
mittleren Rand der Hülse stützt sieh der Amputierte mit den
Adduktoren des Oberschenkels und dem aufsteigenden Si tzbein¬
ast o, nur vorübergehend auf das Tuber ischii. Das Fußgelenk ist be¬
weglieh zu halten wegen des besseren Begehen« ansteigender Bahn._
Wichtig ist, daß der Amputiert# eine aus bestem Material hergestellte
Prothese erhält. Bei der Rentenfestsetzung ist zu bedenken, daß die
finanziellen Opfer für Kleider, Strümpfe, Neupolsterung nicht gering sind.
K. Bg.
Zentralblatt für Gynäkologie , 1915 , Nr. 11 u. 12.
Nr. 11. Stocekel: Die extraperitoneale Tubenverlagerung als
Methode der Sterilisierung. Bei dem neuen Vorschläge für die Technik
der operativen Sterilisierung soll erstens die Menstruation erhalten
bleiben und zweitens die Möglichkeit gegeben sein, die Tube später für
den Eitransport wieder freizugeben, also einer fakultativen
Sterilisierung (Beutlincr, Seilheim). Die von Stoeckel bei einer
Frau mit schweren Psychosen in den letzten Schwangerschaften aus-
gefülirte Operation bestand in Freilegung des Leist en k anal s, wie
bei der Alexander-Adamsscben Operation mit Eröffnung des
Peritoneums, in dem Herausleiten der Tuben aus dem Leist on-
kanal und in ihrer extraperitonealen Einbettung zwischen Baucli-
deckenmuskulatur und vorderer Bauch decken fas eie. — Die extra¬
peritoneale Lagerung und Einheilung der Tuben verlief ohne Beschwerden.
Fraglich bleibt es, ob die ausgeschaltete Tube später wieder nach Zurück-
verlegung das Ei zu leiten vermag, oder ob dauernde Sterilität oder die
Gefahr extrauteriner Schwangerschaft besteht.
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Gck igle
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UNIVERSUM OF IOWA
KDIZINISCIIE KLINIK — Nr. U.
Nr. 12. Küstner: Nachruf auf v. Olshauscn.
Döüerlein: Zur Strahlenbehandlung de« Krebses. Dfidcrlein
vertritt den Standpunkt, daß die Erfolge der Strahlenbehandlung von
keiner andern Behandlungswoise des Krebses erreicht werden und daü
bei ausschließlicher Strahlenbehandlung die Daucrcrgebnisse
günstiger sind als bei der operativen. Aufgabe der Technik ist es,
den Weg zu finden dafür, daß unter Schonung der gesunden behebe
nur die specifisch beeinflußbaren Krebszellen zerstört werden. Ais
Minimaldose gilt für Uteruskrebse 50 mg; für große Cervixkrejse
auch 200 bis 300 mg. Die Dauer der Bestrahlung ist jedesmal L4 Stunden,
die Wiederholung anfänglich nach zwei, später nach drei bis vier Wochen.
Als Filter dient das vernickelte Messing mit ParagumnuÜberzug Im
für das gesunde Gewebe den nötigen Abstand zu erhalten, wird das
Filter in einem Strahlenkolpeurynter, der mit Lysöform in der
Scheide prallgefüllt wird, eiiigesehlossen. Für die Nachbehandlung genug
ein ein- bis zweitägiger Aufenthalt in der Anstalt. — Die Ergebnisse
hängen von dem Stadium der Krankheit und ihrer Ansbreitung und der
Eigenart der Krebse ab: die hypertrophischen, oberflächlichen Formen
sind günstiger als die induriercmlen, tiefergreifenden. — In der Behand¬
lung des Rectumkrebses werden die Striktliren durch hohe Darm¬
eingießungen überwunden. Beim Mammakrebs wird die Kapsel mit
einem Druinrohr in einen unter dem Herd angelegten Tunnel ein ge fahrt.
K Mir.
Therapeutische Notiz.
Ortizon. '
Von Pr. Paul Frey, Berlin, zurzeit im Fehle.
Ortizon stellt eine chemische Verbindung dar, welche zirka 34 %
Hs Os enthält, säurefrei ist und sich in Wasser leicht löst. Es kommt
als Ortizon-Mnndwasserkiigeln, als Ortizon-Wundstifte und in Pulver¬
form in den Handel. Diese Präparate hatte ich Gelegenheit, längere
Zeit hindurch zu prüfen. . ,
Die Ortizon-Mundwasserkugeln erweisen sieh als ein sehr
schätzenswertes Mittel in der Zahn- und Mundpflege, im Hause und
noch mehr auf der Reise. Es ist ja bekannt und durch eine Reihe un¬
zweifelhafter Versuche bewiesen, daß bei der Einwirkung von Hs O,
auf lebende Gewebe, besonders auf Schleimhäute — durch Katalyse —
aktiver Sauerstoff frei wird. Darin allein wäre schon die Frische und
die Verbesserung des Geschmacks nach Anwendung von Ortizon
Mundwasserspillungen zu erklären. Hierzu kommt aber noch die ein¬
wandfrei nacligewiesene baeiericide und desinfizierende Wirkung,
um dieses Präparat für die Mund- und Zahnpflege fast unentbehrlich
zu machen. Man beobachtet regelmäßig, daß bei Anwendung von
Ortizon-Spülungen sowohl Speisereste als Bakterien oxydiert, das heißt
unschädlich gemacht werden, ohne daß das Gewebe angegriffen wird.
Ein weiterer Vorteil des IIP», ist seine bleichende Wirkung, die es auf
die Zähne ausiibt. Zudem wiikt. wie bekannt. HjOj auch blutstillend,
weshalb es mit Vorteil bei Wundsein des Gaumens, Blutungen aus dem
Zahnfleisch, Entzündungen der Schleimhäute und nach Zahnoperationen
verwendet wird. Nicht unerwähnt bleibe die Beseitigung des 1‘oeter
ox ore durch Ortizon. mag derselbe eariösen Zähnen oder starkem
Bauchen entstammen. Schließlich kommt Hs Os bei allen möglichen
.Wirktinnen der Tonsillen in Betracht, sei es bei bereits vorhandenen
oder sei es zur Prophylaxe.
Die Anwendung der Ortizon-Mundwassrrkugeln ist mehr als ein-
faeh. Zwei bis drei Kugeln in einem Glase Wasser gelöst, ergeben ein
vm v 1 ""liebes Mundwasser. Die Kugeln losen sich außerordentlich Icuht
„,„1 sT-Im. ll. ln Füllen frrolW Eile «der t.ei der Un.imjrlU-l.koit, «las
und Wasser zu besorgen, genügt, es, solche Kugel in den Mund zu
11 «Innen, die sieli prompt in.' Mundspeiehel löst. Die Wirkung ist genau
,lie--elbe. vielleicht noch größer. Verschiedene Autoren bezweifeln ja
schon lange den Wert und die Wirksamkeit von Gut-gelungen uber-
h,IU,,t ’Besonders auf Reisen möchte ich die Mundwasserkugeln ihrer
be,meinen Anwendbarkeit wegen nicht gern vermissen Fm mich auch
v . n dem therapeutischen Werte des Präparats zu überzeugen, habe
ich cs nicht, nur selbst gebraucht, ich habe auch auf Sehulorwande-
nnmen durch ihre Führer Beobachtungen machen lassen. Sowohl als
Mundwasser als auch bei Halsaffektioi.cn hat es sieh vorzüglich be¬
währt sodaß ich es getrost zu weiteren Versuchen nur empfehlen
kann ’ Vielleicht ist jetzt gerade die beste Gelegenheit, zu erproben,
ob nicht solche Kugeln, in den Mund genommen, den Tapferen in den
Schützengräben das gewohnte Mundwasser zu ersetzen vermag.
Worauf ich in der Literatur einen Hinweis nicht fand, das ist der
günstige Einfluß des IE (h auf die Nausea. Sowohl ich selber als
auch eine Reihe von Petsonen. denen ich es auf einer Ozeanfahrt ver-
(U ;j„ete verspürten nach dem Gebrauch von IEO, in Tablettenform
eine große Erleichterung insofern, als die bekannten Nauscaersclieinun-
gen, insbesondere der unangenehme Kopfdmck schwanden. Zweifels¬
ohne ist der CfVDruck bei der Nausea erheblich gesteigert. Vielleicht
regt diese Beobachtung die Schiffskollegen zu weiteren Versuchen an.
Die Ortizon-Wundstifte habe ich seit mehr als einem Jahre
vielfach mit Erfolg verwendet. Sie bieten einen vorzüglichen Ersatz
für die Argentum nitricum-Stifte, schon darum, weil die unangenehmen
Nebenwirkungen des Argentum nitricum fortfallen. Ganz hervorragend
und von Dauer erwies sich ihre Wirkung bei der Behandlung des chro¬
nischen, torpiden Wundseins bei Säuglingen, besonders wenn große
Flächen in Betracht kamen, sodann auch bei Soor und Aphten. Das
ist besonders beachtenswert wegen der absoluten Ungiftigkeit des
Ortizons. Prompt ist auch seine Wirkung bei üppiger Granulations-
Wirkung sowohl an operierten Wunden wde bei solchen, bei denen ich
Heilung per primam vermißte. Nicht unerwähnt sei schließlich die
Anweisung der Ortizon-Wundstifte bei übelriechenden, jauchenden
Wunden und torpiden Geschwüren, z. B. bei Ulcera cruris.
Bücherbesprechungen.
H. Lehndorff, Kurzes Lehrbuch der Kinderkrankheiten. Wien
und Leipzig 1914, Josef Safär. 228 S. M. 5.60.
Auf wenig Seiten ist hier ein übersichtliches, alles Notwendige
enthaltendes Buch zustande gekommen. Von der alten Filatowschen
Kinderheilkunde, als deren zweite Auflage es erscheint, ist allerdings
wonm mehr übritry«‘blieben; nicht zum Schaden des Studenten und vor
allein des praktmehen Arztes, der mit Nutzen zu diesem Buche greifen
wird, in welchem er die Kinderheilkunde so dargestellt findet, wie sie
Gegenwärtig die deutschen und österreichischen Pädiater lehren. Wer
einen guten Ratgeber für die Praxis haben will, sei das äußerst preis¬
werte Buch bestens empfohlen. " ,sc *
ThorkHd Rovsing, Die Gastro - Coloptosis, ihre pathologische
Bedeutung, ihre Krankheitsbilder, Diagnose und Bchan
Jung. Aus dem Dänischen übersetzt von Dr. Georg Saxinger.
Leipzig 1914. F. C. W. \ ogel. 273 S. MIO, ..
Ein Werk, das trotz mancher Einseitigkeit, einer Unterschntzuiy
der Bedeutung der Rüntgenstrahlcn für die Physiologie und Pathologe
dos Magendarmkanals, trotz manchen schroffen Gegensatzes zur Deutschen
Schule "größte Beachtung und Interesse verdient. _
Der Verfasser schildert in seiner Gastro-Coloptosis em typis
Krankheitsbild, das er als eine Folge hauptsächlich beim weiblichea
Geschlecht© sich geltend machender mechanischer Momente: des Kore *
drucks, des Schnüren« und der Erschlaffung der Bauchwand ansieht. IM
Still ersehe Theorie, die die Gastro-Coloptose lediglich als ein
einer congenitalen, universellen Asthenie auf faßt, ist nach seiner. =
vollkommen unhaltbar. . , , ., . j., m
Die Tirjfinelle Form des Leidens »«Bert sich bald nach
Eintritte der Pubertät in hartnäckiger Obstipation, zu der SIC *
geschlagenhcit, Kopfschmerzen und Appetitlosigkeit gesellen. F
kommt es zu einer heftigen Cardialgie, die unmittelbar nac
eintritt. aber bei horizontaler Lage der Patientin sofoi yer
Als Spiitsymptomc sind Erbrechen, Abmagerung und eine ur
typische Kachexie zu erwähnen. _ p : st
Dagegen wird bei der maternellen Form des Leidens,
durch Dehnung und Schlaffheit der Hauchwand und dei u _
der Intestina infolge von Schwangerschaften hervorgerufen ist, * » ^
Bild von der Obstipation beherrscht, zu der dann im Laufe der m
W irkung der Autointoxikation vom Darme her hinzutritt.
Therapeutisch genügt in leichten Fällen der maternellen -
konservative Behandlung, bei der Verfasser namentlich für V ern ,
Fnterleibsgürtel eintritt. Tu der überwiegenden Mehrzahl de
bringt nur die operative Behandlung Hilfe, und zwar J®" {läcbeD .
eine von ihm angegebene Technik der Gastropexie an, di dea
haften Fixierung der kleinen Kurvatur an dem paneta en ^
Peritoneums besteht. 300 ausführliche Krankengeschic en ., pr j e
glänzenden Erfolge des Verfahrens. Hervorgehoben sei die ' , ktion
Gebotene vorzügliche Ausstattung, besonders die vorbildliche i P
der Böntgenliilder. B. Hahn (Magaeburg)^
F. v. Winckler, 305 Speisezettel für Zuckerkranke und
leibige mit Rezepten über Zubereitung von A e gerjQ
Mehlspeisen und Getränken. 5. Auflage. h deQ 1914,
Tode heransgegeben von F. Broxner in München. » ie -
J. F. Bergmann. 143 S. M. 2.40. „innrer neuer
Die vorliegende fünfte Auflage ist durch HiDZufügen . " j e j cben i
Diabetikergericbte und Rezepte ergänzt. Zusammen mit 1 j 8t
| Verlag erschienenen Kochbuche für Zuckerkranke un e ^ n (( [ t
i i dieses kleine Werk ein zuverlässiger Ratgeber und Helfer 11 r - ^
■ I heiklgn Küchenkniender der Zuckerkranken. Priugsheim
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14
407
4 . April.
Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen.
Neue Folge der „Wiener Medizinischen Presse «. Redigiert am Priv.-Doz. Dr. Anton Bum, Wim.
K. k. Gesellschaft der Aerzte in 1/Vien.
Sitzung vom 26. März 1915.
Gl. v. Pirquet demonstriert zwei Kinder mit Paravakzine.
Diese nach der Impfung aufgetretenen Effloreszenzen bilden
himbeerrote Knötchen von ungefähr 5 mm Durchmesser mit einem
zart aigedeuteten Hof. Die Papel wächst langsam heran, bildet
keine Blase und bleibt, ziemlich lange bestehen. Diese Affektion
wurde bisher als Impfkeloid gedeutet. Sie beruht wahrscheinlich
auf einer parasitären Infektion durch Keime, welche in der Impf¬
lymphe vorhanden sind; in der jetzigen Impfperiode sieht, man
diese Knötchen häufiger als früher. Diese Paravakzine verleiht
keine Immunität gegen Blattern, sie ist jedoch ohne besondere
pathologische Bedeutung. Zur Vermeidung der Paravakzine soll
man ausgiebige Impfwunden setzen und aus dem Impfröhrchen
den dickeren Anteil der Lymphe zur Impfung verwenden.
J. v. Wagner stellt den in einer früheren Sitzung demon¬
strierten Soldaten mit allgemeinem Schiitteltremor vor. Pat.
saß immer zusammengekauert, bekam bei der geringsten Bewegung
einen universellen Schütteltremor und hüpfte beim Versuch zu
gehen immer nach rückwärts. Nach kurzer Behandlung ist Pat.
gebeilt, sein Gang ist nur noch etwas schleppend. Die Therapie
bestand in Isolierung, reizloser Kost, Verabreichung von Asa foetida
dreimal täglich. Am längsten hat die gekrümmte Haltung unge¬
halten, sie verschwand auf energische Faradisation.
H. Lauber und K. Henning demonstrieren die Nachbehand¬
lung und die Anwendung von Prothesen nach Augenzerstörung.
Yoitr. bekamen die Soldaten, welche den Bulbus durch eine Sclniß-
verletzung verloren hatten, mit ausgeheilter Verletzung, so daß
nur die Verstümmlungen zu behandeln waren. Um eine Prothese
einzosetzen, mußten kleinere Operationen an dem geschrumpften
Konjunktivalsack und an den verkrümmten Augenlidern vorge-
nommen werden. Es wurden die Tränendrüse, die Konjunktival-
und akzessorischen Drüsen entfernt, weil ihre Sekretion die Prothese
aus der Augenhöhle drängte, es wurden ferner an den Lid rändern
korrigierende Operationen vorgenommen, damit die Prothese vod
den Lidern festgehalten wird. Sie ist nur im Bereich des Augen¬
sternes aus Glas gemacht, die umliegende Sklera wird aus einer
eigenen Masse vom Pat. nach Bedarf hergestellt, welcher zu diesem
Zweck ein Gipsmodell erhält. Auf diese Weise kann die Prothese
immer neu hergestellt werden, wenn sie zerbricht oder unansehn¬
lich wird. Wenn der Pat. graue Gläser trägt, wird das Tragen
der Prothese nicht bemerkt.
Fr. Dimmer stellt zwei Soldaten mit einer traumatischen
Läsion der zentralen Sehbahnen vor. Der erste Pat. erhielt einen
Durchschuß in der linken Schläfengegend; er war nicht bewußtlos,
zeigte eine erhebliche Sprachstörung und Verlust des Namens¬
gedächtnisses. Die Sprachstörung bat sich zurückgebildet, es
blieben geringe amnestische Aphasie und rechtsseitige Hemianopsie
zurück. Im zweiten Fall wurde durch einen Durchschuß der rück-
wärtigi' Pol des Großhirns in beiden Hemisphären verletzt. Pat.
war längere Zeit bewußtlos und sah fast gar nichts, ln zwei
Operationen wurden die Knochensplitter entfernt und es wurde
eine Verletzung der Hirnrinde im Gebiet des Hinterhauptlappens
festgestellt. Die zentrale Sehschärfe war auf 1/10 herabgesetzt,
Fat. konnte nur große Schrift bei exzentrischer Fixation lesen. Die
Augenuntersuchung ergab homonyme zentrale Skotome und eine
genüge Einschränkung der Gesichtsfeldgrenzen. Man muß hier
eine Verletzung der Sehstrahlung annehmen. Der zweite Fall gibt
einen Aufschluß über die Verbindung der Retina mit dem Seh-
ze ^ m ' über welche zwei Theorien bestehen. Nach Wilbrand
nnd Henschen hat die Netzhaut eine vollständige Projektion im
senzentrum der Nähe der Fissura calcarina, wobei die Makula¬
gegend von beiden Hemisphären versorgt wird. Nach Monakow
a r m 8 . ^kufafasern einen Zusammenhang mit einem sehr
großen Teil in der Rinde der Hinterhauptlappen, Der zweite Fall
klarer ^ ^ ^ eor * e von Wilbrand und Henschen zu er-
feldflii a ni^ ail ? er ^ * n e * üem Fall auf einer Seite totalen Gesichts-
sehpn r ’ . ( * er frieren Seite keine vollständige Hemianopsie ge-
sirh -i p( ä riphere Grenze des Sehfeldes war intakt. Das Skotom hat
sich xuruckgebildet.
Entlto * ränk . el bespricht die Wirksamkeit verschiedener
8 ®ngsmittel und zeigt die Abtötung von Läusen in vitro
durch einige derselben. Er hat die bisher empfohlenen Ent¬
lausungsmittel untersucht und hat als billigste und ain raschesten
wirksame Mittel für die große Desinfektion das Chlor, für den
persönlichen Schutz das Anisol gefunden. Beide Mittel töten die
Läuse sehr rasch. Naphthalin, Kresol- oder Benzolverbindungen
mit Chlor wirken langsamer oder unsicher, das Texan ist wenig
wirksam. Die Anwendung des Anisols in Form von Salbe hat
manche Unbequemlichkeiten, besser ist die Applikation in Pulver¬
form. Das Ammoniak ist wegen seines Geruches schwer anwendbar.
Ein sehr gutes Entlausungsmittel, welches in Australien zum
Waschen von verlausten Schafen benützt wird, ist das Nikotin in
Form des Tabakextraktes, es tötet in einer Verdünnung 1:1000
sehr schnell Läuse.
E. K n a f f 1-Len z möchte“ vor der Anwendung von Nikotin wegen
dessen zu großer Giftigkeit warnen. Die meisten empfohlenen Mittel
sind nur Vorbeugungsmittel gegen Läuse und vertreiben diese von den
verlausten auf die nirln. verlausten Personen. Aetherische Gele ver¬
dampfen zu schnell. Line definitive Entlausung des Körpers ist nur so
durc.hzui'ühreu, daß der Verlauste in einen geschlossenen Sack kriecht
und die betreffende leicht verdampfende Substanz in den Sack gießt, so
daß die Kleider von dem die Läuse tötenden Dampf vollständig durch¬
drungen werden. Nach den im pharmakologischen Institut diirchgcfiihrtrU
Versuchen beeinflußt Ammoniak, bis zu H",,, der Luft zugemischt. Läuse
überhaupt nicht, in stärkerer Konzentration werden sie gelahmt, erholen
sich aber in frischer Luft wieder. Ein sehr gutes Mittel für die Sack-
desinfektion ist der Schwefelwasserstoff, welcher, zu 2,5° ö der Luft bei-
gemischt, Läuse nach 12 Minuten tötet, ln einer solchen Konzentration,
welche ungefähr gleich stark wie ein Schwefelthermalwasser riecht,
wirkt der Schwefelwasserstoff nicht giftig. Er kann aus Alkalisulfiden
sehr leicht und billig iiergestellt werden. Der Entlauste kann dann die
Läuse durch Anwendung von ätherischen Gelen von sich feruhalteu.
S. Frankel erwidert, daß die praktischen Versuche die gute
Desinfektionskraft des Chlors und des Anisols ergeben haben. H.
Gesellschaft für innere Medizin and Kinderheilkunde
in Wien.
Sitzung vom 11. März 1915.
Diskussion zum Vortrage von A. v. Müller: Heber die
Klinik und Therapie der Dysenterie* (Schluß.)
Fr. Spieler bemerkt, daß in der Debatte der relativ milde Cha¬
rakter der in Wien beobachteten Dysenteriefälle hervorgehoben wurde.
Dagegen möchte er nach persönlichen Erfahrungen auf dem nördlichen
Kriegsschauplatz betonen, daß der Eindruck, den die Epidemie dort bot,
ein wesentlich ungun-tigerer und die Mortalität eine recht beträchtliche
war. Das kann dadurch erklä't werden, daß die Kranken in die Spitäler
in der Nähe des Kriegsschauplatzes meist unmittelbar nach den schwer¬
sten Strapazen und Entbehrungen von der Front, also in viel schlech¬
terem Zustande gelangen als ins Hinterland, wohin überdies doch nur
die von Vornherein leichteren oder schon im Etappenraum bedeutend
gebesserten Fälle transportiert werden. Außerdem ist auch der Verlauf
der Erkrankungen in den Elappenspilälorn mit den primitiveren, grö߬
tenteils improvisierten therapeutische« Behelfen ein viel ungünstigerer
als in den modern eingerichtete» Krankenanstalten des Hinterlandes. Zu
den wichtigsten therapeutischen Behelfen bei der Dysenteriebehandlung
gehören ein warmes Bett und ein möglichst bequemes Stuhlgefäß. die
in den Etappenspitäleni oft nur schwer oder gar nicht zu beschaffen
waren. Redner kann nach seiner Erfahrung berichten, daß durch primäre
Verabreichung großer Opiumdosen Schädigungen herbeigeführt worden
können, während das ganze Krankheitsbild im Frühstadium durch ent¬
sprechend gewählte Rizinusgaben günstig beeinflußt wird. Vor der pri¬
mären Opiumbehandlung der Dysenterie möchte er daher warnen.
E. Pfibram betont, daß die bakteriologische Diagnose der Dys¬
enterie nicht ganz einfach ist. Dem Bakteriologen stehen folgende Me¬
thoden zur Verfügung: die Reinkultur aus dem Stuhl, die Differenzie¬
rung und Identifizierung mittelst Agglutination, die Agglutination mit¬
telst des Patientenserums zur Sicherstellung der Diagnose. Die Reinkultur
aus dem Stuhl macht größere Schwierigkeiten als bei der Cholera: aus
dem großen Bakteriengemisch, in welchem sich einander sehr ähnliche
Bakterien finden, ist es nur auf einem langwierigen Wege möglich,
Reinkulturen zu Züchtern Dabei ist noch zu bemerken, daß den Dysen¬
teriebazillen ähnliche Bakterien mit verdorbener Nahrung in die Fäzes
gelangen können. Der Weg, zur Identifizierung von Bakterien ihre Fer¬
mente zu verwenden, führt nicht immer zum Ziel, da die fermentativen
Eigenschaften zur Aufstellung neuer Typen nicht immer zu verwenden
sind und bei Massenuntersuchungen auch nicht alle fermentativen Eigen¬
schaften berücksichtigt werden können. Die Fermentproduktion der Bak¬
terien wird außerdem auch durch die Zusammensetzung des Nährbodens
modifiziert, ferner können junge Kulturen andere Fermente bilden als
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14.
4. Aprjl
ältere. Bei der Agglutination sind verschiedene Vorsichtsmaßregeln zu
beobachten, die Anwendung der Castcllanischen Absättigungsmethode
zur Differenzierung der Bakterien erfordert längcro Zeit. Die mikro¬
skopische Agglutination muß mit einiger Vorsicht bewertet werden, weil
manche Stämme spontan ngglutinieren. Ein vorzügliches diagnostisches
Mittel ist die Agglutination mittelst des Patientenserums, sie verlängert
aber sehr die Zeit der Untersuchung. Der Kliniker verlangt vom Bakte¬
riologen Aufschluß darüber, ob eine echte Dysenterie vorliegt, ob eine
toxische oder eine atoxische Form des Dickdarmkatiirrhs vorhanden ist.
Es bleibt eich gleichgültig, welcher Art dio infektiösen Bakterien sind,
da die Therapie, abgesehen von der Amöbendysenterio, ungefähr die
gleiche bleibt, ebenso die Prophylaxe, welche in jedem verdächtigen Fall
angewendet werden muß. Bazillenträger sind bei Shiga- oder F lex ne r-
Formen gefährlich, bei anderen Vibrionen erfahrungsgemäß weniger zu
fürchten. Die Unterscheidung, ob ein toxischer oder atoxischer Dickdarm¬
katarrh vorliegt, kann der Bakteriologe in einigen Tagen treffen: selbst¬
verständlich wird unterdessen der Kliniker sofort eine Seruminjektion
vornehmen: das Ergebnis der Untersuchung wird ihm zeigen, ob er weiter
das Serum anwonden soll. Im Kriege ist dies freilich anders, da nur
beschränkte Serummengen zur Verfügung stehen. Vom serbischen Kriegs¬
schauplatz kamen meist Dysenteriefälle mit Fl ex n e r-Bakterien, vom
nordöstlichen mit Shiga-Kruse-Bazillen. Es ist. nicht Aufgabe des Bak¬
teriologen, gegenwärtig große Forschungen vorzunehmen, sondern er hat
nur die Aufgabe, durch rasche Diagnosenstellung die Armee und Zivil¬
bevölkerung vor der Seuche zu schützen. Es wäre am besten, eine ein¬
fache, einheitliche Methode zur bakteriologischen Untersuchung auszu¬
arbeiten, was auch wegen der Beschaffung des Materials wichtig wäre.
A. v. Müller fragt, wie sich Redner zum Befunde z. B. eines nicht
agglutinablen Shiga-Kruse-Stammes hei Dysenterie stellen würde.
E. Pf ihr am antwortet, daß man immer von der ungünstigeren
Voraussetzung ausgeht und daher solche Fälle als Dysenteriefälle an¬
sieht. Bazillenträger wird man zu Diensten verwenden, wo sie keinen
Schaden anrichten können.
A. Edelmann hat auf der Abteilung Wcchsberg im Wilhel-
minenspital Magoninhaltsuntersuchungen bei Soldaten vorgenommen, die
vom Kriegsschauplatz wegen verschiedener Erkrankungen eingeliefert
worden sind. In der Mehrzahl der Fälle fand sich Anazidität, resp. starke
Hypazidität, oft mit dem mikroskopischen Bild eines Katarrhs. Häufig
wurden auch in diesen Fällen Enteritiden mit stark gärenden Stühlen
beobachtet, mikroskopisch fanden sich unverdaute Muskelfasern, reichliche
Fettsäurenadeln und Schleim. Es war eine deutliche Zunahme der gram¬
positiven Flora nachweisbar. Diese Veränderungen des Magendarmkanals
scheinen in der Pathogenese der Dysenterie eine wichtige Rolle zu
spielen, sie haben ihre Ursache in den körperlichen Anstrengungen der
Soldaten im Feld und in den Schädlichkeiten der Ernährung. Bekannt¬
lich wirken körperliche Anstrengungen und Ermüdung hemmend auf die
Drüsen- und Magenschleimhaut Sekretion, es dürfte dem Kochsalzverluste
eine Bedeutung zukommen. Das schlechte Wasser, der Genuß von rohem
Obst und Pllanzeiinahnmg, kalte Speisen können katarrhalische Affek-
tionen der Magenschleimhaut hervorrufen. Auf diese Weise wird der
Organismus des natürlichen Schutzes, welchen der Magensaft gegen ein¬
dringende Bakterien bietet, beraubt und es wird der Grund für eine
Dysenterieinfektiuu vorbereitet. Redner konnte auch beobachten, wie sich
im Laufe der Zeit das Bild der Transporte änderte, indem ein Ueber-
gang durch Enteritis gastrischen Ursprungs zur Dysenterie und zur
Cholera bemerkbar war. Bei der Behandlung der Dysenterie und der
dysenterischen Nachkrankheiten wurde von der Salzsäure mit Erfolg
Gebrauch gemacht. Auch prophylaktisch ist die Salzsäure empfehlens¬
wert, besonders die trockenen Ersatzpräparate (Azidol oder Azidolpepsin).
Als wichtiges günstiges prognostisches Symptom gilt ein allgemeiner
Schweißausbruch mit besonderer Beteiligung des Kopfes, der einige
Stunden bis 2 Tage andauert und einer völligen Genesung vorausgeht.
Das Krankheitsbild ändert sich bald darauf. Ein höchst ungünstiges
Symptom ist der Singultus; Redner sah keinen Fall mit Singultus durch- |
kommen, in keinem Fall war bei der Obduktion eine Peritonitis zu
finden. In der A Woche der Erkrankung wurden an der Abteilung bei
einem Viertel der Put. typische, stark saure Gärungsstühle als Ueher¬
gang zu breiigen Stühlen gesellen. Diese Periode hat. 1—B Tage gedauert,
sie spricht für eine mindestens funktionelle Mitbeteiligung der oberen
Darmabschnitte. Von selteneren Komplikationen wurden ein Leberabszeß
und in einigen Fällen abgesackto Abszesse in der Bauchhöhle gesehen,
auch ein Douglas-Abszeß wurde beobachtet, welcher durch das Foramen
ischiadicum majus durchbrach. Im allgemeinen scheinen dio abgesackten
Abszese in der Bauchhöhle durch ihre Tendenz zur Schwartenbildung
keine große Gefahr der allgemeinen Peritonitis zu bilden. Für die Dia¬
gnose solcher Abszesse sind der Nachweis von okkultem Blut im Stuhl
und die Fermentuntersuchung auf Agglutination mit, Shiga-Kmse und
Flexner von Bedeutuug. Von der Serumtherapie hat Redner viel Gutes
gesehen, außerdem wurde Salzsäure gegeben, besonders in den schon in
Heilung begriffenen Fällen.
A. v. Müller erwidert, daß die beobachteten Muskelschmerzen
wohl identisch mit ncuritischen Schmerzen sein dürften. Bezüglich der
Ahführtherapie scheine ein Mißverständnis vorzuliegen; er habe nicht ge¬
meint, daß das Opium aus der Therapie der Dysenterie ausgeschlossen
werden soll, sondern er habe sich nur gegen die systematische Opium¬
darreichung ausgesprochen, ln manchen Fällen ist das Opium indiziert.
Nach seinen Beobachtungen befreit die Kalomeltherapie den Pat. rasch
von seinen Beschwerden, namentlich vom Tenesmus. Bezüglich der Mor¬
talität möchte Vortr. erwähnen, daß auch in Wien Dysenteriefällo beob¬
achtet wurden, welche vor 2 Tagen das Schlachtfeld verlassen und einen
schweren Transport durchgemacht hatten. Die idealsten Heilungsverhält¬
nisse würde man in gut ausgestatteten Spitälern in der Nähe der Er-
krankungsherde schaffen. Die Bakteriologie hat bei klinisch nachge¬
wiesener Dysenterie einen ziemlich hohen Prozentsatz von negativen Be¬
funden, in manchen Fällen wurde erst durch wiederholte Untersuchung
ein positiver Befund erzielt. Als gefährliche Bazillenträger sind solche
anzusehen, welclio viele Bazillen ausscheiden. Eine Schwierigkeit bilden
in der Diagnostik atypische Stämme: Vortr. steht auf dom Standpunkt,
daß auch Erkrankto mit diesem Bakterienbofund als Dysenteriekranke zu
behandeln sind. In der jetzigen Epidemie haben wir es nicht mit hart¬
näckigen Bazillenträgern zu tun, sie verloren bisher die Bazillen in
kurzer Zeit. Bei Dysenterie ist fast immer Anazidität des Magensaftes
zu finden, die Wertung dieser Tatsache muß durch weitere Unter¬
suchungen geklärt werden. Es handelt sich um die Frage, ob die Dysen¬
terie oder Anazidität das Primäre ist; Vortr. ist der Ansicht, daß in
sehr vielen Fällen die Anazidität infolge von Anstrengungen auftritt,
welche dann den Boden für die Infektion vorbereitet. In einem Teil der
Fälle geht die Anazidität rasch vorbei, in anderen bleibt sie bestehen.
H.
Oesterreichische (Unlogische Gesellschaft.
E. Urbantschitsch: Traumatische Ruptur des abge¬
schlagenen Trommelfellappens 7 Wochen nach der Ver¬
letzung. U. stellt einen Leutnant vor, der auf dem Schlachtfeld
vom Pferd stürzte und von diesem einen Huftritt erhielt. An¬
schließend daran eine Kommotio und Verletzung des linken Gehör¬
organs. Diese bestand in einer vollständigen Durchtrennung des
Ohrläppchens, außerdem Schwerhörigkeit und Schwindelerschei¬
nungen. Im linken Ohr ein großer Defekt im hinteren oberen
Trommelfellquadranten, durch den die normale Paukenschleimhaut
zu sehen ist. Der ausgeschlagene Trommelfellquadrant war nach
außen umgclegt. Spontannystagmus nach beiden Seiten. Schwache
Drehreaktion. Mit einer Sonde wird der umgeschlagene Trommel¬
fellteil aufgerichtet und in seine ursprüngliche Lage gebracht.
Durch ein Karbolglyzerin-Wattebäuschchen wird das Trommelfell
in seiner Lage erhalten. Nach 7 Wochen war der Lappen tadellos
eingeheilt.
E. Fröschels stellt einen Infanteristen vor, der im An¬
schluß an die Explosion eines Schrapnells ein fast rein tonisches
Stottern zeigte. Die Therapie dürfte Besserung bringen.
0. Mayer: Fall von Sinusthrombose mit spontaner
Abgrenzung. Es handelte sich um einen, wie die Operation zeigte,
großen Extraduralabszeß. Der Sinus war thrombosiert, seine äußere
Wand vereitert. Ferner bestand eine ausgedehnte Paebytneningitis.
Bei der Inzision der lateralen Sinuswand zeigte sich, daß derselbe
unmittelbar vor der Einmündung in den Bulbus durch Bindegewebe
verschlossen war. — Sodann demonstriert M. einen geheilten Fall
von Abszeß im Hinterhauptlappen, Extradnralabszeß, Sinns-,
Bulbus-, Jugulumthrombose, Halsphlegmone und Mediasti¬
nitis infolge Cholesteatom des Mittelohres. lOjähriges Mädchen,
das im Anschluß an eine chronische Mittelohreiterung unter den
Symptomen einer Meningitis eingeliefort wurde und eine über die
ganze Halsseite bis zur Klavikula reichende Phlegmone zeigte.
Bei der Operation wird der Bulbus nach Voss eröffnet, der
thrombosierte Sinus petr. sup. bis in die Höhe des hinteren Bogen¬
ganges verfolgt. Eröffnung der vom Bulbus bis ins Mediastinum
reichenden Abszeßhöhle. Drainage des Mediastinums. Außerdem
bestand ein Hirnprolaps nach Inzision eines Abszesses im Hinter¬
hauptslappen. Dieser Prolaps wurde später abgetragen und der
Duradefekt durch einen gestielten Periostlappen nach Hacker
gedeckt.
E. Ruttin: Kriegsverletzungen des Gehörorgans. I. Fall
mit Einschuß über dem rechten Tragus und Durchschuß der Gehör-
gangswände im knorpelig membranösen Teil. Pat. ist taub. Die
kalorische Reaktion ist erhalten. Totale Fazialisparalyse. — H. Ein¬
schuß am rechten Grus helicis, fluktuierende Schwellung über dem
I Jochfortsatz. Im Röntgenbild daselbst zwei Schrapnellsplitter 2
sehen. Entfernung des Projektils. Pat. hört jetzt 2 m.— Hl. M®
schuß in der Höhe der Helixwurzel vor dem linken Ohr, A >
schuß in der Mitte der hinteren Ohrfalte. Ruptur des Trommelle *■
Schwere Läsion des Kochlearapparates, geringe Symptome Y
seiten des Vestibülarapparates. — IV. Einschuß drei Querfing
vor dem rechten Ohr, Ausschuß in der Mitte des hinteren R aD
des Proc. mast. Pat. ist taub. Kalorische Reaktion nach Rec s
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14.
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drehen# fast erloschen. — V. Einschuß in der rechten Augenbraue,
Ausschuß in der vorderen Gehörgangswand, knapp hinter dem
Tragus. Hintere Gehörgangswand vom Projektil gestreift. Häraato-
(jmpafluro. Blindheit rechts infolge Netzhautruptur. — VI. Hie
hintere und vordere Gehörgangswand sind etwa am üebergang
des knorpeligen in den knöchernen Gehörgang durchschossen.
Kleine Granulationen im hinteren unteren Trommelfellquadranten.
Mäßige Mittelohreiterung. Pat. ist taub. Vestibuläre Reaktion er¬
halten. Fazialisparese links. — VII. Einschuß ein Querfinger unter
dem rechten Augenlid, eiternd. Projektil am hinteren Rande des
Sternokleidomastoideus tastbar. Schwellung und Rötung an dieser
Stelle. Oedem der mittleren Nasenmuschel. Diffuse Suffusion am
hinteren Gaamenbogen. Es besteht Hämatotympanum. — Bei den
beobachteten Kriegsverletzungen ist auffallend, daß der knorpelig-
membraoöse Gehörgang viel häufiger durchschossen war, als der
knöcherne. Die Atresie ließ sich durch Tamponade stets verhüten,
in 3 Fällen kam es zu einer mäßigen Stenose.
0. Beck. Zerebrale Lues. Zeigereaktion. Vestibnlar-
beftmd. 38jähriger Pat. 1911 Sklerose am Penis. Seine Kuren
scheinen sehr energische gewesen zu sein, da er im Juni 1913
mit einer Sklerose an der Lippe wieder erschien. Uebermäßige Be¬
handlung mit Neosalvarsan und Quecksilber. Im Oktober 1913,
2 Wochen nach Beendigung einer antiluetischen Kur plötzliche
Ertaubung links und akute Meniere-Attacken. Rechtes Ohr fast
normal, links komplette Taubheit. Spontannystagmus nach rechts.
Spontanes Vorbeizeigen mit der linken Hand, und zwar immer
nach außen. Bei allen vorgenommenen Labyrinthreizungen zeigt
die rechte Hand richtig, dagegen ist das spontane Naehaußen-
zeigen der linken Hand durch keine Labyrinthreizung zu ändern.
Lumbalpunktion wird vom Pat. nicht gestattet. Im weiteren Ver¬
lauf der Behandlung verschwindet das Vorbeizeigen. Die subjek¬
tiven Begleiterscheinungen für die kalorische Reaktion sind deut¬
lich herabgesetzt, für Drehreaktion ergeben sich besonders hohe
Werte und starke Schwindelerscheinungen^ Wassermann seit Be-
ginn der Ohrerkrankung negativ. — Vestibularbefund bei
einem Fall von JDiastase der Schadelnfihte. Es handelt sich
um einen Soldaten, der im Anschluß an eine Schrapnellexplosion
von einem Bergbang herabgeschleudert wurde und bewußtlos liegen
blieb. Darnach starker Schwindel und Schlechthören. Die Röntgen¬
untersuchung ergibt eine Diastase sämtlicher Schädelnähto. Die
vestibulären Reaktionen bei diesem Pat. verhalten sich genau so
wie bei Fällen, die nach der Lumbalpunktion auf den Zustand
ihres Vestibularapparates untersucht werden. B. hält dieses atypische
Verhalten des Vestibularapparates nicht für zentral bedingt und
glaubt es mit den veränderten Druck Verhältnissen im Schädel in
Zusammenhang bringen zu sollen. — Vestibularbefund bei
Schrspnellneurose. Der 27jährige Soldat, in dessen Nähe ein
Schrapnell krepierte, war hernach einige Tage bewußtlos. Klinisch
und neurologisch keine Erkrankung des Schädels nachweisbar.
Der Gang des Pat. ist unsicher. Starkes Schwindelgeftihl, herab¬
gesetztes Gehör rechts. Die Ohruntersuchung ergibt Verhältnisse,
wie man sie in Friedenszeiten bei traumatischer Neurose^ finden
kann, jedoch hier mit dem Unterschiede, daß sämtliche Erschei¬
nungen bedeutend gesteigert sind. Die vorhandenen kalorischen
Erscheinungen sind als funktionelle zu deuten. — Sinusthrombose
unter dem Bild einer Meningitis. Das Merkwürdige in diesem
Fall ist darin gelegen, daß das klinische Bild zur Zeit der Ein¬
bringung des Pat. nach allen Richtungen dem einer Meningitis
entsprach. Nach der wegen chronischer Eiterung vorgenoin menen
Kadikaloperation Temperaturabfall durch 3 Tage mit Verschwinden
der Hirnsjmptome. Dann Uebliehkeit und hohes Fieber, Freilegung
des Sinus und der hinteren Schädelgrube. Vorziehung des Sinus
lateralis, Unterbindung der Jugularis interna. Heilung. Es handelt
sich um eine seröse Meningitis, bedingt durch Hirnödem um den
Ihrombosierten Sinus.
Auch er wurde von anderer Seite als unheilbar bezeichnet und
durch Faradisation geheilt. — III. Der dritte Fall erkrankte auf
dem Marsche an Hitzschlag, war eine Stunde bewußtlos und wurde
im Spital mit kaltem Wasser übergossen. Hierauf Krämpfe, und
zwar Beugekontrakturen der oberen und unteren Extremitäten.
Nach wiedererlangtem Bewußtsein war er völlig stumm, hörte aber
beiderseits. Auch hier Heilung. Alle drei Pat. lernten sich erst im
Spital kennen, so daß von einer psychischen Infektion keino
Rede sein kann.
V. Urbantschitsnh bemerkt, daß auch an seiner Klinik sich
ein Mann befand, der infolge eines in seiner Nähe explodierenden Ge¬
schosses olmmächtig wurde und nacli Wiederkehr des Bewußtseins taub
und stumm erschien. Bei der 2 Wochen nach dem Unfall vorgenommenen
Untersuchung fand U. beiderseits völlige Taubheit. Massage brachte keine
Aenderung des Zustandes. Deshalb wandte U. einen äußerst kräftigen In¬
duktionsstrom durch 8—10 Sekunden an, den er auf den Kopf einwirken
ließ. Der Pat. stieß dabei keinen Laut der Ueberraschmig oder des
Schmerzes aus. Am nächsten Tage war das Gehör für Harmonikatöne
wiedergekehrt. U.
&; Urbantschitsch: Im Kriege erworbene hysterische
iaubheit bzw. Stummheit, durch Faradisation geheilt. I. Der
^gestellte Soldat wurde durch in seiner Nähe erfolgende
£t ra PnellexpJosion in die Luft geschleudert, liel auf die rechte
(iJte aQ f und verfiel in Bewußtlosigkeit. Beim Erwachen war er
Mmm und rechtseitig taub. Er wurde an fünf Spitäler abgegeben
!, y° D Jedem als unheilbar entlassen, bis er schließlich dem
s arnis °flsspital Nr. 2 überstellt wurde, woselbst U. nach Ver-
a ^ er anderen Mittel einen Versuch mit Faradisierung an-
j-* ^ er ?ura Ziele führte. — II. Der vorgestellte Korporal er-
<rf u D Trauma; darnach Bewußtlosigkeit und Tobsuchts-
‘ a e< dem Erwachen war Pat. stumm und beiderseits taub.
\ortragsreihe des Zentralkomitees für das ärztliche Fort¬
bildungswesen in Preußen.
Nachbehandlung der Verletzungen des Bewegungsapparates.
III.
Wollenberg (Berlin): Gelenkmobilisation. Zur Verhütung
der Gelenksteifigkeit muß man die Fixierung der verletzten Glieder
auf das mindeste Maß beschränken, besonders bei der Hand und
deu Fingern. Man unterscheidet. Kontrakturen, bei denen es sich
um die Weichteilschrumpfung handelt, und Ankylosen bei der
Versteifung der Gelenke. Erstere kommen bei Oberflächenwunden
zustande und werden durch aktive und passive Bewegungen im
Seifenbad bekämpft. Wenn der Erfolg ausbleibt, muß man die
Narben herausschneiden und plastische Operationen vornehmen.
Schwieriger wird die Behandlung, sobald durch Schrumpfung der
Muskeln und Faszien, oft infolge der langen Fixierung der Ge¬
lenke, die Gewebe erheblich verkürzt sind. Am schwersten sind
die Fälle von Verwachsungen im Gelenk selbst, wenn Spreng-
stiieke hineingelangt sind, die jede Bewegung unmöglich machen.
Bei den durch Muskelnarben bewirkten Versteifungen ist die offene
Durchsclmeidung der Sehnen und eventuell plastische Tenotomie
erforderlich, für die Gelenkversteifungen, die Ankylosen, kommt
nur das forcierte Redressement in Frage. Von der bei der Ver¬
wundung etwa vorhandenen Infektion hängt die Nachbehandlung
ab. Lag keine Infektion vor, besteht nur eine traumatische
Arthritis, hervorgerufen durch Blutergüsse, Verdickung der Syno¬
vialhaut, so muß die Schrumpfung mit frühzeitigen aktiven und
passiven Bewegungen behandelt werden und mit Wärme; Massage
ist aber zu vermeiden. Bei Gelenkschüssen und mäßigen Verände¬
rungen des Gelenks muß längere Ruhigstellung des Gelenks er¬
folgen, und die Behandlung ist eine ähnliche. Bei völliger Zerstö¬
rung des Gelenks durch das Geschoß und Anwesenheit vieler
Knocbenfragmente muß man ruhigstellen und erst die Bildung des
Gallus abwarten. Liegt aber eine stärkere gleichzeitige Inrektion
vor, sei es von der Weicht eil Verletzung ausgehend oder direkt
durch den Gelenkschuß, so muß man bei mildem Verlauf früh¬
zeitig vorsichtige Mobilisierungsversuche machen, mindestens bei
jedem Verbandwechsel eine Aenderung der Stellung vornehmen.
Jeder blutigen oder unblutigen forcierten Maßnahme muß die
physikalische Behandlung vorausgehen und folgen. Nach dem
forcierten Redressement ist vorübergehende Ruhigstellung erforder¬
lich. Es treten oft Zirkulationsstörungen auf, bei Fettreichtum
auch Fettembolie, und infektiöse Prozesse können wieder auf¬
brechen. Man muß während des Redressements, das gewöhnlich
manuell vorgenommen wird, alle physiologischen Bewegungen er¬
giebig ausführen und darauf Alkoholumschläge machen, Morphium
geben und nach Abklingen der Schmerzen erst kleine, später
größere Bewegungen passiv ausführen. Das Verfahren mit langsam
wirkenden Extensions- und Schienenapparaten ist weniger zu emp¬
fehlen. Nur bei Subluxationen kann man durch Gewichtsextension
auf einen Ausgleich der Verschiebung rechnen. Die blutige Methode
besteht in der Eröffnung der Gelenke und Herausnahme der die
Bewegung hindernden Teile unter Zurücklassen eines Faszien¬
lappens. Oft ist aber ein Schlottergelenk die Folge, das für einen
Arbeiter viel schlimmer ist, als ein in guter Stellung fixiertes
Gelenk. Wenn die Bew'eglichmachung nicht gelingt, soll man eine
passende Mittelstellung erstreben. Eine solche ist für den Ell¬
bogen der rechte Winkel, die Schulter mäßige Abduktion, Hüfte
Digitized b"
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UNiVERSUY OF IOWA
410
1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. U.
4. April,
mäßige Abduktion und Außenrotation, das Knie die gestreckte
Stellung und den Fuß der rechte Winkel.
Holtmann (Königsberg): Heber Prothesen und ihre
Verwendung. Vortr. ist seit vielen Jahren mit glänzendem
Erfolge bemüht, für Amputierte geeignete, billige Prothesen zu
erfinden. Was er auf Kongressen und in diesem Vortrag an Appa¬
raten und Lichtbildern gezeigt hat, ist so überzeugend, daß man
das Problem des zweckmäßigsten Ersatzes für fehlende Gliedmaßen
durch ihn für gelöst halten mochte. Man sah im kinematographi-
sehen Bild einen früheren Soldaten, dem nach Erfrieren vor sieben
Jahren beide Arme und Beine abgenommen waren, sieh ankleiden,
waschen, kämmen, frühstücken, in der Arbeitsstube eiue Schlosser¬
tätigkeit ausiiben und spazieren gehen, sogar eine Gartentür ver¬
schließen. Der allerdings sehr geschickte Manu ist Vorarbeiter und
wirkt äußerst günstig auf Unfallverletzte durch sein Beispiel. Man
sah einen Kunsttischler feine Arbeit mit einem künstlichen Arme
verrichten, einen ehemaligen Monteur, dem beide Arme fehlen, in
der Ausübung seines Amtes als Kontrolleur der Gas- und elektri¬
schen Uhren. Mädchen sah man beim Stricken, Nähen, Häkeln,
Zuschneiden, ländliche Arbeiter bei der Handhabung aller ihrer
Geräte, wie Sense, Heugabel, Harke, Spaten. Man sah auch einen
Hauptmann, der in diesem Kriege das eine Bein verloren hatte,
mit seiner Prothese aufs Pferd springen und hörte, daß er die Ab¬
sicht habe, wieder seinen Dienst im Felde zu tun, nachdem er zum
Garnisonsdienst bereits zugelassen wurde. H. erreicht diese wunder¬
vollen Resultate durch einfache Mittel. Die Hüllen sind leicht ge¬
arbeitet und haben an dem peripheren Ende Vorrichtungen, an die
man bequem verschiedene Werkzeuge, Messer, Gabel, Löffel,
Bürste, Zange, Federhalter usw. stecken kann. Nur zum Zierrat
wird eine hölzerne Hand angebracht. Am Bein legt Vortr.
großes Gewicht auf die rechtwinklige Fixierung des Fußgelenks,
weil alle künstlichen Gelenkverbindungen nur Unsicherheit hervor-
rufen. Das Kniegelenk wird dagegen durch ein nach vorn offenes
Scharniergelenk ersetzt, das beim Auftreten die Festigkeit ermög¬
licht und beim Sitzen die Beugung gestattet. Die am Bein Ampu¬
tierten erhalten zuerst kurze Prothesen, um sich an ihr Tragen zu
gewöhnen. Im Gegensatz zu den unwilligen Unfallverletzten erklärt
auch H., daß es eine Freude sei, es mit unseren Soldaten zu tun
zu haben. Es ist wohl anzunehmen, daß den Sanitätsbehörden des
deutschen Heeres die vorzüglichen Erfolge des Königsberger
Orthopäden bekannt sind. Aber im Interesse des Vaterlandes wäre
es unzweifelhaft, wenn alle Orthopäden, besonders unsere Militär¬
ärzte sich die genaue Kenntnis seiner Arbeiten und Apparate ver¬
schaffen würden, am besten in einem kurzen Kursus in Königsberg
selbst. L. F.
bazillose führt übrigens auch häufig zu wenig bekannten und oft
verkannten Allgemoininfektionen.
Finkelnburg: Verieteungen der peripherischen Nerven.
Dieselben machen 2—2,5°/ 0 aller Verletzungen im Kriege aus.
Totale Durchtrennung der Nerven findet sich in 4—5°/ 0 . Außerdem
kommen partielle Durchtrennungen, Quetschungen, Kompressionen
durch Narben, Knochensplitter oder Kallusbildung sowie echte
Entzündung zur Beobachtung. Die totale Querschnittsläsion führt
natürlich sofort zur Aufhebung der Motilität, der nach einiger
Zeit Atrophie der befallenen Muskeln und elektrische Verände¬
rungen in denselben folgen. Die Sensibilität braucht nicht im
ganzen Gebiet der betroffenen Nerven aufgehoben zu sein wegen
der bekannten Ueberlagerung von anderen Nervenzweigen her.
Die partielle Durchtrennung kann klinisch das Bild einer voll¬
ständigen machen: nach 4—G Wochen etwa kann spontan die Be¬
weglichkeit wiederkehren. Bis zur sechsten Woche ist also keine
Entscheidung über eine Operation zu treffen. Auffällig ist das
Verhalten der Schmerzhaftigkeit. In einem Teil der Fälle sofort
nach der Verletzung Schmerzen, in einem zweiten erst. Lähmung
und Anästhesie und erst nach einiger Zeit Schmerzen. Hier handelt
es sich um eine Neuritis. Zur Diagnose der Neuritis muß man
Zorrungsschmerz und Muskelentzündung ausschließen. Die Schmerzen
werden hauptsächlich in die distalen Enden der Glieder verlegt.
Die Nervonstämme sind druckempfindlich, oft allerdings nur sehr
wenig. Wichtig sind trophische Störungen der Haut, und des
Knochensystems (akute Atrophie der Epiphysen der Finger und
Handgelenke). Bei Kompression durch Knochenkallus soll man
nach 4 5 Wochen operieren, wenn nicht Besserung eintritt
(Wiederkehren der faradischen Erregbarkeit). Bei Verletzungen des
Nerven kann man ruhig 4—5 Monate warten, da durch ein solches
Warten die Prognose nicht verschlechtert wird, wenn man Gelenks¬
steifigkeiten und Muskelatrophie durch Wärme, Elektrisieren,
Hebungen verhütet. Schwerer ist die Behandlung der Neuritis in
vielen Fällen. Von 17 Fällen heilten zehn spontan bei absoluter
Bettruhe und Narkotizis in kleinen Dosen im Vereine mit Heißluft-
bädern. Von sieben Fällen, die auf diese Behandlung nicht reagierten,
wurden vier operiert. Bei zweien war der Befund völlig negativ,
bei den zwei anderen die Neurolyse ohne jeden Nutzen. In solchen
schwersten Fällen, die zur Amputation des betroffenen Gliedes
führen können, rät F. zu einer systematischen Morphiumkur von
kleinsten zu größeren Dosen langsam ansteigend und dann wieder
zurückgehend. Ls.
Kricgscliirurgiseher Abend zu Lille (Frankreich).
Sitzung vom 13. Jänner 1915.
Kriegsärztliche Abende in Bonn.
Sitzungen vom 18. Dezember 1914 und 15. Jänner 1915.
Ungar: Erfahrungen an der inneren Abteilung des
Reservelazaretts. Auffällig groß war die Zahl der Erkrankungen
an Ischias. Er empfiehlt als besonders gutes therapeutisches
Mittel dagegen die spanische Fliege. Besonders eingehend ver¬
weilte U. bei der Schwierigkeit der Typhusdiagnose, die
manchmal nur per exclusionem zu stellen ist, da oft im Anfänge
der Erkrankung sämtliche diagnostischen Hilfsmittel versagen. Ein
Fall von Diphtherie verlief trotz schwerster Erkrankung doch
noch günstig: Beginn als lakunäre Tonsillitis. Der Verdacht einer
Diphtherie konnte erst am dritten Tage bestätigt werden. Die
Erkrankung verbreitete sich tief in die Bronchialverästelungen
hinein, so daß vollständige Ausgüsse derselben ausgehustet
wurden. Es kamen Myokarditis, Nephritis, Augenmuskel- und
Gaumensegellähmung, Sensibilitätsstörungen in den Extremitäten
mit Fehlen der Patellarreflexe hinzu. Oeftor wurde eine akute
Lungenblähung infolge der großen Anstrengungen beobachtet.
Von Herzstörungen sind für den Feldarzt am wichtigsten die
funktionellen Schwächezustände, die sich bei genügend langer
Schonung wieder völlig ausgleichen können, bei denen aber immer
die Entscheidung schwierig ist, ob nicht doch organische Verände¬
rungen dein Leiden zugrunde liegen. Interessant war weiter ein
Fall von Trauma des Pankreas; dem Manne war eine Kiste auf
den Bauch gefallen. Es fand sich ein Erguß in die Bauchhöhle
und in der Gegend des Pankreaskopfes konnte man eine unbe¬
stimmte Härte fühlen. Einen Tag lang schied Pat. Zucker aus:
1,6; nachher war der Urin stets frei. Von Nierenstörungeu
kamen mehrere Fälle von orthotischer Albuminurie zur Beobach¬
tung sowie Fälle von Koliinfektionen des Nierenbeckens. Die Koli-
Borst zeigt Schädelknochenpräparate, au denen er die
Geschoßwirkung am knöchernen Schädel zeigte. Es war in letzterer
Zeit öfter die Beobachtung gemacht, daß Tangentialsehiisse häufig
auch große, sekundäre Sprünge setzen, und zwar in radiärer An¬
ordnung, namentlich an prominenten Teilen des Schädeldachs.
Diese starken Sprünge des Knochens führt Vortr. auf die ^Innen¬
architektur“ und gewisse Spannungen des Schädels zurück, die
er als Kuppelgewölbe auffaßt. — B. zeigt ferner ein Herz mit
Aorta: Vor einem Manne war eine Granate geplatzt und hatte
ihn umgeworfen. Zunächst keine besonderen Störungen, am andern
Tag plötzlicher Tod. Sektion: Ruptur der Aorta an typischer
Stelle; Aorta descendens, im Anfangsteile verschlossen.
Weber (Straßburg) demonstriert ein interessantes Herz«
präparat: Soldat mit Granatverletzung; Einschuß, zirka fünfzig -
pfennigstückgroß, etwas einwärts vom rechten Sternalrand in der
Höhe der vierten Rippe. Kein Zeichen stärkerer Blutung; keine
Verbreiterung der Herzdämpfung, keine pathologischen Geräusche
am Herzen. Rechtsseitiger Pneumothorax. Bald darauf schwere
Dyspnoe, Preßatmung, Zyanose, schlechter Puls. Verbreiterung der
Herzdärnpfung um das Vierfache, Herztöne hörbar, aber schwächer
und vollständig rein. Druckempfindlichkeit über dem Sternum und
dem Jugulum. Die Operation (Sauerbruch) ergab eine breite
Eröffnung des Brustfells. Die zertrümmerte vierte Rippe WUI y
reseziert, und ebenso einige Splitter aus dem Brustbein entfern ■
Beträchtliches Hämatom im vorderen Mittelfellraum. Die Q ue f
der Blutung konnte zunächst nicht gefunden werden. Bei der
Revision des Herzbeutels sah mau dann ein etwa 2 cm grölte*
Loch in der Wand des rechten Ventrikels, aus dein Blut iro
Strahle hervordrang. Erweiterung des Loches, Vorziehen ^
Herzens, aus dessen rechtem Ventrikel aus einer etwa iC“
langen Wunde in der Systole Blut spritzt. Naht der Ilerzwun
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Original fro-m
UNIVERSUM OF IOWA
■1 April.
1915 - MEDIZINISCHE KLINIK - Nr. 14.
411
<if> Herzbeutels, Tamponade des Mittelfells. Am dritten Tag Exitus.
Hei der Sektion wird festgestellt, daß der Granatsplittor die Ven-
trikefwand 2 cm weiter unten zum zweitenmal durchbohrt hat und
o in £ in diesem Ausschuß als Tampon steckengeblieben ist.
L.V •/ Menzer (Bochum) führt an der Hand von Fieberkurven
eoAV~ Typhoskranker, die teils geimpft, teils nicht geimpft waren,
i , aus. daß im großen und ganzen ein wesentlicher Unterschied in
den Temperaturen nicht besteht, und daß der Typhus bei Ge«
$$ impften und Nichtgeimpften bei seinen Pat. den gleichen Ver-
jittvK lauf batte.
hm Fortsetzung der Diskussion über die Tetanusfrage. (Siehe
n ij : . Sr. fl dieser Zeitschrift.)
. Friedbercfer nimmt auf Grund von Laboratoriumsversuchen an,
J« L".-; d:iß der Tetaflusbazillus nicht der einzige Tetanuserreger ist, sondern
q daß iiorb andere in Betracht kommen. Bezügliche Versuche seien im
idk- - (lange. Der Tetanus, wie wir ihn hier beobachten, braucht nicht in allen
Ffc eine bazilläre Erkrankung zu sein, vielmehr scheint hierbei auch
i'iV.' die Resorption eignen Körpereiweißes in Betracht (große Weich teil vr-
1 letzongl zu kommen.
^ ‘ Solle sab in seinem Lazarett im ganzen 34 Tetanusfälle; unter
diesen befanden sich 18 schwere Granatverletzungen, die übrigen waren
V: ' kleinere Verletzungen. Je kürzer die Inkubation, desto .schwerer der
• - ' FäU. Der neunte Krankheitstag stellt etwa die Grenze dar, doch kommen
:r J. . auch große Schwankungen vor. Ungünstige Erfahrungen hat er nach der
Amputation bei Tetanusfällen gemacht. Ob dies auf die große Shock-
,r Wirkung ziiriirkzufiihren ist oder auf die Tetanusinfektion, kann er nicht
u ';‘\ angeben. U'em'g Zutrauen ist in die prophylaktischen Maßnahmen bei
Tetanus zu setzen.
Laeven fand im Gewebe eines amputierten Vorderarms Tetanus-
‘ bazilleu Erscheinungen hatte Pat. noch nicht. Nach einer dreimaligen
1 Injektion in den Plexus brachialis erkrankte Pat. nicht an Tetanus.
Menzer sah bei schon Erkrankten keine Erfolge nach Antitoxinbehand-
J Jung, dagegen gute bei prophylaktischer Injektion; durch heiße Bäder,
1 die er sehr empfiehlt, sollen "die Krämpfe wesentlich gemildert werden.
• Enderlen (Würzburg) mahnt zur Vorsicht bei Ploxusinjektionen
wegen der Plexuslähmung, die folgen kann. Sie erscheint ihm heim lokalen
Tetanus wirken zu können; wenn allgemeiner Tetanus ausgebrochen ist,
t: ist sie ebenso nutzlos wie die Amputation.
Sauerbruch (Zürich) macht darauf aufmerksam, daß Fälle mit
tetanischer Starre der Atemmuskulatur an Kohlensäureintoxikation zu¬
grunde geben können und schlägt in solchen Fällen chirurgische Hilfe
vor (Phre/iikusdurchtrennung).
Koile (Schlußwort) bemerkt zur Typbusschutzimpfung, daß wir
in unserer Armee relativ wenig Fälle von Typhus haben, was auf die
zunehmende Assanierung des Heeres zurückzuführen sei. Zur trage der
Tetanuschutzimpfung stellt Referent folgende Thesen auf:
1. Der Tetanus ist vermeidbar.
2. An der Art und dem Aussehen der Wunde ist nicht
zu erkennen, ob ein Tetanus folgt oder nicht.
3. Jeder Verwundete ist prinzipiell mit Tetanusserum
zu behandeln.
4. Die Injektion ist so früh wie möglich vorzunehmen;
eine Wiederholung erfolge nach fünf Tagen.
5. Man injiziere nicht unter 20 Einheiten. B.
Kleine Mitteilungen.
Kriegschronik.
Aus den off» Verlustlisten.
I Tot:
A.-A. d. Res. Dr. Friedrich Plaseller, Epidemiespital Mitrovica
'Liste i\r. 150 ).
2. Verwundet:
Lst.-A.-A. Dr. Josef Koller, Lst.-Bez.-Kmdo. Nr. 4 (Liste Nr. 146).
J. Kriegsgefangen:
A.-A. d. Res. Dr. Viktor Fried m a nn, T.-R. Nr. 9 (Liste Nr. 147).
O.-A. Dr. Alfred Meissner, Lst.-B. Nr. 10 (Liste Nr. 147).
(Militärärztliches.) St.-A. Dr.B. Fuchs, Leiter des Spital¬
zuges Nr. 3, R.-A. d. Kes. Dr. J. Dotal, Lst.-O.-A. Dr. A. Szili
uod Dr. F. Födisch, Chefarzt der Staatsbahndirektion in Wien,
erhielten das Ehrenzeichen II. Kl. vom Koten Kreuz mit der Kriegs-
dt'koration. — In Anerkennung tapferen und aufopferungsvollen
bzw. vorzüglichen Verhaltens vor dem Feinde ist dem (i<*n.-St.-A.
Dr. A. Grossmann, San.-Chel des 1. Korps, das Offizierskreuz des
braoz Josef-Ordens mit dem Bande des Militärverdienstkreuzes,
® efl °*St,-Ae. II. KI. DDr. R. Bartelt, San.-Chef der 25. I.-Div.,
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J. Pol lach, San.-Chef der 8. I.-I)iv.. J. Mark. San.-(Mief der
1. K.-Div., E. Illes, Kommand. des mob. Res.-Sp. Nr. 1/7, G. Mega
des Feld-Sp.'Nr. 3/11, den St.-Ae. DDr. N. Mosing, Kommand. des
mob. Res.-Sp. Nr. 2/11, K. Matauschek, Kommand. des Feld.-Sp.
Nr. 4/11, F. Välek, Kommand. des mob. Res.-Sp. Nr. 5/4, A. Lang er,
Kommand. des Feld.-Sp. Nr. 5 9, E. Hollan des mob. Res.-Sp.
Nr. 3/11, F. Schütz beim 1. Korps, A. Hayn, Koramaud. der
I.-Div.-San.-A. Nr. 4, F. Müller, Kommand. der I.-Div.-San.-A.
Nr. 2, B. Bardach des b.-h. I.-R. Nr. 4, P. Fried mann, Kommand.
der I.-Div.-San.-A. Nr. 28, den R.-Ae. DDr. K. Dallik beim
Feld.-Sp. Nr. 9/7 und J. Tasner des I.-R. Nr. 47 das Ritterkreuz
des Franz Josef-Ordens am Bande des Militärverdienstkreuzes, dein
St.-A. Dr. P. Geislor, Kommand. des Feld-Sp. Nr. 4/11. den
R.-Ae. DDr. 0. Settmachcr der I.-Div.-San.-A. Nr. 4. F. Wein-
furter des 1. Armee-Etapp.-Kmdo., K. Visy des mob. Rcs.-Sp.
Nr. 6 4. A. Mann, Kommand. des mob. Res.-Sp. Nr. 6/1, L. Thic-
ring, Kommand. des mob. Res.-Sp. Nr. 3/5, F. Maksai des I.-R.
Nr. 50, R. Wysocki beim I.-R. Nr. 80, W. Burian der 5. I.-Div.,
den O.-Ac. DDr. J. Bochskanl der I.-Div.-San.-A. Nr. 3, H. Ernst
des H.-R. Nr. 16, den O.-Ae. der Res. DDr. V. Gegenbauer
des 1. Armee-Etapp.-Kmdo., K. Varga des I.-R. Nr. 46. W. Le-
nard des I.-R. Nr. 29, A. Isall des F.-K.-R. Nr. 5, W. Huzar
des I.-R. Nr. 30, G. Fekete der T.-Div. Nr. 5, den A.-Ao. d. Res.
DDr. Z. Duducz des b.-h. I.-R. Nr. 2, J.Strancz der I.-Div.-San.-A.
Nr. 22 und D. Borka des mob. Res.-Sp. Nr. 1/7 das Goldene Ver¬
dienstkreuz mit der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille ver¬
liehen, den O.-St.-Ae. II. Kl. DDr. S. Zeilendorf, Kommand. des
mob. Res.-Sp. Nr. 1/5, J. Smidrkal des I.-R. Nr. 54, den R.-Ae.
DDr. R. Keller des U.-R. Nr. 13, A. Botein beim l.-R. Nr. 50,
L. Stieböck des F.-J.-B. Nr. 30, K. Komberer des I.-R. Nr. S,
J. Novak des l.-R. Nr. 44, W. Wessely der 28. I.-Div., A. Zva-
rinyi, Kommand. der K.-Div.-San.-A. Nr. 1, W. Wolfenstein
des I.-R. Nr. 1, A. v. Szilassy des F.-H.-R. Nr. 5, A. Steidl,
Kommand. der K.-Div.-San.-A. Nr. 2, E. Paiker des I.-R. Nr. 81,
den Ö.-Ae. DDr. H. Liehtenegger des F.-K.-R. Nr. 7, M. Just in
der I.-Div.-San.-A. Nr. 6, J. Molnar der I.-Div.-San.-A. Nr. 28,
den O.-Ae. d. Res. DDr. L. Plaesko des I.-R. Nr. 101, M. Strass¬
berger des I.-R. Nr. 15, A. Schlemmer des I.-R. Nr. 8, G. ßu-
rianek des I.-R. Nr. 13, J. Willander der I.-Div.-San.-A. Nr. 28,
S. Gozdziewski des I.-R. Nr. 80, P. Nistor des I.-R. Nr. 33,
J. Uran des D.-R. Nr. 5, den A.-Ae. d. Res. DDr. V. Wurzinger,
K. Mulley und P. Savnik der I.-Div.-San.-A. Nr. 6, L. Holtza-
beck der K.-Div.-San.-A. Nr. 1, K. Szamek des I.-R. Nr. 72 und
J. Katz des D.-R. Nr. 9 die a. h. belobende Anerkennung aus¬
gesprochen worden. — Ernannt wurden zu effektiven Fregatten¬
ärzten die provisorischen Fregattenärzte DDr. J. Zeehmeister,
F. Medgyesy, F. Waga und Z. Zzumrak. — Die St.-Ae. Dok¬
toren H. Tyl des I.-R. Nr. 11 und J. Wiktor des L.-Kmdo. Lem¬
berg sind in den Ruhestand versetzt worden.
(Vorkehrungen gegen Typhuskeimträger.) Die n.-ö.
Statthaltern hat mit dem Runderlasse vom 10. Februar 1915 dem
Wiener Magistrate folgendes eröffnet; Das häufige Auftreten von
Abdominaltyphus unter den vom Kriegsschauplätze eingetrolfenen
Personen läßt es geboten erscheinen, dieser Krankhoit, dio er¬
fahrungsgemäß iu Kriegszeiten eine wichtige Rolle spielt, erhöhte
Aufmerksamkeit zuzuwenden und insbesondere ein Uebergreifen
auf die Zivilbevölkerung nach Möglichkeit zu verhüten. Bei Be¬
kämpfung des Abdominnltyphus wird darauf Bedacht zu nehmen
sein, daß die Weiterverbreitung vor allem durch Kontaktinfektionen
stattfindet und deshalb die in dieser Hinsicht erforderlichen fallweisen
Erhebungen und Verfügungen niemals gegenüber der allgemeinen
Obsorge fiir unbedenkliche Beseitigung der Abfallstoffe und ein¬
wandfreie Wasserversorgung iu den Hintergrund treten dürfen.
Dies ist um so mehr begründet, als die Feststellung der Keim¬
träger und ihre Absonderung direkte Maßnahmen bilden, während
dio Erschwerung bzw. Ausschaltung der Uebertragungsmöglich-
keiten durch vermittelnde Medien, wie Wasser, Milch usw. (allge¬
meine hygienische Verbesserungen) als indirekte Bekämpfungs-
maßregelu anzusehen sind. Im Sinne einer geordneten Seuchen¬
bekämpfung ist daher bei Einlangen einer Anzeige über
Abdominaltyphus die Feststellung nicht nur der Krauken, sondern
auch der sonstigen Typhuswirte, d. h. solcher Personen,
welche entweder nach überstandener Krankheit Typhusbazillen
ausscheiden (Dauerausscheider) oder ohne nachweisbar krank ge¬
wesen zu sein, Typhusbazillen iu ihren Ausscheidungen beherbergen
(Bazillenträger), durch Einleitung systematischer bakteriologischer
Untersuchungen (Harn, Stuhl, Blut usw.) unter der un mittel baren
Original frnm
UNIVERSUM OF IOWA
412
1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 14.
4. April.
Umgebung Typbuskranker von größter Bedeutung. Aut die er¬
mittelten Typhuswirte, die stets evident zu halten sind, finden je
nach der Lage der Verhältnisse auf Grund des Gutachtens des
zuständigen, im Öffentlichen Sanitätsdienste stehenden Arztes die
einschlägigen Bestimmungen des Epidemiegosetzes vom 14. April
1913, § 7 (Absonderung Kranker) bzw. § 17 (Ueberwachung be¬
stimmter Personen) Anwendung, wobei in der Hegel nachstehende
Richtlinien einzuhalten sind:
Bei der Absonderung der Typhuskra iken bzw. Typhusrekon¬
valeszenten in Krankenanstalten wird auf Unterbringung in Isolier-
zimrnern, Isolierabteilungen, Infektionsbaracken u. dgl. zu dringen
sein. Die gemeinsame Unterbringung von Typhuskranken mit anderen
Kranken ist nicht zu dulden. — Bei Typhusrekonvaleszenten ist vor
Aufhebung der Absonderung die zweimalige bakteriologische Unter¬
suchung in' einem Zeitraum von 5—7 Tagen zu veranlassen. Bei
Fortbestehen der Typhusbazillen in den Abgängen können die Typhus-
rekonvaleszenten (Dauerausscheider) bis zum Ablauf von zehn
Wochen, vom Beginne der Erkrankung gerechnet, abgesondert ge¬
halten werden. Hierbei ist zu beachten, daß die Häufigkeit der
Stuhldauerausscheider verhältnismäßig nicht so groß ist, wie jene
der Harndauerausscheider (3—5" n gegen 10—15%). Letztere können
aber im Gegensätze zu den erstgenannten durch eine unschädliche
Therapie von ihrem Zustande dauernd geheilt werden. Zu diesem
Zwecke empfiehlt es sich, daß jeder Typhusrekonvaleszente vor seiner
Entlassung durch 4—5 Tage täglich 1,5 —3 g von Hexamethylen¬
tetramin (Urotropin) oder ähnlichen Präparaten (Helmitol. Hetralin,
Borovertin) in Dosen von 0,5—1 g nehme. — Die Namen der sich
als Dauerausscheider erweisenden Personen sind bei Entlassung aus
der isolierten Behandlung den politischen Behörden des Aufenthalts¬
ortes behufs Veranlassung einer entsprechenden, ihre Bewegungs¬
freiheit jedoch tunlichst wenig behindernden und soweit möglich
unauffälligen Ueberwachung mitzuteilen, die Personen selbst ent¬
sprechend über ihren Zustand, die ihnen selbst drohende Gefahr
(Wiedererkrankung, Reinfektion) und die von ihnen zu beobachtenden
Vorsiehtsmaßregeln aufzuklären. Im besonderen sind Dauerausscheider
zur größten Reinlichkeit, hauptsächlich zum gründlichen Waschen
der Hände nach jeder Harn- oder Stuhlentleerung zu ermahnen und
aufzufordern, ihre Ausscheidungen womöglich zu desinfizieren (Kalk¬
milch u. dgl.), jedenfalls nie frei an öffentlich zugänglichen Orten
oder in der Nähe von Wohnstätten, Gärten. Brunnen, (Quellen usw.
abzusetzen, die Leib- und Bettwäsche beim Wechseln in eine starke
Seifenlauge oder in eine andere desinfizierende Lösung einzuweichen
und dann erst mit anderer Wäsche zusammenbringen zu lassen.
Dauerausscheider sind von allen Betrieben, in welchen Lebensmittel
erzeugt oder verkauft werden, fernzuhalten. Wo dies untunlich ist,
ist wenigstens dafür zu sorgen, daß unter allen Umständen diese
Personen jede Berührung mit Lebensmitteln, welche im rohen Zu¬
stande genossen werden, vermeiden. Ferner kann den Daueraus¬
scheidern eine besondere Meldepflicht auferlegt und der Auftrag
erteilt werden, sich von Zeit zu Zeit (etwa alle 3 Monate) beim zu¬
ständigen im öffentlichen Sanitätsdienst stehenden Arzt vorzustellen,
der zugleich die bakteriologische Untersuchung der Ausscheidungen
zu veranlassen hat. — Analog den vorstehenden Weisungen ist auch
hinsichtlich der sogenannten Typhusbazillenträger vorzugehen.
Werden Träger von Typhuskeimen in geschlossenen Anstalten,
namentlich in Irrenanstalten ermittelt, so sind dieselben strenge zu
isolieren: das neu eintretende Personal, insbesondere für Küchcn-
und Wäschebetrieb, ist der bakteriologischen Untersuchung zu unter¬
ziehen. Das gleiche Verfahren erscheint auch gegenüber den neu
aufgenommenen Pfleglingen, vor allem gegenüber jenen, die aus be¬
kannten Typhusorten stammen, geboten.
Hinsichtlich der näheren Vorschriften über die Art der
Durchführung der fortlaufenden Desinfektion und der Schlußdes-
infektion beim Abdominaltyphus wird auf den Leitfaden für den
Unterricht in der praktischen Desinfektion von Obersanitätsrat
Universitätsprofessor Dr. WilhelmPraussnitz, Graz, „Oesterreichi-
sches Sanitätswesen“, 1914, Nr. 40, verwiesen. Das Pflegepersonal
ist entsprechend zu belehren und zu größter persönlicher Reinlich¬
keit anzuhalten. Die Heranziehung freiwilliger Hilfspflegerinnen
zur Wartung und Pflege Typhuskranker kann laut Erlaß des
Ministeriums des Innern vom 2. Oktober 1914 nur in ganz be¬
sonderen Ausnahmsfällen in Betracht kommen. Die sonst in Frage
kommenden Bestimmungen des bezogenen Epidemiegesetzes bzw.
der Durchführungsverordnungen vom 5. Mai 1914 und vom 29. Sep¬
tember 1914 sind unter Anpassung an die sich von Fall zu Fall
ergebenden Verhältnisse genauestens durchzuführen. Außer den
besprochenen Maßnahmen ist stets nach wie vor auf die allge¬
meine Assanierung, namentlich auf die Beschaffung gesunden
Trinkwassers und auf die einwandfreie Beseitigung der Abfalistoffe
unter gleichzeitiger Ueberwachung des Lebensmittelverkehres mit
allem Nachdruck hinzuwirken.
(Aktion gegen die „Spezialitäten“ des feindlichen
Auslands.) Die österreichischen pharmazeutischen Korporationen
haben die vollständige Auflassung der sogenannten „Spezialitäten“,
insoweit sie aus dem feindlichen Ausland stammen, beschlossen.
Dieser Beschluß stutzt sich auf die Tatsache, daß sowohl im In¬
land als in Deutschland und auch in anderen Staaten Heilmittel
und Spezialitäten hergestellt werden, die vollen Ersatz für die aus
Feindesland lierrlihrenden Präparate bieten und denselben zu¬
mindest gleichwertig seien. Die Aktion gewinnt dadurch eine noch
viel weiter reichende Bedeutung, daß auch die aus feindlichen
Ländern massenhaft bezogenen Parfümeriespezialitäten ausgeschaltet
werden sollen, die mit einem ungeheuren Reklameaufwand zu hohen
Preisen hier abgesetzt werden, obgleich die heimische Produktion
gleichwertige Erzeugnisse billiger liefert. Es wird seitens der be¬
treffenden Korporationen unter Führung des Allgemeinen öster¬
reichischen Apothekervereins eine Liste jener Artikel vorbereitet,
für welche das Einfuhr- und Verkaufsverbot seitens der Regierung
an gestrebt wird.
(Aus Budapest) wird uns berichtet: Der auch in der
deutschen medizinischen Literatur durch Fleiß und Schaffensfreude
riihinlichst bekannte hiesige Neurologe Prof. Julius Donath schied
wegen erreichter Altersgrenze dieser Tage aus dem Verband des
Sankt Stephanspitales, wo er die Stelle eines Primararztes be¬
kleidete. Donath entstammt der Wiener Schule. Ursprünglich
wirkte er neben Maly in Innsbruck als Chemiker, wo er die
Dozentur erwarb. Donath bildete sich in Wien und Berlin zum
Neurologen heran und produzierte eine große Reihe von neuro¬
logischen Arbeiten, die sich durch scharfe Beobachtung auszeichnen
und durchwegs bleibenden Wert besitzen. S.
(Aus Feindesland.) In der Sitzung der Socidtö de Chirurgie
vom 20. Jänner machte Dr. Tuffier nähere Angaben über die bis¬
herigen Verluste an Aerzten im französischen Heer. Ende
Dezember waren unter den 14 000 in die Armee eingestellten
Aerzten 0500 an der Front, 793 waren tot, verwundet oder ver¬
mißt (90 gefallen, HO auf dem Schlachtfelde, 13 später an ihren
Wunden gestorben, 260 verwundet, 440 vermißt) und 507 krank.
Zu etwa der gleichen Zeit wurden auf deutscher Seite gezählt:
132 Aerzte im Kampfe gefallen, 22 verwundet, 45 an inneren
Krankheiten gestorben und 160 vermißt. — Die sanitären Ver¬
hältnisse in Serbien lassen nach den letzten Nachrichten so
ziemlich alles zu wünschen übrig. Ganz besonders stark wütet das
Fleckfieber. Die Seuche hat einen derartigen Umfang angenommen,
daß die Nachbarstaaten sich zu den schärfsten Absperrungsma߬
regeln gezwungen sehen. In Monastir haben die Behörden infolge
des Mangels an Krankenpflegerinnen beschlossen, eine größere
Anzahl von Frauen gewaltsam zum Dienst in den Lazaretten anzu¬
halten. Auch die Aerzte, die in den Lazaretten tätig sind, fallen
dem Fleckfieber in größerer Zahl zum Opfer. Schon ganz im
Anfang starben 40 serbische und 23 ausländische Aerzte.
(Todesfälle.) Gestorben sind: In Prag der Extraordinarius
für Augenheilkunde an der dortigen Universität Prof. Dr. Alois
Birnbacher, ein Schüler Blodigs und Hirschfelds, 66 Jahre
alt; in Sarajevo der O.-St.-A. I. Kl. Dr. Siegmund Dynes; in
Breslau der Primararzt der otiatrisehen Abteilung des Allerheiligen-
spitals Prof. Oskar Brieger; in Wiirzburg der Professor der
Chirurgie Hofrat J. Rosenberger, 67 Jahre alt; in Braunschweig
der Oberarzt der chirurgischen Abteilung des herzoglichen Kranken¬
hauses Prof. Otto Sprengel im 63. Lebensjahre; in Frankfurt a. M.
Prof. Hugo Apolant, der langjährige Mitarbeiter Ehrlichs; im
Berliner Virchow-Kraakenhause der Tuberkuloseforscher Prot
Cornet an Flecktyphus.
(Statistik.) Vom 2t. bis inklusive 27. März 1915 wurden in
den Zivilspitälern Wiens 14.444 Personen behandelt. Hiervon wurden
3012 entlassen, 224 sind gestorben (0-9 0 / 0 des Abganges). In diesem Zeit¬
räume wurden aus der Zivilbevölkerung Wiens in- und außerhalb der
Spitäler bei der k. k. n.-ö. Statthalterei als erkrankt gemeldet: An
Blattern 63, Scharlach SS, Varizellen —, Diphtheritis 66, Mumps — ,
Influenza —, Abdominaltvphus 2, Dysenterie 1, Rotlauf —, Trachom —>
Milzbrand —, Woclienbettfieber 1, Flecktyphus 1, Cholera asiatica
epidemische Genickstarre 9. ln der Woche vom 14. bis 20. März 19lo sind
in Wien 840 Personen gestorben (-f- 71 gegen die Vorwoche).
Sitzungs-Kalendarium.
Osterferien.
w . V ‘% r, twmtHcf,«r Redakteur für ÖHterrnich Ungarn: Karl Urban, Wien.
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UNIVERSUM OF IOWA
Nr. 15.
Wien, 11. April 1915.
XI. Jahrgang.
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Medizinische Klinik
Wochenschrift für praktische Ärzte
redigiert tob
Pmimmv Dr. Kort Bnodeibarf
Berlin
Verlag ton
Urban & Sehwanenbarf
Wlan
IXHALT: Die Vertorfung der Verwundeten and Erkrankten im Kriege: Geh. Med.-Rat Prof. Dr. A. Westphal und Prof. Dr. A. H. Hübner,
t>ber nervöse und psychische Erkrankungen im Kriege (Schluß aus Nr. 14). Oberstabsarzt Prof. Dr. Ph. Kuhn und Stabsarzt Prof. Dr. B. Möllers,
Hygienische Erfahrungen im Felde. Geh. Med.-Rat Prof. Dr. C. Flügge. Schutzkleidung gegen Flecktyphusiibertragung. Primarius Dr. 0. Grosser,
Behandlung von Schußfrakturen mittelst Gipsbrückenverbänden (mit 3 Abbildungen). Umfrage über die sympathische Ophthalmie im Zusammenhänge
rnit den Kriegsverletzungen des Auges, (Schluß aus Nr. 14). — Abhandlungen: Prof. Dr. 0. Bachem, Zur Anwendung des synthetischen Camphers. —
Bericht« aber Krankheitsfälle and Behandlungsverfahren : Dr. Paul Rißmann, Weitere Beiträge zur diätetischen und medikamentösen Beein¬
flussung der Schwangerschaft und zur Eklampsiebehandlung. Dr. Hans Bab, Zur medikamentösen Behandlung der innersekretorischen Ovari&linsuffi-
zienz. Dr. Ivan Bloch. Erwiderung auf vorstehende Bemerkungen. — Referatenteil: Saminelreferat: Dr. Peter Misch, Soziale Hygiene und De¬
mographie. Oberarzt Dr. Werner Schultz. Arbeiten aus dem Gebiete der Hämatologie 1914 (Schluß aus Nr. 14). — Ans den neuesten Zeitschriften.
- Bflcherhesprechnngen. — Wissenschaftliche Verhandlungen : Wiener Dermatologische Gesellschaft. KriegsürzUiche Abende der Aerztegesellschaft
in Franzensbad. Kriegssanitätswissonbchaftliehe Versammlungen in Lodz. Wissenschaftliche Versammlung der Sanitätsoffiziere des VII. deutschen
Reservekorps in Braveres (Frankreich). Wilhelm Konrad Roentgen. — Berufs« and Standesfragen. — Kleine Mitteilungen.
Dir Vertag bekdU sieh da» aussekHgßHche Rieht der Vervielfältigung und Verbreitung der in dteeer Zeitschrift mm Erscheinen gelangenden Originelbeiträge vor.
Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege.
. Aas der psychiatrischen und Nervenklinik in Bonn Patient* 1
(Geh.-Rat Westphal). er erwac
so im \Y
’ lieber nervöse und psychische Erkrankungen b<
5- - 4P Kriege*) JStt
V . i von sonst ga
A. Westphal und A. H. Hfihner. ^!^ n -
\ tt A. H. Hübner: Sachverständigentätigkeit, dem Tru
In einer der ersten Arbeiten Über Kriegspsychosen ist vorher ai
*■;■ —vonßonhöffer 1 ) — auf die Tatsache hingewiesen
worden, daß die Geistesstörungen in Kriegszeiten noch von d “ r
häufiger soziale Konsequenzen nach sich ziehen, als im später wi
Frieden. Es ist deshalb auch erklärlich, wenn sich — nament- Ein
hch in den Grenzprovinzen — ein beträchtliches Gutachten-
material ansaiwnelt. Ueber die reichen Erfahrungen, welche Ankunft, <
^ir in dieser Beziehung gewinnen konnten, soll im folgenden mannseha
berichtet werden: volver ab.
Es sind drei Fragen, die wir bisher zu entscheiden maliger" a
hatten, nämlich 1. die nach der Dienstfähigkeit, 2. nach der un d im Al
Berechtigung gestellter Versorgungsansprüche und 3. nach begann, ei
der strafrechtlichen Verantwortlichkeit. eintritt^ii
E Das Problem der Dienstfähigkeit hat seine Kranke b;
wei Seiten. Die Behörde muß einmal diejenigen Elemente, verneint,
welche für den Heeresdienst ungeeignet sind, von vornherein Es
( ier Truppe femhalten. Anderseits muß sie die Angaben krassen
solcher Heerespflichtiger, die sich selbst für unfähig halten, wichtig i
n ‘it der Waffe zu dienen, nachprüfen. Es hat sich uns nun, Truppent
namentlich in den ersten Wochen der Mobilmachung, mehr- nicht aus
& eze ig*t, daß zum Teil von den Eltern, teilweise von den Deshalb €
ranken selbst, der Versuch gemacht wurde, die Annahme militärärz
einer Truppe zu erreichen, obwohl sichere Dienstuntaug- Störung
KMkeit vorlag. Mehrere dieser Kranken reisten von einem würden <
ruppenteil zum andern. Einige hatten schließlich auch hindern k
Zu wie bedenklichen Konsequenzen das führen kann, Was
z. B. der folgende Fall: von mir
Im Auf. ^ «ä? 19 Jahre alt, stammt aus psychopathischer Familie. neinen. 1
Hinifp V°! ™ * Jahren wird er von einem Homosexuellen attackiert. Truppenai
^^vocoen später neben hysterischen Erscheinungen ^eit zu G<
j n n ®iöeni Demonstrationsvortrag gehalten am 4. Dezember 1914 *) An
tonn? Her Vereinigung, veröffentlicht mit Genehmi- lange Jahre
Militärbehörde. * Armverbänc
J ü. io. w. 1914. zu betteln.
Schlafzustände, die in Abstünden von 5 bis 8 Tagen auftraten. Wenn
Patient in Schlaf verfiel, konnte man ihn oft schütteln, ohne daß
er erwachte. Dauer der Zustände V* bis 5 Stunden. Referent hat ihn
so im Wintersemester 1909/1910 im Kolleg vorgestellt.
Bei Beginn der Mobilmachung meldete sich Patient bei einem
Jägerbataillon als Kriegsfrei williger und kam rasch an die Front. Aus
dem Schützengraben schrieb er dann den Eltern, er könne den Dienst
sonst ganz gut vertragen, nur auf Vorposten sei er wiederholt einge¬
schlafen. Die Eltern hatten ebenso, wie der Kriegsfreiwillige, das
Leiden verschwiegen. Als wir von dem Fall erfuhren, machten wir
^ dem Truppenteil sofort Mitteilung.
In einem andern Falle brachte ein Vater seinen drei Wochen
t vorher aus einer Heilanstalt als ungeheilt entlassenen Sohn (Dementia
i praecox) bei einem Infanterieregiment unter, ohne von der Geistes¬
störung etwas zu sagen. Fünf Tage später entfernte sich der Kranke
1 von der Truppe unerlaubt und wurde zunächst gerichtlich verfolgt,
i Später wurde das Verfahren niedergeschlagen.
Ein dritter Fall betraf einen wegen manisch-depressiven Irreseins
früher für dienstunbrauchbar erklärten Mann, dem es in beginnender
Manie gelang, bei einem Infanteriebataillon eingestellt zu werden. Bei
1 Ankunft eines Gefangenentransports gehörte er zu den Absperrungs-
mannsehaften. Hierbei schoß er einen mitgebrachten sechsläufigen Re¬
volver ab, „um das stark vordrängende Publikum zurückzutreiben“, v.
Einmal bin ich auch vor die Frage gestellt worden, ob ein ehe¬
maliger aktiver Soldat, der wegen ImbeciÜität hatte abgehen müssen
und im Alter von 22 Jahren entmündigt worden war (weil er zu trinken
begann, einer Dirne ein schriftliches Heiratsversprechen gegeben hatte,
sein elterliches Vermögen verpraßte usw.), zum Zwecke des Wieder¬
eintritts in die Armee bemündigt werden könne. Der jetzt 28 jährige
Kranke hatte sich zwar „sozial“ gebessert, trotzdem wurde die Frage
verneint.
Es braucht nicht besonders betont zu werden, daß die
krassen Fälle*) nur ganz selten Vorkommen. Praktisch
wichtig ist auch, daß niemals durch die Einstellung dem
Truppenteil ein Nachteil erwachsen ist. Immerhin ist doch
nicht auszuschließen, daß dies in Zukunft einmal geschieht.
Deshalb erheben sich zwei Fragen; nämlich: 1. Hätte bei der
militärärztlichen Untersuchung vor der Einstellung die geistige
Störung bemerkt werden können? 2. Welche Maßnahmen
würden die Einstellung derartiger Kranker wirksam ver¬
hindern können?
Was die erste Frage anlangt, so möchte ich sie für die
' von mir oben wiedergegebenen Fälle uneingeschränkt ver¬
neinen. Es handelte sich ausnahmslos um Zustände, die vom
Truppenarzt auch dann, wenn ihm zur Untersuchung mehr
Zeit zu Gebote gestanden hätte, als er in Wirklichkeit hatte,
D Anhangsweise sei erwähnt, daß ein Geisteskranker, den wir
lange Jahre kannten, eine Zeitlang in Infanterieuniform und mit großen
Armverbänden herumlief, um sich interessant zu machen und wohl auch
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tu
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15.
11. April
kaum richtig erkannt werden konnten. Gewisse Vorbeugung»- 1
maßnahmen sind schon früher getroffen worden. Die Hilfs¬
schulen lind Irrenanstalten müssen den zuständigen Ersatz¬
behörden von der Aufnahme des in Betracht kommenden
Kranken Mitteilung machen 1 ). Unzureichend sind diese
Maßnahmen insofern, als manche Patienten, die in Anstalts¬
pflege niemals kommen, dadurch den Ersatzbehörden auch
nicht bekannt werden.
Es bliebe zu erwägen, ob nicht, ähnlich wie bei der
Seuchengesetzgebung, solche Krankheiten, welche den
Kranken dauernd dienstunfähig machen, fiir meldepflichtig zu
erklären wären. Daß eine derartige Bestimmung nicht unbe¬
denklich ist (Durchbrechung der Schweigepflicht, Förderung
des Drückebergertums!), darf nicht verkannt werden. Einen
Fortschritt würde. sie wohl bedeuten, wenngleich man sich
darüber klar sein muß, daß dadurch Vorkommnisse, wie die
oben geschilderten, immer noch nicht immöglich gemacht
werden.
Neben diesen offiziellen Maßnahmen ist vor allen Dingen
aber auch die Aufklärung des Publikums in der ärztlichen
Sprechstunde ein wichtiger Punkt. Wo Krankheiten, die
sicher militärdienstunfähig machen, bei einem Jugendlichen
vorliegen, sollen die Eltern genügend informiert werden. Ich
habe in einigen Fällen auch ausführliche, den wesent¬
lichsten Teil des objektiven Befundes enthaltende und des¬
halb nachprüfbare Atteste ausgestellt.
Der Arzt muß in jedem Fall allerdings sorgfältig prüfen,
ob wirkliche Untauglichkeit vorliegt, denn es darf nicht ver¬
gessen werden, daß derartige Atteste, wenn sie nicht be¬
gründet sind, dem Patienten in späteren Jahren unter Um¬
ständen viel Schaden bringen können. Folgendes Beispiel
mag das beweisen:
Einem Kutscherssohn, den der Vater gern militärfrei haben
wollte, bescheinigte ein Arzt, er sei schwachsinnig. Der Mann wurde
für dienstunbrauchbar erklärt. Er batte Schiffer gelernt, bildete sich zum
Motorbootführer aus, bestand die für diesen Erwerbszweig vorgesehene
Prüfung mit ..gut“, führte auch eine Zcitlang ein Boot, ohne den Be¬
rechtigungsschein zu haben. Als er den letzteren zu erhalten suchte,
wurde ihm derselbe im Hinblick auf den ärztlich attestierten Schwach¬
sinn verweigert. Eine spätere psychiatrische Untersuchung ergab, daß
der Patient intellektuell nicht besonders hoch stand, aber auch nicht als
schwachsinnig zu bezeichnen war.
Der Mann beging einige Jahre später ein kleines Delikt. Bei der
Verhaftung war zufällig die Tatsache der Ausmusterung wegen
Schwachsinns bekannt geworden. Es wurde infolgedessen eine
psychiatrische Untersuchung veranlaßt, die ergab, daß X. zurechnungs¬
fähig war, die aber zur Folge hatte, daß die Untersuchungshaft mehrere
Wochen länger dauerte, als sie sonst nötig gewesen wäre.
Wir kommen nun zu denjenigen Heerespflichtigen,
welche sich wegen nervöser oder psychischer Krankheiten
selbst fiir dienstunfähig halten, deren Angaben aber nach¬
geprüft werden müssen. Weiter sind die bereits Ausgebildeten
hier mitzubesprechen, die bei erneuter Einberufung in der
Truppe auffallen.
Leicht ist die Beurteilung, wenn es sich um ausge¬
sprochene Psychosen handelt (Paralyse, Dementia praecox,
Amentia, Paranoia, Manie und Melancholie). Bei den zuletzt
genannten beiden Krankheiten wird man sich wegen der Mög¬
lichkeit eines Rückfalls stets für dauernde Dienstunfähigkeit
auszusprechen haben. Es scheint mir kein Zufall zu sein, daß
sich unter den ersten, nach der Mobilmachung eingelieferten
Soldaten verhältnismäßig viel Manische und Melancholische
befanden. Auch in der hiesigen Zivilbevölkerung haben wir
eine Reihe von Melancholien in direktem Anschluß an den
Feldzug auftreten sehen. Das beweist, wie Weygandt 2 ),
E. Meyer 3 ) und Andere hervorheben, daß gerade die
kriegerischen Ereignisse solche Zustände besonders leicht aus-
lösen.
J ) Auch die Bezirkskommandos berücksichtigen in ihren öffent¬
lichen Ankündigungen die Geisteskranken, Epileptischen usw. be¬
sonders.
2 )
3 )
M. m. W. 1914.
D. m. W. 1914.
Weiterhin kommen die akuten Bewußtseinstrübungen
in Betracht, die bei Entarteten, Hysterischen usw., im Felde
auftraten. Ein Beispiel hat A. Westphal oben skizziert.
Diese Störungen können sehr rasch, das heißt in einigen
Tagen, vorübergehen. Trotzdem wird man die Träger der¬
selben zum mindesten nicht mehr für felddienstfähig, häufig
sogar für ganz dienstunbrauchbar erklären müssen, denn auch
hier besteht die Möglichkeit eines Rückfalls. Abgesehen
davon, haben sie nach dem Abklingen des akuten psychischen
Zustandes häutig soviel hysterische, hypochondrische oder
degenerative Züge, daß .sie schon deshalb dienstunbrauch¬
bar sind.
Daß Zwangsvorstellungen einen Grund zur Dienst¬
unbrauchbarkeit abgeben können, lehrt uns der folgende Fall:
W„ Offizierstellvertreter, im Zivilberuf Lehrer, bekam bald nach
der Einstellung die Zwangsvorstellung, er habe den Kameraden etwas
fortgenommen, ihnen die Löhnung nicht richtig ausgezahlt.. Im Schrift¬
verkehr hatte er fortwährend Angst, etwas „Verhängnisvolles 1 ' ge¬
schrieben zu haben. Er wurde ferner zwanggmäßig dazu getrieben,
Leute körperlich zu berühren.
Da sich der Zustand so steigerte, daß W. den Dienst nicht mehr
verrichten konnte, wurde er entlassen 1 ).
Die mittelschweren Fälle von Neurasthenie und Hysterie
sind bei der Truppe im Felde nicht lange zu verwenden.
Einige von ihnen leisten zwar im Anfang unter Umständen
vorübergehend mehr als die Kameraden. Den dauernden
Schädigungen, welche ein längerer Feldzug mit sieh bringt
(z. B. mehrwöchiger Aufenthalt im Schützengraben, häufige
Beschießung mit Granaten), sind sie jedoch meist nicht
gewachsen. Wir haben auch eine ganze Anzahl von
Hysterikern gesehen, die sich durch Tapferkeit bei einer oder
einigen Gelegenheiten auszeichneten und dann mit dem
Eisernen Kreuze dekoriert, häufig in unmittelbarem Anschluß
an ihre Tat, zusammenbrachen (hysterische Abasie, Mutisraiis,
Taubheit und Mutismus, Monoparesen usw.) Feld dienst¬
fähig wurden von ihnen nur wenige.
Im übrigen möchte ich die Erfahrungen bezüglich der
Dienstfähigkeit der ..Nervösen“ dahin zusammenfassen, daß
da, wo endogene Momente im Krankheitshilde vorherrschen,
die Prognose quoad Felddienstfähigkeit ungünstig war, allen¬
falls Garnisondienstfähigkeit erreicht wurde.
Diejenigen Fälle, in denen vor dem Krieg eine schwere
traumatische Neurose bestanden hatte, waren nur selten im
Felde zu brauchen. Nur die leichteren Formen haben bis jetzt
durchgehalten.
Hinzuzufügen ist noch, daß die mit Krämpfen Behafteten
(namentlich die Hysteriker) verhältnismäßig oft als
Simulanten angesehen worden waren, obwohl sie neben den
Anfällen auch noch andere Symptome (z. B. Analgesien) dar¬
boten. Durch klinische Beobachtung ließ sich der Tatbestand
fast stets genügend klären.
Die Zahl der reinen Simulanten war nicht groß.
Einer von ihnen, ein Degenerierter (ehemaliger Fremdenlegionilri,
litt an „Anfällen 4 und Dämmerzuständen, die jedesmal dann auftraten,
wenn er sich unerlaubt entfernt hatte oder sonst unangenehm
fallen war. Er bekam die Zustände nur dann, wenn Aerzte ment an¬
wesend waren. In der Klinik hatte er sie überhaupt nicht, wohl am
informierte er hier andere gemäß § 81 St.P.0. eingelieferte Kranfee
heimlich über die Symptomatologie der Dämmerzustände.
Zu erwähnen ist an dieser Stelle ferner ein Hysteriker, der nai
unserer Ansicht sieh künstlich tiefe Hautwunden bei brachte, um mf
ins Feld geschickt zu werden. Zwei weitere Patienten (beides
pathen) kamen aus dem Felde mit oberflächlichen Messerstichen m “
Oberschenkeln wieder. Den Aerzten gaben sie an, sie hätten die
von Franktireurs erhalten. Einzelnen Kameraden erzählten sie, si
hätten eie sich selbst beigebracht.
Keiner dieser Fälle war so eindeutig, daß eine strafroch j
liehe Verfolgung gemäß § 81 M.Str.G.B. hätte durchgei ,1Jirt
werden können.
Mehrfach erklärten sich „Nervöse“ zum Garotaondien>t
selbst bereit. Wenn sie dann wieder ins Feld zurück sollten,
äußerten sie die Befürchtung, dort zu versagen. Sic v ' ,irfl1
’) Ich habe inzwischen Aehnliches noch bei einem hulurtn
1 Offizier und einem Kriegsfreiwilligen gesehen.
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11. April.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15.
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aber fast ausnahmslos einer entsprechenden ärztlichen Auf¬
klärung zugänglich.
n. Was dieVersorgungsansprüche, über die
wir ärztlich befragt wurden, anlangt, so betraf das Gros der
Fälle solche Kranke, die in das Gebiet der Unfallneurose ge¬
hörten. Wir haben vor genauester Klärung der Anamnese
niemals definitiv den ursächlichen Zusammenhang anerkannt
oder Rentenabschätzungen vorgenommen. Wie zweckmäßig
dieses Verfahren ist, zeigte sich sehr bald. Wir fanden näm¬
lich rasch drei Kranke, die früher bereits versucht hatten auf
Grund einer traumatischen Neurose von andern Behörden
Kenten zu erhalten, und nun, da der Erfolg ihren Erwartungen
dort nicht entsprochen hatte, beim Militärfiskus etwas zu er¬
langen suchten.
Frühere Krankheiten wurden oft verschwiegen und Ent¬
schädigungsansprüche sehr häufig gestellt. Bisweilen venti¬
lierte der Patient die Rentenfrage bereits beim Eintritt in die
Klinik.
Die Behandlungsversuche bei der Neurasthenie und
Hysterie ergaben häufig recht gute Erfolge. Wir haben im
übrigen Wert darauf gelegt, die Kranken möglichst rasch aus
der Klinik herauszubringen. Leichter Dienst beziehungsweise
die — sei es auch nur teilweise — Aufnahme der früheren
Beschäftigung hat manchen vor länger dauernder Erwerbs¬
unfähigkeit bewahrt.
Als berechtigt haben wir die Ansprüche in einem Falle
von progressiver Paralyse (Wassermann +), 'zwei Fällen
von Dementia praecox, einer Melancholie und drei Manien
sowie einer Reihe nach Schreck (Granatfeuer) oder Gehirn¬
erschütterung auftretenden psychisch-nervösen Störungen an¬
erkannt.
III. Den bedeutungsvollsten Teil der Sachverständigen¬
tätigkeit stellten die strafrechtlichen Begut¬
achtungen dar.
Im ganzen habe ich seit Beginn der Mobilmachung
23 strafrechtliche Gutachten erstattet.
Die Delikte waren nur dreimal in der Front, in allen
übrigen Fällen im Inlande begangen.
Xiehtmilitärische Verbrechen fanden sich nur 7 mal
(3 Diebstähle, 1 Betrug, 1 Sittlichkeitsverbrechen, 1 Beleidi¬
gung. 1 mal unerlaubtes Tragen des Eisernen Kreuzes).
Die militärischen Delikte verteilten sich folgen¬
dermaßen: Unerlaubte Entfernung 10 Fälle, Achtungsver-
fezung 2, tätlicher Angriff 2, Beleidigung eines Vor¬
gesetzten 1, Mißbrauch der Waffe 3, Feigheit 1 mal.
Einige Male waren von derselben Person mehrere Be¬
stimmungen der Strafgesetze übertreten.
Berücksichtigt man die Tatsache, daß die Angeschni¬
tten zu uns erst geschickt wurden, wenn das Gericht Zweifel
;in ihrer Zurechnungsfähigkeit hatte, so wird es niemanden
Wunder nehmen, daß keiner der Untersuchten im
klinischen Sinne als gesund bezeichnet werden konnte.
Für unzurechnungsfähig im Sinne des § 51
■•t.G.B. wurden 8 Kranke erklärt, und zwar handelte es sich
3 mal um Manien, 1 mal um Verwirrtheit, 1 epileptischer
Dämmerzustand, 1 Paralyse, 1 Dementia praecox und 2 Fälle
. VOn pathologischem Rausch. Nur die beiden letzteren bieten
besonderes Interesse.
» . .Bode Male handelte es sich um Mißbrauch der Waffen (§ 149
■r'• v in Betracht kommenden Kranken waren Psychopathen,
ijf ^ r ‘* ne Zeitlang größeren Anstrengungen bei ungenügender
f l *“ > run h r and völliger Alkoholabstinenz ausgesetzt waren. Als sie
i ' 11 ! 1 !' 1 ) 111 ersten Male wieder einige Gläser Wein tranken, verfielen sie
J effI RErregungszustände, in denen sie ihre Umgebung mit der
w s n , e . mißhandelten. Nach tiefem Schlaf erwachten beide mit voll-
NJMijrer Amnesie.
Frf voryte ^ en< 5 en Beobachtungen reihen sich einigen
-willigen an, die wir bei Begutachtung von ehemaligen
muehmern am südwestafrikanischen Feldzuge machen
konnten*).
W f. b * l Hl* Hübner. Foren s.
r - Bonn, Kap. Tropenkoller.
Forens. Psychiatrie 1914. Marcus u.
Da der Alkohol auch bei noch einigen weiteren Delikten
von Einfluß auf das Handeln des Täters war, erhebt sich die
Frage: Kann der Genuß alkoholischer Getränke im Felde
ganz oder teilweise verhindert werden oder nicht?
Daß strengste Abstinenz wünschenswert wäre, darüber
ist kein Wort zu verlieren. Meines Erachtens läßt sie sich in
einem großen Heer aber überhaupt nicht durchführen,
namentlich dann nicht, wenn die Truppen sich in den besten
Weingegenden Frankreichs befinden J ).
Was erreicht werden soll, ist zweierlei: 1. soll die
Leistungsfähigkeit des einzelnen durch den Alkoholgenuß
nicht beeinträchtigt werden, 2. sollen Alkoholexzesse ver¬
mieden werden. Beides wird meines Erachtens am leichtesten
erreicht, wenn die nächsten Vorgesetzten auf diejenigen
Mannschaften ihr besonderes Augenmerk richten, die im
Rausche durch Unbotmäßigkeit, Streitsucht usw. auffallen
oder infolge regelmäßigen Alkoholgenusses den Dienst ver¬
nachlässigen.
Ebenso wichtig ist es, daß, wenn möglich, nach längerer
Abstinenz der einzelne nur kleine Alkoholgaben erhält, weil
ein Teil der Leute durch die Strapazen und unzureichende
Ernährung intolerant geworden ist. Wir haben einige
Fälle gesehen, in denen ein Mann sich von den Kameraden,
die nicht tranken, ihre Ration geben ließ, sie neben der seinen
genoß und dann Alkoholexzesse beging. Daraus folgt weiter,
daß die Verteilung und der Verbrauch möglichst genau kon¬
trolliert werden muß.
Schließlich bleibt als besonders wichtig noch zu berück¬
sichtigen, daß schlechte Schnapssorten, wie überhaupt jeder
Schnaps, viel gefährlicher sind, als die leichteren Getränke.
Es kommt also auch darauf an, welche Spirituosen der
Truppe zur Verfügung stehen.
Bei den beiden Fällen, in denen die Zurechnungs¬
fähigkeit als zweifelhaft bezeichnet wurde, spielte
der Alkohol, soweit ermittelt werden konnte, gleichfalls eine
gewisse Rolle.
C. Br.. 27 .Jahre, im Zivilberuf Apotheker, hatte in der Jugend
Anfälle von Schlafwandeln und Angstzustände. Einige Male lief er im
Hemd auf den Hof, verschleppte auch öfters Gegenstände.
In der Schule mäßige Erfolge. Deshalb aus Obersekunda abge¬
gangen. Wurde Apothekerlehrling. Drei Monate später Mittelohr¬
entzündung. Seitdem verändert. Er wurde energielos, gleichgültig,
begann zu trinken. Ermahnungen fruchteten nichts. Sehr bald begann
[ er auch stark zu trinken. Unehrlichkeiten sollen früher nie vor-
gekommen sein.
Ende August durch Gewehrkugel verwundet (Kopfstreifschuß).
Danach schwere Störungen. Vor vollständiger Heilung der Kopfwunde
Erysipel im Gesicht und Furunkulose.
Im Lazarett erschien er den Kameraden „merkwürdig“. Bald
mehr scheu und zurückhaltend, bald zu Exzessen geneigt. Bei
Beurlaubungen kehrte er fast jedesmal angetrunken zurück. Im An¬
schluß an solche Alkoholexzesse ging er nachts einigemal in die
Zimmer von Kameraden und nahm aus deren Portemonnaies Gehl
(1 bis 2 M). Sein Benehmen dabei war nach den Zeugenaussagen zum
Teil sehr raffiniert zum Teil sehr ungeschickt (z. B. drehte er einige 1
Male das elektrische Licht an). Nicht immer, wenn er die Stuben
betrat, stahl er auch. Einmal gab er das gestohlene Geld am nächsten
Tage zurück. Durch Zeugenvernehmungen wurde ermittelt, daß die
Alkoholmengen, welche er bei zwei derartigen Vorkommnissen ge¬
trunken hatte, sehr groß waren. Ein Zeuge bekundete, B. habe einen
„unzurechnungsfähigen Eindruck“ auf ihn gemacht, als sie sich
trennten. B. seihst entschuldigte sieh rnit Schlafwandeln.
Durch den Alkoholversuch wurde in der Klinik, wo der Kranke
im übrigen nichts Neues bot, kein Schlafwandeln ausgelöst. Das Ver¬
fahren ist in diesem Fall eingestellt worden. Wir haben bei der Be-
uiteilung ausgeführt, daß Schlafzustände zur Zeit der Tat nicht zu er¬
weisen gewesen seien. Wohl aber sei nach allen Zeugenaussagen und
der hiesigen Beobachtung B. ein schwer psychopathischer Mensch, der
kurz vorher eine schwere Kopfverletzung erlitten, eine Gesichtsrose
durchgemacht und dazu noch zur Zeit der Begehung der strafbare»
Handlungen unter Alkohol gestanden hatte.
Daß in somnambulen Zuständen ähnliche Handlungen,
wie die dem B. zur Last gelegten, begangen werden, Unbe¬
kannt (vgl. Hübner, Forens. Psych. 1914, Bonn, unter
Schlafzustände).
*) Weygands Annahme, daß das russische Heer wirklich
abstinent lebt, ist durch Zeitungsberichte bereits korrigiert.
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1915 — MED1Z.1NISCI1E KLINIK — Nr. 15.
11. April.
Auch die nachstehende Beobachtung verdient etwas
genauer mitgeteilt zu werden.
L. H., 30 Jahre, Großvater und ein Großonkel, Vater und zwei
Brüder desselben, außerdem mehrere Brüder des Patienten selbst starke
Trinker, hatten zum Teil Delirien durchgemacht. Die Mutter behauptet,
daß H. als Kind und auch noch später Krämpfe gehabt habe. H. selbst
und seine Frau leugnen das.
H. stottert, hat die Schule unregelmäßig besucht, machte den
Lehrern viel zu schaffen. Zeitweise roh gegen die Kameraden, schlug
dieselben mit Gummischläuchen, warf den Nachbarn die Scheiben ein,
stahl, usw.
Nach der Schulentlassung Buchdruckerlehrling. Vier Lehr¬
stellen; lernte nicht aus. Lief häufig unmotiviert fort, kehrte stets nach
ein paar Tagen wieder, ohne zu sagen wo er gewesen war.
Wurde schließlich ungelernter Arbeiter an den verschiedensten
Stellen. Oft entlassen, weil er sehr reizbar war.
1903 Soldat. In den zwei Jahren 85 Tage strengen Arrest wegen
Disziplinwidrigkeiten.
16 mal bestraft wegen Roheitsdelikten, Raub, Diebstählen, Be¬
leidigung und viermal wegen Erregung öffentlichen Aergemisses. Er
holte jedesmal sein Glied hervor, wenn Frauenspersonen in der Nähe
waren. Dreimal berührte er dieselben auch unsittlich. Stets behauptete
er, sinnlos betrunken zu sein. Zweimal sprach die halsbrecherische Art,
wie er seine Flucht bewerkstelligte, gegen sinnlose Trunkenheit (Ansicht
des Gerichts).
1908 Lues. Außerdem seit Jahren starker Trinker.
Jetzt angeschuldigt: 1. unerlaubter Entfernung, 2. Erregung
öffentlichen Aergernisses und unzüchtiger Handlungen mit Kindern, be¬
gangen durch Exhibitionieren und Berührung der Kinder mit der Hand
beziehungsweise dem Gliede, 3. Beleidigung des hinzukommenden
Vaters des einen Kindes.
Da Patient behauptete, unzurechnungsfähig gewesen zu sein
(sinnloser Rausch), Beobachtung hier. Dieselbe ergab: Gleichmäßig
mürrische Stimmung, zeitweilige Reizbarkeit, Ungenauigkeiten in ein¬
zelnen Angaben (bewußt?), zweimaliger Fluchtversuch, schlechter
Schlaf. Keine Krämpfe, keine Dämmerzustände. Körperlich: Positiver
Wassermann im Blute, starkes Stottern, viel Degenerationszeichen.
Große Zurückhaltung bei Angabe über Vorleben (Zuhälter?). Die
Frau macht den Eindruck einer Puella publica, kann der Lüge über¬
führt werden, will vor Gericht Aussage verweigern.
Nach Rückführung ins Gefängnis während einer Nacht unruhig.
Gießt Wasserkrug und Nachtgeschirr aus, wirft das Bettzeug in den
Unrat. Will am nächsten Tage nichts davon wissen. In die Klinik
zurückgebracht, zwei Nächte lang unruhiger Schlaf, sonst nichts.
Patient selbst gibt zu den Delikten noch an, er sei in den letzten
Jahren sehr sinnlich geworden. Namentlich, wenn er etwas getrunken
hatte, habe er sofort onanieren müssen, gleichgültig, wo er sich befand.
Diese Sinnlichkeit habe ihn wohl auch zur Begehung der Sexualdelikte
verleitet. Im übrigen wisse er nie, was er getan habe. Das erfahre
er erst durch die Polizei. Vor der letzten strafbaren Handlung habe
er 24 Stunden lang getrunken. Von 10,40 M. hatte er nach dem Er¬
wachen nur noch 85 Pf.
Wir beurteilten den Fall folgendermaßen: Die Abstammung von
Trinkern, die Anfälle in der Kindheit, das sinnlose Fortlaufen während
der Lehrzeit, die Verstimmungszustände, die zeitweilige Reizbarkeit,
das Verhalten im Gefängnis (Dämmerzustand?) legen den Y e r d acht
der Epilepsie nahe. Delikte, wie die von H. begangenen, werden von
Epileptikern häufig ausgeführt. Für die Frage der Zurechnungsfähig¬
keit kommt auch in Betracht, daß H. höchstwahrscheinlich bei Begebung
der Tat unter Alkohol gestanden hat (Zeugen). Anderseits stammen
die Angaben zum Teil von ihm selbst und den Angehörigen. Alle sind
nicht sehr zuverlässig, sodaß mehr als ein Verdacht auf Epilepsie
nicht begründet werden kann. Sollte sieh derselbe durch weitere Nach¬
forschungen nicht bestätigen, dann bliebe H. immer noch ein schwer
entarteter Mensch, wie seine ganze Lebensführung beweist, der bei
Berücksichtigung des Alkoholmißbrauchs zum mindesten in der Zu¬
rechnungsfähigkeit erheblich beschränkt war. Was wir an dem
Patienten selbst beobachten konnten, war nur die mürrische Stimmung
mit Neigung zu Zornesausbrüchen und eine zeitweilige Störung des
Schlafs. Alles andere Material war nur durch Befragung des H. und
der Zeugen zu erlangen. Soweit diese letzteren nun mit dem Kranken
verwandt waren, konnte ihnen nachgewiesen werden, daß sie zum
mindesten in einigen das sonstige Vorleben des Kranken betreffenden
Punkten gelogen hatten. Das Gericht hatte bei dieser Sachlage den
IL auch in zwei Instanzen verurteilt.
Der Arzt wird zugunsten der Diagnose „psychische
Epilepsie“ zugeben müssen, daß trotz der Unglaubwürdigkeit
der Ilauptbeteiligten alle wesentlichen, von ihnen geschil¬
derten Symptome in das genannte Krankheitsbild hinein¬
passen. —
Traten schon in dem eben beschriebenen Falle die
Schwierigkeiten der Materialsammlung sehr deutlich hervor,
so steigerten sich dieselben bei der nachstehend wieder¬
gegebenen Beobachtung noch erheblich, indem sämtliche
Zeugen sich im Felde befanden, der Hauptzeuge sogar bald
nach der Tat fiel,
D. S., 20 Jahre, Kavallerist. Mutter nervös, sonBt keine Be¬
lastung. Schule mit gutem Erfolge. Mit 18 Jahren Abitur. Dann
Landwirt, später Soldat. Wird von seinem Regiment zur Infanterie
abkommandiert . Deswegen bedrückt. Kannte den Dienst dort auch
nicht. Kommt direkt in den Schützengraben, der zwei Tage stark
beschossen wird. Kein Schlaf, ungenügende Ernährung. Als in der
Nacht zum dritten Tag ein Volltreffer in den Graben schlägt, entfernt
er sich in einen rückwärts gelegenen Schützengraben, bleibt dort
neben einigen Leichen etwa eine Stunde liegen und läuft dann zu den
600 Meter nach hinten gelegenen Artilleriestellungen. Dort ängstlich,
zuckt bei Erwähnung des Wortes Granate zusammen, zittert, erzählt,
er habe das Granatfeuer nicht vertragen können, das sei schrecklich.
Er habe schon die beiden Tage vorher nichts tun können, sein
Kompagnieführer habe ihm beim Schanzen deshalb einen Unteroffizier
beigegeben. Er sei total nervös geworden und deshalb weggelaufen.
Man gab ihm Essen und bereitete ihm ein Lager, worauf er mehrere
Stunden schlief. Danach Abnahme der Erregung. Die Untersuchung
durch die Militärärzte, welche im Laufe des Tags nach der Tat er¬
folgte, ergab nur eine Pulsbeschleunigung und gesteigerte Kniereflexe.
Die Diagnose lautete: Neurasthenie. Es wurde Anklage wegen Feig¬
heit vor dem Feind erhoben (§ 85 M.St.G.B.). Da der Verteidiger die
Zurechnungsfähigkeit anzweifelte. Beobachtung in der hiesigen Klinik.
Die Zeugen hatten ihn für ängstlich und nervös gehalten.
Hier körperlich zeitweilige geringe Pulsbeschleunigung, leichte
Steigerung der Kniesehnenreflexe und zahlreiche Entartungszeichen am
Kopf. Appetit, Schlaf gut. Stimmung meist heiter, trotz des schweben¬
den Verfahrens nicht gedrückt. Für seine Verfehlung einsichtslos, er¬
zählt Fremden davon. Weiß sämtliche Einzelheiten seiner Flucht,
berichtet darüber in zerfahrener Weise. Wenig rücksichtsvoll gegen¬
über seiner jeweiligen Umgebung, unstät im Handeln, Neigung zu
Indiskretionen. Die übrigen Sachverständigen erklärten S, für
zurechnungsfähig. Wir sagten: Es handelt sich um einen Psycho¬
pathen, der unter den besonderen Anstrengungen des Feldzugs nervös
geworden ist. Bei Beurteilung der Zurcehnungsfähigkeitsfrage bleibt
zu berücksichtigen: 1. die pathologische Charakterveranlagung; 2. der
voraufgegangene Nahrungs- und Schlafmangel; 3. der ungewohnte
Dienst bei der Infanterie; 4. die Heftigkeit des Granatfeuere. Mildere
Beurteilung erscheint deshalb angebracht.
Das Gericht nahm an, daß die Voraussetzungen des § 51 St.G.B.
erfüllt seien. —
Was in der eben kurz skizzierten Krankheitsgeschichte
wiedergegeben ist. war das Resultat langwieriger Ermitt¬
lungen, die bei verschiedenen, im Felde stehenden Truppen
angestellt werden mußten. Unvollständig blieben dieselben,
weil der Hauptzeuge, der Kompagnieführer nur einmal ver¬
nommen werden konnte. Dann fiel er. Die ganze Unter¬
suchung, soweit sie die vom Sachverständigen gestellten
Fragen anlangte, mußte schriftlich geführt werden, sodaß
Ergänzungen, wie sie in der mündlichen Verhandlung rasch
erreicht werden können, nicht möglich waren. Ich habe mich
deshalb gefragt, ob eine Vertagung zweckmäßig gewesen
wäre, habe mir diese Frage aber im Interesse des Angeklagten
verneint, denn später hätten die Zeugen vielleicht noch
weniger von der Sache gewußt, möglicherweise wären auch
noch einige von ihnen gefallen, anderseits war ein Dännnei-
oder Verwirrtheitszustand schon nach dem bisher Ermittelten
wenig wahrscheinlich.
Dieser Fall ist noch nach einer andern Richtung hin
interessant. Feigheit ist „Furcht vor persönlicher Gefahr“
(Motive zum M.St.G.B.). Daß S. von dieser Furcht beseelt
war, steht außer Zweifel (Zeugenaussagen).
Ihm selbst ist sie wohl nicht ganz zum Bewußtsein ge¬
kommen. Seine Furcht entsprang einer psychopathischen
Persönlichkeit, die unter verschiedenen schädigenden Ein¬
flüssen stand.
Wo ist nun die Grenze zwischen normaler und patho¬
logischer Furcht? Welche Kriterien gibt es für die Er¬
kennung der pathologischen?
Ich habe keine andern finden können, als die Berück¬
sichtigung der Gesamtpersönlichkeit und das auffallend
rasche Zurücktreten der neurasthenischen Erscheinungen.
Unter welchen Begleitumständen sich sonst die Feigheit
im Felde äußert, weiß ich nicht. Wenn man aber die Er¬
fahrungen bei Mensuren und bei Begehung mancher Affekt¬
verbrechen heranzieheii darf, dann kann man wohl aiinehmcn*
daß die psychologischen Vorgänge bei vielen Fähen unge
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15.
11. April.
fahr die gleichen sein werden, wie im Falle S. Eine Frei¬
sprechung derartiger Angeklagter gemäß § 51 St.G.B. engt
die Anwendbarkeit des § 85 M.St.G.B. also beträchtlich ein.
Schließlich noch eins: S. fühlte sich krank. Er wollte
sich auch krank melden, erreichte aber den Kompagniefiihrer
nicht. Lag bei dieser Sachlage nicht etwa nur eine unerlaubte
Entfernung vor? Man muß berücksichtigen, daß Angst zum
Krankheitshilde der Neurasthenie gehört.
Enter den Delikten, welche bei den Zurechnungsfähigen
häufiger Vorkommen, nimmt die unerlaubte Ent¬
fernung (§§ 64, 65, 6t>, 67 M.St.G.B.) insofern eine Sonder¬
stellung ein, als sie zeigt, wie rasch sich bei den Grenz¬
zuständen (solche wurden bei den uns überwiesenen Tätern
meist festgestellt), in dem Milieu des Feldlagers der Maßstab
für die Bewertung der kleineren, im Frieden selbstverständ¬
lichen Pflichten des Soldaten ändert.
Kaum in einem der von uns begutachteten Fälle hat das
Gericht auch nur einen Augenblick daran gedacht, daß der
Täler sich der Dienstpflicht da u e r n d (§ 69 M.St.G.B.) ent¬
ziehen wollte. Die Unregelmäßigkeit des Lebens im Felde,
die relative Vogelfreiheit von Leben und Eigentum, die
größere Selbständigkeit, die der einzelne draußen betätigen
muß, und das zeitweilige engere Zusammenleben mit den Vor¬
gesetzten verringert bei den minderwertigen Elementen die
Achtung vor dem Alltagsdienst. Wenn sie dann aus dem
Feld in die früheren Verhältnisse zurückkehren, finden sie
sich in denselben nicht zurecht, und so kommt es zu Disziplin¬
widrigkeiten gegen Vorgesetzte und Urlaubsüberschreitungen.
Meist spielt übrigens der Alkohol dabei auch eine ge¬
wisse Rolle v ). Hinzu kam weiter im Anfänge des Feldzugs
das unzweckmäßige Verhalten des Publikums, das die aus dem
Felde Ziiriickgekehrten häufig geradezu verwöhnte, indem
es für den einzelnen allerlei Vergünstigungen erbat, die sich
mit einer im Krieg absolut notwendigen straffen Disziplin
nicht vertrugen.
Bei Besprechung der für zurechnungsfähig Erklärten
ist weiter einer Gruppe zu gedenken, die ich als die „sozial
schwierigen Fälle* 4 bezeichnen möchte. Es handelt sich um
ImhecilK Hysteriker, Psychopathen usw., die sehr bald als
ungeeignet zum Heeresdienst erkannt werden, meist während
ihrer kurzen Dienstzeit aber bereits strafbare Handlungen be¬
gangen haben, und dazu ein Vorleben auf weisen, das sie in
•hm Grenzprovinzen in Kriegszeiten geradezu staatsgefährlich
erscheinen läßt.
Es traf sich glücklich 2 ), daß sie sämtlich für noch zu¬
rechnungsfähig erklärt werden konnten und demgemäß zu
längeren Strafen verurteilt werden mußten. Im Falle der
l nziirecluumgsfähigkeit wären sie höchstens für kurze Zeit in
eine Irrenanstalt gekommen und hatten von dort sehr bald in
die Freiheit entlassen werden müssen.
Hygienische Erfahrungen im Felde
von
Oberstabsarzt Prof. Dr. Ph. Kuhn
Chefarzt eines Feldlazaretts
und
Stabsarzt Prof. Dr. B. Möllers,
Hygieniker beim Korpsarzt
bei einem Armeekorps des westlichen Kriegsschauplatzes.
Bie im folgenden geschilderten hygienischen Erfahrungen
ln, l auf verschiedenen Kriegsschauplätzen im Westen gesammelt,
auf denen unser Armeekorps seit den ersten Augusttagen des ver¬
gangenen Jahres im Kampfe steht.
Auf die Einzelheiten hygienischer Einrichtungen und An-
ordnuugen, die sich bewährt haben, geben wir in der Darstellung
l ) Daher ist das Schnaps verbot, welches in verschiedenen Korps-
H'zakwi erlassen ist. mit Freuden zu begrüßen.
. 1 A n rn e r k u n g b e Uder K o r r e k t u r. In der Zwischen-
1 babf* ich zwei Fälle gesehen- in denen das Endresultat nicht so
fe un >t'g für die Allgemeinheit war.
417
näher ein, weil wir glauben, daß ihre Bekanntgabe manchem für
den weiteren Verlauf des Kriegs willkommen sein wird. Wir
halten uns an die bestehende Organisation des deutschen Sanitäts¬
wesen?, wie sie in der Kriegs-Sanitätsordnung vorgesehen ist, ohne
grundsätzliche Aenderungsvorschläge in Betracht zu zieht n.
1 . Allgemeine Hygiene. Wir beginnen mit den
hygienischen Maßnahmen, die der Stellungskrieg seiner Natur nach
einerseits erfordert, anderseits aber auch in weitem Umfange zu¬
läßt. Vor allem ist eine sorgfältige ärztliche Ueberwachung aller
im Bereiche der militärischen Operationen liegenden Städte, Dörfer.
Weiler und Gehöfte, insbesondere auch der Farmen (fermes) durch¬
zuführen. Die ärztliche Ueberwachung der einem Heere teile zu¬
gewiesenen Gegend wird im allgemeinen Sache der Aerzte der
einzelnen Truppenteile sein.
In größeren Garnisonen aber erscheint es zweckmäßig, daß
ein „G e s u n d h e i t s a u s s c h u ß“ von mehreren Sanitätsoffi¬
zieren unter Leitung eines älteren Garnisonarztes sich in die Ar¬
beit teilt. Dadurch wird erreicht, daß die hygienischen Mißstämlo
des Ortes schnell erkannt und abgestellt werden, und daß eine
Vielheit von Personen die hygienischen Gesichtspunkte vertritt
und in weitere Kreise trägt, ganz abgesehen davon, daß die
dauernde Aufsicht eines größeren Ortes und die dauernde Aufgabe,
Mißstände zu bekämpfen, vielfach die Arbeitskraft eines einzelnen
übersteigt.
Bei dieser Arbeit macht es einen erheblichen Unterschied, ob
die Zivilbehörde des Ortes weiterarbeitet und die Sanitätspolizoi
wie in Friedenszeit unter der bürgerlichen Bevölkerung weiterfülivt,
oder ob die militärische Gewalt beim Fehlen oder Versagen der
Verwaltung alle Anordnungen selbst durchführen muß.
In dem gegenwärtigen Standort unseres Generalkommandos,
einem kleinen Städtchen von früher 10 000, jetzt 9000 Einwohnern,
in dem von den bürgerlichen Behörden nur noch untergeordnete
Personen in Tätigkeit sind, vollzieht sich die UeU ruacliung
folgendermaßen:
Das Weichbild der Stadt ist in neun Bezirke geschnitten und
unter nejm Militärärzte des Gesundheitsau'Schusses verteilt. Der
Gesundheitsausschuß tritt unter Vorsitz des Garnisonarztes
von Zeit zu Zeit zu Sitzungen zusammen, in denen die
Richtlinien des Vorgehens und die Erfahrungen der einzelnen
Mitglieder besprochen werden. Ebenso finden gemeinsame
Sitzungen mit den Mitgliedern der Ortskommandantur statt;
auch werden die einheimischen Aerzte von Zeit zu Zeit zu den Be¬
sprechungen zugezegen. Dem Garnisonarzte steht ein Unterarzt
als Schriftführer zur Seite, der über jede Sitzung eine Niederschrift
mit den Beschlüssen anzufertigen hat. Im übrigen hat jedes Mit¬
glied die Sorge für seinen Bezirk unmittelbar und selbständig; der
Vorsitzende wird von allem Wichtigen in Kenntnis gesetzt und
vermittelt seinerseits wieder die von irgendeiner Seite bei ihm ein¬
laufenden Meldungen über Krankheitsfälle und Miß tändc an den
zuständigen Sanitätsoffizier. Sämtliche Bezirke der Stadt sind so
hygienisch durchsucht worden. Es wurde als oberster Leitsatz der
Gedanke verfolgt, daß auch bei der Seuchenverbreitung der
Mensch des Menschen größter Feind ist und daß vor allem die
an ansteckenden Krankheiten leidenden Zivilisten ermittelt und
unschädlich gemacht werden müßten.
Es wurde bei unsern Wohnungsbesuchen besonders auf
Typhus, Ruhr, Tuberkulose, Syphilis, Krätze und Läuse geachtet.
Ruhr und Syphilis wurden nicht gefunden. Typhus wurde bei der
ersten Durchsuchung in zwei Fällen ermittelt. Offene Tuberkulose
fand sich 16 mal. Läuse wurden bei einer Person festgestellt.
Die Bezirke werden von den Aerzten dauernd unter Aufsicht
gehalten; erfahrene Unteroffiziere, auch besonders gewandte
Militärkrankenwärter, dienen dabei als Gesundheitsauf-
seher nach dem Muster des Hamburger Hafensanitätsdienstes.
Sie begehen die Bezirke, achten auf Kranke und Mißstände und
machen über alles Ge?ehene Mitteilung. Die Aerzte sehen überall
da nach, wo die Gesundheitsaufseher etwas in Unordnung treffen.
Natürlich finden von Zeit zu Zeit auch Besichtigungen durch die
Aerzte statt. Diese machen dem Garnisonarzt unverzüglich von
allem Wichtigen Meldung und stellen die Mißstände wenn möglich
sofort selbst ab.
Es wurden nach Abschluß der erstmaligen Durchsuchung
innerhalb der nächsten 14 Tage elf Typhusfälle festgestellt. Außer¬
dem fanden sich fünf Personen mit Krätze.
Im Zusammenhänge mit dieser Arbeit standen folgende Ma߬
nahmen :
a) Anknüpfung von kollegialen Beziehungen zwischen den
im Amte verbliebenen Zivilärzten und den Sanitätsoffizieren des
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15.
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Gesundheitsausschusses, um über alle im Orte vorhandenen Krank¬
heitsherde und hygienischen Einrichtungen Auskunft zu erhalten.
b) Errichtung von unentgeltlichen ärztlichen Sprechstunden
für die ärmere Bevölkerung durch Sanitätsoffiziere, da den Zivil-
ärzten hierzu die Zeit fehlte. Diese Polikliniken erfreuten sich bald
großen Vertrauens und guten Zuspruchs und schafften den Zivil¬
ärzten eine erhebliche Erleichterung. Dadurch wurde die Ueber-
wachung der Infektionskrankheiten, namentlich des Typhus, ganz
besonders erleichtert. Zum Teil wurden Typhusfälle durch die
Poliklinik entdeckt, sodann konnten auch die einheimischen Aerzte
mehr Sorgfalt auf ihre Besuche verwenden und brachten manchen
Fall zur Anzeige, der ihnen bei hastender Praxis entgangen wäre.
Die Behandlung von Kranken in den Wohnungen erfolgte nur dann
durch die Militärärzte, wenn die Zivilärzte infolge Mangels an
Zeit dazu nicht imstande waren. Ansteckende Krankheitsfälle
werden dem Garnisonarzte sofort mitgeteilt, der die Benachrichti¬
gung des zuständigen Sanitätsoffiziers bewirkt. Letzterer ver¬
anlaßt dann alles Nötige, insbesondere die Verbringung von
Typhuskranken in Krankenhäuser, die Desinfektion der Woh¬
nungen und die Untersuchung der Angehörigen, welche unter Auf¬
sicht bleiben.
c) Die Einrichtung von Krankenhäusern für die Zivilbevölke¬
rung. Das Zivilkrankenhaus der Stadt war als Feldlazarett für
unsere Truppen eingerichtet und der Zivilbevölkerung nur zwei
kleine Säle darin verblieben, welche aber nicht genügten. Es
wurden daher in dem Greisenhause der Stadt weitere Krankensiile
für innerlich Kranke eingerichtet, darunter eine besondere Ab¬
teilung für Typhuskranke. Ein zweites Typhuskrankenhaus wurde
in einem benachbarten Dorf angelegt. Ohne Ausnahme wurde
jeder Fall von Typhus unter der einheimischen Bevölkerung aus
dem Bereiche des Armeekorps einem dieser Krankenhäuser über¬
wiesen und durch den Wagen eines bestimmten Feldlazaretts über¬
führt. Die Wohnungen der Kranken wurden von Einquartierung
befreit und desinfiziert und die Mitbewohner unter Aufsicht ge¬
lullten.
d) Die Einrichtung einer Desinfektionsanstalt. Zu diesem
Zwecke wurde in einer mit Dampfkesseln ausgestatteten Fabrik
ein Kaum hergerichtet, in den der strömende Dampf geleitet wird.
Die zu desinfizierenden Gegenstände werden auf einen Holzrost
gelegt, unter dem die zuführenden, mit Öffnungen versehenen
Dampfrohre laufen. Dinge, die den Dampf nicht vertragen, werden
in Bottichen mit Kresolseifenlösung oder in trockener Hitze des¬
infiziert. Für diese Anstalt wurden zwei Wagen zur Verfügung
gestellt, ein „unreiner“, der infizierte Sachen abholt, und ein
..reiner“, der die keimfrei gemachten wieder abfährt. Fremde
Wagen, die infiziertes Material anfahren, werden mit heißer Kresol-
sclhnlösung sorgfältig abgewaschqp. Das Personal trägt bei der
Arbeit Mäntel, die oft gewechselt 'werden.
e) Schaffung einer Desinfektionskolonne von sechs Zivil-
nrbeitern, die unter Aufsicht eines älteren Sanitätsunteroffiziers
stellen und infizierte Wohnungen sowie Aborte desinfizieren.
Ihr Handwerkszeug besteht aus: 1 Schubwagen, 6 Gießkannen,
|» Eimern, Ü Besen, 2 Eisenstangen, 2 Hämmern. 2 Beißzangen, Nägeln
verschiedener Art, 4 Schaufeln, 4 Spaten. 0 Wischtüchern. An Des¬
infektionsmitteln verwenden sie Kreosolseifenlösung und Chlorkalk.
f) Mitbenutzung des Sanitätsbads der Truppe (siehe unten)
für die Leute aus der Zivilbevölkerung, die mit Krätze und Läusen
behaftet sind. Sie finden an manchen Tagen zu bestimmten
Stunden Aufnahme. Während der Aufnahme werden ihre Betten
abgeholt und desinfiziert und die Wohnungen gereinigt.
Die Entfernung der Typhuskranken fand unter der belgisch¬
französischen Zivilbevölkerung zunächst etwas Widerstand, da die
Leute eine Scheu vor dem Krankenhause haben und Verständnis
für die Wichtigkeit der Absonderung kaum vorhanden ist. Auch
bei der deutschen Truppe ist dieser leitende Gedanke der modernen
Seuchenbekämpfung noch nicht Allgemeingut geworden. Sie ist
vielfach nur in der Anschauung erzogen, daß Schmutz und Unrat
zu bekämpfen und daß verdächtiges Wasser vermieden oder durch
Köchi n unschädlich gemacht werden muß. Ein lehrreiches Bei¬
spiel für die Wichtigkeit der Isolierungsmaßnahmen bietet die
weiter unten geschilderte Typhusepidemie auf einer Farm, die da¬
durch eine so große Ausbreitung erlangte, daß die Truppe auf die
kranken Eingeborenen nicht genügend achtete. Anderseits müssen
die Ausscheidungen der Kranken, namentlich Kot und Urin, mit
allen Mitteln unschädlich gemacht werden. Um das zu erreichen,
müssen die alten Bekämpfungsmaßnahmeii in voller Kraft bleiben.
Hierzu kommt, daß die moralische Wirkung des Kampfes gegen
jedweden Schmutz erheblich ist und daß die Errungenschaft unserer
I sanitären Aufklärungsarbeit nicht verloren gehen darf, auch wenn
im einzelnen Falle der Schmutz eine nebensächliche Holle bei der
Weiter Verbreitung von Erkrankungen spielt.
Von diesen Ueberlegungen aus wurde in allen Häusern und
Gehöften auf Mißstände geachtet: unsaubere Aborte, Brunnen in
der Nähe von Aborten, Kehricht- und Misthaufen auf den Höfen
und vor den Häusern. Besonders üble Zustände wurden vielfach
in den von den Bewohnern verlassenen Häusern vorgefumlen. Es
wurde durch die Ortskommandantur eine Müllabfuhr eingerichtet,
zu der unsere Feldlazarette Gespanne stellen. So konnte durch
diese Hilfe aller Unrat aus den Häusern und Höfen der Stadt
entfernt werden. Unhygieniseh angelegte Brunnen wurden ge¬
sperrt und mit der Aufschrift „Kein Trinkwasser“ versehen.
Feuchte Quartiere wurden gesperrt. Offene Fenster wurden aus¬
gebessert. Ueberbelegte Häuser wurden ganz oder zum Teil ge¬
räumt. Vor allem wurde für Ordnung und Aufsicht in den Mann¬
schaftsquartieren gesorgt. Wenn nämlich Mannschaften in ver¬
lassenen Bürgerhäusern allein hausen, ist es viel schwerer, die
Bäume sauber zu halten, als da, wo die Bevölkerung im Hause
geblieben ist und die Frauen die Reinigung behalten haben, ln
den zuerstgenannten Quartieren ist eine strenge Beaufsichtigung
unerläßlich Zur Durchführung der hygienischen Maßnahmen
wurde ein Ortsbefehl erlassen, aus dem folgendes mitgetcilt sei:
„1. In jedem Quartier ist ein Quartierältester zu bestimmen,
dessen Name an der Tür des Zimmers anzubringen ist. Dersdhi* ist
für Ordnung und Reinlichkeit im Unterkunftsraume verantwortlich, be¬
sonders dafür, daß die Betten gemacht werden, daß das Stroh jeden
Tag zusammengelegt, der Hoden auf gekehrt wird, Papier und Reste
von Eßwaren entfernt werden.
in jedem Hause ist der Quartierälteste dafür verantwortlich,
daß. die Aborte täglich zweimal gründlich gesäubert werden und aller
Müll und Unrat in einer Tonne gesammelt und für die Abfuhr bereit-
gestellt wild.
Ferner hat jeder Truppenteil in seinem Quartierbeivich einen für
die Ordnung verantwortlichen Offizier zu bestimmen, dessen Name der
Ortskomnumdantur zu melden ist.
2. Jeder Truppenteil ist für die Abfuhr des Unrats und Dunges
verantwortlich, der außerhalb des Unterkunftsorts auf freiem Kehle al>-
geladen und tunlichst verbrannt werden muß.
3. Fehlende Fenster und Türen sind der Ortskommandantur an-
zu/.eigen.“
Da öffentliche Bedürfnisanstalten in dem Orte fehlten, wurde
ihre Errichtung an den Hauptansammlungspunkten der Mann¬
schaften in die Wege geleitet.
Ein besonderes Augenmerk wurde dem Kneipenwesen und
der Prostitution gewidmet. Auf den Ort kommen etwa 300, also
auf etwa 30 Einwohner eine Schankstätte. Sie waren meist sauber
gehalten, sodaß sie kaum als Herde von Infektionskrankheit) er¬
scheinen. Unsaubere Wirtschaften wurden unter scharfem Zwange
gehalten.
Die Frage der Prostitution, die natürlich von erheblichem Einfluß
auf die Gesundheit unserer Truppen ist, soll in einem späteren Ab¬
schnitt unserer Arbeit einer besonderen Betrachtung gewürdigt werden.
2. Trinkwasserversorgung. Die Versorgung des
Heers mit einem einwandfreien Trinkwasser gehört zu den wich¬
tigsten Aufgaben der Truppenärzte. Nach unserer Erfahrung ist es
auf dem Marsch und in der Unterkunft durchaus zweckmäßig,
sich bei den Laudesbewohnern nach der Beschaffenheit der \Va>ser-
Versorgungsanlagen zu erkundigen und sie ruhig zu benutzen,
sofern die Bevölkerung selbst das Wasser ohne Scheu und ohne
Schaden für die Gesundheit genießt. Das gilt besonders für be¬
freundetes und eignes Gebiet. Aber auch in Feindesland haben
wir keine ungünstigen Erfahrungen gemacht. Man kann hier die
Vorsicht gebrauchen, daß man die Einheimischen auffordert, da*
Wasser vor unsern Augen zu trinken. Die französischen und bel¬
gischen Kollegen gaben uns bei den gesundheitlichen Ermittlungen
durchweg auf das bereitwilligste über alle hygienischen hrigen
Auskunft. Auch fanden wir wiederholt in den eroberten Uebietj 1 «
Frankreichs und Belgiens an Häusern und Brunnen franzfoi.w
oder flämische an die Bevölkerung gerichtete Plakate mit dem
Hinweise vor, daß das betreffende Wasser zum Genuß ungeeignet
sei. Zu beanstanden ist namentlich schlecht schmeckendes »n
übelriechendes, unappetitliches Wasser, ferner solches, das wegen
hohen Gehalts an Kalksalzen Verdauungsstörungen hervorntft- um
endlich Wasser mit Arsen- und Bleigehalt. In kleinen Städten
und auf dem Lande waren vielfach die primitiven Brunnen in 11,1
mittelbarer Nähe von Misthaufen oder Dunggnibe» und Aboitin
ungelegt, sodaß die Fäkalien in das Wasser gelangen konntet). i ,(1
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zahlreichen Untersuchungen erwies sich ein hoher Gehalt an sal¬
petriger vSiiure, Chlor, Ammoniak und organischer Substanz.
^Sofern es möglich ist, aus andern in der Nähe gelegenen
Brunnen einwandfreies Trinkwasser in ausreichenden Mengen zu
erhalten, wird man beanstandete Brunnen am besten schließen. Da
auf dem Kriegsschauplätze des Westens der Typhus in der Be¬
völkerung überall endemisch herrscht, muß im Stellungskriege
verlangt werden, daß Wasser nur gekocht genossen wird.
Um den faden Geschmack des abgekochten Wassers zu ver¬
meiden. empfiehlt sich die Verabreichung von Tee und Kaffee.
Auch für den Marsch ist Kaffee oder Tee — ungesüßt — die beste
Füllung für die Feldflaschen. Die Mannschaften sind immer wieder
an sparsamen Gebrauch der Feldflasche zu erinnern und besonders
aufzufordern, daß sie nicht gleich dem ersten Durstgefühl allzusehr
nachgeben und die ganze Flasche leeren sollen. Gute Dienste
halten auch die beim Armeearzt anzufordernden Trinkwasser-
hmiter geleistet, in denen das Wasser keimfrei gemacht wird, aber
Ävhnuiekhaft bleibt. Sofern der vorhandene Wasservorrat oder die
tägliche Gebrauchsmenge gering ist, genügt es, den Apparat nur
einige Stunden des Tags in Betrieb zu halten und das gewonnene
Trinkwasser entweder in großen Kübeln oder in Fässern zur Ab¬
holung bereitzustellen. Die fahrbaren Trinkwasserbereiter, denen
ein technisch vorgebildeter Begleiter beigegeben ist, bedürfen einer
dauernden, sorgfältigen Ueberwachung. Zum Schutze gegen die
l'nbilden der Witterung, insbesondere gegen Regen und Ein¬
frieren, werden sie in einem Schuppen oder einer Scheune auf ge¬
stellt. Ist dies infolge zu weiter Entfernung von der Wasserquelle
nicht möglich, so kann man sich durch Aufschlagen eines Sclmtz-
zelts oder besser eines Holzverschlags um den Apparat helfen. Für
die wärmere Jahreszeit ist in Aussicht genommen, im Anschluß
an die Trinkwasserbereiter in den einzelnen Ortsunterkünften
künstliches Selterwasser herzustellen, wie dies im Frieden schon
in vielen Mannschaftskantinen mit gutem Erfolge geschieht. In
sulchen Gegenden, in denen die vorhandenen Brunnenanlagen un¬
dicht, verunreinigt oder in der Nähe von Abortgruben gelegen
sind, empfiehlt sich ferner die Verwendung der abessinischen
Brunnen, welche in dem von uns besetzten Teile Flanderns aus
einer Tiefe von 10 bis 20 m in der Regel ein tadelloses Trinkwasser
lieft rn.
In manchen Gegenden ist das Wasser infolge der Bei¬
mengungen von Bodenbestandteilen so getrübt, daß es auch zum
Kochen ungeeignet erscheint. In diesen Fällen kann es vor dem
Abkochen durch Tücher geklärt werden. Vielfach genügt es,
wenn man das Wasser in entsprechend großen Bottichen einige
Zeit stehen läßt, da dann die beigemengten Erdbestandteile zu
Boden sinken.
Für die Versorgung von größeren Truppenabteilungen
kommen Wasserfiltrierapparate praktisch schon aus dem Grunde
nicht in Betracht, weil sie in der Regel leicht zerbrechlich und
wenig leistungsfähig sind, da zum Durchlaufen von wenigen
Litern schmutzigen Wassers oft ein Zeitraum von mehreren
Munden notwendig ist. Zudem ist zu beachten, daß auch das
Inste Filter niemals ein sicher keimfreies Wasser liefert, sondern
«laß das verdächtige Wasser auf jeden Fall nach der Filtrierung
abgekocht werden muß.
Bei den centralen Wasserleitungen der großen Städte wird
man nach Erkundigungen bei der Stadtverwaltung und den Aerzten
‘len Genuß des VVassers in ungekochtem Zustand unbedenklich
Platten können.
Die Hauptgesichtspunkte bei der Trinkwasserversorgung der
Truppen lassen sich in folgenden Sätzen kurz ausdrücken:
1. Erkundigung bei einheimischen Aerzten oder andern ver¬
trauenswürdigen Personen, ob bereits irgendwelche ungünstigen
r°lgen nach dem Genüsse des betreffenden Wassers ein-
gotreten sind.
-• Oertliche Besichtigung der Wasserentnahmestellen.
3. Im Stellungskriege darf Wasser nur abgekocht oder als
et- und Kaffee getrunken werden. Auch für den Marsch im
ewegungskriege ist der ausschließliche Gebrauch von gekochtem
asser °'^ r v on Tee und Kaffee anzustreben.
Auf die Trinkwasserversorgung der Schützengräben werden
' lr in einem späteren Abschnitte weiter eingehen.
. . ^ ^ ö r p e r p f 1 e g e. Bäder. Die Gewährung von Bädern
Brr .Ki Winter von unsern Mannschaften, zumal im
fffi ' | e "!7 kämpfenden Truppe, sehr begrüßt. Die Ausdünstun-
Snd 'i? v rpew wer ^ en ,n den Unterständen der Schützengräben
' (en Hassenquartiereil besonders unangenehm empfunden, und ;
wohl ein jeder hat das Bedürfnis, sich des Schmutzes so oft wie
möglich zu entledigen. Dazu kommt, daß das Vernachlässigen
jeder Körperpflege die Verunreinigung der Wunden und das Ent¬
stehen von Gasbrand, Sepsis und Starrkrampf begünstigt und den
Hautkrankheiten und dem Ungeziefer aller Art den besten Boden
bietet. Endlich wird durch die Bäder neben den Vorteilen für den
Körper auch das geistige Wohl der Truppe günstig beeinflußt. Die
in den Unterständen und Höhlen der vordersten Linie lebenden Sol¬
daten empfinden das wohltuende Bad und die Sauberkeit der Bade¬
räume als ein Zeichen, daß sie trotz allem inmitten der Kultur
ihres Volkes stehen, der Sinn für die Reinlichkeit der Kleidung,
für die Pflege der Haare wird beiebt, ein besonders fröhlicher
Geist zieht ein. Es ist eine Freude, die glückselig strahlenden
Mannschaften im warmen Bade sitzen und plansehen zu sehen,
die wochenlang in den Schützengräben gelegen haben. Unsere
Erfahrung hat weiter gelehrt, daß regelmäßige Bäder der Mann¬
schaften in gut beaufsichtigten Badeanstalten die Bekämpfung des
Ungeziefers erleichtern, weil die Behafteten beim Baden leicht her¬
ausgefunden werden.
In dem Unterkunftsbereich unseres Armeekorps standen Bade¬
anstalten nicht zur Verfügung. Unsere erste Militärbadeanstalt
wurde am Standorte des Generalkommandos zur gemeinsamen Be¬
nutzung für unser Korps und eine benachbarte Division in einer
Schnürriemenfabrik errichtet, in der sieh mächtige Räume mit
großen, langen Holzbottichen zum Waschen und Färben von
Garnen vorfanden. Das Wasser wird in große Behälter gepumpt
und durch Einleiten von heißem Dampf erwärmt, sodaß es ge¬
brauchsfertig in die Bottiche geleitet werden kann. Die Bade¬
anstalt wurde am 23. Dezember 1914 dem Betriebe für Mann¬
schaften übergeben und ist bis zum 15. Februar 1915 von 35 228
Mann benutzt worden. In der angesehlossenen Offizierbadeanstalt
wurden im Verlaufe des ersten Betriebsmonats über 1000 Einzel¬
wannenbäder in Zellen verabreicht. Auf Grund der bisher vor¬
liegenden Erfahrungen hat sich folgende Einrichtung bewährt:
Die Anstalt zerfällt, abgesehen von der Maschinenanlage der
Fabrik, welche den Dampf liefert, und dem Hof, in dem eine Halle zum
Ablegen von Gepäck und Waffen und Aborte errichtet sind, in vier
Haupträume. Der erste Raum dient den Mannschaften zum Warten
vor dem Baden (Warteraum). In dem nächsten Raume nimmt der auf-
sichtführende Unteroffizier die Anmeldungen für das Baden d'*r
Truppenteile entgegen und bewahrt die Wertsachen der Badenden auf.
Nach dein Baden erhalten die Mannschaften hier eine Tasse Tee (Tee¬
raum). Neben dem Eingang ist hinter einem Verschlag die reine Wäsche
untergebraeht. Jeder Mann erhält ein Handtuch. Dann betreten die
Mannschaften den dritten Raum, den Ausklcideraum. Es hat sieh
herausgestellt, daß dieser am zweckmäßigsten in drei Teile zerfällt,
damit für drei Gruppen von Mannschaften Platz zum Auskleiden und
Ablegen der Sachen vorhanden ist. Jede dieser Abteilungen muß so viel
Fächer haben, wie Mannschaften gleichzeitig baden können. Die Er¬
fahrung hat gelehrt-, daß für Auskleiden. Baden, Ankleiden und Aufent¬
halt im Teeraum etwa die gleiche Zeit, je eine Viertelstunde, notwendig
ist. Dabei braucht man die Mannschaften nicht zu hetzen, kann aber
doch die Zeit ausnutzen. Der folgende Stundenplanauszug zeigt, daß
dadurch drei Abteilungen des Auskleideraums bedingt werden:
Gruppen der Badenden:
8—8 15
| 8 16 —8 30
1 8*-8«
8 15 —9
9-9«
QI5 gw
9»__9«5
1 9«--10
a)
Ans¬
ziehen
in
Abt. I
Baden
An¬
ziehen
in
Abt I
Tee¬
trinken
b)
Aus¬
ziehen
in
Abt II
Baden
An¬
ziehen
in
Abt. n
Tee¬
trinken
!
i
!
c)
Aus¬
ziehen
in
Abt. III
Baden
An¬
ziehen
in
Abt. III
Tan.
trinken
1
d)
I
Aus¬
ziehen
in
Abt I
Baden
An¬
ziehen
in
Abt. I
Tee¬
trinken
e)
i Aus-
1 ziehen
in
Abt. II 1
Baden
An¬
ziehen
in
Abt. II
Tee¬
trinken
Es ist ersichtlich, daß während je drei Viertelstunden die Fächer
der Abteilungen mit den Kleidern der gleichen Mannschaften belegt
sind und in der vierten Viertelstunde wieder, eine Abteilung frei wird.
Bereits im Ausklcideraum achtet ein Sanitiitsunferoffizier ganz be¬
sonders auf Kleiderläuse. Leuten mit Krätze und Läusen'ist das
Baden hier verboten, sie werden dem 8anitäfsbade (siehe unten) über¬
wiesen.
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MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15.
11. April.
Im vierten Raume, dem Badc.raume, befinden sich Brausen, sowie |
daneben die erwähnten Bottiche, fünf an der Zahl, bis zum Ueberlaufen j .
gefüllt. .Jeder nimmt sechs bis acht Mann auf, das Wasser erneuert ;
sich durch ständiges Zulließen. Mittags und abends werden die Bottiche :
entleert und ausgescheuert. Die Mannschaften treten zunächst unter
die Brausen und werden mit warmem Wasser abgebraust; hierzu
empfängt jeder etwas Schmierseife. Nach gründlicher Reinigung
steigen sie in die Bottiche. Beim Betreten des Baderaums werden sie
nochmals auf Läuse sowie auf Krätze und andere Hautkrankheiten
untersucht. Badezeit ist vormittags von 8 bis 12 und nachmittags von 1
2 bis 6 Uhr. j
Die Anstalt erfordert folgendes Personal:
Aufsicht im Warteraum: 1 Sanitätsunteroffizier:
Aufsicht im Teeraum, Annahme der Anmeldungen, Listen¬
führung, .Wertsachenabgabe: 1 Sanitätsunteroffizier;
Wäscheausgabe: 1 Militär-Krankenwärter;
Aufsicht im Auskleideraum: 1 Sanitätsunteroffizier;
Aufsicht im Baderaum: 1 Sanitätsunteroffizier;
Arbeit an den Bottichen im Baderaum: 1 Militär-Krankenwärter,
Heizung: 1 Pionier und 1 Zivilheizer;
Für Arbeiten an den Maschinen: 1 Pionier und 1 Zivilarbeiter.
Außerdem sind eine Köchin für die Bereitung und Ausgabe des
Tees und mehrere Arbeiterinnen zur Reinigung der Räume angestellt.
Es können täglich bei achtstündiger Betriebszeit in aller
Ruhe 1200 bis 1300 Mann baden. Wenn die Benutzungszeit ver¬
längert und die Zeit des einzelnen Bads etwas gekürzt wird, können
täglich bis zu 2000 Bäder verabfolgt werden. Wenn die Räum¬
lichkeiten im Verhältnis zur Zahl der Badenden stehen, so wird auf
die geschilderte Weise jedes Stocken des Betriebs vermieden und
eine schnelle Abfertigung der Truppenteile gewährleistet.
Der Aufenthalt der Mannschaften im Teoraum ist notwendig,
damit nach dem warmen ungewohnten Bad eine Abkühlung statttindet.
Wenn die drei letzten Räume in einer Flucht liegen und eine gemein¬
same Dampfheizung haben, so ergibt es sich von selbst, daß der letzte
Raum, in dem die Bäder verabfolgt, werden, der wärmste, und <h*r
erste Raum, der mit der Außenluft in Verbindung steht, der kühlste ist.
In diesem erfolgt also beim Warten eine willkommene Abkühlung.
Diese Wartezeit ist aber noch aus einem andern Grunde wertvoll.
Das wanne Bad strengt die Mannschaften, die dieses Genusses entwöhnt
sind, meist ziemlich an. Sie werden von einem Gefühl wohliger Schlaff¬
heit befallen. Diesem können sie in dem Teeraume nachgehen. in dem
Bänke an den Wänden stehen. Aus diesem Grunde ist auch die er¬
frischende Tasse Tee, die jedem auf seinen Wunsch gereicht wird,
keine überflüssige Beigabe. Zur Bereitung eines Liters Tee werden 10 g
Tee und 10 g Zucker verwandt. Der Teeraum ist mit Ptlanzcngruppon
und Bildern geschmückt und mit den Karten der Kriegsschauplätze
und einem Brett für Tagesneuigkeiten versehen, um den Aufenthalt für
die Mannschaften angenehm zu gestalten.
ln dem Offizierbad, in dem fünf Einzelzellen vorgesehen sind, die
gleichzeitig zum Auskleiden und Baden dienen, ist cs gleicherweise
notwendig, daß ein Vorraum mit Wartezimmer, Haarschneidezimmer
und Wäscheausgabe durch eine Wand von den Badezellen getrennt
und kühl gehalten wird. Sonst entsteht Zugluft und eine Abkühlung
nach dem Baden ist unmöglich.
Um auch den etwas entfernter liegenden Truppenteilen die
Benutzung der Bäder zu erleichtern, fährt täglich ein geheizter
„Badezug“ aus zwei benachbarten Garnisonen, der 300 bis 400 Be¬
sucher bringt.
Der Verbrauch an Kohlen beträgt täglich 1750 kg.
Die vorstehend beschriebene Badeanstalt fand bei den
Truppenteilen allgemeinen Anklang, und es dauerte nur wenige
Wochen, bis auch in den andern Unterkunftsorten des Armeekorps
weitere Badeanstalten nach ähnlichen Gesichtspunkten ins Leben
gerufen wurden. Hierbei zeigte sich ein erfreulicher Eifer der
Aerzte, die Anlagen immer vollkommener zu gestalten, dem das
technische Geschick und die unermüdliche Arbeitsfreudigkeit un¬
serer Pioniere aufs bereitwilligste nachkamen, trotzdem ihre Zeit
durch ihre eignen Aufgaben sehr in Anspruch genommen war.
In einer als Divisionsstabsquartier dienenden Stadt von über
10 000 Einwohnern wurde eine Flachswäscherei zur Militärbade¬
anstalt umgebaut.
Als Badewannen dienen hier zehn große runde Holzbottiche von
etwa 1K m Tiefe, welche in der Mitte einen Zufluß von heißem, von
außen einen solchen von kaltem Wasser haben. In jedem Bottich halten
acht Mann Platz. Der Dienstbetrieb ist hier so geregelt, daß der Bottich
nach zweimaliger Benutzung von je acht. Mann entleert und gereinigt
wird, sodaß in einem Badezeitraum in jeder der vorhandenen zehn
Wannen 16 Mann baden.
Täglich um 8 und 11 Uhr vormittags und 2 und 5 Uhr nach¬
mittags treffen je 160 Mann zum Baden ein, sodaß an einem Tag
in dieser Anstalt rund 600 Mann ein warmes Vollbad erhalten.
In einem dritten Ort, einem mittleren Dorf, ist eine Dampf¬
molkerei zur Badeanstalt umgebaut.
Als Badewannen dienen acht steinerne Wannen, die sonst zur i
Aufbewahrung von Milch benutzt wurden und jetzt je zwei Badende
aufnehmen. Der Betrieb ist hier so geregelt, daß die badenden Mann¬
schaften zunächst auf einer Bank sitzend ein warmes Fußbad in
Seifenwasser erhalten und dann in die Badewannen zum Vollbad
steigen. Darauf spülen sie unter warmer Brause die Seife ah und 1
kommen zum Schluß in ein etwa 1 m hohes Holzbecken mit leineni,
warmem Wasser und darüber befindlicher kalter Brause, wo gleich¬
zeitig nebeneinander etwa 12 Mann Platz haben.
In dieser Anstalt baden täglich vier Gruppen zu 100 Mann,
insgesamt also etwa 400 Manu.
Weiterhin ist in einem Wirtshaus eines andern kleinen, in
der Nähe der Gefechtsstellungen gelegenen Dorfes ein Brausebad
entstanden, das täglich etwa 300 Bäder verabfolgen kann.
Auf dem Speicher des Hauses ist ein heizbarer Kessel aufge¬
stellt, in den das Wasser aus dem Hofbrunnen mittels einer Feuerwehr¬
pumpe hinaufgepumpt wird. Das heiße Wasser w-ird einem Bottich
mit kaltem Wasser zugeleitet. Das Mischwasser wird durch Rohre
nach unten in den Brauseraum geleitet, in dem 15 Brausen vorhanden
sind. Außerdem ist ein Auskleideraum in demselben Gebäude ein¬
gerichtet und eine Tee- und Wartehalle aus Holz aufgeführt.
Endlich ist in einer weiter rückwärts gelegenen Stadt ein
Brausebad mit 56 Brausen entstanden, von denen drei für Unter¬
offiziere und zwei für Offiziere abgeteilt sind. In allen Bädern
wird nach dem Baden Tee verabreicht. So sind wir bei unserm
Armeekorps zurzeit in der Lage, wöchentlich etwa 25 000 Bäder
an die Mannschaften zu verabreichen.
Wo die Anlage von Badeanstalten nicht möglich ist, ist die
segensreiche Einrichtung von Brausebädern in Eisenbahnzügen zu
; empfehlen, die in einem andern Armeekorps eingeführt sind. Solche
I Züge fahren im Bereiche der Truppen hin und her und verabfolgen
an den Halteorten Brausebäder. Die Wagen bieten Ausklcide-
räume und Brauseraum, die Lokomotive besorgt die Heizung und
Warmwasserversorgung.
Spiele und Sport. Bei einem Feldlazarett unseres
Armeekorps haben sieh turnerische Spiele bisher als ein wertvolles
Mittel bewährt, um die Gewandtheit des Körpers und einen frischen
heiteren Sinn bei den Mannschaften zu erhalten. Es wurde Bar¬
lauf, Wettlauf, Hürdenlauf und Stafettenlauf gepflegt. Diese
Spiele bedürfen keiner teuren Geräte, sondern nur eines brauchbaren
Platzes. Um einen feuchten Grund festzumachen, sind die Back¬
steine eingeschossener Häuser ein gutes Mittel. Als Belag emp¬
fiehlt sieh in Fabrikgegenden Kohlenschlacke, die zweckmäßig mit
einer Walze bearbeitet wird. Durch das Aussetzen von Preisen
kann der Frohsinn der Mannschaften besonders gesteigert werden,
der in diesem Kriege der Nerven ein besserer Helfer ist als das
Absitzen von Erholungszeiten in den Wirtshäusern.
Wir haben mehrfach abfällige Urteile über die Engländer
i gehört, die hinter ihrer Front Sport treiben. Solche Aeußerungeii
lassen dem Werte der Spiele für die körperliche Gewandtheit und
die geistige Frische der Mannschaften keine Gerechtigkeit, wider¬
fahren. (Fortsetzung folgt)
Schutzkleidung gegen Flecktyphusübertragung
von
Prof. Dr. C. Flügge, Berlin.
Die Mitteilung von Prof. N e u f e 1 d in Nr. 13 dieser Wochen¬
schrift veranlaßt mich, auch meinerseits kurze Angaben zu machen
über einige von Prof. Heymann und mir mit einer läusesicheren
Schutzkleidung für Aerzte und Pflegepersonal angestellte Ge¬
suche. Die betrübende Erfahrung, daß in der jetzigen Flecktyphus-
epidemie bereits 23 deutsche Wärter und 12 deutsche Aerzte er
krankt, und daß von letzteren acht — unter diesen hoch verdien e
Forscher wie Jochmann, v. Prowazek, Cornet — ^
Krankheit erlegen sind, sowie anderseits die mehr und m e ' ir J K .
festigende Ueberzeugung, daß die Uebertragung dieser Krank w
ausschließlich durch Kleiderläuse erfolgt, müssen uns anspornc.
möglichst bald Mittel und Wege zu finden, durch die den Aery'
und Wärtern ein Schutz gegen dieses Ungeziefer gewährt "ent
kann.
Die Läuse pflegen vom Körper, von den Kleidern, ^
und gelegentlich vom Fußboden aus den mit dem Kranken
schädigten zu befallen und auf der Kleideroberfläche mi
kriechen, bis sie eine Oeffnung* finden, durch die sie in
Kleiderschichten und auf die Haut gelangen können,
gänge sind an den Beinen, am oberen Ende der Stiefel. v0 ^! j e
an den mit Gummihandschuhen geschützten Händen am Ar
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11. April.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15.
421
der Handschuhe; ferner an den Stellen, wo die Oberkleidung zu¬
geknöpft wird; namentlich aber an der Halsöffnung, von wo die
Läuse leicht einen ihrer Lieblingssitze, den Nacken, erreichen.
Der Versuch, diese Zugangsstellen durch Einreiben mit
Salben, ätherischen Oelen und dergleichen unpassierbar für Läuse
zu machen, ist völlig aussichtslos. Eine auch nur annähernd ge¬
nügende. von der Passage abschreckende Wirkung kommt
k q\ n e m der bis jetzt bekannten Mittel zu.
Es bleiben dann zwei Möglichkeiten: entweder alle jene Zu-
i'angsöffnungen der Kleidung sicher zu verschließen, oder die Ober¬
kleidung des ganzen Körpers aus einem Stoffe zu wählen, der das
Haften und die Fortbewegung der Läuse vollkommen verhindert.
Das erste Prinzip ist in dem Grassberger sehen, aus
grauem dichten Baumwollstoffe hergestellten Anzuge versucht 1 ).
Die Zugangsöffnung an den Beinen fällt dadurch weg, daß die
unten geschlossene, schlitzlose Hose über die Stiefel und die ge¬
wöhnlichen Beinkleider gezogen und in der Körpermitte über der
Bluse befestigt wird; darüber wird ein Gürtel gebunden. Die
Bluse geht oben in eine Kopfkapuze über, die nur das Gesicht frei¬
läßt. Auch bei dieser Anordnung bleibt aber das Einkriechen der
Läuse am Gürtel, am Kopf und an den Annen möglich; Grass-
berjjers Empfehlung, Gürtel und Aermelenden mit Salben und
dergleichen einzureiben, verringert die Gefahr durchaus nicht.
Soll wirklicher Verschluß der Oeffnungen erzielt
werden, so gelingt dies nur durch Verkleben mit Heft¬
pflaster-(L eu k o p 1 a s t-) s tr ei f e n. An den Beinen ist das
schwierig; daher empfiehlt sich hier das Ueberziehen einer unten
geschlossenen, schutzlosen Hose, wie beim Grassberger sehen
Modell. An den Armen ist der Spalt zwischen dem unentbehrlichen
(Jummihandschuh und dem Aermel mit einem Heftpflasterstreifen
leicht, zu decken, namentlich wenn der Aermel eine etwas steife,
gut schließende Manschette trägt. Hose und Bluse sind zweck¬
mäßig fest aneinander genäht; um in die so entstandene Hemdhose
hineinzukommen, muß aber ein langer Schlitz vom Hals etwa 40
bis 50 ent abwärts über Brust oder Rücken sich erstrecken. Dieser
Schlitz ist, nachdem er durch Druckknöpfe oberflächlich ge-
■ schlossen ist, mit einem Streifen Leukoplast zu überkleben. Eine
feste Einlage im Stoff, entlang dem Schlitz, erleichtert das Haften
i • des Pflasterstreifens.
Die größte Schwierigkeit bietet der Abschluß am Hals.
Eine Dichtung mit Leukoplast läßt sich hier schwer und bei Leuten
mit Bartwuchs gar nicht herstellen. Man kann sich aber helfen
durch Anbringen einer Art von Barriere aus klebriger, dicker
Flüssig!, it, welche die Läuse abfängt, wie der Wachsring an
,1 Bärnm-n die Raupen. Würde man den steifen Kragen des Sebutz-
kleids außen mit einem Striche Fliegenleim oder Kanadabalsam
versehen, so würde man in einfachster Weise eine Sicherung gegen
das leberkriechen von Läusen in die Halsöffnung erreichen. Damit
aber die klebrige Masse nicht störend wirkt und leicht wieder be¬
seitigt werden kann, ist es zweckmäßig, einen Leukoplaststreifen
von etwa 6 cm Breite zu nehmen, auf der Klebseite in der ganzen
Länge des Streifens zwei Schnüre (Vorhangschnur) aufzulegen und
mit dem Heftpflaster so zu umfassen, daß sie auf der nicht kieben-
jbfrft den Seite zwei vorspringende Leisten bilden, die zwischen sich
rine Rinne (etwa von der Breite der Schnur) haben. In diese Rinne
hnngt man aus einer Tube etwas Kanadabalsam oder dicken
Hiegenleim und verstreicht diesen mit einem Holzstückchen zu
, |ncr dünnen, die Rinne auskleidenden Schicht; der so armierte
; dcftptlasterstreifen wird auf den steifen Kragen des Schutzkleides
t /r ^ufgeklebt. Ein PassierendieserSchrankevonKleb-
I rt°ff durch Läuse ist völlig unmöglich; sie werden sicher
m der Klebmasse fixiert. Die vorspringenden Leisten schützen
dahei gegen unerwünschte Klebewirkungen. — Auch am Arm und
|*in lassen sich erforderlichenfalls die gleichen Schranken an-
i )n JKeri; doch ist hier meist das Verkleben der Spalten das ein-
\ f . fächere.
Den Kopf zu schützen, wird im allgemeinen nicht nötig sein.
J;° es geschehen, so ist die von N e u f e 1 d empfohlene Lotsen-
appe zu benutzen, deren äußerer Rand ebenfalls mit einer
enranke von Klebstoff zu versehen ist.
Das zweite Prinzip, die Herstellung eines Schutzkleides
s glatten Stoffen, welche den Läusen das Haften und Kriechen
unmöglich machen, ist von Neufeld befolgt. — Nach Ver-
möD *^ e ? e ^ mann * m hiesigen Institut angestellt hat,
durch ^ nicJlt an . ne hmen, daß namentlich die jungen Läuse
Stoffe sicher ferngehalten und au der Fortbewegung
V *) W.kl. VV, 1915, Nr. 9.
auf horizontaler und mäßig steigender Fläche gehindert werden.
Auch vermindert sich die Glätte mit der Gebrauchszeit; und außer¬
dem sind die durch ihre Glätte wirklich stärker hemmenden Stoffe,
wie geölte Seide, leicht zerreißlich und sehr teuer. Eine voll¬
ständige Sicherheit wird nach meiner Meinung auch bei Ver¬
wendung dieser Stoffe erst dadurch gewährt, daß die Oeffnungen
in der oben beschriebenen Weise verklebt beziehungsweise mit
Klebstoffbarriere versehen werden.
Das Ablegen der Anzüge muß mit ruhigen Bewegungen ge¬
schehen. Ein Abwaschen mittels eines in Kresollösung (AnisolV)
getauchten Schwammes, während der Träger des Anzugs auf einem
Laken aus grober Leinwand steht, sollte vorausgehen. Dann wer¬
den die Heftpflasterstreifen abgenommen, der Anzug vorsichtig
nach unten abgestreift, in das Laken eingesehlagen und sogleich
in den Dampfofen gebracht.
Wenn Aerzte und Pfleger nur mit sicher entlausten Fleck-
fieberkranken zu tun haben, brauchen wir überhaupt keine Schutz¬
anzüge. Die sorgfältige Entlausung der Kranken und Verdäch¬
tigen ist daher selbstverständlich in erster Linie anzustreben. Vor¬
läufig rechtfertigen aber die Zustände in den Gefangenenlagern
und in manchen Bevölkerungsschichten das Bestreben, für den
Bedarfsfall ein sicheres Schutzkleid zu haben. Namentlich sind die
Desinfektoren, welche die Entlausung zu überwachen haben, ferner
die Wärter, welche dauernd mit Fleckfieberkranken, und darunter
häutig auch mit unvollkommen entlausten, zu tun haben, stark ex¬
poniert; weniger, aber immer noch in gewissem Grade, die bi han¬
delnden Aerzte, die bei der Untersuchung der Kranken leicht ein¬
zelne Läuse aufnehmen, zumal die Fiebertemperatur diesen unbe¬
haglich ist und sie zum Aufsuchen eines andern Wirts antreibt.
Will man aber der Gefahr der Uebertragung durch einen Schutz«
anzug begegnen, dann darf man meines Erachtens nicht damit
zufrieden sein, daß der Anzug „einigermaßen“ Schutz gewährt,
sondern dann muß dieser wirklich verläßlich sein; und
das ist er nach unsern Versuchen nur, wenn jede Zugangs¬
öffnung mit Heftpflaster abgedichtet und d i e
Hals Öffnung durch eine Klebstoffschranke ge¬
schützt ist. Dagegen halte ich es für weniger wesentlich, ob der
Anzug aus dichtem Leinenstoff oder aus glattem Oeltuch oder
Gummi hergestellt wird.
Einige Modelle, mit denen noch praktische Versuche ange-
stellt werden sollen, hat das „Medizinische Warenhaus“, Berlin
NW 6, nach unsern Angaben angefertigt. Auch Leukoplast¬
streifen mit Schutzrinne können von dieser Firma bezogen werden,
falls nicht die sehr einfache eigne Herstellung vorgezogen wird.
Aus dem Sofienspital in Mühlbach (Szaszsebes, Siebenbürgen).
Behandlung von Schußfrakturen mittels
Gipsbrückenverbänden
von
Primarius Dr. 0. Grasser.
Wohl selten wird man Gelegenheit haben, den Gipsverband
bei komplizierten Knochenbrüchen so häufig in Anwendung zu
ziehen, als in diesem Weltkriege. Verwundete Soldaten, zusam¬
mengewürfelt aus der ganzen Monarchie, sind in unserm verhält¬
nismäßig kleinen Landspitale versammelt und anerkennen dank¬
bar die Wohltat eines Gipsbrückenverbandes nach den schlimmen
Erfahrungen, die sie vorher mit den meist schlecht sitzenden
Blechstiefeln auf ihren weiten Transporten und den verschiedenen
Uebergangstationen gemacht haben.
Trotz aller Vorsicht und häufigem Verbandwechsel war es
nicht möglich, zu verhüten, daß sich bei den meist stark seeer-
nierenden Wunden Wundsekret auch in die vom Gips überdeckten
Watteschichten verteilte und zu Reizungen der Haut, Ekzem, Ver¬
anlassung gab. Die verunreinigten Schichten mußten mühsam ent¬
fernt und durch frische Watte ersetzt werden, was viel Zeit
in Anspruch nahm. Dies veranlaßte mich, wie wohl manchen an¬
dern Kollegen, der die gleiche Erfahrung machte, auf Abhilfe zu
sinnen, und wurden daher von nun an die Verbände aus zwei Gips¬
hälften, die durch einen Bogen oder Brücke miteinander ver¬
bunden wurden, hergestellt, während die Stelle der Weichteil¬
verletzung circulär frei blieb und so der Behandlung leicht zu¬
gänglich gemacht wurde.
Zur Herstellung der Brücken wurde 5 bis 6 mm starker ver¬
zinkter Eisendraht verwendet.
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1915
MEDIZINISCHE KLINIK ~ Nr - 15 ~
11. April.
Der Eisendraht besitzt den und'ewUiisch^
kann seine Elastizität <l»zu benut ^ ausilbe n zu können. Bei den
ist, einen leichten Grad von t gen ^ , kr( . is0 gebogen, die Enden
5ÄÄÄ“ Gipsverband angepaßt und mit-
,mge ' Da die Elastizität sich besse^au^ditzen^heß^wenn mm* au8
nebeneinander liegende Drahte Rechteck von zirka 5 cm
nem 160 bis 180 cm langen D r » ht e “ n ^n ff el>offen, daß die freien
Rrcite und 60 bis 80 cm Lange so ,£ J rt | pn . Der Draht-
Enden mit Hcftpflasterstreifen f Jf (ii ,,iii.letoiiren ttber-
bogen oder Brücke kann zure eh gelogt n m« > rfcn< odcr man
den
- u-* -
Brücke.zwischen ^^^.inTam'^b-schenkel, so ist es
ilei gut zu polstern und den ein 11 k j m aufruhP „ zu
8-Gipstouren um das Becken aut * ' befestigen,
lassen und mit «! nl S. e ""Ä rt G Ä verbunden. Nach
Die Wunde am Oberschenkel m dsterte Bein, vom
Erhärten dieses Yer-
Fuß angefangen bis zu der tir ^ faUg n0 ch
letzungsstelle, eingegipst. . ‘ ül)en will, den distalen
einen leichten extedierenden i r. j Bo , r( ,„ spannen
SSSfÄÄ»
"« tÄ'25 -SV'”;», m.igll.hei. Konihin»-
tionen^fri Zertrümmerung im oberen drittel de^^ ordi^
arms nalie dem Ellbogcngeleiike "" *"/ n-estrecklem Arm
starken Dislokation ad axim di* Blockt. - .. , un d
um das Ellbogengelenk an dessen "jcdmlim A (1( , r '^smidcn Hand die
SÄ« - Stirn verletzten Arme die ihm bequernste
Eagerimg zmeü werden lassen zu louinmi. ^^ ^^ sowie den Ver¬
bund* e,sei mh^ als eine große Erleichterung,
bandwechsel voUküInm( . n zersplitterten Hdbogmige enke
mußten alle meist losen verjauchten
werden, sodaß das operative Ergebnis eine u e/.u v . ^
Ellbogcnresektion gle.chkam. Auch in ta» ra . rp( . h ,_
ein »eiipste Drainstucke miteinander verbunden le erras. henrt
sebneü reinigte siel, die Wunde, heilte ? u » ^Wotte"
vo »komme,,bewegliches,. dabei aber
gelenk. Der Patient ist inrntunle. den Arn ™1 lk «mm
Um das' Einfließen von Wumlsckret unter den Gips-
verband nach Möglichkeit zu verhüten, wird >' le Watte a
zirka Handbreite vor dem beabsichtigten Abschluß des O.ps-
vertandes durch Bestreichen der Haut „nt Klebemasse auf¬
geleimt. sterilen Bauehoporationen
Die Klebemasse, d e he allen mkpit ,,Usiehten
und vielen sonstigen Vtrlunhn • ^1^ un( , sid , trotl ,l c r
venet.^gesetzt wird. ^ Verl)ände: 1 . Leichter Verband¬
wechsel. Sch<mung der Haut, da Wundsekret nicht so leicht
unter dem Gipsverband fließen und dort maeerierend und reizend
wirken k J''"’ Kranke kann sdbst an dem als Handgriff dienenden
Bügel sein Glied leicht bewegen und in die ihm am angenehmsten
erscheinende Lage bringen. Ebenso leicht kann das Glied am
Bügel^su^endmrt^werd sn^ ^ jgt Mg auf eine gew j S8e Ent-
i) Siehe Abb. -• Zertrümmerung der Patella. Breite Eröffnung
der Eitertaschen nach oben, unten und der andern Seite.
fernung ringsherum frei und sichtbar daher leicht zu kontrolliere,,
was bei den in Rede stehenden Verletzungen wo sieh auch nach
eventuell vorgenommenem Debridement leicht neue Fistelginge
Ode? Äbscesse infolge Knochensequester bilden, von großem Wert
?st da solche frühzeitig gespalten, eventuell ausgekratzt werden
l.^va.io i niinp don Verband abnehmen zu müssen.
° 5.’ Leichter und schmerzloser Transport des Verletzten.
6 Größere Reinlichkeit.
7 Es besteht die Möglichkeit, das verwendete Material,
gerade weil es nicht rostender, verzinkter Eisendraht ist, immer
wieder zu verwenden, daher auch billig. . n . ,.
8. Man kann diese Drahtvorrichtung auch als Gipsschiene
benutzen.^ die sich mir namentlich bei unkomplizierten
Unterschenkclbrüchen schon seit Jahren bewährt hat und die
gerade 0 jetzt zeitgemäß sein dürfte, möchte ich empfehlen.
Äuge
iS
nr
: ir
: i?
Abb. 2. . . aU f und
Knoten, reiht nun auf jedes Rctochn.trendy
schiebt, es bis zum Knoten vor. Nun w i,L n kel die der Gips?® 1 . (
Fuß angefangen bis zu der Stele am ebe^ zur stelle ^
erreichen soll, gut eingefettet (Vaselin, Oe Auch d* W
mit besonderer Berücksichtigung der Knöchel^ Drain§ armierte R
rohre werden gut eingefettet. Kun wird die und die K
schnür um die Knöchelgegend des Ul J^ r ^ { ^ t angezogen, sodaß
Enden der Rebschnur einmal geknotet und n f ^ ote J pleiten.
Drainrohre gut gegen den zuerst gebildeten K t zum andeni
Das eine Drainrohr kommt von einem K ^ z „ liegen.
über dem Fußrist, das andere über der Achiü ^ ^ einh ak •
Man kann nun in die gebildete Schlinge f re i e n Reh?ehn
auf der andern Seite auch auf zirka 30 cm a
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11. April,
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15.
423
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Bütakik;
A all
fl m'ijfrk
•in is:
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enden verknüpfen und daran den Zug ausüben. Es wird nun ohne
Rücksicht auf das Drainrohr Fuß, Ferse und Unterschenkel mit ge¬
leimter Watte gepolstert, die Watte mit einer Mullbinde fixiert
und nun der Gipsverband von den Zehen angefangen bis zur
Mitte des Oberschenkels angelegt und unter fortwährendem Zuge
der Gipsverband zum Erhärten gebracht. Ist der Gips verband er¬
härtet, so knotet man die Rebschnur der einen Knöchelseite auf
daß zur Extension ein Flaschenzug und zur Benutzung der Zug¬
kraft eine, wenn auch primitive, sogenannte Mondwage verwendet
wurde. Dies ändert aber gar nichts am Prinzip, und gerade die Ein¬
fachheit, die Möglichkeit, in beliebiger Art Extension und Kontra¬
extension vorzunehmen, ermöglicht die vielseitige Anwendung. Ob
man in einer Privatwohnung ist oder auf freiem Felde und hier den
Gipsverband anzulegen hat, überall wird sich die Gelegenheit
finden, auf die eine oder andere Art eine Beckenstütze zu
bilden, um die Kontraextension ausüben zu können.
Man kann diese Verbände ohne Narkose ausführen,
doch findet man häufig Kranke, die sich lieber narkotisieren
lassen wollen, und da genügt eine kurze Rauschnarkose,
Chloräthylnarkose, eventuell auch Novocaininjektion, voll¬
kommen. In der Spitalsbehandlung wurde hiervon meist aus¬
giebiger Gebrauch gemacht und ist dieselbe sehr zu emp¬
fehlen, weil man ja auch schon durch die eintretende Er¬
schlaffung der Muskulatur, namentlich bei der Aethernarkose
mit W a n d scher Maske, viel leichter und angenehmer ar¬
beiten kann und dem Patienten Schmerzen erspart.
Als Vorteile können zusammenfassend angeführt
werden: 1. Es läßt sich ein gutsitzender Verband auch ohne
jede geschulte Assistenz ausführen.
2 . Man kann den Bruch einrichten, mittels Zentimeter
nachmessen und in vollkommen korrigierter Stellung ein¬
gipsen.
3. Eine Polsterung der frakturierten Stelle ist bei
frischen Verletzungen meist nicht erforderlich, es liegt daher
der Gipsverband exakt an. Freilich wird man dann beim
Abschneiden des Gipsverbandes die Tibiakante vermeiden müssen,
wenn man nicht Hautabschürfungen verursachen will. Dies sollte
ja übrigens bei jeder Verbandabnahme berücksichtigt werden.
4. Man hat es gerade bei den so häufigen Knöehelfrakturen
in der Hand, die richtige Stellung des Fußes herbeizuführen.
5. Die nötigen Behelfe sind überall leicht zu beschaffen und
können keinen Schaden zufügen.
Abb. 3.
und zieht die Rebschnur an der Schlinge heraus. Mit Leichtigkeit
können die Drainrohre mit einer Kornzange herausgeholt werden.
Ein Einschneiden und Drucknekrose an den Stellen, wo die
Drains liegen, ist bei einer Belastung von über 50 kg nicht zu
befürchten. Ich habe diese Verbände nun schon seit einer Reihe
von Jahren so oft ausgeführt, daß ich sie ohne Bedenken emp¬
fehlen kann. Es ist ja wohl selbstverständlich, daß diese primi¬
tivste Einrichtung im Spitalbetriebe sich etwas anders gestaltete,
jjjy Pi
i rUK
5-
Umfrage
über die
sympathische Ophthalmie im Zusammenhänge mit den Kriegsverletzungen des Auges.
Wir wiederholen die Fragen: (Schluß aus Nr. 13 und 14.) 1 * * * * * 7
1. Welche Kriegsverletzungen des Auges halten Sie für geeignet, sympathische Ophthalmie hervorzurufen?
2. Bei welchen Zuständen halten Sie das gesunde Auge für gefährdet und die Entfernung des verletzten für angezeigt?
3. Wie lange Zeit nach der Verletzung glauben Sie ohne Risiko , wie auch immer der Zustand ist, mit der Enucleation
warten zu können?
4. Worin erblicken Sie am nichtverletzten Auge die Zeichen einer drohenden sympathischen Ophthalmie?
5. Worin erblicken Sie die ersten Zeichen einer ausgebrochenen sympathischen Ophthalmie?
6. Halten Sie die Enucleation des verletzten Auges noch für angebracht, wenn bereits sympathische Ophthalmie besteht?
?. Wie behandeln Sie die sympathische Ophthalmie?
8. Haben Sie Beobachtungen gemacht, welche für die Frage der Aetiologig der sympathischen Ophthalmie verwertet werden
können?
Wir geben im folgenden in gewohnter Weise die Antworten, nach dem zeitlichen Eingänge geordnet, wieder:
I Geheimrat Prof. Dr. Sattler, Universitäts-Augenklinik, Leipzig.
1. Nur solche Verletzungen, die eine Perforation der
•Augapfelwand hervorrufen, besonders Granatsplitter, sowohl wenn
''T Fremdkörper in der Wunde stecken bleibt oder gleich entfernt
als auch wenn er in das Innere des Auges dringt und dort
verbleibt oder (etwa mit Hilfe eineä starken Magneten) entfernt
w errfen kann. Findet die Heilung oder Einheilung völlig
^eptisch statt, so ist die Gefahr der sympathischen Ophtha I-
ziemlich sicher auszuschließen. Ebenso bei akuter Vereiterung
des Auges (Panophthalmie).
7 Wenn die Verletzung von einer auf den Uvealtraktus sieh
Reitenden, mehr oder weniger schleichenden Entzündung ge-
.^ er ?^ e die wenig stürmischen Entzündungen des Uveal-
rdktus > die nicht mit eiteriger Exsudation einhergehen, sondern
f 1!ir zu geringer Fibrinausscheidung in der Kammer und im Pupillar-
'»rfa ?. n< * zu me ^ r °^ er weniger reichlicher Präcipitatbildung
der hinteren Hornhautwand führen, sowie zu diffuser Glas-
.^ertrübung, sind am gefährlichsten; ganz besonders, wenn man
r i mit ( ^ er (hinokulären) Lupe überzeugen kann, daß die Iris be-
''geschwellt ist und ihr Gewebe ein eigentümlich schwammiges
Ansehen annimmt.
3. Wenn die oben angeführten Zeichen deutlich ausgeprägt
sind und das Sehvermögen schon stark herabgesetzt ist, soll s o -
fort enucleiert werden. Unter keinen Umständen darf man
warten, bis am nicht verletzten Auge die ersten Erscheinungen der
sympathischen Entzündungen auftreten. Sind die nach der Ver¬
letzung folgenden Veränderungen der Art, daß, wie oben aus¬
geführt, die Befürchtung für das Auftreten einer sympathischen
Ophthalmie einigermaßen begründet erscheint, und ist eine Wieder¬
herstellung eines einigermaßen brauchbaren Sehvermögens am ver¬
letzten Auge nicht zu erwarten, so soll am besten innerhalb
der zweiten Woche nach der Verletzung enu¬
cleiert werden.
4. Im Auftreten einer leichten Ciliarinjektion und feiner
punktförmiger Beschläge an der hinteren Hornhautwand. Gewöhn¬
lich kommt es auch schon frühzeitig zu Verklebungen des Pupillar-
randes mit der vorderen Linsenkapselfläche und bekommt die
Iris ein etwas trübes, verwaschenes Aussehen. DamSchmerzen
nicht vorhanden sind und manchmal in diesem Stadium das Seh¬
vermögen noch wenig gestört ist, so können die ersten Anzeichen
leicht übersehen werden, wenn nicht der Arzt, eingedenk der Mög¬
lichkeit des Auftretens einer sympathischen Ophthalmie in solchen
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UMIVERSITY OF IOWA
424 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15. 11. April,
Fällen, das nicht vorletzte Auge sorgfältig kontrolliert. Manchmal
sieht, man, solange die Medien noch klar sind, eine leichte Schwel¬
lung“ des Sehnerveneintritts.
5. Boi Nummer 4 bereits beantwortet; denn andere
drohende Symptome der ausbrechenden sympathischen
Ophthalmie als die ersten objektiven Symptome gibt es nicht.
Trägheit der Pupillenreaktion und Beschränkung der Akkomoda¬
tion, die von manchen als drohende Zeichen angeführt werden,
sind durchaus nicht immer vorhanden und dürften wohl meist der
Beobachtung entgehen.
6 . Unbedingt ja, falls nicht das verletzte Auge noch ein leid¬
lich gutes Sehvermögen besitzt und zur Zeit des Ausbruchs der
sympathischen Ophthalmie die Erscheinungen am verletzten Auge
der Art sind, daß ein baldiger Ablauf der Entzündung* hier zu er¬
warten ist. Es sind mir Fälle bekannt, in denen das sympathisch j
erkrankte Auge unaufhaltsam zugrunde ging, das verletzte aber ,
nach Ausführung einer geeigneten Operation recht gut brauchbar
wurde.
7. Ein Specifieum besitzen wir leider nicht, da wir das er¬
regende Agens noch nicht sicher kennen. Früher hatte ich Calomel
innerlich und Hg-Einreibungen, wie bei der regelrechten Schmier¬
kur, angewendet, in letzterer Zeit größere Dosen von Benzosalin
innerlich oder Apyron zu subkutaner Injektion. Salvarsan, das auch
empfohlen w'orden ist, habe ich nicht versucht. Ich habe bei den ver¬
schiedenen Mitteln bei konsecjuenter Durchführung günstige, ja
manchmal überraschende Erfolge, aber auch Fehlschläge gesehen.
Operative Eingriffe soll man verschieben, bis ein gewisser Still¬
stand eingetreten ist, falls nicht etwa dringende Indikationen ein
früheres Eingreifen erfordern.
8 . Klinische Beobachtungen in dieser Beziehung stehen mir
nicht zur Verfügung. In ätiologischer Beziehung wegen der Frage
einer anaphylaktischen Genese wäre es wichtig, darauf zu achten,
ob bei Kontusionen des Auges ohne Kontinuitätstrennung der
Bulbuswand, z. B. bei Orbitalschüssen, wo im hinteren Abschnitt
Rupturen der Aderhaut und starke Pigmentlockerung und -ver- .
S prengung zustande kommen und eine antigene Resorption von
Uvealgewebe und besonders von Elementen des Pigmentepithels er¬
folgen könnte, etwa eine sympathische Ophthalmie auftreten
würde. Mir persönlich scheint dies allerdings w*enig walir-
scheinlich.
Dr. Oskar Fehr, Rudolf-Virchow^-Krankenhaus, Berlin:
1. Wie in Friedenszeiten alle perforierenden Bulbusver-
h tzungen, die nicht zur Vereiterung des Auges, sondern zu schlei¬
chender Iridocyclitis führen; vor allem die Verletzungen der Ciliar-
körpergegend oder solche mit eingedrungenem Fremdkörper. Aus
diesem Grunde sind die Kriegsverletzungen besonders gefährlich,
bei denen so häufig kleine Fremdkörper, die durch aufprallende
Geschosse in Bewegung gesetzt worden sind, oder feinste Granat¬
splitter, die nicht aus Eisen bestehen, also nicht extrahiert werden
können, ins Auge dringen. Ich habe eine ganze Reihe von Sol¬
datenaugen enucleiert, die mehrere sehr feine Mctallsplitter ent¬
hielten, auf die der Magnet keine Einwirkung batte. !
2. Bei ausgesprochener Iridocyclitis, die sich kenntlich macht
durch andauernde Reizung, Druckempfindlichkeit, Descemet¬
beschläge, Irisverfärbung, Glaskörperexsudate und hochgradige
Herabsetzung der Sehkraft. Je schlechter die Sehkraft, um so
bedrohlicher der Zustand.
3. 14 Tage nach der Verletzung kann ohne Gefahr immer ge¬
wartet werden. Der Patient soll sich in dieser Zeit selbst von der
Notwendigkeit der Entfernung des Auges überzeugen und später
nicht den Gedanken aufkommen lassen, daß vielleicht übereilt vor¬
gegangen ist.
4. Das eben ist das Heimtückische an der Krankheit, daß
diese fehlen.
5. Ciliare Injektion, Descemetbeschläge, träge Pupillen¬
reaktion und manchmal Neuritis optica.
6 . Nur dann nicht, wenn die sympathische Ophthalmie schon
vorgeschritten ist und das verletzte Auge noch brauchbare Seh¬
kraft besitzt. . . . „
7. Dunkelkur, reichliche Atropmeinträuflung, da die Nei¬
gung zur Pupillenverengerung und Anwachsung sehr groß ist. heiße
Umschläge, Quecksilber- und Salvarsankuren. Alle Operationen
sind vor Ablauf des Prozesses, also vor etwa einem Jahre, mög¬
lichst zu vermeiden.
8 . Nein. Auffallend nur war mir stets die große Ärmlich¬
keit des klinischen Bildes mit der Tuberkulose. Die Annahme,
daß vom verletzten Auge aus eine Reizübertragung stattfimlet.
die dazu führt, daß im Blute kreisende Keime in der Uvea sich
ansiedeln oder Toxine dort ihre schädigende Wirkung entfalten,
hat daher für mich etwas Verlockendes. Fordert doch auch
E I s e h n i g J s Theorie von der sympathischen Ophthalmie ah
anaphylaktische Erkrankung, wenn auch in anderm Sinne, eine
Erkrankung des Gesamtorganismus.
Prof. Dr. Stock, Universitäts-Augenklinik, Jena.
1. Perforierende Bulbusverletzungen, wenn sieh an die Ver¬
letzung eine Entzündung chronischer Natur anschließt.
2. Wenn das kranke Auge vollständig blind ist, halte ich
eine Entfernung eines solchen gefährlichen Stumpfes immer
für gut. Ich habe jedenfalls einen ganz geschrumpften Stumpf
herausgenommen, der nach dem anatomischen Befunde arm-
pathiegefährlich w*ar, ebenso bei einem Falle von perforierender
Scleraverletzung.
3. Gar keine — sofort enueleieren.
4. a) Sympathische Reizung.
b) Akkonimodationsparese.
c) Iridocyclitis.
5. cf. 4. b und c.
6. Ja.
7. Mit hohen Dosen von Salicvl. Im übrigen je nach dem
Fall.
8. Das ist nicht so ohne weiteres zu beantworten.
Prof, Dr. Salzmann, Universitäts-Augenklinik, Graz:
1. Ich habe bis jetzt keinen Fall von sympathischer
Ophthalmie nach Kriegsverletzung gesehen; daher muß ich sagen,
hinsichtlich der Kriegsverletzungen gelten dieselben Grundsätze
für Diagnose und Therapie wie für die Verletzungen im Frieden.
Die sympathische Ophthalmie ist eine Krankheit sui generis, welche
jede Art von Verletzung komplizieren kann, mit Ausnahme der
echten, eitrigen Panophthalmitis.
2. In allen Fällen, wo dauernde Reizzustände Zurückbleiben,
wo keine völlige Ausheilung mit Wiederherstellung der Funktion
erfolgt, insbesondere in jenen Fällen wo Schrumpfung eintritt (mit
Ausnahme der völligen Vereiterung des Augapfels: Panophthalmitis
mit Vortreibung und Durchbruch des Eiters).
3. Sobald das gesunde Auge für gefährdet erachtet wird, ist
die Enueleation vorzunehmen — die Patienten sorgen schon selber
dafür, daß der Zeitpunkt der Enueleation hinausgeschoben werden
muß.
4. Es gibt keine sicheren Zeichen der drohenden sym¬
pathischen Ophthalmie. Allenfalls Einschränkung der Akkommo¬
dationsbreite. Ciliarinjektion.
5. Präcipitate.
6. Wenn das verletzte Auge noch Sehvermögen besitzt, ist
Enueleation nicht angezeigt, sonst ja.
7. Symptomatisch, eventuell Hg-Kur, hohe Dosen von Na¬
trium salicvl.
8. Nein.
Prof. Dr. C. Adam, Berlin:
1. Perforierende Verletzungen, die zu einer Entzündung (F
verletzten Auges führen.
2. Besonders gefährlich sind diejenigen Augen, bei denen
die Verletzungsstelle in der Nähe der Corpus ciliare liegt, die eine
eingezogene Narbe an der Verletzungsstelle zeigen und bei denen
sich ein Fremdkörper im Auge befindet.
3. Höchstens 14 Tage.
4. 1. In der Abnahme der Akkommodationsfähigkeit de| nie j
verletzten Auges, das heißt einer Erschwerung des Lesens. ‘-. An ¬
treten von Lichtscheu und einem feinen rosaroten Ringe (ci ja
Injektion) um die Hornhaut herum. 3. Auftreten von Präcipita •
das heißt minimal kleinen (Lupe!) rundlichen Niederschlagen *
der Rückseite der Hornhaut. . n
5. Auftreten einer Verfärbung der Iris, Synechien, kurz i
Zeichen einer Iridocyclitis. „ a
6. Wenn das verletzte Auge erblindet ist: ja; wenn ef
Sehvermögen zeigt: nein. . . : n
7. Wie eine Iridocyclitis anderer Aetiologie: -
Wärme, später eventuell Iridektomie, eventuell Sehmierkur.
Im übrigen verweise auf „Adam Taschenbuch der. e
heilkunde“ und „Adam Augenverletzungen im Kriege .
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UMIVERSITY OF IOWA
11. April.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15.
425
Abhandlungen.
Aus dem Pharmakologischen Institut der Universität Bonn
(Direktor Geh.-Rat Prof. Dr. H. Leo).
Zur Anwendung des synthetischen Camphers
von
Prof. Dr. C. Bachem.
Die Ausfuhr des aus Cinnainomuin Camphora gewonne¬
nen Laurineeneamphers, auch Rechts-Campher genannt, aus
Japan und einigen andern Inseln des ostasiatischen Archipels
ist eine recht beträchtliche. Die Menge schwankt natürlich
nach der jeweiligen Ernte, immerhin beträgt die Gesamt-
‘uisfuhr etwa 12 bis 15 Millionen M jährlich; hiervon wandert
bis ! / m nach Deutschland: ebensoviel oder noch mehr geht
nach Britiseh-Indien, Frankreich, Nordamerika und neuer-
dings nach England. In Japan befassen sich etwa 3000 Be¬
triebe mit der Verarbeitung von Campher; die japanische
Regierung hat den Campherhandel seit einer Reihe von
Jahren monopolisiert.
Der weitaus größte Teil der in Deutschland einge-
fiihrten Menge (1,5 Millionen Kilogramm) Campher wird für
die einheimische Celluloidfabrikation gebraucht, der Rest zur
Bereitung des rauchlosen Pulvers und in der Medizin.
Bei der gegenwärtigen Kriegslage ist nun damit zu
rechnen, daß nicht nur keine weitere Einfuhr aus Japan nach
Ik'uOchland stattfindet, sondern, daß die vorhandenen Lager-
besiämle unserer Groß-Drogenhandlungen bald erschöpft sein
werden, oder daß sämtliche Vorräte von der Militärverwaltung
mit Beschlag belegt werden.
Es war nun naheliegend, daß man an Stelle des natür¬
lichen (japanischen) Camphers den seit etwa zwölf Jahren im
Handel befindlichen synthetischen Campher als Ersatz des
frsteren in Betracht zog. Auf Veranlassung des Ministeriums
des Innern hat die Königliche wissenschaftliche Deputation
für Medizinal wesen am 7. Oktober vorigen Jahres dem ge¬
nannten Ministerium ein Gutachten ausgefertigt, das sich mit
der Frage des Ersatzes durch synthetischen Campher zu Heil¬
zwecken beschäftigt. Der Kernpunkt dieses Gutachtens liegt
darin, daß der synthetische Campher zu äußerlicher An¬
wendung geeignet erscheine, daß dagegen der innerliche Ge-
l»nuuh von einer eingehenden Prüfung am Krankenbett ab¬
hängig gemacht werden müsse.
Der synthetische Campher wird gewonnen aus
Terpentinöl beziehungsweise dem darin enthaltenen
Piaen; dieses wird mit Hilfe organischer Säuren (Oxalsäure,
Salizylsäure) in Bomeol oder Isobomeol (C 10 H 17 OH) ver¬
wandelt und weiter durch Oxydation in Campher (C 10 H lß O)
iil»ergeführt. In seinen physikalischen und chemischen Eigen-
scliaft-en stimmt der synthetische mit dem natürlichen überein
bis auf den Unterschied im optischen Drehlings vermögen: das
Naturprodukt ist stark rechtsdrehend, während der
synthetische optisch inaktiv ist. Zur Identi¬
fizierung der beiden Arten kann außerdem folgende Probe
dienen: Natürlicher Campher färbt sich mit Vanillinsalzsäure
ö Lan.; 100 Salzsäure) beim Erwärmen auf 60 bis 100 0 blau
oder hlaugrün; synthetischer Campher gibt dagegen weder in
Jer Kälte noch in der Wärme diese Reaktion *).
Der synthetische Campher ist billiger als der natürliche;
1 kg des ersteren kostet zu Friedenszeiten etwa 4 M, der
natürliche 4 bis 8 bis 10 M je nach der Ernte und den Aus-
u iVerhältnissen; zurzeit (Anfang März) kostet in pharma¬
zeutisch-chemischen Großhandlungen 1 kg synthetischer
nmpher 6 M, 1 kg natürlicher Campher zirka 8 M; von einem
'oertrieben hohem Preise kann also noch keine Rede sein.
* ist jedoch die Befürchtung nicht unberechtigt, daß bei den
J- zigen schwierigen Verkehrsverhältnissen kein oder nur
) HagersHandbuch d. pharmaz. Praxis (Berlin 1908), Bd.3,S.156.
wenig Terpentinöl nach Deutschland eingeführt wird, sodaß
vielleicht auch die Herstellung des künstlichen Produkts auf
Schwierigkeiten stoßen kann, falls der Krieg länger andauert.
Pharmakologische Untersuchungen über
den synthetischen, optisch inaktiven (razemischen) Campher
liegen nur ganz vereinzelt vor. Die ersten diesbezüglichen
Untersuchungen stammen von Langgaard und Maaß 1 ),
Sie prüften dabei nicht nur den Rechts- und den razemischen
Campher, sondern auch den Links-Campher. Am normalen
Froschherzen konnten sie — wie das bereits ältere Autoren
für den Rechts-Campher konstatiert hatten — bei keiner der
drei Campherarten eine Steigerung der Herztätigkeit fest¬
stellen; wohl war eine solche erregende Wirkung an dem mit
Chloralhydrat vergifteten Froschherzen nach Aufträufelung
einer wässerigen Lösung bei allen drei Campherarten zu
beobachten. Ein nennenswerter Unterschied zwischen dem
Rechts- und dem razemischen Campher ergab sich dabei nicht.
Bei allen drei Campherarten war sodann eine starke Erregung
des Centralnervensystems festzustellen, die sich nach großen
Gaben in starken, mit Trismus beginnenden Krämpfen
äußerte. Hierbei wollen die genannten Autoren allerdings
einen Unterschied insofern festgestellt haben, als der Links-
Campher am stärksten wirkt, am schwächsten der Rechts-
Campher; zwischen beiden steht der synthetische Campher.
Sassen 2 ) konnte diese Beobachtungen allerdings nicht be¬
stätigen. Langgaard und Maaß fanden den Einfluß auf
die Atmung in der gleichen Art bei den drei Campherarten
abgestuft wie bei der Herzwirkung: stets war eine Steigerung
der Atemfrequenz und des Volumens zu erkennen.
Hämäläinen 3 ) hat ebenfalls vergleichende Unter¬
suchungen mit den verschiedenen Campherarten am Frosch¬
herzen angestellt und kommt auch zu dem Ergebnisse, daß
der Chloralstillstand am Froschherzen durch Rechts- und
razemischen Campher aufgehoben werden kann, nicht dagegen
durch Links-Campher.
Weitere Autoren, die sich mit der medizinischen be¬
ziehungsweise pharmakologischen Seite des synthetischen
(razemischen) Camphers befassen, sind mir nicht bekannt 4 );
offenbar hat man der Frage nach dem Ersatz des natürlichen
durch den synthetischen Campher in der Medizin in den
letzten Jahren zu wenig Wert heigelegt, da man anscheinend
mit einem Aufhören der Camphereinfuhr aus Japan nie ge¬
rechnet hat.
Ich habe nun selbst, als die Frage des Campherersatzes
aktuell wurde, eine Reihe von Tierversuchen ange¬
stellt, über deren Verlauf ich kürzlich in der „Niederrheini¬
schen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde“ hierselbst be¬
richtet habe 5 ). Das Ergebnis ist in Kürze folgendes:
Am ehloralisierten Froschherzen zeigte sich kein Unter¬
schied in der Wirkung der beiden Campherarten, das heißt, es
wurde das durch Chloralhydrat zum Stillstand gebrachte Herz
in gleicher Weise wieder zum Schlagen gebracht. Das
Resultat stimmt also mit dem der zitierten Autoren überein.
Eine höhere Giftigkeit als dem Japancampher scheint
dem synthetischen nicht zuzukommen, da Kaninchen Gaben
von 1,5 g pro kg vertragen; es zeigten sich in gleicher Weise
und etwa in der gleichen Stärke Krämpfe (Trismus, Opistho¬
tonus), die aber meist ohne Schaden vorübergingen.
Weiterhin wurde die erregende Wirkung auf nar¬
kotisierte Tiere (Kaninchen) geprüft und mit der
Wirkung des natürlichen Camphers verglichen. In diesen
und den folgenden Versuchen (intravenöse Injektionen) diente
D Langgaard und Maaß, Ther. Mh., 1907, S. 573.
*) Sassen, Inaug. Dissert., Bern, 1909.
*) Hämäläinen, Skandin. Areh. f. Physiol., 1909, Bd. 21, S. 64.
*) Ueber die bei Langgaard und Maaß erwähnten Versuche
von G r a w i t z am Menschen wird später die Rede sein.
*) Referiert M. Kl. 1915, S. 176.
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426
1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15.
11. April.
mir eine wäßrige Canipherlösung, und zwar die von Leo ’)
angegebene in R i n g e r scher Lösung gesättigte Lösung des
Campher». Die benutzten Lösungen waren annähernd gleicher
Konzentration, für den Japancampher 1 : 560 und für den
synthetischen Campher 1 :580 (die geringe Differenz ist für
unsere Versuche, was die Dosierung angeht, praktisch belang¬
los, daher wurde zum Vergleich der beiden stets das gleiche
Volumen eingespritzt.).
Mittelschwere Kaninchen, die durch 0,6 bis 0,5 g Isopral
per os innerhalb, weniger Minuten in tiefen Schlaf versetzt
wurden, erwachten regelmäßig, wenn ihnen 20 ccm der ge¬
nannten Lösung (annähernd 0,085 g Campher) in die Ohrvene
injiziert wurden; die Tiere wurden munter und versuchten
Kriechbewegungen, allerdings verfielen sie schon nach sehr
kurzer Zeit wieder in den tiefen Isopralschlaf, aus dem sie
durch eine erneute Campherinjektion erweckt werden
konnten. Ein Unterschied in der erregenden
Wirkung der beiden Camp herarten ließ sich
nicht feststellen; beide waren von gleicher
W i r k u n g s i n t e n s i t ä t. Aehnliche Resultate mit andern
Schlafmitteln hat auch Isaak 2 ) für den Japancampher er¬
halten.
Von Interesse ist sodann das Verhalten der A t m u n g
nach synthetischem Campher im Vergleiche zu natürlichem.
War schon bei den eben erwähnten Versuchen bei den mit
Isopral narkotisierten Tieren auf den ersten Blick eine Er¬
regung der Atmung sowohl an Tiefe als an Frequenz wahr¬
zunehmen, so wird dieses Verhalten besonders deutlich bei
genauen Messungen an der Gasuhr:
Kaninchen, deren Atomeentrum durch intravenöse Morphium-
injektionen gelähmt war, erhielten beide Arten Campher in wäßriger
Lösung (auf 85° erwärmt] in die Jugularwne eingespritzt. Von den
Versuchsprotokollen seien nur zwei hier angeführt:
Kaninchen (2700 g).
10,35 Uhr, Atemgröße in fünf Minuten 3 ) 2800 ccm, Atemzüge pro
Minute 40,
.10.89 Uhr, 0,015 Morphium, danach fast Apnoe,
10,48 Uhr, Atemgröße in fünf Minuten 700 ecm, Atemzüge' pro
Minute 7 bis 8.
10.40 Uhr. 10 ccm synthetischer Campher intravenös: bald
darauf krampfartige Zuckungen, die nach ein bis zwei
Minuten aufhören.
10.50 Uhr, Atemgröße in fünf Minuten 2420 com, Atemzüge pro
Minute 10,
11,00 Uhr, Atemgröße in fünf Minuten 2540 ccm. Atemzüge pro
Minute 18.
11,10 Uhr, Atomgröße in fünf Minuten 2000 ccm. Atemzüge pro
Minute 15,
11,55 Uhr, Atemgröße in fünf Minuten 2040 ccm, Atemzüge pro
Minute 16,
12,00 Uhr, 10 ccm Japancampherlösung; danach keine Krämpfe,
12,05 Uhr. Atemgröße in fünf Minuten 2140 ccm, Atemzüge pro
Minute 20.
12.18 Uhr, Atemgröße in fünf Minuten 2500 ccm, Atemzüge pro
Minute 21.
Kaninchen (2800 g).
10.80 Uhr. Atemgröße in fünf Minuten 2020 ccm, Atemzüge pro
Minute 82.
10.39 Uhr, 0.01 g Morphium,
10.41 Uhr, Atemgröße in fünf Minuten 1280 ecm. Atemzüge pro
Minute 15,
10.45 Uhr, 10 ccm Japancampherlösung; keine Krämpfe.
10*47 Uhr, Atem grüße in fünf Minuten 1420 ccm, Atemzüge pro
Minute 24,
10.50 Uhr, 10 ccm synthetische Canipherlösung. Zuckungen,
nach deren Aufhören:
10.53 Uhr. Atemgröße in fünf Minuten 2120 ecm, Atemzüge pro
Minute 24,
11.00 Uhr. Atemgröße in fünf Minuten 2900 ecm, Atemzüge pro
3!inute 27,
1104 Uhr, 0.01 g Morphium,
11.06 Uhr, Atemgröße in fünf Minuten 2460 ccm, Atemzüge pro
Minute 18,
11,09 Uhr, 0,01 g Morphium,
U Leo B in. W. 1913, 8. 591, und M. m. W. 1913. S. 2397.
*j Isaak, Pflüg. Areh. 1913, Bd. 153. S. 491.
•/’) res5 p. auf fünf Minuten berechnet, stets Mittel aus fünf bis
zehn Ablesungen.
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11,11 Uhr, Atemgröße in fünf Minuten 2160 ccm, Atemzüge uro
Minute 17,
11,17 Uhr, Atemgröße in fünf Minuten 2070 ccm, Atemzüge pro
Minute 17,
11.25 Uhr, 10 ecm synthetische Campherlosung,
11.26 Uhr, Atemgröße in fünf Minuten 3000 ccm, Atemzüge pro
Minute 26,
11,30 Uhr, Atemgröße in fünf Minuten 3200 ccm, Atemzüge pro
Minute 27.
Andere Versuche dieser Art verliefen in ähnlicher
Weise, in einigen Fällen war die Wirkungsstärke beider
Campherarten ziemlich gleich, nur selten schien es, als ob der
natürliche dem künstlichen überlegen wäre. Jedenfalls läßt
sich aus dem Gesamtresultat dieser Versuchsreihe der Schluß
ziehen, daß auch der synthetische Campher — oft noch er-
heblicherals der natürliche — die Atmung mäch¬
tig anregt, und zwar sowohl die Atemgröße wie auch die
Atemfrequenz.
Endlich wurden auch einige Versuche, die uns über das?
Verhalten des Blutdrucks nach den beiden Campherarten in¬
formieren, angestellt, doch war hier das Resultat kein ein¬
deutiges. Kaninchen wuirde eine größere Menge Chloral-
hydrat subcutan injiziert, wonach der Blutdruck erheblich ab¬
sank; wurde in diesem Zustande Campher injiziert, so stieg
der Druck nach beiden Campherarten nur ganz vorüber¬
gehend um 10 bis 20 mm Hg, um nach 1 [ 4 bis 1 / 2 Minute
wieder abzusinken. Krämpfe traten hierbei — offenbar in¬
folge der Chlorahvirkung — nie auf.
Von Interesse wäre noch die Beantwortung der Frage,
wie sich der synthetische Campher pneumokokkeninfizierten
Tieren gegenüber verhält; leider war es mir aus äußerlichen
Gründen unmöglich, diese Frage experimentell zu prüfen.
Der Schwerpunkt der ganzen Frage gipfelt nun darin, oh
und inwieweit sich der synthetische Campher auch am
Krankenbett an Stelle des natürlichen benutzen läßt.
Was zunächst den äußerlichen Gebrauch der Droge in ihren
verschiedenen Zubereitungen angeht, so hat es bereits der
Wissenschaftlichen Deputation für Medizinalwesen in ihrem
oben erwähnten Gutachten unbedenklich geschienen, die zur
äußerlichen Anwendung bestimmten Präparate Spiritus
eamphoratus, Linimentum saponato cainphoratum, Unguentum
cerussae cainphoratum usw. mit synthetischem Campher an¬
fertigen zu lassen. Nach dieser Seite hin ist das synthetische
Produkt bereits von Kaufmann 1 ) mit Erfolg. verwandt
worden. Kauf m a n n hat in der Frankfurter Universitäts¬
hautklinik eine Anzahl Fälle von Ulcus cruris varicosÄ
Careinom des Gesichts, Schußwunden, Furunkel, vereiterten
Bubonen, gummösen Geschwüren, Uleera dura und inollia, zum
Teil mit phagedänischem Charakter, mit synthetischem
Campher äußerlich behandelt und kommt zu dem Urteil, daß
dieser dem natürlichen hierbei nicht nur ebenbürtig
ist, sondern ihn an Wirksamkeit noch übertrifft. Als
dessen weitere Vorzüge vor der natürlichen Droge nennt er
seine Reinheit, seine desodorierende Wirkung und seinen
billigen Preis.
Wie weit reichen nun unsere heutigen Erfahrungen' mit
synthetischem Campher beim innerlichen Gebräu e h.
In der erwähnten Arbeit von Langgaard und Maaß wmI
anhangsweise erwähnt, daß G r a w i t z (im Charlottenburger
Krankenhause) den synthetischen Campher an Stelle
natürlichen versucht hat. Das ganze Ergebnis dieser y r '
suche wird in den kurzen Satz zusammengefaßt: „Hierbei Im
sieh irgendein Unterschied weder bei äußerlicher, noch w
innerlicher Anwendung ergeben.“ Ich habe mir Miihe g*
geben, zu erfahren, bei welchen Erkrankungen, in welchen
Gaben der synthetische Campher innerlich oder subcutan y
gewandt worden war, ob und welche Nebenwirkungen
beobachtet, wurden, konnte aber (da G r a w i t z mzwrm n
gestorben) nirgends hierüber Bescheid erhalten. Einige * s e *
versuche, die ich anstellte, besagten mir nur, daß Gaben vo
*) K a u f m a n n , M. in. \Y. 1915, 8. 319.
Original from
UNIVERS1TY OF IOWA
11. April.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15. 427
1 g (mit etwas Zucker verrieben) ohne Beschwerden ver¬
tragen werden.
Als meine Versuche bereits zu Ende geführt waren, er¬
schien die erste rein klinische Arbeit über „Camphertherapie '
mit künstlichem Campher“ von Levy und W o 1 f f *), die in
der I. medizinischen Universitätsklinik Berlin (II i s) seit
einigen Monaten den synthetischen Campher ausschließlich an
Stelle des natürlichen verwenden. Die Indikationen waren die
bekannten: Herzschwäche aus verschiedener Ursache mit
deren Folgeerscheinungen, ferner Bronchitis, Pneumonie, I
Lungentuberkulose, die Dosierung die gleiche wie beim natür- !
liehen Präparat: es wurde meistens 0,2 bis 0,5 g, oft aber
erheblich mehr subcutan verabfolgt; doch warnen die Ver¬
fasser, über 1 g als Einzeldosis hinauszugehen, da der
synthetische Campher aus Rechts- und Links-Campher besteht
und letzterer eine etwa 13 mal größere Giftigkeit besitzt als
der natürliche.
In den angeführten Fällen war hinsichtlich Pulsfrequenz,
Atmung und Blutdruck kein Unterschied zwischen
natürlichem und synthetischem Campher
festzustellen, ja sogar die (spärlichen) Nebenwirkungen nach
größeren Dosen waren bei beiden Präparaten die gleichen
(starke Transpiration, geringe Müdigkeit). Auch hei längerem
Gebrauche, wie bei Lungentuberkulose, hat sieh der synthe¬
tische Campher den beiden Autoren ebenso wirksam und
ebenso unschädlich wie der natürliche erwiesen; insbesondere
kamen keine Nieretischädigungen zur Beobachtung.
Soweit die bisher vorliegende Literatur über die Ver¬
wendung des künstlichen Camphers am Krankenbett. Aus
ihr geht, in guter Uebereinstiminung mit den von anderen und
mir angestellten Tierversuchen deutlich hervor, daß d i e
Heilwirkung der synthetischen Droge min¬
destens die g 1 ei c h e ist wie die der natür¬
lichen. Unter den g e g e n w ä r t i g e n Z e i t v e r -
li ä 1 tnissen verdient also der synthetisch-:#
() am pher in a u s g i e b i g e r W eise zu therapeu¬
tischen Z vv e c- k e n her a n g e z o gen z u w e r d e n
a n Stelle des N a t u r p r o d u k t s 1 ).
Berichte Aber Krankheitsfälle
Weitere Beiträge zur diätetischen und medikamen¬
tösen Beeinflussung der Schwangerschaft und zur
Eklampsiebehandlung
von
Dr. Paul Rißmann,
Direktor der Hebammensehnle in Osnabrück.
•Stlmn von alters her war bekannt, daß jede Schwangor-
>chaft eine gewaltige Einwirkung auf den Gesamtkörper der Frau
ausiibt. So behauptete man, die Blutmenge der Schwangeren sei
vermehrt und die Gerinnbarkeit des Bluts erhöht. Gut bekannt
waren auch die zahlreichen krankhaften Erscheinungen von seiten
fe Magemlarmkanals, wie Sodbrennen, Aufstoßen, Speichelfluß
und anderes, und es ist deshalb schon aus diesem Grunde auf¬
fällig, daß bis auf den heutigen Tag der Ernährung der
Schwangeren so wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Das
neueste" preußische Hebammenlehrbuch z. B. sagt: „Essen kann die
Schwangere, was sie gewöhnt ist, nur schwer verdauliche Speisen
mode sie.“ Die Lehrbücher der Geburtshilfe für Aerzt-e drücken
t»! 111 demselben Sinn aus. Besonders auffallend ist aber die
<Hviehgültigkoit der Aerzte gegenüber einer Emährungstherapie
des schwangeren Zustandes seit der Zeit, wo Stoffwechselunter-
Michungen klar bewiesen hatten, daß die schwangere Frau unter
ganz andern Bedingungen ihren Körperhaushalt abzuwickeln hat
wie gewöhnlich. Wenn nicht nur der Eiweißabbau in der Schwanger¬
schaft verändert ist, sondern auch der Salzgehalt des Bluts, so lag
es eigentlich nach Bekanntwerden dieser Tatsachen nahe, durch
LiätVorschriften diese Abweichungen auszugleichen oder doch
wenigstens zu versuchen, einer schädlichen Verschlimmerung vor-
zufvugen. Nun wurden aber noch weitere Veränderungen des
■Noffwcchsels schwangerer Frauen bekannt: die fixen Säuren des
ßhd> sind auf Kosten der Kohlensäure vermehrt. Auch der Alkali-
gvhalt des Bluts zeigt interessante Veränderungen, deren Berüek-
yhrigung schon jetzt, wie wir sehen werden, für die Therapie
nützlich gewesen ist.
Aus einer Reihe von Analysen über den Alkaligehalt des
hihre ich hier nur die bemerkenswertesten Befunde an:
II Bat das gesunde Weib nach C. Schmidt 0,1903% Na und
im-S o" ^ 11111 ßhite. so fand ich bei einer gesunden Schwangeren
fr Na und (1.1716% K, also relativ weniger Na. als K. Es ist
^alirsclieiiilieh, daß der Mutter durch den Fötus Na entzogen
\ * 1,11,1 l,( ‘i gesunden Neugeborenen schwankte der Na-Gehalt
0.1877 und 0,1933%, während für K 0,1507 bis 0,1551%
IU(1: ^vvicsen wurden.
timf \v' f lI,, ‘ r F rau - <h e bei der Geburt Eklampsie hatte, fand sich
nmnu<h,n post partum für Na die hohe Zahl von 0.2263%, während
ah gewöhnlich gefunden wurde (0.1210%).
!}Levy und Wolff, Ther. d. Gogenw. 1915, S. 88.
flussim i 10 Zllr diätetischen und medikamentösen Beein-
Liiti'/j ^ tr ^ ( ‘^ wail l 5 ers( 'haft“ (Verlag von Benno Konegen in
und Behandlungsverfahren.
Es besteht also kein Zweifel, daß der
Stoffwechsel in der nor m a I e n »S c h \v a n g er¬
schaff auf die mannigfachste Weis e v e r ä n d <* r t
i s t. Daß eine völlig gesunde Frau, die ein in jeder Beziehung
hygienisch günstiges Lehen führt, sich diesen Veränderungen
akkommodieren kann, sehen wir alle Tage. Es wird aber nicht ge¬
nügend berücksichtigt, d a ß etwa zwei Drittel aller
Schwangeren deutlich erkennbare Störungen
ihres Befindens auf weisen. Teilweise sind diese
Schwangeren, die man ebensogut zu den Kranken rechnen kann
wie einen Gichtiker oder Diabetiker, von Hause aus mit invaliden
Organen behaftet. Es gibt aber noch zahlreiche andere Ursachen,
die die gewöhnlichen Stoffweehselveränderungen in der
Schwangerschaft zu einer objektiv wahrnehmbaren Störung nus-
waehsen lassen, wie stärkere Kompression der Organe der Umst¬
und Bauchhöhle, hartnäckige Stuhlverstopfung, Placentar-
erkrankungen usw. Nicht selten haben akute Krankheiten der
Mutter, wie Mandelentzündungen, Magenkatarrh mit Ikterus und
ähnliches, eine solch bedenkliche Wirkung.
Auf alle Fälle erscheint es natürlich, daß man die schwangeren
Frauen, deren veränderten Stoffwechsel wir kennen lernten, nicht
erst abwartend ohne Diät Vorschriften dahinleben läßt, bis sie
Beschwerden haben oder deutliche Krankheitszeichen darbieten.
Wie kein Arzt hei einem Gichtiker erst die Komplikationen ab-
warten wird, ehe er ein diätetisches Regime vorschreibt, so
empfehle ich auch für jede gesunde Frau nach
Eintritt der Graviditas bestimmte D i ä t Vor¬
schriften. Fleisch ist in der ganzen Schwangerschaft weniger
zu genießen, Kaffee, Tee, Alkohol, Gewürze (außer Kochsalz) sind
stark einzuschränken. Zu verbieten sind Bouillon, Fleischsäfte,
pikante Saucen und Reizmittel aller Art (Fleisch, das reich an
Extraktivstoffen und Nudein ist, Sellerie, Rettich usw.). Gemüse,
gröbere Brotsorten, Obst sollen reichlich genossen werden. Auch
ist reichlich zu trinken zur Ausschwemmung der N-haltigen
Schlacken, am besten ein Kohlensäure enthaltendes Mineralwasser.
Alle Magenüberladungen (fünf kleinere Mahlzeiten!) sind ebenso
wie Verstopfung peinlichst zu meiden. Grobe Diätfehler und
stärkere Stuhlverhaltung in der Schwangerschaft halte ich für
bedenklich.
Die Grenze zu bezeichnen, wo die in jeder Schwangerschaft
auftretenden Stoffweehseländerungen als Stoffwechsel s t ö ran¬
gen anzusehen sind, ist oft nicht leicht, hauptsächlich, weil jede
Gravidität gewisse Unbequemlichkeiten für die Frau mit sich
bringt. Tritt man aber überhaupt nur mit diesen Gedanken-
l ) Nach Fertigstellung dieser Arbeit gelangte eine kurze Notiz
von Kobert (Pharrnaz. Zentralhalle 1914, S. 1035) zu meiner Kennt¬
nis. in der Kobert sich wörtlich äußert: „Ich halte den synthetischen
das heißt aus Terpentinöl dargestellten Campher für völlig brauchbar
auch zu innerlicher, subcutaner und intravenöser Darreichung. Zu
subcutaner Darreichung ist er in Mandel-, Oliven- oder Sesamöl t : 10
zu lösen, zu intravenöser in Solutio natrii chlorati physiologiea ge-
I sättigt zu lösen. — An die giftigen Wirkungen glaube ich nicht.“
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UNIVERSITÄT OF IOWA
428
1915
MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15.
11. April.
gangen an die mannigfachen Klagen, die so häufig von Schwan¬
geren vorgebracht werden, heran, macht man chemische, mikro¬
skopische und Kochsalzbestimmungen des Harnes und Funktions-
priifungen derNieren, so wird man fast immer objektiv nachweisbar
Veränderungen der Sekrete oder gar Organveränderungen finden.
Die Lehrbücher der Geburtshilfe waren bislang bei den Initial-
Symptomen dieser S t o f f w e # h s e 1 s t ö r u n g e n , wie
blassem, gedunsenem Gesicht, allgemeiner Mattigkeit mit Herz-
bcschleunigung, Ohnmächten, Sensibilitätsveränderungen, Kopf¬
schmerzen, Magenbeschwerden verschiedenster Art und anderem,
geneigt, von „nervösen Erscheinungen" zu sprechen. Ich halte
diese Erklärung für ebensowenig richtig wie die sogenannten
placentaren Theorien, die zum mindesten einseitig und ungenügend
sind. Wertlos waren die placentaren Theorien auch für die The¬
rapie, während eine rationelle Diät, eventuell in Verbindung mit
einer medikamentösen Therapie, die besten Erfolge verbürgt.
Wenigstens möchte ich dieses nach meinen jetzigen Erfahrungen
für die aufgeführten leichteren Erkrankungen behaupten. Zwar
ist noch manches aufzuklären, auch muß man sagen, daß es für ,
die schwersten Stoffwechselerkrankungen, zu denen ich die
Eklampsie mit oder ohne Krämpfen *) rechne, wohl überhaupt
nicht möglich sein wird, eine in jedem Fall erfolgreiche Therapie
aufzufinden, ebensowenig wie die Internisten das Coma diabetieum
oder die Urämie stets überwinden können. Augenblicklich bin ich
mit Magnesiumbestimmungen des mütterlichen und kindlichen Bluts
beschäftigt, und in therapeutischer Beziehung versuche ich Organo¬
therapie, und zwar will ich jetzt Ovarienpräparate und Salze ver¬
wenden, nachdem ich von Schilddrüsentabletten (bei stärkerer
Zustande im Stiche. Das hier gebackene Kriegsbrot scheint übrigens
oft von Schwangeren gerade sehr schlecht vertragen zu werden.
Obwohl ich in letzter Zeit nur eine Eklamptische
behandelte, bei der ich wegen engen Beckens den ldassischen
Kaiserschnitt ausführte und deshalb nicht lange vor der Geburt
Zeit zu therapeutischen Versuchen hatte, so gibt dieser Fall mir
doch Veranlassung, einige pathogenetische und therapeutische Er¬
wägungen anzustellen, und ich folge damit einem von der Re¬
daktion dieser Zeitschrift ausgesprochenen Wunsche. Die Eklampsie
ist meiner Ansicht nach, ebenso wie die Urämie und das Coma
diabetieum, der Emlausgang einer wahren Stoffwechselerkrankung.
Daß die „Krämpfe meist ganz plötzlich ohne Vorboten“ auftreten,
wie leider das preußische Hebainmenlehrbuch sagt, habe ich nie¬
mals erlebt. Würden die mannigfachen Warnungssignaleder
Eklampsie in der Schwangerschaft beachtet, so würde wohl immer
der Ambrueh der Krämpfe durch eine Prophylaxe, even¬
tuell durch künstliche Frühgeburt, zu verhindern sein. Deshalb
soll, wie oben ausgeführt, jede gesunde Schwangere Diätvor¬
schriften auf erlegt bekommen. Sind objektive oder subjektive
Anzeichen einer Stoffwechselstörung vorhanden, so sind jene Vor¬
schriften zu verschärfen, und zwar entsprechend unsern jetzigen
Kenntnissen nach zwei Richtungen. Da nach unsern Alkalibestim-
mungen sowohl bei schwerer Nephritis wie bei Eklampsie Na meist
r<?tiliiert ist (0,1871 bis 0,2072 0 / o ) und zuweilen auch K, so sind
nach Ausbruch der Krämpfe die beliebten Kochsalzinfusio¬
nen (oder von Ringerscher Lösung) kontra-
indiziert. Dafür könnte man bei Eklampsie nach Magnus-
| Lev y 3—5 °/ 0 ige Mononatriumcarbonatlösungen geben, da in der
Nephritis) Erfolge nicht gesehen habe. j
Anschließend gebe ich in Kürze die Krankengeschichte j
einiger typischer Fälle von Stoffwechselstörungen in der
Schwangerschaft, die ich in den letzten Monaten nach Erscheinen
der oben zitierten Arbeit mit Diät oder mit Salzlösungen be¬
handelt habe.
1. Geringe Nephritis und Benommenheit, wahrscheinlich infolge
von Stuhlvcihaltung. Die 25 jährige Lp. wurde im vorletzten »Sehwan-
gcrschaftsmonat abends in benommenenem Zustand aufgemmnnen.
machte einen schweikranken Eindruck. Temperatur normal. Puls 100.
Die Benommenheit war nicht nur der Familie, sondern auch dem be¬
handelnden Arzte, der diohende Eklampsie diagnostiziert hatte, seit
zwei Tagen aufgefallen. Stuhlgang fohlt seit 4*/a Tagen. Der Urin
ist dunkelbraun und enthält Eiweiß in Spuren (Koch- und Sehicht-
probe). Therapie: Flüssige kaliarme Diät und sofort und an den i
beiden folgenden Tagen Kly.stiere von einem Liter, die ganz kolossale i
Mengen Stuhl herausbefördern. Schon am folgenden Abend ist Patientin
klar und verlangt aus dem Bett und am dritten Tage verläßt die Frau
auf Wunsch die Klinik. Der Urin ist zwar heller geworden, enthält j
aber noch die gleichen Eiweißmengen. Kein vegetarische Kost, Stuhl- ,
regelnng und reichliches Trinken eines alkalisch-muriatischen Sauer- j
liiigs bewirkt, daß acht Tage nach der Entlassung der Urin bernstoin- j
gi.ib ist und kein Eiweiß enthält: subjektives Wohlbefinden. j
2. Juckende Dermatosen wurden dreimal mit vegetarischer Diät
und Cale. lact. (dreimal täglich 1 g) behandelt-, und zwar zweimal
mit gutem, wenn auch langsamem Erfolge. Die Besserung pflegt nach
drei bis fünf Tagen einzutreten und nach acht Tagen völlig zu sein.
Der dritte Fall, der nach acht Tagen nur geringe Besserung zeigte,
wurde nach abermals drei Tagen geheilt durch dreimal täglich 1 g von
Natr. chlor.
Natr. bicarb.
Natr. phosphor.
Ferr. oxyd. sacch. solub. aa 3,0
Calc- phosphor. 12.0.
Rezidive kommen nach Aussetzen der Therapie vor. und wer
außerdem promptere Wirkung haben mag, wähle die von mir emp¬
fohlene intramuskuläre Injektion von 200 g Ringer scher Lösung *j
3 Sodbrennen, über das so häufig in der Schwangerschaft
"t?klagt* wird, konnte ich zweimal durch diätetische Vorschriften er¬
folgreich behandeln. Bekanntlich läßt die medicamentöse Behandlung
(Magn usta und ähnliches) meist bei diesem doch oft sehr quälenden
i\ iy l(i sogenannte Gelbsucht der Schwangeren gehört in sehr
seltenen Fällen zur Eklampsie ohne Krämpfe, recht häufig lag bei den
unter dem Namen ..Gelbsucht der Schwangeren“ veröffentlichten
Krankengeschichten gar keine- StofTweebseh rkrankung vor. sondern
wohlcharakterisierte chirurgische Erkrankungen der Gallengänge usw.
Man sollte deshalb endlich den Begriff ..Gelbsucht der Schwangere#
in den o-ehurtshilflichen Lehrbüchern ausmerzen (vgl. Ausführlicheres
in meinen Arbeiten in der Zschr. f. Geburtsh. Bd. 65 und nn Frauenarzt
Schwangerschaft- die Kohlensäure gegenüber den freien Säuren
herabgesetzt ist. Vor Ausbruch der Krämpfe oder bei Nephritis
in der Zeit, wo das Kind noch nicht lebensfähig ist, ist dem¬
entsprechend der Salzgehalt der Nahrung zu regeln. Daneben
muß, da der Reststickstoff stets vermehrt ist, eine N-arnie Kost
gereicht werden. Die E i w e i ß z u f u h r muß bei schlim¬
meren Stoffwechselstörungen in der Schwan¬
gerschaft bis unter das Eiw eiß m i nim u m b e -
s e h rank t w e r d e n. Die interne Medizin hat bewiesen, daß
hei Nephritis die N-arme Kost eine Verbesserung des Allgemein¬
befindens herbeiführen kann. Auf diese Weise wird sich wahr¬
scheinlich der Ausbruch eklamptischer Krämpfe verhüten lassen.
Sobald das Kind lebensfähig ist, wird bei allen schlimmeren Sym¬
ptomen einer bestehenden Stoffweehselstörung die künstliche Früh¬
geburt eingeleitet. Sind die eklamptischen Krämpfe ausgebrochen,
so bleibt eine möglichst schnelle Entbindung immer noch das beste.
Für die allgemeine Praxis kann man die in den
letzten Jahren wieder aufgewärmte Behand¬
lung mit Morphium und C h 1 o r a 1 auf k e i n e n Fall
rechtfertigen. Die Kinder leiden nach meinen Erfahrungen
ohne Frage, und für die Mütter sind gerade Morphium und Chloral
die am schlechtesten gewählten Narkotica. Morphium erscheint un¬
geeignet, weil es die Medulla oblongata ergreift, ehe die Wirkung
auf das Rückenmark eintritt. Bei Uebererregbarkeit des Gehirns
ist das Morphium nicht angebracht, sondern die Hvpnotica, die die
Reizschwelle des Gehirns erhöhen und die Sinnesreize vom Bewußt¬
sein fernhalten (M ev er und G o 111 i e b). Chloralhydrat würde
diesen Forderungen zwar entsprechen, ist aber ein starkes Zellgift
und bedeutet für die Nieren, durch die es unverändert ausgeschieden
wird, eine hohe Gefahr, ebenso für das Herz. Nach den praktischen
Erfahrungen, die H. W i n t e r n i t z und E. v. d. Porten 1 )®^
dem Veronalnatrium gemacht haben, ist dieses als Narkoticum
auch bei Eklampsie geeignet (10 ccm einer 10°/ 0 igen Lösung suo-
cutan oder 0,5 per rectum), weil es die sensiblen Centren des Zen¬
tralnervensystems in der richtigen Reihenfolge ergreift und keine
Reizwirkung auf die motorischen Centren hat. Empfehlenswert niu
auch das Luminal (0,4 subcutan) als Narkoticum erscheinen,
neben würde ich 10 g einer 25°/„igen Magnesiumsulfatlösung >u
cutan oder intramuskulär mehrmals täglich einspritzen 2 ). ^ a n kan
auch eine 5 °/ 0 ige Lösung rectal geben. In verzweifelten ra ^
würde ich lieber, als die Nierendekapsulation zu machen, • ■
intralumbale Einspritzung von Magnesium der subcutanea^
Wendung dieses Mittels hinzufügen. Im übrigen glauben ?
daß das Heil der E k 1 a m p s i e b e h and 1 u n g ^ ae
Prophylaxe liegt.
M D. m. W. 1915, Nr. 2.
Vgl. loc. eit.
1013. H. 12).
a ) D. m. W. 1912, Nr. 24.
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UNIVERSUM OF IOWA
11. April.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15.
429
Zur medikamentösen Behandlung der innersekretori¬
schen Ovarialinsuffizienz
von
Dr. Hans Bab,
Assistent der Kgl. II. gynäkologischen Klinik zu München.
Aus (1er ausgezeichneten Feder des bekannten Forschers
Iwan Bloch finden wir 1 ) einen Aufsatz zur Einführung eines
angeblich neuartigen Organpräparats, das der Autor fiir die Be¬
handlung sexueller Insuffizienz empfiehlt (1). Bedauerlicherweise
sind ihm dabei meine Arbeiten völlig entgangen, die nicht nur eine
analoge theoretische Begründung einer solchen Therapie gaben,
sondern bereits vor sechs Jahren die von ihm jetzt befürwortete
Kombination von Ovarialextrakt und Yohimbin unserm Arznei¬
schatz einverleihten (2).
Deswegen seien mir hier einige Worte zu diesem Thema ge¬
stattet, die nicht nur meiner wohl deutlich auf der Hand liegenden
Priorität fiir diese Organtherapie gelten, sondern auch zur Sache
selbst sprechen und sich mit dem heutigen Stande der Frage be¬
fassen wollen.
Man kann Bloch nur beistimmen, wenn er unter Beiseite¬
schieben der „nervösen und psychischen Impotenz“ (das Central¬
nervensystem wird nur sekundär beeinflußt) die chemische Bedingt¬
heit aller psychophysischen. Geschlechtschäraktere, ihrer Aus¬
bildung und Funktion betont und in Uebereinstimmung wohl mit
allen heutigen Forschern auf die Abhängigkeit der Genitalorgane
von der Tätigkeit sämtlicher innersekretorischen Drüsen hinweist.
Schon 1909 habe ich in meiner Studie „lieber die Pathologie der
lnfantdistisehen Sterilität; 4 (S. 100/101) eingehend dasselbe dar-
gohgt und die Beeinflussung der Genitalausbildung und Funktion
durch das hormonale Zusammenwirken von Thymus, Langerhans-
sehen Inseln des Pankreas, Epithelkörperchen, * Hvpophvse, Glan¬
dula pincalis, Thyreoidea, Nebennieren. Parovarium, ' Mammae,
Prostata mit Ovarium respektive Testikel, nach dem damals ver¬
wenden wissenschaftlichen Material charakterisiert; das war zu
einer Zeit, als die Betrachtung des genitalen Infantilismus, der
Hypoplasie mul Atrophie sowie der genitalen Dysfunktion gewiß
noch nicht allgemein unter solchen kausalen Gesichtspunkten er-
°lgte. Diese Betrachtungsweise, das endokrine System für Stö¬
rungen un Genitalsystem verantwortlich zu machen, führte mich
oben damals schon auf die organotherapeutischeKonsequenz, gleich¬
zeitig die Keimdrüsen und das übrige Genitale zu hyperämisieren,
nr chemisches Sekretionsprodukt dem Körper zuzuführen und das
Gmralnervensystem zu kräftigen. Mit Hilfe der ausgezeichneten
und rührigen Berliner Fabrik organoth er a p e u t i -
? ( , 1 r [ r JParat e, Dr. Freund und Dr. Redlich, konnte
i<h Oophorin-Yohimbin-Lecithintabletten für langdauernde Kuren
Mgen infantilistische Sterilität, genitale Hypoplasie, Atrophie und
miktion, gegen Amenorrhoe, Dys- und Obligomenorrhöe, Frigi-
,!. ■ Stoffwechselstörungen (z. B. Adipositas) und be-
Hmmto innersekretorische Affektionen empfehlen unter genauer
und eingehender Indikationsstellung. Ich
. * . r damals schon auf die Begrenztheit der ovariellen Organ-
inerapie hingewiesen (S. 115 und 121/122), was wir in den Bloch-
_ n Ausführungen ganz vermissen, und auf die Wichtigkeit, der
| ou m,r * n ^ er Folgezeit bei Akromegalie und bei Amenorrhoe
a ,7 a «;?eführten — Ovarialtransplantationen (S. 123—127) die
ii merksamkeit der gynäkologischen Chirurgen zu lenken gesucht,
bute, da wir viel detaillierter die Harmonien und Disharmonien
h lnn ^ s ekretorischeii Konzerts studiert haben, müssen wir uns
V [ e ., sa " ei b daß die Darreichung des Extrakts einer einzigen,
rrnch willkürlich herausgegriffenen Drüse, noch dazu in einer
antuativ recht fragwürdigen Dosierung, nicht das organothera-
He ^ n kann, und daß wir in Zukunft quantitativ und
J sutativ viel exakter fehlende Hormone und Kombinationen von
ornioncn dem Organismus werden zuführen müssen. Bei dieser
esserung unserer organotherapeutischen Bestrebungen helfen
<u, <m n * c ^ nur die Gewinnung früher nicht verwandter
r ?! !k * xlra ^^’ so aus Placenta, Uterus, Nebennierenrinde (die ich j
1 ° . (>r ‘ s ter erprobe), sondern auch die diffizile Unterscheidung |
^ innersekretorisch differenten Drüsenbestandteile, so der Pars j
J. lonür * intermedia und posterior bei der Hypophyse, so des j
. r ] n , u l eu, . n lI11 d der übrigen Ovarialsub-tanz. Wenn Bloch j
• u !" u J n ö (, hilddrüsenmangel mit seiner Konsequenz für die Keim- I
^■^ninnktion erwähnt, so versäumt er doch, die Kombination
l ) M. K. 1915 Nr. 8. I
einer Schilddrüsen- mit Ovarialtherapie zu befürworten. Gegen
seine Empfehlung von Hypophysenpräparaten bei Hypophysen¬
tumoren anderseits könnten wohl schwere Bedenken geltend ge¬
macht werden; ich verweise hierfür nur auf meine diesbezügliche
Arbeit „Akromegalie und Ovarialtherapie“ (3). Pituitrin ist viel¬
mehr, w ie ich zeigen konnte, als Tl.erapeuticum bei der mit Ovarial-
hyperfunktion einhergehenden Osteomalaeie (4) indiziert, vielleicht
weil es den an einer Schwäche des chromaffinen Systems kranken¬
den Körper für das Adrenalin sensibilisiert.
Die 1909 vom mir speziell für Infantilismen inaugurierte kom¬
binierte Oophorin-Yohimbin-Lecithintherapie habe ich in vierjähriger
Tätigkeit gleichzeitig mit den zahlreichen andern opotherapeuti-
schen Heilbestrebungen an dem großen Krankenmaterial der Wiener
Frauenklinik Wertheim prüfen können, und eingehende Publika¬
tionen sollen meine dort gewonnenen Erlebnisse noch bekannt¬
geben. Heute nur soviel, daß ich beim Durchblättern meiner
Krankenjournale als Effekt der Ovarial-Yohimbinkur beispielsweise
den Wiedereintritt von Menstruationen, die Beseitigung dys-
menorrhöischer Beschwerden und von Blutwallungen als erzielten
Effekt verzeichnet finde. Daß diese Therapie auch völlig fehl-
schlagen kann, genau wie eine Ovarialtherapie allein oder wie
irgendeine andere Organtherapie, das sei auch ausdrücklich her¬
vorgehoben und ist nach den ganzen Grundlagen dieser Kuren
auch nicht anders zu erwarten.
Wenn im übrigen ich sowie auch Bloch da* Yohimbin
mit dem Ovarialextrakt kombinierte, und wenn Bloch sogar aus¬
drücklich dieses als das zweifellos beste und erprobteste Aphrodi-
siacum bezeichnet, so kann ich auf Grund meiner Erfahrungen
an der Wiener Klinik nur sagen, daß ich das Yohimbin nicht derart
monopolisieren möchte, sondern daß das vom Kontor chemischer
Präparate in den Handel gebrachte Muiracithin dem Yohimbin
völlig ebenbürtig ist und mindestens ebensolche Wirkungen hervor-
rufen kann, daß also auch einer Kombination Oophorin-Muiracithin
nichts im Wege stehen würde.
Die psychische Einwirkung einer kombinierten Behandlung
mit Keimdriisenextrakten und mit Aphrodisiaea. die auch Bloch
hervorhebt, ist eine, oftmals verblüffende, besonders auch im all¬
gemein seelischen Empfinden der Patienten, in ihrer Stimmung,
ihrem Kraftgefühl und im Schwänden lästiger „Nervosität 44 . Eine
offene Frage scheint jedoch noch zu sein, ob Keimdrüsenextrakte
wirklich nur streng specifisch auf das homologe Geschlecht wirken!
Vieles spricht dafür, daß auch das Testieulin (Dr. Freund und
Dr. Red lieh).durchaus nicht indifferent für das weibliche Ge¬
schlecht ist. Dies muß noch eingehender studiert werden.
Wenn ich nur den Eierstockextrakt mit Yohimbin
kombinierte, so ist das aus meiner Fachstellung als Gynäkologe
und aus meinen rein gynäkologischen Bestrebungen zu erklären.
Bloch hat mit seinem „Thelygan“ keineswegs ein neues
P r ü parat angegeben, sondern einer im wesentlichen alten Sache
nur einen neuen Namen beigelegt; wenn er jedoch als allgemeiner
Sexolog und Sexualtherapeut entsprechend die Testikelsubstanz
für das männliche Geschlecht verwertet, so ist das ein konsequenter,
logischer, neuer Schritt, und Bl ochs Erfahrungen mit diesem
Präparat verdienen das ärztliche Interesse.
„ n . i. iwau uiui-ij. 4iur nenanaiuiig aer sexue en Insnf-
fizicnz. (M. Kl. 191a. Nr. 8.) — 2. Hans Bab. Die Pathologie der infanti-
listischen Sterilität und ihre Therapie auf alten und neuen WWen (Sml
klin. Vortr. 1909, Nr. 598/540. Verl. Job. A. Harth.) - Derselbe tän Vor¬
schlag zur medikamentösen Therapie der infantilistischen Sterilität (Zbl f
Gvn. 1909. Nr. 45) Derselbe, Organothcrapeutische Erfahrungen und
Anwendung von Aphrodisiaka in der Gynäkologie. (KJin.ther. Wschr. 1918
Jahrg. 20 Nr 31 .) 3. Derselbe. Akromegalie und Ovarialtherapie. (Zbl!
f. Gyn. 1914. Nr. 1.) — 4. Derselbe, Die Behandlung der Osteomalaeie'mit
Hypophysenextrakt. (M. m. W. 1911, Nr. 34.) e 11111
Erwiderung auf vorstehende Bemerkungen
von
Dr. Iwan Bloch,
zurzeit ordinierender Arzt am Reservelazarett Beeskow (Mark).
Da ich augenblicklich hier nicht in der Lage bin, die früheren
Arbeiten des Herrn Kollegen Bab genauer nachzuprüfen, beschränke ich
mich auf folgende vorläufige Erklärung:
i. Die von Dr. Bab angegebenen Oophorin-Yohimbin-Lecithin-
tabletten waren mir bei Herstellung und Versuchen mit dem Testogan
und später dem Thelygan nicht bekannt. Ich teile allerdings diese
Unkenntnis mit den Bearbeitern des neuen, 1914 erschienenen und die
gesamte moderne organtherapeutische Literatur in Betracht ziehenden
„Lehrbuchs der Organotherapie“ von Wagner v. Jauregg und
G. Bayer, das ich Kir die Literatur hauptsächlich benutzt habe.
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UNIVERSUM OF IOWA
430
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15.
11. April.
2. Der „konsequente, logische neue Schritt“ der Testogantherapie
hei sexueller Insuffizienz geschah ja meinerseits hauptsächlich vom i
Standpunkte des Andrologen und, wie ich ausdrücklich hervorhob, infolge j
der Anregung durch die Oktober 1913 veröffentlichten epochemachenden
Versuche von E u ge n Steinac h.
3. Ich habe keineswegs, wie Herr Bab mir vorwirft, die kombi¬
nierte Organtherapie der sexuellen Insuffizienz mit Substanzen anderer
endokriner Drüsen vernachlässigt, sondern sie als „indirekte Behand¬
lung“ der „direkten Organotherapie“ gegenübergestellt und ebenfalls
erklärt, daß die genauere Erforschung dieser indirekten Beeinflussung
neue Perspektiven für die Therapie der Sexualinsuffizienz eröffnen
werde. Gerade für die Schilddrüsentherapio dieser letzteren habe
ich ja klar und deutlich die genaueren Indikationen angegeben. Wenn
ich auch zunächst nur die bisherigen Ergebnisse der direkten Opotherapie
veröffentlichte, so habe ich doch bereits von Anfang an die ja schon
seit längerer Zeit übliche Schilddrüsentherapie der Sterilität und Impo¬
tenz der Fettleibigen durch Herstellung und Versuche mit „Thvreo-
Testogan“ rationeller zu gestalten versucht. Ebenso habe ich in anderem,
später genauer zu präzisierendem Zusammenhänge das Adrenalin heran¬
gezogen.
Referatenteil.
Redigiert von Oberarzt Dr. Walter Wolff, Berlin.
Sammetreferat
Soziale Hygiene und Demographie
von Dr. Peter Misch, Charlottenbnrg.
Was bereits für Oesterreich-Ungarn nachgewiesen und in
dieser Wochenschrift (Nr. 51, 1914) referiert werden konnte, be¬
stätigt sieh auch in Untersuchungen Uber die Wehrkraft der
Schweiz (1), daß nämlich die Behauptung, die landwirtschaftliche
Bevölkerung sei an Wehrfähigkeit der industriellen überlegen, ins
Reich der Fabel gehört. Die neuere wissenschaftliche Forschung
und Statistik zeigt vielmehr, daß die höhere Militärtauglichkeit
auf seiten der industriellen Arbeiterschaft zu finden ist, die sieh
mittels des machtvollen Instruments ihrer gewerkschaftlichen und
politischen Organisationen zuträglichere Arbeitsbedingungen,
höhere Löhne, geregeltere Arbeitszeit, gesündere Wohnungen,
Kräftigere Ernährung und bessere Schulen errungen hat als den
landwirtschaftlichen Arbeitern gegeben sind. So miserabel die
proletarischen Wohnungsverhältnisse in den Industriestädten viel¬
fach sind, der landwirtschaftliche Lohnarbeiter wohnt noch elender.
Die gesundheitlichen Vorzüge des Landlebens und der landwirt¬
schaftlichen Arbeit gegenüber dem Stadtleben und der Fabrik¬
stättenarbeit werden aufgewogen durch die stiefmütterliche Be¬
handlung des ländlichen Proletariats durch den Staat in puncto
Sozialpolitik. Der Kausalnexus zwischen Sozialpolitik, öffentlicher
Gesundheit und Wehrfähigkeit ist nicht zu verkennen. — Von be¬
sonderem Interesse sind auch die verschiedenen Krankheiten als
Ursachen der Dienstunfähigkeit und ihre Unterschiede für Stadt
und Land, wobei übrigens zu berücksichtigen ist, daß die Er-
krankungszahl für die landwirtschaftlichen Berufsarten durch die
weniger sorgfältige statistische Krankheitsbeobachtung zu gering
wird. Schämt sich doch auf dem Lande der junge Mann, den
Kropf oder die Hernie oder die „schlechten“ Krankheiten der
Harnorgane zu verraten. Die Schwindsuchtszahlen vor allen wür¬
den in den landwirtschaftliehen Berufskreisen rapide hochschnellen,
wenn dort nur annähernd so energisch wie in den Städten gegen
die Vt i breitnng der Lungentuberkulose vorgegangen würde. —
Die Rekruticnmgsresultate sind aber nicht nur von der öffent¬
lichen Hygiene, der sozial-sanitären und ökonomischen Wohl¬
fahrtspflege. sondern auch vom Entwicklungsgrade des Volksschul-
wosens abhängig. Gerade über die Verbreitung geistiger Be¬
schränktheit und Idiotie besitzt die schweizerische Statistik ein
sehr ergiebiges Zahlenmaterial, weil der schweizerische Rekrut,
welchem Stand und Beruf er auch angehören mag, auch im Lesen,
Aufsatz, Rechnen und Vaterlandskunde geprüft wird. So dürfte
< s von Interesse sein, zu erfahren, daß sowohl 1885 als auch 1886
je ein Student wegen geistiger Beschränktheit für dienstuntauglich
i rklärt wurde. Bei einigen Studenten haperte es im Lesen; zwei
bekamen im Rechnen die schlechtesten Noten. Nicht alle Lehrer
waren imstande, die Aufgaben im Aufsatz und Rechnen ganz oder
fast ganz fehlerfrei zu lösen. Auch bei den Öffentlichen Beamten
haperte es im Lesen und Schreiben!
Literatur: 1. V. Noack, Die Wehrkraft der Schweiz. Unterschiede
zwischen Stadt und Land. Areh. f. soz. Hyg. u. Demogr., Bd. X. H. 3.
Arbeiten aus dem Gebiete der Hämatologie 1914
von I)r. med. Werner Schnitz, Oberarzt der II. inneren Abteilung
des Krankenhauses Charlottenburg-Westend.
(Schloß aas Nr. 14 .)
Auf dem Gebiete der Morphologie stehen die Ergebnisse
der V i t a 1 f ä r b ti n g im Mittelpunkte des Interesses.
In einer früheren Mitteilung hatten A s c h o f f und K i y o n o
auf Grund i n t r a vitaler L i t h i o n c a r m i n f ä r b u n g c n
angenommen, daß im kreisenden Blute neben Zellen der myeloi¬
schen und lymphatischen Reihe als dritte Zellart carmmspeichmide
„H i s t i o c y t e n“, vom Charakter der großen Mononucloareti.
Vorkommen. Diese „Makrophagen“ entstehen teils durch Ab¬
rundung und Loslösung aus den Reticuloeiulothelien der Milz, dir
Lymphdrüsen und des Knochenmarks, teils aus den specifischen
Endothelzellen der Leber (K u p f f e r sehen Stenizellen) und der
Nebenniere. Für die Reticuloendothelien der hämatopuctischcn
Organe, die den specifisehen Endothelzellen der erwähnten Organe
sehr nahestehen, schlägt K i v o n o (20) in einer weiteren Arbeit
den Namen „H i s t i o b 1 a s t e n“, Mullerzellen der Histioiyten.
vor. Außerdem gibt es noch Histioeyten im Bindegewebe. Zeih a
in ruhender und wandernder Form, welche im serösen Gewebe. v<r
allem in den Milchflecken, sich zahlreich entwickeln und mit den
Klasmatoeyten R a n v i e r s und adventiellen Zellen M a r-
c h a n d s identisch sind. Nach vitaler K o 11 a r g o 1 s p e i e h e *
r u n g, zum Teil gleichzeitig mit Carmininjektion, fand K i y o n o
bei sonst gleichem Verhalten gegenüber den in Frage stehenden
Zellen einen Unterschied der beiden Methoden insofern, als die
K l a s m a t o c v t e n des Interstitiums der parenchymatösen Or¬
gane zwar deutliche Carmingranulierung. dagegen meist nur einige
wenige Kollargolkürner aufwiesen, und die Plasmatoeyten der
Milchflecken sowie diejenigen des serösen Gewebes nur in der
Nähe der Gefäße beide Granula zeigten, während die Zellen,
welche von der Gefäßwand entfernt lagen, bei reichlicher Cannin-
körnelung nur ganz wenige Kollargolkörner aufwiesen. Die Re¬
sultate der vitalen Färbung mit T o 1 i d i n b 1 a u decken sich im
wesentlichen mit den Befunden bei Oarmin- respektive Trypan-
förbung. Abweichend ist, daß bei tolidinblauinjizierten Tieren
nach dem Tode, wohl unter dem Einflüsse des Sauerstoffs der Luft,
eine feine blaue Granulation in der Mehrzahl der myeloischen
Zellen, mit Ausnahme einiger rundkerniger Knochenmarkseieinente,
die sich wie Zellen der lymphatischen Reihe verhalten, auftritt.
Wiederholte intravenöse Einverleibung der drei genannten Färb¬
st ofTe, auch von Kollargol, bewirkt eine mehr oder weniger ausge¬
sprochene Histiocythämie.
Nach K i y o n o s Untersuchungen kommen die Histioeyten
auch normalerweise im strömenden Blute der Venen, insbesondere
dem der Leber- und Milzvenen, vor, wenn auch in geringer Zahl
Die großen M o n o n u e 1 e ä r e n u n d lieber-
g a ii g s f o r m e n gehören beim normalen Kaninchen in der
Mehrzahl nicht zu den H i s t i o c y t e n. Man kann
durch die T o 1 i d i n b I a u i n j e k t i o n e n drei Arten
von einkernigen Zellen der h ä m a t o p o e t i s c h e n
Organe unters e h e i d e n : eine intravital granulierte (histio-
eytäre) Zellart, eine postvital granulierte (myeloische) Zellart. eine
dritte, sowohl intravital als postmortal ungekörnte (lvmplm-
cytäre) Zellart. Danach könnten wenigstens drei Arten der
großen Mononucleären und U e b e r g a n g s f o r in <■ n
des Bluts zur Beobachtung kommen, was nicht ausschließt, daß
deren noch mehr existieren.
Mit der Frage der Beziehung e n z w i s c h e n E n d <> *
t h e 1 i e n und M o n o c v t e n beschäftigen sieh zwei Arbeiten
von Milos NetouSek ‘(21, 22). Im Gegensatz zu A sc b off*
K i y o n o , die bei lithioncarmingespeicberten Tieren im Bhitc
carminophile mononueleäre Elemente gefunden hatten, die sie ab
Blutmonocyten ansahen lind Histioeyten nannten, konnte Milej*
Netou&ek bei seinen Carmintieren keine Carminzellen im strö¬
menden Blute finden und h ä 1 tdie As c li o f f s e hon Histid¬
in o n o c y te n für passiv d e s q u a in i e r t e Endo¬
thel i e n der Blut- oder auch der lymphatischen Wege. Daß <■'«
solches Vorkommnis, daß heißt das Auftreten echter Gefaßemto-
thelien im Blute, möglich ist. ließ sich im Tierexperiiuent duren
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UNiVERSUY OF IOWA
11. April.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15.
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experimentelle Gefäßläsionen dartun. Bei diesen Versuchen er¬
hielten die Versuchstiere (Meerschweinchen) Injektionen von Sta¬
phylokokken, Diphtherietoxin und B. typhi abdominalis, oder
es’wurden Gefäßligaturen angebracht, im Anschluß an die von
Kfizenecky beim Frosche gewonnene Beobachtung, daß
nach Unterbindung der ganzen Extremität schon nach sechs Stunden
im großen Kreislauf endotheliale Elemente auftreten. In k 1 i n i -
$clien Untersuchungen wurden endotheliale Elemente
im Blute gefunden bei Typhus abdominalis, Endo¬
kardaffektionen, Cholera asiatica, in einem Falle
von M age n c a r c i n o m , bei Kinderanämien (Anaemia
J a k S c h - L u z e t und schwere Dekomposition), in zwei Fällen
voii myeloischer Leukämie, bei Chorea und schlie߬
lich spärliche Formen bei Chlorose und Morbus Base-
il (• w i i. Bei Atherosklerose und nach heftigen oder andauern¬
den Körperbewegungen waren die Befunde negativ.
Einen Beitrag zur Cytologie der Entzündung mit
Hilfe der vitalen Carminfärbung und anderer Methoden liefern
Pappen heim und Fukushi (23). Die Arbeit befaßt sich
speziell mit der Natur der lymphoiden peritonealen
Entzündungszellen.
Technisch gingen die Autoren so vor, daß sie bei Versuchstieren
«Meerschweinchen, Ratten, Kaninchen), die mit Farbstoffen (Lithion-
TrypnnMau) vorbehandelt waren, durch Tuberkulininjektion
IVritunealcxsudate erzeugten. Ein gleiches geschah beim Thoriumtier,
lassen Blut leukocytenfrei wurde.
Die großen monocytoiden Zellen der Exsudate
erwiesen sich als vital gefärbt, während die Deckzellen
«1 e r S e r o s a ungefärbt waren. Auch die monocytären Blut¬
zöllen waren farbstofffrei. Danach konnten die vital gefärbten
Exsutlatzellen nur den perithelialen Carmin- und Trypanzellen
des Netzes entsprechen, beziehungsweise freigewordene Derivate
dieser sein. Es bilden somit lokal entstandene Mesenchymzellen
hbliugener Abkunft im Peritoneum den Bestand der lymphoiden
Exsutlatzellen. Da die großen carminophilen Exsudatzellen in
fortlaufender Uebergangsfolge mit den kleinen, ebenfalls chromo-
l'hilcn lymphocytiformen Zellformen Zusammenhängen, dürften
auch diese nicht aus dem Blute stammen, sondern Mikrohistioeyten
imSinn A s c h o f f s vorstellen. Zusammengefaßt lautet die An-
Mcht der Autoren: Die Exsudatzellen seröser Höhlen
jind nicht hämatogener Natur, auch nicht Ab¬
kömmlinge der Deckzellen, sondern höchst¬
wahrscheinlich Abkömmlinge der Marchand-
*chen Adventitialzellen, beziehungsweise der Maxi -
mowachen ubiquitären Wandermesenchvmzelle des subserövsen
Bindegewebes.
Die vielumstrittene Frage der sogenannten „ruhenden
« anderze 11 en“ Maximows und ihrer Beziehungen zu den
andern Zellformen des Bindegewebes und zu den Lvniphocyten
V T i * n e,ner experimentellen und kritischen Arbeit von
v |, s 1 ^ a 8 c B 1 n # (24) abgehandelt. Die Versuche betreffen
Kollargolimprägnation und intravitale Färbung mit Isamin- und
lrypanblau na °h Gold mann bei Tieren (Ratten, Kaninchen)
unter sonst normalen Verhältnissen, sowie mit Entzündung durch
Einbringen von Celloidinfremdkörpem nach Maximow oder
hauterisieren. Nach den gewonnenen Ergebnissen bestehen im
gewöhnlichen lockeren Bindegewebe im postembryonalen Leben
Hauptzellformen: Fibroblasten und ruhende
" a n d e r z e 11 e n.
Letztere sind mit den Klasmatocyten R an v ier s, den „Uellules
nagKwrmcs“ von U e n a u t und den „Pyrrolzellen“ G o 1 d in a n n s
'•ij lötnnfizir-ren. Auch die ..Lipoidzellen“ Ciaccios und „Nephro-
Von ^ erc * er ? Bpillmann und Bruntz gehören
Die ,,ruhenden Wanderzellen“ weisen in ihrem
Mtoplasma vital färbbare granulierte Chondriosomen auf, die sich
'n sekretorische Granula verwandeln können, während die
mudriosomen der Fibroblasten in Form von Fäden er-
''■lieinen. Wie die „ruhenden Wanderzellen“ verhalten sich ferner
[!!'. •'pkrophagen der „täches laiteases“ im Netz und in der
iu»sigkcit der Bauchhöhle, die sogenannten „adventitiellen“
^ - n der Papillären im Netz und im übrigen Peritoneum, die
‘Uiuzrllen im Endothel der Lebercapillaren, und in den blut-
'idf tiden Organen endlich die Reticulum- respektive Endothel-
11 nn, l die Makrophagen. Die Deckepithelzellen haben mit
* ,ni Ppe nichts Gemeinsames. Nach Tsc haschin finden
sk li xiv.olil im normalen wie im entzündeten Gewebe Uebergänge
!. r Blutlymphoeyten identischen, kleinen wandernden
Jtupuoiden Zellen, der „h i s t i o g e n e n“ L y m p h o c y t e n
zu den „ruhenden Wand er zellen“. Bei der Entzündung
geben nach demselben Autor beide Formen ein und dieselbe große
gemeinsame Gruppe von phagocytierenden polymorphen Zellen.
Maximows Polyblaste n. Die Polyblasten können sieh
dann unter Umständen (Narbenbildung) in Fibroblasten umuan-
deln, während letztere sich nicht wieder in echte amöboide Gebilde
zurückverwandeln können. Ihre Abrundung bei besonders starken
entzündlichen Reizen ist eine vorübergehende Erscheinung.
Die ebenfalls noch strittige Frage der Verwandtschaft der
verschiedenen Zellelemente der Milz wird in einer Ar¬
beit von R. Steudemann (25) aus dem Institut von Asch o f f
experimentell beleuchtet. Zum Studium der Phagocy tose der Milz
wurden Kaninchen mit Lithioncarmin vital gefärbt, außer¬
dem wurde die Milzvene unterbunden. Durch die Uar-
mininjektion entsteht eine Ervthrocytenschädigung und Hämo¬
siderinbildung. Die Milzvenenunterbindung verursacht Leuko-
evtenaustritt und -zerfall. Pulpazellen, Sinusendothelien und freie
Makrophagen zeigen, außer für Carmin, Phagoevtose für Erythro-
eyten und polymorphkernige Leukocyten. Die Zellen der Lymph¬
knötchen sind ganz frei von Phagocytoseerscheinimgen. Dieser
Umstand spricht für eine genetische und funktionelle
Trennung von Lymphocyten einerseits und
Pulpazellen, Sinusendothelien, Reticulum-
endothelien der Pulpa anderseits.
Die vitale Färbung embryonaler Zellen in Ge-
webskulturen gelang P. Hofmann (26). Er ging so vor, daß
er einem trächtigen Meerschweinchen 0,8 ccm einer 1 °: o igen
Lösung von Trypanblau in Ringer scher Flüssigkeit intravenös
injizierte, das Blut nach einigen Minuten durch Punktion des linken
Ventrikels gewann und im leicht blaugefärbten Plasma Leber¬
stückchen des etwa 5 cm großen Embryos kultivierte. Die Fibro¬
blasten waren frei von Trypan, während"andere Zellen, anscheinend
K u p f f e r sehe Sternzellen, Histiocyten (Klasmotocyten), voll¬
gestopft mit Farbstoffkörnchen waren. Im lebenden Tiere hält
offenbar die Placenta kolloidale Lösungen zurück.
Einige weitere Arbeiten beschäftigen sich mit E r y t b r o -
cytenfärb ungen. Studien über den Entstehungsnieehanis-
mus der C a b o t sehen R i n g k ö r p e r in Erythroeyten bilden
den Gegenstand einer Arbeit von V. Juspa (27). Die experi¬
mentellen Ergebnisse stammen von Blutpräparaten von Meer¬
schweinchen, die mit Bleiessig und Toluylendiamin unter Iler-
vorrufung von Abscessen vorbehandelt waren. Ferner standen
klinische Beobachtungen von schwerer akuter Leukämie und j»re¬
gressiver perniziöser Anämie zur Verfügung. Die Färbung geschah
nach der kombinierten May-Grünwald-Giemsa - Methode.
Juspa nimmt an, daß die Cabotkörper den p e r i p h erst e n
Teil des Kernes, mit großer Wahrscheinlichkeit seine Mem¬
bran darstellen. Sie entstehen in einem atypischen Reifungspro-
zesse dadurch, daß nach Auflösung und Vakuolisierung der Kern
Substanzen nur der periphere Teil persistiert. Die Kompliziertheit
der Cabotkörper ist aus den vielfältigen und komplizierten Koni¬
formen zu erklären, ihre zuweilen vorkommende Multiplizität aus
amitotischen Kernteilungen oder Kariorhexis. Die Cabotkörju r
färben sieh weder wie Kernchromatin noch Parachromati» oder
Basoplastin. Semiotisch sind sie im Sinn einer pathologischen
Regeneration zu deuten.
Kronberger veröffentlichte 1912 Resultate einer
Methylenblau - Pikrinsäure - Färbern etho de,
durch welche in menschlichen reifen Normocyten
karmoisinrote kreisrunde Gebilde, „centrale Chro¬
matinkörper“, dargestellt wurden. Grosso (28) prüfte das Ver¬
fahren außer an Menschenblut bei Affen, Pferden, Rindern, Schafen,
Kaninchen, Meerschweinchen, Ratten und Mäusen nach. Die be-
zeichneten Gebilde waren im Affen-, Meerschweinchen-, Ratten-
und Mäuseblute deutlich nachweisbar, färbten sich bei Kaninchen-,
Rinder- und Schafblut schwer und waren auch im Pferdeblute’
schwer zu entdecken, weil die Erythroeyten eine zu dunkle, oliv¬
grüne Farbe einnahmen. Auffallend war das Fehlen der „Kern¬
reste“ bei einer anämischen Patientin sowie der Umstand, daß
bei Kaninchen durch Einspritzung von hämolytischem Serum mit
conseeutiver reger Blutbildung ein Deutlicherwerden der Ge¬
bilde nicht zu erzielen war. Ebenso ließ der Befund bei Kaninehen¬
embryonen im Stich. Grosso trägt, daher Bedenken,
die Gebilde als Kernreste zu deuten, zumal sie ge¬
rade bei den meisten jugendlichen polychromatischen Erythro-
cytenformen fehlen. Simultanfärbcvcrsuche mit einem von
Grosso hergestellten M e t h y 1 g r ii n p i k r i n a t ergaben be¬
züglich der K r o n b e r g e r sehen Gebilde negative Resultate.
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UNIVERSUM OF IOWA
432
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15.
il. April.
In Analogie mit den Döhle sehen Leukocyteneinschlüssen j
bei Scharlach beschreibt MilosNetouSek (29) inErythro-
cyten bei Mäusen unter scheinbar normalen Verhältnissen I
isolierte Einschlüsse, welche nach dem Ausfälle der
mikrochemischen Reaktion als singuläre Spongio-
plasmarückstände aufzufassen sind. Die Einschlüsse er¬
scheinen im May-Giemsa-Präparat dunkelblau. Aus der Methyl-
griin-Pyroninmischung nehmen sie das Pyronin auf.
Eine von der modernen Theorie über die Herkunft der
Blutplättchen von Megakaryocyten abweichende Auffassung
vertritt Winogradow (30). Der Autor gehört zu denjenigen,
welche nach der Nucleoidtheorie die Herkunft der Blutplättchen
auf Derivate des Erythrocytenkerns zurückführen. Nach der von
Winogradow* angegebenen Technik (Giemsafärbung), bei
welcher die Methylalkoholfixierung des noch feuchten Prä¬
parats zu bemerken ist, finden sich in den Erythrocyten normaler
und anämischer Menschen endoglobuläre Gebilde von purpurroter
Färbung, in denen sich ein sternförmiger Bau unterscheiden läßt
Bei einigen von ihnen ist im Centrum ein intensiv gefärbter, einem
Jollykörper ähnlicher Punkt zu bemerken. Hiernach soll das Oxy-
chromatin des Kernes als Baumaterial der Blutplättchen dienen.
Die Abnahme der Menge der Blutplättchen in Fällen von perni¬
ziöser Anämie scheint nach Winogradow dadurch zu erklären
zu sein, daß ihr Austritt aus den roten Blutkörperchen infolge der
Erhöhung der osmotischen Resistenz eine Verzögerung erfährt.
Neue Vorschriften über die Darstellung der Oxvdase-
g r a n u 1 a mit «-Naphthol-Gentianaviolett bringt L o e 1 e (31):
1. Uebergießen des lufttrocknen Ausstrichs mit einer alko¬
holischen (zur Fixierung) Gentianaviolettlösung (drei Teile Alkohol
[75 u / 0 ig|, ein Teil wäßrige Gentianaviolettlösung). Einige Minuten.
2. Abspiilen mit Wasser. Uebergießen mit alkalischer
«-Naphthollösung (ein Teil Naphthol in einem Teile Kalilauge
[95 °/ 0 igj gelöst auf 200 Teile Wasser). Eine Minute.
3. Alkohol, Nachfärbung mit Eosin. Einbettung in Balsam
nach Alkohol, Xylolbehandlung.
Die Färbung ist nach L o e 1 e besonders zur schnellen Orien¬
tierung für Blut- und Milzausstriche usw. geeignet.
Literatur: 1. J. Kohan, Milzexstirpation bei pernieiöser Anämie. Fol.
haemat, Bd. 19, H. 1. — 2. F. Parkes Weber, Apiastische Anämie. Ebenda.
Bd. 19, H. 1. — 3. J. M. Wolpe, Einfluß des Pflanzenphosphors auf den Blm-
bestand. Ebenda, Bd. 18. H. 2. — 4. Pan im und Tidy, Atypische Leukämie-
fäile. Ebenda, 1913, Bd. 17, H. 3 u. 4. — 5. A. Krjukow, Einschlüsse in Leber¬
zellen bei Lymphocytenleukftmie. Ebenda, ßd. 18. H. 1. — 6. C. Kreibich,
Plasmomyeloni der Haut. Ebenda. Bd. 18, H. 2. — 7. J. Rieux, Sote sur ta
cytologic* du sang dans le paludisme. Ebenda, Bd. 17, H. 4. ~ 8. H. Oelhafen,
Knochenmarksriesenzellen im strömenden Blut. Ebenda, Bd. 18, H. 3. - 9.
R. Kipp, Cytologischer Befund bei Pleuritis exsud. tub. Ebenda, Bd. 18, R 1.
— 10. M. Walsser, Klinische Viscosimetrie. Ebenda. Bd. 19. H. 1. — 11. F. 0t-
tiker, Erythrocytenresistenzprüfung und Wesen der Hämolyse. Ebenda, Bd. 18,
H. 2. — *12. A. Kagan, Erythrocytenresistenz und Saponinvergiftung. Ebenda.
Bd. 17. H. 3. — 13. Daumänn und Pappenheim, Hämolytischer Ikterus. Ebenda.
Bd. 18. H. 4. — 14. Milos Netousek, Experimentelle Toluylendianiinvergiftung.
Ebenda. Bd. 18. H, 4. — ln. R. Hertz, Experimentelle myeloische Milzmeta-
piasje. Ebenda, Bd. 18. H. 3. 1(5. F. Heuer, Zusammensetzung der Heinz-
körper bei Phenylhydrazinanämie. Ebenda, Bd. 18. H. 2. — 17. G. Quadri,
Bildung von Urobilin aus Hämoglobin. Ebenda, Bd. 19. H. 1. — 18. Muster
und Krumbhaar. Normales Hundeblut. Ebenda, Bd. 18, H. 4. — 19. W. Roer*
dansz, Blutkörperchenzählung. Ebenda, Bd. 18, H. 1. -- 20. R. Kiyono, Histio-
cytäre Blutzellen. Ebenda, Bd. 18, H. 3. — 21. Milos Netouiek, Enriothelieu
im strömenden Blut. Ebenda. Bd. 17. H. 3. 22. Derselbe, Endothelien und
Monoeyten. Ebenda. Bd. 19, H. 1. — 23. Pappenhein) und Fukushi, Natur der
lymphöiden. peritonealen Exsudatzellen. Ebenda, Bd. 17, H. 3. - 24. S. Tscba*
schin, «Ruhende Wanderzellen“. Ebenda. Bd. 17, H. 3. — 25. K. Steudemani,
Phagocytose in der Milz. Ebenda. Bd. 18. H. 2. — 26. P. Hofmann, Vitale
Färbung embryonaler Zellen in Gewebskulturen. Ebenda, Bd. 18, H. 2. - 27.
V. Juspa, Cabotsche Körper. Ebenda. Bd. 17, H. 4. 28. G. Grosso, Kern-
I persistenz bei reifen Säugetiererythroevten. Ebenda. Bd. 18. H. 1. 29. Milos
Netousek, Singuläre plastinische Basoplasmareste inMäuseerythroeyten. Ebenda,
I Bd. 19, H. 1. — 30. W. Winogradow, Herkunft der Blutplättchen. Ebenda.
I Bd. 18, H. 3. — 31. W. Loele, Oxydasereaktion. Ebenda, Bd. 18. H. 4.
Aus den neuesten Zeitschriften.
Berliner klinische Wochenschrift 1915 , Nr. 13.
Bernhardt: Die Kriegsverletzungen der peripherischen Nerven.
Aus den bisher vorliegenden Berichten der Autoren, die Gelegenheit
hatten, Kriegsverwundete zu beobachten und zu behandeln, geht hervor,
daß Lähmungen des Nervus radialis sehr häufig sind, daß Plexuslähmungen
(Plexus cervicaliß) sich ihnen, was die Häufigkeit betrifft, ansehließen; in
der Reihenfolge nehmen Verletzungen des Nervus isclnadiens beziehungs¬
weise seiner Aeste die nächste Stelle ein, es folgen dann Läsionen
einzelner Armnerven (isoliert beziehungsweise kombiniert). Verletzungen
von Hirnnerven sind in nicht geringer Anzahl beobachtet, nehmen aber
immerhin keine so hervorragende Stellung, was ihre Zahl betrifft, ein, wie
die Lähmungen der Nerven der oberen und unteren Extremität. Die
Neurolyse, das Loslösen der geschädigten Nerven beziehungsweise des
Nerveoastes aus seinen narbigen Verwachsungen, ist eiue von nickt
wenigen Autoren, speziell Chirurgen, dringend empfohlene Maßnahme.
Wanne Bäder, Heißluftbehandlung, Novocain-Suprarenineinspritzungen
lindern in manchen Fällen diese Schmerzen. (Schluß folgt.)
Rosenfeld (Breslau): Krieg und Ernährung. Es gilt zunächst
als Grundgesetz: „Nichts vergeuden“ und „nicht über den Bedarf essen"!
Jetzt heißt es, gerade mit dem Brote sparsam zu sein, damit das Brot¬
korn bis zur nächsten Ernte und darüber ausreicht. Eine weitere Auf¬
gabe ist, mit dem Fette zu sparen. Das Sparen geschieht, indem wir das
Fett ersetzen durch Pflaumenmus, Sirup, Honig, Marmeladen oder durch
Quark (mit Salz oder Zucker abgeschmeckt), durch Streichen des Brots
mit weicher Wurst. Das Sparen mit Fleisch ist eine einfach zu befolgende
Vorschrift. Man genieße jedenfalls nur einmal am Tage Fleisch.
Edel (Berlin-Wilmersdorf): Beitrag zur Entstehung und Verhütung
von Herzkfappenfehlem bei Soldaten. Zu den bisherigen Untersuchungs¬
methoden muß eine Prüfung des Herzmuskels treten in bezug auf die
Widerstandskraft (Pulszahl) und in bezug auf die Zeit, nach welcher das
Herz zur normalen Pulszahl zurückkehrt. Man läßt die jungen Leute,
deren Herz man geprüft und notiert hat, etwa 10 mal schnell die Treppe laufen,
untersucht dann das Herz auf Geräusch und Schlagfolge und prüft nach
einer halben bis einer Minute, ob die vorher notierte Schlagfolge wieder
zurückkehrt oder ob jetzt ein Geräusch zu hören ist. Solche Unter¬
suchungen an einem großen Rckrutenmaterial, nach dem Turnen, nach
starken Märschen usw. fortgesetzt, müssen eine Formel ergeben, nach
welcher man die Kraft des Herzens mißt aus der Zeit, die nach be¬
stimmten Anstrengungen bis zur Erholung gebraucht wird.
Ebeler imd Löhnberg (Köln): Weitere Erfahrungen mit der Ab-
derhaldenschen Fermentreaktion. Nach den vorliegenden Untersuchungs¬
ergebnissen gibt das Abderhaldensche Dialysierverfahren für die Schwanger¬
schafts- und Carcinomdiagnose zwar keine einwandfreien, doch immerhin
ziemlich gute Resultate. Wenn auch die zahlreichen positiven Befunde
der Nichtgraviden auf den ersten Kindluck die Specifität der Reaktion
stark in Zweifel zu stellen scheinen, so ist es angesichts der gegenwärtig
herrschenden Anschauungen entschieden verfrüht, diese Frage schon heute
beantworten zu wollen.
Lutz (Berlin-Pankow): Untersuchungen über die Wirkung des
künstlichen Camphers. Irgendwelche schädlichen Nebenerscheinungen
sind bei der subcutanea Anwendung des künstlichen Camphers der drei
genannten Marken selbst bei häufigster Anwendung hei keinem Patienten
beobachtet worden. Nach den Ergebnissen der Herzfunktionspriifungen
nach Kat zen sie in muß auch der künstliche Campher als ein Mittel be¬
trachtet werden, das wohl imstande ist, den natürlichen Campher zu er¬
setzen. Doch müssen weitere Untersuchuugsresultate noch abgewartet
werden.
Lieske (Leipzig): Aerztliche Rechtsfragen. Uebersichtsreferat.
Reckzeh (Berlin).
Deutsche medizinische Wochenschrift 191 5. Nr. 13.
Goldscheider und Aust: Usber die speclfische Behandlung d«
Typhus abdominalis mit abgetöteten Kulturen von Typhusbacillen. Es
wurden im ganzen 57 Typhuskranke, mit Ausschluß solcher Falle, die
von vornherein sehr leicht erschienen, und solcher, bei denen Kompli¬
kationen (Pneumonie. Herzschwäche, Darmblutung usw.) bestanden, in
verschiedenen Stadien behandelt. Benutzt wurde der Marx sehe Imp*
stoff. Durch die Injektion der Typhusbakterienleiber, die doch Toxin
enthalten, wird zwar die Aufgabe des typhusdurchseuchten OrganUmu?.
anzukämpfen gegen die schon in ihm vorhandenen Typhusbakterien, ohne
Zweifel erschwert. Aber man darf sich auf Grund von Analogien vor-
stellen, daß dadurch unter Umständen ein Anreiz zur erhöhten Bildung
von Schutz- und Abwehrstoffen geliefert wird. Der Organismus soll zu
einer Mehrarbeit gezwungen werden. Der Erfolg dieser künst ic ^
Reizung wird aber davon abhängen, ob der Organismus über die rii *
verfügt, diese Belastungsprobe nicht bloß auszuhalten, sondern mit ein?
Mehrleistung zu beantworten. Man wird aber an die Grenze der
lastung am leichtesten gelangen oder sie überschreiten, wenn n)^
bei einem schweren Typhus oder in der Continua eines solchen eine gw
Vaecinedosis einverleibt. Bei bereits fallender Tendenz der Fieberen
wird aber eine höhere Dosis den Organismus eher zu verstärkter 8c > tn
Stoffbildung anregen. Daraus ergibt sich die scheinbar paradoxe ^ C1
bei schweren Fällen, bei strenger Continua kleine Dosen: bei ^ eic ,l. e f.
zu Remissionen neigenden Fullen, in den mehr remittierenden
Stadien größer© Dosen. Die Antigenbchandlung des Typhus
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11 . April.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15.
nach den Verfassern ein weiteres Studium, denn ihr kommt unter ge¬
wissen, genauer milgetcilten Umständen eine Heilwirkung zu. Tm ganzen
war freilich in den obigen Fällen die therapeutische Ausbeute nicht groß.
Wenn die Vuccination ein spcci fisch es Heilmittel des Typhus wäre,
so müßten sich die therapeutischen Ergebnisse ganz anders darstcllen.
Carl Maase und Hermann Zondek (Berlin): Herzbefunde bei
Kriegsteilnehmern. Es handelte sich durchweg um Soldaten, die kurz
nach Beendigung von sehr großen strapaziösen Märschen leicht verwundet
iuifgenommen wurden. Ihre Marschleistungen beliefen sich im Durch¬
schnitt auf etwa 40 bis 45 km täglich, bisweilen vier Wochen lang, und
zwar ohne größere Ruhepausen, häufig ohne vorheriges Training und
unter starken seelischen Aufregungen. Es zeigten daher in einem erstaun¬
lich hohen Prozentsätze der Fälle die Herzen der betreffenden Soldaten
in bezug auf ihr Volumen auffallend große Abweichungen von der Norm
lauf dem Röntgenbildc wurde der Ordinatenabstand der beiden äußersten,
in der Horizontalebene gelegenen Punkte des Herzens gemessen, ferner die
Linge des Herzens von der Herzspitze bis zum rechten Gefiißvorliofs-
winkel). Das in der Mehrzahl vorhandene Bild war das des gleichmäßig
ddatierten Herzens (Kugelherz). Daneben fand man aber auch isolierte
Erweiterungen des einen Herzteils, namentlich des rechten. Der Unter¬
schied dieses Infanteristenherzens ist, wie an einem Röntgenbilde gezeigt
wird, gegenüber den Herzen von Kavalleristen, besonders aber von Feld-
; ' 1, :tnilleristen so evident, daß jede andere Entstehungsursache als die
enormen Marschleistungen kaum in Betracht kommt. Die Funktion des
^>L Herzens war im ganzen gut. Die Funktionsprobe zeigte nach kurzen,
einmaligen Anstrengungen (zehnmaliges Hinauf- und Hinunterlaufen einer
iv-.v Treppe) ein allmähliches Absinken der hochangestiegenen Pulsfrequenz.
Die Leute konnten schließlich bis auf wenige Ausnahmen als felddienst-
ij-i 1 * hihig entlassen werden.
August Fischer (Darrastadt): Ein Beitrag zur Explosivwirknng
des Mantelgeschosses. Es ist nicht angängig, aus dem Befund einer
r on: *n auf die Verwendung von Dumdumgeschossen zu schließen.
Aber auch wenn Wunden außer den Merkmalen der Sprengwirkung Reste
des explodierten Geschosses, Mantelreste und den auseinandenresprühten
Hleikern aufweisen, braucht es sich nicht um ein Dumdumgeschoß ge-
Welt zu haben, wie der Verfasser an einem Falle zeigt. Hier erhielt
ein deutscher Soldat einen Schuß aus der eignen Schützenlinie. Es
kam zu einer Explosivwirkung eines Mantelgeschosses (der Nickelgeschoß-
mautel wies auf ein deutsches Geschoß hin). Man fand den zersprengten,
vom Bleikerne gelösten Geschoßmantel oberflächlich in der Wunde liegend,
er atte im Zerspringen einen Tuchfetzen mitgerissen. Das Geschoß
.. | V rau , e f fort beira Auftreffen auf den Knochen 'zerschellt worden sein,
wahrend der zerstiebende Bleikern die weitere Zerstörung besorgte. Es
war nber rucht die Wirkung eines „Nahschusses“ (dabei trennt sich
mcht der Mantel vom Kerne, das Geschoß bleibt vielmehr an sich intakt).
ie Eigentümlichkeit, beim Aufschlagen zu zerspringen, können nur Ge¬
schosse haben, die fehlerhaft sind, deren Mantel einen Defekt hat. Daß
in m vorliegenden Fall an dem Geschoss nicht etwa die Spitze des
.vhmtels gefeldt hat, war noch am zertrümmerten Mantel zu sehen. Auf
‘-Ciiicliplatzen sind solche Geschosse als Mantelreißer bekannt.
Hönck. Zur Bekämpfung der Kleiderläuse. Beschreibung einer
n den Kaumen einer Brauerei ad hoc eingerichteten „Bade- und Reinigungs-
■' p nst ' 1 ’ ^ ^ ausnahmslos unter Benutzung der vorhandenen Maschinen,
llm Pcn, asstns, Dampfkochapparate, der Dampf- und Wasserleitung
C ? e& 1 Wüf den Die Soldaten bekommen unter stetem Gebrauche
1 Uv^T . ! hre warme brause, gleichzeitig werden Kleidungsstücke und
•V . , ■ e m e * serue Kessel gelegt, in die Dampf aus einem Dampfkessel
, '^eingelassen wird. Bei einem Druck von etwa l / 4 Atmosphäre zeigt
i s ermoraeter etwa 115° C an. Stetig strömt aus dem Sicherheitsventil
/zl, i ^ ^ er Fessel Dampf ab. Nach 25 Minuten ist die Desinfektion
ot (aüe Läuse und Eier sind abgetötet). Die Kleider werden durch
ra iges Schütteln von dem sie durchdringenden Dampfe befreit und
sind warm und trocken.
k Richard Steinebach (Dortmund): lieber die Cerebrospinalflßssig-
«na über die Wirkung der Lumbalpunktion beim Dilirium potatorum.
, er T mc ^ ^ Liquors ist hierbei meist gesteigert. Die günstige Wirkung
er . -iimbalpunktion ist daher zum Teil wohl die Folge der Druck-
J§fU. wahrscheinlich aber spielt die Verringerung einer im Liquor
J5 p " tenen / J iftmenge die Hauptrolle. Der Alkoholgehalt des Liquors
i. U d' a , er * n Beziehung zum Delirium. Er ist wohl abhängig von
er zui e t z t genossenen Menge geistiger Getränke und der seitdem ver-
i ' a ^ enen Aber da ein Delirium häufig während der Alkohol-
_ ^ s inenz ausbricht, kann auch die Drucksteigerung des Liquors beim
f irium nicht durch Alkohol ausgelöst sein. Der Reizzustand der
, jj nin jj en eQtste ht somit beim Delirium auf ganz andere Weise als beim
t ■ Ma n kann hierfür vielleicht ein besonderes Gift annebmen, das
m ^ lrn brper durch die chronische Gewebsschädigung des Intestinaltruktus
ent5tv ^ ,lm ' ( l urcb irgendwelche Umstände (Störungen des Atmungs-
| apparats oder des Gaswechsels?) nicht zur Ausscheidung gelangt. Da¬
durch reizt es die durch den chronischen Alkoholismus geschädigten
Hirnhäute und vermehrt die Liquormenge.
R. Koch (Frankfurt a. M.): Gibt es eine erfolgreiche Scharlach*
! behandlung? Angelegentlichste Empfehlung des Rekonvaleszenten-
! serums, das starker wirkt als das allerdings leichter zu beschaffende
! normale Menschenserum. Man gibt intravenös ganz kleinen Kindern
j 50, sonst mindestens 100 ccm. Da man keine Methode hat, den Anti-
1 toxingehalt des Serums zu bestimmen, geht man sicherer, wenn man
Sera, die von mehreren Rekonvaleszenten stammen, mischt. Das in
Ampullen eingeschmolzene Serum muß durch mehrtägiges Ablagern in¬
aktiviert werden. Bei der Infusion lege man in den Glastrichter ein
steriles Papierfilter, damit nicht Gerinnsel in die Blwthahn gelangen.
Einwandfrei ist nur die Einwirkung auf schwer toxischen, unkompli¬
zierten Scharlach in den ersten zwei oder drei Krankheitstagen.
Friedrich Karl (Berlin): Magencarcinora bei einem neunjährigen
Jungen. Der Kranke war zum Skelett abgemagert (Gewicht 2S Pfund)
Bei der Operation wurde am Pylorus ein kindsfaustgroßer, unregelmäßiger,
höckeriger Tumor gefunden, der leidlich gut beweglich war. Die mikro¬
skopische Untersuchung der entfernten Geschwulst ergab einen infil-
| trierenden, kleinzelligen Cancer, der sämtliche Schichten der Magenwand
bis auf die So rosa durchsetzt hatte. Drei bis vier Wochen nach der
Operation hatte der Knabe 18 Pfund zugenommen. Einen Monat darauf
betrug die inzwischen weiter erfolgte Gewichtszunahme zehn Pfund. Trotz
1 dieses beträchtlichen Erfolges dürfte nach den allgemeinen Erfahrungen
j die Prognose bei so jugendlichem Carcinom sehr ungünstig zu stellen sein
I Karl H irsch (Berlin): lieber ankylosierende traumatische Arthritis,
j Infolge alleiniger Einwirkung eines Traumas kann es in wenigen Woehen
I zur Ausbildung knöcherner (ielenkankylosen kommen, die mit oder ohne
j Knochenatrophie verlaufen. Man sollte in Zukunft bei den traumatischen
1 Arthritiden mehr auf diesen Punkt achten.
! Fr. Hammer (Stuttgart): Zur Behandlung der Hämorrhoiden und
des Eczema anale. Der Verfasser bestätigt die Ansicht v. Lenhosseks
1 von der Schädlichkeit der in den Analfalten zurückbleibenden Fäkalreste
! und empfiehlt daher gleichfalls in der Hauptsache das Aiisspülen des
Anus nacli der jedesmaligen Defiikation mit kleinen Fh'issigkeitsmengen.
Danach hat sich eine Trockenlegung der Analgegeud anzuschließen, und
zwar durch spirituüse Waschung und Einpudemng. Zum Schluß wird die
j Behandlung der Analfissuren besprochen.
| Hans Rosentlval (Charlottenburg): Zur Behandlung des
i Schnupfens. Sie geschieht bei den ersten Anzeichen mit dem Salicvl-
! präparat Piplosal (zweistündlich, und zwar sechsmal pro die 1 Tu-
j blette) und zwischendurch ein- bis zweimal Dion in 0,03 mit Sacch. 0,5.
! Das Dionin wirkt auf die peripherischen NervenemJigungen ein und he-
j seitigt die Hyperämie, wodurch die Sekretion versiegt. Beim Diplosal
tritt die Wirkung der Salicylsäure nicht so stürmisch ein, und dadurch
I kommt es nicht zur Schweißbildung. Mit dieser Methode kann man
häufig einen ausbrechenden Schnupfen kupieren. Um ihn ganz zu be¬
seitigen, läßt man nach ein bis zwei Tagen dieselbe Kur wiederholen
und, falls Husten dabei ist, abends noch ein Dioninpulver nehmen.
H. Boruttau (Berlin): Strohpulver als Nahrungsmittel und
FutterstoH? Die Verwendung des auf Friedenthals Anregung hin
hergestellten pulverisierten Haferstrohs für die menschliche Ernährung
wird vom Verfasser abgelehnt. Zur Ersparnis und zum Ersatz der so
knappen vorhandenen Futtermittel aber könnte ein durch mecha¬
nische Aufschlioßuug besser auszunützendes Stroh wertvoll sein.
Die praktische Durchführung dieser Methode ist aber vorläufig noch tech¬
nisch so schwierig und daher so kostspielig, daß sie sich ökonomisch
nicht lohnen dürfte. p Bruck
Münchner medizinische Wochenschrift 191 5. Nr. 13 .
v. Taborn (Straßburg): Die Typhusbehandlung im Felde. Die
Bäderbehandlung wird verworfen, dagegen die Pyramidontherapie warm
empfohlen. Verabfolgt werden pro die sieben Eßlöffel (zirka 105 ccm) einer
1 %igen Lösung (und zwar davon fünf Eßlöffel am Tage, zwei des Nachts).
Es empfiehlt sich ferner eine prinzipielle energische Digitalisierung. Alle
höher Fiebernden oder sonst als mindestens mittelschwer imponierenden
Fälle erhalten zunächst fiinfTage lang je sechsmal 0,1 Digipurat (bei besonders
schweren wird das erste Gramm in 24 Stunden gegeben). Die weitere
Verabreichung richtet sich nach dem Verlauf des Leidens. Die Toleranz
der Typhuskranken gegen das Digipurat ist erstaunlich. Der Erfolg dieser
Digitalistherapie war überaus nachhaltig; der Verfasser hat wiederholt
Fidle gesehen, bei denen trotz eingetretener Periorationsperitonitis oder
Lobärpneumonie der Puls tagelang, fast usque ad finain, gut blieb-
Ebenso sah er Herzstörungen in der Rekonvaleszenz sehr selten. Die
von ihm erreichte geringe Mortalitätsziffcr glaubt er vor allem dieser
energischen Digitnlisthempie zuschreiben zu müssen. Es empfiehlt sich
dringend, solange die Rekonvaleszenz dauert, immer wieder in siebentägigen
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11. April.
Zeitabschnitten Stuhl und Urin bakteriologisch zu untersuchen, ehe man
den Genesenden entläßt.
M. Rhein (Straßburg): Zur Bakteriotheraple des Typhus abdomi¬
nalis. Zur Abortiv bchandlung de9 Typhus wurden intravenöse Injektionen
von abgetöteten Tvplmsbacillen verwandt, und zwar bei 33 Patienten.
Da in 48% der Falle eine wesentliche Abkürzung der Fieberdauer ein-
Irat und in 30% eine Heilung in zwei Tagen erfolgte, dürfte bei jedem
Fidle von unkompliziertem Typhus ein Versuch mit der Bakterio-
therapie angezeigt sein.
M. Matthes und A. Kannenborg: Ueber die Wirkung von
tryptischen Verdauungsprodukten aus Typhusbacillen. Es handelt sich
vorläufig um Tierversuche. Es gelang, bereits infizierte Tiere noch durch
nachträgliche Injektion des Präparats zu retten und die Typhusbacillen
zu vernichten.
Erich Toenniessen (Erlangen): Längerdauemde Krankheits¬
erscheinungen in zeitlichem Zusammenhang mit der Typhusschutzimpfung.
In zwei Fällen war kurz nach der zweiten beziehungsweise dritten Impfung
eine Venenthromhose eingetreten. Diese ist bekanntlich beim Typhus nicht
selten. Sie ist wahrscheinlich auf Schädigungen der Venen durch die
Wirkung der Endotoxine (aus den toten Typhusbacillen) zurückzuführen.
Auch bei der Immunisierung dürften die Thrombosen auf gleiche Weise
zu erklären sein (denn die Impfung mit toten Bacillen kann die gleichen
Veränderungen bewirken wie die lebenden Bacillen). Dann wird über den
eigentümlichen Verlauf zweier typhöser Erkrankungen berichtet, bei
denen die Impfung in die Inkubationszeit fiel beziehungsweise einer Pura-
typhusinfektion vorausging. Alle diese Fälle können aber nach dem
Verfasser den Wert der prophylaktischen Typhusschutzimpfung nicht beein¬
trächtigen.
Wolf gang Weichardt (Erlangen): Ueber Typhusimmunisierung. |
Zu beachten sind hierbei alle Kautclen, um die hin und wieder auf¬
tretenden geringen Schädigungen durch die Typhusendotoxine nach Mög¬
lichkeit auszuselmlten.
Eugen Schlesinger (Straßburg): Die Begleiterscheinungen der
Typhusschutzimpfung auf Grund von 1340 Impfungen. Besprochen werden
ausführlich: die Lokalreaktion, die Erhöhung der Körpertemperatur, die
Störung des Allgemeinbefindens und Folgeerscheinungen an einzelnen
Organen. Selbst wenn die Begleiterscheinungen stärker auftreten, ver¬
schwinden sie doch fast ausnahmslos sehr rasch wieder. Wichtig ist
eine vorsichtige, individualisierende Dosierung. Betont wird, daß es er¬
fahrungsmüßig mehrere Wochen dauert, bis die Schutzwirkung voll
e intritt.
Wolfgang Löwenfeld (Wien): Ueber eine Methode des raschen
Typhusbacillennachweises. Der Verfasser versuchte, den üblichen kul¬
turellen Nachweis aus dem Blute zeitlich abzukürzen und einfacher zu
gestalten. Dabei bediente er sich einer Methode, die zuerst Ban di für
den Nachweis der Choleravibrionen aus dem Stuhl angegeben hat. Die
Verwendung der Bandisehen Methode auf die Typhusdiagnostik ver¬
suchte er auch bei Stuhluntersuchungen. Er beschreibt sein Verfahren
ausführlich. Damit konnte er auch in der Leiche aus der Gallenblase,
aus einer Lymphdrüse und aus dem Liquor cerebrospinalis Typhusbacillen
nachweiscn. In gleicher Weise ließe sich das Verfahren auch auf die
Untersuchung des Harnes auf Typhusbacillen anwenden.
Miilhens (Eslorf-Sieg): Zur Typhusdiagnose im Felde. Zur
Prüfung kam die von Weis angegebene Modifikation der Diazoreaktion.
Sic konnte aber nicht zur Klärung der Typhusdiagnose beitragen, da die
Truppen meist gegen Typhus geimpft sind und hierbei ebenso wie eine
positive G ruber-Widalsche Reaktion auch eine Diazoreaktion des
Urins auf*ritt.
Anna Perl mann: Farbmethode der Gruber-Wldal-Reaktion. Die
geimpften Röhrchen wurden vor Ablesung der Resultate gefärbt, und
zwar mit 0J>%iger alkoholischer Methylorangelösung. Die Farbe ge¬
stattet eine präzise Unterscheidung zwischen schwach positiven und
negativen Fällen, während beim Ablesen der ungefärbten Flüssigkeit deren
weiße milchige Trübung das Auge bald ermüdet.
Jos. Rossie (Düsseldorf): Ortizon und Ort!tonstifte In der Wund-
behandlung. Die Ortizonstifte enthalten 10 mal soviel Wasserstoffsuper¬
oxyd wie die 3%ige Ha Oa-Lösung, auch bringen sie eine Dauer¬
wirkung hervor, weil in der Wunde der Sauerstoff ist und vor Verbin¬
dung (Ortizon ist H a Os + Karbamid) allmählich abgespalten wird.
A. Ne iss er (Breslau): Zur Salvarsantherapie bei Ulcus molle-
Fällen. Man soll in bestimmter Lage auch ohne sichere Syphilisdiagnosc
eine solche Behandlung einleiten, dabei aber dieses Vorgehen nicht zur
allgemeinen Methode erheben, sondern für einzelne Fälle und Menschen
reservieren.
Fel<lürztlirh* Beilape Nr. 13.
G. Perthes: Beitrag zur Prognose und Behandlung der Bauch¬
schüsse im Kriege. Besprochen wird zunächst nur die Prognose. Von
134 in den dem Verfasser zugänglichen Feldlazaretten Gestorbenen
starben 104 innerhalb der ersten drei Tage. Diese Tatsache eröffnet
vielleicht das Verständnis dafür, daß die Prognose der Bauchschüsse bisher
vielfach für ralativ günstig gehalten wurde. Weiter vou der Front ent¬
fernten Lazaretten geht ein filtriertes Material zu. Wer nur Bauchschüsse
zu sehen bekommt, die den dritten odor einen noch späteren Tag der Ver¬
letzung erlebt haben, muß zu einer viel günstigeren Anschauung von der
Mortalität der Bauchschüsse gelangen.
Hosemann (Rostock): Das Operieren im Felde. Durch die Dauer¬
stellungen der kämpfenden Truppen im „Stellungskrieg“ ist ein weit ruhigeres
ärztliches Arbeiten auch in den vorderen Linien, auf den Verbandplätzen,
möglich. Man darf ungestraft den Verwundeten längere Zeit, Tage und
Wochen, dicht hinter den Truppenstellungen belassen und pflegen, eine
Möglichkeit, die für alle Verletzte voll auszimutzen ist, für die absolute
Ruhe die erste Bedingung und auch ein kürzerer Transport direkt ge¬
fährlich ist (in erster Linie für Schädel- und Bauchschüsse).
Walter Armknecht (Worms): Beitrag zum Wesen und zur
Therapie der Gasphlegmone. Die starke Beschleunigung des Pulses
(100 bis 120 pro Minute) ist eine wichtige Anfangserscheinung, bei der
sofort operativ einzugreifen ist. Die Wunden werden mit Mull aus-
tamponiert, der mit 10 %iger Ichthy olglycerinlösung getränkt ist. Um
die ganze Extremität wird, wie beim Erysipel, bis oberhalb des Oedera>
ein Verband gelegt aus icht hyolglyceringetränkten Lagen Mull. Diesen
Verband bedeckt man mit gewöhnlicher Polsterwatte, die das Ichthyol
nicht aufsaugt. Der Verfasser hat nach dieser Methode in der letzten
Zeit zwölf, zum Teil sehr schwere Gasphlegmonen behandelt und alle
durchgebracht. Auch bei ausgedehnten und beschmutzten Weichteilver-
letzungen empfiehlt sich diese Behandlung (1 kg 10°/oiges Ichthyol¬
glycerin kostet höchstens 4 M, 1 kg Perubalsam dagegen 20 M).
1 F. Weissgerber: Zur Behandlung der Frakturen im Kriege mit
der Extensionslatte. Die Extensionslatte ist billig und überall zu be¬
schaffen. paßt für jede Körperhälfte und fördert das verletzte Glied so
sicher, wie im Gips verbände. Wenn Sanitätskompagnien und Feldlaza¬
rette mit den leicht aus der Heimat zu beschaffenden Spiralfedern, Arcn-
bligeln, Krampen und starken Bindfäden ausgestattet sind, ist es mög¬
lich, den Streckverband auch unter den primitivsten Verhältnissen im
Feld anzuwenden.
Bert hold Goldberg (Wildungen und Köln): Zur Behandlung
der Harnverhaltung bei Rückenmarksschüssen. Die von Schum vor¬
geschlagene Cystostomie ist bei Rückenmarksverletzten nicht zulässig.
Sie verhütet keineswegs die Urosepsis (diese entsteht, wenn die Bakterien
durch Continuitütstrenuungen, durch Wunden der Harnwege in die Blut¬
balm dringen). Denn zur Urosepsis kommt es auch bei ungehindertem
Harnabfluß; und die durch die Operation geschaffenen Wundflachen
werden im Gegenteil den Eintritt der Harnkeime ins Blut erleichtern.
Aber auch der Dauerkatheter kommt nur als Notbehelf in Frage. Schon
bei Gesunden bewirkt der Dauerdruek des Verweilkatheters eine Ent¬
zündung der Harnröhre, die am ärgsten den prostatischen Teil schädigt,
der sich der unmittelbaren Beobachtung entzieht. Bei Rückenmarks-
verletzten wird sicli diese Urethritis zum Decubitus urethrae steigern.
Der Verfasser empfiehlt als Regel: Vom Tage der Verwundung an*
innerlich reichlich Salol oder Urotropin und Entleerung der Blase »narb
Heißwasserseifenwaschung des Penis) dreimal in 24 Stunden mit einem
| ausgekochten mittelstarken, mit Olivenöl angeschütteten Nelaton, wobei
' jede Einspritzung, Spülung usw. zu unterlasseu ist. Die weitere Be¬
handlung muß einem Inlaudlazarett überlassen bleiben.
I Ehrenfried Crämer: Ueber die völlige Ausreißong (avulslv)
des Augapfels mit allen Muskeln durch Gewehrschuß. Eingehende Be¬
schreibung des seltenen Falles und Schilderung der schließlich von Erfo g
gekrönten Versuche, ein normal großes Kunstauge einzusetzen, das bei
ganz vorgebracht geöffneter Lidspalte festgehalten wurde.
Otto v. Her ff: Zur Vertilgung der Läuse. Kopfläuse werden
bei Frauen in folgender Weise beseitigt: Die Haare werden mit ts*
badilltinktur (Semen sabadillae 1 zu Spiritus 10 von 83 bis 8b)
tüchtig eingerieben und recht naß durchfeuchtet, wobei man die Augeu
schützen muß. Nunmehr werden die Haare in ein Leinentuch ein
geschlagen, das um Stirn, Ohrengegend und Nacken so fest unigebun *n
wird, daß die Kopfläuse nicht herauskriechen können. Dieser Aernm»
bleibt 12, höchstens 24 Stunden, je nach der Dichte des Haarwuc ^
liegen. Bei besonders langen Haaren und besonders zahlreichen 1 ^- eD
empfiehlt es sich, die Prozedur nach sechs bis acht Tagen zu ^
holen. Bei Männern kommt Petroleum in erster Linie in ^
z. B. eine Mischung von Petroleum und Gel aa, die mehrmals am a r
eingerieben wird. Je kürzer die Haare, desto besser. Gegebenen 1 >
wären die Einreibungen nach sechs Tagen zu wiederholen. Bei K 61
lausen werden die Kleider, wenn strömender Dampf nicht zur\ er ^» UI ^ n^.
den Dämpfen der schwefligen Säure ausgesetzt. In einer größeren
kiste, deren Fugen gut verdichtet werden müssen, etwa durch \ er' 1
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mit Papier, damit die Tiere nicht herauskriechen, werden in einer eisernen
oder irdenen Pfanne Stangenschwefel oder Schwefelblumen abgebrannt.
Die Kleider werden so verstaut, daß sie nicht anbrennen können, und
der Deckel wird dicht geschlossen. Nach zwölf Stunden sind die Tiere
und ihre Eier abgetötet.
Schultz: Nltrobenzolvergiftong dnrch Einatmen eines Lätuemlttels.
Sechs Soldaten hatten sich mit einer vermutlich Nitrobenzol enthaltenden
Flüssigkeit eingerieben und waren der Einwirkung der Dämpfe ver¬
schieden lange Zeit ausgesetzt gewesen. Bei allen wurde danach die
Hautfarbe gelblichweiß mit einem leichten Stich ins Graue, die Lippen
lilaugrau. Im Zimmer war ein bittermandelähnlicher Geruch, mit
j.eir 'oleumätherähnlichem Dunste gemischt, nachweisbar. Sämtliche
Patienten wurden schließlich gerettet.
Otto Jüngling: Zur Versorgung der Oberschenkelfrakturen im
Felde. Im allgemeinen soll eine Oberschenkelfraktur nur im gefensterten
liijisverband in die Heimat transportiert werden. Dessen Anlegung ist
aber nur bei Sanitätsformationen und unter diesen meist erst beim Feld-
lawreit möglich. Dem Truppenarzt stehen nur die bescheidensten Mittel
m Verfügung. Die Technik des gefensterten Gipsverbandes wird genau
beschrieben. Der Zug wird niemals am gestreckten Bein ausgeübt,
sondern in Venenflexion und leichter Abduction (Uebertragung des
für die Eltensionsbehandlung maßgebenden Prinzips auf den Gips verband).
Eine Oberschenkelschußfraktur im gefensterten Verbände darf aber nur'
im Lazarettzuge, nicht im Transportzuge befördert werden, dahier keine
Wundkontrolle möglich ist. Bei infizierten Fällen sollte vor dem Ab¬
transport die Entfieberung unbedingt abgewartet werden, da ein
Weit ergehen der Infektion möglich ist, was einen Eingriff erfordern
kann, der auch im Lazarettzuge nicht durchführbar ist. Der Gipsverband
muß aber in der Heimat dem Extensionsverbande mit folgender mediko-
me< haniseber Behandlung und Massage Platz machen. Denn er ermög¬
licht eine genügende Stellungskorrektur in der Hegel nicht. Er im¬
mobilisiert nur und wirkt dadurch der Infektion entgegen.
Hans Al brecht (München): Kriegschirurgische Erfahrungen aus
dem Feldlazarett. Schluß. Die Aufgabe des Feldlazaretts wird außer¬
ordentlich erschwert durch die plötzliche Uebersehwemmung mit Ver¬
wundeten und durch die Notwendigkeit des alsbaldigen Weitertransports
dieser in die rückwärtigen Lazarette. Die Feldlazarette sollten nicht
weiter als 4 bis 6 km von dem Schlachtfeld entfernt eingesetzt werden,
sonst können die Sanitätskompagnien ihrer Aufgabe, alle Verwundeten
möglichst bald in die Feldlazarette zu führen, nicht gerecht werden. Be¬
sprochen werden eingehend die verschiedenartigsten zur Beobachtung
gekommenen Verletzungen. Der Verfasser konnte übrigens konstatieren,
daß die vom Hauptverbandplätze kommenden Mastisolwundverbände eine
durchaus ideale Wundbedeckung darstellfcen, während die Verbände mit
den \ erbandpäckchen, auch wenn sie noch mit Heftpflasterstreifen be¬
festigt waren, sehr häufig Bich verschoben und zur Entblößung der
unde geführt hatten. Die Narkose geschah nur mit Chloroform
Schema: jede Minute 30 Tropfen!). Die Aethernarkose dagegen verlangt
'he Mitführung erheblich größerer Mengen des Narkoticums (für den
Aetherrausch allein pro narcosi 50 bis 60 gl), Aether ist ferner bei
offenem Licht (in der Nacht) zu feuergefährlich, und endlich erfordert die
Aethernarkose einen geübteren Narkotiseur als die Chloroformtropfnarkose.
Fürst: Ein Improvisierter Desinfektionsapparat für den Feld-
wreübetrieb. Als Dampfquelle wird die Benutzung der Feldküche
empfohlen.
v i^ ius Herbst (Nürnberg): Ersatz für Gummlklssen. Angelegent-
c rto Empfehlung von Hirsespreukissen, die beliebig oft ausgekocht
je en können fdabei werden sie durch ein paar Backsteine beschwert,
amit sie vollständig vom Wasser bedeckt sind). Dem Wasser wird
? l enpulver zugesetzt (Schneehase oder Persil). Die Kissen werden zum
r „ en auf die Heizung gelegt und sind in 24 Stunden wieder ver¬
wendbar.
Lruner: Krampfadern und Diensttauglichkeit Bei einer Moste -
des ungedienten Landsturms zeigte ein 27 jähriger gesunder, kräf"
l - n "® ann Erweiterungen der Blutadern beider Beine, wie sie stärker kaum
werden können: Ueber die Haut des ganzen Beins erhoben sich
jneranndicke Stränge, zum Teil zu Knäueln zusammengeschlossen. Die
1 r ‘ iQ ^ Ahlten sieh weich an; das in ihnen enthaltene Blut ließ sich
wöralwärts gut verstreichen. Die Haut batte die gewöhnliche Färbung
lü> \f^ te n ' r ^ eQ( * s ^’beu oder Flecken. Es bestanden keine Oedeme.
,'7 ^ aDn durchaus bei der Infanterie eingestellt werden und wies i
seine großen Leistungen im Marschieren lind Turnen hin, An-
eD * die sich bei der Nachprüfung bestätigten. Man sollte daher
eue auch mit hochgradigen Blutadererweiterungen, die selbstverständ-
Dlc ht zum Aufbrechen neigen dürfen und ohne Oedeme bestehen
nach ihren Leistungen erforschen und eventuell „versuchs-
einatellen. F. Bruck.
Wiener klinische Wochenschrift 1915 , Nr, tl ,
J. Ballner: Ueber die Tragfähigkeit des Amputationsstampfs.
Mit einem Nachworte von Prof. Freiherrn v. Eiseisberg. Diese sehr ein¬
gehende, noch in Friedenszeiten entstandene Arbeit sei allen Feldiirzten
bestens empfohlen. Es wird das Bunge sehe (modifizierte Biersche) Ver¬
fahren für die Amputation angeraten. In einem Nachwort empfiehlt
v. Eißelsberg gleichfalls die Operation nach Bunge: sie ist gegenwärtig
die am leichtesten auszuführende Methode zur Erzielung eines tragfähigen
Stumpfes, so leicht und einfach, daß sie jeder Arzt, selbst wenn er unter
den einfachsten Verhältnissen tätig ist, ausführen kann.
Prof. Riehl: Bemerkungen über Erfrierung. Aus den sehr inter¬
essanten, aber mehr theoretischen Erörterungen sei für die Praxis der
Rat zu konservativster Therapie und die Empfehlung hervorgehoben,
bereits einmal erfroren gewesene Hautpartien schon im Herbste mit
Wolle oder Seide zu bekleiden, anliegende enge Schuhe und Handschuhe
zu vermeiden und durch Tragen von Pulswärmern und Muff schon lauge
vor dem Winter dem Ausktihlen der Hände und Füße vorzubauen, weil
bei langer Einwirkung schon die kühlere Lufttemperatur in den Herbst¬
monaten, die sich zwischen •+■ 2 und 5 0 bewegt, Erfrierungen ersten
und zweiten Grads hervorruft.
P. Blau: Ueber einen Fall von Tetanie bei einem Landsturmmanne,
kombiniert mit anfallsweise auftretenden Krämpfen in willkürlich bewegten
Muskeln. (Myotonia congenita? Thomsensche Krankheit) Der Fall
konnte an der entlegenen Küstenstation, wo er zur Beobachtung kam,
nur ungenau, elektrisch gar nicht untersucht werden. Kombinationen
von Thomsenscher Krankheit mit Tetanie sind im übrigen in der
Literatur bereits beschrieben.
N. v. Jagic: Ueber das Verhalten der Körpertemperatur bei
Dysenterierekonvaleszenten. Dem Fieber kommt bei Dysenterie eine
weit geringere klinische Bedeutung zu als bei andern Infektionskrank¬
heiten. Es können bei normalem subjektiven Befinden und normalen
Stuhlentleerungen noch rektoskopisch nachweisbare geschwürige Darm¬
veränderungen vorhanden sein. Subfebrile Teraperattuen stillten ge¬
legentlich auf eine im Felde überstandene Dysenterie aufmerksam machen.
Misch.
Wiener medizinische Wochenschrift 1915, Nr. 12.
L. v. Liebermann: Einige Gesichtspunkte für die hygienische
Beurteilung industrieller Abwässer. Die Mannigfaltigkeit der Industrien
mit der Verschiedenheit ihrer Abwässer und die Verschiedenheit der
örtlichen Verhältnisse lassen für die Beurteilung der Abwässer keine
allgemeingültigen Regeln geben. Es werden indessen einige für die
Praxis wichtige Gesichtspunkte für die Neugründungen industrieller An¬
lagen in bezug auf die Schädigung der Fischzucht, der Luftverpestun"
und für das Trinkwasser gegeben. °
F. Demmer: Erfahrungen einer Chirnrgengruppe Im Beterrelchisch-
russischen Feldzuge 1914, IS. Es sind in Oesterreich sogenannte Chirurgen-
gruppen aus den einzelnen Kliniken, chirurgische Arbeitseinheiten
gebildet worden, wobei durch die gleiche Schule und die geschulte Zu¬
sammenarbeit größere Leistungsfähigkeit erzielt werden konnte Ueber
ihre Erfahrungen wird bei Abschluß der Veröffentlichung berichtet werden
Val. Lucas: Partus nnllateralls In utero dydelpho. Der Fall ist
wegen der diagnostischen Schwierigkeiten sehr instruktiv, die sich unter
den ungünstigen Untersuchungsverhiiltnissen ergaben, weil man digital
immer in die Scheide des nicht graviden Uterus hinein kam. Misch.
Zeitschrift für ärztliche Fortbildung 1915. Nr. 5.
, P. Trendelenburg (Nikolassee): Ueber Nosokomlalgangrtn. Die
durch die Vmcentschen Bacillen erzeugte Wundkrankheit ist zum Glück
dank der Antisepsis selten geworden, aber nicht erloschen. Gelegentlich
zeigt Bie sich bei vernachlässigten Beingeschwüren. Daa beste Mittel ist
Anwendung des veralteten Glüheisens in Chloroformnarkose oder Aul
legen von Wattebänschcken, die mit konzentrierter Chlorzinklfisung ire
tränkt sind. 6 6C ‘
n. W - Kö ® h ® (Berlin > : Ueber die Aassichten der chirurgischen Be¬
handlung der Gallenwegerkrankungen. Gewisse Nachbeschwerden bleiben
bei einem Teil der Operierten zurück oder treten später wieder auf
Rechtzeitige Ausführung der Operation, namentlich bei der akuten und
chronischen infektiösen Cholecystitis und beim Vorhandensein von Hepaticus
Choledochussteinen füliren die Beschwerden auf ein Minimum zurück
ebenso die Mortalität, vorausgesetzt, daß keine Komplikationen vorhanden
sind. Bei einfacher, nicht entzündlicher und nicht infektiöser Cholecystitis
;enügt die interne Behandlung.
J. Enge (Strecknitz-Lübeck): Ueber die Bedeutung der progressiven
Paralyse und ihre Behandlung in der allgemeinen Praxis. Abgrenzung
en Neurasthenie, gegen Tabes, multiple Sklerose. Tumor, Himlues!
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UNIVERSUY OF IOWA
m
1915 — MI' lMZlXISOIIE KLINIK — Nr. 15.
11. April.
alkoholische Pseudoparalyse, posttramnatisehe und senile Demenz wird ge¬
schildert. Von den therapeutischen Versuchen sind die von v. Wagner
empfohlenen Injektionen vou Alttuberkulin zur Erzeugung künstlichen
Fiebers erwähnenswert. Sie wurden im Anschluß an eine nntiluetisehe
Kur vorgenommen und haben beachtenswerte Resultate geliefert.
A. Laqueur (Berlin): Die Nachbehandlung der Kriegsverletzungen
des Bewegungsapparats mit Bädern, Wärmeanwendungen und Elektrizität.
Besonders hervorgehoben zu werden verdient die wohltätige Wirkung der
feuchten Wärme auf Schmerz und Steifigkeit in Muskeln und Gelenken-
G isler.
Korrespondenz-Blatt für Schweizer Aerzte 1915 , Nr. 2.
Hans Guggisberg. Ueber Wehenmittel. Zur Prüfung der Wehen¬
mittel dient neben der klinischen Beobachtung die 1 lahncrikammethode
und die Untersuchung am überlebenden Uterus. Beim Menschen ist es
schwer, ein genaues Bild der Wirksamkeit der Wehenmittel zu be¬
kommen. Das Secale ruft starke Tonussteigerung der I'terusnuiskulatur
hervor. Es greift wahrscheinlich in der Uteruswand an. Von Neben- |
Wirkungen sind bekannt die Eigenschaften, Gangrän und Krämpfe zu er¬
zeugen Bei intravenöser Zufuhr setzt es — wohl auf cardialem Wege — den
Blutdruck herab, der sonst, vermöge des Secaleeiiiflnsses auf die Arterien¬
wand, steigt. Versuche, den auf die glatte Muskulatur wirkenden Stoff
zu isolieren, sind nicht gelungen. Das Hydrastin aus der Hvdrastis
canadensis beeinflußt den Tonus des Uterus nur wenig, ist aber ein
starkes 11 erzgift. Dagegen reagiert die Uterusmuskulatur auf Hydra stimm
das Herz wird nicht angegriffen. Ein gütet Wehrnmittel ist weiterhin
das Chinin. Das aus der Hypophyse bergest eilte Pituitrin wirkt sehr
prompt, doch kommen auch hier unerklärliche Versager vor: es ist
relativ ungefährlich, erzeugt aber in großen Po>on Tetanus. Adrenalin,
das st uk blutdrueksteigernd wirkt, ist in der Geburtshilfe nicht zu ge¬
brauchen. da es bald nach der Injektion im Körper verändert wird.
Achilles Nord mann. Zur Bewertung des Kopfhochstandes vor
der Geburt bei Erstgebärenden. Verfasser haben im Gegensatz zu den
Angaben vieler Lehrbücher bei zirka K«Kt Fällen Erstgebärenden in 30 %
feststellen können, daß der Kopf am Ende des neunten Schwangerschaft s-
monats nicht ins kleine Becken oingetreien war. ohne daß pathologische
Verhalt ni^e Vorlagen Er führt dies auf eine Atonie der Uteriismu.sku-
latur in den letzten Wochen zurück. K 11 .
Zentralblatt für innere Medizin 1915, Nr. 12.
Eichhorst: lieber okkulte Nierenbeckenblutungen. Bei einem
Kranken mit Harnsteinen im linken Nierenbecken fand E. im zentri¬
fugierten klaren Urin sechs Monate nach einem Anfalle von Kolik mit
Blut harnen große RundzeUen mit Blutfarbstoff. Diese Blut-
pieiitcntzcHen weisen darauf hin, daß sich im Nierenbecken unter dem
Steinreize kleinere Blutungen bilden. Die Blu Harbs tofl/a llen sind also ein
Zeichen für okkulte Blutungen bei Nierenleiden. Sie können, im Gegen¬
satz zu den Ilerzfehlerzellen, nur von farblosen Blutkörperchen her¬
stammen. K. Bg.
Böcherbesprechungest
P. v. Bruns, C. Garrb, H. Kuttner, Handbuch der praktischen
Chirurgie, vierte umgearbeitete Auflage. Stuttgart 1014, Fer¬
dinand Enke. IV. Band: Chirurgie der Wirbelsäule und des Beckens,
Mit 303 teils farbigen Abbildungen. 1128 Seiten. M 30,20. Y. Bund:
Chirurgie der Extremitäten. Mit 770 teils farbigen Abbildungen. 1313
Seiten. M 35,20.
Der in der letzten Auflage schmale 1 vierte Band ist recht stattlich
geworden. Die Hälfte der neuen 450 Seiten allerdings fällt auf die früher
in Band II untergebrachte Chirurgie der Wirbelsäule, die wiederum
Ile nie (Dortmund) bearbeitet. Der Abschnitt Skoliose nur hat zum Mit¬
verfasser Dreh in an n (Breslau): auffallen mag da, daß das Verfahren nach
Abott mit keinem Wort erwähnt wird. Die Foerstersche Operation
hat eingehende Berücksichtigung gefunden.
Stcinthal (Stuttgart), Kümmel (Hamburg), Graff (Bonn) haben
verstanden, den Abschnitten über Chirurgie des Beckens und Chirurgie
der Niercu und Harnleiter eine angeucbm empfundene größere üeber-
sichtlichkeit zu geben. Ganz neu bearbeitet sind die Abschnitte: Chir¬
urgie der männlichen Harnblase (Zuckerkandl-Wien) und Chirurgie
der Prostata (Schlange-Hannover). Remmstedt (Münster i. W.) hat
in den früher mit Bramaun gemeinsam herausgegebenen Kapiteln: Chir¬
urgie der männlichen Harnröhre, Chirurgie des Hodens und seiner Hüllen
und Chirurgie des Penis zu weitgehenden Aeuderungen keine Veranlassung
gehabt. Zum ersten Male hat jetzt auch die Chirurgie der weiblichen
Harnorgane ausführlich in das Handbuch Aufnahme gefunden; der be¬
rufene Verfasser dieser 140 Seiten ist Stöckel (Kiel).
Beim fünften Bande, der Chirurgie der Extremitäten, lag begreif¬
licherweise am wenigsten Grund vor zu prinzipiellen Aenderiuigen. Es
blieben die altbewährten Bearbeiter: Hoffmeister (Stuttgart) und
Schreiber (Augsburg): Die Chirurgie der Schulter und des Oberarms,
Wilms (Heidelberg); Die Chirurgie des Vorderarms und Ellbogens,
Friedrich (Königsberg*: Chirurgie des Handgelenks und der Hand,
Reichel (Chemnitz): Chirurgie des Kniegelenks und Unterschenkels.
Für Hüfte und Oberschenkel nur ist an Stelle des verstorbenen Hoffa
v. Brunn (Bochum) getreten, für Fußgelenk und Fuß zeichnet jetzt
Borchardt (Berlin) allein. Es ist begreiflich, daß diese beiden Abschnitte
die größte Umarbeitung erfahren haben. Aber, in welchem Abschnitt
immer man den Baud aufschlägt, allüberall zoigt sich die sorgfältige
Verwertung neuester Forschung und Erfahrung.
Ilervorheben möchte ich noch, daß in Band IV die Zahl der Ab¬
bildungen um mehr denn 100, in Band V um mehr denn 200 vermehrt
worden ist; einzelne ältere Abbildungen dürften noch ersetzt werden.
So ist denn die vierte Auflage des Handbuchs der praktischen
Chirurgie vollständig. Wir dürfen uns des Werkes erneut a.ütnchtig
freuen. Dem in praktischer Arbeit stehenden Chirurgen ist es Hingt
unentbehrlich geworden. Wir können nur wünschen, daß auch mögliche
viele praktische Aerzte in das gleiche Verhältnis zu diesem vorzüg¬
lichen Werke kommen. Es hat nicht seinesgleichen.
Albert Wettstein (St. Gallen).
Zentralblatt für Herz- und Gefäßkrankheiten 1915, Nr. 5 u. 6.
Nr. 5. Fromberg: Experimentelle Stodie über die Circulaiions-
verhällnisse im Ductus arteriosus post partum. Der Pulsadergaug durch¬
bohrt die Aortenwand in schräger Richtung in einem Winkel von TI 0
in einem schlitzart igen Spalte, der von einem klappenarlKen Fort¬
sätze der Mümhutgswand überdacht wird. Durch diesen Vorhang kann
die Hoffnung verschlossen werden. Wurden die Herzkammern von
Fnitcielmrten*'(und auch von einem acht Monate alten Kinde) mit ge¬
färbten Flüssigkeiten gelullt, sodaß in Nachahmung der natürlichen
Druckverlnihnisse das Aorteublut mit dreifachem Druckübergewichte
oo-Muiüber der Blutsäule in der Arteria pulmonalis stand, so wurde doch
niemals der Ductus arteriosus aus der Aorta gefüllt,
sondern stets aus der Lungenarterie. Es findet also im Ductus
keine Umkehr der Stromrichtung post partum statt.
Nr <>. R. .Tores: Vorübergehender Pulsus irregularis perpetuus
(absolutus) auf Grund einer thyreotoxischen Störung. Bei einem
(55 jährigen Fräulein mit einem seit 15 Jahren bestehenden Kropf ent¬
wickelten sich in den letzten Jahren die Erscheinungen der Basedow¬
schen Krankheit mit Pulsbescbleunigung und tachvkardischeri Anfällen.
Am Herzen wurde absolut unregelmäßige Schlagfolge mit fehlen¬
der Vorhofzacke im Elektrokardiogramm gefunden. Es ist, nun be¬
merkenswert, daß einige Wochen nach der Strumcktomie die Unruhe
und die Anfälle von Uerzjagen nachließon und zugleich der Puls ganz
regelmäßig gefunden wurde mit ausgeprägter Vorhofzacke. Es
la^ also hier ^dieser Pulsform nicht wie in der Regel eine dauernde
organische Läsion zugrunde, sondern eine rückbildungsf iihige
Schädigung iufolge der thyreotoxischen Erkrankung. K. Bg.
inist Mangold, Hypnose und Katalepsie bei Tieren im Ver¬
gleiche zur menschlichen Hypnose. Mit 18 Abbildungen i®
Text. Jena 11414. Gustav Fischer. 81 Seiten. M 2,50.
Verfasser gibt eine systematische und nach physiologischen
ichtspunkten geordnete Dai Stellung alter und neuer Erfahrungen ü er
ierische Hypnose. Bewegungslosigkeit, Totstellungsreflex und Katalepsie.
)ie einzelnen Tierklassen werden gesondert behandelt, die Phänomene
er tierischen Hypnose werden durch gute Abbildungen verarischaulic i
angehend wird sodann die tierische mit der menschlichen Hypnose >er
fliehen. Die tierische Hypnose stellt einen wohl charakterisierten
nmptomenkomplex dar, einen schlafähnlichen Zustand mit leiden er
)rtsi>ewcguüg und Lagekorrektion, mit Veränderungen des Muskeltonus
trid der Sinnestätigkeit (Analgesie). Die Frage, ob die tierische H.'P'jj®
ler menschlichen Hypnose als analog oder identisch an die feite ge *J
verdon kann, wird vom Verfasser bejaht, indem er den ausfiihr tetf
Nachweis erbringt, daß in allen Einzelheiten des Eintritts um ^
\blaufs wie der physiologischen Symptome die weitgehendste 1- e
Stimmung bei den Tieren und bei den Menschen besteht. Allerdings vi
lie zur Horvorrufung der menschlichen Hypnose notwendige
ifferenier Erregung nicht wie beim Tiere durch die mechanische. * on
lureh die suggestive psychische Beeinflussung bedingt. Da^er au
psychische Defizit beim Tiere zurückzuführende psychologische
schied kann uns jedoch nicht hindern, die physiologische Gleii mru r ^
ler Zustände anzuerkennen. Die Darstellung, die \ erfassei
knapp und sehr übersichtlich. Die Arbeit ist sehr geeignet, raw
Thema einzuführen. Die angeführte Literatur erieLhtert ein *
Eindringen in den Gegenstand. Henneberg (ß tr
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UNiVERSUY OF IOWA
II. April.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15.
487
Wissenschaftliche Verhandlungen. — Bernfs- and Standesfragen.
jVcae Folgt der „ Wiener Medizinischen Presse“. Redigiert von Priv.-Doz. Dr. Anton Bum, Wien.
Wiener Dermatologische Gesellschaft.
H. Koch: Exanthem hei Diabetes mellitus. Das vorge¬
stellte 12jährige Mädchen erkrankte vor einem Monat an Diabetes
und zeigt derzeit ein vornehmlich an den Extremitäten lokalisiertes,
mehr minder reichlich entwickeltes, Taches bleues ähnliches, maku¬
löses Exanthem aus erbsen- bis linsengroßen, kreisrunden oder
oralen, bläulich lividen Effloreszenzen, von denen viele im Zentrum
ein rotes Pünktchen tragen. K. hat dieses rasch abblassende und
ohne Residuen verschwindende Exanthem bereits in 8 Fällen von
schwerem Diabetes mit Azeton im Harn gesehen, in zwei leichteren
Fällen ohne Azetonurie war es nicht vorhanden. Alle 11 Fälle
betreffen Kinder (aus der Klinik v. Pirquet). Es scheint ein
Exanthem auf toxischer Grundlage vorzuliegen.
Nach G. Riehl, der ähnliche Exantheme noch nie gesehen hat,
dürfte die Kombination von jugendlichem Alter und Azetonurie hier
ätiologisch in Betracht kommen.
Nach 0. Kren kommt Purpura bei Diabetes meist nur an den
unteren Extremitäten vor und ist als schweres Symptom anzusehen.
0. Sachs stellt eine 40jährige Frau mit serpiginösejn
Syphilid am Stamm und rechter unterer Extremität vor. Mög¬
licherweise liegt eine Kombination mit Psoriasis vulgaris vor. Die
seit 30 Jahren erkrankte und wiederholt mit Salvarsan, Hg und
Merlusan behandelte Pat. zeigt konstant negativen Wassermann.
0. Kren führt einen 42jährigen Mann vor, bei dem vor
4 Wochen unter Jucken eine an follikuläres papulöses Ekzem
erinnernde Dermatose auftrat, die auf den behaarten Kopf, die
Stirne, Nasolabialfalten, Ohren, Hals, Sternum, Nabel, Mons veneris
und Sakralregion lokalisiert ist. Auch die Mundschleimhaut ist
ergriffen. Es handelt sich um eine Psorospennosis Darier.
H. Fasal: Anfangsstadium von Xeroderma pigmen¬
tosum. Bei dem 24jährjgen Pat. sind an Stirn, Gesicht und
Wangen gelbbraune Pigmentationen, zahlreiche kleine Teleangi¬
ektasien nnd vereinzelt atrophische Stellen sichtbar. Der Fall ge¬
hört zu jenen, welche auf einer geringen Entwicklungsstufe stehen
geblieben sind. Die Pigmentationen sind therapeutisch nicht zu
beeinflussen, blassen auch im Winter nicht ab. Prophylaktisch ist
Venneidung von Sonnenbestrahlung anzuraten.
^P mann beobachtet seit mehreren Jahren ein jetzt 2S jähriges
Mädchen mit zahlreichen epithelartigen Pigmentationen, bei dem schon
zweimal kleine Hautkarzinome exstirpierfc wurden. Der Vater der Pat.
darb vor einigen Jahren an multipler Hautkarzinose.
ein 21jähriges Mädchen vor, das seit dem
ln. Lebensjahr an Erythema induratum Bazin leidet. An den
unteren Extremitäten zahlreiche subkutane, teilweise aufgebroehene,
häufig durch subkutane, thrombosierten Venen entsprechende
otränge verbundene Knoten. Es besteht auch eine Conjunctivitis
phlyctaenulosa.
0. Kren teilt mit, daß schon durch wenige Tiefenbestrahlung mit
er Quarzlampe bei Erythema induratum Bazin die Infiltrate restlos
zum \ ersebwinden gebracht werden.
y . Rjehl hebt hervor, daß das Erythema nodosurn und induratum
>wn klinisch und ätiologisch verschiedene Krankheiten sind, ebenso
Ü 1 Dt. eine ^ en tihzierung des Erythema induratum mit Syphilis nicht
3ii) rlatz.
0. Neugebauer zeigt einen Fall von Erythema multiforme
auptsächlich mit Irisformen an beiden Armen (10. Rezidiv).
W.Balban: Drei Fälle von Koilonychie. Im ersten Fall
jeigea die befallenen Nägel Abflachung oder konkave Wölbung.
n/) VeitCI1 ^ man eine vornehmlich am Daumen ausge-
j??? 6 ; su ^ungale Hyperkeratose. Der Nagel ist eie viert und zeigt
* husselbildung. Der Pat. ist Buchdrucker und arbeitet, mit Kupfer-
l r iol und Schwefelsäure. Der dritte Pat., ebenfalls Buchdrucker,
m'u i vor Jahren in gleicher Art wie der zweite und be-
ierk ' e Besserung des Zustandes nach Aenderung des Berufes.
E. Spitzer stellt einen Pat. mit luetischem Rezidiv vor.
seinem ersten Exanthem besteht noch ein Leukoderma
nBchae und des Penis, ferner eine beginnende Alopecia specifica
apj utn. — Dann einen Pat., der neben einer Rezidiv roseola
^ Wirderarmcn, Bauch und Thorax eine Pityriasis rosea auf-
. ElHoreszmen beider Erkrankungen lassen sich deutlich
aneinander unterscheiden. — Hierauf einen Fall von Liehen
«‘hionieus : Handtellergroße Plaques über eleu Körper
2 erstreut ohne nässendes oder krustöses Vorstadium; starker Juck¬
reiz. — Weiter einen schwach pigmentierten Naevus der Wange,
der infolge kleinster Hornkegelchen an den Haarfollikeln ein cha-
griniertos Aussehen zeigt. — Schließlich eine Pat. mit Hydroa
vaeciniformis oder Aene varioliformis. An beiden Haudrücken
sieht man kleine Knötchen mit einem serösen Bläschen auf der
Spitze. Dasselbe trocknet zu einer kleinen festhaftenden Borke
ein, die unter Hinterlassung einer leicht gedellten Narbe abfällt.
Die Affektion tritt immer im Sommer auf.
K. Ullmann: Zur Behandlung hartnäckiger Urtikaria-
formen mit innerlicher Darreichung von Formol. Von einer
l°/ 0 igen Forraollösung wird ein Tropfen in Kohlenpulver verteilt,
in keratinierten Kapseln eingeschlossen. Täglich werden 8—10
solcher Kapseln genommen. Diese Therapie bewährte sich auch
in einem Fall, in dem die Linsersche Serumtherapie versagte.
R. O. Stein berichtet über gelungene Uebertragungs-
versuche der Blastomycosis americana Gilchrist auf Ka¬
ninchen und Affen. Die Kaninchen wurden mit parasitenhältigem,
I aus der erkrankten Lymphdriise eines Pat. stammendem Material
in die Hoden geimpft. Es trat eine diffuse Orchitis mit Schwellung
auf das Doppelte ein. Auf dem Durchschnitt zeigen sich zahlreiche
tuherkclähnliche Knötchen im Hodengewebe, die mikroskopisch aus
Granulationsgewebe mit vielen Riesenzellen bestehen, in denen die
hefeähnlichen Erreger enthalten sind. Die Impfung der Affen
(Rhesus) erfolgte mit demselben Ausgangsmaterial kutan-subkutan
in die Augenbrauen. Am IS. Tag zeigte sich ein linsengroßes
pustulösos Exanthem, indessen im Eiter zahlreiche Parasiten nach¬
weisbar waren. — Ferner stellte St. ein lOjähriges Mädchen mit
typischem Favus des Kopfes vor, bei dem auch der Nagel des
rechten Daumens erkrankt ist.
G. Scherber zeigte 1. eine 40jährige Frau mit einem 2 1 /* cm
langen, 4mm dicken, an der Basis durch traumatischen Reiz ge¬
röteten Cornu cutaneum an der Wangenhalsgrenze. Ein beginnen¬
der Tumor hinter demselben in Form einer Da cm hohen zylindri¬
schen Walze und eine ähnliche Bildung am rechten Joch bogen.
2. Eine 27jährige Frau mit einem vielgestaltigen Exanthem von
Lupus erythematosus. Am Kopf narbige, teilweise von infil¬
trierten Rändern umgebene Stellen, im Gesicht große, diffus
braune, verfärbte Partien über die Ohren bis zu den Schultern
ziehend, in denen sich rosarot-weißliche atrophische Stellen finden,
so daß das Gesicht ein buntes Aussehen annimmt (Poikilodermia
Jakobi-Müller). An Händen und Füßen Infiltrate mit violettem
Stich von normalen Stellen durchsetzt. Am Stamm steek-
nadelkopf- bis linsengroße Infiltrate von unregelmäßiger Form.
Die jüngsten Effloreszenzen sind von zarten Schuppen bedeckt,
die älteren Herde leicht eingesunken. Inguinaldriiscn geschwollen!
Nach einigen Injektionen von Tuberkulomucin Weleminsky zeigen
die frischen Effloreszenzen eine deutliche Sukkulenzzunahtne. Der
Fall ist als Lupus erythematosus disseminatus aufzufassen.
8. Ein (»jähriges Mädchen mit Lupus exulceratus an der linken
Wange, exulzeriertem Skrofuloderma am linken Ellbogen und
über der linken Tibia. Lokal wurde nur Borvaselin angewendet.
Sonst 18 Injektionen von Tuberkulomuzin steigend von 0,5 — 2 mg,
wöchentlich einmal. Es trat nur lokale Reaktion auf, alle Ulzera
reinigten sich und verheilten.
W. Kerl führt einen 50jährigen Mann mit ausgebreitetem
Naevus angiomatosus vor. An den Wangen und Ohrmuscheln
zahlreiche Flecke und prominente Knötchen von bläulichroter Farbe
und schwammiger Konsistenz, die auf Fingerdruck verschwinden.
Aehnliche Herde am Stamm, Kopf, oberen Extremitäten, Dersum
manus und unter der Nagelplatte. Auch an den Lippen, der Zunge,
dem harten Gaumen und der Konjunktiva finden sich kleine
Angiome.
G. Riehl weist «lar.-mf hin, daß in diesem Fall die Verteilung
der Geschw idstehen an Morbus Recklinghausen erinnert. Fs finden sich
gelbbraune Verfärbungen uud^ ein Albinismus partialis der Kopfhaut
indem au einer Stelle, srit Kindheit nur weiße Haare wachsen; auch
besteht ein akquirierter Vitiligo, der bereits zahlreiche Pigmentationen
konsumiert bat. Therapeutisch wirkte am besten die Applikation von
Aetzmitteln von seiten eines Laien.
0. Kren erwähnt, daß Kelly auf dem letzten Wiener Larvimo-
logenkongreß über eine größere Anzahl solcher Fälle berichtet hat. doch
haben diese Naevi mit dem sogenannten Naevus Pringle nichts zu tun.
O. Werl demonstriert einen Tierfellnaevus hei einem
Elfjährigen Mädchen. Neben zahlreichen Herden am Stamm und
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UMIVERSITY OF IOWA
438
1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15.
II. April,
Extremitäten mit starker Pigmentierung und Behaarung sieht man
mehrere handtellergroße Herde an der rechten Kopfseite, auch am
rechten Ohr. Die Haare an diesen Stellen sind teilweise pigmentlos.
K. Uli in an n erinnert an einen seinerzeit hier vorgestellten Fall
von Angiomatose bei einer älteren Frau, wo an Kopfhaut, Schleimhäuten
und auch an inneren Organen (besonders Leber) zahlreiche Angionae auf¬
traten. Durch heftige Blutungen und septische Infektionen kam es zum
Exitus. Es dürfte sich um eine angeborene Schwäche des Kapillargefä߬
systems handeln.
W. Kerl zeigte schließlich einen 12jährigen Knaben, der
wegen Epilepsie große Dosen Brom nimmt und im Gesicht zahl¬
reiche große, blaurote Knötchen mit zentraler Pustel aufweist.
Aehnliche Knötchen sowie einzelne größere Bromoderinalierde
finden sich an den unteren Extremitäten.
M. Schramek demonstriert ein lßjähriges Mädchen mit
Trichostaxis spinulosa.
G. Riehl macht auf die histologischen Untersuchungen aufmerksam,
die* deutlich einen ausschließlich den Haarfollikel betreffenden patho¬
logischen Verhornnngsprozeß aufweisen.
M. Schramek stellt ferner eine 32jährige Frau, die im
Gesicht blaßrötliche, linsengroße Flecke, stellenweise mit brauner
Pigmentierung auf weist, vor. Am Rand sieht man oberflächlich
polygonale bläuliche Knötchen, ebensolche am Handrücken. Es
handelt sich bei der an ein zartes makulöses Syphilid resp. an
eine Corona venerea erinnernden Affektion um einen Lichen ruber
planus. — Schließlich führt Sch. eine 53jährige Frau vor, bei der
sich oberhalb der linken Mamma eine bogenförmig verlaufende,
6 cm lange, 1cm breite Vorwölbung findet, die bis in die tiefen
Schichten reicht und histologisch als Sklerodermie bestimmt
wurde.
P. Rusch zeigt die Photographie von einem Ulcus len-
caeiiiicunt des Genitales. Bei dem seit 1 % Jahren an chronischer
lymphatischer Leukämie leidenden Mann findet sich an der unteren
Fläche der Glans penis ein seit Jahren bestehendes, jeder Behand¬
lung trotzendes, schar/randiges, dunkelrotes, nässendes, seichtes
Geschwür mit glatter Basis. Histologisch sieht man ein dichtes
Infiltrat von Lymphozyten. Solche singuläre exulzerierte leukämische
Infiltrate geben oft Anlaß zur Verwechslung mit luetischen Primär¬
affekten. So hat R. bei einer 33jährigen Frau 4—5 kleine Efflo-
reszenzen nebst universeller Drüsenschwellung beobachtet und erst
nach Verschlechterung auf Hg-Kur, die zu einer enormen Drüsen¬
schwellung Anlaß gab, eine Blutuntersuchung vorgenomraen, die
eine chronische lymphatische Leukämie aufdeckte. — Ferner zeigt
R. die Photographie eines Falles von Lymphogranulomatosis
cutis. Ein 39jähriger Mann erkrankte an Adenitis inguinalis.
Wassermann negativ. Pirquet positiv. Keine Milz- oder Leber¬
schwellung. Die histologische Untersuchung einer exstirpierten
Leistendrüse ergab ein leicht vaskularisiertes Granulationsgewebe
mit den mannigfachsten Zellformen. Röntgenbestrahlung und Neo-
salvarsan erfolglos. Exitus unter zunehmender Kachexie. Fünf
Wochen vorher trat ein papulöses Exanthem in der Trochanter¬
gegend und in der Innenfläche der Oberschenkel auf. Es bestand
aus tief in die Kutis reichenden Knoten, die auf der Haut als
rosarote Flecke erschienen und schließlich hämorrhagischen Cha¬
rakter annahmen. Auch sie erwiesen sich als Granulationsgewebe.
Bei der Obduktion fanden sich ein älterer Herd der rechten
Lungenspitze und mächtige retroperitoneale Drüsentumoron.
S. Grosz stellte einen 36jährigen Mann mit Erythrodermia
Brocq vor. Die Affektion ist hauptsächlich an den oberen Ex¬
tremitäten und über der rechten Hüftgegend, von hier aus auf
die Innenfläche des rechten Oberschenkels übergreifend, lokalisiert
und zeigt dicht gedrängte feinste Hämorrhagien, so daß manche
der Strecken an die Purpura Majochi erinnern. — Ferner demon¬
strierte G. einen Pat. mit vereitertem submaxillaren Drüsenturaor
und einem besonders an den unteren Extremitäten sehr dicht
angeordneten, zu Plaques zusammenfließenden papulonekrotischen
Tuberkulid.
L. Arzt demonstriert eine Reihe von Fällen aus der Gruppe
der Geschwülste: 1. Multiple Tumoren der Unterbauehgegend (histo¬
logisch als Fibrome mit vielleicht beginnender sarkomatöser
Degeneration bestimmt), 2. ein Ojähriges Mädchen mit einem
zirka handtellergroßenJLymphangioma eysticum in der Sakral-
jregend der linken Seite, 3. eine 53jährige Frau mit einem Rezidiv
in der Haut der rechten Mamma nach Exstirpation der knrzino-
matösen linken Mamma, 4. 37jährige Frau, bei der nach Exstir¬
pation der rechten karzinomatösen Mamma in der Brusthaut zahl¬
reiche Zystchen mit klarem oder hämorrhagischem Inhalt sich
fanden, die bei der histologischen Untersuchung als durch kleinste
Metastasen bedingt sich herausstellten. 5 ; Anschließend projiziert A.
Diapositive und Präparate von Karzinomen, die eine Rudiarn-
behandlung erfahren hatten und im Haemalaun-Eosinschnitt
die schon vielfach beschriebenen Zellveränderuugeu, insbesondere
die Vakuolenbildung zeigen. An mit Sudan III gefärbten Gefrier¬
schnitten kann man, erkennen, daß sich in dem Protoplasma der
Zellen eine sudanophiie Substanz findet; jedoch konnten keine
doppeltbrechenden Eigenschaften nachgewiesen werden. U.
Kriegsärztliche Abende der Aerztegesellschnft in
Franzensbad.
Sitzung vom 8. März 1915,
Steinbach stellt einen Mann mit Lungenschuß vor; der
Einschuß am Sternum war bald verheilt, der Ausschuß jedoch, am
äußeren Rand der Skapula sitzend, von einem mäßigen Hämatom
umgeben. Das Ganze stellte einen apfelgroßen, prall gefüllten Blut-
sack dar. Eines Nachts wird St. zu dem Mann gerufen, der
fieberte und aus dem Hämatom blutete. Er verordnet^ kalte Um¬
schläge und innerlich Sekale. Am nächsten Morgen wieder Blutung;
nun wurde Eis aufgelegt und eine Ergotininjektion gemacht; die
Blutung sistierte einen Tag und kehrte dann wieder. St. machte
nun eine Digitalkompression und legte Eis auf, die Blutung
stand für 1—2 Stunden und als sie wiederkehrte, führte er einen
langen Kabelgazetampon ein und nun stand die Blutung vollends.
Reichl demonstriert eine Sehrapneilschußverletzung. Die
Verwundung betrifft den linken Vorderarm; Einschuß an der
Beugeseite ca. 2 Querfinger unterhalb des Ellbogengelenkes, Aus¬
schuß an der Streckseite 3 Querfinger unterhalb des Olekranons,
daselbst eine 2 cm lange, mit dem Knochen verwachsene Narbe.
Die Verletzung betraf die Weichteile und Röhrenknochen, insbe¬
sondere ist die Ulna frakturiert; das Röntgenbild zeigt dieselbe in
drei Stücke zertrümmert, am Radius sieht man an der korrespon¬
dierenden Stelle einen kleinen Knochendefekt. Als Pat. Mitte Jänner
im hiesigen Spital aufgenommen wurde, konnte er den Vorderarm
nicht rotieren. Dorsal- und Volarflexion der Hand waren sehr ein¬
geschränkt, der Händedruck gleich Null. Heute ist die Pronation
des Vorderarmes vollkommen, die Supination fast vollkommen
möglich, Volar- und Dorsalflexion unbehindert, Händedruck mittel¬
kräftig. Pat. kann Arm und Hand bereits gut gebrauchen und es
ist die vollständige Gebrauchsfähigkeit wohl zu erwarten. Die
Therapie bestand in täglichen Moorbädern, aktiven und
passiven Bewegungen und Zanderübungen.
Selig stellt einen Fall von intermittierendem Hinken bei
einem 37jährigen Soldaten vor. Die Krankheit besteht seit 5 Jahren,
wurde früher als Muskelrheumatismus behandelt, hat sich infolge
der Kriegsstrapazen bedeutend verschlimmert. Er hat immer im
Winter die größten Schmerzen, speziell beim Gehen, nach 12 bis
1;> Schritten muß er plötzlich stehen bleiben, dann geht es wieder;
der Fuß fühlt sich stets eiskalt au. Pat. hat ein taubes Gefühl im
rechten Bein, Ziehen in den Sehnen, bei Ueberanstrengung Krampf¬
gefühl in der Fußsohle und besonders in der Wade. Beide Fu߬
pulse fehlen in der rechten Unterextremitfit, während dieselben in
der linken Arteria tibialis postica sehr kräftig sind; außerdem ist
eine fast vollständige Anästhesie des rechten Unterschenkels, selbst
gegenüber vehementen Nadelstichen, Temperaturdifferenzen werden
nicht wahrgenommen. Der rechte Unterschenkel ist l'/s cm
schwächer gegenüber dem linken. Patellarsehnenreflexe auf beiden
Seiten bedeutend gesteigert, Bauchreflex lebhaft. Als ätiologisches
Moment kommt Tabakabusus (45—60 Zigaretten täglich und bl
bayerisches Bier) in Betracht. Am Herzen ist außer einer leichten
Akzciituation des zweiten Aortentones nichts abnormes. Der Blut¬
druck beträgt 110, die Radiatarterie ist leicht rigid. I® Ur jI J
j Eiweiß Null, Zucker Null. Therapie: Alle bisher angewandten Mit 1 ®
vollständig wirkungslos, ebenso Faradisation, Galvanisation, vier
zellenbäder, Gliihlichtbad, so daß Pat. bei Morphium angelang!
war. S. versuchte IS Moorfußbäder von 35° R. Di e Sc-binefZö
ließen bedeutend nach und auch das objektiv wahrnehmbare
gefiihl im Bein ist im Schwinden. Die Therapie wird fortgese
alle auderen Medikamente sind überflüssig geworden.
Kieglor: Nach Huchurd und Erb ist der Tabakinißbr«' 1 ^;
Hauptnoxe für das Zustandekommen der Dybasin angiosclen> i<
sehen, demnach ist die Einschränkung des Rauchens ein HaupjP tg
Von baineologischen Methoden bewähren sich am besten prf* V j er
lauwarme Moorfußbäder, 26 — 28° R, und CO s - Bäder mit ,mr l ^ {V
Bürstenabreibung der ganzen betroffenen Extremität. Lctztgeiia«
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II. April.
1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15.
zedur wirkte auch sehr günstig auf die Hyperästhesie des betroffenen
Beinen.
L. Steinsberg berichtet über sehr günstige Erfolge mit heißen
Moorfußbädern (35 rt R) und 25% Jodipininjektionen in die Glutaei.
Steinbarh hält heiße Moorpackungen (37—40° R) für an-
aezeigt.
Steinsberg demonstriert an einem Verwundeten einen Hebe¬
apparat für Hand und Finger bei Radialislähnmng nach Spitzy.
Der Kranke, der bisher trotz vielwöchentlicher elektrischer und
Massagebehandlung seine Hängehand in keiner Woise recht ver-
Sommer teilt mit. daß er in einem Fall mit der Bestrahlung
von blauem Licht in den anästhetischen Gebieten sehr gute Resultate
erzielt hat.
Selig stellt einen Fall von Vagotonie vor. Pat. war früher
gesund, erkrankte anfangs Februar im Felde an einer Gastritis
und Enteritis, hatte durch (S Tage 13 diarrhoische Stühle täglich,
kein Blut. Pat. zeigt das Bild einer ausgesprochenen Vagotonie.
Her Puls bis 4b, rhythmisch, klein, schwach, der Blutdruck sehr
niedrig HO—85. Außerdem bestehen zeitweilig Schwindelanfälie.
Bezeichnend für diesen Fall, wie für viele andere, welche infolge
wenden konnte, hat fast unmittelbar nach Anlegen des Apparates ' ra “’ wie ,ur . vie,e « WW0UB T**
die Finger mit Kraft zu beugen und strecken begonnen. Er kann ^^rmstornngen zu einer exzessiven yagushemninng fuhren,
jetzt mit der Hand essen, schreiben, und es ist die Arbeitsfähig- 5 ’ abg f sehe " V0D der Br 2 d f, k< V rdle ’ eine Mtaormnle K«pw
teit Ws zu einem hohen Grad „ledw hergestellt. Die Konstruktion t p e ®P era,ur - la unserem Fall be. mehrwochentlieber Beobach ung
desselben ist dem natürlichen Muskeimechanismus der Hand abge- Pulsfrequenzen vcn 4<>-o2 und Körpertemperaturen von 35,S-.«.,*.
. - - - • - - - - - - - - 6 Nach vollständigem Ablauf der Magendarmstorungen soll eine
Atropinkur versucht werden.
lauscht und beruht, auf dem Prinzip, daß die unverletzten Muskel-
fhl krä/te fiir unsere Zwecke ausgeniitzt werden.
Steinbach hält die Prognose der Radialislähmung niclit für ganz
]i:: ' 'ufaust insoferne als eine Heilung auch ohne Naht stattfinden kann. Kriegssaiutiitswissenscliaftliche Versammlungen in Lodz.
?: r , Steiosoerg bemerkt über die Aussichten der Xervennaht, daß
die primäre Naht bessere Chancen gebe, doch wird sie im Anschluß an Sitzung vom 20. .Jänner 1914.
die Verwundung selten ausgeführt. Nach erfolgter Ausheilung wird die Die Behandlung der Bauchschüsse,
prima intentio durch im Gewebe abgelagerten Eitererreger, oft auch durch rr- , oni
rk übermäßigen Knocheokallns ungünstig beeinflnßt. .. K °, rte . Referent, hat 201 Bauchschüsse m t sicher Ultra-
P- . ‘ „ . . _ „ _ _ peritonealem Weg in Belgien gesehen. Die 191 konservativ be-
L. bei ln er sen. stellt 1. einen Fall von Basedow vor, handelten Fälle ergaben eine Mortalität von 47,1%, hinzugerechnet
weicher nahezu geheilt ist. Derselbe kam als Rekonvaleszent nach die 5 e i der Sanitätskompagnie verzeichneten Todesfälle, 54%. Die
ir Pneumonie und akutem Gelenksrheumatismus; 2 Wochen später Sterblichkeitsziffer der 10 primär operierten Bauchschüsse betrug
isr , Symptome des Basedow’ auf: Tachykardie (120 bis 88 %. Die Beobachtung erstreckte sich über 3 Wochen (8 Tage
m ^ 0Puise )i Stroma, Exophthalmus, Gräfe, Tremor der Hände. Am Hauptverbandplatz, 14 Tage Feldlazarett), so daß die gewonnenen
Heizen war zeitweilig ein systolisches Geräusch wahrnehmbar, Zahlen als relative zu bezeichnen sind. Sprechen diese im Westen
!* zweiter PulmonaJton verstärkt. Später schwand das Geräusch, die gemachten Erfahrungen schon fiir konservatives Vorgehen, so ist
Tose wurden sehr laut, Herzspitzenstoß verstärkt. Pat. nahm CO..- dasselbe auf dem östlichen Kriegsschauplatz angesichts der sich
Jjäder, wurde auf laktovegetabilische Kost gesetzt, nahm innerlich liier in besonderem Maße bietenden, außerordentlich schwierigen
Hromarseoik und galvanisierte täglich den Sympathikus. Inter- äußeren Verhältnisse unbedingt am Platz. Prinzipielles Operieren
kurrent trat eine katarrhalische Pneumonie auf, welche 8 Tage au f dem Hauptverbandplatz ist unmöglich, während das Feldlazarett
dauerte. Nach deren Heilung wurde die Behandlung des Basedow j n den seltensten Fällen in Tätigkeit treten kann, ohne einen fiir
wieder au/genommen. Die Erscheinungen desselben nahmen allmäh- die Verwundeten langwierigen, beschwerlichen und dadurch für
lieh ab, der Exophthalmus und der Tremor schwanden, die Struma d en Bauchschuß sehr gefährlichen Transport notwendig zu machen,
wurde viel kleiner, nur die Tachykardie hielt an (102—130 Pulse). Zudem bietet die Asepsis des Feldlazaretts nicht immer genügend
DaDigjtahs nicht half, versuchte ich Atropin, und zwar Atropin i Sicherheit, um skrupellos an größere Bauch Operationen herantreten
sul/. 0,w, auf 50 g Wasser dreimal täglich 3 Tropfen. Nach 2U können
ÜSr-t PuIs,r . e . < l uw,z auf , 72 S e ? unk ? n - d “ ™ wurde Ref. stellt folgende Nonnen auf:
ausgesetzt, o Tage spater war der Puls wieder 90—100, nach 6 ... „ , _
abermaliger Verabreichung des Atropins trat wieder Verlangsamung T , Bie Bauchschüsse sollen nach Möglichkeit 0—8 Tage auf
des Pulses ein, 8 Tage später war der Puls abermals beschleunigt I dem Hauptverbandplatz liegen bleiben; dann hat schonender
!<l—100, es wurde hierauf wieder das Mittel durch 0 Tage ge- Abtransport zum Feldlazarett zu erfolgen. .
geben und seit mehr als 8 Tagen ist die Frequenz 88 — 92 in der I . ,, ere Kingewoidevorfalle s,n d baldigst m Narkose
* Minute; 2. einen Fall von vasotonischer Störung im linken mlt Kochsalzlösung abzuspülen und zu reponieren. - Kleine Darm-
Full infolge einer Schußverletzung oberhalb des Sprunggelenkes. Vorfälle bleiben liegen da sie -eich von selbst zuriiekziehen. -
Die Kogel blieb in der Tibia stecken und wurde nach voraus- Vorgefallenes Netz bleibt ebenfalls draußen liegen und wird sekundär
gegangener Durchleuchtung operativ entfernt. Die Heilung der abgetragen. . .
Operationswunde dauerte sehr lange, ging unter starker Eite- JK ei l Lrgwssen mit chronischer Peritonitis wird
rang und heftigen Entzündungserscheinungen vor sich, da in der £ ei * Bauch eröffnet und der Erguß ausgetupft, wie dies K. in einem
Schußwunde um die Kugel herum schon Eiter war. Nach ungefähr Kall mit Erfolg ausfuhren konnte.
* Wochen war die Wunde geheilt, es blieb eine Inaktivitäts- 4. K. laßt den Bauchschuß nicht hungern, sondern empfiehlt,
atrophie der Unterschenkeln!uskulatur und eine dunkellivide Ver- vom e J TS ^ en ^ a K e an flüssige Kost zu reichen,
ßrbnug und Kältegefühl des Fußes zurück. Pat. bekam 32* R , ). Ausnahmen von diesem exspe ktativen Verhalten sind
warme Moorfußbäder. Fuß und Unterschenkel wurden massiert, unte f Umstünden gegeben, doch mag nur der geübte Chirurg
laradisiert, mit Alkohol eingerieben. Die Muskulatur des Unter- operieren. Blasenschusse sind der Operation zu unterwerfen.
Schenkels nahm an Umfang zu (die Sensibilität hatte nicht ge- | Perthes (Tübingen) berichtet über 218 Bauchschüsse, die er in
Wen), aber die Zyanose des Fußes blieb. Nach Faradisation des I Frankreich und Rußland gesehen hat; von diesen gingen, konservativ
Fußes mit der elektrischen Bürste hat seit ungefähr 9 Wochen behandelt, 92 lebond ab, wahrend 120 Verwundete starben. Die an den
<üe Jirfde VflrfSrhni.«. a* Bürste hat sejt ung - 48 , n Rußland beobachteten Fällen mit konservativer Behandlung er-
nommen g UDd daS 61Slge Kältegefl,hl ,m Fuße ab * e ‘ zielten günstigeren Resultate (25 lebend ab), sind nicht ganz einwand¬
frei , weil eine genaue Sichtung in extra- und iutraperitoneale Ver-
Selig macht auf die auffallende Häufung der Basedowfälle infolge letzungen nicht vorgenommen wurde. Die höchste Mortalität ergab der
,itr kneggaufregungen aufmerksam. zweite Tag nach der Verletzung. Von den 13 operierten Verwundeten
«WOWWIM mit sehr ausgedehnten Weichteilverletzungen Erfolg operierten Bauchschüssen handelte es sieh um Verletzung der
') rarirr .ÄterfÖnniger Ausschußwunde, so daß der Plexus Blase oder Darmvorfall. P. hält operatives Vorgehen nur für ausnahms-
jfirh h 18 s , icbtf)ar war * Verheilung der Wunde in 4 Wochen, weise berechtigt, uud zwar wenn: 1 . die Operation innerhalb der ersten
e,ne niächtige Infiltration, der Arm war unbeweg- 12 Stunden ausgeführt werden kann; 2 . Anhaltspunkte (klinisch) für
11 und an einzelnen Zonen unempfindlich. Infolge der starken Darmverletzungen gegeben sind; 3. die äußeren Verhältnisse auf Haupt-
frnarbung mit dem umliegenden Gewebe war der Radialpuls Verbandplatz oder im Feldlazarett derartige sind, daß man seiner Asepsis
eht fühlbar. Nach ADDlifeatinn von hftißen Moorhädern ging sicber *5, 801,1 ? laubt * Unbedingte Nahrungsentziehung hält P. nicht für
ie Infiltration ailmählichzurück und derRadia^sste^^^^^^ s“h '^tig.Blasenschüssc ergeben für die operative Behandlung eine recht
■leder ein Fo .' lxna . fl V 7 ö J zurucK und der Kadiaipuis stellte sicn gute Prognose, es kann bei solchen auch am zweiten Tag noch erfolg-
hwer V i 1 MCh ^ daran 2U zweif eln, daß trotz der äußerst reich operiert werden. %
.j c lb 11 y^lzung die Brauchbarkeit des Armes wieder er- I Flath ist unbedingter Anhänger möglichst frühzeitiger
S 01 H wird. I Operation im Feld- oder Kriegslazarett. Um den Bauchschuß der-
. ^ ü J or demonstriert eine Schrapnelljsohaüyerletzung des
cotea Oberarmes mit sehr ausgedehnten Weichteilverletzungen
. ^f er tjaterförmiger Ausschußwunde, so daß der Plexus
d h k 8 s ,^ cb ^ bar war * Verheilung der Wunde in 4 Wochen,
iirh . e,ne mä chtige Infiltration, der Arm war unbeweg-
y ^ M einzelnen Zonen unempfindlich. Infolge der starken
nirhlrkD? dera um Hegenden Gewebe war der Radialpuls
diWnfiu • ^ acb ^PpHkation von heißen Moorbädern ging
«ioH« 011 • atl0n ^Hmählich zurück und der Radialpuls stellte sich
schupr ^ daran zu zweifeln, daß trotz der äußerst
en ySetzung die Brauchbarkeit des Armes wieder er-
r ltf,,) ar sein wird.
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1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15.
II- April.
selb«»» zugängig zu machen, verlangt F. Revision der Transportmittel. yj
Der Krankenwagen der Sunitäiskonipagnie erscheint ihm durchaus un¬
zweckmäßig: er schlägt vor, denselben durch kleinere, leichtere, besser
gefederte Gefährte zu ersetzen. Durch frühzeitige Operation der auf diese
Weise schonend abtransportierten Bauchschusses muß sich nach F. die
MortaHtätsziffer erheblich verringern lassen.
Borchard (Posen): Perforierende Bauchschüsse können unter n
konservativer Behandlung heilen, das beweisen die nachträglichen Kot- h
fisteln und die Sektionen aus andern Oründen Gestorbener. B. hat der- d
artige Fälle seziert, die 8 —14 Tage nach der Verwundung die Dann- {
Verletzung mir als kleine Narbe erkennen ließen. Bei der Beurteilung s
der Mortalität müssen die Bauchwandschüsse abgezogen werdet. Dies 1
ist niehl immer leicht, da oft Verwundete mit Dannverletzungen anfangs ^
gar keine derartigen Symptome bieten, bis eine plötzlich einsetzende
Peritonitis Klarheit gibt. Sicherlich gibt es Schüsse, welche durch die
Bauchhöhle gehen, ohne den Dann zu verletzen, auch an Stellen, wo
nur Dann liegt. Die Schüsse von vorn nach hinten und umgekehrt sind
in dieser Beziehung günstiger als die «juer durch den Bauch gehenden
Schüsse. Sichere Symptome innerer Verletzungen treten oft erst nach
Stunden auf. Die Baiichdeckenspannung erfolgt hei Blutung eher als hei
reiner Darmverletzung. Die Operationsfrage hängt viel von äußeren Ver¬
hältnissen (mangelhafte Asepsis, schlechte Beleuchtung), Mangel an Zeit,
zu spätem Eintreffen der Verwundeten ab. Operieren in jedem Fall
würde sehr viel Opfer fordern. Die Resultate bei konservativem Verhalten
sind nicht schlecht. Beim XXV. Reserve-Armeekorps wurde in den Ueserve-
lazaretten eine Heilung von 37.1"... auf den Hauptverbandplätzen von
50% erzielt. Völlige Xabruiursenthaltung während der ersten 5 Tage.
Ausnahmsweise Gewährung von Nahrung in dieser Zeit nur auf ürztliehe
Anordnung. Prolapse des Darmes sind, wenn sehou leichte Verklebungen
eingetreten sind, nicht zu reponieren, ebenso nicht Netzprolapse. Fälle
in den ersten t) Stunden, bei denen wegen der Schwere der Symptome
konservative Behandlung aussichtslos erscheint, können bei günstigen
äußeren Verhältnissen operiert werdon. Die Resultate sind schlecht.
(Vier Fälle, sämtlich gestorben.) Blasenverletzungen gehen eine wesent¬
lich günstigere Prognose. Vier Fälle mit großen Perforationen, teilweiser
gleichzeitiger Mastdarmverletzung, Blutung aus der Art er in glutaea, ge¬
heilt. Frühzeitige Operationen (Sectio alta) in den Fällen, Leherver-
letzungen geben trotz eventueller späterer Nekrose eine günstige Pro¬
gnose, ebenso die der Niere und Milz. B. stellt auf dem konservativen
Standpunkt, hält aber die Operation hei besonders günstigen äußeren
Verhältnisse?!, eindeutigen Symptomen, in den ersten <i Stunden für einen
geübten Operateur zulässig. Feber die operativen Resultate soll man
sich keinen Illusionen hingeben. Der Transport ist nach Möglichkeit
innerhalb der ersten 12-14 Tage zu vermeiden. Die Verwundeten sollen '
am Ort der Aufnahme, wenn möglich, liegen bleiben.
Reh n {.Jena) berichtet über die Art des einschlägigen Materials,
wie es auf dem östlichen Kriegsschauplatz i?n allgemeinen zur Behand¬
lung überwiesen wird. Nur einmal war ihm Gelegenheit gegeben, eine
Anzahl Bauchschüsse bald nach der Verwundung zu sehen, doch waren
auch hier mehr als 24 Stunden seitdem verstrichen. Von zwölf konser¬
vativ behandelten Fällen starben vier. und zwar, wie R. durch Sektion
feststellte, sämtlich an ausgedehntesten Darmzerreißungen, welche, auch
frühzeitig unter allergünstigsten Verhältnissen operiert, kaum durch-
gekommen wären. Ein trotzdem operierter fünfter Fall bestätigte diese
Annahme. Was den operierenden Feldlazaretten im allgemeinen an Bauch¬
schüssen zu Gesicht kommt, ist ein gesichtes Material, und nur ein
Bruchteil der Fälle, wie sie auf dem Hauptverbandplatz und in einigen
vorgeschobenen Feldlazaretten zur Behandlung gelangen. Letztere aber
sind, ebenso wie die Hauptverbandplätze, durch die unglaublich schwierigen
äußeren Verhältnisse in Polen gezwungen, lediglich Verband- und
Durchgangsstation zu bilden. Es hat sieh herausgestellt, daß auch der
frühzeitige Transport den Verwundeten zu spät zur Operation liefert,
und daß der schlechte Abtransport, wie er in Polen die Regel zu sein
pflegt, wobei nach R. mehr die Wege als die Wagen eine verderbliche
Rolfe spielen, mehr verdirbt, als beste Behandlung und Pflege wieder
irut machen können. Im übrigen weist R. auf einen ihm persönlich von
Reim T (XVIII. Armeekorps) gegebenen Bericht hin, nach welchem von
letzterem konservativ ausgezeichnete Erfolge bei den Bauchschüssen er¬
zielt wurden. Rehn I hob dabei hervor, daß .Soldaten wie Offiziere seines
Korps darüber informiert seien, daß der durch den Bauch Geschossene
bis zu seiner Versorgung keine feste Nahrung zu sich nehmen dürfe.
Schnitzen ist für Nahrungsenthaltung auf dem Schlachtfeld mul
will nur Nahrungsaufnahme unter Aufsicht des Arztes gestatten. Für
eine jetzt vorzunehmende Aenderung des Transportwesens ist er nicht.
Die Sanitätstrage der deutschen Armee hat sich ausgezeichnet bewährt,
Grund hat alle Operierten durch den Tod verloren.
Muschold hält den jetzigen Sanitätswagen für ein ausgezeich¬
netes Beförderungsmittel. .
Körte (Schlußwort) stellt als Ergebnis der 1 agung fest, daß die
konservative Behandlung der Bauchschüsse als Regel, die chirur¬
gische als Ausnahme zu betrachten sei. An dieser übereinstimmend
frewo/inenen Ansicht ändert der stark optimistisch gehaltene Einwand
Flnths vorläufig nichts. Wenn der Betätigungsdrang der Herren Kollegen
ein größeres Feld suche, so könne er eine Vervollkommnung der Ver¬
bandtechnik, die besonders in der Frakturbehandlung stark zu wünschen
übrig lasse, nur empfehlen. R-
Wissenschaftliche Versammlung der Sanitätsoffiziere drs r
VII. deutschen Reservekorps zu Bruyeres (Frankreich). ! 1
Sitzung vom 7. Februar 1915. '
St.-A. Busch demonstriert die Präparate von zwei Rucken. ! :
marksschußverletzunpen ohne Duraverletzung mit ausgedehnten '
Erweichungsherden inv Mark. Die Nieren und Blase des einen Palles. j ^
der an profusen Blutungen aus diesen Organen (wohl trophnneuro-
tischer Natur) zugrunde gegangen war, werden ebenfalls tlemott- ,
striert, j
Prof. Roepkc: In Lille wurde darauf aufmerksam gemacht, daß
bei Rüekenmarksschüssen Blutungen aus deu Harnwegen sowie Ulzera-
i tionen derselben Vorkommen, die als trophoneurotisehe auf gehaßt werden.
Prof. Hotter demonstriert die Präparate einer Kniegelenk,
resektion. Das Gelenk war breit eröffnet, und vereitert, die Pa¬
tella zertrümmert , im Femurgeleukende sowohl als wie im Tibia-
gelenkende steckte ein fast walnußgroßes Scbrapnellsprengstuck.
Wundverlauf gut.
Prof. Rotter: Ueber Brustschüsse. (Im wesentlichen als
Original in Nr. 4 dieser Wochenschrift erschienen.)
Busch berichtet kurz über weitere im Reservefeldlazardt 34 be¬
handelte 36 Brust Verletzungen. 12 BrustwandsehiiBse heilten glatt : von
24 Lungenschüssen starben 7, 17 heilten ohne Drainage, 4 mit einer
I olchen. Die verhältnismäßig hohe Mortalität von 28% führte er darauf
uriiek, daß sich unter den Fällen vier befanden, die sofort vom Schlacht-
sld ins Lazarett transportiert wurden und hier nur wenige Stunden
tach der Aufnahme an innerer Verblutung zugrunde gingen.
Roepke (Barmen): In dm* vorgeführten Statistik fällt der geringe
.'itterschied im Verhältnis der Sterblichkeitsziffern der durch klein-
talibrige und großkalibrige Geschosse hervorgerufenen Lungeuverletzun-
jen auf. Da nach seiner Erfahrung die durch Gewehrgeschosse gesetzten
uingenverletzuiigen oft genug, besonders wenn sie periphere Teile der
Lunge betreffen, zu den leichteren Verletzungen gehören, die durch
Schrapnell- und Granatsplitter hervovgerufenen meist zu den schwersten
Zerstörungen im Lungengewehe führen, zum offenen Pyopneumothom.
zu rasch sich ausbreitender Lungengangrän und im Anschluß an die
jauchige Infektion oft äußerst rasch zum Exitus führen, so kann R.
sich den geringen Unterschied nur dadurch erklären, daß ein größerer
Teil der durch großkalibrige Geschosse hervorgerufenen Lungenver¬
letzungen infolge frühzeitigen Abtransports nicht genügend lauge beob¬
achtet werden konnte. Gerade die Granatsplitterverletzungen gehören zu
den schlimmsten Verletzungen der Lunge. R. hat mehrfach durch Sek¬
tion feststellen können, daß selbst erbsengroße Splitter neben erheblicher
Zertrümmerung der Rippe weitgehende Zerstörung des Lungengewebes
gemacht haben. Das muß wohl an der unregelmäßigen Form, an der zer¬
rissenen Oberfläche der Granatsplitter liegen, daß das Limgengewebe so¬
weit zerfetzt und über die Grenzen der Geschoßbahn zerstört wird. Beim
Hämothorax ist Redner auch möglichst konservativ gewesen: es wurde
nur punktiert, wenn Verdrängungserscheinungen dazu zwangen. Daß im
weiteren Verlauf anhaltende Fiebersteigerungen durch eine Punktion des
Hämothorax, auch wenn nur ein mäßiger Teil des Blutergusses abge¬
lassen wurde, kupiert werden können, konnte des öfteren beobachtet
werden. Die Behandlung des Pyo- und Pyopneumothorax hat nach den
allgemein gültigen Hegeln der Chirurgie stattgefunden. Beim offenen
Pyopneumothorax wurde immer von Fall zu Fall entschieden, ob eine
Rippenresoktion oder eine Punktion neben der Thorax wunde angebracht
sei. Mit Rücksicht auf den meist nach der Verletzung einsetzenden
schlechten Allgemeinzustand ist die Frage, ob eingegriffen werden soll
oder nicht, allgemein nicht zu beantworten; hier hat die Erfahrung zu
urteilen. Kleine, abgesackte Empveme sind zunächst durch Punktion %
zugreifen, da sie bei den stark angegriffenen Pat. oft genug auf diese
Weise zur Ausheilung kommen.
O.-A. Flörcken (Paderborn): Die wegen der Ablieferung der
Krankengeschichten nicht klargestellten, vom Vortr. zitierten ralte
waren beides Fälle mit geringem Thoraxdefekt, durch den nachträglic
ein Empyem drainiert wurde. In frischen Fällen von Lungenschiissen mi
offenem Pneumothorax ging End er len so vor. daß der Defekt angefnst
und die Lunge rings um den Defekt an der Thoraxwand fixiert wur e.
ein Verfahren , wie es vor Anwendung von Druckdifferenz bei in r
thorakalen Eingriffen vielfach geübt wurde: von 14 Fällen wurden L = '
F. halte bislang keine Gelegen heil* das Verfahren anzuwenden. bei
schlechten Prognose der angeführten Fälle müßte man es versuchen.
Von Interesse sind 2 Fälle von Verletzung des Perikards >
Granatsplitter: der erste Pat, starb plötzlich, 3 Tage nach < der‘ _
letzung (GranatVerletzung der linken Brustseite) unter den Erschein 5
einer akuten Insuffizienz des Herzens. Die Sektion deckte ne ® ^
Verletzung der linken Lunge einen großen Granatspitter im * /
auf und, davon ausgehend, eine ausgesprochene serofibrinüse 1en
mit Cor% iIlosum. In einem zweiten Fall wurde der Herzbeutel pu .
(300 ccm seröser Flüssigkeit), und es trat gleich darauf eine d«
Besserung ein. Später wurde noch eine Rippenresektion we « eil m g n 3i li
der verletzten linken Brustseite nötig, darauf Heilung. Mau riprzbeutd
Schußverletzung des Thorax bei Dyspnoe immer an Herz und
denken, damit man die richtige Therapie aowenden kann.
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11. ApriJ.
1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15.
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Rotter: Die Differenz zwischen den von ihm vorgetragenen und
W fre Huschs Resultaten erklärt sieh daraus, daß R. bei seiner Zusammen-
Stellung die auf dem Hauptverbandplätze Gustorbenou nicht mit berück *
?iditi?r hat. Wie Nachträglich festgestellt wurde, starben auf den Haupt-
e|^ f . jj Verbandplätzen noch RI Verwundete mit Brust Schüssen: diese mitge-
nelmet. kommt Redner zu Ähnlichen Zahlen.
4^ O.-A. Flörcken (Paderborn): Zur Frage des Transportes
iäv ] Lungen verletzter. Nach einer persönlichen Mitteilung von
rü H r Prof. v. Dettingen bekamen Pat. mit Lungenschiissen 14 Tage
nach der Verletzung im Lazarettzug bisweilen Fieber, Hämoptoe.
er i. . Man sollte Lungenschiisse erst nach einer fieberfreien Periode von
3 Wochen transportieren. Von einer Reihe solcher Pat., die im
Feldlazarett behandelt wurden, liegen günstige Nachrichten vor.
einerGen.-A. Nickel warnt vor zu schnellem Abtransport der Ver-
jr^‘ wrindeten mit Lungensrhiisficn: selbst der Transport vom Hauptverband-
i platz direkt ins Kriegslnzarett schade häufig. Am meisten sei diesen
1 ,* Verwundeten, die besonders der Ruhe bedürften, gedient, wenn sie. so-
$1V- bald sie sich von den Shockersclteinimgen erholt hätten, in ein nie t. zu
weit irelegenes Feldlazarett gebracht würden, und dort, je nach der Art
hu,h. r Verletzung. 10-14 Tage verblieben, bis zur Ueberfiihrung ins
MLI Kriegslazarett. Ueber den Abtransport in die Heimat müsse der weitere
, , Verlauf entscheiden.
re ; Rotter möchte speziell die Truppenärzte darauf hinweisen, daß
seit 4 Monaten prinzipiell die Darmschüsse operativ behandelt werden,
1 ■ ; sofern sie innerhalb der ersten 12 Stunden kommen und die bekannten
Kontraindikationen nicht vorliegen. 6 Fälle konnten bereits operativ ge-
: heilt werden.
; . f Jiuhrerkrankunffen des VII, Armeekorps.
St.-A. Fromme: Krankheitserreger und Verlauf der
j ; Epidemie. Die Epidemie dauerte von Mitte September bis Mitte
u Dezember 1914. Sie nahm ihren Ausgang von einer Radfahrer-
^ kompagnie und verbreitete sich auf benachbarte Truppenteile. Ein
Herd ffir sich bestand bei einem abseits gelegenen Truppenteil.
Höhepunkt Anfang Oktober, vorübergehender Anstieg Ende Oktober,
j Ais Erreger wurde der y-Ruhrbazillus gefunden. Im Blut der Er¬
krankten fanden sich Agglutinine, andere Erreger konnten nicht
naebgewieseu werden. Wahrscheinlich sind die Keime aus dem
RekrutieruDgsgebiet eingeschleppt. Begünstigt wurde die Infektion
durch besondere körperliche und seelische Anstrengungen. Auf¬
fallend ist die gleichzeitige Zunahme der Erkrankungen bei ein¬
zelnen, unabhängig voneinander liegenden Truppenteilen. Aus dem
Vergleich der Krankenzugangs- und meteorologischen Kurven konnte
über Zusammenhang von Klima usw. und Epidemieverlauf sicherer
Aufschluß nicht gewonnen werden. Von Bekämpfungsmaßnahmen i
^ wurde frühzeitige Errichtung von Darmkrankensammelstellen als
besonders wichtig angesehen, die dicht hinter der Front lagen und
alle Darmkranken mit schleimigen oder schleimigblutigen Stuhl¬
beimengungen aufnahmen. Beschreibung der Einrichtung der
Sammelsteilen. Unter 864 Erkrankten zwei Todesfälle. Neuerkran-
kungen einwandfrei nicht festgestellt. Anscheinend wird durch
t’eberstehen der Krankheit Immunität geschaffen. Andere Ma߬
nahmen allgemein-hygienischer Art.
St.-A. Has: Krankheitsverlauf und Behandlung* der
Ruhr. Vom 16. Oktober bis 18. Jänner 1915 wurden 136 Kranke
in die vom Vortr. geleitete Darmkrankonsammelstelle aufgenommen.
RR schieden als nicht ruhrkrank aus, 6 Kranke wurden ausgeheilt
dem Kriegslazarett überwiesen, so daß Vortr. über ca. 100 definitiv
geheilte Fälle verfügt. Die lukubation betrug 2—3 Tage, die Erschei¬
nungen waren im allgemeinen milde; nebea Tenesmen, schleimig-
blutigen und schleimig-eitrigen Stühlen, wurde über Kreuz-, Kopf-,
Gliederschmerzen und das Gefühl allgemeiner Ermattung geklagt.
Vereinzelt bestand Erbrechen, Harndrang, Milztumor. Die leichten
Tempera!ursteigerungen bestanden nur vorübergehend. Die Krank-
beitsdauer betrug im Durchschnitt 7—8 Tage, die längste, mit
Ausgang in Heilung, 19 Tage. Rückfälle waren nur selten. Die
Behandlung war vorwiegend diätetisch, zunächst nur Tee. später
Hafer-, Gersten-, Reisschleim, Kakao, Milch, allmählich Uebergang
zu konsistenterer Kost.; Entlassung erfolgte, wenn die „Feldküche“
wieder vertragen wurde. Medikamentös wurden im Anfang bei
Abwesenheit größerer ßlutmengcn Rizinusöl und Kalomel gegeben.
Nützlich erwiesen sich Bismut. subgallic. und Tannalbin. Opium
wurde sehr sparsam verwendet, da es Koliken macht und das
Krankheilsbild verschleiert. Von Bolusanwendung würde kein
Nulzen gesehen, Poiyakutes Ruhrserum wurde bei drei sehr schweren
Lilien gegeben, ohne Besserung. Zwei davon starben im Kriegs¬
bereit, einer unter peritonitischon Symptomen.
, , H.-Nt.-A. Buch hi n der: Bei Betrachtung der Tabellen sieht man,
l,r ^ 'he Huiiptiwkninkungsziffeni auf die großen YcrkehrssLraßen bin-
«eisen. Von hier aus erfolgt die Weiterverbreitung.
O.-Gen.-A. Schmiedicke weist an der Ha ml der in den letzten
.fahren in der Armee beobachteten Epidemien auf die verschiedenen Kulir-
oiTeger hin und auf deren Bewertung für die prophylaktischen Ja.-
nahmen. Aus dem vereinzelten Vorkommen von klinisch nrmveuleutigei
Ruhr ohne bakteriologischen Befund ist zu schließen, daß auch noch
andere Ursachen oder Erreger in Betracht kommen, und es ist wohl
möglich, daß z. B. das BacL coli durch -ewiss* Veränderungen der Er¬
reger wird. Jm Kriege wird immer der größte Wert auf Bammels!eilen
für Verdächtige und auf sorgfültiirste Ueber warli mig der Latrinen zu
legen sein, sowie auf Beseitigung der Fliegen. Bei Mangel sonstiger
geeigneter Nährmittel kann der Kalorienhedarf für kurze /eit wohl durch
Zucker und Alkohol (Glühwein) gedeckt werden.
Gen.-A. Nickel halt die Ko ntakt i nfe ktion für die haupt¬
sächlichste Form der Uebert.ragung bei der Ruhr und legt daher den
Hauptwert hinsichtlich der Ruhrbekiimpfnng auf die Beseitigung dei
Ansteeklingsquellen durch schleunigste Ueberweisung der Ruhrkranken
und Ruhrvordiichtigen an die „Darmkrankensammolstellen'\ welche so
nahe an die vorderen Stellungen der Truppen herangerückt werden
müssen, daß Kranke und Verdächtige sie. leicht erreichen können. Die
Ueberweisung der Erkrankten au besondere beucbenlazarette ist, wenn
die Krankheit so leicht wiftrift, wie es hier im allgemeinen der Fall
war, für gewöhnlich nicht nöiig, und ist auf die schwerer verlaufenden
Ausnahmsfälle zu beschränken.
O.-A. Schilling (Düsseldorf): „Wie würde sich der Sani¬
tätsdienst in der Schlacht bei Laon am 9.—10. Marz 1814
nach nnsern jetzigen Vorschriften gestaltet haben? 46 (Eine
sanitätstaktische Studie.)
Eine vom Armeeoberkommando ... in Laon verteilte Ueber-
setzung aus dem Werke von Henry Houssaye „1HS4“, „Die
Schlachten bei Craonne und Laon im März 1814“, hat den Vortr.
angeregt-, ein Bild des Sanitätsdienstes in der Schlacht von Laon
an der Hand der persönlich erworbenen Geländekenntnis zu ent¬
werfen. Auf die Sanitätsvorschriften damaliger Zeit konnte nicht
zurückgegriffen werden, weil sio nicht zur Verfügung standeu.
Ferner würden sie wohl auch in ihrer Primitivität im Vergleich
mit denjenigen der Jetztzeit weniger Interesse für eine sanitäts-
taktisehe Studie bieten. Nach einem kurzen geschichtlichen Abriß
der Vorgeschichte der Schlacht und der Schlacht, selbst entwickelt
S., wo, in welcher Weise und zu welchem Zeitpunkte die betreffen¬
den Aerzte (Truppenarzt, Chefärzte der Sanitätsformationen,
Divisions- und Korpsärzte) ihre Truppenverbandplätze, Hauptver¬
bandplätze und Feldlazarette nach unsern jetzigen Vorschriften
einzusetzen gehabt haben würden.
Gen.-O.-A. Neuburger zeigt eine von ihm angegebene und
bei der 13. Reservedivision in Gebrauch befindliche „Riepentrage* 4
nach Art der in Gebirgsgegenden zum Tragen von Lasten üblichen
Kiepen. Mit dieser wird der Verwundete in sitzender Stellung
(Rücken gegen Rücken) von einem Krankenträger getragen, während
ein zweiter die Beine unterstützt.
Gen.-A. Nickel berichtet, daß er schon vor .Jahren Versuche zum
Abtransport Verwundeter im Gebirge (Vogesen) mit verschiedenen. Tragen
gemacht habe. Hierbei habe sieh die vorn Schweizer Oberstabsarzt
Dr. Fröhlich konstruierte Rückentrage (Brust des Verwundeten am
Rücken des Trägers) am besten bewährt. Für Schützengräben würde sie
wohl zu breit sein.
St.-A. Iiuhz demonstriert einen Feld röntgen wagen der
Firma Reiniger, Gebbert & Schall, der sehr zweckmäßig und
reichhaltig zusammengestellt ist. Ein Benz-Motor im Wagen er¬
zeugt Gleichstrom, die Einrichtung kann aber auch an jeder Gleich¬
oder Wechselstromleitung sofort angeschlosson werden. Ein Dunkel¬
zelt ermöglicht Aufstellung unter freiem Himmel. R.
Wilhelm Konrad Roentgen.
Zu seinem 70. Geburtstage.
Am 27. März beging ein Forscher seinen 70. Geburtstag,
dessen Entdeckung einen Triumph der jetzt von unseren Feinden
so herabgesetzten deutschen Wissenschaft bedeutet. — Es ist
Wilhelm Konrad Roentgen, der im Dezember 1895 durch
eine vorläufige (!) Mitteilung „Ueber eine neue Art von Strahlen“
in der Würzburger physikalisch-medizinischen Gesellschaft seine
bahnbrechende Entdeckung der Welt verkündete. — Das erste
Knochonbild der lebendigen Hand zeigte der staunenden Welt,
daß die undurchdringliche Hülle gefallen sei, die bisher das Innere
des lebenden Menschen unseren Blicken verschloß.
Es gab einige Leute, die da meinten, den Ruhm Roentgons
herabdrücken zu können, indem sie behaupteten, daß Roentgens
Entdeckung auf Zufall beruhe. Ganz abgesehen davon, daß bei
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UMIVERSITY OF IOWA
MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 15.
11. April.
fast allen Entdeckungen ein Zufall, d. h. eine glückliche Verkettung I
von Umständen eine Rolle spielt, haben zweifelsohne vielo Experi- K
mentatoren vor Roentgen ganz ähnliche Versuche wie er ange- b
stellt, aber nicht die Eingebung des Roentgenschen Genius er- I
halten, daß dabei ein bisher unbekanntes Agens auftritt. — u
Roentgen hat dieses nicht nur als solches erkannt, sondern auch I
mustergültig erforscht und beschrieben. 1
Durch die rastlose Arbeit zahlreicher Kräfte, insbesondere 1
von Aerzten und Technikern, gelang es in den folgenden — noch 1
nicht 20 — Jahren, auch die inneren Organe, wie Lunge, Herz, <
Verdauungs- und Harntraktus, außer den Knochen, Verknöcherungen
und Fremdkörpern, den Strahlen zugänglich zu machen und in
ihnen überdies ein wertvolles Heilmittel im Kampfe gegen viele, j
selbst bösartige Krankheiten zu erkennen.
Während anfangs Aufnahmen eine halbe Stunde und dar¬
über dauerten, gelingen heute selbst schwierige Aufnahmen in
einem kleinen Teil einer Sekunde, sogar kinematographische Se¬
rien- und Momentaufnahmen sind jetzt möglich.
Roentgen fügte der Bekanntgabe seiner Entdeckung bereits
eine fast erschöpfende Darstellung der physikalischen Eigenschaf¬
ten seiner Strahlen bei. Nur wenige bedeutungsvolle Zutaten sind
seitdem hinzugekommen, wie von Laue (1012), der die moleku¬
laren Raumgitter der Kristalle benutzte, um die Wellenlänge der
Röntgenstrahlen zu ermitteln, und damit zugleich einen Weg zeigte,
wie die Struktur der kristallisierten Materie ergründet werden kann.
Für die medizinische Wissenschaft hat Roentgen lediglich
den gewaltigen Grundstein gelegt, während er den weiteren Auf¬
bau anderen überließ. Der Gebrauch des Leuchtschirms wie der
photographischen Platte zum Erkennen der Bilder, die grundsätz¬
liche Feststellung, daß sich die Knochen darstellen lassen und
daß mit der Härte der Strahlen die Schattentiefe wechselt, stammt
unmittelbar von Roentgen selbst. Andere Dinge ergaben sich
ohne weiteres aus seiner Entdeckung, wie insbesondere das Auf¬
finden der Fremdkörper. Der Ausbau des Instrumentariums aber,
des Hochspannungsapparats, wie der Roentgenröhre für die großen
Ansprüche, die der Arzt stellen muß, die medizinischen Anwen¬
dungen und Methoden der Untersuchung und Behandlung, die
Schutzmaßregeln, Lokalisationsverfahren und dergleichen mehr
wurden erst von anderen geschaffen.
Itoent-gen begann sein Studium iu Utrecht, setzte dasselbe
in Zürich’ fort und promovierte dort 18(18. Im Jahre 1870 ging
Roentgen als Assistent von Kundt nach Würzburg, 1872 nach
Straßburg; 1874 habilitierte er sich dort. 1875 wurde Roentgen
Privatdozent, 1876 Professor an der landwirtschaftlichen Akademie
in Hohenheim, 1879 außerordentlicher Professor in Straßburg,
1879 erfolgte seine Berufung als Ordinarius nach Gießen. Hier
lehrte Roentgen 9 Jahre und hat darauf seine stille emsige
Tätigkeit in Würzburg fortgesetzt, wohin er 1888 als Nachfolger
von Kohl rausch berufen wurde. Seit 1899 lehrt Roentgen in
München.
Roentgen wurde mit wohlverdienten Ehrungen überhäuft,
allen öffentlichen Huldigungen ist aber der bescheidene Gelehrte
stets ausgewichen. Möge es dem berühmten Forscher vergönnt
sein, noch lange in frischer Kraft der Wissenschaft zu dienen und
sich an den Segnungen zu erfreuen, die seine große Entdeckung
der Menschheit brachte und von denen gerade die gewaltige Gegen¬
wart ein so beredtes Zeugnis ablegt. Lewy-Dorn (Berlin).
Kleine Mitteilungen.
Kriegschronik.
In Wien ist am 4. d. M. der ehemalige Primararzt des All¬
gemeinen Krankenhauses zu Przemysl Dr. Hugo Ehrlich einer
Tvphusinfektion erlegen, die er als Arzt der Abteilung für Infek¬
tionskrankheiten des Reservespitals in Kagran akquiriert hat. Ehre
seinem Andenken! __
I.-R. Nr. 82, M. Grossmaun, San.-Chef der 27.1.-Div., E. Popper,
Romm&nd. des Res.-Sp. Nr. 3/2, den R.-Ae. DDr. 0. Ranasiewicz
beim 12. Korpskmdo., W. Zeman des Feld-Sp. Nr. 3/12, dem
Lst.-R.-A. Dr. F. Veress, Kommand. des Ros.-Sp. in Vereczke,
und San.-Inspektor Dr. E. Mayer iu Tuzla das Ritterkreuz des
Franz Josef-Ordens am Bande des Militärverdienstkreuzes, dem
R.-A. Dr. J. Meszaros, Kommand. des Feldm&rodenhauses, dem
R.-A. i. P. F. Ruziöska beim F.-J.-B. Nr. 13, den O.-Ae. DDr. A. \
Lumnitzer beim 6. Korpskmdo., L. Gulyas des Feld-Sp. Nr. 9(4, [
dem O.-A. d. Ev. K. Tadra des Feld-Sp. Nr. 1/11, den O.-Ae. d. Res.
DDr. A. Jung des I.-R. Nr. 40, F. Felegyhazi des u. L.-1.-R.
Nr. 24, K. Kovacs des l.-R. Nr. 100, den A.-Ae. d. Res. DDr. S.
I Magyari des I.-R. Nr. 40, L. Szauto des l.-R. Nr. 52, J.Za-
iwski des F.-K.-R. Nr. 1 und dem prak. Arzt Dr. S. v. Po-
lalski des L.-1.-R. Nr. i das Goldene Verdienstkreuz mit der
rone am Bande der Tapferkeitsmedaille verlieben worden. ^
(Frequenz der österreichischen medizinischen Fa- 1
ultäten.) Im Wintersemester 1914/1915 waren an der medizmi-
jhen Fakultät in Wien 1038 ordentliche Hörer, 288 ordentliche
[örerinnen, 13 außerordentliche Hörer und 2 hospitierende Höre- i
innen, in Graz 257 ordentliche, 3 außerordentliche Hörer und
0 Hörerinnen, in Innsbruck 145 ordentliche, 1 außerordentlicher
lörer, 8 ordentliche Hörerinnen und 1 Hospitantin, an der deutschen
Fakultät in Prag 240 ordentliche, 5 außerordentliche Hörer und
10 ordentliche Hörerinnen, an der tschechischen Fakultät in Prag
t90 ordentliche, 8 außerordentliche Hörer, 120 ordentliche, 2 außet-
irdentliche Hörerinnen und 1 Hospitantin inskribiert. — An den
ünf medizinischen Fakultäten waren insgesamt 2078 Studierende
2176 ordentliche, 30 außerordentliche Hörer, 406 ordentliche,
1 außerordentliche Hörerinnen, 1 Hospitant und 3 Hospit&ntinncn)
inskribiert.
(Krankenverein der Aerzte W iens.) Am 31. März hat die
diesjährige Generalversammlung stattgefunden. Dem Bericht ist zn
entnehmen, daß auch das vergangene Jahr sich günstig gestaltete.
Es hörte wohl mit Kriegsbeginn der Zufluß neuer Mitglieder auf.
doch schon im ersten Halbjahr waren 71 beigetreten, so daß deT
Verein am Schlüsse des Jahres 1130 Mitglieder zählte. Der Ge¬
barungsüberschuß pro 1914 beträgt über K 25000, das Vereins-
Vermögen über K 254000. — Viel Studium und eingehende Be¬
ratungen erforderte die Sachlage, welche durch die Kriegsereignisse
geschaffen wurde. Laut § 27 des Statuts haben zur Dienstleistung
im Mobilisierungsfalle einberufene Mitglieder während derselben
keine Beiträge zu zahlen, haben aber auch keinerlei Ansprüche an
den Verein. Die von verschiedenen Seiten angestrebte Beseitigung
dieses Paragraphen ist unmöglich, da der Verein, auf versiche¬
rungstechnischer Grundlage aufgebaut, den Schutz dieses Para¬
graphen vor gänzlichem Ruin durch die Kriegsereignisse nicht
entbehren kann. Ueberdies gestattet auch die Aufsichtsbehörde
nicht die Eliminierung desselben, es sei denn, daß der Jahresbei¬
trag um das Mehrfache erhöht würde, wodurch aber die Mitglieder
scharenweise aus dem Verein getrieben wurden. Um nun eine
Milderung der Situation — besonders für die weniger bemittelten
Mitglieder — zu schaffen, schlug der Ausschuß der
Sammlung vor, „einen Kriegshilfsfonds bis zur Höhe von K 50000
zu schaffen, an welchen sich die Mitglieder oder ihre Angehörigen,
die nach §27 nicht bezugsberechtigt sind, wenden können.
Die Bestimmung der Höhe der Unterstützungsbeiträge bleibt dein
Vorstande überlassen.“ Dieser Antrag wurde einstimmig ange¬
nommen.
(Statistik.) Vom 28. März bis inklusive 3. April 1915 wurden in
den Zivilspitälern Wiens 13.918 Personen behandelt. Hiervon wura
2689 entlassen, 184 sind gestorben (0'4% Jos Abganges). In Ji 08 ®® J ,
raume wurden aus der Zivilbevölkerung Wiens in- und außernaiü
Spitäler bei der k. k. n.-ö. Statthalterei als erkrankt g e _ me | r de ' _
Blattern 58, Scharlach 87, Varizellen —, Diphtheritis 51, hfujaP“ j
Influenza —, Abdom in altyphus 7, Dysenterie 1, Rotlauf — , Tracn J
Milzbrand —, Wochenbetlfieber —, Flecktyphus 1, Cholera asiat q
epidemische Genickstarre 5. In der Woche vom 21. bis 27. März W
in Wien 762 Personen gestorben (— 78 gegen die Vorwoche).
(Militär ärztlich es.) In Anerkennung tapferen und aufopfe- -
rrni^svollen Verhaltens bzw. vorzüglicher Dienstleistung vor dem . ilBM
Feinde ist dem O.-St.-A. I. Kl. Dr. F. Radey, San.-Chef des 9. Korps, SitZtmgS-KalOHdariUIU.
und 0.-St.-A. II. Kl. Dr. W. Rasehofszky, Kommand. des mob. Dienstag, 13. April, 7 Uhr. Verein für Psychiatrie nnd
Res.-Sp. Nr. 2/2, das Offizierskreuz des Franz Josef-Ordens mit Hörsaal v. Wagnor (IX., Lazarettgasse 14). DemonstraU 1
dem Bande des Militärverdienstkreuzes, den. O.-St.-Ae. II. Kl. (Gerstmunn, Deutsch, Fröschels, Pötzl).
DDr. Z. Belschan des I.-R. Nr. 35, F. Makszim, Kommand. des Mittwoch, 14. April, 7 Uhr. Wiener Laryngologlsche Gesellt •
Res -Sd Nr. 1/3, A. Ferenczy, San.-Chef des 16.1.-Div., L. Rupp, Hörsaal Chiari (IX., Lazarettgasse 14). Demonstrationen.
Kommand. des Feld-Sp. Nr. 4/6, den St.-Ae. DDr. J. Stark des Freitag, 16. April, 7 Uhr. K.k. Gesellschaft der Aerzte. (IX-,
b -h I.-R. Nr. 3, E. Schön bei der 38. I.-Div., M. Engländer des gasse 8.) _ _ _
—-“ Eigentümer nndVurleger: Urban & Schwarzenberg, Wien und Koriin. — Verantwortlicher Redaktuar !«r öeterreicb Ungarn: Karl Urban, Wien
Heranngeb« , Druck von Gottlieb Gürtel 4 Cie., Wien, III., Münzgasse 6.
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UMIVERSITY OF IOWA
Nr. 16.
Wien, 18. April 1915.
XI. Jahrgang.
Medizinische Klinik
rivr.-
Wochenschrift für praktische Ärzte
k ..
i ; redigiert von 1) Verlag von
Professor Dr. Kurt Brandenburg | Urban & Schwanenberg
Berlin 8 Wien
m-.
lies 11 - ~ , . . I __ — : — : —L ' ' r—i f—;—
; 2 ;,i,, INHALT: Bie Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege: Prof. Dr. R. Schmidt, Ueber Herzbeschwerden bei Kriegsteilnehmern
V'. und über konstitutionelle Gesichtspunkte bei der Beurteilung derselben (mit 2 Abbildungen). Oberstabsarzt Prof. Dr. P. Uhlenhuth und Dr. Olbrich,
Improvisation von Dampfdesinfektionsapparaten und „Entlausungsanstalten“ im Felde (mit 0 Abbildungen). Medizinalrat Dr. H. Boral, Ueber Kriegs-
trphus (mit Kurven). — Klinische Vorträge: Dr. Emil Schepelmann, Trauma und Wundinfektionskrankbeiten. — Berichte über Krankheitsfälle
spife:: and Btlasdhsp?erfahren : Stabsarzt Dr. E. Kuhn, Die Entfernung von Kleiderläusen durch Schwefeldämpfe. Stabsarzt Dr. Eugen Brodfeld, Be-
handlung der Syphilis mit Embarin. — Aus der Praxis für die Praxis: Dr. Ferd. Münzker, Abortivbehandlung von Wund- und Gesichtsrotlauf.
?.ik r :::-: Dr. Wi icke. Zur Wundbehandlung. — Aentliehe Gutachten aus dem Gebiete des Versicherungswesens: San.-Ilat Dr. Rings, Diabetes nach Trauma,
aok:: - Referaten teil: Sammelreferat: Prof. Dr. C. Adam, Aus der neuesten Augenliteratur. — Aus den neuesten Zeitschriften, — Bücherbespre-
* 1 ^;. chongen. — Wissenschaftliche Verhandlungen: Verein für Psychiatrie und Neurologie in Wien. Kriegschirurgische Abende in Budapest. Berliner
kriegsärztliche Abende. — Berufs- und St&ndesfragen. — Kleine Mitteilungen.
Tkar Vtrlug I Mit tieh 4at ausuhH^ßHeto Ruht der VcrvMf&tHgung und Vtrhrtihmj dir M diwr ZHUehrtft mm Brtchtimn fiiangmdr* Orifinalbtiträfi vor.
P V
^ pf:
Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege.
. p Aus der I. deutschen medizinischen Klinik in Prag.
" nj :J (Vorstand Prof. R. Schmidt).
Ueber Herzbeschwerden bei Kriegsteilnehmern
f| ; und über konstitutionelle Gesichtspunkte bei der
: Beurteilung derselben
B;f von
Prof. Dr. R. Schmidt.
l ’ Unsere moderne Herzgefäßdiagnostik bemüht sieh, mög-
^ liehst wenig „spezialistisch“ zu sein, berücksichtigt in ganz be-
; soliderem Ausmaße den Rahmen der Gesamtkonstitiition und
stellt den funktionalen Inhalt über die anatomische Form.
<- Ich habe gerade in letzter Zeit verschiedentlich den
Eindruck gewonnen, daß diesem berechtigten und von bin-
- log/seheu Gesichtspunkten außerordentlich erfreulichen
IWhsci der Anschauungen nicht allenthalben Rechnung ge-
!j,;, geri wird und man vielfach noeli allzusehr einseitige physi-
kalisobe „Geräuschdiagnostik“ betreibt.
Es wäre ungerecht, die großen Schwierigkeiten zu ver-
k#‘mien, die sich auf diesem Gebiete bei militärärztliclior Be-
»rteiJung von Herzgefäßerkrankungen ergeben und die teils
1,1 der außerordentlichen Ueberbürdung, teils in der Not¬
wendigkeit gelegen sind, sich in allerkürzester Zeit ein Urteil
ln bilden, wo vielfach nur die Vertiefung in das Problem des
einzelnen Falles zu einem klaren und berechtigten Urteile
führen kann.
Uh folge deshalb gerne der Aufforderung der Redaktion
M.KL, dieses zurzeit praktisch sehr wichtige Gebiet von
Äschen Gesichtspunkten aus zu beleuchten.
Es ist nicht zu bezweifeln — so paradox der Gedanke
Zunächst auch erscheint —, daß die Kriegsstrapazen für ge-
n ^ se Störungen des kardiovasculären Systems eine Art
-Eurt darsteilen. Ich denke hier an Individuen von
Ionischem Typus mit leichter präsklerotischer Blut -
dnc'ksleigenmg, sitzender Lebensweise, Luxuskonsumption,
r, diige/n phlegmatischen Temperament. Hier ist durch-
^ denkbar, daß trotz forcierter mechanischer Arbeits¬
tag, falls dieselbe nicht dauernd ein gewisses Mittel- ,
maß überschreitet, durch die Anregung der peripheren
Triebkräfte die Blutdrucksteigerung zurückgeht und die
Kriegsstrapazen günstig ein wirken im Sinn einer schweren
Tcrraingymiiastik nach 0 e r t e 1.
Muskelarbeit, Vertiefung der Atmung, das damit ver¬
bundene Training der Zwerchfell- und Bauchnmskulatur und
die gleichzeitig erfolgende Anregung der Stoffweehselvor-
gänge stellen ebenso viele günstige Momente dar für die
Sanierung geringer Kreislaufstörungen, nicht zu vergessen der
fördernden psychischen Impulse, die sieh besonders bei einer
siegreichen Truppe auch in entsprechend günstige circulato-
rische Impulse umsetzen.
Anderseits führen aber, wie die Erfahrung lehrt, die oft
ganz außerordentlichen seelischen und körperlichen Stra¬
pazen zu vorübergehender oder dauernder schwerer Betriebs¬
störung in ganz leidlieh funktionierenden Kreislaufsystemen.
Da hierbei vielfach „Geräusche“ fehlen und die Größen¬
verhältnisse des Herzens nicht wesentlich verändert zu sein
brauchen,, ergeben sieh mannigfache Schwierigkeiten in der
Beurteilung derartiger Zustände, seihst bei ausgesprochenen
anatomischen Veränderungen, so in Fällen von Angina
p e e t o r i s u n d „A o r t a 1 g i e n“ 1 ).
Hier kann der Blutdruck nahezu normal sein, Herz- und
Aortensilhouette auch im Röntgenbilde keine Abweichung von
der Norm ergeben und doch bestellen echte Aortalgien, die
bei jeder körperlichen Anstrengung, wie Steigen, raschem
Gehen, gesetzmäßig in der typischen Sehmerzfigur mit Aus¬
strahlung in die linke oder beide obere Extremitäten sieh
äußern. Hier wird gelegentlich bei der besonders intimen
Beziehung zwischen Lues und Aortalgie die serologische
Untersuchung auf ,Wassermann* entscheidend sein. Anamne¬
stisch datieren die Beschwerden oft — trotz organischer Fun¬
dierung — auf viele Jahre zurück. Die funktionelle Form
der Aortalgie, bei Männern ungleich seltener als bei Frauen,
*) R. Schmidt: ,,Die Schmerzphänomene bei Inneren Er¬
krankungen.“ 2. Auflage. W. ßraumüller, Wien.
R. Schmidt: „Ueber Angina pectoris und Aortalgie.“ Prag,
m. Wsc-hr. 1914, Nr. 30. . „
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1015 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16.
18. April.
ist im allgemeinen nicht so gesetzmäßig nach Art eines gut
vorbereiteten Experiments durch mechanische Momente aus¬
lösbar.
Nervöse Dekorationen des Krankheitsbildes sind an und
für sich für die Differentialdiagnostik nicht verwertbar, da
Luetiker mit echter Angina pectoris sehr häufig e lue schwere
Neuropathen sind.
In den Bereich schwieriger militärärztlicher Entschei¬
dung in puncto Leistungsfähigkeit des Herzens und Gefä߬
systems fallen auch Individuen mit Yirchowscher
„Hosenträgeraorta“. Bei Durchleuchtung in nach
rechts gedrehter Stellung (Abb. 1) sind wir meistens in der
Lage, ein sehr präzises Urteil über die Breite der Aorta ab¬
zugeben und finden oft genug eine pathologisch schmale
Aorta in einer Breite von unter zwei Querfingern oder selbst
nur Daumenbreite. Die schmale Aorta ist fast stets gleich¬
zeitig eine lange Aorta, die bis zum untersten Rande des
Stemalendes der Clavicula reicht, trotzdem aber — paradoxer¬
weise — in der Fossa suprastemalis gewöhnlich nicht palpabel
ist. Der zweite linke Bogen ist oft sehr deutlich entwickelt
und die Herzspitze stark abgerundet im Sinne einer links¬
seitigen konzentrischen Herzhypertrophie. Das verhältnis¬
mäßig kleine Herz (Abb. 2) ist dabei median gestellt (Tropfen-
Bei Strahleng&ag von links hinten Bel dorsoventrelem Strahlengang,
nach rechts vorn.
herz!). Dieses Röntgensyndrom ist vom Stand¬
punkte felddienstlicher Leistungsfähigkeit ernster Be¬
achtung wert.
In welchem konstitutionellen Milieu finden wir es am
häufigsten? Gewiß häufig bei den Laenne eschen
„Pappelbäumen“, bei abnorm hochgeschossener, dabei eng¬
brüstiger Statur, aber auch — und darauf möchte ich mit
Nachdruck verweisen — gelegentlich bei Habitus
quadratus.
Gerade bei diesen zwei Typen scheint mir das Röntgen-
Mephistoartige Facies mit schräg abfallenden Augenbrauen, Ge¬
sicht gerötet, 66 kg. Sitzt häufig im Bett, angestrengt, aber geräuscli- 1
los atmend. Expirium frei. Adrenalininjektion ohne Einfluß. Anfall
von Atemnot besonders nach dem Mittag- und Abendessen durch zirka 1
eine Stunde. Erleichterung durch Aufstoßen von Gasen (Asthma
dvspepticum!). Litt besonders in der Lehrzeit oft an Herzklopfen, ist !
schreckhaft, furchtsam. Seit zwei Monaten gehäufte Pollutionen. P.S.R.
gesteigert. Feinwelliger, frequenter Tremor der Hände. Puls labil;
liegend 90, stehend 124. Im dyspnoischen Anfall Pulsfrequenz 120,
mit Druck Riva-Rocci 150/85, nach drei Stunden bei ruhiger Atmung
110/60. Radialgefäße etwas verdickt. Spitzenstoß sehr deutlich, leicht i
hebend, hie und da Extrasystolen. Bei Verharren in maxi¬
maler Inspirationsstellung ab und zu,besonders im j
Stehen, Verschwinden des Radialpulses ein- oder bei¬
derseitig, solange die Inspirationsstellung an dauert
(funktioneller Pulsus paradoxu 8!). Blutdruck sinkt l.ci
tiefem Inspirium bis auf 65 mm Riva-Rocci ab. Nach Adrenalin
injektion 1 ccm (1:1000) länger andauernde 'Glykosurie (nach nein
Stunden Zucker noch positiv). Blutbefund: 5,6 Millionen Rote.
Haemoglobin 100%, Leuk. 7000, Polynucl. 55,3%, kleine Lympli.
25,3 %, große Mononucl. 16,3 %, Eos. 2,3 %, Mastzellen 1,3%. -
Röntgenbefund: Aorta nur zwei Querfinger breit, bis
Clavicula reichend. Herzspitze abgerundet.
F a 11 2. A. W., 22 Jahre. Klinische Vorlesung am 27. Juni 1913. !
Glotzaugen und hochgradige Kurzsichtigkeit, Stirne ziirtkk-
tretend, Nase vogelschnabelartig vorspringend, Turmsehädel. Oft
Magenkrämpfe, z. B. nach Genuß von Speck, Rettig. Durchfälle be¬
sonders bei Aufregungen. Emotionelles Herzklopfen, nächtliche An¬
fälle von Beklemmungsgefühl auf der Brust, vorübergehend Ausschei¬
dung von zirka 10 Liter Harn im Tage. Bei Urinlassen ver¬
mehrtes Herzklopfen. Hatte bis zum vierten Jahre Rachitis, mit
14 Jahren Tonsillotomie; Nachtschweiße; Spitzenstoß besonder? in
linker Seitenlage hebend und breit. Kurzes systolisches Geräusch an j
der Herzspitze. 122 mm Rica-Rocci. Femininer Typus der Crim*
pubis. Gewicht 45 kg. Neigung zu Hypothermie mit abendlichen
Temperaturen von 36,0. Röntgenbefund: Aorta sehr
schmal, konzentrische Hyperthrophie des Unken Ventrikels.
Fall 3. H. W., 28 Jahre, Sänger. — Klinische Vorlesung am
3. Juli 1913.
Am 21. Mai d. J. eigenartige Anfälle mit Bewußtlosigkeit.
Drückende Schmerzen in der unteren Bauchgegend, Ausstrahlung gegen
die Herzgegend. Dyspnöe, Hitzegefühl im Kopf, Ausbruch kalten \
Schweißes. „Rot und schwarz vor den Augen“; stürzte bewußtlos zu¬
sammen und war 20 Minuten ohne Bewußtsein, das Gesicht gerötet,
heiß, Daumen eingeschlagen, starkes Herzklopfen, versuchte, sich in
die Hände zu beißen. Seit Kindheit kurzsichtig, Glotzaugen. Vater
an Magenkrebs, Mutter an Gebärmutterkrebs gestorben. Poly¬
dipsie, und zwar Sommer und Winter gleich. Ab und zu schwindrt
Durstgefühl vollkommen. Bei abnorm großem Durst heftige Kopl
schmerzen im Hinterhaupt und in der Stirn, Trockenheit in Mund
und Rachen, Schüttelfrost, oft achttägige Obstipation. 0eft<c
Schmerzen in der Appendixgegend und gleichzeitig Kopfschmerz.
Objektiver Befund: Vorübergehend halbseitige Hyperästhesie link-.
P.S.R. gesteigert. Bei linker Seitenlage stark hebender SpUzensb'k
Gewicht 55 kg. Es werden an manchen Tagen bis 12 Liter Ir)"
ausgeschieden, gelegentlich aber nur 2 Liter. Nach 15 Minuten Kmj ,r >
große Blässe und Ohnmachtsanwandlung. Nach Prohefrühstiick <■'
samtaeidität 74. Salzsäureacidität 64. Blutbefund: 4,6 Millionen R' ,, ‘•
5000 Leuk., 52,8% Polynucl., 2 2,8% Ly mph., 14,0% groll'
Mononucl., 8,4%, Eos., 2% Mastzellen. — Röntgenbefund
Schmale, hochstehende Aorta, linker Ventrikel konzentrisch hyp* r
trophiert.
Fall 4. Sch. H., 17 Jahre, Bauer. — Klinische Vorlesung am
27. Juni 1913.
syndrom der Hypoplasie von größerer Bedeutung zu sein als I
beim kongenitalen Astheniker von mittlerer Statur. Hier
scheint zwischen schwächlichem Kreislauf und schwächlichem
kleinen Organismus eine gewisse Harmonie zu bestehen, wäh¬
rend bei abnormen Längendimensionen und besonders bei
Habitus quadratus mit kräftig entwicklter Muskulatur sich
offenbar eine funktionell bedenkliche Diskrepanz ergibt.
So mancher Fettleibige mit Habitus quadratus war übri¬
gens ursprünglich seinem Habitus nach Astheniker; nach
eigner Beobachtung scheinen derartige „Umstimmungen“ ge¬
legentlich unter dem Einflüsse von Infektionen (ausheilende
Tuberkulose!, Lues!) zu erfolgen.
Durch einige abgekürzte Krankengeschichten möchte
ich das symptomatische Milieu skizzieren, in das Hypoplasie
des Gefäßsystems sich oft einfügt.
Fall 1. 8. F„ 29 Jahre, Tischler. — Klinische Vorlesung
am 19. November 1912.
War stets einer der kräftigsten unter seinen Altersheime
1910 mußte er viermal wöchentlich eine Last von 30 kg auf t u'
Schutzhütte tragen (4 l A ständiger Weg) und 20 kg herunter.
1910 spürte er hei schwerer Arbeit und Aufwärtsgehen Hmkloptj-
1911 mußte er schwere Lasten heben. Starkes Herzklopfen sclmii je
leichter Arbeit. Hat das Zigarettenrauchen sei zwei Jahren aufgeg'^
Andauerndes Herzklopfen bei Aufregung, Steigen und Heben
Lasten. Ain günstigsten ist mäßige Bewegung, absolute m' 1
wirkt ungünstig. Herzklopfen auch schon nach Genuß von /» >-
Wein oder A Liter Bier. Keine Struma. Objektive Benin'
Gesicht auffallend gerötet, Hände und Füße abwechselnd sehr ■
oder sehr warm. Starke Erschütterung der Herzgegend.
gesteigert. Tonsillen vergrößert. Besonders in linker seitenlag , _
verstärkter und verbreiterter Spitzenstoß. Einwärts von der ' 1
spitze ein kurzes, leises, systolisches Geräusch, besonders auch ^
der Arteria pulmonalis. Herzspitze in der Mammillarlinie. 1 ui> -
Blutdruck 110 mm. Zweiter Pulmonalton vielfach gespalten unf ,
Zahlreiche kleine Drüsen im Halse beiderseits. Synophns, kn ,
Crines pubis. Gewicht 55 kg. Hagere Statur. Blutbefunji: ,
Leuk., Polynucl. 58,8%, große Ly mph. 2 0%, kleine
12,6%, große Mononucl. 2,3%/Eos. 4.3%, Mastzellen M*
Röntgenbefund: Größte quere Herzbreite 10,2 cm gej
>n«b’
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UMIVERSITY OF IOWA
18. April.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. IG.
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12 cm der Norm. Herzspitze abgerundet, Aorta hochstehend und
schmal.
Fall 5. N. N., Studierender der Medizin; von großer Statur,
auffallend blaß. Ermüdet leicht bei längerem Stehen, wird bei Steigen
leicht kurzatmig. Hat sich seinerzeit bei Skitouren überanstrengt.
Schlaf sehr schlecht. Seit dem zehnten Lebensjahre fehlen nachweislich
die P.S.R. (konstitutionelle Areflexie!). Sehr, ausgesprochene respira¬
torische Arhythmie. Reagiert auf Genuß von dunklem Bier mit Durch¬
fällen. — Röntgenbefund: Aorta sehr schmal; ausgesprochene
linksseitige Herzhypertrophie.
Fall 6. P. P., 30 Jahre, Reserveleutnant, kommt vom Kriegs¬
schauplätze. Kräftige Statur, 177 cm lang, breitschultrig. Klagt dar¬
über. daß er bei starken körperlichen Anstrengungen sofort kurzatmig
wird. Erwacht besonders in der Nacht mit Gefühl der Atemnot und
tnoßem Hitzegefühl; feuchte Hände. Wurde zweimal ohnmächtig, als
er mit schwerer Bepackung eine Anhöhe ersteigen mußte. — Rönt¬
genbefund: Größte quere Herzbreite 12,2 cm gegenüber
13,2, Aorta bis Clavicula reichend, bei seitlicher Durchleuchtung
kaum daumenbreit.
Aus den vorstehenden, nur in flüchtigen Umrissen
skizzierten Beobachtungen ist zu entnehmen, daß enge Aorta
verhältnismäßig häufig nur Partialsymptom einer in vielen
Details anatomisch und funktionell verfehlten Konstitution
darstellt und vielfach in den Rahmen konstitutioneller Neuro¬
pathien fällt. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß der
anatomischen Minderwertigkeit des hypoplastisch angelegten
kardiovasculären Systems auch eine Minderwertigkeit und
abnorme Einstellung auf funktionellem Gebiet entspricht. Es
handelt sich um Individuen mit meist großer Labilität der
Schlagfrequenz und des Blutdrucks, abnormer vasomotorischer
Erregbarkeit mit dauernder oder besonders paroxysmal
schlechter Durchblutung in verschiedenen Organabschnitten.
. So kommt es zu Ohnmachtsanfällen, oft besteht abnorme
Blässe des Gesichts, Kälte der Extremitätenenden, leichte Er¬
müdung bei körperlicher Anstrengung.
In dieses Milieu fällt auch gelegentlich „1 ordo¬
rische“ Albuminurie und Pulsus paradoxus.
So realisiert die folgende Beobachtung das Syndrom: Enge
Aorta + lordotische Albuminurie + Pulsus paradoxus +
Mononucleose.
K. F., 19. Jahre. — Klinische Vorlesung am 20. Februar 1914.
Hochaufgeschossenes, hageres Individuum. Acne am Nacken.
Hände und Füße feucht und kühl. Feminine Crines pubis. Zur Zeit
der Untersuchung im Ablaufe begriffener Icterus catarrhalis. Objektive
Bpfunde: Andeutung von Dorsalclonus. Bauchdeckenreflexe lebhaft.
Arterien leicht verdickt. Puls labil, im Stehen viel rascher als im
biegen. 116 mm Riva-Roeci. Erster Ton an der Herzspitze im
Stehen sehr unrein. Töne überall über den meisten Ostien gespalten,
unrein. Bei tiefem Einatmen im Stehen gelegentlich voll¬
kommenes Verschwinden des Radiaipulses.
10 Minuten nach Knien reichliche Eiweißausscheidung. Blut-
Wund: 6,512,000 Rote. 120% Hämoglobin, Leuk. 5330, Polyn.
<M*utr. und Eos.) 49,6 % (2646), große Mononucl. und Gelappt kernige
(554), Lymph. 3 8,7% (2066), Mastzellen 1,3% (66). —
Hont gen bef und: Sehr schmale und hochstehende Aorta.
Tropfenherz!
Bezüglich der interessanten Beziehungen zwischen
Pulsus paradoxus und „I o rd o t i s c h e r“ Albu¬
minurie verweise ich auf die noch aus meiner Innsbrucker
Klinik erschienene Arbeit von F. G a i s b ö c k (M. Kl. 1914,
^ r * 4). Hier wird mit besonderem Nachdruck auf die be¬
sondere Wichtigkeit abnormer vasomotorischer Erregbarkeit
für das gelegentliche Zustandekommen eines Pulsuspara-
d ° x u s und des damit in manchen Fällen biologisch ver¬
knüpften Symptoms der „lordotischen“ Albumin¬
urie hingewiesen.
Bei der Suche nach objektiven Sym¬
ptomen, welche gelegentlich imstande sind, bestehende
subjektive Herzbeschwerden und die Glaubwürdigkeit dies-
^üglicher Angaben zu stützen, sollte in dem früher
skizzierten konstitutionellen Milieu neben „lordotischer
Albuminurie respektive Cylindrurie“ gleichzeitig auf
11 1 s u s paradoxus besonders geachtet werden. Schon
'Auslöstmgsbedingungen haben eine gewisse Aehnlichkeit.
Auch Pulsus paradoxus ist häufig launenhaft in seinem Auf¬
treten, im Liegen nicht auslösbar, wohl aber im Stehen, be¬
sonders auch nach längerem Knien, und geht eventuell einher
mit „lordotischem“ Schwindel und ..lordotischer“ Ohnmacht.
Auch das von Pollitzeran Ortners Klinik beobachtete
Phänomen: Verschwinden des Pulses bei
Habtachtstellung dürfte im Sinne eines vasomoto¬
risch bedingten Pulsus inspiratione intermittens aufzu¬
fassen sein.
In diese Gruppe von Phänomenen gehört auch das von
F. G a i s b Ö c k *) in zwei Fällen beobachtete Verschwin¬
den des Radialpulses bei forcierter, bis zur
Ermüdung fortgesetzter Arbeit, z. B. Fechten, Hantel¬
stemmen, in der entsprechenden Extremität. Das früher
skizzierte Röntgensyndrom (vergleiche Abb. 1 und 2!), Pulsus
paradoxus (Auslösung durch tiefe Inspiration, Habtachtstel¬
lung, Muskelarbeit, des Armes bis zur Ermüdung) und „lordo¬
tische“ Albuminurie stehen jedenfalls in biologischer Wechsel¬
beziehung und wäre, das entsprechende konstitutionelle Milieu
und entsprechende subjektive Beschwerden vorausgesetzt,
an diese Symptomenkette zu denken.
Gerade durch derartige funktionelle Beitaten gewinnt
deT anatomische Befund der V i r c h o w sehen „Hosenträger¬
aorta“ und die dazugehörige linksseitige Herzhypertrophie
an Bedeutung von militärärztlichen Gesichtspunkten.
Es muß nämlich betont werden, daß durchaus nicht alle
FäUe von schmaler Aorta das Symptom abnorm rascher Er¬
müdbarkeit und des Versagens bei großer körperlicher An¬
strengung zeigen. Ja, es will mir auf Grund eigner Beob¬
achtung scheinen, daß es gerade auf diesem Gebiet Individuen
gibt, bei welchen der Regulationsmechanismus
des Ermüdungsgefühls gegen das andere
Extrem verschoben ist, indem selbst bei viel-
stündiger körperlicher Anstrengung, wie Skitouren und der-
I gleichen, das Ermüdungsgefühl ausbleibt, wodurch sportlichen
Exzessen Tür und Tor geöffnet sind.
Wir sehen es ja auch sonst oft genug in neuropathischem
Milieu — Hypoplasie der Aorta und Neuropathie scheinen mir
sehr oft Hand in Hand zu gehen —, daß die großen Regu¬
lationsmechanismen (Hunger, Durstgefühl, sexuelle Appetenz)
in ihrem Niveau bald nach oben, bald nach unten abnorm
eingestellt sind. So hatte ich besonders im Berglande Tirol
Gelegenheit Aortenhypoplastiker zu sehen, welche nach sport¬
lichen Exzessen, die sie längere Zeit erstaunlich gut ohne
richtiges Ermüdungsgefühl ertragen hatten, ziemlich unver¬
mittelt ausgesprochene funktionelle Störungen des Herzens
von erethischem Typus aufwiesen und gelegentlich körper¬
lich und psychisch kollabierten.
Das in Abb. 1 und 2 skizzierte Röntgensyndrom des
hypoplastischen Herzgefäßsystems findet sich bekanntlich
auch bei den verschiedenen Formen des Kropfherzens.
Für eine militärärztliche Beurteilung kommen, da exquisite
Kropfträger a priori ausseheiden, weniger die mechanischen,
als vielmehr die thyreotoxischen Formen; in Be¬
tracht, wie sie auch bei geringer anatomischer Veränderung
der Schilddrüsen auftreten können. Ich halte aUerdings in
den meisten derartigen Fällen eine ,unicentrische‘ Auffassung
in dem Sinne, daß die Schilddrüsenstörungen in das Centrum
des ursächlichen Bereichs der Herzstörungen gestellt werden,
für verfehlt. Schon der Umstand, daß das Röntgen¬
syndrom des Kropfherzens ebenso ganz unab¬
hängig von jeder Schilddrüsenstörung ge¬
funden wird, muß zur Annahme führen, daß vielleicht eben
nur eine gewisse konstitutionelle Minderwertigkeit gleicher¬
maßen in Schilddrüsenstörungen wie in anatomisch-funktio¬
nellen Störungen des Kreislaufsystems sich äußert; also
pathogenetisch mehr eine Gleichstellung als eine Unter- und
Ueberordnung.
J ) L. c.
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1916 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16.
18. April.
WB«
Immerhin wäre bei Kriegsteilnehmern unter dem Ein¬
flüsse psychischer Traumen gelegentlich auch mit dem Ein¬
setzen von Basedowschen Zuständen zu rechnen.
Die Röntgensilhoutte von Herz und Aorta sollte bei der
militärärztlichen Ueberprüfung nach Tunlichkeit berücksich¬
tigt werden, da sie oft schon an und für sich auch ohne ge¬
nauere Messung äußerst instruktiv ist, konstitutionell minder¬
wertige Herzen aufdeckt, über linksseitige Herzhypertrophien,
Dilatationszustände usw. raschestens orientiert.
Hier käme weiterhin von eireulatorisch bedeutsamen
Momenten in Betracht der eventuelle Nachweis von Ver¬
knöcherung der Rippenknorpel, wie sie ge¬
legentlich auch schon bei sehr jugendlichen Individuen an¬
getroffen wird, von Pleurasynechien, die Kreislauf¬
störungen sehr ungünstig beeinflussen können. Das Ein¬
dringen bindegewebiger Züge vom Herzrande schräg ab¬
steigend in die Lunge kann den Gedanken an pleuro¬
perikardiale Verwachsungen erwecken.
Neben Kleinheit des Herzens und medianer Lagerung
desselben (Tropfherz!), stark abgerundeter Herzspitze (links¬
seitige Herzhypertrophie!), langer und schmaler Aorta wird |
auch der zweite linke Bogen (Pulmonalis + Vorhof)
besonders in seiner pulmonalen Perspektive bei Drehung nach
links zu berücksichtigen sein. Er scheint mir weniger wichtig
als Mitralsymptom, wie gerade als gelegentlicher Indikator
anatomisch-funktionell abnorm eingestellter Konstitution des
kardiovasculären Systems.
Von besonderer Aktualität sind zweifellos jene Herz¬
zustände, welche erst kürzlich im Rahmen dieser Wochenschrift
(S. 270) von M ü n t e r kurz besprochen wurden. Ich möchte
für diesen Typus den in ätiologischer Hinsicht nichts präjudi-
zierenden Terminus „e r e t h i s c h e s K r i e g s h e r z“ vor¬
schlagen, wobei allerdings sofort betont werden muß, daß wir
diesen Typus von Herzstörungen auch in den Friedenszeiten
oft genug gesehen haben, und zwar, was mir wesentlich er¬
scheint, auch ohne vorausgegangene schwere körper¬
liche Anstrengung.
Ausgesprochene Neigung zu Tachykardie auch im Ruhe¬
zustände, leichte Celerität des Pulses, verdickte Gefäße
(Hypertonie!), besondere Labilität der Pulszahl und des Blut¬
drucks, gelegentlich Extrasystolen, vasomotorische Ueber-
erregbarkeit, kongestive Zustände, Herzklopfen, Schmerzen in
der Herzgegend, breiter und hebender Spitzenstoß, besonders
in linker Seitenlage, wechselnde systolische Geräusche, oft
durch Lage in ganz besonderem Maße beeinflußbar, Kurz¬
atmigkeit bei Anstrengung, Tremor der Hände, sind die pro¬
minentesten klinischen Symptome.
Dieses „erethische Kriegsherz“ ist zweifellos
in sehr vielen Fällen konstitutionellen Ursprungs, und kann
ich nachdrücklich auf das früher über „Hosenträgeraorta“,
Pulsus paradoxus, lordotische Albuminurie und dergleichen
Gesagte verweisen.
In vielen derartigen Fällen wird die Röntgenunter¬
suchung typische Befunde, wie starke Rundung der Herzspitze,
zweiten linken Bogen, schmale und lange Aorta, aufdecken.
Im familiären Milieu stößt man nicht selten auf Psy¬
chosen, Gicht, Asthma, Gallensteine und dergleichen. In
besonderem Maße, ungleich mehr als dies für typische orga¬
nische Herzerkrankungen gilt, sind derartige Herzen vom
Digestionstrakt, besonders durch Genuß blähender
Speisen, beeinflußbar und sollten daher stets besonders
auch nach Nahrungsaufnahme überprüft werden. Gelegent¬
lich vikariieren diese Herzstörungen mit Verdauungsneurosen.
Unter den auslösenden und fördernden Momenten spielt
besonders auch Nicotinabusus eine Rolle, und wäre
auch bei den „erethisehen Kriegsherzen“ auf dieses Moment
besonders zu achten.
Feinwelliger und frequenter Tremor der Hände
verdient als häufiges Begleitsymptom, das, kaum simulations-
fähig ist, diagnostische Beachtung.
Obwohl das „erethische Kriegsherz“ der eben besproche¬
nen Art in Anbetracht des Fehlens grobanatomischer Herz¬
muskelläsionen und bei der Intaktheit des Klappenapparat*
keine Lebensgefahr in sich schließt, wird doch in den einzelnen
Fällen mit aller Umsicht die Frage zu erwägen sein, inwieweit
eine Felddienstfähigkeit noch zu erwarten ist. Diese Frage
läßt sich wohl nicht allein von herzspezialistischem Stand¬
punkte, sondern nur von allgemeinen, biologischen Gesicht*,
punkten entscheiden. Eine konstitutionelle Neuropathie mit
entsprechender Ascendenz (Psychosen, Diabetes, Gicht usw.)
mit bestehenden gehäuften Bildunganomalien (Synophri*.
Lingua plicata, überzähligen Brustwarzen und dergleichen
wird eine viel ungünstigere Voraussage ergeben als eine
akute erworbene Neurasthenie.
Auch wird es von Wichtigkeit sein, die S u m m e zu er¬
mitteln aus den noch einwirkenden oder vorausgegangenen
kreislaufschädigenden exogenen 1 ) und endogenen
Noxen. Hier kämen neben körperlicher Ueberanstrengnn:
und psychischer Shockeinwirkung in Betracht: Exzesse in
Alkohol und Nicotin, Blei, Lues, Tuberkulose, in letzter Zeit
überstandene Infektionsprozesse, wie Typhus, Gelenkrheuma¬
tismus, Pneumonie, Influenza, Diphtheritis, Dysenterie und
dergleichen, von endogenen Schädigungen Gicht und Adi¬
positas.
Von der jeweiligen „S c h ä d 1 i c h k e i t s s u m m t
wird natürlich auch in besonderem Maße die Voraussage aii-
hängen. Die Differentialdiagnose dieses „erethisehen Krieg*-
herzens“ gegenüber obsoleter oder akuter Endokarditis an
den Mitralklappen wird auch dem erfahrenen Kliniker ge¬
legentlich Schwierigkeiten bereiten.
Für die Diagnose auf „erethisches Kriegsherz“ spricht
unter andern die ganz besondere Neigung zu Tachykardie. Ihm
hüpfender Beschaffenheit des Pulses, vasomotorische Phäno¬
mene, wie kalte Hände und Füße, Kongestionen gegen den
Kopf, Tremor der Hände. Systolische Geräusche über Herz¬
spitze oder Pulmonalis sind, wenn überhaupt hörbar, oft nur
in bestimmter Lage deutlich und ihre Intensität sehr wechselnd,
der erste Ton an der Herzspitze gut erhalten. Auffallend ist
nicht selten die besondere Akzentuation und klingende
Beschaffenheit des zweiten Aorten ton*,
ohne entsprechende Erhöhung des arteriellen Druckes.
Eine Herzverbreiterung sowohl nach links als rechts
kann gerade durch den diffusen eventuell hebenden Spitzen¬
stoß leicht vorgetäuscht werden und ist gerade zur raschen
Demaskierung derartiger Pseudodilatationen, wie sie ja auch
bei Basedowherzen oft vorliegen, die Röntgenuntersuchung
sehr am Platze. Für besonders wichtig halte ich sie, wie schon
mehrfach betont, behufs Aufdeckung konstitutioneller Herz-
gefäßhypoplasie.
Mit der Tachykardie des „erethisehen Kriegsherzen*"
dürfte nicht verwechselt werden die Tachykardie des im
Krieg und durch den Krieg aus einem latenten zu einem
manifesten Phthisiker gewordenen Soldaten.
Hier fehlt im allgemeinen der starke Ictus cordis, der in
seiner Intensität ja allerdings auch beim erethisehen Kriegs¬
herzen von Tiefe und Breite des Brustkorbs und Krümmung
der vorderen Thoraxwand beeinflußt wird. Auch ist da*
Phthisikerherz im allgemeinen „geräuschlos“.
.Jedenfalls wird es sich empfehlen, in jedem Falle von
„erethischem Kriegsherz“ die Körpertemperatur in
Evidenz zu halten. Geringe, subfebrile Temperatursteigc-
rungen von 37 bis 37,5 0 dürften allerdings nicht ohne weitem*
für die Diagnose einer Tuberkulose oder Endokarditis heran
. 1 ) Hier wäre gelegentlich auch mit der Möglichkeit eine* ^
sichtlichen Mißbrauches cardialer Pharmaka wie Digitalis und *
gleichen zu rechnen.
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«rezogen werden, da sie besonders bei „erethischem Kriegs¬
hetzen“ auch neurogen-vasomotorisch bedingt sein können.
Gegenüber dem ganz überragenden Interesse, welches
den Tachykardien von iriilitärärztlichen Gesichtspunkten
zukommt, ist eine gelegentliche bradykardische Ein¬
stellung des Herzens unter Umständen insofern von
Wichtigkeit, als es sich um postinfektiöse Brady-
k a rdie handeln könnte. Die konstitutionelle
B r a d y k a r d i e, die nach eigner Beobachtung nicht selten
mit konstitutioneller Achylie einhergeht, oder auch mit
lonlotischer Albuminurie verknüpft ist, hat weniger an und
fiir sich, sondern als Indikator gelegentlicher konstitutioneller
Minderwertigkeit militärärztliche Bedeutung. In unkompli¬
zierten Fällen liegt ja in körperlicher Anstrengung gewisser¬
maßen eine Korrektur der verlangsamten Schlagfolge des
Herzens.
Einige Bemerkungen noch über eventuell anzustellende
..Funkt ionsprüf urigen“ des Herzens.
Hei der großen Bedeutung der mannigfachen neurogenen
Förderung und Hemmung, bei der sicherlich weitgehenden
Automatic der einzelnen Teile des Kreislaufsystems, in An-
hciracht der großen Bedeutung vasomotorischer Funktionen,
der verschiedenen auxiliären Triebkräfte (inspiratorische Saug-
wirknng, Zwerchfell-, Bauchmuskelaktion usw.) ist jede ein¬
stige Fntersuchungsniethode a priori von Hebel und kann
mir eine möglichst a 11 s e i t i g e B c r ü c k s i e h t i g u n g
des K r e i s 1 a u f p r o b 1 e m s unter besonderer
Heranziehung konstitutioneller Gesichts¬
punkte befriedigende Resultate ergeben.
Jede ,,monomanische“ Anschauung^- und Untersuchiings-
nicthodc ist da von Uebel.
Die natürlichste funktionelle Ueberprüfung erfolgt durch
dosierte Arbeitsleistung, wobei man vielleicht gut tun wird,
Kontrollpersonen von ähnlicher Statur und normaler Kreislauf-
fmikrion zum Vergleich heranzuziehen.
Je mehr sich die geforderte Arbeitsleistung den tatsäch¬
lich im Felddienste geforderten Leistungen (Marschieren,
Steigen, Laufen, Lastentragen usw.) anpaßt, um so besser:
als Surrogat mögen immerhin die obligaten zolin Knie¬
beugen gelten.
Bestimmt man „vor“ und „nach“ Beschaffenheit und
Zahl der Pulse, Blutdruck und Atmungsfrequenz, achtet dabei
auf die Fühlbarkeit der Herzaktion, auf Gesichtsfarbe,
Nhweißausbrueli usw., so werden sich sehr schätzbare An¬
haltspunkte für die Beurteilung der Kreislaufverhältnisse er-
laboii. Von besonderer Wichtigkeit ist natürlich dabei, fest¬
zustellen, in welcher Zeit der Status quo wieder erreicht ist.
(Ans dem Laboratorium des Beratenden Hygienikers . . .)
Improvisation von Dampfdesinfektionsapparaten
und „Entlausungsanstalten“ im Felde 1 )
f| l"TÄl;il.sarzt Prof. Dr. Uhlenhuttl, Beratender Hygieniker . . .
und
Dr. Olbrich, zugeteilt dem Beratenden Hygieniker . . .
. .^Desinfektion mit strömendem Dampf ist eine der mächtig-
ii •! . a "^ n im Kampfe gegen die Infektionskrankheiten, besonders
‘ _ l . lm Fel f \ e - Dazu kommt, daß auch für die Beseitigung der
(hi f S ° ( ‘ m ’ ne . nfc wichtigen Läuseplage der strömende
• np unentbehrlich ist. Alle andern Mittel sind nicht so sicher;
r:*'*' ' en,, riitet der Dampf zugleich das Ungeziefer und die
'-ffeger der ansteckenden Krankheiten.
a »me Dampfdesinfektion im Felde betrifft,
Hialtcnei
am ö. März 1915 vor den Bahnheauftragten i
' "cn \ ortrage.
in Ch.
so stehen der Truppe ausgezeichnete fahrbare Desinfektions¬
apparate zur Verfügung. Diese sind aber bekanntlich recht teuer
und lassen sich naturgemäß nicht immer in der erforderlichen
Anzahl beschaffen. Unter den mehr stationären Verhält¬
nissen des Feld-, Kriegs- und Etappenlazaretts — zumal im Stel¬
lungskrieg — ist man bald dazu übergegangen, sich größere und
große Dampfdesinfektionsapparate zu improvisieren.
Wir wollen im folgenden über einige von uns in unserer
Armee improvisierte Desinfektionsapparate und -anlagen kurz be¬
richten.
1. Zunächst wurde das bekannte Desinfektions¬
faß angewandt (Abb. 1). Große Kessel, bis zu 125 Liter, sind in
Frankreich in großer Zahl fast überall zu haben; sie dienen ge¬
wöhnlich zum Kochen des Viehfutters. Fässer sind auch überall
zu finden.
Von diesen Fässern wurde Boden und Deckel entfernt; an Stolle
des Bodens wurde ein Holz ro st (Abb. 1. b) eingefügt und ein neuer
iibergreifender abnehmbarer Deckel mit Haken an der Innenseite
— zum Aufhäugen der zu desinfizierenden Objekte — gefertigt
(Abb. 1, a). Nun wurde das Faß über den offenen Kessel gestellt und
gut abgedichtet. Auch der abnehmbare Deckel bekam einen Dich¬
tungsring und wurde nötigenfalls mit Steinen beschwert. Der im
Kessel entwickelte Dampf strömt nach oben und erreicht eine
Temperatur von annähernd 100 °C (3 % iger Schrägargar wurde ge¬
schmolzen). Die notwendige Trennung von reiner und unrein e r
Seite wurde dadurch erzielt, «laß der Apparat so aufgestellt wurde, daß
nach beendeter Desinfektion der Deckel mit den desinfizierten Ofegen-
stünden mittels einer drehbaren Winde hochgezogen und jenseits
e i » e r Hof- oder Gartenmauer entleert wurde.
2. Da zu den erwähnten Kesseln auch passende Eisendeckel
£ zu haben waren, wurden später
N diese Deckel mitten ausgebohrt
und ein senkrechtes, oben rechtwinklig gebogenes, mit schlecht
wärmeleitenden Stoffen gut umwickeltes D a m p f 1 e i t u n g s -
rohr eingefügt (Abb. 2) und Deckelrand und Bohrloch fest ab¬
gedichtet (Zementabsehluß). Der Deckel erhielt noch ein zweites
verschließbares Loch fiir Wasserzufuhr beziehungsweise Wasser¬
standmessung (a). Auf diese Weise war es möglich, den Wasser¬
dampf vorschriftsmäßig von oben her in das Faß einzu¬
leiten und mit einem Abzugsloche für Luft und Kondenswasser (l>)
eine reine gesättigte Wasserdampfatmosp h ärn
zu erzielen.
3. Beim Herannahen der schlechten Jahreszeit wurde es
notwendig, den Dampfdesinfektionsapparat in einem geschlosstmen
Schuppen unterzubringen. Wo keine geeigneten Schuppen vor¬
handen waren, wurden solche eigens errichtet. Auch Zelte sind
geeignet. Es lag uns daran, nun wieder eine Trennung zwischen
reiner und unreiner Abteilung möglichst scharf durchzuführen.
In eine Trennungswand wurde ein 2 m langer, 1 m breiter und
hoher, gut gefalzter Kasten aus Holz (Abb. 3) fest eingebaut. Der
Kasten hat vorne wie hinten eine Tür fa) — reine und unreine Seite —,
unten oberhalb des Bodens einen Holzrost (b) und oben einen auszieh¬
baren Schieberahinen mit Haken (c). Dampf wird in einem der geschil¬
derten Kochkessel mit durchbohrtem Deckel erzeugt und von oben
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her eingeleitet. Um einen Wärmeverlust möglichst zu vermeiden,
wurde das Dampfleitungsrohr im Innern des Holzkastens bis
dicht unter die Decke hochgeführt (d, e, f). Für die abströmende Luft
und das Kondenswasser dient unten ein Loch, das durch einen Bierhahn
verschließbar gemacht wird. Ein Thermometer wird unten seitlich
eingesteckt.
Diese Kastendesinfektionsapparate wurden auf unsere Ver¬
anlassung unter Leitung des Chefarztes bei der Kriegslazarettabteilung
.... (Oberstabsarzt Dr. Friedrich) vom Personal der freiwilligen
Krankenpflege (mit dankenswerter Unterstützung des Delegierten, Frei¬
herrn Roeder von Diers¬
burg) angefertigt und in¬
nerhalb des Armeegebiets
vielfach gebrauchsfertig auf¬
gestellt. Ein derartiger Kas¬
ten erfordert eine Arbeits¬
zeit von etwa drei Tagen.
4. Seit einiger Zeit
benutzen wir, um Holz zu
sparen, wieder Tonnen.
In außer Betrieb
gesetzten Brauereien fin¬
den sich zahllose Tonnen
großen und größten
Kalibers, die auch schon
größeren Anforderungen an eine Desinfektion und Entlausung
entsprechen. Wir lassen in diese quer gelegten Tonnen
(Abb. 4) vorn und hinten eine Türöffnung einsägen, gut¬
passende Türen, Holzrost und Schieberahmen anfertigen und
bringen sie — bei großen Tonnen — in Verbindung mit
einer Dampfquelle (Maschinenhaus einer Fabrik, Loko¬
mobile, Lokomotive, Dampfkessel von Hei-
z u n g s a n 1 a g e n). Diese Behelfstonne „Diogenes“, wie wir sie
genannt haben, vermag je nach Größe 50 und mehr Monturen
auf zune Innen und eignet sich, wo Dampfquellen vorhanden sind,
vornehmlich für Entlausungsstationen dicht hinter der
Front. Die bei Entlausungsstationen unbedingt not-
w endige Trennung von reiner und unreiner Abteilung läßt sich
unschwer durchführen, und die Dampfquelle muß meist auch noch
das B a d e w a s s e r (Duschebäder, Wannenbäder) erwärmen.
Denn es ist bei der Entlausung unumgänglich notwendig, Des¬
infektionsapparate und Badeanstalten zu verbinden.
5. Die in der Armee eingeführten fahrbaren Desinfektions¬
apparate, die mit Pferden gezogen werden, haben sich aus¬
gezeichnet bewahrt. Entsprechend der Entwicklung und Be¬
deutung des Kraftwagenwesens für das Heer wäre es
unseres Erachtens zweckmäßig, größere Dampfdesinfektions-
apparate auch auf Lastkraftwagen zu montieren und
zwischen den Quartierorten der Truppen nach Bedarf verkehren
zu lassen. Jedes
Armeekorps sollte
nach unsera Er¬
fahrungen über
mehrere Dampf¬
desinfektions¬
kraftwagen verfü¬
gen, wie auch Last¬
kraft wagen für
andere Zwecke
(Krankentrans¬
port usw.) zur Ver- ___^
fügung stehen. Für Abb. 5.
ein Korps haben
wir bereits folgende Behelfseinrichtung als Muster ge¬
schaffen und improvisiert (Abb. 5).
Ein aufgefundenes Dampf automobil mit Oel-
feuerung wurde wieder instand gesetzt. Die Oelfeuerung wurde in
unsenn Kraft Wagenpark aus betriebstechnischen Gründen in eine
Benzolfeuerung (a) umgearbeitet. Der damit in dem Dampfkessel (b)
am Vorderteile des Wagens erzeugte Dampf wird aber nicht nur als
Triebkraft für die Hinterradachsen verwandt (zum Transport des
Wagens von einem Orte zum andern), sondern bei Stillstand des Wagens
(Drosselung bei c) zur Desinfektion in eine große Behelfstonne
„Diogenes“ eingeleitet. Diese Tonne wird liegend und quer auf das
Hinterteil des Dampfautomobils (Lastkraftwagen mit Vollgummireifen)
aufmontiert; die verwandte Tonne hat einen Durchmesser von 1,90 m
und eine Höhe (Länge) von 1,75 m. Die Leistungsfähigkeit dieses
Apparats beträgt entsprechend der Größe der Tonne ein Mehrfaches
von der eines gewöhnlichen fahrbaren Desinfektionsapparats.
Die Offiziere unseres Kraftwagenparks (Hauptmann Schimmel-
pfeng, Hauptmann Babst, Leutnant Leicht), die mit Eifer und
a) Lckomobile; b) Dampfleitung; c) Behelfstonne
„Diogenes“; d) Thürraum; e) Thermometer;
f) Ablaßhahn.
Interesse diesen ersten Dampfdesinfektions-Kraftwagen mit uns zu¬
sammen improvisiert haben, sind bereit, auf einem Kraftwagen-
Anhänger noch eine zweite Improvisation zu schaffen (Abb. 6). Ein
aufgefundener geeigneter freistehender gußeiserner Gliederkessel von
etwa 6 qm Heizfläche für Niederdruckdampf von etwa 0,45 Atmo¬
sphären wird auf einem Anhängewagen in der Mitte aufmontiert. Der
entströmende Dampf wird alternierend in zwei Behelfstonnen
„Diogenes“ eingeleitet in der Weise, daß er in der einen Tonne wirksam
ist. während die andere entladen und wieder beladen wird. Außer Vor¬
richtung zum Anhängen an einen entsprechend starken Kraftwagen
erhält dieser Desinfcktionswagcn noch eine einsteckbare Deichsel and
Zugvorrichtung für Pferdebetrieb. Dieser Anhänger wird zweckmäßig
dem Sanitäts-Kraftwagendepot zugewieaen und jeweils dort ange¬
fordert. — Die Bedeutung derartiger großer Apparate für eine schnelle
und sichere Desinfektion und Entlausung liegt auf der Hand.
6. Auf der Suche nach einer stationären Dampfquelie stießen
wir kürzlich in einer Geldschrankfabrik auf eine große
Anzahl roher Geldschränke aller Größen. Bekanntlich eignet sich
für die einfache Entlausung von Ledersaehen
(Tornister usw.) nichts besser als t r o c k n e H i t z e. Die Kleider¬
läuse gehen bei 60 0 C bereits nach 15 bis 20 Minuten, ihre Nissen
bei 60 0 C nach einer Stunde zugrunde. Ledersachen vertragen
trockne Erhitzung bis zu 110 0 C. Es lag nahe, die großen Geld¬
schränke an Ort und Stelle dafür nutzbar zu machen.
Sie eignen sich besonders gut, weil sie absolut dicht sind und
massive wärmeschutzhaltige Wände haben. Notwendig ist lediglich,
in dieselben Heizrohre und Thermometer einzufügen; Dampf ist. wie
gesagt, vorhanden. Eine Anzahl von Behelfstonnen „Diogenes“ werden
zur Desinfektion und Entlausung der Kleider usw. außerdem dort
aufgestellt werden, ebenso ausreichende Brausebadeinrichtungen.
7. Meist führt mehr oder weniger nahe hinter der Front
die Eisenbahn entlang. Diese auch für die Kriegshygiene,
insbesondere für die Desinfektion und Entlausung in Anspruch zu
nehmen, liegt nahe. So entstand der zunächst als Improvisation
gedachte „Entlausungszug“.
r
r
:;... unfair
Abb. 7 (Entlansaogszng, schematisch).
I. Lokomotive (zugleich Dampfquelie für Desinfektiousapparat); ID Ablageraum für ^
desinfizierten Kleider; 1U. Desinfektionswagen, /■>/// Desinfektionsapparat, ft) unreine
Abteilung, b) reine Abteilung; IV. Auskleideraum (Wagen 4. Kl.); V. DuschebMer*
wagen; VI. Ruher&um für die gebadeten Mannschaften (zugleich Ankleideraumj.
Zu einem zweckmäßigen „Entlausungszuge“ (vergleiche
schematische Darstellung in Abb. 7) bedarf es der Neubeschaffung
des Desinfektionswagens und einiger Dusche bäder-
wagen. Für die übrigen noch notwendigen Räume kommen ge¬
eignete Wagen dritter oder vierter Klasse ohne jede bauliche Pr¬
ämierung in Betracht.
Der Desinfektionswagen (Nr. 111) muß folgendermaßen
eingerichtet sein. Die mittleren zwei Viertel der Bodenfläcne ei
größeren Güterwagens werden von einem großen viereckigen Pamp
desinfektionsapparate vollkommen eingenommen (eventuell lmp
sation mit eisernen Bottichen aus Zuckerfabriken oder große l° n
„Diogenes“). Der Desinfektionsapparat hat hinten eine lür (»J 1 .
Seite, unreine Seite, a) und vorne eine Tür (Entladeseite, reme -em e,h
innen Vorkehrungen für Vorwärmung und Nachtrocknung. f^ n
wendigen Dampf liefert die Lokomotive. Das hintere >ieri *•
entspricht der unreinen Abteilung (Beladeraum) einer w y
desinfektionsanstalt und hat ähnlich wie die D-Zug-Packwag e
Türen: an den Seiten große Schiebetüren, in der Zugnehtung
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18. ApriL
449
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16.
Durchjiangstür nach der sogenannten Plattform und damit zum Aus-
fc 1 ei de wagen (Nr. IV). in der unreinen Abteilung müssen noch Ein¬
richtungen fiir die Selbstdesinfektion des Desinfektors (Waschgelegen-
lieit, Brause) Platz finden. Ebenso wie die unreine Abteilung ist hin¬
sichtlich Tiiren das vordere Viertel (b) als reine Abteilung (Ent¬
laderaum,) beschaffen. — Um Abkühlung des Dampfkastens nach Mög¬
lichkeit zu verhindern, wird er von vier Seiten (oben, unten und seit¬
lich) von dem hölzernen Wagengehäuse mitumschlossen, nötigenfalls
noch unter Einschaltung einer schlecht wärmeleitenden Zwischen¬
schicht.
Die Duschebäderwa^en (Nr. V) — ihre Anzahl ist ab¬
hängig von der Leistungsfähigkeit des Desinfektionsapparats (Anzahl
der Monturen, Desinfektionsdauer) — haben je nach ihrer Länge eine
möglichst große Zahl von Brausevorrichtungen an der Decke und ent¬
sprechende Wasserbehälter. Kaltes Wasser liefern die sogenannten
Wasserkräne für die Lokomotiven; durch Zuführung von Dampf von
der Lokomotive her wird das Wasser genügend erwärmt. Das ver¬
brauchte Badewasser wird am besten in die dem Bahndamme gewöhn¬
lich entlangführenden Gräben geleitet
Für die übrigen notwendigen Wagen (Entkleideraum, Nr. IV;
Ruhe* beziehungsweise Ankleideraum, Nr. VI; Wagen mit den des¬
infizierten Stücken, Nr. II) können ohne weiteres geeignete Wagen
i Durchgangs wagen) dritter oder vierter Klasse genommen werden.
Außer einigen Gestellen und Geräten sind kaum andere Vorrichtungen
notwendig.
Wir sind überzeugt, daß sowohl der Desinfektions-Eisenbahn¬
wagen wie die Brausebäder-Eisenbahnwagen auch im Frieden ihre
Bedeutung haben und praktische Verwendung finden können, besonders
in den Eisenbahndirektionsbezirken des Ostens.
8. Zuweilen kann es notwendig werden, Desinfektions- und
Entlausungsstationen größten Stils einzurichten, um in der Lage
zu sein, ganze Truppenteile (Bataillone, Regimenter, Ko¬
lonnen) in kürzester Zeit zu entlausen und zu desinfizieren. Bei
etwaigem Auftreten von Fleckfieberfällen, Cholera dürften sie
sofort in Tätigkeit treten. Auch ist es oft angezeigt, die Kriegs¬
gefangenen vor dem Abtransport nach den Gefangenenlagern
durch eine derartige Anstalt durchgehen zu lassen, sowie auch
Truppen, die aus der Front herausgezogen und zu neuen Ver¬
bänden zusammengestellt werden. — Wir haben es für nötig ge¬
halten, für unsere Armee eine solche M a s s e n ent¬
laus» ngs- und Desinfektionsanstalt einzurichten,
'vie ja auch im Osten darauf Bedacht genommen ist. Wir haben
uns eine Anzahl von Zuckerfabriken daraufhin angesehen
und die, welche die günstigsten Verhältnisse bot, im Benehmen
mit dem Armee- und Etappenarzte, der Etappeninspektion zur
Imwandlung in eine Desinfektions- und Entlausungsanstalt vor¬
geschlagen. Die Etappeninspektion hat danach die Ausführung
unserer Pläne kurzerhand befohlen und mit derselben den Leut¬
nant Eckey vom Eisenbahnregiment . . . beauftragt.
Die allgemeinen Verhältnisse der gewählten Fabrik sind kurz
folgende. Die kleine Ortschaft., zu der die Zuckerfabrik gehört,
hegt 2,5 km nordnordwestlich von., Station der Eisenbahn-
‘. tr - c ^ e ..., der Verbindung von Etappenhauptort mit
Ucrn Hauptquartier unseres Armeeoberkommandos. Von Bahnhof ....
fuhrt nach der Zuckerfabrik ein normalspuriges Gleis. Auf dem
•elände der Zuckerfabrik besteht schon jetzt einige Rangiermöglich-
Kcit. Die Gleisanlagen lassen sich verhältnismäßig leicht und schnell
erw eitern, sodaß ganze Züge dort abgestellt w erden können.
f i ^ er ^.hegt von der Zuckerfabrik völlig getrennt; indes
Ä 1 Verkehrsstraße hart an der Zuckerfabrik vorbei. Der
I ?! • e f r f.» der zurzeit von einem Seuchenlazarett zum Teil
ls o le £? am an dern Dorfausgange von.und ist durch
en i Park von der Verkehrsstraße geschieden.
I i i PUC imS* az ? rp tL i fi dem sich nur noch wenige Rekonvaleszenten
rn r/»I. ^ Slt l 1 s °f° rt entleeren, sodaß für etwaige Kranke gegen
, n ? ur Verfügung stehen. Ihre Zahl läßt sich beliebig er-
itärh/ 11 '. 1 J IM 1 ‘^‘Idoßbezirk allein noch 3000 qm überdachte Boden-
lassen V, n ^ en Auch die etwa 170 Einwohner des Dorfes
S(-nr)i ( ,n. r i 'u Vrn , n nö %’ leicht anderweitig unterbringen. Bei etwaigem
Krank-, 11,1 1 u ? L * er _ver dacht ist daher die Unterbringung von
Mcht krankheits- und Ansteckungsverdächtigen außerordentlich
bandeni?«bersieht über die in der Zuckerfabrik selbst vor-
ZwecknrK n me un( * ^ eren Verwendung für den beabsichtigten
d en So n ( ! ,,t aai ^sten aus dem W 7 ege, den a) die zu entlausen-
l’nifomJn i ^ a . s ver ^ aus fe Unterzeug und die verlausten
r, w.) f n i , 8 Läusen behaftete Lederzeug (Tornister
l'ntemmi zw ? r desinfizierte, aber noch nicht gewaschene
keimen; a 8 e r e 1 b e t r i e b), e) das mit Krankheits-
die zu riJ 1 . r* ^ e Lommene Lederzeug, f) die Offiziere,
an der Ihn, fa* n eiK * en . Eisenbahnwagen zu durchlaufen haben
er wähnt aiß e ? ~ r . u Wrisses in Abb. 8. Dabei sei ausdrücklich
} ® fediglieh die vorhandenen Räume
für den Ausbau der Entlausungs- und Des¬
infektionsanstalt nutzbar gemacht wurden.
a) Die entweder in Eisenbahnwagen (normalspuriges Gleis 1)
oder in Fußmarsch von Eisenbahnstation . . . ankonimewlen
j Truppenteile (Bataillone) sammeln sieh in den Räumen 2 und 3,
einem 500 M m großen Stallgebäude. Durch Zelte oder dergleichen
kann dieser Sammelraum beliebig vergrößert werden. Nach Zu¬
rückziehen des Zugs bis an die sogenannte „Rübenwüsche 1 * (ver¬
gleiche Abschnitt g, Desinfektion der Eisenbahnwagen) begehen
sich die Leute in Trupps bis zu 144 Mann — so viele können auf
einmal ein Brausebad erhalten — an dem zur Trennung dev reinen
von der unreinen Seite aufgeführten Bretterzaun 4 entlang (im
Grundrisse links) zur Halle 5 (vergleiche Abschnitt e, Des¬
infektion des Lederzeugs).
In der Abteilung 5 a geben sie ihre Wertsachen ab und erhalten
die nötige Anzahl von Kontrollmarken (vorhandene „Rüben¬
marken“ verschiedener Fabriken oder selbstgemachte Marken). Die
übrigen Abteilungen der Halle 5 interessieren zunächst nicht weiter,
da angenommen wird, daß es sich um einfache Entlaus un g
handelt. Mit ihren Kontrollmarken verlassen sie am andern Ende die
Abteilung 5 a, Diejenigen, bei denen Rasieren und Haarschneiden not¬
wendig ist (Vernichtung der Kopfläuse!), finden dazu Gelegenheit
in der Rasierstube 7 beziehungsweise in der Haarschneidestube 8. Als¬
dann betreten die Mannschaften durch die Tür 9 den annähernd
S-förmigen Auskleideraum 10. Für die Unteroffiziere ist Raum 11
reserviert. Sollte der Raum 10 einmal nicht hinlängen, so steht die
umfangreiche (345 qm) Galerie 14 der Maschinenhalle 54 noch zur
Verfügung. Diese befindet sieh in Höhe eines ersten Stockwerks und
ist von Raum 10 aus mittels der Treppe 13 zugänglich. Für gewöhnlich
wird sie aber an der Treppe unten abgesperrt.
Die Auskleideräume erhielten durchgebends Zementfußboden
und Wände mit abwaschbarem Oelfarbenanstricb, um sie schnell
und leicht reinigen zu können.
Die im strömenden Dampfe zu desinfizierenden Stücke
(Waffenrock, gewöhnliche Hose, Mütze, Mantel und Unterzeug)
j werden durch den Schalter 16 (Durchbruch in der Wand!) nach
der Dampfdesinfektionsanstalt 18 (vergleiche Abschnitt b) hin¬
durehgereicht, die durch trockne Hitze zu entlausenden Leder¬
sachen (Tornister, Reithose, Stiefeln, Helm usw.) werden durch
den Schalter 17 (Durchbruch in der Wand!) hindurchgegeben und
gelangen auf der Laufbahn 19 nach der „Läusedarre“ 20 (vergleiche
Abschnitt c). Die völlig entkleideten Leute selbst, begeben sich
durch die Tiir 55 (Durchbruch in der Wand!) nach dem Dusche-
bäderraum 15.
Seine besondere Einrichtung wird am Schlüsse dieses Abschnitts
beschrieben werden.
Durch die aufwärts führende Treppe 21 gelangen die noch
nassen Leute in den in Höhe eines ersten Stockwerks gelegenen
Raum 22 (vergleiche auch Nebenskizze, rechts von 49), einen gut
geheizten Speicher, in dem sie sich abtrocknen und eine Decke
erhalten. Ein Teil der Leute kann dort bereits der Ruhe pflegen;
der Raum 22 ist 393 qm groß. Der Hauptteil der Gebadeten und
Abgetrockneten begibt sich durch die Tür 56 nach dem
Speicher 57 vorderster Teil (a) und gibt im Vorbeigehen durch
einen Schalter zur linken Hand 58 die benutzten Handtücher nach
dein hinteren Speicherteile 57b, wo sie zum Trocknen auf¬
gehängt werden können. Der ganze Speicher 57 liegt ebenso wie
der Speicher 22 nicht zu ebener Erde, sondern etwa in Höhe
eines ersten Stockwerks, und zwar über der Des-
infektionsanlage 18.
Die gebadeten und abgetrockneten Leute gelangen nunmehr
durch die Tiir 59 auf der abwärtsführenden Treppe 24 (vergleiche
Nebenskizze und Hauptskizze) nach dem großen Raume 25 und
halten dort, in Decken und reine (desinfizierte und gewaschene)
Unterkleidung gehüllt, Ruhe bis zum Empfang ihrer Kleidung und
ihres Lederzeugs (vergleiche Abschnitt b und e, sowie d und e).
Sobald sie diese erhalten haben, verlassen sie den Raum 25 durch
die Tür 26 und die Tür 27 des angelegten Ganges 60 und rücken
nach den Erfrischungsräumen 28 und 29 (ein großer Getreide¬
doppelschuppen zu 750 qm). Zwei dicht dabei befindliche Ar-
beiteihäuser werden als Kantinen eingerichtet (52 und 53 Auf¬
bewahrungsraum für Nahrungs- und Genußmittel, 51 Küche
50 Speise- und Getränkeausgabe). Durch die jenseitigen Türen der
Erfnschungshalle erreichen die Soldaten den Bahnsteig 30 und
besteigen die inzwischen desinfizierten Eisenbahnwagen (vergleiche
Abschnitt g). *
Das ist der Weg, den die zu entlausenden Mannschaften
nehmen. Es ist Wert darauf gelegt, deß tine s t r e n g e S e h e i -
düng der Verlausten und E n t I a u s t e n .stattfindet,
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450 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 1(5. 18. April.
damit eine neue Uebertragung ausgeschlossen wird. Um dies zu
erreichen, wurden die Bretterzäune 4 und 6 aufgeführt und der
allseitig geschlossene (nur durch Fenster belichtete) Gang 60 an¬
gelegt. Ueberdies wurden diese Bretterverschläge gut mit Car-
bolineum getränkt; dieser Anstrich soll nach Bedürfnis wiederholt
werden.
576 Bäder verabreicht werden, in 24 Stunden mithin
13824, das heißt für rund eine Brigade. Hochreservoire
und Dampf pumpe: Dampfleitung und Abw r asserbeseitigung (nach
der sogenannten „Rübenwäscherei“, vergleiche Hauptskizze) sind
zum Teil schon vorhanden, zum Teil verhältnismäßig leicht an¬
zulegen.
Es erübrigt nunmehr noch, die genauere Beschreibung der
Badeanstalt zu geben. In dem Raume 15 stehen acht etwa
mannshohe, viereckige, nach oben offene (sonst für die Zucker¬
bereitung dienende) schmiedeeiserne Bottiche, über welchen
-ich je 18 Brause Vorrichtungen anbringen lassen, sodaß gleich¬
zeitig 144 Mann baden können. Rechnet man für ein Bad alles
in allem eine Viertelstunde, so können in d p r 8 t u n d e
b) Wie wir gesehen haben, geben die Mannschaften i
Uniform (Waffenrock, gewöhnliche Hose, Mütze und
und ihr Unterzeug durch den Schalter 16 nach der
desinfektionsanlage 18.
Die einzelnen Pakete werden innerhalb des langen h ; uin'8 w
Hilfe der schon vorhandenen Hängelaufbahn 1Ü befördert-
Baume 18 ?*^hen in einer Reihe sechs große (der Zuckci >< 1
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18. April.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16.
io 1
dienemlel viereckige, nach oben offene, eiserne Bottiche ä 50 cbm
i-1.60 m mal 3,70 m mal 3,00 m). Im Innern derselben finden sich längs-
uml quergehende Eisenstreben, geeignet zum Aufhängen der zu des¬
infizierenden Objekte an Fleischhaken. — Nach unseren Berechnungen
können meinem solchen Bottich 375 Anzüge (Uniform und Unterzeug)
Platz linden, mithin in den sechs Kesseln 2250 Anzüge gleich¬
zeitigdesinfiziert respektive entlaust werden. Bei
Vorwärmung und guter Nachtrocknung kann man in 24 Stunden bequem
sechs Desinfektionsschichten einrichten, d. h. insgesamt 13 500 Mon¬
turen desinfizieren — rund eine Brigade.
Dampfzuleitung zu jedem Bottich ist da; der Dampf muß
innerhalb des eisernen Bottichs mit dem nötigen Ueberdruck aus
einer Serie von Röhren durch feine Oeffnungen ausströmen
(Sprühdampf), um alle eingebrachten Objekte unter reine
Wasserdampfatmosphäre von 100° C und etwas mehr zu setzen.
Für Austreiben und Abströmen der Luft (nach unten zu) muß
durch zweckmäßige Führung des eingelassenen Dampfes (von
oben nach unten) Sorge getragen werden. Zur Feststellung,
wann die Luft verdrängt und der Apparat mit Dampf ungefüllt
ist, ist in dieser Abzugsleitung ein Thermometer vorgesehen. Durch
Einfügung von Heizkörpern beziehungsweise Heizrohren wird eine
genügende Vorwärmung, vor allem aber ein gutes N a c h -
t rock ne n der eingebrachten Stücke erzielt. Daß nebenher
jeder Kessel eigne Doppelschaltung hat, das heißt eiue
fiir den Sprühdampf nach dem Innenraume hin, eine für den Dampf
nach dem wärniestrahlenden Rohrsystem (trockne Erhitzung zur
einfachen Entlausung), ist gleichfalls vorgesehen. Ebenso wird
für eine gründliche Lüftung des Apparats (von der reinen
Seite aus) gesorgt. Die Decke der Bottiche besteht lediglich aus
zwei Lagen Holzbrettern, eine längs, eine quer; die Abdichtung
erfolgt mit Oelpappe beziehungsweise Filz.
Die Scheidung von reiner und
unreiner Seite und die Belade¬
öffnung einerseits, die Entlade¬
öffnung anderseits, sind ersichtlich
aus der Skizze in Abb. 9. Die
schraffierten Felder zeigen die völ¬
lige Abdeckung des Eisenkastens
von oben, b bedeutet die E i n -
lade Öffnung, die durch eine Fall¬
tür verschließbar ist. deren Schar¬
niere auf das Mittelfeld e zu liegen
kommen; a bedeutet die sogenannte
unreine Seite in dem Desinfek¬
tionsraume 18; d bezeichnet die
A u s 1 a d e Öffnung, die gleichfalls
durch eine Falltür geschlossen wird,
deren Scharniere auf dem Felde f
befestigt sind; c bezeichnet die
reine Abteilung. Sie wird durch
den Schalter 36 (Durchbruch in der
Wand!) nach dem Ankleiderauine 25
'•ulken (vergleiche das große Gesamtbild).
Die durch Dampf zu desinfizierenden Stücke passieren also
® Pn kalter 16ausAuskleideraum 10, alsdann die unreine
Abteilung in der Desinfektionsanstalt 18, einen der sechs großen
Mnfektionsapparate und gelangen „rein“ durch einen der drei
xiialtcr 36 nach dem Ankleideraume 25, wo sie von den Mann¬
schaften wieder in Empfang genommen werden.
°) So oft es sich um eine bloße Entlausung des
bederzeugs (Reithose, Tornister, Stiefel, Helm usw.) handelt,
Kann die einfache trockne Durchhitzung unbedenklich
lUT Anwendung kommen, dagegen nicht ohne weiteres, wenn es
. um Kranke, Krankheitsverdächtige und Ansteckungsverdäeh-
!!* e l)e * I n f e k t i o n s k r a n k h e i t e n (Fleckfieber, Pest,
\plms, Cholera) handelt. Hier müßte die trockne Hitze zu lange
Ä, -it einwirken.
Raum 18
Abb. 9.
lDwinfektionsbottich von oben gesehen.
Trockne Hitze wird auch von Ledersachen bis zu 110 Wfirine-
snwen noch vertragen. Wenn man eine Temperatur von 60 °C eine
v- nüe einwirken läßt, kann man sicher sein, daß Läuse und
l fr f en ^'getötet sind und daß das Lederzeug keinen Schaden ge-
nnt!r n i ,at i- ^ ese Form der Entlausung wird der Raum 20 be-
«Ier ri. *,, ? em stehen neun ebensolche große Bottiche wie in
richtet* 1 ^ f t ,1 l ) mj. s infektionsanstalt 18. Sie werden auch ebenso einge-
findpt 11 j. ■'•'.iiuciem ;
und *^rdmgg zunächst nur die erzielte trockne Hitze, die oben
untMl Thermometern kontrolliert wird.
Ausklpn r ^ ei ! das Lederzeug nimmt, ist folgender. Von dem
10 eR durch den Schalter 17 hindurehgegeben und
- ' ot0| t a, is Raum 18 mit Hilfe der bereits erwähnten Laufbahn
für Hängekörbe 19 unter Speicher 22 hinweg nach der „Läuscdarrc“ 20.
Die entlausten Stücke verlassen durch die beiden Schalter 37 < Durch
brueh in der Wand!) die Trockenkammern und werden in Feldbahn-
karren auf den vorhandenen Feldbahnsträngen 38 in der Richtung des
doppelt gefiederten Pfeils an den Schalter 39 im Ruheraum 25 gefahren.
In diesem Speicher 25 sehen sich nun Mannschaften, Uni¬
formen und Lederzeug wieder.
d) Das Seuehenlazarett . . . hat sich bereits früher eine eigne
Waschanstalt in der Zuckerfabrik geschaffen, bestehend aus
den Räumen 41 (Waschküche), 42 (Trockenraum), 43 tWäscheroll-
und -bügelraum) und 44 (Wäschelager). Es lag nahe, die von den
Aerzten des Seucheniazaretts dort improvisierten mustergültigen
Einrichtungen für den neuen Betrieb mit zu verwenden, nötigen¬
falls durch eine transportable Armee Wäscherei zu ergänzen.
Soweit durchführbar, sollen die Mannschaften läusefreie reine
(das heißt neue beziehungsweise gewaschene) Wäsche erhalten.
Obwohl über große Vorräte an neuem Unterzeuge (g roßten-
teils Liebesgaben!) berichtet wird, wird es doch nicht mög¬
lich sein, bei umfangreicher Inanspruchnahme der Entlausungs¬
anstalt alle zu bedenken. Dann ist eine »Schnellwäscherei mit
Heißlufttrocknung und heizbarer Wäscherolle am Platze.
Die Wäschezufuhr und -abfuhr würde sich in unserer Anstalt
folgendermaßen abspielen. Die aus den Schaltern 36 kommende, in
strömendem Dampf desinfizierte, aber naturgemäß n i c h t -
gereinigte Wäsche würde im Raum 39 gesammelt werden und auf
den Feldbahnsträngen 38 und 40 zur Waschanstalt gelangen.
Die gereinigte und gerollte Wäsche würde von der Waschanstalt
(Wäschelager 44) auf den Feldbahngleisen 40, 38 und 45 nach der
Wäscheausgabe 46 im Ankleideraum 25 durch den Schalter 47 verab¬
folgt werden können.
Es ist, zumal im Hinblick auf die bevorstehende wärmere
Jahreszeit, denkbar, den Wäsehereibetrieb so zu regeln, daß bei¬
spielsweise die am Ersten eines Monats Entlausten die inzwischen
auch gereinigten Wäschestücke der am Letzten oder Vorletzten
des vorausgegangenen Monats Entlausten erhalten. Wir ver¬
kennen nicht die möglichen Unzuträglichkeiten, die ein derartiger
„Wäschewechsel“ mit sieh bringt, und haben ihn nur für
den Fall der Dringlichkeit ins Auge gefaßt.
e) Im Abschnitt c haben wir die einfache Entlausung der
Ledersachen mittels troekner Hitze auseinandergesetzt und den
Weg beschrieben, den dieselben in unserer Anstalt nehmen müssen.
Wir haben bereits hervorgehoben, daß mit diesem Verfahren
keineswegs eine Desinfektion des Lederzeugs erreicht ist.
Muß nach Lage cler Sache angenommen werden, daß das Leder¬
zeug mit Krankheitskeimen behaftet ist oder auch nur
sein kann, dann ist die mechanisch-chemisch e Des¬
infektion desselben notwendig, da eine Desinfektion mit heißer
troekner Luft zu lange Zeit in Anspruch nehmen würde. Die be¬
währte 5%ige Kresolseifenlösung, die gleichzeitig entlausend und
desinfizierend wirkt, ist dann am Platze.
Die Desinfektion damit, das heißt Abwaschen, Abreiben, Ab¬
wischen. Abbürsten mit darin eingetauchten Lappen und Bürsten von:
Reithosen, Tornistern, Helmen, Koppeln, Waffen und Geräten usw., soll
in der Halle 5 (der bisherigen Kalkbrennerei) vorgenommen werden.
Durch Einbauen von Sehranken, Schaltern und Vorschlägen haben wir
sie in vier Abteilungen geteilt: Le d e r z e u ga b gäbe (5 a). Des¬
infektion des Lederzeugs (5b), Trocken- und Auf¬
bewahrungsraum für Lederzeug (5c), Lederzeugaus¬
gabe (5 d). An die letztere Abteilung haben wir einen gedeckten
Gang angefügt (60), der zur Ausgangstür aus dem Ankleideraum 25
hinführt.
Diese Desinfektionsanlage ist danach so gelegen und ein¬
geteilt, daß die zur Hauptdesinfektionsanstalt und zum Brausehade
wandernden Leute unter allen Umständen zunächst durch die Ab¬
teilung 5 a schreiten müssen, ehe sie zu den andern Räumen (Ra¬
sier-, Haarschneide-, Entkleidungsraum usf.) gelangen. Wird nicht
die einfache Entlausung, sondern vielmehr die gründliche
Desinfektion befohlen, so passieren Lederzeug und die an¬
dern genannten Dinge die ganze Abteilung 5 in der oben an¬
gegebenen Reihenfolge und werden schließlich durch den Gang 60
nach dem Sammelspeicher 25 gebracht, wo sich immer wieder
zu den Leuten ihre Uniform, ihre Wehr und Waffen einfinden.
Völlig bekleidet und ausgerüstet verlassen sie diesen Raum 25.
es mag die oder jene Form des Verfahrens angeordnet sein.
f) Die Verteilung der Räume in der Zuckerfabrik ist so
außergewöhnlich günstig, daß für die Offiziere eine zum Teil
besondere Abteilung eingerichtet werden konnte. Hinter
dem Auskleideraume der Mannschaften 10 liegt das vormalige
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452
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16.
18. April.
chemische Laboratorium der Fabrik und daneben zwei Räume,
die früher als Geschäftszimmer dienten.
Das Laboratorium 12 haben wir zum Auskleidezimmer
der Offiziere und das anschließende Zimmer 32 zum Bade¬
zimmer bestimmt und mit Badewannen und Duschen aus¬
gestattet, während der zum Teil verandaartig ausgebaute Raum 34 als
Ruhe-, Rauch- und Lesezimmer dient. Ihre Sachen er¬
halten sie durch die Tür 35 von ihren vorher entlausten Barschen aus
dem nahen Speicher 25 zugetragen, in dem sich, wie mehrfach erwähnt,
alles wieder zusammenfindet. Nach beendetem Desinfektions- und
Badeakt begeben sich die Offiziere in das Hintergelämle der Fabrik
(den freien Platz jenseits der Abteilung 5d und des Ganges 00) und
ergehen sich dort oder lassen sich um das Häuschen 40, das zum
Offiziererfrischungsraum umgewandelt wird, an Tischen,
Stühlen oder Bänken nieder. Von dieser Stelle aus haben sie auch ihre
Leute ständig im Auge.
g) Die Zeit, während der ein Bataillon entlaust und des¬
infiziert wird, kann dafür benutzt werden, den Zug, mit dem es
ankam, an Ort und Stelle zu desinfizieren. Die.se Desinfektion
wird in der Regel mit dem Dampfstrahl oder 5 %iger Kresolseifen-
lösung vorzunehmen sein und in einem energischen Aus- und Ab¬
scheuern beziehungsweise Abreiben, Abspritzen und Abbürsten mit
dieser Flüssigkeit zu geschehen haben. Das Schinutzwasser kann
ziemlich leicht ebenfalls in die sogenannte „Rübenwäseherei“ ge¬
leitet beziehungsweise geschüttet werden, sodaß es noch als Des¬
infektionsmittel für das gleichfalls dahin abgeleitete Badewasser
in Betracht kommt. Die „Rübenwäscherei“ besteht aus einer An¬
zahl von tiefen, zum Teil zementierten Gräben mit mäßigem
Gefälle und regulierbarem Abflüsse.
Die Gleisanlage auf dem Fabrikgelände läßt sich zweifellos
noch erweitern. Anderseits steht aber auch nichts im Wege, die
Transportzüge nach der zugehörigen Eisenbahnstation zurück¬
zuziehen oder nach einer Nachbarstation zu fahren und dort der
Desinfektion zu unterwerfen, da diese sogenannte „Abstellgleise“
aufweisen.
Daß bei der Einrichtung dieser Massenentlausungs- und -des-
infektionsanstalt noch eine Reihe anderer wichtiger hygienisch-
technischer und organisatorischer Fragen gelöst werden mußten,
braucht kaum gesagt zu werden. Es sei nur hingewiesen auf die
Versorgung mit guter Luft, auf ausreichende Beleuchtung bei Tag
und Nacht (Instandsetzung der elektrischen Lichtanlage), auf
Schaffung von ausgedehnten Latrinenanlagen auf der reinen und
unreinen Seite, auf die Versorgung mit einwandfreiem Trinkwasser
und auskömmlichem Gebrauchswasser und dergleichen mehr.
Eine Anzahl von Räumen, die auf dem Grundrisse verzeichnet
sind, ist bisher noch nicht erwähnt worden. Als erster bleibt zu
nennen das Kesselhaus (Nr. 48), in dem sich fünf riesige
Dampfkessel befinde?), von denen drei in Gang gesetzt wurden
(III, IV und V), zwei als Betriebs-, einer als Reservekessel. Die
Räume links vom Kesselhaus 48 und links von der Maschinen¬
halle 54 enthalten Spezialmaschinen für die Zuckerbereitung, Werk¬
stätten und Lager von Maschinenteilen und kamen für uns nicht
in Frage. Dagegen wurden die Wohnhäuser 61 und 62 (an
der Verkehrsstraße) für die Unterkunft des Aufsiehts- und Är-
beitspersonals bestimmt.
Zur Zuckerfabrik gehören noch zwei abseits gelegene Fer-
men (Vorwerke); sie sind durch Feldbahnen mit der Fabrik ver¬
bunden. Die eine weist an Stallungen, Schuppen, Scheunen,
Speichern und sonstigen Wirtschaftsgebäuden 1900 qm überdachte
Bodenfläche auf, die andere sogar 2500 qm. Ihrer Größe und
Lage nach eignen sie sich vorzüglich als Quarantäne-
Stationen.
Alles in allem muß man sagen, daß die all¬
gemeinen und besonderen Verhältnisse dieser
Fabrik geradezu herausforderten, daselbst
eine derartige Massenentlausungs- und -des-
infektionsanstalt einzu richten. Man hat fast den
Eindruck, als ob der Baumeister dieser Fabrik geahnt hätte,
welchen Zwecken sie einmal nutzbar gemacht werden sollte.
Grundriß und Ausführung dieser Anstalt bieten förmlich ein Mo¬
dell für Entlausungs- und Desinfektionszentralen größten Stils,
wie sie auch für Friedensverhältnisse in der H e i ra a t da und dort
ano-ezeigt sind (Grenzübergänge für sogenannte Saisonarbeiter,
Aiiswandererbahlihöfe, Hafenanlagen und dergleichen).
Aus der k. k. Verwundeten- und Krankenstation
in Mährisch-'Weißkirchen.
Ueber Kriegstyphus 1 ) j
von j
Medizinalrat Dr. H. Boral, Vorstand der medizinischen Abteilung. '
M. H.! Aus den Erfahrungen, die man in den früheren Kriegen
gesammelt hat, wissen wir, daß stets zwei gewaltige Faktoren im
Kriege miteinander wetteifern, das Heer kampfunfähig zu machen,
und zwar der sichtbare Feind durch seine Waffen und Gcschos e,
der andere unsichtbar, doch um so gefährlicher, der mystisch, mit
unheimlicher Kraft und Schnelligkeit Milliarden seiner Hilfstruppen
in Gestalt von Mikroorganismen nach allen Richtungen versendend.
Krankheit und Tod um sich schonungs- und rücksichtlos verbreitet.
Das Verhältnis der Verlustzahlen (luich beide Feinde war in
einzelnen Kriegen verschieden, und so waren im Krieg 18(Vö in linden
Armeen die Verluste durch die Seuchen größer als durch die Waffen.
Im russisch-türkischen Kriege starben an Typhus allein 44 0 )0. während
nur 34 700 an Verwundungen Starben. Im Jahre 1870/71 erkrankten
im deutschen Heere 74 000 an Typhus und davon starben 00)0. Je
besser die sanitär-hygienischen Verhältnisse im Kriege geschaffen
werden können, desto weniger Opfer der Epidemien. Wir sehen im
russisch-japanischen Kriege, daß die Japaner, die die ihnen in den
deutschen und österreichischen medizinischen Instituten gewährte
Gastfreundschaft ausnützten, um das Beste aufzufangen und in ihre
Heimat zu verpflanzen, in sanitärer Hinsicht nach deutschem Muster
so gut für ihre Truppen sorgten, daß bei ihnen die Zahl der Fi krankten
kaum halb so groß war, wie die der Verwundeten.
Im jetzigen Kriege müssen wir leider auf eine große Anzahl
der Seuehenopfer gefaßt sein, da in Galizien und in Russisch-Pcbn
auch in Friedenszeiten die meisten Seuchen, speziell auch der
Typhus, endemisch sind. Mit diesen Verhältnissen mußte man
a priori rechnen, und der medizinische Generalstab mit seinen aus¬
gezeichneten Hygienikern und Bakteriologen hat sich auch ent¬
sprechend gerüstet, um möglichst erfolgreich den Gefahren der
Seuchen zu begegnen und dieselben abzuwehren. Leider kann man
mit Mörsern und Motorbatterien nicht Bacillen töten, und die
von der Wissenschaft geschmiedeten Waffen treffen schwieriger
den unsichtbaren, als die Geschosse den sichtbaren Feind. Man
kann eben nur durch prophylaktische Maßregeln die Entstehung,
durch rasche Diagnosenstellung und Anwendung dementsprechen¬
der Mittel die Verbreitung einschränken.
Als wir im Oktober vorigen Jahres die Krankenstation er-
öffneten, standen wir zuerst ganz unter der Herrschaft der Waffen und
unsere medizinische Abteilung mit nahezu tausend Betten mußte sich
mit den von unsem Chirurgen zurückgewiesenen Leichtverwundeten
begnügen. Während der Quarantäne fanden wir schon aus diesen
Reihen die ersten Typhusfälle heraus, nachher kamen ganze Trans¬
porte mit Typhuskranken, sodaß allmählich von den 15 Sälen «kr
internen Abteilung 12 Säle komplett für Typhuskranke dement¬
sprechend ausgestattet und isoliert wurden.
Natürlich muß jeder Kranke, bevor er in den Krankcnsaal
hineingebracht wird, zuerst die Reinigungsprozedur durehmaeheii.
Sämtliche vom Kriegsschauplatz Angekommenen gelangen zuerst in
einen Saal, wo die Gehenden auf Pritschen ausruhen, die Kranken,
die liegend gebracht werden, auf ihren Tragbahren verbleiben.
, Von dort erfolgt nach entsprechender Labung mit warmem Tee und
Brot gruppenweise die Reinigung. Die Leute kommen zunächst itt
einen Raum, wo sie ausgezogen, gründlich geschoren, die Kleider m
plombierten Säcken zur Dampfdesinfektion genommen werden, von
dort in den Baderaum, wo Dusche Vorrichtungen mit warmem IVasser
vorhanden und wo gründliche Seifenwaschung erfolgt; im dritten
Raume werden sie. mit reiner Wäsche versehen, vorn Arzte der be¬
treffenden Abteilung zugewiesen. Für Offiziere sind auch Badewannen
vorhanden. Schwerkranke werden geschoren, ausgezogen, auf , > , ‘ r
Bahre gewaschen, gereinigt, und gelangen mit reiner Wäsche m
Zimmer. Diese Maßregel besteht von Anfang an und dadurch wurden
auch die Krankenzimmer vor jedem Ungeziefer geschützt.
Im folgenden will ich kurz eine Darstellung über die Be¬
sonderheiten der auf meiner Abteilung behandelten TypluisiaK
vom nördlichen Kriegsschauplätze geben, da ja das gewolmlu t».
klinische Bild des Typhus wohlbekannt ist. Bezüglich der u
reichen Variationen bietet der Typhus entschieden eine der e .
essantesten Krankheiten dar« sodaß es mir nicht leicht wird, ei
so großes Bild in den kleinen Rahmen eines Vortrags nmei
zubringen.
Ich habe auf meiner Abteilung seit Oktober vorigen ^
Mitte Februar dieses Jahres 760 Typbusfälle beobachtet. ^
die ersten Typhusfälle zeigten hier deutliche Kriegsfärbung.
J ) Nach einem Vortrag am kriegsärztlichen Abend
1 24. Februar 1915.
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Original frnrri
UNIVERSITÄT OF IOWA
18. April.
1915
MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16.
453
war eine ganze Menge sehr schwer delirierender Kranken, wobei
eben die Delirien stets das Kriegsleben betrafen. Die Kranken
konnten nicht begreifen, daß sie jetzt, während des Kriegs, im Bett
bleiben dürfen und machten mit Temperaturen von 40° per¬
manente Fluchtversuche.
So erinnere ich mich im November vorigen Jahres in einem
Krankenzimmer unter 22 Kranken zehn derartig unruhig delirierende
gehabt zu haben, daß dieselben Tag und Nacht bewacht werden
mußten, oft war man sogar gezwungen, mit kräftiger Männerhand sie
im Bette festzuhalten, da die Schwester dieselben kaum zurückhalten
konnte. Als in einer Nacht die Bewachung ungenügend war, gelang
auch einem dieser Kranken, Bett und Zimmer zu verlassen und in
raschem Tempo fluchtartig die Stiegen, den Hof zu erreichen, und erst
weit beim Nachbargebäude konnte man den armen Kranken festhalten.
Einzelne Ideen während dieser Delirien entwickelten sich
dann zu Wahnideen, es kamen Psychosen mit Militärcharakter zum
Vorschein. In 15 Fällen traten Symptome einer Paranoia
auf. Ich will einige Beispiele erwähnen:
Ein junger Wiener stellte sich mir bei seiner Ankunft als Ober¬
arzt vor, wurde daher ins Offizier-Typhuszimmer (Typhus wurde bei
ihm schon diagnostiziert, Temperatur war 39,6 bis 40°) gebracht.
Nachher erzählte er mir, er sei jetzt schon zum Regimentsarzt, bald
darauf zum Stabsarzt ernannt worden, bis er am nächsten Tage mich
fnig, ob er schon nach Wien reisen dürfte, da er von Seiner Majestät
berufen wäre. Schmunzelnd, glückselig fügte er hinzu, er vermute,
daß es sich bei dieser Berufung um seine Ernennung als Nachfolger
von Geheimrat Dr. Kerzl zum Leibarzt Seiner Majestät handle. Er
beantwortete alle Fragen bezüglich seines Befindens, Temperatur,
Stühle usw. ganz präzise und ruhig, sein Gesicht nahm erst den glück¬
seligen Ausdruck an, wenn er paranoisch von seinen Auszeichnungen
zu sprechen anfing, und mit Würde erzählte er immer von seiner hohen
Ernennung zum Leibarzt, wobei ihm der Kaiser die Rigorosen erlassen
und ihn im Felde sub auspicius promovieren ließ. Diese fixe Idee ver¬
folgte ihn noch in den ersten Tagen nach der Entfieberung — in
Wirklichkeit ging der Patient nicht als Leibarzt, nur vom Typhus
und seinen Wahnideen geheilt nach Wien als einjährig-freiwilliger
Medizinerkorporal zurück.
Ein anderer einjährig-freiwilliger Mediziner suchte stets seinen
Rock, wo er angeblich 10 000 Rubel habe, die er als ärztliches Honorar
bekommen habe, da er im Krieg einen kranken russischen General, ohne
noch Doktor zu sein, so ausgezeichnet behandelte.
Ein Leutnant stellte sich als Oberleutnant vor und erzählte mir,
er sei eben im Kriege durch das Eiserne Kreuz und außertourliche
Beförderung zum Oberleutnant für seine Verdienste ausgezeichnet —
beide Auszeichnungen waren nur in seiner Phantasie erfolgt. Einzelne
Soldaten verstiegen sich sogar so hoch, daß sie erzählten, Generäle zu
sein mit roten Streifen an den Hosen.
Während der ganzen Zeit waren 24 Fälle von Psychosen,
darunter zwei Fälle von der Gruppe der Dementia praecox mit
kindlichem Wesen, wobei bei einem dieser Fälle während des
Typhus dysarthrische Sprachstörung auftrat, die noch jetzt, nach
Nochen, allerdings gebessert, andauert. Dreimal zeigte sich patho¬
logischer Drang zum Stehlen. Der Ausgang war nahezu überall
gut ■).
Je nach der Dauer der Krankheit, bevor die Patienten zu uns
Kamen, waren natürlich auch die Ankunftssymptome verschieden.
T( niperatursteigerungen ohne oder meist mit Bronchitis, Kopf-
N'hmerzen, Mattigkeit waren die Symptome der ersten Tage. Oft
* ann riie erhöhte Temperatur, Hinfälligkeit und
Kopfschmerz, undefinierbare Schmerzen im ganzen Körper, schon
gomigewfer Anhaltspunkt für den Verdacht auf Typhus, dann stieg
allmählich die Temperatur und, mit der höheren Temperatur ver¬
enden. die Schwerhörigkeit. Ich betrachte sie als recht
«H'htigeg Symptom, das specifisch für Typhus ist, da Leute mit
«eiben Temperaturen bei andern Krankheiten Schwerhörigkeit
ment .so auffallend häufig aufweisen. Die Verlangsamung des
fubos im Verhältnis zur Temperatur fehlte nahezu nie, und ich
Raube, daß diesen beiden schon längst gewürdigten Symptomen
,J r dm Diagnose des Typhus eine sehr wichtige Rolle zukommt,
'o von Ortner als diagnostisch wertvoll befundene Epi-
* a x 1 s a l fi Initialsyraptom konnte ich weder bei den von Anfang
l,ns beobachteten Typhusfällen, noch bei denen in späterem
■ ‘Uuum aus der Anamnese bestätigt finden, zweimal war Nasen-
während der Continua aufgetreten.
klin'^ 6 ^ ^ er ers ^ en Hälfte unserer Typhusfälle nur aus den
wfol * n *Symptomen gestellte Diagnose wurde bei der nachher
5r n Aktivierung der bakteriologischen Station durch die posi-
_ r u 0 e r - W i d a 1 sehe Reaktion nahezu vollzählig bestätigt.
Ata.!?*' ^ ! u 8 8 e r wir< l über diese posttyphösen Psychosen meiner
* einer Publikation mitteilen. '
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Diazoreaktion wurde nur in über einem Drittel (in 21 FäLen)
der bakteriologisch festgestellten 57 Typhusfälle bei täglicher
Untersuchung während der ganzen Continua positiv gefunden. Die
Ansicht von L e u b e und Ortner, daß sie sich nicht entschließen
würden, einen Fall als Typhus zu diagnostizieren, bei welchem die
Diazoreaktion konstant negativ ist, wird dadurch entschieden
widerlegt. Sehr interessant ist auch die gemachte Beobachtung,
daß in jenen Typhusfällen, wo die Diazoreaktion positiv war, die-
i selbe wieder auftrat, falls der Kranke ein Rezidiv bekam. Man
| konnte dieses Neuauftreten der Diazoreaktion als sicheres diffe¬
rentialdiagnostisches Merkmal für ein eingetretenes Rezidiv ver-
' werten, indem beim Auftreten von Fieber in der Rekonvaleszenz
[ aus einem andern Grunde (Eiterungen, Otitis, Abscesse) die Diazo-
, reaktion negativ war, bei Rezidiv allein wieder positiv wurde.
| Dies galt, wie gesagt, jedoch nur für diese Fälle, bei denen während
I des Typhus positive Diazoreaktion schon bestand, die beim Ent-
| stehen eines Rezidivs als Begleiterscheinung wieder auftrat O.
Das Fieber zeigte in den seltensten Fällen die für Typhus
charakteristische Kurve, die Continua blieb meist kurz, remittieren-
| der Charakter blieb längere Zeit, mitunter auch intermittierend,
mit großen Temperaturschwankungen.
Roseola war meist nicht sehr reichlich, nur in zwei Fällen
war sie am ganzen Stamm ausgebreitet und weckte anfangs den
Verdacht auf Typhus exanthematicus, einmal war ein variolaartiges
Exanthem, fünfmal pemphigoide Blasen.
Milz war nahezu immer zu Ende der ersten und in der zweiten
Woche deutlich palpabel, doch meist war sie nicht sehr groß.
Die Muskulatur zeigte in einem großen Teil der Fälle Schwäche,
die sich im Zittern der Zunge, der Beine und Arme bei Bewegungs¬
versuchen äußerte. Der Herzmuskel war infolge der überstandenen
Kriegsstrapazen sehr labil, er wurde leicht insuffizient, was be¬
sondere Aufmerksamkeit sowohl während der Krankheit wie auch
während der Rekonvaleszenz erheischt. Man muß in den ersten
Tagen nach der Entfieberung im Anfänge der Rekonvaleszenz mit
diesem Umstande rechnen und mit der Dosierung der Bewegung
vorsichtig sein, wenn der Puls dabei sehr frequent und arhythmisch
wird. Die Rekonvaleszenz nimmt daher auffallend lange Zeit in
Anspruch. Ich entlasse gerne die Typhuskranken als Gesunde,
nicht als Rekonvaleszenten, da ich so oft beobachtet habe, daß
die Transporte der Kranken aus andern Spitälern im Anfänge der
Rekonvaleszenz oft sehr schlechten Einfluß hatten, indem die
dort schon entfieberten Patienten durch die Anstrengungen des
Transporte wieder zu fiebern anfingen. Die Kranken sollten in der
Rekonvaleszenz in einem dazu bestimmten Genesungsheime sich
erst wieder trainieren, dabei durch Massage und zweckmäßige
Uebungen die Körpermuskulatur kräftigen, da man sich oft wun¬
dern muß, wie die Patienten, sicher infolge der Kriegsanstren¬
gungen vor der Erkrankung, langsam ihre physische Kraft wieder¬
erlangen.
Es starben an Typhus 73 Kranke, davon jedoch neun Fälle sicht¬
bar infolge des während der zweiten oder dritten Woche erfolgten
Transports aus andern evakuierten Spitälern an Kollaps oder Darm¬
blutung. Wenn ich nun diese Fälle abrechne, so beträgt die Morta¬
lität 9 °/ 0 , also ein sehr günstiges Resultat für einen Typhus nach
den Kriegsstrapazen. Aus den kriegsärztlichen Berichten vom
deutschen Kriegsschauplätze beträgt die Mortalität an Typhus in
Namur 13 °/ 0 , in Lille 11,1 °/ 0 . Gesund sind bisher 410 entlassen.
Was nun die Komplikationen betrifft, so beherrschten das
Bild in ganz auffallender Weise pyämische Prozesse, die
meist in der Rekonvaleszenz auftraten. Nach kürzerer oder
längerer fieberfreier Zeit kam plötzlich wieder Fieber, manchmal
nur für einige Tage und entweder bald anschließend daran oder
kurze Zeit später konnte man an irgendeiner Körperstelle einen
Absceß entdecken. Mitunter trat kaum Fieber auf, die Haut war
nicht gerötet, oft ganz schmerzlos, das Bild eines kalten Abseesses.
Der erste Bauehdeckenabsceß verursachte auch durch diese Eigen¬
tümlichkeiten zunächst diagnostische Schwierigkeiten, nachher,
beim häufigeren Auftreten derselben, fahndeten wir schon nach
Abscessen und gelangten öfter in dieser Beziehung zu Schnell¬
diagnosen. Die Bauchdeckenabscesse machen oft den
Eindruck eines soliden Tumors (Lipoms), zumal dieselben im fieber¬
freien Stadium zur Beobachtung kommen. Manchmal war der
Verlauf ganz eigentümlich symptomlos.
*) Dr. Pick machte über das Verhalten der Diazo- sowie auch
der Aldehyd reaktion und des Verhältnisses beider zueinander auf meiner
Abteilung sehr genaue Studien und wird nach Verwertung dieses
großen Materials die Resultate in diesbezüglicher Arbeit bekanntgeben.
Original from
UNIVERSUM OF IOWA
454
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16.
18. April.
Bei einem schon längere Zeit entfieberten Rekonvaleszenten, der
hermngeht, findet inan beim Waschen des Patienten eine faustgroße
Heivorwülbung über der Symphyse in der Mittellinie des Abdomens
bei normaler Temperatur. Die Geschwulst ist bei Druck unempfindlich,
hat keine gerötete Haut, deutlich fluktuierend, macht beim Gehen keine
Schmerzen, etwas beim Husten. Zur Eröffnung des Ahscesses geht
Patient zu Fuß, und im Eiter sind im bakteriologischen Institute
Typhusbacillen in Reinkulturen gefunden worden.
Ein Patient, den nachher Pr. Cahanesen demonstrieren wird,
hat seit vielen Wochen faustgroßes Infiltrat der linkem Hälfte der
Rauchwand ohne Fieber, ohne Schmerzen beim Herumgehen.
Ein so häufiges Auftreten von Mtiskelabscessen gehört wohl
nicht zu den sonst gewöhnlichen Komplikationen.
Von Komplikationen sind folgende zu verzeichnen:
Subfasciale und Muskel-
Pleuritis (1 mal hämor-
ahseesse, phlegmonöse
rhagisch. 1 Empyem)
13
Tille
Prozesse .....
3h
Fälle
Croupöse Pneumonie
7
M
Bauchdeekenahseesse .
11
Endoearditis.
2
?»
Otitis media suppurativa
Darmblutung ....
36
•?
(akute Fälle während
Neuralgien.
H»
der Krankheit und der
Psychosen .
34
Rekonvaleszenz J ) . .
31
Sprachstörung ....
1
”
Parotitis.
15
S.ihilddriisenlappeu-
Mastoiditis.
4
aiiseeß iStrmnucvste
Drüseneitermigen . . .
12
M
mit Eiter;.
1
Furunkulose.
21
m
Rezidive.
24
Oiehitis.
10
Parese der Extremitäten
2
Erysipel.
5
Jlämoptöe während der
Sepsis.
1
V
(’ontinua.
o
j
Decubitus.
27
??
Meningismus ....
4
.. i
Cholecystitis ....
5
Blatternaitiges Exanthem
1
Appciidieitis ....
1
..
Hautabschürfung . . .
o
1- |
Thrombose .....
5
Pemphigoide P.'asen . .
5
^ |
Peritonitis.
5
M
Eczema hupet iginat um .
1
1
Oystitis.
1
Nephritis.
1
heit unter hohem Fieber auftrat, von nicht sehr benignem Cha¬
rakter (vier Todesfälle) und sehr langsamem Heiluugstriebe nach
der Operation. Von den vier Mastoiditisfällen starb einer an Me
ningitis, zwei sind mit Erfolg operiert, einer ging ohne Ope¬
ration vorüber. Von Orchitis hatten wir zehn Fälle, wuM
in einem Falle der Hoden vom Primarius Zahradnickv
kastriert werden mußte und Typhusbacillen in Reinkultur im Eiter
aufwies. Nur in einem Falle war früher Parotitis vorhanden. Ver¬
lauf war gutartig.
Sehr interessant war ein Fall mit Vereiterung des rechten Schild-
driiNcnlappens, wo nach der Eröffnung in der Strumacyste Typlms-
baeillen in Reinkulturen im bakteriologischen Institute gefunden
wurden.
In 36 Fällen waren Darmblutungen, einzelne auch
schwerer und zwei- bis dreimal sich wiederholend, bei denen uns
intravenöse Injektion 10%iger NaCl-Lösung 10 ccm, subnitan nor¬
males Pferdeserum, die Darreichung von Gelatine, Opium, t'lilor-
caleium, Adrenalin intern und in Klysmen sich oft bewährten.
Tuberkulose, die wir hier im allgemeinen unter den
Soldaten recht oft konstatieren, war mit Typhus in 25 Fällen kom¬
biniert, wodurch die Fieberkurve ganz atypischen Charakter an¬
nimmt.
Bronchitiden gehörten zu dem gewöhnlichen Bilde, in
36 Fällen kam es zu katarrhalischen Pneumonien, siebenmal zu
eroupöser Pneumonie.
R e z i d i v e traten in 24 Fällen auf und dauerten meistens 7
bis 14 Tage, zweimal 24 und 25 Tage und einmal über vier Wochen
(Kurve 1). In vielen Fällen wird die Angabe gemacht, daß Patient,
nachdem er von einem bereits gesunden Kameraden Wurst oder
Schwarzbrot in den ersten Tagen der Entfieberung gegessen hat,
Krblkopfaffcktiun mit
Aphonie ....
1 Vriostitale Abscesso
(Röhrenknochen! .
Tuberkulose ....
Kiloiiiöse Bronchitis .
Katarrhalische Pneu¬
monie .
16
1
30
> //. /.' >u\ 'A'iTdÄn. nu
10.
Unter den 30 subfaseialen und Muskclahscesscn waren auch
einige Fälle mit multiplen tiefen Abseemen an verschiedenen
Körperstellen, Oberschenkel-, Rücken-, Olutüal-, Oberarm-. Nacken-,
Perineum-, Unterschenkel-. Sehnenselieidenabseesse, wobei sieh bei
der Eröffnung oft 1 l Eiter entleerte.
Auffallend waren die elf Fälle von Baiielulrekenahscossen,
vornehmlich des Musculus rectus abdominis. In einem von Pri¬
marius K e schm a uti eröffneten Bamdideckenabsceß in der
Mittellinie über der Symphyse (über faustgroß) fand sich ein
in Eiterung begriffenes Hämatom mit bakteriologisch liaehgewiese-
nen Typhusbacillen in Reinkulturen. Die hei den Obduktionen stets
gefundene wachsartige Degeneration der Muskulatur bei Typhus
dürfte auch im Iieetus abdominis (wahrscheinlich durch die An¬
strengung beim Aufsitzen und die Bauelipresse) zu Zerreißungen
der Muskel, Blutergüssen und nachheriger Vereiterung führen.
Dies würde das häufigere Auftreten in diesem oft in Aktion treten¬
den Muskel, wie auch in ähnlicher Weise in den Obersehenkel-
glutüalinuskeln erklären U.
Von andern Komplikationen waren 15 Fälle von Paro¬
titis, die 14 mal einseitig war, meist noch während der Krank-
Kurve 1. Schwere Rezidive.
bald wieder Fieber und Rezidiv bekam. Daß
stopfung (Kurve 2). oder Veränderungen
geringe Stuhl ver¬
lier Kost kurz¬
dauernde Temperatursteigerung hervorrufen können, habe ich sehr
oft beobachtet, ob aber als Folge* eines DiUtfehlers wirkliche Uezi-
dive mit Milztumor, manchmal Roseola, Diazoreaktion dort, wo
:: t I
Kurve 2-
sie während der Erkrankung waren, erfolgten, bezweifle ich sehr,
leb erkläre mir das Auftreten des Rezidivs als frisches Mobil-
machen der noch im Körper zurückgebliebenen Gifte, wozu ver¬
schiedene (auch diätetische) Anlässe den Anstoß geben kenn»
Ist der Organismus schon entgiftet, so ruft derselbe Diätfohkr
wahrscheinlich kein Rezidiv hervor. (Schluß folgt)
Klinische Vorträge
Aus dein Krankenhaus« Bergmannslieil in lim-lmm i. \V.
(Chefarzt: Prof. I)r. W u 11 s t c i n).
Trauma und Wundinfektionskrankheiten 2 )
von
Dr. Emil Schepelmann, Oberarzt des Krankenhauses.
M. H.! Die Kürze der Zeit, die mir für diesen’Vortrag zur
Verfügung steht, gestattet natürlich nicht die Erschöpfung des
heutigen Themas über den Einfluß des Traumas auf die Entstellung
i) p) r# pick hat die ersten fünf Reetusabseesse von unserer Ab-
teilunfr in der Prag. m. Wscli. lit sehih'bcn
*) Aus einem am 13. Juni 1614 lin Acrztefortbilduiigskursus des
Krankenhauses Bergmannsheil gehaltenen Vortrag: „lieber den Ein-
l!ul.) des Traumas auf die Entstehung chirurgischer Krankheiten.“
chirurgischer Krankheiten, auch nicht die Abhandlung aller '" r ‘
kommenden chirurgischen Leiden; vielmehr werde ich mich -w
einige auserwählte Krankheitsgruppen beschränken, »her
Krankheitsgruppen, die wegen ihrer häufigen Wiederkehr wi •'
gutaehtung von hervorragender Bedeutung sind.
Wenn ich nun die verschiedenen Möglichkeit e a ' ir
die traumatische Entstehung chirurgischer Krankheiten erer» '■
könnte es den Eindruck erwecken, als ob damit aiuM • J.
gleich die \V a h r s c li e i n 1 i c h k e i t für den ursacli ” ^
Zusammenhang bewiesen sei. Um dieser irrigen Ansico
gegenzutreten, muß ich gleich vorweg bemerken, daß m f ‘ -
gaben der Untersuchten erfahrungsgemäß allzugern im ‘ Sl ! u \ ( tnM .
Unfalls gefärbt sind und daher —- wie z. B. letzthin l/ 1111 '*
in der Rheinisch-Westfälischen Oesellschaft für VePiriu^V,
I niedizin an zahlreichen typischen Beispielen erläutert hat
Digitized fr
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Original fram
UNiVERSUY OF IOWA
18. April.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16.
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mit äußerster Vorsicht verwertet werden dürfen. Aber gerade
Sic. m. H., als die erstbehandelnden Aerzte, die Sie das Krank-
heitsbild von Anfang an verfolgten, können für die Beurteilung
eines Falles klärend wirken; denn während wir im Krankenhause
bei den gutachtlichen Untersuchungen uns manchmal ganz auf
die Angaben der Patienten verlassen müssen, sind Sie Augenzeuge
der Entwicklung des Leidens.
Aus der Reihe chirurgischer Krankheiten hebe ich nun als
bedeutungsvoll für unser Thema hervor: die akuten Wund¬
infektionen (wie Erysipel, Phlegmonen, Abscesse), d i e
chronischen Infektionen (wie Tuberkulose, Syphilis,
Aktinomykose), die akuten und chronischen
Knoeben-und Gelenkentzündungen, die Appen-
dicitis, die Gewächse und endlich die Hernien.
Trauma und Wundinfektionskrankheiten.
Per Name besagt schon, daß zwei Vorbedingungen für ihren
Ausbruch erfüllt sein müssen: Verwundung und Infektion.
Wunde bedeutet hier im weitesten Sinne Gewebsläsion, In¬
fektion das Eindringen von kleinsten Lebewesen aus der Tier-
und Pflanzenwelt in den menschlichen oder tierischen Organismus.
Ihr Vorhandensein ist für das Entstehen einer Eiterung unbedingt
erforderlich, ebenso notwendig auch das Vorhandensein einer Ge¬
websläsion. Es ist ausgeschlossen, daß Bakterien durch völlig
intakte und gesunde Schleimhäute oder äußere Integumente in
das Innere des Körpers einzudringen vermöchten. Wo man einen
solchen Vorgang vermutet, wird sieh bei genauerer Untersuchung
doch schon. _eine entsprechende Erklärung finden lassen. Das
PureliwancTprn von Bakterien z. B. durch die Wand eines Wurm¬
fortsatzes, dessen proximales Ende durch einen Kotstein verstopft
ist, oder durch die Wand eines eingeklemmten Darmstücks ist
leicht verständlich im Hinblick auf die Schädigung der Schleimhaut
durch die Sekretstauung im einen, die Blutstauung im andern
Fall. Auch die Versuche Garr6s und Fraenkels, welche
durch Einreiben von Traubenstäbchenkulturen auf die unversehrte
menschliche Haut respektive von Tuberkelbacillen auf die rasierte
Meerschweinchenhaut Infektionen zu erzeugen vermochten, sind
nicht einwandfrei, weil ja sowohl das Einreiben als das Rasieren
kleinste Epitheldefekte setzt. Man ist also heute nur noch be¬
rechtigt, den von L e u b e eingeführten Namen der kryptogeneti¬
schen Septicopyämie in d e m Sinne zu gebrauchen, daß man die
Eintrittspforte der Infektion nicht kennt, nicht, daß man eine
Läsion ausschließt. Auch tiefer gelegene seröse Häute und Höhlen
innerer Körperteile bieten einen Schutz gegen das Eindringen von
Bakterien; es ist zweifellos, daß wir letztere experimentell in die
Bluthalm bringen und durch die Nieren ausscheiden lassen
können, ohne daß eine Infektion des Körpers elntritt; es ist zu
htzterer stets noch außer dem Vorhandensein der Bakterien im
Blut ein weiteres schädigendes Moment, welcher Art es auch sein
mag. nötig.
ln neuerer Zeit hat man den Tonsillen der Mund- und
Buchenhöhle seine Aufmerksamkeit als den Eintrittspforten
kleinster Lebewesen zugewandt und beobachtet, daß gerade bei
vergrößerten und zerklüfteten Mandeln gewisse lokale und all¬
gemeine Infektionen Vorkommen. Die Gaumentonsillen bilden
zwischen beiden Gaumenbögen jederseits eine ansehnliche An¬
häufung adenoiden Gewebes und entsprechen hinsichtlich ihres
Baues einer Summe großer Zungenbälge, das heißt kugliger, 1 bis
1 nun großer Adenoide, die, in der obersten Schicht der Tunica
propria gelegen, makroskopisch leicht wahrnehmbare Erhaben-
h'iten darstellen. In der Mitte derselben sieht man eine punkt¬
förmige Oeffnung, den Eingang in die Balghöhle, welche von
( 'incr Fortsetzung des geschichteten Epithels der Mundschleimhaut
ausgekleidet wird. Unter normalen Verhältnissen wandern fort¬
während zahlreiche Leukocyten des adenoiden Gewebes durch das
Epithel in die Balghöhle und gelangen von da in die Mundhöhle,
ju deren Sekret sie als Schleim- und Speichelkörperchen leicht ge¬
funden werden. Dabei wird das Epithel oft in großer Ausdehnung
zerrissen, und es ist wohl nur der Anwesenheit der Leukocyten der
«ehutz des Körpers vor Infektionen zu danken. Bei hypertrophi-
1 j n UI *d zerklüfteten Tonsillen nun bilden sieh tiefe Buchten,
ralten und Taschen aus, die der Ansammlung von Speiseresten,
^gestoßenen Gewebsteilen, Mandelpfröpfen tisw. günstig sind
Md einen wahren Brutofen für Bakterien darstellen. Kommt nun
uoch eine stärkere Epithelläsion hinzu, sei es mechanisch durch
iTi D ‘-Peichelstein, sei es chemisch durch Maceration des Gewebes
niolge räulni.s rot inierter Gewebe in den Taschen, so ist den Bakterien
or UI1 dTür geöffnet für eine lokale oder gar allgemeine Infektion.
Sind nun durch irgendeine Wunde Keime in den Organismus
eingedrungen, so ist die Zeit bis zum Auftreten der ersten klini¬
schen Symptome unter anderm abhängig von der Wachstums¬
energie der Pilze und von der Frage, ob sie sich lokal weiter
vermehren oder eine allgemeine Ausbreitung auf dem Blut¬
weg erfahren. In den Blutstrom gelangen die Keime bei Schnitt¬
wunden natürlich allemal; Schimmelbusch konnte sie be¬
reits nach fünf Minuten im übrigen Körper wiederfinden. Die Blut¬
gefäße sind durch den Schnitt eröffnet und gestatten das unbe¬
schränkte Eintreten der Bakterien. Aber nicht alle Bakterien
bleiben im Blute lebensfähig. Einmal kann der Körper mit seinen
im Blut angehäuften Schutzstoffen besser als im festen Gewebe
mit vereinzelten Keimen fertig werden; dann gibt es Mikro¬
organismen, die überhaupt nicht im lebenden Gewebe gedeihen,
wie die Fäulniserreger oder Saprophyten, die nur auf toten Ge¬
websteilen, z. B. Nekrosen, oder auf außerhalb des Kreislaufs be¬
findlichen Flüssigkeiten zu wachsen vermögen, namentlich im Ver¬
ein mit Eitererregern, die ihnen durch Einschmelzung des Gewebes
den Boden vorbereiten.
Nun ist, wie gesagt, die Inkubationszeit einer Eiterung zwar
umgekehrt proportional der Waelistumsenergie der Bakterien,
doch haben letztere bei der Vermehrung iin tierischen Körper mit
zahlreichen Widerständen und Eigentümlichkeiten zu rechnen, die
in der Kultur nicht anzutreffen sind. Immerhin läßt sich sagen,
daß die Eitererreger bereits nach mehreren Stunden, spätestens
nach wenigen Tagen klinische Symptome machen, während z. B.
die Erreger der Syphilis, des Typhus, der Tuberkulose oder gar
der Lepra ganz bedeutend längerer Zeiträume dazu benötigen.
Ebenfalls sehr kurz, ungefähr 15 bis 60 Stunden, ist die In¬
kubationszeit für das
Erysipel,
dessen klinischer Beginn etwa in die Zeit des Schüttelfrostes zu
verlegen ist. Da die Streptokokken schon durch kleinste Haut¬
schrunden einzudringen pflegen, ist hier das ursächliche Trauma
gewöhnlich ein so geringes, daß es meist nicht beachtet wird.
Selbstverständlich können auch größere Wunden primär oder
sekundär während des Heilungsverlaufs mit Streptokokken in¬
fiziert werden, sodaß die Möglichkeit des Ausbruchs einer
Wundrose nach einer Unfall Verletzung erst dann als beseitigt gilt,
wenn die Wunde absolut fest überhäutet und vernarbt ist.
Im Gegensatz zu dem vorwiegend in den obersten Haut¬
partien sich ausbreitenden Erysipel spielen sich
Phlegmonen und Abscesse
gew öhnlich in den tieferen Teilen der Gewebe ab.
Phlegmonen sind interstitielle Eiterungen in mehr
diffuser, flächenhafter Ausbreitung, Abscesse solche in um¬
schriebener Form mit scharfer Abgrenzung. Bei beiden Formen
kommt es zu einer Destruktion, einer eitrigen Einschmelzung des
Gewebes, dessen Zellen teils regressive Veränderungen erleiden,
teils in Wucherung geraten, wobei aber die jungen Elemente nicht
neues Gewebe bilden, sondern sich aus dem Zusammenhänge
lösen und sich den Eiterzellen heimischen. An die Stelle des ein-
sehmelzenden Gewebes tritt eine Ansammlung des eitrigen Exsudats.
Phlegmonen entwickeln sich nun zuweilen in der Um¬
gebung frischer oder granulierender Wunden, wenn Infektions¬
keime in jene mit den verletzenden Instrumenten oder später hin-
eingetragen werden oder wenn die auf den Granulationen liegen¬
den Keime den Schutzwall der Leukocyten, gewöhnlich im An¬
schluß an eine Läsion der Granulationen, durchbrechen und in die
Tiefe dringen. In diesem Fall ist der ursächliche Zusammenhang
klar. Es ist nun aber auch möglich — und das sind für die gut¬
achtlichen Beurteilungen manchmal schon weniger durchsichtige
Fälle —, daß sich ohne lokale Hautverletzung in der Tiefe
eine Phlegmone oder ein Absceß entwickelt. Wir wissen, daß
von Wunden, Entzündungsherden oder latenten Eiterherden aus
Keime ins Blut gelangen können, aus dem sie mit der Zeit wieder
durch die Nieren ausgeschieden oder durch Leukocyten entfernt
werden. Es kommt aber vor, daß sie auf ihrem Kreisläufe durch
den Körper auf widerstandsunfähige Gewebe stoßen und sich hier
ansiedeln, um eine Phlegmone oder einen Absceß zu erzeugen.
Fragen wir uns nun, was die Widerstandsfähigkeit des Körpers
lokal herabsetzt, so sind es einmal Störungen des Blutkreislaufs
in den betreffenden Geweben, Störungen der Innervation und be¬
sonders Schädigungen mechanischer, chemischer oder thermischer
Natur. Mechanisch genügt schon eine Quetschung oder Zerrung,
um mikroskopisch feine Wunden in der Tiefe zu setzen, durch die
die Bakterien aus dem Blutgefäß«* heraus! refeu und ins Gewebe
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16,
18. April.
cindringen. Ist nun neben der feinsten Wunde noch eine weiter¬
gehende Gewebsquetschung vorhanden, so können die abge¬
storbenen oder doch in ihrer Vitalität schwer geschädigten Zellen
dem Vordringen der Eitererreger keinen Widerstand mehr leisten
und geben zu rasch um sich greifenden Phlegmonen Anlaß. In
dieser Tatsache ist einer der Faktoren für den Erfolg von Ope¬
rationen zu suchen; geschickte Operateure, die also die Gewebe
mit raschen, glatten Schnitten durchtrennen, haben vielleicht trotz
weniger exakter Asepsis oftmals einen geringeren Prozentsatz
von Wundeiterungen als ungeschickte, die bei peinlichster Asepsis
das Gewebe quetschen und mißhandeln. Denn absolute Sterilität
ist selbstverständlich bei unsern Operationen ausgeschlossen; wir
rechnen mit Keimarmut, nicht mit Keinlmangel und wissen, daß
der Körper mit vereinzelten Keimen fertig wird, wenn keine wider¬
standsunfähigen Gewebe als Nährboden dienen. Als besonders
gefährlich in dieser Hinsicht gelten deshalb freie Blutergüsse ins
Gewebe; an sich enthält zwar das Blut viele »Schutzstoffe und
»Schutzmittel gegen eirculiereude Bakterien; da jene aber in den
Hämatomen bald aufgebraucht sind, so stellt das Blut dann einen
hervorragenden Nährboden dar, in dem sich die Bakterien unge¬
stört. und unter günstigsten Bedingungen entwickeln. Solange
flüssiges oder geronnenes Blut oder totes Gewebe vorhanden ist,
solange besteht auch die Infektionsgefahr, Wie und in welcher
Zeit der Körper diese Massen beseitigt, lehrt uns die pathologische
Anatomie: Zunächst bezüglich des Hämatoms wissen wir, daß das
dem Schutze der lebenden Gefäßwand entzogene Blut rasch einer
Gerinnung anheimfällt, bei der — wie bei der Blutgerinnung außer¬
halb des Körpers — eine gewisse Menge Plasmas aus dem Blut-
kuehen ausgepreßt und rasch resorbiert wird; der rote Farbstoff,
das Hämoglobin, löst sich in den Intercellularflüssigkeiten auf und
färbt die Zwischensubstanzen rötlich, um dann allmählich mit dem
Lvmphstrome weitergeführt und in den allgemeinen Körperkreis¬
lauf gebracht zu werden, aus dem es von der Leber und den Nieren
aufgefangen und zu Gallenfarbstoff verarbeitet respektive im
Harn ausgeschieden wird. Das Fibrin wird entweder gleichfalls
gelöst oder zerfällt zu einer detritusartigen Masse, die durch Zellen
aufgenommen und weitertransportiert wird. Manchmal findet
auch keine vollständige Aufsaugung der Blutergüsse statt, sondern
es wächst junges Bindegewebe, wie bei der Thrombose, hinein u ul
bewirkt damit eine sogenannte Organisierung des Hämatoms, die
zur Narbenbildung führt. Dies ist die Regel bei abgestorbenen
Geweben. Hier werden Teile von Zellen, Abschnitte von Proto¬
plasma und Kern oder auch ganze Kerne, Bruchstücke von quer¬
gestreiften Muskelfasern usw. von Phagocyten aufgenommen und
fortgeführt; gleichzeitig aber durchwächst junges Bindegewebe die
erweichten Massen und führt zu deren bindegewebiger Organi¬
sation, zur Narbe.
Betrachten wir nochmals im Zusammenhänge die Entstehung
der akuten Wundinfektionen, so haben wir gehört, daß zwei Mo¬
mente stets erforderlich sind, das ist das Trauma im weitesten
»Sinne und die Anwesenheit von Bakterien. Nur Wunden, ge¬
quetschtes, in seiner Vitalität geschädigtes oder abgestorbenes Ge¬
webe, ferner Blutergüsse können zum Angriffspunkte der Keime
werden, die entweder von außen, durch Läsionen des Integuments,
in den Körper eindringen oder von innen, vom Blute her,
Sind die Wunden geheilt, ist das Blut resorbiert und das abge¬
storbene Gewebe organisiert, so ist die Infektionsgefahr beseitig!;
schon nach der Organisation der Thromben der Gefäße, die infolge
der Zerreißung offen ins Hämatom oder in die Gcwebstriinnwr
mündeten, also nach etwa 8 bis höchstens 14 Tagen, i.t <l ; e
Gefahr einer Vereiterung der vom Trauma betroffenen Stelle so
gering, daß sie praktisch kaum noch zu erwägen ist.
Die rasche Folge von Trauma, Infektion und akuter Eiterung
bringt es mit sich, daß Arzt und Patient den Zusammenhang des
Leidens mit einem Unfall meist rasch erkennen und Zweifel be¬
züglich der Aetiologie selten auftauchen.
Berichte fiber Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren.
Die Entfernung von Kleiderläusen durch
Schwefeldämpfe
von
Stabsarzt Dr. E. Kuhn, Chefarzt eines Feldlazaretts.
Die Kleiderläuseplage ist in diesem Kriege so ausgedehnt
und die möglichst rasche Entfernung der Kleiderläuse wegen der
Gefahr etwaiger Uebertrngung des Flecktyphus so wichtig, daß
eine baldige Klärung über die Wirksamkeit der angewandten
Mittel, durch Mitteilung möglichst zahlreicher Erfahrungen, not¬
wendig erscheint.
Ich halte für das sicherste, schnellste und einfachste Mittel
zur Entfernung der Kleiderläuse die Ausschweflung der Kleider.
»Schwefel ist wenigstens auf dem westlichen Kriegsschauplatz, in¬
folge Fortfalls des sonst ausgedehnten Weinhandels in den von
uns in Besitz genommenen Gebieten, anscheinend überall leicht
aufzutreiben. Für kleinere Formationen genügt dann ein kleiner
Kaum in einem leeren Hause, dessen Tür- und Fonsterritzen mit
Watte verstopft werden. Die Kleider samt Tornister, »Stiefeln
und anderm Lederzeug werden, ebenso wie die nicht auskochbaren
Wollsachen und Decken, in dem Raum über ausgespannten Leinen
oder improvisierten Riegeln frei aufgehängt. In einem eisernen
Topfe werden etwa bis 1 kg S c b w e f e 1 (am besten »Schwefel-
faden) angezündet und nach zirka zwölf »Stunden sind Läuse und
dnvn Eier sicher vernichtet. Nach Entfernung der Schwefel-
dämpfe durch Oeffnen der Türen werden die geschwefelten
Kleider herausgenommen und tüchtig ausgeklopft. Die nicht
wollenen Hemden und die übrige auskochbare Leibwäsche (auch
aus den Tornistern) sind unterdessen in Kesseln (möglichst unter
dem Zusätze von Schmier- oder Kresolseifenlösung) auszukoehen.
Wünschenswert ist, daß die Leute, nach völliger Entkleidung, in
einem Nebenraum in großen Zubern und dergleichen sich mit
warmem Wasser und »Seife am ganzen Körper sauber waschen
können, eine Einrichtung, die sich mit Hilfe der im Westen überall
erhältlichen Wasserkessel (Ohaudieres) leicht herstcllen, ebensogut
aber auch in einem gewöhnlichen Kessel über Kaminfeuer usw.
erreichen läßt. In einem solchen Kessel kann dann auch an¬
schließend die aus der »Schwefelkammer, in einem besonderen des¬
infizierbaren Behälter oder in einem Laken eingeschlagen, mit¬
gebrachte Leibwäsche gekocht werden. Das Schwierigste bei dem
Verfahren ist die Bereitstellung von einer Garnitur Leibwäsche,
eines Lazarettanzugs und Pantoffeln, welches sich aber bei keinem
sicher wirkenden Verfahren umgehen läßt, und zudem in allen,
auch dicht an der Front gelegenen, Lazaretten zu ermöglichen ist.
Die schnelle Trocknung der Wäsche geschieht entweder primitiv
in den tüchtig geheizten Aufenthaltsräumeii der von den Kleider¬
läusen befreiter! Mannschaften oder in einem besonderen Trocken*
zimmer“, in welchem durch einen stark gebeizten Ofen in kurzer
Zeit zahlreiche Wäschestücke getrocknet werden können.
Schnellsten kommt man natürlich zum Ziele, wenn von vornherein
die nötige Anzahl von Wäschestücken bcreitliegt, sodaß die Mann¬
schaften sofort mit frischer, trockner Wäsche versehen entlassen
werden können. Bei der glänzenden Versorgung des Heers mit
Wäsche ist auch das stets leicht zu ermöglichen. Wo größerer
Bedarf ist, wird zweckentsprechend eine besondere Waschküche
zum Ausk< eben der Kleider mit Tisch zum gründlichen Aus¬
bürsten der Wäsche mit Wasserablauf usw. eingerichtet. Hr
größeren Bedarf sind natürlich sowohl ein größerer Aufenthalts¬
raum mit »Strohschüttung für die neu ankommenden Leute, sowie
Unterkunftsriiurne für die bereits gereinigten Mannschaften in
sehaffen. Auch sind zur schnelleren Abfertigung der von den
verschiedene» Truppenteilen gruppenweise zu verschiedenen
Tageszeiten eintreffenden Leute mehrere Schwefdkammern not¬
wendig. Ich habe zur Bewältigung von 60 bis 80 Leuten innerhalb
24 Stunden zeitweilig drei Schwefelkammcrn in Betrieb gesetzt-
Man hat dem Sehwefelverfahrcn nachgesagt, daß besondic
die Kleidernähte angegriffen würden. Dies tritt nach nitincn
sieh über Monate erstreckenden Erfahrungen nicht ein. "cim du
Schwefelkanunern trocken sind und infolgedessen die Kleider nu r
dem bei der »Schwefelverbrennung zunächst entstehenden Schwele*
dioxyd ausgesetzt werden, welches zur Abtötung des ln£fziefer>
genügt. Die* für die Kleidernähte schädliche schweflige
kann in größerer Menge ja nur entstehen, wenn die Kleider fpiii
werden. Es ist deshalb auch notwendig, daß durch tüchtig
Klopfen das »Schwefeldioxyd nach Möglichkeit wieder entie
wird und daß die Leute möglichst nicht bei Regenwetter entlasse
werden. ' . ,
Ich habe nur ein einziges Mal von einem Manne hinter er
gehört, daß ihm Nähte gerissen »seien. Dieser ist aber sofort
den frisch geschwefelten Kleidern im Regen herumgelaufen. (A
die probeweise eine Reihe von Tagen durchgeführte Aufbang» g
von dünnen Blusen und alten Röcken in der »Schwefelkammer
eine Lockerung des Stoffes oder der Nähte nicht erkennen.}
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18. April.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16.
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Von den sieh nach Tausenden belaufenden
Desinfizierten sind sonst (auf mitgogebenen
.«dressierten Karten) nur N a e li r i e h t e n e i n -
,r | au f e n, d aß »i e v o in Ungeziefer freige-
blieben sind, auch wenn sie in ihre alten
Unterstünde zurückgekehrt waren.
Ich glaube dies nicht zum geringsten Teil den Umständen
zihehreiben zu müssen, daß der noch längere Zeit den Kleidern
anhaftende Schwefelgeruch die Läuse f ernhält und daß bei
»lhs«.m Verfahren auch das Lederzeug (Tornister, Stiefel) sicher
mit desiufiziert werden kann. Daß auch die Eier der Läuse
liviirh Schwefeldämpfe getötet werden, erkennt man einer-
irs daran, daß die Eier völlig eintrocknen und durch ge¬
rinn Schütteln von den Kleidern abfallen, anderseits ist es da-
täm-h praktisch erwiesen, daß eine Reihe von Tausenden von
Maimsrluifteii noch nach Monaten von Kleiderläusen freigeblieben
kt. 1 c Ii li a 11 e «1 e s h a 1 b die Entfernung der L ä u s e
d u r c h S c h w e f e 1 d ä m p f e für ein rasch und leicht
durchführbares, sicher wirkendes und unschäd¬
liches Mittel, welches an Einfachheit der
Durchführung von keinem andern Mittel er¬
reicht wird. Denn die verschiedenen neuerdings empfohlenen
Pulver und Streuniittel (Naphthalin, Kresolpuder und dergleichen)
können doch sicherlich nur prophylaktischen Wert haben.
Behandlung der Syphilis mit Embarin
von
Stabsarzt Dr. Eugen Brodfeld, j
Abteilnngschefarzt im k. □. k. Qarnlsonspital Nr. 16 in Krakau.
Das Bestreben, bei Behandlung der Syphilis große Dosen j
von Quecksilber zu gebrauchen, um eine sicher und schnell ver¬
nichtende Wirkung auf die Spirochäten auszuüben, ohne aber dem
< trganisinus dabei zu schaden, bewog die Chemotherapeuten in
neuester Zeit, eine Reihe von Hg-Injektionsmitteln zu konstruieren,
die obigen Anforderungen entsprechen. Ein solches ist das von
der chemischen Fabrik „Heyden“ in Radeheul-Dresden konstruierte
Embarin. Dasselbe ist eine 3°/ 0 Quecksilber enthaltende Lösung
des merkurisalicylsulfonsauren Natriums mit */. °/o Acoin als an¬
ästhesierendem Zusatz. Das Präparat kommt in Ampullen zu
13 ccm in den Handel.
Ich habe das Präparat allein, nicht in Kombination mit andern
Antilueticis (dm auf diese Weise seine Wirkung zu erproben) ver¬
wendet, und zwar nur als intragluteale Injektionen. Die Technik
war folgende: Mittels der mit Nadel armierten Rekordspritze
wwle aus der geöffneten Ampulle der Inhalt aufgesogen und in
‘hu äußeren Gesäßquadranten oberhalb einer Linie, welche beide
Tinhanteren verbindet, injiziert. Das Injektionsfeld wurde durch
J«>dtinktunuistrich desinfiziert. Auf die Einstichöffnung kam ein
Miickrhen Leukoplast
Die Injektionen waren nach Angabe der meisten Patienten
schmerzlos. Dies ist außer auf den Acoinzusatz auch wohl darauf
zurückzuführen, daß Embarin, wie Hayek nachgewiesen hat, eine
•'hr geringe Tendenz zur Nekrosebildung und eitrigen Ein-
siiiiiclzung an der Injektionsstelle zeigt. Auch beobachtete ich
niemals längerdauernde Infiltrate an der Injektionsstelle. Zurüok-
zuführen ist dies auf die Eigenschaft des Embarins. daß dieses
kein Eiweiß fällt; jedenfalls ein großer Vorteil, wenn man bedenkt.,
daß zu einer Kur mindestens 15 Injektionen, jeden zweiten Tag
eine, notwendig sind.
Unter 20 Fällen, die ich injizierte, mußte das Mittel einmal
wegen starker Gingivitis, das andere Mal wegen blutiger Diarrhöen
ausgesetzt werden. Eine Idiosynkrasie gegen das Mittel, sich
äußernd in Kopfschmerzen, Schwindel, unregelmäßigem Puls, wie
sie Salomo nsk i und Sowade beschreiben, habe ich nicht
beobachtet.
Bei einem Manne, dessen Primäraffekt nach drei Embarin-
injektionen vernarbt war. trat einen Tag nach der sechsten In¬
jektion unter Steigerung der Temperatur auf 39,4 0 ein über den
ganzen Körperstamm ausgebreitetes morbillenähnliehes Exanthem
auf. Am nächsten Tage war die Temperatur auf 37.2 u gesunken,
das Exanthem am zweiten Tage verschwunden. Dies dürfte auf
einer Ucbersättigung des Organismus mit Quecksilber oder auf
einer Idiosynkrasie gtgen Embarin beruhen. Nach einer mehr¬
tägigen Pause wurde die Kur mit Inunctionen zu Ende geführt.
Primärsklerosen heilten gewöhnlich nach drei bis fünf In¬
jektionen, sekundäre Exantheme bis längstens sieben lnjektlomm.
Auch Herxheim er sehe Reaktion wurde bei S; kumlär-
exanthemen beobachtet. Betrachtet man dieselbe als eine „durch
eine Ueberempfindlichkeit der syphilitisch erkrankten Zelle gegen¬
über dem Quecksilber hervorgerufene Reaktion“, so kann man aus
der Geschwindigkeit, mit der die Reaktion bei Embarin auftritWuif
die Wirksamkeit des Mittels schließen. Bei der Behandlung des
Primäraffekts fiel mir mehrmals die Glätte der Narben, das viel¬
fache Fehlen der Induration auf.
Wenn ich auch nicht in allen Fällen das Blut bezüglich der
Wassermannsehen Reaktion zu untersuchen Gelegenheit
hatte, so überzeugte ich mich doch in den untersuchten Fäll: n. daß
die vor der Kur positive Reaktion nach Beendigung der Behand¬
lung meistens negativ wurde.
Wenn ich ein Resunic aus meinen Beobachtungen ziehen soll,
so muß ich bemerken:
Embarin wird im allgemeinen gut vertragen, es treten bei
demselben nicht mehr Nebenerscheinungen auf als hei den andern
löslichen Quecksilberinjcktionsmitteln. Es kann als gutes Auti-
syphiliticum bezeichnet werden, ist besonders in der ambulanten
Praxis empfehlenswert. Es hat vor den andern löslichen Injektions¬
mitteln den großen Vorteil der Schmerzlosigkeit. Infolge der
raschen Resorption schwinden die manifesten luetischen Erschei¬
nungen schnell, und der Effekt ist ein für den Patienten hand¬
greiflicher. Auch die Infektionsmöglichkeit wird schneller beseitigt.
Berücksichtigt man jedoch, daß zur Vollendung einer Kur minde¬
stens 15 Injektionen, und zwar jeden zweiten Tag eine, erforderlich
sind, während man mit den unlöslichen Injektionsmitteln, be¬
sonders mit den Quecksilber-Salieylinjektionen, denselben Effekt
nach sechs Injektionen ä 1 ccm (jeden fünften Tag eine) erzielt,
so ist letztere fiir den Patienten angenehmer und ndt weniger
Zeitverlust für die Ambulanten verbunden, wobei infolge Dejmt-
erzeugung die nachhaltige, längerdauernde Wirkung mit in Rech¬
nung zu ziehen ist.
Aus der Praxis für die Praxis.
Abortivbehandlung von Wund- und Qesichtsrotlauf
von
Dr. Ferd. Münzker, Wien.
Es ist mir oft gelungen, Wund- und Gesichtsrotlauf in ein
i? zwei Tagen durch folgendes Verfahren zu rascher Heilung zu
nmgt.n: Die ervsipelitös erkrankte Partie wird in fcoto, besonders
•'^faltig aber an den Rändern, und diese 1 bis 2 cm überragend,
IJ|| t einer 20 % igon Formalinsalbe bedeckt. Man streicht die Salbe
rrikkendick auf Streifen von hydrophiler Gaze, legt diese
Jf ’ lIHi bleckt eventuell mit Billrothbattist. Die Salbe bleibt
: 1 liegen. Während dieser Zeit wird drei- bis viermal je
g Aspirin zur Herabsetzung des Fiebers gegeben. Das Fieber
l *? Im nicht mehr an. der Rotlauf schreitet nicht weiter. Die
l-'-iut ^igt mir leichte Rötung, erythematösen Reizstand. Ich habe
. !< ^ a)e wiederholt auch 48 Stunden auflegen lassen; dann zeigte
iJ jj 0 * 11 starkes Erythem, selbst Bläschenbildwig. Die Dermatitis
ahlT au f kalte Umschläge in kurzer Zeit zurüekgegangem Es
genügt im übrigen nach meiner Erfahrung einmaliges Auflegen der
Salbe durch 24 bis 30 Stunden in folgender Zusammensetzung.
Rp. Formalin n ‘
Thigenol .... aa 10,0
Vaselin.30,0
Ich glaube, daß es die austrocknende Wirkung des Formalins
ist, die beim Erysipel zur Geltung kommt. Die gleichzeitige Dar¬
reichung von drei- bis viermal 1 g Aspirin in diesen 24 Stunden
halte ich für die Erzielung des befriedigenden Erfolges für nötig.
Zur Wundbehandlung
von Dr. Wilcke, Könitz.
Bei zerrissenen, eiternden Wunden, die man bei Verwundeten jetzt
öfters sieht, ist das Eingießen von Jodum l./Paraffimim liq. 300 in die
Wundhöhlen nützlich. Sind die Wunden gereinigt, ferner bei Frost¬
wunden empfiehlt sieh eine Salbe: Jodi nvü. 1. Kali jodati. 1./Vaselin. 100.
Die gereizte Umgebung von Wunden, auch gereinigte Wnndflächcn pudere
ich mit Terebinth. venet. 20,'Cale. praccip 100.
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458
1916 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16.
18. April.
Aerztliche Gutachten aus dem Gebiete des Versicherungswesens (Staatliche und Privat-V er Sicherung).
Redigiert von, Dr. Hermann Engel, Berlin W 80.
Diabetes nach Trauma
von
San.-Rat Dr. Rings, M.-Gladbach.
Das Versicherungsamt R. ersuchte mich auf Veranlassung der
Hinterbliebenen des am 17. Oktober 1901 verletzten und am
10. April 1914 infolge Zuckerharnruhr verstorbenen früheren Mon¬
teurs A. P. aus R. um ein Gutachten. Es handelte sieh dabei um
die Frage, ob die Zuckerharnruhr, und damit auch der Tod, in ur¬
sächlichem Zusammenhänge stehe mit jenem im Oktober 1901 er¬
littenen Unfälle.
Verfolgen wir den Fall an Hand der mir zur Verfügung ge¬
stellten Akten der Berufsgenossenschaft, so fiel P. am 17. Oktober
1901 beim Demontieren einer alten Transmission etwa 6 in tief
herab, mit dem Rücken auf eine Schwungradnabe. Nachdem Pa¬
tient mehrere Tage am Orte des Unfalls gelegen und in Behand¬
lung gestanden, wurde er nach Hause transportiert und kam in
meine Behandlung. Die anfangs als eine schwere Kontusion im¬
ponierende Verletzung ließ sehr bald mit größter Wahrscheinlich¬
keit einen Bruch der Wirbelsäule vermuten, weshalb ich die Auf¬
nahme in eine chirurgische Klinik oder entsprechende Anstalt be¬
antragte. Nach Anlegung des zum Zwecke des Transports not¬
wendigen Gipsverbandes wurde P. in die Heilanstalt für Unfall¬
verletzte aufgenommen. Dort wurde eine starke Empfindlichkeit
des sechsten bis achten Brustwirbels festgestellt und nach den
Erscheinungen und dem ganzen Verlauf ein Bruch eines oder
mehrerer Brustwirbel (sechsten bis achten) angenommen.
Da die Einzelheiten, soweit sie die Behandlung usw. be¬
treffen, hier nicht interessieren, so erwähne ich aus den verschiede*
neu in der Sache abgegebenen Gutachten nur das, was für die
vorliegende Frage von Bedeutung und soweit es zum Verständnis
erforderlich ist.
Nachdem P. zirka drei Monate in besagter Anstalt in Be¬
handlung gestanden, hatte das Befinden allmählich sieh so ge¬
bessert , daß er am 7. März 1902 urlaubsweise aus der Heilanstalt
entlassen werden konnte. Wegen zunehmender Verschlimmerung
mußte schon anfangs April seine Aufnahme wieder erfolgen; bei
dieser Gelegenheit wurde festgestellt, daß neben den durch den
Bruch direkt verursachten Beschwerden inzwischen allgemein
nervöse Störungen bei dem Patienten aufgetreten seien. Der Ent¬
lassungsbefund am 2. August 1902 besagt, daß „P. zeitweise Kopf¬
schmerzen habe, doch kein Erbrechen; Stuhl und Urinentleerung
ungestört, der Urin enthalte kein Eiweiß, dagegen Zucker. Es
habe sich ein nervöser Zustand entwickelt. Nach seinem ganzen
Verhalten sei P. als ein sehr ordentlicher und glaubwürdiger Mann
anzusehen, die bei P. vorhandene Zuckerausscheidung stehe mit
dem Unfälle wohl nicht in Zusammenhang, abgesehen von öfterem
Urinlasscn auch nachts mache die Erkrankung keine Erscheinun¬
gen, auch früher auf Montage habe P. schon öfters Urin las en
müssen“.
Nach der Entlassung kam P. wieder in meine Behandlung.
Ich war nicht wenig erstaunt über die Veränderungen, die in dem
Gemütszustände des Mannes vor sich gegangen. War P. in der
ersten Zeit trotz der schweren Verletzung noch immer bei Humor
und guter Dinge, wie in gesunden Tagen, so war er jetzt immer
traurig gestimmt und sehr niedergeschlagen, schlief schlecht; <-s
bestand Zittern in allen vier Extremitäten, Angstzustände waren
vorhanden, kurz, es hatte sich, wie auch das Gutachten der Heil¬
anstalt vom 2. August besagte, ein nervöser Zustand, eine hoch¬
gradige traumatische Neurasthenie entwickelt. Die Angaben über
Zuckerausscheidungen konnte ich bestätigen, war jedoch, ent¬
gegen der anderweitigen Ansicht, der Ueberzeugung. daß dieselbe
hi ursächlichem Zusammenhänge stehe mit dem erlittenen Un¬
fälle, was ich auch in einem Gutachten an die Berufsgenossen¬
schaft schon damals zum Ausdrucke brachte.
Die Berufsgenossenschaft überwies daraufhin am 21. No¬
vember 1902 den Patienten einer Klinik mit der Aufforderung, ein
wissenschaftlich begründetes Obergutachten abzugeben, speziell
darüber: ob die Zuckerausseheidung mit dem am 17. Oktober 1901
erlittenen Unfall in ursächlichem Zusammenhang.* stehe, oder aus
welchen Gründen dieses zu verneinen sei.
Unter dem 5. Dezember äußerte sich Geheimrat Sch., ..daß
es sich bei P. um einen sogenannten leichten Fall von Zucker¬
krankheil handele, da durch geeignete Ernährung die Zuckeraus¬
scheidung vollständig zum Verschwinden gebracht werden könne.
Ein derartiger Zustand komme im vorgerückten Alter besonders
bei solchen Menschen, die, wie der Untersuchte, einen gewissen
Grad von Fettsucht zeigten, nicht allzu selten vor, ohne daß sieh
irgendeine auslösende Ursache nach weisen ließe. Es sei daher als
sehr wohl möglich und sogar wahrscheinlich zu bezeichnen, daß
sich die Zuckerkrankheit ganz unabhängig von dem Unfall ent¬
wickelt habe, während anderseits zugegeben werden müsse, daß
sich im Anschluß an Verletzungen oder während des Bestehen?
einer durch einen Unfall ausgelösten Nervenschwäche diese Er¬
krankung entw ickeln könne. Da nicht bekannt sei, ob der Harn
des P. vor der Verletzung zuckerfrei war, und da ferner irgend¬
welche auf die Zuckerkrankheit hinweisenden Beschwerden von
ihm selbst weder vor, noch nach dem Unfälle beobachtet worden
seien, so sei eine sichere Entscheidung nicht möglich, die Wahr¬
scheinlichkeit eines ursächlichen Zusammenhangs zwischen dem
Unfall und der Zuckerkrankheit sei keine große.“
Nachdem ich mich im November 1912 in einem längeren Gut¬
achten nochmals für einen solchen Zusammenhang ausgesprochen,
wurde P. einer chirurgischen Klinik zur Begutachtung überwiesen.
Profe ssor J. äußerte sich in seinem Gutachten bezüglich der
Zuckt rkrankheit: „Außer den Unfallfolgen leidet P. an sehr starker
Zuckerausseheidung im Harn. Dieses Leiden besteht schon seit
langen Jahren, ein Zusammenhang mit dem Unfall besteht nicht“
Gehe ich nun auf die einzelnen Gutachten näher ein, so heißt
es in dem Gutachten der Heilanstalt vom 2. August 1902, „daß der
Urin Zucker enthalte, derselbe jedoch nicht in ursächlichem Zu¬
sammenhänge stelle mit dem erlittenen Unfall; abgesehen von
öfterem Urinlassen auch nachts mache die Erkrankung keine Er¬
scheinung, auch früher auf Montage habe P. öfters Urin tan
müssen.“
Daß P. auch schon vor dein Unfall speziell auf Montagen
häufiger Urin hat lassen müssen, kann ernstlich doch nicht als Be¬
weis dafür angesehen werden, daß P. auch schon vor dem Unfall
an Zuckerharnruhr gelitten, da die Harnmengen doch individuell
stark schwanken und in weiten Grenzen vom Flüssigkcitsgcnuß
abhängig sind, der die Harnmengen ganz erheblich steigern kau»
(Urina potus). War P. auch durchaus kein Potator, so trank er
doch regelmäßig in gesunden Tagen, wie mir bekannt, mehrere
Glas Bier, was die Erscheinung des öfteren Harnlassens hin¬
reichend erklärt. Erst recht, wenn P. auf Montage und auf
Wirtshaus angewiesen war, wird der Biergenuß naturgemäß ein
größerer gewesen und damit ganz selbstverständlich das Harn¬
lassen häufiger notwendig geworden sein. Also eine ganz natür¬
liche und Selbstverständliche Erscheinung!
Was das Gutachten der Klinik betrifft, so gibt dasselbe die
Möglichkeit eines ursächlichen Zusammenhangs der Zuckerkrank¬
heit mit dem Unfall zu, die Wahrscheinlichkeit sei jedoch keine
sehr große, es bilde sich im vorgerückten Alter vielfach Zucker-
harnruhr bei solchen Menschen aus, die wie P. einen gewissen Grad
von Fettsucht zeigten.
Demgegenüber möchte ich erwähnen, daß P. nur seit dem
Jahre 1884 genau bekannt war, und daß ich erforderlichen^ alle?
regelmäßig von ihm konsultiert w urde. P. war ein ungewöhnlich
kräftiger Mensch mit vorzüglich entwickelter Muskulatur, jedoco
nur sehr mäßigem Fettansatz, ein vermehrter Fettansatz zeigt?
sich erst, nachdem P. durch den Unfall zum Nichtstuen verurteilt
wurde, wie ich das ausdrücklich dem Gutachten der k> ,r »’
gegenüber hei Vorlieben möchte. Zudem sagt Th i ein: „Derblobe
Verdacht auf Anlage zur Zuckerharnruhr, der bei Fettleibigkeit
und Gicht gehegt w erden kann, genügt noch nicht zur Amiant
< hier schon vorhandenen Zuckerharnruhr. Auch warnt E i ■
ausdrücklich davor, diese krankhafte Disposition in Znsai» 1 ^' 11 '
hang mit traumatischer Neurose bei Abgabe des Sacbv erständigen
urtcils in Unfallsachen zum Nachteile des Kranken auszulegeM 11 '
zwar schon desw egen, weil ihr Bestehen oder Nichthestelien ni ( i*
wenigt r als erwiesen ist, sondern höchstens vermutet werden w •
und ferner so die betreffenden Kranken himfür in keiner ■
verantwortlich gemacht werden können.“ (Becker, Lebrbiu
ärztlichen Sachverständigentätigkeit.) .
Im übrigen hat P. vor dem Unfälle nie Erscheinungen ^
gewiesen, wie sie der Zuekerharnruhr eigen sind. Er W ,
besondere nie an starkem Durst und unersättlichem Hunger-,
gelitten. <s bestanden weder Abmagerung noch >ciiralgi' 11
Digitized b"
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Original frnm
UMIVERSITY OF IOWA
i
j$April. 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16. 459
durch entsprechende Medikamente nicht zu beeinflussende Muskel-
.-chnierzeii, kein Hautjucken, keine Ekzeme, keine Eurunkel-
jjildunff, keine Sehsförungen, vor allen Dingen keine Andeutung
von Impotenz oder selbst nachlassender Cupiditas, nichts von alle-
, 1 * 111 . Alles dies drängt mit Notwendigkeit zu der Annahme, daß
die Zuekerharnruhr infolge des am 17. Oktober 1901 erfolgten
Bruches der Wirbelsäule aufgetreten ist. Ich will gerne zugeben,
-laß diese meine Auffassung nicht „absolut“ beweiskräftig ist. Es
isr dies auch in allen Fällen nicht möglich, wo nicht schon vor
dem Unfall eine genaue Kontrolle des Urins aus irgendwelchen
erfinden stattgefunden hat. Wenn indessen Zweifel bestehen
sollten, so meine ich, müssen solche Zweifel unbedingt dem
Patienten zugute kommen. Ist es schon bei jedem gerichtlichen Ver¬
fahren der Fall, daß Zweifel zugunsten des Angeklagten gedeutet
«erden, so muß erst recht in dubio pro reo oberster Grundsatz für
je,len Gutachter sein. Ich möchte hier auf Ausführungen von Pro¬
fessor v. Xoorden, eines unserer besten Kenner von Zucker-
harnruhr, in seinem Buche: „Die Zuckerkrankheit und ihre Be¬
handlung“ himveisen, wo er über traumatischen Diabetes sagt:
„Wenn der Arzt in diesen Fällen (Fälle der Wahrscheinlichkeit)
die traumatische Herkunft des Diabetes bejaht, so wird er sich frei¬
lich manchmal irren. Vom theoretischen Standpunkt aus sind
diese Fälle nicht zu verwerten, vom praktischen Stand¬
punkt der Unfallentschädigung erfüllt der
Arzt durch Anerkenntnis des Zusammenhangs
d e m Patienten g e g e n ü b e r eine Pflicht d c r
Humanität und Gerechtigkeit, der er sich eben-
*s« wenig, wie die zur Entschädigung ver¬
pflichtete Amtsstelle, entziehen darf.“
Hat v. No orden dabei auch in erster Linie, wie aus dem
betreffenden Zusammenhänge hervorgeht, an Unfälle gedacht, bei
'hinii cs sich um eine intrakranielle Verletzung oder Gehirn-
tisrhüttcrung handelte, so gehören hierhin vor allen Dingen auch
Verletzungen des Rumpfes. So sagt T h i e m in dem schon
zitierten Werke § 220 E.: „Zuckerharnnihr nach Verletzungen von
Kumpf und Gliedmaßen“. Hierbei wird es sich fast immer um eine
Erschütterung: des ganzen Körpers mit Einwirkung auf das Nerven-
-•*biet handeln. Dabei ist. es nicht nötig, daß die Erschütterung
Ivipf und Rückenmark geschädigt hat. Es kann auch nur das
>yiiipathische Nervengebiet getroffen sein. Als solche Ver¬
ätzungen sind zu nennen: „Fall auf das Gesäß, auf die Füße, auf
den Rücken oder Bauch. Es ist dabei nicht nötig, daß es zu
Kriocfunbriiclien oder Rückenmarkverletzungen kommt. Die
Korperersoliiitterimg allein muß als schon ausreichend zur Hervor-
bringung von Zuckerharnnihr angesehen werden. Sind Ver¬
ätzungen der Wirbelsäule nachweisbar, so spricht dies für die
H (i ftigkeit der Gewalteinwirkung und macht
dicEntstchung des Diabetes durch den Unfall
noch wahrscheinliche r.“ Diesen Ausführungen brauche
kh wohl nichts mehr hinzuzufügen.
Meines Erachtens ist das Auftreten der Zuckerharnruhr bei P.
zeitlich znsaminengefallcn mit den nervösen Störungen, wie sie
zjer.'t in der Heilanstalt und nachher von mir beobachtet wurden,
oie .-.-'hon oben angeführt, w'aren trotz der Schwere des Unfalls
111 der ersten Zeit nach demselben bei P. absolut keine Erschei¬
nungen von solchen nervösen Störungen vorhanden; er schlief
gut. war bei gutem Humor, kurz außer lokalen Beschwerden infolge
"ar im übrigen nichts nachweisbar, bis etwa ein halbes
•fahr später ganz deutlich die Erscheinungen schwerer Neurasthenie
Mit raten. Gerade über den ursächlichen Zusammenhang zwischen
Unfall. Nt ura.-thenio und Zuckerharnruhr liegen manche einwand-
fr< it* Beobachtungen vor. W i n d s c h e i d beispielsweise sieht
| es geradezu als charakteristisch für einen traumatischen Diabetes
an. wenn gleichzeitig mehr oder minder ausgesprochene Zeichen
von Nervenschwäche vorhanden sind. In solchen Fällen, sagt
M a r m e t s e h k e (M. Kl. 1912, Nr. 8: Diabetes und Trauma), ge¬
schieht es gar nicht selten, daß die Zuckerausscheidutlg nicht un¬
mittelbar an den Unfall, sondern erst, mit Zunahme der nervösen
Beschwerden auftritt. Dieser Zwischenraum kann sehr kurz sein,
aber auch mehrere Monate, ja nach Thiem bis zwei Jahre
betragen. Ich führe dies an, weil in dem Gutachten der Heil¬
anstalt erst nach zirka zehn Monaten der Zuckerausseheidung des
P. Erwähnung geschieht.
Zum Schluß erübrigt es sich, auf das Gutachten des Prof. J.
zurückzukommen und im Zusammenhänge damit auf ein Schreihon
der Berufsgenossenschaft, das dieselbe auf die Erstattung meines
Gutachtens (November 1912) an mich richtete, folgenden Inhalts:
„Dem Rentenempfänger A. P. haben Sie darüber ein Gutachten
erstattet, daß die bei demselben vorhandene Zuckerkrankheit auf
den Unfall vom Jahre 1911 zurückzuführen sei. Wir teilen Ihnen
darauf mit, daß sieh über diesen Zusammenhang Oberarzt Prof.
T)r. J. von den hiesigen Städtischen Krankenanstalten an Hand
unserer Akten dahin gutachtlich geäußert, daß ein Zusammenhang
zwischen Unfall und Zuckerkrankheit nicht bestehe. Schon kurz
nach dem Unfall ist bei P. das Vorhandensein von Zucker fest¬
gestellt worden und die damals von P. den Aerzten gegenüber
gemachten Angaben haben bestätigt, daß bereits vor dein Unfalb*
die Zuckerkrankheit bestanden hat.“
Wie unzutreffend und irreführend diese Ausführungen sind,
geht schon daraus hervor, daß nicht kurz nach dem Unfälle das
Vorhandensein von Zucker bei P, festgestellt worden ist, sondern
es geschieht zuerst davon Erwähnung in dem Gutachten der Heil¬
anstalt am 2. August 1902, also annähernd zehn Monate nach dein
Unfall, und was die von P, den Aerzten gegenüber gemachten
Angaben betrifft, so handelt es sich w r ohl darum, daß P. auf
Befragen, ob er häufiger Harn lasse, diese Frage bejahte. Daraus
zu folgern, daß schon vor dem Unfälle die Zuckerkrankheit be¬
standen, dürfte doch mehr als gewagt erscheinen, abgesehen davon,
daß, wie ich dargetan habe, das häufige Urinieren bei P., speziell
wenn er auf Montage war, die natürlichste Folgeerscheinung der
vermehrten Fliissigkeitsaufnahme darstellte, die gerade dann stalt-
fand, wenn P„ wie auf Montage, im Wirtshaus untergebracht war.
Wie die Dinge liegen, gebe ich mein Gutachten dahin ab:
1. P. hat an Zuckerharimihr gelitten und ist infolgedessen
gestorben.
2. Die Art des Unfalls (Bruch mehrerer Brustwirbel mit nach¬
folgender schwerer Neurasthenie) ist in hohem Maße geeignet,
Zuckerharnruhr hervorzurufen.
3. Nach dem ganzen Verlauf und der Entwicklung der
Krankheitserscheinungen fällt der Beginn der Zuckerharnnihr zeit¬
lich zusammen mit dem Auftreten der bis dahin nicht gekannten
nervösen Störungen, wie sie in der Heilanstalt im April 1902
und nachher von mir bei P. festgestellt wurden.
4. Mit an Sieberbeit grenzender Wahrscheinlichkeit ist die
Zuckerharnruhr bei P. und damit auch der Tod auf den am
17. Oktober 1901 erlittenen Unfall zurüekzuführen.
Nachdem noch Geheimrat R. auf Grund der Akten sich «•<*-
äußert und sich meinen Ausführungen angeschlossen, wurden die
Ansprüche der Hinterbliebenen auf Hinterbliebenenrente anerkannt
Referatenteil.
Redigiert von Oberarzt Dr. Walter Woül, Berlin.
Sammelreferat
Aus der neuesten Augenliteratur
von Prof. Dr. Adam, Berlin.
I • ? n efoem Falle von Gliorn der Netzhaut hat A x e n f e 1 d (1)
( ;|- ,nn ^ m , a °ht Monate alten Kinde, dessen eines Auge wegen
fnucleiert war, bei dem andern Auge eine intensive
* i entherapie versucht. Es befand sieh oberhalb der Papille
M'inil i T vm ) etwa dreifacher Papillengröße und unterhalb der
dritte'^ 1 U u ein zwe ^ er von etwa achtfacher PapillengTöße, der
,r. U | 7 *! er f ‘ aiJ Pttumor, lag auf der nasalen Seite nach vorn nicht
r ' Es wurde eine Röntgenbestrahlung eingeleitet,
wonacii sicn
ximtung „er Deuten kleineren Herde einstellte
wahrend der dritte eine deutliche Rückbildung zeigte Die Wir
kung <ler Strahleiitherapie war eine deutlich elektive, sie hatte
che Tumoren zerstört aber das übrige Gewebe, soweit es über¬
haupt klinisch erkennbar war, unverändert gelassen. Die Befunde
assen einen Versuch einer Strahlentiefentherapie nicht nur gerecht
fertigt, sondern geboten erscheinen, besonders bei Patienten von
diruTÄ Mh0a Ver " Cigert Wir<1 ’ ebenS ° f " r s P ä tere' Sta-
Bei der Behandlung kommt es darauf an. die R«nt«en-
strahlen ln richtiger Weise zu filtern. Bei der experimentellen
I ntersueliung am Rainnehenauge zeigten die mit u n gefilterten
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UMIVERSITY OF IOWA
460
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16.
18. April.
Strahlen in einer Dosis von 30 X behandelten Tiere schwere
Veränderungen am Bulbus, besonders an der Retina. Ganz anders
verhielten sich die mit der gleichen großen Dosis harter g e -
f i 11 e r t e r Strahlen mehrfach über Wochen hin behandelten
Tiere. Die Versuchsanordnung war so gewählt, daß in ein- bis
zweitägigen Zwischenpausen Einzeldosen von zirka 15 X gegeben
wurden, bei Fokushautbestand von 18 cm und Anwendung von
S mm Aluminiumfilter. Es traten wohl leichte Conjunctival-
reizungen, aber keinerlei Netzhautschädigungen auf.
Die Bestrahlung des Gliomkindes wurde in vier Serien mit
Pausen von vier beziehungsweise acht Wochen durchgeführt. Die
in den ersten drei Wochen gemessene Oberfläehencnergie betrug
148 X in der ersten, 190 in der zweiten und 95 in der dritten,
wobei als Durchschnitt etwa 15 Minuten 20 X KO wählt wurde».
Zweimal in der ersten und dritten Serie wurde mit Mesothorium
bestrahlt, zuerst mit einem Präparat von 50, dann mit einem
solchen von 150 mg. Beide Präparate lagen in einer 1 mm dicken
Messinghülse, das kleine Präparat auf einer 4 mm dicken Alu-
miniumplatte befestigt, während das größere auf einem L_> mm
dicken Bleifilter plus einer 4 mm dicken Aluminiumplatte lag.
durch Gaze und Watte 1 beziehungsweise 2 cm vom Auge ent¬
fernt. Die Bestrahlungszeit betrug das erstemal 12, später
15 Stunden.
Eine 38 jährige Frau mit Narhentrarhom bekam ein frische*.:
weißliches centrales Hornhaut gesell wiir (2), das mit den üblichen
Mitteln sich nicht besserte. Nach Anwendung von täglich zweimal
Scharlaehrotsalbe war dasselbe innerhalb von zehn Tagen ge¬
schwunden. Ein am andern Auge auftretendes Infiltrat verschwand
nach Scharlaehrotsalbe und Scopolamin innerhalb von drei Tagen.
Aelmliches beobachtete Verfasser bei einem 55 jährigen
Manne. Das Geschwür schien anfänglich gefährlich, sodaß schon
die Galvanokaustik in Aussicht genommen war. die aber noch ver¬
schoben wurde, weil Patient sich nicht ins Krankenhaus aufnehmen
lassen wollte. Auf Grund dieser und ähnlicher Fälle glaubt Ver¬
fasser, daß sich der Scharlaehrotsalbe bei traehomatösen Ge
schwüren mit Hornhautverletzungen und infiltrierten Geschwüren
unbekannter Herkunft ein neues Feld eröffnen wird.
Ungefähr 200 Mann tranken versehentlich Methylalkohol (3j
statt Schnaps aus einem Gefäße von zirka 40 Litern, welches
sie auf einem Bahnhofe gefunden hatten. Die Wirkung war eine
sehr deletäre. Zirka 50 Mann erkrankten unter mehr oder weniger
schweren Vergiftungserscheinungen und zwölf von ihnen starben
bald nach dem Genüsse des Methylalkohols; derselbe wurde zum
Teil rein, zum Teil verdünnt getrunken. Ein Patient hatte nur
etwa 40 ccm getrunken und konnte in den hehlen folgenden Tagen
noch seinen Dienst versehen; am dritten Tage stellten sieh bei ihm
unter Schwindel, Erbrechen usw. Sehstörungcn ein, die so schmäle
Fortschritte machten, daß er innerhalb zwölf Stunden total er¬
blindete. Papillen waren deutlich getrübt, ebenso die nächst an¬
grenzenden Retinalpartien. Die Macula lutea normal. Die ab¬
solute Amaurose bestand im ganzen elf Tage. Nach weiteren
14 Tagen konnte er Finger in % bezw. m erkennen. Die
Papillen waren zu dieser Zeit wieder scharf konturiert und im
ganzen abgeblaßt, die Arterien verengt.
Aehnlich verlief ein zweiter Fall, bei dem aber das Seh¬
vermögen bis auf ein Zehntel respektive ein Viertel stieg mul
schließlich sich fast, wieder bis zur Normalen besserte. Bei diesem
Patienten waren die Allgemeinerseheinung n ziemlich gering
24 andere dagegen zeigten mehr AllgcnieincrselK inungen. wie
Schwindel, Kopfschmerzen, Schwäebegefühl. aber nur geringfügig*
Sehstörungen, bedingt durch ein kleines centrales Skotom bei nor¬
malem ophthalmoskopischen Befunde.
Uhthoff verweist auf die im Berliner Asyl für Obdach¬
lose 1911 vorgekommenen Fälle und ist der Ansicht, daß die Sch
nervenatrophie nicht das Primäre sei, sondern daß sie sekundär
auftrete nach Veränderungen in der Ganglien/.«■Ilcnschieht der Netz
haut. Die Behandlung bestand in Diaphorese (elektrische Läden
Strychnin, Jodkali, kräftiger Diät usw.
Infolge einer starken Verletzung (4). welche die rechte Stirn¬
gegend betroffen und eine traumatische Sinusitis sowie eine Zer¬
splitterung des Orbitaldachs, auch wahrscheinlich des Ductus riaso-
ifrontalis erzeugt hatte, entwickelte sieh eine Mueocele der Stirn¬
höhle die allmählich auch die vorderen und mittleren Siebbein¬
zellen mit umfaßte. Der hohe Druck in der Mueocele führte zu
keiner Ausbuchtung der knöchernen Wandung, sondern nur zur
partiellen Einschmelzung der Fissurränder und somit zur Ver¬
breiterung des Knochenspalts. In diese drängte sich die Stirn-
höhlenschleimhaut hernienartig hinein und wurde bei zufälligen
körperlichen Anstrengungen von den gratartigen Spitzen du-
geritzt. Infolge davon trat der Mucoceleninhalt zwischen Peri¬
orbita und Schleimhaut, welche beide durch die hernionartigt» Ver¬
drängung der Schleimhaut bereits ihren Kontakt in umschriebener
Ausdehnung verloren hatte. Der profuse Erguß veranlaßt!» die
totale Abhebung der Periorbita vom Septum orbitale einerseits
bis zum Foramen optieum und zu den Fissurae orbitales ander¬
seits; hierdurch mußte fast sofort hochgradiger Exophthalmus mit
entzündlicher Schwellung der unteren Stirngegend, besonders aller
des oberen Lids und wohl auch bis zu einem gewissen Grade des
Aug< nhöhleninhalts auftreten. Die Unmöglichkeit des LidschlussK
verursachte einen Epitheldefekt, Infiltration und schließlich
Abscedierung in der Hornhaut.
Um der Häßlichkeit, die nach der Enucleation (5) vor allem
durch die bedeutende Einsenkung eintritt, zu begegnen, benutzt
Schonte das von Schmidt angegebene Verfahren, welches
darin bestellt, daß aus der spongiösen Substanz des Obersehenkel¬
kopfs des Kindes Kugeln gedreht werden, in welchen durch lau¬
teres Kihitzen alles Organische ausgeglüht wird, bis man ein sehr
leichtes* poröses Skelett erhält. Eine solche Kugel im Durchmesser
von 15 mm vernähte Verfasser nach Enucleation bei einem jungen
Mädchen in die T e n o n sehe Kapsel, nähte darüber die vier ge-
vaden Augenmuskeln und schloß die Bindehautwunde. Der ki¬
netische Erfolg war so gut, daß das Mädchen bei einem Chef, ife?
io früher wegen dieser Entstellung abgewiesen hatte, nach der
Opuation aufgenommen wurde, weil er nicht sah, daß sie nur ein
Auge hatte.
A d a in (ß) beschreibt zunächst die bei der Retinitis albumin¬
urica gravidarum auftretenden Augenveränderungen, wobei er
j darauf hinweist, daß diese Form der Retinitis prognostisch nicht
! ungünstig zu beurteilen sei, wie die bei andern Formen von
Nephritis auftretenden Netzhautkomplikationen. Wenn man son<t
im allgemeinen sagen kann, der Nephritiker, der eine Netzhaut-
'lkranknng bekommt, hat durchschnittlich nicht länger als zwei
bis drei Jahre zu leben, so ist diese üble Prognose den mit der
Schwangerschaftsnephritis verbundenen Netzhautstörungen im
allgemeinen nicht, zuzumessen. Hinsichtlich der Therapie ist er
Irr Ansicht, daß die Unterbrechung der Schwangerschaft, wenn
de unmittelbar nach dem Beginne der ersten Netzhauterseheinuii-
gt» aufgehoben wird, eine Berechtigung hat, da hierdurch der
Ausleihung der Netzhauterkrankung vorgebeugt wird. Id erd
(initial die R< tinitis in weiterer Ausdehnung vorhanden, so hat
j die Untcibiecliung der Schwangerschaft keinen großen Einfluß
; mehr auf die zu erwartende Sehschärfe.
Verfasser bespricht sodann die bei Eklampsie auftretenden
'ddistörungcn. Sie äußern sich ineist in plötzlicher Erblindung,
hne daß dafür ophthalmoskopisch eine Erklärung zu geben ist-
; Die Erscheinungen sind wohl ähnlich wie bei der Urämie cerebraler
i Natur, was dadurch besonders wahrscheinlich ist, daß trotz der
j Erblindung Pupillenreaktion besteht. In einigen Fällen traten
1 ab er auch objektiv sichtbare Erscheinungen auf, und zwar in form
I von st genannten Aderhautblutungen und Thrombosen der Ader-
j hautgefäße.
j Hinsichtlich der Prognose sind die Fälle von Eklampsie mit
i .(dinitisehen Erscheinungen wesentlich anders zu beurteilen ab
i die reinen Fälle von Eklampsie, da erste re häufiger zum Exitus
! führen als letztere. Ganz allgemein kann man sagen, je plötzlicher
! und je intensiver bei Schwangeren Sehstörungen auftreten, desfe
I günstiger ist die Prognose hinsichtlich der später zu erwartenden
Sehschärfe.
- 1. Axeufeld, Küpfcrte und Wiedersheim, GJioma re,l [ ; ia LT
mtraoculnre Strnldentherapie. (Kl. Mou. f. Aughlk. Jan. ltÜ.D 7 " iw
Gelter dt 11 l ieil wert der Scharlaehrotsalbe bei gewissen trachomntosen
imutges •hwiiren. (Zschr. f. Aughlk. Februar lälo.) — 8 . Uhtbotf, ho
den Sehst irungen durch Methvlalkoholvergiftungen. (Kl. f- ■ r ,.
■hin. 4. Kuhnt, Mueocele der Stirnhöhle und des Siebbemlamn ;
mit |)Iüt£ ie u*m hochgradigen Kxophthalznos. (Zschr. f. Aughlk. J» n - •
ö. Schoute, Die S ■ämidtschen Beinprothesen. (Zschr. f. Aughlkrenr • -
i>. Adam, Geber Augenverändenmgen bei Schwangerschaft und Geuiin.
f. Geburtsh. Bd. 7ii. S. 023.)
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UMIVERSITY OF IOWA
j
iS. April.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16.
401
Aus den neuesten Zeitschriften.
Berliner klinische Wochenschrift 1915 , Nr. 14.
Unna (Hamburg): Kriegsaphorismen eines Dermatologen. Die
call^on Ekzeme müssen mit oxydierenden Mitteln behandelt werden,
weil die sie auszeichnendc Verdickung der Horuschicht eine sauerstoff¬
arme. schwer durchdringliche Membran darstellt. Die Psoriasisflecke des
ganzen übrigen Körpers, einschließlich der Hände, werden mit folgendem
OolJndiiim eingrpinselt: Chrysarobin 2, Ol. tcrebinthin. 2, Collodiurn 16.
Roth mann (Berlin): Die Hirnphysiologie im Dienste des Kriegs.
Von besonderem Interesse sind die Affektionen der Gebiete hinter der
Zpntralfuitlie (Gyrus centralis post, und Gynts supramarginalis). Sind
Gvrtis centralis post, und supramarginalis gemeinschaftlich mtsgcsehaltet,
jto greift der gekreuzte Arm beim horizontalen Greifen nach den Seiten
vorbei, beim Greifen nach oben zu weit nach oben, beim Greifen nach
unten zu weit nach unten. Angesehen vom Sehzentrum dos Hinterhanpt-
lappens scheinen die Sprachzentren von allen Hirnrindenzcntrou am emp¬
findlichsten zu sein und am leichtesten in ihrer Punktion gestört zu
werden. Auch bei den Kriegsverletzungen läßt sich die Erfahrung be¬
gütigen, daß die sensorische Aphasie nach linksseitigen Schläfenlappcn-
vcrlct zungen sich rascher und vollkommener zurückbildct als die mo¬
torische. indem offenbar die bilaterale Einübung der sensorischen Sprach-
komponente besser vorgcbildet und daher leichter einztiiiben ist.
Gerönne und Lenz (Wiesbaden): Ueber den Versuch einer Be¬
handlung der Typhusbacillenträger mit Thymol-Kohle. Die Tierkohlc ist .
ein rationelles Transportmittel, indem sie das Desinficiens adsorbiert und I
in inniger Mischung mit dem Speisebrei auch in tiefere Darmabschnilte
befördert, dabei eine langsame und gleichmäßige Resorption der wirk- j
s:imcn Substanzen gewährleistend. Diese sehr wesentliche und bedeutungs¬
volle pharmakologische Aufgabe wird die Kohle schon in einer kleinen {
hosiernng bei denjenigen Arzneimitteln erfüllen können, die an und fiir
sich schwor löslich sind. Schon kleine Kohleniengcn verzögern die Re¬
sorption des schwerlöslichen Thymols wesentlich.
Bernhardt: Die Kriegsverletzungen der peripherischen Nerven
iSclilußi. Was die therapeutischen Einwirkungen und den Nutzen der
Elektrotherapie bei schweren Lähmungen betrifft, so ist bei den Schuß- j
Verletzungen der Nerven nicht eher überhaupt etwas von der Elektrizität j
zu erwarten, als bis etwaige Zerreißungen, Narbeneinschniirungcn, Ein¬
keilungen der Nerven in Kuochencallus usw. operativ gebessert sind. Die
hauptsächlichst en Operationen sind die Lösung des Nerven oder des
Plexus ans narbigem Bindegewebe oder bei tatsächlich getrennt Vorge¬
fundenen Nerven die Naht derselben.
von Noorden (Frankfurt a. M.): Ueber Verdauungsbeschwerden
nach dem Genuß von Kriegsbrot und ihre Behandlung. Durch fälle trugen
•len Charakter der sogenannten Gärungsdyspepsie, mit Kolilehydratnach-
träruBg im Kote. Sie stellten sich bei gewohnheitsmäßig starken Weiß-
hroiessim ein. die nach Einführung dos Kriegsbrots dazu übergingen,
sehr große Mengen desselben zu verzehren. Nach Einschränkung der
Brotmeig'e und nach Angewöhnung guten Kauens sind diese Durchfälle
»ieder völlig verschwunden. In einigen Fällen konnte nacligewiesen
werden, daß die Acidität des Magenchymus um 20—30% höher lag als
nach dem Genuß von Kriegsweißbrot. Gewöhnung erscheint schwierig;
Mnt sich nicht, sie abzuwarten, da nach einigen kleinen Gaben von
Natrium bicarbonicum der Uebergang zum Kriegsweißbrot die Hyperaci-
ditatshrschwerden wieder völlig verschwinden ließ. Sorgfältige Erhebungen
lehrten, daß fast ausschließlich solche Leute an Tympanie litten, die |
früher nur oder fast nur feines Weizenbrot aßen. Es genügt, 2 —4 Blut- j
kuiilc-Komprctten jeder Brotmahlzeit folgen zu lasseö, um der lästigen I
bas'Pannung des Bauches vorzubeugen. Verstopfung entwickelt sich auf j
bmnd des Genusses von Kriegsroggenbrot sehr selten.
Traube (Charlottenburg): Das Wesen der Narkose. Die Narkotica !
Mü Katalysatoren, welche entsprechend ihrer narkotischen Wirkung die i
'eischiedcnsten physikalischen Vorgänge, wie Flockung und Quellung, be-
•^vcunigen und anderseits chemische Vorgänge, wie Oxydationen usw., |
''vi •ingsnnien. Es dürften Reaktionshemroungen als die waliro Ursache
es narI,:i, tl s chen Zustandes anzusehen sein. Reckzeh (Berlin). j
De utsche medizinische Wochenschrift 1915 , Nr, 14. i
«tofls ^ rl Nissk a lt (Königsberg): Eine Modifikation des Typhusimpf- 1
t ’ a m Impfstoff um so weniger immunisiert, bei je höherer |
Bacillen abgetötet worden sind, verzichtet der Verfasser
in h öo? • aU Erhitzen bedient sich allein des Aufschwemmens
nichts um 4ie Typhusbacillen abzutöten. Dabei wird I
W'- . Dt *ff en zerstört. Aus diesem Grunde kann man auch die
nnzersü-rt Veril | 1 ^ er [ l * Jedenfalls ist es besser, eine geringere Menge
Aöiijfena ft"’ ^ i 6 - 00 ^ rö ^ ere ^ eu S e Hitze teilweise zerstörten
| Frieda Schneider (Berlin): lieber Leukopenie and Aneosinophilie
nach Typhusschutzimpfangen. Nach der Einspritzung von abgetöteten
Typhusbakterien — Typhusimpfstoff — bilden sich nicht nur Typlius-
agglutinine (Grubor-Widalsche Reaktion), sondern es tritt auch eine
beträchtliche Leukopenie mit völligem Verschwinden der eosinophilen
Lcukocyten ein. Diese für Typhus so charakteristischen morphologischen
Blutveränderungen sind also diagnostisch nicht zu verwerten, wenn
eine Typhusschutzimpfung vorausgegangen ist.
R. Kraus und B. Barbarä (Buenos-Aires): lieber Adsorption
durch Tierkohle. Die Tierkohle wirkt entgiftend gegenüber bakteriellen
Toxinen, ist daher anwendbar bei Cholera und Dysenterie. Auf Grund
von Versuchen mit Tetanustoxin dürfte es angezeigt sein, lokal in
Wunden, die Sitz der Infektion sind, sterilisierte Tierkohle zu bringen-
W. Neumann (Gießen): Experimentelles zur Wirkung des Benzols.
I Benzol ist als ein Leukotoxin von sehr starker, aber sehr schwer zu
I berechnender Wirkung anzusehen, da hierbei sehr große individuelle
Verschiedenheiten mitsprechen. Dies stimmt mit den bekannt gewordenen
Erfolgen und Mißerfolgen bei seiner Anwendung zur Bekämpfung der
Leukämie sehr gut überein.
G. di C'ristina (Palermo) und G. Caronia (Neapel): Ueber die
Behandlung der inneren Leishmanlosis. Fünf Kinder, die an schweren
Formen der Knla-Azar litten, wurden durch intravenöse Injektionen von
Tartarus stibiatus geheilt (allmähliche Verkleinerung der Milz, Verminde¬
rung und schließl.ch Verschwinden der Parasiten im Milzsafte).
Karl Kisskalt und Alexander Friedmann (Königsberg): Die
Bekämpfung der Lauseplage. Dämpfe von Schwefelkohlenstoff sind
ein vorzügliches Mittel zur Entlausung der Kleider. Auch Bügeln
scheint sich sehr gut zu bewähren. Zehn Minuten langes Erhitzen auf
70° tötet die Nissen sicher. Fiir Wollsachen darf die Temperatur Wesent¬
lich überschritten werden, nicht aber für Pelze. Was die seidene Unter¬
wäsche anbetrifft, so kommt ihre günstige Wirkung vielleicht daher, daß
siel» Seide so dicht weben läßt wie kein anderer Faden, sodaß die Läuse,
die sich zwischen Unterhemd und Hemd auf halten, den Kopf nicht durch¬
stecken können. Seidentrikot wäre also zwecklos. Weder reines noch
unreines Insektenpulver schädigt die Läuse. Udingens sollte mau
Palliativmittel überhaupt nie anwenden, wo systematische Entlausung
möglich ist (z. ß. in Festungen. Gefangenen- und Flüchtlingslagern).
Th. Axenfeld (Freiburg): Ist die Naphthalinabwehr der Läuse-
plage für das Sehorgan bedenklich? Der Verfasser hält eine Schädigung
der Augen durch das zwischen Hemd und Uniform zu tragende Naphth din-
sückchcn, das heißt durch die daraus sich entwickelnden, nicht allzu
konzentriert wirkenden Naphthalindämpfe fiir nicht wahrscheinlich.
Paul Kays er (Berlin) : Erfahrungen des Feldlazaretts 6 des
VI. Armeekorps. Die Verwundungen, die der Verfasser gesehen hat, sind'
ausschließlich durch französische Geschosse verursacht worden. Dumdum¬
geschoßwirkungen hat er aber nicht gesehen. Wer über Versuchs- und
jagdliche Erfahrungen fauch mit Vollnv.uitolgeschossen) verfügt, wird in
der Deutung von Wunden, die explosiv entstanden scheinen, ohne Kennt¬
nis des Geschosses und der Nebenumstände der Verletzung äußerst vor¬
sichtig sein. Bedauerlich ist die Kritiklosigkeit, mit der harmlose, vorn
abgeplattete Geschosse als Dumdumgeschosse abgebildet und Massiv-
»----. *.ais lMimumn-
geschosse aufgefaßt oder daselbst Wunden lediglich aus den Wimd-
verhältnissen, oft wochenlang nach der Verletzung, als Folge solcher
Geschosse gedeutet worden sind. Betont wird ferner, wie die Güte der
Resultate mit der Entfernung vom Kriegsschauplatz wächst, weil alle
Nichtinfizierten der Heimat zugeführt, die Infizierten, z. B. schwere
Phlegmonen, an der Front behandelt werden. Die einzige Stätte, wo
eine einwandfreie Statistik der Kriegsverletzungen möglich**wäre ist der
Hauptverbandplatz. Aber gerade dort fehlt im modernen Krie- am
meisten die Zeit dazu. Shockwirkung hat der Verfasser selten beob
^Truppenärzte und Sanitätskompagnie mit Recht stets von der
„Felddosis von 0,02 Morphium sofort Gebrauch gemacht hatten
E. Glass (Charlottenburg-Westend): Zur Diagnose komnlhier^r
Schußverletzungen. Beschrieben werden zwei'Fälle, die erst durch die
Obduktion völlig geklart werden konnten. In dem einen, noch bei der
R'ppenresekhon als Lungenschuß geltenden und vielfach untersuchten
Fall hatte erst die Sektion die Mitbeteiligung des subphrenischen Raums
gezeigt, m dem das Geschoß liegen geblieben war. Tn dem zweiten Falle Toi
dem ein Gehirndurchschuß angenommen wurde, indem eine kleine kreis
runde vordere Galeawumle als Einschuß imponierte, handelte cs sich
nach der Obduktion um einen Tangcntialschuß, bei dem infi ierte
kleine Knochensplitter tief in das Gehirn cingedrungen waren ! ■
sekundäre Meningitis erzeugt hatten. Der Knöchel unter de '
wuudo war völlig intakt. aU l
Paul Jottkowitz (Charlottenburg); Zur Technik der Olpsverbände
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Original fram
UMIVERSITY OF IOWA
462
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16.
18. April.
im Felde. Tn einem Falle von Schußfraktur des Unterschenkels bestand
der Verband in einem Gipsschuh für den Fuß imd einer Gipshülse für
das Bein, verbunden durch eine schmale, aber feste Gipsschiene, die ge¬
wissermaßen eingelassen in den Verband war und die beiden Teile des
circularen Verbandes völlig fest miteinander vereinigte, sodaß eine
absolut sichere Fixation erreicht wurde.
Willy Katz (Berlin): Unser orthopädisches Institut Es wurde
mit den einfachsten Mitteln hergestellt. Von den Apparaten werden
einige abgebildet und kurz beschrieben.
W. Francke (Leipzig): Gabelmesser, ein Instrument für Ein¬
armige. Es gestattet, Fleisch und Brot mit einer Hand zu zerschneiden
und dient, mit Leichtigkeit auseinandergenommen, gleichzeitig dazu, mit
dem einen, gabelförmigen Teil die Speisen zum Munde zu führen. (Von
L. A. Gündel in Leipzig, Peterstraße 20, in den Handel gebracht.)
G. Brückner: Herrichten von Bettlagerstellen und Heizungsanlage
Im Feldlazarett. In dem nächstgelegenen Walde wurde eine Anzahl
junger, möglichst gerade gewachsener Bäume gefällt und aus diesen eine
Reihe nebeneinander stehender Gestelle gefertigt nach Art der bekannten
Holzpritschen. Auf diese Weise kann man die an ein Feldlazarett zu
stellende Forderung, sich durchschnittlich für 200 Betten einzurichten,
erfüllen. Der Verfasser beschreibt ferner eine Heizungsanlage für eine
Scheune, bestehend aus zwei Heizöfen, von denen der eine innerhalb, der
andere außerhalb der Scheune angelegt wurde. Der letzte wurde durch
einen im Boden der Scheune gelegten Abzugskanal in den ersten geleitet.
Haupt (Bautzen): Die Beschaffung von keimfreiem Oberflächen¬
wasser Im Felde mittels des Chlordesinfektionsverfahrens. Empfohlen
wird die Chlorkalksterilisation, die ein zwar keimfreies, aber schlechter¬
dings ungenießbares Wasser liefert. Erst dadurch, daß man metallisches
Eisen in feinverteilter Form für die Abbindung des Chlorüberschusses
verwendet, erhält man ein völlig chlorfreies Filtrat. Dem so gewonnenen
keimfreien Wasser haftet aber alsdann noch ein störender Eisengeschmack
an, der je nach der Menge des angewendeten Chlorkalks mehr oder
weniger stark ist. Durch zweckentsprechende Apparatur gelingt es indessen
leicht, das gelöste Eisen bis auf so geringe Spuren aus dem Wasser zu
entfernen, daß man ein völlig keimfreies, chlorfreies, geruch- und ge¬
schmackloses Wasser erhält. Die Firma David Grove in Berlin hat,
damit das Verfahren im Feld an jedem beliebigen Ort ausgeübt werden
kann, einen fahrbaren Apparat konstruiert, der stündlich 8000 Liter ein¬
wandfreien Wassers liefert. Die Ansaugung des Flußwassers kann durch
Benzinmotorpumpe oder mit der Hand geschehen. F. Bruck.
Buchung mehr stört als die Sekretansammlung. Verschiedene Prozeduren
zur Entfernung der Sekrete aus dem Oesophagus werden vom Verfasser
genau angegeben und empfohlen.
Alfred Grotli: Bericht Aber die Ergebnisse der Schutzpocken-
Impfung Im Königreiche Bayern im Jahre 1913. Betont wird in dem
sehr ausführlichen Berichte, daß von der Bevölkerung keinerlei Abneigun»
der Impfung entgegengebracht wurde trotz der Tätigkeit der Impfgegner.
Nur in Bayreuth und Umgebung war es der heftigen Agitation der Impf,
gegner gelungen, eine größere Zahl von Impfentziehungen herbeizuführen.
Me hl iß (Altstadt-Magdeburg): Ueber akute Pankreatitis. (Schluß i
Die akute Entzündung führt häufig zum Absterben einzelner Teile oder
der ganzen Drüse, zur Pankreasnekrose. Diese beruht auf der verdauenden
Wirkung des Pankreasferments. Das Pankreassekret hat neben seinen
verdauenden auch toxische Eigenschaften und kann eine Vergiftung her-
vorrufen. Späterhin kann zu der Nekrose eine sekundäre Infektion hin¬
zutreten, die zu eitriger Einschmelzung, Absceßbildung und Yerjanchnnü
der Pankreas zu führen vermag. Es kann so zu einer eitrigen Peritonitis
kommen. Acht Fälle beschreibt der Verfasser. In sieben davon warm
die Patienten auffallend fett. Man sieht im allgemeinen Lipomatose als
ein prädisponierendes Moment an. Die akute Pankreatitis ist sehr häufe«
mit Oholelithiasis kombiniert. Dieses Uebergreifen entzündlicher Er¬
scheinungen erklärt sich leicht aus den nahen Beziehungen zwischen den
Ausfühningsgängen von Leber und Pankreas in der Papilla Yateri. Charak¬
teristisch bei einer akuten Pankreatitis ist der äußerst heftige Schmerz,
der oft einen typischen Bitz im linken Epigastrium hat. Bezeichnend
ist die plötzlich oinsetzende Art dieser ungeheuren Schmerzen, die unter
kollapsartigen Erscheinungen verlaufen, was an eine Vergiftung durch
Pankreastoxine denken läßt, die sich bisweilen in Spuren von Eiweiß im
Urin weiter zu erkennen gibt. Findet man unter diesen Umständen im
Urin Zucker, so weist dies noch deutlicher auf das Pankreas hin. Regel¬
mäßig scheint bei der akuten Pankreatitis ein Ileus zu bestellen, der
wohl mit einer Reizung des Peritoneums zn erklären ist.
FeldärztUche Beilage Nr. 14.
C. Jacobj (Tübingen): Erschöpfung und Ermüdung. Vortrag, ge¬
halten am 27. Februar 1915 im Medizinisch-naturwissenschaftlichen Verein
zu Tübingen.
Haenel: Ueber Wundbehandlung Im Kriege. Jede Kriegswumle
ist von vornherein als infiziert anzusehen. Eingehend geschildert werden
die allgemeinen Grundsätze, wie sie sich dem Verfasser bei der Behand¬
lung - der Verwundeten bewährt haben. Warm empfohlen wird unter
andern das Mastisolverfahren.
Franz v. Gröer (Wien): Ueber die Behandlung der bacillären
Dysenterie mit Adrenalin. Ebenso wie dieses wirkt natürlich das
Suprarenin (Höchst). Innerlich gibt man von der l°/ooigen L'sn'ig
ein- bis zweistündlich zehn bis zwanzig Tropfen in etwas Wasser. E-
nach schwinden die dysenterischen Schmerzen vollständig: auch der
Brechreiz, vor allem aber der bei aller sch wersten Fällen vorkommend'.
so furchtbar quälende Singultus wird dadurch beseitigt. Aber auch in
Form von Einläufen (bis zwei Liter einer Lösung von 1:1000 000 bis
500 000 physiologischer Kochsalzlösung) ist das Suprarenin äußerst wirk¬
sam bei der Bekämpfung der blutigen Stühle, indem es zugleich dir
Schmerzen und den Tenesmus beseitigt. Die Einläufe (40° Temperatur 1
werden in Knieellenbogen- oder (bei Schwerkranken) in Seitenlage mH
Hilfe einer weichen, mindestens 1 m langen und zirka 8 mm dicken
Magensonde gemacht, und zwar muß diese dieFlexura sigmoidea passieren-
Um die hierbei entstehenden Schmerzen zu verhüten und den Pari«
ruhig zu stellen, gibt man meist einige Minuten vor dem Einlauf zwanzig
Tropfen Suprarenin intern.
Walther Poppelreuter (Köln): Ueber psychische Ausfattserschei
nungen nach Hirnverletzungen. Nach einem Vortrag in den „Kölner
Kriegsärztlichen Abenden“ am 12. Januar 1915.
Gustav Doberan er: Zur Drainage des Ellbogengelenks. I* 1
einem Ellbogengelenkscluiß mit Einschuß durch das Olecranon und //r
, trümmerung des Radiusköpfchens sowie eitriger, hoch fieberhafter, hü
Wochen bestehender Gelenkentzündung erweiterte der Verfasser d‘n
Schußkanal im Olecranon mit dem Trepanbohrer, bis in der MiM j- r
Ineisura semilunaris ulnae eine genügend breite Eröffnung des Gewn■>
geschaffen war. In diesen Knochenkanal wurde ein starkes Drains"
eingelegt. Es erfolgte Heilung mit einer außerordentlich befriedige« ^
Beweglichkeit des Gelenks. Die Vorteile dieses Verfahrens sma: 1 ■’.>
Drainage setzt am tiefsten Punkte des Gelenks ein, besonders bei am
rechter Körperhaltung. Der ligamentöse Gelenkapparat wird völlkoffl®^
geschont, was für die spätere Beweglichkeit von entscheidender Bodeutuu-
ist. Jede Gefahr einer Nebenverletzung von Nerven und Gefäßen
vermieden. Schließlich wird das ganze Gelenk ausreichend
gemacht, wodurch seine Revision und Reinigung von losen V rokturJ 1 ' 1 ’
I ermöglicht wird (deren Verbleib im Gelenk unterhält entweder du
Münchner medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. 14.
L. Lewin (Berlin): Ueber Vergiftung durch kohlenoxydhalttge Ex¬
plosionsgase aus Geschossen. Die aus explodierenden organischen Ver¬
bindungen frei werdenden kohlenoxydhaltigen Gase können Menschen
vergiften (dabei wird bekanntlich der lebenswichtige rote Blutfarbstoff in
Kohlenoxydhämoglobin umgewandelt, und zwar ist die Affinität des Hämo¬
globins zum Kohlenoxyd 210 mal so groß wie zum Sauerstoff). Nicht nur
in der Nahe des Krepierens eines Explosionsgeschosses können Menschen
durch Kohlenoxyd vergiftet werden, sondern die Aufnahme von Kohlen-
oxydgasen ist auch durch die Bedienungsmannschaft von Geschützen
möglich. Namentlich durch Krepieren von Explosionskörpern entstellen
ungeheure, unberechenbare Mengen von Kohlenoxyd. Das Gift wirkt
somit auch dann, wenn seine Entwicklung im Freien erfolgt.
Gustav Stümpke (Hannover): Mittels des Abderhaldenschen
Dialyslerverfahrens gewonnene Ergebnisse auf dem Gebiete der Derma¬
tologie. Bei frischer sekundärer Syphilis fand fast durchweg ein starker
Abbau von Nieren Substanz durch syphilitisches Serum statt. In
zweiter Linie wurde lieber, dann erst Milz abgebaut. In einem Falle
von maligner Syphilis zeigte sich ein äußerst .starker Abbau der Milz.
Per Abbau der erwähnten Organe trat ganz besonders hervor, wenn sy¬
philitische Organe (eines syphilitischen Foetus) zum Versuche verwandt
wurden. Auch Primäraffekte und syphilitische Papeln wurden von syphi¬
litischem Serum abgebaut. Bei verschiedenen Dermatosen (Psoriasis,
.Pemphigus, Lichen ruber planus, Herpes zoster, toxischer Dermatitis,
Ekzemen) wurde Niere stark abgebaut, was dafür spricht, daß bei diesen
Leiden den Nieren eine gewisse Bedeutung zukommt. Psoriatikerserum
baute auch Psoriusisschuppen ab. Ferner Epididymitikersermn: Prostata,
Hoden und Nebenhoden; bei Prostatitis gonorrhoica fand ein Abbau von
Prostata und Hoden statt.
Joh. Henrichsen (Saeby, Höng in Dänemark): Confusio abdominit
(Hufschlag), Ruptura intestioi, Peritonitis- — Heilung. Zeigt eine Bauch¬
verletzung auch nur das geringste Verdächtige, so ist der Kranke mög¬
lichst schnell in ein Krankenhaus zu bringen und innerhalb der ersten
fünf Stunden zu operieren.
Wilhelm Sternberg (Berlin): Die Sekretentfernung bei der Oeso-
phagoskopie. gj e j s t notwendig, weil nichts die ösophagoskopisclie Unter
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UMIVERSITY OF IOWA
18. April.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16.
463
rung oder führt zu Callusbildung und Knocheneinlagerung in die Kapsel
und damit zur dauernden Ankylose).
A. Hitschi (Freiburg i. B.): Elastische Schienenvorrichtung zur
Streckung des Handgelenks. Der Verfasser empfiehlt eine von ihm genau
beschriebene Vorrichtung, die man sich ohne viel Mühe aus billigstem
Material selbst anfertigen kann. Der Patient ist durch die Schiene im
Gebrauch seiner Hand so gut wie nicht gehindert. Die Vorrichtung hat
sich seit vielen Jahren außerordentlich bewährt.
Albert E. Stein (Wiesbaden): Heißluftmassage. Durch eine von
der Firma Sanitas, Elektrizitätsgesellschaft in Berlin, hergestellte Vor¬
richtung wird erreicht, daß der behandelnde Arzt gleichzeitig bimanuell
massiert und den Heißluftstrom selbst während der Massage auf die
cerade massierte Stelle einwirken läßt. Das wird dadurch ermöglicht,
daß die Heißluftvorrichtung an das eine Handgelenk des Arztes an-
geschnallt ist. Mit Ausnahme des Tapotements, das ja auch sonst an
den Schluß der Massagesitzung verlegt wird und vor dessen Vornahme
man die Heißluftvorrichtung ablegt, lassen sich sämtliche übrigen Massage¬
bewegungen ohne weiteres durchführen.
G. Perthes: Beitrag zur Prognose und Behandlung der Bauch¬
schüsse im Kriege (Schluß). Besprochen wird die Behandlung. An
der konservativen Therapie ist als Regel festzuhalten, denn die bisher
mit der Operation der Bauchschüsse erzielten Resultate lassen zu wünschen
übrig. Oie Operation eines Bauchschusses im Feld ist nur zulässig für
einen in der Bauchchirurgie sehr erfahrenen Chirurgen, Unter dieser
Voraussetzung ist die Operation angezeigt, wenn der Verletzte 1. inner¬
halb der ersten zwölf Stunden post trauma zur Operation kommt, wenn
2 deutliche Symptome der Verletzung eines Bauchorgaus vorliegen und
wenn 3. der Allgemeinzustand keine irreparablen Verletzungen annehmen
läßt. Da die Gesamtheit dieser Vorbedingungen aber selten erfüllt ist,
bleibt trotz der wenig günstigen Prognose die konservative Behandlung
die Regel. F. Bruck.
Wiener medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. 13.
F. Hamburger: Zur diätetischen Behandlung der Dysenterie.
Empfehlung breiiger Fleisch- und Gemüsediät bei Unversehrtheit von
^ Magert und Dünndarm, um nicht zu den Schäden der Dysenterie noch
die des Hungerns zu setzen.
F.Deramer: Erfahrungen einer Chirurgengruppe im österreichisch-
russischen Feldzüge 1914/15. An der oberen Extremität fielen vielfach
■ die strangulierenden Verbände auf, die am Hilfsplatz oder von Kameraden
in der Schützenlinie unnötig fest angelegt waren, weil die frische Wund-
blutung knapp nach der Verletzung bedrohlicher erscheint, als sie es
^ wirklich ist. Dagegen war die obere Extremität oft wenig immobilisiert
* und ihre Hochlagerung an den Thorax sollto öfter geübt werden. Für
* die Briicbe der unteren Extremität werden bisher viel zu wenig die langen
Lindenholzschienen und die Gram ersehen Drahtschienen benutzt. Der
Gipsverband hat in den vorderen Linien viele Nachteile. Die Narkose
war meist — ein Zeichen der Abspannung des Nervensystems — mit
sehr wenig Chloroform zu erzielen. (Fortsetzung folgt.) Misch.
Bücherbesprechungen.
* C. A. Ewald, Diät und Diaetotherapie. Berlin-Wien 1015, Urban
k Schwarzenberg. 470 S. Preis brosch. M 15,—, geh. M 17,—.
Seit der dritten, von Ewald und Munk bearbeiteten Auflage des
im .Jahre 1887 zuerst erschienenen Munk-Uffelmannschen Handbuchs
.Ernährung des gesunden und kranken Menschen“ sind 20 Jahre ver-
eichen. Munk, Uffelmann sind längst dahin, aber der immer noch
jugendlich frische G. A. Ewald hat die große Arbeit nicht gescheut,
0 , 1 *: m ‘ t e,f ier neuen Auflage des Werkes, das einst eine führende Rolle ge-
^ hat, hervorzutreten. Die Ernährungslehre sowohl des gesunden
*ie des kranken Menschen hat in diesen letzten zwei Dezennien viel-
^lie Wandlung und Entwicklung erfahren, die mit den modernen Fort-
Dritten der Physiologie und Klinik, speziell auf dem Gebiet der Magen-
darmerkrankungen, der Nierenerkrankungen, der Stoffwechselkrankheiten,
“and in Hand gegangen ist. Dementsprechend hat Ewald, der ja selbst
an diesen Fortschritten unermüdlich aktiven Anteil genommen hat, das
?rk auf eine ganz neue Basis gestellt. Das für die Praxis Wesentliche
,il der so erfahrene Praktiker mit sicherem Griffe gefaßt und prägnant
gestellt, unter Anlehnung an die physio-pathologischen Grundlagen,
je für die Diätetik maßgebend sein müssen. Der klinische Charakter
; s ® uc hes kommt dadurch viel mehr zur Geltung. Man vergleiche nur
. einmal die Bearbeitung der vorhin hervorgehobenen klinischen Gebiete
l lese ^ Neuauflage mit derjenigen der ersten Auflage! Nur das Kapitel
, er * 1 Pr ®H 6 rkrankungen würde meines Erachtens noch gewinnen, wenn
* biogenetische Auffassung der heutigen Klinik darin mehr hervor*
rate ^ verschieden sind z. B. heute die Grundsätze für die diätetische
Behandlung der zur sekundären Schrumpfniere führenden Glomerulo¬
nephritis. der Nephrose, und der arteriosklerotischen Nierenerkrankung.
Sie gestatten nur bis zu einem gewissen Grade eine generelle einheit¬
liche Diätetik. Der Satz (S. 376), daß sich zur Ernährung der Kranken
mit chronischen Nierenaffektionen eine Milchkur am besten eigne, ist heut
so allgemein nicht mehr aufrechtzuerhalten.
Einen großen praktischen Gewinn für das vorliegende Werk bringt
die Ergänzung durch die pädiatrische Ernährungslehre. Sie hat ge¬
bührenden Raum gefunden in der vortrefflichen Darstellung durch
M. Klotz, der als ehemaliger Czerny scher Assistent auf dem Boden der
Czerny-Finkelsteinschen Lehren aufbaut.
Ich bin überzeugt, daß diese ausgezeichnete neue Auflage den all¬
gemeinsten Beifall der ärztlichen Welt finden wird.
F. Umber (Berlin-Charlottenburg).
F. Krause, Die allgemeine Chirurgie der Gehirnkrankbeiten.
2. Teil. Mit 106 teils farbigen Textabbildungen. 402 Seiten. M 21,—.
12. Band der „Neuen Deutschen Chirurgie“, von P. v. Bruns. Enke,
Stuttgart 1914.
Ein kurzer Abschnitt Hauptmanns (Freiburg) über „Hirnödem“,
mit dem Leitsätze: Gehirnödem als isoliertes Krankheitsbild gibt es nicht
und darum auch keine eigentliche Therapie des Oedems, leitet das Werk
ein. Auf 80 Seiten folgt eine knappe, übersichtlich klare „Klinik der
Hirngeschwülste“ von Bruns (Hannover), zu der Nonne (Hamburg) mit
den Ausführungen über den „Pseudoturnor cerebri“ das ebenso wirksame
wie notwendige Gegenstück liefert.
In weiteren Abschnitten behandeln Haasler (Halle a. S.): Dia¬
gnostische und therapeutische Hirnpunktion, Anton (Halle a. S.): Den
Balkcnstich, Holz mann (Hamburg) besonders eingehend die diagnostische
und therapeutische Lumbalpunktion und die lmmunitätsreaktioncn. Hcr-
ausgreifen möchte ich da die raitgeteilte Gerichtsentscheidung, wonach
ein Unfallverletzter eine Lumbalpunktion zu LTntorsuchungszwecken nicht
verweigern darf.
ln der „Röntgendiagnostik der Gehirnkrankheiten“, der zehn schöne
Tafeln beigegeben sind, zeigt Schüller (Wien) die großen Fortschritte,
die uns die Radiographie auch für das Schädelinnere gebracht hat. Kri¬
tisch, doch unparteiisch bespricht im neunten Abschuitte Müller (Tü¬
bingen) die „Craniocorebrale Topographie“.
Das Werk wird vom Herausgeber selbst beschlossen. Daß die
Ausführungen über Trepanation, Osteoplastik, Duraplastik einen berufe¬
neren Bearbeiter als Fedor Krause nicht hätten finden können, bedarf
keines besondern Beweises. Dieser letzte Abschnitt ist auch besonders
reich illustriert.
So ist durch glückliches Zusammenarbeiten von Anatomen und
Physiologen, von Chirurgen, Internen und Neurologen in dieser „All¬
gemeinen Chirurgie der Gehirnkrankheiten“ ein Werk geschaffen, diis
einen in keiner Frage im Stiche läßt. Ich wiederhole, was ich bei der
Besprechung des ersten Bandes hier sagte: ein Werk, das ich nicht mehr
missen möchte. Albert Wettstein (St. Gallen).
Milner, Aerztlicher Ratgeber für die Soldaten im Felde. Leipzig 1915,
Walter Möschke. 40 Seiten. M. 0,30.
Das Heft verfolgt den Zweck, die Sanitätsoffiziere zu Vorträgen
ärztlichen Inhalts an die Mannschaften anzuregen Die Regeln der
Gesundheitspflege und Infektionsverhütung sind in kurzer, gemeinver¬
ständlicher Form, soweit sie für die Verhältnisse im Kriege in Fra fr c
kommen, dnrgestellt. K. Bg.
Fritz Zollinger, Verletzungen und Samariterhilfe. Mit einem Kapitel über
nervöse Beschwerden nach Verletzungen von W. Pfenninger. Mit
90 Figuren. Zürich 1915, Schulthess & Co. 230 Seiten.
Die erste Samariterhilfe bei Verletzungen wird in zweckmäßiger
Weise in dem mit zahlreichen schematischen Zeichnungen verschonen
kleinen Buche behandelt. Es enthält alles das, was in einem gutgelcitoten
Samariterkurs gelehrt werden soll und empfiehlt sich daher als Grund¬
lage bei der Abhaltung solcher Kurse und zur Ergänzung des Unterrichts
für die Teilnehmer an den praktischen Uebungen. K.Bg.
Port und Euler, Lehrbuch der Zahnheilkunde. Mit 606 teils
farbigen Abbildungen. Wiesbaden 1915, J, F. Bergmann. 704 S. M 20,—.
Das auf reiche Literatnrkenntnis und große praktische Erfahrung
begründete neue Lehrbuch der Zahnheilkunde ist eine willkommene Be¬
reicherung der zahnärztlichen Literatur. Das Buch zerfällt in drei Teile:
Anatomie, Physiologie und Pathologie. Die rein technischen Gebiete der
Zahnheilkunde, die Zabntechnik, das Füllen der Zähne und die Ex-
traktionsteebnik sind dagegen nicht berücksichtigt. Das mit guten Ab¬
bildungen ausgestattete Werk ist nicht nur den Studierenden angelegent¬
lichst zu empfehlen, es bietet auch, besonders durch die überall oin-
gestreuteu praktischen Bemerkungen, dem Praktiker eine Fülle von
Anregungen und manches Neue. HoffendahL
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1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16.
18. April,
Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen.
Neue Folge der „ Wiener Medizinischen Presse“, Redigiert von Priv.-Dot. Dr. Anton Bum, Wien.
Verein für Psychiatrie und Neurologie in Wien.
J. Bauer stellt zwei Pat. mit Meningitis serosa spinalis I
nach Schuß Verletzung der Wirbelsäule vor. Im ersten Fall n
liegt der Einschuß in der linken Axilla, der Ausschuß in der d
rechten hinteren Axillarlinie in der Höhe des Angulus scapulae. a
Im zweiten Fall ist der Einschuß in der rechten Lendenregion, r
Ausschuß nicht auffindbar, doch hatte das Projektil mit Rücksicht
auf einen hochgradigen linksseitigen Hämatothorax sicherlich die J
Mittellinie passiert. In beiden Fällen traten unmittelbar nach dem 1
Trauma heftigste Schmerzen in den Beinen besonders bei Bewe- ^
gungen auf, die mehrere Wochen andauerten. Zeitweise Parästhesien ,
in den Beinen, Hyperalgesie und Hyperästhesie, auch zirkulär \
oberhalb der Analfurche. Die Motilität ist nur durch die Ueber-
empfindlichkeit gestört. In beiden Fällen fehlen die Patellarreflexe.
Bei der Lumbalpunktion entleerte sich absolut normaler, unter
sehr hohem Drucke stehender Liquor. Die Wirbelsäule — radio¬
logisch normal — war in einem Fall im Bereiche des IX. und
X. Brustwirbels druckempfindlich. Mit Rücksicht auf die nach
Wochen’ aufgetretenen Symptome einer leichten Kompressions-
Wirkung auf die untersten Rückenmarksabschnitte besteht die
Möglichkeit einer im Bereiche des ersten Lumbalsegmentes be¬
findlichen zirkumskripten Liquorzyste (Arachnitis fibrosa circum¬
scripta).
J. v. Wagner-Jauregg hebt hervor, daß derartige Folgeerschei¬
nungen nach Friedensverletzungen fast nie gesehen werden. Obzwar
Sturz und Trauma der Wirbelsäule alltägliche Vorkommnisse sind, sind
die geschilderten Phänomene sehr selten und er möchte mit aller Vor¬
sicht an die Möglichkeit denken, daß individuelle Disposition (als Folge
von Erregung, Ueberanstrengung etc.) die geschilderten Symptome her-
vorrufen können. In einem von ihm beobachteten Fall waren die Er¬
scheinungen progredient. Die Kompression kann alle möglichen Entwick¬
lungsstadien aufweisen und es kann demnach auch zur Leptomeningitis
mit konsekutiven Verwachsungen und Bildung zirkumskripter Flüssig-
keitsansammlungen kommen, wie man das bei Tumoren nicht selten be¬
obachtet.
J. Karplus hat folgenden Fall beobachtet. Bei einem Offizier, in
dessen Nähe eine Granate explodierte, ohne ihn zu verletzen, trat Be¬
wußtlosigkeit auf. Nach dem Schwinden derselben bestand eine Parese
beider Beine und eine bis zum Nabel hinaufreichende Sensibilitätsstörung.
Später entwickelten sich Spasmen an beiden Beinen. K. nimmt eine
zirkumskripte Entzündung der Rückenmarkshäute an.
0. Marburg erwähnt, daß er sieben einschlägige Fälle operieren
ließ, von denen zwei ad exitum kamen. Das anatomische Substrat bildete
fast immer eine Commotio medullae spinalis mit Zerreißung feinster '
Lymphgefäße innerhalb und außerhalb des Rückenmarks, der Pia und
Arachnoidea.
H. Oberstein er zweifelt, daß eine Hypersekretion der Pia des
untersten Rückenmarksabschuifctes vorhanden sei; der Liquor werde vom
Plexus chorioideus und der Pia cerebralis gebildet.
H. Schlesinger hat nach Schrapnellveiletzungen in der Nähe der
Wirbelsäule verschiedenartige Symptomenkomplexe mit Fehlen der
Patellarreflexe beobachten können, wobei dieses Phänomen oft nur vor¬
übergehend war.
0. Pötzl demonstriert einen Fall von Aphasie, der ein der
reinen Worttaubheit sehr ähnliches Bild bietet. Der derzeit
61jährige Pat. (Lokomotivführer) erlitt vor 6 Jahren einen Unfall
mit nachfolgender 24stündiger Bewußtlosigkeit. Bei dem Trauma
erfolgte auch eine schwere Verletzung hinter dem linken Ohr.
Seither besteht nervöse Schwerhörigkeit links und Parese des
linken Abduzens. Ein Jahr vor dem Trauma traten Schwindel¬
anfälle ein. Seit Mai a. c. besteht eine Hemiparese sowie auch
Gehörhalluzinationen. Der Pat. schreibt jetzt gut, allerdings mit
geringer Neigung zu Wortverwechslungen, liest und spricht auch
gut. Es handelt sich hier um reine Worttaubheit, die in Rück¬
bildung begriffen ist.
Reinicek berichtet über die von ihm beobachteten Fälle
von Verletzungen peripherer Nerven, welche durch Knochen-
und Gefäßverletzungen kompliziert erscheinen. Besonders häufig
sind die Verletzungen des rechten Armes. Viele Pat. teilen mit,
daß sie im Momente des Traumas keine Schmerzen verspürten.
Die chirurgischen Eingriffe haben häufig gezeigt, daß bei schweren
Funktionsstörungen keine Nervenverletzung, sondern nur eine
Einbettung des Nerven im Narbengewebe vorliege. Die elektrische
Untersuchung zeigt komplette oder partielle Entartungsreaktion.
Chirurgische Eingriffe müssen nicht bald vorgenommen werden,
weil ja Nervennaht auch Jahre nach erfolgter Verletzung möglich
ist. Erwähnenswert ist, daß bei Ischiadikusverletzungen die Stö¬
rungen im Peronensgebiete oft außerordentlich ausgeprägt sind,
0. Marburg erwähnt, daß die sensiblen Störungen stärker als die
motorischen hervortreten, daß trotz motorischer und sensibler Störungen
die elektrische Reaktion eine normale sei und bei Ischiadikusverletzunzen,
auch wenn keine hohe Teilung dieses Nerven vorhanden ist, isolierte
reine Symptome von Seite des Peroneus Vorkommen.
J. Bauer beobachtete bei einer Tibialisverletzung Schmerzen an
der Planta, welche durch die Einbettung des Nerven in eine Schwarte
bedingt waren.
Rezniöe k verweist zur Erklärung der isolierten Peroneusstörungen
bei Verletzungen des Ischiadikus aul die Kabelstruktur der Nerven,
welche dadurch bedingt sei, daß funktionell zusammengehörige Nerven¬
fasern in spezielle Bündel zusammengefaßt seien. fj.
Kriegschirurgische Abende in Budapest.
Sitzungen vom Februar 1915.
A. Havas: Ueher Hautleiden im Felde und Kriege. Die
pathogenen Parasiten können tierischen oder pflanzlichen Ursprunges
sein. Ausführliche Biologie dieser Krankheitserreger. Die Krätze
ist ein in diesem Kriege sehr verbreitetes Leiden, an das sich in¬
folge Unreinlichkeit sehr schwere Pyodermien anschließen können.
Zur Behandlung empfiehlt er die offizmelle Unguentum sulluratum-
oder Styraxsalbe. Furunkel bedeckt er mit Salizylpflaster und
streicht die Umgebung mit einer austrocknenden, Leben und
Vermehrung des Staphylokokkus vermindernden Zinkpaste ein: bei
sehr großen Entzündungen Umschläge mit Burowlösung; kein
Ausdrücken, womöglich keine Inzision. Gegen Sycosis vulgaris,
die meist durch Koryza eingeleitet wird, verwendet er Hydr. oleini-
cum-Pasfce.
E. Kammer: Gegen die Läuseplage schützten sie sich im Felde
dadurch, daß sie sich aus den Schneemänteln beim Handgelenk uni
Hals straff verschlossene ärztliche Uutersuchungsmäntel machten.
M. Porosz: 7 a\v Behandlung erfrorener Füße bewährte sich die
hyperämische Behandlung. In Beuteln eingenähtes Kochsalz wird an
Eisenofen des Zimmers erwärmt, auf die Füße aufgelegt. Dachziegelsteiue
ebenso erwärmt auf die Fußsohlen. Gegen die bei Erfrierungen auftreten-
I den Nervenschmerzen Heißluftbehandlung der Unterschenkel mit ausge¬
zeichnetem Erfolge.
W. Goldzieher: Orbitale SchußverletEungeJi. Er be
schränkt sich auf Fälle mit Intaktbleiben des Bulbus und unter¬
scheidet drei Typen: 1. Mit zur Schläfe senkrechtem Auffallendes
Projektils, von dessen Kraft es abhängt, ob es in der getroffenen
Orbita stecken bleibt oder auch die andere Orbita penetriert, wobei
nur selten der eine oder beide Sehnerven verschont bleiben. 2. Nur
an den Orbitalknochen Schaden stiftende, den Bulbus und die
orbitalen Weich teile verschonende Projektile (meist Schrapnell¬
schüsse). 3. Unter- oder oberhalb des Orbitalrandes eindringende
die Orbita schief durchkreuzende Projektile, die den Bulbus ver¬
schonen, oft jedoch den Sehnerv vernichten. Auch Schädelbasis¬
frakturen können den Optikus schädigen. Bei den geschilderten
drei Formen ist aber der Augapfel nur äußerlich intakt, denn die
ophthalmoskopische Untersuchung zeigt stets das vom Vortr. schon
vor Jahren beschriebene Krankheitsbild der Chorioretinitis sclope-
taria. Bei reinen Medien nämlich finden sich die Produkte einff
vorgeschrittenen Chorioretinitis plastica in Form sehr au»r
breiteter Pigmentherde resp. mitunter riesiger, ganz weißer, setoeQ-
artiger Bindegewebswucherungen, die große Partien des
Untergrundes bedecken, in den Glaskörper mit ihrer
Dicke hineinragen können und früher irrig als typische GefwM*
berstungen angesprochen wurden. Keinesfalls sind abei r diese
retinalen Blutungen bei veränderten Blutgefäßen (durch bvp
Arteriosklerosis) ähnlich. Er hält dafür, daß durch die keß
letzung wie bei experimenteller Durchschneidung der retrobu,,
Arterien (hinteren Ziliargefäße) eine Läsion der am ^
Augenpole eintretenden Arterien und Ziliarnerven stattna.
durch Ernährungsstörung des Augenhintergrundes und ueur ■ *
sehe Einflüsse zur geschilderten Chorioidealveränderung^^,
Demonstration von drei einschlägigen Fällen.
Operatives Verfahren gegen blennorrhoiscne
geschwttre. Er hat über dasselbe schon am ^
Ophthalmologenkongreß berichtet. Scheinbar sch0 \ . gc t, w ör?
oder im Zerfallen begriffene blennorrhoische Hornhamg •
sind durch seine Methode der konjunktivalen Plastik
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18. April-
465
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16
retten. Ein geeigneter, von der Conj. bulbi abgelöster Lappen wird in
tiefer Chloroformnarkose auf den Hornhautsubstanzverlust gezogen
und nachher mit der benachbarten und genügend vorbereiteten
’ä Bindehaut durch Nähte fixiert. Der korneale Substanzverlust kommt
hiedurch in bessere Ernährungsverhältnisse, weil die gefäßlose
Hornhaut in das Blut Versorgungsnetz der Konjunktiva eingeschaltet
wird. Demonstration eines derart mit Erfolg operierten Soldaten.
J. Donath: Fälle von Neuritis sclopetaria Nervi ulnaris,
mediani et N. radinlis. Nachfolgende Hysterie resp. Psycho-
neurosis. Auffallend ist die große Hyperästhesie und Hyperalgesie
der lädierten Nerven in diesem Kriege, dies auch bei Nichtneur-
asthenikern, die nicht immer mit neuritischen Prozessen erklärlich,
nicht auf Simulation und Aggravation rückführbar ist. Ist der Nerv
als unregelmäßig verdicktes, druckempfindliches Bündel in seinem
Verlauf fühlbar, so liegt offenkundig eine Neuritis vor. Demon¬
stration samt ausführlicher Beschreibung von Fällen. In einem
Fall gesellte sich hysterische Hemianästhesie und Hemiparese
an der verletzten Seite hinzu, weshalb man eine wahrscheinlich
nur oberflächliche Wirbelsäulenverletzung (Röntgen war negativ)
annimmt. In einem anderen Fall traten psychoneurotische Sym-
,, ptome, Furcht vor jeder Berührung seitens eines Fremden, ins-
besondere mit trockener Hand, auf, während Berührung mit einem
nassen Lappen toleriert wird. S.
mp J
ikiai
ilktv
Berliner kriegsürztliclie Abende.
it Siiir' Sitzung vom 23. Februar 1915.
.Jürgens: Feber Flecktyphus. Vortr. hat seine Erfah-
rungen als ärztlicher Leiter des Gefangenenlagers in Kottbus ge¬
macht und gibt eine gute Darstellung über Diagnose und Verlauf
dieser bisher in Deutschland fast unbekannten Infektionskrankheit.
m ' Mit einer Störung des Allgemeinbefindens tritt das Fieber plötz¬
lich auf, unter Kopfschmerz, Frösteln, Gliederschmerzen, Licht-
Empfindlichkeit, Rachenkatarrh, blutigen Flecken am weichen und
^harten Gaumen, belegter Stimme, Husten, üblem Geschmack.
Nach 3—4 Tagen zeigt sich eine Milz Vergrößerung, Eiweiß ist
nachweisbar. Die Diazoreaktion positiv. Am vierten Tag beginnt
; das Exanthem, das der Roseola typhosa ähnlich ist, sich aber
•: bald über den ganzen Körper verbreitet und nach einigen Tagen
einen hämorrhagischen Charakter annimmt. Ende der zweiten oder
Anfang der dritten Woche tritt die Entfieberung ein, in günstigen
Villen unter Schlaf, in den tödlichen Fällen unter schweren
Zerebralerscheinungen. Häufig ist eine Nephritis, eine Pleuritis und
u ff .in 2—3% der Fälle Gangrän der Füße eine Folgeerscheinung. Das
, . Charakteristische der Krankheit besteht in dem Ausschlag, der
. wesentlich von allen anderen Exanthemen durch Art, Aussehen
• tmd Verbreitung verschieden ist, so von der Roseola typhosa durch
fc ^ Fehlen der Nachschübe, ferner in der Fieberkurve, die ein
schnelles Ansteigen, ein Verbleiben auf der Höhe ohne Remissionen
• r und einen schnellen Abstieg auf weist, sich somit ganz erheblich
5 von dem Verlaufe des Ileotyphus unterscheidet, und drittens in
f Störung des Zentralnervensystems. Die Uebertragung scheint
■ au r durch die Läuse als Zwischenträger des Infektionskeims zu
geschehen. Die Prognose ist bei jüngeren Leuten günstiger als bei
v l eD älteren, die Russen haben eine geringere Sterblichkeit als die
et- l> Deutschen. Bisher ist es gelungen, die Verbreitung der Krankheit
leL d engen Grenzen zu halten, und dies wird noch besser gelingen,
:l 'V- Mc ^ em die Erfahrungen über Ursache und Verlauf gründlichere
11 ‘ r {»worden sind.
Hejmann: Bekämpfung der Läuse. In Ergänzung zu
10 V em vorigen Vortrag gibt H. eine ausführliche Schilderung
f.. Jf r Entwicklung, Vermehrung und Lebensdauer der Kleiderläuse,
fr; c • a ^ € * n Ueberträger des Flecktyphus sind. Die Tiere haben
v 3110 Vermehrungsfähigkeit und sind nach 15—18 Tagen
: r l^chlechtsreif. Sie halten sich nur, wenn sie Blut saugen können,
. besitzen eine große Unempfindlichkeit gegen die Kälte, während
1 - Jf* »ei mäßiger Wärme schon absterben. Hierauf beruht vornehm-
Methode der Vertilgung dieser gefährlichen Plage. In
/> uer Temperatur von 60° kann man sie in 20 — 30 Minuten völlig
toten. Vortr. hat mit großem Scharfsinn und mit Selbstverleug-
, r .i ung viele Methoden geprüft, chemische und physikalische, aber
■ J IDe ^ en ' we il unzweckmäßig, verworfen. So hält er die ätheri-
,i ,rr ; :üen 0el e* auch das Insektenpulver, Naphthalin, den Vakuuw-
pparat für unbrauchbar. Schweflige Säure, Sublimat sind besser,
ij# ® besten strömender Dampf und trockene Hitze. Vortr. zeigt,
lC! i> 0 man sich durch Improvisieren helfen könne, indem man einen
Backofen verwendet, in den man Schamottesteine legt, oder heiße
Flaschen oder Konservenbüchsen in die zu reinigenden Kleider
bringt. Wichtig ist vor allem der persönliche Schutz. Man muß
glatte Stoffe tragen, also Seide, und die Zugänge zum Körper
durch Leukoplast gut abschließen. L. F.
Kleine Mitteilungen.
(Militärärztliches.) In Anerkennung tapferen und auf¬
opferungsvollen bzw. vorzüglichen Verhaltens vor dem Feinde ist
das Komturkreuz des Franz Josef-Ordens mit dem Sterne am
Bande des Militärverdienstkreuzes dem Gen.-St.-A. Dr. Z. v. Juch¬
no wicz, San.-Chef des 4. Armee-Etapp.-Kmdo., das Offizierskreuz
des Franz Josef-Ordens mit dem Bande, des Militärverdienst¬
kreuzes dem O.-St.-A. I. Kl. Dr. J. Tyr man, San.-Chef des
12. Korps, das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens am Bande des
Militärverdienstkreuzes den St.-Ae. DDr. T. Beyer des Etapp.-
Oberkmdo., H. Frachtmann des L.-I.-R. Nr. 17, H. Nettei,
Kommand. des Feld-Sp. Nr. 8/9, den R.-Ae. DDr. H. Bichler,
Kommand. der I.-Div.-San.-A. Nr. 22, F. Mikule des L.-I.-R.
Nr. 17, L. Nezval des L.-I.-R. Nr. 24, H. Lurtz, Kommand. des
mob. Res.-Sp. Nr. 3/4, 0. Földl, Kommand. des Feld-Sp. Nr. 8/4,
E. Boboczky, Kommand. des Feld-Sp. Nr. 2/4, den R.-Ae. d. Res.
DDr. E. Schönberger des I.-R. Nr. 82, H. Raubitschek des
Garn.-Sp. Nr. 1, R. v. Rauchenbichler des Ldsch.-R. Nr. 3, dem
R.-A. d. Ev. 0. Nebesky des Feld-Sp. Nr. 1/9 und O.-A. d. Ev.
Prof. J. Kaup beim Etapp.-Oberkmdo., das Goldene Verdienstkreuz
mit der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille den R.-Ae.
DDr. A. Kugler des H.-R. Nr. 2, A. Somosi des H.-R. Nr. 10,
A. Jaros des L.-I.-R. Nr. 29, P. Dömeny des L.-I.-R. Nr. 2, M.
Lauer des 4. Korpskmdo., E. Hausz, Kommand. des Feld-
marodenhauses Nr. 1/4, H. Stössler des L.-I.-R. Nr. 30, den
R.-Ae. d. Res. DDr. K. Gütig des L.-l.-R. Nr. 31, T. Karas des
L.-I.-R. Nr. 32, K. Sbarcea, San.-Chef der 56. I.-Div., den R.-Ae.
d. Ev. DDr. R. Belan und W. Reiffenstuhl des Lst.-J.-R. Nr. 4,
den O.-Ae. d. Res. A. Nisponszki des I.-R. Nr. 34, R. Petric des
H.-R. Nr. 2, A. Hegediis des l.-R. Nr. 78, K. Holzer des Feld-Sp.
Nr. 8/9, dem O.-A. d. E. Dr. J. Kneschaurek des mob. Res.-Sp.
Nr. 1/3, den A.-Ae. d. Res. DDr. E. Renk des l.-R. Nr. 6, 0. Dirn¬
berger des L.-I.-R. Nr. 3, dem A.-A. d. Ev. Dr. F. Eysu des
Lst.-I.-R. Nr. 3 und Lst.-A.-A. Dr. J. Reibmayer des mob. Epi¬
demielaboratoriums Nr. 8. das Goldene Verdienstkreuz am Bande der
Tapferkeitsmedaille den A.-A.-St. DDr. B. Friedmann des I.-R.
Nr. 61, N. Kocowski des Garn.-Sp. Nr. 14, J. Gergely beim
2. Armee-Etapp.-Kmdo. und dem Lst.-A.-A. Dr. G. Bayer des mob.
Epidemielaboratoriums Nr. 8 verliehen, die a. h. belobende Anerken¬
nung dem St.-A. Dr. R. Helbig, Kommand. des Rekonvaleszenten¬
hauses in Libiaz, den R.-Ae. DDr. A. Maniu des F.-K.-R. Nr. 31, J.
Metzl, Kommand.derI.-Brgd.-San.-A.Nr.25, Qu.Matyas derl.-Div.-
San.-A. Nr. 46, 0. Heinz des Feld-Sp. Nr.2/2, O. Kr aus des Lst.-l.-R.
Nr. 3, K. War ko weil des Feld-Sp. Nr. 1/4, den R.-Ae. d. Res. DDr. 1 J .
Zacher des I.-R. Nr. 67, R. Jenny des L.-I.-R. Nr. 2, L. Paw-
licki des L.-I.-R. Nr. 21, A. Lantschner des L.-I.-R. Nr. 4, den
R.-Ae. d. Ev. DDr. A. Preis der K.-Div.-San.-A. Nr. 6, R. v. Sa-
gasser des Lst.-l.-R. Nr. 4, A. Linhart der I.-Div.-San.-A. Nr. 5,
den O.-Ae. d. Res. DDr. G. Kar dos des H.-R. Nr. 15, K.
Krzyszton des F.-K.-R. Nr. 31, J. Lettner beim L.-I.-R. Nr. 17,
L. Häring des L.-I.-R. Nr. 27, E. Friedjung des L.-I.-R. Nr. 4,
den O.-Ae. d. Ev. DDr. A. Schlesinger der Militärabteilung
Nr. 1/89, L. Knecht des I.-R. Nr. 6, K. v. Planner, Kommand.
der Krankenstation Nr. 1/3, 0. Hendrich der I.-Brgd.-San.-A.
Nr. 1, K. Löbl der F.-H.-Div. Nr. 11/10, R. Steiner beim
3. Korpskmdo., Z. Lapajne des L.-I.-R. Nr. 27, K. Binder des
Feld-Sp. Nr. 1/3, den Lst.-O.-Ae. DDr. 0. Kaltenbrunner des
I. -R. Nr. 65, L. Kovacs beim 2. K.-Div.-Ivmdo., dem A.-A. Dr. J.
Svastic des I.-R. Nr. 48, den A.-A. d. R. DDr. K. Pollak des
F.-K.-R. Nr. 32, S. Dioszilagyi des H.-R. Nr. 1, R. Hoch mann
der Geb.-H.-Div. Nr. 12, dem A.-A. d. Ev. Dr. J. Susicky des
F.-J.-B. Nr. 2 und Lst.-A.-A. Dr. B. Neumann des B. Nr. III/12
ausgesprochen worden. — Das Ehrenzeichen I. Kl. vom Roten
Kreuz mit der Kriegsdekoration erhielten die Gen.-St.-Ae. DDr.
R. v. Töply, San.-Chef des 3. Armee-Etapp.-Kmdo., B. Majewski,
San.-Chef des 2. Armee-Etapp.-Kmdo., A. Grossmann, San.-Chef
des 1. Armee-Etappen-Koinmando, der O.-St.-A. I. Kl. Dr. G. Früh-
auf, San.-Chef des 2. Armee-Kmdo., die O.-St.-Ae. II. Kl. DDr.
J. Kulka und E. Stehlik.
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Original frnrri
UNIVERSUM OF IOWA
466
1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 16.
18. April.
(Wiener medizinische Fakultät.) Der soeben ausge¬
gebene Lektionskatalog für das Sommersemester 1915 kündigt
368 Vorlesungen und Kurse (gegen 429 im gleichen Semester
des Vorjahres) an, die von 30 (29) ordentlichen, 91 (99) außerordent¬
lichen Professoren und 100 (132) Privatdozenten und Assistenten
gelesen werden. — Auf die einzelnen Disziplinen verteilen sich
diese Kollegien wie folgt:
Di.opn»
Zahl der
Vorlesungen
0. Prof.
A. o. Prof.
Privatdoz.
und
Assistent.
Geschichte der Medizin . .
t 2
_
1
1
Anatomie und Histologie .
i 7
3
1
Physiologie .......
13
2
3
1
Angewandte med. Chemie .
i 9
1
1
1
Allgemeine Pathologie und
pathologische Anatomie .
1
j 23
2
8
3
Heilmittellehre.
13
2
4
3
Interne Medizin.
1 72
3
21
23
Laryngo-Rhinologie ....
! 22
1
7
2
Kinderheilkunde.
| 23
1
4
10
Chirurgie.
1 26 j
2
7
10
Zahnheilkunde.
! 7
l ;
2
2
Ohrenheilkunde.
25
l
5
6
Augenheilkunde.
16 1
o !
5
4
Gynäkologie.
, 41 ,
2 i
10
13
Hautkrankheiten u. Syphilis
34
2
4
12
Psychiatrie.
21
2
7
7
Gerichtl. Medizin, Hygiene
und soziale Medizin . . .
14
3
2
! i
Summe . . .
368
i ;
1 91
I 100
Die Fakultät war im abgelaufenen Wintersemester von 1470
ordentlichen Hörern (darunter 320 Frauen), 5 außerordentlichen
Hörern, 14 Frequentanten und 2 Hospitantinnen frequentiert. Die
Zahl der ordentlichen Hörer dieses Kriegssemesters hat gegenüber
jener des Wintersemesters 1913/14 um 1348 (d. i. etwa 50°/ 0 ), die
Zahl der außerordentlichen Hörer um 52, die der Frequentanten
um 186 abgenommen.
(Friedrich Löffler f.) Der große Schüler Robert Kochs
und sein mittelbarer Nachfolger als Direktor des Berliner k. In¬
stitutes für Infektionskrankheiten, das Kochs Namen trägt,
Geh. Med.-R. Professor Friedrich Löffler ist am 10. April, 62 Jahre
alt, gestorben. Mit seinem Namen sind viele grundlegende Arbeiten
verbunden; mit Koch hat er die wissenschaftliche Basis für die
Dampfdesinfektion geschaffen; im Verein mit Schütz den Rotz¬
bazillus entdeckt; ihm sind als erstem Kulturen des Diphtherie¬
bazillus gelungen; seine Studien über den Mäuscbazillus, dessen
Unschädlichkeit für Mensch und Tier er nachgewiesen, haben der
Landwirtschaft ebenso große Dienste geleistet, wie seine Unter¬
suchungen über Maul- und Klauenseuche der Viehzucht. Unzählbar
sind die bakteriologisch-technischen Errungenschaften, die seinen
Namen tragen. Ein reiches, der Forschung und Lehre gewidmetes
Leben ist frühzeitig zum Abschluß gelangt.
(Der Verein zur Erbauung eines Aerztekurhauses
in Franzensbad) eröffnet für den Monat Mai d. J. wieder zehn
Freiplätzo für kurbedürftige Kollegen und deren Gattinnen. Die¬
selben umfassen folgende Benefizien: Freie Wohnung in Privat¬
häusern, unentgeltliche ärztliche Behandlung, unentgeltliche Kur-
mittel, Befreiung von Kur- und Musiktaxen, freien Eintritt in die
Lesesäle und zu allen kurörtlichen Veranstaltungen, ferner seitens
der Theaterdirektion einen 50%iger Nachlaß der Eintrittspreise. Be¬
werber um einen Freiplatz mögen sich bis längstens 24. April beim
Präsidium des obgenannten Vereines melden.
(Die Aerzte im Kriege.) Im militärärztlichen Offiziers¬
korps dos Heeres, der Kriegsmarine und der Landwehr wurden nach
der letzten Statistik rund 500 Aerzte, teils für tapferes und auf¬
opferungsvolles Verhalten vor dem Feinde, teils für hervorragende
Dienstleistungen vor dem Feinde ausgezeichnet; in diese Uebersicht
sind die Honvedärzte und die Assistenzarztstellvertreter, die mit
Tapferkeitsmedaillen ausgezeichnet wurden, nicht aufgenommen. Diese
Auszeichnungen sind: 172 Goldene Verdienstkreuze mit der Krone
am Bande der Tapferkeitsmedaille; 168 Militärverdienstmedaillen
am Bande des Militärverdienstkreuzes; 1 Militärverdienstkreuz mit
der Kriegsdekoration; 135 Ritterkreuze des Franz Josef-Ordens
am Bande des Militärverdienstkreuzes; 1 Orden der Eisernen
Krone III. Kl.; 16 Orden der Eisernen Krone III. Kl. mit der
Kriegsdekoration; 1 Offizierskreuz des Franz Josef-Ordens am
Bande des Militärverdienstkreuzes; 2 Komturkreuze des Franz
Josef-Ordens am Bande des Militärverdienstkreuzes und 4 Eiserne
Kreuze. Sie verteilen sich auf alle Chargen vom Assistenzarzt-
Stellvertreter bis zum Generalstabsarzt.
(Cavete!) Gesperrt ist in Oberösterreich: Jede Arzt¬
stelle in Riedau (Auskunft: Dr. Reh, Neukirchen a. d. Enknacb). —
Gewarnt: Mähren: Arztstelle bei Familienkrankenversicherung
und Betriebskrankenkasse der Firma Thonet in Bistritz a. H.
(Dr. Freundlich, Brünn). Steiermark: Arztstelle in Schwan¬
berg; Zahnarzt in Hartberg; Bruderladenarzt in Steieregg bei
Wies; zweiter Arzt in Schladming; zweiter Arzt in Aflenz
(Dr. Sattler, Heiligenkreuz a. Waasen). — Vorher anfragen:
Salzburg: Alle ärztlichen Posten (Dr. Hummel, Salzburg).
Schlesien: Zweiter Arzt in Karlsthal; Arzt in Engelsberg; zweiter
Arzt in Bennisch (Dr. Stiller, Niklasdorf). Vorarlberg: Ge¬
meindearzt in Lingenau, Unter- und Oberlangeneggj; Gemeindearzt
in Höchst (Dr. Rhomberg, Dornbirn).
(Aus Budapest) wird uns berichtet: Wie grundverschieden
unsere, der germanischen gerne Gefolgschaft leistende Kultur von
gallischer Kultur ist, geht aus folgendem hervor: Während in der
„Presse mtfdicale“ ein hirnverbrannter französischer Kollege namens
Dupuy für den sonst kriminellen Abort von angeblich „zweifelhaft
eugenetischen“ Kindern eintritt, die Folge einer sexuellen Gewalttat
der verhaßten „Boches“ sind, daher die Fruchtabtreibung als ärzt¬
lich berechtigt proklamiert, findet sich im hiesigen Juristenblatt
„Joptedomänyi Közlöny“ aus der Feder eines berühmten Krimina¬
listen ein sehr bemerkenswerter, ethisch hochstehender Vorschlag
zur Lösung dieser auch bei uns aktuellen Frage, wo vandalische
Sarmater unsere Mädchen und Weiber schänden. Der Antrag geht
dahin, derlei arme Kinder staatlich als gesetzliche zu erklären,
für deren Lebensunterhalt die Gesellschaft zu sorgen hätte, wie
auch die unglückliche Mutter als Opfer des Vaterlandes zu erhalten
wäre, wenn sie keinen Gatten bekommen könnte. Dieser Vorschlag
kann ärztlich nur gebilligt werden; wissen wir doch seit Virchow,
daß es keine sogenannte reine Menschenrasse gibt, und ein edler
Sprosse unseres erhabenen Herrscherhauses sprach einst das schöne
Wort aus: „Das kostbarste Kapital der Staaten ist der Mensch.“
Es ist an und für sich schon traurig genug, daß wir zum Schutze
unseres Vaterlandes in diesem gewaltigen Kriege von diesem
Kapital so viel verschwenden müssen; wir Aerzte müssen aber
unter allen Umständen die Fahne der Humanität hochhalten. S.
(Aus Berlin) wird uns berichtet: Während die Zahl der
männlichen Studierenden im laufenden Semester unter dem
Einflüsse des Krieges von 55 900 auf 48 600 zurückgegangen ist,
hat sich die Zahl der weiblichen Studierenden von 3686 auf
3920 erhöht. Noch vor 5 Jahren betrug die Zahl der studierenden
Frauen nur 3% der Gesamtstudentenziffer; in diesem Semester ist
der Prozentsatz auf 7,45 gestiegen. Das Ausland ist dabei nur mit
rund 100 Studentinnen beteiligt, gegen 400 in Friedenszeiten. Im
Winter 1914/15 studierten 24,1% Medizin und 74% zählten zur
philosophischen Fakultät, der Rest von 1,9% verteilte sich auf die
übrigen Studienfächer. Die einzelnen Besuchsziffern sind: Philo¬
sophie, Philologie und Geschichte 2012 Studentinnen, Medizin 944,
Mathematik und Naturwissenschaften 691, Staats Wissenschaften 123,
Rechtswissenschaft 62, Zahnheilkunde 66, Pharmazie 16 und evange¬
lische Theologie 12. An den preußischen Universitäten waren im
Wintersemester 2701 Frauen eingeschrieben gegen 2303 im Vorjahr,
an den bayerischen 390 gegen 509, an den zwei badischen 373
gegen 459 und an den übrigen einzelstaatlichen Hochschulen 459
gegen 415. Der Rückgang der süddeutschen Hochschulen beruht
auf den Zeitverhältnissen, die offenbar die preußischen Studentinnen
in höherem Maße als sonst an den heimatlichen Hochschulen zuriiek-
hielten.
(Statistik.) Vom 4. bis inklusive 11. April 1915 wurden in den
Zivilspitälern Wiens 13.692 Personen behandelt. Hiervon wurden
2243 entlassen, 223 sind gestorben (9 - 3°/ 0 des Abganges). In diesem ■ o ei *
raume wurden aus der Zivilbevölkerung Wiens in- und außerhalb ae
Spitäler bei der k. k. n.-ö. Statthalterei als erkrankt gemeldet: a
B lattern 67, Scharlach 86, Varizellen —, Diphtheritis 70, Mumps •
Influenza —, Abdominaltyphus 1, Dysenterie 1, Rotlauf —, Trachom^
Milzbrand —, Wochenbettfieber 3, Flecktyphus 5, Cholera asiatica ^
epidemische Genickstarre 1. In der Woche vom 28. März bis 3. April
sind in Wien 811 Personen gestorben (-f- 49 gegen die Vorwoche;.
Sitzungs-Kalendarium.
Freitag, 23. April, 7 Uhr. K.k. Gesellschaft der Aerzte. (IX., Frank
gasse 8.)
HarftUBcreber Eigentümer and Verleger: Urban & Schwarzenberg, Wien und Berlin. — Verantwortlicher Redakteur illr Österreich-Ungarn: Karl Urban, Wien.
Druck von Gottlieb Gißte! di Cie., W r ien, III., Miinzgasse 6.
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Original from
UNIVERSUM OF IOWA
/
Wien, 25. April 1915.
XI. Jahrgang.
Medizinische Klinik
Wochenschrift för praktische Ärzte
redigiert von
profeaior Dr. Kart Brandenburg
Verlag ron
Urban St Sehwaraenfcerf
IVAALT: Die Vertorfung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege: Prof. Dr. Emil Redlich, Einige allgemeine Bemerkungen über den
Krieg und unser Nervensystem. Prof. Dr. Ernst Weber, Die Behandlung der Folgezustände von Gehirner.scbiitterang (mit 2 Abhtldungen). Marine-
üoJLt A R Tlr Ncnhert. Bemerkung zu der vorstehenden Abhandlung von Prof. Dr. E. Weber. Oberstabsarzt I rof. Dr. Ph. Ru in und Stabsarzt
d^Xrschenkels (mit 2» - Therapeutische Notiz. - Bücherbesprechnngen. - Wissen-
»chafUiche Verhandlungen: K. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien. Kriegsärztliche Abende in Franzensbad. Vortragsreihe des /entraikomiteeb htfdas
ärztliche Portbildungswesen in Preußen, IV. Kriegschinirgische Abende zu Lille (Frankreich). Deutsch-belgische-,Aerzteabende zu Namur. Berufs
und Standesfragen. — Kleine Mitteilungen.
Dir Verleg Mi» siok it du mkü^ßlM* RuM imr Verviel/Utifmmf vmd VerbrtUwn « dtr Im dieser Zeitsohrifl mm BrscMmen §«bmgmäe* OriftnaiMtrifs vor.
Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege.
Finioe flllffempinp Remerkunpen Über den Krie? Kriegsperiode in Belgien und Frankreich, in Parallele zu stellen mit
Einige allgemeine Bemerkungen uuer UCII ivncg waa mis aua rten offiziellen Berichten, den Schilderungen der
und unser Nervensystem 1 ) Kii< ■gsberichterstatter oder den unmittellmr geschöpften Feldpost¬
briefen aus dem jetzigen Kriege bekannt geworden ist. Man lese
von z. B. bei Goethe die Eroberung von Namur und M au beuge
Prof. Dr. Emil Redlich, Wien. oder die Schilderung der Belagerung von Verdun nach; „der fiirchter-
. . lieh donnernde Klang abgefeuerter Haubitzen fiel meinem friedlichen
Noch ist der große Krieg, der uns aufgezwungen wurde, ment o| ir unerträglich und ich mußte mich entfernen“. Das Feuer der
vorüber, sodaß sich die Schäden, die er für die Volksgesundheit schrecklichen „zwei Batterien“ hinderte freilich Goethe nicht, mit
bringen wird, noch nicht endgültig übersehen lassen. Aber er <lm Fanden Reuß XL einen nächtlichen Spaziergang zu unter¬
dauert anderseits schon lange genug, daß wir uns nach dem bisher nehmen und ein angeregtes Gespräch über die Farbenlehre zu führen.
Ebenen und Erlebten wohl eine Vorstellung machen dürfen Ich milchte mir auch nicht versagen, die Schilderung der Wirkung
j . . n . . , , , imhon /liirftnn einer in Verdun eingeschlageiu'ii Kanonenkugel anzuführen: „Das
von dem, was wir in dieser Hinsicht zu en < ‘ ‘ untere Stockwerk eines Eckhauses auf dem Markte ließ einen von
Wenn ich dies im folgenden vom Standpunkte des Nerven- v j e j on p>„ s t,>rn wohl erleuchteten Fayenceladen sehen; man machte
.indes versuche, so stütze ich mich auf meine Erfahrungen an (fern aufmerksam, daß eine Bombe von dem Platze aufschlagejul, an den
reichen Material, das mir in der von mir geleiteten Nerven- schwachen Steinpfosten des Ladens gefahren, von dem aber wieder
lieilanstalt „Maria Theresien-Sehlössel“ der Nathanicl Freiherr abgewiesen, eine andere Richtung genommen hat. Der Pfosten war
von Rothschildsehen Stiftung für Nervenkranke zu Gebote wirklich geschädigt, aber er hatte die Pflicht eines kräftigen Vor-
a«ht- aii»‘h fln« nn« ieb in . 1 er Privatnrnxis (re sehen habe. fochters getan: die Glanzfülle des oberflächlichen Porzellans stand in
t auth das, was ich in _. de . r s^wilkonirS wiederspiegelndcr Herrlichkeit hinter den vv asserhellen, wohl geputzten
U l ich, speziell was das Verhalten der Zivi bevolkenmg F ^ di , Wirkung eines 42-cni-ClcsHn.sscs
betrifft, mitheranziehen. Dabei will ich von allen Detail- odcr : . i0 _ em _Mürsors auf Freund und Feind. Odor man lese die etwas
fragen, insbesondere soweit es sich um die organischen behaut- naiv klingenden Bemerkungen Goethes über das „Kanonentieber“
riiiigen des Nervensystems handelt, absehen, mich vielmehr auf Uöd stelle dem gegenüber, was wir von den Verwundeten, die unmittel-
cino mehr allgemeine Erörterung der Frage, inwieweit unser bare Opfer nah auffallender .Granaten oder explodierender Schrapnells
Nervensystem den ungewohnten, zum Teil ungeheuren Anforde- geworden sind, hören, oder von jenen, die, im Schützengraben liegend,
rtingm, die der Krieg an uns stellt, sich gewachsen zeigt, respektive stunden- seihst tagelang den Sel.rapnellregen über sich ergehen lassen
fl h • . .. B 1 x x t nan k.« n ie« n mußten. Nimmt man dazu noch die oft ganz enormen Marschleistungen
1 mwicweit es versagt hat, beschranken. . unserer Truppen bei Sturm und Regen oder in der Winterkälte, mitunter
Man hat unsere Zeit vielfach eine nervöse genannt, j.i « j )(l [ unzureichender Verproviantierung, so wird man zugeben müssen,
liiit von einer fortschreitenden Degeneration dev Kulturnationen ( j a ß heute an unsere Soldaten in physischer, nervöser und moralischer
gesprochen. Ich glaube, die Erfahrungen, die wir während dieses Eeriehung Anforderungen gestellt, werden, die früher niemals auch nur
Kriegs zu machen Gelegenheit haben, dürften gezeigt haben, daß annähernd geleistet wurden. Und daß die allergrößte Mehr¬
en vielfach Einzelerscheinungen allzusehr verallgemeinert hat, zähl derselben — von den Ausnahmen später — diese
daß unsere Zeit vielmehr eine Leistungsfähigkeit und nervöse Leistungen auch au fzu bringen vermag, das* zeigt
"'i<lerstaii(lsFiihi"-keit aufzubrineen in derLas* ist, die allem, was C r w i B d a ß m a i. m 1 1 llnreri,! v»n euer nerv o« c n
m.a 1 ‘*v L‘IuIzuurmgtiI m it : b ’ T n otlcr degenerierten Zeit oder Rasse gesprochen hat.
in n kUnrtt -^ind’-iuch nur an- Dem Kenner der Verhältnisse kommt dieses Ergebnis frei-
irihernrl niema ® * icümnf enden gestellt Kol» nicht überraschend. Das, was der moderne Großstadt men sch
|;: 2 1 ? e, f re Anforderungen an die Kampfendi n gestillt und 8tündli( . h KU leiaten Uat> Rtdlt panz enorme Anforde-
»/ in /l'«s em Kriege. q«i 1 :i l i,. r . m ir rungen an seine physische und nervöse Leistungsfähigkeit: das
*T M tag«“" Antw"r P ™i «n,l‘ 1 .W 5 , die RlU auch , von der Arbeit eines Fabrikarbeiters der heutigen Zeit,
drhill.r gibt, mit der jetzigen Belagerung und Eroberung Ant- ganz tu schweigen von der eines Lokomotivführers, des Heizers
Erpens zu vergleichen oder die Kriegserlebnisse Goethes, gesehil- eines modernen Ozeandampfers usw. Was dieser viel verlästerte
riyrt in der „Campagne in Frankreich vom Jahre 1792“, also eines Großstadtmensch zu leisten vermag, darüber konnte man sich auch
G l'lzugs aus einer nicht allzuweit hinter uns liegenden Epoche, der Klarheit verschaffen auf den Sportplätzen, das zeigen unsere Hoch-
/,!tiera ein en vielfach ähnlichen Gang nimmt wie die Kämpfe der ersten touristen. Als Gipfelpunkt menschlicher Leistungsfähigkeit in
~ 7 # dieser Hinsicht sind aber vielleicht die Forschungsreisen der 1110 -
, .. l j ^ie nach Fertigstellung des Manuskripts erschienenen Ar- dornen Nord- und Südpolbezwinger zu bezeichnen, die eine An-
DU V"° 9 nj«\PR ee i (B* kl. W. 1915, 257), M e y e r (I . m. . spaiiriung der physischen, nervösen und moralischen Kräfte er-
pV,,,,»., . „„,,. 1 . , .iK ...
berücksichtigen, wie e« oeweaen wäre. hat > als klem erscheinen umß.
l ) Die nach Fertigstellung des Manuskripts erschienenen Ar-
°PPenheim (B. kl. W. 1915, S. 257), Meyer(I). m W.
; 4, 8. 2085), G a u p p (M. m. W. 1915, &. 361), W e s t p h a 1 (M. KI.
.' 381) und verschiedenen Anderen konnte ich nicht mehr so
''.rueksichtigen, wie es wünschenswert gewesen W'ä-re.
Digitized by Gov igle
Original fram
UMIVERSITY OF IOWA
470
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17.
25. April.
Die Erfahrungen, die wir jetzt im Kriege zu machen Ge¬
legenheit haben, zeigen zu unserer Genugtuung, daß es sich da
nicht um ganz vereinzelte Ausnahmen handelt, daß vielmehr unser
Volk, wenigstens was seine jungen und gesunden Elemente betrifft,
sich würdig an die besten Beispiele friiherer Zeiten anreiht. Es
ist eben, wie sich wieder gezeigt hat, die Anpassungsfähigkeit des
Menschen eine ganz enorme, sei es, daß es sich um positive Arbeit
oder um das Ertragen von Entbehrungen handelt.
Wir, die wir den Kämpfen fernstehen, ihre Schrecken und
Härten nur aus den Mitteilungen der Beteiligten kennen, gewinnen
eine wertvolle Bestätigung unserer Meinung über die Leistungs¬
und Widerstandsfähigkeit unserer Truppen durch das, was wir
bei den uns eingelieferten Verwundeten und Kranken zu sehen
Gelegenheit haben 1 ). Es handelt sich da um Menschen, die
Wochen- und monatelang die schwersten Strapazen zu ertragen
hatten; dazu kommt die Verwundung mit oft großem Blutverlust,
die Sorge und Schwierigkeit, sich vor dem Feind in Sicherheit
zu bringen, ein oft tagelanger Transport auf elenden Fuhrwerken
über noch elendere Straßen und auf der Eisenbahn und anderes,
was ich nicht im Detail anzuführen brauche. In diesem Zustande
werden uns die Kranken eingeliefert. Was Wunder, wenn sie voll¬
ständig erschöpft ankommen und in die langentbehrten Betten
gebracht in einen bleiernen Schlaf versinken. Und es hat uns
immer wieder von neuem überrascht, wie sehr sich oft schon
nach 24 Stunden ihr Aussehen verändert hat; es sind förmlich
andere Menschen geworden.
Zwei Dinge waren es freilich, die uns in der Folge oft auf¬
fielen. Der Schlaf der Verwundeten war, wenn der erste Schlaf
der Erschöpfung vorüber war, oft durch längere Zeit gestört
Bauern, einfache Arbeiter, die sonst gewiß nichts von Schlaflosig¬
keit wußten, klagten des öfteren gerade darüber, oder die
Nachtwache berichtete, daß die Kranken schlecht schlafen, die
halben Nächte auf den Korridoren herumgehen; die Kranken er¬
zählten auch oft, daß ihr Schlaf von schweren Träumen, die sich
mit Vorliebe mit dem auf dem Kriegsschauplatz Erlebten be¬
schäftigten, gestört sei. Es ist dabei freilich nicht zu übersehen,
daß die an die schwere Arbeit in freier Luft gewohnten Kranken
nunmehr zur Untätigkeit und zum Stubenaufenthalte verurteilt
waren, was zur Störung des Schlafs beitragen dürfte x ). Aber ge¬
wiß ist auch die nervöse Erschöpfung, die vorausgegangene, durch
die äußeren Umstände bedingte, langandauernde Behinderung
des Schlafs von Bedeutung. Wir wissen ja, daß Schlaflosigkeit oft
gleichsam das feinste Reag ens auf eine Störung des nervösen Gleich¬
gewichts darstellt, und daß es nicht selten lange Zeit braucht,
ehe sie trotz Beseitigung der sie auslösenden Ursachen wieder ver¬
schwindet.
Auch eine gewisse Labilität der Körpertemperatur war auf¬
fällig; auch Oppenheim verzeichnet ähnliches. Wir sahen
öfter, daß unsere Soldaten durch längere Zeit leichte Temperatur-
Steigerungen, für die kein Grund nachzuweisen war, zeigten, oder
daß sie auf pyrogene Reize in unverhältnismäßiger Stärke und
langandauernder Weise reagierten, vielleicht entsprechend einer
nervösen Störung der Wärmeregulation. Ebenso war eine gewisse
Labilität und Beschleunigung der Herzaktion nicht selten.
Das ist aber auch das Wesentliche, was wir bei dem Gros
der Verwundeten an nervösen Erscheinungen konstatieren konnten,
sonst war, wie schon erwähnt, sehr bald ihr Allgemeinbefinden ein
ausgezeichnetes, die Erholung machte, wenn wir von den unmittel¬
baren Folgewirkungen der Verletzung absehen, rasche und
dauernde Fortschritte.
Aber es gibt Ausnahmen von dieser Regel, die wir ins¬
besondere in den letzten Monaten, wo wir ausschließlich Nerven¬
kranke zu behandeln haben, reichlich zu sehen Gelegenheit hatten.
Unser Urteil über die nervösen Folgeerscheinungen des Kriegs
kann natürlich kein endgültiges sein; denn es ist zweifellos, daß
manche der Schädigungen, die der Krieg für das Nervensystem
bringt, mit der Andauer desselben sich summieren müssen, ebenso
wie manche der Nachwirkungen der Verletzungen des Nerven¬
systems auch nach Beendigung des Kriegs noch sich zeigen wer¬
den. Das gilt unter anderm von der traumatischen Epilepsie; aber
i) zu Beginn des Kriegs übernahm unsere Anstalt direkt vom
Kriegsschauplätze kommende, leichtverwundete Soldaten und Kranke
ohne Rücksicht auf die Art des Leidens.
a ) Auf gleiche Weise erklärt es sich wohl auch, daß der anfäng¬
lich fast unstillbare Heißhunger der Kranken sich bald verliert ünd
bei längerem Spitalaufenthalt eher Appetitlosigkeit besteht.
auch syphilogene Erkrankungen des Nervensystems, multiple Skle¬
rose und anderes werden vielfach erst später zur Beobachtung
kommen.
Beschränken wir uns im folgenden auf die sogenannten
funktionellen Neurosen, so haben wir, was die sie
auslösenden exogenen Ursachen und Verhältnisse betrifft,
gleichsam ein Experiment in großem Stile vor uns. Dabei ist
freilich zu betonen, daß es sich insofern um Ausnahme Verhält¬
nisse handelt, als diese Schädlichkeiten auf ein ausgesuchtes
Menschenmaterial, die Auslese unserer jüngsten und gesündesten
Männer, einwirken. Was wir jetzt beobachten, kann also nicht
ohne weiteres auf das, was wir in der Friedenspraxis sehen, über¬
tragen werden. Aber die Eindrücke, die wir jetzt sammeln, wer¬
den darum doch nicht zu vernachlässigen sein; im Gegenteil, sie
dürften zweifellos in mancher Hinsicht auf unsere Ansichten modi¬
fizierend wirken.
Das gilt in erster Linie von den sogenannten trauma¬
tischen Neurosen. Es ist dies schon von den verschie¬
densten Seiten in den Diskussionen über die Erkrankungen des
Nervensystems im Kriege hervorgehoben worden.
Ich kann z. B. auf die Diskussion in der Berliner Gesellschaft
für Psychiatrie und Nervenkrankheiten vom 14. Dezember 1914 *), auf
eine Diskussion im Wiener psychiatrischen Verein, auf die Ausfüh¬
rungen von v. Wagner, mit dessen Anschauungen sich die meinigen
zum großen Teile decken, auf Marburg, Karplus, Oppen¬
heim, Gaupp, Meyer, Westphal und verschiedene Andere
hinweisen.
Auch schon vor dem Kriege hat sich eine Aenderung unserer
Anschauungen über die traumatische Neurose vielfach vorbereitet,
zum Teil schon durchgerungen. Die Punkte, die bei einer un¬
voreingenommenen Betrachtung der Dinge *in die Augen springen,
lassen sich etwa folgendermaßen formulieren: Es ist doch nur
eine relativ kleine Zahl unter den Unfallsverletzten, bei denen sich
das uns. geläufige Bild der traumatischen Neurose entwickelt.
Es hat sich z. B. gezeigt — ich kann da auf die bekannte Arbeit
von Sänger u. A. verweisen —, daß bei Unfällen, wo eine
Unfallsentschädigung nicht in Frage kommt, relativ selten eine
traumatische Neurose nach den bekannten Mustern zur Beob¬
achtung kommt. Auch Ermittlungen in großen, der Unfall¬
gesetzgebung unterstehenden Körperschaften haben gezeigt,
daß die Zahl der Fälle, bei denen langandauernde nervöse
Folgezustände eines Unfalls ■ Zurückbleiben, eine relativ be¬
grenzte ist. Das hat den Gedanken nahegelegt, daß es be¬
sondere, durch den Unfall selbst nicht unmittelbar gegebene Um¬
stände sind, die ein deutlicheres Hervortreten solcher nervöser
Störungen begünstigen. Nervöse Disposition, respektive schon
vor dem Unfälle bestehende Nervosität, anderseits durch die Un¬
fallgesetzgebung selbst bedingte besondere Verhältnisse, die man
mit der Etikette „Begehrungsvorstellungen“, „Rentenkampfneu¬
rose“ und ähnlichem versehen hat, hat man wohl mit Recht als jene
Momente beschuldigt, die oft eine im Mißverhältnis zur Geringfügig¬
keit des Unfalls stehende besondere Intensität und Andauer ner¬
vöser Unfallfolgen auslösen dürften. In Uebereinstimmung damit
haben neuere Untersuchungen gezeigt, daß ein nicht unwesent¬
licher Unterschied besteht zwischen jenen Fällen, bei denen eine
Rentenentschädigung, und jenen, die mit einer einmaligen Kapital-
abfindung erledigt werden.
Die Erfahrungen, die wir jetzt täglich zu machen Gelegen¬
heit haben, sind geeignet, diesen Einwänden eine Stütze zu geben.
Die Zahl der Verletzten ist eine ungeheuer große, und eigent¬
lich hätten alle Ursache, an einer traumatischen Neurose zu
erkranken. Denn abgesehen vom eigentlichen Trauma sind
auch die begleitenden Umstände der Verletzung gewiß ge¬
eignet, schwere nervöse Folgeerscheinungen des Unfalls zu
zeitigen. Und doch ist, wie wir gesehen haben, das Gegenteil
richtig. Wir dürfen da nicht allein die Erfahrungen, die die h eu¬
rologen, speziell in Nervenspitälem, machen, also an einem m
dieser Beziehung ausgewählten Material, als Maßstab nehmen, son¬
dern müssen den allgemeinen Durchschnitt suchen. Ich habe mici
darüber schon oben ausgesprochen. Was speziell die nervöse
Position oder vorausgegangene nervöse Zustände betrifft, so na
z. B. Karplus 2 ) unsere Erfahrungen über die nach Schrapne^-
und Granatexplosionen auftretenden nervösen Erscheinungen zu
Gegenstand einer speziellen Untersuchung gemacht. Man wi
zugeben müssen, daß stunden-, selbst tagelange Erduldung '
Siehe Neurol. Zbl. 1915, S. 73.
*) Karplus, Ueber Erkrankungen nach
W. kl. W. 1915, S. 145.
Granatexplosionen.
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UNIVERSUM OF IOWA
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17.
Schrapnell- und Granatfeuer mit zu den schrecklichsten Erlebnissen
dieses Kriegs gehört Die natürliche Reaktion wäre das Zurück-
weichen oder, da dies ja nicht möglich ist, wenigstens der Sturm¬
angriff, um den Gegner zum Schweigen zu bringen. Die Er¬
fahrungen aus der ersten Zeit des Kriegs haben uns ja gezeigt
wie schwer es hielt, die Mannschaft vor dem voreiligen Sturm¬
angriff trotz Artilleriefeuer zurückzuhalten. Ich habe mir von
< «fixieren erzählen lassen, daß es in der ersten Zeit vorkam daß
ganze Kompagnien, die durch .längere Zeit dem Schrapnellregen
aufgesetzt waren, von nervösen«. Zuständen, von Weinkrämpfen
Erbrechen usw. befallen wurden. Kaum aber war die Mannschaft
ahgelost und in die Reserve versetzt, erholte sie sich und das
seelische Gleichgewicht war. bald wiederhergestellt. Einzelne aber
erkrankten doch, oft ohne dirdkt. betroffen zu sein. Und auch
dort, wo es sich um wirkliche Verletzungen handelte, sei es daß
die Kranken von Projektilteilen getroffen oder zu Boden o*e-
sehlemlert wurden, die Erscheinungen einer Hirnerschütterung
«la von trugen usw., war es nur eine Minderzahl, bei denen sich die
brsdieimiiigen einer richtigen, länger andauernden traumatischen
Neurose entwickelten. Wie Kar plus aber zeigen konnte,
lianihlte es sich bei diesen Fällen meist um nervös disponierte
oft sogar schon vorher nervöse Individuen. Das gleiche gilt von
anderweitig erlittenen Verletzungen durch Gewehrprojektile,
>Um usw. * J ’
Noch ein zweiter Umstand kann für unsere Auffassung der
traumatischen Neurose nicht ohne Einfluß bleiben, und das ist
Ihre relative Benigpität bei den Verletzten des Kriegs,
speziell was ihre Dauer .betrifft. Nach schweren Verletzungen
hlHijen nicht selten dpreh einige Zeit nervöse Erscheinungen zu¬
rück; am häufigsten z. ß. nach Schädelverletzungen schwerer Kopf-
schmerz, Schwindel usw., was wir ja unter gleichen Umständen
, ,n " er l’riedenspraxis sehen. Man hat für solche Fälle unter
amlcrm Dmcksteigerung im Liquor verantwortlich gemacht. Aber
die Ginge nehmen m der Regel nicht den schleppenden Verlauf,
der m der Unfallpraxis des Friedens, selbst nach relativ leichten
1 Giädeltraumen, beinahe die Regel ist.
‘»lii-üJll m ?t te da eil V ec ™ dra s ti! sches Beispiel anführen. Ein
Äfm J Fhegßroffizier, der mich konsultierte,
•? ^ Nov ^ mber 191 1 infolge eines plötzlichen, heftigen Wind-
d'r \nn^fl n ? 1 i« AP , ?arat J U f eineF Höhe VOn etwa 150 * ab ’ wobei
«tw<L J t ol,s \ Änd JS zertrümmert wurde. Der Offizier selbst blieb
a„ßor,Irm *r, II,de - be ^. ßtlos lie £ en , blutete aus dem Munde,
dwa thn t K?o- er - ei « e -f P i llt ^ rttng m T ehrerer Ri PP en davon. Er blieb
er kl-L^P ll*T i P 'L aJe ll ®« en * Linen Monat später sah ich ihn;
‘'Uchte** An il h Über beftl £ e Kopfschmerzen, weswegen er mich auf-
J " dere nervöse Erscheinungen fehlten. Einige Zeit später
& sein woiL 311 e r< ! nt ab ' Blsher war es rair leider nicht möglich,
111 n sein weiteres Befinden etwas zu erfahren.
Hppenbeim 1 ) hat gewiß recht, wenn er meint, daß die
mntuiungen der traumatischen Neurose sich oft als ünmittel-
‘ 0 ^ des Traumas entwickeln, noch bevor „Begehrungsvor-
iilrK 11 ■"! irksamkeit treten können. Darum sind diese
‘ oc ‘ nicllt ansgeschaltet (siehe auch Rothmann, Liep-
j]i 1 1 Jj ! o n h ö f f e r, P e r i t z, G a u p p und Andere), speziell
, 0 ,. wo s,cb solche Symptome stabilisieren. Zudem handelt
w 5 ,]ler um den bewußten oder unbewußten Wunsch und die
I jpng. nicht mehr den so unmittelbar empfundenen Gefahren
.Hirn, ne f S aus ^ ese ^ z t zu sein, was gewiß noch wirksamer sein
*„ as Bente nansprüche und Geldforderungen. Die starke
V* , Andauer solcher nervösen Folge Wirkungen eines
*°« nter Umständen als Maßstab für die Kriegs-
vnr f 'p-' m Be ^ aBenen anzusehen; Gau pp spricht von „Angst
Vur der Rückkehr ins Feld“. 1
dpr l - 11 adgemeinen unsere Erfahrungen über die Prognose j
fIi! . ma ' S( ‘ hen Neur ? sen jetzt günstiger sind als in der .
7 nm s ?. ma £ d ^ es ’ w * e schon oben betont wurde, gewiß
„ m .j. ? daran be ?en, daß es sich hier meist um bis dahin ge- .
^uiß n >r<l i !'^n jugendliche Individuen handelt Das erklärt aber t
laiiMin ^ 1 ■ a , a * * n der Friedenszeit wird der Anreiz zur Er- i
äu&roVüt r , Iva P‘ ta U °der Rentenabfindung oft noch durch 1
aniIpr - £ anz besonders begünstigt; das Beispiel, das ?
v/> h ' och ^ Unfallkranke mit einer besonders geglückten Ent-
nifht . en ’ der zweifellos schädliche Einfluß der Umgebung,
ripmiPn 1 b- £ ew * sse »Unfallad vokalen“ und anderes sind da zu
bei ansern jetzigen Unfallkranken handelt es sich da- Jj
-um großen Teil um relativ einfache, naive Gemüter, speziell
wag die Mannschaft betrifft. In erster Linie möchte ich aber doch
me uns Aerzten heute zustehende, durch die militärischen Verhält¬
nisse bedingte, weitgehende Autorität, respektive
disziplinäre Gewalt gegenüber den Kranken als wirksam
nennen. Ich habe mich oft genug überzeugen können, wie günstig
es wirkt, w T enn der Arzt die vielen großen und kleinen Beschwerden
so cner Kranken nicht allzu hoch einschätzt, sie, selbst unter ge¬
wissem Zwange, dazu anregt, von ihren Beschwerden abstrahieren
zu lernen.
Hat sich der Kranke so einmal mit dem Gedanken ab¬
gefunden, daß er trotz seines nervösen Leidens in absehbarer Zeit
doch wieder an die Front muß, dann ging es manchmal oft er¬
staunlich rasch mit der Genesung vorwärts, selbst bei Kranken,
me bm dahin schon monatelang an andern Orten ohne den min-
aesten Erfolg behandelt worden waren 1 ). Manche Fälle erweisen
sich freilich refraktär; ich glaube aber, wir werden da nach
Fnedensschluß noch manche Ueberraschung erleben. Mancher bis
dahin unbeeinflußbare Fall wird dann, wenn nicht mehr die Wahl
zwischen Krankenhaus oder Feld, sondern zwischen Kranken¬
haus oder Familie und Beruf stehen wird, rasch heilen.
p-jii Da ^ , Was l ch eben aus geführt habe, gilt besonders für die
fälle mit dem Typus der traumatischen Hysterie. Es
ist ja richtig, daß die traumatischen Neurosen — darum wurde ia
dieser Name gewählt — meist sowohl hysterische, wie neur-
astbemsche respektive hypochondrische Symptome an sich tragen.
rl g ‘ bb d0 . ch o Uch . ™ e ’ wo die eine oder andere Svmptomen-
rtahe uberwiegt Speziell solche Fälle mit den Erscheinungen der
traumatJschen Hysterie haben wir reichlich zu sehen Gelegenheit
gehabt. Im Gegensatz zu Lewandowsky 2 ) und in Ueberein-
möXp'^i w °PP. e 2 heim ’ Rothmann 8 ) und Andern
möchte ich betonen, daß auch Fälle mit schweren Verletzungen
aus Kesprochenen hysterischen Erscheinungen
kompliziert sind, speziell bei organischen Schädigungen des cen-
fnntLfu Per l phe " e1 . 1 ^ Terve usystems, deren Symptome dann von
werden”) en ’ hysterischen Zutaten ergänzt respektive überdeckt
i das eini S e Beis P iel e illustrieren, sie ent-
£ Ja A b v k . a Puten Erfahrungen der Friedenspraxis. Ein Soldat
erlitt einen W eichteilschuß durch den rechten Oberschenkel* dieses
Eem zeigte eine typische hysterische Lähmung mit Anästhesie Gleiches
sah ich bei einem Offizier, der eine Kontusion der rechten Hüfte davoii-
ba ? e ' B,nem audem Offizier schlägt ein Projektil ge «reu
den Feldstecher, den er an einem Riemen über dem Bauehe träirt
durchbohrt dessen Futteral und schlägt noch gegen die Bauchhaut an*
Sfnmm !? 6 g a «z oberflächliche Verletzung setzend. Er spürt in diesem
Moment einen Schlag im linken Bein, das „wie tot“ wird. Er behält
^! e i,i hySt T SChe Uahmung und Anästhesie dieses Beins. Einem
JT Wag , en * den Boden fiel ‘ fährt Giü Wagen-
Sreifen w a i Ha S; 68 ■ hat h, a er d ®f tKche 8puren in einem blauen
IqIS? ,. 8 t’ yon eingepreßter Wagenschmiere herrührend, hinter-
lassen. Sicherlich ist durch das Trauma der Kehlkopf verletzt worden.
JnrWpii? let n T h ? me ! e ‘ chte Parese einzelner Kehlkopfmuskelii
Irl h ^ b 7 De ^ Kranl ^ e wird “s mit einer kompletten hysterischen
Aphonie und einer eigentümlichen Respirationsstörung' (Verlang¬
samung der Atmung bis zu 6 in der Minute) eingeliefert. Gleichzeitig
mit der erwähnten Verletzung erhielt Patient auch einen Gewehrschuß
m den rechten Arm, der eine partielle leichte Lähmung im Bereiche
des rechten Nervus radialis mit quantitativer, aber nicht qualitativer
Aenderung der elektrischen Erregbarkeit bedingte. Dieser rechte Ami
\at in starker Contranturstellung an den Leib adduziert, komplett
anästhetisch. Oder ein Kranker mit einem Durchschüsse durch den
Schädel und leichtester, gerade nur angedeuteter rechtsseitiger Hemi-
- daneben em A e Sehstörung mit deutlicher konzentrischer
Gesichtsfeldeinengung, Ataxie und Sensibilitätsstörung zweifellos
Iberischer Natur, wie auch der prompte Erfolg der Behandlung
I Si, ' h '- NeuroL Zbl. 1915, S. 75.
,7 a \^u le ^ rei F ,c H roit den Kranken wird, wenn sie wieder aus
der Anstalt entlassen sind, darüber habe ich nur zum Teil Erfahrungen*
einzelne sind nicht sehr günstig, denn sie zeigen, daß dann, wenn^der
Druck von seiten des Arztes nachläßt, gar leicht das alte Spiel wieder
beginnt (siehe auch G a u p p , der in dieser Beziehung sehr beherzigens¬
werte Vorschläge macht). * urnerzigf.ns
2 ) Lewandowsky, B. kl. W. 1914, S. 193.
3 ) R o t h m a n n , B. kl. W. 1915, S. 98.
*) Selbstverständlich ist es auch möglich, daß in solchen Fällen
traumatischer Hysterie auch feinere, bloß mikroskopische Läsionen dos
Nervensystems diese organische Grundlage darstellen. Dann kann die
Differenzierung besondere Schwierigkeiten machen. Das deckt mVIi
freilich nicht mit dem, was v. Sarbö kürzlich (W. kl. W. 1915, s.
auf „mikroorganische“ Veränderungen zuriiekffihren wollte.
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472
25. April.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17.
In solchen Fällen drängt sich wohl die Vermutung auf, daß die
durch das Trauma gesetzte Läsion, die oft nur eine relativ gering¬
fügige organische Läsion bedingte, in der Psyche des Kranken die
Suggestion der Lähmung, des Abgestorbenseins erweckte, die sich
dann als hysterische Lähmung und Anästhesie dokumentierte.
Denn als eines der wichtigsten Merkmale der Hysterie müssen wir
die erleichterte Umsetzbarkeit psychogen wirkender Momente und
Schädlichkeiten in die Körpersphäre, die Fixierung affektbetonter
Empfindungen, automatisch ausgelöster Bewegungskomplexe und
Reaktionen (z. B. Schreckfolgen) ansehen; nicht zu vergessen des
suggestiv wirkenden Einflusses der ärztlichen Untersuchung 1 ),
zumal wenn der Arzt etwa eine ungünstige Prognose stellt, und
anderes.
Manchmal ist in dieser Weise tatsächlich der Zusammenhang
zwischen Ursache und Wirkung leicht herzustellen, wofern wir die
laienhaften Vorstellungen über Krankheitserscheinun¬
gen und Krankheitsfolgen mit in Betracht ziehen. In andern Fällen
freilich sind die Dinge nicht so leicht zu übersehen, gewiß aber
nur selten so, wie sie sich Freud und seine Schüler vorstellen,
bei denen sich die ganze Psychogenese der Erscheinungen mit
Ausschluß des Oberbewußtseins nach höchst komplizierten, nur
von dem in der Psychoanalyse erfahrenen Untersucher feststell¬
baren Finessen im Unterbewußtsein abspielen soll.
Die therapeutischen Erfolge, die wir in solchen
Fällen nicht selten erzielen, geben mancherlei zu denken, thera¬
peutische Erfolge, die gewiß weniger durch das therapeutische
Agens als durch die Energie, ja selbst Rücksichtslosigkeit, mit
der wir es in Anwendung bringen — das Milieu und die besonderen
Umstände der Zeit erfordern solches — zu erklären sind. Manche
hysterische Lähmung und Anästhesie, Schüttelkrämpfe und Con-
tracturen, allgemeine, auffällige Tremores, die merkwürdigsten
Astasien und Abasien und anderes, die bei der üblichen
Behandlung monatelang unbeeinflußt blieben, haben wir in
einer oder einigen Sitzungen durch eine freilich sehr
energische faradische Pinselung „geheilt“. So
war es bei dem obenerwähnten Kranken mit hysterischer
Aphonie, hysterischer Contractur und Anästhesie des Armes >2 )
Aehnlich in andern Fällen, z. B. solchen mit Contractur und
Zittern der Beine, etwa entsprechend der „traumatischen Pseudo-
contractur mit Parese und Zittern“, wie sie Fürstner be¬
schrieben hat, oder in Fällen mit Contractur des Kniegelenks, wo
eine „Heilung“ dadurch gelang, daß wir den Kranken mit ge¬
strecktem Knie auf einen Stuhl setzten, wobei mitunter schon nach
wenigen Minuten infolge der Ermüdung das Bein im Kniegelenk
abgebogen wurde; damit war die Contractur verschwunden. Aehn-
liche Erfahrungen sind ja auch anderwärts gemacht worden;
v. Wagner-Jauregg hat in ganz obstinaten Fällen mit Iso¬
lierung und Milchdiät rasche Erfolge erzielt, was ich bestätigen
kann. Das ist eine Psychotherapie, aber ganz
eigner Art. Man könnte an die hohe suggestive Wirkung
der erwähnten Maßnahmen denken; für manche Fälle mag dies
zu treffen. Anderes aber läßt keine andere Deutung zu, als daß
das Wesentliche dieser Behandlung durch die disziplinäre Ge¬
walt gegeben ist, die wir infolge des militärischen Milieus über
die Kranken besitzen, wie sie in ähnlicher Art uns sonst vielleicht
nur in einer psychiatrischen Klinik zur Verfügung steht
Es liegt mir fern, diese Erfahrungen für geeignet zu halten,
dem Problem der Hysterie selbst wirklich näher zu treten. Wir
beseitigen auf diese Weise ja nur ein Symptom der Hysterie, nicht
die Hysterie selbst, die hysterische Geistesverfassung. Man hat
auch vielfach solche Fälle überhaupt nicht als Hysterie gelten lassen
wollen, sondern hat von einer Schreckneuröse gesprochen. Die
Erörterung solcher prinzipiellen Fragen bleibt aber vielleicht besser
einer ruhigeren Zeit überlassen.
Wichtiger ist der naheliegende Einwand, daß es sich in
solchen Fällen nicht um Hysterie, sondern um Simulation
handle. Die Frage der Simulation nervöser Symptome bei
Unfallkranken kann nur mit großer Vorsicht behandelt werden,
speziell im militärischen Milieu, wo ja nachgewiesene Simu¬
lation in der schwersten Weise bestraft wird. Es gibt Gutachter,
die wirkliche Simulation für eine Rarität erklären, ja selbst in
erwiesener Simulation ein psychopatbologisches Symptom sehen,
J ) Für den Kenner der Frage brauche ich nicht erst zu betonen,
inwieweit sich obige Ausführungen an die bekannten Ansichten von
B a h i n s k i anlehnen. . . r . .
*) Der Kranke ißt freilich nach seiner Entlassung wieder „reci-
div“ geworden und wurde superarbitriert.
oder die die Aggravation förmlich für ein zur traumatischen
Neurose gehöriges Symptom erklären. Wie dem sei, unter den
besonderen Verhältnissen, unter denen wir jetzt arbeiten, gibt es
zweifellos regelrechte, auch eingestandene Simulation, von den ver¬
schiedenen Praktiken zur künstlichen Erzeugung von Fiebertempe¬
raturen angefangen bis zur Urinverhaltung, respektive „epilepti¬
schen Anfällen“ mit Urinverlust. Das haben wir zur Genüge
erfahren. Die Versuchung zur Simulation ist ja allzu groß. Gewiß
sind es nicht die Besten unseres yplkes, die Simulation versuchen,
sie bieten mancherlei, was sie 1( pis psychopathologisch erscheinen
läßt, es ist auch fraglich, ob wir durch die Entlarvung solcher
Simulanten wirklich brauchbare Elemente für die Verteidigung
des Vaterlandes gewinnen. Aber, Simulation ist Simulation.
Die Frage, ob die oben skizzierten Erscheinungen, deren
prompte Beseitigung durch unsere „Therapie“ wir erwähnten,
Simulation oder hysterische Symptome sind, ist nicht leicht zu
beantworten. Oft, ja meist handelt es sich um gewöhnliche
Bilder, wie sie in allen Darstellungen der Hysterie zu finden sind,
und der Ein wand der Simulation ist eigentlich erst post festum
zu machen. Wenn wir aufrichtig sein wollen, müssen wir ge¬
stehen, daß eine sichere Differentialdiagnose zwischen vielen hyste¬
rischen Symptomen und Simulation oft nicht zu machen ist; von
Wagner-Jauregg hat dies kürzlich J ) in geistreicher Weise
dahin ausgedrückt, daß die Unterscheidung zwischen „Nichtwollen¬
können“ und „Nichtkönnenwollen“ nicht zu machen sei, respektive
daß sich da fließende Uebergänge ergeben. Man hat auf das
Typische gewisser hysterischer Symptome, auf die Konstanz der
Stigmen hingewiesen und daraus geschlossen, daß bei der Hysterie,
selbst wenn man den psychogenen Ursprung der Erscheinungen
zugibt, doch bei der Auslösung derselben vorgebildete physio¬
logische oder pathologische Mechanismen in Anspruch genommen
werden. Anderseits muß man zugeben, daß das Typische, Kon¬
stante der Symptome doch nur relativ zu nehmen ist, daß für ihre
Gestaltung im Einzelfall auch äußere Umstände, unter anderm auch
der Gang der ärztlichen Untersuchung von Bedeutung sind. Doch
sollen, wie schon erwähnt, solche prinzipielle Fragen hier nicht
weiter verfolgt werden.
Es erübrigen sich noch einige Worte über die Neur¬
asthenie oder die neurastheniseben Symptome, die viele un¬
serer Kranken, solche mit Verletzungen, aber auch ohne solche,
darbieten. (Auf die Häufigkeit und Wichtigkeit speziell der kardio-
vasculären Symptome macht Oppenheim besonders auf¬
merksam.)
Auch hier ist, wenn wir die Erfahrungen über den Einfluß
der Kriegsereignisse, von Verletzungen und anderem auf das Mani¬
festwerden neurastheniseher Symptome heranziehen, der Ein¬
fluß der prä morbiden Persönlichkeit vollauf gel¬
tend. Meist sind es schon vorher nervöse Individuen, die durch
die Anstrengungen, die Strapazen und Schrecken des Kriegs oder
durch Verletzungen neurasthenisch geworden sind, wobei es sieh
oft nur um ein Wiedererscheinen oder eine Verstärkung schon
bestandener Symptome handelt. Gegenüber diesen konstitutio¬
nellen Neurasthenien sind die akuten Erschöpfungsneurasthenion
seltener. Es ist anderseits von verschiedenen Seiten schon
betont worden, daß manche Neurastheniker durch den
Zwang der Verhältnisse die notwendige Anspannung aller
Kräfte gewonnen haben, das heißt es ist geglückt, sie au?
dem engen Kreis ihrer Uebelempfindungen, in die sie sich schon
förmlich eingesponnen hatten, wieder zu befreien. Das kann ich
bestätigen, aber es sind doch nur Ausnahmen, und der Auf¬
schwung, den solche Neurastheniker, fortgetragen von der Be¬
geisterung und Arbeitsenergie ihrer Kameraden, genommen haben,
ist bisweilen nur ein temporärer, sie versagen doch bald wieder.
In therapeutischer Beziehung bbsteht übrigens ein zweifelloser
Unterschied zwischen Hysterie und Neurasthenie. Augenblicks¬
oder Wunderheilungen der Neurasthenie sind nicht zu sehen. Hier
ist ein längerer Zeitraum notwendig, in dem oft unser ganzes
Armentarium therapeutischer Behelfe notwendig ist. Das psy¬
chische Moment der Behandlung darf freilich auch bei diesen
Fällen nicht außer acht gelassen werden. Vor allem ist es no
wendig*, den Kranken die Ueberzeugung beizubringen, daß i r(
Beschwerden keine organische Grundlage haben, daß bn
empfindungen kein genügender Grund sind, sie für Kriegsaien*'
untauglich zu erklären, daß der Spitalaufenthalt vielmehr nur u
Zweck habe, ihre Widerstands- und Leistungsfähigkeit wie< er
') Siehe W. kl. w. mir», S. 11)0.
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UNiVERSITY OF IOWA
25. April.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17.
47
zur notwendigen Höhe zu bringen. Dann geht cs manchmal
wieder.
Unsere Erfahrungen über Psychosen bei Soldaten sind
infolge der äußeren Verhältnisse, unter denen wir arbeiten, relativ
geringfügig. Immerhin habe ich einzelnes davon gesehen, z. B.
Depressionszustände, vor allem reaktive Depressionszustände bei
Soldaten, die über das Schicksal ihrer Angehörigen, die in vom
Feinde besetzten Gebieten zurückgeblieben waren, vollständig in
Unkenntnis waren, und wo Uh|er Umständen die Depression im
weiteren Verlauf einen ausgesprochen melancholischen Charakter
aiiuahm. Dann sahen wir einzelne Fälle von Schizophrenie, die
während des Kriegs zur Entwicklung kamen [siehe z. B. bei
W e y g a n d t J ), B o n h ö f f e r a ) und Andern], wobei es zunächst
dahingestellt bleiben mag, ob* 'nicht schon vor dem Krieg ein
Initialstadium der Krankheit bestanden hat, respektive ob es sich
bloß um ein Manifestwerden einer schon früher bestandenen Dis¬
position handelte, oder ob der Krieg oder Verletzungen des
Gehirns selbst die Krankheit auslösen können, eine Annahme, für
die uns die Friedenspraxis gewisse Anhaltspunkte liefert. Von
andern Psychosen sind hysterische Dämmerzustände und Alkohol¬
psychosen zu nennen; vereinzelt sahen wir progressive Paralyse,
die während des Feldzugs entstanden war, eine bekannte Erschei¬
nung, die mit der weiteren Andauer des Kriegs voraussichtlich
noch häufiger werden dürfte.
Unsere Ausführungen wären unvollständig, wenn wir uns
nicht auch mit dem Verhalten der Zivilbevölkerung be¬
schäftigen würden. Durch die ungeheure Ausdehnung der Wehr¬
pflicht ist die Zahl derjenigen aus der Zivilbevölkerung, die An¬
gehörige im Felde haben, auf die also die Sorge um diese, die
Trauer um den Verltfst oder schwere Verletzung und Erkrankung
naher Verwandter einwirkt, viel größer denn je vorher. Die bis¬
herigen Ereignisse auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen
haben es auch mit sich gebracht, daß ein Teil des eignen Landes
vorübergehend oder dauernd vom Feinde besetzt wurde.
Es ist klar, daß für diese Armen, die die Schrecken des
Kriegs aus nächster Nähe erleben mußten, dies, dann die
Flucht, Entbehrungen und Sorgen aller Art eine schwere Schädi¬
gung ihres Nervensystems darstellen. Auch bei den nur indirekt
Beteiligten erzeugt die Sorge um den Ausgang der modernen, oft
wochenlang dauernden Riesenschlachten eine schwere Unruhe und
Ungewißheit, eine ewige Anspannung der Nerven, abgesehen da¬
von, daß dieser Krieg mit seinem maßlosen Unglück dem
Menschenfreunde, der sich schon nahe dem Ideal des Inter-
uationaliums wähnte, eine schwerste Enttäuschung brachte.
Zieht man das alles in Betracht, so muß man sagen, daß,
soweit die Erfahrungen bisher gezeigt haben 3), auch die Zivil¬
bevölkerung den Krieg besser vertragen hat, als eigentlich zu er¬
warten stand. Selbst die Flüchtlinge, die oft unter recht dürftigen,
für sie ganz ungewohnten Verhältnissen zu leben gezwungen sind,
zeugen für die schon obenerwähnte, staunenswerte Anpassungs¬
fähigkeit der Menschen.
Die Ausnahmen davon, die wir sahen, sprechen auch wieder
für die schon beim Militär betonte Bedeutung der Disposition 4 ).
Disponierte oder gar schon früher krank gewesene Individuen er¬
kranken unter den gegebenen schwierigen Verhältnissen relativ
leicht und oft an Nerven- und Geisteskrankheiten. Manche der
mir bereits von früher her bekannten Patienten habe ich jetzt
wiedergesehen, und zwar nicht selten mit ganz ähnlichen Sym¬
ptomen wie bei früheren Anlässen, oder sie zeigten bloß eine Ex¬
acerbation ihrer ständigen Beschwerden. Begreiflich, daß es vor
allem Dcpressionszustände sind, die unter dem Einflüsse des Kriegs
zur Entwicklung kommen, Angstzustände, Melancholien usw. Ein
Teil der hierher gehörigen Fälle, die ich gesehen habe, rubriziert
unter die periodischen Depres^ionszustände respektive unter die
manisch-depressive Psychose.
Ich will das durch einige kurz skizzierte Fälle illustrieren,
die leicht zu vermehren w r ären.
Eine 35 jährige Frau, die. ( y f or der Russeninvasion aus Galizien
muhten mußte und sich seitdem in einem schweren Verstimmungs-
zustamle befindet, zeigte schwersten Pessimismus, der dann mehr einer
Apathie, Klagen über psychische Anästhesie Platz macht. Dabei be-
3 Weygandt, Neurol. Zbl. 1915, S. 43.
*)Bonhöffer, Psychiatrie und Krieg. D. m. TV. 1914, S.39.
. ) Auch hier muß man freilich infolge der Summation der Heize
wi weiterer Andauer des Kriegs noch mit einer nicht unwesentlichen
> ersrhtahtening der Situation rechnen.
) ln ähnlichem Sinne äußerte sich auch Samuel, B. kl. W.
S. 141.
stehen Angstzustände, Taedium vitae. Die hereditär nicht belastete
Frau hat schon vor zehn Jahren im Anschluß an ein Puerperium einen
ausgesprochen melancholischen Zustand durchgemacht, der nach drei¬
monatiger Dauer ausheilte. Ganz ähnlich ist es bei einer 48 jährigen
Frau, die durch den Krieg eigentlich nicht direkt betroffen ist, die
aber seit einigen Wochen an einer schweren Verstimmung leidet. Audi
sie hat vor 19 Jahren, damals ohne bekannten Anlaß, eine Angst¬
psychose von viermonatiger Dauer durchgemacht.
Ein 55 jähriger Advokat, der sich gleichfalls vor den Russen
flüchten mußte und nun sich in einem schweren Depressionszustande
befindet, sich schwersten, in diesem Fall unberechtigten Sorgen um die
Zukunft hingibt, hat vor sechs Jahren, damals im Anschluß an eine
Scheidungsaffäre, einen ähnlichen Zustand durchgemacht.
Ein mir seit Jahren bekannter Architekt, Neurastheniker und
an periodisch auftretenden Verstimmungszuständen leidend, zeigt seit
Ausbruch des Kriegs neuerdings einen schweren Verstimmungszustand,
in dessen Mittelpunkt — ähnlich übrigens wie in den früheren Er¬
krankungen — die Sorge um die Zukunft steht. Eigentlich unter¬
scheidet sich der diesmalige Zustand in nichts von den früheren.
Freilich gibt es auch Fälle, wo ähnliche Zustände bisher
nicht vorausgegangen sind, wo also anscheinend der Krieg das
psychogene Auslösungsmoment der Depression darstellt.
Ich erwähne z. B. eine 49 jährige Frau, die hereditär nicht be¬
lastet, aber immer etwas nervös^ seit Ausbruch des Kriegs (derselbe
bedingte einzelne, freilich Übertrieben aufgefaßte Schwierigkeiten) an
einem Depressionszustande mit Verstimmung, Angst, Pessimismus,
Taedium vitae erkrankte. Aber trotz Fortdauer des Kriegs wurde die
Kranke nach relativ kurzer Dauer wieder gesund, ein Hinweis dafür,
daß cs sich bei der im Klimakterium stehendeu Kranken vielleicht nur
um die erste Attacke einer periodischen Psychose handelte.
Dann sah ich ausgesprochen hysterische Bilder, Zustände
schwerer Nervosität, Agoraphobie und anderes bei mehreren
Frauen, speziell Flüchtlingen; aber auch hier handelte es sich
nahezu stets um schon vorher nervös gewesene Individuen.
Die egocentrische Lebensauffassung vieler Nervösen wird
uns übrigens auch während des Kriegs recht deutlich. Wie anders
soll man es deuten, wenn an Tagen, zu Zeiten, wo unser ganzes
Empfinden und Sehnen auf wichtige, die Lebensinteressen der All¬
gemeinheit und des einzelnen betreffende Ereignisse eingestellt
ist, solche Nervöse in der Sprechstunde erscheinen mit ihren all¬
täglichen Klagen und Beschwerden, ganz eingesponnen in die
Sorge um das eigne Ich. Nur w r enige von ihnen sind es, die, durch
die große Zeit fortgerissen, lernen, von sich selbst zu abstrahieren
und mit der Allgemeinheit zu denken und zu fühlen.
* *
*
Diese zum großen Teil nur als aphoristisch und provisorisch
zu betrachtenden Ausführungen über den Einfluß des Kriegs auf
unser Nervensystem möchte ich zum Schluß mit einem tröstlichen
Ausblick in die Zukunft abschließen. Nach dem, was wir bisher
gesehen, steht zu hoffen, daß der Krieg doch nicht die schweren
Schädigungen für unser Nervensystem zurücklassen dürfte, die
man vielleicht hätte erwarten können, sofern wdr von den organi-
j sehen Erkrankungen des Nervensystems und ihren Folgezuständen
abselien. Es ist richtig, neuropsychopathische Individuen, die
direkt oder indirekt vom Kriege betroffen werden, laufen große
Gefahr, zu erkranken, viel seltener droht dies bis dahin nerven¬
gesunden Individuen. Diese Erfahrungen sind gewiß die treff¬
lichste Illustration für Goethes Worte:
„Volk und Knecht und Ueberwinder
Sie gestehn zu jeder Zeit:
Höchstes Glück der Erdenkinder
Sei nur die Persönlichkeit.“
So hat auch dieser Krieg trotz seines Massenaufgebots von
Menschen und Waffen doch wieder gezeigt, daß die Persönlichkeit,
die Individualität noch immer das Maßgebende bleibt.
Ich hoffe, nicht nur die Aerzte und Theoretiker, sondern
auch die Politiker und Staatsmänner werden sich fortab den For¬
derungen der Eugenik nicht mehr verschließen können, gleichwie
die Bestrebungen, bei der Erziehung unserer Jugend neben der
Ausbildung der Intelligenz die Stärkung des Gemüts und des
Körpers nicht zu vernachlässigen, mehr denn je werden gefördert
werden müssen. Die Sehnsucht nach dem ewigen Frieden wird
wohl auch für die folgenden Zeiten noch Utopie bleiben. Darum
werden wir alles tun müssen, um die Leistungsfähigkeit und
Widerstandsfähigkeit unseres Volkes zu heben. Denn das Volk,
das nicht mehr imstande ist, seine Kulturgüter, wenn es sein muß,
mit den Waffen in der Hand zu verteidigen, hat keine Existenz¬
berechtigung.
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UMIVERSITY OF IOWA
474
25. Aprü.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17.
(Aus dem Festungslazarett Kiel.)
Die Behandlung der Folgezustände von Gehirn-
erschfitterung
von
Prof. Dr. Ernst Weber, an der Universität Berlin
(zurzeit Festungslazarett Kiel).
Die Fälle von Gehirnerschütterung, die seit Kriegsbeginn
naturgemäß in stark vermehrter Anzahl zur Beobachtung ge¬
langen, rühren entweder von Fall auf den Kopf von einem
erhöhten Punkte, oder von Schädelverletzung durch Kugel
oder Granatsplitter her. Die Fälle, bei denen das Gehirn selbst
verletzt wurde, rechne ich nicht mit zu den hier erörterten
Fällen, da dann meist andere Störungen überwiegen, was sich
auch deutlich bei der von mir angewendeten Untersuchungs¬
methode erkennen ließ. Als Zeichen für das Eintreten einer
Gehirnerschütterung ist es zu betrachten, wenn der Patient
nach der Verwundung eine Zeitlang bewußtlos war.
Als Folgezustände -der Gehirnerschütterung bezeichne
ich die nervösen Störungen, die zwar sofort nach der Ver¬
letzung einsetzen, aber die Heilung der Wunde meist monate¬
lang überdauern und wegen ihrer Stärke die Leute für diese
Zeit völlig dienstunfähig machen.
Diese Störungen bestehen in einem außerordentlich
starken Kopfschmerz, der entweder dauernd, oder den größten
Teil des Tages über, in gleicher Stärke besteht, oder sich drei-
bis viermal täglich zu einstündigen, besonders starken An¬
fällen steigert. Dauernd besteht Kopfdruck, der Schlaf ist sehr
schlecht, in allen Fällen sehr vermindert, oft ist ununter¬
brochen, in allen Fällen aber bei schnellerem Gehen oder
Treppensteigen Schwindelgefühl vorhanden, und die Kranken
sind zur Ausführung anstrengender Muskelarbeiten unfähig,
geraten sofort dabei in Schweiß und müssen nach kurzem
damit aufhören. Da es mir nun gelungen ist, unter Benutzung
meiner besonderen, hierfür neuen Untersuchungsmethode eine
Behandlungsweise festzustellen, durch die solche Kranke in
kürzester Zeit von ihren Beschwerden befreit wurden, wobei
sich mittels meiner Untersuchungsmethode der Erfolg der Be¬
handlung auch objektiv klar nachweisen ließ, dürfte es wohl
nicht unangemessen sein, darüber Näheres zu berichten.
Meine Untersuchungsmethode besteht in der Registrie¬
rung der Veränderungen der Blutverteilung im Körper, die bei
gewissen äußeren Einwirkungen auf das Gehirn bei Gesunden
in ganz bestimmter Weise eintreten müssen, wie ich das früher
eingehend beschrieben habe l ). Bei Kranken benutze ich der
Einfachheit halber nur die Registrierung der Gefäßweite an
der Hand oder am Vorderarm, und es hat sich herausgestellt,
daß am besten, ja ausschließlich, als äußeren Reiz bei den
hier behandelten Fällen die kurzdauernde Ausführung einer
völlig lokalisierten Muskelarbeit (Dorsalflexion des in be¬
stimmter Lage gehaltenen Fußes) angewendet wird. Das
Instrumentarium besteht aus dem verbesserten Arm-Plethys¬
mograph von Mosso-Lehmann, einem Kymographion,
einem Registrierapparat für die Atmungsgröße und zwei
M a r e y sehen Registrierkapseln. Die Technik der Unter¬
suchung ist indessen nicht so einfach, wie manche Kliniker
geglaubt haben, und es bedarf zur Beherrschung der zahl¬
reichen Fehlerquellen langer Uebung.
Nach meinen langjährigen Feststellungen treten bei
nicht ermüdeten Personen die auf die einzelnen äußeren Reize
zu erwartenden vasomotorischen Veränderungen nur bei be¬
stimmten Krankheiten nicht in richtiger, oder gar in völlig
umgekehrter Weise ein. So hatte ich auch schon früher in
Berlin in einigen Fällen gefunden, daß noch monatelang nach
dem Erleiden einer Gehirnerschütterung die Aenderung der
Blutverteilung im Körper bei Muskelarbeit in umgekehrter
Weise eintrat, und anstatt einer verstärkten Blutzufuhr zu
sämtlichen äußeren muskulären Teilen während der Aus-
~ >) ..Der Einfluß psychischer Vorgänge auf den Körper“, Berlin
1910, und andere Publikationen.
führung einer lokalisierten Muskelarbeit eine Verminderun»-
eintrat, wodurch ein Zustand geschaffen wurde, der dem bei
völliger Erschöpfung gleicht.
Bei der Untersuchung der Fälle von Gehirnerschütterung
die während des Krieges ins Festungslazarett Kiel kamen’
oder mir von andern dortigen Lazaretten zugesandt wurden,
bestätigte sich dies frühere (noch nicht publizierte) Unter¬
suchungsergebnis vollkommen. Bei Ausführung einer kurzen,
lokalisierten Muskelarbeit von fünf bis zehn Sekunden Dauer
wurde eine starke Verengerung sämtlicher äußerer Blutgefäße
registriert, anstatt der normalen Erweiterung. Wie schon her¬
vorgehoben, bezieht sich dies alles nur auf solche Fälle, bei
denen eine Kopfverletzung, nicht allgemeiner Shock, die
Ursache der Erkrankung war, und bei denen nach der Ver¬
letzung eine Bewußtlosigkeit eingetreten war, also auf Fälle
von reiner Cominotio cerebri.
Durch frühere Untersuchungen aller anderen Gefä߬
gebiete (wie auch der Bauchorgane) habe ich nun festgestellt,
daß ein solch umgekehrtes Verhalten der Muskeln und Haut¬
gefäße immer auch von entsprechenden Störungen der
vasomotorischen Innervation der andern Gefäßgebiete be¬
gleitet ist. Hier ist von besonderm Interesse, daß ich durch
Volummessungen des Gehirns bei Personen mit Schädeldefekt
feststellte, daß in solchen Fällen auch die normale Innervation
der Hirngefäße gestört ist. (Ich füge hi^* ein, daß ich bewiesen
habe, daß die Ursache aller dieser Störungen in einer Scliä-
digung des centralen Innervationsmechani^ius der Blutgefäße
liegt.) Da ich nun nach meinen früheren Erfahrungen aus den
Störungen der Innervation der äußeren Gefäße auf eine gleich¬
zeitig bestehende der Hirngefäße schließen darf, ist es berech¬
tigt, diese Störungen als Ursache der Beschwerden der
Kranken mit Commotio zu betrachten, denn zweifellos macht
sich die Störung des Innervationsmechanismus der Hirngefäße
nicht nur bei der Wirkung äußerer Reize, wie bei Muskel¬
arbeit, sondern auch im Ruhezustand bemerklich, und nach
andern früheren, noch nicht publizierten Untersuchungen von
mir ist es zweifellos, daß das Auftreten von Kopfschmerz und
Schwindel in gewisser Beziehung zum Verhalten der Blutfülle
des Gehirns steht.
(Die Schwäche und Arbeitsunfähigkeit der Kranken er¬
klärt sich außerdem aus der pathologischen Verminderung der
Blutzufuhr zu den arbeitenden Muskeln.)*)
Wenn diese Vermutung richtig ist, so muß ich in der
Registrierung des Verhaltens der Blutgefäße bei bestimmten
äußeren Reizen, hier bei Ausführung von lokalisierter Muskel¬
arbeit, eine völlig objektive Untersuchungsmethode in der
Hand haben, um das Fortschreiten der Besserung und den
Zeitpunkt des Eintretens der Heilung zu bestimmen.
Besonders muß ich aber damit auch die Wirkung jeder
einzelnen therapeutischen Maßnahme feststellen können, was
deshalb von Wert ist, weil die subjektiven Angaben der
Kranken darüber auch bei ihrem besten Willen nicht immer
völlig maßgebend zu sein brauchen. Uebrigens deckten sich
bei den hier erwähnten Fällen die subjektiven Angaben voll¬
kommen mit dem objektiven Befunde.
Da hierbei also die Störungen der Gefäßinnervation von
mehr als nur diagnostischer Bedeutung sind, wie bei andern
(zum Beispiel Herz-) Krankheitenf ämd die Ursache der Be¬
schwerden selbst darstellen köhhen, versuchte ich es, diese
Störungen therapeutisch zu beeinflussen.
Versuche mit verschiedenen Medikamenten waren voll¬
kommen ergebnislos. Eine gan$& erstaunlich gute Wirkung
erzielte ich aber mit der Anwendung von Wechselduschen, und
zwar wurde in genau gleichmäßiger Weise durch jede einzelne
Dusche sowohl die objektiv nachweisbare Störung der Gefä߬
innervation, als auch die subjektiven Beschwerden des
Kranken beseitigt., wodurch die Abhängigkeit der beiden Er¬
scheinungen voneinander bewiesen ist. Noch klarer tritt dies
*) Siehe darüber meine Abhandlungen im Archiv f. (Anat. u.)
Physiol. 1914.
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UNIVERSUM OF IOWA
25. April
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17.
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womöglich darin hervor, daß nach der Applikation der ersten
Wechseldusche die gute Wirkung auf das Befinden des
Kranken meist nur einige Stunden dauert und erst nach
mehreren Wiederholungen dauernd wird, denn genau mit dem
ziemlich scharfen Zeitpunkt der jedesmal wiedereintretenden
Verschlechterung des Befindens geht auch das Wieder¬
erscheinen der objektiv nachweisbaren Innervationsstörung
der Blutgefäße einher.
Die Frage, ob die Ursache des Kopfschmerzes und
Schwindels nach Commotio cerebri wirklich in der Störung
der Innervation der Hirngefäße liegt, ist damit wohl endgültig
im positiven Sinne erledigt.
Kurve des
Arrr,-
volumens
Klirre der
Atmnngs-
grüße
Abb. 1.
In der Zeit vom Zeichen X Ms — wird von dem Patienten eine
kriiHicre, aber völlig lokalisierte Muskelarbeit geleistet (ab¬
wechselnde Dorsal- und Plantarflexion des freibilagenden Fußes).
Beistehend ist in Figur 1 die typische Volumkurve des
Armes eines derartigen Kranken bei Ausführung einer kurzen,
lokalisierten Muskelarbeit, die vom Zeichen -f- bis — dauerte,
allgebildet. Es tritt infolge der Muskelarbeit eine sehr starke
Senkung der Volumkurve ein, ohne daß die Atmungsform da-
Abb. 2.
Dasselbe, wie in Abb, 1. Zwischen der Aufnahme von Abb. 1 und
Abh, 2 erhielt: der Patient eine Wechseldnsche und die bei der Auf¬
nahme von Abb. 1 vorhandenen sehr heftigen Kopfschmerzen und
Schwindel waren bei Aufnahme von Abb. 2 völlig verschw unden.
sich ändert, also es erfolgt eine pathologische Gefäßver-
Mgerung in den äußeren Körperteilen (Muskeln) des Kranken.
^ nf die zahlreichen bei Aufnahme solcher Kurven zu beach¬
tenden Vorsichtsmaßregeln kann ich hier nicht eingehen und
verweise auf mein oben zitiertes Buch.)
Unmittelbar darauf wurde dem Kranken die erste
Wechseldusche appliziert und etwa % Stunde später wurde
in genau gleicher Weise, wie vorher, die Kurve von Figur 2
aufgenommen. Bei völlig gleichbleibender Atmung ist jetzt
die Gefäßreaktion bei der Muskelarbeit eine vollkommen
normale, die Kurve zeigt eine gleichmäßige und starke
Steigerung, die einen so großen Gegensatz zu der vor der
Dusche aufgenommenen Kurve darstellt, daß Irrtümer bei ge¬
übten Untersuchen! indiesenFällen kaum möglich sind.
Kopfschmerzen und Schwindel sind in diesem Zustande
wie mit einem Schlage verschwunden, in einigen Fällen trat
die beste Wirkung erst nach zirka Vfe Stunde auf, bisweilen
ist es aber auch so, daß der Kranke, der vorher wegen des
Schwindels sich nicht im Bett emporrichten konnte und zur
Dusche halb getragen werden mußte, nach der Dusche den
Baderaum allein und ohne Beschwerden verlassen konnte.
Man kann also in allen Fällen, was ich hervorheben möchte,
schon nach der Anwendung der ersten Dusche erkennen, ob
die Behandlung erfolgreich ist. In einigen Fällen dauerte die
gute Wirkung der Dusche schon nach der ersten Applikation
einen halben Tag, bisweilen auch zunächst nur einige Stunden,
immer genau solange, wie das normale Reagieren der Blut¬
gefäße auf Reize dauerte. Bei Wiederholung der Duschen ver¬
längert sieh die gute Wirkung der einzelnen Dusche immer
mehr, bis schließlich nach ein- bis zweiwöchiger Behand¬
lung auch schon ohne jede Dusche das Befinden des Kranken
und das Verhalten der Volumkurve dauernd völlig normal ist.
Bisweilen tritt dieser Zustand aber schon viel eher ein, wäh¬
rend ohne diese Behandlung das Leiden monatelang dauern
kann.
Die Wechselduschen wurden in der Weise gegeben, daß
etwa sechs bis sieben Minuten lang abwechselnd je VL> Minute
lang heiße und kalte Dusche (14 0 und 45 0 mit Uebergängen)
gegeben wurde, wobei die kalte eher etwas an Dauer die heiße
übertreffen und in jedem Falle den Abschluß bilden muß. Wie
verschiedene der Kranken übereinstimmend aussagten, und
ich auch an den Kurven erkennen konnte, wirkte eine nur
heiße Dusche auf diese Zustände nicht, ja eher schädlich, und
eine nur kalte weniger, als eine Wechseldusche, während
warme und heiße (35 und 40 °) Bäder direkt schädlich wirkten.
Wahrscheinlich ist das wirksame Prinzip nur der Kältereiz,
der durch Gegensatz des heißen Wassers noch verstärkt wird!
(Neuerdings erzielte ich einmal Erfolg auch schon mit Um-
spülung des Schädels durch ein aufgelegtes, vielfach gewun¬
denes Metallrohr.)
Vielleicht ist es von Interesse, wenn ich einzelne der be¬
handelten Fälle sehr kurz hier erwähne, wobei ich hervorhebe
daß ich als Fälle von Commotio natürlich nur solche betrachte,
bei denen nach Erleiden der Verletzung deutlich eine gewisse
Zeit der vollkommenen Bewußtlosigkeit bestand, nur bei
diesen ist auch immer die erwähnte Störung der Gefäßinner¬
vation vorhanden J ).
1. Fall. K. Drei Monate vor Untersuchung * Commotio mit
sechsstündiger Bewußtlosigkeit, nachdem ihm ein Korb Kohlen auf den
Kopf gestürzt war. Dauernd starker Kopfschmerz und Schwindel
Arbeitsunfähigkeit. Zeigt deutliche Störung der Gefäßinnervation
Nach jeder Wechseldusche sind alle Beschwerden zunächst auf zwei
Stunden geschwunden, und ebensolange ist die Gefäßinnervation
normal. Nach zwölftägiger Behandlung ist die Dauer der guten Wir¬
kung jeder Dusche auf acht Stunden gestiegen, und auch in der
Zwischenzeit sind die Störungen nur noch von sehr geringfügiger
Natur. Die Beobachtung mußte dann abgebrochen werden.
2. Fall. L. Erlitt zwei Wochen vor der Untersuchung eine
Commotio durch einen Sturz von einem Dach bei einem Fliegerangriff
war danach eine halbe Stunde bewußtlos und hat dauernd so starken
Kopfschmerz und Schwindel, daß er das Bett nicht verlassen kann.
Gefäßreaktion umgekehrt. Nach der ersten Dusche kann Patient be¬
reits allein gehen, hat keine Kopfschmerzen mehr und normale Gefäß-
*) Die Kranken stammen fast alle aus der chirurgischen Abtei¬
lung des Herrn Stabsarztes Dr. Neu her t, dem ich für seine Unter¬
stützung meiner Untersuchungen zu Dank verpflichtet bin.
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UNIVERSUM OF IOWA
476
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17.
25. April.
reaktion. Die gute Wirkung dauert zunächst vier Stunden, und des¬
halb ist in der folgenden Nacht der Schlaf noch ebenso schlecht, wie
in den vorhergehenden Tagen. Am nächsten Tage dauert die völlige
Beseitigung des Kopfsclunerzes und Schwindels durch die morgens
genommene Dusche bereits den ganzen Tilg an, und der Kranke hat
zum ersten Male seit der Verletzung guten Schlaf. Am folgenden Tage
fehlen Kopfschmerz und Schwindel bereits, ohne daß eine Dusche ge¬
nommen wird. Die Behandlung wird trotzdem noch eine Zeitlang
fortgesetzt.
3. Fall. W. Zwei Monate vor Untersuchung Granatsplitter in
Schädeldecke mit folgender Lähmung des rechten Beins und kurz¬
dauernder Lähmung des rechten Annes und Sprachstörung von einer
Woche Dauer. Fuß ist noch gelähmt. Starker Kopfschmerz. Um¬
gekehrte Gefäßreaktion und andere interessante Gefäß-Innervations-
störungen. Nach Behandlung mit Duschen gehen die Störungen der
Innervation der Blutgefäße und die Kopfschmerzen schnell völlig
zurück.
4. Fall. P. Blieb nach einem Sturze vom Mast zwei Tage be¬
wußtlos, seitdem dauernder Kopfschmerz, Schwindel und besonders
außerordentlich starkes Zittern der Glieder. Störung der Gefäßinner¬
vation. Mehrere Monate nach dem Unfall begann die Behandlung mit
Wechsclduschen. Schon nach der ersten Dusche ist das Zittern der
Glieder völlig verschwunden, die vorher sehr bewegte Volumkurve
sehr ruhig und die Gefäßreaktion völlig normal. Nach zweiwöchigem
Gebrauch der Duschen ist das Aussehen des Kranken ein auf¬
fallend besseres, das Zittern ist dauernd verschwunden und nie wieder
aufgetaucht, die Innervation der Blutgefäße auch ohne Dusche völlig
normal. Der Kranke gibt an, noch Kopfstiche, w r enn auch in viel
geringerer Stärke als früher, zu haben, doch lassen verschiedene Um¬
stände den behandelnden Arzt bezüglich des, wenn auch abgeschwäch¬
ten, Weiterbestehens des Kopfschmerzes Simulation vermuten.
5. Fall. St. Neun Wochen vor Untersuchung Granatsplitter
in Schädeldecke mit einhalbstündiger Bewußtlosigkeit und kurz¬
dauernder Lähmung der einen Seite, von der noch jetzt Reste vor¬
handen sind. Der seitdem bestehende sehr starke Kopfschmerz wurde
nach zwei Schädeloperationen etwas besser, kommt aber jetzt noch
täglich etwa viermal in je eine Stunde dauernden heftigen Anfällen
wieder. Unaufhörlich besteht Schwindelgefühl und allgemeines Unwohl¬
sein usw. Schlaflosigkeit. Starke Störungen der Gefäßinnervation
nachweisbar. Nach der ersten Wechseldusche sind die Beschwerden
des Kranken, bis auf ein Summen im Kopfe, gleichzeitig mit der
Störung der Gefäßinnervation verschwunden, nach Vi Stunde ist auch
das Summen fort und Patient den ganzen Tag über wohl und ohne die
gewohnten Anfälle. Der Schlaf ist zum ersten Male seit der Verwun¬
dung gut. Die Duschen wurden fortgesetzt und auch an den nächsten
Tagen blieben die sonst regelmäßigen Anfälle von Kopfschmerz
völlig aus.
Selbst solche Fälle von Nachwirkungen von Commotio cerebri,
deren Ursache jahrelang zurückliegt, wurden in sehr günstigem Sinne
durch Wechselduschen beeinflußt.
6. Fall. Th. Commotio vor zwei Jahren infolge eines Blitz¬
schlags mit schweren andern Verletzungen. Hat anfallsweise oft sehr
starke Kopfschmerzen und in diesem Zustand ist bei ihm Störung der
Gefäßinnervation nachweisbar. Jedesmal nach Applikation einer
Wechseldusche ist beides verschwunden. Eine regelmäßige Kur wird
vom Patienten nicht gemacht.
7. Fall. A. Commotio vor acht Jahren mit Bewußtlosigkeit
und folgender Trepanation. Seitdem dauernd Kopfstiche und Schwindel¬
gefühl, besonders bei jeder leichten Anstrengung, aber auch im Ruhe¬
zustand. Starke Störungen der Gefäßinnervation nachweisbar. Nach
einer Wechseldusehe ist die Gefäßinnervation völlig normal und die
Beschwerden sind vollkommen beseitigt. Durch mehrere in ver¬
schiedenen Zeiträumen vorgenommene Untersuchungen wird festge¬
stellt, daß die Störungen der Gefäßinnervation für genau denselben
Zeitraum nach den Duschen fortbleiben, während dessen das Befinden
des Kranken gut bleibt, ein Zeitraum, der schon nach den ersten
Duschen jedesmal zirka sieben Stunden dauerte und sich allmählich
verlängerte. Auch der Schlaf war schon nach Beginn der Duschen¬
applikationen gut. Die Beobachtung des fast geheilten Kranken mußte
aus äußeren Gründen abgebrochen werden.
Diese Beispiele werden genügen, und ich hoffe, daß diese
Behandlungsweise, die wie kaum eine andere therapeutische
Maßnahme durch die Veränderung des objektiven Unter¬
suchungsbefundes verfolgt und erklärt werden kann, und
durch die zweifellos zahlreiche Kranke monatelang eher
wieder dienstfähig werden, als es sonst der Fall wäre, auch in
den Kriegslazaretten Anwendung findet.
Die hier erörterte Behandlungsweise hat sich auch bei
andern Krankheiten und pathologischen Zuständen, bei denen
ich Störungen der Gefäßinnervation nachweisen konnte, als
sehr vorteilhaft erwiesen (zum Beispiel auch bei den oft lang-
dauernden nervösen Folgezuständen von chirurgischen
Operationen in Narkose), da diese Beobachtungen aber noch
nicht abgeschlossen sind, werde ich später darüber berichten.
Bemerkung zu der vorstehenden Abhandlung von Prof. E. Weber
von
Marinestabsarzt d. R. Dr. Neubert,
Oberarzt der chirurgischen Abteilung des Festungslazaretts Kiel,
Spezialarzt für Chirurgie, Chemnitz.
Jeder Arzt, chirurgischer Kliniker, Praktiker oder
Neurologe, kennt die oft so langdauernden berechtigten oder
unberechtigten Klagen der Patienten mit Gehirnerschütterung.
Die vorliegenden wissenschaftlichen Untersuchungen und
therapeutisch erfolgreichen Angaben des Herrn Prof.
E. Weber an Fällen von Gehirnerschütterungen sind
vom klinisch-praktischen Standpunkt aus außerordentlich
zu begrüßen. Nichts ist wohltuender für den Arzt, als
wenn er mit objektiven Untersuchungsmethoden den subjek¬
tiven Klagen seines Patienten nahekommen kann, nichts be¬
friedigender, als wenn er. endlich helfen kann, und gar bei
einem pathologisch-anatomisch so nichtssagenden Gebiete wie
der Commotio cerebri, dem meist so starke klinische Aeuße-
rungen gegenüberstehen.
Mit Hilfe eines nicht komplizierten Instrumentars gelingt
es, die Tatsächlichkeit der Klagen von Schwindel, Kopf¬
schmerzen, Ermüdung usw. durch das abnorme Verhalten der
Gefäßinnervation graphisch zu belegen, oder Uebertreibung
oder gar Simulation festzustellen.
Steht man damit einem prekären Teilgebiete der
medizinischen Unfall-Lehre mit sehr erwünschten und sicheren
diagnostischen Waffen gegenüber, so ist die einfache hydro¬
therapeutische Maßnahme der Wechselduschen auf den Kopf
und Körper nicht minder schön und wirksam, und es ist er¬
freuend, zu sehen, mit welcher Sicherheit die subjektive
Besserung im Befinden des Kranken der objektiven Fest¬
stellung auf der Kurve in den von uns beobachteten und mit
überraschendem Erfolge behandelten Fällen parallel geht.
Die Weber sehe Untersuchungsmethode der Gefä߬
reflexe bei Kopftraumen ist deshalb als sehr wertvoll zu be¬
zeichnen, obwohl die Technik erst durch Uebung zu erlernen
ist, und der exakt durch sie kontrollierbaren Wechselduschen¬
therapie ist weiteste Verbreitung zu wünschen./
Hygienische Erfahrungen im Felde
von
Oberstabsarzt Prof. Dr. Ph. Kuhn
Chefarzt eines Feldlazaretts
und
Stabsarzt Prof. Dr. B. Möllers,
Hygieniker beim Korpsarzt
bei einem Armeekorps des westlichen Kriegsschauplatzes.
(Fortsetzungr ans Nr. Ift )
4. Bekämpfung des Ungeziefers. Unentbehrlich
ist für die Truppenteile eine Anstalt, in der die Mannschaften von
Ungeziefer, insbesondere Läusen, und Krätze befreit werden. Alle
Bemühungen, durch Behandlung in der Truppe der Krätzeplage
Herr zu werden, scheitern, weil die Kleider nicht befreit werden
können. Aus demselben Grund ist der Truppenarzt gegen die
Kleiderläuse machtlos. Die Einrichtung kleinerer Behandlungs-
Stationen im Revier oder Lazarett für besonders stark befallene
oder besonders empfindliche Leute zeitigt häufig keinen dauern¬
den Erfolg, zumal die Truppe die Reinigung der Quartiere
und Unterstände nur dann mit Erfolg vorbereiten und durch¬
führen kann, wenn eine Massenbehandlung vorgenommen werden
und ganze Kompagnien oder doch größere Teile davon gleich¬
zeitig befreit wurden können.
Die durch eines unserer Feldlazarette am Standorte des
Generalkommandos ins Leben gerufene Anstalt führt den Namen
„Sanitätsbad“. Sie dient auch zur Reinigung von Truppenteilen,
in denen sieh Fälle von ansteckenden Krankheiten gezeigt haben.
Ebenso wie in der vorhergehend geschilderten Militärbade¬
anstalt sind die Färbereieinrichtungen einer großen Bandfabrik
benutzt wurden.
Diese Anstalt besteht, abgesehen von den Aborlanlageii, aii"
folgenden Räumen:
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UNIVERSITY OF IOWA
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK
25. April.
1. dem Warteraum mit Wartehalle für unbehandelte Mann¬
schaften,
2. dem Auskleideraum,
3. dem Dampfraum,
4. den Baderäumen,
5. dem Waschraum für Wäsche und Kleider,
6. dem Trockenraum für Wäsche und Kleider,
7. dem Tagesraum für behandelte Mannschaften,
8. dem Schlafraum für behandelte Mannschaften,
0. dem Ankleideraum,
10. der Kleiderkammer.
Der (Jang der Behandlung Krätzekranker ist folgender:
Die von der Truppe ein treffenden Mannschaften begeben sich in
den Warteraum, wo sie solange verbleiben, bis sie in Gruppen von
lti bis 20 Mann aufgerufen werden. Sie werden angehalten, darauf
zu achten, daß der Raum nicht verunreinigt wird und in Ordnung
bleibt. Aus dem Warteraum werden sie zum Auskleideraum geführt.
Die zuletzt Herausgeführten haben vorher den Warteraum in Ordnung
zu bringen. Mannschaften, die behandelt sind, dürfen den Warteraum
nicht mehr betreten, da er ausschließlich für die Unbehandelten be¬
stimmt ist. In dem Auskleideraum ziehen sich die Leute aus. Die
sämtlichen Kleidungs- und Ausrüstungsstücke, mit Ausnahme der
Ledersachen, werden für jeden Mann getrennt auf ein Tuch gelegt
und zu einem Bündel vereinigt. Die Bündel werden sodann 40 Minuten
in strömendem Wasserdampfe sterilisiert. Das geschieht entweder
in einem Dampfraume, wie er oben im Abschnitt 1 unter d erwähnt ist,
oder in runden Dampfbottichen, auf die Blechtrichter aufgesetzt wer¬
den. ln das Abzugsrohr der Trichter ist eine Drosselklappe eingebaut,
durch die der Dampfdruck vermehrt wird. Inzwischen erhalten die
Mannschaften ein warmes Wannenbad von zehn Minuten Dauer, in
dem sic sich gründlich abseifen. Nach dem Bade werden sie mit
Solutio Flemming (liquor calcii sulfurat.) eingepinselt.
Diese Lösung wird folgendermaßen bereitet: 1000 g gebrannter
Kalk wird zu Pulver gelöscht und dann mit 2000 g Schwefel verrieben.
Diese Mischung wird mit 20000 g Wasser angerührt und unter ständigem
Ilmrühren einige Stunden gekocht und nach dem Abkühlen filtriert.
Das Filtrat soll 12 000 g betragen. Das Aufsichtspersonal hat darauf
zu achten, daß keine Stelle des Körpers, besonders an den Geschlechts¬
teilen. der Achselhöhle und den Fingern unbehandelt bleibt. Nachdem
die Mannschaften sich reine Lazarettkleider angezogen haben, emp¬
fangen sie das inzwischen im Dampf desinfizierte Kleiderbündel zu¬
rück. Sie begeben sich damit in den Waschraum. Hier reinigt jeder
s<iw ganzen Ausrüstungsstücke mit Wasser, Seife und Bürste gründ¬
lich. Die Sachen kommen dann in eine Zentrifuge, in der sie noch
stattliche Mengen schmutzigen Waschwassers abgeben, und werden
hierauf von jedem einzelnen in den über der Dampfmaschine gelegenen
Trockenraum gebracht und dort dem Personal übergeben. Dieses ver¬
sieht die Sachen mit der Kontrollnummer und hängt sie auf Holzlatten
zum Trocknen auf. Die Leute werden danach noch einmal an den
l nterarmen und Händen eingepinselt und begeben sich in den Tages-
raum. wo auch geraucht werden darf. Am ersten Nachmittag der Be¬
handlung hat jeder, nachdem er behandelt ist, seine Waffen zu reinigen
timl instand zu setzen. Außerdem wird Unterricht über gesundheit¬
liche Fragen, insbesondere die Vermeidung des Ungeziefers, der Tv-
phiisgefahr und der Geschlechtskrankheiten von einem Sanitätsoffizier
erteilt. — Alle, die längeres Haar tragen, werden grundsätzlich ge¬
schoren. — Die Nacht verbringen die Mannschaften im Schlafsaal auf
sterilisierten Strohsäcken. Ein Unteroffizier des Lazaretts schläft als
Aufsicht im Saal.
Am Morgen nach dem Aufstehen hat jeder seine Lagerstatt in
Ordnung zu bringen. Die Behandlung dauert in der Regel zwei volle
Tage. Der ersten Behandlung folgen noch zwei weitere, am Morgen
des zweiten und am Morgen des dritten, des Entlassungstages. Jedesmal
werden die Leute wieder gebadet und eingepinselt. Die zur Entlassung
bestimmten Mannschaften empfangen aus dem Trockenraum ihre in¬
dischen getrockneten Sachen, ziehen sich im Ankleideraum an und
geben die empfangene Lazarettkleidung ab. Vor der Entlassung be¬
kommt jeder eine Bescheinigung, die er zur Truppe mitnimmt. Der
zweite Nachmittag wird durch Arbeitsdienst und sportliche Veranstal¬
tungen ausgefüllt, Auch wird wieder Unterricht erteilt.
Die Mannschaften mit Läusen baden ebenfalls in Bottichen,
mre Sachen werden desinfiziert. Es wird dahin gestrebt, daß sie mög¬
lichst noch am selben Tage wieder zum Truppenteil entlassen werden,
i , Anstalt > io die täglich über 200 Mann neu aufgenommen
erami können, erfordert zahlreiches Sanitätspersonal, weil der
icnst von 7 Uhr früh bis zum späten Nachmittag ohne Unter-
•reebung dauert, um möglichst viel Leute mit Läusen noch am selben
,^ e , al)zu icrtigen, und weil überall die größte Ordnung und Sauber-
y 11 herrschen muß, an welche die aus den Schützengräben kommenden
nnschaften nicht mehr gewöhnt sind. Infolgedessen sind kn Bade-
amn und Trockenraum zwei Schichten notwendig, die sich abwechseln:
Warteraum: ein Polizei-Unteroffizier.
Auskleideraum: ein Sanitäts-Unteroffizier, ein Militär-
Krankenwärter,
Baderaum (zwei Schichten): zwei Sanitäts-Unteroffiziere,
acht Militär-Krankenwärter.
Dampfraum: ein Sanitäts-Unteroffizier, ein Militär-Kranken¬
wärter. I
Waschraum: zwei Militär-Krankenwärter. .
Trockenraum (zwei Schichten): zwei Sanitäts-Unteroffiziere,
vier Militär-Krankenwärter.
Tagesraum: ein Sanitäts-Unteroffizier.
Sehiafraum: ein Sanitäts-Unteroffizier, ein Militär-Kranken¬
wärter.
Auskleideraum: ein Sanitäts-Unteroffizier.
Kleiderkammer: ein Kammer-Unteroffizier, drei Militär-
Für Regelung des Zu- und Abgangs: ein Sanitäts-Unter¬
offizier.
In den Schlafräumen hat nachts immer ein anderer Sanitäts-
Unteroffizier Wache.
Zusammen: zwei Unteroffiziere, zehn Sanitäts-Unteroffiziere,
20 Militär-Krankenwärter.
Aus dieser Aufstellung geht hervor, daß das Sanitätsunter-
personal eines Feldlazaretts für ein größeres Sanitätsbad nicht aus¬
reicht.
Zur Beaufsichtigung der Anstalt, zur Untersuchung der Mann¬
schaften vor dem Bade, Abhaltung des Revierdienstes und Erteilung
<les Unterrichts sind zwei Sanitätsoffiziere erforderlich. Ein Lazarett-
inspektor hat an der Erledigung des Schriftverkehrs mit den Truppen¬
teilen, der Führung der Listen, der Regelung des Wirtschaftsbetriebs
reichlich Arbeit. Ferner sind zwei Mann für die Küche notwendig.
Endlich müssen ständig etwa zehn Flauen die Wäsche und Kleider
des Lazaretts waschen.
Vom 19. Dezember 1914. dem Tage der Eröffnung an, wurden
bis zuin 15. Februar 1915 3038 Mann im Sanitätsbad ausgenommen.
Der Kohlcnverbrauch beträgt täglich 6000 kg Kohlen.
Erwähnenswert ist, daß bei den Besuchern der Anstalt niemals
etwas von einer Flohplage bemerkt wurde.
Ein zweites Sanitäfsbad wird an einem andern Ort in den
Räumen einer Dampf Wäscherei eingerichtet.
5. Seuche n. T y p h u s. Unter allen Kriegsseuchen,
welche für den westeuropäischen Kriegsschauplatz in Betracht
kommen, spielt der Typhus die erste Rolle. Schon im letzten
deutch-französischen Krieg erkrankten nicht weniger als 74 205
Mann der deutschen Armee an Typhus, von denen 8904 der
Krankheit erlagen. Auch die französische Feldarmee hatte da¬
mals unter dem Typhus sehr zu leiden; unter den nach Deutsch¬
land gebrachten kriegsgefangenen Franzosen kamen über 15 000
Typhuserkrankungen mit 3835 Todesfällen zur Beobachtung.
Dieses Vorherrschen des Typhus ist kein Wunder, da sich die
militärischen Operationen in Gegenden abspielen, in denen Typhus¬
fälle in der Zivilbevölkerung häufig Vorkommen.
Der Vorbeugung von Typhusinfektionen unter den kämpfen¬
den Truppen mußte daher von den ersten Tagen der Mobilmachung
an eine erhöhte Aufmerksamkeit gewidmet werden.
Die seit etwa zehn Jahren im Südwesten des Deutschen
Reiches, dem Aufmarschgebiete der deutschen Armee, durch¬
geführte planmäßige Typhusbekämpfung hat die erste große Probe
ihrer militärischen Brauchbarkeit in diesem Feldzuge glänzend be¬
standen.
Auf Grund der von den bakteriologischen Untersuchungs-
anstalten geführten genauen Listen über alle in den einzelnen
Kreisen vorhandenen Typhuserkrankungen und Typhusbacillen¬
träger waren die in das Aufmarschgebiet vorausgesandten Hygie¬
niker der Armeekorps in der Lage, alle in den einzelnen Ort¬
schaften erforderlichen Absperrungsraaßregeln anzuordnen. Be¬
sonderer Wert wurde darauf gelegt, nicht nur die Typhuskranken,
sondern auch alle durch die Untersuchungen bekannten Typhus¬
bacillenträger während der Dauer der militärischen Operationen
in geeigneten Zivilkrankenhäusern abzusondern, um so den häufig
in Massenquartieren untergebrachten Mannschaften jede Möglich¬
keit des Zusammenkommens mit Infektionsträgern zu nehmen.
Von demselben Gesichtspunkt ausgehend, wurden später auch in
den besetzten Gebietsteilen Frankreichs und Belgiens die mit Hilfe
der dortigen Zivilärzte ermittelten Typhuskranken und -verdäch¬
tigen teils in ihren Wohnungen beziehungsweise Gehöften, teils in
eigens eingerichteten Zivilseuehenhospitälern isoliert und den
Truppenteilen jede Berührung mit den Krankheitsherden streng
verboten. Proben von Stuhl und Urin wurden mittels Kraftwagen
an das Seuchenlaboratorium der Etappe gesandt, um Tvphus-
kranke und Bacillenträger zu ermitteln.
Im Vordergründe der Maßnahmen steht die Typhusschutz¬
impfung, die in diesem Krieg in größtem Maßstabe zur Anwendung
kommt.
Sie ist bekanntlich in verschiedenen Armeen seit Jahren mit
günstigem Erfolg eingeführt: im deutschen Heere wurde sie zuerst
1904 bis 1906 im südwestafrikanischen Aufstandsgebiet vorgenommen.
Die endgültige Beurteilung der Ergebnisse der Impfung von seiten des
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Original fram
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25. April.
478
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17.
Reichskolonialamts steht noch aus. Es ist aber als sicher anzunehmen,
daß der Verlauf des Typhus bei den Geimpften leichter und die Sterb¬
lichkeit erheblich geringer gewesen, als bei den Ungeimpften. Nach
einer Angabe von Kutsch e r *) traten Typhusfälle vom Hundert auf
leichte mittel- schwere nicht¬
schwere ermittelte
bei Geimpften . . . 71,54 20,20 1,79 1,00
bei Ungeimpften . . . 55,70 22,50 4,80 4,60
Von den Ungeimpften starben — die Todesfälle des Jahres 1904
abgerechnet, in dem die Schutzimpfung noch nicht durchgeführt war
— an Tvphus 12.40 °/o der Erkrankten, dagegen von Geimpften nur
5,47 °/u.
Auch die Zahl der Eikrankungen war bei den Cloimpften im Ver¬
hältnis geringer als bei den Ungeimpften. Während der Jahre 1905 bis
1907 erkrankten von 10 935 Ungeimpften 2133 ~ 19,5°/«, von 7181 Ge¬
impften dagegen 1013 — 14.1 7«.
In den späteren Jahren wurden die Ergebnisse der Typhusschutz-
impfimgen anderer Völker immer günstiger. Es sei uns gestattet, die
wichtigsten Zahlenangaben wiederzugeben, trotzdem sie in der Kriegs¬
literatur öfter wiederkehren.
Von 5473 Geimpften der englischen Armee erkrankten nur
0,38%, von 6610 Nichtgeimpften aber 2.83% an Typhus. Noch größer
werden die Unterschiede, wenn man die Sterblichkeitsziffern vergleicht:
von den Nichtgeimpften starben mehr als zehnmal soviel als von den
Geimpften, nämlich 3,93 zu 0,36%.
Besonders lehrreich sind die kürzlich mitgeteilten Erfahrungen
der amerikanischen Armee, in der die Schutzimpfung seit 1909 fakul¬
tativ, seit 1911 obligatorisch eingeführt ist. Nach dem neuesten Bericht
von 1914 sind bei einer Gesamtstärke von 90 646 Mann im Jahre 1913
nur drei Typhuserkrankungen und überhaupt keine Todesfälle vorge-
kommon: dabei waren von den drei Typhuskranken zwei bereits vor
der Impfung infiziert gewesen.
Auf Grund dieser günstigen Erfahrungen hat die Leitung des
deutsehen Feldsanitätswesens die Vornahme der Typhusschutz¬
impfung bei den in typhusverseuchten Gegenden operierenden
Truppenteilen veranlaßt. Ebenso werden seit Monaten auch fast
alle neu eintreffenden Ersatzmannschaften bereits in der Heimat
gegen Typhus geimpft.
Als Impfstoff wurde allgemein die von den verschiedenen
deutschen staatlichen und privaten wissenschaftlichen Instituten
hergestellte Aufschwemmung von abgetöteten Typhusbacillen
nach 24 ständigem Wachstum auf Agarnährböden verwendet. Da
infolge des ungeheuer großen Bedarfs an Typhusimpfstoff in mög¬
lichst kurzer Zeit die Herstellung des Impftstoffs nicht eentralisiert
werden konnte, sondern an alle dazu verwendbaren Laboratorien
vergeben werden mußte, ist es nicht ausgeschlossen, daß der Ba¬
cillengehalt und die Wirksamkeit der an verschiedenen Stellen her¬
gestellten Präparate eine ungleichmäßige ist. Es dürfte sieh daher
für die Folgezeit empfehlen, allen Laboratorien den gleichen
Typhusstamm und die genau übereinstimmende Herstellungstechnik
vorzuschreiben oder alle Impfstoffe in einer Centralstelle einer Prü¬
fung zu unterziehen, damit jede Ungleichheit der Wirksamkeit
ausgeschlossen ist. Als Prüfungsmethode kommt hierbei neben der
etwas umständlichen Feststellung der Zahl der im Kubikzentimeter
enthaltenen Bacillen eine Vergleichung nach dem Grade der Trü¬
bung in Betracht, welche nach Auf-chütteln des Impfstoffs auftritt.
Wir sind von vornherein darauf gefaßt, daß die Ergebnisse
der Schutzimpfung in unserin Armeekorps, das seit dem ersten
Mobilmachungstage dauernd im Gefecht steht und erst von Ende
November an allgemein geimpft werden konnte, ungünstiger sein
werden, als in solchen Korps, die bereits in der Heimat vollständig
schutzgeimpft sind. Diese werden eher eindeutige Erfahrungen
über den Wert der Impfung liefern. Wir werden zufrieden sein
müssen, wenn wir die Ergebnisse der Impfung von Südwostafrika
erzielen, wo die Verhältnisse mit den jetzigen unseres Korps sehr
viel Aehnlichkeit hatten.
Aus militärischen Gründen wurde zunächst mit den Mann¬
schaften der Kolonnen begonnen, während der größte Teil der
Infanteristen und Artilleristen erst im Laufe des Monats Januar
schutzgeimpft wurde. Inzwischen ist die Typhusseluitzimpfung
bei sämtlichen Mannschaften des Korps durchgeführt.
Da bei den Impfgahen von 0,5, 1,0 und 1,0 ccm, die der Vor¬
schrift entsprachen, etwa ein Sechstel der Mannschaften erhebliche
Störungen des Wohlbefindens und der Arbeitsfähigkeit durchzunuichcn
hatten, wurden die Impfgaben mit Rücksicht auf die Notwendigkeit
einer dauernden Gefechtsbereitschaft alsbald auf 0,3. 0,6 und 1.0 ccm
herabgesetzt. In diesen Mengen wurden die unter die Haut der vorderen
Brustseite vorgenommenen Einspritzungen durchweg gut vertragen
und es traten, allgesehen von einer kurzdauernden Druekempfindlieh-
G Kutscher. Typhus. Lehrbuch der Militärhygiene von
nUchoff. Hoffniann, Sehwiening. Berlin 1912. August Hirschwald. S. 225.
keit in der Umgebung der Einstichstelle, in der Regel keine besonderen
Beschwerden auf.
Um die anfänglich bei einzelnen Stellen bestehende Abneigung
gegen die Typhusschutzimpfung zu überwinden, wurde ein volkstüm¬
lich gehaltener, auf klärender Aufsatz über den Typhus und seine Be¬
kämpfung in der Kriegszeitung des Armeekorps veröffentlicht und
außerdem durch Sonderabdrucke den Truppenärzten zugänglich ge¬
macht. Die Impfung ließ sich danach ohne Schwierigkeiten durch¬
führen.
Durch reichliche Lieferung von Kanülen wurde es ermöglicht,
sie während des Impftermins nach jedesmaligem Gebrauch neu aus¬
zukochen, sodaß die Möglichkeit einer Infektion ausgeschlossen war.
Die Desinfektion der Haut wurde meistens durch Abreiben mit Alkohol
teilweise auch durch Bepinseln mit Jodtinktur vorgenommen.
Wir unterlassen es, aus dem bisherigen Verlaufe des Typhus
bei unserm und bei andern Armeekorps schon jetzt irgendwelche
Schlüsse bezüglich des Erfolges zu ziehen. Eiu abschließendes Ur¬
teil wird sich voraussichtlich erst nach Abschluß des Feldzugs
fällen lassen, nachdem bei allen geimpften Fällen der genaue Zeit¬
punkt und die Gabe der Impfung festgestellt und das Verhältnis
des Zeitpunkts der Impfung zum Ausbruch der Infektion in jedem
Falle geklärt ist. Es wurde daher angeordnet, daß bei allen Mann¬
schaften der Zeitpunkt und die Gabe jeder Schutzimpfung sofort
in dem Soldbuche vermerkt werden soll, um eine einwandfreie
Unterlage für die spätere wissenschaftliche Bearbeitung dieser
Frage zu haben. Außerdem wurden bei allen Truppenteilen
namentliche Impflisten angelegt, in denen die Herkunft des Impf¬
stoffs, die Daten und Gaben jeder Impfung, sowie etwaige Re¬
aktionserscheinungen angegeben sind. Die abgeschlossenen Listen
wurden zu einem bestimmten Termine durch den Korp?arzt ein¬
gefordert und verbleiben bei den Akten des Korpshygienikers.
Schließlich ist es für die wissenschaftliche Ermittlung des Erfolgs
der Impfung von besonderem Werte, wenn bereits während des
Feldzugs über den klinischen Verlauf der genesenen Fälle fest¬
gestellt wird, ob sie „leicht“, „mittelschwer“ oder „schwer“ ver¬
laufen sind.
i Neben der Schutzimpfung wurden aber selbstverständlich die
im Frieden gewohnten und bewahrten hygienischen Bekämpf ungs-
maßnahmen auch im Felde nicht außer acht gelassen, wie wir in
1 den vorherigen Abschnitten über „Allgemeine Hygiene“ und
I „Trinkwasserversorgung“ bereits erwähnt haben. Jeder beim Re-
| vierdienst zur Beobachtung kommende Fall von Typhusverdacht
| wurde sofort von den andern Kranken isoliert und in ein eigens
hierfür bestimmtes Feldlazarett mittels Krankenwagens gebracht,
dessen Tragen unmittelbar nach dem Transporte desinfiziert wur¬
den. Treten gehäufte Erkrankungen bei einem einzelnen Truppen¬
teil auf, so wird mit allen Mitteln dahin gewirkt, daß der Er-
krankungpherd lokalisiert bleibt, damit nicht größere Truppen¬
einbeiten durch die Seuche außer Gefecht gesetzt werden. Ais
Schulbeispiel für die in einem solchen Fall erforderlichen Ma߬
nahmen sei der Verlauf einer Typhusepidemie geschildert, die Mitte
Dezember vorigen Jahres bei einer Feldartilleriebatterie ausbrach,
und die zugleich die große Gefahr zeigt, welche der operierenden
Truppe in einem dichtbevölkerten typhusdurchseuchten Gebiete
durch die Anwesenheit der Zivilbevölkerung droht.
In einem wenige Kilometer hinter der Feuerstellung der Batterie
gelegenen einsamen Bauernhof (Ferme) waren 130 Mannschaften mit
einer Familie von zehn Köpfen untergebracht. Die erste Erkrankung
auf dem Hof betraf ein Kind. Darauf erkrankten einzelne Mannschaften
unter typhusverdächtigen Erscheinungen. Die Ansteckung war hier
offenbar auf dem Wege der Kontaktinfektion von dem erkrankten
Kinde aus auf die mit den Bauern in enger Berührung lebenden Sol¬
daten iibergegangen. Daraufhin wurde das Gehöft sofort von allem
Verkehr gesperrt. Die Familie, die in dem schmutzigen, feuchten Keller
neben den Speisevorräten schlief, wurde in einem benachbarten einzeln
stehenden Hause untergebracht. Die Mannschaft blieb in dem Gehöft
bei den Geschützen und Pferden. Man dachte anfangs an eine Ver¬
legung der Leute in eine Beobachtungsstation: dann hätte man aber
für die Pferde und Geschütze neue Mannschaften bestimmen müsse»,
was sich als unausführbar erwies. Zur ärztlichen Ueberwachiing aller
Maßnahmen wurde ein Sanitätsoffizier dort einquartiert, der alle Mann¬
schaften jeden Morgen und Abend unter dauernder Kontrolle der
Temperatur untersuchte. So konnte jeder verdächtige Fall sofort er¬
mittelt und in eigens dazu bestimmten Krankenwagen einer Darm-
krankenstation in einem bestimmten Feldlazarett überwiesen werde»,
das gleiche geschah mit dem Vater des zuerst ei krankten Kimle>-
der noch vor der Verlegung der Familie erkrankte. Die MannseJiaiten.
die in Gruppen von etwa 20 Mann in verschiedenen Zimmern »m
Bod( nräumen untergeb rächt w ? aren, wurden gruppenweise auf wage
für je 24 Stunden in das oben erwähnte „Sanitätsbad“ aufgenoinmei.
wo sie gebadet und mit Schmierseife gereinigt und ihre )
Ausrüstung»- und Kleidungsstücke und Deeken in strömendem wasse
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UNIVERSITÄT OF IOWA
i
25. April.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17.
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dampf beziehungsweise in Kresolseifenlösung desinfiziert wurden. Wäh¬
rend dieser Zeit wurde im Gehöft der von der Batterie bewohnte Raum
«deichfalls einer gründlichen Reinigung und Desinfektion unterzogen,
sodaß die gebadeten Mannschaften nach ihrer Rückkehr in infektions¬
freie Räume kamen. Die Latrinen wurden regelmäßig mit Chlor¬
kalk desinfiziert und in deren Nähe Waschschüsseln mit Sublimat¬
lösung und Handtüchern aufgestellt. Außerdem mußten die Mann¬
schaften vor jeder Mahlzeit sieh die Hände mit Alkohol abreiben,
welcher in Spritzflaschen aufgestellt wurde. Der neben dem Dünger¬
haufen angelegte Pumpbrunnen wurde gesperrt und ein fahrbarer
Trinkwasserbereiter aufgestellt, welcher keimfreies Wasser lieferte.
Fenier wurde sofort die Typhussehutzimpfung aller Mannschaften ein¬
geleitet und in etwa siebentägigen Zwischenräumen mit vier Gaben zu
0,3. 0.6. 1.0 und 1,5 ccm durchgeführt. Hierdurch konnte natürlich der
Ausbruch des Typhus bei den im Inkubationsstadium der Erkran¬
kung befindlichen Mannschaften nicht verhindert werden; es wurde
jedoch bei den später Erkrankten ein leichterer Verlauf der Krank¬
heit beobachtet und schließlich blieben Neuerkrankungen ganz aus.
Im ganzen erkrankten im Verlauf der Epidemie 02 Mann an Typhus,
von denen sechs starben. Es gelang jedoch, den Krankheitsherd auf das
Gehöft zu beschränken und so weiteren Erkrankungen vorzubeugen.
Da die Typhuserkrankungen in der Zivilbevölkerung, wie wir
oben auseinandergesetzt haben, die Hauptquelle für den Typhus
in unserer Armee bilden, so haben wir begonnen, jetzt die gesamte
im Operationsgebiet unseres Armeekorps befindliche Zivilbevölke¬
rung durchzuiinpfen. Die Erfahrungen, die wir bei dieser Ge¬
legenheit sammeln werden, können vielleicht später bei der Be¬
kämpfung des Typhus in der Heimat verwertet werden.
Es sei noch erwähnt, daß eine vierte Typhussehutzimpfung
mit 1,0 ccm auch bei einem typhusbefallenen Infanterieregiment
durchgeführt ist.
Eine Wiederholung der Typhussehutzimpfung ist bei sämt¬
lichen Mannschaften des Armeekorps nach Ablauf von fünf
Monaten beabsichtigt, um einem Nachlassen des Impfschutzes vor¬
zubeugen.;
Ruhr. Die Ruhr gehört zu denjenigen Krankheiten, die
unsere Truppen schon in Friedenszeiten wiederholt während der
heißen Jahreszeit in Form von größeren und kleineren Epidemien
auf Truppenübungsplätzen heinigesucht hat. Sie stellte sieh auch
bei unsemi Armeekorps schon Ende August ein, verlief durchweg
ebenso gutartig, wie wir es im Frieden gewohnt sind, und klang
bei dem ersten Wechsel unseres Operationsgebiets Ende September
wieder ab. In einzelnen Fällen wurden dabei die gewohnten
\-Bacillen bakteriologisch nachgewiesen. Als begünstigende
Ursachen kamen die mannigfaltigen Schädigungen in Betracht,
denen unsere Mannschaften damals ausgesetzt waren: unzweck-
mäßige Ernährung mit' naßgewordenem Brot und unreifem Obst,
Erkältungen infolge Durchuässung, Erkrankungen an Grippe und
anderes.
Die Zahl der gleichzeitig an Durchfall erkrankten Mann¬
schaften war zeitweise so groß, daß es schon aus militärischen
Gründen unmöglich war, alle verdächtigen Krankheitsfälle aus der
front zu ziehen und zu isolieren. Man mußte sich daher darauf
beschränken, nur diejenigen Mannschaften aus der Truppe heraus¬
zunehmen, welche entweder Blutbeimengungen im Stuhl oder
höhere Temperatursteigerungen hatten. Diese Mannschaften
'Mirden zur weiteren Beobachtung in eine eigens dazu durch ein
Feldlazarett eingerichtete Darmkrankensaminelstelle gebracht, wo
‘ ! e * e,(, hteren Fälle bis zur völligen Genesung verblieben, während
me schweren dem nächsten Seuchenlazarett überwiesen wurden.
p<i uen Übrigen Mannschaften ließ sich der Durchfall in der Regel
in wenigen Tagen durch Verabreichung von Leibbinden, Ernährung
mit Schleimsuppen und arzneiliche Behandlung beseitigen.
r einem Infanteriebataillon wurden gehäufte Durchfall-
jrkraiikungen dadurch zur Heilung gebracht, daß das ganze
ataillon auf zehn Tage aus den nassen Schützengräben heraus-
gmomrnen wurde und in einem rückwärts gelegenen größeren
. Runequartier bezog, wo sich die Mannschaften unter ge-
( -^eter Diät bald erholten.
Tuberkulose. Die Bekämpfung der Tuberkulose in der
. rmee wurde auch im Felde nach den bewährten Friedensgrund-
w j Zen ri’irchg-eführt durch rücksichtslose Fernhaltung aller irgend-
irp ( ^i^ en Mannschaften, welche in die Heimat zurück-
7iv'» Uk -ii W,,rt ^ en ' der gesundheitlichen Ueberwachung der
auf* j. ev ning wur de, wie bereits erwähnt, besondere Sorgfalt
,i { 'r ,-h ^ n< * lm £ der Tuberkulösen gelegt, welche zum Teil in
Rriin‘^Hkenhäusem isoliert wurden. Wo dies aus äußeren
\Vnli 11 n| riit durchführbar war, wurden die Erkrankten in ihren
nu ngen belassen und ihnen jeder Verkehr mit Soldaten streng
untersagt. Die betreffenden Wohnungen wurden für Einquartierung
gesperrt und entsprechend bezeichnet.
Weitere Seuchen sind, abgesehen von den Geschlechtskrank¬
heiten, die noch besonders behandelt werden sollen, auf unsern
Kriegsschauplätzen nicht beobachtet worden. Wir müssen aber
darauf gefaßt sein, daß vom Osten her die Cholera auftaucht. Ihr
werden wir am besten, abgesehen von den bereits beim Typhus
besprochenen allgemeinen hygienischen Maßnahmen, durch die
Schutzimpfung begegnen.
Ebendaher, vielleicht auch von der feindlichen Front, droht
uns noch eine andere Seuche, der Flecktyphus, der bereits einige
Aerzte in den Gefangenenlagern Deutschlands weggerafft hat.
Wenn auch andere Uebertragungsweisen nicht auszuschließen sind,
so ist doch erwiesen, daß er durch Läuse übertragen wird. Im
Hinblick auf diese Gefahr ist in unserm Armeekorps die Be¬
kämpfung der Läuseplage mit allen Mitteln, insbesondere durch
die oben geschilderten Badeanstalten und die Sanitätsbäder ein¬
geleitet worden.
(Abgeschlossen am 15. Februar 1915.)
Aus der k. k. Verwundeten- und Krankenstation
in Mährisch-Weißkirchen.
Ueber Kriegstyphus
von
Medizinalrat Dr. H. Borat, Vorstand der medizinischen Abteilung.
(Schluß aus Nr. lbj
Nun gehe ich zur Frage der Therapie über. Den alten
Grundsätzen gemäß lege ich stets auf die gründlichste Mund- und
Hautpflege von Anfang an sehr großes Gewicht und betrachte
jeden Decubitus als Vorwurf gegen die betreffende Schwester. Die
27 Fälle von Decubitus waren nahezu alle von den Transporten
mitgebracht, in vielen Fällen sehr schwere, tiefgehende Nekrosen,
die, mit Ausnahme der au Kollaps bald Verstorbenen, bei der sorg¬
samsten Pflege unserer pflichttreuen Schwestern alle schön geheilt
sind. Bei unsern Kranken sahen wir nur Andeutungen oder An¬
fangsstadien eines Decubitus, die bald zur Heilung kamen. Wäh¬
rend der ganzen Krankheit müssen stets alle Organe, besonders
Lunge und Herz, kontrolliert werden. Der Puls tnuß besonders bei
unsern Kranken mit labilem Herzmuskel sehr sorgfältig beachtet
werden, damit man nicht unvorbereitet durch die unzuverlässige
Leistung des Herzmuskels überrascht wird.
In der Behandlung der schweren Typhusfülle kann ich nicht
warm genug den reichlichsten Gebrauch von (’ a m p h e r -
injektionen empfehlen und dabei sich nicht ängstlich an
einige Gramm der 20%igen Lösung täglich zu halten, sondern
dreist, wenigstens in 2-ccm-Dosen, auch bis 40 cem täglich in In¬
jektionen zu geben. Ich habe Fälle gehabt, wo man dies zwei bis
drei Tage hindurch fortsetzen mußte, und glaube dadurch dem
Herzmuskel zur Zeit seiner Insuffizienz bis zur Wiederkehr seiner
Leistungsfähigkeit verholfen lind manches Menschenleben, eventuell
mit gleichzeitigen Kochsalzinfusionen, vielleicht erhalten zu haben.
Bei der Diät habe ich auf reichliche Zufuhr von Kohle¬
hydraten in Form von Breien, Kartoffelpüree als Träger von
viel Butter geachtet, daneben Milch, Kufekemehlsuppen, Kakao.
Eier mit Kognak, Weinsuppen mit Ei, bei Verstopfungen (ein
Viertel der Fälle) auch Apfelpüree gegeben.
Bäder mittels fahrbarer Wannen, beim Bett ausführbar, habe
ich zeitweise bei einzelnen benommenen Kranken gern angewendet,
sonst Packungen, Waschungen, Kreuzbinden je nach Bedarf.
Daß in einem Typhuskrankenzimmer Tag lind Nacht wenig¬
stens ein Fenster offen bleiben muß, ist eine altbekannte, sehr
nötige Maßregel. Die von vielen Autoren (V a 1 e n t i n i und An¬
dern) warm empfohlene Pvramidonbehandlung des Typhus in Dosen
von 0,1 ein- bis zweistündlich habe auch ich anfangs in sehr vielen
Fällen angewendet, konnte aber bei meinen Beobachtungen nicht
den geringsten Einfluß auf das Befinden Benommener und Schwer-
kranker bemerken.
Nun will ich die jetzt so aktuelle Frage der Vaccine¬
therapie besprechen. Wie Sie, meine Herren, wissen, besteht
das Prinzip der Behandlung darin, daß man dem Typhuskranken
ein Antigen aus abgetöteten oder lebenden, doch sensibilisierten
Typhusbacillen einführt. Die Vaccine von Besredka besteht
aus lebenden, durch Vermischen mit Typhusserum abgesehwäehten
Typhusbacillen und wird zu intravenösen Injektionen verwendet.
Sie - wurde in letzterer Zeit von B i c d l und von Kor a n y i
warn) als kritisch die Krankheit unterbrechend, empfohlen, von
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Original frorn
UMIVERSITY OF IOWA
480
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17. 25. April.
andern Beobachtern dagegen wegen des dabei unter starker Tem¬
peratursteigerung und plötzlichem Sinken der Temperatur auf¬
tretenden gefährlichen Kollapses gefürchtet.
Der von mir therapeutisch angewendete Vincent sehe Impfstoff
ist aus dem k. k. serotherapeutischen Institut in Wien und besteht aus
durch Aether abgetöteteu Typhusbacillen in CINa-Lösung. Die anti-
genen Fähigkeiten des Impfstoffs sind nach Vincent durch Vermin¬
derung der Abtötungstemperatur auf 37,0° sehr gesteigert.
Da die Behandlung besonders für Fälle in den ersten acht
bis zehn Krankheitstagen empfohlen wurde, und ich erst seit Ende
Dezember den Impfstoff zur Verwendung habe, konnte ich bisher
denselben nur in 17 Fällen erproben.
Da bis jetzt noch keine präzise, für alle Fälle passende Dosie¬
rungsmethode bekannt ist, habe ich je nach dem Krankheits¬
zustande verschiedene Variationen versucht, und zwar zuerst je
1 ccm jeden zweiten Tag, dann, mit 1 ccm stets beginnend, doch
jeden zweiten Tag steigend, 2, 3 bis zur Gesamtdosis von 10 ccm
subcutan in die Infraclaviculargegend injiziert. Nach persönlicher
Rücksprache mit Hofrat Prof. P a 11 a u f, dem ich für seine
mir mehrfach in liebenswürdigster Weise erteilten Ratschläge zu
größtem Danke verpflichtet bin, versuche ich nun, in kurzem Zeit¬
räume größere Mengen von Antigen durch tägliche Injektionen
einzuverleiben, und so habe ich die letzten zwei sehr schweren
Fälle (K u r v e 8 u n d 9) mit einer Gesamtdosis von je 12 ccm sehr
Kurve 8. Casus gravissimus. Kurve 9. Casus gravlssimus.
erfolgreich behandelt. Ich gab täglich je 1, 2, 2, 2, 3 und 2 ccm,
und ich suchte gerade zwei Fälle aus, wo man nach dem klinischen
Bilde (Benommenheit, sehr hohe Temperaturen, Stuhl und Urin¬
lassen hinter sich, schlechte Pulsqualität) einen sehr schweren, oft
letalen Verlauf auzunehmen gewöhnt ist. Trotzdem schon in
einzelnen Kurven der schwere Verlauf, in einigen auch
die auffallende Wirkung der Injektionen sichtbar ist, so kann
man doch aus den Kurven allein nicht das richtige Bild
von dem wirklichen Erfolge der Vaccine erhalten. Man muß
eben das klinische Bild beobachten, und da sieht man oft wäh¬
rend der Behandlung die bald auftretende Besserung des sub¬
jektiven Befindens, das Zurückgehen der schweren Erscheinungen
(Kurve 3 bis 8), in manchen Fällen auffallende Euphorie, dann
zeitig der sich für die Vaccinebehandlung auch sehr interessierende
Dr. A1 d o r und mehrere Kollegen meiner Abteilung, wir alle
haben den sicheren Eindruck gewonnen, daß wir durch die An¬
wendung der Vincent sehen Vaccine ein sehr schätz¬
bares, doch nicht unfehlbares Mittel zur Bekämp¬
fung der schweren, sonst oft letal ausgehenden Fälle gewonnen
haben.
Von der Ansicht ausgehend, daß durch die mit derVaccine reich¬
lich eingeführten Antigene das Auftreten eines Rezidivs erschwert
ist, habe ich bei den damit Behandelten nach der Entfieberung sehr
rasch gewöhnliche, allerdings gut zubereitete gemischte Kost
verabreicht und habe in keinem der 17 Fälle Rezidiv beobachtet.
Bei nicht entgiftetem Organismus kann eine schwerverdauliche Kost
eine Gelegenheitsursache für die Entstehung eines Rezidivs ab¬
geben, doch betrachte ich die Kost wie auch andere Momente (z. B.
zu rasches Verlassen des Bettes) als Komponenten, die nur dann
ein Rezidiv hervorrufen, wenn nach der Krankheit noch Reste des
Typhusgifts im Körper zurüekbehalten wurden, was wohl durch
die Antigene und die dadurch gebildeten Antikörper zum großen
Teil auch verhindert wird.
Lokal gab es keine große Reaktion, geringe Schmerzhaftig¬
keit an der geröteten Injektionsstelle. Von allgemeinen Reaktions¬
erscheinungen waren in mehreren Fällen kurz andauernde Schüttel¬
fröste und manchmal danach auch Temperatursteigerung auf¬
getreten, in einem Falle kurzdauernder Kollaps mit nachherigem
sehr guten Verlaufe, was jedoch schon zur vorsichtigen Auswahl
der Fälle mahnt.
Ich würde es sehr bedauern, wenn man durch überschwülstige,
noch nicht gerechtfertigte Berichte das Mittel in Mißkredit bringen
würde, wie es seinerzeit mit dem Koch sehen Tuberkulin nach
der damals aufgetretenen Sturm- und Drangperiode geschah, wo
überschwängliche Lobesberichte das gute Mittel durch Ent¬
täuschungen bei Kontrollversuchen für lange Zeit entwerteten.
Da ich befriedigende Resultate mit der subcutanea Behandlung
mit der Vincent sehen Vaccine erlangte, habe ich bis nun die intra¬
venösen Injektionen mit dem Bcsredka-lmpfstoffe noch nicht versucht
Nach den bisherigen, wenn auch noch nicht zahlreichen Er¬
fahrungen glaube ich doch schon berechtigt zu sein, die thera¬
peutische Anwendung der Vaccine auch in schweren Fällen des
Typhus (möglichst in den ersten 10 bis 14 Tagen) allen, die das
Mittel noch nicht aus eigner Erfahrung kennen, empfehlen zu
können. Schwerere Myokarddegeneration betrachte ich als
Kontraindikation.
Viele wichtige Fragen bleiben momentan noch offen und
warten einer Entscheidung, und wir können von unsern gemein¬
samen Erfahrungen im weiteren Verlaufe des Kriegs eine voll¬
kommene Klärung dieser Zweifel erhoffen, ob die subcutanc oder
; cj uj m r .n ci o* ci" s o n n q o *?. o o ra □ u c i
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Sinken der Temperatur und eine ganz entschiedene Abkürzung der
Krankheitsdauer. Ich bin an die Behandlung mit Vaccine objektiv
und streng prüfend herangetreten und kann mit ruhigem Gewissen
sagen, daß ich in Fällen, wo man das Bild des schwersten Typhus
hat und sonst eher den Exitus, als günstigen Ausgang erwartet,
so deutliche Erfolge sah, daß ich bei schärfster Kritik das post hoc
auch als propter hoc betrachten mußte. Ich habe bei der ge¬
nauesten Beobachtung aller behandelten Fälle, und mit mir gleich-
Kurve 7. Kurve 8.
intravenöse Einfuhr der Vaccine die richtige ist, welche Dosen die
wirksamsten und in welchen Abständen. Dies sind unsere wichtig¬
sten Zukunftsfragen bezüglich der aussichtsreichen Vaccinetherapie
und zur Beantwortung der Frage, welche Fälle für diese Behang
lung sich eignen, ist entschieden eine gewissenhafte Beobachtung
und kritische, vorurteilslose, objektive Auffassung nötig.
Die zweite aktuelle Frage betrifft die TyphusschuU-
i rn p f u n g.
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UNIVERSUM OF IOWA
25. April.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17.
481
Sie hat allerdings ihre Feuerproben bereits in vielen Armeen
mehrfach glänzend bestanden, und zwar in der Armee der Vereinigten
Staaten, wo von 12 600 Geimpften fünf erkrankten und keiner starb,
bei Nichtgeimpften dagegen 418 Erkrankungen mit 32 Todesfällen
vorkamen. Die Erkrankungen sind dort von 6,74% auf 0,82% ge¬
sunken.
Bei den englischen Truppen in Indien sind auf 1000 Geimpfte
5.39, auf 1000 Nichtgeimpfte 30,4 erkrankt unter ganz denselben Lebens¬
verhältnissen.
In Marokko sind nach Vincent Geimpfte 7,75 °/oo, Nicht¬
geimpfte 64,97 °/oo erkrankt In den meisten Armeen der Vereinigten
Staaten und in Japan besteht obligatorische Typhusschutzimpfung.
Die Italiener haben in Lybien im Jahre 1912/13 bei Nichtge¬
impften 35,3 °/oo mit 7°/oo Todesfällen, bei Geimpften 0,3 bis 1,04 °/oo
Erkrankungen und keinen Todesfall gehabt, in Tripolis bei Nicht¬
geimpften 1,9 bis 6,6 %o, Geimpften keinen Todesfall.
Wir können aus diesen Erfahrungen ersehen, welche aus¬
gezeichnete, prophylaktische Handhabe durch die Schutzimpfung
uns gegeben ist. In der deutschen Armee ist die Schutzimpfung
noch nicht obligatorisch gewesen, doch meist überall durchgeführt
worden, und dies müßte bei uns noch jetzt mit aller Energie nach¬
geholt werden.
Ich habe bis jetzt bei 170 Personen prophylaktische
Schutzimpfung vorgenommen. Da wir auf unserer Typhus-
ahteilung bei dieser großen Krankenzahl, für die gewöhnliche Ar-
Mt. ein sehr unintelligentes Bedienstetenpersonal von Landsturm-
miinnern und jungen einheimischen, an Reinlichkeit nicht gewöhnten
Mädchen haben, waren Hausinfektionen trotz permanenter Mah¬
nungen unvermeidlich, und es erkrankten von meiner Abteilung
9 Personen, von der Ruhrabteilung 3 und von der Beobachtungs¬
station 2, zusammen 14 Personen. Diese häufigen Hausinfek¬
tionen bewogen mich, seit Ende Dezember die prophylaktische
Typhusimpfung des ganzen ärztlichen und Hilfspersonals meiner
Abteilung vorzunehmen.
Es wurden von mir 10 Aerzte, 40 Schwestern und 120 andere
auf unserer Abteilung beschäftigte Landsturmmänner, Dienstmädchen,
Waschfrauen usw. geimpft.
Ich habe den Vincent sehen Typhusimpfstoff verwendet, der
polyvalent ist aus 10 bis 12 Typhuskulturen älterer unvirulenter
Laboratorinmsstämme, denen noch Paratyphus-A- und B-Stämme in
0,5% Carbollösung zugefügt sind (aus dem k. k. serotherapeutischen
Institut in Wien).
Ich habe stets drei Impfungen in achttägigen Zeitabständen, und
zwar erste Impfung 1 ccm, zweite und dritte je 2 ccm, zusammen also
5 ccm, wobei jedes Kubikzentimeter 500 Millionen Keime enthält, Vor¬
kommen. Als Injektionsstelle kann ich die Infraclaviculargegend
ani ehesten empfehlen, nachdem ich zuerst am Unterarm, Oberarm und
inurschenke] (nach Prof. Marx empfohlene Stelle zwischen Brust-
warze und Rippenbogen) versucht habe und beobachten konnte, daß
k k- * nn !. n hdraclaviculargegend die Beweglichkeit des Armes
unbehindert läßt und noch verhältnismäßig am wenigsten schmerzt.
Bei der Blutuntersuchung 24 Stunden nach der ersten In-
jpKt ,o n war Widal negativ, die Agglutination trat erst fünf bis
sechs Tage nach der ersten Injektion ein, bei den Untersuchungen
nach der zweiten oder dritten Injektion stets positiv. Es mahnt
jues zur Vorsicht bei der Verwertung der positiven Widalreaktion
whufs Diagnose von Typhus ohne diesbezügliche Anamnese, ob
Betreffender nicht prophylaktisch gegen Typhus geimpft wurde
und dadurch den positiven Widal aufweist. Daß die Schutz¬
impfung nicht absoluten Schutz vor eventueller Typhuserkrankung
gewahren kann, ist verständlich, da man durch die Impfung
'eine Gewebsimmunität, wie nach überstandenem Typhus, er¬
warten kann. Die Schutzwirkung liegt ja darin, daß das Blut¬
ig® des Geimpften dieselbe Reaktion zeigt, wie das der an
vpnus wirklich Erkrankten, das heißt, daß es Typhusbacillen be-
ntiUf'Sen kann. Jedenfalls schützt die Impfung durch die aktive
munisrnrung eine große Anzahl vor Erkrankung, vermindert also
• e T? 1 v „ Typhuskranken, und da von den Typhuskranken,
e diesbezügliche Untersuchungen beweisen, 4 °/ 0 zu Daueraus-
K ei }® von Typhusbacillen und zu weiteren Verbreitern der
Wo« u« fla( * ur . c * 1 werden, so wirkt die Schutzimpfung durch
v“ 1 * dieser 4% auf diese Weise noch mehr auf die
Minderung der Erkrankungszahlen ein.
an doPr!-^^ 011 ist zwar an und für sich schmerzlos, macht aber
und imar.^ 6 u 0DS8te ^ e Umgebung durch 48 Stunden Schmerzen
nunwo MF*“ Spannungsgefühl; die allgemeinen Reaktionserschei-
meist kJ? 61C ^ nwist nach fünf bis sechs Stunden ein, und zwar
habe dio in-w- erz ’ ^ el3er auc h bis 39,0°, Unbehagen, Mattigkeit. Ich
uehmpn p« k • en UI 9 6 Uhr abends gemacht, damit diese unange-
sohrvioir.iJo ? inu . n f? en in der Nacht überwunden werden, trotzdem bei
e rsohcinimo'oL e, ! n ^ fcen l< ? e Biaflosigkeit eintritt. Die stärksten Reaktions-
gen traten eigentlich nur nach der ersten Injektion ein und
äußerten sich in den oben angegebenen Symptomen, mitunter bestand
auch Schüttelfrost, Uebelkeit. Am Abend eingenommenes Vs bis 1 g Aspi¬
rin beseitigte einen großen Teil der Erscheinungen, die auch sonst in der
weitaus größten Anzahl der Fälle des Morgens schon schwanden, mit¬
unter noch am ganzen Vormittag andauerten.
Unter den zehn geimpften Aerzten hatten nach der ersten In¬
jektion drei eine schlechte Nacht, Frösteln, Schlaflosigkeit, Unbehagen,
schweren Kopf, und zwei waren am nächsten Morgen dienstunfähig.
Von den 40 Schwestern hatten nach der ersten Injektion 12 Fieber.
38,6 bis 39,5°, Schlaflosigkeit, Schüttelfrost, Kopfschmerzen, und fünf
waren am nächsten Morgen dienstunfähig, von den 120 andern Be¬
diensteten waren zehn dienstunfähig am Morgen, mehrere konnten trotz
der Injektion ungestört Nachtdienst machen. — Nachmittags fühlten
sich schon nahezu alle Geimpfte gut, nur der lokale Schmerz war noch
vorhanden. Nach der zweiten Injektion waren ein Arzt, zwei
Schwestern und drei Bedienstete unfähig, den Dienst zu versehen.
Diarrhöe und Uebelkeit trat in 500 Injektionen nur vereinzelt auf.
Nach der dritten Injektion war niemand dienstunfähig, und diese rief
überhaupt die geringsten Reaktionserseheinungen hervor.
Ich selbst ließ mich stets vormittags impfen, um die Reaktions¬
erscheinungen aus eigner Erfahrung genau zu beobachten, doch gingen
bei mir, wie auch bei andern Geimpften, alle Impfungen mit keinerlei
Begleiterscheinungen einher, ich fühlte mich einmal etwas matter,
konnte jedoch den ganzen Tag ungestört meine Tagestätigkeit fort¬
setzen. Ich sowie Dr. Aldor impften uns gegenseitig viermal (7 ccm).
Die Beschwerden und Reaktionserscheinungen sind manchmal ganz
unbedeutend, in allen Fällen aber von kurzer Dauer.
Eine negative Phase ist nicht vorhanden, da alle Ge¬
impften während der 14 Tage von der ersten bis zur letzten
Impfung auf der Abteilung permanent nur mit Typhuskranken be¬
schäftigt waren und man sicher von keiner erhöhten Empfäng¬
lichkeit für Typhus während dieser Zeit sprechen kann, wenn unter
den 170 Geimpften nur zwei Personen nach der ersten Impfung an
Typhus erkrankten.
Von den Geimpften erkrankten ein Landsturmmann und eine
Schwester 10 Tage nach der dritten prophylaktischen Impfung, und
es war interessant zu beobachten, wie der Verlauf durch die Schutz¬
impfung gemildert war. Trotz des Fiebers war eine solche Euphorie, daß
die Schwester immer vergnügt, nur gezwungen iin Bette blieb, ohne das
Gefühl empfunden zu haben, durch die Krankheit unwillkürlich ans
Bett gefesselt zu sein. Die Dauer des Fiebers war dabei gar nicht ab¬
gekürzt, nur wurden nie 39,0° erreicht, nur sehr selten war Kopf¬
schmerz. Milztumor war vorhanden, vereinzelte Roseolen, normaler
Stuhl. Da die Schwester die ersten acht Tage mit dem Fieber herum-
ging, ohne etwas zu sagen, wurden bei der bakteriologischen Unter¬
suchung im Blute nach dieser Zeit keine Bacillen gefunden, der Widal
war dagegen durch die Schutzimpfung schon vor der Erkrankung
positiv. Diese Schwester wurde therapeutisch nicht mit Vaccine be¬
handelt, da ich den einzigen Fall einer Erkrankung trotz dreimaliger
Impfung unbeeinflußt durch therapeutische Eingriffe beobachten wollte.
Die im Dezember aufgetretenen Hausinfektionen haben
jedenfalls in den letzten Wochen aufgehört, und da die Be¬
deutung der Schutzimpfung durch die früher genannten Zahlen aus
den Armeen sicher ist, so halte ich es für unbedingte Indikation,
daß die mit Typhuskranken in ständigem Kontakt verbleibenden
Aerzte, Pflege- und Wartepersonal obligatorisch pro¬
phylaktisch geimpft werden sollen. Der durch die Impfung
in hohem Grade gewährte Schutz (angeblich durch zwei Jahre)
gegen die Erkrankung verbleibt doch in keinem Verhältnis zu
den ganz unbedeutenden damit verbundenen Unannehmlichkeiten.
Es wundert mich daher, daß noch so viele sich scheuen, einem so
kleinen Eingriffe sich zu unterziehen, um sieh mit so großer Wahr¬
scheinlichkeit gegen Typhus zu schützen, da ja zwar Erkrankungen
trotzdem Vorkommen, doch in prozentual sicher sehr beschränkter
Anzahl.
Es ist zu hoffen, daß einerseits durch die allgemein einzu¬
führenden Schutzimpfungen die Zahl der Erkrankungen an Typhus
sicher abnehmen, anderseits durch die therapeutische Vaccine¬
anwendung die Mortalität bedeutend herabgesetzt wird, sodaß der
Typhus dadurch auch im Frieden aufhören würde, in der Morbidität
und Mortalität der Menschheit seine bisherige Rolle zu spielen.
M. H.I Ich bin mit meinen Ausführungen zu Ende und ich kann
es zum Schlüsse nicht unterlassen, mit dankbarster Anerkennung
hervorzuheben, daß unsere Behörden mit großzügiger, verständnis¬
voller Freigebigkeit unsere Anstalt durch vorzügliche Einrich¬
tungen, die Berufung ausgezeichneter Schwestern und entsprechen¬
der Anzahl von Aerzten, Einführung eigner Küchenregie, zu einem
Musterspitale gestalteten, um unter Anwendung aller Behelfe unsere
braven Soldaten, die ihr Leben fürs Vaterland einsetzten und deren
Leben durch die schwere Krankheit in so hohem Grade bedroht
ist, wieder gesund und kampffähig zu machen.
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482
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17.
25. April.
Haut* und Geschlechtskrankheiten
bei Kriegsteilnehmern 1 )
von
Dr. E. Brinitzer, Altona,
ordinierender Arzt am Reserve-Lazarett VI, Moortwiete.
Während über die Zahl der Verwundeten und Gefallenen
in unserm Heere schon jetzt regelmäßige Listen informieren, sind
über die Verbreitung der Geschlechtskrankheiten wohl erst lange
nach Friedensschluß genauere amtliche Mitteilungen zu erwarten.
Die Schwierigkeiten einer genauen Zählung werden infolge der
vielfachen Ueberweisungen, der Rückfälle, der Zurückstellungen
der als krank Befundenen und der unter verschiedenen Diagnosen
geführten Kranken recht groß sein.
Seit dem Kriege 1870/71 hat sieh die Zahl der Geschlechts¬
kranken erheblich vermindert. Sie betrug 1870/71, nach jährlichem
Zugänge berechnet, 44,3 :1000 Soldaten, in den nächstfolgenden
Jahren, also in Friedensjahren, immer noch 43,3—38 :1000
(Jahrgang 1873/74) und ist allmählich auf die jetzige Ziffer
19,4 :1000 gesunken. Zu diesem Rückgänge hat die zweijährige
Dienstzeit — erfahrungsgemäß wächst die Häufigkeit der Ge¬
schlechtserkrankungen mit der Länge der Dienstzeit —, der ver¬
ringerte Alkoholgenuß, die regelmäßige militärärztliche Kontrolle
und die Prophylaxe, wenn sie auch vielleicht zumeist nur in einer
größeren Reinlichkeit besteht, beigetragen.
Die fremden Heere stehen in bezug auf die Verbreitung in den
Friedensheeren wesentlich schlechter da als wir. Während wir
1906/07 18,7 :1000 Zugang hatten, waren die Zahlen für Frankreich
27,8, für das russische Heer 57, für das englische Heer 72 :1000.
Es wäre möglich, w r enn einheitlich vorgegangen würde, die
Kriegszeit zu benutzen zu einer intensiveren Bekämpfung der Ge¬
schlechtskrankheiten als im Frieden. Es bietet sich die Gelegen¬
heit, klinisch-stationäre Behandlung durchzuführen in Fällen, in
denen der Friedensberuf eine Arbeitseinstellung nicht gestatten
würde, und für alle Geschlechtskrankheiten, Lues, Gonorrhöe und
besonders den weichen Schanker, ist die Ruhe ein außerordentlich
unterstützendes Moment. Des weiteren können wir, ohne erst
immer ängstlich nach den Kosten fragen zu müssen, die Behand¬
lung so durchführen, wie wir es nach unserer wissenschaftlichen
Ueberzeugung für das Beste halten. Das kommt insbesondere für
die Salvarsanbchandlung und für die Wasser m a n n sehe Re¬
aktion in Betracht. Wir können auf Grund der Verträge mit sero¬
logischen Instituten in weitgehendstem Maße die Wasser¬
mann sehe Reaktion ausführen lassen. Ich habe in allen den
Fällen — auch wenn keine Symptome da waren und irgendeine
andere Krankheit (Gonorrhöe) die Aufnahme veranlaßt hatte —
eine Wassermann sehe Reaktion machen lassen, in denen der
Patient in der Anamnese angab, früher mal „Schanker“ gehabt zu
haben. Die Zahl der Leute, die auf Grund einer solchen unklaren
„Schanker“diagnose in der Ungewißheit und Furcht, Syphilis zu
haben, herumlaiifen, ist außerordentlich groß. Wenn solche Leute
niemals behandelt worden sind oder nur gänzlich unzureichend
(Schmierkur acht bis vierzehn Tage), so kann man ihnen doch
mit der negativen Wasserm an n sehen Reaktion eine Beruhi¬
gung verschaffen, die sie aus Mangel an Mitteln sich im Frieden
nie hätten beschaffen können. In allen Fällen von Ulcus molle,
wenn mindestens sechs Wochen nach dem letzten Verkehre ver¬
gangen waren, wurde die Blutuntersuchung gemacht, um zukünftig
behandelnden Aerzten eine sichere Unterlage bieten zu können.
In Fällen von positiver Wassermann scher Reaktion ohne
Symptome haben wir uns ganz nach der Lage des Einzelfalls ge¬
richtet. Bei lange zurückliegender Infektion, und wenn einige
Kuren* gemacht worden waren, haben wir nur den Patienten ge¬
raten sich nach dem Kriege behandeln zu lassen. Bei stark
positiver Reaktion haben wir die Kur sofort durchführen lassen.
F Bei weitem der größte Teil der Patienten hatte die Krankheit
mitgebracht oder in der Garnison erworben. Von 750 besonders
befragten Kranken hatten sich 13% im öffentlichen Hause, 27 %
bei Straßendirnen und 60% „gelegentlich“ bei Verhältnissen usw.
infiziert. 29% waren verheiratet. Dem Alter nach waren 72,6 %
zwischen 20 und 30 Jahren, dann sinkt die Ziffer von Jahrfünft
zu Jahrfünft auf 16, 8,8 und 2%. 22% waren an Syphilis, 71%
an Tripper und 7% an weichem Schanker erkrankt. Auch von
anderer Seite ist schon darauf hingewiesen worden, daß die Zahl
' einem im Altonaer ärztlichen Verein am 20. Februar 191.5
gehaltenen Vortrage.
der weichen Schanker doch recht groß ist; vielleicht liegt das
wohl auch an der sorgfältigeren „Schanker“diagnose.
Wenden wir uns nun zu den Erfahrungen, die bei der Be¬
handlung gemacht wurden, so ist vor allem die Notwendigkeit
zu betonen, daß die Haut- und Geschlechtskrankheiten sofort Spe¬
zialabteilungen zugeführt werden. Es wird meines Erachtens
außerordentlich viel wertvolle Zeit dadurch verloren, daß Tripper¬
kranke in kleineren Lazaretten liegen, wo auch Verwundete unter-
gebracht sind, und dann, wie es ja auch naheliegend ist, dem Arzte
nur sekundäres Interesse abfordern. Sobald Platzmangel eintritt,
werden sie einem andern Lazarett überwiesen; der Transport bei
den derzeitigen Schwierigkeiten und die Formalitäten erfordern
gewöhnlich zwei bis drei Tage, genügend Zeit, um ein Gonorrhöe-
rezidiv möglich zu machen. Auch in bezug auf die Lues wird viel
Zeit verloren dadurch, daß hei Auftreten eines Schankers erst auf
sekundäre Erscheinungen gewartet wird, während eine rechtzeitige
Spirochätenuntersuchung einen Zeit- und Behandlungsvorteil von
einigen Wochen gebracht hätte. Und schließlich für die Haut¬
krankheiten ist eine Unterscheidung, ob sich überhaupt während
der Kriegszeit eine Behandlung lohnt, außerordentlich wichtig.
Wir haben eine Reibe von Krankheiten, Psoriasis, Lichen ruber,
Alopecia areata, Ichthyosis usw., als „Friedenskrankheiten“ an¬
gesehen, das heißt gar nicht behandelt, beziehungsweise nur unter
ganz besonderen Umständen (Lokalisation, Intensität). Ja, sogar
Fälle von Lupus vulgaris bei aD' Oekonomiehandwerker beschäf¬
tigten Soldaten, die seit Jahren an nicht ulcerierenden Formen
litten, haben wir dienstfähig belassen. Es läßt sich eine sorg¬
fältige Untersuchung und Behandlung der Haut- und Geschlechts¬
krankheiten ebensowenig in Allgemeinabteilungen durchführen, wie
es für Augen- und Ohrenkrankheiten als selbstverständlich gilt.
Die Zahl der als Gonorrhöe zugewiesenen Fälle, in denen
mikroskopisch nur einfache Saprophyten zu finden waren, betrug
etwa 10%. Diese Fälle wurden zumeist nach dreitägiger Beob¬
achtungszeit entlassen. Die großen körperlichen Anstrengungen
haben zweifellos in Fällen von einfacher Urethritis eine Steigerung
der Absonderung herbeigeführt; aber da man selbst bei wochen¬
langer Behandlung nicht versprechen kann, daß nicht bei Wieder¬
holung der Anstrengungen dieselben Erscheinungen wieder auf-
treten werden, so kann man bei der Harmlosigkeit des Leidens
die betreffenden Soldaten sofort wieder felddienstfähig bezeichnen.
Recht häufig waren Fälle von sexueller Neurasthenie, leich¬
tere Fälle mit Klagen über Rückenschmerzen, Kreuzschmerzen
usw., in denen die Beschwerden auf, früher durchgemachten
Tripper, besonders Prostataerkrankungen, bezogen wurden, ohne
daß objektiv ein pathologischer Befund erhoben werden konnte.
Zumeist waren es Kaufleute, denen die Strapazen recht ungewohnt
waren. Viel schwerer waren die Fälle, in denen eine neuropathi-
sehe Anlage zugrunde lag. Bei Leuten, die zumeist bis zu ihrer
Pubertät und vielfach auch noch nachher an Enuresis nocturna
litten, war durch die seelischen Aufregungen des Felddienstes
ein heftiger Tenesmus aufgetreten; es waren, da die betreffenden
Patienten ihren Drang nicht zurückhalten konnten, sekundäre
Cvstitiden entstanden. Diese Fälle, die fast durchweg ein familiäres
Leiden darstellten und bei denen auffallend häufig Potus des
Vaters festgestellt werden konnte, wurden nur als gamisondienst-
fähig bezeichnet.
Der Auffassung, daß spitze Kondylome für Gonorrhöe ohne
weiteres pathognomonisch sind, begegnet man noch hier und da.
Gonorrhöe liegt sehr häufig vor, ist aber nicht ausschließliche
Ursache.
Von ganz besonderer Bedeutung für die im Kriege so wich¬
tige Zeitersparnis scheint es mir zu sein, wie man sich zur Behand¬
lung der Urethralgonorrhöe bei Epididymitis stellt. Fast ganz all¬
gemein gilt noch der Grundsatz, bei Epididymitis jede Behandlung
zu unterbrechen. Jadassohn hat stets darauf hingewiesen,
daß man gerade in dieser Zeit, in der durch die Epididymitis»
eine Abschwächung der Gonokokkenvirulenz eintritt, die Behand¬
lung der anterior und, wenn kein Fieberzustand da ist, auch der
posterior fortführen solle. Verschlimmerung habe ich bei jahre¬
langem Vorgehen in dieser Weise niemals gesehen, dafür aber
stets eine wesentliche Verkürzung des Verlaufs.
Gegen den starken Blasen tenesmus möchte ich ganz beson¬
ders den zweimal täglichen Gebrauch von % mg Atropin, sult.
in Pillenform oder in Lösung empfehlen. Die Wirkung ist doc
eine viel promptere als mit den üblichen Suppositorien.
Bei der Syphilisbehandlung haben wir in Pausen von zehn
Tagen dreimal Neosalvarsan Dos. III gegeben. Früher wurden au
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25. April.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17.
4SJ
der Abteilung: sechs Altsalvarsaneinspritzungen zu 0,4 bis 0,6 ge-
geben; hei der großen Zahl der Kranken wäre aber dieses Ver¬
fallt en doch wohl zu teuer geworden, und es erscheint auch ärzt¬
lich nicht erforderlich. Die von mir durch die Wassermannreaktion
kontrollierten Erfolge, die; ich hei der Anwendung dieser mäßigen
Menge von dreimal Dos. HI Neosalvarsan und gleichzeitiger aus¬
reichender Hg-Kur in meiner Privatpraxis hatte, sind durchaus
befriedigend, wenn nur die Wiederholungskuren (also die
chronisch-intermittierende Behandlung) richtig eingehalten wer¬
den. Als Hg-Kur wurden 10 bis 12 Hydr.-salieyl.- respektive
Kalomelinjektionen von 0,1 beziehungsweise 0,05 gegeben. Vom
01. einer, habe ich Abstand genommen, da es, wie kein anderes
Hg-Mittel, bei nicht zureichender Mundpflege spät einsetzende
und unangenehme Stomatitiden macht.
Den Soldaten ist es nach der Entlassung doch unmöglich,
den .Mund so sorgfältig wie erforderlich zu spülen. Ich habe keinen
einzigen Fall von Stomatitis gehabt, trotzdem oder vielmehr weil
ich keine Zahnbürsten brauchen ließ und mich nur auf recht häufi¬
ges Mundspülen mit Kalium-chlorium- beziehungsweise H,0 2 -
Lösungen beschränkte. Besonderheiten im Verlaufe der Syphilis,
durch den Krieg, konnte ich nicht feststellen. Die Zahl der extra¬
genitalen Fälle, der malignen und tertiären Fälle, der Tabes- und
Paralysefälle, waren durchaus dem Verhältnis in der Zivilbevölke¬
rung entsprechend. Auffällig waren relativ viel einseitige Leisten-
drüsenschweUungen in der Spätperiode bei positiver Wassermann¬
reaktion. Ob hier nicht neben den körperlichen Anstrengungen
noch eine skrofulöse Veranlagung — zumeist waren latente Herde
in der Lunge feststellbar — zur Entwicklung dieser Schwellungen
beigetragen hat, scheint mir noch unentschieden.
Zur Ulcera-mollis-Behandlung habe ich neben dem Jodoform
mit gleich gutem Erfolge Natrium sozojodolicum verwandt.
Unter den Dermatosen nahm den bei weitem ersten Platz die
Scabies ein. Wenn auch zumeist die Krankheit beim Geschlechts¬
verkehr erworben wurde, so ließ sich doch in einer Reihe von
Fällen der Ursprung auf gemeinsam benutzte Decken in den Ka-
scruenstuben, auf nicht frischbezogene Wäsche in den Bürger¬
quartieren zurückführen. Außerordentlich zahlreich waren die
fälle von Pyodermien, pustulöse Stellen an den verschiedensten
Stellen des Körpers, die durch dienstliche Anstrengungen bei
mangelnder Waschgelegenheit und wohl doch bei einer gewissen
individuellen Empfänglichkeit entstanden waren. Die Behandlung
id recht undankbar, recht lange dauernd. Am meisten Erfolg
batte ich bei Ueherpinselung mit schwacher Jodtinktur (1 :10)
und darüber Iehthiolzinkpaste. (Statt Amylum benutzte ich in der
Die alkoholfreien Ersatzgetränke vom Standpunkte
der öffentlichen Gesundheitspflege
von
Marine-Stabsarzt d. Res. Dr. med. Georg Fehsenfeid, Neuruppin,
zurzeit Danzig.
Die Alkoholfrage gewinnt immer mehr an Bedeutung und
öffentlichem Interesse, seitdem das Wesen des Alkohols mehr
jind mehr erforscht und seine unter gewissen Bedingungen vor¬
handenen Schädigungen erkannt worden sind. Dazu kommt., daß
unsere Zeit einen großen Wert auf sportliche Betätigung und
körperliche Ausübung jeder Art legt. Körperliche Leistungen
81n jJ ja ebenso wie solche auf geistigem Gebiete bei längerem ge¬
wohnheitsmäßigen Alkoholgenusse nicht denkbar. Wie bei allen
solchen Fragen, welche das öffentliche Interesse erregen, wird aber
auch m der Alkoholfrage vielfach über das Ziel hinausgeschossen.
i/ Zt A st au * e “ 1Ina l den Augen vieler der Alkohol der Feind
gr ” uten unt * darum völlig abzutun, obwohl die Frage, ob ein
mäßiger Alkoholgenuß schadet, noch gar nicht entschieden ist.
aller rührt ja das Bestreben, wissenschaftliche Institute einzu-
nehten, welche sich mit dieser Frage eingehend beschäftigen sollen.
h . Doch der Alkohol hat auch seinen Wert. Die Wissenschaft
at bewiesen, d a ß <j er Alkohol energetisch im Körper voll zur Ver¬
wertung kommt, daß er mit seinem kalorischen Wert entsprechende
engen von Fett und Kohlehydraten vertreten kann. Aus diesem
»runde ist auch z. B. seine Verwendung in reichlicher Menge zur
oeKampfung der Acidosis bei Zuckerharnruhr [Lüthje (1)[, ferner
da« Uten Erkrankungen, die von einer Herabsetzung des Ver-
^vermögens begleitet sind, wie z. B. septischen Erkrankun-
w *rm empfohlen worden.
Zinkpaste Talcum.) Pediculosisfülle kamen nur vereinzelt vor, da
ja die Heimatlazarette dieserhalb nicht in Anspruch genommen
wurden. Vereinzelt kamen Trichophytiefälle (Gruppen von vier
bis fünf Mann) zur Behandlung, Uebertragungen, die wohl im
Massenquartier durch gemeinsam benutzte Handtücher usw.
entstanden waren. Eine immerhin bemerkenswerte Zahl von
Fällen, etwa 20, stellten die akuten nässenden Kopfekzeme, ent¬
standen durch das Tragen von alten Mützen. I)a die Zahl der
Fälle aber, bei der großen Zahl von alten Mützen, die doch be¬
nutzt wurden, immerhin klein zu nennen ist, so muß doch wohl
neben dem supponierten Erreger noch eine Prädispositiou
(Seborrhöe) eine Rolle spielen. Die Behandlung mit 10 %igem
Salicyl-Schweinefett (nach Veiel) bewirkte außerordentlich
schnelle Abheilung.
Neben den bisher getroffenen Maßnahmen zur Prophylaxe
der Geschlechtskrankheiten, Verbot für die Soldaten, die öffent¬
lichen Häuser zu besuchen, st rengerer Sittenpolizei lieber lYbrr-
wachung und Untersuchung der heimlichen Prostituierten und
strengerer gerichtlicher Praxis ('Arbeitshausüberweisung) wäre es
während der Kriegszeit nicht bloß im Felde, sondern auch in der
Heimat geboten, den einzelnen Infektionsquellen mehr nachzu¬
gehen. Leider ist in einem recht großen Teil der Fälle eine
genaue Ermittlung unmöglich, weil die Soldaten oft nur ungenaue
Angaben machen können und es sehr häutig zweifelhaft bleiben
muß, bei welcher von mehreren Frauen sie sich angesteckt haben.
Ich stimme auch ganz den Autoren zu, die dafür eintreten, die
Soldaten auf die prophylaktischen Maßnahmen hinzuweisen. Die
Erfolge, die durch zielbewußte Prophylaxe unter allerdings wesent¬
lich einfacheren Verhältnissen bei der Marine erreicht sind,
sprechen doch entgegen allen Einwänden dafür. Vor allem sollten
aber die Soldaten darauf hingewiesen werden, sich sofort in
ärztliche Behandlung zu begeben; die Fälle, in denen nicht schon
ganz erhebliche Zeit nach der Infektion verstrichen ist, viele
Wochen und Monate, sind selten. Hier in Hamburg-Altona werden
in letzter Zeit von ärztlicher und von theologischer Seite am
selben Abend Vorträge an größere Truppenninsscn gehalten, und
ich möchte doch glauben, daß auch dadurch, daß an Verstand und
Gefühl appelliert wird, einiges zu erreichen ist.
Der Zeit nach dem Kriege wird es Vorbehalten bleiben
müssen, in durchgreifender, systematischer Weise, unter Mitwir¬
kung der Schulärzte, Militärärzte, der Krankenkassen, genereller
Blutuntersuchung aller Kranken in den Krankenhäusern, die Ge¬
schlechtskrankheiten, insbesondere die Syphilis, den eigentlichen
„Erbfeind“, niederzukämpfen.
Der Alkohol ist ohne Frage ein Nahrungsstoff. Als Nah¬
rungsmittel ini weiteren Sinne kann er aber nicht in Betracht
kommen wegen seiner toxischen Eigenschaften. Aus demselben
Grunde ist seine Verwendung als herzkräftigendes, herzanreizen¬
des Mittel zurüekgegangen. Manche „inneren Kliniker“ verwerfen
den Alkohol als Stimulans vollständig. Denn auch Alkoholiker
können ohne Alkohol über die Krisen hinweggeführt werden. —
Dagegen ist der Alkohol als hervorragendes Genußmittel zu be¬
zeichnen.
Als Genußmittel hat er seinen Wert, auch vom medizinischen
Standpunkte. Denn wir müssen uns vor Augen halten, was wir
von einem Genußmittel verlangen. Es soll auf die Geschmacks¬
und Riechnerven, auf Allgemeinbefinden und Appetit anregend
wirken. Diese Bedingungen erfüllt das alkoholische Genußmittel.
Dabei muß aber betont werden, daß nur geringfügige Mengen von
Alkohol so wirken. Jeder übertriebene, also mißbräuchliche und
gewohnheitsmäßige Genuß alkoholischer Genußmittel hat giftige,
schädliche Folgen. Die richtige Bewertung dieser Wirkungen’
akuter und chronischer Natur hat zu der öffentlichen Bekämpfung
des Mißbrauchs alkoholischer Getränke geführt. Das ist nur
zu begrüßen. Die Folge ist auch deutlich bemerkbar. Beständig
nimmt, der Verbrauch alkoholischer Genußmittel ab. Selbstver¬
ständlich kommen diese Erörterungen über den mäßigen Genuß
des Alkohols nur für gesunde Menschen in Betracht; für gewisse
Kranke, insbesondere Nervöse, ist er g a n z zu verbieten.
Was aber bietet man an Stelle des alkoholischen Genu߬
mittels? Ein Ersatzgetränk ist notwendig. Denn der Mensch
braucht Genußmittel nach der Ansicht vieler Autoren. Das geht
aus ihrer physiologischen Bedeutung, welche in der von ihnen
bewirkten Anregung zur Absonderung der Verdauungssäfte, in
Abhandlungen.
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UMIVERSITY OF IOWA
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17.
25. April.
der Anregung des Wohlbefindens überhaupt liegt, ohne weiteres
hervor. Ferner muß man durch vollwertige Ersatzgetränke die
Entsagung vom Alkohol auch möglichst erleichtern. Tee, Kaffee,
Kakao, Mineralwässer sind Genußmittel, welche zum Teil die
alkoholhaltigen Getränke zu ersetzen imstande sind. Sie finden
infolgedessen z. B. bei Marschübungen des Militärs mit Vorteil
ausgiebige Verwendung. Aber der Mensch verlangt noch etwas
anderes, etwas, das gewissermaßen „gerade so schmeckt“, wie das
alkoholische Genußmittel, ohne dessen schädliche Wirkung zu be¬
sitzen.
Die Industrie hat es sich da zur Aufgabe gemacht, gleichsam
als Ersatz an Stelle der zu vermeidenden alkoholischen Getränke
solche zu schaffen, welche aus denselben Rohstoffen hergestelit
werden, aber keinen Alkohol enthalten (2). Unter alkoholfreien
Ersatzgetränken verstehen wir demnach hauptsächlich alkohol¬
freie Obst- und Fruchtsäfte und alkoholfreie
Biere und Weine.
Wie verhalten sich nun die alkoholfreien Ersatzgetränke vom
Standpunkte der öffentlichen Gesundheitspflege? Können sie wirk¬
lich einen vollwertigen Ersatz darstellen für die alkoholischen Ge¬
nußmittel? Folgende Anforderungen müssen wir daher an sie
stellen? 1. Sind sie unschädlich? 2. Haben sie Nahrungswerte?
3. Sind sie ein Genußmittel? Das heißt, lassen sie sich längere Zeit
ohne Widerwillen trinken? Sind sie ein gleichwertiges Genußmittel
gegenüber den alkoholischen Getränken? 4. Sind sie nicht zu
teuer im Preise?
Die ersten beiden Fragen sind innig verbunden mit der Frage
nach der Bedeutung und der Zusammensetzung der alkoholfreien
Ersatzgetränke.
Zum Keltern müssen die Früchte der Trauben- und Obst¬
sorten gesund und ausgereift sein. Die reifen haben einen größeren
Zuckergehalt, besser entwickeltes Aroma und einen geringeren
Säuregehalt als die weniger reifen. Die Beerenobstarten haben
verhältnismäßig viel Fruchtsäure und mittelmäßigen oder geringe¬
ren Zuckergehalt. Ihre Säfte werden deshalb erst genießbar ge¬
macht durch Regulierung des Zucker- und Säuregehalts. Die
Zusammensetzung der durch Keltern gewonnenen Säfte ist nicht
immer gleich. Je nach der Witterung, von welcher die Reife ab¬
hängt, und nach der Obstsorte ist sie verschieden. Das zeigt z. B.
folgende Analyse von Traubensaft (3).
Zucker . . .
Freie Säure .
Eiweißstoffe .
Extraktivstoffe
und gebundene
Säuren . . .
Mineralstoffe . .
Wasser . . . .
Neroberger Steinberger
Riesling Ausleso
18,06 % 24,24 %
0,42 „ 0,43 „
0,22 „ 0,18 „
4,11 „ 3,92 „
0,47 „ 0,45 „
76,72 „ 70,78 „
Hattenheimer
1868
1869
23,56%
16,67 %
0,46 „
0,79 „
0,19 „
0,33 „
5,43 „ 5,17 „
0,44 „ 0,24 „
69,92 „ 76,80 „
Auf den ersten Blick fällt der hohe Gehalt an Fruchtzucker
und an Pflanzensäuren und Mineralstoffen auf. Der Fruchtzucker-
gehalt kann zwischen 10 und 30 °j n schwanken. Eine Apfelsaft¬
analyse (Norddeutsche Apfelkelterei Pomona in Rinteln) ergibt
folgende Zusammenstellung (2):
Gesamtextrakt . . .
... 12 bis 14 g
Gesamtzucker . . .
... 10
„ 12 „
Apfolsäure ....
... 0,6
n 0,8 „
Pflanzeneiweiß . . .
... 2,4
„ 3.2 „
Phosphorsäure . . .
0,018 „
Schwefelsäure . . .
0,008 „
Kali.
0,173 „
Kalkerde.
0,014 „
Magnesia.
0,0125 „
Kieselsäure ....
0,0026 „
Eisenoxyd.
0,004 „
[Ausgegorene Traubensfifte enthalten demgegenüber meist 0,01 bis
0,1, höchstens 0,25% Zucker (3). Nach Rubner finden sich in normalen
Weinen Kohlehydrate beziehungsweise Zucker nicht (4).]
Die Fruchtsäfte sind wegen des zersetzenden Einflusses der
Fermente und Spaltpilze nicht ohne weiteres haltbar und müssen
erst, damit sie nicht in Gärung übergehen, durch welche ihr
Zucker in Kohlensäure und Alkohol übergeführt wird, haltbar ge¬
macht werden. Das kann entweder durch antiseptische Zusätze,
wie Salicylsäure, Borsäure, Bora«x, Benzoesäure, Schwefeldioxyd,
Thymol, Abrastol oder Asaprol, Formalin geschehen oder durch
andere Verfahren, die im folgenden erörtert werden sollen.
Die Salicylsäure mit ihrem unangenehmen widerlich süßen
Geschmack wird in großen Mengen zum Konservieren verwendet.
Ebenso gebräuchlich ist die schweflige Säure (5). Zur Vermeh¬
rung der Haltbarkeit halbverdorbener Getränke wird mit Vorliebe
schweflige Säure gebraucht (3).
Diese antiseptischen Konservierungsmittel werden in ganz
geringen Mengen, die eben gerade zur Konservierung hinreichen,
bei kurzdauerndem Genüsse, bei einem Gesunden Störungen des
Befindens nicht veranlassen. Bei längerem Gebrauch aber wirkt
schweflige Säure giftig, und ebenso muß von der Salicylsäure so¬
wie von den andern Konservierungsmitteln betont werden, daß
die Möglichkeit einer Gesundheitschädigung gegeben ist, zumal
wenn sie in dreister Weise zur Anwendung kommen. Magen-,
Darm-, Gefäßstörungen (Erbrechen, Durchfälle, Blutungen), cere¬
brale Erscheinungen (Ohrensausen, Schwindel, Krämpfe), Nieren¬
reizungen können die Folgen sein (6).
Ganz besonders ist das der Fall, wenn es sich um kranke
schwächliche Menschen und um Kinder handelt. Außer der ge-
sundheitsehadigenden Wirkung der Mittel selbst kommt aber noch
ein anderes hinzu, wodurch sie als zur Konservierung nicht geeignet
bezeichnet werden müssen. Durch ihre fäulniswidrige Wirkung
ist die Möglichkeit zu unsauberem Hantieren gegeben. Die Sauber¬
keit wird zweifellos in vielen Fällen zu wünschen übrig lassen,
wenn in den chemischen Zusätzen Mittel gegeben sind, welche die
Folgen der Unsauberkeit, die Zersetzung der Genußmittel und
Getränke, verhindern. Unreeller Handlungsweise wird dadurch
Tor und Tür geöffnet.
Aus diesen Gründen ist die Konservierung alkohol¬
freier Ersatzgetränke durch Zusetzen che¬
mischer Konservierungsmittel abzulehnen. Es
ist dies um so eher möglich, als wir andere einwandfreie Methoden
zur Konservierung der Frucht,säfte besitzen.
Die Konservierung durch Wasserentziehung beruht auf der
Erfahrung, daß die zersetzenden Keime nur lebensfähig sind bei
Gegenwart einer gewissen Wassermenge (2). Eindicken von Zucker¬
lösungen über 40 °/ 0 macht diese haltbar; sie können infolge
Wassermangels nicht mehr gären. Je mehr sich das Verhältnis
von Zucker zu Wasser zugunsten des Zuckers ändert, d. h. je
zuckerhaltiger die Lösung wird, desto mehr nimmt in ihr die
Lebensfähigkeit der Keime ab.
Eingedickte Fruchtsäfte, sogenannte Fruehtsirupe, halten
sich, da sie einen hohen Zuckergehalt besitzen. Wegen des hohen
Zuckergehalts sind sie unverdünnt als Ersatzgetränk ausge¬
schlossen, erst durch Verdünnen mit Wasser sind aus ihnen jeder¬
zeit erfrischende alkoholfreie Getränke herzustellen.
Prof. Müller (Thurgau) hat zuerst eine Methode zur
Sterilisierung von Fruchtsäften durch Wärme angegeben, welche
auf dem Prinzip des Pasteurisierens beruht (7). Die entwickelten
Keime werden bei 55 bis 60 0 vernichtet, ohne daß dabei die Frucht¬
säfte verändert werden. Die Säfte werden dadurch vollständig
haltbar, weil eben die Gärung verhindert wird, und sind jahrelang
in unverändertem Zustand aufzubewahren. Die Fruchtsäfte
können unvermischt, oder nach Belieben mit Wasser oder kohlen¬
saurem Wasser versetzt, genossen werden. Die Kohlensäure,
welche einen erheblichen Einfluß auf Frische und Wohlgeschmack
hat, kann auch künstlich imprägniert oder durch unschädliche
chemische Zusätze erzeugt werden. Unter dem Namen „Frada“
werden von der Allgemeinen Fradagesellschaft in Mainz kohlen¬
säurehaltige alkoholfreie Getränke aus Fruchtsäften hergestellt,
bei denen die Kohlensäure durch Zuftigen von Zitronensäure und
Natr. bicarbon. entsteht. Die Kohlensäure bleibt dabei in dem
Getränke gelöst.
So kann aus jeder beliebigen Fruchtart ein wohlschmecken¬
des alkoholfreies Getränk oder ein Sirup zur Bereitung von solchen
gewonnen werden, indem man die durch Pasteurisieren oder
durch Eindicken sterilisierten unvergorenen naturreinen Frucht¬
säfte dazu verwendet. Diese Getränke sind alkoholischen an
Nahrungswert weit überlegen und haben nicht deren schädliche
Alkoholwirkung.
Ein anderes Verfahren, alkoholfreie Getränke zu bereiten, be¬
steht darin, daß vergorene Traubensäfte von dem bei der Gärung
entstehenden Alkohol befreit werden. Es geschieht dies auf dem
Wege der Vakuumdestillation (2). Dabei bleiben alle Bestandteile
des Traubensaftes unverändert zurück mit Ausnahme des Alkohole
und der Kohlensäure. Das Bukett des Weins wird teilweise er¬
halten, da die zusammengesetzten Aetherarten, die das Bukett
bilden, einen hohen Siedepunkt besitzen (zirka 225 bis 230 °). Es
soll auf diese Weise ein weinartiger Charakter des Getränks be¬
wahrt bleiben. Durcli Zusatz von Zucker und Imprägnieren von
Kohlensäure wird ein dem Weinmost in der Zusammenstellung
ähnliches Getränk erhalten.
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25. April.
Die Weinrückstände bei der Kognakdestillation können auf
diese Weise verwertet und so ein billiges alkoholfreies Ge¬
tränk hergestellt werden. Auf dieselbe Art geschieht die Her¬
stellung alkoholfreien Bieres durch Vakuumdestillation (2). Alkohol
und Kohlensäure entweichen, während die übrigen Stoffe unver¬
ändert bleiben. Aus dem Kondensat werden die riechenden Stoffe
und das übergegangene Wasser durch fraktionierte Destillation
vom Alkohol getrennt und dem Biere wieder zugesetzt, sodann
das Bier mit Kohlensäure gesättigt. Man erhält ein Getränk, dem
die gesundheitschädliche Wirkung durch Entfernung des Alkohols
genommen worden ist. Eine andere Art der Herstellung von
alkoholfreien Malzgetränken ist die Bereitung durch alkoholfreie
Gärung (2). Unter Einwirkung eines Ferments, Leuconostoc dis-
siliens, wird der Zucker in Kohlensäure und einen pflanzenschleim¬
artigen Nährstoff, die Dextranose, zerlegt. Geruch und Geschmack
werden dabei nicht verändert. Das erzeugte Getränk ist bei Ab¬
schluß von Luft unveränderlich; es tritt keine Essigbildung auf,
der z. B. die alkoholischen Getränke ausgesetzt sind. Es ist
zweifellos ein unschädliches und an Nahrungswert gehaltreicheres
Getränk, als das durch alkoholische Gärung aus der Malzwürze
entstandene, da es die Dextranose, ein Nahrungsmittel, an Stelle
des Alkohols enthält.
Alkoholfreie Gärung bewirkt ferner die Milchsäure (2). Die
Malzwürze wird durch Milchsäure angesäuert und der Ueberschuß
an Säure durch Natr. bicarbonic. abgestumpft. Nach dem Im¬
prägnieren mit Kohlensäure wird so ein Getränk erhalten, das der
einfachen sterilisierten Würze an Gescbinack und Haltbarkeit über¬
legen ist.
Schließlich kommt entsprechend den unvergorenen Obstsäften
die unvergorene Malzwürze als Getränk zur Verwendung, nach¬
dem ihr zur Verbesserung des Geschmacks Hopfenextrakt und
S/Tn- re ir naCh X er8ch,edenen Vorschriften zugesetzt worden*
sind (2) Die Konservierung geschieht auch hier am zweckmäßigsten
durch das Pasteurisieren. In den alkoholfreien Malzgetränken
steckt cm hoher Nährwert wegen des Gehalts an Malzextrakt und
des Reichtums an Malzzucker, wodurch sie nahrhafter sind, als ge-
i Hle u ,? erm in dem gegorenen Bier hat die Gärung auf
rin % ' er ^ a to f e skGtgefunden, sodaß Zucker nur noch in ge¬
ringer Menge vorhanden ist. 6
In 7u - C ;. deut schon und «sterreichischen Bieren schwankt der Zucker-
« nd 1.2°?/o. Aus ihrem Alkoholgehalte, der
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17.
485
q Q? j Ad, . ’ üiKonoicen
(lii rh L 3 faT d r 4 ’1° /0 n SChwankt ’ kann n,an dehnen, wieviel Zucker
AKolGäHmg zerlegt wird. Es entsteht ein Teil
W T TO ?'°ol e r! 0n Zuckor ‘> al8 ° entsprechen 3,30 bis
NahruVcrswcr? ?’ 72 bls , 8 ’f° /» Zucker der unvergorenen Würze, Dieser
aanningswert geht demnach bei der Alkoholgärung teilweise verloren (3).
schriphlnIn e Tr d ' ie aIkohoIfreien Ersatzgetränke in der eben be-
SSf“ ^f lse e,nwand frei hergestellt, so haben sie ihre große
erfüllt* ^ nSere l cr ®^ n . beiden Forderungen werden alsdann
ertüllt, sie sind unschädlich und haben Nahrungswert.
TrauhentlTl 6 ^ 1 * 611 ^ 11 S . afte be,ialten J a ihren ganzen Frucht- und
mittel djuSim d n d ? n 0r £ anismus ein wertvolles Nahrungs-
“ wird nhn • *, Der Zucker ist in d ^er Form leicht verdaulich,
z ieh U nl wedere Umänderung assimiliert und ist in dieser Be-
zucker^rniri^^y 0 ? a s der R °hrzucker, der erst in Trauben-
lürden nmo F * niChtZU - cke i zerIegfc werden mi,ß - Der Zucker ist
Muskehrh5? ni8mi l 8 f ne ^ uelIe der Energie, welche besonders der
testgestellt kom , In . t u ”. d d ? ren Wirkung, wie physiologisch
^ Tv sebr rasch in die Erscheinung tritt (8).
sehen Sabel^wS^ e . 1 ! t J al ^ n f ornör einen Reichtum an minerali-
Denn l mt * e ° ht auch Nährsalze genannt werden (9).
zur Erhaltung* !r” ien 8,c ^ er ’ daß die mineralischen Bestandteile
Nalirungsstoffe- ebenso wichtig sind wie die organischen
leichter als d Ko? er verträ g fc eine völlige Karenz sogar
zn erhalten a* 1 ^* Ohne Nährsalze ist das Leben nicht
Durch sie wirri m dlG ist der Stoffwechsel gebunden,
geschaffen und rnal!? 110 ^ 18 ^ 6 . S P annun g der Zellen im Organismus
unserm Omanern ^ ll ^ rt * ist also von großer Bedeutung, daß
geschieht in Z dl ? e Nah r salze ««geführt werden. Und das
gen, namentlich 0inp IZ ! erter organischer Eiweißverbindun-
ralstoffe nm?!™ d6 p Pf l a, ? zen reichs. Chemisch rein sind die Mine-
und in unserer ? ? eicldlcker Obstgenuß ist daher zweckdienlich
Schäden einer P ; n f v* W ° de 7 Kulturmensch sehr häufig an den
s °nders zu emntehion^? U ? d falschen Ernährung krankt, ganz be-
m alle lwL n ■?* , den '»'vergorenen Obstsäften haben wir
h «ngt somit denliolh^ d ^ Obstes in flüssiger Form. Ihr Genuß
dürfen dabpi »K fl S ■ f Nutzen, wie der der Früchte selbst. Wir
r außer acht lassen, daß wir die Nährsalze
auch durch andere Nahrung zu uns nehmen. Ihr Vorhandensein in
den Fruchtsäften ist nicht etwas diesen allein Eigentümliches.
Dennoch sind sie dadurch wertvoll.
Der Reichtum der alkoholfreien Fruchtsäfte an milden Säuren
hat nach Kühner (9) und Ahrenfeldt (10) noch eine andere
Bedeutung. Die Fruchtsäuren haben eine keimtötende Wirkung,
wie Robert Koch, Kitasato, von Noorden, Kellog
und Andere nachgewiesen haben. Typhus-, Cholerabacillen gehen
m Fruchtsäuren nach kurzer Zeit zugrunde. Diese Wirkung der
Fruehtsäuren wird überschätzt. Denn der Magensaft desinfiziert
infolge seines Gehalts von Salzsäure selbst, und für die
Darmdesinfektion kommen die Fruehtsäuren gar nicht in Betracht,
da sie in. tiefere Dannabschnitte überhaupt nicht gelangen. Im
oberen Teile des Duodenums werden die Säuren sofort abgestumpft;
das ist notwendig, weil sie sonst die Pankreassaftwirkung stören
würden.
Die alkoholfreien Fruchtsäfte sind demnach wegen ihres
großen Gehalts an Stoffbildnern, an Zucker und Mineralstoffen, ein
wirkliches Nahrungsmittel (11). Für Gesunde und auch für Kranke
haben sie deshalb ihre große Bedeutung. Mit Vorteil werden sie
bei allen Erkrankungen der Ernährung, der Erschöpfung, bei
Anämischen und Chlorotischen, bei Fiebernden als erfrischendes
und zugleich ernährendes und leichtverdauliches Getränk ver¬
ordnet (12).
Von Abstinenzgegnern wird zuweilen behauptet, daß die un¬
vergorenen Fruchtsäfte einen ungünstigen Einfluß auf die Ver¬
dauungsorgane ausübten (7). Der reichliche Gehalt an Zucker kann
unter Umstünden eine solche Wirkung hervorrufen. Menschen, die
nicht an reichlich Zucker gewöhnt sind (z. B. bei schwachem
l ankreas), können wohl nach dem Genuß von Fruchtsäften Durch-
falle bekommen. Aber das dürfte zu den Ausnahmen gehören.
Die leicht abführende Wirkung, die manche Fruchtsäfte haben
kann anderseits nach Strauß (13) sogar von diätetischem Werte
sein und darum Berücksichtigung verdienen.
Im allgemeinen wird niemand von reifen Früchten sagen daß
ihr Genuß schädlich sei. Und was sind denn die Fruchtsäfte
anderes, als der ausgepreßte Saft reifer Früchte und Trauben, aller-
dings in konzentrierter Form? Diese kann unter Umständen sogar
für die Ernährung von großem Werte sein. Eine verdauungsschäd-
Uche Wirkung könnte noch zustande kommen, wenn es sich um
den Genuß bereits in Gärung befindlicher Fruchtsäfte handelt
welche mit Zersetzungskeimen überladen sind und dadurch aller¬
dings zu Störungen infolge von Darmgärung führen können. Ganz
anders verhält es sich aber bei dem Genüsse sterilisierter Frucht-
safte, die ja völlig frei von Keimen sind. Gärungserscheinungen
sind da völlig ausgeschlossen.
Wir kommen nunmehr zu der dritten Forderung, die wir
an die alkoholfreien Ersatzgetränke zu stellen haben: Sind die
Er satz ge tränke ein Oenußmittel und als sol-
ches gleichwertig den alkoholischen Genuß-
in 11 v 01 n ;
Man hört oftmals, daß der weiteren Verbreitung der alkohol¬
freien Ersatzgetränke der ausgeprägt süße Geschmack hindernd
rntgegenstände (7). Bas trifft zweifellos zu. Zwar kann man dem
bis zu einem gewissen Grade begegnen. Einmal ist es möglich
sich an das Süße zu gewöhnen, seinen Geschmack allmählich um-
zust'mmen. Sodann kann man den Zuckergehalt der Getränke
selbst beeinflussen. Je nach dem Grade der Reife, ob die Vor-
a Cr S rm ?, früh od :’ r 8 P ät stattgefunden hat. ist der Zucker¬
gehalt der Fruchte verschieden. Auch die einzelnen Sorten sind
verschieden säure- und zuckerhaltig, sodaß durch Mischen der
se hen eine gewisse Abstufung möglich ist und so den mann"-
L.!f“- A j Pr \'r genügt werden kann. Schließlich erhalten
BesHU 7- m de " hefever f : ' ,r ™™ Säften, denen der Alkohol durch
Destillation genommen ist, Getränke, welche zwar den für die Er
SÄf*» w,ch “^. n Z "<'äer größtenteils vermissen lassen abe7
dafür auch nur wenig süß sind (9). ’ oer
Trotz allem muß ich aber nach meinen eignen Erfahrenen
3 e " ~• l Ch - ha -n d n Erzeugnisse von 14 Firmen durchgekosfet
Undn " r ' st . e "! ™ ßer Geschmack an und für sich nicht un ngene m
daß auf die Dauer der süße Geschmack widersteht. Aus dem
selbem Grunde ist ja auch der Konsum süßer Biere geringer als
der bitterer. Je ausgesprochener der siiße Gesehmafk isf desto
rascher hört das Behagen daran auf. Es ist genau so wie bei einer
wohischmeckenden Speise, die, zu ausgeprägt im Geschmack
fVnnßm^i l"'Tri r r Da " n , lif 'F t cb «‘ n <>« Reiz des alkoholischen
Gtnußm ttels, (laß dieser Ueberdruß viel weniger leicht eintritt.
Mit dem Reichtum an Zucker hängt es auch zusammen, daß
rAl:.
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UNiVERSITY OF IOWA
25. April.
4SG 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17.
so schnell das <i<‘fiilil von S:ltti*jrun<r ointritt. Nach zwei bis drei
Weingläsern unverfrorenen Traubensaftes schon verspürt man ein
lästiges Gefühl von Völligkeit im Magen, das vielen Menschen den
Genuß der Ersatzgetränke verleiden wird. Man wird einwenden,
daß es ja auch nicht nötig sei, mehr zu trinken. Gewiß, man kann
sogar noch weniger trinken. Aber die Getränke sollen einen Er¬
satz darstellen, und dann muß man auch denselben Maßstab an sie
legen wie an die alkoholhaltigen Getränke.
Der Genuß, das Behagen an einem Getränke wird weiter
bestimmt durch seinen Duft. Wie verhält es sich damit bei den
ErsatzgetränkenV Ihnen fehlen die Gärbuketts. Diese Stoffe, äthe¬
rische Gele, entstehen erst bei der Gärung und sind in ihrer Zu¬
sammensetzung nicht bekannt. Denselben Duft können wir also
bei alkoholfreien Getränken nicht haben. Bunge (14) sagt, das
sei auch nicht nötig; man mache immer den Fehler, danach zu
trachten, daß die alkoholfreien Getränke alle Eigenschaften der
Weine und Biere haben sollten; und das sei verkehrt. Darin stimme
ich ihm bei. Aber von ErsatzgetrÜnken muß man füglich erwarten,
daß sie in jeder Beziehung einen gleichwertigen Ersatz tatsächlieh
bitten. Und den gewähren sie, was die Duftstoffe anbelangt, nicht.
Ein größere« Wohlgefallen linden die meisten Menschen zweifellos
an dem Dufte der hefevergorenen Getränke, ln dein Dufte liegt
zum großen Teile das Geheimnis ihres Genusses. Gewiß haben die
alkoholfreien Trauben- und Gbstsäfte ebenfalls Geruchstoffe, ihr
Aroma; Walderdbeeren, Ananas. Himbeeren, Mirabellen, verschie¬
dene Apfelsorten usw. duften ohne Frage sehr lieblich, übertreffen
vielleicht sogar das Aroma vergorener Weine, wie M ii 11er (Thur¬
gau') (7) meint. Aber letzten Endes kommt es doch nicht darauf an,
welcher Einzelgeruch hei dem einen oder dem andern Getränk
In sser vorhanden ist, sondern der Gesamteindruek ist maßgebend,
den die Riechnerven des Trinkenden empfangen, und da steht
meines Erachtens der Duft der alkoholfreien Ersatzgetränke hinter
dem der vergorenen Getränke zurück. Sie sind zwar ein Genuß-
mittel, doch nicht in demselben Grade wie die alkoholische» Ge¬
tränke.
Ich komme nunmehr zu der Besprechung des letzten Punktet*
unserer Anforderungen an die alkoholfreien Ersatzgetränke. Wie
v e r h a 11 e n sich die Herstellungskosten und d i e
Preise i in H an d e 1 ?
Die Methode der Pasteurisierung ermöglicht die Herstellung
v«»ii alkoholfreien Ersatzgetränken aus Trauben- und Obstarten im
Kleinbetriebe. Vorzügliche Sterilisierapparate, wie „Weck“ und
..Rex",siml für dcnKleinhetrieh konstruiert worden! doch sind diese
Apparate, welche immerhin zu Anfang größere Kosten verur¬
sachen, nicht durchaus notwendig. Rudolf L e u t h o 1 d (Wädens-
wil) (15) hat ein offenes Sterilisierverfahren angegeben, welches
keine Anschaffung von besonderem Material au Gläsern usw. ver¬
langt und daher einfacher und billiger als andere Verfahren ist.
Für HM) Flaschen Birnensaft berechnet er die Kosten bei eigner
Herstellung auf 20 M„ sodaß so ein billiges Hausgetränk herzu¬
stellen ist. Diese Berechnung ist für die hiesigen Verhältnisse
entschieden zu niedrig. Das Obst ist hier nicht so billig, daß eine
Herstellung von 100 Flaschen Saft für 20 M möglich wäre. In
einem besseren Haushalte kann man zudem eine solche Herstellung
von Säften wohl erwarten, nicht aber in einer Arbeiterfamilie.
Denn die Herstellung erfordert außer den Kosten Zeit, und die
fehlt gewöhnlich da. wo jedes Mitglied der Familie auf Arbeit, zu
gellen gezwungen ist. Für sie wird meist das fabrikmäßig herge¬
stellte Getränk in Frage kommen. Wie sind die Kosten dafür?
Die Preise der fabrikmäßigen Herstellung von alkoholfreien
Ersatzgetränken, namentlich von Apfel- und Birnensäften, sind
zwar nicht sehr beträchtlich, aber doch höher, als die Herstellung
der alkoholischen Getränke kostet. Einigermaßen ausgeglichen
wird nach Müller (Thurgau) (7) der Unterschied dadurch, daß
von den Erzeugnissen der alkoholischen Gärung immer viel verdirbt
und der Konsument dafür mitbezahlen muß. Der Verlust wird
auf d! : Preise der zum Verkauf kommenden Weine und Biere auf-
geschlagen. Boi den alkoholfreien pasteurisierten Getränken
kommt ein Verderben so gut wie gar nicht vor; infolgedessen wird
auch der Preis dadurch nicht mehr gesteigert.
Die Preise im Handel für eine ganze Flasche OG | alkohol¬
freien Trauhen saftes bewegen sich zwischen den Werten von
IjO_3 M, für alkoholfrei! Schaumweine zwischen 1,30—3 M.
für Apfel-.. Birnen-, Beerensäfte zwischen 0,50—1 M. J 0 nach
der Qualität der Trauben- und Obstsorten schwankt der Preis.
Die Preise der alkoholfreien Biere sind etwas höher, als die
der verlorenen Biere; konzentrierte Malzextrakte kosten mIk Mich
mehr. Ein Kilogramm Schiffsmiimme kostet z. B. 3 M. Allerdings
muß man bedenken, daß diese Extrakte meist nur stark verdünnt
genossen werden. Immerhin, als Volksgetränk sind sie zu teuer.
Fassen wir nun noch einmal zusammen, was wir über die
alkoholfreien Ersatzgetränke entsprechend den eingangs aufge¬
stellten Anforderungen festgestellt haben. Wenn sie in der be¬
schriebenen Weise einwandfrei hergestellt sind, sind die alkohol¬
freien Ersatzgetränke nicht gesundheitschädlich. Sie haben ferner
einen hohen Nährwert, sodaß sie geradezu als Nahrungsmittel be¬
zeichnet werden können. Sie sind wohlschmeckend und aromatisch
und daher ein Genußmittel; doch sagt ihr Geschmack meist, gerade
wegen ihres hohen Nahrungswerts an Zucker, auf die Dauer nicht
zu. Der Genuß läßt allmählich nach. Ein gleichwertiges Genuß-
mittel im Sinne der alkoholischen Getränke sind sie meines Er¬
achtens nicht. Ihr Preis ist an und für sich nicht beträchtlich,
aber für ein allgemeines Volksgenußmittel dennoch zu hoch. Ins¬
besondere zum Ersatz für alkoholische Genußmittel sind sie zu
teuer, da diese billiger sind.
Trotzdem müssen wir sagen, daß die alkoholfreien Ersatz¬
getränke wegen ihres hygienischen Wertes die größte Beachtung
verdienen. Die Industrie hat bereits einen gewaltigen Einfang
angenommen und hat alle heimischen und viele fremdländischen
Erzeugnisse der Obstkultur verarbeitet. Es sind recht gute alkohol¬
freie Getränke aus ihnen gewonnen, die man nur empfehlen kann.
Bei der steigenden Nachfrage nach alkoholfreien Getränken
und iiirer zunehmenden Bedeutung für die öffentliche Gesundheits¬
pflege liegt es auch nahe, festzustellen, ob die auf den Markt ge¬
brachten alkoholfreien Ersatzgetränke in ihrer Zusammensetzung
auch wirklich immer den an sie zu stellenden Anforderungen ge¬
nügen. Es liegt ja auf der Hand, daß gerade bei dieser Art von
Genußmitteln in unlauterer Absicht Fälschungen begangen werden.
Die Untersuchungen an den öffentlichen und privaten Unter¬
suchungsämtern Indien ergeben, daß solche als alkoholfrei und
naturrein angepriesenen und verkauften Fruchtsäfte, Biere und
Weine oft gerade das Gegenteil von dem in ihrer Zusammensetzung
darstrllen (16).
Der Alkoholgehalt der beanstandeten Getränke geht trotz
ihrer Aufschrift „a 1 k o h o 1 f r e i“ bis zu jedem Grade des Alkohol¬
gehalts alkoholischer Gcnußmittel. Nicht allein, daß aus Kern¬
gehäusen. Schalen und andern Abfällen der Dörrobstfabrikation
sogenannte alkoholfreie < „F r u c h t s ä f t e“ hergestellt werden,
eine Bezeichnung, welche ihnen laut Urteil des Kammergerichtsund
Reichsgerichts nicht zukommt, da sie nur halbsoviel Extrakt als
zum Beispiel echter Apfelsaft enthalten; es werden sogar mit den
Namen „naturreine Fruchtsäfte“ Produkte belegt, die überhaupt
keinen natürlichen Saft, enthalten. Es sind wertlose Kunstpro-
dukte, aromatisierte und künstlich gefärbte Zuckerlösungen. Mit
Anilin- und Teerfarben, Weinsäuren, Citronenöl, Phosphorsäure
wird da viel gearbeitet. Als „alkoholfreier Sekt“ erscheinen Ge-
Iranke im Handel, die den Eindruck erwecken, als ob sie aus
Eriichtsäften hergesfellt seien, während sie in Wirklichkeit die
Grundstoffe einer künstlichen Brauselimonade enthalten. Bas
Schäumen von Limonaden wird vielfach durch Zusatz von saponin-
haltigen Stoffen bewirkt, was hygienisch nicht einwandfrei ist
Solange nicht die giftigen Saponine von den nicht giftigen zu
unterscheiden sind, ist der Zusatz entschieden unzulässig. Als
Fälschungen müssen auch stark gewässerte Fruchtsäfte oder mit
Nachpresse verdünnte Fruchtsäfte gelten, wenn sie als alkohol¬
freie „Fruchtsäfte“ in den Handel gebracht werden. Denn es ist
unter dieser Bezeichnung eben nur der reine, durch Auspressen
gewonnene Fruchtsaft zu verstehen. Zur Erhöhung des Frucht*
Zuckergehalts der Säfte wird Stärkesirup, Rohrzucker, Capillärsirup
zugemischt.
Zur Konservierung der Fruchtsäfte ferner ward sehr häufig
Salicylsäure, schweflige Säure, Formalin zugesetzt (17). Zusätze
von 0,3 bis 0,46"sind nicht ungewöhnlich, sind sogar bis 0,4 {0
nachgewiesen. Wie schon früher dargelegt ist, müssen alle diese
Konservierungsmittel als ungeeignet bezeichnet werden. Es sm
dadurch Gesundheitschädigungen möglich (18). Nach einem Gu-
achten der wissenschaftlichen Deputation für das Medizinal wesen
in Berlin ist jeder Zusatz von Salicylsäure unzulässig. Es mu
sodann unbedingt verlangt werden, daß auf den Aufschriften de
Flaschen unzweideutig über die Zusammensetzung des Getrau^
Aufschluß gegeben ist. Der Konsument darf darüber nicht
täuscht werden durch Auslassungen oder Zweideutigkeiten.
Urteil in diesem 8inn ist vom Strafsenat des Königlichen Kaiiinn
! gerichts in Berlin vom 29. Dezember 1902 gefällt worden.
' lieber den Begriff, was „alkoholfrei“ ist, heir^ 11
| Meinungsverschiedenheiten. Als geistiges Getränk im 8mne
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25. April.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17.
487
§ 33 RGO. ist nicht jedes weingeistige Getränk aufzufassen, son¬
dern nur, wenn es durch seinen Alkoholgehalt berauschend wirkt, j
Als unterste Grenze gilt 1 bis 2 °/ 0 Alkoholgehalt. Dadurch ist
es klar, daß Getränke mit weniger Alkoholgehalt als alkoholarm
gelten oder sogar als alkoholfrei angesehen werden. Das Deutsche
Nahrungsmittelbuch läßt 0,5 g Alkohol in 100 ccm als alkohol¬
frei gelten. Auf demselben Standpunkte stehen viele Unter¬
suchungsämter, während andere nur bis 0,3 °/ 0 als höchstes zu¬
lässiges Maß gelten lassen, mit der Begründung, die Bezeichnung
„alkoholfrei“ habe nur Geltung in technischem Sinne, während in
Wirklichkeit fast alle die alkoholfreien Getränke etwas Alkohol,
biß 0,3 °/ 0 , enthielten.
Bei der Bezeichnung „alkoholfrei“ sollte meines Erachtens
auch wirklich auf absolute Alkoholfreiheit gesehen werden. Ge¬
stattet man erst einen gewissen Grad von Alkoholgehalt, so be¬
steht die Gefahr, daß unter diesen überhaupt kaum noch herunter¬
gegangen wird und schließlich auch die Grenze überschritten wird.
Gerade im Interesse der völligen Abstinenz, zum Beispiel bei
geretteten Trinkern, kann nicht dringend genug auch vor einem
Minimum von Alkohol gewarnt werden. Der Einwand, daß wegen
des Fernbezugs der Früchte diese oft schon in Gärung über¬
gegangen sind oder die Säfte wegen des Klärens aus gegorenen
Säften hergestellt werden müssen und darum ein geringer Alkohol¬
gehalt nicht zu vermeiden sei, ist nicht zulässig. In solchen Fällen
soll die Bezeichnung „alkoholfrei“ nicht angewandt und der
Alkoholgehalt angegeben werden oder die Bezeichnung „alkohol¬
arm“ an die Stelle treten.
In den letzten Jahren hat sieh in der Fabrikation alkohol¬
freier Ersatzgetränke eine erfreuliche Besserung bemerkbar ge¬
macht (16), seitdem von der Freien Vereinigung deutscher Nah-
rungsmittelchemiker Grundsätze zur Beurteilung der Getränke auf¬
gestellt worden sind und die Fabrikanten wissen, worauf es an¬
kommt. Eine große Zahl sehr guter alkoholfreier Weine, Biere
und sterilisierter Fruchtsäfte gibt es, und beständig erscheinen neue
reelle Fabrikate.
Nach allem, was wir gesehen haben über die alkoholfreien
Ersatzgetränke, ist ihre weiteste Verbreitung zu wünschen und zu
fördern. Und dennoch gelingt es so recht noch nicht, ihnen überall
Eingang zu verschaffen. Woran liegt das? Die öffentliche Ge¬
sundheitspflege hat ein zweifaches Interesse, nach den Gründen
zu fragen. Denn in demselben Maße, wie der Konsum der alkohol¬
freien Ersatzgetränke zunimmt, nimmt ja der Alkoholgenuß ab.
Zum Teil finden wir eine Erklärung in dem Preise, der für die
Ersatzgetränke zu hoch ist, sodann in denjenigen Eigenschaften,
welche die alkoholfreien Ersatzgetränke mehr als ein wohl¬
schmeckendes Nahrungsmittel denn als ein hervorragendes Genu߬
mittel erscheinen lassen. Allein ist es das aber nicht. Es sind
noch andere Ursachen, auf die ich zum Schlusse kurz hinweisen
möchte, die meines Erachtens nicht zu unterschätzen sind und
außerhalb des Charakters der alkoholfreien Ersatzgetränke liegen.
Es ist mit schuld daran der Despotismus der öffentlichen Mei¬
nung (19), die glaubt, daß ohne Alkohol heitere Geselligkeit nicht
möglich sei, und dadurch die alkoholfreien Ersatzgetränke in Mi߬
kredit bringt. Ferner wird oft ein großer Mißbrauch mit der
angeblichen Unschädlichkeit des sogenannten mäßigen Alkohol-
genuases getrieben (19). Was für den einen einen mäßigen Alkohol-
genuß bedeutet, ist für den andern schon viel. Und selbst der I
mäßigste Genuß ist in vielen Fällen, weil schädlich, noch zu viel.
Wie es zweifellos falsch ist, jeden Alkoholgcnuß überhaupt zu ver¬
urteilen, so verkehrt ist es, einen mäßigen Alkoholgenuß in jedem
Fall als unschädlich zu bezeichnen. Damit w r erden falsche Vor¬
stellungen hervorgerufen und die Alkoholgefahr leicht als über¬
trieben eingeschätzt. Denn suggestiv wirkt auf alle Schichten der
Bevölkerung das Schlagwort von dem mäßigen Alkoholgenusse,
welches sich stützt auf tatsächliche oder gefälschte Aussprüche
berühmter Männer über das Trinken, auf poetische Verherrlichun¬
gen des Alkohols, auf eine Reihe von Vorurteilen medizinischer
und gesellschaftlicher Natur (20). Produzenten und Interessenten
der Alkoholindustrie nutzen das aus und schüren soviel wie mög¬
lich gegen die Antialkoholbewegung.
Der Kampf aber gegen den Mißbrauch geistiger Getränke
muß mit aller Energie geführt werden und kann nur von jedem ein¬
sichtigen Menschen aufs wärmste unterstützt und gefördert wer¬
den. Man braucht deshalb durchaus nicht ein Anhänger fanatischer
Abstinenz zu sein, welche stets zu Uebertreibiingen gelangt
ist (21, 22). Gewiß wird in vielen Fällen eine völlige Enthaltsam¬
keit zweckmäßig und notwendig sein. Das ist dann aber kein
Schaden, denn man kann gesund, rüstig, heiter und gesellig sein
ohne einen Tropfen Alkohol,
Wenn man das erfaßt hat, wird man auch den Nutzen recht
erkennen, den die alkoholfreien naturreinen Obst- und Fruchtsäfte
uns bieten. Es möge Alkohol trinken, wer keine Gesundheits-
Schädigung davon hat. Man soll aber auch duldsam sein gegen
den, der sich vom Alkohol ab- und den alkoholfreien Ersatz-
getränken zuwendet, sei es, daß er aus irgendwelchen Gründen
dazu gezwungen ist, sei es, daß er freiwillig dazu kommt. Es ist
durch nichts gerechtfertigt, jemand solchen Entschluß zu er¬
schweren und zu verleiden, aus Vorurteil und aus selbstsüchtigen
Beweggründen, wie es so oft geschieht. Denn die alkoholfreien
Ersatzgetränke sind hygienisch wertvoll und im Kampfe gegen
den Mißbrauch alkoholischer Getränke von unzweifelhaftem
Nutzen.
Literatur: 1. H. Lüthje, Neuere Ergebnisse auf dem Gebiete des Dia¬
betes. (Jkurs. f. ärztl. Fortbild. 1910.) — 2. E. Luhmann, Die Industrie
der alkoholfreien Getränke. (A. Hartlebens Verlag. 1905.) — 3. K. B. Leh¬
mann, Die Methoden der praktischen Hygione. (1901.) — 4. Max Rubner,
Lehrbuch der Hygiene. (1900.) — 5. Hermann Walbaum, Die Gesundheits¬
schädlichkeit der schwefligen Säure und ihrer Verbindungen uuter besonderer
Berücksichtigung der freion schwefligen Säure. — 6. Rudolf Robert, Lehr¬
buch der Intoxikationen. (1906, Bd. 2.) — 7. Müller (Thurgau), Die Herstellung
unvergorener und alkoholfreier Obst- und Traubenweine. — 8. R. Tigerstedt,
Lehrbuch der Physiologie des Menschen. (Bd. 1, 1897.) — 9. Kühner, Alko¬
holschäden, die Hilfe. — 10. Martin Ahrenfeldt, Alkoholfreie Obst- und
Fruchtsäfte. — 11. Johannes Schneider, Alkoholfreie Getränke und Er¬
frischungen für Gesunde und Kranke. — 12. Jordy (Bern), VII. Congrös inter¬
national contre Tabus des Boissons Alcooliques: Boissons hygiöniques non alco-
oliques. Des vins sans aicool. (Jus de raisins störilisös.) — 13. H. Strauss,
Vorlesungen über Diätbehandlung innerer Krankheiten vor reiferen Studierenden
und Aerzten. (1908.) — 14. G. Bunge, Was sollen wir trinken? (Int. Mschr.
z. Bekämpf, d. Trinksitt.) — 15. Rudolf Leuthold (Wiidenswiel), Selbsther¬
stellung alkoholfreier Obst-, Trauben- und Beerensäfte. (Verlag für deutsche
Kultur und soziale Hygiene, Renkingen.) — 16. Uober die Tätigkeit des chemi¬
schen Untersuchungsamts der Stadt Dresden im Jahre 1911. (Pharm. Zentral¬
halle.) — 17. Uebersicht über die Jahresberichte der öffentlichen Anstalten zur
technischen Untersuchung von Nahruugs-nnd Genußmitteln im Deutschen Reiche
für das Jahr 1906. — 18. L. Lew in, Die Nebenwirkungen der Arzneimittel.
— 19. P. A. Ming, Durst und geistige Getränke. — 20. Georg Bonne, Ueber
die Bedeutung der Suggestion in der Alkoholfrage. — 21. Sternberg, Ueher-
treibungen der Abstinenz. (1911.) — 22. Kauffmann, Kritik der fanatischen
Alkohol-Abstinenzbewegung. (1913.)
Berichte über Krankheitsfälle und Behandlungsverfahren.
Aus der Kinderheilstätte Bad Elster.
Eine billige Oehhülse
von
San.-Rat Dr. P. Köhler.
^ Kranke, bei denen es sich darum handelt, ein Bein ruhig¬
zustellen und zu entlasten, hat sich mir seit Jahren eine einfache
mpsgehschiene bewährt, die rasch und billig, ohne die Hilfsmittel
einer Bandagenwerkstatt, herzustellen ist und sich der Körperform
m anpaßt.
Ich habe sie zunächst in der orthopädischen Praxis speziell
tn 1 die Zwecke der Krtippelfürsorge angewendet, bei denen die
eisfrage für Bandagen eine Rolle spielt und bei denen es mir
arauf ankam, die Bandage abnehmbar und luftig zu machen, im
egensatz zu circulären Gipsverbänden.
, Es kamen in erster Linie Fälle von tuberkulösen Hüft- und
wegeienksentzündungen in Frage. Nehmen wir an, es handelt
sich um ein Kind mit Hüftgelenksentzündung in subakutem Sta¬
dium, so verfahre ich folgendermaßen: Ich biege mir aus Band¬
eisen von 4 mm Stärke, 15 mm Breite, entsprechend den Konturen
des Beins, eine Schiene zurecht, die auf der Außenseite bis in die
Taille reicht, an der Innenseite bis zum Beinspalte, den Fuß in
Form eines Gehbügels überragt. Diese Bandeisenschiene um¬
wickle ich mit einer Mullgipsbinde. Inzwischen wird der Patient
in eine Kopfschwebe gehängt, das gesunde Bein belastend, während
das kranke über dem Boden schwebt. Die Schiene wird von einem
Assistenten an das Bein angehalten. Ich fertige Gipsbindenstreifen
an, doppelt so lang als der halbe Umfang. Es wird zunächst der
obere Streifen entsprechend der Gesäßfalte dem Körper angelegt
und von der Innenseite her um die beiden Schienen herum¬
geschlagen. Der Streifen wird so anmodelliert, daß er einen guten
Entlastungssitz abgibt. In ähnlicher Weise wird ein zweiter
Streifen oberhalb des Knies und ein dritter an der Wade an¬
gebracht. In kurzer Zeit ist der ganze Apparat hart, sodaß er
abgenommen werden kann. Ich brauche zehn Minuten zum An-
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17.
25. April.
biegen des Bandeisens, zehn bis zwölf Minuten zur Umwicklung
und Herstellung der Schiene. Wenn die Bandage trocken ge¬
worden ist, wird sie entweder mit einer Nesselbinde an das Bein
angewickelt oder es werden zwei Stoffstreifen mit Schnürösen für
die Vorderseite der Schienen angenäht, am oberen Ende der Außen¬
schiene am Hüftgurte. Wenn eine Extension erwünscht ist, so
gipse ich beim Umwickeln des Bandeisens an der Innen- und
Außenschiene oberhalb des Gehbügels einen Ring ein, durch
welchen die Bänder einer Streckgamasche gezogen werden können.
Anstatt des Schwebehangs läßt sich die Schiene natürlich auch
bequem im Liegen anpassen.
Die Schienen sind recht haltbar. Bei den Kindern, die sich
mit ihnen den ganzen Tag im Freien tummeln und nicht schonend
mit ihnen umgehen, halten sie monatelang, es muß höchstens ein¬
mal der Sitzring verstärkt oder ersetzt werden, wenn der Gips
in dieser Stelle ausgekrümelt ist.
Nach den günstigen Erfahrungen bei Kindern habe ich der¬
artige Gipsbandeisenbandagen auch bei Erwachsenen verwendet,
z. B. bei deformierenden Hüft- und Kniegelenksentzündungen, bei
Knochenbrüchen usw. Bei letzteren z. B. kommt zustatten, daß
die schnell und exakt anmodellierte Schiene bequem gestattet,
eine Streckung anzubringen, und die Uebersicht und Behandlung
der Hautoberfläche ermöglicht.
Aus diesen Gründen eignen sich derartige Schienenverbände
auch für die Zwecke der Kriegschirurgie.
Aus dem Vereinslazarett Nikolassee b. Berlin.
Eine ausziehbare Gehgipshose mit Extension bei
Fraktur des Oberschenkels 1 )
von
San.-Rat Dr. Karl Gerson, Schlachtensee b. Berlin.
(Mit zwei Abbildungen.)
M. H.! Sie sehen hier einen Soldaten, dessen am 9. Sep¬
tember 1914 erhaltene Schußfraktur des linken Oberschenkels
mangels richtigen Streckverbandes in einem nach innen stumpfen
Winkel mit 5 cm Verkürzung geheilt ist. Infolge Unterlassung
rechtzeitiger aktiver und passiver Gelenkbewegungen konnte das
Kniegelenk anfangs nur um 30 0 gebeugt., das Fußgelenk nur wenig
dorsal- und plantarflektiert werden. Der Patient konnte schon
mit einem Stocke leidlich gut gehen, als er am 10. Dezember
vorigen Jahres durch eine ungeschickte Drehbewegung über seinen
Stock stolperte und den gebrochenen Oberschenkel noch einmal
brach. Während nun gewöhnlich die neue Bruchstelle eines schon
vorher gebrochenen Knochens innerhalb des Callusbereichs der
ersten Fraktur liegt, wohl infolge der geringeren Härte des frischen
Gallus gegenüber dem normalen Knochengewebe, wurde in diesem
Falle die zweite Fraktur unterhalb der ersten klinisch festgestellt
*) Nach einer Demonstration in der Berliner medizinischen Ge¬
sellschaft am 17. März 1915.
und später durch Röntgenaufnahme bestätigt Um den Patienten
nun möglichst schnell wieder auf die Beine zu bringen, fertigte
ich ihm eine ausziehbare Gehgipshose, wie sie ähnlich im Jahre
1907 von mir beschrieben wurde 1 ). Der Patient liegt im Quer¬
bette mit etwas erhöhtem Becken. Mäßig dicke Pappe wurde in
heißem Wasser etwas erweicht und von den Knöcheln bis zum
Tuber ischii um das Bein herumgelegt, so weit zwar, daß die unten
durch seitlichen Druck etwas ovalgeformte Papprolle bequem über
den leicht plantarflektierten Fuß herübergeschoben werden kann.
Das ist nötig, damit man die Gipshose später leicht an- und aus-
ziehen kann. Da, wo der Oberschenkel am umfangreichsten ist,
also in der Umgebung des Tuber ischii, liegt die Papprolle dem
Bein unmittelbar an und wird am Tuber ischii durch Werg- oder
Filzlagen reichlich gepolstert. Nun wickelt man, von unten
beginnend, Gipsbinden um die Papprolle und muß dabei besondere
Sorgfalt der Befestigung der Filzlage am Tuber ischii widmen,
damit Patient eine hinreichend breite und feste Stützfläche am
Tuber ischii erhält. Im allgemeinen, das heißt bei nicht abnormem
Körpergewichte, genügt eine fünffache Lage von Gipsbinden, die
noch durch Gipsbrei verstärkt wird. Während des Trocknens der
Gipshose ist es nötig, auf ihren unteren Teil seitlich mit beiden
Händen etwas zu drücken, damit der Durchmesser von vorn mach
hinten vergrößert und so durch die ovale Form der unteren Oeff-
nung das An- und Ausziehen der Hose erleichtert wird. Nach
vollkommener Trocknung der Gipshose zieht man sie dem Patienten
vorsichtig aus, schneidet mit einem Messer den vorderen unteren
Gipsrand in einem nach oben konkaven Bogen aus, um eine aus¬
giebige Dorsalflexion des Fußes in der Hose zu ermöglichen, und
befestigt mit Wasserglasgazebinden einen eisernen Gehbügel (siehe
Abb. 1) an der Hose. Der Gehbügel soll so weit nach unten
befestigt werden, daß sein
horizontaler Teil 8 cm von
der rechtwinklig zum Unter¬
schenkel gestellten Fu߬
sohle entfernt ist. Eine
solche Entfernung zwischen
Fußsohle und Gehbfigcl ist
notwendig, damit genügen-
derSpielraum zurExtension
des Beins vorhanden ist.
Die Extension des Beins
wird nun erreicht, indem
man um die Knöchel des
Fußes eine (käufliche) Fu߬
lasche (siehe Abbildung)
aus Filz schnürt, an deren
seitlichen unteren Rändern
zwei — elastische oder un¬
elastische — Riemen (siehe
Abbildung) mit Schnallen
angenäht sind. Die
Riemen werden nun am
inneren und äußeren Fu߬
rand entlang geführt und
an dem Gehbügel be¬
festigt. Zur Verhinderung des Abrutschens werden die Riemen
durch kleine Oeffnungen am Gehbügel festgebunden. Die so er¬
folgende Extension des Beins kann durch festeres oder loseres
Schnallen der Riemen reguliert werden. In horizontaler Ruhelage
ist nun diese Extension des Beins vollkommen ausreichend und
jedenfalls einfacher, als die durch Streckverband mit Gewichts¬
extension. Denn die beschriebene Extension wird dadurch er¬
reicht-, daß durch den regulierbaren Zug der Fußlasche am Geh¬
bügel die Gipshose gegen das Tuber ischii gedrängt wird. Wollte
nun aber der Patient mit der Gipshose sich aufrechtstellen, so
würde die Extension illusorisch werden, weil das Gewicht der
Gipshose die Extensionswirkung aufhöbe. Uns liegt aber besonders
daran, den Patienten in seiner Gipshose umhergehen zu lassen, ohne
daß er der Extension seines Beins verlustig geht. Um dies zu
ermöglichen, ziehen wir über die Gipshose eine einfache Tuch¬
hose, die durch Bänder (siehe Abb. 2) beiderseits am Geh¬
bügel befestigt wird. Unten wird sie, wenn nötig, etwas ein¬
geschnitten und genäht. Oben wird die Tuchhose durch Hosen¬
träger gehalten. Beim Gehen des Patienten hält also die über-
gezogene Tuchhose die Gipshose am Tuber ischii fest, weil die
*) K. G e r 8 o n, Eine ausziehbare Gehgipshose. Zschr. f. ärztl.
Fortbild. 1907, Nr. 17.
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unten mit der Gipshose durch Bänder verbundene Tuchhose oben
durch Hosenträger getragen wird. Man kann sich beim Gehen
des Patienten durch Fingerdruck davon überzeugen, daß beim Er¬
heben des Beins der Kontakt zwischen Tuber isckii und Gipshose
erhalten bleibt. Mit dieser Gehgipshose hat der Patient am dritten
Tage nach dem Beinbruch an einem Stuhle sich schmerzlos fort¬
bewegen können und dabei die permanente Extension des Beins
deutlich empfunden. Die permanente Extension dient nicht nur
dazu, einen Zug auf die Frakturteile auszuüben, sondern immobili¬
siert auch das Bein in gewissem Grade. Letzteres ist notwendig,
weil ja das Bein nur an seiner oberen Circumferenz mit der Gips¬
hose und am Fußgelenke mit der Fußlasche in Verbindung steht,
im übrigen aber von der Hose unberührt bleibt. Die permanente
Extension in Verbindung mit dem Zuge der Tuchhose hat noch
den weiteren Vorteil, daß das Becken weder der kranken noch
der gesunden Seite in den Verband einbezogen zu werden braucht,
sodaß auch das Hüftgelenk der kranken Seite frei beweglich
bleibt. Das bedeutet für den Patienten eine große Erleichterung
im Vergleich zu den üblichen
Gehgips verbänden, die das ganze
Becken miteinschlossen, und ver¬
einfacht die Reinhaltung der Ge¬
säßgegend, weil die Abduction
unbehindert ist. Der Gang der
Behandlung im vorstehenden
Falle war nun der, daß wir acht
Tage nach Anfertigung der Gips¬
hose, in der Patient täglich in der
Stube an einem Stuhle ging und
in ihr auch ohne Beschwerden
seine Bedürfnisse verrichtete, die
Hose auszogen, um uns zunächst
von der korrekten Stellung des
Beins zu überzeugen. Das Aus¬
ziehen der Gipshose verlangt, in
den ersten zwei Wochen einige
Vorsicht, weil jadie Frakturenden
noch nicht konsolidiert sind.
Nach Lösung der Fußlaschen-
riemcn vom Gehbügel, also nach
Aufhebung der permanenten Ex¬
tension, und nach Abknöpfen der
Hosenträger müssen zwei Ge¬
hilfen das Bein oben am Becken
und am Fußgelenk extendiert
halten, während ein dritter
die Gipshose langsam über
den Fuß nach unten abstreift.
Der Fuß muß beim Abstreifen
in starke Plantarflexion ge¬
bracht werden, indem man mit
den Fingern den Fußrücken
nach unten drückt. Nach
dem Ausziehen der Gipshose wird die ganze Extremität, soweit
sie im Liegen zugänglich ist, leicht massiert, auch die Fraktur¬
stelle. Eine Abreibung mit Franzbranntwein schließt sich an.
Massage und Bewegungen des Fußgelenks, besonders Widerstands¬
bewegungen, können täglich vorgenommen werden, weil dazu das
Ausziehen der Gipshose nicht nötig ist; nur die Riemen der Fu߬
laschen müssen vom Gehbügel gelöst werden. — Beim Wieder¬
anziehen der Gipshose greift eine Hand des Gehilfen von unten
in die Hose hinein und zieht den Fuß, wieder unter starker
Plantarflexion, langsam nach unten durch, während das Bein
oben von einem zweiten Gehilfen gehalten wird. Acht Tage
später w ? erden die ersten Kniebewegungen gemacht, indem man
seine Hand unter die Kniekehle schiebt, sie zur Faust ballt, wo¬
durch das Kniegelenk schonend gehoben wird, und nun mit der
andern Hand leichte Streck- und Beugebewegungen des Gelenks
ausführt. Diesen Gelenkbewegungen, die alle zwei Tage und
jedesmal ausgiebiger vorgenommen werden müssen, schließen sich
in der dritten Woche vorsichtige Widerstandsbewegungen des
Kniegelenks an. Da das Hüftgelenk der verletzten Seite nicht
durch die Gipshose fixiert ist, sind besondere Bewegungen mit
diesem Gelenk überflüssig. Vielmehr können Sie sich überzeugen,
daß Patient beim Gang in der Gipshose freie Bewegungen
im Hüftgelenke nach allen Seiten — Adduction, Abduction, Rota¬
tion, Flexion — ohne Schmerzen ausführen kann. Das ist ein
weiterer Vorzug der permanenten Extension in meiner Gehgips¬
hose. Aber diese freie Beweglichkeit im Hüftgelenke läßt die
Gehgipshose bei Coxitis nicht brauchbar erscheinen.
Der Patient hat nun noch eine Fistel, von einem zurück¬
gebliebenen Geschoßteil ausgehend. Diese Fistel wird täglich mit
H,0 2 nach Abzug der Hose ausgespritat und wieder mit Airol-
salbe bedeckt. Die Versorgung der Wunde erfolgt vor der täg¬
lichen Massage und Bewegung des Beins und scheint mir doch
erheblich reinlicher, als die übliche Versorgung von Wunden durch
Gipsfenster in eng anmodellierten Gipsverbänden.
Die Anfertigung meiner Gehgipshose erfordert keine tech¬
nische Vorbildung, kann vielmehr von jedem praktischen Arzt
auch mit ungeschultem Personal hergestellt werden. Denn es ist
ja doch nur nötig, über die von den Knöcheln bis zum Tuber
isehii reichende, in richtiger Weite gehaltene, angefeuchtete Papp¬
rolle Gipsbinden zu wickeln und die Gegend des Tuber isehii ver¬
mittels Werg- oder Filzlagen und Gipsbindenlonguetten zu einer
widerstandsfähigen und doch hinreichend weichen Gehstütze zu
gestalten. Die Herstellung dieser erfordert zwar Uebung und Sorg¬
falt. Denn die Tuber-ischii-Gegend der Gipshose hat nicht nur
die Körperlast zu tragen, sondern auch die permanente Zugwirkung
auszuhalten, die von der am Gehbiigel befestigten Fußlasche aus¬
geübt wird. Alles übrige aber, die Anbringung des Gehbtigels
mittels Wasserglasbinden, das Ueberziehen der Tuchhose über die
Gipshose und ihre Befestigung an letzterer mittels Bändern und
das Tragen der Hosen in der gewünschten Höhe und Nähe am
Tuber isehii mittels Hosenträgern, ist einfach auszuführen. Als
Fußlasche wählt man eine gewöhnliche käufliche Filzlasche, wie
sie zur Extension bei Coxitisverbänden üblich ist und läßt sie nur
seitlich mit elastischen oder unelastischen Riemen versehen, die
zur Extension um den Gehbügel geschnallt werden. Die Riemen
sind zur Verhütung des Abrutschens an einem Loch im Gehbügel
mittels Bindfaden befestigt.
Zusammenfassend können w f ir als Vorzüge der ausziehbaren
Gehgipshose bei Frakturen nennen: 1. Reichte Anfertigung;
2. Möglichkeit frühen Beginns von Hautpflege, Massage, Bewe¬
gungen; 3. freie Beweglichkeit des Hüftgelenks, und 4. Gehmög¬
lichkeit zwei Tage nach Anfertigung der Gehgipshose bei per¬
manenter Extension.
Wegen der Einfachheit ihrer Anfertigung dürfte die aus¬
ziehbare Gehgipshose auch im Felde gute Dienste leisten.
Aus den neuesten Zeitschriften.
Otto Lentz (Berlin): Bereitung des Dieudonni-Agars mit Hilfe
eines Blutalkali-Trockenpulvers. Unter den im Kriegslaboratorium vor¬
handenen Trockennährböden versagte der gepulverte Dieudonne-Trocken*
agar. Und doch bedeutet dieser für die Stellung der Choleradiagnose
eine so wertvolle Hilfe, daß man darauf gerade da, wo mit knappen
Mitteln zu arbeiten ist, nicht verzichten kann. Der Verfasser empfiehlt
daher, zwei Trockenpulver getrennt herzustellen — eins aus einem Blut-
alkaligemisch und eins aus einem neutralen Agar (beispielsweise aus dem
Merckschen Ragitagarpulver) — und diese beiden erst im Augenblicke
des Bedarfs zu Dieudonne-Platten zu verarbeiten, die dann sofort ge¬
brauchsfähig sind und ihre elektive Wirkung acht bis zehn Tage lang be¬
wahren.
K.E.p. Schmitz (Greifswald): Die Brauchbarkeit des Kongorot-
nlbrbodeni tur bakteriologischen Typhusdiagnose. Der neue Kongorot¬
nährboden ist dem altbewährten Drigalski-Conradi-Nährboden überlegen.
Denn durch ihn wurden unter 1 IG Untersuchungen 22 Fälle mehr
diagnostiziert als durch den bisherigen (von 62 positiven Fällen wurden
34 mittels des Drigalski-Conradi-, 56 dagegen mit dem Kongorot-Nähr¬
boden ermittelt). Trotzdem soll man sich bei der Typhusdiagnose nie
auf einen Nährboden allein verlassen; denn ber sechs Fällen verhalf der
Drigalski-Conradi-Nährboden zur Diagnose, nicht aber der mit Kongörot-
lösung hergestellte.
R. Tölken (Zwickau i. S.): Die Ekehornsche Operation des Mast-
darmvorfalls bei Kindern. Das Verfahren stellt eine Itectopexie dar, bei
der mittels einer einzigen Naht, percutan, der Darm am Kreuzbein auf¬
gehängt oder befestigt wird. Bis auf die zwei Einstiehpunkte wird keine
Wunde gesetzt. Ferner wird die ganze Darmwand mitsamt der Schleim¬
haut, nicht bloß Serosa und Muscularis, fixiert. Tiefe Narkose ist nötig;
das Kind muß still liegen und darf nicht mehr pressen; dann ist die
Naht in wenigen Minuten gelegt. In sieben Fällen trat eine Dauerheilung
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Original fram
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ein. Die Zahl der operierten Fälle ist deshalb nicht größer, weil zunächst
immer die konservativen Methoden angewendet wurden (Reposition. Sus¬
pension des Beckens, Heftpflastorvorbund). Nur wenn diese nicht schnell
zum Ziele führen oder aus sozialen und andern Gründen nicht durchgeführt
werden können, sollte operativ vorgegangen werden, dann aber nach dem
E k eh orn sehen Verfahren, das für Kinder das einfachste und ungefähr¬
lichste ist.
Max Sold in und Fritz Losser (Berlin): Zar Kenntnis der con¬
genitalen Syphilis der Säuglinge. In den beschriebenen Fällen waren die
Verdachtsmomente auf Syphilis so abgeschwacht, daß sie leicht übersehen
werden konnten. Auch die Wasser mann sehe Reaktion fiel negativ
aus, selbst wenn sie in größeren Intervallen wiederholt wurde. Erst die
serologische Untersuchung der Mutter ergab konstant einen positiven
Ausfall. Die Verfasser halten folgende Erklärung für die wahrschein¬
lichste. Es sind während des intrauterinen Lebens zunächst immunisierende
Substanzen von der syphilitischen Mutter auf die Frucht übergegangen,
die das klinische Krankheitsbild der Syphilis stark abschwächten, so daß
typische syphilitische. Erscheinungen fehlten. Daher das Versagen der
Wasser mann sehen Reaktion. Man soll sich daher bei dem leisesten
Verdacht auf congenitale Syphilis nicht mit dem negativen Ausfall der
Wassermannsehen Reaktion beim Kinde begnügen, soll vielmehr auch
noch das Blut der Mutter serologisch prüfen.
L. Voigt (Hamburg): Ueber Diabetes mellitus and Impfang. Der
Verfasser wendet sich gegen Hermann Eichhorst, der über einen
tödlich verlaufenen Fall von Diabetes mellitus im Anscliluß an die Kuh¬
pockenimpfung berichtet und ihn als eine Folge der Impfung angesehen
hatte, weshalb der Staat den Hinterbliebenen des Gestorbenen eine Ent¬
schädigung zu gewähren hätte. Im Gegensatz dazu ist der Verfasser der
Ansicht, daß der wiedergeimpfte Kranke — ein 20 jähriger Wehrmann —
schon vorher zuckerkrank, aber noch leistungsfähig gewesen wäre, und
daß erst, als die körperlichen Anstrengungen des Dienstes und die Impfung
hinzukamen, das Leiden rapide Fortschritte gemacht hätte.
Esch weil er und Cords: Ueber Schädelschfisse. Sie werden ein-
geteilt in penetrierende Schüsse, bei denen ein oder zwei Löcher im
Schädel vorhanden sind, und in Tangentialschüsse (ohne Dura-
verletzung und mit Dura- und Gehirnverletzung). Das Charakteristische
heim Tangentialschuß ist nur eine Seimßrinne im knöchernen Schädeldach,
Besprochen wird die Symptomatologie der Kopfschüsse, ferner die patho¬
logische Anatomie der Kopfwunden. Das Rasieren in weitester Aus¬
dehnung ist das erste Erfordernis, die lokale Diagnose zu stellen. Einen
erschöpfenden Ueberblick aber bekommt man erst nach Ineision und Ab¬
lösung der Kopfschwarte. Zur Besprechung kommen ferner: die Prognose
und die Indikationen zum operativen Eingriffe.
Ludwig Lovy: Kriegsgemäße Orthopädie der Extremitäten.
Empfohlen wird eine „Wechselbehandlung“, und zwar nachts passive
Korrektur (Dehnung) durch korsett- oder hülsenähnliche Apparate, tags
aktive planmäßige Fehling. Die Apparate bestehen aus nichts anderm
als aus Gipsbinden (12 cm breite Alabastergipsbinden, die zum Erweichen
zwei Minuten in kaltes Wasser gelegt werden müssen), Aluminium¬
schienen, Gummiband und gewöhnlichem Bindfaden. Sie wirken durch
Zug oder Druck. Der Verfasser beschreibt an der Hand von Abbildungen
in kurzen Zügen die häutigst. gebrauchten Grundtypen der Apparate. Die
aktiven Bewegungen geschehen am besten mit Hilfe der Zander-
apparatc. Sind diese aber nicht vorhanden, so kann man sich für nicht
zu komplizierte Bewegungen einen einfachen Apparat mit geringer Mühe
und minimalen Kosten selbst hersteilen. Dieser „Rollenapparat“ wird
in zwei Figuren vorgeführt und eingehend beschrieben.
Herzfeld (Halle a. S.): Die Schwebeschiene. Dabei ruht der
Körperteil „in Hang“ auf einem Stoffe von möglichst geringer Spannung.
Dadurch läßt sich bei einiger Aufmerksamkeit der Decubitus vermeiden.
Audi lassen sich die an der aufliegenden Körperfläche befindlichen
Wunden, ohne daß die Fixation unterbrochen wird, freilegen und be¬
handeln. Ferner braucht man den Patienten zum Zwecke der Defäkation
nicht aus seiner Lage zu bringen. Befestigt man mehrere Schwebe¬
schienen auf einer gemeinschaftlichen Grundlage, so läßt sich ein dem
Körper eng anliegendes Dauerlager herstellen, das sowohl als Bett wie
als Tragbahre dient.
Solbrig (Königsberg i. Pr.): Organisation und Leistungen des
„Roten Kreuzes“ im jetzigen Kriege, besonders in Ostpreußen. Vortrag,
gehalten im Wissenschaftlichen Verein für Heilkunde in Königsberg i. Pr.
am 11. Januar 1915. F. Bruck.
Münchner medizinische Wochenschrift 19 f 5, Nr. 15.
K. Spiro (Straßburg i. Eis.): Die Wirkung von Wasserstoffsuper¬
oxyd und von Zucker auf die Anaerobier. Vortrag, gehalten in der Ver¬
einigung der kriegsärztlich beschäftigten Aerzte Straßburgs.
Gustav Klein (München): Mehrjährige Erfolge der kombinierten
Aktinotherapie bei Carcinom des Uterus und der Mamma. Vortrag, ge¬
halten in der Münchener Gynäkologischen Gesellschaft am 11. Februar 1915.
Giovanni Galli (Bordighera): Ueber Spondylitis typhosa (Quincke).
Sie dürfte nach Ansicht des Verfassers häufiger auftreten, als man glaubt.
Der vorliegende Fall ist dadurch erwähnenswert, weil er einen 59 jährigen
Mann betrifft, während bekanntlich der Typhus in der Regel eine Krank¬
heit der Jugendlichen ist. Der Kranke genas von seiner Spondylitis, und
zwar nach Anlegung eines Gipskorsetts. Im allgemeinen gehört die
Spondylitis zu den gutartigen Komplikationen des Typhus. Die Diagnose
bietet keine Schwierigkeit, wenn der Patient kurz vorher den Typhus
überstanden hat. Da, wo die spondylitische Komplikation erst lange nach
dem Typhus auftritt, wird manchmal Pott sehe Krankheit diagnostiziert,
doch tritt bei dieser der Symptomenkomplex nicht so brüsk auf wie bei
Spondylitis typhosa. Die Serumdiagnose (Gruber-Widalsche Reaktion)
bringt übrigens rasch Aufklärung.
Frank Kornmann (Davos): Ein neuer, transportabler Pneomo*
thoraxapparat mit Benutzung von Sauerstoff und Stickstoff in state
nascendi. Der Apparat kann als kleiner geschlossener Handkoffer Überall
bequem mitgenommen werden. Er ist stets gebrauchsfertig, die nötigen
Chemikalien sind leicht erhältlich. (Der Apparat gestattet auch, in kleinen
Flaschen Lösungen mitzunehmen, die für zwölf Nachfüllungen k 1 Liter
Stickstoff und für sechs Nachfüllungen k l /z Liter Sauerstoff allsreichen.)
Mit dem genau beschriebenen Apparat und einer besonderen, mit einem
Metallmanometer konstruierten Nadel hat man alle denkbaren Sicherheiten
gegen die technische Gasembolie. Es gibt aber noch eine mehr
klinische Gasembolie: das ist das Eintreten von Luft in eine Vene,
nicht aus der Atmosphäre, sondern aus der Lunge, was übrigens äußerst
selten ist. Davor schützt aber kein Apparat, sondern nur genaueste
Diagnose und gewissenhaftes Vorgehen.
Feldürztliche Beilage Nr. 15.
Sa enger (Hamburg-St. Georg): Ueber die durch den Krieg be¬
dingten Folgezustände im Nervensystem. Vortrag, gehalten im Aerztlichen
Verein zu Hamburg am 26. Januar und 9. Februar 1915.
H. T hie mann (Jena): Ungewöhnlich frühe Wiederherstellung der
Leitungsfähigkeit im resezierten and genähten Nerven (Ischiadicus). Ein
Schuß hatte den Nerven direkt verletzt, ohne ihn jedoch in seiner Kon¬
tinuität zu trennen. Es bildete sich ein Neurom aus, das zu äußeret
heftigen Schmerzen führte. Es saß dicht über der Teiiungsstelle in
Tibialis und Peroneus. Daneben bestand vollkommene Lähmung des
Unterschenkels und Fußes. Die Operation wurde allerdings unter den
günstigsten Bedingungen vorgenommen: bei aseptisch geheilter Wunde
und schon vier Wochen nach der Verletzung. Sie bestand in Heraus¬
präparieren der kolbig angeschwollenen, narbig veränderten Partie des
Ischiadicus aus den umgebenden Narbenmassen, querer Resektion eines
3 cm langen Stückes und Naht der mobilisierten Stümpfe mit drei
Catgutnähten.
L. Huismans (Köln): Ueber Schußverletznngen am peripheren
Nerven. Vortrag, gehalten auf dem Kölner kriegsärztlichen Abend am
5. Februar 1915.
Karl Döpfner (Düsseldorf): Zur Methodik der Naht an peripheren
Nerven. Wenn nach konsequenter achtwöchiger Behandlung mit den an¬
erkannten Methoden der Neurologie keine Besserung eintritt, ißt die
Operation (Neurolysis, partielle Nervennaht oder totale Nervennaht) an¬
gezeigt. Fast immer handelt es dabei um in fibröses oder knöchernes
Narbengewebe eingezwängte Nerven oder um partielle oder totale
Nervendurchtrennungen mit oder ohne Narbenbildung. Bei jeder Operation
muß die Extremität in geeigneter entspannter Stellung gehalten
werden. Vorbedingungen für jeden Eingriff sind: 1. keine Eiterung, 2. die
gesunde Nervensubstanz darf so wenig wie möglich mit Instrumenten
gefaßt werden (daher nur anatomische Pinzetten, feinste Darmnadeln
und Seide, schärfste Messer, keine quetschenden Scheren) und schlie߬
lich drittens 3. ein Gipsschienenverband für die ersten zwei Wochen in
Zweidrittelentspannung, darauf zunächst eine Woche noch mehr Ent¬
spannung und erst dann nach und nach Streckung.
Steinthal (Stuttgart): Die Prognose der Nervennaht bei Ver*
letzungen des peripherischen Nervensystems, Insbesondere bei Schoß*
Verletzungen. Die Ergebnisse der Friedenspraxis sind durchaus nicht
so günstig, wie allgemein angenommen wird, trotzdem in der Mehrzab
der Fälle für die Operation durchaus günstige Verhältnisse vorliegen
Bei den Schuß Verletzungen im Kriege handelt es sich aber um
viel schwerere Zerstörungen als ira Frieden mit seinen einfachen Stich-,
Hieb- und Sehnittverletzungen. Der Verfasser fand nämlich in äU en
seinen Kriegsfällen, daß die verletzten Nerven in derben Narbenmassen
lagen und daß sich diese Narben weit in die Nervenbahnen hineiner
streckten. Mit der Operation muß man solange warten, bis die Wun
vollständig geschlossen sind und noch einige Zeit länger, damit nian
sicher in einem aseptischen Gebiet operiert. Auch kann eine schwere
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Gck igle
Original frnrri
UNIVERSUM OF IOWA
25. April.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17.
491
Kervenschiidigung (vollständige Lähmung mit totaler Entartungsreaktion)
auch ohne Operation auslieilen. Immer sind dio Verletzten vor der
Operation darauf aufmerksam zu machen, daß diese zwar notwendig sei,
für einen vollen Erfolg aber nicht garantiert werden könne.
Richard Sauter: Ein Beitrag zur Verletzung peripherer Nerven.
Die Zahl der Läsionen großer Nervenstämme ist bei den modernen Ge¬
schossen mit ihrer immensen Durchschlagskraft, wo ein Ausweichen der
.Verven unmöglich ist, sehr beträchtlich geworden. Werden solche Ver¬
letzten schließlich zu ihren Ersatztruppenteilen zuriickgcschickt, so ist
es hier für die Aerzte, denen die definitive Versorgung dieser Kranken zu¬
kommt. sehr wichtig, vor Einleitung des Dienstunbrauchbarkeits Verfahrens
mit Festsetzung einer Rente genau zu prüfen, ob nicht durch weitere
Fortsetzung der bisherigen physikalischen Behandlung oder durch chirur¬
gische Eingriffe diese Nervenschädigungen zu beheben sind. Da, wo kompli¬
zierte Frakturen eine eitrige Sekretion unterhielten, muß die Nervennaht
oder die Veurolysis eventuell bis zu vier und fünf Monaten hinaus¬
geschoben werden, weil sonst solbst bei vollständiger Abheilung der
äußeren Wunden der frühere Infektionsprozeß wieder aufflackert und da¬
durch von neuem Eiterungen auftreten können, die die Operationsaus¬
sichten sehr verringern.
Meisel (Konstanz): Ein nenes Lokalisationsverfahren mittels
metallischer Koordinaten Systeme. Notwendig ist vor allem eine genaue
Bestimmung der Lage des Fremdkörpers zur Körperoberfläche, wenn
man zielbewußt handeln soll. Zu einer mathematisch genauen Lage.
bestimmung braucht der Verfasser ein Stück gewöhnliches Drahtgitter,
Blaustift und Zirkel, ein Blatt Papier und oinen Maßstub. Es werden
zwei Aufnahmen auf zwei Platten in verschiedenen Richtungen gemacht.
I>ie neue Methode wird ausführlich beschrieben.
J. Basten: lieber bakteriologisches Arbeiten ln der Front Din
bakteriologische Untersuchung des Wassers der an einem Orte nahe der
frout vorhandenen Brunnen ergab eine außerordentlich hoho Keimzahl
und im Verein mit der chemischen Untersuchung seine Unbrauchbarkeit
als Trinkwasser in ungekochtem Zustande. Die bakteriologischen Unter¬
suchungen auf Typhus wurden in dem einige Kilometer rückwärts statio-
oierten Feldlazarett vorgenommen.
W. Porzelt (Wflrzburg): Ein einfacher Improvisationsverband für
Oberarmbrache. Der genau beschriebene Verband ist in erster Linie als
Transportverband gedacht. Er dürfte sich vor allem zur Verwendung
auf dem Hauptverbandplatz empfehlen.
Ruediger (Waldenburg i. Schlesien): Die Behandlung des Diabetes
mellitus im Felde. Da eine diätetische Behandlung im Felde — von ganz
geringen Ausnahmen abgesehen — ganz ausgeschlossen ist, muß man zur
medikamentösen Therapie greifen, und zwar vor allem zum Opium, das
bei leichten und mittelschweren Fällen — schwere werden sich kaum im
beide befinden recht gute Dienste leisten kann. Das Opium ist nach
Ebstein von guter Wirkung auf Zuckorausscheidung, Durst und Polyurie,
sodaß dadurch der Gewichtsturz deutlich aufgehalten werden kann,
»eiliger wirksam sind Brom urrd Natrium salicylicuiu. Schon bei An¬
wendung von 0,02 Opium dreimal täglich wird die Wirkung meist deutlich
sem. Es ist nicht nötig und zweckmäßig, die Dosen über dreimal täglich
,05 zu steigern. Nach einiger Zeit empfiehlt es sich, eine kurze Frist
romnatrium, 3 bis 5 g pro die, zu reichen, um dann mit dem Opium
wieder zu beginnen. Zu warnen ist vor den Pilulcs des I)r. Sejournet,
ic wie die meisten Präparate von Leprince (Paris) ziemlich wirkungslos
sind. Ihr Hauptbestandteil ist das Santonin. Ebenso wirkungslos ist das
< cn Hauptbestandteil vieler Kurpfuschermittel gegen Diabetes bildende
»yzygium jambolanum.
p •luliug Schütz (Klagenfurt): Kochsalz bei länger dauernden
tberzostinden. Da bei länger dauernder Milchdiät eine Kochsalz-
verannung des Organismus eintreten muß, setzt der Verfasser hei länger
auemdeni Heber zur Milch Kochsalz (4 bis 5 g pro die) hinzu. Dabei
cs»ert sich namentlich der Appetit (HCI-Produktion!). Bei gleichzeitiger
* lerenaffektion ist natürlich die Ueberwachting des Harnbildes geboten.
~ . V h ^ ertens (Hindenburg O.-S.): Notizen znr Tetanusfrage,
cion dreimal 24 Stunden nach einer Serumeinspritzung entwickelte sich
ci einem Kranken, der noch nie eine Senuninjektion erhalten hatte, ein
anaphylaktischer Zustand: es bildeten sich um die Injektionsstelle bis
w urcihandtellergroße rote, zusammenhängende Exanthemstellen aus.
& j 86 “ Aultreten des Exanthems keine Serumeinspritzung mehr gemacht
neraen dürfte, wurde eine intradurale Magnesiumsulfatinjektion vor-
~ ^.^fi^towsulfat in 10 ccm Flüssigkeit). Es entwickelte
!! c “ arau * eia stürmischer Aufregungszustand mit gefahrdrohender
eropemtursteigerimg. Der Zwischenfall nahm schließlich einen glück-
'cicii erlauf, Jedenfalls ist die intradurale Magnosiumsulfateinverleibung
ein harmloses Verfahren und sollte nur in Fällen schwerster Krampf-
zustande io Anwendung kommen.
L °scher: Verbandtisch nach Dr. Gärtner. Der Tisch ist zu-
ammengeklappt auf dem Sanitätswagen leicht zu befördern und eignet
l sich vorzüglich zum Arbeiten auf dem Truppenverbandplatz. Die bei-
j gefügte Skizze setzt jedeu Schreiner in den Stand, den Tisch herxusteilen•
j 'Billiger wird die maschinelle Herstellung sein. Gebr. Muck, Zuffen¬
hausen in Württemberg, liefern den Tisch bei Abnahme von einem Stück
für 22 M).
E. Pflanmer (Erlangen): Blinddarmentzündung im Felde. Auf
Grund seiner unter recht einfachen Verhältnissen gewonnenen guten
i Opcrationsrosultate tritt der Verfasser dafür ein, auch bei einer durchaus
| primitiven Einrichtung die. Indikationen zur Operation bei der Heliond-
lung der Appendieitis genau so zu stellen wie in der aufs li"stc ein¬
gerichteten Klinik. F. Bruck.
Wiener klinische Wochenschrift 1915 , Nr. 12.
S. Fränkel: Ueber ein neues, sehr wirksames Mittel gegen die
Kleiderlaus. (Methylphenyläther.) Phenylmethyläther, Anisol, ist eine
für den menschlichen Organismus unschädliche Substanz, die aus Phenol
durch Methylierung in beliebigen Quanten leicht darstellbar ist Die An¬
wendung seihst kann in beliebiger Form geschehen; ihre praktische Durch¬
führung ist noch Sache weiterer Erfahrung.
R. Kraus: Zur Frage der persönlichen Prophylaxe gegen Typhus
exanthematicus. Im Gegensatz zu der Auffassung, daß nur die Kleider¬
laus den Flecktyphus überträgt, wird hier die Meinung vertreten, d.d)
vielleicht doch noch auch andere Uebertragungsinöglichkeiteii (durch 1 .n ft -
infektion) bestehen. Es wird auf die Erfahrung aufmerksam gemacht,
daß es bei der persönlichen Prophylaxe hauptsächlich darauf ankommt,
daß das Krankenzimmer stets gelüftet ist. Es wird neben dem Trägem
der Flüggeschen Maske zur Verhütung der Infektion mechanischer Schutz
durch Gummimantel, Gummihandschuhe und hohe Gummischuhe
empfohlen.
E. Lindner: Zur Epidemiologie und Klinik des Flecktyphus.
Bisher wurden nur Personen von Flecktyphus befallen, die direkt oder
indirekt mit den Kriegsgefangenenlagern zu tun hatten. Die Erkrankung
verläuft bei den russischen Gefangenen durchaus benigner als hei nicht
durchseuchter Bevölkerung. Auch die Kopflaus kann als LV-berträgerin
fungieren. I)a nach Curschmann die Erkrankung durch Kleider, Wäsche,
Stroh noch nach Monaten übertragbar ist, die Laus aber ohne Nahrung nach
vier bis fünf Tagen zugrunde geht, ist in diesen Fällen eine Vermittlung
durch dieses Ungeziefer wohl auszuschließeu. Es sind auch Fälle be¬
kannt, wo Wärter sich innerhalb weniger Stunden an erkrankten Aerzten
infizierten, die allein und vollständig gereinigt ohne Ungeziefer in einem
größeren Zimmer lagen. Es wird hier die Auffassung vorgetragen, daß
das Virus eine gewisse Tenaeitüt (eventuell als Dauerform) besitzt uud als
solches nur für die Laus, nicht für uns infektiös ist ; diese nimmt es auf,
gewissermaßen als Sensibilisator wirkend, und aktiviert es, indem der
unbekannte Erreger im Organismus der Laus eine Entwicklung oder eine
Virulenzsteigerung durchmaeht. Es braucht also nicht die Laus des
Flecktyphuskranken zu sein, die uns die Krankheit (‘inimpft, sondern die
eigne Laus tut dies, die mit dem Typhus kranken gar nicht in Berührung
gekommen ist, dio wir akquirierten, noch bevor das Kontagium an unserer
Person haften blieb, oder erst nachher.
E. Freund: Die rheumatischen Erkrankungen im Kriege. Kehler
akuter Gelenkrheumatismus, akute und chronische Arthritiden sind sollen
und fast durchweg Rezidive oder Exacerbationen längst bestehender
Leiden. Typische Neuralgien und echte Neuritiden sind recht zahlreich.
Die große Mehrzahl der Fälle zeigt ein dem Muskelrheumatismus ähn¬
liches Krankheitsbild. Der Zustand ist ungemein konstant, dio gleichen
Muskelgruppen bleiben während der ganzen Dauer der Erkrankung in
konstanter Weise befallen: keine Neigung zum Wandern der Schmerzen:
Fehlen von bevorzugten Druckpunkten. Besserung besonders durch
physiko-therapcutische Maßnahmen. Die Wiederfehldiensttauglichkeit
bleibt zweifelhaft; die bürgerliche Erwerbsfähigkeit ist fast immer zu
erwarten.
G. Engelmann: Uebergangsprothesen. Indirekte Prothesen mit
freihängendem Stumpfe, mit denen der Patient bald nach der Amputation
noch mit granulierender Wunde heruragehen kann. Die Herstellungs¬
kosten sind gering.
W. Trend eien bürg: Berichtigung zu meinem Aufsatz über Raum-
messung an stereoskopischen Aufnahmen.
I. Fischer: Zur Geschichte des Flecktyphus (Flecktyphus ur.d
Pediculosis). Dio Pcdiculi werden schon im 10. Jahrhundert als ätiolo¬
gische Faktoren für den Flecktyphus erwähnt. Nur ist der Zusammen¬
hang etwas anders als nach der heutigen Auffassung. Die Lüuseplage
ruft dio heftigsten seelischen Erregungen hervor und diese sind es, die
neben ungesunder Luft «sw. zum Ausbruche der „ungarischen Krankheit"
führen. Auch die Empfehlung der Räucherung der Betten mit Majoran,
Mentha usw., die Anpreisung von mit Camphcr gefüllten Amuletten
weisen auf dio insektenvertilgenden Mittel der Gegenwart. Misch.
II
I
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Original fram
UNIVERSITY OF IOWA
25. April.
1915 ___ MEDIZINISCHE KLINIK — Nr J7.
Wiener medizinische Wochenschrift 1915, Nr. J1 fl. 14.
Nr. 11. C. Raths: Welche Krankheiten oder sonstigen Ur¬
sachen führen bei Bewohnern des Deutschen Reichs einerseits in
der Jugend, anderseits im mittleren und vorgeschrittenen Lebens¬
alter am häufigsten zum Tode? Das Leben der Kinder im ersten
Lebensjahr ist bekanntlich am meisten durch Verdauungskrankheiten,
viel weniger durch ein Leiden der Atmungsorgane lind, was die Infek¬
tionskrankheiten betrifft, am meisten durch Keuchhusten bedroht. Vom
1. bis 15. Jahr überwiegt die Lungenentzündung und die Infektionskrank¬
heiten und — noch etwas häufiger als Keuchhusten — der Unglückfall.
Vom 15. Lebensjahr an dominiert bis zum 60. die Tuberkulose, die im
übrigen trotz Zunahme der Lebenden in den letzten Jahren ebenso wie
der Typhustod zuriickgegangen ist. Zugenommen haben die durch Krebs und
andere Neubildungen verursachtenTodesfälle. Bemerkenswerterweise konnte
auch an Kindbettfieber keine Abnahme der Todesfälle beobachtet werden.
Berliner: Behandlung der Pneumonie, Pleuritis und Bronchitis
mit Supersan. Supersan ist mit Antifebrin und Antipyrin versetztes
Mentholeukalyptol. Es wurde mit Erfolg intraglutäal und anal appliziert.
Nr. 14. M. Weinberger: Verhütung und Behandlung des Ab¬
dominaltyphus. Klinische Vorlesung.
F. Demmer: Erfahrungen einer Chirurgengruppe im österreichisch-
russischen Peldzug 1914/15. Die chirurgisch-operative Tätigkeit tritt
selbst bei günstigster Lage der Sanitätsanstalt in den Hintergrund; die
konservative Wundbehandlung und die orthopädisch-fixierenden Verbände
stellen die größten Anforderungen an den Arzt. Die Ausführungen sind
übrigens sehr interessant und lesenswert. Schluß folgt.
L. Rethi: Der Luftverbrauch beim Singen. Experimentelle Unter¬
suchungen über den Luftverbrauch beim harten und beim weichen Ton-
ansutz. Misch.
Zentralblatt für innere Medizin 1915 , Nr. 14.
K. Ollendorff: Die äußerliche Behandlung von Rheumatismus
und Gicht mit Perrheumal. Die Salbe enthält zu 10% die Triclilor-
butylester der Salicvlsäure und wird zweimal täglich dick auf die
erkrankten Gelenke aufgerieben; doch ist bei akutem Gelenkrheumatismus
die gleichzeitige innerliche Darreichung von Salicyl nicht zu entbehren.
K. Bg.
Zentralblatt für Chirurgie 1915, Nr. 13.
L. Kredel: Ueber das Verhalten der auf operierte schuß verletzte
Nerven überpflanzten Pascienlappen. Kredel hatte einen Nervus tibialL,
der oberhalb der Kniekehle infolge Schußverletzung narbig verändert
war, mit einem Fascienfettmantel lose umhüllt und 24 Tage später bei
der Resektion dieses Stückes gefunden, daß der Mantel eng dem Nerven
anlag und erheblich geschrumpft war. Angesichts dieser starken Fascien-
sclmimpfung hält Kredel einen derartigen Schutz des Nerven nur bei
Lagerung am Knochen für angezeigt und hier auch nur durch platt aus¬
gebreitete Fascia.
Neumeister; Gelenkmobilisationsschlenen nach Dr. Schede. Die
Schienen für Schulter, Ellbogen, Hand, Finger, Daumen, Knie ermög¬
lichen die abwechselnde Feststellung des zu bewegenden Glieds in den
erreichbaren Endstollungen für Beugung und Streckung. Die Schienen,
je acht bis zehn Stunden abwechselnd in Beugung und Streckungen ge¬
tragen, sind auch bei noeh nicht verheilten Wunden anwendbar. Zu
erhalten bei der Apparatebau-G. m. b. H., München, Dachauer Str. 15.
K. Bg.
Zentralblatt für Gynäkologie , 1915 , Nr. 13—15.
Nr. 13. Joh. Lange: Isochronisch heferoiope EHmplantation bei
Myoma uteri und dadurch bedingter Retrodeviation des Gebärorgans.
Nach Aufrichtung einer Retroflexion trat bei der seit neun Jahren kinder¬
losen Patientin Schwangerschaft ein, und zwar wurde im dritten Monat der
vergrößerte, mit zwei subserösen Myomen besetzte Uterus auf einer
Doiiglasgeschwulst liegend gefunden. Diese ergab sich bei der Operation
als fubargraviditiit im ampullären Teil der linken Tube. Zugleich wurden
die beiden bohnengroßen Myome und der Appendix entfernt. Nach der
normalen Zeit erfi lgte ein normaler Partus. Es hatte also gleichzeitig
eine Intrautoringravidität ungestört fortbestanden, die offenbar gleich¬
zeitig mit der extrauterinen erfolgt war. Die Myome waren die Ursache
für die frühere Sterilität und für die Tubarschwangerschaft.
Nr. 14. H. Füth und F. Ebeler: Röntgen- und Radiumtherapie des
Uteruscarcinoms. Benutzt wurden Silberfilter mit Paragummiüberzug und
Umwicklung mit Verbandgaze und gewöhnlich 27 mg Radium, das im Beginne
der Behandlung 2—5, später 10—12 Stunden lang angeweudet und jede
zweite Nacht eingelegt wurde. Gleichzeitig wurde teils vaginal teils
abdominell mit Röntgenstrahlen behandelt. — Bei den operablen Fällen
sind die krebsigen Partien geschwunden oder erheblich verkleinert und
die Patienten arbeitsfähig. Von den inoperablen Fällen sind die aus¬
schließlich mit Röntgenstrahlen behandelten ohne Dauererfolg gewesen.
Die mit Radium behandelten haben überwiegend eine anhaltende Besserung
und Arbeitsfähigkeit erlangt, zum Teil mit völligem Verschwinden des
Krebses. — Bei den prophylaktisch nach Totalexstirpation Bestrahlten
blieb der überwiegende Teil rezidivfrei. Am ungünstigsten sind die Re¬
zidivbestrahlungen, wo das Wachstum in der Regel nicht aufgehalten
werden konnte. — Das Allgemeinbefinden wurde gestört in etwa der
Hälfte der behandelten Fälle, besonders lästig wurde der Reiz auf Blase
und Mastdarm empfunden. Dagegen pflegen Blutung und Jauchung des
Krebses schon nach kurzer Zeit zu verschwinden.
Nr. 15. R. E. Liesegang: Ueber die puerperale Osieomalacie.
Die Gravidität ist als ein Zustand mit vermehrter Säuerling des Organis¬
mus aufzufassen. Auch bei der Osteomalacie ist die Auflösung der
Knochenerde der Knochon durch Säurewirkung bedingt. Der frühere
Einwand, daß die kohlensauren und phosphorsauren Salze in diesem Falle
nicht gleichsinnig, wie es der Fall ist, vermindert sein dürften, ist nicht
richtig, weil im Knochen beide Salze in Bindegewebe eingehüllt sind und
daher immer nur gleichzeitig aufgelöst werden können. Dabei findet die Er¬
höhung der Wasserstoffionenkonzentration wahrscheinlich nicht im Blute,
sondern in den Geweben statt, während das im Gewebe aufgelöste Kalk¬
salz von dem neutralen Blut in kolloidaler ungelöster Form fortgoschafft
wird. Die Säuretheorie der Osteomalacie ist also physiologisch-chemisch
wohl zu begründen. K. Bg.
Die Therapie der Gegenwart , April 1915 ,
Kirchberg (Charlottenburg); Physikalische Heitmethodeo Im
Reservelazarett bei der Behandlung der Kriegsverletzungen. Jede Ruhig-
stellung einer Extremität hat zwei unheilvolle Folgen, die Atrophie der
gesamten zu dieser Extremität gehörigen Muskulatur und die Versteifung
der Gelenke durch Verkürzung, Schrumpfung respektive Austrocknung der
GelenkkapSeln. Nur die Bewegungsbreite, die der Patient aktiv erreicht
hat, geht sozusagen in das Bewußtsein seiner Wiederherstellung über.
Nur durch stundenlange, allmählich verstärkte Dehnung der Gelenke im
entgegengesetzten Sinne der Versteifung sind schöne Erfolge zu erzielen.
Dünner (Moabit, Berlin): Vorübergehende Pupillenstarre bei
Diabetes. Bei einer 67 jährigen, seit neun Jahren an Diabetes leidenden
Patientin, bei der nichts für Alkoholabusus spricht und bei der alle vier
Reaktionen negativ sind, konnte man eine Zeitlang keine Patellarreflexe
auslösen und ebenfalls zirka acht Tage lang keine Pupillcnreflexe kon¬
statieren. Diese Symptome blieben nur einige Tage.
Brühl (Berlin): Beitrag zur Verwendung von Elsen-Elarsin-
tablctten. Eisen und Arsen ergänzen sich in ihrer therapeutischen
Wirkung und durch das Arsen wird die Eisenwirkung potenziert. Pie
Wirkung des Präparats äußert sich in Zunahme des Blutfarbstoffs, durch
eine geregelte Verdauung, einen guten, reichlichen Appetit, dement¬
sprechend auch Gewichtszunahme und allgemeines Wohlbefinden.
W r aetzoldt (Berlin): Die Beurteilung leichter Herzslörangen bei
Heeresangehörigen. Zusammenfassende Uebersicht.
Dünner (Berlin): Neuere Arbeiten über Typhus. Zusammen¬
fassende Uebersicht.
Rosznowski (Berlin): Einige klinische Beobachtungen über Te¬
tanus und praktische Gesichtspunkte bei seiner Behandlung. Intraspinal
sollen pro 10 kg Körpergewicht 1 ccm 25 °/„igor MagnesiumsulfatlÖsimg
injiziert werden. Nach kurzer Zeit vollkommenes Nachlassen der Krämpfe,
Dauer der Ruhe 12 bis 28 Stunden. Nach Abklingen des Effekts erneute
Injektion mit kleinerer Dosis. Die subcutane Dosis soll etwa 0,3 pro Kilo¬
gramm Körpergewicht für den erwachsenen Menschen betragen (1,2 ccm
25 °/o iger Lösung pro Kilogramm) und viermal täglich gegeben werden.
Krüger (Plauen i. V.): Tannoform bei Typhus und septischer
Enteritis. Die Typhusbakterien scheinen viel stärker angegriffen zu
werden als die des Erysipels, und die des Typhus auch wieder in ver¬
schiedenem Grade. Nach den ermutigenden Erfolgen beim Typhus ist
dringend zu empfehlen, das Tannoform bei der Cholera zu versuchen.
Reckzeh (Berlin).
Therapeutische Monatshefte 1915 , Februar .
Kowarschik (Wien): Ergebnisse der Elektrotherapie 1913/14-
Der therapeutische Wert der Elektrizität wurde in der ersten
Hälfte des vorigen Jahrhunderts wesentlich überschätzt; es folgte eine
Reaktion, welche sich an den Namen Möbi us knüpfte, und in welcher er
elektrischen Behandlung fast jeglicher Wert abgestritten wurde. Ei» 1
letzten Jahrzehnt haben sich die Anschauungen geklärt. - Die wirksam*
Strom form ist die Galvanisation. Die Verwendung großer b roj
stärken wird durch die Benutzung großer Elektroden ermöglich •
stärksten Stromstärken lassen sich bei der Hirtz sehen Methode (
versale Durchslrömung) und beim Vierzellenbade verwenden. P flS ai
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UNIVERS1TV OF IOWA
493
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17.
25. April.
imwendungsgebiel sind Neuritiden, Neuralgien, Ischias, sowie alle peripheren
und centralen Läbmungeu. Die Wirkungsweise des galvanischen Stroms ist
nach nnsera heutigen Auffassungen eine chemische und beruht auf Atom-
veiSchiebung. Daher gelingt es auch, mittels des galvanischen Stroms
Medik-uncnte percutan zu applizieren. Am häufigsten wird die Jontophose
zur Kinführung von Zn oder Ag bei Haut- uud Haarkrankheiten, von J
hei Lymphomen oder von Salicylionen bei Gelenkaffektionen verwendet.
Ke oxydierende respektive reduzierende Wirkung des galvanischen Stroms
an der' Anode respektive Kathode wird zur Beseitigung von Hypertrichose i
(Weil und Andere), zur Behandlung des Rhiuophyma (Bordier), von Trige-
miuu^euralgicn (Rethi), von Oesupliagusstrikturen (Guisor), ferner von J
Gelenkankylosen (Leduc, Marques) benutzt. Interessant ist die gal vamsche
Behandlung der Frostbeulen (Chuiton, Helbing). Die heilende Wirkung ;
des galvanischen Stroms bei Basedowscher Krankheit, sowohl bei
direkter Einwirkung auf die Schilddrüse, als auch auf den Sympathicus,
wird durch neuere Arbeiten bestätigt. Das von Veraguth und Seyder-
helm bei Leukämie beobachtete Sinken der Leukocvtenzahl unter Ein¬
wirkung geringer Stromstärken hat bis jetzt noch keine befriedigende
theoretische Erklärung gefunden. — Die von B ergo nie inaugurierte
Gvmriastique electriqne oder Ergotherapie passive bedeutet einen wesent¬
lichen Fortschritt in der Anwendung des faradiseben Stroms. Mit der
Kritik dieser Verfahren beschäftigen sich die Arbeiten von Nagel-
schmidt, Veith, Roemheld, Laquerriere und Nuytten, Labbe,
Durig und Liebesny, Brommer, Bouchacourt. Technische Ab¬
änderungen am B er goni eschen Apparat haben Nagelschmidt, Schnee,
Laquerriere und Nuytten, Carulla und Hergens publiziert. Stru-
beil hat in eingehender Weise die blutdrucksenkende Wirkung von
Wechselstrombädern bei Arteriosklerotikeru studiert. — Die Indi¬
kationen der Hochfrequenzbehandlung sind keine einheitlichen.
Allgemein anerkannt ist die blutdruckherabsetzende Wirkung der Hoch-
frequenzströmo bei Präsklerose und beginnender Arteriosklerose, be¬
sonders bei Verwendung des Solenoids oder des Kondensatorbetts
(Schurig, Humphris, Bühler, Hiss); auch die lokale Anwendung der
Hochfrequenzströme wirkt als Effluvium bei Herz- und Gefäßerkrankungen,
besonders bei der Angina pectoris. Weitere Erfolge der Hochfrequenz-
behandlung haben gesehen Walzer bei tabischen Schmerzen, Reicliard
bei Tarsulgien, Arnalund Gremeaux bei Alveolarpyorrhüe, Cottenot und
Mac-IntyrebeiEndometritis (Curettement electrique) und Meret bei Anal¬
fissuren. Die Diathermie, die letzte Entwicklungsstufe der Hochfrequenz¬
behandlung, hat im letzten Jahr ihr Indikationsgebiet wesentlich erweitert:
Upra (Unna), Gonorrhöe (Santos), Augenerkrankungen (Krückmann,
Zahn, Sattler, Claussnitzer, Qurin), Ohrenerkrankungen (Hamm,
Weiser, Gerlach, Mendel). Die Zuführung von Wärme und Lebens-
energie an schwächliche Personen durch Diathermie ist vorläufig noch
nicht über Versuche hinausgekommen.
Heynemann (Halle a. S.): Gynäkologische Strahlentherapie. Der
Verfasser sieht von der Besprechung der Oberflächenbestrahlung ab,
welche relativ selten in Betracht kommt (Pruritus vulvae, Vulvaekzeme)
und den bekannten dermatologischen Prinzipien entspricht. Das An- I
wendungsgebiet der Tiefenbestrahlung, ausgefiibrt durch Röntgenstrahlen
oder radioaktive Substanzen (Radium, Mesothorium, Thorium X), sind sowohl
gutartige als bösartige Erkrankungen. DieTiefenbestrahlung bei benignen
Auktionen beschränkt sich im wesentlichen auf die Bestrahlung des Ovariums
und Vernichtung seines Follikelsystems bei klimakterischen Blutungen,
Myomen, Dysmenorrhöe, parametrischen Prozessen, gutartigen Ovarial¬
tumoren, Adnexitis und Osteomalacie. Die Erfolge sind meist be¬
friedigend. Von bösartigen Erkrankungen werden vor allem Car-
cinome, aber auch Sarkome und Choreoepitheliome mit Bestrahlung
behandelt, am geeignetsten Bind die tiefsitzenden Tumoren der Vulva,
Vagina und Cervix. Eine Besserung ist in den meisten Fällen zu kon¬
statieren, von Dauerheilung kann jedoch selten gesprochen werden. Die
Arbeit Heynemanns gibt auch genaue Angaben über die Technik der
Tielenbestrahlung.
Herxheimer und Nathan (Frankfurt a. M.): Zur Prophylaxe
ssd Vertreibung des Ungeziefers Im Felde. Das Ungeziefer im Felde
bedeutet nicht nur eine große Belästigung der Menschen, sondern kann
Komplikationen (Impetigo, Furunkulose, Erysipel, Lymphangitis,
Hepsis, Ekzemen) und zur Uebertragung schwerer Infektionskrankheiten
(Flecktyphus, Rückfallfieber, Pest) führen. In dem jetzigen Feldzug ist
lr Übertragung von Flecktyphus durch Kopf- und besonders Kleiderläuse
v on besonderem Interesse. Zur persönlichen Prophylaxe im Felde eignen
von den zahlreichen zum Schutze gegen Ungeziefer empfohlenen Mitteln
(ätherische Oele, wie Nelkenöl, Anisöl, Bergamottöl, Fenchelöl, Euca-
jptusöl und andere mehr, ferner graue Salbe, Naphthalin, Schwefel-
äther, Perubalsam, Styrar, /S-Naphthol usw.) meist nicht, entweder weil
!*“ 8lark hautreizend wirken, oder zu unhandlich sind, oder zu wenig
!7 s ri rk - Die Laboratorium8versuche der Verfasser ergaben nach
J' er Hinsicht die befriedigendsten Resultate mit 3 ü /oigem Kresolpmler.
Dieses kommt unter dem Namen Trikresolpuder in handlichen Schachteln
mit zirka 60 g Inhalt in den Handel.
Wehmer und Kirchberg (Berlin): Wirkung der mechanischen
Beeinflussung des Abdomens auf die Circulation. Die Verfasser haben
an einer größeren Anzahl Fällen von Arteriosklerose und chronischer
Nephritis folgendes von ihnen schon früher zur Lösung peritonealer \ er-
waehsungen benutztes Verfahren angewandt. Große, das Abdomen voU-
kommen umspannende Glassaugglocken werden auf den Bauch aufgesetzt
und durch abwechselnde Saug- und Druckwirkung die Bauchorgane hoch
in die Glocke hineingezogen und wieder auf ihr altes Niveau zuiück-
gedrängt. Ueber die Einzelheiten der Technik muß auf das Original ver¬
wiesen werden. Es gelingt durch diese Behandlung^ weise, schon durch
wenige Sitzungen den Blutdruck um 30 bis 50 bis tO mm zu senken.
Außerdem tritt Regulierung des Stuhlgangs ein.
Lapinski (Basel): Ueber die Wirkung des Aethylhydrocupreins
(Optochlns) bei croupöser Pneumonie. Bericht über 35 Fälle von meist
schweren Erkrankungen. Das Mittel wurde nur per os verabreicht, und
zwar 4 bis 12 mal 0,5 g und in Gesamtmengen von 3 bis 4 bis 12 g.
Von schädlichen Nebenwirkungen wurde häufig Erbrechen, in fünf Fällen
zum Teil schwere, aber stets nach einigen Tagen vorübergehende Schädi¬
gung des Nervus opticus beobachtet. Der therapeutische Effekt des
Optochins ist natürlich schwer zu beurteilen. Für den günstigen Einfluß
spricht die Tatsache, daß in den 15 Fällen, in denen bei der Behandlung
mit Optochin eine definitive Heilung nach der ersten Krisis eintrat,
zwölfmal sich dieser Ausgang unmittelbar an die Darreichung des Mittels
anschloß. In demselben Sinn ist die Tatsache zu verwerten, daß in den
fünf respektive neun Fällen, in denen das Optochin am zweiten respektive
dritten Krankheitstage gegeben werden konnte, zwei- beziehungsweise
viermal sofortige Krisis und definitive Heilung auftrat.
Szily (Budapest) und Friedenthal (Nikolassee): Chemotherapie
der Syphilis mittels anorganischer Kombination von Quecksilber, Arsen
und Jod. Die Verfasser empfehlen zur Behandlung der Syphilis in allen
Stadion an Stelle der komplizierten uud teuren organischen Arsen- und
Quecksilberpriiparate eine Mischung der Salze HgJji, JK und AsJ3 in n /ioo-
bis n/,„-Lösungen. Von den n /io- bis o/ao-Lösungen werden 1 bis 2 cra intra¬
muskulär in zwei- bis dreitägigen Intervallen gut vertragen. Ausreichende
Erfahrungen liegen vorläufig noch nicht vor. Pringsheim (Breslau).
Zeitschrift für ärztliche Fortbildung 1915 , Nr. 6.
Bier (Berlin): Prophylaxe des Kriegskrüppeltunis vom chirurgischen
Standpunkte. Einzelne Sätze seien angeführt: Kein Lazarett darf ohne
Röntgoneinrichtung sein. Bei Kriegsoperationen sind AUgemeinnarkosen
weit vorzuziehen, und zwar mit Aether oder Mischnarkosen. Nach Steck¬
geschossen darf nicht gefahndet werden ohne vorherige Tiefenbestimmung.
Es wird zuviel amputiert. Gegen Infektion und Wundfieber sind Ruhe,
seltener Verbandwechsel und feuchte Verbände mit den ehrwürdigen
Kamillen die dankbarsten Mittel. Mit Ausnahme des Facialis sollen alle
übrigen verletzten Nerven so bald als möglich in operative Behandlung
genommen werden. Bei Aneurysmen schützt nur Arteriennaht vor Circu-
lationsstörungcn. Bei Rückenmarkschüssen mit spastischen Paresen und
Paralysen sollte immer operiert werden. Ein Gelenk lange zu fixieren,
das nicht der FcststeUung bedarf, ist ein Fehler. Die Hand des Arztes
wirkt mehr als medico-mcclianische Apparate (cum grano salis).
Baginsky (Berlin): Die wichtigsten Verdauungsstörungen des
älteren Kindes nnd ihre Behandlung. In Betracht kommen das habituelle
Erbrechen, auf funktioneller Störung von seiten des Nervensystems
beruhend; das cyclische Erbrechen mit Acetonurie durch fehler¬
haften Abbau der Eiweißkörper, vielleicht auf Störung der Leberfunktion
beruhend; die nervöse Anorexie, häufig verbunden mit Neigung zu
pikanten und seltsamen Stoffen (z. B. Kalk, Asche), ebenfalls funktionellen
LTrsprungs, meist durch fehlerhafte Ernährung, spätes Einsetzen fester
Nahrungsmittel entstanden; die Magenatonie, ebenfaUs auf unzweck¬
mäßige Ernährung im Säuglingsalter zurückzuführen. Die Therapie be¬
steht in Veränderung der Umgebung und der bisherigen Ernährungs¬
weise. Zu den chronischen Zuständon gehören die auf Acylia gastrica
sich aufbauenden Magendarmkatarrhe, die sich nur durch sorgfältige Beob¬
achtung genauer Diätvorschriften beseitigen lassen.
Brettner (Berlin): Eigenartige Waffen ans Feindesland. Schilde¬
rung von Gewehrstock, Sportmesser und Fliegerpfeil mit kasuistischen
Beiträgen und der Bitte um Pfeile für die kriegschirurgische Sammlung
der Kaiser-Wilhelms-Akademie.
Hygienische Rundschau 1915, Nr. 4 u. 5.
Nr. 4. T. A. Venera a: Der Dibdinsche Schiefertafelkörper zur
Reinigung von Abwasser. Der Dibdinsche Schiefertafelkörper soll die
Faulkammer beim biologischen Ahwasserreinignngsverfahrcn ersetzen. Er
besteht aus einem zementierten Becken, das e ine Reihe in kurzen AB
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UNIVERSUM OF IOWA
494
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17.
25. April.
ständen übereinander liegender Schieferschichten enthält. Das durch
Rechen von den gröbsten Bestandteilen befreite Abwasser wird von oben
eingelassen und nach einigen Stunden unten abgelassen. Die auf den
Schieferplatten niedergeschlagenen ungelösten Stoffe werden von den auf
den Schieferplatten angesiedelten Mikroorganismen mit Hilfe des Sauer¬
stoffs zerstört. Der Haupt vorteil des Verfahrens liegt in der Geruch¬
losigkeit. Ueber seine Wirksamkeit liegen exakte Untersuchungen noch
nicht vor. Die in der Praxis in England gemachten Erfahrungen wider¬
sprechen sich zum Teil.
Nr. 5. Ratner: Die Kriegshygiene in der df jüdischen Literatur.
Im Deuteronomium finden sich auch für den Kriegsfall hygienische Vor¬
schriften. Zura Teil decken sich diese mit denen der Friedenszeit unter
Berücksichtigung der besonderen Verhältnisse. Mit Rücksicht auf diese
sind aber auch Ausnahmen von sonst bestehenden Geboten zugelassen.
K. M.
Journal of the American medical association 1914 ,
Bd , 64, Nr. 2 , 3, 4.
Nr. 2. J. Whitridge: Grenzen und Möglichkeiten der vorgeburt¬
lichen Pursorge. Studie auf Grund von 705 Todesfällen bei Pöten in
der geburtshilflichen Abteilung des John Hopkins Hospitals in Baltimore.
Sehr interessante Studie über die zu treffenden Maßnahmen, um Todes¬
fälle bei Föten zu verhüten. Betont die Notwendigkeit der Ueberwachung
der Mutter nicht nur durch die Hebamme, sondern auch durch den Arzt
und die Notwendigkeit der sozialen Hilfe.
Arthur W. M. Ellis, Cullen, Glenn E. Slyke. Donald: Der
Gehalt an Aminosäure im Blut und der Spinalfiussigkeit bei syphi¬
litischen und nichtsyphilitischen Personen. Die Aminosäure im Blute
variiert in bestimmten Grenzen bei verschiedenen Individuen (zwischen
4,5 zu 8,5 mg), der Gehalt des Bluts der Syphilitiker und Nichtsyphilitiker
zeigt diesbezüglich keine Unterschiede, auch besteht keine Beziehung,
weder im Blute noch in der Spinalflüssigkeit, zur Wassermannreaktion.
Kaplans und Mc Clellands Annahme, daß eine Verringerung
des Aminosäurenitrogens bei Syphilitikern im Blute bestehe und als
Diagnostikum gebraucht werden könne, erscheint nach den Unter¬
suchungen der Verfasser als unrichtig.
Nr. 8. Harvey, Cushing: Ueber die chirurgischen Resultate
bei Hirntumor. Gibt die Resultate an 142 Füllen von Hirntumoren
der Bostoner Klinik und spricht sich zuversichtlich aus über die fort¬
schreitend besseren Resultate der Gehirnchirurgie. Betont eingehend die
nötigen Grundlagen für zu erreichende Erfolge.
Gge. Smith, Gilbert: Getrennte Nierenfunktion. Beobach¬
tungen gewonnen durch Anwendung des Ureterenkatheters und des
Phenolsulphonephthaleins. Genaue Befunde bei einer Anzahl Fälle. Als
Aussehcidungszeit des Phenolsulphonephthaleins wurde eine Pause von
drei Minuten nach intravenöser Einspritzung von 6 mg gefunden und
eine Ausscheidung von 15% in den nächsten 15 Minuten. Bei höherer
Ausscheidung, wenn die eine Niere krank ist, ist anzunehmen, daß die
gesunde Niere bereits die Funktion der erkrankten übernommen hat. In
diesem Falle kann bis zu 30 % von der einen Niere ausgeschieden werden.
Nr. 4. Louis A. Levißon: Auftreten von Oedemen nach
großen Gaben von doppelkohlensaurem Natrium. Große Dosen von
Natrium bicarbonicuro können eine Zunahme des Körpergewichts n er-
ursachen, die unter dem Bilde von Oedem auftreten kann. Diese Ge¬
wichtszunahme ist veranlaßt durch Chlorid- und dadurch bedingte \\as>er-
rctention im Körper. Diese Erscheinung wurde hauptsächlich bei kachek-
tisehen Diabetikern bei bestehender Acidose beobachtet, kann aber auch
an normalen Individuen auf experimentellem W eg erzeugt werden.
Arthur J. Casselmann: Nicht erhitzte Vaccine. Vaccine sollten
nicht über 37 0 C erhitzt, sondern auf eine Art behandelt werden, die
zwar ihre vegetative Funktion zerstört, nicht aber die ^Tmmumtäts-
reaktion von der lebender Bakterien verändert. Zu diesem Zweck emp¬
fiehlt sich eine 0,25 %igc Trikresollösung in der Anwendung von
24 Stunden bei 37° C. Es ist möglich, daß auch irgendein anderes
Glied der Phenolgruppe in der gleichen bakterientötemlen Konzentration
befriedigende Resultate gibt. _ Cordes (Dresden).
Therapeutische Notiz.
(Aus dem Waldsanatorium Zehlendorf-West Dr. Hauffe, Vereinslazarett.)
Perhydrit - Stäbchen
von Dr. Heinrichsdorff.
Pas Wasserstoffsuperoxyd in trockner und fester Form, Perhy¬
drit, ist eine sehr praktische Erfindung, weil mit dem Pulver oder den
Tabletten bequem und schnell Lösungen von Ha Os hergestellt werden
können Es ist eine Verbindung von Carbamid mit Perhydrol und
bildet ein weißes Pulver, das sich in Wasser leicht löst. Ebenso wie
Perhydrol hat es hohen Gehalt an Wasserstoffsuperoxyd (34 bis 35%),
ist also mehr als zehnmal stärker als das käufliche Hydrogenium
peroxydatum. Man hat es daher in der Hand, beliebig starke Lösungen
herzustellen. Die Anwendung als Wundreinigungsmittel ist die gleiche
wie mit dem flüssigen H*0*. Außerdem kann auch das Perhydrit-
pulver, wenn es sich um tiefe, eitrige, schmierige Wunden handelt
ohne weiteres auf gestreut werden. Das Wundsekret selbst bildet dann
das Lösungsmittel, sodaß eine langsame, immer tiefergehende Des¬
infektion der Wunde vor sich geht.
Im Vereinslazarett habe ich besonders häufig die Perhydrit-
stäbchen verwandt. Das sind etwa 2 cm lange Stifte, von welchen
zwei Sorten durch E. Merck (Darmstadt) hergestellt werden. Die
einen haben die Dicke der bekannten Höllensteinstifte, die andern sind
dünner, etwa wie Streichhölzer. Die ersteren benutze ich zum Aetzen
von nekrotischen Schleimhäuten und zur Säuberung von Wundfalten
und Buchten. Ein beigegebener Metallhalter erleichtert die Hand¬
habung. Die zu ätzende Stelle wird eventuell erst mit Wasser vor¬
berieselt und dann das Perhydritstäbchen darauf einwirken gelassen.
Die Wundfläche wird nach und nach schwach w r eiß, milchig und
schmerzt ein wenig. Aber der Erfolg ist gut; in kurzer Zeit, nach
zwei bis drei Aetzungen, sind derartige nekrotische Partien ver¬
schwunden. Der Vorzug vor dem Lapis ist der, daß sich kein Aetz-
schorf bildet. — Die dünneren Stäbchen verwende ich zur Reinigung
von Fistelgängen, Schußkanälen und ähnlichem. Mit Hilfe der Pinzette
schiebe ich ein bis zwei Stifte in die Wundöffnung möglichst tief. So¬
fort entsteht eine lebhafte Gasentwicklung, sodaß die Stifte wieder
herausgepreßt werden, wenn nicht sofort die Oeffnung zugehalten
wird. Zweckmäßig preßt man ein Stückchen Gaze über die Mündung,
sodaß die herausschäumenden Eiterteilchen durch die Gaze hindurcli-
treten und abgewischt werden können. Die Wundgänge, besonders
auch Knochenwunden, erfahren auf diese Weise eine viel intensivere
Desinfektion als durch das Ausspritzen mit Lösungen von HsOs; ihre
Oberflächen werden infolge der längeren Einwirkung mehr durch¬
drungen. Die Behandlung mit den Perhydritstäbchen ist der früheren
mittels Gazestreifentamponade überlegen, sie schafft günstigere Be¬
dingungen zur Heilung, ist für den Patienten äußerst schonend und
erspart wesentlich an Verbandmaterial.
Bficherbesprechungea.
P. Klemm, Die akute und chronische infektiöse Osteomyelitis
des Kindes alters. Mit 7 Abbildungen im Text und 1 Kurventalel.
Berlin 1914, S. Karger. 261 Seiten. M 9,—.
Das Wesentliche bei der Osteomyelitis ist die Erkrankung des
lymphatischen Gewebes. Das Krankheitsbild der Osteomyelitis in tofco wird
durch die Reaktion des Knochengewebes auf das erkrankte Mark erzeugt.
320 eigne Beobachtungen führen Klemm zu dieser Grundanschauung,
die er nun in überzeugenden, lebhaften Ausführungen vertritt. Sein
Buch ist keine erschöpfende Behandlung der Frage der Osteomyelitis,
will es auch gar nicht sein, aber es ist eine äußerst lehrreiche Mittei¬
lung und Verarbeitung großer eigner Erfahrungen. Daß dabei auch die
Kasuistik nicht zu kurz kommt — sie enthält viele interessante Einzel-
beobaehtungen — macht das Buch gerade für den Praktiker sehr nutz¬
bringend. Schade ist, daß die Brauchbarkeit durch eine geringe Ueber-
sichllichkeit der Stoffanordnung erschwert wird. Man ist beinahe zu einer
systematischen Lektüre gezwungen. Die Hauptsache: das Werk ver¬
dient auch ein solches Studium. Albert Wettstein (St. Gallen).
Borntraeger, Der Geburtenrückgang in Deutschland, seine Be¬
wertung und Bekämpfung. Berlin 1912, Richard Schoetz. M3 f <o.
Die für unsere Volksgesundheit und unsere Wehrfähigkeit so
außerordentlich wuchtige Frage des Geburtenrückgangs ist in der vor¬
liegenden Studie in außerordentlich übersichtlicher und erschöpfender
Weise behandelt, wobei nicht nur ärztliche, sondern auch soziale, religiöse
und gesellschaftliche Gesichtspunkte eine eingehende Würdigung erfahren
haben. Die Besprechung der Verhinderung der Conception und er
Unterbrechung der Schwangerschaft bringt auch für Aerzte viel Wissens¬
wertes und Neues. Einen breiten Raum nimmt das Kapitel über die ®-
kümpfungsmittel dieser Entartungserscheinung ein. Die Maßnahmen zur
Förderung der Eheschließung beziehungsweise zur Bekämpfung der h ®-
losigkeit, zur Begünstigung von Familien mit mehr als zwei hin ern,
ferner die Maßnahmen gegen die w T oitcre Ausbreitung der Lehren ü er
die Geburtenverhütung, die Unterdrückung des Handels mit anticoncep io*
nellen Mitteln, die polizeilichen und richterlichen Anweisungen, sowie
alle übrigen Maßnahmen hinsichtlich der Aerzte, Hebammen und Pflege
rinnen werden so ausführlich und in einer auch für gebildete Laien
so interessanten Weise erörtert, daß das Buch als ein ausgezeichne t
Hilfsmittel für die vornehme Pflicht der Aufklärung im Interesse unserer
\ olkserhaltung bezeichnet werden kann. Reckzeh (Beruh
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UNIVERSUM OF IOWA
•25. April.
1935 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17
495
Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen.
Neue Folge der „ Wiener Medizinischen Presse“. Redigiert von Priv.-Doz. Dr. Anton J Bum, Wien.
K. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien.
Sitzung vom 16. April 1915.
A. Fuchs führt einen 20jährigen Infanteristen vor, welcher
Ergotismns convulsivus nach Genutt yon schlechtem Brot
überstanden hat. Er bekam heftige Krämpfe in allen Extremi¬
täten, außerdem auch in allen großen Muskeln des Rumpfes und
der Schultern. Die Krankheit bot das Bild der schwersten Tetanie.
Das Chvosteksche Phänomen konnte durch leichtes Bestreichen
der Haut mit. dem Fingernagel hervorgerufen werden, außerdem
war elektrische Uebererregbarkeit vorhanden. An den großen
Zehen trat während des Spitalsaufenthaltes des Kranken eine
mumifizierende Gangrän der Haut auf, welche an Erfrierung denken
ließ; Pat. war jedoch wohl in einem nassen Schützengraben ge¬
legen, war aber keiner besonders tiefen Temperatur ausgesetzt. Da
Vortr. auf Grund seiner Beobachtungen zur Ansicht gelangt war,
daß die Tetanie nur eine mildere Form des Ergotismus ist, wurden
die Fäzes des Kranken auf das Vorhandensein von Mutterkorn
nDtersucht, welches sich auch in großen Mengen fand. Es ergab
sich, daß der Kranke in Russisch-Polen mehrere Tage von dem
Brot der Zivilbevölkerung gelebt, welches sehr verunreinigt ist
und viel Mutterkorn enthält. Dem Kranken wurden alle aus Mehl
hergestellten Speisen verboten und darauf verschwand das Sekaie
langsam aus dem Stuhl, damit hörten auch die Krämpfe auf.
Gegenwärtig ist noch das Chvosteksche Phänomen angedeutet,
das Trousseausche Phänomen kann nicht immer hervorgerufen
werden. Spontankrämpfe kommen nicht mehr vor, die elektrische
Erregbarkeit ist noch etwas erhöht. Der Nachweis des Mutter¬
korns im Mehl erfolgt nach Wasicki im Fluoreszenzmikroskop,
aus dem Stuhl wird es mit Chloralhydratlösung zentrifugiert und
im nativen Präparat untersucht. Charakteristisch für das Sekaie
ist die rote Randpartie desselben. Nach der Erfahrung des Vortr.
wird auch die Tetanie durch Mehlentziehung geheilt.
J. Heyrovsky stellt aus der Klinik Hochenegg einen
Mann vor, bei welchem er wegen Langen Verätzung eine ante-
thorakale Oesophagoplastik vorgenommen hat. Es wurde eine
Jejunumschlinge mit dem aboralen Ende des Oesophagus vernäht,
unterhalb der Thoraxbaut bis zum Manubrium Storni hinaufgeführt
und hier mit einem Hautschlauch verbunden, der mit dem oralen
Teil des Oesophagus in Verbindung gesetzt wurde. Pat. kann jetzt
jede Nahrung genießen und hat um 10 kg an Körpergewicht zu¬
genommen. Bisher wurden an der Klinik drei Oesophagoplastiken
n&ch Roux vorgenommen, welche alle von Erfolg begleitet waren.
Vortr. stellt die zwei anderen Fälle vor, welche im Jänner resp.
im Mai 1914 operiert worden sind und an Körpergewicht beträcht¬
lich zogeuommen haben.
A. Klein stellt zwei Typhusfälle vor, bei welchen Typhus-
baziHen im Sputum nacbgewiesen wurden. Bei dein ersten
Kranken wurden Fieber und Bronchialkat&rrh festgestellt, Milz-
tumor und Roseola waren nicht vorhanden. Das schleimig-eitrige
Sputum enthielt eine Reinkultur von Typhusbazillen. Am 19. Tag
’ rale fl letztere auch im Harn auf. Hier wurde die Frühdiagnose
des Typhus aus dem Sputum gestellt. Der zweite Fall erkrankte
m ! 1 fiel'fr, am 9. Tag wurden Typhusbazillen im Blut nachge-
J'iesen, in den Fäzes waren sie nicht zu finden. Vom 20. Tag
er Erkrankung an war Pat. fieberfrei. Im Harn waren Typhus-
aziiien erst am 35. Krankheitstag nachweisbar, seither nicht
ehr. Nach einigen Wochen bekam Pat. beiderseitige Appendizitis,
bputum fanden sich Typhusbazillen. Der seit 3 Monaten fiober-
di i Pin Bazillenträger. Die beiden Fälle zeigen, daß
fo) 6 011 auc h durch das Sputum (Tröpfcheninfektion) er-
& Pal tauf fragt, ob dem Put. Urotropin gegeben wurde.
,, ir erw idert, daß dies nur bei denjenigen Kranken der Fall
ar - " eIc,ie Typhusbazillen im Harn aufwiesen.
5' Pal tauf weist darauf hin, daß das Vorkommen von typhösen
baziüeii e ^ kra ^bekannt ist (Bronchotyphus). Es können Typbus-
lnfluen?i a J da !L Sputum verbreitet werden, aber nicht wie bei der
bazillen 0 ;. i C , ^ l ) a Onen, sondern durch Verschlucken. Die Typhus-
nirht zugruntl r "’^erstandsfähig und gehen auch durch Austroeknen
einpc '^ r * sc k demonstriert zwei Soldaten, welche er wegen
operiert h^ 8 ?- 88 < * er S^taea sap. nach Schußverletzung
nat - Die Kugel war in der Gegend der Spina ant. sup.
ilei eingedrungen und im Gesäß ausgetreten. Das Aneurysma
wölbte die Gesäßbacke vor und verursachte heftige ausstrahlende
Schmerzen, so daß die Kranken kaum sitzen und liegen konnten.
Sie spürten auch die Pulsation des Aneurysmas; bei dem einen
Pat. trat eine Ischiadikuslähmung infolge des Druckes durch das
Aneurysma auf. Beide Pat. wurdeu in der Weise operiert, daß
nach Laparotomie die A. hypogastrioa unterbunden wurde. Die
Schmerzen ließen noch an demselben Tag nach. Dann wurden bei
dem einen Pat. die Blutkoagula aus der Aneurysmahöhle ausge¬
räumt, bei dem anderen wurden sie der Resorption überlassen. Die
Ischiadikuslähmung ist verschwunden.
A. Frh. v. Eiseisberg bemerkt, daß auf dem letzten deutschen
Kriegschirurgentag Bier die Operation der Aneurysmen der A. glutaea
als schwierig bezeichnet und die Operation unter M om bürg scher Blut¬
leere angeraten hat.
A. Hein dl stellt einen Soldaten vor, bei welchem er ein
Projektil aus der Keilbeinhöhle entfernt hat. Pat. litt nach
einer Schußverletzung an zunehmenden Kopfschmerzen und das
Sehvermögen sank auf dem rechten Auge. Die Röntgenunter¬
suchung ergab, daß das Projektil in der vorderen Wand der Keil¬
beinhöhle steckt; es wurde nach Resektion der mittleren und
unteren Nasenmuschel entfernt. In einem zweiten Fall wurde ein
Projektil aus dem Siebbein entfernt.
J. Zanietowski (Krakau): Die moderne Elektromedizin
in der Kriegstherapie. Vortr. berichtet über die Ergebnisse der
modernen Elektrodiagnostik und Elektrotherapie sowie über die
eigenen Versuche, die er an Kriegsverwundeten in einigen Spitälern
und besonders in der Wiener Invalidenschule durchgeführt hat.
Er demonstriert den von den Veifa-Werken nach seinen Angaben
konstruierten Kondensatorapparat, welcher auf dem letzten inter¬
nationalen Kongreß für Elektrologie und Radiologie mit einem
Preis ausgezeichnet wurde. Die mit Hilfe dieses Apparates aufge¬
nommenen exzitomotorischen Kurven zeigen für die normalen Nerven
einen charakteristischen Verlauf und Neigungswinkel. Diese Kurven
werden so gewonnen, daß die mit Hilfe von beliebigen Konden¬
satorentladungen zur Hervorrufung einer minimalen Reaktion not¬
wendigen Elektrizität^mengen auf dem Koordinatensystem aufge¬
tragen und durch eine Gerade verbunden werden. Diese Linien
sind symmetrisch nach oben oder unten verschoben, je nachdem
die Erregbarkeit des Nerven herabgesetzt oder erhöht ist. Bei der
Entartung haben sie einen asymmetrischen Verlauf. Der Vergleich
der mit einer positiven und negativen Elektrode aufgenommenen
Kurven orientiert außerdem über die normal oder abnormal tiefe
Lage der Nerven. Ferner erwähnt Vortr. die Aufschlüsse, welche
er auf Grund der Bestimmung von Kontrast- und Polarisations¬
koeffizienten sowie mit Hilfe der simultanen Reize und des faradi-
schen Intervalls erhielt. Er skizzierte hierauf in kurzen Zügen die
Ergebnisse der modernen Elektrotherapie und die Unterschiede
der jede Behandlungsmethode charakterisierenden Faktoren, insbe¬
sondere betonte er, daß auch die übliche Faradisation und Galva¬
nisation je nach der Intensität, Spannung und Unterbrechungs¬
frequenz des Stromes verschiedene Resultate liefern. Zum Schluß
erwähnt Vortr. die heutzutage noch wenig berücksichtigten Wir¬
kungen der von der Ionenart und lonenrichtung abhängigen loncn-
therapie. n
Kriegsärztliche Abende in Franzensbad.
Sitzung vom 20. März 1915.
L. Steins borg demonstriert einen Fall von geheiltem
Tetanus. Am 3. November 1914 Kugeldurchschuß des linken
Vorderarms im unteren Drittel. Ausschuß au der Volarfläche der
Hand unterhalb des Daumens. Phlogmonöser Wund verlauf, Arrosion
der Art. radialis, Unterbindung derselben wegen arterieller Blu¬
tung. Ausheilung der Wunde mit Versteifung des Handwurzel¬
gelenkes und des Daumens. 20. Jänner 1915, also ca. 2 1 /« Monate
nach erfolgter Verletzung, große Unruhe in der Vorderhand, später
Fingerkrampf und tonische Krämpfe der Armmuskulatur, Tempe¬
ratur normal, kein Trismus. Da auf Verabreichung von Suifonal
und Chloralhydrat keine Besserung eintrat und in den nächsten
2 Stunden 8 Anfälle zu zählen waren, wurden sofort 200 g Paltauf-
Tetanusserum injiziert. Diese Dosis genügte, um eine Wiederholung
der Anfälle hintanzuhalten. Dieser Fall ist auch aus dem Grunde
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Original fram
UNIVERSITY OF fOWA
496
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17.
25. April.
interessant, da im Anschluß an die Injektion, jedoch erst 6 Tage
später, leichte Intoxikationserscheinungen aufgetreten sind, die
entschieden auf dieselbe zurückgefiihrt werden müssen. Unmittelbar
nach der Injektion trat an der Impfstelle starker Juckreiz auf. <
Erst 6 Tage später meldete sich ein Exanthem am ganzen Vorder¬
arm, Urtikariaquaddeln und Schwellung der Axillardrüsen. Auch
am Brustkorb waren vereinzelte Effloreszenzen zu sehen, dabei
Fieber bis 38<>, allgemeine Mattigkeit, Muskelschmerzen. Puls
klein, frequent. Auf essigsaure Tonerdeumschläge gingen die Er¬
scheinungen nach ca. 24 Stunden vollständig zurück. Das Antitoxin
gilt im allgemeinen als harmlos, auch bei intravenöser, ja sub-
duraler Injektion. Auch im vorliegenden Fall dürften die Intoxika¬
tionserscheinungen auf das artfremde Eiweiß zurückzuführen sein,
doch berichteten auch letzthin Böen heim und Vogt über zwei
ähnlich verlaufende Fälle nach Merckschem Serum. — St. berichtet
über einen weiteren Fall von Tetanus. Dieser betrifft einen Soldaten,
der mit einer Schußverletzung der rechten Mittelhand, mit ausge¬
breiteter Gewebs- und Knochenzertrümmerung Ende September v. J.
eingeliefert wurde und bei dem nach bereits erfolgter, sehr lang¬
wieriger Ausheilung der Verletzung, 2 Monate nach erfolgter Ver¬
wundung und bei intakter Epidermisierung ein typischer Tetanus¬
anfall in der verletzten rechten Extremität aufgetreten ist. Bei
bestem Allgemeinbefinden trat zeitlich früh der erste Starrkrampf
in der verletzten Hand auf. Bis zur Morgenvisite konnte der
Kranke bereits 4 Anfälle verzeichnen und auch über eine ganz
leichte Steifigkeit im Nacken und über ein unangenehmes Gefühl
im rechten Kiefergelenk berichten. Fieber bestand nicht. Es
wurden gegen Mittag 200 A.-A. Tetanusserum Paltauf in die
Gegend der Bracbialnerven injiziert , nebstdem 5 g Uhloralhydrat
und Sulfonal verabreicht. Bis 3 Uhr nachmittags bestand noch
eine gewisse Unruhe in der Hand, besonders an der Wundstelle,
doch kam es zu keiner KrampfauslösuDg. Abends Reaktionsfieber
38,5°. Bei normaler Temperatur trat am Nachmittag des nächsten
Tages eine neuerliche Unruhe im Bereiche der seinerzeit verletzten
zwei Finger auf. Es wurde deshalb abermals eine neuerliche Anti¬
toxininjektion 150 A.-E. verabreicht. Der Kranke wurde noch eine
Zeitlang unter Einwirkung von Narkotizis gehalten und es ist bis
zu seiner einen Monat später erfolgten Entlassung kein Anfall mehr
aufgetreten. — Vortr. bespricht zum Schluß kurz die bisherigen
Behandlungsmethoden des Tetanus. Neben der möglichst früh¬
zeitig, auch schon bei leisestem Verdacht auf Tetanus in Angriff
zu nehmenden Antitoxintherapie und gleichzeitiger Darreichung
großer Dosen von Narkotizis erscheint ihm die jüngst von
Straub in Freiburg inaugurierte Dauerbebandlung mit Magnesium-
sulphat im Hinblick auf eine optimale Magnesiumkonzentration im
Organismus am aussichtsreichsten.
Weissmann (Weißkirchlitz) als Gast berichtet über einen selbst
beobachteten Fall von Tetanus, welcher mit der Diagnose Angina in das
Ueservespital in B. eingebracht wurde. Am 40. Tag nach einer Ver¬
letzung des Zeigefingers trat hei dem Soldaten Tetanus auf. Die Symptome j
waren: Spannung der Bauchdecken. Trismus. Beim Oeffnen des Mimdes
mit der Mundklemme trat prompt ein Anfall auf. Beim Zurückziehen
der Zunge kam es zu Erstickungsanfällen. Pat. wurde apnoisch, pulslos,
so daß künstliche Atmung angewendet werden mußte. Während W.
Tetanusserum requirierte, starb Pat. im Anfall.
J. Hirsch: Bei einem schweren Fall von Tetanus mit Trismus,
Krämpfen der Schluck- und Rcspiratiousmuskelu brachten waimc, feuchte
Umschläge auf die Wangen, den Hals und auf die Brust große Beruhi¬
gung und Lösung der Krämpfe. Prolongierte, bis 2 Stunden währende
dO°U warme Vollbäder wurden sehr angenehm empfunden und be¬
wirkten eine bedeutende Erleichterung. Chloralhydrat 8 g als Klysma
machte die Anfälle seltener und kürzer. Dieser lall, welcher einige
Jahre zurückreicht, betrifft einen Kollegen, der trotz aller angewandten
Mittel dieser Erkrankung erlegen ist.
Cu kor weist auf die Möglichkeit von Verwechslungen des Tetanus
mit epileptischen Krämpfen, speziell während der Kriegsperiode, hin.
Selig: Das Herz unter dem Einflüsse der Kriegs-
Strapazen? Die Schädigungen des Herzens werden bedingt durch
körperliche UeberanstreDgungon (Tagesmärsche von 50 km, bei
32 kg Bepackung), daraus ergeben sich ausgesprochene Herzdilata¬
tionen mit entsprechender PulsbeschleuniguDg, schwere Insuffizienz-
erscheinungen siud nicht zu beobachten. Ein häufiger Befund sind
Geräusche an den Klappen, die in Anbetracht des wechselnden
Auftretons nicht als organische anzusprechen, sondern als ein
Zeichen der Schwäche des Herzmuskels zu deuten sind (relative
Insuffizienzen der Klappen). Psychische Einwirkungen spielen mit
eine Hauptrolle bei vielen Herzstörungen (Kriegsneurosen), auch
ist eine Zunahme des Morbus Basedow durch die Aufregungen im
Felde wahrnehmbar. Akute Erkrankungen, meist aber Exazerba¬
tionen von Muskel- und Gelenksrheumatismus führen zu endo-
karditischen Prozessen. Magen-Darinkrankheiten erzeugen zwei
verschiedene Gruppen von Herzsymptomen, Pulsbeschleunigung
und Temperatursteigerung, aber auch Bradykardie und subnormale
Temperaturen. Fast alle Herzen zeigen labilen Charakter. Extra¬
systolen sind eine häufige Begleiterscheinung. Die Hauptschädi-
gung des Herzens erfolgt auf dem Wege des Nervensystems.
Therapie: Wenig Medikamente, psychische Ruhe, abstufbare, in
längeren Zwischenräumen verabfolgte Kohlensäurebäder, sich stets
den Zirkulationsverbältnissen anpassend.
Kiesler berichtet über 3 Fälle von Mitralinsuffizienz mit starker
Hypertrophie des linken Ventrikels und Akzentuation des zweiten
Pulmonaltones bei Soldaten, die bis zu ihrem Abgang ins Feld niemals
welche Erscheinungen seitens des Herzens hatten. Es handelt sich hier
offenbar um latente, gut kompensierte Vitien, die infolge der überstan¬
denen Kriegsstrapazen manifest wurden. Die Betreffenden, die bis dahin
keine Herzbeschwerden hatten, boten jetzt die bekannten Zeichen leichter
Herzinsuffizienz.
Steinsberg hat an seinem Krankenmaterial die nervöse Kom¬
ponente bei den Herzstörungen im Kriege im Vordergründe gesehen.
Viele Kranke melden sich mit subjektiven Beschwerden und allerlei
Herzsensationen. Man findet Verbreiterung des Spitzenstoßes, so daß der
Iktus außerhalb der Mamillarlinie liegt, doch handelt es sich meistens
um keine wirkliche Verbreiterung des Herzens. Sehr oft findet man Ge¬
räusche an der Spitze, meistens oben im zweiten und dritten Interkostal¬
raum, in allen möglichen Abstufungen. Vielleicht sind es Venengeräuscbe
oder entstammen sie der Art. pulnion. (Liitje). Der beschleunigte Puls
geht bald in der Ruhe zurück. Respiratorische Arhythmie und Extra¬
systolen werden als Zeichen der Uebererregbarkeit des Vagus bezeichnet:
das Nervensystem ist überaus alteriert, alle bekannten Nervensymptome
sind feststellbar, hochgradige Sehnenreflexe, Verminderung der Schleim-
hautreflexe. Nur eine präzise Anamnese, die Feststellung von Stauungs-
erscheinungen in den Innenorganen und die Akzentuation des zweiten
Pulmonaltoncs sowie der Harnbefund sind für die Differentialdiagnose ma߬
gebend. Vortr. lenkt auch die Aufmerksamkeit auf Strumaherzen
und den übermäßigen Tabakabusus im Felde als prädisponierendes
Moment. Auf die Therapie übergehend, betont er die überaus günstige
Einwirkung der Franzensbader Kohlensäurebäder in ihren kühlen Tem¬
peraturen bis 24° R. Auch Ruhe und eine psychische Beeinflussung des
Kranken bilden ein therapeutisches Moment Nicht zu leugnen ist das
Aufflammen latenter Herzprozesse durch die Kriegsstrapazon und mau
erhält sehr oft bei Verletzten als Nebenbefund ein krankes Herz: doch
muß nochmals betont werden, daß die meisten objektiven Herzsymptcmc
nur temporäre sind uad eine gute Prognose für die weitere Diensttaug¬
lichkeit der Kranken abgeben.
Sommer weist auf die große Zahl von sogenannten larvierten
Klappenfehlern hin, welche dem Träger unbekannt durch viele Jahre
keine Beschwerden bereiten und erst bei bestimmten Anlässen zum Be¬
wußtsein kommen. Selbst anstrengende Bergtouren sind von solchen
Kranken anstandslos unternommen worden, bis gelegentlich einer Leber-
anstrengung einmal das Herz versagt oder bei einer interkurrente« Krank¬
heit der Herzfehler „entdeckt“ wird.
Reicht berichtet über einen 69jährigen Pat. mit Aorteninsulfizmul
und vorgeschrittenem Aneurysma, der schon hoi seiner ersten militäri¬
schen Stellung auf Grund seines Vitiums frei wurde und durch Jahr¬
zehnte seinen Herzfehler symptomlos getragen hat.
Jakesch weist auf das Vorkommen von Herzflimmeni als Aus¬
druck einer nervösen Alteration des Herzens hin.
Fellner sen. meint, daß wir bei den von uns behandelten Sol¬
daten vielleicht darum keine Kompensationsstörungen nach weisen können,
weil Fälle mit. solchen in die der Kriegsfront näher gelegenen Spitaler
aiifgenoinmen werden. Auch finden sich hei den Soldaten häufig organi¬
sche Herzfehler, welche nicht wegen Herzbeschwerden hierher geseii e
werden und auch gar nicht oder vielleicht nur zufällig über das nerz
klagen. Wenn wir über die Häufigkeit der Kriegsschädigungen de? Her¬
zens uns ein Urteil bilden wollen, können Erfahrungen, die wir bei &
handhmg der Mannschaft allein machen, nicht maßgebend sein, da"'
in den meisten Fällen über die Anamnese nichts erfahren, so dnb
nicht wissen, ob ein Herzleiden schon früher bestanden lnü oder
während des Feldzuges entstanden ist. Ganz anders ist das beim Kci
kenmaterial der Offiziere, wo die Anamnese uns sicheren Aufschluß $> •
So waren unter den Soldaten - - es sind dies 132 —, welche I. u*
behandelt hat, mir 2 Pat., welche wegen Herzbeschwerden hierher nie
feriert wurden, ferner ein Eall von Basedow, welchen V. Bier v ° r lj cs i
hat, withrendfunter den 50 Offizieren sich viele Herzkranke um- ■-
die Hauptsache ist. viele während des Feldzuges Erkrankte H \' in 'jj
wie die Anamnese ergab, darunter 5 Fälle von Basedow, worunter ein
friscli entstanden ist. Nun ist allerdings die Mannschaft zumeist wtg,
Verwundungen. Erfrierungen oder als Rekonvaleszenten nach e P| 1
scheu Krankheiten: Typhus, Ruhr, allerdings auch nach Rheuma
Neuralgien und speziell Herzkrankheiten hierher gesandt worden, n
hin ist aber die große Zahl der friscli erworbenen Herzkrank hm 1 ■ .
diese beträgt die Hälfte aller, auffallend und läßt sich vieUcK'l't^^
erklären, daß einerseits die geistigen Aufregungen und Anfoi e -
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April.
1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17.
197
:\u die Offiziere sehr große sind, andrerseits dieselben, besonders die
Rosen»- und Luidsturmoffiziere infolge ihrer zarteren Konstitution und
Ki> dahin mehr venveiehlicliten Lebensweise, den Strapazen und Ent¬
behrungen weniger gewachsen sind als der gemeine Soldat.
Eine Schädlichkeit, welche sicher eine große Rolle spielen dürfte,
ist der Mißbrauch des Nikotins. Die Offiziere rauchen in der Auf¬
regung des Krieges viel zu viel, iJO, 50, 60. sogar bis HX) Zigaretten
des TageF, angeblich um ihre Nerven zu beruhigen. Das Gegenteil aber
ist wahr. Dieser Mißbrauch schädigt die Nerven und das Herz und man
kann nicht genug laut die Stimme dagegen erheben. Viele Beschwerden
tthwantlen schnell während der Behandlung, als die Zahl der Zigaretten
eingeschränkt wurde.
Stein hach macht aufmerksam, daß Leute vom Gefeehtsfcld
kommen, welche über Husten klagen. Bei vielen handelt es sich um
einen Stauungshusten, welcher nach etwas Strophantus und kühleren
(vohlensäurebädern verschwindet.
Vortragsreihe des Zentralkomitees für das ärztliche Fort-
bildungswesen in Preußen.
IV.
Moritz (Köln): Langenerkrankungen. Vortr. berichtet
über die günstige Wirkung des Oplochins als Spezifikum gegen
Pneumoniekokken. Ferner schildert er die in den gewöhnlichen
Krankensälen jedes Lazaretts zu treffende Einrichtung, um günstige
Bedingungen für Lungenkranke, besonders Tuberkulöse, herzu-
sfellen und jeden Pat. in abgesonderten Räumen zu behandeln,
indem namentlich für gründliche Ventilation gesorgt wird.
Finder: Hals- und Nasenerkrankungen. Es gibt eine
große Anzahl von Menschen mit Nasenverstopfung mittleren
oder mäßigen Grads, die von dieser Anomalie im Frieden so gut
wie gar keine Beschwerden haben, bei denen sie sich aber in sehr
störender Weise fühlbar macht, wenn große körperliche Anforde¬
rungen an sie gestellt werden, wie z. B. langdauernde Märsche.
Diese Menschen, die gewöhnlich des Nachts Mundatmer sind, er¬
scheinen ausgezeichnet durch eine sehr große Neigung zu ständigen
Katarrhen der oberen* Luftwege, die sich nach unten auf die
Bronchien festzusetzen pflegen. Man findet bei einer großen An¬
zahl der wegen ständigen Bronchialkatarrhs zurückgeschickten
Kriegsteilnehmer den eigentlichen Grund ihres Leidens in einer
oft geringen Anomalie des Naseninnern, wie Muschelhypertrophien,
Septumverbiegungen. Unter den bei Kriegsteilnehmern besonders
häufig zur Beobachtung gelangenden Nasenerkrankungen nehmen j
die Nebenhöhlenaffektionen die erste Stelle ein, und zwar
handelt es sich um neu entstandene akute oder subakute Fälle
oder um Exazerbationen schon früher vorhanden gewesener chroni¬
scher Erkrankungen. Diese Nebenhöhlenerkrankungen sind auf In¬
fektionen zurückzufübren und unter diesen wieder besonders auf
Influenza und auf den akuten und genuinen Schnupfen. Vortr.
bespricht die Grundzüge der Diagnostik dieser Erkrankungen und
ein paar Hauptregeln für ihre Therapie. Er erwähnt ferner, daß
er zurzeit einige Militärpflichtige in Behandlung hat, die ihm von
früher her als Heufieberkranke bekannt sind und die er im
Hinblick auf die jetzt bevorstehende Heufiebersaison prophylaktisch
ffiit Heufiebervakzine behandelt. Die Heufieberkranken werden im
Kriege, wo sie sich gegen die Schädlichkeiten, wie Sonne, Staub,
Nähe blühender Wiesen, nicht schützen können, besonders schwer
zu leiden haben. Ueber den Wert der prophylaktischen Behandlung
läßt sich naturgemäß noch nichts sagen. — Eine sehr häufige Er¬
krankung ist auch die Neigung zu immer wiederkehrenden An¬
ginen. Unter den Unbilden der Witterung, denen die Kriegsteil¬
nehmer ausgesetzt sind, kommt es immer wieder zu akuten Ent¬
zündungen der Mandeln. Bei vielen Soldaten, die in den Lazaretten
«egen rheumatischer Affektionen liegen, ist sicher die Erkrankung
von einer chronischen Tonsillitis ausgegangen. Ist ein solcher Zu¬
sammenhang erst einmal festgestellt, so kommt als Therapie nur
die Enukleation der erkrankten Tonsillen in Frage. — Vortr. hat
eine überraschend große Zahl von zum Teil sehr vorgeschrittenen
und schweren Fällen von Larynxtuberkulose bei Soldaten ge¬
sehen. Es handelt sich wohl fast immer um Erkrankungen, die bei
«er Einstellung schon in ihren ersten Anfängen vorhanden waren.
a a * )er jH 0 Larynxtuberkulose in ihrem ersten Stadium, z. B.
jenn es sich — wie so häufig — um eine kleine Verdickung an
er Hmterwand handelt, so gut wie gar keine klinischen Er-
aff t? UD ^ en *’ auc ^ * mmer gleichzeitig vorhandene Lungen-
100 s ‘ c h noch nicht bemerkbar zu machen braucht, so
. , en “ lese oft einen ganz gesunden und kräftigen Eindruck
enden Leute eingestellt. Unter den ungünstigen hygienischen
Verhältnissen des Kriegs und den Witterungsunbilden kommt es
zu einem Aufflammen des Prozesses, und da die wahre Natur der
Erkrankung oft nicht gleich erkannt wird, so verschlimmert sich
der Zustand vielfach rapid. So kommt es, daß die Kranken häufig
in einem recht weit vorgeschrittenen Stadium eingeliefert werdon.
Dio besto Art der Behandlung ist die Aufnahme in eine Heil¬
anstalt; doch ist es unbedingt erforderlich, daß in den Anstalten
für lungenkranke Soldaten die Larynxpatienten sachgemäße
spezialistische Versorgung finden. (Autoreferat.)
Schmidt (Halle): DArmerkrankungen. Der Magendarm¬
kanal ist durch die Seuchen und durch die Ernährung im Kriege
gefährdet. Der Abdominaltyphus im Felde zeigt wesentliche Ab¬
weichungen von der gewöhnlichen Form. Wegen der Schutz¬
impfung ist der Vidal negativ, ferner ist der Fieberverlauf un¬
regelmäßig und die Abdominalerscheinungen treten gegenüber der
Bronchitis und der Herzbeschwerden zurück. Als Naehkrankheiten
kommen Parotiden, Gelenkrheumatismus und Gangrän der Hoden
zur Beobachtung, wahrscheinlich wegen gleichzeitiger Verwundun¬
gen und septischer Infektion. Selten sind Narbenkontrakturen. Dio
Ruhr tritt im allgemeinen auffallend leicht auf uad ohne Kompli¬
kationen. Niemals werden Narbenstenosen gesehen, was auch die
amerikanische Statistik aus dem Sezessionskrieg bei 28000 Fällen
von Ruhr bestätigt. Sehr häufig sind chronische Katarrhe des
Darmes, zum Teil Erkrankungen des Dickdarms, zum Teil solcho
des Dünndarms. Gewöhnlich bestehen erst dyspeptische Erschei¬
nungen und später katarrhalische. Die Ursache liegt in der schwer
verdaulichen Nahrung und in Störungen der Drüsentätigkeit. Bei
größeren Gefechten und bei schnellem Vorriicken der Truppen ist
die Zubereitung der Speisen ungenügend. Dazu kommt, daß die
Soldaten sehr überhungert schnell die harten, zum Teil rohen
Massen herunterschlingen und daß der Magen wegen der Ueber-
anstrenguog weniger Salzsäure liefert. Es ist bereits aus Arbeiten
von Cohnheim bekannt, daß bei großen körperlichen Anstren¬
gungen gastrogene Diarrhöen und vorübergehende Insuffizienz des
Magens entstehen, weil durch starkes Schwitzen das Kochsalz im
Körper verringert wird. Auch kann die sekretorische Tätigkeit des
Magens nach Bickel infolge großer Erregungen beeinträchtigt
sein. Für die meisten Fälle dieser Art ist längere Behandlung in
der Heimat erforderlich. Abgesehen von der Diät sind Pankreas¬
präparate und Salzsäure zu empfehlen, bei Hyperazidität Atropin
und Papaverin, Tannin oder Wismut. Bemerkenswert ist, daß so
wenig Fälle von Appendizitis im Kriege Vorkommen, was vielleicht
durch die Tatsache erklärt wird, daß Anginen so wenig auftreten,
die bekanntlich unter Vermittlung einer Infektion die Ursache für
die Erkrankung des Wurmfortsatzes abgeben. Verstopfungen sind
bei den Soldaten selten, wohl wegen der reichlichen Bewegung im
Freien. Geschosse, die den Hauch getroffen haben, können noch
! spät Beschwerden verursachen. Es kann zu Blutungen oder
Abszessen kommen. Auch Narben oder chronische Infiltrationen
im Bauchfellraum können sich bilden.
P. F. Richter: Stoffwechsel- und Nierenerkrankungen.
Stoffwechselkrankheiten kommen nur bei Leuten in mittleren Jahren,
bei üppiger Lebensweise und niemals plötzlich vor. Daher sind
sie im Kriege selten. Aber der Diabetes kann durch psychische
Erregungen und durch Traumen verursacht werden. Im Anfang
des Krieges ging es allen Diabetikern schlechter. Bei den Soldaten
ist der akut erworbene Diabetes gewöhnlich harmlos, weil er
schnell vorübergeht. Ist er nur eine Teilerseheinung der Neurasthenie,
so soll man ihn möglichst vernachlässigen. Nach Traumen tritt er
selten auf und verschwindet schnell wieder. In manchen Fällen
aber tritt er erst später auf und ist dann wohl ernster zu be¬
werten. Gicht kann natürlich durch Traumen ausgelöst werden,
vor allem durch die großen Märsche. Die Fälle sind durch
ihre Langwierigkeit gekennzeichnet und die langsame Ausheilung
der begleitenden Gelenkaffektionen. Auch 2 Fälle von Basedovv-»
scher Krankheit hat Vortr. bei Soldaten beobachtet, bei denen die
Bestrahlung mit Röntgenlicht schnell Heilung gebracht hat. Nieren¬
leiden spielen im Krieg eine große Rolle wegen der Gelegenheit
zu Erkältungen. Schwer ist im Felde die akute Nephritis zu be¬
handeln. Man soll die Fälle so lange wie möglich im Lazarett be¬
halten und erst entlassen, wenn bei forcierten Bewegungen kein
Eiweiß mehr auftritt und weder Zylinder noch Leukozyten oder
Erythrozyten im Urin zu finden sind. Pyelitis ist eine häufige
Kriegserkrankung, weil alte Gonorrhöen bestehen, die zu aszen-
dierenden Prozessen führen. Zuweilen ist es aber eine Koliinfek-
tion, die vom Darm aus zur Erkrankung des Nierenbeckens Ver¬
anlassung gibt. Die Behandlung ist eine ahwartende.
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UMIVERSITY OF IOWA
498
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17.
25. April.
A. Blasckko: Haut- uud Geschlechtsleideil. Die Haut-
rankheiten spielen im Krieg eine geringe Rolle und sind leicht
zu behandeln. Die Frage der Läusebekämpfung ist schon sehr viel
besprochen worden. Neuerdings ist auch geriebener Pfeifer emp¬
fohlen worden. Der Mercolinschutz und graue Salbe können im
einzelnen mit Nutzen angewandt werden. Vortr. glaubt, daß Lepra¬
fälle später in den Gegenden, die von der russischen Invasion
heimgesucht wurden, zur Beobachtung kommen werden. Die Ge¬
schlechtskrankheiten haben eine große Bedeutung erlangt. Einen
Schutz gibt es nicht, nur die Möglichkeit, die Zahl der Infek¬
tionen herabzudrücken. Wichtig ist, daß man eine Abortivbehand¬
lung sowohl des Trippers wie der Syphilis durchführen kann. Mit
einer Injektion von 2—4%iger Protargollösung, die 2—3 Minuten
m der Harnröhre bleibt, kann man die Gonorrhöe am ersten Tag
der klinischen Erscheinungen zum Verschwinden bringen. Darum
sollte jeder Soldat angehalten werden, sich sofort dem Arzt zu
zeigen, wenn er die ersten Beschwerden verspürt, oder noch besser
bald nach dem Beischlaf zur prophylaktischen Injektion. Häufige
Untersuchung der Soldaten und der in Betracht kommenden
Frauen ist anzustreben. Eine große Gefahr bilden die Urlauber,
einmal weil sie ihre Frauen in der Heimat anstecken können, dann
weil sie sich in der Heimat häufig die Geschlechtskrankheit
holen. Nach dem Krieg sollten alle während der Kriegszeit in
Behandlung gewesenen geschlechtskranken Soldaten weiter be¬
handelt werden.
Weintraud (Wiesbaden): Gelenkkrankheiten. Der akute
Gelenkrheumatismus ist in diesem Krieg auffallend selten, ebenso
die eitrige Entzündung einzelner Gelenke im Anschluß an die
Gonorrhöe. Es sind aber auch die Anginen selten, die in 80°/ 0 der
Fälle von vielen Aerzten als alleinige Ursache des akuten Gelenk¬
rheumatismus angesehen werden. W. hält den Gelenkrheumatismus
für eine Infektion mit schwachen, nicht mehr virulenten Infektions¬
keimen. Denn wirkliche eitrige Prozesse, wie Otitis und reine
Sepsis, führen nie zum Gelenkrheumatismus, sondern zu lokali¬
sierten Eiterungen, zu Gelenkmetastasen. Jeder Fall von akutem
Gelenkrheumatismus soll von Anfang an energisch behandelt wer¬
den. Das Mittel ist gleichgültig, ob Aspirin, also die Salizylreihe,
oder Antipyrin oder Atophanpräparate, man muß nur große Dosen
geben und lange Zeit hindurch, als G—8g Aspirin am Tag oder
4—5 g Antipyrin oder 5—6 g Atophan. Eine spezifische Wirkung
haben die Mittel nicht, aber sie wirken als schwache Narkotika
auf das Großhirn und verringern die sensiblen Erregungen der
Muskeln und Gelenke. Wegen Ohrensausen oder Schweißausbruch
dürfe man nicht die Behandlung abbrechen. Falsch ist, daß so
wenig Bäder gegeben werden. Man sollte bald nach den ersten Tagen
mit beißen oder warmen Bädern beginnen. Auch Herzklappenfehler
bilden keine Kontraindikation, wie gewöhnlich angenommen wird.
Ganz verfehlt ist die Bevorzugung der kohlensauren Bäder, die
eigentlich nur bei der Herzmuskelschwäche eine heilsame Wirkung
haben. — Eine besondere Beachtung beanspruchen die Fälle von
chronischem Rheumatismus, die sicher, wie nach dem Krieg von
1870/71, nach diesem Krieg sich zeigen werden. Abgesehen von
den rein traumatischen Fällen, von den durch Infektionskrank¬
heiten bei Typhus und Tripper verursachten und von den durch
Konstitution oder durch Anomalien der inneren Sekretion be¬
dingten, kommen diejenigen in Betracht, die eine mechanische
Genese haben. Statische Störungen haben sehr oft Schädigungen
der Gelenke zur Folge, die lange Zeit nur in minimaler Weise
wirksam sind, aber schließlich dauernde Beschwerden verursachen,
sowohl in den unteren, wie in den oberen Extremitäten. Es liegt
das an der durch Muskelermüdung veränderten Belastung der Ge¬
lenke, die gewöhnlich unter dem Muskeltonus hermetisch ge¬
schlossen bleiben. Wir sehen solche statische Veränderungen oft
genug bei der Rachitis. Der Krieg bewirkt durch lange Märsche
bei schlechtem Fußzeug, auch durch die Bevorzugung der Außen¬
rotation beim militärischen Exerzieren eine große Schädigung aller
Gelenke der unteren Extremität. Muskelrheumatismus an den
oberen Extremitäten kann gleichfalls durch einen veränderten
Muskelzug Erkrankungen der Gelenke verursachen. Vortr. ist der
Meinung, daß viele Fälle, die Goldscheider, als auf harnsaurer
Diathese beruhend, in das Gebiet der Stoffwechselkrankheiten ver¬
weist und mit diätetischen Kuren behandelt, in diese Gruppe der
durch fehlerhafte Statik bewirkten Gelenkkrankheiten gehören.
Kriegschirurgische Abeude zu Lille (Frankreich).
Sitzung vom 20. Jänner 1915.
Flesch (Frankfurt a. M.): Die Ausbreitung der Ge¬
schlechtskrankheiten im Kriege. Die Tatsache, daß im Feld¬
zug 1870/71 über 33500 Geschlechtskranke zur Behandlung
kamen, bürgt für eine genügende Begründung des zu besprechen¬
den Themas, namentlich da in dem jetzigen Feldzug infolge der
Aufstellung unserer Massenheere die Zahl der Geschlechtskrank¬
heiten noch eine viel größere sein dürfte. Die Verbreitung der
venerischen Krankheiten wird am meisten gefördert durch das
lange Verweilen der Truppen in großen Städten und anderen
Dauerquartieren, mit denen wir im heutigen Stellungskrieg auf
lange Dauer zu tun haben. Nach einer Statistik Neissers gab es
1869 in der preußischen Armee 45°/ 00 venerische Krankheiten;
diese Zahl sank im Bewegungskrieg 1870 auf 15<>/ 00 und stieg
1871 wieder auf 50»/ 00 , ein Beweis für die große Infektionsgefahr
im Stellungskrieg. Es kann für Vortr. nicht im' Interesse der
Sache liegen, auf die Pathologie und Klinik der Geschlechtskrank¬
heiten einzugehen, dagegen muß unbedingt der Gesichtspunkt der
Moral in Betracht gezogen werden. Unter dieser Moral versteht
Ref. „die Summe von Einschränkungen, denen sich der einzelne
und die Gesamtheit zu unterwerfen hat“, und in diesem Sinne soll
der Arzt Moral treiben. Betreffs der Bekämpfung der Geschlechts¬
krankheiten müssen wir im Krieg von allgemein akzeptierten
Systemen abgehen. So können wir weder das System des Regiemen-
tarismus noch das des Abolitionismus annehmen, wenn es sich
auch nicht leugnen läßt, daß in einer gewissen Vereinigung beider
viel Brauchbares liegt. Die Geschlechtskranken im Heer sind
vorwiegend ältere und verheiratete Soldaten, wobei nicht die Ge¬
wohnheiten der Ehe, sondern das Alter, das mehr zur Geschlechts¬
betätigung neigt, maßgebend sind. So stellen das größte Kontingent
in den Lazaretten Soldaten der Munitions- und Proviantkolonnen,
ältere Landwehrmänner und Ersatzreservisten. Bei ihnen findet die
venerische Infektion im allgemeinen in großen Städten statt,
während im Feldheer die Hauptrolle die Orte spielen, die lange
Zeit hindurch von der fechtenden Truppe belegt sind. Die größeren
Städte treten dabei ganz in den Hintergrund. Die Hauptinfektions¬
quelle stellt die unterste Prostitutionsstufe dar, die von unseren
Soldaten am meisten frequentiert wird. Dazu gesellt sich zuweilen
die Klasse, die durch Not zur Prostitution getrieben wird (so
gaben sich z. B. in St. Quentin Frauen für ein halbes Brot dem
Soldaten preis). Die Hauptträger der Infektion sind — wie auch
in Friedenszeiten — die jungen Prostituierten, denen es meist an
Erfahrungen, Sauberkeit und anderen Maßregeln fehlt. Mann und
Weib sind beide als gleich gefährliche Infektionsträger zu be¬
trachten. Eine Eigenart im Feld ist die Häufigkeit des Ulcus
molle, das wir als „Schmutzkrankheit“ aufzufassen haben. Eine
weitere Eigenart der Geschlechtskrankheiten im Feld ist der
Wechsel in der Frequenz. Vortr. beantwortet sodann die Frage,
wie wir die Geschlechtskrankheiten im Feldheer bekämpfen können,
und stellt folgende Forderungen:
1. Belehrung der Mannschaften bei der Zusammenstellung
der Truppe; die Belehrung ist durch Ausgabe geeigneter Merk¬
blätter und regelmäßige Wiederholung in angemessenen Zwischen¬
räumen zu ergänzen.
2. Oeftere Gesundheitsrevisionen, deren Stattfinden nicht
vorher angekündigt wird.
3. Tunlichste Beschränkung des Alkohols und Ersatz durch
unentgeltliche Ausgabe von Tee uud Kaffee.
4. In Städten Vermeidung von Einzelquartieren und mög¬
lichst kasernenweise Unterbringung der Mannschaften.
5. Bei Einquartierung der Mannschaften ohne Naturalver¬
pflegung gemeinsames Kochen unter Verrechnung auf die Yer-
pflegungsgelder und Aufbewahrung des Ueberschusses dieser
Gelder zugunsten der Bezugsberechtigten bis nach Schluß des
Feldzuges.
6. Sexuelle Abstinenz als Pflicht für das gesamte Feldheer,
Mannschaften und Vorgesetzte, für die Dauer des Feldzuges.
7. Bestrafung jedes bei den Gesundheitsrevisionen geschlechts*
krank Befundenen. Straffreiheit für die Mannschaften, die sich
mindestens 6 Stunden nach einem Beischlaf zur desinfizierenden
Behandlung gemeldet haben.
8. Schließung aller Bordelle, Animierkneipen usf. an Urten,
an denen sich Feldtruppen aufhalten.
9. Gesundheitliche Untersuchung jeder zur Kenntnis gß‘
langenden Person, die mit Soldaten geschlechtlich verkehrt.
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UNIVERSUM OF IOWA
jf>. April.
1915
MEDIZINISCHE KLINIK
499
— Nr. 17.
10 Internierung jeder geschlechtskrank befundenen Dirne
|»r die Dauer des Krieges bzw. des Aufenthaltes der Truppen.
Betreffs der Forderung der Abstinenz im geschlechtlichen
Verkehr an die im Felde stehenden Soldaten macht Vortr. geltend,
daß diese moralisch und hygienisch absolut berechtigt ist und daß
die Üebertreter sich strafbar machen, da sie sich einer gewissen
Pflicht, die jeder ins Feld Ziehende auf sich genommen hat, ent¬
zogen haben. Die einzige Konzession, die hier gemacht werden
tomn ist die der Straffreiheit für die sich freiwillig meldenden
Mannschaften (siehe Ziffer 7), wie sie sich bei unserer Marine
trefflich bewährt hat. Wenn Vortr. auch' eine individuelle Pro¬
phylaxe für möglich hält (Aufstellung von Automaten usw.), so
kann er diese doch nur im ganzen als provozierendes Moment
bezeichnen. Die persönliche Prophylaxe, die auch die einzige ist,
wäre nur dann anzuraten, wenn sie im geheimen durchgeführt
würde, was indes für die Allgemeinheit praktisch nicht durchzu-
führen sein dürfte. Vortr. weist schließlich auf das Beispiel der
Vorgesetzten hin, das als schweres Moment anzusehen ist und das
den Leichtsinn des Soldaten bedenklich hebt.
Stern betont, daß die Kontrolle der Prostituierten nur von unseren
Aercten vorzunehmen ist, da den einheimischen Kollegen doch das nötige
Interesse an der Sache fehlen dürfte.
Ungar stellt die gleiche Forderung auf Grund seiner Erfahrungen
in Lille. Von Belehrung der Truppen verspricht er sich wenig. Be¬
sonderes Gewicht legt er auf die dienstliche Meldung der Mannschaften
nach dein Geschlechtsverkehr sowie auf ein gutes Beispiel von seiten der
Offiziere.
Menzer (Bochum) spricht sich gegen die Bestrafung der Mann¬
schaften aus, weil dadurch viel Heimlichtuerei großgezogen werde. B.
Deutsch-belgische Aerzteabende zu Namiir.
Sitzungen vom 28. Dezember 1914 und 9. Jänner 1915.
Schlichting stellt einen Fall von geheilter totaler Thorako-
plastik vor. Es bestand bei dem Pat. ein großes Pleuraempyem
infolge Lungenschusses, das nach anfänglicher Rippenresektion
totale Thorakoplastik erforderte. Meyer erwähnte im Anschluß
hieran einzelne neuere Operationsmethoden, z. B. die Friedrich-
sche Verbesserung der Schedeschen Methode und die Phreniko¬
tomie.
Schilling sprach über die in einer Leichtkrankenabteilung
beobachteten Typhusfälle. In der Leichtkrankenabteilung sieben
Pille, völlig atypisch; drei mit Pneumonie; wegen Typhusverdachts
Blut und Stuhl untersucht, sämtlich Widal positiv, Stühle negativ.
Im Seuchenlazarett isoliert. Darauf sämtliches Personal auf Typhus¬
bazillenträger untersucht: drei Keimträger, darunter einer in der
Küche. Unter den Kranken mehrere mit positivem Widal. Da aber
Geimpfte darunter, ist Widal nicht beweisend; diese sonst wert¬
volle diagnostische Methode ist also für die vorliegenden Ver¬
hältnisse ohne Bedeutung. Jetzt werden Neuankömmlinge in
Quarantäne gelegt, bis Stuhluntersuchung negativ. — Gleichzeitig
im Dorf kleine Hausepidemie festgestellt, darunter ein zweijähriges
Kind. Typhusschutzimpfung bei S6°/ 0 der Bevölkerung ohne Wider¬
stand durchgeführt.
Lampe (Brüssel) hat auf seiner chirurgischen Abteilung in
der Zeit vom 1. Oktober bis Mitte Dezember 51 Fälle von Ver¬
letzungen der Schlagadern beobachtet, und zwar haben sich
diese Verletzungen 44mal in Form von Nachblutungen, 7mal in
Form von falschen Aneurysmen geäußert. Die Nachblutungen
beten zumeist in der zweiten Woche nach der Verletzung auf.
Aus der Kasuistik sind folgende Fälle besonders hervorzuheben:
Die Unterbindung der Carotis communis wurde zweimal notwendig,
*•0 führte bei einem 23jährigen Mann zu halbseitiger Lähmung,
hei einem 33jährigen Mann zum Tod unter komatösen Erschei-
®®gen. Nach Unterbindung der Arteria axillaris trat in einem
Fall Gangrän der oberen Extremität (bei kompliziertem Bruche
des Humerus) ein, die die Absetzung des Armes in Höhe des
Ptn? 68 ^ es ^ uscu ^ us deltoideus notwendig machte. Heilung.
. ^ ac h Unterbindung der zerrissenen Arteria und Vena
•5? s ^ te s * c h Gangrän des Armes unter Gasentwicklung
®tji. Tod trotz hoher Amputation des Armes. Ein wegen starken
lut Verlustes aus der durchschlagenen Arteria radialis eingelieferter
ooldat konnte trotz Unterbindung des Gefäßes, Infusion von Koch-
»»ülosung und Verabfolgung von Exzitantien nicht gerettet werden.
°n drei Nachblutungen aus der Arteria glutaea inf. verlief eine
’Kcgen zu starken Blutverlustes tödlich. Die Unterbindung der
Art. profunda fern, wurde sechsmal notwendig; vier dieser Fälle
starben zum Teil au zu schwerem Blutverlust, zum Teil an Sepsis,
da stets Bruch des Oberschenkelschaftes und schwere Weich teils¬
wunden im Bereich des Oberschenkels Vorlagen. Achtmal mußten
Unterbindungen an den Hauptschlagadern des Unterschenkels vor¬
genommen werden, einmal mit tödlichem Ausgang (Art. tibiai.
postica) an Sepsis trotz Amputation des Unterschenkels. Bei einem
Beckenschuß kam es zu einer schweren Blutung aus dem Rektum
infolge Verletzung der Art. haemorrh. sup. und des Mastdarms.
Unterbindung der Arterie durch Parasakralschnitt. Sistierung des
Stuhlgangs für 6 Tage durch Verabfolgung von Opium. Trotzdem
schleichende Entwicklung einer Beckenbindegewebsphlegmone, der
Pat. 20 Tage post operationem erliegt. Von 44 Fällen von Nach¬
blutungen endeten elf tödlich. Von Aneurysmen wurden folgende
beobachtet: Aneurysma der Art. brachialis einmal, Aneurysma der
Art. femoralis zweimal. — Glatte Heilung durch Unterbindung der
Gefäße ober- und unterhalb des Blutsackes und Ausräumung des
letzteren 3—4 Wochen nach der Verwundung. Ein Aneurysma
arterio-venosum der Femoralis wurde zur Operation einem Reserve¬
lazarett überwiesen. Ferner kamen drei vereiterte Aneurysmen zur
Beobachtung, und zwar solche der Art. poplitea, der Art. circumfl.
humeri anfc. und Art. circumfl. hum. post.; die im Bereich der
oberen Extremität wurden duröh Oporation geheilt, hei dem der
Art. poplitea kam es zur Gangrän des Unterschenkels nach Unter¬
bindung der Art. femor. in der Jobertsehen Grube. Tod unter
septischen Erscheinungen trotz Amputation des Unterschenkels.
Kleine Mitteilungen.
Kriegschronik.
Aus den offVerlustlisten.
1. Krieysgefangen:
A.-A. d. Res. Dr. Josef (i rund, I.-R. Nr. 42 (Liste Nr. 152).
R.-A. Dr. Siegmund Demant, Ldsch.-R. Nr. II (Barnaul-RuBland,
Liste Nr. 157).
A.-A.-St. d. Res. Pius Deuring. T.-I.-R. Nr. 3 (Atschinsk-Rußlund,
Liste Nr. 157).
O.-A. Dr. Max Hinter, T.-I.-R. Nr. 1 (Tomsk-Rußland, Liste
Nr. 157).
A.-A. Dr. Lothar Ebersberg, I.-R. Nr. 59 (Liste Nr. 158).
O.-A. Dr. Konrad Gmeiner. L.-I.-R. Nr. 2t (Liste Nr. 158).
A.-A. Dr. Karl Kassowitz, I.-R. Nr. 80 (Liste Nr. 158).
O.-A. d. Res. Dr. Julius Stecher, T.-I.-R. Nr. 1 (Atsehinsk-Rußland,
Liste Nr. 158).
A.-A.-St. d. Res. Dr. Rudolf Weiser, Ldsch.-R. Nr. 1 (Petro-
pawlowsk-Rußland, Liste Nr. 158).
O.-A. d. Res. Dr. Peter Zec, u. L.-I.-R. Nr. 27 (Nisch-Serbien. Liste
Nr. 161).
A.-A.-St. Alois Wallnöfer, Ldsch.-R. Nr. 1 (Liste Nr. 163).
In der Karpathenschlacht ist der A.-A. d. Res. Dr. Emil
Tramm er, Sekundararzt des Allgemeinen Krankenhauses (Der¬
matol. Abteilung Prof. Ehrmann), 26 Jahre alt, von einer Gra¬
nate tödlich getroffen worden. — In Krasnojarsk (Sibirien) ist der
kriegsgefangene A.-A. d. Landst.-Reg. Nr. 3 Dr. Franz Eysn im
Alter von 33 Jahren gestorben. — Ehre ihrem Andenken!
Für die Dauer der Mobilität hat das Kriegsministerium durch
Zirkularverordnung vom 13. d. M. verfügt: Einjährig-Freiwillige
Mediziner, die als Zugskommandanten verwendet werden, können
zu Kadetten, resp. Fähnrichen in der Reserve ernannt werden.
Einjährig-Freiwillige Mediziner, die bei der Armee im
Felde im Sanitätshilfsdienst verwendet werden, können nach einer
Dienstzeit von mindestens 6 Monaten zu „Sauitätskadetten“, nach
mindestens einjähriger Dienstzeit zu * Sanitätsfähnrichen“ in der
Reserve ernannt werden. Eine weitere Beförderung der letzteren
vor Erlangung des Doktorgrades ist nicht in Aussicht genommen.
Die Sanitätskadetten (Fähnriche) tragen die Uniform ihres Truppen¬
körpers, die Kadetten(Fähnrichs)auszeichnung und die Sanitäts-
armbinde. _
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UNIVERSUM OF IOWA
500
1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 17.
25. April.
(Militär ärztlich es.) In Anerkennung tapferen und auf¬
opferungsvollen Verhaltens bzw. vorzüglicher Dienstleistung vor
dem Feinde ist das Offizierskreuz des Franz Josef-Ordens mit
dem Bande des Militärverdienstkreuzes dem Gen.-St.-A. Dr. A.
Schücking, San.-Chef beim 3. Armee-Etapp.-Kmdo., 0.-St.-A~
1. Kl. Dr. P. Winternitz, San.-Chef des 1. Korps, den O.-St.-Ae.
II. Kl. Prof. M. Rutkowski des mob. Res.-Sp. Nr. 5/1, Prof. P.
Müller beim 4. Armee-Etapp.-Kmdo. und Dr. B. Red er beim
2. Armee-Etapp.-Kmdo., das Ritterkreuz des Franz Josef-
Ordens am Bande des Militärverdienstkreuzes den O.-St.-Ae. II. KI.
DDr. A. Buraczynski, San.-Chef der 11.1.-Div., A. Simkovsky,
Kommand. des mob. Res.-Sp. Nr. 1/10, den St.-Ae. DDr. J. Müller,
Kommand. der I.-Div.-San.-A. Nr. 5, A. Deutsch des F.-H.-R.
Nr. 10, G. David, Kommand. des mob. Res.-Sp. Nr. 2/10, J. Feix,
Kommand. des Verwundeten-Sp. des Deutschen Ordens, dem O.-A.
d. Ev. Dr. J.Kaup beim Etapp.-Oberkmdo. und dem bei einem Unfall
erlegenen O.-A.d.Res.Dr. A. Struchel beim L.-I.-R.Nr.26, das Gol¬
dene Verdienstkreuz mit der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille
den R.-Ae.DDr.A. Haus, Komm.d. Verwundeten-Sp. des Deutschen
Ordens, F. Wiidner, Kommand. des Res.-Sp. Nr. 3/10, H.Stöss-
ler beim Feld-Sp.Nr.8/9, E. Fiala des F.-K.-R. Nr. 33, W. Eisen¬
schimmel, Kommand. des mob. Res.-Sp. Nr. 4/9, den O.-Ae. d. Res.
J. Kratochvil beim L.-U.-R. Nr. 4, K. Albrich des F.-H.-R.
Nr. 12, den A.-Ae. d. Res. DDr. B. Giirsch beim I.-R. Nr. 81 und
A. Scholz beim mob. Res.-Sp. Nr. 3/10 verliehen, die a. h. be¬
lobende Anerkennung den St.-Ae. DDr. L. Popper, Kommand. des
mob. Res.-Sp. Nr. 6/10, R. Helbig, Kommand. des Rekonvales¬
zentenheimes Libiaz, den R.-Ae, DDr. J. Berger, Kommand. des
mob. Res.-Sp. Nr. 4/5, J. Hubalek, Kommand. des mob. Res.-Sp.
Nr. 7/5, A. Edelmüller, Kommand. des mob. Res.-Sp. Nr. 8/5,
K. Axentowicz, Kommand. des Feldmarodenhauses Nr. 1/10, A.
Obhlidal, Kommand. des Feldmarodenhauses Nr. 2/5, F. Szemes
des I.-R. Nr. 101, J. Pollak des F.-H.-R. Nr. 3, J. K'osejk des
Ldsch.-R. Nr. I, M. Weiss bei der L.-H.-Div. Nr. 13, J. Mag-
mald des Ldsch.-R. Nr. I, den R.-Ae. d. Res. DDr. H. Forkardt
der Brigade-San.-A. Nr. 15, M. Schneider des L.-U.-R. Nr. 3,
M. Pappenheim der L.-F.-H.-Div. Nr. 43, dem O.-A. d. Res. Dr. J.
Katz des I.-R. Nr. 77, den O.-Ae. d. Ev. DDr. K. Binder des
Feld-Sp. Nr. 1/3, G. Rodoschegg des L.-I.-R. Nr. 27, den A.-Ae.
DDr. L. Klega und A. Baum des I.-R. Nr. 13, E. Sigmund des
I.-R. Nr. 56 und A. Grünfeld des I.-R. Nr. 39 ausgesprochen
worden.
(Prüfungsurlaube für Einjährig-Freiwillige Medi¬
ziner.) Jenen an den österreichischen Universitäten studierenden
Medizinern, die Ende .Juli 1914 mindestens neun anrechenbare
Semester absolviert und alle vorgeschriebenen Gegenstände gehört
oder höchstens noch die Vorlesung aus Augenheilkunde und
Geburtshilfe nachzutragen haben, wird zur Erlangung des Doktorats
ein Urlaub bis zur Höchstdauer von 10 Wochen vom 12. d. M. an
bewilligt. In diese Zeit von 10 Wochen sind eventuell zur Ab¬
legung der Rigorosen bereits bewilligte Urlaube einzurechnen;
eine weitere Erstreckung dieses Termines ist unter keinen Ver¬
hältnissen und Umständen zulässig. Mediziner, welche bei Teil¬
prüfungen versagen und infolgedessen innerhalb der Urlaubszeit
das Doktorat nicht mehr erlangen können, haben sogleich zu
ihrem Truppenkörper ins- Feld wieder einzunicken. Diejenigen,
welche das Doktorat erlangt haben, rücken zum Ersatzbataillon
(Kompagnie) ihres Truppenkörpers ein und erwarten dort ihre
weitere Einteilung.
(Hochschulnachrichten.) Bologna. Dr. A. Martinelli
für Chirurgie habilitiert. — Budapest. Der o. Prof, für gericht¬
liche Medizin Dr. A. v. Ajtay in den Ruhestand getreten. —
Breslau. Dr. Bessau für Kinderheilkunde habilitiert. — Florenz.
Dr. 0. Sandri für Geistes- und Nervenkrankheiten habilitiert. —
Göttingen. Priv.-Doz. Dr. Fromme zum Professor ernannt —
Halle a. S. Priv.-Doz. Dr. Oppel zum Professor ernannt. — Hei¬
delberg. Priv.-Doz. Dr. Marx zum a. o. Professor ernannt, —
Jena Dr. H. Schulz für Psychiatrie habilitiert. — Neapel. Dr.
G. Allevi für Gewerbekrankheiten, Dr. E. Kernot für Orthopädie,
Dr G Folinea für Augenkrankheiten habilitiert, — Pisa. Dr.
V Saviozzi für spez. chirurgische Pathologie habilitiert. — Rom.
Dr. G. Fumarola für Neuropathologie habilitiert. — Wien. Dr.
U. Paschkis für Urologie habilitiert.
(Der deutsche Chirurgenkongreß in Brüssel.) Der
alljährlich in der Woche nach Ostern zu Berlin abgehaltene Kongreß
der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie hat auf Einladung des
Feldsanitätschefs Exzellenz v. Schjerning am 7. April in Brüssel
stattgefunden. An die Tagung schloß sich ein Festmahl, dem der
Generalgouverneur von Belgien, Exzellenz v. Bissing, beiwohnte.
Auf ein Huldigungstelegramm an den Kaiser lief folgende Ant¬
wort ein:
Großes Hauptquartier, 7. April 1915.
Ihnen und den mit Ihnen dort vereinten Kriegschirurgen
Meinen herzlichsten Dank für Gruß und Treugelöbnis. Unser Heer
und Volk sind voll berechtigten Vertrauens zur ärztlichen
Wissenschaft und Kunst des deutschen Sanitätskorps, deBsen auf¬
opferungsvolle Arbeit so vielen unserer tapferen Helden Leben, Ge¬
sundheit und Erwerbsfähigkeit erhält. gez. Willielmjl. R.
In der wissenschaftlichen Sitzung sprach zunächst Generalarzt
Prof. Dr. Gar re über die für das operative Handeln in und hinter
der Front in Betracht kommenden Grundsätze, und im Anschluß
daran Generalarzt Prof. Dr. Kümmel über die Maßnahmen zur
Verhütung der Wundinfektion, insbesondere des Tetanus. Ueber
die Behandlung der Schädelschüsse sprachen Generalarzt Professor
Dr. Tilmann und Generalarzt Dr. End er len, über die bei der Be¬
handlung von Brustschüssen anzuwendenden Methoden Oberstabs¬
arzt Prof. Dr. Sauer bruch und Generaloberarzt Prof. Dr.Borchard,
während Generalarzt Prof. Dr. Körte und Oberstabsarzt Doktor
Schmieden die Therapie der Bauchschüsse behandelten. Die
Methoden zur Behandlung der Arm- und Beinbrüche, der Gelenk-
sebiisse und der Gelenkeiterungen besprachen Generalarzt Professor
Dr. Payr und Stabsarzt Dr. Goldammer und zum Schluß erörterte
Generalarzt Prof. Dr. Bier die Schußverletzungen von Blutgefäßen.
Aus Oesterreich war Hofrat Prof. Frh. v. Eiseisberg anwesend.
Ein genauerer Bericht über die bemerkenswerte Tagung folgt.
(Stiftung für sozialärztliche Leistungen.) In der dies¬
jährigen Generalversammlung des Vereins der Breslauer Aerzte
wurde noch einmal des schweren Verlustes gedacht, den die
Breslauer Aerzteschaft und mit ihr der gesamte deutsche Aerzte-
stand durch das allzu frühe Hinscheiden des Kollegen Magen
erlitten hat. Aus der Mitte der Versammlung wurde der Gedanke
angeregt, eine Stiftung ins Leben zu rufen, die seinen Namen
tragen, sein Andenken in den ärztlichen Kreisen fortleben lassen,
in seinem Sinne und Geiste dauernd segensreich wirken soll. Es
soll in der Aerztewelt ein Kapital gesammelt werden, aus dessen
Zinsen hervorragende Leistungen auf dem Gebiete der sozialärzt¬
lichen Fürsorge ihren Ehrensold finden sollen. In Betracht kämen
Leistungen auf dem Gebiete des Krankenkassenwesens, Hebung
der materiellen und sozialen Lage des Aerztestandes, Förderung
der sozialärztiiehen Wissenschaft durch Wort und Schrift, durch
Rat und Tat. Die Anregung fand nach einer Mitteilung des Aerzt-
lichen Vereinsblatte ungeteilten Beifall bei der Versammlung, die
den Vorstand mit der Förderung des Plans betraute. In der Sitzung
des Vorstands, die dieser Tage stattfand, stand man der Ange¬
legenheit ebenfalls durchaus wohlwollend gegenüber, verhehlte sich
aber nicht, daß der Ausführung gegenwärtig bei den ernsten und
schweren Zeitläuften große Schwierigkeiten im Wege stehen. Man
beschloß, nach Beendigung des hoffentlich siegreichen Kriegs darauf
zurückzukommen, schon jetzt aber die Kollegenschaft mit dem
Plane bekannt zu machen.
(Verein „Lucina“ in Wien.) Dieser segensreich wirkende
Verein hat, wie der Jahresbericht pro 1914 aus weist, im abgelaufenen
Jahr die Einrichtung und Betriebführung des für geburtshilfliche
und gynäkologische Zwecke bestimmten Brigitta-Spitales im
XX. Bezirk übernommen. Im Jahre 1914 wurden 141o Pflegling 0
im Wöchnerinnenheira des Vereins verpflegt nebst 076 auf der
Zahlabteilung, also insgesamt 2091 Frauen. Nur 3,7°/o der Frauen
zeigten im Wochenbett eine Temperaturerhöhung. In dem neuen
Brigitta-Spital wurden vom 26. Oktober bis 31. Dezember l*
150 Frauen behandelt und 144 Frauen aufgenommen, wovon o au
die gynäkologische Abteilung. Die „Lucina“ steht unter der arz
liehen Leitung des Primararztes Dr. Wilhelm Rosenfeld.
Sitzungs-Kalendarium.
Montag, 26. April, 6 Uhr. Oesterr. Otologlsche Gesellschaft. Hör»» 1
Urbantschitsch (IX., Alserstraße 4). Demonstrationen.
Donnerstag, 29. April, 7 Uhr. Gesellschaft f. tan. «cd. n. »■*>»;
hellknnde. Hörsaal Wenck o b ach (IX., Lazarettgasse U). t>™< h
strationen und Mitteilungen (gern.: Gerstmann, »Vene •
H. Schlesinger, Eppinger, Falta). .
Freitag, 30. April, 7 Uhr. K.k. Gesellschaft der Aerzte. (IX., '
gasse 8.) __
H«ra.usirebar, Eigentümer und-Verleger: Urban ± Schwarzenberg, Wien and Berlin. — Verantwortlicher Redakteur iür Önterreich-Ungarn : Karl Urbau, " iB0 -
Orack von Qottlieb Gistel A Cie., Wien, III., Münzga«?© 6.
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Original fro-m
UNIVERSITÄT OF IOWA
Nr. 18.
XI. Jahrgang.
Wien, 2. Mai 1915.
Wochenschrift für praktische Ärzte
redigiert von J Verlag von
ProffeMor Dr. Kurt Brandenburg | Urban & Sebuarmenberg
Berlin | Wien
INHALT: Die Versorgung der Verwundeten nnd Erkrankten im Kriege: Prof. Dr. M. Nonne, Ueber Kriegsverletzungen der peripheren Nerven
(mit *2 Abbildungen). Oberstabsarzt Prof. Dr. Ph. Kuhn und Stabsarzt Prof. Dr. B. Möllers. Hygienische Erfahrungen im Felde (Fortsetzung).
Dr. Liebert. Aerztliche Tätigkeit und Erfahrungen beim Feldlazarett. — Abhandlungen: Geh. Med.-Rat Prof. Dr. A. Neisser, Zur Frage der Aetiologie
der Adnex-Erkrankungen. — Klinische Vorträge: Dr. Emil Schepelmann, Trauma und chronische Infektionskrankheiten. — Aerztliche Gutachten
» 08 den Gebiete des Versicherungswesens: Dr. Hermann Engel, Lungentuberkulose durch Unfall weder hervorgerufen noch verschlimmert. — Befe-
ratenteil: Uebersichtsreferat: Dr. E. Sehrt, Die Richtlinien chirurgischer Behandlung im Reservelazarett (mit 5 Abbildungen). — Aus den neuesten
Zeitschriften. - Bücherbesprcchimgen. — Wissenschaftliche Verhandlungen: K. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien. Vortragsreihe des Zentral¬
komitees für das ärztliche Fortbildungswesen in Preußen, V. — Berufs- und Standesfragen. — Kleine Mitteilungen.
Dir Vtritt feU* tick das auteeMiißHehe Recht der VervUi/dlUfunf und VerbreUuuf der in dieser Zeitschrift mim A«Mwi ftlanfenden OriftnalheitrifS cor.
Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege.
Ti'::'.
iE ;• ■
i i v
Ueber Kriegsverletzungen der peripheren Nerven
von
Prof. Dr. M. Nonne,
Oberarzt am Allgemeinen Krankenhaus Hamburg-Eppendorf.
Die Diskussion Uber Kriegs nerven Verletzungen nimmt
in der ärztlichen Kriegsliteratur gegenwärtig einen breiten
Kaum ein. und es ist in der Tat erstaunlich, wie groß die Zahl
f Dr organischen sowohl wie der funktionellen Erkrankungen
des Nervensystems in diesem größten aller Kriege ist. Es hat
*ieh im weiteren Verlaufe des Kriegs immer mehr heraus-
gestellt. daß die organischen Verletzungen der p e r i p li e r e n
Nerven das größte Kontingent stellen. Das ist ja auch
eigentlich selbstverständlich, da die vier Extremitäten und
f ler Hals zusammen mehr Gelegenheit haben, von feindlichen
beschossen getroffen zu werden als der Kopf und der Kücken
zusammen.
Es ist jetzt nicht die Zeit für eine eingehende lite¬
rarische Umschau, sondern es wird von jedem, der ein größeres;
-.Krieg:snervemnaterial“ klinisch zu beobachten und zu be¬
handeln jetzt Gelegenheit hat, mehr oder weniger erwartet,
daß er seine Erfahrungen mitteilt; aus dem Gesamtergebnisse
"ird sich später dann ein getreues Bild des Tatsächlichen er-
-jd*n. So komme auch ich der Aufforderung der Redaktion
•wser Wochenschrift, über meine Erfahrungen über
kriegserkrankun gen derperipheren Nerven
zu berichten, nach. Ich tue das um so lieber, als sich mir
gezeigt- hat. daß manche Erfahrungen, die andernorts gemacht
wurden, nicht auf Allgemein giiltigkeit Anspruch zu haben
Rheinen; ich wiederhole: nur eine gewissenhafte Zusammen¬
stellung und Prüfung der Erfahrungen Aller wird später
em richtiges und nicht durch Zufälligkeiten des Beobachtungs-
Materials gefärbtes Bild geben.
.,^ a r D u r g in Wien und die Berliner Neurologen, teils in Ein-
* n der £ r °hen Diskussion, die in der Berliner inedi-
njA, besellftchaft anfangs dieses Jahres stattfand, sowie Spiel-
Anhäb'i und " r u n s in ihren anfangs dieses Jahres erschienenen
die H »•t ~ i Um . nur e *nige wenige Autoren zu nennen — betonen
aev/r r> eit der Verletzung der peripheren Nerven: Spiel-
Nervpnl i . m ac ht Wochen nicht weniger als 105 peripherische
Gerulf etZUII “ e . D * Man hat den Eindruck, daß die Angabe
ruMon f* n ° 8 2 die aus Rfi inen im Balkankriege gemachten Erfah-
e stammt, nämlich daß VA% aller Kriegsverletzungen solche
der peripheren Nerven beträfen, reichlich niedrig gegriffen ist; doch
das kann erst eine spätere umfassende Statistik teststellen.
Mein Material setzt sich zum bei weitem kleineren Teil
aus der Privatpraxis, zum ganz überwiegenden Teil (über drei
Viertel der Fälle) aus dem Material zusammen, das ich auf
meiner Abteilung im Eppendorfer Krankenhaus, auf den Ab¬
teilungen meiner internen und chirurgischen Kollegen, in ver¬
schiedenen Ueservelazaretten, vor allem dem hiesigen Hospital
des Vaterländischen Frauenhilfsvereins sehe; meine eigne
Abteilung rekrutiert sich im wesentlichen aus dem ganzen
Bereiche des IX. Armeekorps, das heißt, aus den Hansestädten,
Schleswig-Holstein und Mecklenburg, deren Reservelazarette
angewiesen sind, organische Nervenfälle möglichst meiner
Abteilung zuzuwei.sen.
Seit Mitte September habe ich bis heute — 1. März —
204 Fälle von Kriegserkrank u n gen des Nerven¬
systems gesehen.
Unter diesen Fällen betrafen Neurosen im weitesten
Sinne (endogene Nervosität, akquirierte Neurasthenie, „lokali¬
sierte“, z. B. Herz), und allgemeine (Schreck, Koinmotion)
Neurosen (Epilepsie, Hysterie, angeborene Psychopathie):
bl Fälle.
Hirn Verletzungen waren 30 Fälle, R ii cken m arks-
fälle waren 21.
Nach Abzug dieser 112 Fälle bleiben noch 152 Fälle, die,
ausschließlich oder das klinische Bild beherrschend, sich als
Verletzungen mul Erkrankungen der peripheren
Nerven darstellen.
Aus m eine m Material würde sich also ergeben, daß
das K riegsnerven material, das überhaupt einer klinischen
Beobachtung und Behandlung seitens eines Neurologen be¬
dürftig erscheint und das Filter des Truppenverbandplatzes,
des Feld- und Kriegslazaretts passiert hat, nicht ganz zu einem
Viertel aus Neurosen besteht — eigentliche Psychosen zählen
bei meinem Material nicht mit —, und daß von den übrigen
drei Vierteln der „organischen“ Fälle 15% durch Hirnver¬
letzungen und 10% durch Rückenmarksverletzungen darge¬
stellt werden, während es sich in drei Viertel aller orgauischen
Verletzungen des Nervensystems um solche der peripheren
Nerven handelt.
Es erscheint mir müßig, statistisch feststellen zu wollen,
welche der peripheren Nerven am häutigsten und welche am
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Original fram
UNIVERSUM OF IOWA
502
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18.
2. Mai.
seltensten ergriffen werden, das hängt ab von der Truppen¬
gattung und von dem jeweiligen Aufenthalte des Getroffenen
während der Verletzung (zu Fuß, zu Pferd, zu Wagen, im
Luftfahrzeug, zu Wasser, im Schützengraben; liegend,
stehend, sitzend, im Marsch, im Ansturm usw.); Tatsache ist
jedenfalls, daß wohl alle peripheren Nerven getroffen wurden.
Jedenfalls dürfte feststehen die überwiegende Häufigkeit der
Kadialisverletz ungen und der Verletzungen des Plexus
brachialis; es dürfte ferner feststehen die relative Häufigkeit
isolierter Peroneumsverletzungen gegenüber solcher des
N. tibialis. Soweit ich sehe, decken sich auch diese Er¬
fahrungen im großen und ganzen mit den bisher gemachten;
anatomische Lage und „Gelegenheiten“ bestimmen die Häufig¬
keit und sind überall dieselben beziehungsweise, alles zu¬
sammengenommen, fast dieselben.
Auffallend ist immerhin diese feststehende Tatsache der
Häufigkeit der Verletzungen der peripheren Nerven, da es be¬
kannt ist, daß gerade sie verletzenden Gewalten gut auszu¬
weichen vermögen. Es liegt nahe, anzunehmen, daß die
größere Geschwindigkeit und damit vermehrte Durchschlags¬
kraft der modernen Geschosse Ursache dafür ist, daß diese
Möglichkeit des Ausweichens aufgehoben oder vermindert
wird. Daß die Nerven (und Gefäße) auch gegenüber den
modernen Geschossen ausweichen können, ist tausendfach
bewiesen. Erschwert ist das Ausweichen der Nerven da, wo
sie am Knochen aufliegen; so wird an der Umchlagsstelle
am Oberarm der Radialis besonders häufig verletzt. Hotz
fand eine Prädilektion zu Verletzungen auch bei Abzweigung
eines Astes und dadurch bedingter stärkerer Fixation.
Die peripheren Nerven werden entweder p r i m ä t
verletzt in Form von Durchtrennung, Durchreißung, Zer¬
quetschung, auch durch „Erschütterung“, oder sie werden
sekundär geschädigt durch traumatische Aneu¬
rysmen oder durch Frakturen, sei es, daß die Knochen¬
splitter der Frakturenden, sei es, daß der Gallus sie drückt.
Besonders auf die Aneurysmen muß man achten; von vorn¬
herein „liegt es“ dem Neurologen nicht, daran zu denken,
hat er aber einmal einen solchen Fall gesehen, so wird sich
ihm derselbe einprägen; ich sah es nicht selten, daß ein
Aneurysma übersehen wurde; es ist unnötig, auf die für
Therapie und Prognose wichtige Rolle des Aneurysmas hinzu¬
weisen. Am häufigsten sieht man das traumatische Aneurysma
in der Achselhöhle (Art. subclavia), in der Kniekehle (Art.
tibialis), Hiber der Clavicula (Art. carotis communis), auch an
der Hinterseite des Oberschenkels. Die Frakturen werden
natürlich fast niemals übersehen — ich spreche hier von den
Fällen, die nach Ausheilung der Fraktur zur Untersuchung
kommen aber zweimal ist es mir doch vorgekommen, daß
das Vorhandensein einer geheilten Fraktur des Schenkelhalses
— einmal von anderer Seite, einmal von mir selbst — erst
nachträglich erkannt wurde.
Man hat jetzt überaus mannigfache Gelegenheit gehabt,
sich über die anatomischen Verhältnisse der
traumatisierten Nerven zu unterrichten: Die
Autopsia in vivo, das heißt die Operation gibt uns diese Ge¬
legenheit. I)a findet sich nun vielerlei; nicht so selten wie
mm es nach einigen Stimmen aus der neuesten einschlägigen
Literatur erwarten sollte (eine japanische Statistik sah unter
47 schwer verletzten peripheren Nerven nur siebenmal eine
totale Quertrennung), findet man die Nerven in ihrer
Gontinuität völlig getrennt: die Enden liegen nur selten dicht
u/nehiandtr meiftfns sind sie mehr oder weniger weit von¬
einander gewichen; ich sah Fälle (Radialis, Medianus,
1-chiadicus), in denen die Entfernung zwischen dem centra en
md peripheren Ende 4, 5 ja C cm betrug. In einigen Fällen
ist der Zwischenraum n i c h t ausgefullt durch Narbengewebe
_ :„ h betone daß es sich bei meine m Material um wochen-
,md monatelanges Zurückliegen der Verletzung handelt —;
ÄrSTw dies aber der Fall, sehr häufig ist das vor-
bindende Narbengewebe tumorartig verdickt, das heißt das
derbe Narbengewebe ist im Querschnitte dicker als der durch¬
schossene Nerv in seiner normalen Konfiguration; meistens ist
die Narbe verwachsen mit den verschiedenen Weichteilen
(Knochen, Gefäße, Muskeln), sei es strangförmig, sei es
flächenförmig, sei es nur an einer eng umgrenzten Stelle. Ist
der Gallus die Ursache der Schädigung der Nerven, so findet
man diesen oft überaus stark gewuchert; er umwächst
geradezu manchmal den Nerv; man sieht nicht selten den
Nerv wie eingebettet in neugebildetes Knochengewebe, und
zuweilen ist der Nervenstamm mäanderartig verschlungen
unter den Callusmassen und gänzlich aus seinem normalen
Verlaufe herausgedrängt. Liegen die Nervenenden frei, so
sind sie häufig neuromartig verdickt, oft mit einer Kappe von
Narbengewebe bedeckt. Die Quetschung der Nerven
führt in der Regel zu ausgiebiger Narbenbildung um den Nerv
und in seinem Querschnitte. Der Querschnitt der Nerven kann
völlig oder zum größeren oder kleineren Teil durch Narben¬
gewebe ersetzt werden; dabei kann die Form der Nerven, ja
auch das äußere Aussehen der Nerven fast unverändert
bleiben; in solchen Fällen vermag zuweilen nur der palpierende
Finger festzustellen, daß man es mit einer N a r b e zu tun hat.
Es kommt auch vor, daß nur 6 i n Teil des Nervenquer-
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Abtj. l. .
Xarbengewebe mit einzelnen er , h < fj^ n ®P 1 Jecbe^Me^aHöpUttern.
Die eingesprengten ßchwarzen Flecke im Bilde entsprecneu
Schnitts narbig verändert ist, während der übrige Teil de^
selben ganz intakt ist; nicht selten ist unterhalb der
stelle der Nerv im ganzen stark verdünnt, aber a u , ^
halb derselben sieht man den Nerv zuweilen > l)e j
reduziert. Wichtig ist auch die Tatsache, « ‘ ^
mikroskopischer Untersuchung (Dr. Wohlwi ) n0ch
in anscheinend völlig bindegewebigem Narb , ur
Gruppen von erhaltenen Nervenfasern, und zwar v prv fasern
als Achsencylinder oder als komplett markhaltig , ^ter
findet. Keineswegs selten findet man noch y or .
im Nerv selbst, ebenso Geschoßteile; offenbar i ß e f U11 ,i
kommen häufiger als man nach dein makroskopu
annehmen sollte, denn unter sechs Fällen niein ■ ez j e rten
in denen Dr. Wohl will die (von Prof, bicw i -
Original fro-m
UNIVERSITY OF IOWA
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18.
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Xervenstiicke mikroskopisch untersuchte, fand er drei¬
mal Geschoßteile im Querschnitte mit den Zeichen einer
reaktiven Entzündung (s. Abb. 1 und 2).
Zuweilen sind die Nervenstämme von dem Narbengewebe
geradezu tumorartig umwachsen, sodaß es dann überaus
schwierig ist, sie in ihrem Verstecke zu entdecken. Endlich
sieht man auch — ich sali dies zweimal, einmal am Ischiadicus
und einmal am Ulnarisstamm — in Fällen von klinisch
schwerer oder mittelschwerer Lähmung (Entartungsreaktion)
bei der Operation den Nerv intakt, ihn selbst sowohl wie seine
nächste Umgebung. In solchen Fällen muß man, analog den
Fällen von Concussio spinalis, eine Konkussion der Nerven¬
stämme annehmen; allerdings fehlen uns über diese Fälle noch
mikroskopische Erfahrungen, die, da eine Resektion in solchen
Fällen von makroskopisch negativem Befunde begreiflicher¬
weise nicht vorgenommen wird, nur ein Zufall bringen
kann. Da diese „Konkussionsfälle“, auf die meines Wissens
Kuttner im Balkankriege zuerst hingewiesen hat, auch
Symptome von schwerer Affektion und speziell auch Ent¬
artungsreaktion zeigen können, so muß man einstweilen an¬
nehmen, daß sich im Nerv doch Degenerationsprozesse ab¬
spielen. Hier ist noch eine Lücke in unserm Wissen.
Endlich sind auch Lähmungen peripherer Nerven auf
firund von Ischämie beobachtet worden (Kurt Mendel,
Lewandowsky, Krön). Ich selbst hatte bisher keine
Gelegenheit, solche Fälle zu sehen; doch liegt ja, bei der
relativen Häufigkeit von Aneurysmen mit Thrombenbildung,
eine derartige Ursache von peripheren Nervenlähmungen nahe.
Zur Symptomatologie der Kriegsverletzungen
der peripheren Nerven sei nun folgendes gesagt:
L Ganz außerordentlich häufig ist es, daß nicht
jrUe von dem verletzten Nervenstamm ab¬
hängigen motorischen Funktionen aufge-
* l oben odergeschädigt sind, ja, nach meinen Er¬
fahrungen ist das Gegenteil, wenn nicht gerade die Regel, so
dwli ganz außerordentlich häufig. Ich finde, daß in den ein¬
schlägigen Aufsätzen, Vorträgen und Diskussionsbemerkungen
der letzten Monate diese Tatsache, die mir sehr bald nach Be¬
ginn meiner Studien auf fiel, nicht genügend betont worden ist.
Ich fand eine ganz auffallende Ungleichmäßig¬
keit der Funktionsstörung der verschie¬
denen Muskeln im Bereich eines verletzten
Nerven, unter meinen 152 Fällen nicht weniger als 44 mal,
also fast in einem Drittel der Fälle, und zwar stellte ich dies
fest am N. medianus 9 mal, am Ulnaris 4 mal, am Radialis
5 mal, am Ischiadicus G mal, am Peroneus 6 mal, am Cruralis
1 mal und bei noch 13 Fällen von Kombination von Läh-
nmngen verschiedener Nerven an den oberen und unteren
Extremitäten.
Ich gebe nur einige wenige Beispiele. Zunächst aus
dem Gebiete des N. medianus:
In einem Fall (Oberarmschuß) waren die langen Beuger
der Finger gelähmt, der Flexor carpi radialis funktionierte
normal; in einem zweiten Fall (Oberarmschuß) waren die
Finger- und Handgelenkbeuger gelähmt, während die vom
N. medianus innervierte Thenarmuskulatur gut funktio¬
nierte; in einem dritten Falle (Verletzung am Oberarme) funk¬
tionierte vom ganzen Medianusgebiete nur der M. opponens
pollicis gut; in einem vierten Fall (Oberarmschuß) war der
Medinanusanteil des Thenar völlig gelähmt, während die
„Medianusmuskeln“ des Vorderarms motorisch intakt waren;
endlich fand sich in einem letzten hier anzuführenden Fall
(auch Oberarmschuß) von allen „Medianusmuskeln“ nur der
Zeigefingeranteil des M. flexor communis profundus gelähmt.
Aus dem Bereiche des N. ulnaris: Verletzung der
Achselhöhle durch Gewehrgeschoß: Ausschließlich gelähmt
ist die Muskulatur des Hypothenar und von den Mm. interossei
nur der erste und vierte; der M. flexor carpi ulnaris funk¬
tioniert gut. Gewehrschuß durch den Oberarm: Gelähmt ist
der M. flexor corpi ulnaris und die Muskulatur des Hypo-
thenar, sämtliche Mm. interossei funktionieren gut.
Aus dem Bereiche des N. radialis: Oberarmschuß.
Gelähmt sind die Extensoren des Handgelenks und der Finger;
die Mm. Supinator longus und der lange M. abductor pollicis
sind in der Funktion intakt. In einem zweiten Falle (Gewehr¬
schuß durch den Oberarm) war vom Radialisgebiet intakt:
M. extensor carpi radialis und M. supinator longus. In einem
dritten Fall, in dem die Gewehrkugel in den rechten M. pec-
toraüs major eingedrungen und dann durch das obere Drittel
des Oberarms hindurehgedrungen war, war n u r der M. triceps
gelähmt. In einem vierten Falle von Durchschuß des Ober¬
arms war im Bereiche des getroffenen Radialis nur der
Strecker des Zeigefingers und der lange Abductor sowie die
Extensoren des Daumens geschädigt.
Aus dem Bereiche des N. ischiadicus: Hier ist vor
allem zu bemerken, daß auch bei Verletzungen des Nerven
oberhalb seiner Teilungsstelle — diese selbst sogar abnorm
hoch angenommen — überaus häufig nur der Peroneus- oder
nur der Tibialisanteil getroffen ist. Ich sah das mehrfach auch
bei hoch oben im Becken eingedrungenen Schüssen, Durch¬
schüssen und Steckschüssen. Häufiger fanden sich Lähmungen
im Peroneus- als im Tibialisgebiet. Anderseits ergibt sich,
daß auch vom Peroneus, einerlei ob er in seinem Ischiadicus-
teil oder nach seiner Abzweigung aus dem Ischiadicus ge¬
troffen wird, häufig nur einzelne Muskeln in der Funktion
leiden; so sah ich, vun auch hier nur einzelne Fälle als Beispiele
anzuführen, nach einer Beckenschußverletzung des Ischiadicus
eine isolierte Lähmung des langen Zehenstreckers, in einem
andern Falle von hochsitzender Ischiadicusverletzung war nur
der M. tibialis anticus, in einem dritten Falle wieder nur die
langen Zehenstrecker geschädigt.
Bei Verletzung des Stammes des N. peroneus hinter
dem Capitul. fibulae sah ich öfter entweder nur den M. tibialis
anticus oder nur die Mm. peronei oder nur die Strecker der
Zehen mitgenommen.
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Im Bereiche des N. tibialis war auffallend häufig
nur der FuBauteil — Groß- und Kleinzehenballen und
Mm. interossei — ergriffen; das sah ich bei Verletzungen des
Stammes des Tibialis in der Kniekehle kaum seltener als bei
solchen des Stammes des Ischiadicus oberhalb seiner Teilung.
Schon Cramer hat in Berlin darauf hingewiesen, und
andere Berliner Neurologen haben es bestätigt. Die Praxis
hat aber auch gelehrt, daß diese Neuritis tibialis
am Fußanteile sehr häufig nicht diagnostiziert
wird. Nicht selten ist auch der einzige Ausdruck einer
Neuritis des Tibialis der Ausfall des Achillesreflexes, sei es,
daß dies das einzige objektive Symptom überhaupt ist seitens
des Ischiadicuskomplexes, sei es, daß es das einzige Zeichen
einer Mitbeteiligung des Tibialis neben einer Erkrankung des
Peroneus ist. Darauf wies auch Bruns hin.
Bei Verletzungen des Plexus brachialis sah ich
ebenfalls nicht selten das Bild des partiellen Ergriffen-
seins respektive der nur partiellen Schädigung: so bei
Medianusverletzung Intaktbleiben ausschließlich der Oppo¬
sition des Daumens, bei Verletzung des Ulnarisanteils aus¬
schließliches Freibleiben der Mm. interossei, bei einer solchen
des Radialisanteils isoliertes Geschontsein der Extensoren des
Carpus usw.
Ganz auffallend oft kommen isolierte Medianus-, Ulnaris-
und Radialislähmungen nach einer Verletzung in der
Achselhöhle zu Gesicht.
Unbedingt nötig ist, um festzustellen, welche
Muskeln gelitten haben, eine genaue elektrische
Untersuchung. Oft habe ich es erlebt, daß in
motorisch intakt funktionierenden Mus¬
keln sich eine deutliche krankhafte Verände¬
rn ngderelektrischenErregbarkeit zeigte. Es
ist ja eine alte, schon von Erb gelegentlich seiner grund¬
legenden Untersuchungen betonte Erscheinung, daß motorisch
nicht gelähmte Muskeln Entartungsreaktion zeigen können,
aber nur ein Material wie das uns gegenwärtig zuströmende
konnte diese Tatsache in ein so helles Licht stellen. Besonders
häufig wurde ich durch das Resultat der Untersuchung der
Beugemuskulatur am Oberschenkel sowie durch die elektrische
Untersuchung der Fußmuskulatur überrascht; speziell sei die
Lehre gegeben, daß man in keinem Falle von Schmerzen im
Fuß oder von Schwierigkeit beim Auftreten, die sich nach
einer Verletzung der unteren Extremität, und sei sie noch so
hoch oben am Oberschenkel oder am Becken lokalisiert, ver¬
säumen darf, die Fußmuskulatur, auch wenn man keine
Lähmungen finden kann, elektrisch zu untersuchen; ich habe
eine ganze Reihe von bisher verkannten Fällen auf diese
Weise klarstellen können. Ebenso sei noch einmal an die
Beklopfung der Achillessehnen erinnert, um festzustellen, ob
der Achillesreflex, der normalerweise nicht fehlen darf, vor¬
handen ist.
Heber das Verhalten der Sensibilität kann
ich auf Grund meiner Erfahrungen folgendes sagen: Im
Gegensätze zu den meisten Stimmen, die sich hierzu bisher
haben vernehmen lassen (ich nenne hier nur Marburg),
fand ich, daß die Sensibilität imallgemeinenwenigeT
selben Erfahrungen gemacht und in seinem Hamburger Vor¬
trage lehrreiche Bilder, die dies beweisen, angeführt; ebenso
Trömner in der nachfolgenden Diskussion.
So sah ich — ich gebe wiederum nur einzelne
Beispiele — bei einem Falle von schwerer (Ea II)
motorischer Lähmung des N. ulnaris' eine leichte, auf
Berührungs- und Schmerzsinn sich beschränkende Ge¬
fühlsstörung nur am Kleinfingerballen; bei einer kom¬
pletten Radialislähmung (mit Ea R.) fand sich eine
Störung des Berührungs- und Schmerzsinns nur am Rücken
des Daumens, bei einer Verletzung des Stammes des Medianus¬
nerven mit folgender totaler und kompletter Lähmung (Ea R.)
aller zum Medianus gehörenden Muskeln die Störung der
Sensibilität auf den Daumenballen beschränkt. Umgekehrt
war in einem Falle von Lähmung (Ea R.) im Bereiche des
N. medianus und ulnaris die Sensibilität intakt geblieben nur
am Daumen und an der Radialseite des Zeigefingers.
Bei einer Verletzung des Plexus brachialis, die
zu ausgedehnten Lähmungen im N. radialis, medianus und
ulnaris geführt hatte, fand sich die Störung der Sensibilität
beschränkt auf den Daumenballen; in einem Falle von Durch¬
schuß am Oberarm waren motorisch und elektrisch alle drei
Nerven in ihrer Totalität gelähmt (Ea R.), während sich
eine Sensibilitätsstörang ausschließlich im Gebiete des '
N. ulnaris — und hier in charakteristischer „anatomischer
Begrenzung — feststellen ließ. In einem Falle von Schu߬
verletzung des Peroneus hinter dem Capit. fibulae, die zur
Lähmung aller „Peroneusmuskeln“ geführt hatte, bestand eine
Störung der Sensibilität nur am Fußrücken und an der Zehe,
entsprechend dem Gebiete des N. peroneus superficialis: in
einem andern, sonst fast gleichen Falle, wieder beschränkte
sich die Gefühlsstörung auf das Gebiet des N. peroneus pvo-
fundus.
Auch betreffs der Schmerzen haben wir in Hamburg
andere Erfahrungen gemacht als sie in der Berliner Diskussion
(Oppenheim, Rothmann und Andere) und durch
Bruns zum Ausdruck gekommen sind: wirklich un¬
gewöhnlich heftige Neuralgien sah ich selten — nur
dreimal, und zwar einmal am Vorderarm, einmal bei einer
Lähmung des Plexus brachialis und einmal nach einer \ er¬
letzung des Peroneus. Leichtere „Schußueuvalgien“ sah
ich außerdem noch achtmal, und zwar im Bereiche der ver¬
schiedensten Nervenstämme der oberen und unteren Extremi¬
täten. Bei dieser auffallenden Seltenheit der Neuralgien er¬
übrigt es sich für mich, Ueberlegungen über die Ursache der¬
selben anzustellen, wie Oppenheim es auf Grund seiner
abweichenden Erfahrungen getan hat. Ich war, nachdem ich
auf Grund von 48 Operationen am peripheren Nerven reichlich
Gelegenheit hatte, mich von dem anatomischen Befund au den
Nerven und in den Nerven zu überzeugen, überaus erstaunt,
daß bei diesen schweren anatomischen Vorgängen Neuralgien
nicht gewissermaßen zum „eisernen Bestände“ der Schu߬
verletzungen am Nerven gehören, und um so mehr als die Er¬
fahrungen von W ohlwill, die ich bereits erwähnte, dar¬
zutun scheinen, daß viel häufiger als man makroskopisch {er¬
stellen kann, sich im Nervenquerschnitte kleine Geschoßlede
\ befinden. Auch in drei Fällen, in denen die Operation zeigte.
gestört ist als man das bisher aus der Friedenspraxis ge- l daß ein Spitzgeschoß in die Nerven selbst eingednmgen war
wohnt war. Auch bei Aneurysmen sah ich — im Gegensätze 1 und sich dort festgesetzt hatte, bestanden keine irgendwo 1
zu Bruns — mehrfach Schmerzen ganz zurücktreten. Fälle 1 sich vordrängenden Schmerzen. Nur in einem einzigen HIV
ohne nennenswerte Sensibilitätsstörungen sind unter meinem l sah ich bei der Operation ziemlich heftige Schmerzen dim*h
Material nicht selten gewesen; Fälle mit geringen Sensibilitäts- 1 eine Narbenverwachsung bedingt: es bandelte sieh um em<
Störungen bildeten die Regel, und zwar waren am meisten 1 Verletzung eines N. radialis; die ursächliche Bedeutung
gestört das einfache Berührungsgefühl, dann folgte das 1 der Narbeneinbettung für die Neuralgie wurde dadurch ev-
Sclnnerz-, dann das Temperaturgefühl, und in letzter Linie I wiesen, daß die Schmelzen nach Freimachung des Nerven am
kam die Störung der „Tiefensensibilität“. In einer Reihe von 1 der Narbe aufhörten.
Fällen sah ich anderseits n u r Störungen der Sensibilität ohne \ Meine Erfahrungen ergeben mir, daß die
Motilitäts-, elektrische und.Reflexstörungen. Die Häufigkeit siblen Fasern gegen Traumafolgen erhcl
des partiellen Ergriffenseins konnte ich auch 1 1 v e h resistenter sind als die motorischen und die 1
für die Sensibilität feststellen. S a e n g e r bat die- \ elektrischen Leitung dienenden, und daß die Möglichkeit
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t Mai.
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variierenden Eintretens sensibler Fasern seitens anderer
Nerven eine ausgedehntere ist, als wir bisher wußten.
Uebrigens hat auch Lewandowsky bei einem
großen Beobachtungsmaterial nur selten Fälle gesehen, in
denen das klinische Bild durch die Neuralgie be¬
herrscht wurde.
Einen interessanten Fall stellte Weygandtim Aerzt-
lichen Verein zu Hamburg vor:
Ein Kriegsfreiwilliger K., der das Notabitur gemacht hatte,
strammer Sportsniann, kam Mitte Oktober in das Feld, war viel im
(iranatfeuer und erhielt am 11. November einen Gewehrschuß, Quer¬
schläger am Oberarm. Das Geschoß wurde entfernt, es war eine
Medianusverletzung entstanden, die heftige Schmerzen verursachte.
Die streng lokalisierten Schmerzen verschlimmerten sich bei irgend¬
welchen körperlich und besonders bei seelisch packenden Anlässen.
Während der Verbandwechsel noch erträglich ist, kommen die
Schmerzen, wenn er jemand auf einer Leiter sicht, oder wenn jemand
rasch die Treppe herunterkommt, oder wenn er etwa einen großen
Schornstein mit Trittklammern sieht. Er war zunächst so apathisch,
daß er nicht essen, trinken und Wasser lassen konnte. Wenn ein
Bcruhigungsmittel gebracht wurde, ließ der Schmerz schon nach, ehe
er es eingenommen hatte. Bei leiser Berührung auf den Kopf komme
schon ein Schmerzgefühl wie ein elektrischer Schlag. Ebenso wenn
jemand im Begriffe sei, die Tür zuzuschlagen, sei sofort der Schmerz da.
Es handelt sich hier um eine hochgradige Hyperästhesie
mich Verletzung der peripheren Nerven. Derartig psychisch¬
nervöse Folgezustände sind nach W e y g a n d t bei den ver¬
schiedensten Affektionen gelegentlich zu beobachten und ver¬
dienen besondere Berücksichtigung, weil sie das eigentliche
Krankheitsbild leicht verwischen können.
In diesem Falle kann man von „Sehmerzhalluzination“
reden.
Oppenheim berichtete über Schmerzempfmdungen
im Ischiadicus, die durch Geräusche, auch durch Musik her-
vorgernfen wurden.
Daß besonders der Ischiadicus zu Schmensreaktion
nach Verletzungen neigt, betonten auch S a e n g e r und
T r Ö m n e r.
Ich komme zum Verhalten deT elektrischen Er¬
regbarkeit der gelähmten Nerven und Muskeln.
In meinen Fällen war nur ausnahmsweise keine Ent¬
artungsreaktion nachzuweisen. Das kommt daher, weil
meiner Station die Fälle von auswärts nur dann zugewiesen
wurden, wenn längere Zeit hindurch die nervösen Symptome
nicht zuriiekgegangen waren, mit andern Worten: ich be¬
kam leichte Fälle kaum zu Gesicht. Bei meinen Fällen fiel
mir nun verschiedenes auf: Zunächst wieder, daß auch die
Veränderung der elektrischen Erregbar¬
keit häufig das Lähmungsgebiet nur par¬
tiell betrifft; so sah ich bei Fällen von Peroneus¬
lähmung sowohl den M. tibialis anticus als auch die mitge¬
lähmten Mm. peronei allein frei von Entartungsreaktion; in
einem Falle von Ulnarislähmung, der alle Ulnarismuskeln be¬
traf. fand sich galvanische Entartungsreaktion nur in der
Interosseusmuskulatur; in einem andern Falle von totaler und
kompletter Ulnarislähmung fand sich nur der M. flexor carpi
ulnaris frei von Ea R.; in einem Falle von totaler und kom¬
pletter Kadialislähmung reagierte der — auch vollkommen
gelähmte — M. Supinator longus allein normal, und in einem
weiteren Falle waren nur die Extensoren des Carpus frei von
R.; in einem Falle von Medianuslähmung zeigte nur die
Thenannuskulatur Entartungsreaktion; in einem andern Falle
von Medianuslähmung reagierten die Flexoren des Carpus
normal, die langen Flexoren der Finger exquisit träge. In
mneni Falle von Ulnaris- und Medianuslähmung mit typischer
tntartungsreaktion reagierte der M. abductor pollicis am
Jnenar allein normal; bei einem Falle von totaler und
kompletter Sehußlähmung des Nervus cmralis fand ich einzig
wnM. vastus internus galvanische Ea R.; das sind nur wenige
Beispiele für viele.
Besonders häufig fand ich normale Kraft in
u s k e 1 n, die f a r a d i s c h nicht und g a 1 -
v äinsch mit Entartungsreaktion reagier¬
ten. Ich sagte das schon und wies bereits darauf hin, daß
diese Erfahrung es uns zur Pflicht macht, alle Muskeln elek¬
trisch zu untersuchen, wenn wir eine Vorstellung über die
Ausbreitung der Schädigung gewinnen wollen.
Bei einem Falle von Ulnarislähmung fand ich nur am
Hypothenar, in einem andern Falle nur an den Mm. interossei,
in einem dritten Falle nur an den Mm. interossei I und IV
Entartungsreaktion, während alle diese genannten Muskeln
von der Lähmung verschont geblieben waren. Bei Medianus¬
lähmung sah ich im motorisch intakt gebliebenen M. flexor
carpi radialis Entartungsreaktion, dasselbe sah ich bei einem
Falle von Radialislähmung mit motorischem Freibleiben des
M. supinator longes und M. abductor pollicis longus, und in
einem weiteren Falle von funktionellem Intaktbleiben der Ex¬
tensoren des Handgelenks. Ini Gebiete des N. musculocutaneus
sah ich Funktion und Kraft des M. biceps normal bei ausge¬
sprochener Ea R.
Ich will besonders hervorheben, daß es sich in allen
Fällen von galvanischer Entartungsreaktion in motorisch in¬
takten Nerven um eine partielle Entartungsreaktion
handelte, das heißt die Erregbarkeit für faradischen und
galvanischen Strom vom Nerv aus war in allen solchen
Fällen erhalten.
Einmal fand ich in stark paretisehen und erheblich
atrophischen Muskeln aus dem Medianus- und Ulnaris-
gebiete (Thenar, Mm. interossei) die indirekte und direkte
elektrische Erregbarkeit für beide Stromesarten normal; das
hat auch Oppenheim beobachtet.
In mehreren Fällen fand ich Abarten der Ent¬
artungsreaktion insofern, als bei erhaltener in¬
direkter Erregbarkeit und bei exquisiter galvanischer musku¬
lärer Ea R. der Muskeln die faradische Erregbar¬
keit der Muskeln gut erhalten war; in andern Fällen
sah ich das Umgekehrte: bei erloschener indirekter Erregbar¬
keit Fehlen der muskulären faradischen Er¬
regbarkeit und prompte normale Reaktion
der Muskeln auf den galvanischen Strom. Es
scheint mir nicht erwiesen, daß Lewandowsky mit seiner
Annahme: „sind die Muskeln faradisch erregbar, so lassen
sich schwere Veränderungen jedenfalls ausschließen“, Recht
hat. Die früheren anatomischen Untersuchungen von Muskeln,
die galvanische Ea R. zeigten, deckten jedenfalls immer deut¬
liche Erkrankungsprozesse auf.
Es ist von verschiedenen Autoren hervorgehoben
worden, daß man öfter als sonst bei Kriegsverletzungen der
peripheren Nerven die Ea R. schnell übergehen sieht im Er¬
loschensein der faradischen und galvanischen muskulären Er¬
regbarkeit; ich habe dies vereinzelt auch gesehen, abernur
vereinzelt. Uebrigens eignete sich mein Material zu sol¬
cher Beobachtung nur ausnahmsweise, weil ich —wie schon er¬
wähnt — nur ganz ausnahmsweise frische Fälle zu Gesicht
bekomme. Ich selbst stellte auf Grund meines Materials
fest, daß nicht selten typische Ea R., galvanische
Zuckungsträgheit der Muskeln mit Umkehr der Zuckungs-
formel, sehr lange bestehen kann. Bei Durchsicht meiner
152 Fälle finde ich dies zwölfmal bemerkt; es waren Fälle, in
denen fünf und sechs Monate nach der Verletzung noch nichts
von Absinken der galvanischen Erregbarkeit zu bemerken
war, sondern in denen sich die zur typischen Ea R. gehörige
muskuläre Uebererregbarkeit noch vorfand. Solche
Beobachtung betrafen fast alle Hauptnerven der oberen und
unteren Extremitäten.
Auch von trophischen Störungen bei Kriegs¬
verletzungen der peripheren Nerven haben wir schon viel ge¬
lesen (Ernst Freund, Oppenheim, Berliner Dis¬
kussion). Auch ich fand solche keineswegs selten, zumeist
in Gestalt von vasomotorischen Störungen in den gelähmten
Teilen: Cyanose, Kälte, Blässe, Hyperhidrosis und Anhidrosis,
Veränderungen der Nägel, trophische Störungen der Epi¬
dermis, ab und an auch Blasenbildung. Ausbildung von
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2. Mai.
Ulcerationen sah ich nicht, das heißt nicht in solchen Fällen,
die nicht mit Erfrierungen kombiniert waren, lieber Fälle
von Braunfärbung und Hypertrichosis der ganzen, lokal
verletzten, Extremität wurde von Oppenheim berichtet.
Oppenheim teilt auch mit, daß er nach lokalem Kriegs¬
trauma peripherer Nerven allgemein vasomotorische und
sekretorische Störungen beobachtet habe; er will solche
Störungen durch eine „allgemeine Traumatisierung des
Centralnervensystems“ erklären; es handelte sich meistens
um allgemeine Hyperhidrosis und allgemeine Rötung der
Haut. Ein häufiges Vorkommen kann dies meines Er¬
achtens nicht sein, da ich unter meinen 152 Fällen das
niemals beobachten konnte; nach psychischen Erschütte¬
rungen sah ich derartiges wiederholt; es liegt somit nahe,
anzunehmen, daß die „allgemeine Traumatisierung des
Nervensystems“ auf dem Wege der seelischen Erregung vor,
während und nach der Verletzung zustande gekommen ist.
(Schluß folgt.)
Hygienische Erfahrungen im Felde
Oberstabsarzt Prof. Dr. Philalethes Kuhn Y^ 11
Chefarzt eines Feldlazaretts
und # Nan
Stabsarzt Prof. Dr. Bernhard Möllers, va t (
Hygieniker beim Korpsarzt fror
bei einem Armeekorps des westlichen Kriegsschauplatzes. gen
(Fortsetzung ans Nr. 17.)
6. Hygiene der Feldlazarette. Auf dem west- aus
liehen Kriegsschauplätze, wo an vielen Orten geeignete größere bau
Gebäude zur Errichtung der Feldlazarette zurVerfügung stehen, läßt Kir
doch die Sauberkeit oft zu wünschen übrig, namentlich in Schulen leie
und Fabriken, die schon vorher häufig den Truppen zur Unter- lan
bringung von Mannschaften und Pferden gedient haben. Um die der
Verbreitung von Wundkrankheiten, insbesondere von Starrkrampf
und Gasbrand, von vornherein auszuschließen, muß daher eine laz;
peinliche Reinigung aller Räume, wenn irgend möglich bereits vor mü
dem Eintreffen der Verwundeten, angestrebt werden. Die Mann¬
schaften eines Feldlazaretts reichen jedoch nicht, aus, um außer der Sti
Versorgung der aus einer großen Schlacht anströmenden Ver- wu
wundeten auch noch die Reinigung und Instandhaltung der ge
Krankenräume, der Nebenräume und Aborte durchführen zu 1 W
können. Es empfiehlt sich daher, zu diesem Zwecke sofort bei der vo
Einrichtung aus der Zivilbevölkerung männliches und weibliches 1 de
Hilfspersonal gegen Vergütung heranzuziehen. Die Benutzung un- 1 P«
entgeltlicher Hilfskräfte, die sich auch im Feindesland aus der ein- 1 oc
geborenen Zivilbevölkerung, mit dem Roten Kreuze geschmückt, 1 g<
zuweilen freiwillig anbieteu, hat sich selten bewährt. Diese Per¬
sonen bringen der Arbeit im Lazarett oft nicht den nötigen Ernst 1 k
entgegen, es sei denn, daß es sich um die Pflege ihrer eignen Lands- 1 a'
leute handelt, 1 ^
Die Reinigung der Krankensäle wird sehr erleichtert, wenn I d
man in Ermanglung von Betten Lattenbettstellen nach dem I d
Muster der Anlage XI der K.S.O. S. 128 oder O e 11 i n g e n sehe 1 1
oder Reh sehe Tragen anfertigen läßt und die Strohsäcke darauf- 1 r
legt. Auch hierzu muß die Zivilbevölkerung 1 herangezogen wer- s
den, wenn die eignen Kräfte nicht reichen. Die Bettstellen ver- 1 <
bleiben beim Abrücken dem ablösenden Kriegslazarett, die Tragen 1
können mitgeführt werden. Solche Lagerung erleichtert auch die I
Pflege mancher Kranken außerordentlich. 1
Als ein gutes Mittel zur Verhütung von Wundinfektionen hat 1
sich die sofortige Errichtung einer sogenannten septischen Station I
erwiesen. Es muß zwar zugegeben werden, daß in der Heimat auf
den chirurgischen Stationen großer Lazarette die Behandlung von
septischen Wunden in besonderen Krankenräumen nicht erforder¬
lich ist, weil Infektionen einerseits selten sind, anderseits auf die
Fernhaltung des infektiösen Materials von den übrigen Verwun¬
deten eine ausreichende Sorgfalt verwendet werden kann. Der
Betrieb eines Feldlazaretts, namentlich in Feindesland, läßt aber
b e i dem gewaltigen Zustrome der Verwundeten nach einer mo¬
dernen Schlacht und bei dem knappen Personal den Ausschluß
jeder Infektionsmöglichkeit nicht wohl zu. Alle Verwundeten, die
zu fiebern anfangen und deren Wunden schlecht aussehen, sind
daher möglichst frühzeitig auf die septische Station zu verlegen,
d< r nach Möglichkeit ein abgeschlossener Raum für Starrkrampf
auzuschließen ist. Hinsichtlich der Verhütung des Starrkrampfs i
sei betont, daß die sogenannte prophylaktische Einspritzung von
Tetanusserum zweckmäßig bei jedem Verwundeten vorgenommen I
wird, da man einer Wunde nicht ansehen kann, ob sie infiziert ist
oder nicht, und an der günstigen Wirkung des Serums bei früh¬
zeitiger Anwendung nach den bisherigen in der Kriegsliteratur
niedergelegten Erfahrungen kein Zweifel mehr bestehen kann.
Wie bereits mehrfach betont, erscheint es notwendig, daß
jedes noch so kleine Mittel angewendet wird, um die seelischen
Kräfte der Soldaten zu erhalten und zu erheben. Besonders wert¬
voll ist es, wenn die Verwundeten im seelischen Gleichgewicht
erhalten bleiben und ein mutiges und gefaßtes Verhalten zur
Schau tragen, damit sich die jungen Krieger, die zum erstenmal
in ein Gefecht ziehen, daran ein Beispiel nehmen können. Daher
soll die Umgebung, in die die Verwundeten gebracht werden, mit j
Sorgfalt so gestaltet werden, daß sie das Gemüt günstig beeinflußt
und die Widerstandsfähigkeit der seelischen Kräfte hebt. Die
Krankenräume sind nicht nur hell und sauber zu gestalten, son¬
dern sind auch nach Möglichkeit durch Grün und Blumen zu
schmücken: namentlich ist Tannengrün zu empfehlen, weil es gut
wirkt, wochenlang frisch bleibt und überall zu haben ist. Wenn
möglich, ist die Umgebung des Feldlazaretts auf das Vorhanden¬
sein von Gewächshäusern und Wintergärten abzusuchen, aus denen '
vielfach ein reicher Bestand an Palmen, Lorbeerbäumen und an-
derm Pflanzenschmucke für die Krankensäle entlehnt werden
kann. Sehr dankbar ist das Mitführen von Bildern aus der Heimat 1
Namentlich Landschafts- und Städtebilder, sodann solche aus der
vaterländischen Geschichte sind zu empfehlen; dazwischen sind
fromme Sprüche aufzuhängen. Dieser Bilderschmuck wird ab¬
genommen und mitgeführt, wenn das Feldlazarett weiterrückt.
Aus dem Kreise der Aerzte und des Unterpersonals oder
aus benachbarten Truppenteilen sind musikalische Kräfte zur Er¬
bauung der Verwundeten nutzbar zu machen. Aus der nächsten
Kirche kann ein Harmonium herbeigeschafft werden, 7.u dem sich
leicht eine Geige gesellt, sodaß den Verwundeten auch in Feindes¬
land täglich zu ihrer geistigen Stärkung ein Konzert gegeben wer¬
den kann.
Je weiteT hinter der Front, desto mehr Mittel kann das reld-
j lazarett aufwenden, um Schädigungen des Körpers und des Ge¬
müts von den Auf genommenen fernzuhalten.
Zum Schluß wollen wir noch ausdrücklich der wesentlichen
Stärkung des Gemüts gedenken, die namentlich bei Schwerver-
wundeten von dem religiösen Beistände der Feldgeistlichen aus¬
geht, deren verdienstvolle Tätigkeit in den Lazaretten in jeder
i se ermöglicht und unterstützt werden sollte. Durch geschmack-
e Ausschmückung eines Altars, Begleitung des Gottesdienstes
di Musik odeT Gesang, Kommandierung des abkömmlichen
5onals zur Beiwohnung kann der Gottesdienst an Sonntagen
r anläßlich von Beerdigungen außerordentlich stimmungsvoll
taltet werden. >
7. Beerdigungswesen. Bei dem erbitterten Stcuimgs-
2 ge bat sich die sofortige Beerdigung der Toten in vielen Fällen
unmöglich erwiesen. Der Geruch der unbeerdigten Toten ih
hrend des Winters im allgemeinen erträglich gewesen. Mn
n Eintritt der wärmeren Jahreszeit werden jedoch viele W
r Front immer mehr unter dem Leichengestank zu leiden haben,
muß deshalb beizeiten versucht werden, die Toten zu begraben,
) es irgend angeht. Da, wo eine Bestattung möglich ist. er-
heint es uns angezeigt, daran zu erinnern, daß die Gräber mch
cht. an Landstraßen, auf tiefliegenden Wiesen, in immitte-
irer Nähe von Quellen und Wasserläufen oder engen Schluchten
igelegt werden sollen. Eine Gefährdung der Gesundheit m
ruppe und der Bevölkerung kommt bei unzweckmäßig me
elegten Gräbern weniger in Betracht, als die Beeinflussung des-
temüts. Es geht eine starke erhebende Wirkung von gut uw
orgfältig angelegten Gräbern auf die vorbeizielienden Kamera» on
ler Gefallenen aus, wenn die Gräber nach Möglichkeit m m
roller und sinniger Weise geschmückt sind. Besonders empnci
dch die Anpflanzung von Buehsbaum zur Einfassung, der v.u F“'
Jahreszeit an wächst. Aus den Gärtnereien benachbarter \ ■*
schäften sind immergrüne Blattpflanzen (aukuba, laurier nun uw £
im Französischen) zu besorgen, die auf dem Kriegsschauplätze
Westens auch im Freien überwintern. Um den Angehörigen m ‘ ’
Heimat zu Liebe Einzelgräber anlegen zu können, ist; hoi'
Feldlazaretten, wenn irgend möglich, die sofortige Emstmite
von Totengräbern ans der Zivilbevölkerung in die Wege zu hu *
weil das eigne Personal der Feldlazarette, auch bei HeranvAcbui
aller Pferdepfleger und Fahrer, hierzu oft nicht aust eicht*
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2. Mai.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18.
Die Feuerbestattung: halten wir im Operationsgebiete für un¬
tunlich. Sie bietet keim* hygienischen Vorteile gegenüber der
nrtiiiuugsmäßigen Beerdigung und würde die Mitfühmng von be-
u Verbrennungsofen notwendig machen, die bei den
heutigen wut auseinanderliegenden Gefechtsplätzen nur in seltenen
Füllen in Benutzung treten könnten.
8. G e n u ß m i 11 e 1. Alkohol. Unsere Betrachtungen
über (len Alkoholgenuß im Felde können wir nicht besser einleiten
als durch die Werte der Kriegsranitätserdnung S. 112, Ziffer 416:
„Der Alkohol wirkt zwar anfangs belebend, beim Genüsse
größerer Mengen aber bald erschlaffend. Die Erfahrung lehrt, dali
enthaltsame Soldaten den Kriegsstrapazen am besten widerstehen.
Auch verführt Alkoholgenuß leicht zu Unmäßigkeiten und
zur Lockerung der Manneszucht.
Alkoholische Getränke sind daher nur mit größter Vorsicht
zu gewähren und auf dem Marsche ganz zu vermeiden. Bei Kälte
Alkohol zur Erwärmung zu genießen, ist gefährlich. Seine wär¬
mende Wirkung ist trügerisch.
D o m Beschränken des Alkoholgenusses ist
von allen Dienststellen fortgeset z t d i e ern¬
steste A u f in e r k s a m k e i t z u z u w ende n."
Unter den Schädigungen, die der Alkohol dem Heere zufügt,
wäre nach unsern Beobachtungen noch die Förderung der Ge¬
schlechtskrankheiten besonders zu erwähnen, die meist im Rausch
erwerben weiden. An den bewährten Grundsätzen der Kriegs-
samtätserdnuug müssen wir auch auf Grund der Erfahrungen dieses
Kriegs unbedingt festhaiton. Daß der Aufmarsch der deutschen
Armee in so glänzender Weise ohne irgendwelche Ausschreitungen
erfolgen konnte, verdanken wir gewiß nicht zum geringen Teil (lern
Von der Militärverwaltung erlassenen Verbote des Alkoholgenusses
während der Dauer der Eisenbahntransporte.
Mit der Eroberung Frankreichs fielen so viele Weinvorräte in
unsere Hände, daß der Alkoholgenuß sich immer fester einwurzelte.
Wir haben auf breiter Linie dio Erfahrung gemacht, daß die Durch¬
führung einer strengen Mäßigkeit oder gar der Enthaltsamkeit im
Felde schwer wurde. Das hatte seinen Grund zunächst darin,
daß die alkoholischen Getränke von der großen Masse der waffen¬
fähigen Männer, Offiziere wie Mannschaften, denen sie im Frieden
ein gewohntes Genußinittel sind, im nervenanspannemlen Kriege
noch mehr verlangt werden. Es kommt aber ein Umstand von er-
1 h blicht r Bedeutung hinzu, der die Wertschätzung des Alkohols
erhöht: die Schwierigkeit der Beschaffung guten Trinkwassers,
über die wir im ersten Teil unserer Arbeit bereits gesprochen
haben. Die alkoholischen Getränke werden entweder als Ersatz
für Wasser empfohlen, um den Typhus zu vermeiden, oder werden
dem Wasser zugesetzt, um es unbedenklich und schmackhaft zu
gestalten. Alkohol hat mithin eine dreifache Verwendung:
a) als Zusatz zum Trinkwasser,
b) als Trinkwasserersatz,
c) als Genußmittel.
al Wir halten es für Pflicht aller Aerzte, nachdrücklich gegen
die Anschauung aufzutreten, als ob Krankheitskeime durch Mischen
des Wassers mit einem geistigen Getränk abgetütet werden
könnten.
bi In der Verwendung der alkoholhaltigen Getränke als
Trinkwasserersatz liegt die Hauptverteidigungsstellung des Alko¬
hols im Felde. Selbst solche Offiziere, welche die schweren Be¬
denken der Kriegssanitätsordnung gegen den Alkohol teilen, dulden
winc Veiaufgabung von diesem Gesichtspunkt aus. Zur Ein-
«■•liräukung des Alkoholgenusses ist es daher vor allem notwendig,
für gutes Trinkwasser zu sorgen.
Die besonderen Verhältnisse des Stellungskriegs erfordern cs.
daß wir unsere Ausführungen über das Trinkwasser hier und an
späterer Stelle ergänzen. Durchgehend wird die Erfahrung gemacht,
daß die Leute im Schützengraben sich mit Kaffee nicht begnügen,
sondern der Abwechslung wegen einfaches Wasser trinken wollen,
das sie teilweise den Drainageröhren in der Stellung entnehmen,
trotzdertt cs bisweilen schmutzig und nicht einwandfrei ist. Diesem
Bedürfnisse kann einerseits durch Bereitstellung von großen
Ihngen künstlichen Selterwassers abgehoben werden, das sorg-
^Ifi'r hinter der Front bereitet werden muß, anderseits sind die
Triiikwasserbi reiter in großer Zahl heranzuziehen und das be-
fcitete Wasser in Fässern, Flaschen und Krügen in die Stellung« :i
ni bringen, lieber die Drainageröhren siehe den Abschnitt über die
Hygiene der vorderen Stellungen.
( \) Was die Rolle des Alkohols als Genußmittel anlangt, so
!j, '‘csucht werden, ihn durch harmlosere Dinge, wie Kaffee.
Kakao, Tabak, zu ersetzen, die wir des weiteren besprechen
wollen. Wir glauben aber, daß die geistigen Getränke sich trotz
aller Gegenbestrebungen wieder siegreich durchsetzen werden, so¬
lange in unserer Armee nicht ein strenges Alkoholverbot er¬
gangen ist.
Wir hoffen, daß es nicht verlorene Mühe ist, wenn wir die
energischen Mahnungen der Kriegssanitätsordnung an alle Dienst¬
stellen, dem Beschränken des Alkoholgenusses die ernsteste Auf¬
merksamkeit zuzuwenden, durch einige besondere Gesichtspunkte
ausführen.
1. Wenn ein Truppenteil alkoholische Getränke verabfolgt,
so dürfen diese für Mannschaften, die keinen Alkohol genießen,
nicht empfangen werden, damit nicht die Kameraden der Nicht-
trinkf iiden die zuviel empfangene Menge außerdem erhalten und
so der Trunksucht Vorschub geleistet wird.
2. Schnaps sollte am besten überhaupt nicht verausgabt wor¬
den. Die Ortskommandantur am Sitz unseres Generalkommandos
verfügte unter Androhung strenger Strafen, daß Schnaps und Likör
bis zu einem bestimmten Termine von den Kncipenbesitzern auf
dem Bürgermeisteramt abgegeben werden und dort unter mili¬
tärischer Bewachung verbleiben müsse. Diese Maßnahme hat sehr
segensreich gewirkt. Ein sti enges Schnapsverbot erscheint übri¬
gens auch im wirtschaftlichen Interesse geboten, um den Alkohol
gewerblichen Zwecken nutzbar zu machen.
3. Für stark erschöpfte und schwerverletzte Mannschaften
ist. die Verabreichung geistiger Getränke (Wein, Sekt, Kognak)
als Anrcgungs- oder Betäubungsmittel unbestritten durchaus an¬
gezeigt; die Verabreichung hat dann unter der Beaufsichtigung
der Truppenärzte zu erfolgen.
Kaffee. Tee, Kakao, Schokolade. Wir haben
die Erfahrung gemacht, daß die alleinige Verausgabung von Kaffee
nicht zweckmäßig ist. Die Mannschaften genießen auch den Tee
sehr gern, wie wir in den Badeanstalten beobachtet haben. Auch
Kakao ist. beliebt, hat zudem den Vorteil, daß er gleichzeitig ein
wertvolles Nahrungsmittel ist. Es empfiehlt sieh, diese drei Genuß-
mittel abwechselnd zu verausgaben, wobei dem Kaffee der Vorzug
bleiben soll. Schädigungen sind durch diese Genußmittel nicht
zu befürchten, weil sie bei der Truppe nicht zu stark bereitet
werden.
Auch das Essen von Schokolade ist bei unsern Mannschaften
beliebt und besonders zu empfehlen. Viele ziehen es hoi an¬
strengenden Märschen und im Schützengraben dem Alkohol-
gt misse vor.
Für die heiße Jahreszeit kommen ferner Pfeffermiijztablettcn
in Betracht, die rechtzeitig bereitzustellen wären.
Ta ha k. Die größte Rolle für das Wohlbehagen der Truppe
spielt der Tabak. Unzählige Männer können den Alkohol leicht
entbehren, nicht aber den Tabak. Aus diesem Grunde wird er
zurzeit den Mannschaften reichlich dargeboten (zwei Zigarren und
zwei Zigaretten täglich an jeden Mann). Er gelangt auch in
Menge als Liebesgabe und in Postsendungen an die Front.
Wir dürfen zwar nicht verschweigen, daß übermäßiger Tabak¬
genuß für die Gesundheit nicht immer gleichgültig ist. Es stellen
sich bei manchen starken Rauchern unangenehme Störungen, wie
Nervosität, Herzklopfen und Appetitmangel, ein, welche die mili¬
tärische Leistungsfähigkeit recht beeinträchtigen können. Die
militärischen Vorgesetzten und die Truppenärzte müssen daher
auf solche Leute achten, denen das starke Tabakrauehen nicht
bekommt. Hierfür gibt es ein ziemlich sicheres Erkennungszeichen,
das ist das Auftreten einer bestimmten graugelblichen Gesichts¬
farbe, der eigentlichen „Raucherfarbe“. Diese Raucher sind durch
Belehrung anzuhalten, ihre Leidenschaft c-inzuschränken. Auch
ist darauf zu achten, daß der verausgabte Tabak nicht zu frisch
und zu feucht ist.
Während des Marsches ist das Rauchen nicht zu empfehlen,
weil dann das Herz leichter überanstrengt und der Mund aus-
getrocknet. wird. Die beste Zeit zum Rauchen ist die Zeit nach
dem Marsche, wenn der Mann im Quartier oder im Biwak ist.
Pfeife rauchen ist gegenüber dem Zigarren- und Zigarettenrauehen
vorzuziehen.
9. Prostitution und Geschlechtskrank¬
heiten. In allen früheren Feldzügen haben die Geschlechts¬
krankheiten bei der kämpfenden Truppe und in noch höherem
Maß im Etappengebiet eine bedeutende Rolle gespielt. In dem
letzten deutsch-französischen Krieg 1870/71 hatte das deutsche
Heer allein einen Zugang von 33 538 Geschlechtskranken, deren
Gefechts wert somit wochenlang der Truppe verloren ging.
Die Frage, auf welche Weise man am sichersten der Ueber-
handnahme der Geschlechtskrankheiten im Felde Vorbeugen kann,
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UMIVERSITY OF IOWA
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18.
2. Mai.
ist in der Kriegsliteratur bereits öfter Gegenstand eingehender Be¬
sprechungen gewesen, sodaß wir uns hier darauf beschränken
können, kurz unsern eignen Standpunkt darzulegen. Die Quelle
fast sämtlicher Geschlechtskrankheiten ist die Prostitution nie¬
derster Art, die teils in Bordellen, teils durch die Kellnerinnen
und Dienstmädchen der zahlreichen Wirtschaften (Estaminets),
endlich durch herumschweifende Weiber ausgeübt wird. Die letz¬
teren stellen die unterste Stufe der Huren dar und sind am gefähr¬
lichsten, weil sie am meisten erkrankt sind und mangels eigner
Räume den Soldaten keine Möglichkeit irgendeiner Reinigung nach
dem Geschlechtsverkehre bieten können. Die Einrichtung und
Unterhaltung von Bordellen erscheint uns auch dann bedenklich,
wenn durch regelmäßige ärztliche Untersuchungen die Fernhaltung
kranker Frauenspersonen erstrebt wird. Sie ist einmal praktisch
schwer durchführbar, wie unsere Erfahrungen in einer Stadt von
etwa 15 000 Einwohnern gezeigt haben, woselbst der Bordell¬
betrieb unter dauernder ärztlicher Kontrolle zunächst gestattet
wurde; bei fast jedem Regiment, das dort Ruhequartier bezog,
nahm die Zahl der Geschlechtskranken infolge der im Bordell er¬
folgten Infektionen zu, sodaß es nach kurzer Zeit wieder ge¬
schlossen werden mußte. Die krankbefundenen Insassinnen wur¬
den zwangsweise in das nächste Frauengefängnis gebracht. Zudem
birgt das Bordellu esen eine große sittliche Gefahr in sich dadurch,
daß die Soldaten bei der Freigabe oder gar hei der Empfehlung
solcher Häuser auf den Verkehr mit Prostituierten hingewiesen
werden und damit auch der außereheliche Verkehr verheirateter
Soldaten gleichsam gutgeheißen wird.
Um die Verbreitung geschlechtlicher Erkrankungen in der
Armee zu verhindern, muß die völlige geschlechtliche Enthaltsam¬
keit während der Dauer des Kriegs gefordert werden. Bei den
großen Opfern, welche der gegenwärtige Krieg von jedem Ein¬
zelnen fordert, und angesichts der Frage, daß Sein oder Nichtsein
des deutschen Vaterlandes auf dem Spiele steht, kann diese Selbst¬
überwindung nicht mehr als undurchführbar oder ungerechtfertigt
angesehen werden. Zahlreiche Soldaten, die jetzt durch geschlecht¬
liche Erkrankung wochenlang kampfunfähig werden, könnten dem
Heer erhalten bleiben, zahlreiche Nachkrankheiten unsern Frauen
in der Heimat erspart werden. Nicht nur im Offizierstande, auch
im Mannschaftskreise muß die Anschauung wachgehalten werden,
daß ein verheirateter Mann, der sich mit einer Dirne einläßt, eine
Ehrlosigkeit begeht. Um dem einzelnen Manne die Enthaltsamkeit
vom außerehelichen Geschlechtsverkehre leichter zu machen, ist
es erfordeslich. daß jede öffentliche Propaganda der Prostituierten
streng unterdrückt wird. Hierfür ist die Schließung der Bordelle
und die Einsperrung aller (len Behörden und Polizeibeamten be¬
kannten Prostituierten sowie aller von der Truppe ermittelten
Prostituierten in Arbeitshäuser das einzig' wirksame Mittel. Wo
Arbeitshäuser in dem besetzten Gebiete nicht bestehen, müssen
sie geschaffen werden. Wir haben in dem mehrfach erwähnten
Ort,, an dein das Korpskommando seinen Sitz hat, ein Arbeitshaus
eingerichtet, das an ein Feldlazarett angeschlossen ist; in diesem
müssen die Insassinnen nützliche Arbeiten für das Sanitätsbad.
verrichten, insbesondere (las Aushessern der Mannschaftswäsche
besorgen, während gleichzeitig die Geschlechtskranken unter
ihnen ärztlich behandelt werden. Auf den Einwand, den wir
hier und da zu hören bekommen, daß man die sogenannte geheime
Prostitution nicht fassen könne, sei bemerkt, daß diejenige Pro¬
stitution, die einem energischen Vorgehen aller beteiligten Be¬
hörden gegenüber geheim bleibt, eben auch nicht den Schaden an-
richtet, wie die gewissenlosen, offen herumstreifenden Frauen¬
zimmer. Dazu kommt, daß die geheime Prostitution, je mehr sie
sieh in die Bürgerkreise erstreckt, desto mehr abge,schreckt wird,
je rücksichtsloser die überführten Personen in Arbeitshäuser ein-
gesperrt werden.
Die Bekämpfung der Prostitution müssen wir wirksam unter¬
stützen dadurch, daß wir die Not unter der weiblichen Bevölke¬
rung. deren Ernährer im Felde stehen, planmäßig nicht nur durch
Verteilung von Nahrungsmitteln, sondern auch durch Verschaffung
von Arbeitsgelegenheit bekämpfen, damit nicht Frauen und
Mädchen durch den Hunger der Prostitution in die Arme getrieben
werden. In dem eben besprochenen Arbeitshau.se waren drei
Viertel der Untergebraebtcn aus Not auf die schiefe Ebene geraten.
Wo sich das obige Vorgehen, zumal in größeren Städten, zu¬
nächst nicht durchführen läßt, muß man als Mindestforderung die
Isolierung- aller krankem Individuen verlangen. Diesem Zwecke
dienen folgende Bestimmungen, die im Bereich unserer Armee er¬
lassen wurden. Feber alle Dirnen sind Listen anzulegen, sie sind
5 W( imal wöchentlich ärztlich zu untersuchen. Außerdem wird in
jedem Falle von Geschlechtskrankheit bei einem Soldaten eine
genaue Ermittlung nach der Infektionsquelle eingeleitet und jede
hierbei ermittelte Person entweder einem Frauengefängnis oder
einem bestimmten Zivilkrankenhaus überwiesen.
Hand in Hand mit den Maßnahmen gegen die Prosti¬
tuierten geht eine häufige Belehrung und Untersuchung
der Mannschaften auf Geschlechtskrankheiten einher. Ganz
besonders ist auf die Gefahr aufmerksam zu machen, die
der Alkohol als Verführer zum Verkehre mit Dirnen bietet.
Weiterhin ist jedem Soldaten, welcher geschlechtlichen Ver¬
kehr gehabt hat, eine baldige prophylaktische Behandlung mit
20 % iger Protargolglycerinlösung und 4%iger Kalomeisalbe zu
ermöglichen; zu diesem Zwecke wird in den Ruhcquartieren un¬
mittelbar nach Zapfenstreich ein besonderer Abendrevierdienst
durch die Sanitätsunteroffiziere der einzelnen Truppenteile ein¬
gerichtet, bei welchem Mannschaften, welche Geschlechtsverkehr
gehabt haben, sich einer vorbeugenden Behandlung unterziehen
sollen. Ueber die Gefährlichkeit der Geschlechtskrankheiten
gehen ferner große Plakate Auskunft, welche an geeigneten Stellen
der Truppenunterkünfte, z. B. in der Nähe der Latrinen, auf¬
gehängt werden.
Abgeschlossen Anfang März 1915.
Aerztliche Tätigkeit und Erfahrungen beim
Feldlazarett
von
Dr. Liebert, Ulm,
zurzeit Stabsarzt d. R. bei einem Feldlazarett.
Daß bei den Sanitätsformationen an der Front (Truppen-.
Hauptverbandplatz, Feldlazarett) vor allem Mangel an Zeit
zwingt, beim Versorgen der Verletzungen nur das allernotwendigste
auszuführen, haben alle erkannt und betont, die je Gelegenheit
hatten, kriegschirurgische Erfahrungen zu sammeln, wenn sie auch
meist nicht in den vordersten Linien tätig sein konnten, da dies
fremden Aerzten in der Regel nicht gestattet wird. Aber auch
diejenigen, die bereits kriegschirurgisch tätig waren, werden doch
überrascht gewesen sein, in welchem Grade man sich auch bei
der Tätigkeit im Feldlazarett — von den Verbandplätzen gilt das
natürlich noch vielmehr — auf das allernotwendigste beschränken
muß, wenn anders diese eine für die Allgemeinheit ersprießliche
sein und die Arbeit überhaupt bewältigt werden soll.
Die Arbeit, die den Feldlazaretten bei ihrer Etablierung zufiel,
war meist sehr erheblich. Normalerweise für die Aufnahme von
200 Verletzten eingerichtet, hatten sie für gewöhnlich eine bei
weitem größere Anzahl von Verwundeten — oft die doppelte und
I dreifache Zahl — zu versorgen, die in der Regel innerhalb von
wenigen Stunden zugehen oder bei der Etablierung bereits vor¬
gefunden werden.
Kaum einer wird sich bei dem Andrang von Verletzten
während der ersten Stunden, wenn man nicht weiß, wo man mit
der Arbeit anfangen soll, des Gefühls der Hilflosigkeit haben
erwehren können. Gerade der Beginn der Arbeit stellt an die
Nerven außerordentliche Ansprüche, und es bedarf aller Energie
der oft schier erdrückenden Arbeitslast gegenüber Ruhe und Um¬
sicht zu bewahren. Man muß sich dessen bewußt sein, daß man
im Felde leider nicht in der Lage ist, alle Verletzungen so zu ver¬
sorgen, wie es an und für sich wünschenswert wäre und in
Friedenszeiten unbedingt gefordert werden müßte. Man darf aber
auch die Uebcrzeugung haben, daß man trotzdem bei sach¬
gemäßem zwekmäßigen Vorgehen viel, ja man kann sagen sehr
viel, erreichen kann. Daß bisweilen (1er einzelne zurückstehen
muß zugunsten der Allgemeinheit, läßt sich bei dem Massen¬
andrang von Verwundeten leider nicht vermeiden. Allerdings ist
absolut systematisches und konsequentes, mit Umsicht und
Energie durchgeführtes Arbeiten nötig, wenn man den Anforde¬
rungen gerecht werden will, welche die Situation bei der Etablie¬
rung eines Feldlazaretts in der Regel stellt. Die Hauptkunst de?
Feldarztes liegt vor allem darin, das Notwendigste zu e . r '
kennen. Dieses so rasch und zweckmäßig^ 10
möglich auszuführen, muß oberster G r u n d ^
sein. Außerordentlich wichtig ist eine richtige Ar bei *
teilung bei den Aerzten und dem g es a m n* i
Sanitätspersonal. Leicht- und Schwerverletzte sind som
zu sortieren und getrennt zu verbinden. Auf den Operation* i "'>
dürfen nur diejenigen kommen, bei denen ein größerer Verband »<
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Original frnrri
UNIVERSUM OF IOWA
2. Mai. 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18. 509
ausgiebigere Wundversorgung notwendig ist. Werden Verletzte mit
gutsitzenden Verbänden eingeliefert, so dürfen diese, falls keine be¬
sondere Veranlassung vorliegt, auf keinen Fall abgenommen werden.
Alle einigermaßen zeitraubenden Maßnahmen sind nach Möglichkeit
auf die nächsten Tage zu verschieben, sofern dies ohne Schaden
für den Verletzten geschehen kann. Es kann sieh notwendiger¬
weise bei der ärztlichen Tätigkeit im Feldlazarett im allgemeinen
zunächst nur um Verbinden handeln und um ein Versorgen kom¬
plizierter Wunden im gröbsten (Spaltung von Taschen, Entfernung
von losen Gewebsfetzen, Abtragung von zerschmetterten Glied¬
maßen. soweit sie nur an Weichteilbrücken hängen). Wirkliche
operative Eingriffe können bei der ersten Versorgung der Ver¬
letzten nur dann in Betracht kommen, wenn eine dringende Indi¬
kation vorliegt (Tracheotomie, Gefäßunterbindung, Urethrotoniio),
andernfalls müssen sie auf die nächsten Tage verschoben werden.
Beim Verbinden kleinerer Wunden lmt uns das
Mastisol ausgezeichnete Dienste geleistet, da es ein sehr rasches
Arbeiten gestattet, Verbandstoffe spart und die aufgelegten Tupfer
gut fixiert. Statt des Pinsels sollte, um Uebortragung von Infektion
zu vermeiden, zum Aufträgen des Mastisols jedesmal ein frischer
Tupfer verwandt werden. Allein des raschen Arbeiten* wegen ist
es von großem Werte, und sicherlich werden es alle, die bei den
vordersten »Sanitätsformationen arbeiten, schätzen lernen und bei
einem Massenandrang von Verwundeten nur ungern missen.
Auch die d e f i n i t i v e Versorg u n g viel e r S c h u ß -
brliehe (vor allem der Frakturen der unteren Extremität) mit
fixierenden Verbänden erfordert bei weitem mehr Zeit, als bei der
«raten Versorgung der Verwundeten meist zur Verfügung steht.
Sie nmß deshalb auf die nächsten Tage verschoben werden, und
man muß sich mit einer provisorischen Fixierung begnügen. Diese
wird bei der unteren Extremität am besten durch zweckmäßige
Lagerung erreicht, eventuell unter Zuhilfenahme einer geeigneten
Schiene (Strohschienen!), an die das verletzte Glied mit einigen
ßiudentouren angewickelt wird. Sehußbrüehe der oberen Extremi-
tät werden durch einige Bindentouren im »Sinne eines Dessaultschen
Verbandes an den Thorax fixiert-, unter Umständen genügt auch
Lagerung in ein dreieckiges Tuch. Diese provisorische Versorgung
der Sehußbrüehe läßt sich auf einige Tage ohne »Schaden für den
Verletzten durchführen.
Für die Lagerung von Oberschcnkelbrüehen hatte ich mittels
Stühlen ein recht zweckmäßiges Planum duplex inelinatum im¬
provisiert: Die »Stühle werden auf die obere Kante der Stuhllehne
und die vordere Kante des Sitzbrettes gestellt und das Bein wird
nach Anlegung einer rechtwinklig abgebogenm Drahtsrhiene,
die tim Unterschenkel mit Bindentouren fixiert wird, so darauf ge¬
lagert, daß der Oberschenkel auf die Unterflüche des Sitzhrettes.
der Unterschenkel auf die Hinterfläche der Lehne zu liegen
kommt. Das Knie ruht auf der Hinterkante des Sitzbrettes, die
gut gepolstert wird. Der Unterschenkel wird nun über diese Kante
so hinweggehebelt, daß die Beekenhülfte der verletzten Seile leicht
iingcliobmi wird. Fixiert man dann den Unterschenkel mit einigen
Touren an die Stuhllehne, so wird der Oberschenkel durch die
f, igne »Schwere und die des Beckens gestreckt und eine Ver¬
kürzung schließlich vollständig ausgeglichen, wenn die Spannung
der Muskulatur naehläßt. Ich hatte den Eindruck, daß bei Splitier-
brüilien des Oberschenkels — um solche handelt es sich ja in der
Thgel bei Schußverletzungen — allein durch diese Art der ..»Streck-
mgerung“ ein gutes Heilresultat zu erzielen sei mul sie sieh daher
auch zur definitiven Versorgung der Oberschenkelschußbrürhe
eignet.
Als definitiver Verband für die »Sehußbrüehe kommt im Feld¬
lazarett mit Rücksicht auf den Abtransport einzig und allein der
fixierende Verband von genügender Stabilität in Betracht. Für die
nmisttn Oberarmbriiehe genügt der durch Stärkebinden verstärkte
essanlfsclu 1 Verband. Für leicht zu reponierende und leicht in
>uUr Stellung zu fixierende Vorderarnibrüche genügt ein I'app-
S| ‘meiienstärkeverband. Für die Frakturen der unteren Extremi-
GUm und alle Sclmßbüehe der oberen Extremität, wenn sie durch
■lujsgedelinte Weichteilwunden kompliziert sind oder die Fixierung
hi guter Stellung schwierig ist, empfiehlt sich, wenn genügend
)' or haiiden ist, der Gipsverband, da er zweifellos am stabilsten
! llH ‘ 1,1 v i°h‘n Fällen allein geeignet ist. eine möglichst gute St«d-
mi<r der Bruchstücke zu garantieren. Wenn irgend möglich, muß
•inits in, Feldlazarett auf die gute Stellung der Rniclnrnden
U'kMolu genommen werden, während auf den Verbandplätzen
r ' m : ,i( ‘ provisorische Fixierung des verletzten Gliedes auf
,1 -'O'lcitK« zweckmäßige Art und Welse als Hauptforderung zu
a cii ist. Besonders wichtig für eine möglichst, gute Heilung
ist der unter möglichst starkem Zug angelegte Gipsverband
zweifellos bei den Uberschenkelbrüehen. da er einzig und allein
imstande ist. eine Verkürzung auszugleichen respektive einer
solchen vorzubeugen. Die gerade bei den Splitterbriiclien oft sehr
erhebliche Retraktion der mächtigen Ohersrlienkehmiskulatur läßt
sich, wenn allzulange Zeit verstrichen ist, durchaus nicht stets
leicht vollständig ausgleichen.
Wichtig ist, daß Schußbrüche, vor allem wieder die Ober¬
schenkelbrüche, möglichst rasch in ein Lazarett übergeführt, wer¬
den, in dem alle Hilfsmittel zur Frakturbehandhing zur Verfügung
stehen, und zwar so zeitig, daß eine Richtigstellung der Bruch¬
stücke ohne weiteres noch möglich ist.
Außer den Sehußhrüehen sind auch d io G e 1 e n k Ver¬
letzungen unbedingt mit lixierenden Verbänden zu versehen,
auch dann, w< im die Knochen der Gelenkemlcn nicht verletzt oder
glatt durchschlagen sind. Namentlich bei dort Geirnken der unteren
Extremitäten kann das Unterlassen genügender Fixation zu schweren
Vereiterungen führen, die die Erhaltung der Extremität, ja selbst das
Leben in Frage stellen können. Man soll nie vergessen, daß keine
Schußwunde steril ist und daß ungeeignete lh bandlung — dazu
gehört bei Knochens und Gelenkverletzungeii in erster Linie
mangelnde Ruhigstclhmg des verletzten Gliedes — jederzeit den
Ausbruch einer Entzündung veranlassen kann. In der Ruhe ist «las
Korpcrgewebo am wider.-damlsfähigsten gegen eine Infektion.
Daher auch die strikte Forderung, gut. fixierende Vorhände auzu-
I«g'en, die bei den Gedenk- und Kimcheu>cliiissen vor allem auch
( ine as( ptischo Maßnahme bedeuten und bei letzteren durchaus
nicht nur zur Rieht igwi elliuig der Bruchstücke dienen. Bei Ge-
1 e n k - u n d K n o e h e u s e h ü s s e n m i t kJ e j n e m E i n -
u n d A u s s c h u ß d il r f t e d er f i x i e r e u d e V e r b a n <1
für den r e a k tio n s1ose n W un d v e r1au f so g a r
w i e li t i g e r sein als d < j r W u n d v e r b a n d.
Voll einer nenn« nsvverteil operativen Tätigkeit konnte bei uns,
auch nachdem d« r ersle Andrang von Verwund« ft n bew ältigt und
einig« rmaßeii Grdnung in dein ursprüiigii«di« n Chaos ges« haften
war. nicht: die Rede sein, wenn man nicht gerade jede Ahse« ß-
spaltuug und ausgiebigere \\ undr-w Lion als (äiei ,;t'«'H Ikv.« ichneu
will. Kl« inero Eingriffe zur Bes>erg«-staltung «i« v WundvephäU-
nisse wurden muiirlieh vielfach nötig und weite,hin mußieii ge-
legvntlieh Ab>ce>so und Phlegmonen gespalten wenhn. Prin¬
zipiell operierten wir «'ine Anzahl tangentialer SrhadeUrliij-se.
1 >e*r Eingriff wurde in Form eilies ausgiebigen D« nridrincnf.- —
von einer „Trepanation" kann man ja kaum sprechen, denn di«'
hat das Geschoß bereits besorgt — mit größter Voieicht so atts-
g< führt, daß nach Umsohiieidung der \Vun«lrän«ler «U v Kopf¬
seite, arte die zertriimm« nc Ilirnsubstanz und die losen Knochen¬
splitter, vor allem auch die in das Hirn eiiig'-dimieeijen. entfernt
wurtlen. Alle Fälle waren infiziert, die meisten Wunden direkt
jauchig, obgleich sie am zweiten und dritten Tage nach der Ver¬
letzung operiert wimh-n. Bei allen fand sieh eine starke Zer-
trümiiH nmg des Knochens und <lie mit großer Gewalt in die Uirn-
Mthsfanz pe.'-elileinlerten Knochensplitter hatten mmgedehnle Zer-
• riiiumefung.-diöhlen in der Hirusubstanz geschaff« n. ttluie auf di<*
Zweckmäßigkeit un«l lh rechtigung «liest's Eingriffs hei tangentialen
Schä<hfcehüssen hier näher oinzngehen. mochte icli nur darauf
liinwtiscn. daß deis« Ibe sieh überall, wo sterile 1 n-iiunmnte und
\'erbandst«>ffe zur Wrfiigung sieben, absolut- aseptisch gestalten
ui mI bei vor siclitigem Hantieren ohne jede unnötige Gew ob-Schädi¬
gung attsfiilir« n läßt. Diese ..Trepanationen" sin«!, was die Schwere
des Eingriffs uti«l die Möglichkeit der as«'ptis«dien Durchführung
anbetrifft, auf keinen Fall mit einer Laparotomie zu vergh ielien.
es liand« Ir sich eben dabei nur um ein«' gründliche Wundrcvisioii.
Es ist nur zu bedauern, daß es infolge von Zeitmangel oft nicht
möglich sein wird, «len Eingriff sofort bei der Einiieferuug vor¬
hin Innen.
Bei der Ausfüllung von \ m ptt t a t i o n e n solltu man so
zurückhaltend wie möglich sein und nur amputieren. w«mn < ine vitale
Indikation bestellt, die in der Regel durch eine Infektion geg«d>en
sein wird, oder wenn infolge schwerer Zertrümmerung da.^ Ein¬
treten einer Gang« in absolut sudlet ist. Nicht m li« ii läßt sieh auch
bei nu>geilehnfcn Zertrümmerungen, die auf den ersten Anblick
den Eimlrnck «;ines Amputationsfalls machen, die Extremität
noch erhalten. liier sei bemerkt, daß regelrechte Amputationen
am besteh den Feldlazaretten überlasten würden und nicht auf
dem Haupt Verbandplatz au.-gvfülirf werden sollten, fall- nicht
eine ganz hrsomh re. diingrtnie Indikation bestellt. Ausdrücklich
muß darauf hing« w ies« n werden, daß es auf je«l< n Fall ein Felder
i-t, nach Amputationen, wenn man die Fälle nicht in stationärer
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2. Mai.
510 1915 _ MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18.
Behandlung behalten kann, zu nähen. Das scheint nicht allge¬
mein bekannt zu sein.
Hier wäre auch darauf hinzuweisen, daß bei Anlegen des
Schlauches auf den Verbandplätzen große Vorsicht geboten ist,
da leider Fälle vorgekommen sind, bei denen infolge zu langen
Liegens des Schlauches Gangrän eingetreten ist. Im allgemeinen
werden Blutungen aus großen Gefäßen entweder so rasch tödlich
sein, daß jede Hilfe zu spät kommt, oder sie werden schließlich
spontan stehen, sodaß das Anlegen des Schlauches entbehrlich
sein wird. Immerhin wird es begreiflicherweise kein leichter Ent¬
schluß sein, eine stark blutende Verletzung ohne Schlauch zu
lassen. Gelegentlich wird doch eine Verblutung dadurch ver¬
hindert werden können. Es müßte unbedingt dafür gesorgt wer¬
den, daß Verwendete, bei denen der Schlauch angelegt wurde,
unter dauernder Begleitung, am besten eines Sanitätsmanns,
mindestens aber von Kameraden bleiben. Sowohl der Verletzte
als auch der Begleitmann wären genau zu instruieren und der
letztere anzuweisen, nach zwei Stunden den Schlauch zu lösen.
In der Regel wird dann die Blutung stehen. Schlimmstenfalls
müßte der Verletzte selbst den Schlauch lösen. Steht die Blutung
nicht, so wäre nach temporärer lokaler Kompression mit der Hand
der Schlauch wieder anzulegen.
Schwere Nachblutungen traten vom neunten Tage
nach der Verletzung ab mehrfach auf und machten die Unter¬
bindung der verletzten Gefäße nötig. In einem Falle war die Ver¬
anlassung dazu das Pressen beim Stuhlgänge. Der Mann wurde
sclnver collabiert in der Latrine gefunden (es handelte sich um eine
Blutung aus der Arteria cubitalis).
Tetanusfälle beobachteten wir unter 190 Verletzten
sechs. Der erste trat- am achten Tage nach der Verletzung auf, die
übrigen im Laufe der nächsten vier Tage. Vermutlich werden auch
noch weitere Fälle aufgetreten sein. Ueber den Ausgang kann ich
nichts sagen, da wir das Lazarett am zwölften Tag ahgaben.
Bei sämtlichen an Tetanus Erkrankten waren ausgedehnte, durch
Schrapnell- oder Granatsplitter verursachte Zertrümmerungs¬
wunden an den Unterschenkeln und Füßen vorhanden, die wahr¬
scheinlich als Ausgangsort für die Infektion anzusprechen waren.
(Mit Ausnahme eines einzigen Falles, bei dem die Infektion ver¬
mutlich von einer Granatsplitterwunde am Oberarm ausgingA
Bei der traurigen Prognose, welche die Tetanusfälle, wenigstens
bei kurzfristiger Inkubationszeit, bieten, ist es mit Freude zu be¬
grüßen, daß wir jetzt Tetanusantitoxin erhalten haben. Soweit
als möglich, sollte bei ausgedehnten Wunden an Unterschenkeln
und Füßen prophylaktisch Serum angewandt werden.
Was die W u n d i n f e k t i o n e n betrifft, so ist zu bemerken,
daß wir mehrere Fälle an foudroyanter Sepsis
verloren. Sie verliefen von vornherein unter dem Bild einer
schwersten Allgemeininfektion und führten innerhalb von
24 Stunden, vom Beginn der ersten Symptome an gerechnet,
unter Entstehung eines rasch sich ausbreitenden Oedeins, zum
Tode. Auch von andern sind solche Fälle, die klinisch als malignes
Oedem anzuspreehen waren, beobachtet worden. Die Infektion
im Krieg ist also durchaus nicht immer so gutartig, wie das mit¬
unter betont wird. Bei vielen Schußverletzungen ist das ja
glücklicherweise der Fali. Die schwersten Infektionen bekommt
man aber in den weiter rückwärts gelegenen Lazaretten eben
nicht zu sehen, da die Fälle vorher zugrunde gehen. Ueberhaupt.
ist das Bild, das man von den Kriegsverletzungen erhält, sehr
davon abhängig, in welcher Etappe man sie zu sehen bekommt.
Es ist an der Front erheblich anders als in den Lazaretten der
Heimat. Wer ein richtiges Bild von den Kriegsverletzungen er¬
halten will, muß diese unbedingt auf den verschiedenen Stationen
von der Front bis in die Reservelazarette gesehen haben. Das gilt
auch namentlich bezüglich der Schwere der Klein-
kaliberverletz ungen. In den allermeisten Fällen bekommt
man in den rückwärtigen Lazaretten glatte Durchschüsse zu sehen
mit kleinem Ein- und Ausschuß. Um so interessanter war es mir.
auf einem Hauptverbandplatz eine große Anzahl von Kleinkaliber-
,schlissen aus naher Entfernung (bis zu 200 m) zu sehen, bei denen
ein kleiner, kalibergroßer Ein- und Ausschuß direkt zu den Selten-
luinn gehörten, trotzdem es sieh vielfach um reine Weiehteil-
schibse handelte. Auch bei fünf Franktireurs, die aus 10 m Ent-
fernmiir mir unserni Militärgewehr erschossen worden waren, fand
ich ausgedehnte Zerreißungen, bei drei andern waren die Geschosse
«datt durchgeschlagen. Möglicherweise waren die Geschosse bei den
Gefechtsverletzungen zum Teil als Querschläger eingedrungen,
nachdem sie eventuell abgeprallt und vielleicht dadurch auch
deformiert worden waren. Bei den Erschießungen dürfte Quer-
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Schlägerwirkung der nahen Entfernung wegen wohl auszu¬
schließen sein. Die Verletzungen der erschossenen Franktireurs
beweisen wieder — w r as ja bereits bekannt ist —, daß auch auf
allernächste Entfernung Geschosse glatt durchschlagen können
unter Hinterlassung eines kleinen Ein- und Ausschusses, zeigen
aber anderseits ebenso wie die Gefechts Verletzungen, daß bei
regulären Kleinkaliberschüssen aus naherEnt-
f e r n u n g , infolge der durch die enorme Geschwindigkeit bedingten
starken Seitenwirkung der Geschosse, doch recht häufigaus¬
gedehntere Verletzungen verursacht werden. In
den weiter rückwärts gelegenen Lazaretten wird man begreiflicher¬
weise selten Gelegenheit haben, eine große Anzahl solcher Ver¬
letzungen zusammen zu sehen, da sich das Verw’undetenmaterial
entsprechend verteilt. Die Franktireurverletzungen beweisen auch,
daß nicht jede Gewehrschußwunde, die nicht einen
kleinen Ein- und Ausschuß aufweist, notwendigerweise durch
ein Dum-D umgeschoß verursacht zu sein
braucht, wenn auch diese auf nahe Entfernungen ganz besonders
schwere Verletzungen hervormfen. Leider ist es unmöglich, aus der
anatomischen Beschaffenheit der Wunde allein mit Sicherheit eine
Dum-Dumverletzung zu diagnostizieren, denn, wie erwähnt, ver¬
ursachen selbst reguläre kleinkalibrige Projektile bei geringer
Schußweite, namentlich aber als Querschläger, oder wenn durch
Aufschlagen oder Durchschlagen deformiert, ebenso wie Schrap¬
nell- und Granatsplitter ganz gleiche Verletzungen. DerSchuß-
effekt ist übrigens — darauf sei noch hingewiesen, weil
es den verschiedenen Ausfall desselben bei sonst gleichen Schuß-
bcdingungen (Fluggeschwindigkeit, Beschaffenheit des Geschosses
usw.) erklärt — auch in hohem Grade von der physi¬
kalischen Beschaffenheit des Ziels abhängig.
Abgesehen davon, daß er am Körper sehr verschieden ausfällt, je
nachdem Weichteile oder Knochen getroffen werden (Weichteile
werden meist glatt durchschlagen, harte, spröde Knochen stets
zertrümmert,), wechselt am lebenden Körper auch die physi¬
kalische Beschaffenheit der einzelnen Organe
und Gewebe sehr erheblich. Dadurch kann die Schuß-
wirkung unter Umständen beträchtlich beeinflußt werden. Hohl¬
organe, zum Beispiel Darm und Blase, werden in leerem Zustande
glatt durchschlagen, in gefülltem zersprengt. Bei den Weichteil¬
verletzungen dürfte der verschiedene Contractionszustand der
Muskulatur eine Rolle spielen und die bisweilen verschiedenen
Schußeffekte bei Verletzungen an gleicher Stelle und bei sonst
gleichen Schußbedingungen erklären l ).
Zum Schlüsse noch einige Worte über den Abtransport
der Verletzten, der für den Verlauf der Schußverletzungen
ebenso wichtig ist wie die Versorgung der Verletzungen. Es kann
nicht genug betont w'erden, daß alles aufgeboten werden muß,
um den Transport von den vordersten Linien an bis in die
Heimatlazarette in jeder Beziehung so schonendwie
möglich zu gestalten, wenn anders die bestmöglichsten
Resultate bei der Heilung der Kriegsverletzungen erzielt werden
sollen. Abgesehen von möglichst guten Transportmitteln in ge¬
nügender Anzahl, setzt die sachgemäße Durchführung des Rück¬
transports Rücksichtnahme auf die Transportfähigkeifc der Ver¬
letzten voraus. Die Auswahl des richtigen Zeit-
p u nkt.s zum Rücktransport ist im allgemeinen und für
viele Verletzungen ganz besonders wichtig.
Leichtverletzte sind sofort abzutransportieren.
Bauch-, H i r n - u n d Lungenschüsse und allgemein
alle Schwerverletzten müssen eine Zeitlang im Feld¬
lazarett ruhig liegen bleiben, bevor sie abtransportiert werden.
Einfache Schußbrüche sind, wie bereits erwähnt, bald¬
möglichst zurückzu transportier^ nachdem sie einen fixierenden
Verband erhalten haben. Knochenschüsse, die durch
ausgedehnte Weichteilverletzungen kompli¬
ziert sind, und alle Oberschenkelbrüche sollten
jedoch ebenfalls erst einige Tage im Lazarett ruhig liegen bleiben.
Auch die Ruhigstellung des ganzen Körpers wäh¬
rend der ersten Tage nach der Verletzung ist zur Vermeidung von
Wundkomplikationen von großer Wichtigkeit. Außerordentlich
gefährdet auf dem Transport sind nicht aseptische Ver¬
letzungen größerer Blutgefäße. Sie sollten auf
keinen Fall transportiert werden, bevor das verletzte Gefäß unter¬
bunden ist.
Im Einzelfalle muß die chirurgische Erfahrung darüber ent-
‘j Siehe meine Arbeit über „Sprengwirkung bei Kleinkalib^r I
Verletzungen“. Kriegschirurgische Hefte der Beiträge zur kimi.-'C
Chirurgie Bd. 96, H. 1. i
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK
511
— Nr. 18.
scheiden, wann am besten der Rücktransport erfolgt. Jedenfalls I Vermutlich wird der jetzige Krieg manche Aenderung in der
sollte im allgemeinen der Aufenthalt im Feldlazarett nur so lange | Organisation des Sanitätsdienstes an der Front zur Folge haben,
dauern, bis der Zustand des Patienten den Rücktransport gestattet, immer aber wird die ärztliche Tätigkeit bei den vordersten Sani-
lm Interesse der Verletzten wäre es zweifellos, wenn der Abschub j tätsformationen und das richtige Dirigieren derselben eine außer-
der meisten Verwundeten noch durch die Aerzte des Feldlazaretts j ordentlich schwierige sein und die allergrößten Anforderungen
geleitet werden könnte, da diese den einzelnen Fall kennen. ( an das Können und die Energie der Aerzte stellen.
Abhandlungen.
Aus der Dermatologischen Universitätsklinik, Breslau.
Zur Frage der Aetiologie der Adnexerkrankungen
von
Geh. Med.-Rat Prof. Dr. A. Neisser.
Noch immer, obgleich seit der 1879 erfolgten Ent¬
deckung der Gonokokken eine Unzahl von Arbeiten über die
gonorrhoische Aetiologie der Adnexerkrankungen erschienen
sind, herrscht keine Uebereinstimmung über diese Frage,
speziell nicht zwischen uns „Andrologen“ und den Gynä¬
kologen. Die meisten Frauenärzte stehen auf dem Stand¬
punkte: wenn eine bisher gesunde Frau im Laufe des ersten
oder der ersten Ehejahre, oder nach der ersten Entbindung
eine ascendierende Endometritis und Adnexentzündung be¬
kommt, so wird, falls der Mann früher eine Gonorrhöe gehabt
hat, der Krankheitsprozeß eo ipso als gonorrhoische Infektion
angesehen. Selbst wenn es trotz häufig und mit allen provo¬
katorischen „Schikanen“ wiederholter Untersuchungen des
Mannes nicht gelingt, bei ihm Gonokokken nachzuweisen,
sind viele Gynäkologen von ihrer Auffassung nicht abzu-
bringen und erklären das negative Untersuchungsresultat der
Männer als nichts beweisend, als Untersuchungsfehler.
Gegen diesen Standpunkt möchte ich Stellung nehmen,
lind zwar aus verschiedenen Gründen:
1. Die seitens der Frauenärzte den erkrankten Frauen
mehr oder weniger offen mitgeteilte Auffassung führt in vielen
Fällen zu schweren Ehekonflikten, ja zu Ehescheidungen.
Dieses Moment dürfte natürlich nicht ins Gewicht fallen, wenn
die Tatsache, daß wirklich eine Infektion der Frau durch den
Mann stattgefunden habe, richtig und erwiesen wäre.
Aber in sehr vielen mir bekannten Fällen ist weder bei der
Frau noch beim Manne der Gonokokkennachweis erbracht,
trotz der immer wiederholten Behauptung des Frauenarztes,
der klinische Befund sei so typisch, daß ohne Zweifel
Donorrhöe vorliege. Oft werden Fehldiagnosen gestellt, in¬
dem harmlose Kokken für Gonokokken gehalten werden; die
Schwierigkeit der Gonokokkendiagnose wird von vielen recht
unterschätzt. Ja, es wird nach meinen persönlichen Erfah¬
rungen leider oft auch nicht einmal der Versuch gemacht,
durch mikroskopische Untersuchung den Tatbestand festzu¬
stellen. Und doch dürften schon aus allgemeinen mensch¬
lichen Gründen so schwerwiegende Behauptungen nicht auf-
gestellt werden, wenn jeder Beweis — außer dem durch den
Mann gegebenen Verdachtsmoment — fehlt.
2. Dieser „gon orrh ö i s ch e“ Standpunkt
verhindert aber auch einen weiteren Aus¬
bau der Therapie. Dieselbe ist jetzt teils eine rein
symptomatische (zur Beseitigung der Beschwerden,
'Schmerzen usw.), teils eventuell eine operative. Für
beide Zwecke ist es gleichgültig, welche Ursache dem zu be¬
handelnden Leiden zugrunde liegt.
Nun hat sich uns aber doch in den letzten Jahren die
‘löglichkeiteinerspecifisch-ätiologischen
I herapie durch die Einführung aktiv-immunisierender
bchutzstoffe, der sogenannten Vaccins, eröffnet. Will man
f be>e für die Behandlung der Adnexerkrankungen ausnutzen,
nnj ß man den specifischen Erreger kennen; zum
mindesten darf man sich nicht von vornherein einseitig dar-
ai >f versteifen, daß nur Gonokokken solche Erkrankungen
Erzeugen können, und darf nicht nur mit GC-Vaccins (Arthi-
&°n und dergleichen) arbeiten. Vielleicht beruht der häufig
berichtete Mißerfolg dieser Arthigontherapie bei den so¬
genannten ,,gonorrhoischen“ Adnexerkrankungen darauf, daß
es gar keine gonorrhoischen Affektioneu waren. —
Schon theoretisch liegt doch die Möglichkeit nahe, daß
andere, Entzündung und Eiterung erzeugende Bakterien
von der Scheide her das Endometrium unter günstigen Vor¬
bedingungen infizieren und ascendierende Prozesse erzeugen,
auch ohne daß eine Uebertragung seitens der Männer statt¬
findet. Eine besondere — anscheinend häufig übersehene —
Rolle spielen dabei unvorsichtige, mit zu hohem Druck aus¬
geführte Scheidenspülungen.
Aber auch die vorliegenden bakteriologischen
Untersuchungen haben bewiesen, daß neben gonokokken-
haltigem Eiter in Tubensäcken und dergleichen Prozesse Vor¬
kommen, die Staphylokokken, Streptokokken
usw. führen. Den Einwand, daß früher doch Gonokokken
vorhanden waren, im Eiter aber zugrunde gegangen und des¬
halb nicht nachweisbar seien, kann man natürlich nicht wider¬
legen, aber ebensowenig als berechtigt erweisen.
3. Ein sorgfältiges bakteriologisches Arbeiten der Gynä¬
kologen würde aber vielleicht auch zur Lösung folgender
Frage beitragen:
Wenn wir Männer mit Bezug auf die Frage des Ehe¬
konsenses untersuchen oder wenn sie uns von Frauenärzten
wegen der vermuteten „Gonorrhöe“ der Ehefrauen zu-
gesehickt werden, so suchen wir stets nur nach Gono¬
kokken. Nun führt aber jede postgonorrhoische
Urethritis der Männer — und solche besteht ja in der
Tat bei sehr vielen Männern, die sich verheiraten wollen oder
schon geheiratet haben — massenhaft Bakterien versehie-
( denster Art: Kokken und Bacillen, grainpositive und gram-
I negative. Besteht denn nicht die Möglichkeit, daß — wenig-
j stens hin und wieder — irgendeine dieser Bakterienarten
pathogene Eigenschaften hat und vielleicht auf den Schleim¬
häuten der weiblichen Genitalien Katarrhe und dergleichen
erzeugen kann? Wäre also die Behauptung der
•Frauenärzte, daß die jungen Ehefrauen
doch stets von ihren Ehemännern infiziert
werden, nicht vielleicht doch berechtigt?
Freilich nicht mit Gonokokken, aber mit irgendeinem an¬
dern, auf gonorrhoisch präparierter Schleimhaut gewachsenen
Bakterium! — was aber bisher noch nicht erwiesen ist.
Schon viele haben diese Bakterienflora der post¬
gonorrhoischen Urethritis studiert. Auch in meiner Klinik
sind viele diesbezügliche Untersuchungen angestellt worden.
Vor der Hand alles ohne positives Resultat in der Richtung,
daß wir pathogene Eigenschaften der fraglichen Reinkulturen
nachweisen konnten. Aber es ist zu bedenken, daß die Patho¬
genitätsprüfungen an Tieren nichts beweisen für die bei
menschlichen Schleimhäuten in Betracht kommenden Verhält¬
nisse.
Ohne bakteriologische Mitarbeit der
Frauenärzte ist hier also kein Fortschritt
zu erzielen. Diese hätte in möglichst ausgedehnten
Untersuchungen des Cervix- und Uterinexkrets auf mikro¬
skopischem und kulturellem Wege zu bestehen, natürlich mit
absoluter Vermeidung von Vaginalbeimischungen. Der
Cerviealschleim müßte 24 bis 48 Stunden nach sorgfältiger
Desinfektion des Cervicalkanals entnommen werden.
Auf die Art und Weise, wie bei Männern nach viel-
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512 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. IS. 2. Mai.
leicht verborgenen Oonokokkenresten zu suchen sei, gehe
ich liier nicht ausführlich ein. Selbstverständlich muß neben
der mikroskopischen Untersuchung stets die K n 1 -
t li r m e t h o d e in Anwendung kommen. Es muß oft
untersucht werden. Jedesmal das Sekret der Urethra
anterior, posterior und Prostata: womöglich
auch der S a m e n b 1 a s e n Inhalt und das Sperma. Da¬
zu müssen treten alle möglichen P r o v o k a t i o n s m e t h o -
den, neben den oheiniselicn namentlich die mechanischen
(mit Knopfsoude und Dehnung) und durch subcutane oder
intravenöse Anhiuoninjektionen.
Es geht aus diesen meinen Bemerkungen wohl zur Ge¬
nüge hervor, daß ich die Schwierigkeiten picht unters; hätze,
die der Abgabe eines Gutachtens: ..es liegt- heim Manne
kein infektiöser gonorrhoischer Prozeß vor“, enfgegvn-
st elien.
Aber noch viel weniger ist es erlaubt. solch sorgiällige
bei den Männern erhobene Befunde unbeachtet zu lassen
und sich schlankweg auf klinische Befunde für die Er¬
krankung der Frau zu stützen. Vielleicht wird, es durch die
gemeinsame bakteriologische Arbeit sogar gelingen. die
klinisch jetzt noch einheitlich erscheinenden Pro¬
zesse in verschiedene Gruppen, je nach der feststellbaren
Aothdogie, zu trennen.
Neuerdings hat Orlowski in einem kleinen Auf¬
satz 1 ): .,Y e r u r s a eben st e r i 1 e T r i p p e r f ii d e n
weißen Fluß?“ einen ganz neuen Gesichtspunkt in die
Diskussion geworfen. Er glaubt auf Grund seiner Erfah¬
rungen annehmen zu müssen, daß .,das an den richtigen
Tripperfüden haftende* vom männlichen Individuum kom¬
mende, restierende speeifische U <> n o t o x i n e i w e i ß eine
besondere, andere Bakterien ausschließende, schleichende
Entzündung macht, die biochemisch andere Exsudate erzeugt
als das gleiche, aber dem eignen Nährboden adaptierte Gift“.
Er stützt seine Behauptung auf die Befunde an Pervix-
sehleim, der absolut Bakterie n frei war und Mädchen
entstammte, die als Virgines mit früher tripperkranken, mich
Tripperfüden führenden Männern verkehrt hatten. Besonder^
beweisend erschienen ihm Fälle, wo dieselbe Erkrankung bei
zwei Mädchen, die mit demselben Manne verkehrt
hatten, aufgotreten war. Orlowskis Schlußfolgerung ist:
.. E s i s t w a h r s <■ h e i n 1 i c li, daß g o n o k o k k e n -
f r e i e T r i p p e r f ä d e n e i neu bakteriell freien
U e r v i x k a t a r r h v e r u r s a ehe n.“
I c h s e 1 b s t k a n n mich dieser Auffassung
d u r c h a u s n i c h t a n schließe n. Wenn ich auch nicht
in der Lage bin, die Ursache der bei den Mädchen aufgetre-
inien Erkrankungen anzugeben, so halte ich es doch für sehr
gewagt, eine so allen bisherigen Erfahrungen widersprechende
neue Hypothese anfzustellen.
Denn auch diese wälzt den Marinem — die ich sonst
durchaus nicht als ..unschuldige Engel“ hinstellen möchte —
eine Schuld auf, für die bisher nicht der geringste Beweis,
auch nicht von Orlowski selbst, erbracht ist.
Klinische Vorträge.
Aus dem Knuikcnhausc Bcrguiannshcil in Bochum i. YV.
(Uhcfarzt: l’rof. ])r. \Y u 11 s t e i ii j.
Trauma und chronische Infektionskrankheiten 2 )
von
Dr. Emil Schepelmann,
Oberurzt (bas Krankcnlmuscs.
M. H.! Bei d<*n cli nniischcu ln IVk 1 i onsk ra n k hci t r n.
den infektiösen Gnmuhiüeii. der T u h p r k u I o s c , S v p li i I i s .
A k t i ii o m y k <« s e und andern ist «las Internall so groß. daß
die Eiimwiiing an das Trauma oft ciloschcn ist, wmin die « rsteit
klinisch«*n Erscheinungen auf treten.
Betrachten wir zunächst die Tuberkulose, so haben
wir, wie hei d«‘r akuten Eiterung, auch liier zwei Monmnie zu
fordern, die für eine traumatbelie Entstelmug des fwberkulöseg
Leidens verantwortli('h zu machen sind: das Tiauma und die
Bacillen.
I)a letztere keineswegs d i e Verbreitung haben, wie die Eiter¬
erreger. also nicht ubiquitär sind, so erbebt sieb zunächst die
Frage nach der Herkunft der Bacillen im menschlichen Körper.
Die frühere Ansicht, daß beieits die Frucht- in utero infiziert sei.
teils durch den Samen des Vaters auf giTminativem Wege, teils
durch das Blut der Mutter auf plaeentar; in Woge, ist heute ver¬
lassen: ..Mensch und Tier erkranken nicht eher an Tuberkel-,,-..,
als diese bereits der Ausdiuek einer post fötalen Infektion sein
kann“ if'orneti. Die größte Bedeutung kommt hie; hg der
Tröpfcheninfektion zu. der Versprühung beim Huden. Xheen nssv.
Die häufigste Infektionsart ist demnach «!ie l'amiliaie. und weniger
die Disposition als Exposition bildet die größte (Mahr.
Und da es solcher (b-h genht iten zur Ansteckung zahlreiche gibt,
ist auch die Zahl der an Schwindsucht « rkrnnkt« n oder -erkrank)
gewesenen Menschen eine recht grobe. B o 1 1 i n g e r fand bei
25 aller Erwachsenen. «lie nicht an Tuberkulös,* starbm.
tuberkuloM‘\ < idaclit ige Spilzenal'fektionen. Crawitz In i 2b "
0 «* r 11 f>ei TV- 0 ,. S e h I e u k e r Lei b'T-k. . B u r k li a r d t hei
91 °.s f und N ä g e 1 i gai bei 5)7.5 I >ie in *!<-n Körpi*r < ingebnmge-
lien Bacillen sind in einer Drüse oder in einem Knoelu nabo-ituitt
oder in einem amlern Ih'i'd af'filtriert und ahg« schloiv-en worden.
») D. m. W. 1914. Xr. 97. S. 17:58.
a ) Aus einem am 19. Juni 1014 in AerzbdoribiHcngskiirseji
Krankenhauses Bergmannsheil gchalhmen Yurlnm: „Lädier den Einfluß
des Traumas auf die Entstehung chirurgischer Krankheiten. 1 * (1. Folge.)
Solang« 1 di« 1 Kapsel di«‘ses Herdes unversehrt bleibt, ist auch die
J ul M i kulose zunächst unsehädlieh. latent, wird aber durch Ein¬
wirkung- stumpfer Gewalten von neuem angefacht, Es handelt
sich «ladtei um das offenkundige Auftreten einer latent
bi teils voihandenen Tuberkulose. Soll dagegen ein bis dahin
ganz gesunder Mensch auf traumatischem Wege tuberkulös im
li/icrt werden, so mübteii «li«* Bacillen durch eine Hautwunde ein-
«biegen und tuberkulöse Hautgeschwüre, tuberkulöse Warzen,
l.upns. Serofulodrrma usw. erzeugen. Auffallend ist, daß selten
grobe Wunden, häufiger hingegen unbedeutende Wunden tuber¬
kulös infiz.ieit werden, wohl deshalb, weil der Bacillus auf stark
büßenden Wunden nicht haftet, sondern weggesehwemnit wird,
und weil die en« igis« lmn (JewebsWucherungen nach schweren Ver-
i« Izimgrn Tuberkelbacillen nicht aufkommen lassen.
Um den Kiuiluß der stumpfen Gewalten auf die Entstehung
v « n Gelenktuberkulosen zu studieren, hatten Schüller mit!
Krause Tierversuche augestellt, aus denen hervorzugehen
m bien, daß es möglich sei, hei Anwesenheit von Tuherkelbaeilleii
im Blute durch Quetschung von Gelenken hier Lokaltuberkulosen
zu erzeugen. Nachuntersucher fanden indes, daß man ivohl all-
2 « mein Knochen- und Gelenktuberkuloson durch Injektion von
Diherkelhaeillmi in die Blwtbahn hervorrufen könne, daß aber die
lokulisation nicht durch Traumen bestimmt würde; die Re-
soltale Krauses seien durch Verwendung zu stark virulenter
Kulturen entstanden, wodurch es zur allgemeinen miliaren Aus-
sa.u gi-kommen wäre. War damals der Glaube an die Lokali-
'alii.n der lulimkulose «htn-h ein Trauma bereits erschüttert, so
machie nun Betrow auf sein«* neueren Experimente aufmerk¬
sam. in «hrnen er hei intjapeiitoiwaler Impfung von Tieren mit
i über k« lk« imen in einem Drittel der Fälle im Epiphysenmarke
Uaeili« n voi fand. die dort ohne nennenswerte Entziindungscrsehei-
nungrir verweilt hau« n. In einer zweiten Versuchsreihe wurden
[' h nke verletzt und in diese sowie in unverletzte Gelenke
i uh« rkelaidVohwoinimmgen eingespritzt. Es zeigt« 1 !) die nicht
lädierten Geh-nke nur Kapsel- und Bämlertuberkulose, während in
«h u verh t/teii Gelenken alb* Kontinuitätstrennungen der Knochen
um! Knorpel als Eingangs- und Entwieklung r sherd für die
i uhcrJ. elbaeillen gedient und zu viel schwereren tuberkulösen Zcr-
steMingi ü geführt huibo. Be t ro w schloß daraus, daß, wenn
(ist einmal eine Lokaltuberkuloso cingeleitet sei, das Trauma.
1 -mt rb i. r.h leicht oder sHiwer, «ler Entwicklung derselben Vor-
selmb leistDi«* Besulta.te seiner Versuche stimmten überein mit
<h n klinischen Erfahrungen, «laß etwa 20 % aller Lokaltuher-
kulusen sieh an ein stumjifes Trauma anschließen. Man würde
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2. Mai. 1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18. 513
sich also nach T h i e m die Entstehung- einer Knochen- oder Gc-
h nktuhcrkulose oder überhaupt der Tuberkulose tiefer gelegener
Teile nach stumpfen Verletzungen so vorzustellen haben, daß die
Hüllen eines abgekapselten, am Orte der Gewalteinwirkung be¬
findlichen Herdes durch die Quetschung oder die ihr folgende Ent¬
zündung gesprengt werden und nun die freigewordenen Bacillen,
begünstigt durch den Bluterguß oder die entzündlichen Aus¬
schwitzungen. von neuem ihre Tätigkeit entfalten können. In
diesem Falle hätte also die Verletzung einen schlummernden Herd
am Orte der Verletzung freigemacht, eine Annahme, die durch die
pathologische Anatomie des Tuberkels verständlich wird. Er be¬
steht mikroskopisch aus Granulationszellen mit meist hellem Kern
und großem, verschieden gestaltetem Zellkörper, ferner aus
Riesenzellen, aus kleineren und größeren Rundzellen mit ein¬
fachem, dicht gekörntem Kern und endlich aus mehr oder minder
unehlichen polymorphkernigen Leukocyten. Charakteristisch ist
für Tuberkel jeder Größe der vollständige Mangel an Gefäßen, der
an sich schon seine Hinfälligkeit und kurze Existenz erklärt. So¬
wie der Tuberkel höchstens Hirsekorngröße erreicht hat, beginnen
in ihm schon rückgängige Metamorphosen, und zwar vorwiegend
käsige Umwandlungen. Er beginnt im Centrum sieh gelb zu ver¬
färben, während die. Peripherie zunächst noch grau bleibt; dann
ergreift die käsige Degeneration den gesamten Tuberkel und ver¬
wandelt ihn schließlich in ein gelbes, kernloses Knötchen.
In langsam verlaufenden Fällen findet am Rande der
Knötchen eine fibrös-hyaline Wucherung statt, wobei schmälere,
mehr spindelförmige Zellen, oft in konzentrischer Anordnung, und
schließlich auch faserige Bindegewebszüge auftreten. Dabei er¬
fahren dieselben sowie auch das schon im Tuberkel vorhandene,
an sich spärliche Reticulum eine hyaline Verdickung, ähnlich wie
das Reticulum der LymphdrÜsen, und schreiten konzentrisch nach
innen gegen die schon verkästen Teile hin fort oder durchsetzen,
bevor ein centraler Verkäsungsprozeß aufgetreten ist, das ganze
Knötchen. Diese fibrös-hyaline Umwandlung erklärt sich dadurch,
daß die den Tuberkel zusammensetzenden Zellen der Hauptsache
nach proliferiertc Biudegewebszellen sind, denen die Fähigkeit der
Faserbildung zukommt; sie macht die Tuberkelbacillen durch Ab¬
kapselung unschädlich, läßt e.s aber verständlich erscheinen, wie
durch ihre Zerstörung durch ein Trauma der käsige und infektiöse
Inhalt frei und die Latenz des Tuberkels aufgehoben wird.
Es kann nun aber — nach T h i e m — auch ein vom Orte der
Gewalteinwirkung entfernter Herd durch Sprengung seiner Hülle
infolge Fortsetzung der örtlichen Gewalteinwirkung, infolge Er¬
schütterung oder Contrecoup wieder aufflackern. Die frei¬
gewordenen Tuberkelkcime gelangen in die Lymph- und Blut¬
bahnen und werden namentlich da abgelagert uml zur Entwick¬
lung gebracht, wo jene Bahnen durch Trennung des Zusammen¬
hangs eine Unterbrechung erfahren haben. Hier bleiben die Keime
liegen und infizieren die gequetschte Stelle, begünstigt, durch den
infolge des Traumas entstandenen Bluterguß. Es kommt an (irt
und Stelle zur Eruption vieler Knötchen von oben beschriebener
Beschaffenheit, zur sogenannten partiellen Miliartuberkulose, die
den Körper in seinem Allgemeinbefinden noch nicht stört und da¬
her Zeit zur weiteren Infektion der Umgebung hat. Gleichzeitig
entstehen größere Knoten, sogenannte Solitärtuberkel oder Kon-
glomerattuberkel, deren Wachstum nicht durch einfache Größen¬
zunahme der ursprünglichen Tuberkel vor sich geht, sondern durch
Anlagerung neuer kleiner Knötchen in seiner Umgebung und Ver¬
schmelzung mit dem primären Herde.
Die in der Unfallheilkunde am meisten interessierende Ge¬
lenk tuberkulöse entsteht nicht durch direkte lokale Infektion von
außen, sondern durch Metastasierung; letztere kann aber bereits
v 0 r dein Unfälle stattgehabt haben, der nur die Herde zu neuen
oder zu rascherem Wachstum anfacht. Zur Berechnung des Inter¬
valls, das zwischen Trauma und Auftreten der ersten klinischen
«idien liegt, muß man sich die Entwicklung der Gelenktuber¬
kulose vor Augen halten. Je nach dem Ausgangspunkt unter¬
scheiden wir zunächst zwei Hauptgruppen: die primär
cssale Form der tuberkulösen Gelenkentzün¬
dung, die von einem Knochenherde der Epiphyse aus entweder
* e ’ T n( r re 5 lymphatische Wege das Gelenk infiziert oder in
pober Weise nach Zerstörung des Knochens in continuo ins Gc-
pk einbricht und die Synovialis ergreift. Diese Form ist die
aufigere und führt- schneller zu ausgedehnter Zerstörung wie die
* n, !p e - die primär synoviale Form der tuberkulösen Ge-
J. Entzündung, bei der sich mehr oder weniger reichliche,
istinkte Tuberkel oder mehr tuberkulöse Wucherungen bilden,
während die Synovialis in reaktive chronische Entzündung gerät,
ein Exsudat in die Gelenkhöhle ausscheidet, ansclnvillt und sich in
ein weiches, schwammiges, feuchtes, blaßgraurotes, sogenanntes
fungöses Granulationsgewebe umwandelt, das teils die Neigung
zu ausgebreiteter, rascher Verkäsung, teils die Neigung zu fibröser
Umwandlung hat. Soweit, der Knorpel nicht schon vom Knochen
aus infiziert und erkrankt ist, greift von der Synovialis her die
Wucherung der schwammigen Massen auf ihn, schließlich auch auf
die Gelenkenden und die Gelenkkapsel mit ihren Bändern über
und zerstört sie. Die Substanz des Knorpels erleidet, dabei teils
eine Auffaserung und Erweichung, teils wird sie durch die ein-
dringtnden Granulationsmassen durchlöchert und ran Ti ziert.
Schreitet dagegen die Tuberkulose vom knöchernen Gelcnkende
her nach dem Knorpel hin, dann breitet sie sich subchondral aus
und kann unter Umständen den ganzen Knorpelüberzug in toto
abheben.
Im Gegensatz zu der mit Sklerose, ossifizierender Periostitis
und entzündlicher Osteoporose, aber ohne Exsudatbildimg ein*
hergehenden Ca ries sicca finden wir sowohl bei der
f u n g ö s e n F o r m , wo sich von der Synovialis her sehr reich¬
liche schwammige Massen mit geringer Neigung zu Verkäsung
und Zerfall entwickeln als bei der granulösen Form, hei
der mikroskopisch kleine graue Knötchen in größerer Menge her¬
vortreten, als endlich hei der u 1 e e r ö s e n Form, bei der eine
große Neigung zu diffuser Verkäsung und rascher Einschinelziing
der schwammigen Massen besteht, einen serösen, serofibrinüsen
oder schließlich purulenten Erguß.
In der Umgehung der tuberkulös erkrankten Gelenke ent¬
wickelt sich stets eine starke Schwellung und derbe Infiltration der
Haut und tieferen Weichteile, der Tumor albus, durch den
hindurch oft eine Perforation der Gelenkkapsel mit Fistelbildung
nach außen oder eine Senkung des Eiters, sogenannter Kongestions-
abseeß, erfolgt.
Hält man sich so die pathologisch-anatomische Entwicklung
der Tuberkulose vor Augen, so kann man sich ungefähr ('ine Vor¬
stellung von dem Zeiträume machen, der von dem Unfälle bis zu
einem bestimmten Stadium verflossen sein muß. Sieht man schon
wenige Tage nach dem Trauma, etwa vier bis fünf Tage, eine
Eckaltuberkulose auftreten, so kann es sieh selbstverständlich nur
um die Verschlimmerung einer bereits floriden Tuberkulose
handeln (T h i e m); denn die Entwicklung dcsTuherkels beginnt erst
drei bis vier Tage nach der Infektion und befindet sieh nicht vor
dem zwölften bis vierzehnten Tag auf der Höhe der Entwicklung.
Bei Wirbelvedetziiugen werden sogar Monate bis Jahre vergehen,
ehe es zur Ausbildung des Buckels oder der Scnkuiigsabsee>se
kommt, während ich diese allerdings bei einem in genauer Kon¬
trolle stehenden Knaben mit Coxitis kürzlich innerhalb sechs bis
acht. Wochen nach dem klinisch nachweisbaren Beginne der
Erkrankung sieh entwickeln sah. Es werden auch bei langem
Intervall stets gewisse Briickensymptoine bestehen, die eine im
wesentlichen fortlaufende Symptomenkette zwischen Trauma und
späterem Leiden bilden, wie Schmerzen, Wirbelsäulem ersteifung,
Abmagerung, Fieber usw.
Weniger häufig als die Tuberkulose bildet die
Syphilis
die Ursache von lokalen Erkrankungen, die im Anschluß an ein
Trauma zur Auslösung kommen. Der Natur ihres Erregers nach
ist es natürlich keineswegs von der Hand zu weisen, daß hei kon¬
stitutioneller Syphilis Blutergüsse» oder stark gequetschte Gewebe
von den im Blute kreisenden Spirochäten infiziert werden können.
Meist handelt es sich dann um gummöse Wucherungen, sei es in
den Weichteilen, sei es in den Knochen. In letzteren entwickelt
sieh indes oft spontan allgemeine Brüchigkeit, eine Art
toxischer Malacie, die ebenso wie die Gummen zu Spontanfrakturen
führt: hier erfordert es genaue Untersuchungen und Ueberlegiingon,
um die Bedeutung eines angeblichen Unfalls richtig zu würdigen!
Der Bruch wird meist als Endpunkt der natürlichen Fortentwick¬
lung des Leidens anzusehen sein.
Das Intervall zwischen Trauma und Sichtbarwerden des
Gummas ist verhältnismäßig kurz, im höchsten Falle vier bis sechs
Wochen. Bei späterem Auftreten wird man sich wohl ablehnend
verhalten können, weil dann die durch das Trauma gesetzten
Schädigungen, wie ich zu Anfang bei der akuten Eiterung be¬
schrieb, so weit repariert sind, daß ein Locus minoris resistentiae
nicht mehr vorhanden ist.
Eine Frage, die sehr häufig an den Gutachter herantritt, ist
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18.
2. Mai.
die nach dem ursächlichen Zusammenhänge zwischen Trauma und I
Unterschenkelgeschwüren bei Syphilitikern. Bei \
Varicen liegen ‘die Verhältnisse ja so, daß bei intakter Haut ein
leichter Stoß zu einer Verwundung oder einer Gewebsschädigung
führt, an die sich dann auf Grund der Varicen ein Geschwür an- |
schließt, das keinerlei Neigung zur Heilung zeigt. Ohne das
Trauma würde der Mann vielleicht trotz der Krampfadern frei von
Geschwüren geblieben sein, da jene durchaus nicht notwendiger¬
weise ulcerieren. Der ursächliche Zusammenhang ist hier also
klar. Etwas anders liegen die Verhältnisse bei Syphilis. Hier ent¬
steht ein luetisches Geschwür immer aus zerfallenden Gum¬
men, und sieht man gleich nach der Verletzung ein typisches
Ulcus, dem in der vom Trauma nicht getroffenen Umgebung
andere Gummen oder Ulcera sich anschließen, so ist der Zu¬
sammenhang abzulehnen.
Gewisse Aehnlichkeit mit dem Tuberkelbacillus zeigt der
Strahlenpilz
in seinem Wachstum. Da er von den Grannen verschiedener Ge-
treideart.cn auf den Menschen übertragen wird und durch Wunden
in den Körper einzudringen vermag, so ist es begreiflich, daß man
die Aktinomykose vorwiegend an den Kiefern, am Hals, im
Mediastinum oder im Darmkanal antrifft. Soll der primäre Herd
auf ein Trauma zurückgeführt werden, so muß letzteres so be¬
schaffen sein, daß es etwa anwesenden Aktinonwcespilzen
durch eine Wunde den Weg ins Körperinnere eröffnet. Metastasen
sind seltener, kommen aber vor, sodaß mit ihnen in deT Unfall-
gesetzgebung gerechnet werden muß. Für die Bestimmung des
Intervalls zwischen Trauma und erstem Erscheinen der klinischen
Symptome gilt einmal das über Hämatom und Gewcbszertrümme-
rungen Gesagte, ferner die Beachtung der Inkubationszeit der
Aktinomykose, die gewöhnlich vier Wochen, selten kürzere oder
| längere Zeit dauert.
Aerztliche Gutachten aus dem Gebiete des Versicherungswesens (Staatliche und Privat-Versicherung).
Redigiert von Dr. Hermann Engel, Berlin W30.
Lungentuberkulose durch Unfall weder hervorgerufen
noch verschlimmert.
von
Dr. Hermann Engel,
Gerichtsarzt des Kgl. Oberversichernngsamtes Groß-Berlin.
Vorgeschichte.
Der damals 41jährige Schlosser L. erlitt am 12. Januar 1909
dadurch einen Betriebsunfall, daß er bei dem Versuche, (las elek¬
trische Licht an seiner Werkbank einzuscbalten, stolperte und mit
dem Unterleibe gegen die Kante eines auf einem Bocke liegenden |
Leitschaufelkranzes fiel. Er hatte sofort heftige Schmerzen im
Unterleib und wurde mittels Krankenwagens nach dem Kranken-
hause gebracht, wo er bis zum 30. Januar 1909 verblieb.
Der Befund im Krankenhause lautete: Auffallend blaß aus- I
sehender Mann. Die Conjunetiven etwas ikterisch (gelblich) ver¬
färbt. Am Herzen blasendes Geräusch an der Spitze. Die Magen¬
grube sehr druckempfindlich. Leberdämpfung vergrößert, unterer
Leberrand drei Querfinger unterhalb des Rippenbogens palpabel j
und druckempfindlich. Gallenblase nicht palpabel. Abdomen
sonst weich und eindrückbar. Blinddarmgegend frei.
Am 30. Januar 1909 fand sich folgender Entlassungsbefund:
Die spontan auftretenden Schmerzen im Leibe haben aufgehört.
Auf Druck ist das ganze rechte Hypochondrium und die Magen¬
grube noch sehr empfindlich. Die untere Lebergrenze überragt
noch um zwei Querfinger den Rippenbogen. Blasendes Geräusch
an der Herzspitze noch hörbar. Allgemeineindruck und Appetit
sind wesentlich gebessert. Patient war noch völlig erwerbsunfähig.
Am 25. Februar 1909 untersuchte Dr. M. den L.
Er beschreibt ihn als einen blaß aussehenden mageren Mann.
An Brust und Bauch waren Zeichen einer äußeren Verletzung
nicht vorhanden. Es bestand kein Eingeweidebruch, der Leib war
überall weich und eindrückbar, nur die Gegend des Magenpförtners
war angeblich noch druckempfindlich.
L. erklärte dabei, daß er feste Speisen schlecht vertragen
könne, deshalb sei ihm schon vor dem Unfälle, das heißt vor dem
12. Januar 1909, von der Kasse Milch gewährt worden. L. gab
zu, daß die jetzt geklagten Beschwerden im wesentlichen und in
gleicher Art schon vor dem 12. Januar 1909 bestanden hätten.
Dr. M. kam zu dem Schlüsse, daß Unfallfolgen überhaupt
nicht vorlägen. Es bestünde außer einer mäßigen Neurasthenie
eine Erkrankung des Magendarmkanals.
Am 3. März 1909 erkrankte L. wieder an heftigem Schüttel¬
frost und heftigen Schmerzen. Dr. P. stellte fieberhaften Magen¬
darmkatarrh fest, und verordnete Opiumzäpfchen.
I)r. F. konnte am 4. Mai 1909 einen Befund nicht erheben;
die Empfindlichkeit gegen Druck und Beklopfen war geschwunden.
Patient war nervös. Dr. F. empfahl Nachuntersuchung durch
einen Nervenarzt. , , ... ,
\m P* Juni 1909 klagte L. dem Nervenärzte Dr. M. über Kopf¬
schmerzen, "Uebelkeit. Er zeigte Depression, Abmagerung, leb¬
hafte Reflexe, Zittern und Unruhe (1er Hände. Druckempfindlich¬
keit des Leibes. . ~ , T
\m 11. August 1909 wurde L. wiederum von Dr. M. unter-
guc ,| lt ' Br gab dabei an, bis zum 15. Juli 1909 einen dreiwöchigen
Arbeit«versuch gemacht zu haben, den er wegen stärker auftreten¬
der Schmerzen in der Magengegend wieder hätte aufgeben müssen.
Dr M fand im wesentlichen den gleichen Befund wie am 25. Fe¬
bruar 1909: L. war blaß, mager. Normale Organgrenzen, Hm
und Lunge ohne Besonderheiten. Puls 72. Magengrube etwas
druckempfindlich, sonst der Leib weich; keine Zeichen von Ver¬
wachsungen, Einklemmung oder Geschwülsten. Gesteigerte Knie¬
reflexe.
Es wurde nunmehr aus anderweitig aufgefundenen Akten
festgestellt, daß L. schon am 3. Februar 1908 ebenfalls durch Be¬
triebsunfall eine Quetschung des Leibs erlitten hatte. Er war von
einer Maschine hcruntergesprungeu und kam dabei in einen 60 bis
70 cm tiefen Kanal zu liegen. Naehfallende Eisenbleche im Ge¬
wichte von 30 bis 35 kg sollten ihn gegen den Leib getroffen
haben. Er arbeitete am folgenden Tage noch bis 4 Uhr nach¬
mittags weiter, mußte aber dann wegen innerer Schmerzen die
Arbeit aufgeben und hat dieselbe dann nur zeitweise, so bis zum
10. Februar 1908 und später nur drei Wochen lang, wieder an¬
genommen. Im August 1908 hatte L. über starkes Uebel&ein und
Erbrechen zu klagen. Am 12. Oktober 1908 bat L. — ohne seit
dem 24. April 1908 wieder erwerbsfähig geworden zu sein — auf
j eignen Wunsch seine Entlassung genommen. Seit 16. Oktober 1908
arbeitete er dann wieder. Dieser Unfall wurde erst am 30. Sep¬
tember 1908 gemeldet.
Am 10. Februar 1908 batte sich L. in die Behandlung des
Dr. B. begeben. Dieser hielt eine Nervenschwäche für vorliegend
und behandelte L. mit Bädern. Er schrieb ihn am 4. März 1008
I gesund.
Dr. Z. untersuchte L. am 28. Dezember 1908 und beschrieb
I ihn als blassen Mann in mäßigem Ernährungszustände. Pie
Atmung zeigte leicht verschärftes Exspirium und vereinzeltes
| Giemen. Der erste Herzton war etwas unrein. Die Bauchorgane
j waren normal.
Am 6. April 1909 — also drei Monate nach dem heute in
Rede stehenden Unfall — brachte L. ungefähr dieselben Klagen
vor, wie er sie am 28. Dezember 1908 - also etwa 14 Tage vor
diesem Unfälle — dem Dr. Z. mitgeteilt hatte.
Am 11. Juli 1908, also ein halbes Jahr vor dem Unfälle vom
12. Januar 1909, schöpfte Dr. K. Verdacht auf Magengeschwür,
es bestand damals eine starke Blutarmut. Die Medikation war
gegen das angenommene Magengeschwür gerichtet.
Am 10. Februar 1908 klagte L. über allgemeine nervöse Be¬
schwerden.
Im Dezember 1910 wurde L. in einer Klinik neun Tage lang
beobachtet. L. klagte über allgemeine Mattigkeit, zeitweilige Koj>-
schmerzen usf., endlich über fast dauernde Magenschmerzen. 8ei
fünf Wochen — also etwa seit Anfang November 1910 —- lui?te
er. L. machte einen kranken Eindruck. Das Atemgeräusch v«»r
über der rechten Lungenspitze unrein, es war von Giemen um
Rasselgeräuschen begleitet. Es bestand seltener Husten,
welchem eitrig-schleimiger Auswurf in geringer Menge
wurde. Im Auswurfe wurden zahlreiche Tuberkelbacillen g c
funden. Es bestand ein systolisches Geräusch an der Herzspi z(-
Die Leberdämpfung überschritt den Rippenbogen um zwei Que
fingerbreiten, der Leherrand war zu tasten. Er war nicht d nic
empfindlicher als überhaupt die ganz«? Gegend oberhalb des
zwischen den Rippenbogen, in diesem Bereiche sollten auct V .
Leibschmerzen ihren Sitz haben. Die Milz war leicht vergro •
Untersuchung auf ein Magenleiden (Magengeschwür) war neg •
Prof. Dr. K. kam zu dem Schlüsse, daß L. an einer Bi -
kulose im überlappen der rechten Lunge leide. Als lolgezus 1
bei
entleert
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UMIVERSITY OF IOWA
2. Mai.
1915 — MEDIZIN! S 0
wuron auf zu fassen: der Rückgang des Körpergewichts, abendliches
Fieber. Blutarmut, Drüsenschwellungen, Vergrößerung der Leber
und Milz, leichte nervöse Beschwerden.
Daß sich im Bauche des Kranken (am Bauchfell oder der
Darmschleimhaut) ein tuberkulöser Krankheitsvorgang abspiele,
sei nicht absolut auszusehließen. Es sei aber eine anerkannte ärzt¬
liche Erfahrung, daß Tuberkulöse, zumal Blutarme, Magen-
heschwerden haben und häufig lange Zeit als Magenkranke gelten,
ohne daß organische Veränderungen am Magen oder Darme be¬
stehen. Die Magenbeschwerden müßten daher als Folgezustand
der tuberkulösen Infektion aufgefaßt werden. Die Tuberkulose
sei schon im Jahre 1908 die Krankheitsursache gewesen.
I’rof. Dr. K. fährt dann fort:
,.Yerursacht im engeren Sinne des Wortes
wird eine Lungentuberkulose durch einen Un¬
fall nie. Will man aber eine Quetschung des
Bauches oder Erschütterung des Körpers —
diese beiden Möglichkeiten bietet der zur
Beurteilung stehende Unfall — für die Ent¬
wicklung und Verschlimmerung einer schlum¬
mernden Tuberkulose verantwortlich machen,
so muß im Hinblick darauf, daß sehr viele
Menschen ohne besonderen Anlaß tuberkulös
werden, die Forderung gelten, (laß die Tuber-
k u 1 o s e i n d e n ersten Wochen nach dem Unfälle
deutlich in die Erscheinung tritt und f e s t -
gestellt wird, oder wenigstens, daß nach dem
Unfälle der Krankheitsverlauf eine deutliche
Beschleunigung bemerken läß t.“
Das Gutachten vom 22. Dezember 1910 gelangte zu dem
Schlüsse:
1. L. leidet jetzt an Tuberkulose im Überlappen der rechten
Lunge. Ausschließlich dieses Leiden verursacht zurzeit
seine Erwerbsunfähigkeit.
2. Dieses Leiden ist nicht durch den Unfall vom 3. Februar
1908 entstanden oder nachweislich verschlimmert worden.
Das Reichsversicherungsamt wies darauf im Rekursverfahren
den Rentenansprüche aus dem ersten Unfälle L.s ab.
Begutachtung:
Aus dem vorliegenden Material ist nun die Frage zu beai.it-
worlen, ob der zweite Unfall vom 12. Januar 1909 das bei L. 1 >e-
>hhtnde Leiden (Tuberkulose im rechten Oberlappen) hervor-
geiufen oder verschlimmert hat.
E KLINIK — Nr. 18. 515
Macht man sieh die von Frof. K, aufgestellte zutreffende
Forderung zu eigen, daß eine Tuberkulose, die auf eine Gewalt-
(inwirkung ursächlich zurückgeführt werden soll, in den erst« n
Wochen nach dem Unfälle deutlich in die Erscheinung treten und
festgestellt werden muß, so ergibt sich auch im vorliegenden Fall
eine Verneinung.
Bei der Krankenhausaufnahme am 12. Januar 1909 warmi
die Lungen ohne Befund, am 11. August 1909 fand Dr. M. die
Lunge ohne Besonderheiten.
Am 20. Oktober 1910 fand Frof. Dr. Sch. die Lungengrenzen
normal. Das Atmungsgeräusch war sowohl bei Einatmung als
auch bei Ausatmung, besonders in den oberen Partien der Lunge,
etwas scharf, aber nicht ausgeprägt krankhaft. Krankhafte
Nebengeräusche waren bei der Atmung nicht hörbar.
Daraus ergibt sich, daß die ersten hörbaren Symptome einer
Lungtnerkrankung frühestens im Oktober 1910 — also neun Mo¬
nate nach dem Unfälle — festgestellt worden sind. Es kann dem¬
nach unter Zugrundelegung der Forderung des Prof. K. nicht an¬
erkannt werden, daß der Unfall vom 12. Januar 1909 das bei L.
schon vorher vorhandene Lungenleiden wesentlich verschlimmert
oder in seinem Ablaufe beschleunigt habe.
Daß ein selbständiges Magendarmleiden im Dezember 1910
nicht vorlag, hat die Beobachtung in der Charite ergeben. Die
Magenbeschwerden hat Frof. K. für eine Folge der tuberkulösen
Infektion aufgefaßt.
Ich gelange daher zu dem Schluß:
Es ist nicht mit Sicherheit, aber noch nicht einmal mit
ausreichender Wahrscheinlichkeit anzunchmen, daß das bei
L. bestehende Leiden durch den Unfall vom 12. Januar 1909
hervorgerufen oder wesentlich verschlimmert worden ist.
Der Unfall vom 12. Januar 1909 hat bei dem Kläger
keine Folgen hinterlassen. Anscheinend handelte es sich um
eine geringfügige Gewalteinwirkung' und eine zufälliger¬
weise gleichzeitig auftretende Erkrankung. Spuren äußerer
Gewalteinwirkung sind im Krankenhause nicht festgestellt.
Der Herzfehler und die Lebervergrößerung konnten sieh
nicht in der Zeit zwischen Unfall und Krankenhausaufnahme
entwickelt haben.
Kläger ist durch Unfallfolgen seit dem 14. April 1909
in seiner Erwerbsfähigkeit nicht beeinträchtigt gewesen und
gegenwärtig nicht beeinträchtigt.
Auf Grund dieses Gutachtens wurden auch die Renten¬
ansprüche des L. aus dem zweiten Unfall in allen Instanzen zu-
rückge wiesen.
Referatenteil.
Redigiert von Oberarat Dr. Walter Wollt, Berlin.
llebersichtsreferat.
Die Richtlinien chirurgischer Behandlung im Reservelazarett l )
von Dr. E. Sehrt, Freiburg i. Br., zurzeit im Felde.
Jetzt, nachdem über ein Monat kriegsehirurgisoher Tätigkeit
Guter uns liegt, erscheint es angebracht, an Hand unserer Hr-
lüliningen in großen Zügen über die Behandlungsmethoden, die sich
G.sonders bewährt haben, zu berichten. Um so mehr scheint es niitz-
Gli zu sein, als auf der einen Seite die Kriegschirurgie sieh oft nicht
unwesentlich von ( l° r Friedenschirurgie unterscheidet, also auch
taclichiiurgen in vielem sozusagen umlernen müssen, und als auf
' J? am J (i ni >^eite jetzt viele Nichtchirurgen plötzlich in eine rein
Giiruigische Tätigkeit hineingedrängt werden, die ihnen zunächst
natürlich einr* Menge von schwierigen Fragen aufrollt. Im vor-
1 e Pf*nd<>n soll zugleich an Hand der v<> n m i r
* e I) a n d o 11 o n Fälle eine Art U e b e r s i c h t s r e f e r a t
■ . 1 DUt wesentlich geänderte Arbeit lag schon
.druckfertig vor, konnte aber aus äußeren Gründen
^ r ‘>ffentlicht werden. Wenn nun auch durch diese Ver-
anjr cm Ieil ihrer Aufgabe wegfällt, so dürfte es doch auch
w. no .. nützlich erscheinen — und das sollte von vorn-
UehcrLtli ." au Ptaufgabe der vorliegenden Arbeit sein —, ein
v c r t , Sre . era * h b e r das zu geben, w a s a n W iss ens-
<j (s. u m ‘ n d e r k r i e g s e h i r u r g i s c h e n Litera t u r
darf im, a l. n k r i e g e niedergelegt ist. Um so mehr
Mch »upL . s äunehmen. als jene dort geübten Behandlungsmethoden
Mcnatc kTi’, 11 .. y.‘ som . Kriege — das kann man jetzt, wo über sieben
tatiauntpn ''^huurgisehpr Tätigkeit hinter uns liegen, mit Sicherheit
voll und ganz b e w ii h r t h a b e n.
j ü b e r die in der Literatur nie der g e1e gt e u E r -
! fahr u n {r e n d e r B a 1 k a n k r i e g e g e g e b e n w e r d e u.
I leb hatte mir gleich zu Anfang die Aufgabe gestellt, in dem
! Lazarett, in dem ich als Chirurg tätig sein würde, alle im Balkan¬
kriege besonders bewährten Methoden und Leitsätze einzuführen,
zugleich auch das, was in der letzten Zeit die deutsche Chirurgie
an besonders Wertvollem geleistet hat, anzuwrnden und zu prüfen.
I Wir werden sehen, daß die in dem Balkankriege gemachten kriegs-
j chirurgischen Erfahrungen uns jetzt unsere Aufgabe unendlich
j erleichtern.
Das hier in Frage kommende Material entstammt dem hier in Frei
bürg (neben andern Keservelazaretten) für Schwerverwundete eingo-
! lichteten Reservelazarett der Weider-Oherrealschulc und umfaßt die Zeit
, vom 17. August bis 20. September 1914.
j Was die allgemeine Chirurgie des Reservelazaretts betrifft,
i so lassen sich ganz gut markante Leitsätze aufstellen. Ist der Ver-
| wundctentnmsport angekommen, werden die Verwundeten zu¬
nächst nach oberflächlicher Sichtung in Schwer- und Leichtver-
I wundete getrennt, und je nachdem in die Abteilung in der Nähe
i der Operationssäle oder in entfernter gelegene Krankensäle ge-
j bracht. Der erste Verbandwechsel wird zweckmäßig — mit Aus-
i "ahme «ler ganz Schwerverwundeten — in den Krankenzimmern
selbst vergfnommen. Es hat sich als durchaus nützlich erwiesen
| nach Abnahme der etwa im Feldlazarett oder schon auf dem
; Hauptverbandplatz angelegten Verbände, die bei längerem Trans-
| P° rt oft zwei bi s vier bis fünf Tage gelegen hatten, nur die nächste
! Umgebung der Wunden mit Benzin zu reinigen. Oft hat sich unter
dem Verband viel übelriechendes Sekret gestaut und die Haut in
der Umgebung der Wunde ist feucht, klebrig und etwas maeeriort.
Gewöhnlich ist die ganze Extremität von einem Blutlack über-
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. IS.
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zopen. Es wäre falsch, eine Reinigung der ganzen Extremität mit
Bürste vorzunehmen, denn hierdurch würden zahlreiche Bakterien,
die in den dünnen Blutkrusten der Füße besonders sitzen, mobili¬
siert und über die noch nicht durch einen Granulationswall ge¬
schützte Wunde verschleppt. Nur wo es sich um eingehende
Wundrevision, etwa bei Handzerreißungen, handelt, oder um An¬
legung eines Extensionsverbandes am Oberschenkel, muß natür¬
lich geseift und rasiert werden. Frakturen werden zunächst auf
Schienen gelagert und so immobilisiert, dann wird der Patient,
natürlich nur wenn keine Indikation zu einem schnellen Eingriffe
vorliegt, einfach in Ruhe gelassen. Eine Morphiuminjektion (0,02)
bringt dem Verwundeten die erste, so wichtige Ruhe. Am nächsten
Morgen wird man dann noch eine gründliche Immobilisierung durch
den Gipsverband vornehmen. Die möglichste Ruhigstellung des
verwundeten Glieds ist der wichtigste Faktor der ersten Behand¬
lung im Reservelazarett, Beruhigung nicht nur des erkrankten
Glieds, sondern auch des ganzen Menschen. Es gibt nur ganz
wenige Fälle, in denen gleich nach Einlieferung ins Reservelazarett
aktiv vorgegangen werden muß, so z. B. bei Hirnschüssen (Hirn¬
prolaps, Tangentialschüsse mit ausgedehnten Läsionserscheinungen
des Gehirns).
Für große Quetsch- und Rißwunden ist nicht selten Pemsalbe
oder Perubalsam als gutes Verbandmittel angesehen worden. Ich
kann einen großen Vorteil dieser Behandlung nicht erkennen.
Sehr häufig kann man die Granulationen schmierig und schlaff
werden sehen. Mit Jodoform bestreuter Gazegriill leistet Vor¬
zügliches und wirkt bei starker Sekretion desodorisierend. Die
Gaze, die übrigens nicht mit Watte überdeckt werden soll, saugt
das Sekret ein und trocknet so die Wunde. Selbst bei größten
Wunden empfiehlt sich nur einmaliger Verbandwechsel am Tage.
Je weniger die Wunde bewegt wird, um so besser heilt sie. Auch
wenn keine Fraktur vorliegt, empfiehlt sich das Glied durch einen
gef ens t ert en Gips v erba ud
ruhigzustellen. (Abb. 1.)
Bei exakter Immobilisierung
verschwinden selbst ganz aus¬
gedehnte Gliedschwelbmgen in
kürzester Zeit, hohe Tempera¬
turen fallen zur Norm ab. Eine
Gefahr könnte durch den Gips¬
verband nur dadurch ent¬
stehen. daß durch weitere Aus¬
dehnung des Oedems eine Cir-
culationsstörung unter dem
Verband aufträte. Da wir aber
im Reservelazarett ständig
über geschultes Pflegepersonal,
das die Kranken genau beob¬
achtet, verfügen, wird die
Furcht vor der Gangrän gegen¬
standslos. Jedenfalls ist es
nicht richtig, mit der Anlegung
des Gipsverbandes zu warten,
bis eventuell eine Abschwellung
erfolgt 1 ).
Die wichtige Frage, wie man sich dem im Körper
steckenden Geschosse gegenüber verhalten soll, kann da¬
hin beantwortet werden: alle Geschosse, die keine oder
nur geringe Beschwerden verursachen, soll
man ruhig sitzen lassen, sie heilen glatt ein.
Heilt dagegen die Einschußöffnung nicht leicht ab, seeerniert sie
immer ein wenig, sehen die Granulationen der Wunde schlecht aus,
so ist es wahrscheinlich, daß der um das Geschoß sich wohl immer
bildende Absceß die Sekretion unterhält. Dann wird man es natür¬
lich entfernen. Hat ein Geschoß ein Gelenk durchschossen, sitzt
es scheinbar ganz oberflächlich unter der Haut, bestehen von
seiten des Gelenks keine Erscheinungen beunruhigender Art,
höchstens ein fieberloser »Gelcnkerguß, so soll man mit der Ent¬
fernung des Projektils bei Immobilisierung des Gelenks lieber
warten. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die üeffnung der Gelenk¬
kapsel von dem Projektil tamponiert wird, daß bei der Ileraus-
AbU. I.
Große Weichteilwunde em Oberarm.
J ) Auch die Furcht, daß eine Inaktivitätsatrophie der
Muskeln eintritt, ist nicht berechtigt. Wir müssen eben den Ver¬
band früh genug abnehmen. So lange eine große, jauchige Weichteil¬
wunde z. B. am Oberarme, besteht mit mächtigen Oedemen des ganzen
Armes’ so lange ist eben das Glied auch ohne Gips verband
zur Inaktivität verurteilt, vielleicht länger als bei sach¬
gemäßer GipsverbandbehandlungU
nähme der Kugel Verklebungen gelöst werden und das Gelenk
nun erst sekundär von dem um das Gelenk gebildeten Absceß aus
infiziert wird. — Auch bei Sitz des Geschosses in der Nähe der
großen Gefäße wird man — natürlich immer nur wenn keine be¬
sondere Indikation vorliegt — mit der Entfernung lieber noch
zuwarten. Auch hier ist es möglich, daß das Geschoß eine Oefhumg
in der Vene tamponiert oder daß die Gefäßwunde nur duTch
lockeres Granulationsgewebe, das selbst bei vorsichtigstem Ope¬
rn ren leicht einreißt, verschlossen ist. Eine tödliche Luftembolie
kann die Folge des zu früh vorgenommenen Eingriffs sein. Haben
sich erst einmal Narben gebildet, ist eine deletäre Gefäßverletzung
bei der Operation viel sicherer zu vermeiden. (Nast, Kolb
! berichten von einem Herzschusse; dort saß das Geschoß im Herc-
I muskel (Röntgen). Nach Stunden völligen Wohlbefindens stirbt
Patient plötzlich unter den Erscheinungen der Herztamponade.
I Das Geschoß war in den Herzbeutel infolge der Herzbewegnngen
I gefallen und hatte dem Blute den Weg in denselben freigemacht
| Es batte also vorher als Tampon gewirkt. Dies sei ein Beispiel für
I die tamponierende Wirkung des Projektils.) Auch Blutergüsse in
der Nähe von großen Gefäße n sollten prinzipiell vor der früh¬
zeitigen Entfernung des Geschosses warnen, lra allgemeinen gilt !
hier wie überhaupt in der Kriegschirurgie der Grundsatz: kon- 1
servativ sein.
Die granulierende ruhiggestellte Wunde behandeln wir mit
täglicher Irrigation mit verdünnter Wasserstoffsuperoxydlösung
und Jodoformgazeverband. Daß sieh Sondierung und Tamponade
(auch die oberflächlichste) von Schußkanälen prinzipiell verbietet,
braucht nicht erst noch einmal hervorgehoben zu werden. Bei
diesen Prinzipien der Wundbehandlung werden größere Eingriffe
immer seltener werden. Eine Amputation infolge Eiterung wird,
wt nn es sich nicht um eine bösartige Infektion bei der Verletzung J
st Ib.-t handelt, immer seltener notwendig sein. Der Satz wird zu j
Recht bestehen, daß die Güte eines Reservelazaretts (nicht Feld-
lai art tts) in umgekehrtem Verhältnis steht zu der Zahl der darin
vorgenommenen Amputationen.
Die Frage des Nahtmaterials wurde bei uns in be-
frit digxnder Weise folgendermaßen gelöst: Wir halten eine ganze
Reihe von auf Glas pulen aufgezogenen 5, 10 und 20 m langen,
dicken und dünnen Seidcnfäde.n und Aluminium-Bronzedrahten
v< nötig. Dreiminutenlanges Kochen macht das Nahtmaterial
gebrauchsfertig. Seide wird zu Darm- und Haut-, auch Muskel- 1
und Fasciennähten b; nutzt; Draht zum schnellen Verschlüsse der
Bauchhöhle. Zu Unterbindungen benutzen wir Jodcatgut Bill¬
mann (trocken). Je nach der Größe der vorzunehmenden Ope-
lation wird eine größere oder geringere Anzahl solcher Seiden-und
Diahb pukn ausgekocht (der Faden zu 25 cm gerechnet).
Von besonderer Wichtigkeit für die Erfolge im Reserve-
lazarett, in dem ärztliches und Schwesternpersonal dauernd mit
eiternden Wunden in Berührung kommt, ist, daß wahrend
jeder V i s i t e Gummihandschuhe getragen wer*
d e n. Und zwar empfehlen sich solche aus d i c k s t e m G u m m i,
wie sie im Seziersaal üblich sind. Die mit diesem Handschuh
armierte Hand kann mit kochendem Wasser sogar gereinigt wer¬
den! Uebrigens wundert man sieh, wie die manuelle Geschicklich¬
keit nach einiger Uebung durch die Dicke des Gummis nicht oder
nur wenig beeinträchtigt wird. Auch zu eitrigen Operationen sollen
diese Handschuhe Verwendung finden. Nach dem Gebrauche wer¬
den sie ausgekocht.
Zur A 11 g e m o i n n h r k o s e empfiehlt sich für kleinere
Eingriffe die (•hloräihylnarkose mit der H errenknechtschen
Maske, für größere die (. hloroformtropfmethode. Als Lokal-
anüstheticum benutzen wir eine */.. °; 0 ige Novocainsupraremn-
lösung (vier Tabletten Novocainsuprarenin A Höchst auf 100 ccm
physiologische Kochsalzlösung, hiervon können 100 bis 150 ccm
unbeschadet injiziert werden).
Bei der Besprechung der speziellen Chirurgie oe
Reservelazaretts verdienen die erste Stelle die Schuß-
fr a k t u r e n.
Oberschenkelschußfrakturen. Sechs komphz 1 ** e
Schußfrakturen betrafen fast durchweg französische Soldaten,
waren also durch deutsche Geschosse (Infanteriegeschoß) g ema f '
Trotz brillant angelegten fixierenden Verbandes war das Aussene
der verletzten Oberschenkel — die Patienten kamen meist erst nai
vier bis fünf Tagen hier an — nicht gut. Es bestanden kolossa
Schwellungen, oft sehr hohes Fieber. Ein- und Ausschußönn .
war meistens klein. Aus den Schußöffnungen entleerten sich k
ersten Verbandwechsel geradezu riesige Mengen jauchigen,
Luftblasen vermischten Eiters. In zwei Fällen war eine kiei
Google
Original frnrri
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18.
Abb. 2.
Modifizierter Florschtltzscber Verband bei Oberschenkelfraktur.
Incision nötig; in beiden Fällen schoß — ähnlich wie bei der
Pleuraempyemoperation — der mit Gas und Luftblasen vermengte,
oft kotig riechende Eiter heraus. Diese Luft blasen verdienen
besondere Erwähnung. Ich glaube, daß sie in solchen Fällen in
der Tat nur aus Luft bestehen, und zwar solcher, die durch
die Muskelbewegtingen des verletzten Glieds
durch die Schußöffnungen richtig aspiriert
worden war. In der Folgezeit konnte ich mich des öfteren
überzeugen, daß bei während des Verbandwechsels zustande ge¬
kommenen geringsten Bewegungen die Schußöffnungen deutlich
Luft ansaugen. Das Voihandensein von GasfcJasen beim ersten Ver¬
bandwechsel darf jedenfalls nicht die Vermutung hervorrufen, daß
es sich womöglich um eine Gasphlegmone handelt, die natürlich
weitgehendst aktiv angegangen werden muß. Liegt das Bein erst
ein bis zwei Tage in ruhiger Extension, verschwinden mit allen
schwereren Erscheinungen auch die Gasblasen. — Bei Ober-
schenkclschußfrakturen wurde sofort der Extensionsver¬
band angelegt. Wir verwenden den von v. Saar (1) im Re¬
servespital in Belgrad mit großem Erfolge benutzten Florschützschen
Extensicnsverband. (Abb. 2.) Hier ruht das Bein, an dem zu beiden
Seiten die Heftpflasterstreifen zur Extension befestigt sind, in
Tüchern, die an einer über die Länge des Bettes ziehenden Holzstange
aufgeknüpft sind, in leicht im Knie flektierter Stellung. Besondere
Gegenzugapparate haben wir nicht verwandt; der Gegenzug wird
durch das Gewicht des Oberkörpers dadurch erreicht, daß das
Fußende des Bettes auf Holzblöckchen erhöht ruht. Diese Art Ver¬
band hat verschiedene große Vorzüge: der Verbandwechsel geht
denkbar leicht vonstatten, da der Kranke sein Becken durch Arm¬
zug an der Stange selbst heben kann; ebenso leicht ist der Wechsel
der Bettwäsche. Dann wirkt die Extension an dem schwebenden
Bein ungleich besser, als wenn der Unterschenkel in der Schiene
auf dem Gleisbrette liegt, vor allem aber empfinden die Patienten
dne große Erleichterung. Da das Bein überall freiliegt, ist jeder
Teil desselben gut übersehbar; auch wird durch diese Verbandart
der Atrophie der Muskeln entgegengearbeitet, die Patienten können
selbst besser Muskelbewegungen ausführen, außerdem ist eine
Massage möglich. Die Erfolge waren bis jetzt sehr gute.
*on den sieben Frakturen sind bis jetzt fünf schon konsoli¬
diert. Wie gesagt, wurden nur in zwei Fällen zwei kleine
•H-m lange incisionen gemacht — aus den Schußoffnungen
entleerten sich immer in den ersten Tagen riesige Mengen
mter und zahlreiche Splitter. Nach Splittern wurde natür-
•cn nicht gesucht. Die Temperatur sank in allen Fällen
ab, hier und da tritt oft für ein oder zwei Tage eine
emperaturerhöhung (bis 39,5) ein, um aber ohne jeden Ein-
f?nff schnell wieder zurückzugehen. Die Heilung der oft
d Knochen geht mit einer Exaktheit und
ctiheit vor sich, wie man es von der Friedenspraxis her,
e Ja Vle l aktiver ist nie für möglich gehalten hätte.
armL te I sc k en kels c hußfrakt u re n , Ober-
tur^hußfrakturen, Vorderarmschußf rak-
w eu ‘ *J l ^ c Frakturen besprechen wir gemeinsam des- I
weil ihre Therapie meist eine gemeinsame war. Bei
c ^ enso der durch Stein-
verbftna r ^k ats ^ r . on ^ un ^ hervorgerufenen, wurde der Gips¬
selbst bei maximaler Gliedschwellung angelegt. Die
—’ Wundstelle wurde gefenstert. In wenigen Tagen gingen
Fieber und Schwellungen unter diesen Verbänden zurück,
wo bei Unterschenkelbrüchen eine starke Dislokation vor¬
handen war, legten wir ebenso wie prinzipiell bei Obe rarm¬
und Vorderarmbruch die Hackenbruchsche Klammer an.
Dieser Apparat leistet so vorzügliches, daß ich ihn als das
■ Ideal der Schußfrakturenbehandlung, be-
sonders des 0berarmknochens bezeichnen
möchte. Bei der Fraktur wird der ganze Arm in im Ell-
Jl bogen flektierter Stellung leicht eingegipst. Nachdem der
* Gips hart geworden ist (nach 20 bis 30 Minuten), wird die
Frakturstelle rings ausgeschnitten und nun zu beiden Seiten
die Hackenbruch-Klammerschrauben eingegipst. Durch Ver¬
stellung der Schraube einerseits wie durch Verstellen der
beiden Kugelgelenke ist hinter dem Röntgenschirme direkt
| eine exakte Fixierung der Bruchenden möglich. (Abb. 3,
I 3 a, 4, 4 a.)
Die Triangel habe ich nie verwandt. In einem Fall,
I in dem der Oberarm wahrscheinlich durch Granatschuß fast
von seiner Haut skalpiert und der Knochen in drei Stücke
gebrochen, außerdem das ganze Ellbogengelenk zermalmt
war, wurde mit Erfolg Extension am gestreckten Arm in der
Weise vorgenommen, daß an dem über die Länge des Bettes
ziehenden Holzbalken eine seitliche Stange angebracht wurde, an|
der der ganze Arm in Tüchern, ähnlich wie das Bein bei Ober¬
schenkelschußfraktur, in Extension hing. (Der Arm ist jetzt geheilt.)
m
Abb. 3.
Hackeabruchklammbr
bei Schullfraktur des
Oberarms.
Oberarmfraktnr (Abb. 3)
geheilt.
Abb. 4.
Hackenbruchklaminer bei
Schußfraktur des Unter¬
schenkels.
Gelenkschiisse. Die Gelenkschußverletzungen wurden
durchweg mit gefenstertem Gipsverbande behandelt. Mit Ausnahme
Abb. 4 a.
Röntgenbild za Abb. 4.
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Original frnrri
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18.
2. Mai
eines Falles war nie eine Eröffnung des Gelenks nötig. Schwellung
und Fieber gingen bald zurück. Nur in einem Falle von Gelenk¬
schuß des Handgelenks, wo die Gelenkwunde im Feldlazarett fest
tamponiert, im übrigen genäht war, war es zu eitriger Handgelenk¬
entzündung gekommen. Hier mußte dorsal incidiert werden. Auch
hier wurden mit Vorteil Haekenbruchsche Klammern, die das Ge¬
lenk durch Distraction entspannten, angelegt.
In einer Arbeit über die Schußverletzungen
der großen Gelenke kommt W. Denk (2), Chef¬
arzt der Maltesermission in Sofia, zu folgenden Hauptschlu߬
folgerungen: Jeder Gelenkschuß ist so früh wie möglich zu
fixieren. Fällt die Temperatur bei dauernder Immobilisie¬
rung nicht ab, ergibt die klinische Untersuchung eine
virulente Infektion des Gelenks, ist die Reihenfolge der vorzu¬
nehmenden Eingriffe folgende: Incision (beim Ellbogen und
Sprunggelenk-Aufklappung); genügt diese nicht: Resektion.
Treten trotzdem noch ‘optische Erscheinungen auf: Ampu¬
tation, wobei die Wunde nicht zu vernähen ist. Aseptische
Durchschüsse heilen mit guter Beweglichkeit, aseptische Steck¬
schüsse führen zu Ankylose (Projektil im Gelenke); deshalb muß
drei bis vier Wochen nach vollkommener Wundheilung die Kugel
entfernt werden. Gefahr der sekundären Gelenkinfektion von Ein-
und Ausschuß aus ist sehr gering.
Handverletzungen. Die ausgedehnten Handverletzun¬
gen werden, durch Granatsplitter und Gewehrnahschüsse verursacht,
richtige Zerreißungen. Gewöhnlich ist die Haut der Einschußstelle
zerrissen, ein oder zwei Metacarpi in leichten Fällen zersplittert,
auf der Ausschußseite (meistens die Hohlhand) eine gezackte Ri߬
wunde. Kommt die Verletzung erst ins Reservelazarett, haben sich
die Hautlappen der Einschußseite retrahiert und sind mit ihrer
Unterlage verklebt. Wir lösten in solchen Fällen die Hautlappen
ab und vernähten nach Anfrischung der Wundränder derselben
exakt. Meistens fehlte nichts zur vollen Bedeckung. Knochen¬
splitter werden entfernt, die Wunde mit Kochsalzlösung abge¬
waschen. Eventuell erweitert man den Hautriß der Volarseite ein
wenig zum guten Abflüsse des Sekrets. Wir tamponieren nicht, da
gewöhnlich die Jodoformgaze mit dem umgebenden Gewebe ver¬
backt und nicht mehr als Drain wirken kann, sondern legen die von
Tiegel angegebene Spreiz klammer in die Haut¬
wunde ein und extendieren die dem verletzten Metacarpie ent-
T .• - > sprechenden Fin¬
ger ebenfalls auf
die von T i e -
g e 1 (3) angege¬
bene Schiene 1 ).
(Abb. 5.)
Die Hauptvor¬
teile, die Tie¬
gel bei derarti¬
ger Behandlung
von Handphleg¬
monen zu ver¬
zeichnen hatte,
bestehen darin,
daß die Heilung
rascher eint ritt,
iaß vor allem in¬
folge der gering¬
fügigeren Ver¬
wachsungen eine
erreicht wird. — Die
Heilungstendenz der menschlichen Hand ist übrigens eine sehr große.
Ge hirnschüss e. In einer sehr interessanten Arbeit über
die Schädelschüsse im Kriege kommt B r e i t n e r (4),
der auf bulgarischer Seite im Balkankriege tätig war, zu folgenden
Hauptschlüssen: die Gefahr der Infektion für den Knochenhirnschuß
ist. eine derart große, daß ihr Ausbleiben bei nichtoperierten Ver¬
wundeten zu den großen Seltenheiten gehört. Dementsprechend
kann nur eine aktive Therapie von Erfolg begleitet sein, die bei
der erten Möglichkeit eines aseptischen Verfahrens und wenigstens
mehrtägiger Ruhe des Operierten im Anschluß an den Eingriff vor-
zunehmen ist. Die aktive Therapie betrifft in erster Linie die
Tanffentialschüsse, I>iametral- und Steckschüsse sind
vorerst konservativ zu behandeln. Die Chancen der Operation
Abb. 5.
Tiegelsche Spreizklamtner.
viel bessere Beweglichkeit der Sehnen
n j m allgemeinen empfiehlt sich immer die Suspension
vprl*»t7te» Hand. Bei stärkeren Entzündungserscheinungen
wenden wir den feuchten Verband mit essigsaurer Tonerde.
der
ver-
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■V Google
steigen mit der Frühzeitigkeit des Eingriffs. Jedem Schädelschusse
kann ein nicht zu lange dauernder zweckmäßiger Transport zu¬
gemutet werden.
Diese Leitsätze scheinen durchaus das Richtige zu treffen.
Während Schußverletzungen des Hirnschädels am besten
aktiv behandelt werden, ist die Behandlung der Gesichtsschädel¬
verletzungen vorwiegend konservativ. Starke Zertrümmerung der
Unterkiefer und Verletzungen der Mundhöhle heilen trotz der
meistens stinkend-jauchigen Sekretion und des im Anfang oft be¬
jammernswürdigen Zustandes der Patienten glatt ab, wie ich hier
und im Garnisonlazarett in Mülheim zu sehen Gelegenheit hatte,
Spülungen der Mundhöhle sind das wichtigste. Der Prothesen¬
behandlung der Unterkieferfrakturen ist im allgemeinen eine
spätere Zeit, wenn sich alle Splitter abgestoßen haben, Vorbehalten.
Höchstens kann man versuchen, die Beweglichkeit des frakturierten
Unterkiefers dadurch zu beheben, daß man um die Kronen zwei«
der Frakturstelle benachbarten Zähne einen Silberdraht legt. Auf
diese Weise kann eine sehr gute Fixierung erreicht werden.
Halsverletzungen. E. Suchanek (5), der ebenfalls
auf bulgarischer Seite im Balkankriege tätig war, kommt in seiner
Arbeit über Halsschüsse zu dem Schlüsse, daß die Schuß-
verlctzungen dieser Region, auch wenn sie in der Nähe der großen
Gefäße und Nerven sitzen, am deutlichsten die Humanität der
modernen Geschosse beweisen. Die Therapie soll eine konservative
sein, wenn Blutungen und Eiterung nicht zu aktivem Vorgehen
zwingen. Infektion ist selten, da das Geschoß hier keine Kleidungs-
Tücke durchdringt.
Lungenschußverletzungen. ln einer eingehenden
Arbeit über Schuß verletzun-gen d e s T h o r a x u n d
A b domens berichtet E. S u c h anek (6) (auf bulgarischer
Seite). Der Arbeit liegt ein Material von 167 Thoraxverletzungen
zugrunde. Unter den Symptomen der penetrierenden Thoraxver¬
letzungen stehen an erster Stelle Erguß der Pleurahöhle
und die Hämopt ö e. In 167 Fällen fand sich 22 Hämoptoe und
36 Hämatothorax unter 86 perforierten Schüssen. Suchanek
glaubt, daß es sich bei letzteren meistens um Streifschüsse der
Lungen gehandelt habe, da diese mehr Neigung haben, nach innen
zu bluten als die die Lungen diametral penetrierenden. Nur in acht
Fällen fand sich eine primäre Infektion. S u ch a n ek warnt vor
einer zu frühen Probepunktion, da hierdurch ein steriler Erguß
infiziert werden kann, ja es gibt Stimmen, die behaupten, daß alle
infizierten Hämatothoraces infolge Punktion entstehen. Nur
wenn der Pleuraerguß so zunimmt, daß eine
lebensbedrohliche Dyspnöe eintritt, darf
punktiert werden. Bei die Lungen perforierenden
Schüssen findet sich nicht selten das von Küttner besonders
betonte Lungeninfiltrat, das perkutorisch und auskulta¬
torisch einen der Lobulärpneumonie ähnlichen Befund abgebeu kann.
Hautem p h y s e m konnte Suchanek nur in fünf Fällen beob¬
achten. Das geringe Vorkommen des Hautemphysems bei Schußver¬
letzungen soll dafür sprechen, wie schnell die durch Geschosse be¬
wirkten Lungenwunden verkleben zum Unterschied der durch
Rippenfrakturen entstandenen Rißwunden der Lunge. Eine wich¬
tige Rolle spielen die Lungenkontusionen. In zehn
Fällen gaben die Patienten an, daß in ihrer unmittelbaren Nähe
eine Granate eingeschlagen war, durch die große Erdmassen gegen
sie geschleudert worden oder sie selbst mit großer Wucht zu Boden
gefallen w r aren. Bei jenen Patienten fanden sich keine äußeren,
wohl aber die Symptome schwerer Lungenverletzungen. Unter den
nicht perforierenden Thoraxschüssen müssen ferner die bekannten
Kontur- und die Steckschüsse (meistens Schrapnell-
kugeln) erwähnt werden. .
Was die Therapie betrifft, so betont Suchanek die No
wendigkeit möglichster Ruhe, da die Gefahr der Sp» -
b 1 u t u n g e n nicht gering angeschlagen werden darf. . ! r
der Erguß in der Pleurahöhle so groß, daß starke Dyspnöe ein
tritt, muß punktiert werden, doch hat die Punktion zwei gro
Gefahren: 1. die Infektion, 2. die Nachblutung aus
durch den Bluterguß nun nicht mehr genügend kompnnue .
Lungenwunde. Pneumothorax und Hautemphysem sind nn >■
ein Noli me tangere. Nach allem kommt Suchanek
Schlüsse, daß das konservativste Verfahren
besten Resultate liefert. ,.n t
Alle unsere Fälle wurden konservativ behandelt, das ®
schon im Feldlazarett mit einfachem aseptischen Verbände
sehen. Nur in einem Falle war die im dritten Intercosta
sitzende Ausschußöffnung im Feldlazarett ziemlich tief tamp
Original fro-m
UNIVERSUM OF IOWA
alt
2. Mai.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18.
519
and sogar teilweise genäht worden. Die Heilung der Wunden ging
bei den Fällen ohne Komplikation vonstatten. Bemerkenswert ist,
daß bei allen Patienten sieh Schweratmigkeit bei geringsten körper¬
lichen Bewegungen einstellt.
Bauchschüsse. In der gleichen Arbeit berichtet S u -
chanek auch über Abdominalverletzungen. Soviel scheint fest-
zustehen, daß viele Bauchschüsse, bei denen Infanteriegeschosse die
Bauchhöhle perforiert hatten, unter Hungerdiät und Ruhe heilen.
Suchanek berichtet über33genau beschriebene Fälle, von denen
13 sicher perforierend waren. Von diesen 33 Fällen waren 23 durch
Gewehrprojektile und zehn durch Artilleriemunition verursacht.
In fünf Fällen traten peritonitische Erscheinungen auf, in zwei
Kotfisteln. Nur einer starb an diffuser eitriger
Peritonitis. Auch Su chanek betont, daß wohl die
wenigsten Bauchsehußverletzungen in dem akut b e h and-
lungsbedürftigen Stadium in die Etappenspitäler
gelangen. „Lieber unter schlechten Verhält¬
nissen die Kranken ruhig liegen lassen, als
mit den besten Transportmitteln zu trans¬
portieren!“ Kotfisteln gehen ohne Operation zurück. Die
Ahscesse, die sich in den Bauchdecken und um die verletzte Darm¬
stelle bilden können, sind nach Suchanek das einzige Moment,
das den Chirurgen zum Eingriff in den Etappenspitälern zwingt.
Was die Therapie betrifft, so ist konservative Behandlung im
Kriege das beste. Die meisten Darmverletzungen sind imstande,
durch ihre große Tendenz zu Adhäsionen den peritonitischen Pro¬
zeß zu lokalisieren, um so mehr, als der Darm des Verletzten am
Kampfplatze sich meist in ungefülltem Zustande befindet. Gerade
diejenigen Fälle, die die ausgesprochensten peritonealen Sym¬
ptome zeigen, haben die meiste Tendenz, die Peritonitis zu loka¬
lisieren. Diese Tendenz muß durch absolute Ruhe und Hunger-
diät unterstützt werden. Nach Suchanek bleibt für den Kriegs-
ehinirgen die Blutung (im Feldlazarett) und der Absceß (im
Etappenspital) die einzige Indikation zum Eingriff.
Bilden sich dann im Verlauf der Wundheilung durch Narben¬
stränge Stenosen aus, w r as aber erst nach Wochen der Fall ist,
dann kommen alle jene Maßnahmen in Betracht, die wir auch in
Friedenszeiten beim Ileus zu treffen gewohnt sind.
Die Fälle, die erst einmal ins Reservelazarett kommen, heilen
gewöhnlich ohne Eingriff. Immerhin kann nicht genug darauf auf¬
merksam gemacht werden, daß diese Patienten unter strengster
Diät und genauester täglicher rectaler Kontrolle zu halten sind.
Mit Recht weist Klapp darauf hin, daß sich ganz latent große
Douglasabscesse entwickeln können, deren Perforation für
den Patienten deletär werden kann. Klapp (7) w r arnt davor, bei
Bauchschüssen sich nicht zu sehr auf die konservative Methode zu
verlassen, sonst stehe man manchmal vor unangenehmen Ueber-
raschungen.
Nervenschußverletzungen. In einer Arbeit
über die Schußverletzungen der Nerven kommt
Denk (8) (Chefarzt der Maltesermission in Sofia) zu
folgenden Schlüssen: Falls nach einer Schuß Verletzung, die
muh dem Verlauf des Schußkanals eine Läsion eines oder
mehrerer Nerven vermuten läßt, Lähmungen und Schmerzen
nach medico-mechanischer Behandlung im Verlauf von
einigen Wochen nicht schwänden, so ist die operative
Freilegung des betreffenden Nerven vorzunehmen, da die
Schmerzen durch die Operation fast sicher beseitigt werden.
Dt der Nerv total durchtrennt, so muß nach Anfrischung der Enden
me Naht ausgeführt werden. Handelt es sich um eine schwielige
Narbe im Nerven ohne Continuitätstrennung, so wäre die Re¬
jektion des narbigen Teils und Naht, eventuell Abspaltung mit
folgender Einschneidung vorzunehmen, mit Ausnahme des
bchiadicus und Plexus, da wegen der wichtigen Funktion dieser
Nerven die Resektion zurzeit noch zu riskiert erscheint. In diesen
letzteren Fällen kommt die Neurolyse und Nerveneinschneidung in
Betracht.
In einer Arbeit „über die Schuß verletzung der
Peripheren Nerven aus dem Balkankriege“ be¬
handelt Gerulanos (9) (Athen) dieses Thema. Entweder ist der
1 direkt durchschossen und zerrissen, oder angeschossen, oder
er ist indirekt durch einfache Durchtränkung der umgebenden Ge¬
webe durch ein blutig-seröses Exsudat in seiner Funktion gestört.
Lhe Folgen sind Muskellähmungen und Sensibilitätsstörungen oder
ai D n Fzen besonders bei Verletzungen im oberen Plexusgebiete).
Als Grundsatz galt, den operativen Eingriff vorzunehmen, wenn
nac “ vier bis sechs Wochen keine Besserung zu konstatieren war,
oder wenn eine schwere Muskeldegeneration mit Abnahme der
galvanischen Erregbarkeit eintrat, was ja bei schw'eren Läsionen
in dieselbe Zeit fiel (Oekonomakis). Auch nach Lexer ist b i
subcutanen Nervenläsionen ein längeres Zögern nicht ratsam. Bei
Ausführung der Nervenoperation ist peinlichste Asepsis
nötig, auch nur eine teilweise Vereiterung würde den Erfolg der
Operation in Frage stellen. Trifft man unvermutet in der Tiefe
einen Absceß, muß der genähte Nerv durch Verlagerung geschützt,
der Absceß tamponiert w erden. Wo es anging, wurden die Nerven-
stümpfe im Zusammenhänge mit dem sie vereinigenden Naiben-
gewebe isoliert, dann zur Naht in der Weise geschritten, daß nur
zwei Drittel vom Nerven zur Anfrischung durchschnitten wurden.
Unter Leitung des erhaltenen Zwischenstücks wurde dann die Naht
so ausgeführt, daß keine Achsendrehung des Nerven stattfinden
konnte. Erst dann wurde das Zw ischengewebe abgetrennt und die
Naht vollendet. Längsschnitte in Nerven orientieren über die Aus¬
dehnung des narbigen Prozesses. Bei großen Defekten wurde die
Dehnung der Stümpfe ausgeführt (6 bis 8 cm!). Wo die
Dehnung nicht ausreichte, wurde plastisch operiert, durch
Plattenbildung oder durch C a t g u t f ä d e n d a s Z vv ischen-
stü c k ersetzt. Wichtig ist die Einbettung des genähten Nerven,
eventuell in eine Hülse frei transplantierter Fascia lata. Von
36 Nervenverletzungen sind zwölf ohne Operation zur Ausheilung
gelangt. Dadurch wird bewiesen, daß man erst nach vier bis sechs
Wochen, wenn keine Funktionsw iederkehr bis dahin eingetreten ist,
operieren soll.
Aneurysmen. Ueber kriegschirurgische Er¬
fahrungen über Aneurysmen berichtet v. Frisch (10)
auf Grund seiner Erfahrungen während seiner Tätigkeit in Sofia.
Nimmt eine als aseptisches Hämatom nach Weichteilschuß in den
tieferen Weichteilschichten der Extremität zu deutende Schwellung
trotz mehrtägiger Behandlung nicht ab, so ist der Verdacht auf
Arterienverletzung gerechtfertigt, auch wenn alle Symptome eine;
Aneurysmas fehlen. Besteht gleichzeitig kontinuierlicher Schmerz
und eine ausgesprochene Function laesa, so ist die Diagnose Aneu¬
rysma mit Wahrscheinlichkeit zu stellen. Die Hauptsymptome des
Aneurysmas sind: Abgegrenzter Tumor, Pulsation desselben, aus¬
gesprochenes Schwirren, Schmerz, Functio laesa der befallenen
Extremität, Veränderungen des peripheren Pulses.
Die Operation soll im allgemeinen in weiter zurück-
gelegenen Lazaretten vorgenommen werden, wo die Möglichkeit
modernster Chirurgie gegeben ist. Bei profusen Blutungen
und ausgesprochener Eiterung des Schußkanals
ist die doppelte Ligatur am besten am Orte der Gefäßverletzung
auszuführen. Die Aneurysmen nach Gefäßschüssen der Extremitäten
(meistens sind es Aneurysmata spuria) sollen am besten in der
dritten bis fünften Woche radikal operiert wer¬
den, denn gew öhnlich besteht bei dieser Art von Aneurysma in der
vierten Woche noch kein aneurysmatischer Sack, was eine wesent¬
liche Vereinfachung der Operation mit sich bringt. Es kommt also
darauf an, das Aneurysma zu entfernen, bevor dasselbe jene Um¬
wandlung durchgemacht hat, nach welcher ein organisierter, aus
lebendem Gewebe bestehender Sack vorhanden ist. In und vor
dieser Zeit ist die Ligatur im Sackinnern die beste
Methode (Kikuzi). Man schneidet unter Blutleere der Extremität
auf und in den Sack ein und entfernt die Gerinnsel, Nach Lösung
des Schlauches faßt man das spritzende centrale Gefäßende und
ligiert es. Blutet der periphere Stumpf arteriell in genügender
Weise, so wird er ebenfalls ligiert. Darauf wird leicht tamponiert;
da keine starre Sackw r and besteht, kollabiert der Tumor nach der
Ausräumung und es ist somit keine Gefahr der Nachblutung vor¬
handen. Die Ligatur im Sackinnern an der Verletzungs¬
stelle ist deswegen die beste Methode, weil auf diese Weise die
rings um den Sack gebildeten Kollateralbahnen nicht beschädigt
werden. Anders liegen natürlich die Verhältnisse, wenn man die
Operation in späterer Zeit, wo sich schon eine richtige Sackwand
ausgebildet hat, operieren soll. Hier muß man den ganzen Sack
(nach P h i 1 a g r i u s) exstirpieren, w'obei man das verletzte Gefäß
vor dem Eintritt und nach dem Austritt aus dem Sack unterbindet.
Hier können natürlich auch alle kollateralen leicht mitexstir-
piert werden. — Die Gefäßnaht hat v. Frisch in seinen fünf¬
zehn operierten Fällen nie notwendig gehabt. Dieselbe ist natür¬
lich nicht nötig, wenn nach Unterbindung des centralen Stumpfes
sich eine aktive Hyperämie der Extremität am bildet, die ein recht
sicheres Zeichen für das Voihandensein der Kollateralen sein soll.
Immerhin ist es zweckmäßig, bei jeder Operation auf gewisse
Symptome zu achten, deren Fehlen uns die Gefäßnaht als rätlich
erscheinen lassen. Im allgemeinen kann man behaupten, die
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Gougle
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UMIVERSITY OF IOWA
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18.
2. Mai.
Kollateralbahnen haben sich ausgebildet: 1.
wenn nach Unterbindung des centralen Gefäßstumpfs sich eine
normale Färbung der Peripherie des Glieds einstellt; 2. wenn dann
der periphere Gefäßstumpf arteriell blutet; 3. wenn der periphere
Teil, der mit der Höpfnerklemme abgeklemmten Hauptvene
sich staut. Die Gefäßnaht wird nach v. Frisch nur in
ganz seltenen Fällen sichindiziertfinden; selbst
bei ganz frischen Verletzungen der großen Gefäße soll man erst
die Kollateralzeichen prüfen, bevor man das Gefäß näht. Meist
ist es nicht notwendig. Auch die Gefäßnaht hat ihre
großen Gefahren.
Tetanus. Ueber die erfolgreiche Behandlung des Tetanus
lassen sich leider bis jetzt keine irgendwie sicheren Leitsätze an¬
führen. Es sind ja die verschiedensten Behandlungsmethoden
empfohlen worden. Exakte, sichere Erfolge geben sie alle nicht.
Am meisten scheinen noch besonders große Antitoxindosen thera¬
peutisch auszurichten. Doch ist auch das nicht sicher.
Von vielen Seiten wird eine Amputation als zwecklos abge¬
lehnt, Wie auch die Theorie der Tetanuserkrankungen sein mag,
das erscheint zum mindesten als naheliegend,
daß es vorteilhaft ist, eine große stinkende
jauchige Wunde, aus der immer wieder neue
Toxinmengen in den Körper gelangen müssen,
a u s z u s c h a 11 e n. — Nach all unsern Erfahrungen scheint bei
der Therapie des Tetanus die Innehaltung der inneren
wie äußeren Ruhe des Patienten ein außer¬
ordentlich wichtiger Faktor zu sein. (Zweimal täglich
1,0 Veronal. natrii rectal im Einlauf!)
Viel wirksamer als die Serumbehandlung beim ausgebroche¬
nen Tetanus ist die Schutzimpfung beim Tetanusverdacht. Die¬
selbe sollte prinzipiell vorgenommen werden. Ebenso prinzipiell
sollte ein Stückchen tetanusverdächtigenGewebes unter dieUücken-
haut des Meerschweinchens verpflanzt werden; da diese Tiere sek
sicher auf Tetanus reagieren, wird man früh über die Natur einer j
Wunde sich Aufklärung verschaffen können.
Außer dem einen Tetanusfalle hatten wir nur einen Todesfall
an ganz foudroyanter Sepsis bei Gasphlegmone des Beins zu ver¬
zeichnen. Die Toxicität dieses Falles, bei dem gleich nach der Ein*
liefening subnormale Temperaturen und Kollaps bestand, wird
dadurch bewiesen, daß zwei Meerschweinchen, denen ebenfalls
kleine Gewebsstückchen upter die Rückenhaut verpflanzt worden
waren, nach wenigen Stunden eingingen.
Die vorstehenden Erörterungen mögen eine weitere Illustra¬
tion zu der Lehre bilden, daß die moderne Kriegschirurgie unter
dem Zeichen der konservativen Therapie steht. Doch muß dieser
Konservativismus an vielen Stellen dem bewaffneten Frieden
gleichen, dem Frieden, der zu geeigneter Zeit mit der Waffe in der
Hand unterbrochen werden muß, um dauernd geschützt zu werden.
Literatur: 1. v. Saar, Zur Behandlung der Schußfrakturen im Kriege.
(Bruns Beitr. Bd. 91, H. 1 und 2.) — 2. Denk. Ueber Schußverletzungen der
Gelenke. Ebenda. — 3. Tiegel, Ueber Behandlung von Handphlegmonen.
Ebenda. — 4. Breitner, Ueber Schädelschüsse im Kriege, Ebenda. -
5. Suchanek, Ueber Gesichts- und Halsverletzungen. Ebenda. 6. Der¬
selbe. Ueber Schußverletzungen des Thorax una Abdomen. Ebenda. -
7. Klapp. Ueber einige chirurgische Erfahrungen aus dem II. Balkankricge.
(M. m. W. 37. 1914.) — H. Denk. Ueber Schußverletzungen der Nerven.
(Bruns Beitr. Bd. 91.) — 9. Gerulanos, Schußverletzungen der peripheren
Nerven aus den Balkankriegen. Ebenda. — 10. von Frisch, Kriegsehir-
urgische Erfahrungen über Aneurysmen. Ebenda.
Aus den neuesten Zeitschriften.
Berliner klinische Wochenschrift 1915, Nr. 15 u. 16.
Nr. 15. Spieß und Feldt: Ueber die Wirkung von Aurocantan
und strahlender Energie aut den tuberkulös erkrankten Organismus.
Gold ist wie alle Metalle ein Sauerstoffüberträger. Die biochemische
Wirkung des Lichts ist vornehmlich eine sauerstoffaktivierende. Be¬
strahlung des Körpers bewirkt Pigmentierung der Haut, die ein Oxydations¬
vorgang ist. Sie wird durch Aurocantanzufuhr beschleunigt. Die Wirkung
von Aurocantan und strahlender Energie (Ultraviolett) auf den tuberkulös
erkrankten Organismus besteht in Steigerung der Oxydationsvorgänge
und ist bei kombinierter Anwendung der beiden Heilfaktoien infolge ihrer
gleichgerichteten Tendenz am intensivsten. Die Goldkatalyse wird in
vitro und im Tierkörper durch Quecksilber beschleunigt. Die biochemische
Wirkung auch der übrigen kurzwelligen Strahlen des elektromagnetischen
Spektrums (Röntgen, Radium) ist vorwiegend eine oxydativ-spaltende.
Die pharmakologische Wirkung aller Metalle beruht in erster Linie auf
katalytischer Sauerstoffübertragung. Die speeifisclie Giftwirkung, auf
Mikroben und den tierischen Körper, wird zu einem Teile durch ihr ver¬
schiedenes Oxydationspotential bedingt.
Strauß (Berlin): Ueber Urämie. Die durch Fehlen einer stärkeren
Erhöhung des Rest-N-Gehalts charakterisierte Pseudourämie teilt Ver¬
fasser in zwei Untergruppen ein: 1. in den „eklamptischen Symptomen-
komplex“ oder die „Eklampsie der Nephritiker oder richtiger der
Nephrosen“, und 2. in den „ soporös-delirösen Symptomenkomplex der
Hypertoniker“ mit oder ohne lokalisierte Reiz- oder Ausfallerscheinungen.
Ebenso wie bei der Urämie im engeren Sinne zuweilen auch echte
Krampf zustande Vorkommen können, kann man bei beiden Formen der
Pseudourämie nicht selten auch dyspeptische Züge antreffen.
Ben da: Scharlach und Diphtherie in ihren Beziehungen zur
sozialen Lage. Die niedrigste Mortalität hat der Westen. Dann folgt
in erheblichem Abstande der Norden; ihm schließt sich in geringem Ab¬
stande der Osten, an diesen der Süden an, die höchste Ziffer weist die
innere Stadt auf. Bei Scharlach Beben wir, wie bei Diphtherie, die
niedrigste Mortalität im Westen, darauf folgt mit einer noch niedrigeren
Ziffer im Gegensätze zur Diphtherie die innere Stadt. Von diesen beiden
Bezirken sind nun aber durch eine große Kluft getrennt die drei prole¬
tarischen Bezirke; diese ihrerseits differieren nur mäßig untereinander,
an letzter Stelle steht der Norden mit der höchsten Mortalitätszahl,
während er die niedrigste Morbidität aufzuweisen hat.
Giovanni Ollino (Genua): Die Sphygmobolometrie Sahlis und Ihre
Kontrolle. Verfasser glaubt, daß man mit der Sphygmobolometrie wirklich
einen annähernd aliquoten Teil der totalen Energie des Herzens messen
kann und versteht darunter die einfache Möglichkeit, in einem gewissen
Arteriensegment die pulsatorische Kraft des linken Vorhofs zu messen.
Nr. Iß- Rosenow (Königsberg i. Pr.): Ueber die specifische Be¬
handlung der Pneumonie mit Optochin. Es ist zu erwarten, daß die
Größe des therapeutischen Fortschritts, den diese specifische Therapie
bedeutet, nicht nur in einem schnellen und leichten Verlaufe des Einzel¬
falls, sondern auch in einer wesentlichen Verminderung der Gesamtsterb¬
lichkeitsziffer der Pneumonie zum Ausdruck kommen wird.
Peiper (Stettin): Ueber Optochlnbehandlung der Pneumonie. Das
Optochin scheint bei frühzeitiger Anwendung, das heißt in den ersten
zwei oder höchstens drei Tagen, den Verlauf der Pneumonie zu be¬
schleunigen und die Krisis herbeizuführen. Versager gibt es auch hier,
doch scheinen sie recht selten zu Bein. In späteren Stadien ist eine
Optochinbehandlung der Pneumonie zwecklos. Trotz Inneh<ens der
üblichen Dosierung kann es zu vorübergehenden Schädigungen der Sehkraft
kommen.
Lichtwitz (Göttingen): Ueber die Reaktion auf Acetessigsäure
nach Gerhardt. Die Gerhardt sehe Reaktion zeigt die Enolform der Acet¬
essigsäure an.
Gutmann (Wiesbaden): Ueber Salvarsannatrium. Es ist ratsam,
in der Einzeldosis beim Manne nicht über 9,6 g hinauszugehen, lei der
Frau im allgemeinen an der Dosis 9,45 g festzuhalten. Als Gesamtdosis j
können dem Gros der Patienten während einer sechs- bis siebenwüchigen ]
Kur ohne Schaden 4 bis 6 g gegeben werden. Nebenwirkungen, wie
Temperatursteigerung, eventuell auch über 38 0 hinaus, und anderes mehr,
sind nicht ganz zu vermeiden. Das Salvarsannatrium scheint nach unseren
bisherigen Erfahrungen nicht selten Exantheme hervorzurufen, die aller¬
meist leicht verlaufen. Die Spirochäten verschwinden rasch; die klini¬
schen Erscheinungen werden im allgemeinen sehr gut beeinflußt.
Hart (Berlin - Schöneberg): Ueber akute idiopathische Tracheo¬
bronchitis necroticans. Aus den beschriebenen Fällen geht hervor, dal
es eine schwere akute diffuse Tracheobronchitis necroticans anscheinend
nicht specifisclier Aetiologie gibt, über deren Entstehungsbedinguuge«
wir uns bei der offenbaren Seltenheit der Affektion vorerst noch nicht
bestimmt äußern können. Ob dabei eine besonders hohe \ irulenz der
nachweisbaren und wahrscheinlich ätiologisch bedeutsamen Mikvoorgauismen
in Betracht kommt oder noch andere Momente eine Rolle spieien. nm
dahingestellt bleiben. Die Erkrankung verläuft äußerst schwer und mr
in verschiedenen Stadien zn einem schnellen Tode, der wahrscheinlic
nicht so sehr an einer Intoxikation oder einer Herzschwäche als an cuur
Erstickung infolge der Anfüllung der Bronchien und des respirieren en
Parenchyms mit hämorrhagisch-ödematöser Flüssigkeit eintritt.
Pulvermacher (Berlin): Ueber einen Fall von Orientbwk
(Lelshmaniosls cutanea). Die Leishmaniosis cutanea, die Orientbeuin
sind endemisch aultretende Knoten oder Geschwüre der Haut (selten > er
Schleimhaut). Ihr Sitz ist meist die unbedeckte Körperfläche, sie jer¬
hellen nach Monaten oder mehr wie einem Jahre spontan unter hai \ en
bildung. Ihre Ursache ist ein Protozoon Leishmania furunculosa s. tropica
Die Erkrankung hinterläßt Immunität gegen weiteres Befallenwerdeo
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Original frnrri
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521
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18.
2. Mai.
i jv: ■
,v v . v. Gaza: Gallenpleuritis bei transpleuraler Leberverletzung. Der
-ef,,, freie gallige Pleuraerguß nach einer transpleuralen Leborverletzung führte
; zu einer entzündlichen serösen Exsudation. Aus dem akut bedrohlichen
Stadium mit Verdrängungserscheinungen des Mediastinums und des
jj, v' Herzens entwickelte sich ein chronischer Krankheitszustand mit starker
Konsumtion der Körperkräfte, großer Herzschwäche und rapidem Ver-
HV f ' fall; erst die Rippenresektion, drei Wochen nach der Verletzung, führte
, f V - zur Heilung. Der Gallenerguß in der Pleura entspricht dem des Peri-
lr toneums in vieler Hinsicht völlig, jedoch scheint die Pleura unter dem
,C Reize der Galle mehr zur serös entzündlichen Exsudation zu neigen.
I ( Stein (Wiesbaden): Die Anwendung der Diathermie bei der Be-
fußlang der Kriegsverletzungen und der Kriegskrankheiten. Die Folge-
zuustimde einer großen Reihe von Schußfrakturen der Knochen und Ge-
f ,;. Ä lenke stellen das größte Kontingent der zur Diathermiebehandlung ge-
.j, eigneten Kriegspatienten. Frische Verletzungen kommen nicht in Betracht.
' Die Domäne der Diathermiebehandlung ist vielmehr mit wenigen Aus»
fr nahmen die Zeit der Nachbehandlung, die Beseitigung der Vcrlet.zungs-
fl-V folgen. Die GeleDksteifigkeiten spielen in dieser Beziehung die weitaus
LG. größte Rolle.
|§, : ' ~ Harf (Buch): Tetanus lateralis. Das Charakteristische des lokalen
jTetanus, dem auch die unilaterale Form zuzuziihlen ist. besteht in der
k langsamen Entwicklung und dem chronischen, fast stets günstigen Ver-
■ : laufe der Erkrankung. Reckz eh (Berlin).
Deutsche medizinische Wochenschrift t915, Nr. 16.
M. Katzenstein (Berlin): Ueber Funktlonsprufung des Herzens
mcli einer zehnjährigen klinischen Erfahrung. Vortrag, gehalten im Verein
für Innere Medizin und Kinderheilkunde in Berlin am 18. Mai 1914.
W. Gross (Harburg-E.): Ein Verfahren zur Leberbefestigung bei
Lebersenkung und eine Bezeichnung für die Größe einer Magensenkung.
Der Verfasser trennte in einem Falle von Lebersenkung das Ligamentum
teres vom Nabel ab, zog es scharf nach oben und führte es nach Durch¬
bohrung der Zwüschenrippenräume von innen her, nachdem die Haut ge¬
nügend hoch abpräpariert worden war, um die neunte Rippe herum. Das
•1 Endo dieses Leberbandes wurde schließlich mit dessen Beginn durch
3ää ps Seidenniihte fest vereinigt. Der Verfasser unterscheidet bei der Magen¬
senkung drei Grade. Er nennt eine Magensenkung ersten Grades eine
Senkung der Pylorusgegend (Antrum) oder des größten Teils des Magens
bis zur Nabelhöhe, eine Senkung zweiten Grades eine solche bis zu dem
Punkte, daß die Mitte des Antrums oder des Magens in Nabelhöhe steht,
eine Senkung dritten Grades endlich die Lage des Antrums oder des
Magens überhaupt unterhalb des Nabels oder im Becken. Die Senkung
dritten Grades, auch wenn sie ohne Ulcus besteht, zwingt fast immer
, ffc . zur Operation (wegen Uebelkeit, schwerer Verstopfung, Schmerzen und
allgemeiner Abmagerung).
Th. Messerschmidt (Straßburg i. Eis.): Pbobroi, Orot an und
Sagrofan. Man sollte danach trachten, tuberkulöses Sputum in mög¬
lichst kurzer Zeit zu desinfizieren. Bei der Prüfung eines Des¬
infektionsmittels dürfen aber niemals die leichtesten Bedingungen gewählt
werden. Da für Phthisiker geballtes Sputum geradezu charakteristisch
i;t muß man auch die Ballen und nicht das uncharakteristische homo¬
gene Sputum für Desinfektionsversuche auswählen. Dann zeigt sich, daß
die bislang zur Sputumde.siu/ektion gebräuchlichen chemischen Desinfek¬
tionsmittel— auch die drei obengenannten— viele Stunden einwirken
müssen, bis die Tuberkelbaeillen im Auswurf abgetötet werden.
J. Ruhemann (Berlin- Wilmersdorf) : Heber äußerliche Behandlung
mit anhaltend desodorierend und desinfizierend wirkendem Pulvern. Das
Ldciumperborat entbindet dem Volumen nach fünfmal mehr Sauerstoff |
als die offizielle 3%ige Wasserstoffsuperoxydlösung. Mit der gleichen
Meni r e Talkum gemischt kömmt es unter dem Namen „I.eukozon“ in
•len Handel (Chemische Werke von Dr. Heinrich Byk in Oranienburg).
& entwickelt in Berührung mit Sekreten nicht Wasserstoffsuperoxyd,
andern direkt Sauerstoff, und zwar hält diese Wirkung lange an,
T Smi Entwicklung des Sauerstoffs finden sich als Residuen das unlüs-
He, wie Gips sich verhaltende Kalkborat und Talkum in kleinster
Menge. Bei reichlich secernierenden Wunden kommt es nie zu Schorfen,
da dies durch die Sauerstoffentwicklung verhindert wird. Das Leukozon
e.irnet sich zur Dauerdesinfektion und -desodorierung bei putriden
-Dfektionen, Gasphlegmonen, brandigen Zuständen, ferner zu Daucr-
'erbänden bei komplizierten Frakturen. Die Kombination mit dem
7Jlr "rituellen Wundreinigung zu benutzenden Wasserstoffsuperoxyd ist
ppftdrienswert.
. H Ghajes (Berlin-Schöneberg): lieber Teerbehandlung des chro¬
nischen Ekzems. Es besteht ein ganz erheblicher Unterschied zwischen
, !J ^ ( l° r Destillation von Holz gewonnenen Holzteer (Oleum fagi,
, l,m rusci, Oh>iiin cadini) und dein Stoinkohlenteer, indem dieser
1 ' dich weniger reizt. Diese auffallende Reizlosigkeit des unver¬
dünnten Steinkohlcntecrs läßt seine Verwendung bereits in manchem
noch leicht nässenden Ekzemstadium zu, in dem die Anwendung des
Holzteers kontraindiziert wäre. Bei chronischen Ekzemen, bei denen eine
stärkere Sekretion meist nicht mehr vorhanden ist, genügt eine alle zwei
bis drei Tage wiederholte Pinselung mit unverdünntem Steinkohlenteer, die
Erkrankung oft sehr schnell zu beseitigen. Wo der unverdünnte Stein-
kohlentcer nicht gebraucht werden kann, sollten die Steinkohlenteer¬
präparate Liantral oder besonders Purium zur Anwendung kommen.
Eugen Schultze (Berlin): Bmst-Lungenschüsse und Ihre Kompli¬
kationen. Sind die knöchernen Teile des Thorax verletzt, so kommt es
fast immer zum Pneumothorax und damit leicht zur gangränösen Zer¬
setzung an der Stelle der Knochenverletzung und zum Pyothorax. Denn
in dem Moment, wo sich die Plcura-Lungcnwunde nicht sofort infolge
der großen Elastizität dieser Organe und Verschiebung der deckenden
Weichteile schließen kann, ist die Infektion der Hautknochenwunde wie
der Pleura fast stets unvermeidlich. Von den Komplikationen werden
ausführlich besprochen: 1. der Flüssigkeitserguß in der Pleura (ohne
I Pneumothorax), 2. der offene Pneumothorax (ohne Flüssigkeitserguß),
3. der offene Pyopneumothorax mit (leicht erkennbaren, offen liegenden)
Rippenfrakturen, 4. Leber-Lungenschüsse.
Hans L. Heusner (Gießen): lieber künstliche Glieder. Der Gang
an der Krücke erzeugt Skoliosen, vor allem aber werden die Muskeln des
Stumpfs schlaff und atrophieren, wodurch der für die Befestigung der Pro¬
these so ungünstige Kegelstumpf entsteht. Man muß vielmehr frühzeitig
die Muskeln des Stumpfes durch geeignete Uebungen stärken und die Narbe
kräftig und geschmeidig machen. Das einfache Stelzbein übertrifft an
Zweckmäßigkeit noch immer den Durchschnitt sämtlicher bisher kon¬
struierten Prothesen und dürfte den Anforderungen der körperlich
Arbeitenden noch am ehesten entsprechen. Das einfachste Kunstbein,
ohne vielseitige, leicht in Unordnung geratende Mechanismen, ist stets
allen andern vorzuziehen. Kapseln aus Hartgummi, Papiermasse, Alu¬
minium, Metall überhaupt sind weniger zu empfehlen als solche aus
Weiden- und Lindenholz. Empfehlenswert ist der von Marks hergestellte
Fuß aus einem Holzkern und einer dicken Unterlage aus Schwammgummi.
Dabei kann man auf das Fußgelenk ganz verzichten. Das endgültige
Kunstbein kann übrigens frühestens erst nach sechs bis sieben Monaten
angepaßt werden, da sich bis dahin der Stumpf noch dauernd verändert.
Ein einfaches Bein dagegen kann schon gleich nach dem Aufstehen Ver¬
wendung finden, da sich das Polster für den Stumpf leicht nachpassen
läßt. Je früher sich der Patient an den Gebrauch seiner Prothese ge-
wohnt, um so eher ist er wieder arbeitsfähig. Der Verfasser schlägt zum
Schluß für die mit künstlichen Gliedern Versehenen eine jährliche Kontroll-
versamralung vor, um die Prothesen auf ihre Zweckmäßigkeit hin dauernd
zu prüfen und gegebenenfalls zu verbessern.
Bucky (Berlin): Die Diathermie in den Lazaretten. Bei der Dia¬
thermie wird im Innern des Körpers elektrischer Strom in Wärme um-
gesetzt, ohne daß es dabei zu Muskelcontractiou, Nervenreiz, Elektrolyse
kommt. Die Wärmeenergie wird also hier nicht von außen zugeführt.
Keiner äußerlich applizierten Wärme kommt eine Tiefenwirkung zu.
(Selbst in einem Heißluftbade von mehr als 110° steigt die Haut¬
temperatur nie über 37°.) Anders bei der viel intensiver wirkenden
Diathermie, wobei es im Innern der Organe zu Erweiterungen
namentlich der Arterien kommt. Der Verfasser empfiehlt die Diathermie
angelegentlichst bei Knochen-, Muskel- und Sehnenverletzungen als beste
Nachbehandlungsmethode, ferner bei Gelenkentzündungen, Neuralgie und
Nervenentzündungen (z B. Trigeminusneuralgie, Ischias), Nervenver¬
letzungen durch Schuß, ganz besonders auch bei erfrorenen Gliedmaßen
(einfachste Frostbeule und schwerste Frostgangrän). Voraussetzung des
Erfolges ist eine richtige Technik. Vorsicht ist vor allem bei Sensi¬
bilitätsstörungen (z. B. bei Verletzungen) geboten, um Verbrennungen
zu vermeiden. (Im Gegensatz zu den Röntgenverbrennungen sind aber
die Diathermieverbrennungen durchaus gutartig.)
Paul Kayser (Berlin): Erfahrungen des Feldlazaretts 6 des
I VI. Armeekorps. (Schluß.) Betont wird unter anderem, daß allein der
Transport die schlimmen Ausgänge in einem hohen Prozentsatz der ab-
' dominalen Schußwunden verursache. Mehrmals sah der Verfasser bei
Obduktionen kleinste Wanddefekte des Darmes ohne Kotaustritt, die bei
der enormen Verklebungskraft des Bauchfells wohl sicher abgeschlossen
worden wären und statt der foudroyanten Peritonitis höchstens den heil¬
baren Absceß im Gefolge gehabt hätten, wenn man dem Körper nur die
dazu erforderliche Ruhe hätte lassen können. Das beste wäre an sich
gewiß, den durch Bauchschuß Verwundeten, unter einem Zeltdach am
Orte der Verwundung mit Morphium versorgt, ohne jede Nahrung eine
Reihe von Tagen liegen zu lassen. Ausführlich besprochen werden die
so ungemein häufigen Tangentialschüsse des behaarten Schädels. Meist
muß hier unbedingt aktiv vorgegangen werden durch eine genaue Wund¬
revision. Dabei handelt es sich in der Regel nicht um eine Trepanation,
sondern nur um ein Erweitern der Schüdehvunde (Excision der Wundränder,
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Original fram
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MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18.
wenn, wie gewöhnlich, der Schußkanal eine Rinne ist). Der Verfasser war
empfiehlt zum Schluß, alle sichtlich stark verschmutzten, taschenreichen kon
Wunden mit Perubalsam auszugießen. Ferner rät er dringend zum Bli
Mastisol, und zwar seiner Klebekraft wegen. Es gibt Stellen am und
Körper (Schulter, Rücken, Brust, Gesäß), wo sich auch der technisch best
angelegte Verband beim Transport verschiebt. Hier läßt sich durch an!
Mastisol mit Hilfe von Heftpflaster ein wirklich un verschieblich er Tyj
Verband erzielen. Dabei wird eine Menge von Biuden gespart. Richtige nie!
Faltung der zusammengelegten Mullbäusche lind eine halbe. Minute Geduld • Vai
nach dem Pinseln, das sind allerdings die Voraussetzungen eines guten ! doc
Mastisolverbandes. Kein Mittel verhütet so sicher die Sekundärinfektion i in
wie das Mastisol. | Ty
Carl Stern (Düsseldorf): Die Behandlung geschlechtskranker ; Ue
Soldaten im Kriege. Personen, die wegen chronischer Geschlechtskrank- koi
heit zeitweise vom Eintritt ins Heer zurückgestellt waren, werden neuer- nie
dings sofort dem Lazarett überwiesen zur ..Heilung“. Aber, fragt der nn
Verfasser, ist es wirklich notwendig, Patienten mit geringem Morgen¬
tropfen, der aber Gonokokken enthält, mit Prostatitis, auch mit Gono- sei
kokken im spärlichen Sekret, Wochen- und monatelang in Lazarett- ak
bebandlung zu belassen, bis sie „gonokokkenfrei“ sind? Diese Art von vo
Patienten sollte allerdings nicht großen körperlichen Anstrengungen na
(Frontdienst) ausgesetzt sein. Aber Kranke mit chronischer Gonorrhöe eii
gehen doch im Frieden ungesoheut und auch ohne Gefahr ihrer oft sehr In
schweren Arbeit in der Fabrik mich! Auch von den Syphilitikern geht in
im Frieden nicht der zehnte Teil in Krankenhäuser. Aber er läßt sich j br
neben seiner Tätigkeit behandeln. Dasselbe ist auch im Kriege zu j L
erstreben. Der Verfasser fordert daher die möglichst sofortige Einrieh- | c\
tung ambulanter Behandlungsstätten für die nicht mehr unbedingt der i m
klinischen Behandlung bedürftigen, aus den Lazaretten zu ent- | T
lassenden Soldaten. Diese sind aber nicht in ihre Ileimatgarnison zu j d
senden, sondern müssen an einen Ort gebracht werden, wo spezialärzt- I (,
liehe Behandlung möglich ist. Hier wären sie als garnisondienst- ! t
fällig in Kiusernen unterzubringen, streng abzusondern und militärisch I v
zu beschäftigen. Die Behandlung muß sehr gründlich und nachhaltig i
durchgeführt werden. Der Verfasser wendet sich energisch gegen ' ii
Lenzmann, der mit ein oder zwei Spritzen Neosalvarsan die Syphilis I d
„abortiv“ heilen zu können behauptet. Die Gefahr der syphilitischen | s
Ansteckung wird noch zu häufig unterschätzt, was nicht zum mindesten i i
dadurch gefördert wird, daß sich allzu optimistische Therapeuten auf die l
Dauerwirkung auch reichlicher Salvnrsandosen zu viel verlassen. I i
Witzenhausen: Zur Typhusprophylaxe. Die Beobachtung, daß | i
die fertigen Speisen, die zur Verteilung an die Mannschaften gelangen j ]
sollen, in ihren Gefäßen direkt auf den Erdboden der Küche aufgestellt
und dadurch leicht durch den Schmutz des Bodens, der durch vorüber- 1
gehendo Leute aufgewirbelt wird, verunreinigt werden, zwingt zu der
Vorschrift, diese Gefäße auf Brettern (oder dergleichen) in Höhe von
l /a bis 1 m vom Erdboden entfernt aufzustellen.
Glasewald: Wasserdichte Fußbekleidung und Erfrierungen. Die {
im wasserdichten Stiefel bei Tätigkeit des Fußes (beim Marsch) aus der I
Haut abgesonderte Flüssigkeit hält den Fuß naß, da sie natürlich aus I
dem undurchlässigen Stiefel von innen nicht heraus kann. Die Nässe |
ist aber ein guter Wärmeleiter. Da ferner wasserdichtes Leder ein |
viel dichteres Gewebe darstellt und fast gar keine lufterfüllten Spalt- I
räume enthält, ist es an sich schon ein besserer Wärmeleiter. |
Außerdem wird aber auch der zwischen Stiefel und Fuß liegende Raum :
allmählich immer luftärmer und wasserreicher und dadurch auch besser [
wärmeleitend. In völlig wasserdichter Fußbekleidung ist also die i
Gefahr der örtlichen Erfrierung größer als in durchlässiger, natürlich l
nur, wenn ein rechtzeitiges Wechseln der Stiefel und besonders der '
Strümpfe unmöglich wird. Zum Glück sind aber die meisten Stiefel, die |
als wasserdicht verkauft und dafür gehalten werden, in Wirklichkeit !
wasserdurchlässig. K Bruck.
Münchner medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. 16.
W. Weiland (Kiel): Ein röntgenologisches Phänomen bei per¬
foriertem Magengeschwür. Zwischen der rechten Zwerchfellhälfte und
der Leber war bei der Durchleuchtung ein luftgefüllter, etwa sichel¬
förmiger Spalt sichtbar, das Zwerchfell stand an normaler Stelle, die
Leber war aber nach unten gerückt. Auf Grund dieses Röntgenbefundes
wurde unter Berücksichtigung des klinischen Bildes eine ubgekapselte
Abceßhöhle (infolge von Durchbruch eines Magengeschwürs), die lufthaltig
sein sollte, angenommen. Diese Diagnose erwies sich aber als falsch.
Bei der Operation fand sich nämlich eine große Schlinge des Colon trans-
versum im rechten subphrenischen Raum, die dadurch die Leber be¬
trächtlich herabgedrängt hatte, liu vorliegenden Falle wurde also das
lufthaltige Medium zwischen Leber und Zwerchfell vom Kolon einge¬
schlossen. Durch entzündliche Vorgänge infolge des Magengeschwürs
war es zu einer Verwachsung des Kolons mit Bauchwand und Leber »*e- I
kommen. Hierdurch entstand eine relative Kolonstenose und eine starke 1
Blähung des proximalen Kolonabschnitts. Dieser lagerte sich hinter
und über die Leber und drängte diese vom Zwerchfell ab (Hepatuptose). ii: 11
Hohlweg (Duisburg): Ueber den Einfluß der Typhusschutzimpfung .. v 3
auf den Nachweis der Typhusbacillen !m kreisenden Blnte. Bei geimpften : ^
Typhuskranken gelingt der Nachweis der Keime aus Blutkultur häufig r : 1
nicht, was darauf zurückzuführen sein dürfte, daß die im Gefolge der r ^
Vaccination einsetzende Bildung von Schutzstoflcn bei einer später
doch eintretenden Typhusinfektion das Zustandekommen einer Bakteriämie
in vielen Fällen hintanhält. Die Impfung kann zwar die Ansiedlung von : ’M
Typhusbacillen im Darm nicht immer hindern, sie läßt es aber dann zu einer *
Ueberschwemmung des Bluts mitTyphuskeimcn (Typhussepsis!) häufig nicht D
kommen. Man darf sich daher in klinisch verdächtigen geimpften Fällen --
nicht mit einem negativen Resultat der Blutkultur zufriedeugeben, sondern ! ■■■ •
muß Stuhl- und Urinuntersuchungen häufig vornehmen.
Hans Li pp (Stuttgart): Das Blutbild bei Typhus- und Cholera- !
Schutzimpfung. Die Schutzimpfungen gegen Typhus und Cholera sind
aktive Immunisierungen und geschehen durch subcutane Einspritzung
von — durch Flitze — abgetöteten Krankheitserregern. Dabei ist zu- i .
nächst nach den Einspritzungen die Empfindlichkeit gegen Infektion eher \ y
einige Tage lang erhöht („negative Phase“), wonach erst später die ;
Immunität eintritt. Man sieht nämlich bei der Typhusschutzimpfung
unmittelbar nach der ersten Impfung eine leichte Leukocytose, die aber
bald, zwischen dem dritten und siebenten Tag, einer ausgesprochenen
Leukopenie mit dem Sinken der polynucleären neutrophilen Leuko* ; ...
| evten, (lenen in erster Linie die phagocytüre Kraft innewohnt, Platz
macht („negative Phase“). Diese Phase hält höchstens sechs bis sieben ,
| Tage an, denn bereits am dritten Tage nach der zweiten Impfung beginnt
j das Blutbild wieder normal zu werden: die Neutrophilen steigen wieder
I („positive Phase“) und erreichen in acht bis zehn Tagen ihre frühere
! Höhe. So lange dauert es also nach der zweiten Impfung, bis die Schutz*
! Wirkung eintritt. Die dritte Schutzimpfung verursacht keine wesentliche
j Verschiebung des erreichten normalen Blutbildes. Eine dritte Schutz-
| impfung dürfte daher überflüssig sein. Wichtig ist eine schon bald nach
I der ersten, längstens zweiten Impfung auftretende Eosinophilie. Sie
| spricht gegen eine wirkliche Typhuserkrankung. Die Eosinophilenzäblung
| ist als ein wichtiges Hilfsmittel zur Stellung der Typhusdiagnose zu
bezeichnen, sie ist der Grub er- Widal sehen Reaktion überlegen, da
1 diese für die Typhitsdiagnose infolge der Schutzimpfung nicht mehr
j in Betracht kommt. Das Blutbild nach erfolgter C h ol e r aSchutzimpfung läßt
j lediglich eine leichte Leukocytose (für gewöhnlich nach der zweiten
Impfung) ersehen; hierin etwa dürfte die „negative Phase“ zu er¬
blicken sein.
Emm, Kondoleon (Athen): Die Dauerresultate der chirurgischen
Behandlung der elephantiastischen Lymphödeme. Die vom Verfasser vor¬
geschlagene Excision der tiefen Fascie gibt durchaus befriedigende
* I Resultate, wenn mau berücksichtigt, daß es sich um ein Leiden handelt,
r I das früher durch kein Mittel zu bekämpfen war. Die Operation ver-
s I spricht viel mehr Erfolg in frischen Fällen, das heißt in solchen, die mit
^ ! keiner Lymphstauung verbunden sind, als da, wo es schon zu reicher
a | Bindegewcbswuclierimg und vorgeschrittener Sklerose gekommen war.
- I Grober (Jena): Hygienische und ärztliche Beobachtungen im Belad
*. ] el Djerld (Südtunesien). (Schluß) Ein sehr ausführlicher Bericht, Das
n : bereiste Gebiet (französische Kolonie.) liegt zwischen der tunesischen
r | Steppe und der Sahara, zum Teil bereits in dieser, und erhalt eine
ie i Steigerung seiner klimatischen Eigenarten durch Salzsümpfe von vielen
di l Hunderten Quadratkilometer Fläche, an und zwischen denen es sich er-
er 1 streckt. Es gehört daher zu den am meisten sonnendurehstrahlUm,
ie | wärmsten und trockensten Teilen der Erde. Da die klimatischen
:it ! Eigenschaften dieser Gegend vielerlei Aehnlichkeiten mit einigen Teilen
Deutsch-Ostafrikas lind mit last ganz Deutsch-Südwestafrika bieten, ist
der vorliegende Bericht gerade für Deutschland von Wichtigkeit. ^
Rudolf Max P a p e u d i e c k: Neosalvarsanbehandlung bei Rückiall-
fieber. Beschreibung eines durch intravenöse Injektionen von NeosalvitfÄd
sr " geheilten Falles.
|!j_ FeldUrztlirhe Beilaffe Nr. 16.
lie I Gen n er ich: Zur Behandlung der Haut- und Geschlechtskrankheiten
les | im Felde. Aus dem ausführlichen Ueberblick sei hervorgehobeo: Da ie
lte latente Syphilis der Prostituierten auf zirka 90% zu schätzen ist, sollten
tig i alle Puellae publicao in achtwöchigen Abständen 14 Tage im Kraiikcnlmu
ch. | auf Tripper und Syphilis behandelt werden, und zwar jener mit Argentum-
ns- | nitricum-Spühingen zweimal täglich, diese mit zwei bis drei Salvarsan-
be- ! Injektionen. Dadurch kommt es zwar nicht zur Heilung, aber zu euiu
das 1 gauz wesentlichen Einschränkung der Infektiosität. Bei der friscuo
ige- I Sekundärsy 1>hilis der Soldaten würde eine ausreichendei Sah^ 1 ^
ürs I behändluug die Kranken zu lange von der Front entfernen. Ls ist a ■
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Original fr am
UMIVERSITY OF IOWA
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18.
2 . Mai.
523
auf Salvarsanbehandiung ganz zu verzichten. Denn eine unzureichende
Anwendung dieses Mittels in einem so expansionskräftigen Stadium wie
dem frischen Sekundärstadium ist zu bedenklich (akutes Neurorezidiv
oder Meningorezidiv bei der in diesem Stadium stets vorhandenen
neningealen Infektion!). Es empfiehlt sich daher in diesem Stadium im
to&'te',- pvid allein die symptomatische Hg-Bebandlung (Scbmierkur von 144 g
oder zehn bis zwölf Kalomelspritzen k 0,05). Sie fährt zwar zu den
!i terminmSöigen Rückfüllen, die dann wieder vier bis sechs Wochen auf
1 der Etappe zu behandeln sind, sie gefährdet aber keineswegs in so
ernster Weise die Felddienstfähigkeit und auch die weitere Zukunft der
Patienten, wie es nach symptomatischer Salvarsanbehandiung der Fall
sein kann. Die Behandlung der Syphilis im Kriege hat also andere Auf¬
gaben als im Flieden. Gefordert wird schließlich eine tägliche Urin-
t Untersuchung auf Eiweiß bei der Schmierkur, beim Salvarsan, ganz be¬
sonders aber bei den Injektionen von hochprozentigen Quecksilberölen.
Ehret (Straßburg): üeber Lungenschüsse und deren Behandlung
l|< durch Punktion und Einfassen von Luft in die Brusthöhle. Zugrunde
as-aG* gelegt wurden zirka 100 Fälle, die der Verfasser untersucht, behandelt
und beobachtet hat. Darunter sah er nicht einen tödlichen Ausgang.
w Er schließt aber daraus nicht auf eine gute Prognose der Lungensckiisse.
Zar Feststellung der Prognose der Lungenschüsse überhaupt ist jedes
einseitige, durch äußere Umstände beeinflußte Material ungeeignet. Des
Verfassers Fälle sind frühestens fünf Tage, in der Regel acht bis zwanzig
Tage nach der Verletzung eingeliefert worden (es scheiden also aus alle
die, die sofort auf dem Schlachtfelde selbst infolge von Lungenschuß
fielen, ferner die, die innerhalb der ersten Tage daran starben, und end¬
lich die schweren, nicht transportfähigen). Die Punktion mit künst¬
lichem Pneumothorax durch Einlassen von Luft ist ein wirksames Mittel,
gefährliche Exsudate zu entfernen, nicht nur unter Vermeidung der
ßhitungsgefahr, sondern unter diiekter Bekämpfung der Blutung. Das
ist wichtig, da speziell die Exsudate bei und nach Lungonschüssen häufig
zu dicken Schwarten und Retraktionen führen. Zu dieser Behandlungs- I
«eise bedarf es keiner besonders komplizierten Apparate, da der künst¬
liche Pneumothorax ohne Bedenken durch Einlassen gewöhnlicher atmo- J
sphärischer Luft bewerkstelligt werden kann.
Krez (Bad Reichenhall): lieber Lungenschusse. Die beobachteten
Fälle waren nur solche, die schon in heimischen Lazaretten behandelt
worden waren, aber wegen verzögerter Heilung dem klimatischen Kurort
überwiesen wurden. Neben der Freiluftkur kamen Solbäder, pneumatische
Kammer, hydrotherapeutische Maßnahmen in Anwendung. Aber trotz
alledem dauerte es recht lange, bis ein befriedigendes Resultat erzielt
und namentlich auch die Neigung der durch Schuß verletzten Lunge zu
frischen, recht hartnäckigen Bronchialkatarrhen voll überwunden wurde.
K. Herrenschneider (Hamburg): Zur Frage der Behandlung von
Bjjoneftstichverleteungen der Lunge. Die Verletzungen durch das auf-
gepflanzte Seitengewehr enden meist schon auf dem Schlachtfelde tödlich.
Der Verfasser berichtet jedoch über einen Fall mit vollständiger Durch¬
stechung des Rumpfes, in dem die Verletzung unter konservativer
Behandlung einen recht günstigen Verlauf nahm. Es ist also bei Bajonett-
«liiverletzungen der Lunge nicht immer die Rippenresektion erforderlich.
W. Unverricht (Davos): Lungenschuß ohne Lungenerscheinungen.
Per Kranke zeigte bei der Röntgenaufnahme in der linken Thoraxseite
ein Geschoß (französisches Vollgeschoß, das in der Lunge schräg von
hinten nach vorn lag), von dessen Existenz er nichts wußte. Es war
nach der Verwundung nicht der geringste Husten oder Auswurf auf-
getretoD. Das Geschoß war mit abgeschwächter Kraft in den Körper
eingedrungen und hatte sich infolge des Widerstandes an den Körper¬
lich teilen umgedreht.
Hiedinger (Würzburg): Zur Unlerbindung der Carotis communis
weh Schußverfetiung. Da nach der Ligatur der Carotis communis
Konvulsionen und Lähmung der einen Körperseite häufig auftreten (in-
der plötzlichen Blutleere der Hirnhälfte), hat Ceci vorgeschlagen,
gleichzeitig- mit der Carotis communis die Vena jugularis interna
211 unterbinden, in der Annahme, daß dadurch der Rückfluß des Bluts
‘•■s dem Gehirn langsamer vor sich gehe. In einem Falle ist nun »der
' Nasser in diesem Sinne vorgegangen , und zwar trat dabei von seiten
Firnis nicht die geringste Störung auf.
Schlesinger: Die Ungeziefer bekämpf ußg in einem Kriegsgefangenen*
‘ a X e f- S ach den Angaben des Verfassers wurden zwei Desinfektions-
■' '-"Or gebaut, eines zur Desinfektion neu eingelieferter Kriegsgefangener,
"" ztve *te zur Entlausung der bereits im Lager befindlichen. Die Des-
I f 'htion der Kleider geschah durch Verbrennung von Schwefel.
0. Fleuster (Bonn): Extensfonsverbände mit dem Heusnerschen
“ndfirnis. Es handelt sich hierbei um eine Lösung von Kolophonium
II v ’iiz„j zu gleichen Teilen unter Beigabe eines Gewicbtsteils Venetian.
' 'i' üims. Diese Lösung besitzt eine vorzügliche und schnelle Klebe*
,a t und reizt die Haut nicht im geringsten, auch wenn der Extensions¬
verband lange liegen bleibt. Die Technik der Anlegung eines Extensions¬
verbandes wird beschrieben.
Eysell: Ein einfaches Vorbengungsmittel gegen Verlausung und
ihre Folgen. Der vom Verfasser empfohlene gefällte Schwefel (Sulfur
praecipitatum) ist ein Prophylaktikum (kein Remedium) gegen Pediku-
losis. Man schüttet das Pulver in kleinen Häufchen über die ganze
Unterkleidung und bürstet es dann ein. Eine gleichzeitige Imprägnie¬
rung der Innenfläche der Hals- und Leibbinde ist unerläßlich, eine solche
der Tuchhose und des Waffenrocks aber zwecklos, da diese mit der
Oberhaut des Trägers nicht in direkte Berührung kommen. Man soll
daher das Unterzeug (sowohl die benutzten wie die Reservehemden usw.)
der ausrückenden Truppen schon am Garnisonsorto schwefeln. Dann
sind bis zur Ankunft am Bestimmungsorte die Schutzstoffe in genügender
Menge gebildet. (Der Schwefel muß in die Unterkleidung eingerieben
werden, nur so wird der eigentliche Sitz der Kleiderlaus getroffen;
denn diese sitzt nicht auf der Haut, sondern in den diese umhüllenden
Stoffen und streckt aus diesen nur ihren Rüssel zum Stechen heraus.)
Fritz Levy: Zur Behandlung des Fleckfiebers. Urotropin ist
weder per os noch subcutan verabreicht ein Heilmittel gegen Fleckfiebcr.
(Der Verfasser sah nach diesem Mittel heftige Durchfälle und starke
Hämaturie auftreten.) Die beste Therapie bleibt vielmehr: laue Bäder
mit kühlen Abgießungen und sorgfältige Ueberwachung der Herztätigkeit
(01. camphorat.: Coffein, natrio-salicyl.; Digitalis). F. Bruck.
Bflcherb esprec fningen.
A. Kofimann und S. Jacoby, Urologischer Jahresbericht einschlie߬
lich der Erkrankungen des männlichen Genitalapparats.
Literatur 1913. Leipzig 1914. Dr. Werner Kliukhardt. 540 S. M 24,—.
Der Kollm an n-Jacoby sehe Urologische Jahresbericht ist fin¬
den Fachmann wie für den praktischen Arzt ein unentbehrlicher Gehilfe
geworden. Ungefähr um den zehnten Teil seines Umfangs vermehrt,
beweist er die fleißige wissenschaftliche Arbeit auf diesem Sondergebiete-
Die einzelnen Abschnitte der Physiologie (R. du Bois-Reymond).
Anatomie (Geißler und Glaserfeld), Pathologie und Therapie der
Nieren und Harnleiter (Chirurgie: Karowski und Marcuso; nicht-
chirurgische Erkrankungen: P. P. Richter und N. Meyer), Erkaukungon
der Blase und Prostata (L. Schneider), die Gonorrhöe des Maninil
(v. Notthaft), die chirurgischen Erkrankungen de« Penis, der Urethra,
der Samenstränge, dm- Hoden, Nebenhoden und Sameiiblasen (II. Wos-
sidlo und E. Wossidlo), nervöse Störungen des Harn- und Gcnilal-
apparats (A. Molli, die Krankheiten der Harnorgane des Weihes
(R. Knorr), Harnstrenge (A. Lew in), Bakteriologie (E. Saul), die
Erkrankungen des Urogeuitalapparats der Haustiere (R. Eberlein und
Dornis) sind auf Grund der Arbeiten vieler Referenten von den oben¬
genannten Autoren mustergültig zusammengestellt worden.
Mankiewicz.
F. v. Müller, Spekulation und Mystik in der Heilkunde. Ein
Ueberblick über die leitenden Ideen der Medizin ira letzten
Jahrhundert. Beim Antritt des Rektorats der Ludwig-Maximilians*
Universität verfaßt. München 1914. Lindauersche Buchhandlung.
39 S. M 1,60
In dem ersten Teil der anregenden und gedankenreichen Arbeit
wird über die medizinischen Anschauungen einiger Kliniker der alten
bayrischen Universität Landshut - München aus dem 1. bis 4. Jahrzehnte
des letzten Jahrhunderts berichtet. Die Entwicklungslinio der Natur¬
wissenschaften, die mit Baco und Galilei anfängt und in der Medizin durch
Harvey, Boerhaave, van Swieten, Morgagni, Haller bezeichnet
wird, erfährt in dieser süddeutschen Schule eine Unterbrechung infolge
des Einbruchs einer mystischen, religiösen und naturphilosophischen
Betrachtungsweise. Das Streben jener Zeit, die Wissenschaft als Knust
zu fassen und die Natur einfach und übersichtlich zu konstruieren, führte
jene Aerzte dazu, von den Fragen nach den letzten Dingen auszugeheu,
die Baco von seinem neugewonnenen Standpunkt einer streng natur¬
wissenschaftlichen Arbeitsmethode aus schon 300 Jahre früher als
„unfruchtbar und Gott geweiht“ bezeichnet hatte. — Daran schließt
F. v. Müller einige geschichtliche Notizen über die Mystik in der
Geschichte der Medizin. — Endlich behandelt er kurz das Wiedcr-
anknüpfen an die Entwicklungslinie und die naturwissenschaftliche
Renaissance der Medizin durch Rokitansky, durch die morpho¬
logisch-mikroskopischen Entdeckungen Rudolf Virchows, und die
Forschungsmethoden Robert Kochs und schließlich die neueren An¬
schauungen über Krankheitsbereitschaft und -bedingungen. Die Medizin
als Naturwissenschaft kann nur von neuen Tatsachen und Methoden
dauernden Gewinn erwarten, aber die ärztliche Kunst wird darüber hinaus
psychologischen und psychopathischen Bedürfnissen des Kranken Rech¬
nung zu tragen haben. Hierbei ist von der Entwicklung psycho-biologischer
Forschungen vielleicht noch mancherlei Förderung zu erwarten. K. Bg.
M\
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524
1915 - MEDIZINISCHE KLINIK - Nr. 18.
2. Mai.
Wissenschaftliche Verhandlungen. — Berufs- und Standesfragen.
Neue Folge der „ Wiener Medizinischen Presse“. Redigiert von Priv.-Doz. Dr. Anton Bum, Wien.
X. k. Gesellschaft der Aercte in Wien. Hel
Rei
Sitzung vom 23. April 1915.
Bert. Be er. stellt einen in Heilung begriffenen Fall von Ex
sogenannter diffuser Sklerodermie vor. Die Frau litt vor ^
20 Jahren an Raynaudscher Affektion, 10 Jahre später ent- we
wickelte sich das Bild einer diffusen Sklerodermie, das Gesicht P*
wurde allmählich starr, die Bewegungen der Extremitäten waren
sehr erschwert, die Finger zeigten Mutilationen. Yor 6 Jahren St
fielen der Pat. spontan alle Zähne aus. Bei der sogenannten au (
diffusen Sklerodermie betrifft der Prozeß vorzugsweise die Musku- s ®
latur, die Haut ist nur dort ergriffen, wo sie einem stärkeren I
Druck ausgesetzt ist, namentlich über den Sehnen der Beugeseite. N]
Dieser Prozeß ist keine Hauterkrankung, sondern er gehört in das £ e
Gebiet der inneren Medizin und steht der rheumatoiden Arthritis zu
nahe. Der Kranken wurde von Dr. Sa fron eine Zahnprothese ein- I
gesetzt, der Abdruck für diese mußte in 6 Stücken vorgenommen I "
werden, da Pat. den Mund nicht mehr als 2cm öffnen konnte. I vc
Vortr. hat die Kranke in 80 Sitzungen nach der von ihm vor ! S€
20 Jahren angegebenen mechanischen Methode behandelt, durch I
welche schon eine weitgehende Beweglichkeit der Arme und der I E
Finger erreicht worden ist, namentlich die Finger sind gut beweg- ^
lieh. Es ist kein Gelenk ankylotisch, trotzdem die Unbeweglich- I n
keit jahrelang angehalten hat. I K
R. Monti führt aus dem St. Anna-Kinderspital einen 12jähri- I t]
gen Knaben vor, bei welchem ein Ileumvolvalns infolge von I ?!
Mcckelschem Divertikel operativ behandelt worden ist. Der I J
Knabe erkrankte plötzlich mit Fieber, Erbrechen und Bauch- I 1
schmerzen; die Untersuchung ergab ein bretthart gespanntes, a
überall druckempfindliches Abdomen und in demselben einen faust- I e
großen beweglichen Tumor. Bei der Laparotomie wurde ein blutig I *
tingiertes Exsudat in der Bauchhöhle, ferner ein kindskopfgroßes I k
Konvolut stark geblähter und miteinander verklebter Dünndarm- I \
schlingen vorgefunden. Es handelte sich um einen Volvulus im I
unteren Teil des Ileum; in der Nähe der Torsionsstelle saß eine I
Geschwulst, welche abgetragen wurde; diese war ein 11cm langes I ]
und 7 cm breites Meckelsches Divertikel, welches 50 cm entfernt I
von der Ileozökalklappe saß, ein kleines Mesenterium hatte und I !
mit fäkulenten Massen gefüllt war. I
J. Fiebiger bespricht die Morphologie der Kleiderlaus. I
Die Eier werden in die Wäsche abgelegt, aus ihnen kriecht in I
8 Tagen die Brut heraus und aus dieser entwickeln sich binnen
2—3 Wochen geschlechtsreife Individuen. Wasserlösliche Mittel I
sind zur Vertilgung der Tiere schwer brauchbar, dagegen wirken
gut Substanzen, welche leicht in Dampf übergehen, wie Ammoniak, I
Schwefelkohlenstoff, Schwefeldioxyd und ätherische Oele; diese
dringen in die Tracheen ein. Die Salben und die fetten Oele
wirken mehr mechanisch, indem sie die Stigmen der Tracheen
verstopfen. Bei der grauen Salbe scheint auch der Quecksilber¬
dampf wirksam zu sein. Vortr. erwähnt kurz die Krankheiten,
welche durch Insekten übertragen werden. Die Uebertragung ge¬
schieht, abgesehen von der zufälligen Uebertragung durch das
Haften des infektiösen Materials am Tiere, meist durch Stich. Das
Yirus wird im Magen deponiert oder es vermehrt sich sogar
daselbst und wird wieder durch einen Stich auf den Menschen
übertragen. Manche Erreger machen im Wirt eine Entwicklung
durch, z. B. die Malariaparasiten. Bei Zecken werden mit dem Virus
die Eier und infolgedessen auch die Nachkommenschaft infiziert.
Die Kleiderlaus ist die Uebertragerin des Flecktyphus, dessen |
Erreger wir nicht kennen. Es ist aber festgestellt, daß die Laus
nicht sofort imstande ist, zu infizieren, wenn sie an einem kranken
Menschen gesogen hat, sondern erst nach mehreren Tagen; das
Virus macht also wahrscheinlich eine gewisse Entwicklung in der
Laus durch. Es gelangt in die Speicheldrüsen und mit deren Sekret
wird es in die Blutbahn eingeführt.
Frh. A. v. Eiseisberg demonstriert einen Pat., dem alle vier
Extremitäten amputiert wurden und der trotzdem arbeitsfähig
ist. Der 38jährige Mann geriet vor 8 Jahren in Amerika in einen
Starkstrom von 68000 Volt, 'wobei ihm alle Extremitäten so ver¬
brannt wurden, daß sie in der Mitte des Oberarms und der Unter¬
schenkel amputiert werden mußten. Bald nachher begann Pat.
Uebungen mit den Extremitätenstummeln vorzunehmen; nach einem
halben Jahr verfertigte ihm ein amerikanischer Bandagist künst¬
liche Prothesen, welche er noch bis jetzt trägt und welche wenig .V*’b
Reparaturen erfordert haben. In den Beinprothesen sind die Unter* - ^
schenkelstummel suspendiert. Bei den Prothesen für die oberen
Extremitäten sind die vier Finger miteinander vereint und unbeweg* i
lieh, der Daumen ist beweglich und wird durch ein Band adduziert,
welches durch Bewegungen der kontralateralen Achsel dirigiert wird. Vjsi#
Pat. kann sich allein an- und ausziehen, essen, schreiben und alle ci
möglichen Verrichtungen vornehmen, ferner kann er tadellos ohne V#
Stock gehen und macht Märsche bis zu 18 km im Tag. Pat. wurde -'r&w
auf die Klinik aufgenommen, wo er den amputierten Soldaten durch % m
sein eigenes Beispiel zeigt, bis zu welcher Vollkommenheit die Funk* M
tion amputierter Extremitäten ausgebildet werden kann, was für die I ~
Amputierten sicher einen Trost bedeutet. Es wird geplant, den vor* l
gestellten Mann auch an anderen Kriegsspitälera zu gleichem Zweck , • ;
zu demonstrieren. \* *4 l
Derselbe: Bericht Uber den Kriegscbirnrgentag in j , r 4
Brüssel. Der Kriegschirurgentag fand am 7. April statt und wurde . 4 ':
von ungefähr 1100 deutschen Feldärzten besucht. Vortr., welcher die* ^
sem Kongreß beigewohnt hat, bespricht die wichtigsten Ergebnisse , ^
desselben. Von 21 deutschen Ordinarii der Chirurgie stehen 18 im r
Felde als beratende Chirurgen bei den Armeekorps, ebenso andere nam* -4"
hafte Chirurgen. Auf dem Kongreß wies Garre daraufhin, daß Gra¬
natschüsse sehr häufig schwer infiziert sind, so daß ein operativer Ein¬
griff bald nach der Verletzung indiziert ist; als das beste Desinfek¬
tionsprinzip derartiger zerfetzter Wunden hat sich dieEntfemung der
zertrümmerten Ränder ergeben. In der letzten Zeit nimmt die Infek¬
tiosität der Schußverletzungen zu, vielleicht infolge des längeren
Liegens der Soldaten im Schützengraben, vielleicht infolge der neuen
amerikanischen Munition. Die Blutstillung erfolgt am besten mittelst
einer Klemme, welche liegen bleibt; die Esmarchsche Blutleere hat
manchmal Schaden angeriebtet. Rehn äußerte sich in demselben
Sinn, er spricht sich besonders gegen das dauernde Abschnüren
der Extremitäten zur Blutstillung aus. Vor der Tamponade frischer
Wunden ist allgemein gewarnt worden. Garrd betont die Not¬
wendigkeit der Trepanation bei Tangentialschüssen des Schädels
und der Laparotomie bei Bauchschüssen, wenn sie sehr bald and
von einem geübten Chirurgen ausgeführt werden kann. Es wurde
auch über das häufige Vorkommen von Sepsis im Anschluß an
Verletzungen geklagt. Kümmel sprach über Tetanus. Mehrere
gefangene französische Aerzte hatten ihm mitgeteilt, daß der Te¬
tanus in Frankreich häufiger als in Deutschland vorkomme, so daß
manche Chirurgen sogar vor aseptischen Operationen prophylaktisch
Tetanusantitoxin injizieren. Auch im deutschen Heer ereigneten
sieb zahlreiche Tetanusfälle, welche tödlich endeten. Als Therapie
soll die Injektion von 200—400 A.-E., kombiniert mit Magnesium
sulfurieum und Chloralhydrat, versucht werden. Franz gibt dem
' deutschen Serum den Vorzug und empfiehlt, bei allen Grauatver-
11 letzungen sofort prophylaktisch die Injektion vorzunehmen. Ritter
I und Kausch haben bei allen schweren Granatverletzungen das
Tetanusantitoxin injiziert und sahen keinen Tetanus; als ihnen
’ aber das Serum ausging, sahen sie gleich Tetanusfälle auftretem
Körte hat dagegen 28 Tetanusfälle beobachtet, von denen 21 obw
s Serumbehandlung zur Ausheilung kamen. Lex er hat von Deku-
s bitus noch nach W ochen einen Tetanus ausgehen gesehen, er ho-
r richtete über günstige Erfolge von der Anwendung des Anti*
II toxins; er war aber vorwiegend im Hinterlande tätig, wohin also
£ schwere Fälle nicht gebracht wurden. Es ergab sich als Schieß
■ 3 der Ausführungen aller Redner, daß das Tetanusantitoxin immer
prophylaktisch injiziert und kurativ nicht fallen gelassen werden
11 soll. Kümmel berichtete über Gasbrand, welcher in Frankreich
ls öfter beobachtet wurde. Franz bat unter 58 Fällen in der Hälfte
>n derselben als Erreger den Fränkelschen Bazillus nachgewiesen,
die Mortalität betrug 44°/ 0 . Nach seinen Beobachtungen ist der
QT epifaszial ausgebreitete Gasbrand leichterer Natur und soll dnre
et ausgiebige Inzisionen behandelt werden; wenn der Prozeß unter¬
halb der Faszie liegt, was durch eine Probeinzision festgeste
er werden kann, ist die Prognose schlecht und es muß amputier
ig werden. Mehrere Referenten wiesen darauf hin, daß die Amputa io
en nicht immer im Gesunden gemacht werden muß. Das klinisc t
ar- Bild des Gasbrandes kann sich in 2—3 Tagen verschlechtern, e
ar- Puls schnellt außerordentlich rasch hinauf; man muß ^ s0 ..
at. Pat. unter genaue Beobachtung stellen, um nicht die Zeit z
em operativen Eingriff zu versäumen. Es scheint, daß der öasbrAna
st- an den unteren Extremitäten schwerer verläuft als am ü
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2. Mai.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18
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Körper. Kolle hofft, daß es möglich sein wird, auch für den Gas¬
brand ein Serum herzustellen. Tillmann und Enderlen wiesen
darauf hin, daß Durchschüsse durch den Schädel aus nächster
Nähe tödlich sind: Durchschüsse, welche zum Chirurgen kommen,
sind aus weiter Entfernung zustande gekommen. Tangential- und
Prellschüsse des Schädels soll man operieren, aber nur dann, wenn
man über die notwendige Technik verfügt und der Pat. nachträg¬
lich längere Zeit ruhen kann. Diese Erfahrung wurde auf der
Klinik f. E. bestätigt. Tillmann trachtet, Meningitis frühzeitig
durch die Lumbalpunktion zu diagnostizieren. Enderlen empfiehlt
die Operation aller Schädelschüsse, er ist vorn tätig und kann
auch die Pat. längere Zeit in seinem Spital lassen. Die Mortalität
betrug bei den von ihm beobachteten Schädelschüssen 44 0 / 0 . Bier
erwähnt, daß man zum Zweck der Entfernung einer im Gehirn
stecken gebliebenen Kugel den Pat. längere Zeit auf der Ein¬
schußöffnung liegen lassen soll, wohin die Kugel manchmal
wandert. Diese Erfahrung konnte v. E. auf, seiner Klinik nicht
bestätigen. Burckhard empfiehlt die operative Behandlung des
Prolapsus cerebri nach Verletzung, man soll die Bruchpforte ver¬
größern; je größer sie ist, desto mehr schrumpft der Prolaps zu¬
sammen. Sauerbruch und Borchart berichteten über Brust-
scbüsse. Bei diesen soll man möglichst konservativ vorgehen mit
Ausnahme der Granatschüsse mit großen Zerreißungen. In solchen
Fällen soll man nach Sauerbruch die Pleura frühzeitig nähen,
um in der Brusthöhle normale Spannungsverbältnisse zu schaffen
und eine Infektion zu verhüten. Bezüglich der Bauchschüsse haben
einige Chirurgen ein konservatives, andere ein operatives Ver¬
fahren angeraten; die Erklärung dieser Differenz ergibt sich
daraus, daß die OperationsVerhältnisse am östlichen Kriegsschau¬
platz ungünstig, auf dem westlichen sehr günstig sind. Enderlen
berichtete über einen Fall von achtfacher Perforation des Darmes,
welche durch Operation geheilt wurde. Wenn man in den ersten
Stunden nach der Verletzung die Darmnaht ausführen kann, soll
man dies tun, ein langes Zuwarten und ein Operieren unter un¬
günstigen Verhältnissen sind für den Pat. gefährlich. Payer
(Leipzig) hat als zweckmäßige Methode zur Eröffnung des Knie¬
gelenkes die Spaltung von rückwärts empfohlen. Ein Militärarzt
hat sich entschieden gegen den Gipsverband ausgesprochen. Er
stieß aber aal Widersprach, da der Gipsverband den Kranken
transportfähig macht. Anschütz bat die Hackersche Schiene
für den Transport von Pat. mit Oberschenkelfrakturen empfohlen,
auch Rehn und v. E. haben Schienen angegeben. Es ist dringend
nötig, den frakturierten Oberschenkel zu fixieren, der Petitsche
Stiefel reicht für solche Fälle nicht aus. Bier hat eine sehr große
Zahl ?on Aneurysmen nach Schußverletzungen beobachtet, er hat
"G Fälle durch Naht der Gefäßwand an der Abgaugsstelle des
Aneurysmas geheilt. Die Wundnaht ist sicherer als die Unter¬
bindung, da letztere zu Folgeerscheinungen führen kann, nament¬
lich ist das Gleichgewicht der Extremität lange gestört. — Vortr.
hat auch eine Stadt in der Nähe der Front besucht, wo Enderlen
wirkt. Er bekommt in V 9 — V/ 2 Stunden die Verwundeten von der
Front eingeliefert, infolgedessen hat er bei seinen Operationen
sehr günstige Resultate, darunter auch bei Darm Verletzungen. Er
operiert an drei verschiedenen Orten, von denen zwei ganz modern
eingerichtet sind. Sauerbruch besitzt ebenfalls ausgezeichnete
Operationseinrichtungen. In einem Spital für Typhuskranke sah
Vortr. einen 70jährigen Anatomen aus Marburg als Kommandanten
des Spifcales tätig. H.
liehen Ueberanstrengungen des Krieges. Man sieht daher die ver¬
schiedensten Formen der Herzkrankheiten im Kriege, ohne daß man
von einem eigentlichen Kriegsherzen sprechen kann. Neurasthenische
und hysterische Formen kommen vor, das richtige Arbeiterherz,
das durch sexuelle Erregungen überanstrengte Herz, das Unfall¬
herz, die paroxysmale Tachykardie, die Angstneurosen, die Brady¬
kardie und noch andere Formen. Die Untersuchung ist im Felde
schwierig. Geräusche sind nicht maßgebend, auch die Perkussion
versagt oft, weil die Lungen gebläht sind, der Puls ist fast immer
beschleunigt. Daher ist die Röntgenuntersuchung stets erforderlich
und auch überall möglich. Die Elektrokardiographie ist natürlich
nicht durchführbar. Der Blutdruck ist häufig sehr niedrig, der
Urin besonders nach anstrengenden Märschen sehr hochgestellt.
Da viele ältere Männer im Felde stehen, ist auch die Arterio¬
sklerose häufig zu beobachten. Sehr oft treten Veränderungen am
Herzen und am Gefäßsystem bei Syphilitikern auf, wie denn auf¬
fallenderweise der Wassermann im Felde bei vielen wieder positiv
wird nach langjährigem negativen Verhalten. Etwas Aehnliches
sieht man bei der Tuberkulose, die plötzlich aufflackert, und bei
der Tabes. Die Prognose ist im ganzen nicht günstig. Viele Fälle
werden wohl dauernd ihre Beschwerden behalten. Trotzdem ist
Tätigkeit besser als die fortwährend wechselnde Sanatorium behand-
lung. Die Narkose läßt K. in allen Fällen vornehmen, da darin
eine Schädigung des Herzens nicht zu sehen ist. Die Behandlung
soll in den Etappen vorgenommen werden, weil man dann die ge¬
besserten Kranken schneller ins Feld schicken könne, wo sie
dringend gebraucht werden. Begehrungsvorstellungen kommen
natürlich auch bei den Soldaten vor, nur richten sie sich einst¬
weilen lediglich auf das Nachhausereisen und auf das Niehtwieder-
zurückkommen.
Brugsch: Erschöpfung. Des Gleichgewicht wird im Körper
durch fortdauernde Lebensprozesse hergestellt. Da spielen äußere
Reize, wie Geräusche und sensible Einflüsse, Lichtreize, Kälte und
Wärme eine Rolle, die sich im ruhigen Leben nicht hoch bewerten
lassen, aber im Krieg ungeheure Bedeutung erlangen. Wenn wir
uns vorstellen, daß viele von Natur schwache Menschen viele
Wochen und Monate im Feuer der Geschütze und beim Getöse
der Granaten unter ungünstigen hygienischen Zuständen verbringen,
so können wir begreifen, daß ihr Nervensystem erschüttert wird,
daß es zu einem Verbrauch der Kräfte im Sinn Edingers
kommt. Schon im gewöhnlichen Leben ist die Ruhe erforderlich,
um der übermächtigen Abnutzung des Körpers entgegenzuwirken.
Die Ermüdung ist die Regulierung für unsere Arbeit. Wir sorgen
dafür, daß Einnahme und Leistuag sich das Gleichgewicht halten.
Bei der sportlichen Leistung wird durch die aufgebotene Energie
das Stadium der Erschöpfung hinausgeschoben und kann durch
Trainieren auf eine höhere Stufe gebracht werden. Im Kriege
haben wir es oft mit schwachen Menschen und mit Herzkranken
zu tun. Darum sehen wir häufig genug den Zusammenbruch, die
völlige Erschöpfung. Wir können in solchen Fällen keine andere
Diagnose stellen als diese. Wir kennen den Zustand aus den
Fällen von Inanition oder aus den Fällen übertriebener Sport¬
leistungen (Sechs-Tagerennen). Die Nebennieren haben ihre Funk¬
tion eingestellt, das Glykogen ist verbraucht, das Nervensystem
befindet, sich in einem zumeist gelähmten, später stark erregten
Zustand. Die Erholung dauert gewöhnlich lange Zeit. Die Be¬
handlung geschieht unter Anwendung aller diätetischen und physi¬
kalischen Hilfsmittel.
1 orfragsreihe des Zentralkomitees für das ärztliche Fort«
bildnngswesen in Preußen.
V.
Benda: Pathologisch «anatomischer Befand bei Fleck¬
fieber. B. hat in 2 Fällen von Fleckfieber die genaue Untersuchung
öes Gehirns vorgenommen und spezifische entzündliche Verände¬
ren in der Hirnrinde gefunden, die das Vorwiegen der Zerebral-
erscheinongen im letzten Stadium des Fleckfiebers erklären. Diese
kleinen Entzündungsherde sind bereits 1875 und später von Popow
beschrieben worden. (Am Kriegsärztlichen Abend, den 23. März
iyia , ,m Langenbeckhause.)
, ..^. raus: Herzkrankheiten. Abgesehen von den Infektions-
TankheiteD, nehmen die Herzkrankheiten unter den inneren Fällen
en Hauptplatz ein. Das liegt daran, daß viele Leute mit ge-
u 6r kaktungsfähigkeit eingestellt werden, ferner daran, daß
J D ach Typhus und anderen Infektionskrankheiten häufig
ranKt, and schließlich an den vielfachen psychischen und körper-
Kleine Mitteilungen.
(Militärärztlich es.) ln Anerkennung tapferen und auf¬
opferungsvollen Verhaltens bzw. vorzüglicher Dienstleistung vor
dem Feinde ist den O.-St.-Ae. II. Kl. DDr. J. Pospischii des
I.-R. Nr. 79, J. v. Hetyey des Res.-Sp. Nr. 2/12, L. Deutsch
des Res.-Sp. Nr. 5/12, den St.-Ae. DDr. A. Schafler der i.-Div.-
San.-A. Nr. 7, S. Rares, Kommand. der I.-Div.-San.-A. Nr. 33,
N. Nürnberger, Kommand. des Deutschen Ordens-Sp. Nr. 3,
L. Den es des 3. Armee-Etapp.-Kmdo., den R.-Ae. DDr. J. Urbach
des Feld.-Sp. Nr. 4/7, K. Ruäiöka, San.-Chef der 13. L.-I.-Div.,
M. Gerber, Kommand. des Feld-Sp. Nr. 8/14, A. Wach des
4. Armee-Etapp.-Kmdo., den R.-Ae. d. Res. DDr. K. Budzynski,
Kommand. des Feld-Sp. Nr. 2/14, G. Orgelmeister, Kommand.
des Feld-Sp. Nr. 7/9, dem R.-A. d. Ev. Dr. F. Leger beim Lst.-I.-R.
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1915 - MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 18.
2. Mai.
Nr. 8, den O.-Ae. d. Bes. DDr. L. Böhler der I.-Div.-San.-A. Nr. 8, | W
J. Schleinzer der 4. Arraee-Etapp.-Kmdo., dem Lst.-O.-A. Dr. I sie
0. Baumgartner des Feld-Sp. Nr. 9/14, dem A.-A. d. Res. 1 In
Dr. M. Mare sch des Feld-Sp. Nr. 2/14 und den Lst.-A,-Ae. DDr. I
J. Schmidt des Feld-Sp. Nr. 9/14, E. Pfibrara des Res.-Sp. I \y
Bielitz das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens am Bande des I p
Militärverdienstkreuzes, den R.-Ae. DDr. H. Biedermann des l g
Feld-Sp. Nr. 3/14, E. Curta des F.-J.-B. Nr. 23, dem R.-A. I 8(
d. Res. Dr. V. Kirchner, Kommand. der Krankenstation Neu- I a
Sandec, R.-A. der Ev. Dr. P. v. Tardy der I.-Div.-San.-A. Nr. 10, I a
O.-A. Dr. E. Heinz der I.-Div.-San.-A. Nr. 7, O.-A. d. Res. Doktor 1 g
J. Nowaczynsky des F.-K.-R. Nr. 2, O.-A. a. D. Dr. F. Sla- I c
winger beim L.-I.-R. Nr. 35, den O.-Ae. d. Ev. DDr. H. Prigl I ;
des raob. Res.-Sp. Nr. 2/2, E. Schwarz köpf des Feld.-Sp. Nr. 4/10, 1 ]
den Lst.-O.-Ae. DDr. H. Kaposi des Feld-Sp. Nr. 4/2, L. Kohr I ]
heim 14. Korps-Train-Kmdo., S. Olbert der Train-Div. Nr. 1, den I
A.-Ae. d. Res. DDr. E. Trammer des l.-R. Nr. 40, F. Popper der I
I.-Div.-San.-A.Nr.38, K.Krisanics des I.-R. Nr.61, A.Sznkrusz I
der y I.-Div.-San.-A. Nr. 7, R. Lehn er des Etapp.-Kmdo. Nr. 12/2, I
F. Sasinka der l.-Div.-S.-A. Nr. 12, den A.-Ae. d. Ev. Doktoren I
R. Zwicker des F.-J.-B. Nr. 1, A. Löwit des I.-R. Nr. 81, den
Lst.-A.-Ae. DDr. W. Kaplan des I.-R. Nr. 21, F. Dostal des
I.-R. Nr. 98, K. Mörl des mob. Res.-Sp. Nr. 5/(5, G. Prochazka
des Feld-Sp. Nr. 9/14, und dem Lst.-Arzt Dr. B. Heinrich des 1
mob. Res.-Sp. Nr. 5/(5 das Goldene Verdienstkreuz mit der Krone I
am Bande der Tapferkeitsmedaille, den A.-Ae.-St. DDr. N. Hedry
des I.-R. Nr. (58 und F. Werner des I.-R. Nr. 74 das Goldene I
Verdienstkreuz am Bande der Tapferkeitsmedaille verliehen, dem I
St.-A. Dr. F. Koukal des I.-R. Nr. 95, den R.-Ae. Doktoren I
A. v. Berko der I.-Div.-San.-A. Nr. 5, K. Foramitti bei der
L.-l.-San.-A. Nr. 13, H. Stippel beim L.-I.-R. Nr. 18, B. Fukala
bei der Reitenden T.-Ldsch.-Div., den R.-Ae. d. Res. H. Sprator
des I.-R. Nr. 0(5, M. Franz des L.-I.-R. Nr. 15, E. Fieber bei
der L.-I.-Div.-San.-A. Nr. 13, dem R.-A. a. D. H. Bloch beim
Lst.-I.-R. Nr. 7, dem R.-A. i. P. J. Chania beim L.-I.-R. Nr. 30,
den O.-Ae. d. Res. R. Rauch beinUFeld-Sp. Nr. 1/12, V. Ly£ka
des L.-I.-R. Nr. 31, W. v. Wieset und M. Krassniy bei der
I.-Div.-San.-A. Nr. 13, R. Weiser beim L.-I.-R, Nr. 18, C. Berko-
vits des F.-H.-R. Nr. 11, den O.-Ae. d. Ev. DDr. K. Weiler der
I.-Div.-San.-A. Nr. 24, L. Kubin des L.-I.-R. Nr. 2, A. Gold¬
schmidt bei der L.-F.-H.-Div. Nr. 45, den Lst.-O.-Ae. Doktoren
K. Kahr des I.-R. Nr. 47, H. Singer des I.-R. Nr. 98 und den
A.-Ae. d. Res. DDr. N. Weigl des I.-R. Nr. 3, E. v. Angermayer
des I.-R. Nr. 59, L. Katz des l.-R. Nr. 37, J. v. Levay des I.-R.
Nr. 39, P. Mory und R. Matusik des I.-R. Nr. (58, E. Varga des
I. -R. Nr. 96, J. Kramsky bei der Schw.-H.-Div. Nr. 3, F. Pepen
des L.-l.-R. Nr. 5, W. Zahadowski des I.-R. Nr. 45, J. Marek
des F.-J.-B. Nr. 14, T. Jacyk der I.-Div.-San.-A. Nr. 30 die a. h.
belobende Anerkennung ausgesprochen worden. — St.-A. Doktor
J. Sedlak des L.-F.-H.-Div. Nr. 4(5 wurde in den Ruhestand ver¬
setzt, der provisorische Fregattenarzt Dr. F. Stocovich zum
effektiven Fregattenarzt ernannt.
(Die Blatternerkrankungen in Wien.) In der am
22. April abgehaltenen zweiten „Sanitätskonferenz der Gemeinde
Wien“ berichtete der Oberstadtphysikus Dr. Böhm, daß in der
Zeit vom Oktober 1914 bis 16. April 1915 in Wien 602 689 Per¬
sonen vakziniert, resp. revakziniert worden sind. Bis 19. März 1915
sind 1379 an Blattern erkrankt; davon betrafen 2,7% Militär¬
personen (die Armee ist durebgeirapft), 97,3% Zivilpersonen. Von
den in dieser Periode an Blattern erkrankten Personen konnte
nach der „Arb.-Ztg.“ der Impfzustand an 1118 Personen fest gestellt
werden. Hiervon waren 452 überhaupt nicht, 346 in der Kindheit
geimpft und seither nicht revakziniert. Von 320 Ungeimpften sind
208 (= 56%) an Variola gestorben, von 263 in der Kindheit Ge¬
impften 47 (— 17,89%), von 224 innerhalb der letzten 6 Jahre
Geimpften 3 (= 1,34%). Von je 100 an Blattern Verstorbenen waren
80 ungeimpft, 18 nicht revakziniert, 1 vor 6 Jahren, 1 später ge¬
impft. Die Todesfälle an Blattern betrafen daher 98<>/ 0 Ungeimpfte
oder nicht Revakzinierte. Der Oberstadtphysikus hat dem Magistrat
vorgeschlagen, eine allgemeine Erhebung über die Geimpften und
Nichtgeimpften in Wien vorzunehmen. Gleichzeitig wurde ein
Komitee, aus dem Oberstadtphysikus, dem Präsidenten der Wiener
Aerztekammer Prof. Finger und dem Hygieniker Prof. Grass¬
berger bestehend, gewählt, das unter Führung des Bürgermeisters
von der Regierung die gesetzliche Einführung des Impfzwanges
verlangen wird. Daß in der Diskussion ein Gemeinderat, der im
n.-Ö. Landesausschuß derzeit das wichtige Unterrichtsreferat führt,
auch angesichts der erschreckenden Ausbreitung der Blattern in
Wien und der zwingenden statistischen Ergebnisse der Vakzination
sich als Impfgegner gerierte, der die „persönliche Freiheit des
Individuums“ verteidigt, sei lediglich verzeichnet.
(Kurse über Psychoanalyse.) Die „Wiener psychoana¬
lytische Vereinigung“ veranstaltet zur Ergänzung der von
Prof. Freud au der Wiener Universität gehaltenen Kollegien im
Sommersemester 1915 Kurse über Psychoanalyse. Es sind vorge¬
sehen: 1. Ein Kurs für Anfänger „Einführung in die Psycho¬
analyse“. Zur Teilnahme berechtigt sind Doktoren und Studenten
I aller Fakultäten, Damen und Herren. 2, Ein Kurs für Vorge-
hrittene „Einige Kapitel der Libidotheorie“, nur für Personen,
e schon ein Kolleg oder einen Kurs für Anfänger gehört haben.
Ein praktisch-theoretischer Kurs für Aerzte und Mediziner,
eginn der Kurse in der Woche vom 10. Mai. Anmeldungen
mgstens bis 5. Mai beim Vortragenden Dr. Viktor Tausk, Nerven- I
rzt, Wien, IX., Alserstraße 32, schriftlich oder mündlich zwischen L
und 4 Uhr nachmittags, woselbst auch Auskunft über Zeit und I
)rt, Stundenzahl und Honorar erteilt wird. ;;
(Verlustliste der Deutschen Armoe- und Marine-
Lrzto.) Die „D. militärärztl. Ztschr.“ bringt ein Verzeichnis der
jesamtverluste dos Sanitätsoffizierskorps des Deutschen Heeres, j
ler k. Marine und der Schutztruppen vom Beginn des Krieges bis ;
sum 15. April d. J. Nach diesem Verzeichnis wurden 294 Aerzte .
verwundet, 112 werden vermißt, 74 sind gefallen, 54 gefangen, j
48 sind an Krankheiten, 26 an Wunden gestorben, 15 verunglückt.
Die Zahl der Toten beträgt 148. |
(Aus Berlin) wird uns berichtet: Die Heeresverwaltung hat
die Beschaffung von fahrbaren Brausevorrichtungen für
die im Osten stehenden Truppen in Aussicht genommen, haupt¬
sächlich um die Entlausung unserer wackeren Vaterlandsverteidiger
zu ermöglichen. Ein Modell dieser Bäder wagen ist kürzlich der
Medizinalverwaltung des Kriegsministeriums vorgeführt worden.
Der Wagen hat die Form und Größe eines Möbelwagens, wie sie
zum Transport auf Eisenbahnen ohne Umladen verwendet werden.
Durch eine Pumpenanlage können etwa 2000 Liter Wasser ein-
gefüllt werden, so daß der Wagen gefüllt 700 Liter Warmwasser,
700 Liter Kaltwasser und 700 Liter für den Kessel selbst auf¬
nehmen kann. Der Wagen ist nach Art der Feld Wäschereien in
der Weise eingerichtet, daß der Ankleideraum während des Trans¬
ports in dem eigentlichen Baderaum eingeschachtolt ist und erst
vor dem Gebrauch berausgezogeu wird. Der Baderaum enthalt
zwölf durch Leinwandwände voneinander getrennte Brausebäder,
je sechs an jeder Seite. Eine Erwärmungsanlage heizt gleichzeitig
es den Baderaum und den Ankleideraum, der an den Längsseiten
;n Sitzbänke und Haken zum Aufhängen der Kleider sowie Hand-
»k tücher enthält. Matte Glasscheiben erhellen den Raum. Außerdem
h. ist noch ein Desinfektionsapparat für die Kleider vorgesehen. Auch
or soll in den Wagen frische Unterwäsche für die Truppen mitgeführt
ir . werden. Die Aufstellung des Wagens zum Gebrauch erfordert
, m kaum fünf Minuten. Das Wasser wird auf 80° erhitzt und nach
Bedarf mit kaltem Wasser gemischt. Die erforderliche Kohle wird
in einem unter dem Baderaum angebrachten Behälter mitgeführt,
«n Der Wagen, dessen einmalige Heizung für eben ganzen Tag ans-
de reicht, bietet pro Stunde 50 Mann Badegelegenheit. Der Schön¬
er stein ist umlegbar, so daß der ganze Wagen wenig Ranm in
&r- Anspruch nimmt. Der Wagen eignet sich wohl mehr dort zu®
45 Gebrauch, wo gute Straßen vorhanden sind, da er ein ziemlich
är- bedeutendes Gewicht hat. Doch läßt sich dieses Gewicht, ohne
on das Grundprinzip des Systems zu ändern, noch verringern, indem
ite zum Beispiel der ausziehbare Ankleideraum durch ein Zelt ersetzt
dlt wird und das Heizmaterial auf separaten Karren oder kleinen
eit Wagen nachgeführt wird. Jedenfalls ist das Problem selbst gelöst
und in kurzer Zeit werden unsere Truppen im Osten die Wohltat
le- der Bade- und Reinigungsgelegenheit genießen können.
’ re (Statistik.) Vom 12. bis inklusive 18. April 1915 wurden in je«
* en Zivilspitäleru Wiens 13.690 Personen behandelt. Hiervon worden
ge- 2324 entlassen, 191 sind gestorben (7 -8°/o des Abganges). In diesem Zeu-
fte raume wurden aus der Zivilbevölkerung Wiens in- und außerhalb der
rat Spitäler bei der k. k. n.-ö. Statthalterei als erkrankt gemeldet: Ac
md Blattern 65, Scharlach 97, Varizellen —, Diphtheritiß 81, Mumps
ein Influenza —, Abdominaltvphus 7, Dysenterie —, Rotlauf —, Trachom
aer Mi 4 zbra .nd — Wochenbettfieber 1, Flecktyphus 4, Cholera asiat/ca -
epidemische Genickstarre 9. In der Woche vom 4. bis 11. April 1
rind in Wien 755 Personen gestorben (— 56 gegen die Vorwoche)-
Sitzungs-Kalendarium.
Freitag, 7. Mai, 7 Uhr. K. k. Gesellschaft der Aerzte. (IX., Frani
gasse 8.)
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Herausgeber,
lolf* Original fram
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Wien, 9. Mai 1915« _ XT. Jahrgang.
Medizinische Klinik
Wochenschrift für praktische Ärzte
redigiert von
Preftarer ]>r. Kort Brandenburg
Berlin
I
Verlag von
IJrban & Schwanenberg
Wien
INHALT: Die Tergergnng der Verwundeten und Erkrankten im Kriege: Proi. Dr. M. Nonne, Ueber Kriegsverletzungen der peripheren Nerven
(Schluß aus Nr. 18). Umfrage über Uebertragung und Verhütung des Fleckfiebers. Dr. Eugen'Schlesinger, Ueber Schädigungen des inneren Ohres
durch Geschoßwirkung. — Klinische Vorträge: Prof. Dr. Hermann Eich hör st, Ueber epidemische Speicheldrüsen-und Nebenhodenentzündung. —
Berichte Aber Krankheitsfälle und BehandlungSTerfahren: Dr. Hugo Strauss, Versuche über Trinkwassersterilisation. Dr. Opitz, Neuere Erfah¬
rungen mit dem Ipecacuanhapräparat Riopan. — Forschungsergebnisse aus Medizin und Naturwissenschaft: Dr. Gustav Stümpe, Ueber Ergeb¬
nisse der Hermann-Perutz-Reaktion bei Syphilis. — Aus der Praxis für die Praxis: Prof. Dr. Walther, Zur Kasuistik der Fehlgeburt mit beson¬
derer Berücksichtigung langdauernder Placentarretention. — Ans den neuesten Zeitschriften. — Bficherbesprechnngen. — Wissenschaftliche Ver-
buKUugeo: Deutscher Kriegschirurgentag I. (Brüssel). Wiener Laryngo-rhinologische Gesellschaft. Kriegschirurgische Abende in Budapest. — Be¬
ruft- und Standesfragen. — Kleine Mitteilungen.
Dtr Verlag btMtt sieh das aussehHqßUche Recht der Vervielfältigung uni Verbreitung der in dieser Zeitschrift mim Erscheinen gelangenden Originalbeür&ge vor.
Die Versorgung der Verwundeten und Erkrankten im Kriege.
Dtöer Kriegsverletzungen der peripheren Nerven
▼on
Prof. Dr. AL Nonne,
Oberarzt am Allgemeinen Krankenhaus Hamburg-Eppendorf.
(Schluß ans Nr. 18.)
Zur Differentialdiagnose habe ich nur
weniges zu sagen. Ich habe es bei unserm Kriegsmaterial —
damit stimme ich mit den einschlägigen Mitteilungen der
Fachkollegen überein — nicht selten gesehen, daß eine
Malis-, eine Peroneus-, eine Peroneus-Tibialis-Lähmung
durch eine Verletzung des Hirns erzeugt werden kann.
Diese Fälle sprechen im allgemeinen durch die Lokalisation
des Traumas und durch Fehlen von charakteristischen
Symptomen — Atrophie, Veränderung der elektrischen Erreg¬
barkeit — für sich selbst. Das Spiel des Zufalls — über
dessen Vielgestaltigkeit wir ja alle jetzt staunen —- kann es
aber bringen, daß die Lokalisation des Traumas irreführen
kann; eine Atrophie kann bei peripheren Verletzungen fehlen
und kann bei centralen Lähmungen auch einmal da sein; und
selbst elektrische Erregbarkeitsveränderungen (Quincke
und Andere) bei Hirnherden gehören bekanntlich nicht zu den
Unmöglichkeiten. Ich selbst habe in einem Falle von corticaler
Verletzung der hinteren oberen Partie der vorderen Central-
*THdung eine Lähmung des Nervus tibialis und Nervus
peroneus gesehen, außerdem war der Oberschenkel zwei
Handbreit oberhalb der Kniekehle durchschossen worden
(Privatpraxis); die elektrische Erregbarkeit — ich sah den
franken 2*4 Monate nach der Verletzung — war für beide
Stromesarten herabgesetzt, sowohl für die indirekte wie für
die direkte Reizung; aber die Tatsache des Bestehens von
Fußklonus und von Babinskireflex (Oppenheim war
negativ) ließ doch die Diagnose auf eine cerebrale Genese
der Peroneus-Tibialis-Lähmung stellen. Die darauf von mir
Torgeschlagene, nnd von Herrn Kollegen Sick ausgeführte
Trepanation deckte über dem Paracentrallappen und etwas
weiter nach abwärts zwei große Knochensplitter — die sich
r e ® röntgenologischen Nachweis entzogen hatten — auf;
ua Laufe der nächsten Wochen trat eine merkliche Besserung
der Fußlähmung auf.
Dann ein Wort zur Differentialdiagnose gegen
Hysterie.
,. k rinem Falle hatte eine Gewehrkugel die rechte Ober-
■wüUMelbeingrube durchschlagen; die ganze rechte obere
Extremität war sofort lahm. Der Fall war als Plexuslähmung
drei Monate angesehen und ohne Erfolg mit Duschen und
Massage behandelt worden. Ich fand die Extremität in ihrer
Gesamtheit etwas magerer als die linke, sie zeigte eine ganz
leichte trophische Störung in Gestalt von geringer Cyanose
und Kälte, die direkte elektrische Erregbarkeit war in ge¬
ringem Grade herabgesetzt. Die weitere Untersuchung er¬
gab jedoch eine Anästhesie und Analgesie der ganzen Extre¬
mität und normales Verhalten der Sehnenreflexe. Trotz
Fehlens anderweitiger „hysterischer Stigmata“ stellte ich die
Diagnose auf Monoplegia superior hysterica und konnte
dem Manne den normalen Gebrauch seiner Extremität in drei
hypnotischen Sitzungen wiedergeben. An anderer Stelle habe
ich mich über die vorwiegend günstige Prognose der Fälle
von „Grande hysterie“ bei verletzten Soldaten schon aus¬
gesprochen und speziell über die Erfolge, die man mit richtig
angewendeter hypnotischer Suggestion zu erzielen vermag;
hier will ich nur darauf himveisen, daß das Wort Charcots
„il faut soupgonner l’hysterie partout“ auch bei Kriegsver¬
letzungen nicht unberechtigt ist. Ich spreche das aus auf
Grund der Erfahrung, daß fast alle meine Fälle
von „Grande hysterie“ verkannt und als Fälle
von cerebraler, spinaler oder peripher-neuritischer Lähmung
bisher gegolten und dementsprechend auch praktisch (100 %
Erwerbsunfähigkeit!) beurteilt waren.
Mehrfach sah ich, daß hysterische Contracturzustände
der Finger und Hände und der Füße als Ausdruck organischer
Nervenverletzungen angesehen yvorden waren, wenn die Ver¬
letzung die betreffende Extremität betroffen hatte. Hier ist
die Differentialdiagnose schon schwieriger, weil die trophi-
schen — vasomotorischen — Störungen in solchen Fällen
stärker ausgeprägt sein können in Gestalt von Pseudoödem,
Cyanose, Kälte usw. Die elektrische Erregbarkeit ist in sol¬
chen Fällen meistens mehr oder weniger herabgesetzt, und die
Form und Begrenzung der Sensibilitätsstörung kann sehr
mannigfach sein. Da handelt es sich um die Frage: lokale
traumatische Hysterie oder organische Erkrankung? Ich habe
die Narkose zur Erkennung der wahren Natur solcher Con-
tracturen niemals nötig gehabt, doch werden Aerzte, die
weniger Erfahrung auf diesem Gebiete haben, der Anwen¬
dung dieses Mittels nicht immer entraten können.
Endlich sah ich verhältnismäßig oft (ich befinde mich
darin im Gegensätze zu Lewandowsky), jedenfalls viel
öfter als in der Friedenspraxis, eine Verquickung der
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UMIVERSITY OF IOWA
1
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 19.
9. Mai.
traumatischen organischen Nervenlähmungen !
mit lokaler Hysterie, und zwar waren in solchen
Fällen meistens die Sensibilitätsstörungen psychogen bedingt,
sei es ganz, sei es teilweise; oder neben organischen Läh¬
mungen bestanden funktionelle Contracturen, oder ander¬
seits neben mechanisch bedingten Contracturen funktionelle
lähmungsartige Schwäche oder komplette Lähmung der Ex¬
tremitäten oder eines Teiles derselben. Nur ausnahmsweise
wurden sonstige „allgemeine“ Stigmata von Hysterie fest-
gestellt, wie Gesichtsfeld-Einengung, Conjunetival- und
Rachenanästhesie, durchgehende Hemianästhesie usw.
Ich will auch diese Gelegenheit benutzen, um es aus¬
zusprechen, daß nach meinen Erfahrungen die Hysterie sehr
oft verkannt wird. Es ist das um so leichter, als die „Kriegs¬
hysterie“ offenbar vorwiegend unter dem Bilde der mono¬
symptomatischen und der „lokalen“ (traumatischen) Hysterie
auftritt.
Die Frage, ob der Nerv durchtrennt, das
heißt ob seine Continuität unterbrochen ist, ist diejenige, die
der Chirurg dem Neurologen am Öftesten vorlegt. S i e
kann nicht mit Sicherheit beantwortet
werden; das wußten wir schon längst, und das
hat das Material dieses Kriegs aufs neue bestätigt.
Das haben uns jetzt wieder Marburg, Bruns,
Spielmeyer, Lewandowsky und die, die in
Berlin und in Wien in den Diskussionen zu diesem Thema
sprachen, gesagt. Auch ich kann sagen: wir können nur
feststellen, daß der Nerv leicht, mittelschwer oder schwer
geschädigt ist, wir können aber nicht sagen, ob diese
schwere Schädigung der Ausdruck einer schweren Schä¬
digung des Nerven respektive seiner Umgebung oder einer
völligen Unterbrechung seiner Continuität ist. Dieselbe Form
der Lähmung, der Sensibilitätsstörung, der Veränderung der
elektrischen Erregbarkeit, der Trophik kann die Folge ganz
verschiedener anatomischer Verhältnisse sein.
Es ist in den letzten Diskussionen behauptet worden:
da, wo ausstrahlende Schmerzen beständen, wäre eine Tren¬
nung der Continuität auszuschließen. Spielmeyer hat
demgegenüber behauptet, daß dies keineswegs beweisend sei;
er machte bei einer Operation die Erfahrung, daß es sich um
eine völlige Durchtrennung des Nervus ischiadicus han¬
delte in einem Fall, in dem Druck auf die Wadenmuskulatur,
bei völlig gelähmter Muskulatur des Unterschenkels und des
Fußes und bei totaler Entartungsreaktion, einen intensiven
und ausstrahlenden Schmerz ausgelöst hatte. Dasselbe kon¬
statierte ich in einem Falle von Dr. Reye im Eppendorfer
Krankenhause: Hier handelte es sich um eine totale Lähmung
mit kompletter Entartungsreaktion im linken Radialis,
Druck auf den Stamm des Nerven ober¬
halb der Verletzung erzeugte heftigen
ausstrahlenden Schmerz. Bei der Operation
zeigte sich, daß der Nerv total und restlos
durchtrennt war. Mehrere Fälle haben mir ge¬
zeigt, daß schwerste klinische Symptome bestehen kön¬
nen, auch wenn noch ein Teil des Nerven erhalten
war; so bestand in einem Falle von Schußverletzung
des Nervus peroneus schwerste Lähmung mit ausgedehnten
Sensibilitätsstörungen und totaler Entartungsreaktion, und
die Operation zeigte, daß nur zwei Drittel des Nervenquer-
schnitts verändert waren, während ein Drittel noch intakt
war. Anderseits sah ich folgenden Fall: Bei einer Verletzung
des Ischiadicus war Peroneus und Tibialis gänzlich gelähmt
mit totaler Entartungsreaktion, die motorische Leistung der
Beuger am Oberschenkel war gut, aber es fand sich in ihnen
Entartungsreaktion; die operative Freilegung des Nerven
zeigte makroskopisch eine Durchschlagung des Nerv und Er¬
satz der Lücke durch Bindegewebe; aber mikroskopisch (Dr.
Wohl will) fanden sich noch einzelne erhaltene Nerven¬
bündel. Jedenfalls steht fest, daß auch bei der Operation
man auf nur makroskopischem Wege die Diagnose auf völlige
Continuitätstrennung in vielen Fällen nicht stellen kann.
Ein Fall lehrte mich aber auch, daß selbst bei völliger
Durchtrennung eines Nerven die Lähmung keine komplette
sein muß. Es war das ein Fall von Paralyse im Radialis- und
Parese im Ulnarisgebiete (Schußverletzung am Oberarme!.
Totale Entartungsreaktion in beiden Nervgebieten. Dr. 0 ehl-
e c k e r fand bei der Operation beide Nerven durch-
trennt! 1
Ist nach einer Hieb- oder Stich Verletzung sofort
eine Lähmung im Bereich eines Nerven auf getreten, so hat
man selbstverständlich eine Continuitätstrennung anzuneh-
men. Nach einer Schuß Verletzung ist die Diagnose keines¬
wegs sicher, denn der Nerv kann nur durch „Kon-
kussion“ geschädigt sein, er kann durch Blutung und
Zerreißung von benachbarten Weichteilen (Gefäße, Mus¬
keln) oder durch Knochenfraktur akut gedrückt oder
gedehnt worden sein. Die Tatsache einer durch Knochen¬
splitter oder durch ein Geschoßteil stattgehabten Aufspießung
des Nerven kann nicht mit Sicherheit, etwa durch Schmerzen
oder durch das Röntgenbild festgestellt werden.
Aber wann ist die Indikation gegeben
zum operativen Eingriffe? Das ist die Frage, die
praktisch die wichtigste ist. Hier weichen die Ansichten der
Neurologen voneinander ab.
Die Indikation ist an sich überall da gegeben, wo es
feststeht, daß der Nerv ganz durchtrennt ist. In einigen
Fällen wird dies evident sein. Unter den Fällen, wo dies
nicht evident ist — und das ist die übergroße Mehrzahl der
Fälle —, scheiden zunächst die aus, in denen noch eine
eiternde Wunde, noch nicht geheilte Frakturen, traumatische
Aneurysmen usw. vorliegen; da müssen erst diese zur Heilung
gebracht werden. Darüber, ob granulierende Wunden
eine Operation am Nerven bereits gestatten, kann man ver¬
schiedener Meinung sein. Tatsache ist jedenfalls, daß auch
aus granulierenden Wunden sich zuweilen noch die verschie¬
denen Eiterkokken züchten lassen, und Vorbedingung für eine
primäre Heilung einer Nervennaht — und auf eine primäre
Heilung kommt natürlich alles an — ist aseptisches Verhalten
der Wunde. Liegen solche Kontraindikationen nicht vor, so
ist zunächst zu beachten die Form der elektrischen Reaktion
in den abhängigen Nervmuskelpartien; das hat in der Ber¬
liner Diskussion nur Toby Cohn, und in der Literatur nur
W ollenberg mit der nötigen Schärfe hervorgehoben.
Denn ob eine Lähmung leicht, mittelschwer oder schwer
ist, das können wir mittels der elektrischen Untersuchung
nachweisen. Bei partieller Entartungsreaktion wird
wohl niemand gleich die Operation empfehlen, denn die Er¬
fahrung lehrt, daß solche Lähmungen sich im Laufe von
einigen Wochen oder wenigen Monaten zurückbilden. Bi e
Indikation wäre also zunächst nur gegeben beim Vorliegen
totaler Entartungsreaktion. Und hier setzen die Meinungs¬
verschiedenheiten ein.
Ich nenne zuerst die Autoren, die für möglichst ausgedehnte-
konservatives Verfahren sind. Sie gründen ihre Ansicht auf die la *
sache, daß man zuweilen noch nach langen Monaten eine spontane
Rückbildung der Lähmungen sieht. Zu diesen Befürwortern längeren
Wartens gehören Oppenheim, Rothmann, S p i e 1 m ey er.
Wollenberg. Peritz will etwa zehn Wochen warten. A
weitesten geht wohl Rothmann, der sieben bis acht Monate zu¬
warten will, ob sich die Lähmung spontan zurückbildet. Op p e n
Digitized by
Gck igle
kehren. Das ist eine Erfahrung — und ich kann sie bestätigen i
die nach unseren bisherigen Friedenserfahrungen sehr überrag-
Schuster will zwei bis drei Monate warten. Toby Cohn erklär
die Fälle für ungünstig in bezug auf spontane Rückbildung der un-
mung, in denen die direkte Erregbarkeit schnell absinkt, und rat iw
solchen Fällen zur Operation. Dieselbe Ansicht vertritt Spitz*)*
„es hat keinen Zweck, zu warten, bis alle Nervenmuskcl-Endappan
vollständig degeneriert sind“.
Auf der andern Seite sind viele Autoren für frühes opwatn»-
vorgehen, und es ist bemerkenswert, daß gerade die letzt’
Original fro-m
UNIVERSSTV OF IOWA
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 19.
529
9 . Mai.
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lii.
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m i. : •
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mii v -
Publikationen sich in diesem Sinne aussprechen, das heißt die aus
»wer Zeit stammen, die schon einen längeren Zeitraum von Erfah¬
rung überblicken.
Zunächst sagt Bruns, man solle nicht zu zurückhaltend sein
mit der Operation , da nach seinen Erfahrungen nur selten der Opera-
fiönsbefand ein solcher war, „daß die Operation wohl nicht nötig ge¬
wesen wäre“. Lewandowsky konnte unter fünfzehn operierten
Fällen mir zweimal zu der Ansicht kommen, daß die Operation nicht
berechtigt war; er erklärt längeres Warten für unnütz. Zu der An¬
sicht, daß die Operation nicht lange hinausgeschoben werden soll,
kommt auf Grund seiner operativen Erfahrungen auch Hohmann,
eixmso Reich, der „nur ausnahmsweise spontane Rückbildungen
von IMmungen “ sah. Zu denjenigen, die nur vier bis sechs Wochen
»arten wollen, gehören Lewandowsky, Gerulano,Kirsch-
uer. Bethe warnt auf Grund seiner experimentellen Erfahrungen
ülier .Vervenregeneration vor langem Warten, denn „die Muskeln lei¬
den zu sehr“ Ebenso wollen G u i e k e und Lange nicht länger als
sechs Wochen verlieren. Diese letzteren sprachen in der Diskussion
zu W o 11 e n b e r g s Vortrag. Wenn S p i e 1 m e v e r rät abzuwarten,
wenn die Diagnose nicht feststeht, ob eine Durchtrennung des Nerven
stattgefunden habe oder nicht, so müßte man in der ganz überwiegen¬
den Mehrzahl der Fälle abwarten, denn - bei allen Lähmungen von
„klinisch schwerem Charakter“ steht diese Diagnose eben nicht
fest: und wenn er weiter sagt, daß bei inkompletten Zerstörungen nach
einigen Wochen oder Monaten häutig eine Wiederkehr der Motilität
■■/•folgt, so kann ich dies auf Grund meiner recht zahlreichen gegen¬
teiligen Erfahrungen nicht anerkennen, sondern muß solche
*r m . Fälle als Ausnahmen betrachten. Uebrigens sagt Spielmeyer
V selbst, daß lokale Traumen einzelner Plexusäste, zum Beispiel in Ge¬
walt von Geschoßsplittern, Fraktursplittern usw., eine totale Plexus¬
lähmung bewirken können und daß nach Extraktion solcher Sehäd- |
finge „die Besserung eine ganz eklatante und rasche“ sein könne.
Ferner sagt .Spielmeyer, daß man sich hüten müsse, „durch zu
r langes Zuwarten den günstigen Zeitpunkt der Operation zu ver-
1 säumen-j denn „im allgemeinen ist der Eingriff kein gefährlicher“.
Spielmeyer basiert seine Ansicht, daß das Optimum der Operation
innerhalb der ersten vier Monate läge, auf anatomische Untersuchungen
vo« degenerierenden und sich regenerierenden Nervenfasern.
Die Erfahrungen, die in Hamburg gemacht wurden,
laufen ganz übereinstimmend dahin, daß nicht lange ge¬
wartet werden soll: ich selbst sprach mich bereits in der
Sitzung des Aerztlichen Vereins in Hamburg am 17. November
11114 in dem Sinne aus, daß bei totaler Lähmung von Nerven-
siänunen oder einzelner Aeste derselben die Indikation zur
üjtendiven Revision gegeben sei, wenn „in einigen Wochen“
die Lähmung nicht zurückginge, auch da wo keine totale
hnfarfungsreaktion bestände, ferner alle Fälle von Läh¬
mungen mit totaler Entartungsreaktion. Wer die Verhält¬
nisse bei den Operationen gesehen hatte, mußte sich über¬
zeugen, daß, abgesehen von den Durchtrennungen der Ner¬
ven, auch in den Fällen von Narbeneinbettung ein längeres
Zuwarten die Narbenverhältnisse nur ungünstiger gestalten
und ihren deletären Einfluß auf die strangulierten Nerven nur
vermehren kann.
Ich selbst wohnte bis Anfang März 45 Operationen
< Lrof. Eick, Dr. R i n g e 1, Dr. Kotzenberg, Dr.
11 e h 1 ecker) bei und habe nur in zwei Fällen mir
• s;| ?en können, daß die Operation hätte unterlassen werden
können. In keinem einzigen Falle habe ich
'ine Versch 1 immerung gesehen, aber in 35
lullen gewann ich die Ueberzeugung, daß die lokalen Ver-
luiltnisse eine spontane Heilung unmöglich machen mußten.
Ilicoretisch muß man zugeben, daß die von Kuttner, von
L a r d e n h e u e r und von Ad. Schmidt beschriebenen
IMunde von kleinen Blutungen in die Nervensoheiden der
Resorption fähig sind, und daß da, wo nur solche Schä-
digungen vorliegen, eine Spontanheilung eintreten wird; ich
^Ibst sah aber solche Fälle nicht, also dürften sie jedenfalls
S( ‘hr selten sein.
^ on Hamburger Neurologen haben sich Böttiger, Säen-
f p r ’ 7 r ö m n e r meinem Standpunkt angeschlossen, und von Ham-
; lir f r [' hinirgen kam Oehleckerin der Diskussion am 9. März 1915
j 1 *' ‘Täglich zu Worte, und seine Ansichten, auf Grund großer Erfah-
, lri f 111 Harmbeek und im Eppendorfer Krankenhause gesammelt,
\! , n rlermaßen: „Was die operative Behandlung der peripheren
lM ; ( ?'' n pfifft, so bin ich anfangs zu konservativ gewesen; ich habe
II i \T r un< ^ me ^ r 211 e * nem aktiven Vorgehen gezwungen gesehen.
! ia(, b einer sorgfältigen Funktionsüberwachung und Beobach-
^ zir^a sechs Wochen keine Besserung herausgestellt, so wird
' ll ,in( l der Nerv freigelegt. Alsdann fand man unter zehn Fällen
vielleicht einen, wo makroskopisch am Nerven nichts verändert schien
und wo gleichsam die Operation überflüssig’war. In keinem Falle
wurde aber hier geschadet. Es konnte vielmehr eine nützliche Deh¬
nung vorgenonimen werden, und der Fall war jedenfalls diagnostisch
und prognostisch mehr geklärt. In den neun andern Fällen aber
konnte jedesmal operativ etwas Nützliches geschaffen werden, und
ein weiteres Zuwarten hätte nur einen schweren Zeitverlust bedeutet.
Ja, in einigen Fällen konnte man aus dem Operationsbefund ableiten,
daß ein weiteres Zuwarten wohl geschadet hätte, und zwar sind das
jene Fälle, wo es sich um harte, ringförmige, feste Einschnürungen
des Nerven durch Narbengewebe handelt, und wo durch Schrumpfen
des manchpial etwas Knochen enthaltenden Narbengewebes vermut¬
lich noch die letzten Reste des Nervengewebes erdrückt worden wären.
Auch für die technische Ausführung der Operation ist ein allzulanges
Warten hinsichtlich der Schrumpfung von Narben, der zunehmenden
Atrophie und Veränderung der Nervenstümpfe usw. nicht von Vor¬
teil .“
Keiner konnte in der Hamburger Diskussion einen Fall an¬
führen, in dem eine Schädigung durch die Operation zustande ge¬
kommen war.
Nach alldem können wir Rothmann nicht beipflichten, wenn
er von einer „Legion von Fällen“ spricht, „in denen die im Gange
befindliche Restitution des Nerven durch den Eingriff aufs schwerste
geschädigt und vielleicht sogar unmöglich gemacht wird“.
Es ist durchaus richtig, wenn man sagt (0 e h 1 e c k e r,
Saenger), daß man nicht auf eine Besserung der elektri¬
schen Erregbarkeit warten soll, sondern nur auf eine solche
der motorischen Funktion; denn das weiß man schon seit
E r b s ersten Arbeiten über die Entartungsreaktion, daß die
elektrische Erregbarkeit später, meistens viel später zur Norm
zurückkehrt als die Motilität.
Es ist ferner gewiß richtig, daß die Operationen zu¬
weilen große Eingriffe darstellen, viel größere als man ur¬
sprünglich annahm (Oppenheim und Andere); heute
wissen wir auf Grund unserer zahlreichen Erfahrungen, daß
man, besonders in den Frakturfällen, immer auf eine oft große
Operation gefaßt sein muß, aber bei der heutigen chirurgischen
Technik und bei Hospital- oder Klinikverhältnissen ist das
sicher keine Kontraindikation.
Es gibt aber außer der Lähmung noch eine Indikation:
das sind hartnäckige und heftige Schmerzen. Loslösung der
Nerven von komprimierenden Narben oder vom Callus ver¬
mag zuweilen allein die heftigen Schmerzen zu beseitigen;
das sah ich mehrere Male selbst, das sah S a e n g e r, und das
findet sich auch in der neuesten Literatur mehrfach beschrie¬
ben. Auch eine Neurotomie oder eine Neurektomie kann,
analog den entsprechenden Operationen an andern sensiblen
Nerven, zuweilen indiziert sein. Gute Erfolge hiervon sah
Hashimoto. Mit einer Neurolyse wird man sich begnügen
dürfen, wenn der Nerv durch Narbengewebe gequetscht oder
vom Callus fixiert oder von diesem eingebettet, selbst aber
nicht narbig verändert, sondern in seiner Kontinuität erhalten
ist. Zu diesem Resultat kommt auch Spielmeyer, der
bei mikroskopischer Untersuchung nur gequetscht gewesener
und doch resezierter Nerven nachweisen konnte, daß eine
Indikation zur Resektion nicht Vorgelegen hatte, da im
resezierten Nervenstücke die überwiegende Zahl der Achsen-
cylinder eine durchaus normale Beschaffenheit zeigte.
S p i e 1 m e y e r sagt: „Es ist klar, daß man in solchen Fällen
durch die Nervennaht nichts nützen kann, da ja die Nervenfasern,
soweit sie überhaupt vollständig zerstört wurden, den Weg auch ohne¬
hin in das degenerierte periphere Stück finden; eher kann man scha¬
den, da ja noch resistentere respektive weniger stark getroffene
Nervenfasern die Quetschung überstanden haben und zahlreiche
Nervenfasern nur ihres Markmantels verlustig gegangen sind, während
die Continuitäfc des Achsencylinders gewahrt blieb.
Oft muß nicht das Auge, sondern der palpierende Finger
des Chirurgen darüber entscheiden, ob der Nerv selbst narbig
degeneriert ist. Fühlt man eine stärkere Derbheit, so ist nach
meinen Erfahrungen — und auch Spielmeyer sagt das —
die Resektion einer solchen narbig umgewandelten Partie
durchaus begründet. Daran ändert die Tatsache nichts, daß
sich in solchen Narben, wie W o h 1 w i 11 zeigen konnte, noch
einzelne erhaltene Nervenfasern finden, denn diese ganz spär¬
lichen Reste genügen nicht zur .Wiederherstellung der
Funktion.
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UNIVERSITY OF IOWA
530
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 19.
9. Mai.
Solche anatomischen Bilder, die besonders eingehend I uni
auch von Spielmeyer studiert worden sind, beweisen mi
meines Erachtens auch, daß man nicht berechtigt ist, so lange ve
zu warten, wie dies Rothmann (acht Monate und länger) vo
voTSchlägt. Die Gegner der frühen Resektion können sagen: I da
Wenn nach einer Resektion erst „nach dreiviertel Jahren oder I
einem Jahr“ (Spielmeyer) eine wesentliche Wiederkehr I or
der Funktion eintritt, so ist das ein so langer Zeitraum, daß I Zl
in diesem auch eine spontane Wiederaufnahme der Funktion I g (
eingetreten wäre; angesichts solcher histologischer Bilder j q
kann man ruhig sagen: sie wäre überhaupt nicht eingetreten. I y
Man reseziere möglichst viel, das heißt so viel, wie die I p
vorzunehmende Wiedervereinigung der beiden Nervenenden a
gestattet; auch hier gilt das Prinzip des „Operierens im Ge- ^
sunden“. Diesbezügliche Erfahrungen hat auch Oehlecker j i
mitgeteilt.
Nach S p i e 1 m e y e r ist die Prognose von hoch oben <
lokalisierten, das heißt dem Centrum nähersitzenden Ver- I
letzungen schlechter als bei mehr peripher lokalisierten. Das
stimmt überein mit den grundlegenden Untersuchungen l
N i ß 1 s, der fand, daß bei hochsitzenden peripheren bchä- I
digungen (Ausreißungen) die zugehörigen Ganglienzellen im I
Rückenmark leiden; auch nach hohen Amputationen sehen
wir ja solche retrograden Ganglienzellenveränderungen ein-
treten.
Ergibt sich aus obigem schon, daß die Prognose dev
Nervennaht abhängt von dem Befunde bei der Operation, das I
heißt von den primären und sekundären Veränderungen am |
Nerv und im Nerv, so hängt des weiteren die Prognose gerade
hier sehr wesentlich ab von der Technik, über die der Opera- I
teur verfügt. In erster Linie hat Stoffel in einer Reihe
von Arbeiten und erst kürzlich wieder dies klargelegt. Die
Technik beginnt schon in der Vorbehandlung; direkt nach der
Nervenverletzung müssen alle Gelenkstellungen, die ein
Klaffen der Stümpfe nach sich ziehen, nach Möglichkeit ver¬
mieden werden. Man kann die Stellung der Stümpfe zu- I
einander schon vor der Operation durch Lagerung der Extre¬
mität auf entsprechend angebrachte Polster, Spreukissen
usw. verbessern. Nach Stoffel spielt schon die Stellung,
die die Gelenke im Augenblick der Verletzung zueinander
hatten, eine Rolle für das Ausweichen respektive das Zu¬
rückschnellen der Nerven nach ihrer Durchtrennung und da¬
mit für die Prognose für die spätere Nervennaht.
Zur Besserung der Prognose der Nervennaht trägt auch
erheblich sei, ob es einer Vorbehandlung gelungen ist, Con-
tracturen der antagonistischen Muskeln, Versteif ungen von Ge¬
lenken, Verkürzungen von Sehnen usw. zu verhindern respek¬
tive zu beseitigen; denn es ist dem Nerv, der sich allmählich
wieder erholt, nicht zuzumuten, daß er eine weit schwerere
Arbeit leisten soll als sie von ihm in normalem Zustande ge¬
fordert wurde; darauf wies Oehleckerim AerztlichenVer¬
ein in Hamburg eindringlich hin.
Die Stümpfe müssen selbstverständlich vor der An¬
frischung gelöst werden; bei der Anfrischung muß alles Nar¬
bengewebe entfernt werden; bei der Wiedervereinigung der
Nervenstümpfe sollen mit der Pincette nur die sensiblen
Fasern gefaßt, die motorischen geschont werden; besonders
wichtig ist deshalb die Kenntnis des normalen Gefüges des
„Nervenkabels“, mit andern Worten die Topographie des
Querschnitts der einzelnen Nervenstämme. S t o f f e 1 hat sie
uns kennen gelehrt, und gerade die klinischen Erfahrungen
über den so überaus häufigen Partial ausfall von moto¬
rischer und sensibler Funktion haben ja im großen die experi¬
mentellen Ergebnisse Stoffels bestätigt. Ich glaube aber,
daß diese Spezialkenntnis noch keineswegs Gemeingut aller
Chirurgen ist. Dieser Krieg hat in ungeahntem Maße die
Gelegenheit gegeben, diese Spezialkenntnis zu erwerben.
Theoretisch kann man eine Wiederkehr der Funktion nur er-
svarten, wenn die motorischen Fasern auch auf motorische,
und zwar mit ihrem Querschnitt aufeinandergepreßt weiden,
mit andern Worten: wenn die richtigen Drähte des Kabels
vereinigt werden. Sicher ist aber, daß durch die Möglichkeit
von Anastomosenbildung die Natur günstiger gestellt ist als
das tote Kabel, daß der Vergleich also nur im allgemeinen paßt.
Meistens wird man die zusammengeriähten Nerven¬
enden, aber auch die nur durch Neurolyse befreiten Nerven
zum Schutze gegen neue Insulte seitens entzündlichen Naiben-
—vebes oder seitens des Callus usw. um scheiden. Die
irurgen nehmen heute als Material Fascien, Fettgewebe,
iskellappen, Gefäßwände. Stoffel empfiehlt auch prä-
rierte Gefäße und bevorzugt in Formalin gehärtete Kalbs-
terien, die er als Manschetten für die Nervenstämme ver¬
endet. Auch decaleinierte Knochen, Röhren von Magnesium
td in Formalin gehärtete Gelatine wurden empfohlen.
Der jeweilige Befund im Einzelfalle muß entscheiden, ob i
ne Neurolyse, eine Resektion mit Nervennaht oder eine
ervenanastomose, ob eine Nervenautoplastik oder eine I
ervenläppchenbildung vorzunehmen ist. Es ist hier nicht
er Ort, das Nähere darzulegen, das findet man in den Lehr- |
üchem, und das haben Stoffel und auch Coste ein-
ehend dargelegt. Ich habe meinen Eppendorfer Kollegen I
ick je nach der Lage des Falles die verschiedenen Metho-
L en an wenden sehen.
Was nun die bisherigen Erfolge betrifft, so kann ich
gegenwärtig 45 Fälle von Operationen am peripheren Nerven
iberblicken; dabei handelte es sich 4 mal um eine einfache
Neurolyse. Ich ließ 17 mal den Radialis, 4 mal den Plnaris,
L mal den Medianus, 8 mal den Ischiadicus, 4 mal den Pero¬
neus, 7 mal Medianus und Ulnaris und 4 mal den Plexus
brachialis operieren (Sick, Ringel, Kotzenberg.
Oehlecker). 3 mal wurde eine Nervenpfropfung und
36 mal eine Resektion des Nerven mit nachfolgender Naht
ausgeführt. Vier Fälle von Neurolyse besserten sich durch¬
weg schneller als man es ohne die erleichternde Operation
hätte erwarten können — in allen drei Fällen lag schwere
Entartungsreaktion vor. In fünf Fällen von Nervennaht
traten bereits sechs respektive acht Wochen nach der
Operation die ersten Zeichen wiederbeginnender Funktion
auf, in allen Fällen hatte totale Entartungsreaktion be¬
standen, in den andern Fällen von Nervennaht, die
jetzt*) fünf Monate bis zu zwei Wochen zurückliegen.
ist eine Wiederkehr der Motilität bisher nicht zu ver
zeichnen. Es ist nach den anatomisch-mikroskopischen
und nach den experimentellen Forschungsergebnissen ja auch
begreiflich, daß hierzu im allgemeinen viele Monate -
Spielmeyer spricht von einem Jahr und länger —
hören.
Die Zusammenstellung von Coste zeigt, daß M
Neuralgien die Neurolyse mit und ohne Excision sehr oft gu e
Erfolge zeitigt; in vielen Fällen verband man die Neurons
mit Excision von Auftreibungen und auch mit wetfctem
förmiger Excision von Narben.
Die Nervennaht ist natürlich am einfachsten da, wo fr
sich um eine einfache Durchtrennung der Nerven hanae •
und hier wieder zeigte sich, daß die sekundäre, das nen
die erst nach Heilung der Wunde vorgenommene Operatm
eine bessere Prognose für die Funktion gibt als die primär.
die mit allerlei Schädlichkeiten (Infektion der Wunde u^;
zu rechnen hat. Auf die trophischen Störungen hatte l 1 '
Nervennaht nur selten günstigen Einfluß; das erklärt tf
einfach daraus, daß trophische Störungen fast n ur
schweren Fällen und meistens erst dann einsetze.
wenn die Lähmung schon lange besteht; auch treten >
oft erst als Folgen von Komplikationen, wie da sind ^ T- in
Versteifungen, Sehnenverkürzungen, Atrophie durch i' ,c
gebrauch, Contracturbildung usw., auf.
*) Amuorkung bei der Korrektur: das heißt Ende März.
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UNIVERSUM OF IOWA
9. Mai.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 19.
531
Fasse ich zusammen, so kann man über die I n d i k a -
[fi-r t i o a z u r 0 p e r a t i o n sagen: In frischen Fällen soll ope-
f riert werden, wenn der Fall klar zeigt, daß eine glatte Durch-
■ l- trennung des Nervten stattgefunden hat und wenn keine Kom-
y; ’ piitation mit Knochenfrakturen vorliegt. Bei solcher und
-. bei andern Komplikationen hat der Eingriff am Nerv statt-
zufinden, wenn die komplizierenden Verletzungen geheilt
sind, dann aber möglichst bald.
In der bei weitem überwiegenden Zahl der Fälle wird
die Diagnose, ob der Nerv durchtrennt ist oder nicht, nicht
zu stellen sein. Dann wird man, wenn die Fälle klinisch leicht I
oder mittelschwer sind, zunächst w r arten, ob die Funktion sich
bessert. Ist dies im Laufe mehrerer (sechs bis acht) Wochen
nicht der Fall, soll man operieren. Die Operation selbst wird
dann zeigen, worum es sich handelt, und dann wird man ent¬
scheiden, ob nur Neurolyse oder ein Eingriff am Nerv selbst
rorzunehmen ist: Neurolyse, wo der Nerv nur stranguliert,
eingebettet usw. ist; Anfrischung und Nervennaht, wenn die
Kontinuität des Nerven, mit und ohne Narbenbildung, unter¬
brochen ist. Der jeweilige Fall wird es in das Ermessen des
Operateurs stellen, ob eine einfache Nervennaht genügt oder
ob eine Nervenläppchenbildung, eine „Greife nerveuse“
(L^tiövant), eine Entlehnung aus einem benachbarten ge¬
sunden Nerven nach einer der verschiedenen Methoden am
Platz ist.
Nach Ablauf eines Jahres sind wir hoffentlich an Er¬
fahrungen über die Prognose der Nervennaht sehr viel reicher
— vorausgesetzt daß das Material der Weiterbeobachtung j
zugänglich bleibt; es steht aber zu hoffen, daß das der Auf- <
sicht der Militärbehörden weiter unterstehende Soldaten- (
material in dieser Beziehung besser zu verwerten sein wird i
als das viel mehr fluktuierende, zu keiner Nachuntersuchung N
verpflichtete Material der freien Krankenhäuser und der kon- J
suitativen Privatpraxis. p
Die Nachbehandlung ist überaus wichtig. Sie
- beginnt mit der richtigen Stellung der Gelenke zueinander,
die Rücksicht zu nehmen hat auf die möglichste Entspannung
- der vereinigten Nervenenden; sie fährt dann fort mit Behand-
l lang der gelähmten Muskeln in Form von Elektrizität,
( Massage, Heißluft- und Heißwa*serbehandlung und — was
immer noch das wuchtigste bleibt — geduldiger und ener¬
gischer Uebungstherapie, deren w ichtigster Teil die Uebung im
aktiven Gebrauch ist und bleibt. Es ist — angesichts der von
mir ebenso wie von Andern gemachten Erfahrung — nicht
überflüssig, zu betonen, daß die elektrische Behandlung in
den — häufigsten — Fällen, in denen die Muskeln faradisch
u n erregbar sind, mit dem galvanischen und nicht mit
dem faradischen Strom stattfinden soll.
Endlich wird sich der ganze soziale Apparat an den
Heil- und Fürsorgeinaßnahmen zu beteiligen haben, und es
ist erfreulich, daß die Bestrebungen, die Krüppelfürsorge und
die Leistungen der staatlichen Versicherung sowie die Für¬
sorge der Heeresverwaltung zum Wehle der Verletzten Hand
in Hand gehen zu lassen, bereits eingeleitet sind. Möge sie
zu einem guten Ende führen!
Literatur: Bruns. KriegsneurologiseheBeobachtungen und Betrach¬
tungen. (Neurol. Zbl. 1915. Nr. 1.) —Coste, Nervennaht. Nervenanastomose und
Neurolyse. Sammelrefernt. (Zsehr. f. d. ges. Neurol. Bd. 6. S. 4.7.) — Drüner,
Ueber die Chirurgie der peripheren Nerven. (M. m. W. 1915, Nr. 6.) —
E. Freund, Diskussion zu einer Demonstration Schlesingers. (Mitt. d. Ges.
f. inn. Med. u. Kinclerlvranl.'h. 1915. 14. Jan.) — Gerolamo (Beitr. z. ldin.
Chir. 1914, ßd. 91, S. 2.12.) — Hotz, Ueber Kriegsverletzungen des Nerven¬
systems. (M. m. VV. 1914, Nr. 45 u. 4G.) — Hohmann, Ueber Nerven¬
verletzungen. (M. m. W. 1914, Nr. 49.) — Kirsehner (Beitr. z. Kriegsheilk.;
herausgegeben vom Komitee des D, V. vom Roten Kreuz. Berlin 1914,
Springer.) — Lewandoxvsky, Die Kriegsverletzungen des Nervensystems.
(B. kJ. YV. 1914.) — Marburg (Neurol. Zbl. 1915, S. 175.) — Oppenheim,
Zur Kriegsneurologie. (B. kL w. 1914, Nr. 48.) — Reich, Schußverletzungen
der peripneren Nerven. (D. m. W. 1914, Nr. 50, S. 2083.) — Spitzky (W. kl.
VV. 1915. Nr. 2, S. 49.) — Spielmeyer. Zur Frage der Nervennaht. (M.m. W.
1915. Nr. 2 u. 3.) Stoffel, Ueber die Behandlung verletzter Nerven lm
Kriege. (M. m. W. 1915, Nr. 6.) — Wollenberg, Schußverletzungen der
peripheren Nerven. (D. m. W. 1914, Nr. 50, S. 2083.)
Umfrage über Uebertragung und Verhütung des Fleckfiebers.
Die große Verbreitung des Fleckfiebers unter den Russen bringt naturgemäß eine gewisse Gefährdung aller derjenigen
mit sich, die mit den Erkrankten durch ihre Berufstätigkeit in Berührung kommen. Dabei hat sich gezeigt, daß das Fleckfieber
unter gewissen Voraussetzungen und an bestimmten Orten außerordentlich ansteckend ist. Es hat sich ferner gezeigt, daß die
fnLktiou gerade bei den deutschen Aerzten eine außerordentlich schlechte Prognose gibt. Die Frage, wie die Ansteckung erfolgt
und wie sie zu vermeiden ist, ist daher von hoher Bedeutung.
Diese Frage zum Gegenstand einer „Umfrage“ zu machen, wurde bei der Schriftleitung der Wochenschrift angeregt durch
die folgende Zuschrift von Professor Dr. Gustav Singer, Wien.
Diese Zuschrift, welche zugleich die Begründung der Umfrage und die Stellungnahme unseres Kollegen zu dieser Frage
kennzeichnet, lautet:
„Der Flecktyphus, das unheimliche Gespenst in unserer gemeinsamen Kriegsnot, hält uns Aerzte alle in seinem Banne.
Wir dürfen uns doch auch nicht verhehlen, daß trotz aller Fortschritte in den letzten Jahren uns noch manches in der Epidemio¬
logie und in der Kenntnis der Verbreitungswege dieser entsetzlichen Seuche unbekannt ist. Das tragische Schicksal der beiden
verdientesten Forscher in dieser Frage, v. Prowazek und Jochmann, welche der Seuche zum Opfer gefallen sind, der sie einen
Teil ihrer Lebensarbeit gewidmet haben, hat mich in der Anschauung bestärkt, daß unsere Kenntnisse und die Vorkehrungen zum
Schutze gegen die Uebertragung des exanthcmatischen Fiebers nicht lückenlos sind. Unser berühmter Landsmann v. Prowazek
hat ja das größte Verdienst daran, von den Nicollesehen Versuchen ausgehend, den Nachweis erbracht zu haben, daß die
KWderläuse eine so wichtige Rolle bei der Verbreitung des Flecktyphus spielen. Die Schutzmaßregeln gegen diese Epizoen
müssen doch noch recht unvollkommene sein, wenn auch die bewährtesten Kenner des Flecktyphus sich selbst vor Ansteckung
nicht bewahren konnten.
Oder aber — und diese Ansicht wird gerade von unsem erfahrensten österreichischen Kennern der Seuche (Borv,
•Marius Kaiser) vertreten — es gibt noch andere Wege, welche die Uebertragung der Seuche vermitteln. Unsere galizischen
Amtsärzte, welche in Oesterreich die meiste Erfahrung auf diesem Gebiete besitzen, stimmen vielfach der von den beiden letztg¬
enannten Autoren vertretenen Meinung zu, daß die Flöhe die Zwischenträger des Erregers der Seuche sind, und die von Borv
Ü f ‘r Amtsarzt 1914, Nr. 6) mitgeteilten Beobachtungen machen das außerordentlich glaubwürdig. Ist man ja heute bei vielen
andoreri Seuchen (Abdominaltyphus, Recurrens, Pest) dazu gekommen, den blutsaugenden Epizoen überhaupt eine maßgebende Rolle
t ”‘ l der Uebertragung zuzuweisen.
Die Vorbeugungsmaßregeln gegenüber dem Fleckfieber müssen als einseitige bezeichnet werden, wenn sie sich bloß auf
1 \ ertilgung der Kleiderläuse beschränken, da schon französische Militärärzte in Tunis ziemlich einwandfrei zeigen konnten,
‘ . au(dl die Kopfläuse als Ueberträger des Contagium zu beschuldigen sind. (Spindler, St. Petersburger m. W. 1914, Nr. 14"
• icolle, Blaizot und Conseil; Goldberger und Anderson.)
Es scheint mir daher eine aktuelle und hochwichtige Angelegenheit zu sein, daß unter uns Aerzten, die wir ja alle so-
u J! ser Wartepersonal von dieser unheimlichen Aeußerung der Kriegsnot getroffen sind, Klarheit in den Anschauungen herrsche
nfi buugkeit in unserm Vorgehen erzielt werde. Da die gegenwärtige Zeit der Abhaltung von Beratungen nicht günstig ist,
dp pi 1C ^ ni * r aus e * ner Umfrage bei solchen Kollegen, welche persönliche Erfahrungen in der Epidemiologie und Prophylaxe
8 ** ec kfiebers erwerben konnten, einen großen Gewinn für die Sicherheit unseres Vorgehens versprechen.“
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532
9. Mai.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 19.
Der Anregung des Prof. Singer nachgehend, wurde über die folgenden Fragen bei einer Anzahl deutscher und öster¬
reichischer Hygieniker Auskunft erbeten:
1 Ist die Verbreitung und Uebertragung des exanthematösen Fiebers an die Gegenwart von Kleiderläusen gebunden; kommen
auch andere blutsaugende Epizoen in Frage (Kopfläuse ,, Flöhe , Wanzen); kommen noch andere Wege der Blutübertragung in
Betracht (Ansteckung durch das Blut bei Hautverletzungen der Kranken , bei Blutentnahme und bei der Sektion frischer
Leichen?)
2. Welche Mittel und Wege der Entlausung sind am gangbarsten und ausgiebigsten; sind neben den Maßnahmen gegen die
Fediculosis auch Vorkehrungen gegen die Verbreitung anderer Epizoen nötig (Behandlung der Fußböden und Wände in
Transportwagen y in Aufnahme - und Krankmräumen ?)
3. Welches ist die einfachste , billigste und sicherste Methode, um die am meisten gefährdeten Personen m der Umgebung dtr
Kranken (Wartepersonal und AerzteJ vor der Ansteckung zu schützen?
Geh. Med.-Rat Prof. Dr. C. Flügge, Hygienisches Institut, Berlin:
1. Durch einwandfreie Experimente und durch sehr zahl¬
reiche epidemiologische Erfahrungen ist es sichergestellt, daß die
Uebertragung des Fleckfiebers praktisch nur durch Kleiderläuse,
nicht durch andere blutsaugende Insekten, zustandekommt. —
Ueberimpfung von Blut des Kranken in die Blutbahn des Gesunden
wird vielleicht die Krankheit übertragen können; durch zu¬
fällige Verletzung mittels einer beim Kranken benutzten Pravaz-
spritze scheint auch einmal eine solche Uebertragung in praxi
beobachtet zu sein. Sie wird jedoch sicher äußerst selten sein,
weil nicht einfache Berührung des Krankenbluts genügt, sondern
die Einbringung in die Blutbahn des Gesunden erforderlich ist.
Bei den sehr zahlreichen Experimenten der französischen Forscher
mit kontagiumhaltigem Blut ist nie eine Uebertragung auf den
Experimentator erfolgt. Außerdem geht aus diesen Experimenten
hervor, daß im Körper der Laus eine Entwicklung des Kontagiums
sich vollzieht und daß eine Uebertragung erst gelingt, nachdem
diese Entwicklung fünf bis sieben Tage angehalten hat. — In den
letzten Monaten sind in den Gefangenenlagern Erfahrungen betreffs
der Uebertragungsweise des Fleckfiebers gesammelt, die geradezu
den Wert von Experimenten haben und mit Sicherheit dartim, daß
von entlausten Fleckfieberkranken überhaupt keine Ansteckungs¬
gefahr mehr ausgeht.
2. Als Mittel zur Entlausung kommen in Betracht: Abseifen
des bloßen Körpers; Kochen oder Dampfdesinfektion der Wäsche;
Kleiderdesinfektion in Dampf oder mit trockner Hitze; Leder¬
sachen, Uniformen usw'. nur mit trockner Hitze. Auch schweflige
Säure und andere gasförmige Desinfektionsmittel sind unter Um¬
ständen brauchbar; auf rasches völliges Durchdringen der Kleider
ist aber nur bei künstlicher Luftcirculation zu rechnen (Clayton-
apparat). Im übrigen möchte ich auf die kürzlich vom Kaiserlichen
Gesundheitsamte bearbeitete „Zusammenstellung einiger Verfahren
zur Vertilgung von Kleiderläusen“ verweisen.
3. Ein völlig sicherer Schutz für Aerzte, Wärter usw.
war bisher nicht möglich. Einreiben mit ätherischen Gelen,
Salben, Tragen von Naphthalinstückchen und dergleichen schützt
wohl diejenigen Personen, die solche Mittel dauernd vertragen,
gegen Ansiedlung und Vermehrung der Läuse, nicht aber gegen
gelegentliches Ueberkrieehen und Stechen. Ueberkleider aus glattem
Gummi erschweren das Haften und Kriechen der Tiere; sicherer
Schutz wird aber erst erreicht, wenn ein läusedichter Abschluß an
den Oeffnungen, Aermelenden usw. durch Heftpflasterstreifen her¬
gestellt und die Halsöffnung durch eine sogenannte Barriere,
Leukoplaststreifen mit Klebmasse, geschützt wird. Näheres hier¬
über in meinem Artikel „Ueber Schutzkleidung“ in dieser Zeit¬
schrift.
Geh. Rat Prof. Dr. A. Gärtner, Hygienisches Institut, Jena:
1. Daß die Kleiderläuse die Krankheit übertragen, ist
als sicher anzunehmen; ob Kopf- oder Filzläuse die Vermittler sein
können, dürfte schwer zu entscheiden sein, weil mit diesen be¬
haftete Fieckfieberkranke wohl immer auch Kleiderläuse haben.
Die Ansteckung durch Flöhe oder Wanzen scheint keine
Rolle zu spielen; der strikte Beweis für diese Annahme dürfte
jedoch zurzeit schwer zu erbringen sein.
Eine Ansteckung durch frisches Blut, welches direkt i n Ge¬
sunde übertragen wird, halte ich für sicher möglich; nur wird
dieser Infektionsmodus sehr selten sein. — Die Tröpfcheninfektion
ist — theoretisch — möglich, jedenfalls denkbar; ob sie tatsäch¬
lich vorkommt, läßt sich zurzeit noch nicht sicher entscheiden,
ist jedoch wenig wahrscheinlich.
2. Das ausgiebigste Mittel zur Entlausung erblicke ich in
der gleichzeitigen Behandlung: 1. der Kleider, der Decken
und Betten mit Dampf von rund 100 °, 2. der Personen mit einem
tüchtigen Bad unter Anwendung von Seife unter Kontrolle, und
3. der Wohnungen mit 2y 2 %igem Kresolwasser oder 3iger
Carboisäurelösung. Wo Strohsäcke Verwendung finden, ist das
Stroh beziehungsweise die Holzwolle zu entfernen; die Bezüge
sind zu desinfizieren und mit neuem Material zu stopfen.
3. Ich empfehle hohe Stiefel, Einlage eines Lemwawl-
streifens mit ätherischem Oel oder Naphthalin in dem obersten Teil
des Stiefelschafts, sodaß der Streifen über den Stiefelschaft her¬
vorragt, langen Gummimantel, der hinten zu öffnen ist, mit
engen Aermel Öffnungen an der Hand, und Gummihandschuhe, die
so groß sein müssen, daß sie über die Aermelanfänge himiher-
reichen. Tun sie das nicht, so ist auch hier ein Leinwandstreifen
mit ätherischem Oel oder Naphthalin als Verbindungsstück
zwischen Aermel und Handschuh zu tragen. Die Mäntel sollen
mit einem Läuse abschreckenden Mittel, z. B. einem ätherischen
Gele, bestrichen sein.
Prof. Dr. 0 . Bujwid, o.ö. Professor der Hygiene an der Universität
Krakau:
1. Aus früher von mir beobachteten Epidemien glaube ich
festgestellt zu haben, daß auch Anhusten eines Gesunden von
einem Kranken als ansteckendes Moment betrachtet werden kann.
2. Reichliche Gelegenheit zum Baden und Wäsche zu
reinigen gibt einen Anlaß für jeden Soldaten, sich rein zu halten
und sich vom Ungeziefer in jeder möglichen Weise zu befreien.
Reichlich Duschebäder überall an Ort und Stelle!
Fußboden mit einer Mischung von Mineralöl und Petroleum
oder Terpentin (10 :1) zu schmieren.
Sclnvefelverbrennung in von Spenglern benützten Koksöfen
(Hitze und S0 2 -Wirkung, dabei auch CO-Wirkung auf Läuse und
W anzen).
Transportwagen mit Insektenpulver und in Petroleum ge¬
tränkten Lappen zu behandeln.
3. Rohrstiefel mit Petroleum oder Terpentin abgewischt;
leichte, gut angepaßte Mäntel; Binde aus Gaze an Mund und Nase.
Duschebad nach der Arbeit. Vor dem Duschebade sich nicht
kratzen!
Prof. Dr. Kißkalt, Hygienisches Institut, Königsberg i. Pr.:
1. Am häufigsten sicher Kleiderläuse; nach Versuchen wohl
auch Kopfläuse. Da sich aber erst nach jahrelangem Forschen
gezeigt hat, daß Recurrensspirochäten nicht nur durch Zecken, son¬
dern auch durch Läuse übertragen werden, möchte ich die Möglich¬
keit der Uebertragung durch andere Insekten nicht aussohließcii.
Aus demselben Grunde möchte ich auch warnen, auf die bisherigen
Bekämpfungsmaßnahmen, die sich gegen Uebertragung von Mensch
zu Mensch richten, zu verzichten, bis durch mehrjährige hr-
fahrung festgestellt ist, daß dieser Weg tatsächlich niemals in Be¬
tracht kommt.
2. Für Kleider und Räume Schwefelkohlenstoff als solcher
(nicht verbrannt) in einer Menge von etw f a 100 ccm pro Kubikmeter.
3. Vielleicht Naphthalin.
Prof. Uhlenhuth, Straßburg i. Eis.,
Beratender Hygieniker, Oberstabsarzt, zurzeit im Felde.
1. Nach den neuen epidemiologischen Beobachtungen un (
Tatsachen ist die Kleiderlaus praktisch als der a*lem>p
Ueberträger des Fleckfiebers anzusehen. An eine Tröpi«' u
infektion glaube ich auf Grund dieser Erfahrungen nicht iw •
es w'äre aber sehr erwünscht, wenn auch ad hoc Experimente av
geführt würden, um die Annahme der Infektiosität von iwcr«^
und Lungensekretem definitiv auszuschließen. Auch die
Kleiderlaus nahe verwandte Kopflaus kann nach Goldbet*
und Anderson als Ueberträger in Betracht kommen. A n
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UMIVERSITY OF IOWA
9. Mai.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 19.
533
Insekten spielen nach unsere bisherigen Erfahrungen keine Rolle
bei der Uebertragung des Fleckfiebers.
Ein läusefreier Fleckfieberkranker ist also
nicht infektiös. Beweisend dafür sind epidemiologische
Erfahrungen von Jürgens,Gottschlich und Andern (s. M. Kl.
1915. Nr. 18). Diese Tatsache ist für den Arzt und Pfleger von
größter Bedeutung. Uebertragung durch Blut ist ebenso wie bei
Malaria und Gelbfieber theoretisch denkbar, praktisch aber ohne
Bedeutung. Dafür spricht auch die Erfahrung, daß bei Sektionen
eine Ansteckung nicht mit Sicherheit beobachtet worden ist. Das
kann allerdings daran liegen, daß das Virus in der Leiche schnell
zugrunde geht.
Anderseits muß man berücksichtigen, daß bei direkter Ver¬
impfung des Bluts von Kranken auf Affen größere Mengen
(einige Kubikzentimeter) nötig sind, während sonst bei der Ueber¬
tragung durch Läuse nur minimale Mengen (Biß einer einzigen
Laus) ausreichen.
In der Laus findet offenbar erst eine Anreicherung und noch
nicht näher bekannte Reifung des Virus statt. Immerhin ist Vor¬
sicht bei Blutentnahmen und Sektionen anzuraten.
2. Was die Entlausung betrifft, so möchte ich hier nur
die Feldverhältnisse betrachten. Die Entlausung der Kriegs¬
gefangenen und aller mit ihnen mehr oder weniger in Berührung
kommenden Personen (Bewachungsmannschaften, Aerzte, Pflege-
und Verpflegungspersonal), weiterhin die systematische Ent-
lausung der Truppen muß möglichst schnell und womöglich ein¬
heitlich betrieben und nötigenfalls wiederholt werden.
Zur Entlausung gehört:
a) Die gründliche körperliche Reinigung des Behafteten
oder Verdächtigen mit Warmwasser und Schmierseife (im
Wannenbad oder unter Brausen).
b) Eine exakte Desinfektion des Unterzeugs mit strömendem
Wasserdampf (sowohl des angezogenen wie des als Reserve mit-
gefiihrten „reinen“, das heißt lediglich gewaschenen), ferner der
Üniformstüeke, soweit sie Dampf vertragen, und zwar genügend
lange Zeit. Es ist notwendig, die einzelnen Stücke gut auseinander
zu nehmen (wir haben bei Gefangenen gesehen, daß sie vier Hemden
und zwei Unterhosen übereinander trugen und daß die Fußum-
hüllung meist dreifach war) und den Dampf solange einwirken zu
lassen, bis die Läuse abgetötet sind (eine halbe Stunde).
c) Durehhitzung mit heißer Luft aller der Bekleidungs- und
Ausrüstungsstücke, die nicht mit Dampf behandelt werden dürfen
(Ledersachen, Pelze usw.), aber ebenfalls genügend lange je nach
dem im Innern der Gegenstände festgestellten Hitzegrade
(60° eine Stunde).
d) Abwaschen mit 5 % iger Kresolseifenlösung, 5 % igem
(’arbolwasser und andern erprobten Chemikalien aller sonst noch
in Betracht kommenden Gegenstände (Fußböden, Wände, Möbel
und Geräte, Transportmittel und so fort). Auch dabei ist größte
Peinlichkeit und genügende Einwirkungszeit nicht außer acht zu
lassen. Abwaschen mit Kresolseifenlösung ist auch dann not¬
wendig, wenn für Lederzeug usw. trockne Hitze nicht zur Ver¬
fügung steht. Wir haben Läuse in den Hosenträgern gesehen, und
zwar an dem knopflochtragenden Lederstücke dort, wo es aus
der glatten Fläche in den eingerollten runden Gleitteil übergeht,
aber auch am Eingänge zu den Hosentaschen oben und unten.
e) Unumgänglich notwendig ist bei den verschiedenen Ent-
lausnngswegen die denkbar schärfste Trennung von
unreiner (verlauster) und reiner (läusefreier) Seite. Man kann
darin nicht weit genug gehen und wird hier und da selbst gute
Klebstoffe (Vogelleim, Fliegenleim) nicht entbehren können,
um Läuse am Weiterkriechen zu verhindern.
In Krankenannstalten, insbesondere natürlich solchen mit
Heckfieberabteilungen, muß man naturgemäß noch besondere
Lmzelmaßnahmen treffen. Entlausungsanstalten sollten grund- |
nützlich in allen Krankenanstalten vorhanden sein. j
3. Der Kranke, Pfleger und Arzt müssen ebenso wie die
hrankenräume läusefrei sein. Bei Besuch von Krankheitsver-
oäehtigen ist vorherige Entlausung notwendig, ferner eine glatte,
völlig abschließende Schutzkleidung (läusesicherer Abschluß am
«a s, Aermeln usw.). Nach Beendigung ihres Dienstes erfolgt aber¬
malig Entlausung und Desinfektion der Kleider. Soweit Personen
vorhanden sind, die Fleckfieber durchgemacht haben, sind diese
zur Pflege Kranker heranzuziehen.
Ueber Schädigungen des inneren Ohres durch
Geschoßwirkung
von
Dr. Eugen Schlesinger,
beratendem Hals-, Nasen-, Ohrenarzt bei den Vereinslazaretten in
Nürnberg.
Soweit ich die Literatur tibersehen kann, ist bisher eine
Art von Verletzungen wenig beachtet worden, trotzdem sie
offenbar häufig vorkommt und von erheblicher Bedeutung in
ihren Folgen ist. Es handelt sich um die Verletzungen des
.inneren Ohres durch Geschoßwirkung. Die direkten Ver¬
letzungen des Labyrinths kann man außer acht lassen; sie
führen wohl immer unmittelbar zum Tode. Ganz vereinzelte
Ausnahmen, die vielleicht einmal Vorkommen können, spielen
praktisch keine Rolle. Ganz anders steht es mit den in¬
direkten Verletzungen. Sie sind häufig, werden allerdings
oft übersehen aus Gründen, die ich nachher erörtern werde,
und werden sich nach dem Kriege in zahlreichen Renten¬
ansprüchen stark bemerkbar machen. Ich möchte hier ein-
ftigen, daß ich mit dieser Arbeit im wesentlichen bezwecke,
die nichtspezialistisch geschulten Kollegen auf die Erkran¬
kung aufmerksam zu machen. Eine erschöpfende Bearbei¬
tung des Stoffes will ich nicht liefern.
Traumatische indirekte Schädigungen des inneren Ohres
sind uns aus der Friedenspraxis ja bekannt. Wir wissen,
daß einmalige heftige Schalleinwirkungen oder plötzliche
Luftverdichtungen im Gehörgang Schädigungen des Gehörs
in 'wechselnder Schwere bis zur Taubheit hervorrufen können,
häufig verbunden mit Ohrensausen, Uebelkeit, Schwindel und
andern Gleichgewichtsstörungen. Sehr langdauemde Ein¬
wirkung auch schwächerer Schallreize führt bekanntlich
ebenso zu schweren Hörstörungen (Kesselschmied- usw.
Taubheit).
Wenn auch in den letzten Jahren eingehende Unter¬
suchungen besonders von W i 11 m a a c k einiges Licht in die
pathologischen Veränderungen dieser Labyrintherkrankungen
gebracht haben, so sind wir doch über die meisten Punkte
noch zu sehr im Ungewissen, um hier bestimmte Angaben
über die eigentliche Natur der Erkrankung machen zu können.
Man nimmt gewöhnlich an, daß eine einfache „Commotion“
des Labyrinths vorliegt, wenn die Beschwerden wieder ver¬
schwinden, daß aber Blutungen in die Endigungen des
Acusticus erfolgt sind, wenn die Erkrankung unheilbar bleibt.
In der Friedenspraxis kommen die schwereren Fälle jeden¬
falls so selten vor, daß sie der Mehrzahl der praktischen Aerzte
sicher nicht geläufig sind.
Es war von vornherein anzunehmen, daß der Krieg ein
gehäuftes Auftreten bringen würde. Das scheint auch der
Fall zu sein. Ich selbst hatte bisher Gelegenheit, gegen
60 Fälle zu beobachten, wobei ich von den ganz leichten
Affektionen absehe, die nur einige Tage Schwerhörigkeit und
dumpfes Gefühl verursachten. Bei dem Höllenlärm der
modernen Schlacht wird es ja sehr wahrscheinlich sogar kaum
einen Mann geben, der nicht sogenannte Verdröhnungs-
erscheinungen in den Ohren bekommt. Glücklicherweise
gehen in der überwältigenden Mehrzahl der Fälle die Erschei¬
nungen bald wieder zurück. Häufig genug kommt es aber
zu dauernden Schädigungen. Meine Fälle waren ausnahms¬
los dadurch entstanden, daß in der unmittelbaren Nähe des
Patienten eine Granate geplatzt war. Kein Wunder, denn
hier wirken beide Faktoren, heftiger Knall und Luftdruck¬
schwankungen, zusammen. Mit wenigen Ausnahmen wurden
die Verletzten fortgeschleudert, mit Erde überschüttet und
erlitten noch andere, oft schwere Verletzungen; und damit
komme ich zu dem Punkte, wieso die Affektion so häufig
übersehen wird. Es ist ganz natürlich, daß bei der gewal¬
tigen Shoekwirkung, zumal wenn schwere sonstige Ver¬
letzungen vorliegen, die Patienten auf die Erscheinungen von
seiten des Gehörorgans zunächst nicht achten, und zwar be-
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 19.
9. Mai,
sonders noch aus folgendem Grunde. So leicht verletzlich
sich der Acusticus auch erweist, so gilt das doch sehr er¬
freulicherweise nur für den Cochlearis. Der V estibularis wird
nach meinen Erfahrungen nie mitbetroffen; daher fallen die
Erscheinungen fort, die sich ja sonst sofort bemerkbar machen
würden: Gleichgewichtsstörungen, Schwindel, Nystagmus.
In einzelnen Fällen habe ich zwar leichte Schwindelerachei-
nungen beobachtet. Diese waren aber nur bei gleichzeitigen nervösen
Allgemeinstörungen vorhanden und sicher auf diese zurückzuführen.
Sie verschwanden mit der Hebung dieser Schädigungen.
Die Symptome sind also im wesentlichen Schwerhörig¬
keit, Druckgefühl im Ohr und Sausen, Klingen oder ähnliche .
subjektive Gehörsempfindungen. (Diese sogar nicht einmal
in allen Fällen.) Nun wissen wir ja aus der täglichen Praxis,
wie lange es dauert, bis jemand eine Schwerhörigkeit an sich
entdeckt, besonders, wenn sie nur einseitig auf tritt. Es ist
ein ganz gewöhnliches Ereignis, daß ein Patient mit der
Klage kommt, er höre seit einigen Wochen schlecht. Die
Untersuchung ergibt, daß es sicli um ein jahrelanges Leiden
handelt. Ich habe es auch jetzt wiederholt erlebt, daß sich
in einem Lazarettsaal, in dem ich eine Ohruntersuchung bei
einem Patienten vornahm, sofort mehrere andere Verletzte
meldeten mit der Angabe, daß sie ebenfalls Beschwerden in
den Ohren hätten. Es handelte sich in diesen Fällen, wie
ausdrücklich bemerkt sei, nicht etwa um Simulanten.
Das hervorragendste und wichtigste Symptom des
akustischen Traumas ist die Schwerhörigkeit. Sie tritt in
ungemein wechselnder Stärke auf. Von ganz leichten Be¬
einträchtigungen bis zu völliger Taubheit kommen alle Grade
vor. Die genauere Hörprüfung ergibt, daß die Schwerhörig¬
keit labyrinthärer Natur ist. Auf Einzelheiten kann ich hier
nicht eingehen. Ich will nur kurz erwähnen, daß die obere
Tongrenze immer, manchmal bedeutend eingeschränkt ist.
Schon bei der Prüfung mit Flüstersprache kann man das in
gewissem Grade feststellen dadurch, daß Worte mit hoch¬
klingenden Lauten (wie sechs, sechzig, sieben, Kissen, Zeisig)
schlechter gehört werden als solche mit tiefklingenden
Lauten (wie acht, zwanzig, Kragen, Otto), im Gegensatz zu
Mittelohraffektionen. Die Knochenleitung ist verkürzt.
Das Trommelfell ist in unkomplizierten Fällen völlig
normal, und hierin liegt ein Punkt, auf den ich besonders
hinweisen möchte. Klagen über Ohrbeschwerden erwecken
ja in den meisten Fällen bei den Kollegen Unlustgefühle.
Für gewöhnlich wird nur das Trommelfell untersucht. Ist
dies nun ganz normal, so läuft der Patient bei dem Fehlen
jedes gröberen objektiven Befundes leicht Gefahr, für einen
Simulanten gehalten zu werden.
Von meinen Patienten hatten nur elf gleichzeitig
Trommelfellrupturen, darunter vier doppelseitig. Wie zu er¬
warten, war gerade bei diesen die Hörstörung nicht beson¬
ders hochgradig. Ein großer Teil der Kraft des Erschütte¬
rn ngsstoßes wird ja in diesen Fällen zur Hervorbringung des
Risses verbraucht. Diese Perforationen heilten übrigens oft
mit übe naschender Schnelligkeit aus. Mehrmals handelte es
sich dabei nicht nur um Risse, sondern um ganz ausgedehnte
Zerreißungen. Nur viermal entwickelte sich eine Mittelohr¬
eiterung, bei einem Patienten doppelseitig. Dieser Fall ist
bis jetzt nicht ausgeheilt und wird voraussichtlich seine
Trommelfelldefekte behalten. Die Gefahr, daß bei Trommel¬
fellrupturen Eiterungen nachfolgen, ist nicht gering, da an¬
scheinend immer noch ziemlich häufig bei Klagen über Ohr¬
beschwerden die Ohren ohne nähere Untersuchung aus¬
gespritzt werden.
Subjektive Gehörempfindungen, Sausen, Klingen usw.,
waren im Anfang in den meisten Fällen vorhanden, ver¬
schwanden aber gewöhnlich ziemlich schnell bis auf geringe
Reste. In wirklich (pullender Weise bestehen blieben sie nur
bei einem einzigen Falle, der zweieinhalb Monate nach der
Verletzung aus meiner Beobachtung kam. Länger bleibt ge¬
wöhnlich ein dumpfer Druck im Ohr zurück und vor allem
eine Ueberempfindliehkeit gegen Geräusche, besonders solche
in hoher Tonlage wie Tellerklappern, Klirren von Scheiben
und dergleichen.
Die überwiegende Mehrzahl der Fälle war doppelseitig.
Gewöhnlich war das Ohr stärker betroffen, auf dessen Seite
die Granate geplatzt war. Das scheint, nebenbei bemerkt,
doch dafür zu sprechen, daß die Luftleitung bei der Ent¬
stehung der Hörschädigung eine Rolle spielt. Wittmaack
nimmt an, daß bei den akustischen Traumen nur die Knochen¬
leitung in Frage komme. Ein Fall von Ertaubung auf einem
Ohre hatte gleichzeitig auf derselben Kopfseite einen Tan¬
gentialschuß durch ein Sprengstück erlitten.
Die Schwerhörigkeit pflegt sich wie die andern Sym¬
ptome allmählich bis zu einem gewissen Grade zu bessern;
gewöhnlich in ganz ruhigem Fortschreiten. Es kommen aber
auch plötzliche, ruckweise Verbesserungen vor. Verschlech¬
terungen habe ich bei unkomplizierten Fällen nie beobachtet.
Naeh unsem Friedenserfahrungen galten sechs Wochen
als die Grenze, innerhalb deren noch eine Verbesserung zu er¬
warten war. Das scheint mir etwas zu niedrig gegriffen. Ich
habe noch nach drei Monaten eine sehr auffallende Besserung
festgestellt, allerdings nur in einem Falle. Schädigungen, die
dann noch vorhanden sind, bleiben dauernd bestehen. Drei
von meinen Fällen blieben auf einem Ohre ganz taub; bei
50 blieb die Hörweite unter 2 m; bei den meisten zwischen
|4 und V 2 m. — Therapeutisch ist nicht allzuviel zu machen.
Ausgedehnte körperliche und geistige Ruhe ist in den ersten
Wochen von großer Wichtigkeit. Da, wie erwähnt, fast immer
noch andere Verletzungen daneben vorhanden sind, wird
diese Forderung wohl immer erfüllt werden. Gegen die Ge¬
räusche wirkt die Elektromassage günstig; man muß sich
aber hüten, zu früh damit anzufangen; denn Erschütterungen
des Schädels müssen in der ersten Zeit sorgsam vermieden
werden. Strychnin habe ich mehrfach gegeben, aber nie
einen deutlichen Erfolg davon gesehen.
Von größter Wichtigkeit ist, um das noch einmal zu be¬
tonen, die Diagnose und die Aufnahme des Hörbefundes. Es
ist ganz unzweifelhaft, daß nach dem Kriege Rentenansprüche
in großer Zahl erhoben werden werden. Wird erst einmal
bekannt, daß Schwerhörigkeit als Folge von Geschoßwirkung
verkommen kann, ohne daß man sonst an dem Ohr etwas
sieht, dann ist zu befürchten, daß Feldzugsteilnehmer, die aus
irgendeinem Grunde- schwerhörig waren oder wurden, eine
Rente verlangen werden. Von unendlicher Bedeutung wird
es dann sein, wenn in der Krankengeschichte ein Befund ver¬
merkt ist, wenn er auch nur ganz kurz ist; z. B. „Flüster¬
sprache wird rechts 1 m, links 2—3 m w^eit gehört“. Zu einer
Untersuchung auf Flüstersprache gehört kein Apparat und
gehören keine ohrenärztlichen Kenntnisse. Eine solche Un¬
tersuchung muß in allen Fällen, in denen der Patient über
das Ohr klagt, vorgenommen, und das Resultat aufgezeichnet
werden.
Eine nicht unwichtige Frage ist die über die weitere
Felddienstfähigkeit der Patienten. Die Entscheidung darüber
ist nicht immer leicht zu treffen. Sicher festgestellt ist, daß
ein Ohr, das einmal ein akustisches Trauma erlitten hat, außer¬
ordentlich gefährdet ist, wenn es wieder einer auch nur
mäßig heftigen Schalleinwirkung ausgesetzt wird. Zu Pa¬
trouillen oder Vorpostendiensten sind Mannschaften mit stark
herabgesetzter Hörfähigkeit natürlich überhaupt nicht zu ver¬
wenden. Meiner Ansicht nach sollten Verletzte, die auf einem
| Ohr eine Hörweite unter 1 m haben, bei gleichzeitiger Herab-
I Setzung auf dem andern bis höchstens 3 m nicht zum Dienst
in der vordersten Front verwendet w erden.
Ob man prophylaktisch etw r as gegen die Verletzung im
modernen Kriege tun kann, scheint mir sehr zweifelhaft*
Watte kann man nicht andauernd in den Ohren tragen; sie
wird auch wenig nützen. Mundöffnen und möglichste Ent¬
spannung der Gaumenmuskulatur sind ja sicher zweckmäßig?
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aber die praktische Durchführung dieser Maßregeln im ent¬
scheidenden Augenblick ist natürlich eine Unmöglichkeit,
Nachtrag bei der Korrektur: Inzwischen
habe ich gegen 20 weitere Fälle beobachtet, von denen eine
erhebliche Anzahl durch Minenexplosionen verursacht war.
Auffallenderweise war elfmal eine Mittelohreiterung (durch
infizierte Trommelfellrisse) eingetreten, während dies bei
den vorhergehenden 60 Fällen nur viermal der Fall war.
Klinische Vorträge.
Ueber epidemische Speicheldrüsen- und
Nebenhodenentzündung
von
Prof. Dr. Hermann Eichhorst, Zürich.
M. H.! Wenn die Schweiz auch bisher nicht unmittelbar
vom Kriege betroffen worden ist, welcher sich teilweise in der
Nähe ihrer Grenzen abspielt, so haben wir doch mehrfach Ge¬
legenheit gehabt, uns mit Kranken auf der Klinik zu beschäf¬
tigen, welche ihr Leiden doch schließlich auf Zustände
zurückfüliren mußten, welche der Krieg geschaffen hat. Um
die schweizerischen Grenzen erfolgreich mit Soldaten zu be¬
setzen, mußten große Truppenmassen aufgeboten und zu-
saramengezogen werden. Aber auch die Kasernen im Innern
des Landes sind andauernd und mit ungewöhnlich zahlreichen
Truppen beständen belegt. Heute soll unsere Aufmerksamkeit
ein Soldat in Anspruch nehmen, der gestern von der Kaserne
in die Klinik geschickt wurde.
Es handelt sich um einen 26 jährigen Infanteristen, der aus
gesunder Familie stammt, als Kind an Keuchhusten erkrankte und
im zwölften Lebensjahre wegen Mandel Vergrößerung operiert wurde.
Er ist im August vorigen Jahres zum Militär einberufen worden
und fühlte sich bis zum 10. Januar 1915 vollkommen gesund. An
diesem Tage bekam er vormittags Frösteln, dem bald Hitzegefühl
folgte. Er fühlte sich sehr matt und abgeschlagen, bekam Kopf¬
weh und Schwindel und verlor vollkommen den Appetit. Gegen
Mittag empfand er leichte Schmerzen und Spannung in beiden
Wangengegenden, und am Abend wurde er von sehr heftigen
Schmerzen in der rechten Hodengegend geplagt, welche sich
namentlich beim Aufsteheu in lästiger Weise bemerkbar machten.
An den beiden nächsten Tagen gingen die auffälligen Emp¬
findungen in der Wangengegend beiderseits zurück, dagegen
nahmen die Schmerzen in der rechten Hodengegend erheblich zu,
und außerdem bildete sich eine schmerzhafte Schwellung unter dem
linken Unterkiefer aus. Der Kranke bekam Temperaturerhebungeil
bis 39,2 0 und wurde am 13. Januar 1915 vom Militärarzt auf die
medizinische Klinik geschickt. Auf Befragen, ob ähnliche Er¬
krankungen in der Kaserne vorgekommen seien, berichtet er, daß
w ein einziges Mal, und zwar am 5. Januar 1915, einen Kame-
rcdcn im Krankenzimmer besucht habe, der dort an Mumps be¬
handelt worden sei.
Wir haben es mit einem kleinen, aber sehr kräftig gebauten
und vortrefflich ernährten Manne zu tun, welcher etwas blaß und
rnnüdet- aussieht. Seine Haut fühlt sich trocken und warm an.
p Achselhöhlentemperatur erreichte gestern abend 39,4 0 und
betrug heute morgen 39,5 Der Radialpuls ist voll, gut gespannt,
regelmäßig und macht nur 84 Schläge binnen einer Minute. Auch
gestern abend wurden trotz 39,4 0 Achselhöhlentemperatur nur
f Luise gezählt. Der Kranke ist bei freiem Bewußtsein und
Wagt namentlich über schmerzhaftes Spannungsgefühl unter dem
rcchttn Unterkiefer und über lebhafte Schmerzen in der rechten
Hodengegend.
Unter dem rechten Unterkiefer fühlt man dicht unter der
Haut eine länglichrunde, ziemlich harte Geschwulst, welche fast
j;? nau f ) ( ‘ n Kaum zwischen Unterkiefer und Kehlkopf vom Unter-
kicfenvinkel bis zum Kinn einnimmt. Die Haut über dieser Ge-
»chwulst ist, kaum gerötet etwas verdickt und teigig gedunsen und
!! l | r Z?* ai ^ ^ er Oberfläche der Geschwulst verschieblich. Die
»erfläche der Geschwulst ist nicht vollkommen glatt. Gegen
nick besteht eine sehr beträchtliche Empfindlichkeit. Lymph-
nisenschwellungen in der Umgebung der Geschwulst lassen sich
mcht finden. 8 *
bie entsprechende linke Unterkiefergegend bietet keine Ver¬
änderungen dar.
findlich 6 ^Speicheldrüsen Bind weder vergrößert noch emp-
•, Al) den Eingeweiden der Brust- und Bauchhöhle läßt sich
c 8 krankhaftes oder Auffälliges nachweisen.
Die rechte Seite des Hodensacks ist fast doppelt so groß
als die linke. Die Haut zeigt hier lebhafte Rötung und fühlt sich
wärmer als links an. Die Hautfalten sind stark verstrichen. Im
rechten Hodensacke findet man einen länglichrunden, harten, etwas
höckrigen und sehr druckempfindlichen Körper, dem dann ein
ebenso großes, weiches und gegen Druck nicht empfindliches Ge¬
bilde anliegt. Daß letzteres der Hode ist und ersteres dem Neben¬
hoden angehört, erkennt man daraus, daß sich knotenförmige Ver¬
dickungen und Schmerzhaftigkeit auch auf den ersten Anfang des
Samenstrangs fortsetzen. Ausfluß aus der Harnröhre besteht nicht.
Der Harn ist vollkommen klar und unverändert.
Die Erkennung der Krankheit dürfte wohl kaum irgend¬
welchen Schwierigkeiten begegnen. Offenbar handelt es sieh
um eine epidemische Entzündung der rechten Unterkiefer¬
drüse, zu welcher sich eine rechtsseitige Nebenhoden¬
entzündung nebst Entzündung des Anfangsteils des rechten
Samenstrangs hinzugesellt hat. Ob der Unterkieferdrüsen-
entzündung eine sehr schnell vorübergehende, leichte doppel¬
seitige Ohrspeicheldrüsenentzündung vorausgegangen ist, er¬
scheint nach der Anamnese sehr wohl möglich, aber nachweis¬
bare Veränderungen ließen sich bei der Aufnahme des
Kranken nicht mehr auffinden. Die Ansteckungsquelle muß
wahrscheinlich bei jenem Kameraden gesucht werden, dem
unser Kranker fünf Tage vor seiner Erkrankung einen Besuch
abstattete; freilich ist eine Inkubationszeit von fünf Tagen bei
epidemischer Speicheldrüsenentzündung eine so ungewöhnlich
kurze, daß es sich nicht mit Sicherheit wird ausschließen
lassen, ob nicht eine andere Infektionsmöglichkeit in Frage
kommen könnte, da seit mehreren Monaten immer von Zeit
zu Zeit in der Kaserne Erkrankungen an Mumps vorgekommeu
sind, von welchen wir einen Teil auf der Klinik zur Behand¬
lung bekommen haben.
Erst vor kurzer Zeit, am 2. Januar 1915, wurde uns ein
38 jähriger Soldat aus der Kaserne zugeführt, welcher nichts mit
unserm Kranken und dessen Freund zu tun gehabt hatte, und
dennoch unter ganz gleichen Erscheinungen erkrankt war. Am
29. Dezember 1914 stellten sich bei ihm leichtes Fieber, Kreuz¬
schmerzen und Husten ein. Vier Tage später ließ er sich auf die
medizinische Klinik aufnehmen, wo man bei ihm einen ganz un¬
bedeutenden Bronchialkatarrh (sparsames Schnurren und Pfeifen
über beiden Thoraxseiten) feststellte. Seine Achselhöhlentempe¬
ratur betrug am Tage der Aufnahme 37,6° und blieb dann die
nächsten Tage unter 37,4 °.
Am Morgen des 7. Januar 1915 klagte der Kranke über
Schwellung und Schmerzen in der rechten Unterkiefergegend. Man
findet hier eine Geschwulst genau von der gleichen Beschaffen¬
heit, wie sie bei unserm ersten Kranken beschrieben wurde. Die
Körpertemperatur geht dabei von 36,8° auf 37,8° in die Höhe,
während der Puls von 74 auf 84 Schläge ansteigt. Am nächsten
Tage tritt auch noch eine schmerzhafte Schwellung der linken
Unterkieferdrüse ein. Am 9. Januar machten sich an der rechten und
am 10. Januar an der linken Ohrspeicheldrüse eine geringe
Schwellung und Schmerzhaftigkeit bemerkbar, die beide nach
24 Stunden verschwunden sind. Die Achselhöhlentemperatur über¬
schreitet dabei nicht 37,8
Am 11. Januar 1915 klagt der Kranke über sehr starke
Schmerzen in der linken Inguinalgegend. Die Temperatur, welche
am Morgen 37,4 0 betragen hatte, ging mittags auf 38,5 0 und
abends auf 40,0° in die Höhe. Man findet die linke Hodenhälfte
über faustgroß verdickt. Die Haut des Hodensacks sieht gerötet
aus und fühlt sich warm und leicht infiltriert an. In der linken
Seite des Hodensacks liegt ein gegen Berührung sehr empfind¬
licher, härtlicher, auf seiner Oberfläche ein wenig höckriger
Körper, der sieh deutlich gegen den weichen, unempfindlichen
Hoden und gegen den Samenstrang abgrenzen läßt. Es handelt
sich also um den entzündeten linken Nebenhoden. Kein Ausfluß
aus der Harnröhre. Die Erhöhung der Körpertemperatur hält noch
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 19.
9. Mai.
zwei Tage an und beträgt: am 12. Januar 88,7° (88 Pulse), 39.5°
(96 Pulse), 39,8 u (92 Pulse); am 13. Januar 38,1 0 (80 Pulse),
87,9 0 (84 Pulse), 38,9 0 (84 Pulse).
(Fortan überschritt die Acliseltemperatur nie mehr 37,3°.
Am 14. Februar sind Schwellung und Schmerz in den Unterkiefer¬
drüsen und im linken Nebenhoden bedeutend zurückgegangen, und
drei Tage später erschienen die erkrankten Gebilde wieder voll¬
kommen unverändert.)
Daß sich zu epidemischen Entzündungen der Speichel¬
drüsen Entzündungen der Hoden hinzugesellen, ist eine alte
und sehr bekannte Erscheinung. Bekannt ist auch, daß eine
solche Entzündung nur bei Mannbaren auftritt. In manchen
Kasernenepidemien stellte sich diese Komplikation fast bei
der Hälfte der Erkrankten ein. K ö t z 1 o beispielsweise be¬
schrieb eine Mumpsepidemie in der Garnison Ludwigsburg,
bei welcher unter 39 erkrankten Soldaten 43% von Orchitis
befallen wurden.
Zu den seltenen Vorkommnissen hingegen gehört es,
daß nicht die Hoden, sondern die N e b e n h o d e n entzünd¬
lich erkranken. Auffallenderweise nehmen manche Lehr¬
bücher hierauf gar keine Rücksicht. Sticker beispiels¬
weise erwähnt in seiner Bearbeitung der epidemischen Ohr-
speicheldriisenentzündung für das Handbuch der praktischen
Medizin von Ebstein und S c h w albe aus dem Jahre
1906 nur das Vorkommen einer Orchitis.
So viel ist jedenfalls sicher, daß die Nebenliodenentzün-
dung im Vergleich zu einer Orchitis ein sehr seltenes Ereignis
ist, sodaß es eine reine Zufälligkeit ist, daß wir Gelegenheit
gehabt haben, schnell hintereinander zwei Kranke mit Neben-
hodenentzüdung nach epidemischer Speicheldrüsenentzüridung
zu sehen. Nun zeichnen sich aber beide Kranke noch dadurch
aus, daß bei ihnen nicht die Ohrspeicheldrüse allein oder
hauptsächlich, sondern die Unterkieferdrüse erkrankt war.
Man könnte vielleicht deshalb auf die Vermutung kommen,
daß sich zu einer Ohrspeicheldriisemmtzündung meist eine
Orchitis, zu einer Entzündung der Unterkieferdrüse eine Ent¬
zündung des Nebenhodens hinzugesellt, jedoch würde eine
solche Voraussetzung nach den bis jetzt vorliegenden
Beobachtungen unzutreffend sein. Die Erfahrungen von
V e d r e n e r, Leinoine* Ant o n y , C a t r i n , S o r e 1
und Pick betonen das Vorkommen von Nebenhodenent¬
zündung gerade bei Ohrspeicheldrüsenentzündung, während
L a v e r a n bei einer epidemischen Entzündung der Sub-
maxillardrüse doppelseitige Hodenentzündung auftreten sah.
Wie die Hodeneiitzündung einer epidemischen Ent¬
zündung der Speicheldrüsen vorausgehen oder sich sogar
allein an der Stelle einer solchen entwickeln kann, so zeigt
auch die Nebenhodenentzündung, wenn auch viel seltener, ein
gleiches Verhalten. Pick hat eine doppelseitige Entzündung
des Nebenhodens beschrieben, bei welcher die Körpertempe¬
ratur bis 40,8 0 stieg, ohne daß es zu entzündlichen Verände¬
rungen an den Speicheldrüsen kam.
Wesentlich seltener als eine Hoden- und Nebenhoden¬
entzündung bildet sich eine Entzündung ausschließlich des
Samenstranges bei epidemischer Entzündung der Speichel¬
drüsen aus. T 6 d e n a t hat eine solche Beobachtung be¬
schrieben, und auch eine Mitteilung von Schwarzkopff
dürfte hierher gehören.
Wenn Sie übrigens sorgfältig Ihre Kranken untersuchen,
so werden Sie gar nicht selten neben einer Hodenentzündung
noch eine mehr oder minder lebhafte und deutliche Beteiligung
des Nebenhodens und Samenstranges erkennen.
Ueber die anatomischen Veränderungen bei diesen Zu¬
ständen ist sehr wenig bekannt; Dopter und Repaci
fanden interstitielle und parenchymatöse Veränderungen in
Hoden und Nebenhoden.
Bei der Möglichkeit, daß wir es während der Kriegszeit
noch Öfter mit epidemischer Entzündung der Speicheldrüsen
zu tun bekommen, ist es mir eine willkommene Gelegenheit
gewesen, etwa« näher auf die Komplikationen an den männ¬
lichen Geschlechtsdrüsen und ihres Ausführungsgangs ein¬
zugehen und Sie darauf hinzuweisen, daß die Art der Kompli¬
kationen reichhaltiger ist, als man dies vielfach zu glauben
scheint.
Gestatten Sie mir, daß ich zum Schlüsse noch auf einen
Punkt Ihre Aufmerksamkeit hinlenke, welcher bei den prak¬
tischen Aerzten nicht sehr bekannt zu sein pflegt. Unser
erster Kranker bietet eine ausgesprochene Pulsverlangsamung
oder Bradykardie dar, welche besonders deutlich zutage trat,
als die Körpertemperatur gesteigert war, aber auch bei fieber¬
freiem Zustande fortbestand. Bei 39,5 0 hatte der Kranke
nur 84 Pulsschläge, während nach einer bekannten statisti¬
schen Berechnung von v. Liebermeister 100—104Pulse
zu erwarten gewesen wären. In der fieberfreien Zeit wurden
oft nur 56 Pulse gezählt. Bei dem zweiten Kranken erscheint
die Bradykardie weniger hochgradig. Immerhin zeigte er im
fieberfreien Zustande Pulse unter 80, meist unter 70 und bei
40° nur 100, bei 39,8° nur 92 Pulse. Handelt es sich hier
um eine Zufälligkeit? Wohl kaum, wenigstens ist auch von
II o u x darauf hingewiesen worden, daß bei Parotitis epide¬
mica „immer“ Bradykardie anzutrefTen sei. In bezug auf das
Verhalten des Pulses würde man also dem noch unbekannten
Erreger der epidemischen Entzündung der Speicheldrüsen
einen ähnlichen Einfluß zuschreiben müssen wie den Toxinen
der Typhusbacillen, welche die häufige Pulsverlangsamung
bei Typhus doch wohl bedingen.
Literatur: Antony, ContagiositG et Evolution des oreillons. (L*
Semaine ra6d. 1893.) — Catrin, A propos des oreillons. (La Semaine med.
18)3.) — Dopter et G. Repari, Contribution ä l’6tude anatomo-pathologiqße
des oreillons. (Arch. ni6d. exp. 1909, Bd. 2, S. 533.) — Koetzic, U^er^piw-
mische Ohrspeieheldriisenentzündung und ihre Komplikationen. (M. Korr.w.
d. württ. ärztl. Landesvereins 1906, Nr. 11.) Fr. Pick, Einiges über Mumps
(Parotitis epidemica). (Wien. klin. Rdsch. 1902. Nr. 16.) — k° ux ; f Ä,'
cardie dans les oreillons. (Diss. Paris 1913.) -- E. Schwarzkopff. wo
von Parotitis epidemica mit besonders schweren Erscheinungen.
1901.) - Sovel (La Semaine möd. 1893, S. 252.) - T^denat, Contributiona
rctude de Torchite ourl. (Montpellier m6cL 1884.)— Vädrönes, Orchjte ouru
observ6e en 1881 ä l^cole Polyt. que dans le cours d’une Epidemie doreui
(M£m. de m6d. mil. et nav. 1882.)
Berichte über KrankheitsläUe und Behandlungsverfahren.
Aus dem Hygien. Institut der König]. Friedrichs-Universität Halle-
Wittenberg (Direktor: Geh. Med.-Rat Prof. Dr. C. Fraenken).
Versuche über Trinkwassersterilisation
(Ein Beitrag zur Bekämpfung der epidemischen
Darmkrankheiten im Felde)
von
Dr. Hugo Strausz, Halle a. S.
Vorliegende Arbeit soll auf Grund theoretischer Erwägungen
und experimenteller Tatsachen der Frage, kleine Mengen mit
Coli-, Cholera-, Typhus- oder Ruhrbacillen verseuchten Trink¬
wassers in kurzer Zeit mit Hilfe von Wasserstoffsuperoxyd un¬
schädlich und trinkbar zu machen, näher treten. Dieses Problem
hat jetzt zufolge des bevorstehenden Sommerfeldzugs ein erhebhc
aktuelles Interesse. Zwar erfüllen die Feldkochapparate,, die « '
baren Ozonisierungsapparate, die Chlorierungs- (Hypochlorit) u
Bromierungs-Trinkwasserbereiter in Begleitung entsprechen
Filtervorrichtungen meistens ihren Zweck dort, wo es
Trinkwasserversorgung größerer Truppenteile handelt. Daß «
abertausenden Soldaten, die sich, von ihren Unterabteilungen g
trennt, auf Vorposten-, Patrouillendienst und dergleichen wtmj
durchaus nicht gedient ist, braucht wohl nicht erst näher ero
zu werden. Die erstrebenswerte Notwendigkeit, solchen °“? u ? ^
längere Zeit gänzlich isolierten kleinen Soldatengruppen, ja
einzelnen Mann ein Mittel in die Hand zu gehen, welche, ^
jederzeit, schnell, einfach und unabhängig den zuverlässige
einwandfreien Genuß eines auf beliebigem Orte gefundenen
wassers ermöglicht, hat schon vor etwa drei Jahren r
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Original from
UNIVERSUM OF IOWA
9. Mai.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 19.
5B7
r der y
•eobii.s-T
lwini.
man n in seinen Erörterungen über die Trink wasserfrage im Felde
betont *).
Nach den bisherigen Forschungsergebnissen haben sich für
diesen Zweck hauptsächlich zwei chemisch wirkende Stoffarten als
geeignet erwiesen, und zwar Stoffe, welche mit freien oder erst
im Wasser selbst freiwerdenden (status nascens) Halogenen, wie
Chlor und Brom, eine meistens schnelle und vollkommen keim¬
tötende Wirkung ausüben, sowie Stoffe anderseits, welche in der
wäßrigen Lösung aktiven (atomistischen) Sauerstoff entwickeln,
dessen keimtötende Wirkung auch eine vollkommene zu sein
seheint, sofern man die zu ihrem Optimum nötigen Bedingungen,
wie Konzentration, Temperatur, Zeit, richtig trifft.
Es soll hier auf die ersteren nicht näher eingegangen werden,
da es bisher auf keine Weise gelungen ist, den fahlen, meistens
widrigen Geschmack, den das Wasser durch dieselben bekommt, auf
eine einfache Weise (ohne Fällung oder andere geschmackstörende
chemische Reaktionen) zu beseitigen.
Durch die Einfachheit seiner Zersetzung in Wasser und in
Sauerstoff ist das Wasserstoffsuperoxyd an erster Stelle geeignet,
die an ein solches Mittel gestellten Anforderungen zu befriedigen,
soweit dafür gesorgt wird, daß 1. das Mittel in leicht handlicher
Form (Tabletten) zur Anwendung kommt, 2. die Zersetzung in
einer Zeit erfolgt, welche praktisch kurz ist und doch genügt, um
einen erwünschten Grenzwert der bactericiden Wirkung erreichen
zu können, und 3. nach Ablauf des für die bactercide Wirkung I
geeigneten Zeitoptimums der metallische, kratzende Geschmack |
des Wassers, durch geringe Mengen etwa nicht zersetzten Wasser¬
stoffsuperoxyds verursacht, so gut wie möglich beseitigt oder ver¬
bessert wird.
Von den festen Wasserstoffsuperoxydpräparaten, die im
Handel sind, eignet sich die hochprozentige Harnstoffverbindung
(36 Gewichtsprozente H,0 2 ) am besten, da der Harnstoff neben
seiner sehr leichten Wasserlöslichkeit bekanntlich auch eine voll¬
kommene Indifferenz auf den menschlichen Organismus zeigt.
Die keimtötende Wirkung der Wasserstoffsuperoxyd-Carbamid-
präparate wurde schon des öfteren eingehend untersucht. Es sei hier
nur auf die treffliche Arbeit U n g e r m a n n s 2 ) hingewiesen, der das
von der Firma Merck (Darmstadt) hergestellte Perhydrit auf diese
Wirkung ein gehend geprüft bat. Ich habe meinen Ueberlegungen und
Versuchen die Ungermann sehe Arbeit zugrunde gelegt und
möchte daher kurz die Ergebnisse seiner Versuche wiederholen.
Ungern) ann hat in einwandfreier Weise festgestellt, daß
whvdrit in 3%iger Lösung bei Zimmertemperatur innerhalb von
jo «muten sowohl die widerstandsfähigsten, vegetativen Keime, wie
Met. coli, als auch sporentragende Bakterien, wie Bact. subtilis, zu
vernichten imstande ist. Die Wirkung des Wasserstoffsuperoxyds
w*igt mit Erhöhung der Temperatur. „Bei 35 0 genügt eine 5 Minuten
lange Einwirkung der 5%igen Lösung, um auch Heubacillen abzu-
i°-wi ^ rend em Pfi n dhche Keime noch bei Verdünnungen von
-cfrunJ^ Minuten wahrender Einwirkung sogar noch bei 1 : 750
\ I;. { . Gewichtsprozent H 2 O 2 ) vernichtet werden. Die Wirkung
lies Mittels erreicht also innerhalb kurzer Zeit beinahe den Endtiter,
Pr u°r> t - T 8 z e w s k i *) a I 8 Grenze der desinfizierenden Wirkung
<>n nj(^-Lösungen überhaupt bezeichnet wird. Es leistet also soviel,
, 0 l“ an von Oner HiOs-Verbindung solcher Konzentration über¬
haupt verlangen kann.“
,^ urc ^ 5* ,ese Resultate ist auch der Weg zum Schaffen eines
eis gegeben, welches die obenerwähnten drei Postulate in
praktisch befriedigender Weise erfüllen soll. Betrachten wir nun
• f . r . a « e ’ was hier unter „praktisch befriedigend** zu verstehen
ist. naher.
II ^ w °hl bei Ungerman 11 s Versuchen, wie überhaupt bei
hijH ™ ci,un S e ? über chemische Trinkwassersterilisation
cj 6 « heraus widerstandsfähige Bacterium coli commune als
Wort 7- der w assersterilität zu Testzwecken angewandt,
af Hrrtrtt Kolibakterien nach einer beliebig gewünschten Zeit
„Jv . f° o a R das Mittel für gut, im Gegen falle — selbst bei
>nit 1!. i anz enorm verminderter Keimzahl — für nicht
rin ri hr^ .ßstab kann ja z. B. für Händedesinfektionsversuche
der ei' *^ e . r ,s . e,n °der noch kaum hinreichen, da es sich, zumal in
Die r, i . ,n , lr ^ 1 ' sc " en Praxis, um eine Sterilisatio magna handeln soll.
hi w .T ni1n / af) ? r > daß gerade nur das von Colis befreite Trink-
eirifN vni ,t n „* eis R ,r die praktische Brauchbarkeit
;j ■ , ctlea Mittels liefern soll , ist meiner Ansicht nach ein wenig
'wtneben. ln den Stadt »n m
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und Mineralwassern kein „gesundes“ Leitungs- oder Brunnenwasser,
aus welchem nach entsprechender Anreicherung und mehrtägiger
Bebrütung des Nährbodens wunderschöne, wenn auch noch so
spärliche Colistämme nicht herauszuzüchten wären. Und wir
trinken das Wasser doch und bleiben dabei gesund.
Nichtsdestoweniger liegt es mir fern, dem Bacterium
coli die vielfach bewiesene Tierpathogenität abzusprechen. Gewiß
spielt dieses Bakterium bei Entstehung mancher Darmkatarrhe und
Diarrhöen eine sehr wesentliche Rolle, nur liegt der Grund hierfür
nicht in einer direkten Coliinfektion. Solange die Epitheldecke
des Darmes unbeschädigt ist und die normalen bactericiden Kräfte
der Körper ge webe ihre Aktivität besitzen, wird beim Menschen
wohl sehr selten eine coliähnliche Darmerkrankung eintreten. Erst
durch Lädienmg der Darmwand und somit durch das Eindringen
der beim Zerfalle freiwerdenden giftigen Leibessubstanz der Coli-
bakterien in das Blut und in die inneren Organe („sekundäre
Coliinvasion“) wird eine Infektion und Erkrankung eintreten. Von
einer epidemischen Bedeutung der Colibakterien kann keine Rede
sein, es kann sich in diesem Spezialfalle nur um eine wirksame
Herabsetzung ihrer Keimzahl und Virulenz handeln, sofern ihre
theoretisch absolute Abtötung nicht als idealer Grenzwert der
Brauchbarkeit des hier zu besprechenden Mittels aufgefaßt wird *).
Nachdem Ungerm ann festgestellt hat, daß eine Perhydrit-
lösung von 1 :200 bei Zimmertemperatur innerhalb von 15 Minuten
alle Colibakterien im Wasser abtötet und eine Lösung von
1 :300 ihre Keimzahl und Virulenz auf ein äußerstes Minimum
herabdrückt, so schien mir dadurch die praktische Brauchbarkeit
des Wasserstoffsuperoxyds für schnelle Abtötung der bedeutend
empfindlicheren Cholera-, Ruhr- und Typhuskeime gegeben zu sein.
Meine in dieser Richtung angestellten Versuche bestätigten
auch diese Voraussetzung. Dabei wurde ein Umstand ausgenützt,
welchem man früher aus technischen Gründen nur wenig Rech¬
nung getragen hat. Es ist nämlich bekannt, daß die Zersetzung
des H 2 0 2 in bakterienreichem Wasser bedeutend schneller vor sich
geht, als wie im sterilen Wasser. Der Grund hierfür liegt an einem
Ferment, der Katalase, welche der Bakterienwand anhaftet 2 ),
und zwar in einer der Aerobie der Bakterienart proportionalen
Menge. So enthält z. B. Tetanus fast gar keine Katalase.
Obwohl die Meinungen bezüglich der molekularen 8 ) oder
atomistischen 4 ) („aktiven“) Beschaffenheit des katalytisch frei¬
gesetzten Sauerstoffs zurzeit noch auseinandergehen, so genügte
mir doch der einfache Tatbestand, daß zwischen der katalytischen
Zerlegung und der oxydativen Wirkung des H 2 0 2 enge Beziehungen
bestehen, um mich, unbekümmert der theoretischen Gründe und
Gegengründe, auf rein experimentellem Wege davon zu iiber-
j zeugen, daß mit Hilfe der Katalase die bacterieide Wirkung der
I H 2 0 2 -Lösungen in einer kürzeren Zeit erfolgt, als ohne
Katalysator. Außerdem fand ich, daß die Katalase in der von
mir hergestellten hochaktiven Form schon während 15 Minuten
eine ganz erhebliche Menge des gelösten Wasserstoffsuperoxyds
zersetzt hat, was für den obenerwähnten unangenehmen H 2 0 2 -
Geschmack solcher Lösungen von großer praktischer Bedeutung ist.
Es wurden alle Versuche bei 16—20 0 Zimmertemperatur vor¬
genommen. Die Wassermenge, die je 1 1 betrug, wurde mit je
einer Aufschwemmung einer Schrägagarreinkultur infiziert. Das
Wasserstoffsuperoxyd wurde in Form einer leicht löslichen, che¬
misch reinen und säurefreien 36 % igen Carbamidverbindung 15 ) an¬
gewandt. Als Katalysator diente Blutkatalase, nach einem kom¬
binierten Senter-Battelli-Stern sehen Verfahren «) dar¬
gestellt. Es wurden nur Bact. coli, Cholera-, Typhus- und Ruhr-
bacillen (von letzteren der Typus Shiga-Kruse) ‘ in die Versuchs¬
reihen aufgenommen. Nach Ablauf der Versuchszeit wurden die
Lösungen mit je 10 ccm Kristallsoda (1 : 10) und Eisenchlorid¬
lösung (1 :5) versetzt, und aus dem durch schnelle Filtration ge-
lohnfon n* ^ n .den Städten, Dörfern und von Menschen be-
^^örten gibt es wohl mit Ausnahme von Hochgebirgsquellen
l 77 / } ” Der Militärarzt“ 1912, Nr. 9, S. 129, Nr. 10, S. 161, und Nr. 12,
üdsch. 191S, S. 1137.
' 11 Detersb. Wschr. 1911, Nr. 8.
/) Vergl. Kolle-Hetsch, Die experimentelle Bakteriologie
und die Infektionskrankheiten. 3. Aufl., S. 313 bis 318.
,7hl f 2J n i a y , W ,«i- rh .M U , e , be v < 'o n r K , atalyse dcs Hi ° ! <!urc, > Bakterien.
(Zbl. 1 . Bakt. 190i, Bd. 44, Nr. 295.)
) Li eher mann, Ueber die H202-Katalvse usw. (Pflüg
Areh., Nr. 104. 201.) v 6
1 - ? ,em - der chemischen Kinetik. (Asher-Spiro,
1 f n x T r e8 ® e J» Zur KenIltnis der Katalyse I. und H.
(Zschr. f. B 10 I. 19 07, Nr. 48, S. J und Nr. 49, S. 575.)
8 ) Ich benutzte zu meinen Versuchen das Präparat „Peraouin-
fest“ der Firma Dr. Georg Henning, Berlin.
- ®) Benter, Zschr. f. physiol. Chem. 1905, Nr. 44, S. 257-
^ r - 'dj S. 673. — Battelli und Stern, Soc. BioL 1905, Nr. 57.
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UNIVERSITY OF IOWA
538
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK
Nr. 19.
9. Mai
sonderten Niederschlage je zwei Oesen auf Prigalskiplatten ge¬
strichen. Die Bebrütungszeit betrug durchschnittlich 12 bis
16 Stunden (über Nacht).
I. Desinfektionsversuche ohne Katalase in Leitungswasser.
1
--
—
Bakterienart:
Baot. coli
Bact typhi
Cholera¬
vibrionen
Bact.
dysenteriae
Zeit der
Entnahme
in
Minuten:
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| 10
16
6
1 10
16
6 1
10
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II. Desinfektionsversuche mit Katalase in Leitungswasser.
(0,06 Gramm Katalase in l Liter Wasser.)
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HI. Desinfektionsversuche mit Katalase in Flußwaffer.
(0,06 Gramm Katalase ln 1 Liter Wasser.)
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IV. Desinfektions versuche mit 0,01 °/o Katalase und
0,25% wasserfreier Citronensäure in Flußwasser.
1% =0,36% Hj 0, . . . 1
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, +
ln den Tabellen
bedeutet ,
nach
der
ang
‘heuen
Be
brütungszeit entwickelte und mittels Agglutination nachgewiesene
Keime, während mit „0“ solche Versuchsplatten bezeichnet sind,
welche entweder vollkommen steril geblieben sind, oder auf denen
außer ganz spärlichen Colikulturen — letztere nur bei den
Versuchen mit ziemlich trübem Flußwasser — gar keine pathogenen
Keime aufzufinden und nachzuweisen waren. Außer den einfachen
,,-f “-Zeichen hielt ich es nicht für nötig, mit mehr solchen Zeichen,
etwa wie es oft bei Angabe einer stark oder sehr stark positiven
Wassermann sehen Reaktion geschieht, auf die gefundene Keim¬
zahl oder das Wachstum auf dem Nährboden hinzudeuten, da es sich
hier, zumal bei den drei pathogenen Bakterienarten, nur um ein
scharfes „Ja“ oder „Nein“ handeln kann.
Aus diesen Ergebnissen läßt sich der unzweideutige Schluß
ziehen, daß eine 0,5%ige H 2 0 2 -CarbamidIÖsung, der noch 0.01 %
hochaktive tierische Katalase und 0,25 % wasserfreie Citronensäure
hinzugefügt wird, eine praktisch befriedigende bacterieide
Wirkung auf Leitungs-, Brunnen- und Flußwasser innerhalb
von 15 Minuten auflübt, sofern während dieser Zeit Cholera-,
Typhus- und Ruhrbacillen sicher abgetötet werden und die Keim¬
zahl und Virulenz etwa noch vorhandener Colikeime auf ein für
den Trinkgebrauch vollkommen harmloses Minimum herab¬
gedrückt wird.
Natürlich ergeben sich aus diesen Versuchen auch Schlüsse,
die rein theoretischer Natur sind und bezüglich der accelerativen
sowie aktivierenden Wirkung der tierischen Katalase zu Annahmen
führen, welche zugunsten der atomistischen Auffassung der Hydro- |
peroxydWirkung ausfallen, so auch Schlüsse, die einen Beitrag zur
Kenntnis der antikatalytischen Wirkung der an sich schwachsauren
Citronensäure 1 ) liefern —, doch berühren diese Schlüsse nicht
den Zweck meines Aufsatzes und ich wollte sie nur nicht unerwähnt
lassen.
Vom bakteriologischen Standpunkt aus ist. die Wirkung
der relativ geringen Menge Citronensäure auf die Ruhrbacillen
auffallend, wenn auch nicht überraschend, da ja die Empfindlich¬
keit dieser Bakterienart Säuren gegenüber wohlbekannt ist. Auch
fand ich das oftmalige Umrühren der Lösungen während der Ein¬
wirkung des H 2 0 2 überaus günstig, was mich dazu bewegt, mich
der Ansicht Liebermanns 2 ) anzuschließen, nach welcher der
Vorgang der fermentativen Hydroperoxydzersetzung derart vor
sich geht, daß das Ferment vorübergehend von H 2 0 2 oxydiert wird
unter Bildung einer lockeren FermentrSauerstoffverbindung, welche
sofort zerfällt, ihren Sauerstoff abgibt, und so wiederholt sich der
Prozeß weiter. Die Möglichkeit allerdings, daß bei meinen Des¬
infektionsversuchen ein anderes Ferment, die in der Blutkatalase
höchstwahrscheinlich zugegengewesene Oxydase, die für die
i) F a i t e 1 o w i t z , Milclikatalasc und Lähmung durch neg.
Katalysatoren. (Piss. Heidelberg 1904.)
’ 2 ) L. c.
Aktivierung des Sauerstoffs ausschlaggebende Rolle spielen konnte,
dürfte in einer späteren, exakteren Versuchsreihe näher geprüft
werden.
Was nun die praktische Anwendung der nach obigen Ergeb¬
nissen festgestellten bactericiden Wirkung betrifft, so halte ich sie
für möglich und ausführbar, hauptsächlich dämm, weil durch die
Katalyse die H 2 0 2 -Menge bis auf durchschnittlich 70—80 % wäh¬
rend 15 Minuten zersetzt wird, und somit verschwindet auch sozu¬
sagen der eigenartige, kratzende Geschmack des Hydroperoxyds.
Die geringen unzersetzten Reste verdeckt der citronensäure Ge¬
schmack; sollten jedoch auch bei Bekömmlichkeit des entkeimten
Trinkwassers einige Milligramm H 2 0 2 unzersetzt in den Magen
kommen, so ist das durchaus kein Unglück. Berger und
T s u c h i y a x ) haben nämlich einwandfrei festgestellt, daß 11,0,
frei von schädlichen Nebenwirkungen auf die Darmsehleimhüut
ist und sogar einen günstigen Einfluß auf Darmgärungen hat unter
gleichzeitiger Herabsetzung der Bakterien menge.
Wie in der Einleitung dieses Aufsatzes bemerkt, handelt es
sich darum, den Mannschaften im isolierten Einzeldienst ein Mittel
zur Verfügung zu stellen, welches sie in Ausnahmefällen
der qualvollen Verpflichtung, in epidemischen Gegenden Wasser
unbekannten Ursprungs unter keinen Umständen trinken zu
dürfen, entbinden soll. Gewiß erübrigt sich die Frage, ob man
dadurch nicht einen umgekehrten Effekt erreicht, so, daß die mit
derartigem dosierten Pulver oder Tabletten „bewaffneten“ .Sol¬
daten in leichtsinniger Weise aus jedem Sumpf oder Straßenpfütze
sich dann einen sterilen Erfrischungstrank umzaübern möchten und
somit eine noch größere Epidemiegefahr bestände, als wie mit
dem zurzeit gültigen strengen Trinkverbot. Erstens kann diese?
Mittel nur dann zur praktischen Anwendung kommen, wenn sich
die Heeresleitung von seiner praktischen Brauchbarkeit auf Grund
der Nachprüfung meiner Arbeit überzeugt. Zweitens wird ein
jeder, der die Verhältnisse im Felddienst und an der Front kennt,
sehr gut wissen, wie schwer die Kontrolle des Trinkwasserverbots
durchführbar ist. Es dürfte vollkommen genügen, die Mann¬
schaften in bezug auf den richtigen Gebrauch eines solchen Mittels
genau zu unterrichten und ihnen hauptsächlich die Gefahren
klarzumachen, die bei nicht peinlicher Einhaltung der Zeit (15 Mi¬
nuten) und bei Gebrauch sehr trüben, schlammhaltigen Boden-
wassers entstehen könnten, da die Wirksamkeit des H 2 0 2 in der
oben geschilderten Weise nur für klares oder nur kaum trübes
Brunnen- oder Quell- oder Flußwasser in Betracht kommt.
Aus der Inneren Abteilung des Städtischen Krankenhauses zu
Berlin-Lichtenberg (Leitender Arzt: Prof. Dr. F. Blumenthal).
Neuere Erfahrungen
mit dem Ipecacuanhapräparat Riopan
von
Dr. Opitz. *
Ende 1913 und Anfang 1914 berichteten bald hintereinander
Dr. Grabs aus der F r ä n k e 1 sehen Klinik im Berliner Urten*
Krankenhaus 2) und Prof. Külbs aus der Hi8 sehen I. medizini¬
schen Klinik der Berliner Charitö 3 ) über ihre Erfahrungen nn
einem damals neu eingeführten Ipecacuanhapräparat ltiopan*
Kurz sei hier wiederholt, daß es mit Riopan gelungen ist, »
wirksamen Stoffe aus der Ipecacuanha in Form eines leicht wass
löslichen Pulvers mit einem Gehalt von rund 50 % salzsauren Jp*
euanhaalkaloiden zu isolieren, ganz analog, wie das zürn Beispiel
Opium im Pantopon und bei der Digitalis im Bigipuratum
ist. Außer dem zur Herstellung von Lösungen bestimmten üiop
pulver werden auch noch Riopantabletten in den Handel ge •
die der Patient wie Bonbons im Munde zergehen lassen soll.
Tablette entspricht 0,05 g Radix Ipeeacuanhae. , D
Beide Autoren stellten fest, daß im Riopan, insbesonae
Riopantabletten, ein gutes Expektorans und namentlich auc
recht zweckmäßige Darreichungsform der Ipecacuanha )°
Im allgemeinen wird diese Droge ja wohl seit altersher ini
des Infuses gegeben. Diese Zubereitung neigt nun, wie {
nicht allgemein bekannt ist, sehr leicht zum Verderben. v( r.
konnte mehrfach feststellen, daß „das bei den meisten ^ er \ , e!(
Expektorans so beliebte Ipeeacuanhainfus mit Sirupus s
schon nach 24 Stunden einen dicken Bodensatz hatte, sat
/sehr. f. exnor. l*ath. u. Thor. 1909, 7, 437 bis 454.
a i D. m. W. Nr. 44.
3 > M. Kl. 1914. Nr. 1.
Digitized by
Gck igle
Original frnm
UNIVERSUM OF IOWA
539
MEDIZINISCHE KLINIK
und von Mikroben wimmelte“, welche insbesondere auf die Alka¬
loide Cephaelin und Emetin rasch und tiefgreifend zersetzend ein-
wirkten 1 ). Ich kann diese Beobachtung von Robert durchaus
Itfstätigen. Trotzdem bei uns das Infus stets auf Eis gehalten
wird, konnten wir die Flaschen häufig nicht zu Ende brauchen, da
.sich Schimmel gebildet hatte.
Schon aus diesem Grunde war also dem Riopan, das eine
durchaus haltbare Zubereitung aus der Ipecacuanha darstellt, eine
Daseinsberechtigung nicht abzusprechen. Dazu kommt die an¬
genehme Form der Darreichung in Tabletten, die zweifellos eine
große Annehmlichkeit gegenüber dem Infus bedeutet.
Im ganzen angewandt wurde Riopan von mir in 34 Fällen,
darunter 12 mal bei Pneumonie, 20 mal bei Bronchitis und 2 mal
bei andern Krankheiten, bei denen durch lange Bettruhe und
große Schwäche die Expektoration erschwert war. Auch sonst
wurde von dem Riopan auf den andern Abteilungen des Kranken¬
hauses vielfach Gebrauch gemacht.
Was die Pneumonien anbetrifft, so gaben wir in zwei Dritteln
der Fälle das Riopan erst nach der Krisis und hatten den Ein¬
druck. daß die Verabreichung die Lösung sehr beschleunigte, ln
einem Falle, wo wir es gleich zu Anfang gaben, wurden nebenbei
noch Campher und Benzoesäure verabreicht.
Die Dosierung betrug zuerst dreimal täglich eine Tablette;
dreimal (bei zwei Pneumonien und einer Phthise) zweistündlich
eine Tablette gegeben, wurde auch gut vertragen. Als einzige
Störung wurde eine Herabsetzung des Appetits beobachtet.
Jn einem Falle verursachte die Verabreichung ganzer
Tabletten Uebeikeit, wogegen dieselbe tägliche Dosis, in halben
Tabletten gegeben, gut vertragen wurde. (Die Tabletten zeigen
eine eingepreßte Rille und lassen sich leicht zerbrechen.)
Daraufhin wurde nunmehr als Dosierung stets zweistündlich
eine halbe Tablette gewählt. Es konnte jetzt niemals mehr Brech¬
reiz beobachtet werden. Diese öftere Darreichung erschien auch
deswegen zweckmäßig, weil ja auch das Infus zweistündlich ge¬
geben wird. Anscheinend ist also die öftere Darreichung kleinerer
Mengen wirksamer als die von größeren Mengen in längeren
Dausen, Zu bedenken ist auch, daß, wie Al a n n i c h feststellte 2 ),
in das Infus nur zirka drei Viertel der wirksamen Ipecacuanha-
alkaloide übergehen, ein Eßlöffel des üblichen Infusum Ipeca- <
«laiihae 0,5 : 2o0 nur etwa 0,028 g der Droge entspricht. Da nun I
anderseits nach Angabe der Fabrik jede Riopantablette die wirk-
<amen Bestandteile von 0,05 g Radix Ipecacuanhae enthält, so wird i
eine halbe Tablette jener Dosis ziemlich genau entsprechen. c
- | Einzelne Patienten verweigerten nach zwei bis drei Tagen
das Riopan wegen seines süßen Geschmackes.
Drei Fälle, bei denen unstreitig subjektives und objektives Be-
i finden durch Riopan gut beeinflußt wurde, sind folgende:
1 I. Frau A., 50 Jahre. Schwere Pneumonie des rechten Unter-
tind Mittellappens. Am neunten Tage Krise. Zwei Tage später wie-
i der Temperaturanstieg. Keine Lösung der Infiltration. Am Tage dar¬
auf Ikterus. Sputum außerordentlich zäh, bronzefarben. Mühsame
Expektoration. Darauf täglich drei bis vier Riopantabletten. Nach
vier Tagen Sputum bedeutend vermehrt, fast flüssig, hell. Nach einer
Woche kaum noch Husten, langsame Lösung bis zur Heilung. Dieser
Fall wies noch andere Komplikationen auf, die aber mit der Pneumonie
nicht in direktem Zusammenhänge stehen.
II. Fr. D. Schwere progrediente Phthise im letzten Stadium.
Patientin ist sehr schwach, klagt, daß sie nicht aushusten könne. Zwei
Tage lang dreimal eine Tablette Riopan, Sputum bedeutend vermehrt,
dickflüssig, während es vorher festgeballt war. Patientin bittet, ihr
doch mehr von den Tabletten zu geben, da der Husten leichter und
die Atmung freier danach werde. Wochenlang in gleicher Dosis Rio¬
pan (Exitus durch Hämoptoe).
III. Fr. K., sehr korpulente Frau in mittlerem Alter. Lyniplio-
sarkomatose. Alle Lymphdrüsen hart und geschwollen. Oedeme.
Lungenemphysem und Oedem. Laute, mühsame, rasselnde Atmung.
Trockner Husten. Dreimal täglich eine Riopantablette. Danach Er¬
brechen und Uebelkeit. Jetzt sechsmal eine halbe Tablette, die gut
vertragen wird. .Jetzt setzt eine ziemlich starke Expektoration farb¬
losen flüssigen Sputums ein. Bessere Atmung bis zwei Tilge vor Exi¬
tus, der an Herzschwäche erfolgt.
Nicht unerwähnt bleibe schließlich, daß die Riopantabletten
auch in wirtschaftlicher Beziehung eine vorteilhafte Darreichungs-
I form der Ipecacuanha darstellen. Das eben erwähnte Infus, zwei¬
stündlich einen Eßlöffel zu nehmen, langt zwei Tage, eine Röhre
Riopajitabletten zu 10 Stück, gleichviel ob dreimal täglich eine
Tablette oder zweistündlich eine halbe Tablette gegeben wird, drei
Tage. Da der Preis beider Zubereitungen der gleiche ist (95 Pf.),
kostet die Tagesdosis beim Infus 47i/> Pf., bei den Tabletten noch
nicht 32 Pf. Die Riopantabletten sind also namentlich für die
Kassenpraxis recht geeignet. Für Krankenhauszwecke kommt die
auch bei uns verwandte „Spitalpackung“ Riopantabletten in Be¬
tracht, eine große Büchse von 500 Tabletten, bei der sich der Preis
der Tabletten noch billiger stellt (für Krankenhausapotheken 20 M
für die Büchse).
Es müssen somit die Riopantabletten als eine in praktischer
und wirtschaftlicher Beziehung vorteilhafte Form der Ipecaeuanha-
darreichung bezeichnet, werden.
Forschungsergebnisse aus Medizin und Naturwissenschaft.
Aus dem Dermatologischen Stadtkrankenhaus II Hannover
g: (Dirigierender Arzt: Dr. S t ü m p k e).
Ueber Ergebnisse der Hermann-Perutz-Reaktion
bei Syphilis
von
Dr. Gustav Stümpke.
Bekanntlich konnten Po rges und M eyer 3 ) feststellen,
daß Luetikerseren Lecithin ausflocken; sie zeigten, daß bei positiver
Reaktion durch Einwirkung von Serum auf Lecithin eine feine
Hockenbildung eintritt, die hei sehr wirksamen Scries zu dickeren
Niederschlägen führen kann.
Diese ursprüngliche Lecithinreaktion wurde später von
11 us, Porges, Neubauer und Salomo n 4 ) in der Weise
Hiodifixiert, daß an Stelle des Lecithins das Natrium glycocholicum
'Merck) gesetzt wurde, und zwar verwandten diese Autoren von
! em trocknen Pulver des Natrium glycocholicum eine frisch zu-
«redete 1 % ige Lösung in destilliertem Wasser. Diese 1 % ige
utrmin - glycocholicum - Lösung wurde mit klar zentrifugiertem,
uie halbe S tunde bei 56° inaktiviertem Serum zu gleichen Teilen
Ar ye fgjs' ^ es ^ ec klönburgischen Aerztevereinsbundes E. V.
Berichte der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft 1914. 2.
i Porges und Meyer, Ueber die Rolle der Lipoide bei der
vv a s> e rm a n n sehen Reaktion. (B. kl. W. 1908, S. 731.)
iir i,~ r £ es > Eine neue Methode der Serodiagno.se bei Syphilis.
n -fl. 2°6; M. m. W. ms, Nr. 7.)
w/Elias, Porges, Neubauer und Salomon, Lieber
^oae und Verwendbarkeit der Ausflockungsreaktionen für die l
Diagnose der Syphilis. (W. kl. W. 1908, Nr. 2:1.) 1
gemischt; die Mischung blieb 16 bis 20 Stunden bei Zimmertempe¬
ratur stehen, und das Resultat wurde erst nach dieser Zeit ab¬
gelesen.
Aehnlich sind Hermann und P e r u t z J ) vorgegangen:
Tn Hängeröhrchen von etwa 5 mm Durchmesser werden nach
»östündiger Inaktivierung bei 55° zu 0,4 Blutserum je 0,2 einer
mit Aqua destillafa 20 mal verdünnten Stammlösung (bestehend
aus Natr. glycoch. 2,0, Cholestearin 0.4 und 95 % igem Alkohol
100,0) und einer jedesmal frisch bereiteten 2%\gen wäßrigen
, Natrium-GIykocholat-Lösung zugefügt. Die Röhrchen werden
( kräftig durchgeschüttelt, wit Wattebausch verschlossen und an
einem ruhigen, vor Erschütterungen geschützten Orte 20 bis
22 Stunden stehengelassen. Entsteht eine deutliche Ausflockung,
so ist die Reaktion als positiv anzusehen.
Die günstigen Resultate der Herinann-Perutz sehen Re¬
aktion sind von mancher Seite bestätigt, so von Jensen und
I V e i 1 b e r g s ), die die Horm a n n -Per u t z sehe Reaktion für eine
Bereicherung der klinischen Methoden anselien, ihr nachrühmen, daß
sie leicht auszuführen sei, daß weniges Material benötigt würde, und die
Billigkeit der Reagentien hervorbeben. Auch sind sie der Ansicht, daß
sie sich ohne Schwierigkeiten vom praktischen Arzt ausführen lasse.
Nach Jensen und V e i I b e r g *) soll positive Reaktion für
.Syphilis beweisend sein: bezüglich der negativen Reaktion scheine
die Wasscrmannreaktion empfindlicher zu sein als die Hennann-
Perutz-Reaktion.
l ) Hermann und Perutz (M. Kl. 1911, Nr. 2).
a ) Jensen und Johanne Veil borg. Von der klinischen
Bedeutung der Syphilisreaktion von Hermann und Perutz, ver
glichen mit Wassermann. (B. kl. W. 1912, Nr. 23.)
Jensen und Johanne Veilberg (Hospitaltidende 1912,
Nr. 13, referiert M. in. W. 1912, Nr. 40).
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540
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 19.
9. Mai.
Auch Gammeltoft 1 ) ist mit den Ergebnissen zufrieden, bei
zirka 200 Fällen hat den Verfasser die H e r m a n n - P e r u t z - Re¬
aktion nur einmal im Stiche gelassen; nach seiner Ansicht ist die
Hermann-Perutz-Reaktion eine leicht auszuführende Kon-
trollmethode und eine gute Ergänzung der Wassermannrenktion.
Nach Ellermann 2 ) wird negative H o r m a nn-Perutz-
Reaktion gewöhnlich bedeuten, daß der Patient keinen aktiven
syphilitischen Prozeß hat, aber ein solcher kann nicht mit Sicherheit
ausgeschlossen werden, da die Reaktion etwas weniger feinmerkend
als die von Wassermann ist.
Weiter kommt Lade [Hamburg 3 )] zu dem Schlüsse, daß die
llermann-Perutz-Reaktion bei latenter Lues immer dort, wo Lues nicht
vorhanden ist, der Wassermannreaktion gleichwertig ist, daß sie diese
bei fraglicher oder sicherer Lues dagegen übertrifft.
Meine Beobachtungen sind im allgemeinen
für die Hermann - Perutz - Reaktion nicht
günstig.
Wir haben im ganzen etwa 270 Fälle untersucht, davon 37
doppelt, um bei differentem Ausfälle der Reaktion nach Möglich¬
keit noch eine Entscheidung zu fällen.
Es zeigte sich zunächst die überraschende Tatsache, daß von
(len 270 Fällen 68 nach Wassermann anders reagierten wie
nach Hermann-Perutz, immerhin ein sehr hoher Prozent¬
satz, der an sich schon zu denken gäbe.
Bei Berücksichtigung der Einzelbefunde sieht man, daß die
Resultate bei generalisierter und lokalisierter
Lues II, bei Lues 1 a t e n s und Lues III prozentual
sich annähernd decken, wenn auch im einzelnen Falle
manche Differenzen zutage treten.
Anders liegen die Verhältnisse hei pri¬
märer Syphilis: Hier konnte verschiedentlich bei durch
Spirochätennachweis sicbergestellter Syphilis eine positive Her¬
mann-Perutz-Reaktion festgestellt werden, während der Wasser¬
mann noch einwandfrei negativ war. Es wüirde hierin also viel¬
leicht ein gewisser Vorzug der Hermann-Perutz-Reaktion gegen¬
über der Wassermannreaktion liegen.
Auf der andern Seite wurde eine positive
Hermann-Perutz-Reaktion in einer großen
Reihe von Fällen (zirka 20) beobachtet, in
denen die anamnestischen Erhebungen, der
klinische Befund, die Wassermannreaktion,
der Verlauf der Krankheit und die weitere
Beobachtung absolut gegen Syphilis sprachen.
Es sind hier zu nennen Fälle von reinem Ulcus molle. einfacher
Gonorrhöe, gonorrhoischen Komplikationen, z. B. Parametritk
und solche Fälle, die lediglich mit dem Verdacht einer Ge¬
schlechtskrankheit ins Krankenhaus geschickt wurden, ohne daß
sich ein positiver Befund erbringen ließ.
Nun kann man ja gewiß sagen, daß vielleicht doch in einer
Reihe von Fällen eine früher durchgemachte Lues vorliegen könne.
Aber immerhin war für mich in allen diesen Fällen eine derartige
Annahme von so geringer Wahrscheinlichkeit, daß ich sie nicht
ernstlich in Rechnung zu stellen vermochte. Dazu kommt, daß
auch das Verhältnis dieser Lues-latens-Fälle im Vergleich zu der
Gesamtzahl der untersuchten Kranken als ungemein hoch anzu¬
sehen wäre. Endlich w r ürde auch die überaus hohe Differenz
zwischen Wassermann und Hermann-Perutz nicht zu erklären sein
in Anbetracht des Umstandes, daß bei den bereits erwähnten Unter¬
suchungen einwandfreier Fälle von Lues latens eine nennenswerte
Differenz zwischen Wassermann und Hermann-Perutz keineswegs
vorhanden war.
Ich will daher gern anerkennen, daß in
manchen Fällen von Lues I die Hermann-
Perutz-Reaktion vielleicht etwas früher zur
Diagnose Syphilis führen mag, glaube aber, daß
das keinen großen Vorteil bedeutet, wenn man
auf der andern Seite positive Resultate bei
sicherer Nichtlues mit in Kauf nehmen muß.
Die Hauptsache ist, daß eine Seroreaktion
specifische Resultate liefert. Ist das nicht
der Fall, kann ich ihren Wert nicht allzu hoch
veranschlagen.
Aus der Praxis für die Praxis.
Zur Kasuistik der Fehlgeburt, mit besonderer Berücksichtigung
langdauernder Placentarretention
von
Prof. Dr. Walther, Gießen.
Obwohl man annehmen sollte, daß das Kapitel Fehlgeburt
zurzeit genügend durchgearbeitet und geklärt ist, so begegnet man
in der Praxis immer noch so vielen Unstimmigkeiten in der Auf¬
fassung der Therapie der Fehlgeburt, daß es nicht überflüssig er¬
scheint, diese Fragen vor dem Forum der Aerzte immer wieder zu
besprechen. Ich halte insbesondere es für notwendig, auf die mehr
oder weniger lange Verhaltung der Placenta nach Fehlgeburten
hinzuweisen, weil gerade hier noch divergierende Anschauungen
in der Praxis herrschen und auffallenderweise in den Lehrbüchern
speziell über diesen Punkt w'enig zu finden ist, obwohl, wie jeder
zugeben muß, er in der Praxis von ganz besonderer Bedeutung ist.
Wer sich eingehender über diese Frage orientieren will, sei auf die
einschlägigen Arbeiten von Winter und A h 1 f e 1 d 4 ) verwiesen, j
Die mehr praktische Seite habe ich 5 ) vor knapp zehn Jahren be¬
sprochen an der Hand einer Reihe von Fällen langdauernder
Placentarverhaltung, die wirklich als „Raritäten“ in der Geburts¬
hilfe anzusehen waren. Ich habe schon damals darauf hingewiesen,
daß die Frage der Placentarverhaltung nach Fehlgeburten, im Ver¬
gleich zu derjenigen nach Früh- oder rechtzeitigen Geburten, von
den Aerzten zu wenig in ihrer Bedeutung beachtet wird, sowie daß
bei manchen Aerzten in diesem Punkt Anschauungen vorherrschen,
i) Gammeltoft (Kopenhagen), Uebcr die von P o r g e s an-
"pfffbene nnd von Hermann und Perutz modifizioite Syphilis¬
reaktion. (D. m. W. 1912, Nr. 41.)
s\ ^Hermann. Erfahrungen mit der byplnhsreaktion von
Hermann und Perutz. (Ageskrift for Läger 1912, Nr. 14, refe¬
riert M. m. W. 1912, Nr. 40.) •♦in
a\ L a d e (Hamburg), Erfahrungen mit der Hermann-
Perutz schon Syphilisreaktion an 600 Fällen. (B. kl. W. 1913, Nr. 15.)
4 ) Winter. Referat für den Gynäkologenkongreß 1909, sowie
Msehr f Gehurtsh. 1914, H. 5, und Ahlfeld, Berichte und Arbeiten
1H83 Bd*. 1: Msehr. f. Gehurtsh. 1914, H. 5, u. a. a. O.: ebenso Straß-
mann.’zbl. f. Gyn. 1914. Nr. 25.
Walther, Feber langdauernde Placentarretention nach
FchWbmtcn. (/sehr. f. ärztl. Fortbild. 1905. Nr. 20 und 21.)
die im Widerspruch zu demjenigen stehen, was wir als Hebammen*
lehrer über die Gefahr der Verhaltung der Placenta lehren und was
auch in den zuständigen Hebammenlehrbüchern vorgesehrie-
ben ist 1 ).
Wenn man unter Fehlgeburt im allgemeinen die Unter¬
brechung der Schwangerschaft bis zum siebenten Monat einschlie߬
lich versteht, so ist es zweckmäßig, zwei Gruppen zu unterscheiden:
Fehlgeburt bis zum dritten Monat einschließlich (im ersten Dritteli.
und solche vom vierten bis siebenten Monat einschließlich (im
zw eiten Drittel). Diese Einteilung ist deshalb notwendig, weil der
Verlauf in beiden Zeitabschnitten im allgemeinen ein grundver¬
schiedener ist, meist auch die Behandlung. Den Unterschied pflege
ich meinen Hebammenschülerinnen und auch Studierenden in der
Weise klar zu machen, daß ich den Vergleich ziehe zwischen einer
Fehlgeburt in der sechsten Woche mit derjenigen im sechsten
Monate. Während das Ei in dem zweiten Monate recht oft in toto
ausgestoßen wird, gehört die Ausstoßung des ganzen Eies im
sechsten Monat und später schon zu den Seltenheiten. Das h
sitzt eben nach Ausbildung der Placenta (das ist etwa in der achten
Woche) erheblich fester als in früherer Zeit. An geeigneten 1 ra-
paraten läßt sich dies sowohl wie das Verhalten der Placcma
in den einzelnen Monaten sehr leicht anschaulich machen.
anatomischen Verhältnisse (vergleiche dazu die Abb. 54 bis <>
in Bumms Grundriß der Geburtshilfe) müssen aber, eben*
wie der Hebamme, jedem Arzte klar sein, wenn er ein
Fehlgeburt richtig beurteilen und auch behandeln will. (
werde unten beweisen, daß man gerade hier auf Unstimimpen
in der Praxis trifft Schon bezüglich des Gebrauchs der ture ^
die ja bei spontanen Aborten zweifellos, da hier ein unbrauci » *
und gefährliches Instrument, überflüssig ist, pflege ich im 1
rieht an Präparaten, besonders an Situspräparaten (z. B. am -■ .
gravidus mit Ei in situ), auf diese anatomischen Verhältnisse ^
zuweisen. In Liepmanns geburtshilflichem Seminar k
Abb. 196 die fälschliche Anwendung der Curette sehr ansi
Retention von Eiteilen im ersten Drittel (= unvoh^^JJl^
Abort ) sind so außerordentlich häufig, daß sie als etwas t • &
1 ') Vgl. Preuß. Ilebamnienlohrbuch 1912, §§ 293 ff.
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UNIVERSUM OF IOWA
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 19.
9. Mai.
541
ur i- j n ,j er Praxis "eiten dürfen. Im Gegensatz dazu sind Verhaltungen
bi'-tv ,l ( . r ganzen Plaeenta nach Fehlgeburten in späterer Zeit, also nach
d em vierten Monat, entschieden als selten anzusehen, ich möchte
lieg,; sl jr e n, in der Form, wie ich sie beschrieben habe, fast als „Kurio-
tlit \. sieten" in der Geburtshilfe. Die folgenden Betrachtungen be-
§.[,[; ziehen sich demnach im wesentlichen auf länger dauernde Ver¬
ein v haltung der Plaeenta nach Fehlgeburten im fünften bis siebenten
B. ft.y, Monat.
ijrä-. Hat die Hebamme, wie so oft, selbständig die Fehlgeburt
Gri ft ■? geleitet, so ist ihr zwar durch Lehrbuch vorgeschrieben, einen
Arzt zu Rate zu ziehen; wie so häufig, wird aber auch gegen diese
|, Vorschrift gesündigt, sie sucht „allein“ fertig zu werden. Jede
Hebamme, die einen tüchtigen Unterricht genossen und auch die
V.... Entwicklung des Eies und der Plaeenta in den einzelnen Monaten
^ f . begriffen hat, weiß, daß nach der Geburt einer Fehlgeburtsfrucht,
' m k,, wie bei Früh- beziehungsweise rechtzeitiger Geburt, auch die der
Vr ! Entwicklung der Frucht entsprechende Plaeenta folgen muß, und
M 'l wird, falls diese Ausstoßung nicht erfolgt, sofort zum Arzte
f ,;. schicken müssen. Wie ich a. a. 0. naehgewriesen habe, gibt es
. leider immer noch Hebammen, die in der ersten Hälfte der
.... Schwangerschaft mit dem Begriffe „Plaeenta“ nicht rechnen und
r , dadurch die Retention verschulden beziehungsweise unbeachtet
r . lassen. Immerhin gehört dies zu den Ausnahmefällen, da nach meiner
Erfahrung die Hebammen, da sie in den Fortbildungskursen ein¬
gehend darüber belehrt werden, neuerdings zum Arzte zu schicken
■ pflegen. — Hat dagegen der Arzt die Fehlgeburt geleitet, so er-
, ‘ achtet man es als selbstverständlich, daß er bei Verhaltung der
, m Plaeenta alles anwendet, um die Ausstoßung zu befördern, da ihm
,r l die Gefahren — in erster Linie Blutung, anderseits aufsteigende
§• ’ Infektion — zur Genüge bekannt sein müssen. Um so auffallender
muß es aber erscheinen, daß es immer noch Aerzte gibt, welche
• diese Gefahren unterschätzen und bei dieser Komplikation die, in
andern Fällen gewiß lobenswerte, „exspektative“ Therapie durch-
' ■ Zufuhren suchen, ohne sich der Gefahren bewußt zu werden, die
^ eben kommen können. Der Zufall wollte es, daß ich außer den
früher schon mitgeteilten Fällen eine neue Serie von Fällen in der
konsultativen Praxis zu beobachten Gelegenheit hatte, die eben
diese eigentümliche Auffassung in ärztlichen Kreisen erkennen
lassen.
- Ich will nicht so weit gehen, dies als Unkenntnis oder gar
als Fahrlässigkeit (Kunstfehler) zu bezeichnen, vielmehr als fehler¬
hafte Auffassung dieser Sachlage, die, wie ich schon sagte, in den
Lehrbüchern viel zu wenig berücksichtigt wird 2 ). Dazu kommt,
was ich als Entschuldigung noch anfügen möchte, daß es sich
mVht selten um „verheimlichte“ Fehlgeburten handelt, mitunter
auch forensische Fälle, bei denen der Arzt eben vor die schwierige
frage gestellt wird: Ist die Plaeenta noch verhalten oder nicht?
also bei Fällen, bei denen weder er noch eine sachkundige Heb¬
amme bei der Fehlgeburt zugegen gewesen war. Die bekannte
..Indolenz“ der Frauen gegenüber Blutungen spielt dabei auch noch
eine Rolle. * •
*
An der Hand der folgenden Krankengeschichten möchte ich
ersuchen, zur Klärung dieser Frage der Placentarretention in
klinischer und therapeutischer Hinsicht einen Beitrag zu liefern,
wobei ich, um nicht zu weitschweifig zu werden, die wissenschaft-
'uhe Frage der Infektion nach Retention der Plaeenta unberührt
Jansen möchte, da sie in den obenerwähnten Arbeiten (A h 1 f e 1 d ,
int er und Andere) genügend erörtert ist.
Fall J. Frau L. in G„ V para, hat schon mehrere Aborte
»urrügemaoht, erkrankte in der jetzigen Schwangerschaft, fünften auf
Monat, an Fieber (angeblich „Influenza“??); es tritt spontaner
• "»rf^ ein, Frucht dieser Zeit entsprechend. Die Hebamme, welche
u? geleitet hatte, zieht den Kassenarzt zu Rate, weil die
a re nta nach mehreren Stunden noch nicht geboren ist.
f r versucht die Expression; dieselbe mißlingt. Er wertet
n,' *' ,n zweiten Tage erneuter Versuch des Arztes, die
zu entfernen, jedoch vergeblich, desgleichen am dritten
• k W7,r * ,e,c * e Male mit der Curette. Am vierten Tage kon-
frhiu' n n ,c ” ^ er . we, J 8eine Versuche, die Plaeenta zu entfernen,
g^chJagen sind und er „mit der Curette“ nur ein kleines fitück-
J. Schröder sehe Lehrbuch (01 s h a u s e n - V e i t)
/Sbihin n * C * ^ er Geburt der Frucht bei Fehlgeburten, falls keine I
ulrrl ^° n f li ft reton ' ruhig abzuwarten, ob nicht die Plaeenta folgen
;,j p ffj nac ' 1 Wfbreren Stunden sei es jedoch zweckmäßig , die Plaeenta
L ■> Ä <?n ? e, J’ } V ’ n c kel (Lehrbuch) rät abzuwarten, „man wird in
■i-iff-ne. . .11 ?. ( ^ lter b daß nach zwei bis zehn Tagen die ganze
ojj Igelit“. In andern Lehrbüchern wird die lö ten- j
eben entfernen konnte, sowie weil jetzt Fieber mit Pulsboschleunigung
eingetreten war. Die Hebamme meldet auf Grund ihrer Dienst¬
anweisung den Fall als „fieberhaften Abort“ an (vergleiche
Anzeigepflieht). Der Befund, welchen ich hei der Untersuchung er¬
hebe, ist folgender: Ziemlich anämische Patientin; Temperatur 38.9,
Puls 120, etwas eitriger Ausfluß, belegte Zunge. Herpes labialis, Kopf¬
schmerzen, Uterus vergrößert, wie im vierten Monat der Schwanprr-
schaft, innerer Muttermund dilatabcl. Da der Transport ins Kranken¬
haus verweigert wird, sofortige Operation unter sehr schwierigen
Verhältnissen im Privathause: Gründliche Spülung der Scheide mit
Wasserstoffsuperoxyd und Phohrol-Rocho {l%ig). Expressionsvcrsurh
in Narkose mißlingt. Langsame Dilatation mit Hegars, bis es mir
gelingt, den Zeigefinger einzuführen; Uterusspülung. Einige Zenti¬
meter oberhalb des inneren Muttermundes fühlt man den unteren
Rand der Plaeenta. Unter Leitung des Zeigefingers ward der untere
Teil der Plaeenta mit der breiten W i n t e r sehen Abortzange gefaßt,
sodann unter leicht drehenden Bewegungen nach abwärts gezogen:
die dicke, derbe, endometritisch veränderte Plaeenta folgt bis auf ein
Stück, welches mit der großem stumpfem breiten Curette aus der Tuben¬
mitte sieh schonend entfernen läßt. Uterusphobrolalkoholspiiluug.
(Ausschabung wurde selbstverständlich unterlassen!) Sceacornin
subcutan in die Nates, Eisblase.
Der Verlauf war ein wider Erwarten günstiger. Das Fieber
ging nach einigen Tagen herunter. Der Ausfluß wurde bei täglichen
Wasserstoffsuperoxydspülungen (drei Eßlöffel in ein Liter Wassen klar.
Vollkommene Heilung.
E p i k r i s e : 4L? tägige Verhaltung der ganzen Plaeenta in situ
nach Fehlgeburt, im fünften auf sechsten Monat — aufsteigende
Infektion, offenbar bedingt durch die mehrfachen Versuche des
Arztes, digital wie auch mit der Curette die Plaeenta zu
entfernen. Durch gerade noch rechtzeitige Entfernung der Plaeenta
gelang es, der Weiteraushreitung der bereits eingetroteiien In¬
fektion vorzubeugen. Zweifellos wäre hier — um den Fall kritisch
zu beleuchten — es weniger riskant und logisch richtiger ge*
Wesen, innerhalb der folgenden zwei beziehungsweise sechs Stunden
nach Ausstoßung der Frucht die Ausstoßung zu befördern (Versuch
mit Chinin. Pituglandol und anderem) oder, wenn dies mißlang, die
Plaeenta zu lösen. Jedenfalls beweist der Fall, wie unnütz ..wieder¬
holte“ frustrane Versuche, besonders mit der Curette, sind und wie viel
richtiger es gewesen wäre, bei dein ersten m i ß 1 u n g e n e n V e r -
suche die Plaeenta zu lösen (richtiger ausgedrückt: schon da zu kon¬
sultieren), da durch das Zuwarten die Frau einer großen G e fahr
der Infektion ausgesetzt wurde, der sie nur durch einen glück¬
lichen Zufall entronnen ist.
Fall II. Frau KL aus N. Früher zwei Geburten, ohne Besonder¬
heiten. JO. Januar 1914 machte sie eine Fehlgeburt im sechsten Monat
durch: die Hebamme, welche dieselbe leitete, zog den zuständigen Kassen¬
arzt zu Rate, weil nach der Gehurt des Kindes die „Plaeenta“ durch
Mitpressen zu rasch gefolgt, war und sie über die Vollständigkeit im
unklaien war. Dieselbe wurde indessen für vollständig erklärt. Nach
anfangs nur geringem Blutabgang traten von der fünften Woche ah
mehr oder weniger starke Blutungen auf, die mit Unterbrechung bis
April anhielten trotz ärztlicher Behandlung. N a c h einem V i ei¬
tel ja h re etwa, am 15. April, konsultierte mich Patientin wogen
der Blutungen. Befund: Uterus antevertiert, stark verdickt, besonders
im Fundus, Vergrößerung wie im dritten bis vierten Monat der
Schwangerschaft. Cerviealkanal nur im unteren Teil etwas zugäng¬
lich. Diagnose: Subrnuköses Myom (?) oder Placentarrest (Plaeentar-
polyp), da bestimmt angegeben wurde, die Plaeenta sei abgegangen.
16. April Laminariadilatation (zwei dicke Stifte), innerlich Chinin. Nach
24 Stunden gelingt es mir, in Narkose den inneren Muttermund zu
dilatieren und den Finger einzuführen: präliminare Phohrolalkohol-
spiilung. Man fühlt mit dem Zeigefinger die in situ sitzende Plaeenta,
hauptsächlich am Fundus und in der Tubenocke. Das Plaeentar-
gewebe ist sehr derb, wie bindegewebig entartet; nachdem der
Zeigefinger den größten Teil der Plaeenta etwas von der Wand
abgehoben, gelingt es mir, die ganze Plaeenta mittels der Winter-
sehen Abortzange durch vorsichtiges Drehen von der Wand loszu-
lösen und herauszubefördern. Größe 10 : 12 cm. Das Placentargowebo
sicht im Durchschnitt wcißgelblich, wie infarziert, aus. Uterusspülung!
Uterovaginaltamponade. Subcutan Socacornin. Fieberloser Wochen¬
bett verlauf. Tägliche Wasserstoffsuperoxyd Spülungen. Die folgenden
Periodeblutungen normal.
E p i k r i s e. In diesem Falle hat es sich um abnonn lange Re¬
tention der Plaeenta in situ gehandelt, und zwar vom 30. Januar bis
16. April = 77 Tage oder 2 Monate und 17 Tage. Die Untersuchung
des angeblich „abgegangenen“ Plaeentarstücks war also auch hier
ungenau gewesen, auffallenderweise — wenn den Angaben der Heb¬
amme zu trauen war — sogar durch den Arzt. Sehr wahrscheinlich hat
die Hebamme durch ungestümen C red eschen Handgriff bewirkt, daß
die Nabelschnur und die Eihäute abrissen und dadurch der Uterus sich
durch diesen abnormen Reiz stark retrahierte und die Retention nach
Art der Sanduhrcoiitraction die Folge war. Interessant ist, daß in
diesem Jahre die gleiche Patientin wiederum eine fast ebenso lange
Plaeenfarverhaltung durchmachte (siehe unten) — dieses Mal in Be¬
handlung eines andern Arztes.
Fall III. Frau K. in U. Hat vor zwei Jahren eine Geburt
durchgcmaeht. Gegen Pfingsten 1914 — angeblich 20. oder 21. Mai —
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UNIVERSUM OF IOWA
542
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 19.
machte sie eine Fehlgeburt im fünften Monat durch, welche der Arzt
leitete. Die Frucht wurde spontan geboren, jedoch folgte die Placenta
nicht. Daher wurde noch am gleichen Tage von dem Arzte digital, dann
mit der Cu rette der Versuch der Entfernung gemacht, jedoch ver¬
geblich. Am zweiten und dritten Tage wurden die gleichen Versuche
gemacht, wiederum ohne irgendwelchen Erfolg; gegen die Blutungen,
die nicht sehr erheblich gewesen sein sollen, wurde täglich Secale infus
voiabreicht. Von da ab bestanden bis Anfang August mehr weniger
starke Blutungen, die trotz styptischer Mittel nicht zum Stillstände
kamen.
Anfang August, also nach acht beziehungsweise neun
Wochen, konsultierte mich die Patientin. Befund: Starke Ver¬
dickung des Uterus, Hvperthrophie der Portio, Erosion. Starker
blutiger Ausfluß. Temperatur und Puls normal. Diagnose: Ver¬
dacht auf Placentarpolypbildung oder Retention der Placenta.
Die sofortige Operation wird der Patientin augeraten: sie kon¬
sultiert aber zunächst ihren Arzt, der ernstlich die Möglichkeit
der Retention in Abrede stellt und zur Operation nicht zu rat.
Erst Anfang September kommt daher Patientin wegen der wie¬
der eintretenden Blutungen und Beschwerden (Gefühl von Schwere.
Schmerzen, Senkungsgefühl) zu mir in das Krankenhaus: Dilatation mit
Laminariastiften: intern Chinin, sulf. (1,0) und subcutan Pituglandol.
Nach 24 Stunden gelingt es mir, in Narkose den Zeigefinger einzu¬
führen und bis zum Fundus vorzudringen. Hier fühlt man die ganze,
noch in situ sitzende Placenta. wiederum derbes, wie infiltriertes
Placentargewebe. Nachdem die Placenta digital möglichst mobilisiert
ist, läßt sie sich durch die Winter sehe Abortzange vermittels
drehender Bewegungen in toto entfernen. Oröße 10:12 cm. Dicke
1,5 cm. Gewebe wie infarziert, derb, weißgelblich. Glatter Wochen¬
bettverlauf. Entlassung am zehnten Tage. Spätere Periodenblutungen
normal. Völliges Wohlbefinden.
E p i k r i s c : Da der Abort nachgewiesenermaßen am 20 . Mai
stattgefunden hatte und ich im September die retinierte Placenta
operativ entfernte, so betrug die Zeit der Verhaltung über 90 Tage
- 3 Monat oder 12 Wochen und mehr, eine unglaublich lange Dauer,
die längste, die ich bis jetzt erlebt habe. Audi hier handelt es sich,
wie im Fall II, nicht etwa um die, nach Fehlgeburten durchaus nicht
seltene Bildung eines Plaeentarpolypen, sondern um die Retention
der unveränderten Placenta, die wie in II zum Teil ver¬
wachsen war, wiederum ohne in Jauchung übergegangen zu sein.
Die Uurette hatte hier, wie im Fall I, ebensowenig zum Ziele geführt
— glücklicherweise nichts geschadet, da sie, wie so oft von Unge¬
übten. wohl nur bis zum inneren Muttermund eingeführt worden war.
Die lange Dauer der Blutungen hat gerade hier die Patientin in
einen hohen Grad der Anämie gebracht. Hier war es nicht die
Indolenz der Patientin, die im Gegenteil dazu drängte, spezialärztlich«
Hilfe in Anspruch zu nehmen, sondern die Selbsttäuschung des Arztes.
Fall IV. Der Zufall wollte es, daß die gleiche Patientin wie
im Fall II, Frau Kl., in diesem Jahre wiederum eine Verhaltung der
Placenta nach Fehlgeburt erleben mußte: Am 2 . Februar konsultiert
mich Patientin wegen Blutungen, die seit drei Tagen auch mit übel¬
riechendem Ausfluß vermischt waren. Am 18. Dezember hat Patientin
eine Fehlgeburt im fünften auf sechsten Monat durchgemacht. Der Arzt
wird von der Hebamme zugezogen und findet, daß alles ..normal“ ist.
Indessen stellen sieh wie früher nach ein bis zwei Wochen Blutungen
ein, die ohne Unterbrechung anhalten. Patientin drängt Ende Januar
auf Zuziehung eines Spezialarztes; der Arzt gibt die Versicherung,
..es könne von der Fehlgeburt nichts zurück sein“. Mein Befund am
2. Februar ist, folgender: Abgang schwarzer Cruormassen, Uervix offen,
es bestehen seit zwei Tagen wehenartige Schmerzen, innerer Mutter¬
mund zugänglich, oberhalb desselben fühle ich den unteren Pol der
Placenta. Nach den üblichen Vorbereitungen (präliminare Utorus-
phobrolalkoholspülung) entferne ich sofort die Placenta, zum Teil digi¬
tal. zum Teil mittels Winter scher Abortzange. Uterusalkohol¬
spülung. Gaze.
Glatter fieberloser Verlauf. Entlassung elften Tag. Die Placenta
ist etwa 10 ein lang, groß, 9 ein breit, endometritisch verändert, wei߬
lich, wie infarziert. . , . ....
E p i k r i s e : Auffallemlerweise handelt es sieh hier um ..wieder- !
holte lan‘'dauernde Retention der Placenta“. Der Arzt hat sich offenbar
auf die Angaben der Hebamme,-, daß die Fehlgeburt eine ..vollständige“
sei zu sehr verlassen, daher seine bestimmte Angabe, es könne nichts
zurück sein. Die Verhaltung hat hier 18. Dezember bis 2. Februar = 32
+ |-> J 44 Tage betragen - h l A Wochen. Im vorliegenden Falle war
die spontane Ausstoßung durch Wochen vorbereitet, und zweifellos
wirre bei längerem Zuwarten in aller Kürze eine schwere Infektion cin-
"etreten, wenn nicht die sofortige Entfernung von mir vorgenommen
worden wäre. , . , ,
Fall V. Während es sich in den vorliegenden Fällen II bis IV
um abnorm lange Dauer der Vorhaltung der Placenta handelte, ohne
daß Fieber aufgetreten war, zeigt der folgende Fall, wie sowohl durch
Fieber als auch durch Blutungen bei sogenannten „unvollkommenen“
Operationen schwere Gefahren bedingt sind.
Patientin machte in der zweiten Woche des März 1914 einen
Abort durch, bei dem weder Hebamme noch Arzt zugegen waren; an¬
geblich ..sei' die Blutung nach einer Reise“ aufgetreten (sie war in
einer «Boßstadt am Rhein!), darauf sei die Frucht abgegnugen. Ihr Be¬
finden war bis 29. März „sehr gut“, dann trat plötzlich eine starke
Blutung auf, wegen deren sie zu einem Arzte schickte, der sie wegen
der Stärke der Blutung an einen andern Arzt verwies. Dieser spritzte
»Secaeornin ein: die Blutung stand, nach seiner Angabe war kein An¬
haltspunkt mehr vorhanden, daß noch „etwas zurück“ sei. Plötzlich
wiederholte sich am 1. April die Blutung so stark, daß der nunmehr
dritte herbeigerufene Arzt „tamponierte“; danach Versuch der Ent¬
fernung mittels Curette, zwei Tage danach stellte sich hohes Fieber
ein, wegen dessen sie zu mir in das Krankenhaus transportiert wurde.
Befund: Temperatur 39,2. Puls 120 bis 124. In Narkose
gründliche, aber vorsichtige Dilatation mittels He gar scher Stifte,
durch welche es gelingt, den Zeigefinger bis zum inneren Muttermund
einzuführen; hier ist der untere Pol der noch in toto festsitzenden
Placenta zu fühlen, die an der vorderen Wand sitzt. Mit dem Finger
wird sie in ihrem Zusammenhang mit der Wand gelockert und ohne
Schwierigkeit mittels der Winter sehen Abortzange herausbefürdert.
Uterusphobrolalkoholspülung. Die Placenta sieht weißgelblich aus und
hat die Größe eines Handtellers, etwa dem vierten bis fünften Monat
entsprechend. Sofort nach der Ausräumung Erschlaffung des Uterus
daher bimanuelle Massage (B r e i s k y scher Handgriff), der sofort
Erfolg hat. Feste Uterovaginaltamponade. Fieberloser Verlauf. Die
Temperatur sank noch am folgenden Tage auf 37,2 und blieb bis zur
Entlassung normal (elfter Tag).
E p i k r i s e : Es handelte sich hier zweifellos um „septischen“
Abort nach mehrfacher erfolgloser Tamponade der Scheide und dem
mißglückten Versuche, die Uterushöhle abzutasten, ob Placenta
retiniert ist (ähnlich wie Fall I). Indessen ist nicht ausgeschlossen,
daß hier die Ausstoßung der Frucht — die Zeitangaben waren ganz
unzuverlässig — auf nicht natürliche Weise erfolgt ist und daß von
der gleichen Seite her ähnliche Versuche zur Ausstoßung der Placenta
emacht worden waren. Die Infektion war sicherlich von außen ge-
ommen.
Obwohl in den kurzen epikritischen Erläuterungen schon auf
die Bedeutung der Retention der Placenta hingewiesen wurde, so
erscheint es mir nach den Erfahrungen der konsultativen Praxis
zweckmäßig, in Kürze die Grundsätze zusammenzufassen, welche
bei Verhaltung der Placenta den Arzt bei der Therapie leiten
müssen.
Daß die Retention an sich, ebenso wie die Entwicklung
von Placeutar- wie auch Deciduaipolypen, stets eine große
Gefahr für die Trägerin in sich birgt, ist ja nicht zu
leugnen, sowohl diejenige plötzlicher, unerwarteter Blutungen
(Fall V) oder langdauemder, sich wiederholender Blutungen
(Fall II bis IV) als auch diejenige der putriden oder auch der
septischen Infektion (Fall I und V). Wenn auch in der Mehr¬
zahl der Fälle die Infektion von außen kommen dürfte, so ist die
Möglichkeit der Spontaninfektion (Selbstinfektion) immerhin nicht
auszuschließen, letztere insbesondere, wenn die Placenta in die
Cervicalhöhle tiefer getreten ist (Fall IV). Die Frage, warum in
den Fällen II und IH trotz der abnorm langen, ja viele Wochen
dauernden Retention eine Infektion nicht eingetreten ist, erkläre
ich mir so, daß ich annehme, daß die Placenta durch die starke
Retraktion des Uterus nicht in Kontakt gekommen ist mit der
unterhalb des inneren Muttermundes befindlichen bakterienhaltigen
Zone. In Fall II und IV sind keine Versuche gemacht wurdcu.
die Placenta zu entfernen, in Fall 111 nur ein unvollkommener
Versuch. Aehnliche Fälle habe ich schon früher in der Literatur
beschrieben (siehe oben).
Die allgemeinen Grundsätze zur Leitung der Fehlgeburt sinn
jedem Arzte zu bekannt, als daß ich sie hier noch einmal genau
erörtern müßte. Kurz gesagt, wird bei einmal begonnener rch-
geburt die vollständige Ausstoßung des Eies, hierdurch zugleich ' ie
Blutstillung (= Blutersparnis) oberster Grundsatz bleiben müssen.
So selbstverständlich bei Fehlgeburten bis zum dritten Monat cm
schließlich, wie ich oben andeutete, diese Ausstoßung in toto c
scheint, so sehr muß man sich wundern, wie oft der gleiche 7 run<
satz bei den Fehlgeburten in späterer Zeit, bis zum
Monat, nicht beachtet wird — obwohl anderseits kein ■ t .
wagen würde, eine Verhaltung der Placenta in späterer ^
einer Frühgeburt-, geschweige denn bei einer rechtzeitigen
unbeachtet zu lassen und etwa exspektativ zu behandeln.
Ich möchte also für die Leitung der Fehlgeburt v ° m
bis siebenten Monat (= im zweiten Drittel) — uni «ms ■ ‘
handelt es sich ja in den erwähnten Fällen -als Lei p * ,
stellen: daß, gleich wie bei rechtzeitiger lind Frühgeburt, ‘
gebürt innerhalb der nächsten zwei Stunden geboren
Für die Hebamme gilt jedenfalls die Vorschrift, sowon 0 ft
gehurten überhaupt zum Arzte zu schicken (was J ie el< « .]%.
eben n i c h t tun!) als auch ganz besonders bei Verhaltung ^
eenta sofort zum Arzte zu schicken. Jeder Arzt weiß, u . ml
! neunten Woche ab die Placenta eben bei Fehlgeburten _ r htfi
i besondere Rolle spielt; ich pflege, wie oben gesagt, mi
Digitized b)
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UNIVERS1TY OF IOWA
9. Mai.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 19.
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für Studierende wie auf Entwicklung der Frucht in den einzelnen
Monaten auch auf die Größenverhältnisse der Plaeenta stets hinzu¬
weisen, weil sich hierdurch dem angehenden Arzt am besten ein¬
prägt, was der erfahrene Arzt wissen sollte (!), wie groß etwa die
plaeenta zu schätzen ist, die einer eben geborenen Frucht ent¬
sprechen kann J ). Wer mit diesen einfachen makroskopischen Ver¬
hältnissen in der Entwicklung des Eies-vertraut ist, dem wird folg-e-
richtigaucli nicht entgehen, ob im Einzelfalle je nach der Größe der
Fracht eine mehr oder weniger große Plaeenta zu erwarten ist.
Die Entscheidung ist für den Arzt und ebenso für die Heb¬
amme, falls er oder beide eine Fehlgeburt leiten, also in frischen
Fällen, ebenso leicht wie später bei einer Frühgeburt. Sehr oft liegen
aber die Verhältnisse deshalb für den Arzt schwieriger, als er post
abortum gerufen wird und nun entscheiden soll, ob die Plaeenta
noch ref/niert ist, meist nachdem alle Abgänge beseitigt werden
sind. Die Indolenz“ der Frauen ist es außerdem, welche so oft
daran schuld ist, daß der Arzt eben zu spät gerufen wird. Sehr
rtr . 1 viel seltener ist es die Hebamme (vergleiche Fall I und II), ja nach
m meinen Erfahrungen sind unsere Hebammen jetzt gerade über
Fehlgeburten und speziell über „Verhaltung der Plaeenta“ durch
unsere Nachkurse sehr gut orientiert.
/ Die Schwierigkeit ist für den Arzt dann besonders groß,
i wenn die Abgänge absichtlich oder unabsichtlich beseitigt worden
M sind und er nun entscheiden soll, ob noch etwas retiniert ist, be-
■■ -■ sonders wenn weder Blutung noch Fieber vorhanden sind.
Hat der Arzt die Fehlgeburt selbst geleitet und ist die Pla-
cenfa innerhalb zwei Stunden noch nicht geboren, so kann er —
falls er bei der Kreißenden noch verweilt — ja noch w arten. Ich
halte dagegen das Verlassen der Kreißenden und das tatsächlich
hei manchen Aerzten übliche Warten bis zum andern Tage, wobei
er natürlich die Halbentbundene verläßt, für ebenso gefährlich als
auch im Sinne des Gesetzes für verantwortlich (— fahrlässig). Ich
kenne Fälle, wo der Arzt 12, auch 15 bis 20 Stunden gewartet hat,
dann aber wegen plötzlich einsetzender starker Blutung oder w r egen
der. meines Erachtens recht oft überraschend rasch einsetzenden,
putriden Infektion fJauchung) w r ieder gerufen wurde.
Wenn schon eine mangelhafte Wehentätigkeit eingetreten ist,
so mag der Versuch, die Wehen anzuregen, gerechtfertigt sein: ich
erwähne hierfür in erster Linie das Chinin, welches ganzohne
drufld durch die Hypophysenpräparate etwas in den Hinter¬
grund gedrängt ist, obwohl es gerade bei Fehlgeburten nach
Minen Erfahrungen viel prompter wirkt, als z. B. die Hypophysen¬
präparate. Zwei eklatante Fälle haben mir das kürzlich aufs deut-
hVhste bewiesen: In einem Falle wollte der Arzt die über zwölf
Kunden verhaltene Plaeenta nicht lösen und frug mich telephonisch
irm Rat; ich verordnete zweimal 0,5 Chin. sulfuricum innerhalb einer
*tunde; prompte Wirkung: am gleichen Tage noch wurde mir
•He Plaeenta gebracht, die infolge kräftiger Wehen spontan ge¬
hren war. Vor sechs Wochen wurde ich in einem ähnlichen
hlle befragt: die Frucht von 9 cm wurde mir gebracht, ich sollte
? R ezf, pt verschreiben, damit alles abgehe; nach Chinin auch
luVr prompter Abgang der PJacenta. — Uebrigens kann ich auch
l'ci künstlichem Abort, nachdem der Cervix durch Laminaria dila-
f rt ist, Chinin aufs beste empfehlen. Außer Chinin kann ja
"ituglandol, Hypophysin oder Glanduitrin oder ein ähnliches
1 natiirl/o/i „deutsches“) Präparat (Pituitrin ist jetzt überfällig) ver¬
ehr werden. Vor SecaJepräparaten möchte ich indessen ein-
‘"inzlich warnen — gerade weil sie meines Erachtens fälschlicher-
,n solchen Fällen angewandt werden und unter Umständen
! ‘ 3n £ e Betention gerade befördern — höchstens in ganz kleinen
Was wird denn erreicht durch sie? Selbstverständlich,
1 “ er Lterus sich fest zusammenzieht, eine Art verstärkter |
"uns, bei großen Gaben Tetanus Uteri eintritt und der innere
wermund sich so kontrahiert, daß die Retention geradezu her-
"Wufen wird.
Im übrigen ist es selbstverständlich, daß man, wie bei
«itz eitiger Geburt, auch bei Fehlgeburten im zweiten Drittel auf
2 ; en, . n £ ^ er Bisse achtet und, wenn die zur Lösung der Plaeenta
! \.!% e Zeit verstrichen ist, den äußeren (C r e d ö sehen)
2'griff '"ersucht. Mißlingt derselbe, so ist ein Versuch in
fkose zu wiederholen.
i ) Leopold (vgl. Waldeyer, Lehrbuch der topogra-
Anatomie 1899, S. 876) betragen die Maße der Plaeenta im
Bi-* 12 cm in der Fläche, 1 bis 1,5 cm in der Dicke, im
siebenten .Monat 12:13 cm in der Fläche, 1,75 bis 2 cm
f i Monat 14 :15 cm in der Fläche. Im neunten
I» ,. die PJacenta annähernd ihre definitive Größe. Leider i
io gebräuchlichen Lehrbücher nicht diese Maße. 1
Ob die innei« Lösung der Plaeenta, für die ich keineswegs
plädieren möchte, nun schon auszuführen ist, hängt ganz davon
ab, ob es blutet. Jedenfalls sollte man auch hier, wie bei Früh-
und rechtzeitiger Geburt, nicht zu voreilig mit der „Lösung der
Plaeenta“ sein, deren Bedeutung nach meinen Erfahrungen in der
Praxis noch zu sehr unterschätzt wird! Nur wer die intrauterine
Technik beherrscht, sollte diese Operation ausführen, aber auch zu
Ende führen. Eine „halb“ ausgeführte Operation würde die Pa¬
tientin noch mehr gefährden als Abwarten. In solchem Fall ist
es stets ratsam, einen erfahrenen Kollegen zu Rate zu ziehen.
Blutet es nicht, so ist, wie ich oben sagte, das Verlassen der
Patientin eine riskante Sache. Ob man hier die Vaginaltamponade,
die ich früher (1. c.) dafür empfohlen habe, anwenrien soll, darüber
läßt sich streiten. Für den Landarzt hat sie vielleicht Vorteile,
doch sind die Nachteile einer nicht ganz exakt und aseptisch
ausgeführten Tamponade nicht zu verkennen. Der Vorteil liegt
jedenfalls darin, daß er beruhigt die Halbentbundene verlassen
kann; gibt er Chinin, so ist fast stets nach 6 oder 12 Stunden — dies
ist die längste Zeit, die die Tampons liegen dürfen — die Plaeenta
hinter die Tampons geboren. Der Nachteil besteht darin, daß
unter Umständen „infiziert“ werden kann. Jedenfalls muß aber
innerhalb dieser Zeit, die ich eben für den Landarzt, der auch nicht
so leicht einen erfahrenen Spezialisten konsultieren kann, kon¬
zedieren will, die Plaeenta zur Ausstoßung gebracht werden.
Es darf wohl als selbstverständlich vorausgesetzt werden, daß
eine wiederholte Tamponade nicht dafür in Betracht kommt! Denn
sie würde gerade die Infektion heraufbeschwören. Hat sie also
nicht zum Ziele geführt, dann muß eben die Plaeenta entfernt
werden.
Wesentlich klarer ist die Indikation zum Eingreifen bei
starker Blutung. Auch hier ist selbstverständlich zuerst der äußere
(0 r e d £ sehe) Handgriff zu versuchen — eventuell in Narkose —,
führt er nicht zum Ziele, so muß die „manuelle“, richtiger gesagt
digitale Lösung ausgeführt werden. Ich empfehle für solche Fälle
auch den sogenannten Höningschen Handgriff, das heißt, zw'ei
Finger in die Scheide einzuführen und den Uterus kombiniert von
außen und vom hinteren Scheidengewölbe aus „auszupressen“,
wenn ich so sagen soll. Oft führt dieses schon zum Ziele.
Nicht immer handelt es sich um frische Fälle, die zur Beob¬
achtung des Arztes, besonders des Spezialarztes, kommen. Für
solche „verschleppten“ Fälle rate ich jedem Arzte die Zuziehung
eines erfahrenen Spezialisten, da die Entfernung einer noch in utero
sitzenden Plaeenta bei wieder geschlossenem Cervicalkanal große
Erfahrung und richtige vaginale Technik erfordert. Warnen
möchte ich auch hier vor der Curette, insbesondere vor der kleinen!!
Ein Kollege, der damit versuchte, eine noch festsitzende Plaeenta
zu entfernen, brachte mir die halb ausgeblutete Patientin ins
Krankenhaus und hat aus diesem Falle, der gerade noch gerettet
werden konnte, eine gründliche Lehre gezogen. Warum schadet •
denn hier die Curette? Um es immer wieder mit klaren Worten
zu sagen: Die Curette hebt die Plaeenta zum Teil von der Haft¬
fläche los, auch werden Uteroplacentargefäße eröffnet, und die prä¬
liminare geringe Blutung kann zur tödlichen werden, ohne daß
die Plaeenta als Ursache , der Blutung entfernt ist. In einem
andern Falle hat ein anderer Kollege mit der Curette die Pla-
centa zu entfernen gesucht — nach vier Wochen kam die Pa¬
tientin in meine Behandlung, durch die ich nachLaminariadilatation
die noch in utero sitzende Plaeenta entfernen konnte! Offenbar
hatte er die Curette nur bis zum inneren Muttermund eingeführt!
Auf die Gefahr der Perforation mit einer kleinen Curette will ich
hier gar nicht eingehen.
Als Grundregel stelle ich, wie ich bei der Ausschabung in
einer Broschüre über Blutungen genau auseinandergesetzt
habe Dt auf: Gründliche Erweiterung durch sterilen Laminariastift,
bis der Cervicalkanal für den Finger durchgängig ist — alsdann
digitale Entfernung; mißlingt diese, Einführung einer Winter-
schen Abortzange bis zum unteren Pole der Plaeenta oder äußer¬
stenfalls einer stumpfen großen und breiten Curette — niemals
einer kleinen oder scharfen Curette! Den sterilen Laminariastift
scheue ich auf Grund vielfacher Erfahrungen keineswegs. In¬
fektion habe ich danach nie gesehen.
Für nicht ungefährlich halte ich eine brüske Dilatation mittels
Hegarscher Stifte, da hierdurch leicht tiefe, unkontrollierbare
Einrisse in das Parametrium entstehen; Abb. 200 in Liepmanns
geburtshilflichem Seminar illustriert diese Gefahr sehr anschau-
') Walther, Blutungen
(Verlag von Konegen. 1912.)
in der gynäkologischen Praxis.
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UNiVERSUY OF IOWA
544
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 19.
9. Mai
lieh. Nur wer sieh an die ursprünglich von 11 <* £ a r und Kalten-
haeh ange ff ebene „langsame'* Dilatation (eine Stunde min¬
destens!) hält, wird Risse vermeiden.
Zur Entfernung der noch retinierten Placenta gehört, »laß
der Arzt die vaginale Technik beherrscht. Ganz verwerflich für
den Praktiker ist natürlich die Hessische Dilatation. Auf die
für Ausnahmefälle nur in Betracht kommenden komplizierteren
Up(.Tationsmethoden will ich hier nicht eingehen (Kolpohystero-
tomie, Totalexstirpation). Wichtiger erscheint es mir, zum Schlüsse
noch einmal darauf hinzuweisen, daß an sich zwar die Verant¬
wortung für die Operation, die Uebung erfordert, nicht leicht ist —
viel größer aber ist die V e r a n t w o r t u n g, auch im Sinne
des Gesetzes, wenn ein Arzt, falls nur irgend Zweitel darüber be¬
stellen, ob noch die Placenta retiniert ist, ohne Rücksicht darauf
sich ,,e x s p e k ta ti v“ verhält, wie ich glaube, an den oben
beschriebenen fünf Fällen bewiesen zu haben!
Jedenfalls dürfte es zweckmäßig sein, bei jeder Leitung einer
Fehlgeburt sich die Grundsätze der Therapie immer wieder vor
Augen zu halten, die meines Erachtens in folgenden Leitsätzen
gipfeln:
1. Bei jedem Abort ist die Ausstoßung des Eies in toto er¬
strebenswert, also die Vollständigkeit des Eies genau zu prüfen
durch genaue Untersuchung der Abgänge.
2. Bei Aborten vom dritten Monat ab muß neben den Ei¬
hüllen und der Frucht hauptsächlich auf die Placenta geachtet
werden.
3. Wenn nach dem vierten Monat lediglich die Frucht ab¬
gegangen ist, die Placenta aber noch retiniert ist, so muß die Aus¬
stoßung derselben nach den gleichen Grundsätzen wie bei Früh¬
geburt und rechtzeitiger Geburt gehandhabt werden:
a) in frischen Fällen ohne Blutung durch Credi*scheu
Handgriff (eventuell nach Darreichung von Chinin oder Pitu-
glandol); nur hei starker Blutung und Mißlingen des
C r e d c sehen Handgriffs: innere digitale Lösung (beziolumps-
weise Abortzange);
b) bei älteren Fällen respektive bei längerer Retention der
Placenta mit ihren Folgezuständen (Blutungen, Fieber): Dilatation
(Laminaria) und digitale Entfernung (wie in a) [beziehungsweise
Abortzange].
I
| ,2i ml
i
Aus den neuesten Zeitschriften. |
Berliner klinische Wochenschrift 191 5, Nr 17.
Meitzer (New York): Pharyngeale Insutflation, ein einfacher
Apparat für künstliche Atmung am Menschen; nebst Bemerkungen über
andere Methoden der künstlichen Atmung. Die intrachcale Insufflation
ist die Methode der Wahl bei einer Atemlähmung, die aus irgendeiner
beliebigen Ursache entstanden ist. Die Verläßlichkeit der pharyngealen
Insufflation als Methode der künstlichen Atmung wurde au einer großen
Zahl von Hunden und Katzen und einigen Affen geprüft. Größe und
Form der pharyngealen Röhren waren den untersuchten Tierarten ange¬
paßt. Die spontane Atmung dieser Tiere war, wie früher angegeben,
durch Curare oder große Dosen eines Magnesiumsalzes vollkommen auf¬
gehoben. Bei vielen Tieren war gleichzeitig der Brustkasten transversal
weil gespalten, sodaß Lungen und Herz völlig exponiert waren. In der
langen Reihe von Versuchen kam kein Fehlschlag vor. Wenn die
pharyngeale Insufflation unter Beobachtung der nötigen Kautelen aus-
geführt wurde, so konnten die vollkommen gelähmten Tiere stundenlang
am Leben erhalten werden.
Oswald (Zürich): Zur Theorie der Schilddrüsenfunktion und der
thyreogenen Erkrankungen. Das Jodthyreoglobulin ist eine exquisit
Nervcntonus erhöhende Substanz: es erhöht die Ansprechbarkeifc des
vegetativen wie des animalen Nervensystems.
Grünberg (Berlin): Eine Vorrichtung zum Schreiben mit Hilfe
des Gebisses bei Verlust beziehungsweise Lähmung der Arme. Halter
mit drei Gelenken, von denen das mittlere, mit einer Feder versehen,
die genügende Elastizität gewährleistet.
Stein (Wiesbaden): Zur Behandlung der Pyocyaneuseiterung.
Beeinflussung des Pyocyaneuseiters durch ultraviolette Strahlen in Form
der „künstlichen Flöhensonne“.
Oeder (Niederlößnitz bei Dresden): 281 erwachsene Menschen mit
„centratnormalem“ Ernährungszustand. Das „centralnormale“ Körper¬
gewicht ist das Körpergewicht bei „centnilnormalem“ Ernährungszustände,
der „eentralnorraale“ Ernährungszustand der Ernährungszustand, dei
möglichst genau in der Mitte der normalen Breite liegt, also von der
unteren und oberen Grenze der Norm gleichweit wegliegt und die
Uebergangsmerkmale zur „Magerkeit“ und „Fettleibigkeit“ nicht auf weist.
(Schluß folgt.)
v Zeissl (Wien): Wesen und Vererbung gewisser infektiöser
Krankheiten und deren Einfluß auf den Wundverlauf. Erst dann, wenn
die allgemeinen Erscheinungen an Haut und Schleimhaut ihren Höhepunkt
erreicht haben und eine Spontaninvolution zeigen, gehe man zur All-
«reuieinbeluindlung über ’ und zwar verabroiche man gleichzeitig Queck-
silber und Jod. Die energischste und sicherste Behandlung bleibt nach
wie vor eine gewissenhaft und genau ausgeführte Inunktumskur.
Reckzeli (Berlin).
Deutsche medizinische Wochenschrift 1915 Nr. 17.
Hackenbruch (Wiesbaden): Erfahrungen bei Behandlung chir¬
urgischer Tuberkulosen mit Tuberkulin „Rosenbach“. Das Mittel ist
nach Ansicht des Verfassers nicht nur ein wichtiges Piagnostic-um, son¬
dern auch in vorsichtig gesteigerter Dosis bei monatelanger Verordnung
_ Jn j t gelegentlichen Pausen — ein Heilmittel bei chirurgischer Tuber¬
kulose, 'natürlich nur unter gleichzeitiger Verwendung von Hyperämie,
Sonnen- und Lichtbehandlung, Jodsalzen usw.
G. M. Kremer und W. N iesse d (Köln): Vernisanum purum all |
Antisepticum und zur Wundbehandlung. Das Präparat stellt eine Ver- j
bindung von Jod-Phenol-Campher (von eigenartigem, campheiartigem
Gerüche) dar und wird unverdünnt auf die Haut aufgepinselt oder leicht ,
eingerieben. Es ätzt die Haut nicht wesentlich und wird dabei leirft
durch die Poren resorbiert. Größere Wundhöhlen tupft man mit einem
vernisangetränkten Tupfer aus und tamponiert dann locker mit Gaze
Vernisangaze stellt man dadurch her, daß inan das Mittel soweit :u$
Gaze auftropft, daß diese eben gefärbt und getränkt ist. (Trägt man ilf
Präparat übrigens nach Reinigung der Haut mit Benzin durch leirlft«*
Einreibung auf, so verschwindet es nach kurzer Zeit. Man kann jeLii
nicht mehr anwendeu, als die Summe der Hautporen zu fassen vernug'
Ist die Haut nämlich ganz mit dem Vernisan getränkt, so kann vm
durch Pressen der Haut einen Teil davon wieder aus den Poren !«mv
treiben und durch Reiben wieder zum Verschwinden bringen, ein Bewci-
dafiir, daß sich das Vernisan nicht verflüchtigt hat, sondern durch <h-
Hautdrüsen aufgesaugt worden ist. Etwa nach einer btunde kann nun
die gleiche Menge wiederum einreiben.)
Fritz M. Meyer (Berlin): Die filtrierte Röntgenbehandlung des
chronischen und subakuten Ekzems. Die filtrierten harten Strahlen ml
einer mittel weichen Strahlung dadurch erheblich überlegen, daß sie I«
höchstens gleicher, wahrscheinlich aber geringerer Gefahr einer Hanl-
reaktion den Erfolg schneller, sicherer und regelmäßiger cintreten lassen.
Die Erklärung ist vor allem in einer höheren biologischen Wirksamkeit
der harten Strahlen zu suchen. Der Verfasser benutzt Röhren wo
einem Härtegrad von 10 bis 11 Wehnelt und läßt die btrahlen em
Filter von 1 mm Aluminium passieren, das er zur Vermeidung ein-x
stärkeren Sekundärstrahlenwirkung nicht direkt auf die Haut 1«?%
sondern am Röhrenkasten selbst befestigt. Die Fokushautdistanz beträgt
stets 20 cm.
R. Kaferaann (Königsberg i. Pr.): Schuß Verletzungen der oberen
Luftwege. Vortrag, gehalten im Verein für wissenschaftliche Heukuni®
in Königsberg am 11. Januar 1915. .
Brauneck: Zur Fremdkörperlokalisation und Röntgenstereoskopjc.
Die von Driiner ausgearbeitete Röntgenstercoskopie erfüllt xöllig - -
Anforderungen zur Fremdkörperlokalisation. Mit dieser Methode ^
man den Fremdkörper in seiner topographischen Lage. Aber Dicht a u
für die Fremdkörperlokalisation, sondern für jede Art der topograp
Einsicht ist das Röntgenstereogramm das sicherste Hilfsmittel
faeher Betrachtung einer Röntgenplatte entgeht nämlich dem Auge vlL * e -
ganz). Die Schatten von Lungenabscessen und -gangnin sowie
Gehiruabscessen treten im Stereograram plastisch hervor und ' on j*
hierbei in ihrer Ausdehnung gemessen werden. Auch ohne Stereo
kann man in einfacher Weise auskommen, wenn man sich übt ui
Betrachtung der Platten mit gekreuzten optischen Achsen.
A. Wolff (Berlin): Wirbelosteomylltis nach Schuß Verletzung *
Kranke hatte einen Granatschuß in die rechte Halsseite dicht unter
Kiefenvinkel erhalten. Drei Wochen danach wurde ihm ein Granasp 1 ^
vom Schlund aus entfernt. Nach weiteren drei Wochen, also
Wochen nach der Schußverletzung, traten schwere Krankheitserschein
unter hohem Fieber mit Schüttelfrost auf, die zum Tode führten.
Sektion ergab: Osteomyelitis des dritten Wirbelkörpers, circunisc i
Paehymeningitis externa purulenta des oberen Halsmarks, eitrige ^
meningitis spinalis, Bronchopneumonie des rechten UnterlapP 605 -
ifetäpi
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UMIVERSITY OF IOWA
9. Mai.
1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 19.
545
empfiehlt sich daher dringend, Schußverletzungen in der Nähe der Wirbel¬
säule mit dem leisesten Verdacht auf Wirbelverletzung mit Ein-
gjpsen oder Streckung zu behandeln. Dabei ist im Früh Stadium der
Osteomyelitis das Röntgenbild diagnostisch nicht zu verwerten. Auch
sind die Dornfortsätze dabei oft nicht druckempfindlich. Querfort¬
sätze lassen sich hingegen nicht immer einwandfrei als Sitz der Druck¬
schmerzhaftigkeit nachweisen, und das Betasten der Wirbel kür per könnte
höchstens vom Rachen aus geschehen. Wichtig ist die Forderung, Ge¬
schosse und Fremdkörper nie aus der perforierten Schlund wand von
innen zu entfernen. Der Schlund ist sonst die sichere Infektionsquelle
für das lockere Bindegewebe, das verletzte Periost oder gar für das
Knochenmark. Die Extraktion geschehe daher immer von außen, wobei
man für breiten Abfluß sorge.
H. Kionka (Jena): Der deutsche Arzt und die Heilquellen des
feindlichen Auslandes. Die Wässer von Vichy (alkalische Säuerlinge)
sind durch die Fachinger Quelle zu ersetzen. Den Quellen des fran¬
zösischen Evian (am Südufer des Genfer Sees gelegen), die einen
schwach erdigen Charakter haben, steht äußerst nahe die Bissinger
Auerquelle (oberhalb von Bissingen, südöstlich von DoiiauwÜrth gelegen).
Auch diese kommt mit einer Temperatur von 11° C aus der Erde.
Wegen ihrer niedrigen Konzentration eignet sie sich zur Behandlung
von Erkrankungen der Blase, der Harnorgane und des Magens. Sie ge¬
hört ferner zu den seltenen Quellen, die Spuren von im Wasser gelösten
Radiumsalzen enthalten. Mit dieser Quelle steigt auch eine große Menge
von Quellgasen auf (darunter auch „Edelgase“, wie Helium, Argon usw.,
die sich in der atmosphärischen Luft nur in Spuren finden).
Fr. R. Brewitt: Das Recht und die Pflicht zu operativen Ein-
griffefi an Heerespfnebligen In Kriegszeiten. Nach Ansicht des Verfassers
soll in Kriegszeiten der Heeresverwaltung das Recht zustehen, kräftigen
Männern, die lediglich durch kleine Schäden und Gebrechen nicht zum
Waffendienst tauglich sind, zu befehlen, diese Schäden beseitigen zu
zu lassen, wenn zu erwarten ist, daß durch eine ungefährliche Operation
Wehrfähigkeit in vollem Umfang erzielt wird. Vorbedingung ist aber,
daß zwei Chirurgen begutachten, daß durch den Eingriff voraussichtlich
Wehrfähigkeit eintreten wird. Auch muß die Operation durch einen ge¬
schulten Chirurgen vorgenommen werden. Sollte es aber, was unwahr¬
scheinlich ist, durch den Eingriff zu einer Schädigung, ja zum Tode des
Operierten kommen, so ist dieser wie ein Kriegsteilnehmer anzusehen
hinsichtlich der Rente oder Versorgung Hinterbliebener, nachdem durch
das übereinstimmende Gutachten zweier Chirurgen die Höhe der
Schädigung begründet ist.
Ebermayer (Leipzig): Bemerkungen zu dem vorstehenden Auf¬
satz. Der Verfasser stellt als Jurist fest, daß der Arzt zu einer Operation
gegen den Willen des Patienten nicht berechtigt ist. Nach reichs-
gerichtlieher Rechtsprechung mache er sich in solchen Fällen der vor¬
sätzlichen Körperverletzung schuldig, mag auch der Eingriff lege
artis zu Heilzwecken geschehen und von Erfolg begleitet sein. Auch
der Verpflichtung, sich auf bloßen militärischen Befehl, also
ohne bestehende gesetzliche Grundlage einer Operation zum Zwecke
der Herbeiführung der Dieosttauglichkeifc zu unterziehen, dürften ganz
erhebliche Bedenken entgegenstehen. F. Bruck.
Münchner medizinische Wochenschrift 1915 , Nr. 17.
Otto v. Herff (Basel): Prinzipien in der Bekämpfung einzelner
lokaler Wnndentznndungen. Alkohol ist nur wirksam gegen Wund¬
infektionen, die sich auf der Oberfläche der Gewebe abspielen, so bei
Furunkulose, bei beginnenden Panaritien, aber auch in Höhlenwumlen.
(fki seiner geringen Eiweißkoagulationsfähigkeit ist die Giftigkeit des
Alkohols als sehr gering zu bewerten.) Desinfizientien w irken nur sicher
in wäßriger Lösung. Absoluter Alkohol hat keine Desinfektions-
kraft; am wirksamsten ist 70%iger Alkohol. Die größte Neigung, in
die Oe webe einzudringen, selbst durch die Oberhaut hindurch, kommt
der (’arbolsiiure zu. Sie ist eins der besten Mittel zur Reinigung
infizierter buchtiger Höhlen wunden. Nur eine 4—5°/oige C’arbol-
säurelösung ist dazu brauchbar. Die Höhle muß aber damit aus ge¬
spritzt werden. (Bei genügender Drainage beträgt die Menge der
Carboiflüssigkeit, die dabei zuriickgehalten wird, nur einige Dezigramm,
sodaß eine V ergiftung nicht zu befürchten ist.) Wird stärker konzen-
tr j erte C’arbollösung verwandt, so kann man danach die Gewebe mit
Alkohol wieder auswaschen und so eine Aetzwirkung verhüten. So
'ann man 50 °/oigen Carboispiritus zur Kupierung eines Furunkels be¬
nutzen und dann sofort mit Alkohol nachwaschen. Neutrales Ha Oa,
tsonders das chemisch reine Perhydrol, besitzt in Wunden eine
äußerst jreringe Desinfektionskraft, H 2 O 2 in sauren Lösungen tötet
3 nr stärker die Keime. Legt man daher neben der mechanischen
undreinigung des H 2 O 2 Wert auf eine bactericide Wirkung, so muß
I,laQ saure Lösungen (Hydrogenium peroxydatuni solutum des Arznei- |
buches oder ad hoc mit 3%iger Essigsäure angesäuertes Perhydrol) an-
wenden. Eine Erwärmung des H 2 O 2 auf nur 37° C vermehrt die
Desinfektionskraft ganz außerordentlich, man stelle daher die Lösung
von H 2 O 2 in eine Schüssel voll warmen Wassers! (0,6% Ha O 2 bei
37° C kommt einer 2% igen Lösung gleich). Ein ausgezeichnetes Ver¬
bandmittel für granulierende, nekrotisierende Wunden ist der Zucker,
mit oder ohne einen geringen Zusatz von Salicvlsäure. Gegen Decubitus
gibt es kein besseres Mittel als pulverisierte*» Zucker (nicht Mehlzucker,
weil dieser zusammenbackt, sondern sogenannten ..Grießzucker“). Auf
die Unterlage werden ein oder zwei Eßlöffel gebracht und der Kranke
darauf gelagert. Andere Wunden werden mit dem Zuckergrieß bestreut,
darüber kommt ein Deckverband. Die endgültige Vernarbung kann
durch Perubaisam, Perugen, Pellidolsalben, Campherwein usw. befördert
werden.
Paul Hüssy (Basel): Zur Behandlung der septischen Allgemein¬
infektion. Es kommt hierbei darauf an, die speeifisehe Virulenz der
Erreger zu hemmen, ohne den Organismus zu schädigen. Als ein
solches Mittel wird das von Merck (Dannstadt) hergestellte Methylen¬
blausilber dringend empfohlen. Frühzeitige Injektionen der 2% igen
Lösung sind geboten, und zwar injiziert man davon täglich 1—2 ccm
intramuskulär. Die Einspritzungen sind etwas schmerzhaft, weshalb
Alypin beigemischt werden soll.
‘Felke: Die Komplementablenkung als Reaktion zur Unterscheidung
zwischen den Seren Typhuserkrankter und gegen Typhus Geimpfter.
Während die Bord et sehe Komplementablenkung beim Typhus in ge¬
wissen Stadien mit großer Regelmäßigkeit positiv ist, fehlt sie im
Blute Geimpfter. Bei diesen läßt sieh, auch wenn ihr Gruber-Widal
einen noch so hoben Titer erreicht, doch niemals eine Hemmung der
Hämolyse erzielen.
Kellner (Hamburg-Alsterdorf): Der Wert der Flechsigschen Opium-
Brombehandlung bei der Epilepsie. Der Verfasser hat bei etwa 2ö() Epilep¬
tikern diese Kur angewandt und empfiehlt sie aufs wärmste. In keinem
einzigen Falle war durch die Opiumdarreichung ein irgendwie bedenk¬
licher Zustand oder ein dauernder Schaden entstanden. Daß ein der
Opium-Brombehandlung unterzogener Epileptiker sorgfältig überwacht
und mindestens jeden zweiten Tag vom Arzt besucht werden muß, ist
ebenso selbstverständlich wie daß man die Anfangs- und Enddosis des
Opiums nach dem Alter und Kräftezustand des Kranken einriehtet. Als
höchste Dosis, und zwar nur bei kräftigen Erwachsenen, ist eine solche
anzusehen, die mit dreimal täglich 0,05 Extr. Opii beginnt und bis auf
dreimal täglich 0,29 Extr. Opii hinaufgeht.
Wilhelm May er (Tübingen): Bemerkungen zur Alderhaldenschen
Reaktion in der Psychiatrie. Als Substrate wurden verwandt: Hirnrinde,
Testikel, Ovarium, Thyreoidea, Leber, Pankreas und Nebenniere. Nega¬
tive Resultate zeigten sieh hei Normalpersonen, bei Hysterie, Myotonie,
Delirium, traumatischer Demenz. Verschiedene Resultate aber bei den .
zur Gruppe der Dementia praecox gehörigen Kranken. Auffallend war
ein negatives Resultat bei zwei Paralysefällen, noch auffallender eine
im Abstand von sechs Tagen zweimal untersuchte hypochondrische
Depression bei einem Manne, die das erstemal mit Hirnrinde, das andere-
nial mit Testikel schwach positiv reagierte, ohne daß sich im klinischen
Bilde irgend etwas geändert hätte.
FeldärztUehe Beilage Nr. 17.
A. Läwen: Einige Beobachtungen über Schädelschuß Verletzungen
I im Feldlazarett. Das KrankheitsbiJd wird beherrscht durch die Aus¬
dehnung der Knochensplitterung und den hohen Grad der Hirn-
I Verletzung. Die Behandlung ist in der Regel eine operative (Beseiti¬
gung der Knochensplitter aus dem Gehirn). Am besten operiert man
innerhalb der ersten 24 Stunden. Die Operation hat aber zu unter¬
bleiben, wenn der Zustand des Verwundeten sehr bedenklich ist
(Symptome: Bewußtlosigkeit, stark beschleunigter, kleiner, unregel¬
mäßiger Puls, manchmal auch schon Pupillenstarre). Ein gleich schweres
Bild kann auch ein durch Blutung veranlaßter, länger bestehender
Hirndruck machen. Fälle noch im ersten Stadium des Himdrueks mit
hartem, verlangsamtem Puls lassen sich zuweilen durch rechtzeitige
'Trepanation retten. In sieben seiner operierten Fälle (fünf frische
Schußverletzungen und zwei Hirnabscesse) hatte der Verfasser den
Kopf durch einen Gipsverband an den Thorax fest fixiert (die Ohren
wurden nach guter Polsterung auf der Außen- und Rückseite immer mit
in denVerband hineingenommen). Die operativ versorgten Schußwunden
werden vom Verband freigelassen oder durch ein Fenster freigelegt.
Mit derartigem Gipsverband Versehene dürfen aber nicht zu rasch
abtransportiert werden. Der W undverlauf muß vorher einigermaßen
gesichert sein und der Gipsverband vertragen werden. Die Gips¬
verbände wurden übrigens meist am zweiten oder dritten Tage nach
der operativen Versorgung der Schädelwunde angelegt, wenn sich die
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UNIVERSUM OF IOWA
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1915 — MEDIZINISCHE KLINIK — Nr. 19.
9. Mai
Kranken wieder etwas erholt hatten und mit Unterstützung sitzen
konnten. Sie blieben bis zu acht Wochen liegen.
Sy ring: Zur Behandlung der Schädelschösse im Felde. Tangen¬
tial- oder Rinnenschüsse werden sämtlich, und zwar sobald als mög¬
lich (im Feldlazarett) operativ angegriffen; Steck- und Durchschüsse
aber nur bei zunehmenden Druckerscheinungen, bei Depressionen, die
in den motorischen Regionen liegen, sowie bei jedem Hirnprolaps, also
in der Mehrzahl aller Fälle.
H. Chiari (Straßburg i. E.): Zur Pathogenese der Meningitis bei
Schußverletzungen des Gehirns. Vorgetragen in der Kriegsärztlichen
Vereinigung in Straßburg i. E. am 2. März 1915.
John Duken (München): Heber zwei Fälle von intrakranieller
Pneumatocele nach Schußverletznng. In dem einen Falle zeigte die
Röntgenaufnahme einige Knochensplitter hinter dem Sinus frontalis,
und zwei, mehr als fünfmarkstückgroße, offenbar durch Luftansammlung
erzeugte Schattenaussparungen. Diese Luft dürfte durch eine Fissur
von der hinteren Sinuswand in den Schädel hineingepreßt worden sein.
Es ist anzunehmen, daß durch den Knochensplitter Dura und Gehirn
verletzt worden seien. Bei starken Hustenstößen, beim Niesen oder
beim ungeschickten Nasenputzen (starkes Trompeten) wurde dann
wiederholt Luft ins Gehirn gepreßt, wodurch die Höhlen zustande kamen,
ln dem zweiten Falle führte eine Fissur bis in die Cellulae mastoideae.
Auch hier dürfte die Luft vom Processus mastoideus durch die Fissur
in der eben angegebenen Weise ins Gehirn hineingepreßt worden sein.
Boerner (Erfurt): Ein operatives Verfahren zur Verhütung des
Hirnprolapses nach Schädelschüssen. Da in den meisten Fällen die Schädel-
lüeke und der Defekt in der Dura die alleinige Ursache des Hirn¬
prolapses sind, so ist es notwendig, schon bei der Trepanation selbst
den drohenden Geliimprolaps, diese postoperätive Komplikation der
operativen Behandlung der Schädelschüsse, zu berücksichtigen. Man
muß also einen möglichst festen Verschluß des Sehädeldefekts schon
bei der Operation gerade dort, wo das Gehirn vordrängt, hersteilen,
ohne aber die Drainage der Wunde zu verhindern. Dazu dient der
vom Verfasser angegebene „Türflügelschuitt“, der ausführlich be¬
schrieben wird.
L. Roeinheld: Ueber homolaterale Hemiplegien nach Kopfver¬
letzungen. Beschrieben werden zwei Fälle von ungekreuzter, das
heißt der Seite